Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 29

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Nleununlzuanzgs=« =»aef.
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Die Hrauen in der amilie und der Socialismus.
Hof Ragaz, den A. Juli 1878.
Der Aufenthalt bei meinen Freunden in Bern war mir
sehr erquickend. Das alte Bern mit seinen alten, originellen,
aber sicherlich sehr ungesunden Laubengängen vor den Häusern,
mit seinem gewaltigen Dom, seinem unvergleichlichen Don
platz auf der Terrasse, und seinen Weitsichten in das Gebirge
erfreute mich wie vordem. Nun sitze ich wieder in diesem
friedlichen Hause, in den gewohnten sonnigen Stuben.
Es ist jettt gerade ein Jahr her, daß ich eben in diesem
friedlichen Hause und eben in diesen Zimmern die deutchen
Frauen gegen die ungerechten Angriffe und Anschuldigungen
einer Engländerin zu vertreten unternahm, und schon in
früheren Fällen habe ich bei verschiedenen Anlässen zu Ihnen
in meinen Briefen zu sprechen versucht, um Ihnen Mancherlei
an das Herz zu legen, das mir der Beherzigung werth
erschien. Dann wieder bin ich bemüht gewesen, manche För-
derung in der Erziehung und in den bürgerlichen Verhält-
nissen für uns zu begehren, und ich habe zu meiner Genug-
thuung mich fast immer einer mich ermuthigenden Zustim-
mung zu erfreuen gehabt.
So hat sich denn für mein Gefühl zwischen mir und
Ihnen ein feststehendes Verhältniß ausgebildet, eine der Ver-
bindungen, die uns antreiben, einander in guten und in bösen
Tagen zu nahen, und mit einander von demjenigen Erlebten
zu sprechen, das eben in dem betreffenden Augenblick den
Sinn beschäftigt.
Ich weiß nicht, ob es Ihnen so ergeht wie mir, ob Sie
in diesem Falle gleich mit mir empfinden? So oft ich im

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Leben innerhalb meines Bereiches ein Unheil habe geschehen
sehen, oder wenn mir nach meiner Meinung ein Unrecht wider-
fahren ist, habe ist immer das Bedürfniß gefühlt, mir zunächst
bie Frage vorzulegen: hätte ich dieses Unheil durch Vorsicht,
durch die richtige Voraussicht abwenden können? Oder: was
habe ich meinerseits verschuldet, daß mir dieses Unrecht ge-
schehen konnte? Ich habe dann, wenn es mir gelang, einen
Fehler in meinem Verhalten aufzufinden, eine doppelte Be-
ruhigung gefühlt. Denn unwerschuldet Unglück zu ertragen,
ist ja überall, wo man nicht Naturnothwendigkeiten, wie dem
Tode zum Beispiel gegenübersteht, noch härter, als sich einen
Fehler einzugestehen, den man in Zukunft vermeiden und
verbessern kann, während man. dabei die richtige und noth-
wendige Folge von Ursache und Wirkung, also etwas Ver-
nunft- und Gesetzmäßiges anzuerkennen hat, was immer eine
Art von Trost gewährt.
Wir Alle, das ganze deutsche Volk, ist in den lettten
Tagen durch Frevelthaten gegen unseren greisen Kaiser erschreckt
worden, welche wir innerhalb unseres Vaterlandes für un-
möglich gehalten hatten; und gleichviel ob man sie als ver-
einzelte Verbrechen einzelner entsittlichter Menschen oder als
die Folge unheilvoller Irrlehren betrachtet, diese Thaten sind
in unserem Volke erzeugt und geschehen. Es tritt also zunächst
mit der Frage: wie ist das möglich geworden? die andere
Frage an uns heran: was haben wir gethan oder unterlassen,
das solche Thaten möglich machen, das Irrlehren annehmbar
machen konnte, vor deren Folgen wir jetzt mit Empörung
und Erschrecken dastehen. Und was können wir thun, damit
es allmählich wieder besser in unserm Vaterlande werde?
Denn wo man einem großen Unglück, einem schweren Scha-
Aerrra ta r

