Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 30

-=- Zßh -=
frommen, wenn er an das Leben so idealistisch herantritt,
wie wir in unserer Zeit: beseelt von einer bisweilen vielleicht
überspannten Sehnsucht nach einer Befriedigung des Herzens
und des Geistes, die für uns nicht an äußeren Besitz ge-
bunden war, und so bescheiden in unseren Ansprüchen an
biesen äußeren Besitz, daß kein Mehrbesiz der Anderen
unseren Neid erregen konnte. Wir waren stolz darauf, be-
bürfnißlos zu sein. Frühzeitig hatte man es uns als ersten
Grundsatz hingestellt, daß nur derjenige wahrhaft frei sei, der
sich selbst beherrsche und nicht abhängig sei von zufälligem
Besitz. Immer und immer wieder hörten wir es sagen, wer
nicht im Leinwandrock und am weißen hölzernen Tische eben
so groß denken, eben so zufrieden,sein kann als auf
Teppichen und in Brokat, der ist eine niedrige Natur.
Darin lag eine Art von Nebertreibung, und doch hob es
uns und war groß und schön. Die ganze Erziehung war
ernst und streng. Ist sie das noch heute? Fragen Sie sich
einmal ernsthaft dies selbst!
Dreißiger Gries.
Kn die deutschen Krauen.
BergischGladbach, August 178.
Eine ganze Reihe von Tagen liegt zwischen meinem
vorigen und diesem Brief. Ich habe Ragaz verlassen, ein paar
Tage in dem schönen, romantischen Inselhotel am See in
Constanz verweilt, die neue Schwarzwaldbahn kennen lernen,
und mich nach dreizehn Monate währender Entfernung wieder
auf deutschem Grund und Boden zu Hause gefühlt. In
Heidelberg bin ich wieder gewesen, habe römische Bekannte,

= ZF -
die Familie des Baron Berus in dem alten und schönen Stif
Neuburg besucht, das um seiner GoetheErinnerungen willen
an sich eine Reise verlohnte; habe Köln in seinem blühenden
Wachsthum angestaunt, und bin dann hierher gegangen in
das stattliche Haus einer Freundin, um mit ihr liebe römische
Erinnerungen zu genießen. Aber zunächst nehme ich doch den
Briefwechsel mit Ihnen wieder auf, weil die Sache, die wir
durchsprochen haben, mir sehr am Herzen liegt.
Ich hoffe fest, weil ich es wünsche, daß Sie mit mir
einverstanden sind über den religiösen und idealistischen Anhalt,
welchen wir der uns anvertrauten Jugend zu bieten verpflichtet
sind, und ich rechne zu dieser Jugend nicht allein die Kinder
des Hauses, sondern, sofern sie in unsern Häusern leben, auch
die jungen Männer und Frauenzimnner, die wir als Dienende
neben uns haben. Dazu ist es aber nöthig, daß wir uns
einmal in unsern Häusern und Familien, in denen der Be-
mittelten wie der Unbemittelten, umsehen. Und da ich dies
thue und Ihnen schildern möchte, wie es vielfach unter uns
aussieht und wie es früher war, fällt mir ein, daß ich das
Erstere sehr wohl mit dem Ausspruch eines deutschen Schweizers
thun kann, der, ohne dabei an uns zu denken, das Wesen
unserer Zeit im Allgemeinen charakterisirt.
Karl Hilty, er ist Professor an der Universität in Bern,
sagt in der Einleitung zu seinen ganz neuerdings erschienenen
geistreichen ,Vorlesungen über die Geschichte der Helvetik'
,Der Verkehr unter den Menschen ist vielfach gänzlich fiktiv;
ein großer Theil dessen, was unter ihnen gesprochen wird, ist
nicht eigentlich im Ernst gesprochen, ja, bei Vielen besteht das
ganze Leben in solchem gewohnheitsmäßigen Reden ohne Ernst
und Konsequenz eines Handelns danach. Beinahe alle mensch-
lichen Verhältnisse sind unstet und zum Theil falsch geworden.
Täglich wechselnde Diener, eher Feinde im Hause statt Freunde

==- Z9Z -
und Gehülfen. Innerlich unfeste Ehen; in Gasthöfen und auf
beständiger Wanderschaft lebende ganze Familien, ein eigent-
liches modernes Nomadenthum. Große Klassen sogenannter
Gebildeter, die blos beschäftigt sind, zu verzehren, was Andere
vor ihnen sammelten, und die sogar darin des Lebens Werth
und eine höhere gesellschaftliche Stufe erblicken. Andere
Klassen dicht daneben, denen es nicht gelingen will, mit aller
Anstrengung des Geistes und des Körpers sich ein menschen-
würdiges Dasein zu gründen. Reisende Kinder, die eigentlich
kein Elternhaus, keine Heimat und keinen Lebenszweck mehr
kennen, oder solche, die in Fabriken aufwachsen und von früher
Jugend an ihren eigenen Eltern Kostgelder bezahlen. Es muß
aus dieser Zersplitterung der menschlichen Verhältnisse aber-
mals, wie vor 100 Jahren, eine neuere bessere Weltordnung
aufgehen, in welcher der Mensch sich in Verbindung mit dem
Menschen fühlt, in der er in natürlichen Kreisen und unter
natürlichen Vorgesetzten lebt, die er liebt und denen er von
Herzen Verehrung zollt. Denn einen festen Kreis um sich zu
haben, den man liebt und von dem man sich geliebt fühlt,
das ist ein ursprüngliches, durch nichts Anderes zu ersetzendes
Verlangen der Menschennatur. Freilich müssen dazu die Lügen
in erster Linie fort aus der Welt. Aber dann müssen auch
die Wahrheiten sich wieder konstituiren. Die Reformation im
1S. und die französische Revolution des 1. Jahrhunderts
stellten sich beide Ziele, aber sie haben bloß das erste, die Zer-
störung der Lüge, zum Theil erreicht, nicht aber die Herstellung
der Wahrheit. Die Aufgabe, einen echt menschenwürdigen und
deshalb allgemein anerkannten und gegliederten Staat und
gleichzeitig eine geistesfrische Religion auf den Trümmern
vieles unwiderbringlich Vergangenen wieder aufzubauen, ist
Drrtr

