Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 31

= I,hF =
sslssü»»fss=- Nsss
EEtutllt«uog-zs==- =e=s-
An die deutschen rauen.
Haus Kaldenhof bei Hamm in Westphalen.
Ein brieflicher Verkehr, wie der meine mit Ihnen, kann
nicht ein umfassendes oder gar abschließendes Ganzes bieten.
Er kann aber um so weniger daran denken, es zu thun, wenn
es sich, wie in unserem Falle, dabei um Fragen und Neu-
gestaltungen handelt, deren Lösung und Feststellung, wenn sie
überhaupt möglich ist, jedenfalls einer wahrscheinlich nöh sehr
fernen Zukunft vorbehalten sein dürften. Ich wiederhole es
deshalb also, daß ich mit diesen Briefen Nichts beabsichtige,
als hier und da ein Streiflicht über unsere Zustände fallen
zu lassen, damit auch Sie durch diese Beleuchtung sehen
mögen, was mir aufgefallen ist; damit Sie selber über das-
jenige nachdenken, was der Erwägung werth ist, und Hand
an die Aenderungen legen mögen, wo solche nothwendig sind
und in Ihrer Macht stehen.
Wenn ich von den Wohnungen der Reichen in die Woh-
nungen unserer unbemittelten handarbeitenden Mitbürger
hineinblicke, und deren jettige Lebensweise mit jener vergleiche,
welche man in diesen Volksschichten vor fünfzig Jahren führte,
so sind die Ansprüche an dieselbe sehr wesentlich gestiegen und
haben auch nach vielen Seiten hin Befriedigung finden können.
Ein junges Ehepaar muß jettt schon sehr unbemittelt, ja leicht-
sinnig und aussichtslos in die Ehe treten, wenn es sich mit
dem zweischläfrigen Bett, mit einem Tisch, einem Kasten,
einigen Stühlen, einem kleinen Stück Spiegel und dem aller-
unentbehrlichsten Küchengeräth begnügen soll, wie das vordem

== gJ -
der Fall war. Denn so ganz nothdürftig habe ich es in
manchen der übrigens sehr reinlich gehaltenen Wohnungen
unserer Königsberger Milch- und Gemüsehändlerinnen, in den
Wohnungen von manchen der Arbeiter gesehen, die in meines
Vaters Weingeschäft gehalten wurden, und bei vielen der
Handwerker, die für unseren großenHaushalt arbeiteten. War
damals der Zuschnitt hier und da ein besserer, so hatte das
Bett eine Gardine von karrirter Leinwand, man hatte einen
Kleiderschrank, und ein sogenannter Schragen an der Wand
trug besseres Eß- und Küchengeräth, einige Fayenceteller,
zinnerne Löffel. und gemusterte Kaffeetassen. Aber freilich
waren die Alnforderungen an Hausrath vor jenen Jahren
im Allgemeinen geringer als jetzt, wennschon die einzelnen
Stücke besser sein mochten. Einer unserer großen Gelehrten
erzählte mir, daß ein Freund seines Vaters diesem seine Ver-
lobung, vor 80 bis 7 Jahren, mit der Schlußbemerkung ges
meldet habe:,eine Braut ist ein gar liebes und hübsches
Frauenzimmer, und sie besitzt eine schöne große Kommode voll
Wäsche und recht hübsches Zinngeräth !! Der Bräutigam war
aber kein Proletarier, sondern ein junger, später berühmt ge-
wordener Arzt. Eine Kommode, ein Kleiderschrank, Gardinen
an den Fenstern, die jetzt unerläßlich sind, waren vor fünfzig
Jahren nur bei den Meistern anzutreffen, und auch bei ihnen
stand der,Tisch'' zwischen den Fenstern unter dem Spiegel.
Der Spiegel trug den Kalender und die Briefschaften in sei-
nem Rahmen, und von einem Sopha war auch bei ihnen nicht
die Rede. Welches Dienstmädchen aber, das in die Ehe tritt,
mag es jett entbehren, ein kleines Sopha und seinen Tisch
davor zu haben?
An die Möglichkeit, die Fluren und Treppen der Häuser,
in denen sie wohnten, irgendwie erleuchtet zu finden, an
Wasserleitungen dachte man so wenig wie an die kalten oder

