Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 32

= IZJ -
sind bei uns leider immer noch die Gründe, welche gegen
jede Nebernahme werkthätiger Verpflichtungen für das All-
gemeine, oder auch für dauerndes regelmäßiges Leisten im
besonderen Falle, angeführt zu werden pflegen.
Daß jede Hausfrau und Mutter zunächst ihre Schuldigkeit
in ihrer Familie zu thun hat, darüber haben wir uns schon
vor Jahren in den ,Briefen für und wider die Frauen'' ver-
ständigt. Aber es leben unter uns so viel müßige Frauen
und Mädchen, die sich mit allen möglichen Vergnügungen vor
der ödesten Langeweile nicht zu retten wissen. Warum legen
diese nicht, wie in England, Hand ans Werkt es ist viel zu
lernen jenseit des Kanals!
ss»lsszlo
Zyeuutll==-z-= -
An die deutschen
S»mef.
Frauen.
Haus Kaldenhof, den A. September 178.
Wir hatten heute nach Hamm auf den Schießplat fahren
wollen, der Feier des Sieges von Sedan beizuwohnen, aber
das Wetter war uns nicht günstig, wir mußten davon ab-
stehen. Indeß wir hatten sie doch gesehen, die schwarz-weiß-
rothen Fahnen, die von den Giebeln der Häuser niederhangend
im Winde flatterten, und die kleinen Jungen, die mit ihren
Fähnchen an der Eltern Hand umherzogen in allen Straßen
der alten guten Stadt, die sich verschönt und verjüngt hat,
rund um ihren vierschrötigen Dom umher, vor dem das
Kriegerdenkmal steht, und die viel freundlicher geworden ist
seit den zehn Jahren, in denen ich sie nicht wiedergesehen
hatte.

= g,Zß ==
Wenn sie auferstehen könnten, dachte ich, jene Genossen
meiner Jugend, die Brüder, die jungen studirenden Freunde,
die in den Tagen der traurigen Zersplitterung von Deutsch
land, in treuem, muthigem Glauben und Hoffen das alte
schöne Lied der deutschen Burschenschaft und in ihm die Verse
von des alten Reiches Farben feierlich wie ein Gelöbniß zu
singen geliebt hatten:
Wie Flammen golden sei der Brüder Zeichen,
Roth wie die Liebe, die im Herzen glüht;
Und daß wir auch im Tode selbst nicht weichen,
Sei schwarz das Band, das unsre Brust unizieht!
Damals war es ein Verbrechen, an die Aufrichtung des
Deutschen Reichs zu denken, ein Verbrechen, die alten deutschen
Farben hochzuhalten. Jetzt ist das neue Deutsche Reich er-
standen, die deutschen Fahnen fliegen frei und stolz durch die
Lande und auf den Meeren. Dank dem deutschen Volk und
seinen Führern hat Deutschland den Tag von Sedan und
den 1. Januar des Jahres 17 in Versailles erlebt.
Ach, die jetige, in dem geeinten Deutschen Reich heran-
wachsende Jugend kann es kaum ermessen, was jenes Lied der
Burschenschaft, was Körner's, Arndt's, Schenkendorf's Lieder
uns gewesen sind! Wie in dem traurigen Verfall von
Deutschland die Liebe für das Vaterland in uns lebendig war,
wie fest unsere Hoffnungen auf seine einstige Wiederherstellung
gerichtet waren! Gewiß, die Vaterlandsliebe ist ein durchaus
religiöses, das Wesen des Menschen veredelndes Gefühl, und
es ist heilige Pflicht, ihren Kultus in den Familien aufrecht
zu erhalten; den Kultus jener reinen Vaterlandsliebe, die
eben so fern von Selbstverblendung als von Ausschließlichkeit
oder gar von Abneigung gegen die anderen Völker ist. An
dem häuslichen Herde muß sie großgezogen werden, die rechte
Liebe für das Vaterland, dort muß die heilige Flamme -