==- Wßg -=-
Revolution haben die Völker frei gemacht. Die Neberzeugung
aber haben sie ihnen fortan unauslöschlich eingeprägt, daß sie
zur Freiheit berufen sind.
So weit Karl Hilty, Er bezeichnet in seinem ernsthaften,
zuversichtlichen, auf die Möglichkeit besserer Zustände ver-
trauenden Jdealismus das Grundübel unserer Zeit klar genug.
Obschon sein Werk nur einen kurzen Abschnitt aus der Ge-
schichte seines Vaterlandes behandelt, trifft er, weil er ein um-
fassender Geist ist, in der Darstellung des Allgemeinen immer
zugleich das Besondere. Auch wir dürfen es uns durchaus
nicht leugnen, auch bei uns ist es gar Vielen kein rechter Ernst
mit einer verständig in sich zusammenhängenden, auf ein
würdiges Ziel gerichteten Lebensführung, welche, indem sie sich
selber fördert, zugleich an die Förderung jener Anderen denkt,
für die wir mittelbar und unmittelbar zu sorgen und einzu-
stehen haben.
Im Großen und Ganzen meinen die Menschen und meinen
die Frauen im Besonderen es gut. Sie sind weit entfernt
von der nackten Selbstsucht, in welcher unsere Vorfahren das
harte Sprichwort: ,Jeder für sich und Gott für uns Allerr
erfanden. Sie denken auch nicht wie die leichtsinnige franzö-
sische Gesellschaft des vorigen Jahrhunderts: ,Nach uns die
Sündfluth!?! Im Gegentheil! Sie wollen das Gute, vieles
Gute, aber sie möchten gern, daß sich das Gute und das Ver-
nünftige beiläufig, so leicht und so beguem ausführen ließe
wie eine Stickerei, die man zur Hand nimmt, weglegt, gelegent-
lich, wenn man gerade sonst Nichts vorhat, wieder einmal zur
Hand nimmt und bei der dann zulett doch etwas ganz Er-
freuliches zu Stande kommt, woran wir selbst und Andere ein
Vergnügen haben. Eine verständige Lebensführung ist aber
nicht Etwas, was sich gelegentlich abmachen läßt. Sie ist Etwas
fest Zusammenhängendes. Sie ist nur möglich, wenn man es

=- ZH -=-
keinen Augenblick vergißt, was man zu leisten beabsichtigt. In
den Zeiten des letzten Krieges, wie in allen ernsten und schweren
Augenblicken, haben die Frauen es meistens auch bewiesen, daß
sie etwas Folgerechtes, Tüchtiges zu leisten, daß sie großer
Anstrengungen, daß sie große Opfer zu bringen fähig sind.
Weil sie aber bei ihrer Erziehung nur selten zu einem an-
dauernden, streng zusammenhängenden Arbeiten und Thun
angehalten werden, zeigt sich dann später auch in ihrer die
Lebensführung der Familie bestimmenden Art und Weise eben
der Mangel eines ernsten zusammenhängenden Wollens und
Handelns, und zwar nach meiner Erfahrung nirgend schlimmer
als in den rasch zu Reichthum emporgekommenen Familien
und unter deren Frauen.
Ich wage es nicht, an den übertriebenen Kleiderluxus zu
erinnern, der die kostbarsten Stoffe durch den Staub und
Schmut der Straßen schleppt. Ich weiß, die Freiheit, dies
zu thun, gehört zu den Menschenrechten dieser Art von Frauen,
daran darf man nicht rühren. Ich habe mich aber des Ge-
dankens niemals entschlagen können, daß die mannigfache
prahlerische, den Geldwerth der Sachen ganz geflissentlich nicht
mehr beachtende Schaustellung des Reichthums, welcher man
in diesen Kreisen wohl begegnet, daß deren Lust, es Jedem in
jedem Augenblicke darzuthun, ,ich bin reich und kann Geld
ausgeben so viel und wofür ich eben will'', viele weniger Be-
mittelte verletzen mußte. Und ich bin gewiß, daß dieses Ge-
bahren der Reichen sehr wesentlich dazu beigetragen hat, die
Aermeren mit ihrem Lose unzufriedener zu machen, als sie es
ohne jenes prunkende Schaustellen des Besitzes gewesen sein
würden; daß diese öde Prahlerei eben die bittere Mißgunst,
1, recht eigentlich den nicht genug zu beklagenden Klassenhaß
erzeugt haben, den wir jetzt plözlich mit Erschrecken wahr-

=- Zß --
nehmen, obschon er nicht seit gestern entstanden, sondern all
mählich großgezogen worden ist.
Es liegt in der That etwas Empörendes darin, Summen
völlig sinnlos vergeudet zu sehen, von denen ein sehr kleiner
Theil ausreichen würde, das Wohlbefinden mancher fleißigen
und sparsamen Familie für die Dauer begründen zu helfen.
Es nüützt nicht, sich zu sagen, daß der Luxus vielen Arbeitern
und Gewerbetreibenden Beschäftigung giebt. Das mag von
jenem edleren Luxus gelten, der die schöne Gewerbthätigkeit,
die Kunstindustrie befördert. Aber wem nützt es zum Beispiel,
als dem einen verbotenen Handel treibenden Billetverkäufer,
wenn man zehn, zwanzig Thaler und mehr, auf die Eitelkeit
verwendet, dem ersten Auftreten einer berühmten Sängerin,
der ersten Aufführung einer Oper beizuwohnen, die bei dem
ersten Male nichts Anderes und nicht besser als bei dem zweiten
Male sind, während das der Eitelkeit geopferte Geld eine
kleine, arme Familie mit Feuerung für Monate versehen
könnte? Welchen Einfluß diese Art des Luxus aber auf die
Erziehung der Kinder, auf das Verhalten aller der dem Hause
Dienenden hat und haben muß, davon spreche ich heute
noch nicht.
Eigentlicher böser Wille, ich wiederhole es, war und ist
diese auf den Augenblick gestellte Genußsucht, die kaum eine
nachhaltige Befriedigung hinterläßt, nur in den seltensten
Fällen, obschon es auch vorkommt, daß man denkt: ,Ich will
den Andern zeigen, was sie nicht können und was ich mit
meinem Gelde kann !' Es sind meisiens Unbildung und Ge-
dankenlosigkeit, die also prunken. Welche Mißgriffe, welche
thörichte Dinge dadurch aber unternommen werden, wie man
mit möglichst größtem Aufwande gerade das Gegentheil von
demjenigen thut, was die Natur der Sache fordern würde,
das würde zu betrachten oft belustigend sein, wenn's nicht so

