Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 34

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Nun haben sie ihn ausgestopft und ihm statt seiner
schönen Augen große Glasaugen in den Kopf gesett, und so
steht er da, vor eines alten Kürschners Laden. Und wenn
die Jungen aus der Schule kommen, machen sie vor dem
Laden halt, ihn anzugucken und sich zu erinnern, wie patig
er herumgeschwommen an der Brücke in dem Sonnenschein.
-er alte Kürschner aber steht mit der langen Pfeife in
dem Munde vor der Thür, und sagt schmunzelnd, während
er den Jungen droht: Der konnt' auch nicht gleich pariren!
und das hat er nun davon! Marsch sort! thut gut! nehmt
ein Exempel dran!
lierunlllreißigfer srief.
Der Mlünster zu Kltenberg und die Nuine zu
Lipptadt.
Dessau, den 1 Oktober.
Es ist eine lange Reihe von Jahren her, seit ich einmal
auf der Fahrt von Manchester nach Liverpool im Eisenbahn-
wagen mit einer etwa dreißigjährigen Engländerin zusammen-
traf, die mir über alle Lrte, welche wir mit dem Zuge be-
rührten, und über Alles, was mir während der Fahrt auffiel,
so vortrefflichen Bescheid zu geben wußte, daß ich bei meinem
Dank für ihre Bereitwilligkeit ihr zugleich die Bemerkung
machte, sie müüsse eine sehr gute Beobachterin und vermuthlich
viel gereist sein.
O ja, entgegnete sie, ich habe meine Augen offen und ich
bin auch viel gereist, aber nur in unserem Lande. Ich habe
es nämlich immer für eine Thorheit gehalten, in das Ausland

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zu gehen, so lange man sein eigenes Land und dasjenige, was
es Eigenartiges und Schönes in sich schließt, nicht gründlih
kennen gelernt hat. Man schafft sich damit eine Bewunderung
der Fremde auf Kosten der Heimat, und das ist ungerecht und
schädlich!
Sie sagte das einfach wie etwas, was sich von selbst ver-
steht, dadurch machte es aber einen um so tieferen Eindruck
auf mich. Es lief auf des Dichters Worte hinaus:
Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah!
Ich nahm mir also vor, sobald es sich thun lassen würde,
nach diesem verständigen Beispiel zu handeln, und doch kam
es nicht dazu. Wir waren genöthigt, uns bei unseren Reisen
von Rücksichten auf die Gesundheit, auf bestimmte
Studien u. s. w. leiten zu lassen, und schließlich wirkte das
Eisenbahnsystem wie auf die Meisten auch auf uns. Die
Eisenbahnen machen den Reisenden gleichsam fernsichtig.
Sie machen, daß er über alles Dazwischenlicgende hinwegsieht,
und lassen ihn, namentlich in seinem Vaterlande, immer nur
die großen letzten Punkte, die Wallfahrtsorte der landläufigen
Touristen-Reiserei, vor Augen haben.
Fällt es uns gelegentlich, wenn wir unsere Reiseplane
entwerfen, dann einmal ein, daß wir Triest und Venedig
kennen, aber in Bremen oder in Lübeck und in Danzig nie
gewesen sind, sagen wir uns ein andermal, daß wir in
Ravenna recht gut Bescheid wissen, aber in Goslar nicht, daß
wir Procida besucht haben und die Stubbenkammer auf der
Insel Rügen nicht, so helfen wir uns mit dem Troste, daß
wir nach Orten, die uns so nahe liegen wie die vaterländischen,
in jedem Augenblicke kommen können, daß es dazu immer
noch an der Zeit sei, daß diese Orte, wie man so zu sagen
pflegt, uns nicht weglaufen. Indeß der Augenblick und die