= P? -
wie in dem Hause der alten Deutschen - lebendig gehalten
werden für und für. An diesem Altar sind die Frauen
Priesterinnen.
Neberliefern Sie Ihre Kinder, Ihre Söhne und Töchter
dem Lehrer, der in den überfüllten Klassen unserer Schulen
sie fortzubilden hat für das weitere Leben und für die Ge-
sammtheit, genährt mit jener Vaterlandsliebe, in welcher der
Einzelne sich nur als ein dienendes Glied in dem großen
Ganzen empfindet, und die zu fühlen ein Glück ist. Sie
werden dem Lehrer damit einen großen Thheil an Arbeit er-
sparen, Sie werden ihm gefügige, sich selber gut vorwärts-
kommende Söhne und Töchter damit erziehen. Erziehen Sie
die deutschen Kinder in der Verehrung vor dem Kaiser, der,
unter der begeisterten Zustimmung des Volkes an die Spite
des Vaterlandes gestellt, in seiner Person das Vaterland und
das Gesetz darstellt, welches das Volk sich gibt, und das es
unter seinen, unter des Reiches Schutz stellt. In keiner
Kinderstube, in keiner Schulstube, in keinem Arbeitssaal, in
keiner Werkstatt sollte man sie fehlen lassen, die Bilder der
Germania und des Reichsoberhauptes. Die katholische Kirche,
diese vollendetste und betechnetste Organisation, weiß sehr
wohl, was sie fördert, wenn sie das Bild des Gekreuzigten
und der göttlichen Jungfrau den Menschen immer vor dem
sinnlichen Auge vorführt, wenn sie die Kinder täglich zur
Kirche geleitet. Lehren Sie Ihre Kinder die großen vater-
ländischen Gesänge und die hübschen deutschen Lieder von
Kindesbeinen an. Kinder sind für Musik und Poesie weit
früher empfänglich, als man es voraussetzt. Das einfache
kleine Liedchen von der Feldflasche - ich weiß nicht von wem
es ist, das jede Strophe mit dem Verse beschließt: ,Mein
König trank daraus !' tönt mir heute noch mit dem rührenden
Stimmklang meiner Mutter in der Seele, mit der wir es,

= PZZs =
unter andern ähnlichen Liedern, bei all unsern Spazierfahrten
zu singen pflegten; uns fünfjährige Kinder habe ich entzückt
und gerührt gesehen, wenn sie das ,Steh ich in dunkler
Mitternacht so einsam auf der stillen Wacht!' mit ihren
Eltern sangen.
Das deutsche Lied ist nicht, wie Herr v. Beust es ein-
mal sehr zur Unzeit aussprach, des Deutschen Zukunft.
Deutschland hat sich seitdem Größeres und Höheres zu er-
obern gewußt, als nur das deutsche Lied. Aber das deutsche
Lied ist ein großes Element in der deutschen Erziehung, denn
Dichtung und Musik klingen lebhaft an in beutschen Herzen.
Mit Gesängen aus den Possen, mit Offenbachiaden aber er-
zieht man Kinder und Völker nicht zu dem sittlichen Jdealis-
mus, der sie groß und edel macht.
Und hier komme ich zu dem Gegenstande zurück, dessen
ich schon vor einem Jahre einmal in meinen Briefen Er-
wähnung that. Halten Sie Ihre Häuser und sich selber frei
von Schriften, Bildern u. s. w., die der Sittlichkeit zu nahe
treten; halten Sie die früh erregbare Neugier und Phantasie
der Kinder rein.
Daß der Schriftsteller, seit wir unsere Arbeiten keiner
staatlichen Zensur mehr zu unterwerfen haben und seit wir
obenein unsere Dichtungen in den Zeitungen drucken lassen,
die in jedem Hause Jedermann, dem heranwachsenden Knaben
und Mädchen wie dem Hausknecht und der Magd, zu Händen
kommen, daß der Schriftsteller jetzt die Zensur an sich selbst
zu üben hat, daß er verantwortlich ist für die Saat, die er
mit seinem Schaffen in die Herzen seines Volkes streut,
das ist für mich ein Glaubensartikel, den ich gleichfalls
schon mehrfach ausgesprochen und über den ich freilich
schon oftmals gegen anders Denkende zu streiten gehabt
habe. Wir brauchen deshalb keine ,bloßen Kinderschriften'

