Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 33

== gZ? -
durch ihr Beispiel weiter, tiefer als sie glauben. Sie bilden
gute Bürger heran und auferbauen in der neuen Generation
das Vaterland, wo ihm jetzt Gefahren drohen durch Selbst-
sucht und durch Leichtsinn. Und somit Jeder an seinem
Platze freudigen Muthes an die Arbeit!
Ob ich mit diesen Briefen an Sie das Richtige ge-
troffen? Mein Wille wenigstens war gut, und hiermit will
ich zugleich all den mir persönlich unbekannten Männern und
Frauen recht von Herzen danken, die, diesen guten Willen
anerkennend, mich während der Veröffentlichung dieser Briefe
durch ihren schriftlichen Zuspruch zu ihrer Fortsetzung er-
muthigt haben. -- Besten Dank!
Ineiull===--z=- =okef.
s=slsl»sfss= N
Der neugierige Nobby,
Eine Ges chichte für die Enkel erzählt.
Haus Kaldenhof, den S. September 178.
Wenn man immerfort für die Großen erzählt und schreibt,
so muß man doch bisweilen auch an die Kleinen denken; und
weil ich heute am lieben Sonntag hier im Hause eine sehr
merkwürdige Geschichte gehört habe, soll' der Sonntag Euch
zu Gute kommen, und ich will Euch die Geschichte erzählen,
und den Brief ganz allein für die Kleinen schreiben, weil ja
viele Großen auch ihre eigenen Kleinen haben. Paßt denn
nun auf!
Hoch oben, im Nordwesten von Deutschland, liegen in
der Nordsee die Inseln Norderney und Borkum, nach denen
sehr viele Leute im Sommer hinreisen, um dort die Seebäder

=- ZZ ==
zu brauchen, wie Eure lieben Eltern und Ihr in Misdroy.
Aber in Norderney hat sich die Geschichte nicht zugetragen,
auch in Borkum nicht, sondern auf der dazwischen liegenden
Insel Juist, die so klein ist, daß Ihr sie vielleicht gar nicht
auf der Landkarte finden werdet.
Es leben nur wenig Menschen auf der Insel Juist, in
kleinen schlechten Häusern, die treiben Fischfang und nähren
sich kümmerlich, und schlecht und recht. Gasthöfe giebt es dort
noch nicht. Badegäste kommen auch nur selten, und nicht viele,
hin. Ea ist dort noch nicht viel zu haben, auch nur schlechtes
Unterkommen, und die Fremden, die nach Juist reisen und
sich dort aufhalten, sind meistens Männer, welche die Jagd
lieben. Denn weil es eben noch still und ruhig auf der Insel
ist, bauen sich dort die Möwen und die Regenpfeifer und die
hübschen kleinen Seeschwalben und viele andere Vögel ihre
Nester lieber als auf den großen Inseln, wo sie nicht so sicher
vor den Menschen sind. Zu Tausenden und Tausenden sitzen
sie in Juist und brüten ihre Jungen aus. Auch die Delvhine,
wenn sie in die Gegend kommen, nahen sich dem Lande mehr
als anderwärts, und vor Allem haben die Seehunde dort ihr
eigentliches Absteigeauartier. Wenn sie lang genug im Wasser
gewesen sind, und einmal eine Abwechslung , haben wollen,
gehen sie nach der Insel Juist an's Land. Sie platschen sich
dann mit ihren Flossenfüßen aus dem Wasser in die Höhe,
schicken eine Schildwache voraus, die sich umsehen und auf-
passen muß, daß ihnen die Menschen nicht zu nahe kommen,
und wenn Alles sicher ist, legen sie sich nieder, wühlen sich in
den warmen Sand ein, und betrachten sich in aller Gemüth-
lichkeit das Meer und den Himmel einmal vom Lande aus-
Die Seehunde sind nämlich ein sehr kluges Völkchen.
Das sieht man ihnen gleich an den schönen Augen an, die
einen Blick haben, so sanft und verständig, wie eines guten