-=- Zß? -
verkehrt wäre, daß es verständigen Menschen mitunter leid
thun kann.
Denken Sie einmal, um mit dem Anfange zu beginnen,
in welcher Weise in den reichen sogenannten gebildeten
Ständen das Leben einer neu zu gründenden Familie gegen-
wärtig eingeleitet zu werden pflegt.
Meta's Eltern z. B. sind reiche Leute, Rudolf ist das
auch, oder er hat ein Amt, ein Gewerbe, eine Stellung, die
ihm Ansehen geben, ihm verhältnisßmäßige Lebensfreiheit ge-
statten, und die Beiden lieben einander und ersehnen ihre
Verbindung, ihr gemeinsames Glück im eigenen Hause, in
ungestörtem Beisammensein am eigenen Herd. Handwerker,
Modehändler, Kleider- und Luxusmagazine werden in Thätig-
keit gesetzt. Man kauft Ühren, Vasen, vielleicht auch Bilder,
aber Bücher nur selten und noch seltener in großer Anzahl,
für den neuen Haushalt. Man dringt darauf, daß Alles,
aber auch Alles zum bestimmten Termine fertig sei. Der
Hochzeitstag wird- was mir von meiner frühesten Jugend
an immer als etwas recht Ungehöriges vorgekommen ist --
nicht in der Stille des Familienkreises, sondern mit möglichst
viel zerstreuender Unruhe, mit möglichst vielem Essen und
Trinken gefeiert. Man hätte die Angehörigen des Hauses,
aus dem die Tochter austritt, die Freunde des Kreises, in den
sie eintritt, eben so gut und schicklicher acht Tage vorher zu
einem glänzenden Feste versammeln und den ernstesten Schritt
des menschlichen Lebens mit der innerlichen Sammlung und
Feierlichkeit begehen können, welche in der Trauungsstunde
auch das Herz des oberflächlichsten Menschen bewegen. Man
hat jedoch das übliche lärmende Hochzeitsfest gefeiert, das
neue Haus mit all seinen Herrlichkeiten steht bereit und offen
da, Meta und Rudolf können es kaum erwarten, sich selber
überlassen, mit einander allein zu sein -- und sie steigen mit

=- ZZ -
zwei oder mit fünf andern, ihnen völlig fremden, nicht immnee
angenehmen Leuten in einen Eisenbahnwagen, fahren stunden
lang, landen in irgend einem Gasthof, und das Glück des er
sehnten ungestörten Beisammenseins, das Zusammenleben, das
sich ineinander Einleben des jungen Paares beginnt nicht i
der häuslichen Stille, nicht am eigenen Herde mit der liebevol
vorsorgenden Geschäftigkeit der jungen Hausfrau für den
neuen Hausherrn, sondern mit einem möglichst raschen Durch
jagen weiter Strecken Landes.
Die Amerikaner, denen man gesunde Vernunft nicht
absprechen kann, geißeln und verspotten auch bereits seit
einiger Zeit diese entstellte Nachahmung einer an und für sich
berechtigten Sitte. Die Hochzeitsreisen waren ein Bcauch in
den reichen grundbesitzenden Kreisen des am Hofe und in der
großen Welt lebenden französischen und englischen Adels, aus
dessen Mitte ein neu verbundenes Paar sich in die alten
Familiensitte zurückzog, um die ersten Wochen der Ehe sich
selber ganz allein zu leben. Das war begreiflich und war
schön. Was geschieht indessen gegenwärtig? Das junge Par
ist heute hier und morgen dort; und fast überall, wo die
Beiden sind, sind sie in ihrer neu erregten, gar nicht zu ver-
bergenden Zärtlichkeit der Gegenstand des Spottes für die
Kellner, des Lächelns für die meisten andern Reisenden. So
reine, gesunde, natürliche Freude und Verhältnisse, wie man
sie am eigenen Herde haben würde, kommen dabei natürlich
nicht heraus. Die neuen Lebensverhältnisse, das Reisen und
wieder Reisen, das Galerieenbesehen und Bergeerklettern
machen Meta müde, machen sie nervös. Rudolf, der sie von
Herzen liebt, denkt mit Sorge, aber nicht mit Vergnügen, daß
sie doch lange nicht so kräftig sei, als er geglaubt und als er
sich die Frau gewünscht hat. Er sorgt für sie, bedient, be-
hütet sie mit völliger Selbstverleugnung; sie findet das sehr

=- Zßß -
angenehm. Sie hat Nichts zu leisten. Sie nimmt das Be-
dientwerden, das Behütetwerden in das Register ihrer Rechte
auf, und er hat Nichts dagegen, denn sie ist so niedlich. Er
hatte freilich die Vorstellung gehegt, daß die Ehe auf die Ge-
genseitigkeit der Leistungen gegründet sei, indeß er sagt sich,
zu Hause werde sich das finden. Er denkt wie Mephisto:
Ich will mich hier zu jedem Dienst verbinden,
Auf Deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;
Wenn wir uns drüben wieder finden,
So sollst Du mir das Gleiche thun.
Vier, sechs, acht Wochen gehen vergnüglich hin. Jeder
Tag bringt von außen so viel neue Anregungen an das
junge Paar heran, daß man sie kaum zu bewältigen vermag
Endlich witd der Rückweg angetreten und man kommt nach
Hause - froh zu Hause zu sein! Man hätte dieses Gefühl
eher, billiger und zufriedenstellender genießen können; denn
nach der langen, müßigen Reiselust will. die Arbeit nicht
gleich schmecken. Rudolf muß ins Comptoir, auf die Parade,
in die Praxis. Er hat viel versäumt, viel nachzuholen,
Manches mühsam ungeschehen zu machen. Er hat seinen
Kopf voll, hat nicht so viel Zeit für seine Frau als auf der
Reise. Sie kann sich's nicht wegleugnen, der Bräutigam, der
junge Gatte in den Flitterwochen waren heiterer, und sie
wird mit Erstaunen inne, daß es wirklich Flitterwochen giebt
und daß sie einmal enden. Man hat sich mit der Hochzeits-
reise, die viel Geld gekostet, eine ermüdende Zerstreuung --
und den Anlaß zu der ersten Enttäuschung eingekauft. Indeß
das Leben ist heiter und ist schön. Die Equipage rollt auf
den Gummireifen sröhlich durch den Park, Gesellschaften,
Theater füllen die Abende aus, man stellt bei den ersten
großen Festen, die man giebt, die neue, prächtige Einrichtung
zur Schau. Man fühlt sich glücklich, beneidenswerth. Man