== gZß
und nicht blos ,Bücher für die reifere Jugend' zu schreiben.
Das Erlaubte und das Unerlaubte, das Schöne und Häßliche
sind überall nur durch eine Linie unterschieden, die einzuhalten
in meinen Augen ein Verdienst, die zu überschreiten ein Un-
recht ist.
Erinnern Sie sich an die französische Romanliteratur von
1880 bis auf diesen Tag und fragen Sie sich selber, welche
Früchte sie in ihrem Vaterlande, und auch unter uns getragen
hat, trotz der außerordentlichen Geschicklichkeit und des großen
Talents, mit welchem jene Dichter schufen. Ich habe eben
in diesen Tagen Mittheilungen über dieses Thema in Max
Jordan's ,Aus dem wahren Milliardenlande'r angetroffen,
die mir völlig richtig und wahr erschienen sind. Daß z. B.
Daudet ein großes Talent ist, wer könnte daran denken, ihm
das zu bestreiten? Aber fragen Sie sich selber, was Sie thun,
wenn Sie in Ihren Häusern solche Bücher wie die seinen
dulden, wenn Sie Ihre Kinder in Possen mit obscönen
Liedern, in Offenbachiaden führen, welche die schönen Ge-
stalten der alten Götterwelt in den Schlamm der Gemeinheit
hinabziehen? Fragen Sie sich selber, was Sie für die ethische
Bildung der Ihren - und Ihrer selbst - gewinnen, an
Dichtungen und Komödien, deren wesentliches Verdienst darin
besteht, daß sie aufregen, daß sie spannen, daß sie einen
prickelnden Reiz haben, mit einem Worte, daß sie, wie der
Kunstausdruck dafür lautet, Sensationsromane sind. Halten
Sie sich diese Worte in ihrem eigentlichen Wortlaut und
Wortsinne vor die Augen, und ich glaube, Sie werden sich
selber wundern, was sie aussagen, und daß man die Jugend
und die Halbbildung eben so sehr vor dieser Art von
Schriften, wie vor den aus dem Französischen übersetzten
Schauspielen und vor der Mehrzahl der modischen Possen
sorgfältig zu bewahren hat. Kindern frühzeitig die Meister-

- gZ0 -==
werke unserer großen Dichter auf der Bühne zugänglich z
machen ist sicher heilsam. Es giebt ihnen große Bilder, große
Vorstellungen, Liebe für die vaterländischen Dichter, Freube
an dem Adel unserer Sprache; aber welche Eindrücke, welche
Ausdrücke bringen sie aus der Mehrzahl der Possen heim?
Welch eine Verrohung hat sich durch das aus jüdischen und
Wirthshausredensarten gemischte Kauderwelsch, das sich dort
vielfach breit macht, selbst in den sogenannten gebildeten
Kreisen eingeschlichen! Das ,kurchtbar nett!r, welches ihrer
Zeit das sehr gewandte Fräulein Schramm kuf dem Wallner-
Theater in Mode brachte, war der schwache Anfang all der
sinnlosen und ungewaschenen Redensarten, welche man jetzt
von sehr sauber behandschuhten Personen wieder und wieder
zu hören bekommt. Es hat Vieles bei uns der Verbesserung
vonnöthen.
Wir stehen bei der diesjährigen Feier des Sedantages
in einem Zeitpunkt, der uns zu tiefem ehrlichem Einblick in
unser inneres Sein und Wesen zwingt. Wir haben es als
ein fast wunderbares Glück zu segnen, daß wir diesmal den
Tag von Sedan nicht in Landestrauer zu begehen haben,
daß wir ihn nicht zu begehen haben beladen mit der untilg-
baren Schmach, daß der erste Deutsche Kaiser des neuerstan-
denen Reiches von der Hand deutscher Meuchelmörder den
Tod empfangen hat. Denn die frevelnde Hand deutscher,
dem Gemeingefühl des Volkes entfremdeter Männer hat in
der Person des Deutschen Kaisers das Symbol des Reiches,
den Schützer der Reichseinheit und der Reichsgesetze zu zee-
stören getrachtet, hat zu zerstören getrachtet, was mit dem
blühenden Leben, was mit dem Herzblut von Tausenden und
Tausenden aufgerichtet und zusammengeschweißt worden ist.
Und leider waren jene Handlungen die Folgen einer Welt-
anschauung, die sich offen und unumwunden der Gesittung