== gZß =
Menschen Auge. Sie wissen sehr wohl, daß auf die Menschen
kein Verlaß ist, daß der Mensch mit den Thieren kein Er-
barmen hat, wo es seinen Vortheil gilt; und zu brauchen ist
das Seehundsfell. sehr gut. Man macht Kofferüberzüge und
Schultornister davon, auch Stiefel und viele andere Dinge,
denn wasserdicht ist das Seehundsfell, das könnt Ihr Euch ja
denken. Die Seehunde sind also, wie ich Euch gesagt, ihres
Lebens vor den Menschen gar nicht sicher, denn Seehunde zu
fangen und zu schießen, das ist für die Jäger auf der Insel
das eigentliche Hauptvergnügen, obschon es den Seehunden
keinen Spaß macht, geschossen zu werden. Sie nehmen sich
gut in Acht vor den langen Schießgewehren, die sie kennen,
und vor dem Geruch des Pulvers, den sie wittern wie die
Thiere in Wald und Feld.
Einmal, vor ungefähr vierzehn Tagen, war ein schöner
warmer Sonntag. Es hatte die ganze Zeit in einem fort ge-
regnet, der Himmel war so grau gewesen wie das Meer, und
die kugligen Wolken waren hin - und hergezogen wie des
Meeres Wellen. Es war also ordentlich eine Freude, als die
Sonne eines Tages endlich zum Vorschein kam, um mit ihren
Strahlen die Wolken zu vertreiben und wieder einmal hell
und freundlich auf Land und Wasser hernieder zu sehen,
damit Menschen und Thiere, damit Alles, was lebt und kreucht
und fleucht, es einmal wieder inne würden, daß die Sonne
noch da sei, daß der gute alte Herrgott noch da oben das Re-
giment sühre, und zu rechter Zeit seine Sonne wieder scheinen
lasse über die von ihm geschaffene schöne Welt.
Den Menschen auf der Insel Juist ging das Herz vor
Freude in dem schönen Wetter auf. Die Seehunde aber,
denen das ewige Regnen, das Wasser von oben und Wasser
von unten, auch zu viel geworden war, dachten, den Sonnen-
schein habe der liebe Gott eigens für sie bestellt, damit sie ihr

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Fell. einmal gründlich trocknen könnten; und da sie ordentlich
Leute sind, die ein anständiges, verträgliches Familienleben
führen, so wollten sie das Geschäft des Trocknens auch Ale
zusammen betreiben, und dem lieben Herrgott Sonntags, wie
es sich gehört, auch für die Wohlthat danken.
Sie steuerten denn auch, der Altvater voran, auf die Insel
los. Der Alte rumpelte sich zuerst aus dem Wasser in die
Höhe, guckte sich um, horchte mit den großen Löchern, die die
Seehunde statt der Ohren haben, nach allen Seiten hin, und
wie er sich überzeugt hatte, daß keine Gefahr vorhanden sei,
winkte er zwei- dreimal mit seinem breiten Fischschwanz, und
sie kamen nun Alle nach: seine Söhne und Töchter, seine
Kindeskinder, und auch seine jüngste Tochter, der sie vor
wenig Monaten den Mann weggeschossen hatten. Die hatte
natürlich ihren kleinen Robby mitgebracht, den sie sehr verzog,
weil er ihr einziges Kind war. Sie nahm ihn an dem
Sonntag zum ersten Male auf das Trockne mit. Es waren
ihrer sechszehn oder siebzehn von der Familie auf die Insel
gegangen, und sie waren seelenvergnügt allesammt.
Sie guckten sich nach den Seeschwalben und Regenpfeifern
um, wie die mit den langen dünnen Beinchen so flink im
Sande umhertrippelten; sie wälzten sich nach rechts, wälzten
sich nach links, streckten die rundlichen Leiber langhin aus,
klatschten vergnüglich mit den Schwänzen auf den festen Sand,
und fühlten es recht wohlig, wie die heiße Sonne ihnen auf
die Rücken brannte, wie das Fell ihnen so schön trocken wurde,
wie die Wärme sie ganz und gar durchströmte, daß sie dar-
über allmählich alles Andere vergaßen. Erst machte die
Großmutter die Augen ein bischen zu, dann fiel der dicken
Tante der Kopf etwas nach vorne in den Sand; darauf ließ
der lange Onkel, der Größte unter Allen, der erst in der
Nacht von Borkum herübergeschwommen und müde war, die

= IF F =
langen Barthaare hängen, und endlich hatte das Augenschließen
etwas Ansteckendes.
Die Sonne schien so prachtvoll, man konnte sehen wie
die Wärme zitterte in der Luft über dem heißen glänzenden
Sande. Die Mücken spielten und schwirrten in der Luft.
Millionen von Funken glitzerten in dem Wasser, hoben sich
mit den Wellen, versanken mit ihnen in die Tiefe, und
kamen dann wieder wie aufsteigende Leuchtkugeln mit der
nächsten sich aufbäumenden und verspritzenden Welle in die
Höhe, um im Schaum auf dem Ufersande zu verrinnen.
Es war mit den Augen gar nicht dagegen Stand zu
halten, man mußte sie schließen. Nachmittag war es auch.
Jeder hatte seinen Theil Fische im Magen, und die Kirchen-
glocken von Juist klangen so sanft und gleichmäßig und
träumerisch durch die tiefe, stille Einsamkeit. Dem fiel dies
ein, und Jenem das; und es dauerte also gar nicht lange,
da schliefen sie fast Alle. Der Onkel träumte von Island,
wo er einmal zur Sommerfrische gewesen war; uud die schöne
weißfleckige Cousine träumte von der Insel Wight, wo sie,
weil es dort wärmer war, und weil die vornehmen englischen
Seehunde immer dorthin gingen, ihre Winter zuzubringen
liebte. Kurzum, Jeder schlief und Jeder träumte. Nur der
kluge Alte träumte nicht, sondern wachte und hielt die Augen
offen, und der kleine Robby wachte auch, denn der konnte
sich nicht satt sehen, an all' dem Neuen und Fremden um ihn her.
Er war ein ganz besonders hübsches, kleines Thier, recht
wie ein Aal geschmeidig, und neugierig wie Einer. Er merkte
Alles was um ihn her geschah. Was er noch nicht gesehen
hatte, das fiel ihm schnurstracks auf. Von Allem wollte er
wissen, wie es gemacht werde und wie es zugehe; und weil
es hier dicht am Meere auf dem kleinen Eilande schon so
schön war, dachte er in seinem glatten runden Seehundskopfe,