== g,hß -
warmen Bäder, die man jetzt für wenig Geld erlangen kann.
Volksküchen für den Unverheiratheten, Consumvereine für die
Familien, Fortbildungsschulen und unentgeltliche Vorlesungen
für beide Geschlechter, und alle jene Erleichterungen, mit denen
die als Pflicht allgemein anerkannte Vorsorge der Bemittelten
für die Unbemittelten diesen gegenwärtig wirksam zu Hilse
kommt, waren nicht vorhanden; ebensowenig wie die Krippen
und Kinderbewahranstalten, in welchen die auf Arbeit gehende
Mutter ihr Kind jetzt fast ohne Entgelt von gebildeten Per-
sonen behüten und unterrichten lassen kann. Das ist Ales
ein großer Fortschritt. Es ist auch gut, daß die Ansprüche an
das Wohlbefinden sich nach dieser Seite hin gesteigert haben,
sofern sie mit jenem auf das ruhige Erwerben und sparsame
Zusammenhalten des Erworbenen gepaarten Sinne verbunden
sind, in welchem die Franzosen, trot ihrer Lebhaftigkeit, vor
allen Völkern als unerreichte Vorbilder dastehen; und, so wie
mir es schien, auch die Engländer die Deutschen häufig über-
treffen. Daß der Franzose wie der Engländer das große
Gardinenbett, die beiden großen Stühle am Kamin, den Topf
mit Fleisch und Gemüse auf seinem Heerd oder das Stück
Fleisch auf seinem Rost nicht mehr entbehren können; daß die
Engländerin überzeugt ist, ohne den kleinen Teppich - und
wäre er von Stroh - vor ihrem Kamin, und ohne den
zinnernen Theetopf und ohne Dies und Jenes gehe es einmal
nicht, das macht den eifrigen Erwerb dieser Unerläßlichkeiten
nöthig, das steigert zum Vortheil des Volkes den Verbrauch
und die Gewerbthätigkeit. Es erhöht den ganzen Zuschnitt
der Lebensweise, und in deren andauerndem Verlauf auch die
Gesittung und die Bildungsmöglichkeit der Nation, sofern das
behaglichere Haus den Bewohner, den Herrn desselben, häus-
licher macht. Ob aber die Häuslichkeit der Männer in diesen
Ständen nicht eher abgenommen als zugenommen hat, seit so

= Ih ? -
und so viel. Vereine ihnen den Anlaß geben, so zu sagen von
Amtswegen außer dem Hause ihre Abende hinzubringen, das
ist die Frage. Eine andere Frage ist es, in wie weit es der
bürgerlichen Gesellschaft im Großen und Ganzen fördersam ist,
daß man jetzt in den Vorstädten eine Art von abgesonderter
Städte gegründet hat, in denen meist nur Unbemittelte und
Ununterrichtete ein von den übrigen Bürgern abgeschiedenes
Leben führen.
Daß die Leute, welche wenig Miethe zahlen konnten, auf
den Böden, in den Höfen und in der Kellerwohnung der in
den Hauptstraßen und Mittelpunkten der Städte gelegenen
Häuser oft schlecht wohnten, daß ihre Kinder des Spielraumes
entbehrten, daß das nahe Zusamnnmnenwohnen mit ihnen, daß
der Zusammenhang der uns Tienenden mit jenen Familicn
große Unzuträglichkeiten hatten, ist nicht zu leugnen. Hier
und da gab auch der Luus der Reichen und manche Unsitte
unter den Unbemittelten nach einer und der andern Seite
ein recht übles Beispiel. Es war eben viel in jenen früheren
Gewohnheiten unzuträglich und der Versuch einer Neuerung
und Aenderung nothwendig. Ich habe mich denn auch in
verschiedenen Orten von Deutschland, in Fabrikstädten und
anderwärts, habe mich in Manchester und London und wo
ich es immer konnte, in den für die Arbeiter gebauten neuen
Stadtvierteln umgesehen, um mich über die Zustände in denselben
zu unterrichten; aber neben all dem Guten, das die Gründer
und Förderer dieser Arbeiterquartiere mir für dieselben anzu-
führen wußten, blieb mir immer ein gewisses Widerstreben
gegen dieselben. Die Freunde, die mich dorthin führten, haben
mich darauf aufmerksam gemacht, wie das Nebeneinander-
wohnen der unter gleichen Verhältnissen lebenden Familien
rR NR
F. Lenaald, Reiseriefe.