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gehalten, bleibt dem Menschen, sofern der Schrecken ihn niehht
lähmt und ihm die unerläßliche Besinnung raubt, ja gar
nichts Anderes übrig, als Hand anzulegen, um das Zerstörte
aufzubauen, um von sich abzuwehren, was nicht allein dee
Untergang eines Einzelnen, sondern ein allgemeiner Untergang
sein würde, wenn er es Herr werden ließe über sich.
Ich habe es in meinen Briefen gegen Sie zum Deftern
und habe es in denselben auch den Männern ausgesvrochen,
daß nach meiner Meinung die Frauen vom Staate die gleichen
Bildungsmöglichkeiten, die gleiche freie gewerbliche Bethätigung
wie die Männer zu fordern, daß sie Rechte an den Staat
haben, dessen Mitglieder sie sind. Wo man aber Rechte gewährt
zu sehen verlangt, hat man auch Pflichten anzuerkennen und zu
erfüllen. Und wenn wir die Einen dargelegt haben, müssen
wir uns die Andern ebenso klar zu machen und ihnen zu ge-
nüügen suchen. Denn es ist gerade der Irrthum derer, deren
Lehren mit dem Wesen des Staates, mit der Allgemeinheit
nicht verträglich sind, daß sie den Besitz der Rechte weit
stärker als den Besitz der Pflichten anzuerkennen und zu be-
tonen gewohnt sind.
Daneben müssen wir uns vorhalten, daß der Staat die
Gesammtheit der Einzelnen umfaßt, und daß Nichts im Ganzen
gut sein kann, was im Einzelnen unvollkommen oder schlecht
ist. Der sittliche Werth eines Volkes hängt von dem sitt-
lichen Werthe seiner einzelnen Bürger, und ganz gewiß nicht
zum geringsten Theile von dem sittlichen Werth der Frauen,
von dem ernsten Sinn der Mütter, von der Tüchtigkeit der
Hausfrauen, von der Sinnesreinheit der Mädchen, mit einem
Worte, von dem Geiste ab, den die Frauen in der Familie
pflegen. Auf dem tüchtigen Geiste der einzelnen Familien
beruht die Tüchtigkeit der Gesammtheit. In der Familie
wird die Jugend erzogen oder sollte sie erzogen werden. Aus

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ihr werden die Jünglinge und Männer in das Leben und
an jene Gesammtarbeit der Einzelnen hinausgeschickt, aus
welcher sich, wie aus den kleinen unscheinbaren Stiftchen einer
Mosaik, das festbestimmte, in sich abgerundete Bild eines
wohlgeordneten Staatswesens zusammensetzen soll. Aus der
Familie trägt der Einzelne seine Gesittung in das Leben hin-
über; und je nachdem er in der Familie es gelernt hat, sich
den Geseten und Nothwendigkeiten der Familie unterzuordnen
und anzupassen, je nachdem er ein Beispiel verständigen Zu-
sammenhaltens, verständigen Befehlens und Gehorchens vor
Augen gehabt hat, je nachdem wird er sich in die ihm vor-
kommenden Verhältnisse einzufügen, wird er verständig zu
befehlen und zu gehorsamen verstehen. Ein Mädchen, das im
Vaterhause ein nützliches Mitglied gewesen, wird eine gute
Frau im Hause ihres Mannes sein. Ein Knabe, der ein ge-
horsamer Sohn, ein verträglicher Bruder, ein ordentlicher
Schüler gewesen, wird voraussichtlich auch ein guter Bürger
werden. Die Schule kann viel leisten und leistet in der That
auch für die Erziehung der männlichen Jugend das Mögliche,
namentlich wenn man berücksichtigt, wie überfüllt die Klassen
unserer Schulen meist zu sein pflegen. Aber ohne die unaus-
gesetzte Mitwirkung der häuslichen Erziehung vermag auch
die Schule ihre Aufgabe nicht zu erfüllen.
Das Alles ist oft genug gesagt, es sind alte im Grunde
von Niemand bestrittene Wahrheiten. Sie sind so feststehend
wie die Lehre, daß eins und eins zwei machen, und daß man
drei von zwei nicht abziehen kann. Jedermann weiß das,
jedes zehnjährige Kind würde lachen, wenn man ihm dieses
als eine neue besondere Lehre verkünden wollte; und doch
hätten es manche Erwachsene, manche Familien in den letzten
Jahren recht nöthig gehabt, an diese Grundlehren erinnert zu
werden und sich nach ihnen einzurichten. Indeß zwischen dem