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wenn er nur erst größer sein, und die Mutter ihm nicht
mehr immer so dicht an der Seite schwimmen und so auf ihn
aufpassen würde, so wolle er schon mehr von dem trocknen
Lande sehen, als hier das Stückchen Ufer und das Stückchen
Düne, von dem der Windhafer ihn mit seinen schwachen
Fingern winkte, als wolle er ihn einladen, dort drüben nach
den Häusern hinzukommen, von denen der Rauch aufstieg
wie von den Dampfern, und nach dem Kirchthurm hin, von
dem die Glocken tönten mit so hellem, süßem Klingen.
Er war grade dabei es zu versuchen, ob sich's wohl auch
ohne Füße auf dem Trocknen gut vorwärts koummen ließe, da
schlug der Alte mit dem Schwanze dreimal auf den Sand, so daß
es klatschte. Alle fuhren erschrocken in die Höhe und waren
mit einem Satz am Wasser und kopfüber hinunter in die Tiese.
Robbn! Robby! rief die Mutter in ihrer Herzensangst,
da kommen Menschen!
Menschen ? dachte Robby, die muß ich mir doch ansehen!
Robby! Robby! komm geschwind! rief sie noch einmal
ängstlich. - Aber weil Robby so verzogen , war, dachte er
nicht daran, ihr zu gehorchen auf das erste Wort. Er meinte,
so eilig werd' es wohl nicht sein, die Mutter würde schon
noch warten Da -- was war das?
Ein Bliz! ein Knall! -- Es fuhr ihm durch den ganzen
Leib vor Schrecken. Er kniff die Augen zu, er konnte nicht
von der Stelle; und wie er dann endlich wieder zu sich kam
und wieder umsah, war auch die Mutter fort.
Ein breiter rother Streifen zog sich von dem Platze, an
dem sie gelegen hatte, bis zum Meere hin. Er wußte nicht,
was das zu bedeuten hatte, und zum eberlegen hatte er keine
Zeit, denn es standen zwei Wesen vor ihm, wie er sie noch nie gee
sehen hatte; und der Eine hatte ihn schon am Schwanz und hielt
ihn in die Höhe, ehe er sich noch recht besinnen konnte.

4PZ --
Es war ein wettergebräunter alter Mann, mit grauem
Haar und großen buschigen Augenbrauen. Er hatte eine
Theerjacke an, einen getheerten aufgekrämpten Nordwester auf
dem Haupte, und es war Robby gar nicht wohl zu Muthe,
wie die feste Faust ihn so gefangen hielt, und Miene machte,
ihm mit raschem Hiebe den Garaus zu machen. Er zappelte,
er wehrte sich, er probirte, ob er nicht beißen könne, aber der
Alte wußte, wie man so ein junges Ding zu fassen hatte,
und Robby schlug das Herz vor Angst. Er hätte jetzt auch
gern bei der Mutier unter dem Wasser sein und von der
Erde und all' ihren Herrlichkeiten Nichts mehr sehen mögen.
Daß die gute Mutter um seinetwillen angeschossen war und
sich im Wasser todtgeblutet hatte, davon wußte der arme un-
folgsame Robby nichts.
Zu seinem Glücke legte aber der andere Mensch sich in
das Mittel. Oh! nicht doch Jansen, sagte er. Laß das kleine
Thier doch leben! Wir haben's ja in- Sicherheit!
Was wollen Sie denn damit machen, Herr Doktor? es
ist ja zu nichts nutze! entgegnete der alte Fischer, und warf
Robby wieder auf den Sand.
Gott Lob! dachte Robby und athmete voll Hoffnung auf!
Er sah sich den Doktor an. Das war ein großer, schlanker
Mensch, mit langem, röthlichbraunem Bart, mit braungelocktem
Haupthaar, und mit so guten blauen Augen, daß Robby völlig
frischen Muth bekam.
Der Mensch, der ist nicht schlimm! Der thut Dir, der
thut Keinem was zu Leide, dachte er. Dabei sah er den
Doktor freundlich an, und platschte schmeichelnd mit dem
Schwanze, obschon ihm der Schwanz von der schweren Faust
des Fischers weh genug that. - Zu reden traute er sich noch
nicht, er meinte, der Doktor würde ihn am Ende nicht ver-
stehen.