-= g1Z -=
untereinander sich helfen könnten und auch wirklich helfen,
wie die Kinder in den nahe gelegenen Schulen es besser hätten,
wenn sie nur unter ihres Gleichen wären. Ich habe das Alleg
gesehen, habe in London zum Beispiel die trefflich eingerichteten
Familienhäuser mit Wohnungen von einer bis zu drei Stuben
- die eben so gut eingerichteten Häuser für unwerheirathete
Arbeiter mit ihren Lehrsälen, Badekammern u. s. w. gesehen
-= aber das beängstigende Gefühl, daß man mit dieser Ab
sonderung der Weniger- und der Mehrbesitzenden einen Kasten-
geist, eine Klassenscheidung herbeiführe, ist mit jedem Jahre in
mir gestiegen. Und je mehr ich darüber nachdenke, um so
mehr glaube ich, daß das frühere Verhältniß der Menschen
zu einander ein natürlicheres war, weil jener Zusammenhang
zwischen den Reichen und Unbemittelten, zwischen Gebildeten
und Ungebildeten dabei aufrecht erhalten werden konnte, der
sich auf das gegenseitige Kennen, auf den gegenseitigen
guten Willen, auf das gute Herz des Menschen gründete.
Abgesehen davon, daß dem Einen durch das Beisammenleben
manch kleiner Nebenerwerb zufiel, daß dem Andern gelegentlich
eine Bequemlichkeit geboten wurde, hatte man Verkehr von
jeder Art. Der Scheuerfrau im Hofe, deren Kind erkrankt
war, konnte man so leicht an jedem Tage die Suppe schicken,
--- dem alten Schlosser und seiner Frau, die, in der nächsten
Straße wohnend, nicht mehr recht zu arbeiten vermochten,
Sonntags das Essen besorgen. Die einsame Näherin, deren
Fenster am Weinachtsabend dunkel blieben, war leicht hinüber-
gerufen. Es fand sich immer Etwas, das sie brauchen konnte.
Und wie man ihnen Etwas leistete, leisteten uns die Andern
es auch. Hatte man in einem Nothfall einen Gang zu schicen,
so verließ man sich auf den guten Willen des Schuhmachers
im Hofe, der seinen Jungen gehen lassen werde. Ward ein
dienendes Mädchen im Hause krank, so fand sich eine Person,

== I1f ==
bie für dasselbe gern eintrat. Man wußte es eben, daß man
einander brauchen, nützen konnte, man ,sprang einander im
Nothfalle bei', wie man es hieß. Dieses Gefühl der natürlichen
Zusammengehörigkeit geht unter den gegenwärtigen Lebens-
verhältnissen nothwendig verloren. Das ist aber ein unersetzlicher
Verlust, ist vielleicht eine der mitwirkenden Ursachen, aus
denen sich der jetige oft so feindselige Kastengeist erzeugt hat.
DieöffentlichenWeihnachtsbescheerungenin denverschiedenen
Bezirken, die man vielfältig veranstaltet, ersetzen es nicht, daß
man von Person zu Person, von Familie zu Familie einander
nahe trat. Sie sind ein Abfinden, und sind nebenher nach
meinem Begriff eine Beeinträchtigung des Familienlebens in
den Häusern Derjenigen, die man beschenken will. Man soll
den Müttern geben, was man ihrem Hausstande zudenkt, und
sie in ihren Stuben die Bescheerung für die Ihren selber machen
lassen. Und so ist es nach allen Seiten hin.
Der Dienstmann, aus dem DienstmannsInstitute, den
ich in jedem Augenblicke haben, bezahlen kann, ist ganz beguem;
aber er weiß nichts von mir, nichts von dem Kinde, um dessen
willen ich ihn beschwöre, rasch zum Arzt zu laufen. Der
Nachbar im Hofe wußte von uns, kannte das Kind, hatte
Mitleid mit uns, und wir dankten es ihm, vergaßen es ihm
nicht, wenn seine Bereitwilligkeit uns in schwerer Stunde aus
der Noth geholfen hatte. Es hatte sich in solcher Stunde
mehr als ein bloßes Lohnwerhältniß, es hatte sich ein veredelndes,
ein dauerndes menschliches Verhältniß zwischen uns gebildet.
Es war nicht das kalte, abgelohnte Rebeneinander, nicht jene
Scheu davor, von einander abzuhängen, der man jett in dem
falschverstandenen Begriff von Unabhängigkeit so oft begegnet-
,Ich will von Niemandem abhängen !! Das klingt sehr stolz
und groß, und ist so leicht gesagt wie thöricht. Als ob irgend
Einer außer allem Zusammenhange mit den Anderen, als ob
A-