= ßß -=
wird beneidet, und das geht so fort, ohne daß man irgend
zu einer ernsten Besinnung kommt, ohne daß man an etwas
Anderes als sich selber denkt, bis das ersehnteste Ereigniß,
die Geburt des ersten Kindes, einen beglückenden Stillstand
in dieses Treiben bringt und die Gedanken der jungen Mutter
von sich selber ab, und auf ein anderes Wesen hinlenkt.
Nun hat sie, was ihr Herz begehrt. Sie ist glücklie,
wenn der Vater bei der Arbeit ist, denn er schafft ja für den
Sohn. Es freut sie, wenn er mit dem Kinde tändelt und
nicht mehr mit ihr, wie auf der Reise. Es ist Alles auf
das Beste, wie es ist, und ihr Sohn soll auch besser als alle
anderen Kinder, er soll auf das Beste erzogen werden. Darin
sind die jungen Eltern einig. Zunächst aber soll er hübscher
aussehen, besser gekleidet sein als alle andern Kinder, damit
gleich ein Jeder es von ferne sieht, das ist reicher Leute, das
ist Meta's kleiner Junge! Das arme, kleine Menschenwesen,
das die Augen kaum dem Licht erschlossen, das von sich selber
noch Nichts weiß, wird der Gegenstand, an welchem die
Prunksucht und das Scheinenwollen, dieses unselige Ver-
langen der Unkultur, sich ihr reichliches Genüge thun.
Die junge Frau ist leider nicht so glücklich, dem Kinde
die erste Nahrung selber gewähren zu können, die rasche
Hochzeitsreise hat sie zu sehr mitgenommen. Man muß also
eine Amme nehmen, und des kleinen Lieblings Amme muß
doch hübsch aussehen. Man schafft reiche westfälische, ucker-
märkische Bauernkleider für sie an, und man nöthigt in solchem
Falle meistens ein armes, entehrtes Mädchen, das man allen
Grund hätte vorsichtig in die Bahn der Bescheidenheit zurück-
zuführen, durch eine auffallende Tracht auf Gassen und auf
Spaziergängen die Blicke der Männer begehrend auf sich zu
ziehen. Aber das ist nicht genug! Auch das Kind muß ans
gesehen werden. Man behängt den Kinderwagen mit gestickten

gß! -=-
Decken, das Kind mit kostbaren Hütchen, Kleidern, Bändern,
bie nothwendig im Augenblick verdorben werden. Indeß,
was hat das auf sich? Man ist ja reich genug, morgen und
übermorgen Ersatz dafür zu kaufen. Das Kaufen, das Be-
sorgen für das liebe Kind ist unterhaltend, ist ein Vergnügen!
Und dicht daneben geht eine arme, blasse Frau, ihr fünftes,
sechstes Kind an der müden, welken Brust. Sie kann der
vielen Kinder wegen keine erwerbenden Arbeiten machen; sie
wäre glücklich, ein warmes Tuch für sich, ein warmes Röck-
chen für ihr Kind zu haben. Mit dem Gelde, das man für
bie Maskentracht der Amme, für die seidene Decke auf dem
Kinderwagen und die breite Schärpe des speienden Säuglings
ausgegeben - wie viele arme Kinder könnte man damit
warm bekleiden? Und Ihr Säugling, schöne Meta, was
würde er entbehren, wenn Ihre Amme büürgerlich bescheiden
angezogen wäre, wenn eine einfachere, waschbare Decke ihn
bedeckte? Glauben Sie, daß alle die Unbemittelten, die an
Ihrem so verschwenderisch geputzten Kinde vorübergehen, diesen
Gedanken nicht hegen so wie ich? Glauben Sie, daß sie
Ihren aufgeputzten Säugling mit der Liebe, mit dem Wohl-
wollen betrachten, das wir sonst, wenn wir nicht bösens Her-
zens sind, jedem kleinen Kinde entgegenbringen? Ich glaub's
nicht! Und kann es Sie freuen, durch den Luxus, den ich
den herausfordernden, den beleidigenden nenne, das Nebel-
wollen, die Mißgunst hinzulenken auf das schuldlose Geschöpf,
das Sie zum Spielzeug Ihrer Thorheit machen? Ganz
gewiß nicht!
Es hilit nichts, sich zu sagen: wir sind Mitglieder des
Vereins, der die Wöchnerinnen pflegt; wir tragen zur Unter-
haltung der Kinderbewahranstalten bei; wir kümmern uns um
die Unterbringung verwaister Kinder; wir gehen selber uns
nach ihrer Haltung umzusehen. Das ist Alles gut und schön!
F. Le wald, Reisebriefe.

===- gßZ -=
Aber so lange Sie daneben einen Luxus zur Schau stellen,
der gar keinen Sinn hat als diese Schaustellung, so lange wirh
man Ihnen mit Recht sagen können: Ihr kömntet das Dop-
pelte, das Dreifache thun, wenn Ihr dieser übeln Gewohn-
heit entsagtet.
Ich spreche mit diesen Urtheilen mein Empfinden, mneine
eigene Erfahrung aus. Ich habe erwerben müssen, was ich
brauchte, habe mich beschränken, mich lange, lange Jahre sehr
beschränken müssen, um mir die Lebensnothdurft für die
Jahre sicher zu stellen, in denen das Arbeiten mir nicht mehr
möglich sein wird. Glauben Sie, daß ich mich nie gefragt
habe: was kosten diese Kleider, mit denen jene Frauen die
Straßen kehren? Was kosten die üppigen Mittagbrode der
Handelsgrößen, deren Speisekarten die Zeitungen als Merk-
würdigkeiten berichten, ohne sich zu fragen, ob diese Berichte
nicht fast unter den Bereich des Gesetzes fallen, das die Aus-
reizung der Stände gegeneinander bestraft? Ich habe mir,
und ich war idealistisch, war nicht begehrlich nach Prunk und
Schlemmerei, ich habe mir in jenen Zeiten oft genug gedacht:
mit dem, was solch ein Mittagbrod kostet, könntest du durch
viele Monate sehr reichlich leben. Und diese Empfindung,
dieser Gedanke blieben ganz dieselben, wenn ich selber an
solchem Mittagbrode später Theil nahm, und die Weine und
die Herrlichkeiten aus aller Welt Enden mir recht gut schmeckten.
Denn geistreicher, unterhaltender, fröhlicher waren diese Feste
nicht, als wir es in guter, gebildeter Gesellschaft bei zwei,
drei Schüsseln stets zu sein pflegten. Man kam nur müder
und erhitzter davon heim!
Falstaff's ,Denkst du, weil du tugendhaft bist, soll es
keinen Braten und keinen süßen Sekt mehr geben? (ich
glaube, so lautet der Ausspruchs fällt mir dabei ein. Gewiß,
es soll Genuß geben von aller Art, und der Knausernde, der