= g,ZJ -==-
und den ganzen Zuständen feindlich erklärt, in welcher wir
uns auf dem Boden der antiken Kultur und des Christen-
thums durch die Jahrtausende zu der gegenwärtigen Staats-
gesellschaft entwickelt haben. Daß die Staatsgesellschaft, wie
sie jetzt besteht, die vollkommenste sei, die möglich ist, wer
wollte das behaupten? Daß sie einer Verbesserung fähig sei?
Wer wagte das zu bestreiten! Und wer kann es leugnen,
daß man von allen Seiten bemüht ist, zu ändern, zu bessern,
zu entwickeln und auszubauen, wo dies gefordert wird? aber
zu bessern und aufzubauen mit vorsichtig schonender und stützen-
der Hand, damit nicht einstürze, was des Erhaltens würdig
ist, damit auf dem tüchtigen, guten Grunde noch Besseres er-
wachse als bisher, damit uns das Haus, in welchem wir vor
der rohen Gewalt des Egoismus mehr oder weniger gesichert
wohnten, nicht über dem Haupt in wildem Zerstörungstrieb
zertrümmert werde, ehe man ein besser gesichertes für uns
bereit hat; damit es nicht mit uns zugleich, die von den
Jahrtausenden liebevoll gepflegte gute Frucht vernichte.
Die Reichsregierung bereitet strafende Gesetze vor, dem
unter uns herrschenden Nebel, wo es sich in verderblichen
Thaten kennzeichnet, entgegenzutreten. Aber gegen die Wand-
lung des Sinnes, aus welchem jene Missethaten hervorgegangen
sind, gegen den Mangel an sittlichem Jdealismus in des Wortes
weitester Bedeutung, hat sie keine Macht, kann das Strafgesez
nicht helfen. Hiergegen hat jeder wie bei einer großen Feuers-
brunst, die das eigene Haus bedroht, wie in Zeiten des
Krieges, wenn der Feind ins Land fällt, selbst die Hand mit
anzulegen. Wir haben - und nicht allein bei uns, sondern
auch in den andern Ländern -- eine innere Mission zu voll-
ziehen, eine Mission, die Jeder in sich selbst, die jede Familie
in ihrem Hause zu üben hat, und die nicht zum kleinsten
Theile den Frauen zu leisten obliegt. In einer Zeit, in

= gZZ -
welcher man von Seiten einer Sekte die Ehe aufheben, die
Familie auflösen möchte, ist es an den Frauen, die Ehe in
ihrer Würdigkeit, die Familie in ihren segensreichen Folgen
darzustellen und zu pflegen.
,Die Menschen lernen nur durch sehr wiederholte Ep
fahrungen und halten trotz aller noch so schweren gegentheiligen
Erlebnisse hartnäckig an der Selbsttäuschung fest, daß es fdr
die Nationen Freiheit und Glück auch ohne Hochsinn und Ans
strengung geben könne. Vaterlandsliebe ohne Opfermuth ist
ein Wort ohne Sinn!r (Karl Hilty.
Als nach den Zeiten des Tilsiter Friedens Preußen zer-
schmettert am Boden lag, als die französische Tyrannei das
Land in entehrender Knechtschaft hielt und die Gesinnung hier
und da eine schwankende geworden war, da traten sie zu-
sammen, die Männer und Frauen, in deren Herzen die Liebe
für das Vaterland in stiller, heißer Flamme brannte, und
reichten einander die Hände, sich und die Ihren neu zu er-
ziehen und aufzuerbauen, und aus engem, fest durch Tüchtig-
keit verbundenem Kreise in immer weitere Kreise den rechten
Sinn, die rechte Treue zu verbreiten. Man gab das Bei-
spiel für die Lehre, die man wirksam machen wollte. Man
entsagte mit bewußter Entschlossenheit der Neppigkeit und dem
Luxus, man gab unnüte, geisttödtende Zerstreuungen auf,
man suchte sich zu sammeln. Man ward häuslicher, als man
es lang gewesen war, man erzog die Kinder nicht nur für
die Gesellschaftswelt, nicht nur für ihren Broderwerb; man
bemühte sich, ihren Sinn edel und rein zu erhalten, sie zu
guten Menschen, zu guten Söhnen des Vaterlandes heran-
zubilden. Und damals war es zum großen Theil der Adel,
der in diesen Bestrebungen voranging, der die Gleichgesinnten
Aa a