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Der Doktor lachte, als Robby also schön that. - Jst das
ein närrischer Kerl! sagte er. Was ich mit ihm machen will,
fragt Ihr mich, Jansen? = Für's Erste nehmt ihn einmal
mit. Ihr habt ja einen Strick an der Tasche hängen, an dem
schleift ihn immer mit. Heut Abend geht das Boot in See.
Einen Korb finden wir bei Euch. Morgen bei Sonnenauf-
gang ist das Boot in Norden. Von da bis Emden ist es
auch nicht weit, und von Emden kann er mit der Eisenbahn
zu meinem Jungen nach Westfalen reisen. Der Friz wird
seine Freude an ihm haben, und Robby mag's probiren, wie
es ihm bei den Eltern in dem alten Schlosse und bei meinem
Jungen, im Süßwasser, in schöner deutscher Sommerwelt
behagt.
Was man so sagt verstanden -= verstanden hatte der
Robby das nicht recht; und das Anbinden und das Nach-
schleifen im Sande, während Jansen und der Doktor rüstig
über die Düne hin schritten, war gerade auch nicht angenehm
zu nennen. Aber was er von der Rede so. aufgeschnappt
hatte, von Welt besehen und schönem Sommerwetter, das kam
ihm sehr gelegen. Und so ließ er sich denn geduldig fort-
schleppen, ohne viel zu zappeln, bis sie vor des Jansen Haus
anlangten, wo er losgebunden und in eine große Butte voll
Seewasser geworfen wurde.
Reinlich hatte ihn die Mutter stets gehalten, er spülte
sich also flink ab, so gut er konnte, und wie er wieder dachte,
jetzt bist du so blank, daß du dich sehen lassen kannst, strecte
er den Kopf auf den Rand der Butte, und meinte: Nun will.
ich abwarten, was nun geschehen wird! Einer wird mich doch
wohl holen kommen.
Er sah sich während dessen das Haus an, und die großen
braunen Retze, die davor zum Trocknen an langen Stangen
hingen, und die Häringe und Flundern und Schollen, welche

=- IH -=
der Jansen sich von der Sonne für den Winter an den langen
Seilen dörren ließ. Bis auf das Haus kannte er das Alles:
die Netze und die Häringe und die Schollen. Unter dem
Wasser hatte es aber Alles anders ausgesehen.
Darüber kam der Doktor wieder vor die Thüre. Er hatte
sich die Eigarre angesteckt und sah sich's an, wie sich der Robby
putte. - Den müssen sie reinweg vergessen haben! sagte er.
Das wollte der Robby nicht auf sich sitzen lassen, es kam
ihm gegen seine Ehre vor. Nein, sagte er, die Mutter hat
nach mir gerufen.
I! der Tausend, kannst Du sprechen? rief der Doktor
ganz oerwundert.
Ja! aber nur plattdeutsch und ein Bischen! entgegnete
der Robby schüchtern.
Immer besser als Nichts! lachte der Doktor fröhlich. Da
er bisher die Seehunde immer todtgeschossen, wenn sie ihm
zu Gesicht gekommen waren, hatte er noch keinen Verkehr mit
ihnen haben können. Daß Du hier zu Lande auf den Inseln
nicht hochdeutsch lernen konntest, das versteht sich. Aber warum
bist Du denn nicht mitgegangen, als man Dich gerufen hat?
fragte er.
Robby zog die Nüstern in die Höhe. Daß er ungehorsam
gewesen, wollte er nicht gerne sagen, und daß er in des
Doktors Händen und Gewalt war, das zu merken war er
klug genug. Er besann sich also eine kleine Weile, dann sagte
er, halblaut wie jeder Junge, der ein schlecht Gewissen hat
und sich mit halber Wahrheit und halber Lüge durchzuhelfen
sucht: Ich wollte gern die schöne Erde sehen und mit Menschen-
kindern spielen!
So? das wolltest Du? - Nun dazu kann Rath werden!
rief der Doktor, obschon Du ein kleiner, schlauer und ver-
logener Schlingel bist, denn was weißt Du von Menschen-