= gßZ -
teübselig Sparende, der unnöthig Geizende sind ebenso wider-
wärtig als der prahlende Verschwender. Wir sollen aber,
meine ich, im Genießen es nur nicht vergessen, daß Andere
entbehren. Wir sollen die mitfühlende Gemeinschaft mit den
weniger Begüterten sorgfältig pflegen. Wir sollen ihnen mit
persönlicher Theilnahme, nicht nur durch die Hülfe von Vereinen,
nahe bleiben; und vor Allem sollen wir Kinder nicht in der
Gewohnheit des Luxus, nicht in dem Glauben erziehen, als
hinge das Glück, das eigentliche Gllck des Menschen allein
vom Reichthum ab. Wenn die Kinder der Reichen in diesem
Glauben erzogen werden, was sollen denn erst die Kinder
der Armen von dem durch nichts auszugleichenden Werth des
Reichthums denken?
Ich glaube, es giebt keine Mutter und keinen Vater,
welche nicht die ehrliche Absicht hegen, ihre Kinder gut zu er-
ziehen. Die Eltern sind sich nur nicht immer klar darüber,
wozu der Mensch erzogen werden soll; und noch häufiger
meinen sie, wenn man sein Kind die Klassen der Schule durch-
machen lasse, und ihm außerdem noch Lehrer für Dieses und
Jenes halte, so habe man es erzogen. Sie übersehen, daß
man viel Wissen und daneben keinen Charakter haben, daß
man sehr gut unterrichtet und doch für seine Nächsten wie
für die Gesammtheit weniger brauchbar sein kann, als mancher
weit unwissendere Mann; und sie bedenken es nicht genug,
daß sie das Kind nicht nur zu ihrer Freude, nicht nur zu
seinem eigenen Besten, sondern im Zusammenhange mit der
Gesammtheit und für dieselbe zu erziehen haben.
In der Geschichte der Helvetik, deren ich schon neulich
erwähnte, weil sie mich viel beschäftigt hat, findet sich auch
der französisch geschriebene Brief eines krsrs Coräelier,
G. Girard, über die Erziehung, welche der Jugend innerhalb
der helvetischen Republik gegeben werden soll. In demselben
As

=== g,ßg =
heißt es: ,Aus den Händen der Natur kommend, ist das
Kind Anfangs nur eine vegetirende Pflanze, die allmählie
zum Thier wird und aus der wir einen Menschen machen
sollen. Man muß seinen Geist erleuchten, sein Herz dem
Guten zuwenden, damit die menschliche Gesellschaft in ihm
ein gesellig verträgliches Wesen und der Staat einen Bürger
finde.? Der Ausspruch bezeichnet das Nothwendige richtig
und genau. Das Erziehen des Menschenkindes fängt aber
schon mit seinem ersten Tage an, und wir haben es dabei
allerdings in Anschlag zu bringen, welche Kräfte und welche
Schwächen, welche Eigenschaften und welche Fehler das Kinb
als voraussichtliches Erbe des Geschlechtes, dem es entstammt,
mit sich auf die Welt bringt.
Irre ich nicht, so war es Or. Berthold Sigisnünd, ein
fein beobachtender Arzt, ein erfahrener Lehrer und dazu ein
trefflicher Dichter, der in seinem Buche ,Kind und Welr' die
Neberzeugung aussprach, daß das ganze Wesen des Menschen
sein Gepräge in der frühesten Kindheit erhalte, daß die eigent-
liche Erziehung des Menschen schon in seinen ersten fünf,
sechs Jahren festgestellt werden müsse. Einige Jahre, ehe
Stahr und ich diesen trefflichen und lange verstorbenen
Mann in Rudolstadt kennen lernten, hatte ich mit
einer mir befreundeten englischen Schriftstellerin den eng-
lischen Philanthropen Samuel Bamford in seinem kleinen,
ärmlichen Häuschen in der Umgegend von Manchester
aufgesucht. Er war ein feldarbeitender Tagelöhner gewesen,
hatte nicht lesen, nicht schreiben lernen, dankte seine ganzs
Bildung ausschließlich sich selbst; und obschon die Besten seines
Landes zu ihm kamen, seine Meinung anzuhören, wo es sich
um Volkserziehung handelte, war er selbst ein ganz schlichter
Mann geblieben, der, kinderlos, mit seiner alten Frau jede
Handarbeit des Hauses selbst verrichtend, in den allerbeschei-