= PZZ -
adelnder Verbrüderung aneinander zu ketten für den einen
großen Zweck. Aehnliches zu thun liegt auch uns jetzt ob.
Ich bin weit davon entfernt, Ihnen Lebensregeln geben
zu wollen. Jeder hat seine eigenen Nothwendigkeiten und
hat diesen gerecht zu werden. Aber gewöhnen Sie sich, um
mit dem Anfang anzufangen, ernsthaft an die Frage: Was
ist wirklich nöthig und was nicht? Wenn Sie sich diese
Frage oft genug vorlegen wollten, würden Sie zu Erkennt-
nissen kommen, daß Sie überraschen würden.
Ihre Lory muß eine rosa Schärpe für so und so viel
Thaler haben, weil Ihrer Freundin kleine Eugenie eine solche
Schärpe hat. Wie wäre es, wenn Sie Beide für Ihre
Kinder darauf verzichteten? Die Taillen würden nicht weniger
hübsch sein mit einem schlichten Gürtel. - Sie müssen die
wissenschaftliche Vorlesung des großen Naturforschers hören,
der so gefällig ist, süch zu dieser Leistung herzugeben, weil
alle Ihre Bekannten hingehen, die wahrscheinlich, so wie Sie
und ich, nicht die Hälfte von dem verstehen, was wir hören;
denn uns fehlt die ganze Vorbildung, die jenem Gelehrten
als etwas Selbstverständliches erscheinen muß. Vergnügen,
Vortheil haben Sie davon, wie ich bemerkt zu haben glaube,
selten. -- Wie wääre es, wenn Sie und Ihre Freundinnen
sich dahin vereinten, den unnützen Putz, die ,ersten Auf-
führungenr in den Theatern, den für Sie oft so unfrucht-
baren Zeitvertreib zu meiden? =- Wenn Sie von so manchen
völlig unnützen Vereinen, in welche es Mode ist zu gehen,
fern, und statt dessen zu Hause blieben, um mit dea Ihren
gemeinsam ein Buch zu lesen, das Sie allesammt verständen,
das in Ihren Kindern edle Gedanken wachruft, ihre Phantasie
in schöner Weise anregt? - Ihr Herr Gemahl, wenn er
sicher wäre, Sie zur rechten Zeit zu Hause zu finden, bliebe
vielleicht dann gleichfalls lieber bei Ihnen und den Kindern
J. Lewald, Reisebriefe.

= IZ
als im Klub; und mit dem Gelde, das Sie für die
Schärpen, für die Ihnen unverständlichen Vorlesungen, füt
die ,ersten Vorstellungen? nothwendig zu haben glauben,
könnten Sie viel Bücher für die Ihren kaufen und Bücher
für das Volk. Aber freilich mit den Phantasmagorieen von
Jules Verne, die angeblich belehren sollen, während sie die
Vorstellungen wie im Opiumrausche durcheinander werfen,
erzeugt man weder Ernst noch Edelsinn; und man soll
nicht spielend lehren. Die Arbeit soll von frühester Kindheit
an ein ernstes Thun, soll Pflichterfüllung, das Spiel sol
völlig freie Muße sein. Halbheit ist in allen Dingen stets
vom Nebel!
Ich sagte vorhin: Sie könnten GBücher kaufen für das
Volk. Ich bin Ihnen schuldig, zu erklären, was ich damit
meine. Ich habe in England und in der französischen Schweig
es beobachtet und es in meinen Reisebüchern aus jenen Län
dern vor achtundzwanzig und vor zehn Jahren bereits aus-
gesprochen, wie viel sich mit der unentgeltlichen Verbreitung
kleiner Druckschriften von zwanzig bis dreißig kleinen Seiten
wirken läßt; und ich habe andererseits von dem bedruckten Um
schlagblatt eines Buches in Jtalien gelernt, mit wie viel
Umsicht die Jtaliener sich das, was im Auslande für Volks-
bildung geschehen ist, durch Neberseyung anzueignen wissen,
wie ihre guten Schriftsteller selber sich dafür in eigenen
Schriften Mühe geben. Alles, z. B. was Smiles geschrieben
hat, die Lebensgeschichten der Männer, die sich selbst empor-
geholfen haben u. s. w., haben sie übersetzt und verkaufen sie
zu den billigsten Preisen. Es ist das ein wirksames Gegen-
gift wider das Begehren, zu genießen, wo man nicht ge-
arbeitet hat, die Frucht zu theilen, welche Andere säeten.
Ich weiß nicht, ob wir solche Biographieen besizen
An den Vorbildern fehlt es auch nicht unter uns. Das