== gZß --
irgend Etwas unabhängig für sich selbst bestände oder bestehen
könnte!
Dieses meist falsche Streben nach möglichster Unabhängig-
keit hat viele Bande gelockert, deren mannigfach nützliche
Wirkung auch noch nicht ersetzt ist; es hat z. B. das Verweilen
der Lehrlinge, der Gehülfen, in den Häusern ihrer Lehrherren
und,Chefs'' aufgehoben. Die jungen Männer wollen nicht
mehr in den Familien Derjenigen leben, denen sie dienen und
von denen sie zu lernen haben. Die Familien und namentlich
die Frauen, wollen auch lieber unabhängig von Pflichterfüllung
sein. Sie scheuen die Mühe, die Verantwortung, nelche ihnen
erwächst, wenn sie die Lehrlinge des Meisters, die Handlungs-
gehülfen des Hauses bei sich wohnen, an ihrem Tische essen
lassen, für sie sorgen, sie in Krankheit pflegen und sich um
sie kümmern sollen, wo und wie es eben Noth thut.
Das Geld, die Bezahlung ist fast durchweg an die Stelle
der persönlichen Leistung getreten, und das ist ein Unglück,
denn es hebt den veredelnden Zusammenhang zwischen den
Menschen auf.
,Ich will keinen Hausarzt, dem ich ein Jahrgeld gebe
und der dabei den ungebetenen Hausfreund spielt!'! habe ich
sagen hören. ,Der Arzt dient mir mit seinem Wissen, wie
jeder Andere mit seiner Waare. Ich will dem Hausarzt nicht
hundert Thaler bezahlen, wo ich für zwanzig Thaler Leistung
empfangen habe, und bei dem ich mich dann vielleicht für
mein Geld im nächsten Jahre für mehr empfangene Leistung
unnnöthig bedanken soll. Klare Rechnung ist das Beste.! -
,Es ist eine zu große Last, sagt die Kaufmannsfrau, ,die
Handlungsdiener im Hause, diese Statisten, am Familientische
zu haben, wenn ich mit den Meinen allein sein will, und
vollends wenn ich Leute bei mir habe. Mein Mann macht das
mit Geld gleich im Gehalte ab.?- ,Gott soll mich vor der