= g0J -
bensten Verhältnissen lebte. Als ich nach längerem Gespräch
ihm die Frage aufwarf, was er für die ersten Bedingnisse
ber Erziehung halte? antwortete er mir mit kurzer Entschieden-
heit: Reinlichkeit und Gehorsam! - und zwar, wie er dann
im weiteren Gespräch auseinandersetzte, für die frühe Jugend
völlig bedingungslosen Gehorsam!
Das hat mir sehr eingeleuchtet, da ich an mir selber in
Haus und Schule den Vortheil dieses unbedingten Gehorchen-
lernens erfahren hatte. Seitdem, es ist fast ein Menschen-
alter her, daß ich bei Samuel Bamford war, habe ich oft an
ihn gedacht, wenn ich es zu beobachten hatte, wie wenig man
in unseren begüterten, auf den äußeren Lebensgenuß gestellten
Familien die Kinder zum Gehorsam gewöhnte, und wie man
den ersten Grundsatz der Erziehung verkannte und seine Aus-
übung verabsäumte. Dieser Grundsatz ist, das Kind von
Anfang an unter das Gesetz zu stellen, ihm von Anfang an
klar zu machen, daß es gewisse Dinge thun, gewisse Dinge
unterlassen müsse, gleichviel ob ihm das recht sei oder nicht;
daß gegen das gegebene Gesetz gar kein Einwand möglich sei,
daß es auf des Kindes Willen in diesen Fällen gar nicht an-
komme, daß es sich den ihm auferlegten Geboten zu fügen
habe, auch wenn es nicht versteht, weshalb es sich ihnen unter-
ordnen müsse. Das Kind muß gehorchen, weil es ihm von
denjenigen befohlen wird, die ihm zu gebieten haben: vom
Vater, von der Mutter, die für das Kind die Macht, die
Kraft, die Allwissenheit und die Allgüte darstellen; und
Ist Gehorsam im Gemüthe,
Wird nicht fern die Liebe sein.
Der ,Vater und die Mutterr stellen diese höchste Würdig-
keit für das Bewußtsein des Kindes dar. ,Papa und Mamar
thun das durchaus nicht. Es ist vielmehr ein Zeichen der un-
zweckmäßigen Tändelei, welche seit dreißig, vierzig Jahren

= g,0G -
unter uns zur Gewohnheit geworden ist, daß wir in unserm
Familienleben die edlen Worte Vater und Mutter, die das
Kind, so oft es dieselben aussprach, an sein Verhältniß zu
denjenigen erinnerte, an welche es sie richtete, daß wir, den
Ehrennamen des Vaters, der Mutter umgehend, die Eltern
von den Kindern mit den lallenden Silben anrufen lassen,
welche dem Säugling als Nothbehelf dienen. Von den Lippen
eines solchen sind sie rührend, von dem Munde eines älteren
Kindes sind sie geschmacklos, und geben dem Verkehr der Kinder
mit den Eltern einen falschen Ton. Sie haben etwas Nach-
lässiges, sie sind ein Sichgehenlassen, Sichsbequemmachen, das
den Kindern den Eltern gegenüber nicht geziemt.
Meine Mutter pflegte uns zu erzählen, wie die fran-
zösirende Gewohnheit des vorigen Jahrhunderts häflich ge-
wesen sei, nach welcher man seine Eltern, nicht wie es sich
gehöre, Vater und Mutter genannt, sondern sie mit Papa und
Mama angeredet habe, und wie das ,Gottlob ganz abge-
kommen sei, nachdem die Franzosen als Feinde im Lande ge-
wesen, und durch die Freiheitskriege aus dem Lande vertrieben
worden wären.r
Unseren Vater Papa zu nennen, wäre uns so unnatür-
lich, ja, so sündhaft vorgekommen, wie den Namen Gottes
zu mißbrauchen. Auch bin ich nicht die Einzige, welche diese
Tändelei der Kinder mit ihren ersten Vorgesetzten, mit den
Personen, die lebenslang der Gegenstand ihrer verehrenden
Liebe zu bleiben bestimmt sind, als etwas Ungehöriges und
Achtungsloses ansieht.
Fräulein Jenny Hirsch hat den Gegenstand einmal in
dem kleinen von ihr redigirten Blatte, das der LetteVerein
herausgiebt, in dem ,Frauen-Anwalt, sehr richtig in dem
Satz gekennzeichnet: ,Wir haben kein Papa-Land und keine
MamaSprache, sondern ein Vaterland und eine Muttersprache.'

= II? =
Und ich füge hinzu: ,Am Zeichen hält der Geist die Welt!r
Wer zur rechten Zeit, wenn er die Worte auszusprechen ver-
mag, mit dem rechten Sinne Vater und Mutter sagen lernt,
wer dahin gewöhnt wird, diese Worte nie zu brauchen, ohne
ihnen das Beiwort lieber, liebe, vorzuschicken, bei dem hat
man es nicht schwer, den Gehorsam und die Liebe zu er-
wecken; denn Gewöhnung wird zur Natur. Wer aber im
rechten ehrfurchtsvollen Sinne mit fünf und mit zehn Jahren
lieber Vater und liebe Mutter gesagt hat, der sagt mit zwanzig
Jahren auch in dem gleichen Sinne: mein Vaterland! und der
weiß, was seine Muttersprache werth ist. In die Familien des
tüchtigen Mittelstandes und in die Häuser der Handarbeitenden
ist, so viel ich bemerkt habe, jene spielende Unsitte iioch nicht
eingedrungen. Die weitaus größere Mehrzahl der Helden,
die mit todesmuthigem Ernst die Wacht am Rhein gesungen,
die hatten nicht Papa und Mama gesagt, die hatten von
,Vater und Mutter? Abschied genommen, hatten den
Segen von ,Vater und Mutter erhalten und wußten, was
sie gelobten mit den Worten: ,Lieb Vaterland kannst ruhig
sein!rr
Gewöhnen Sie Ihren Kindern, Ihren heranwachsenden
Söhnen und Töchtern das spielrige Papa und Mama mit
festem Willen ab, wenn Sie es ihnen bis jetzt nachgesehen
haben. Halten Sie darauf, daß die Kinder ihrem Vater
diesen Ehrennamen geben; lassen Sie sich von ihnen nicht
anders als Mutter nennen, und es wird Sie das, ich bin deß
sicher, selber häufig antreiben, sich dieser Ehrennamen in
neuem und ernsterem Sinne werth zum machen. Der Vater
und die Mutter werden sich leicht möglich vor ihren Kindern
mnancher Thorheit schämen, die der liebe Papa und die kleine
süße Mama sich durchgehen ließen, weil die Kinder sie nicht
oft genug daran erimnerten, daß sie Väter, daß sie Mütter