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Erkennen einer Wahrheit und dem Thun und Handeln nach
dieser Erkenntniß ist oft ein großer Unterschied.
Dazu ergeht es den Völkern wie den Familien und wie
jedem Einzelnen. Sie sind geneigt, nach großen Anstrengungen,
nach großen Erfolgen, in müder Zufriedenheit, in gutem, wohl-
berechtigtem Glauben an sich selbst die Hände in den Schoß
zu legen, um in sorgloser Ruhe sich des Gethanen, des Er
worbenen zu erfreuen. Sie vergessen, daß es leichter ist, im
Drange begeisterter Leidenschaft einen Sieg zu erringen, als
sich dauernd auf der Höhe der Kraft, der Tüchtigkeit und der
Begeisterung zu erhalten, in welcher man die That vollbrachte.
Sie beherzigen in solchen Tagen nicht, daß geistiger Besitz,
geistiges Kapital, eben so wie jeder andere Besitz sorgfältig ge-
hütet, sorgfältig gepflegt und vermehrt werden müssen, wenn sie
sich nicht vermindern sollen, und daß selbst ein großer Besitz
und großes Vermögen durch Sorglosigkeit und Leichtsinn ver-.
loren werden, daß Völker wie Einzelne an Werth herunter-
kommen und zu Grunde gehen können.
Ihre Familie vor solchem Herunterkommen an Wohlstand
zu bewahren, sieht jeder einigermaßen verständige Vater, sieht
jede solche Hausfrau als ihre Pflicht an. Ihre Familie vor
geistigem Herunterkommen, vor Verwilderung zu bewahren,
Zucht, Gesittung, Gehorsam, Ordnung innerhalb derselben
aufrecht zu erhalten ist aber erst recht eine ernste Pflicht; und
wenn wir es jettt leider zum öfteren in den Zeitungen lesen
müssen, wie schon von Kindern aus dem Volke häufig schwere
Verbrechen begangen werden, wenn wir es eben jetzt erfahren
haben, daß man selbst Kinder der sogenannten gebildeten
Stände wegen unehrerbietiger Aeußerungen gegen das Ober-
haupt des Staates zur Rechenschaft zu ziehen hatte, so ist es
sicher geboten, daß wir darüber ernstlich mit uns selbst zu
Rathe gehen; daß wir darüber nachdenken, in wieweit das

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Leben innerhalb der Familien Schuld trägt an dem jett plötz-
lich an das Tageslicht tretenden, uns erschreckenden Unheil;
daß wir uns überlegen, was die Eltern gethan und unter-
lassen haben, solche Anmaßung und Zuchtlosigkeit in den Kin-
dern möglich zu machen? Was gethan und verabsäumt wor-
den ist, zwischen den mehr und weniger Besitzenden jene Kluft
sich aufthun zu lassen, in welcher das Nebelwollen und die
Abneigung der Unbemittelten gegen die Bemittelten wie ein
giftiges Unkraut aus dunkler, unermessener Tiefe emporge-
wachsen und zu einer bedenklichen Höhe aufgeschossen ist?
Solche Wucherpflanze kann man nicht mit einem Tritt ver-
tilgen, auch nicht mit einem Male ausroden, selbst mit ver-
einten Kräften nicht. Der Boden muß aufgerissen, umgepflügt,
den Wurzeln des Unkrauts muß beigekommen und reine, ge-
sunde, gute Frucht versprechende Saat muß eingestreut werden
in den gereinigten und erneuten Boden. Das ist nicht von
heute auf morgen zu leisten, das fordert Zeit, Hingebung und
stille geduldige Arbeit, welche nicht gleich auf der Oberfläche
sichtbar, die nicht verzeichnet wird mit goldenen Lettern in den
Tafeln der Geschichte, und die doch gethan werden muß, weil
schon unsere Selbsterhaltung sie erfordert.
Geschehenes kann man so wenig ungeschehen machen, als
man sich zurückverseten, sich zurückleben machen kann in Tage
und in Zustände, die eben vergangen sind und bleiben. Wir
haben mit den Bedingungen der jetzigen Zeit zu rechnen, unter
ihren Bedingungen das Nothwendige zu leisten. Wir müssen
uns fragen: sind wir innerhalb ihrer Grenzen auf dem rechten
Wege? Und scheint es uns, daß dies nicht der Fall ist, so
müssen wir es machen, wie jeder Wanderer, der von dent
richtigen Pfade abgekommen ist.
Wir müssen innehalten und uns umschauen. Wir müssen
uns fragen: wie kamen wir auf diesen Irrweg und wohin