- IZ! -==
Gesellschaft der Inspektoren und der Wirthschafter bewahren!'!
heißt es auf den Gütern. ,,Qie verdingen wir auswärts.? -
,Das sollte mir fehlen, mich mit den Gesellen zu schinden,
die jett gar nicht mehr wissen, was sie verlangen sollen.
Dafür sind die Schlafstellen und die Volksküchen!' erklärt
die Meisterin. ,Einem unbemittelten Primaner oder Studenten
Freitisch zu geben, ist ja drückend für ihn! hört man sagen,
man kann ihn ja anderweit unterstützen, und es ist doch
immer eine hindernde Verpflichtung, die man mit solchem
Freitisch übernimmt!? = Wo das Herz sich freundlich regen
sollte, klappert der Thaler, wenn er es thut! Wo man die Hand
reichen, die Hand des Andern ergreifen sollte, drückt man ihm
ein Papiergeld in die Hand. Aber daß der Handlungsdiener,
der Handwerksgesell, wenn sie in der Familie lebten, es sahen
und merkten, wenn schlechter Verdienst die Familien zu Ein-
schränkungen nöthigte, daß sie nicht daran denken konnten zu
fordern, was der Arbeitgeber sich selber versagen mußte: das
wird übersehen.
Wenn ich solche Vorstellung mache, so heißt es oftmals:
Was wollen Sie? Wir leben eben in unserer Zeit, in der
neuen Zeit! All diese Erscheinungen haben ihren nothwendigen
inneren Zusammenhang!
Der Mensch, der mit A Jahren mündig, der früh
Staatsbürger, Wähler wird, will sich nicht abhängig machen
von den Launen seines Herrn und denen der ganzen dazu ge-
hörenden Sippschaft. Er will nicht falsche Gefühls-Komödien
spielen. Arbeit und Lohn sind positive Dinge, die einander
ausgleichen und decken müssen, und damit holla! - Ich rechts!
Du links! Abends S Uhr sind Herr und Diener geschiedene
Leute und einander gleich!
Wenn man's so hört, möchts leidlich scheinen,
Steht aber doch immer schief darum!

-= IZZ -
Müssen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer denn durch-
aus geschiedene Leute sein? Kann der Herr dem Dienenden
nicht ein Berather, ein gutes Vorbild sein? Muß man es denn
dem Studenten drückend machen, an dem fremden Familien
tische zu sitzen? Kann man es ihm nicht freundlicher und an-
genehmer machen, als er's in dem öden Speisehause findet,
in dem er an unsauberem Tische und für seine paar Groschen
sicherlich nicht gut ißt? Und sind die Hausfrauen denn einzig
und allein für sich, für ihre Bequemlichkeit und für die nächsten
Ihren da, die sie mit Selbstsucht lieben, weil ße ein Theil
von ihnen selber sind?
Freilich hatten es die Hausfrauen vordem schwerer als
jetzt in jenen gebildeten und nicht eben reichen Familien, auf
deren Tüchtigkeit in allen Ländern die eigentliche Kraft des
Volkes beruht. Sie, und eben so die Meisterin, mußten sich
sehr plagen, und es war z. B. in meinem Vaterhause durchaus
nicht immer angenehm, neben der Familie von acht Kindern
noch vier Handlungsgehülfen und einen Lehrling zu versorgen.
Man that das auch nicht zum Vergnügen! Man that eben
seine Schuldigkeit, erfüllte seine Pflicht; und es ist keineswegs
gleichgültig für die Gesittung eines jungen Mannes, der doch
auch einmal Hausherr und Familienvater werden soll, ob er
Jahr aus Jahr ein in einer gesitteten Familie eine gesittete,
mehr oder weniger gebildete Hausfrau und deren Töchter vor
Augen hat, oder ob er Mittags und Abends in wechselnder,
zufälliger Gesellschaft mit Schenkmädchen, die ihm leicht zu
Willen sind, im Wirthshause verkehrt. Man steigt leichter
hinunter als hinauf. Es ist keineswegs gleichgültig, ob ein
junger Mann frühzeitig mit seiner ganzen Lebensführung sich
selber überlassen ist, oder ob das Auge eines Lehrherrn, eines
Handlungsherrn, mehr oder weniger achtsam über ihm offen
ist und eine Hand ihn gelegentlich zurückhält, ein mahnendes