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kindern? Aber unter den Menschen wirst Du schon gehorchen
lernen! Also frisch vorwärts, Jansen! In den Korb geht er
gut hinein. Packt ihm ein Theil Stinte bei, damit er nicht
verhungert. Macht den Korb fest zu mit Stricken und hängt
ihn dann vorn an's Boot. Den Schein gebt auf der Post
ab, und wenn ich erfahre, daß Robby in meines Schwieger-
vaters Haus bei meinem Jungen gut angekommen ist, so giebt
es einen steifen Grog und ein gut Trinkgeld obendrein.
Während dessen hatten sie Robby in den Korb gepact,
hatten ihm was zu essen mitgegeben, der Doctor selber legte
ihn in dem Korb noch ordentlich zurecht, und wie ihn der
Robby darauf ansah, sagte er: Nun nimm Dich in Acht! folge
auf das Wort. Desmal bist Du mit Deiner Neugier noch gut
davon gekommen, immer geht's nicht so! Und nun mnarsch
fort! und grüß mir den Fritz und all! die Anderen auch.
Damit legten sie ihm den dichten Deckel über den Kopf
-- und aus war der Spaß! - Sie bastelten und rumpelten
an ihm herum; hier stieß er an, und auf der andern Seite
wieder, dann trugen sie ihn weg. Darauf war er im Wasser,
ohne daß er schwamm. Zu sehen war Nichts, nicht oben und
nicht unten. Die Sache wollte ihm nicht in den Kopf. In-
deß was wollt' er machen? Großvater hatte oft gesagt: Bist
darvör, mußt och dör!ns Also: Dör!
Wie lange er so im Wasser gebaumelt, er wußte es nicht.
Daß es Tag wurde, merkte er endlich wohl, denn es schimmerte
heller durch das Korbgeflecht; aber was weiter mit ihm vor-
ging, konnte er nicht unterscheiden. Bald wurde er sorgfältig
getragen, dann schmiß ihn Einer, daß er krachte, durch die
Luft zur Erde. Er hörte ein Horn blasen, Räder rollen,
klingeln, pfeifen, daß es ihm die Ohren fast zerriß, und rattern
y Bist Du davor, so mußt Du durch.

= FHF -
und rattern, und schütteln und schütteln ohne Ende, daß er
dachte: Wenn das der Menschen Freuden auf der Erde sind,
da war mir besser in dem kühlen weichen Wasser bei der
Mutter, unter all' den Fischen, die so köstlich schmecken, und
über den Wäldern von schönem Seetang, der im Wasser seine
grünlichbraunen langen Arme ausstreckt. - Er dankte seinem
Schöpfer, wenn das Geraßle eine Weile innehielt, und ein
Strom von kaltem Wasser sich, er wußte nicht von wannen,
über ihn ergoß, denn er war am Verschmachten; und er
weinte, wenn er an die Mutter dachte. Indeß es war zu spät!
Und wieder wurde es finster und noch einmal ward es
hell, und das gräuliche Gequitsche und Gepfeife und Geraßle
und Geschüttle hatte nachgelassen. Da setzten sie ihn endlich
auf den Boden.
Ein weicher warmer Duft drang durch seinen engen
Käfig zu ihm ein. Er hörte Stimmen, hörte fröhliches
Lachen, auch Glocken klangen wie am Sonntag, als es auf
der Insel so schön gewesen war; und wie sie ihm den Deckel
von seinem Korbe abnahmen, und er die Augen aufmachte,
traute er ihnen nicht - denn es war Alles gar zu herrlich,
gac zu wundervoll.
Unten im Meere, wenn es einmal recht still gewesen
war, und die Sonne oder der Mond ihre goldenen Brücken
von Juist nach Borkum herübergespannt hatten, daß der
Widerschein durch das Wasser leuchtete, und man tief herab-
gesehen hatte auf den Grund, auf dem die geäderten Quallen
und die feuerrothen Seesterne zwischen dem Tangwald es sich
wohl sein ließen, hatte die Mutter wohl gesagt: ganz unten,
in der untersten Tiefe, wo die schöne Seekönigin mit den
Seejungfern in ewiger Jugend ihr Reich regierte, da sei es
noch viel schöner. Dahin würde sie ihn einmal mitnehmen,
und ihm die Schätze von goldigem Bernstein und von puwpur-