==- gIF -
und als solche verantwortlich, den Kindern, dem Staate, denr
Vaterlande, der Menschheit verantwortlich waren.
Und was weiter? Was verstehen Sie unter den Ge
seten, unter welchen man schon das kleine Kind zu stellen hat?
höre ich Sie fragen - sofern es Sie nicht abschreckt, daß man
ernsthaft zu Ihnen spricht, wo Sie es vielleicht zu hören nicht
erwarten - oder auch nicht lieben.
Goethe sagt, man soll' nicht am Verbieten Freude haben
=- und das soll man sicherlich nicht; aber man soll eben so
wenig sich das Vergnügen bereiten, einem Kinde Alles zu ge-
währen, was zu wünschen ihm einfällt, weil es so angenehm
ist, das Gesichtchen fröhlich zu sehen. Ein Kind ist zum Bei-
spiel gewiß nirgend besser aufgehoben, als in dem Zimmer
und unter den Augen seiner verständigen Mutter. Das Kind
muß innerhalb des Hauses auch seinen Theil Freiheit des
Bewegens und des Waltens haben. Es muß dabei aber von
Anfang an sehr genau wissen, daß es zu bestimmten Stunden
nicht bei der Mutter sein kann, daß es keinen Anspruch an
die Eltern zu erheben hat, wenn diese mit Anderen, mit
Fremden beschäftigt sind; daß es das Spielzeug, welches es
frei durch die Zimmer des Hauses herumgetragen, selbst und
ohne erst daran gemahnt zu werden, an den Ort und die
Stelle in aller Ordnung zurückzutragen hat, an die es hin-
gehört. Und ganz eben so muß das Kind von früh an
lernen, daß es unweigerlich fortzugehen hat, wenn man es
entfernen will.
Man führt sichs lange nicht genug zu Gemüth, welche er-
ziehende Kraft in dem Festhalten an diesen einfachsten Regeln
liegt; was es für alle Zukunft werth ist, wenn ein Kind
frühzeitig denken und sagen lernt: das muß ich thun, dies
darf ich nicht thun! Man kommt dadurch nicht beständig in
die Lage, verbieten, tadeln, unnöthig erklären zu müssen.

=- g(ß =
Man erspart die üble, meist vor Fremden aufgeführte Noth-
lüge, dem Kinde vorzureden, daß es ein folgsames Kind sei,
wenn es selber sehr gut einsieht, daß es eben ein unfolgsames
ist; und man verhindert oft ein Unglück, wo eine plötzlich
drohende Gefahr von dem Kinde nur durch sein rasches Ge-
horchen auf das erste Wort abgewandt werden kann.
Wie dem Lehrer in der Schule und dem Kinde in
gleichem Maße das Leben erleichtert wird, wenn es, an Ge-
horsam und Unterordnung gewöhnt, in die Schule eintritt,
das bedarf gar keiner besonderen Erwähnung.
Ein anderer Erziehungsfehler, der häufig begangen wird,
besteht darin, daß die Eltern es nicht genug bedenken, wie
schädlich es auf die Sinnesart des Kindes wirkt, wenn man
es dazu verleitet, sein Theil haben zu wollen von allem, was
es Andere, zunächst die es umgebenden Erwachsenen, haben
und genießen sieht. Ich habe es oftmals in falsch ver-
standener Liebe von zärtlichen Eltern sagen hören: Ich esse
nichts am Tische, wovon die Kinder nicht ebenfalls genießen!
Das ist die Weisheit der alten Kinderfrauen, die auch be-
haupten: ,Wenn der Kleine nicht von Allem etwas abbekommt,
fällt's ihm auf's Herzchen!-
Man muß vielmehr dem Kinde sagen: Das ist nicht für
dich! Das ist nur für die Eltern, für die Großen! Du darfst
noch nicht von Dem und Jenem genießen! Du mußt nicht
Alles haben wollen, was du vor dir siehst! Warte, die Reihe
kommt nachher an dich! Und in dem, was man ihm nachher ge-
währt, mag man ihm das ihm Liebste geben.
Neberall' das Kind in seiner Schranke, ihm überall das
Bewußtsein zu erhalten, daß ein großer Unterschied besteht
zwischen ihm und den Erwachsenen; überall das Kind zu einem
ruhigen Verzichten zu gewöhnen, das sind sehr wesentliche
Schritte zu seiner Versittlichung. Kindern eine fröhliche Kind-

=- ,ß -
heit zu bereiten, ihnen, soweit man es irgend kann, die Freuden
zu verschaffen, die ihrem Alter angemessen sind, das ist eine
Pflicht. Kinder frühzeitig an die Genüsse der Erwachsenen zu
gewöhnen, ist ein Unrecht, das nur zu oft begangen wird.
Ein Knabe, den man mit zwölf Jahren an die Leckerbissen
gewöhnt, die auf dem Tische seines Vaters mehr oder weniger
oft erscheinen, hält sich nach dieser Seite hin dem Vater gleich.
Mit fünfzehn Jahren gelüstet es ihn nach der Eigarre, mit
siebzehn nach dem Pferde - denn der Vater raucht und der
Vater reitet -= und der Vater thut und hat noch Dies und
Das. Warum soll der Bursche sein Theil nicht davon haben,
da der Vater es bezahlen kann, so gut wie die Austeru und
den Champagner und Burgunder, wovon das liebe Kind sein
kleines oder auch sein reichlich Theil gehabt hat?
Klar bewußt ist sich die Jugend des neidenden Begehrens,
zu dem sie systematisch angeleitet wird, nicht immer; aber solche
Fälle kommen doch vor. Ich ging vor ein paar Jahren einmal
auf dem Spaziergang hinter einer Mutter und deren etwa
dreizehnjährigem Sohne her. Ich kannte die Leute oberflächlich,
sie waren durch die Tüchtigkeit des Mannes rasch empor-
gekommen, reich geworden, sie wünschten sich zu bilden und
die Kinder ganz besonders. Der Vater hatte mir den Dreizehn-
jährigen als ein ,merkwürdiges Kind'' gerühmt mit dem Zusat,
,daß sein Junge seinen Faust wie Einer lese!'! An dem Tage,
als ich hinter ihnen herging, flog ein Wagen, dessen Räder
mit Gummi überzogen waren, lautlos und rasch an uns vor-
über. ,Mama, sagte der Bursche, warum haben wir keine
Gummiräder? Wir müssen auch Gummiräder haben !'! Ich
dachte mir mein Theil bei dem Faustlesen wie bei den Gummi-
rädern.
Wie soll ein Knabe sich erhoben fühlen in dem Gedanken
an spartanische Erziehung, oder angewidert von der Schlemmerei