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wollen wir gelangen? Wir müssen uns besinnen, wie es aa
dem Punkte aussah, von dem wir ausgegangen sind, uns
fragen: wie möchten wir es finden an jenem andern, den wir
zu erreichen wünschen?
Ich für mein Theil kann weit zurücksehen in die Ver
gangenheit. Von mehr als zwei Menschenaltern habe ich ein
deutliches Erinnern an persönliche und an allgemeine Zustände,
an das Familienleben und an die großen Ereignisse der Zeit.
Ich habe die Erinnerungen einer Hausfrau und zugleich die
einer Schriftstellerin, die seit fast vierzig Jahren, mit Guten
vereint, bei vielfachem Irren und unter wechselnden Ansichten
bemüht gewesen ist, das Gute, das Wahre und das Schsne
in ihrem Kreise und in dem Vaterlande fördern zu helfen,
so weit ihre Einsicht und ihr Können es ihr möglich machten.
Es war nicht Alles gut vordem. Vieles ist besser gewor-
den, als es war. Vieles war aber auch besser, als es jetzt ist.
Vielleicht gelingt es mir, mich mit Ihnen darüber zu verstän-
digen, was wir aus der Vergangenheit in die Zukunft hinüber
zu nehmen haben, wenn dieselbe bewahrt bleiben soll vor Er-
eignissen, wie wir sie jetzt erleben mußten, wenn wir das Lob
verdienen wollen: ,ein großes Volk und auch ein gutes Volk
zu sein.
Sie denken vielleicht: ,nun kommen die Lobpreisungen
der vergangenen Zeiten, welche die Alten uns immer aufzus
tischen pflegen''.
Sie irren jedoch, wenn sie glauben, daß ich die mannichs
fachen Fortschritte nicht gewahrte, welche in unserer Zeit gee
macht worden sind, daß ich die veränderten Lebensbedingungen
nicht würdigte, welche eben durch diese Fortschritte sich heraus-
gebildet haben, oder daß ich wähnte, man könne rückwärts leben.
Das Todte wird nicht lebendig, wie sehr wir's auch ersehnen,
und was man aus der Vergangenheit auch nachahmend wieder

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herzustellen versucht, es wird in der Gegenwart nicht wieder
dasjenige sein können, was es vordem gewesen ist.
Der Zustand der Menschheit ist in vielem Betrachte ein
anderer, ein besserer geworden als vor hundert Jahren. Die
Macht des Absolutismus ist gebrochen, die Sklaverei, die Leib-
eigenschaft, die Hörigkeit sind aufgehoben. Die Gleichheit
der Menschen vor dem Gesetz ist anerkannt, und in Folge
der außerordentlichen Erfindungen der neuen Zeit hat das
Wohlleben der Menschen sich durchwegs sehr bedeutend gehoben.
Dank diesen Erfindungen, Dank den Maßnahmen der
jetigen Regierungen können Pest und Huungersnoth die civili-
sirten Länder nicht mehr in dem Grade verwüsten, wie in
früheren Zeiten. Selbst der Krieg ist menschlicher geworden,
trotz der furchtbarer gewordenen Zerstörungsmittel; und das
Gemeingefühl der gesitteten Menschen ist dem Kriege zwischen
den Kulturvölkern entschieden abgeneigt. Dem Taglöhner, der
jett fern von seiner Wohnung in den großen Städten seiner
Arbeit nachgeht, erspart die Eisenbahn die Mühe des Weges.
Der Handwerkobursche legt seine Wanderschaft zum großen
Theile auf ihren Schienen zurück. Er ist besser daran als
dereinst sein Großvater, der mit wundgelaufenen Füßen die
langen Meilen zu durchmessen hatte. Er ist nicht wie Jener
an die Scholle gebunden, er ist besser unterrichtet als Jener es
gewesen. Was er erlernt in der Schule wie in der Werkstatt,
erlernt er in gesunderen Räumen, in erleichternder Weise.
In seinem ärmlichen Vaterhause, in der Hütte des Land-
mannes, die ihm bei seinen Wanderungen gelegentlich ein
bdach bietet, leuchtet ihm ßgst immer der Petroleumlampe
heller Schein, statt des früheren Kienspans, oder statt der
elenden Unschlittkerze, bei deren matten Lichte wir, selbst in
rR. Da