= FIh =
rothen Korallen zeigen. Aber was war das Alles gegen die
Herrlichkeit rund um ihn her!
Er wußte nicht was er sah, nicht wo er war. Aber es
wehte so feucht und frisch aus der Tiefe herauf, die Frische
kannte er. - Das war Wasser, schönes, helles Wasser, das
war seine Element! Und rasch hinunter glitschend an dem
weichen, glatten Rasen, war er mit einem Satze mitten und
tief unten in dem Teiche.
Er ist sort! fort! rief der kleine Frit, der mit der Mut-
ter und mit den Großeltern am Teiche gestanden und zuge-
sehen hatte, wie man die Stricke von dem Korbe abgebunden,
wie der Robby zum Vorschein gekommen war, und mit weit
offenen Augen so verwundert um sich gesehen hatte.
Fort! fort! rief er mal auf mal, und wollte schon zu
weinen anfangen. Da tauchte jedoch der Robby blank und
lustig wieder auf, und tauchte unter und wieder auf, und
schoß guer durch den Teich, und schwamm rund herum, und
schnaufte ünd schnaufte und pustete. Fritz konnte sich vor
Lachen gar nicht lassen. Das war ein Spielkamerad, wie er
ihn sich lange schon gewünscht. Sie waren Beide seelewwergnüügt,
der Robby und der Fris; und weil der Kleine so viel. Freude
an dem Robby hatte, ward er auch den Großen lieb. Er
hätte es auf Erden gar nicht besser treffen können. Denn
wer einmal in diesem Hause war, der blieb da bis an sein
Lebendsende und hatte vollauf, was er brauchte an allen
guten Dingen. Und mit dem Robby hatten sie es eben so
im Sinne, denn sie hatten ihn gleich in den großen Teich
geseyt, wo es ihm an gar nichts fehlen konnte.
Es war aber nach dem Abendessen gewesen, als Robby
in dem Schlosse eingetroffen war, und da die Zeit zum Schla-
fengehen herankam, sagte ihm der Kleine gute Nacht, und daß
er morgen früh gleich wieder kommen werde. Robby hörte

= Fg --
das mit halben Ohren an. Er hörte auch, daß der Großvater
Befehl gab, die Schleuse zuzumachen, die nach dem Flusse
führte, damit der Robby nicht aus dem Teiche und nicht zu
Schaden käme, und den großen Reufundländer einzusperren,
damit ihm der kein Leid zufüge.
Zu Schaden kommen! Leid zufügen! sprach er ihm im
Stillen nach und lachte. Das sagen die Großen und die
Alten immer, wenn sie uns einsperren und nicht von sich
lassen wollen. Das hat die Mutter immer gesagt! und hätte
ich daran geglaubt und nach ihr gehört, und wäre ich nicht
auf dem Lande geblieben, wie sie Alle in ihrer Angst davon
geschwommen sind, wo wäre ich denn jetzt? =- Immer wieder
da unten in dem kalten Wasser, und nicht hier; hier wo es
gar so schön ist, so wunderschön. Er kam sich ungemein ge-
scheidt und weise vor.
Er hätte schon gern ganz gron, am liebsten ein Walfisch
sein mögen, um auch wie der vor Vergnügen hohe Wasser-
strahlen in die Luft schleudern zu können; denn er war sehr
mit sich zufrieden. Er hatte hier Alles was sein Herz begehrte,
und Alles war ihm reizend neu. Die großen Karpfen, die
fetten Bleie, die blanken Goldfische, all' das liebe Gethier, das
er noch nie gesehen, von dem er essen konnte so viel er immer
wollte, und das der liebe Herrgott, wie der Robby meinte,
ganz eigens und allein für ihn geschaffen, weil es ihm so sehr
gut schmeckte. Das süße Wasser gefiel ihm zur Abwechslung
auch nicht schlecht, und zu sehen war so viel, daß er es nicht
bewältigen konnte.
Das Schloß mit seinen vielen Fenstern, durch deren
buntgemalte Scheiben das Lampenlicht herniederfiel, lag so
ruhig da. Große Bäume umstanden seinen Eingang. Ein
großer Garten umgab es ringsherum, und durch die Büsche
schlängelte sich der Fluß hindurch, der hinabglitt bis zur
F. Le wald, Reisebriefe.