== gZZ -
Wort ihn anruft, wo er sich zu sehr vom rechten Pfade zu
entfernen scheint. Ich weiß nicht von all unseren ,Herren
vom Comptoir'' was aus ihnen geworden ist. Viele habe ich
aus den Augen verloren; aber wo ich Einem von ihnen im
Laufe des Lebens begegnet bin, hat es ihn und mich gefreut.
Einmal, als ich vor Jahren mit meinem Manne in Florenz
in das große Magazin an Ponte della Trinits eintrat, wo er
einen Einkauf zu machen wünschte, hatten wir ein angenehmes
derartiges Erlebniß. Wir standen und besahen und behandelten
verschiedene Gegenstände. Mit einem mal tönte aus dem
entgegengesetzten Ende des Magazins der laut und mit
freudigster Neberraschung ausgestoßene Ruf: ,Herr Gott,
Fräulein Fanny !' an mein Ohr - ich war eine Frau mit
weißem Haar -= und Herr Sonnemann, ein früherer Reisender
meines Vaters, hatte meine Hände ergriffen, und uns Beiden
kamen die Thränen in die Augen in der Erinnerung an
,den Herrn Stadtrath, an den Herrn, an die Mutter und an
den großen Eßtisch in der Hinterstuber! Und so oft ich nachdem
in Florenz gewesen bin, habe ich an dem Tische von Herrn
Sonnemann gesessen, hat er mir erzählt, wie er sich bemüht,
seine Kinder nach dem Beispiel unseres Hauses zu erziehen,
und ich habe in seinem Rückerinnern immer ein paar gute
Stunden voll segnenden Gedenkens an meine trefflichen Eltern
genossen.
In diese patriarchalischen Verhältnisse können wir leider
nicht mehr zurückkehren. Aber grade den Frauen liegt die
Pflicht ob, durch werkthätige Theilnahme von Person zu Person,
die Entfremdung der Menschen untereinander zu verhüten.
Wie dies anzufangen ist, darüber muß jede in ihrem besonderen
Kreise und unter ihren besonderen Verhältnissen selber mit
sich zu Rathe gehen. Es hat mich oft erschreckt, wenn ich
gutwillige Frauen der reichen Leute vor Personen aus den

== g,Zg -=
ärmeren Klassen sich so ungeschickt, so unbehülflich, so ohne
richtige Kenntniß der Sachlage betragen sah, als wären sie
in ein fremdes Land verschlagen, dessen Sprache sie nicht ver
ständen. Sie flößten Abneigung ein, wo sie Gutes thaten
oder thun wollten; und mehr als einmal habe ich von ihnen
sagen hören: ich weiß mit den Leuten nicht zu reden, sie sind
mißtrauisch, es ist ihnen schwer beizukommen. Ist das der
Fall, nun, so bleibt doch wahrhaftig gar nichts Anderes übrig,
als es zu lernen wie man's macht, ihnen angenehm zu sein
und ihr Zutrauen zu gewinnen, um- ich wiederhole den
Ausdruck immer wieder - den richtigen menschlichen Zusammen-
hang zwischen den durch ihre Verhältnisse im Leben ungleich
gestellten Menschen ausgleichend herzustellen.
Wie wir dies, um immer mit dem Nächsten anzufangen,
in unsern Häusern mit den uns dienenden jungen Frauen-
zimmern vielleicht bewerkstelligen können, darüber habe ich
mich einmal in den,Osterbriefen für die Frauen'' ausgesprochen,
die seinerzeit bei Otto Janke in Berlin erschienen sind und
auf die ich Sie verweise, wenn die Frage Sie beschäftigt.
Mancherlei, was ich in dem Sinne versucht, ist mir geglückt.
Anderes zu versuchen, habe ich aus jener Bequemlichkeit
unterlassen, von der Keiner von uns frei ist -- und ich hatte
auch immer viel Unerläßliches zu thun.
In zweckmäßiger Werkthätigkeit für das Allgemeine sind,
so wie der französische Kleinbürger als Ersparer, die Eng-
länder für uns ein großes Vorbild. Was die Männer der
hohen englischen Aristokratie, was unverheirathete begüterte
und unbemittelte, alte und junge Engländerinnen für das
Gemeinwohl mit großer Selbstverleugnung gethan haben und
thun, davon auch nur ein Annäherndes zu leisten, sind wir
weit entfernt. Die elendeste Abendunterhaltung, die gleichs
gültigsten geselligen Gewohnheiten, der unnützeste Singverein