= ZZg. -
zu machen hatten. Vieles, was früher als ein seltener Genuß
erschien, ist den Menschen zum täglichen Bedürfniß geworden.
Neberkommt ihn Krankheit, so findet der Unbemittelte jettt in
den Krankenhäusern eine ganz andere Pflege als vordem, denn
sie sind mit einer Sorgfalt eingerichtet, von welcher die Vor-
zeit keine Ahnung hatte. Eine Menge schwerer, kraftverzehrender
Arbeit nimmt dem Arbeiter die Maschine ab; und was die
Forschungen der Gelehrten, die Fortschritte in den Wissen
schaften und die auf denselben beruhenden Entdeckungen und
Erfindungen in den letzten hundert, den letzten fünfzig Jahren
für die Menschheit geleistet haben, das hat selbst Papst Leo KÜ.
als Bischof von Perugia in seinen geistreichen Hirtenbgiefen,
wie ich Ihnen mitgetheilt, mit poetischem Schwunge gepriesen.
Er bezeichnet es geradezu als etwas Göttliches, daß der Mensch
dem Dampf gebietet, ihm seine Flügel zu leihen; daß er den
Blitz zwingt, sein Bote zu werden von einem Welttheil zu dem
andern; daß er es Licht werden läßt in der nächtigen Dunkel-
heit der Häuser, der Städte, der Heerstraßen. Aber - zufrie-
dener sind die Menschen nicht dadurch geworden. Im Gegentheil!
Zum Theil gerade durch die hülfreichen Erfindungen,
welche jetzt dem Unbemittelten zur Gewohnheit gemacht haben,
was früher dem Reichsten und Mächtigsten nicht erreichbar
war, ist der Sinn der Menschen unruhig geworden, und nur
in den seltensten Fällen arbeitet die Erziehung diesem ge-
fährlichen Hange entgegen. Schnell wie der Dampfwagen die
Menschen von einer Station zu der anderen führt, fliegen sie
von Wunsch zu Wunsch, von Begehren zu Begehren, ohne in
nachdenkender Rast des Erreichten froh zu werden. Und selbst
zugegeben, daß in diesem rastlos vorwärtsstrebenden Begehren
sich eine Kraft ausspricht, so fragt es sich doch, welche Ziele
diese Kraft sich steckt und mit welchen Mitteln sie dieselben zu
erreichen trachtet.