== HHhß -
nächsten Stadt, in die Wiesen und Wasser der Frau Lippe
hinein, und mit dieser weit und weiter fort bis in den Rhein
und bis zuletzt in's Meer.
Oben am Himmel stand der Mond und betrachtete sich
das Alles auch und hatte offenbar auch seine Lust daran. Er
leuchtete mild herab von seinem hohen Thron. Er hörte zu,
wie es leise in den Zweigen der alten Bäume rauschte, wie
der Aeolsharfe geheimnißvolles Klingen sanft die Nacht durch-
tönte, als der Vogelsang verstummt war. Und Robby gefiel
das Alles auch, wenn er schon nicht wußte, was es war. Er
wicgte sich auf dem Teiche im hellen Mondenglanz. Er lachte
über all' die grünen Frösche, die so drollig quakten; er sah
sich die weißen Wasserlilien auf den großen blanken Blättern
an, und die funkelnden Glühwürmchen, die durch die Blumen-
beete schossen, und die Fledermäuse, die wie Schatten hin und
wieder zogen, bis all' das Schweben und Tönen und Sehen
ihm den Sinn umstrickte, daß er sich auf den Rasen am Ufer
niederlegte, und müde wie der Fritz in seinem Bettchen, seine
Augen schloß.
Aber Sommernächte sind nicht lang und junge neugierige
Bursche sind früh munter, besonders wenn sie ihre eignen
Plane haben, und nach ihrem Sinne ihre eignen Wege zu
gehen denken. Wie die Sonne hinter dem großen Walde
aufging, daß es röthlich zu schimmern anfing über den Riesen-
tannen, hatte Robby auch schon seine Augen auf. Der fremde
Laut, das Krähen des schönen bunten Haushahns, der immer
in der großen Esche übernachtete, hatte ihn um Tagesgrauen
aufgeweckt, und der Lerchensang machte ihn froh und munter.
Er putte sich wieder gründlich, aß sich gründlich satt, sah sich
noch einmal das große Schloß und all' die Herrlichkeiten an,
dann machte er aber entschlossen Kehrt; denn hier im Schloß
zu bleiben für und für, dazu war er nicht von der heimats

==- H -
lichen Insel fortgegangen. In die Welt hatte er gehen wollen,
in die weite Welt! Und weiter hinein in die Welt machte er
sich nun auf seinen Weg, ehe die Menschen kamen, die ihn
daran hindern konnten.
Da hinten - er hatte es wohl gesehen - da hinten, wo
der Gärtner auf des Großvaters Befehl das Thor herunter-
gelassen hatte vor der Schleuse, da hinaus ging's in die Welt;
also flink an's Thor. = Aber der Großvater und der Gärtner
hatten ihre Sache gut verstanden, das Thor saß fest. Robby
duckte tief unter, da wwar fester Grund. Er versuchte es zur
Rechten und zur Linken, die dicken Mauern ließen ihn nicht
durch. Was nun thun?
Jenseits, weit hinter dem grünen Rasen, rauschte und
plätscherte fließendes Gewässer, dorthin mußte er. Er sah sich
die Strecke an: den großen Rasenplat, die kiesbestreuten
Wege, und er sah sich selber an. Auf Gehen war er eigent-
lich nicht eingerichtet, am wenigsten auf solche weite Wege
über Gras und Stein. Aber er mußte ja in die Welt, und
RUED== ==- ==-
Und es ging! langsam freilich! mühsam und beschwerlich!
aber doch es ging! Als die ersten hellen Sonnenstrahlen
goldig sich ergossen über das im Morgenthau erglänzende
Grün, hatte er des Flusses Ufer schon erreicht. Eilig, damit
ihn keines Menschen Aug' gewahrte und Niemand ihn zurück-
hielt, huschte er durch das im Morgenwinde schwankende hohe
Schilf, und die Bachstelzchen aufschreckend, die an dem Rande
des Wassers badeten, stürzte er sich in die Arme der flinken
Wasserfrau, der lustigen Asse, und ließ sich von ihr geschaukelt
mitnehmen - wohin? - Er wußte es nicht. Aber gleichviel!
mitnehmen in die weite Welt.
Die Asse spritzte hell vor Lachen auf, als das sonderbare
W

=- IhZ =
Geschöpf sich ihr an's Herz warf. Ein solcher närrischer
Kerl war ihr noch nicht vorgekommen unter allen ihren In-
sassen. Es war grade, als wenn ein Mohrenkind hier zu
Lande mit einemmal auf offenem Markt erschiene. Die Aale
und die anderen Fische kamen staunend herbei, indessen Robby
that ihnen kein Harm, denn er hatte sich im Voraus tüchtig
vollgegessen, und so gefiel er Allen rund umher; und Fcau Asse,
ihn freundlich streichelnd mit ihren kleinen Wellchen, fragte
ihn: Wo gehörst Du hin, mein Kind? wo kommst Du her
mein Sohn?
Weit von hier, von oben her, vom Meere! sagte er stolz
und selbstgefällig.
Und was willst Du hier? wo willst Du hin?
Ich bin auf Reisen und will' mich erlustiren! Ich sehe,
Du gehst dort in's Land hinein, zur Stadt; Du kannst mich
mit Dir nehmen! sagte er. - Er warf dazu, wie ein rechter
Stuter, den Kopf vornehm zurück, daß ihm die Barthaare in
die Höhe standen, und that grade als erzeigte er der guten
ehrlichen Frau Asse eine Ehre, wenn er einen Dienst von ihr
begehrte. Sie ist aber sehr gutmüthig, war an dem Morgen
ganz besonders gut aufgelegt, und so meinte sie: Last hab'
ich nicht davon! mag der lächerliche Bursche immerhin auf
meinen Wellen thalwärts gehen, und sein Glück probiren.
Man wird es ja erleben, wo's mit ihm hinaus will.
Und ohne daß er sich viel zu regen brauchte, trug sie ihn
in ihren Fluthen mit sich fort, und er lag auf ihnen, wie
ein großer Herr in seiner Kutsche, und sah sich Alles an: die
Felder, voll von gelben Aehren und blauen Kornblumen und
rothem Mohn; die Wiesen mit den schön gefleckten Kühen;
die flinken Pferde vor den Wagen, die vorüberrollten; die
Häuser und die Menschen und die kleinen Menschenkinder an
dem und jenem Ufer; und dahinter wieder die Wälder, aus