= IF =-
eines Lucull, wie soll ihm die starke Mannhaftigkeit seiner
Altvordern zum Beispiel werden, mit welchen Gefüühlen soll er
Körner's Schwertlied von ,den Buben hinter dem Lfen' an
sein Ohr schlagen hören, wenn er dabei an Champagner,
persische Teppiche und an Gummiräder, als an das Ziel seiner
Wünsche denkt? Und abgesehen von ihm selber, dessen Be-
gehrlichkeit die Eltern zu vertreten haben! Aber solche Ge-
sinnung wirkt schlimmer als das Scharlachfieber, das am
meisten ansteckt, ehe man merkt, daß ein Kind davon ergriffen
ist. Freilich, die eppigkeit solch eines jungen Burschen ist
dem Sohne des tüchtigen Beamten, den seine Standesehre
schadlos hält für die große Beschränkung seiner materiellen
Lage, nicht gefährlich. Er verspottet sie in der Regel, denn
er ist meist idealistisch erzogen. Sie ficht auch den Sohn des
soliden Bürgers nicht sonderlich an, denn dem ist's wohl in
der gefesteten Behaglichkeit und in dem stetigen, wenn auch
langsamen Vorwärtskommen in seinem Vaterhause. Aber sie
reizt des Hauswarts Sohn, der vielleicht neben ihm in der
Schule sitzt; sie regt diesem die Phantasie auf, denn das
Wissen, das er erwirbt, wird mit seinem Leben durch kein
sittliches Element vermittelt; und wie sollte er nicht beneiden,
nicht leidenschaftlich begehren, nicht als das Erstrebenswertheste
Dasjenige betrachten, was er jene Genußsüchtigen höher schäten
sieht als den Erwerb der Kenntnisse, die er nur erringen kann,
wenn er und die Seinen sich durch lange Jahre harte Ent-
behrungen dafür auferlegen?
Das Beispiel einer maßvollen, sparsamen Häuslichkeit,
einer strengen und einfachen Kindererziehung in den begüterten
und gebildeten Familien ist eben so sehr eine verdienstliche
That für das Vaterland und ein Segen, als das Beispiel
des verwöhnenden Luxus unrecht und ein Unheil ist. Welch
guter Geist und welche böse Dämonen aus unseren Wohnungen

== I1Z -
ungesehen von uns, hinabsteigen in des Hauswarts Stube, in
die Stuben der Hinterhäuser, auf die Höfe und in die Dach
kammern über uns, das vergessen wir - bis wir sie als
menschgewordene Erscheinungen uns erschreckend und feindlich
fordernd, gegenübertreten sehen.
Der kostbare Flitter, mit dem die Frauen sich und selbsf
ihre Kinder behängen, noch ehe diese auf den Füßen stehen
können, führt die Dienerinnen des Hauses, führt die Töchter
der unbemittelten Nachbarn aus eitler Nachahmungssucht zu
Schimpf und Schande. Der Schulbube, der sich Gummiräder
wünscht, reizt den Schreiberlehrling in der Dachstube, auf dem
Miethsgaul als Sonntagsreiter sein Glück zu versuchen, und
treibt ihn, ohne es zu ahnen zu dem Gedanken, daß es nicht
so übel wäre, mit den Besitzenden zu theilen. Die Familie,
die ihre Kinder streng erzicht, von welcher der brave Handwerker,
die sparsame Näherin ihren Kindern sagen können: ,sieh oben
die Kinder der reichen Leute an, wie die fleißig, wie die be-
scheiden sind' - die macht sich verdient um die Gesammtheit!
Und noch Eines hat das Kind nöthig von frühesten Tagen
an. Es muß laut beten lernen, ehe es sein Auge für den
Schlaf zumacht.
Ich hatte in diesem Sommer in Ragaz eine Engländerin
mit ihrem kleinen Kinde neben mir. Sie wußte von mir so
wenig, als ich von ihr; aber allabendlich rührte es mich zu
hören, wie sie dem Kinde das Gebet vorsprach, wie die Kleine
es ihr nachsprach:,Segne meinen guten Vater, Herr, und
meine gute Mutter, und segne uns Alle! Und ich will ein
gutes Kind sein und will morgen nicht unartig sein !
Wenig Worte, wie es umfaßte, enthielt das kleine Gebet
eben doch den Aufblick zu einem Höheren, das Absehen von
dem Zeitvertreib und Spiel des Tages, das Anerkennen des
Guten, welches man besitzt, und den ausgesprochenen Vorsay,

= IZ -
seine Schuldigkeit zu thun. Und das Alles hat das Kind, hat
der Mensch, haben wir Alle nothwendig. Adolf Stahr hatte
die Gewohnheit, jeden Abend, ehe er sich niederlegte, ein paar
Seiten aus den Goethe'schen oder aus Anderer Sinnsprüchen
und Gedanken zu lesen. ,Man muß seinen Sinn rein waschen
von der Zerstreuung des Tages !' pflegte er zu sagen, und
er hatte Recht! Ob wir dieses Seelenbad mit den Werken
eines Geistes an uns vollziehen, dem wir uns als Schüler
unterordnen, ob wir es mit eigener Sammlung, ob mit den
Worten und Gedanken thun, die uns das Judenthum und
Christenthum in der Bibel aufbewahrt haben, immer ist es
das Anerkenntniß, daß es ein Höheres gibt, als den bloßen
sinnlichen Genuuß des Daseins, einen Aufblick zu einem Jdealen,
das uns erst des Menschen-Namens werth macht.
Lehren Sie Ihre Kinder sich beherrschen und gehorchen;
lehren Sie sie entbehren und nicht begehren; lehren Sie sie
die Augen zu einem Jdeal erheben und sich ihm in freier
Erkenntniß unterordnen - und sie werden aus ihrem engen
Kreise hinaus mitarbeiten an der Auferbauung des Anhalts,
dessen wir nicht entrathen können in der haltlosen Verirrung der
Geister, die sich uns in furchtbaren Zeichen offenbart hat.
Das klingt alles kurz und hart und scharf zugespitzt! ich
weiß das wohl. Aber ich habe eben nur in flüchtigen Briefen
zu Ihnen zu sprechen und muß zufrieden sein, wenn Sie sich
aus diesen abgerissenen Sätzen zu Ihrem Besten entnehmen,
was Sie für sich brauchen können. Die Wirksamkeit all dessen,
was ich Ihnen sagte, habe ich an mir selbst und an Anderen
erprobt. Und da vielfache Zuschriften mir in diesen Wochen
es dargethan haben, daß Sie mich über diese Dinge hören
mögen, daß es Ihnen daran liegt, ,Ordnung um sich her zu
schaffen'', so sprechen wir auch mehr davon.