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Eben in dem verschiedenen Ziele aber, das sie im Auge
hatten und haben, liegt der Unterschied zwischen der Ver-
gangenheit und unserer Zeit, und darin war sie der Gegenwart
sittlich überlegen, denn ihr Ziel war ein würdigeres. Sie
war idealistisch und glaubensvoll. Ich brauche absichtlich das
Wort glaubensvoll, nicht gläubig. Unsere Zeit ist materia-
listisch und glaubenslos, allein auf das forschende Erkennen,
auf den raschen, sinnlichen Genuß gerichtet. Die Hinwendung
zur Forschung ist eine folgerichtige Entwickelung des früheren
Glaubens, und es ist Großes durch sie geleistet worden. Indeß
welchen Einfluß die kritisch forschende Richtung unserer Zeit,
die Alles und Jedes, auch die Empfindung, dem prüfenden
Urtheil des Verstandes unterwerfen muß, die nicht anerkennen
kann, was nicht zu wägen, zu messen, zu begreifen ist, welchen
Einfluß der Materialismus auf die Erziehung der Jugend,
auf den Zusammmenhang der Menschen hat, die unter ver-
schiedenen Bedingungen neben- und miteinander zu leben haben,
und wie weit diese zersetzende Kritik dem Bedürfniß all jener
Hunderttausende von Menschen begegnet, deren Natur und
Neigung sie zum Glauben, zu einem Jdealen hinzieht, das ist
gewiß der ernsten Erwägung werth.
Das Erziehen des einzelnen Menschen wie die Erziehung
der Menschen im Allgemeinen ist eine Kunst, die ein erken-
nendes Sondern, d. h. ein genaues Individualisiren fordert.
Man darf nicht jedem Alter, nicht jeder Natur das Gleiche
bieten, wenn man ihnen gerecht und fördersam werden will.
Man darf dem Kinde, dem Unwissenden, den Sprengstoff
nicht in die Hand geben, mit welchem man den Erfahrenen,
den Unterrichteten experimentiren läßt. Es leben Millionen
von Menschen auf der Erde und unter uns, denen nach
der Natur ihres geistigen Auges nicht wohl werden kann in
dem scharfen Lichte, in welchem der sorschende Denker sich be-
F. Le wald, Reisebriefe.

==- 8 -
hagt, in der schrankenlosen Unendlichkeit, in welcher er, ohne
sich haltlos zu fühlen, sich bescheidet zu leben, zu vergehen,
sich aufzulösen in das All, dessen Unendlichkeit er zu denke
vermag und das ihm deshalb nie Eutsetzen einflößt. ,äines
schickt sich nicht für Alle!'k und ohne idealistisches Glauben
kann und darf man die Jugend nicht erziehen. Kein Gärtner
setzt den Steckling dem scharfen Sonnenlichte aus.
Man hat uns Deutsche lange Zeiten hindurch Idealisten
genannt, hat den Ausdruck gelegentlich wie eine Art von Spott
gegen uns gebraucht, und wie weiland die Geusen haben wir,
wir wußten wohl weshalb, diesen Namen als Ehrennamen auf
uns genommen. Ein Jdealist, welcher die Erreichung eines
sittlichen Jdeals innerhalb der Wirklichkeit für möglich hält
und anstrebt, ist kein Phantast. Er ist auch kein Träuuummer,
sofern er damit beginnt, die Verwirklichung seines Ideals zu-
nächst in strenger Selbsterziehung und sich bescheidender Selbst-
verleugnung gegenüber dem Allgemeinen zu versuchen. Phan-
tasten und Träumer sind weit eher jene Materialisten, welche
von einer durch keine sittlichidealen Gedanken in strenger
Gesetzlichkeit zusammengehaltenen Gesellschaft die Befriedigung
ihrer persönlichen Wünsche erhoffen, und aus einer Allgemein-
heit, in welcher Jeder sich selbst der höchste Zweck ist, das
Wohlbefinden jedes Einzelnen gefördert zu finden erwarten.
Jdealisten, die von sich abzusehen, sich einem Allgemeinen in
freiwilliger, gesetzlicher Dienstbarkeit unterzuordnen vermögen,
sind zufrieden zu stellen. Materialisten können niemals zufrie-
den sein, weil ihre Ansprüche sich unablässig erneuern und
steigern müssen, so lange die Kraft eines weiteren Begehrens
ihnen innewohnt. Genießen wollen die Einen wie die Andern
-- nur daß das Was und das Wie sehr verschieden in ihrer
Wirkung auf sie selbst und Andere sind.
Unsere Eltern waren zum weitaus größten Theile Jdealisten