== PIJ =
Leben der Vorsig und ihres Gleichen müßte man schreiben.
Bis das geschehen ist, thun Sie sich zusammen in Vereinen,
zu denen die Männer Ihnen sicherlich gern die Hand bieten
werden, und lassen Sie Volksschriften drucken für das Geld,
das Sie sonst sinnlos auszugeben pflegen. Sehen Sie -
wenn Sie ordentliche Buchführerinnen sind - in Ihren
Ausgabebüchern ernsthaft nach. Die Summen, welche frei
werden würden auf diese Weise, würden in kaum einem
Haushalt fehlen, und in manchem von erschreckender Größe sein.
Beginnen Sie damit, nach erhaltener Erlaubniß des Ver-
fassers die einzelnen Biographicen von Smiles aus dem Buche
,Hilf dir selbsr' überseten, einzeln drucken und in Hundert-
tausenden von Exemplaren unentgeltlich vertheilcn zu lassen. Es
wird nicht allzu theuer sein, nicht mehr verschlingen, als Sie
Jahr aus Jahr ein unnöthig auözugeben pflegten. Ein
Buch zu lesen nehmen die herumtaumelnden Lehrlinge, nimmt
die müde Näherin, der zerstreute Gesella, der müde Arbeits-
mann sich nicht die Zeit. Solch ein Ding von wenig Seiten,
das man ihnen wie die Anzeige von Seifen- oder Kleider-
handlungen unentgeltlich in die Hand gesteckt, das sehen sie
schon aus Reugier an, das bringt der Vater der Mutter und
den Kindern mit nach Hause; und wie mancher schöne
Baum im Walde ist erwachsen aus dem Samen, den der
Wind anscheinend verwehte.
Ich habe bei Freunden in diesem Sommer die Reise-
skizzen eines protestantischen Pastors Funke in Händen ge-
habt, und andere Biographieen aus den Zeiten vor Deutsch-
lands Wiedergeburt, von deren Verfasser der Name mir leider
entfallen ist. Beide Schriftsteller standen auf einem religiösen
Standpunkt, der nicht der meine ist; aber beider Schriften
haben mich gerührt und erhoben durch die Innigkeit der
Empfindung und die Tiefe ihrer Liebe für das Vaterland.
A

== Zü -
Auch dieser Männer Erlaubniß müßte mnan zu erlangen
suchen, um die einzelnen Aufsätze als Traktätlein in den
Straßen, auf den Eisenbahnen, in den Schulen, in den Kas
sernen, ja, überall da zu vertheilen, wo man es nöthig findet,
das Eindringen zerstörender Schriften zu verhindern. Diesen
Weg einmal betreten, würden die besten unter unseren Schrift-
stellern, die noch in der Kraft des raschen Schaffens sind, es
an sich nicht fehlen lassen, ihr Festhalten an dem Vaterlande,
an seiner Sitte und Zucht, in kleinen Flugschriften zu bethä-
tigen, welche die Frauenvereine kaufen und unentgeltlich ver-
theilen müßten. Und wir haben unter uns Schriftsteller, die
wie Meissonnier in seinen Bildern, gerade ihr Vortrefflichstes
leisten, je enger der Rahmen ist, in welchen sie ihre dich-
terischen Gestalten hineinkomponiren. Denn Dichtungen,
plastisch gestaltete Bilder, nicht Abhandlungen wirken auf den
Sinn der Jugend und des Volkes.
Es ist dies nur ein Vorschlag. Vielleicht scheint er Ihnen
so, ausführbar und zweckmäßig als mir. Und mit diesem
Vorschlage will' ich schließen.
Seien Sie Hausfrauen und Mütter in dem Sinne des
Wortes, der das Große stets im Auge behält und das Kleinste
nicht zu gering hält für seine Beachtung. Adeln Sie Ihr
Leben durch Ernst, um ein edles Geschlecht heranzubilden,
und erhalten Sie mit eifriger Beflissenheit einen hülfreich
fördernden persönlichen Zusammenhang zwischen sich und den
weniger gut gestellten, weniger bemittelten, weniger gebildeten
Leuten innerhalb Ihres Hauses, und so weit die Hand und
das Auge einer Jeden reichen, ohne die Pflichten im eigenen
Hause darüber zu versäumen, auch außerhalb desselben. Ein
Mann, der ein rechtschaffener Herr in seinem Hause ist, eine
Frau, die einem solchen Manne in Gehorsam sich freiwillig
unterordnet, die erziehen gute Kinder, gute Tienstboten, wirken