= hZ -
denen schlank und hoch die Kirchthürme hervorsahen, und die
thurmhohen Schornsteine, aus denen die dicken Rauchsäulen
kraus wie Wellengebrause in die Lüfte stiegen.
Ihr könnt mich lange suchen in Eurem alten Schloß, in
Eurem runden, engen Teiche, in dem Ihr mich festhalten
wolltet, grade wie die Muttcr in dem Meere, lachte Robby
still in sich hinein, denn der Kamm war ihm jett sehr ges
schwollen, weil es Alles so gut ging und gelang, mit seinem
Wagniß. Hier ist es am besten! dachte er. Wer ein rechtes
Herz und einen offenen Kopf hat so wie ich, der muß es
machen so wie ich. Der muß nach Niemand fragen und nach
Niemand hören! der muß frei sein und sich umthun als sein
eigener Herr nach eigener Wahl! Dann kommt er an das
rechte Ziel! - Und damit kam er aus dem Bereich der Frau
Asse in der Frau Lippe feuchtes Wasserreich, und an die Brücke
in der Stadt.
Er war ordentlich ärgerlich, daß er keine Arme und keine
Müte hatte, und sie nicht vor Vergnügen schwenken und nicht
so vor Freude jauchzen konnte, wie die große Menge von
Jungen, die von der Höhe der Brücke auf ihn niedersahen,
und sich drängten und stießen, als könnte keiner von ihnen
rasch genug heran, den sonderbaren Ankömmling zu sehen und
zu begrüßen.
Hier, das merkte er, hier war er was werth! hier
war er ein Wunder! In dem alten ewigen Meer hatte
Niemand sich um ihn gekümmert! Hier war er an seinem
Plate!
Häuser standen hier dicht an Häusern, ein alter großer
Kirchthurm, ein großer Martt, ein Rathhaus, große Brücken,
bunte Soldaten mit klingendem Spiel und blanken Gewehren,
und Menschen, Menschen, immer mehr und immer mehr! Er
wußte nicht, wo ihm sein Kopf stand.

=- IJI -=
Er machte alle seine besten Künste, sah hier hin und sah
dort hin mit den großen, schönen Augen, und wo er hin-
schwamm, da schrien sie: Seht, seht die Otter! die schöne Fisch-
otter! seht doch! seht!
Freilich, er ahnte nicht, was Otter und Fischotter bedeuten
sollte, aber er merkte, daß es etwas sehr Schönes und Seltenes
sein mußte, und daß all' der laute Jubel ihm allein galt.
Oho! sagte er in seinem Innern, Ihr sollt Euer Wunder
hören, wenn ich einmal von meiner Entdeckungsreise zu Euch
nach Hause kommen werde. Ich habe ganz andere Dinge ge-
sehen und erlebt, als Ihr auf Eurer Insel und da unten in
dem Meere; ganz andere Dinge als der Ohm in Island und
die Base auf der Insel Wight! Wer hat sich da um sie ge-
kümmert, wo es ihres Gleichen alle Tage giebt? Aber hier,
hier in der Stadt! Wo ist je Einer von Euch Allen so auf-
genommen worden als ich hier! als der Robby bei seiner
ersten Ankunft in der Stadt?
Da: - Piff! paff! - Ein Bliz! ein Knall! - Sie
schrien alle laut vor Freude! = All' die Herrlichkeit war aus!
Des Jägers Flinte hatte gut getroffen. Er hatte auf
manchem Schlachtfelde in Frankreich sie erprobt. - Der arme
Robby, der war hin. Hin und todt für immer.
Mit einem Schifferhaken holten sie ihn aus dem Wasser
an das Land, und nun erst sahen sie, was sie geschossen und
gefangen hatten, und konnten es nicht begreifen, wie der See-
hund in die Lippe und nach Hamm gekommen war, tief in
das Westfalenland hinein.
Und wie sie sich in der Stadt verwunderten, daß der
Robby da war; so verwunderten sie sich in dem Schlosse, daß
er fort war; und der kleine Fritz weinte um ihn seine bitteren
Thränen. Aber was konnte das dem Robby helfen? Der war
kalt und todt.