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und zugleich gottgläubig. Sie erzogen uns deshalb, bewußt
und unbewußt, zum Jdealismus und zum Glauben, selbst in
den Fällen, in welchen nicht von einem Glauben an die
Dogmen des Christenthums oder einer anderen geoffenbarten
Religion die Rede sein konnte, und das war ein großer Segen.
Denn das Kind und der Mensch im Allgemeinen haben feste,
bestimmte, haben personifizirte Vorstellungen nöthig, so lange
und überall, wo das Gefühl und die Phantasie in ihnen
mächtiger sind als der Verstand.
Wie die Menschheit in ihrer fortschreitenden Entwickelung
das Bild des einzelnen Menschenlebens vor uns aufstellt, so
wiederholt sich in der Entwickelung und wachsenden Erkennt-
niß jedes einzelnen Menschen der Gang, den die Menschheit
gegangen ist; nur daß der Einzelne für sich in unserer Zeit
in kurzen Jahren den Weg- durchmißt, den zurückzulegen die
Menschheit lange Jahrhunderte gebrauchte. Und da überall
eine der ersten Fragen aller Menschenkinder, sobald sie zu den-
ken beginnen, auf den Ursprung der Dinge gerichtet ist, so
wurde dieselbe von unseren Eltern mit dem Hinweis auf
einen Schöpfer des Himmels und der Erde, auf den persön-
lichen Gott, beantwortet. Damit wurde dem Kinde der Glaube
an ein höheres Wesen in die Brust gesenkt, der Glaube an
ein Wesen, das größer, mächtiger, vollkommener war, als das
Kind; an ein Wesen, das selbst über die Eltern Gewalt hatte,
wie diese über das Kind; an ein Wesen, zu dem man, der
Erhörung sicher, beten konnte für Alle, die man liebte, wie
für sich selbst, sofern man es mit reinem Herzen that. Frage
ich aber heute meine Erinnerungen, die ich keine Pietistin oder
gläubige Frau geworden bin, so war das ein sehr beglücken-
des, unser Dasein heiligendes Gefühl. Es ist auch eine außer-
rr:
B

-=- Zßss --
in sich selber - und wie viele sogenannte fertige Frauen und
Männer haben dies Beruhen in sich? - an einen Gott zu
denken, der in das Verborgenste des Herzens sieht, der nicht
nur die That, sondern auch den Gedanken kennt und richtet,
der in der Stimme des Gewissens zu dem Menschen spricht,
der, wenn auch erst in der fernsten Zeit, am Ende der Tage
lohnt und straft. Der Glaube an einen persönlichen Gott,
ich stehe nicht an, dies auszusprechen, ist für denjenigen,
der ihn in sich lebendig fühlt, ein großes Glück. Denn wie
einst Schiller um die entthronten Götter Griechenlands geklagt
hat, hat sicherlich mancher der unter uns Lebenden in banger
Stunde gepreßten Herzens und mit Sehnsucht der Zeit gedacht,
in welcher er noch gläubig sein Auge zum Himmel aufhob,
und hat es in seiner Schwäche bedauert, daß er nicht mehr
vermochte es zu thun, daß ihm die Welt, in der er lebt, nicht
mehr als Gottes Werk erschien, daß er allein auf sich und seine'
ihm versagende Kraft und Selbsthülfe gewiesen war. Man
kann nicht wieder glauben lernen, wenn man aufgehört hat,
es zu thun; der in sich beruhende kraftvolle Mensch wird auch
nicht danach verlangen. Aber auch nur dieser nicht! und es
ist in meinen Augen in der That ein Frevel, dem Menschen
zu rauben, was ihm dienet, ihn stütt; und was wir
ihm nicht wiedergeben können, wenn ihn doch einmal danach
verlangt.
Wir Kinder aber wurden zu unserer Zeit recht eigentlich,
um Schiller's Ausdruck zu gebrauchen: ,erzogen in der Furcht
des Herrn!! und, ich wiederhole es, das war ein Segen und
ein Glück, für welche der Hinweis auf den Urbrei und auf
die Monade und die Zelle dem Herzen und der Phantasie
des Kindes, der Natur von Tausenden von Menschen nicht
den entferntesten Ersatz zu bieten vermögen. Wer das ver-
kennt, der kennt die Natur des Kindes nicht; der hat auch

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bie Natur des Menschen nicht unparteiisch und nicht vielseitig
genug betrachtet.
Trat dann im Verlauf der Tage an gar Viele der Zweifel
unabweislich heran, zerstörte er mit unwiderstehlicher Kraft den
Glauben, der sie bis dahin beglückt, so war doch die Sehnsucht
nach etwas Höherem als dem bloßen äußern Genuß in den
Seelen erweckt worden, und sie blieb lebendig in denselben.
Man hatte das Glück des liebenden Verehrens kennen lernen.
Man hatte in den meisten Fällen das Bild eines göttlichen,
eines Jdeal-Menschen in sich aufgenommen. Man hatte in
der Gestalt des Heilandes, der sein Leben hingegeben für
seine Neberzeugung, für die Erlösung der Menschheit aus den
Banden des Heidenthums, ein erhabenes Vorbild gewonnen.
Mit einem Worte, man hatte die großen Gedanken des
Christenthums verkünden hören, man war zu einem Idealen
hingeleitet worden, und dies eben ist die Hauptsache in der
Erziehung des Menschen, das Hauptmittel zur Erhebung des
Einzelnen aus der ihn verwildernden Selbstsucht; und eben
dadurch auch das Mittel zu der jede Glückesmöglichkeit be-
dingenden Versittlichung der Menschheit überhaupt.
Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen dem idealistischen
Gebot: liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!- und jenen
Geseten, die wir in der Natur sich bethätigen sehen. In
dem Kampf um das Dasein ist keine Liebe, keine versittlichende
Kraft verborgen. Die Annahme, daß man mit dem Unter-
richt in den Naturwissenschaften den Menschen, oder sagen
wir zunächst das Kind und die Jugend, zu jenem selbstlosen
Adel der Gesinnung heranbilden könne, den die Grundsätze
der christlichen Morallehre und die großen Beispiele von
Vaterlandsliebe, von persönlicher Aufopferung, denen man in
LTRaU=== =-

-- Z( -
Voltaire hat es ausgesprochen, daß man zum Heil de
Menschheit einen Gott erfinden müsse, wenn es keinen gäbe.
Börne ist der Ansicht, daß es dem Menschen heilsam se,
wenn er, wie ich es vorhin angedeutet habe, in sich den
ganzen Weg zurücklegt, auf welchem die Menschheit vom
Glauben zum Forschen, zum annähernden Erkennen fortge-
schritten ist; und ein gelehrter Engländer, der Director dee
Geological Society, antwortete mir einmal auf meine Frage,
wie er es vermöge, bei seinem Wissen von den Dingen den
Namen Gottes fortdauernd als Urquell der Dinge zu gs-
brauchen, wie ich schon erwähnt zu haben glaube: ,All unser
Wissen ist ein tastendes Suchen. Wohin wir kommen, wie weit
wir vordringen, immer stoßen wir auf ein letztes Geheigniß,
auf eine letzte unerkennbare Ursache und Kraft, und diese letzte
Ursache, die nenne ich Gott !?
Gewiß, wir dürfen der Jugend, deren Erziehung uns
anwertraut ist, die Stütze nicht entziehen, deren Kraft und
Segen wir an uns erprobt haben. Wir sollen ihr auch die
Mühe des eigenen Suchens und Erkennens, die Geistesarbeit
nicht ersparen, die wir auf dem Wege vom Glauben zum
erkennenwollenden Denken, zum annehmenden Wissen für uns
fruchtbringend gefunden haben. Das Glauben und das
Prüfen sind beide die Bedingnisse gewisser Naturanlagen, und
alle Erziehung, aller Unterricht haben, wie mich dünkt, zunächst
die Aufgabe, jedem Menschen die Mittel in die Hand zu
geben, mit denen gerade er sich im Leben innerhalb seiner
Naturbestimmtheit selber fortzuhelfen und zurechtzuseten fähig ist
Die Erziehung kann, nach meiner sesten Neberzeugungs
für ein Volk nichts Besseres thun, als des Volkes Zugend in
gottgläubigem Jdealismus, in der Moral des Christenthums
zu erziehen. Was der reife Mensch dann aus sich macht,
das hat er selber zu vertreten. Jedenfalls wird es ihm