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Zeit für diese Reisen in die Nachbarschaft kommen nach meiner
Erfahrung uns sehr selten oder niemals, wenn es nicht einen
Besuch zu machen gilt; und weil die Heimat uns nicht wegs
läuft - was beiläufig die fremden Gegenden eben so wenig
thun - laufen wir ihr weg und in die Ferne, und sind
dann, wenn der Zufall uns nach einem merkwürdigen Punkte
in unserem Geburtslande hinführt, höchst erstaunt über all.
Dasjenige, was es bei uns zu Hause zu sehen giebt und was
wir und die meisten unserer Bekannten doch nicht gesehen
haben.
So ist es mir z. B. in diesem Jahr ergangen, als der
Wunsch, alte Freunde wiederzusehen und neue Freunde in
ihren Behausungen aufzusuchen, mich bei der Rückkehr aus
dem Süden die letzten Sommermonate am Rhein und in
Westfalen verweilen ließ; und als wir eines Tages von
Bergisch-Gladbach aus durch wechselnde gelinde Höhenzüge ein
Ende hineingefahren waren in das Land. -
Die ganze Gegend hat nichts Auffallendes, nichts Groß-
artiges. Es sind meist wasserreiche Wiesengründe, deren
schnellere Bäche im Fabrikbetrieb vewwerthet werden, kleine
bewaldete Hügel, Fabriken und bei denselben reinliche Arbeiter-
häuser, bewohnt von einem hübschen Menschenschlag, dessen
gesund aussehende und wohlgekleidet zur Schule gehende
Kinder einen erfreulichen Eindruck machen. In solcher Um-
gebung waren wir etwa eine Stunde fortgefahren, das Schloß
und die Kirche von Benöberg, den in eine Kadettenanstalt
verwandelten einstigen Sommersitz der Erzbischöfe von Köln,
immer auf der Höhe vor unseren Augen; sodann an den
Flecken Paffrath und Odenthal vorüver, vorüber an dem sehr
romantisch an dunklem Waldesrand gelegenen, dem Fürsten
Leo Metternich gehörigen Schlosse Strauweiler. Ein Dichter
könnte sich für eine phantastische Novelle keinen geeigneteren

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Bau, keinen besseren Hintergrund erfinden. Ein Lord Leicester
könnte eine Amy Robsart dorthin flüchten! Und noch war ich
mit dieses Schlosses Reiz beschäftigt, als wir, um eine Ecke
des Waldes biegend, mitten in einem von baumreichen Hügeln
eng eingeschlossenen Thale plötzlich einen der schönsten gothischen
Dome vor uns liegen sahen: den aus dem dreizehnten Jahr-
hundert stammenden Münster von Altenberg.
EistercienserMönche, deren Kloster dicht daneben liegt,
haben ihn erbaut; er ist ein Meisterwerk der reinsten Gothik.
Als hätten die Baumeister die ihre Aeste gen Himmel erhe-
benden Bäume des Waldes zum Vorbilde genommen, so
schlank und kräftig streben die Pfeiler unverschnörkelt in die
Höhe. Alles ist licht und klar in dem herrlichen Bau. Die
Fensterbogen sind breit und kühn in ihrer Wölbung zuges
spitzt; alle Verzierung in demselben, der Natur entnommen.
Eichenblätter, Klee und anderes Gerank umgeben als Aus-
schmückung die Säulenkapitäle. Sie wiederholen sich in den
vielfachsten und anmuthigsten Verschlingungen, in zarten,
hellen Farben ausgeführt, auch in des mächtigen Baues
Seitenfenstern. Dieses Anlehnen an die Natur hat hier in
der Waldeseinsamkeit eine ganz besondere Anmuth, und ich
entsinne mich nicht, es in einem anderen Baue so durchgehend
angetroffen zu haben. Nur das eine herrliche Fenster über
dem Portal zeigt figurenreiche historische Darstellungen in der
Glasmalerei. Die große, aber nicht schöne Grabstätte eines
Grafen von der Mark und seiner Gattin, und ein paar andere
Denkmale sind wohl erhalten. Friedrich Wilhelm l. hat her-
stellen lassen, was verfallen war, und man besserte auch jetzt
noch nach. Aber obschon der Bilderschmuck und jene reichen
Zierrathen, welche sonst die katholischen Kirchen für das Auge
und den Sinn so wohlgefällig machen, dieser alten Kirche
gänzlich fehlen, so ist sie doch von einer so heiteren Erhaben-

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heit, wie man sie im Allgemeinen in den gothischen Kirchen
selten findet.
Die Romantik des Schlosses von Strauweiler und die
schöne Weltabgeschiedenheit der Klosterkirche stimmten wunder-
voll zusammen. Man konnte es vergessen, wie in der Nähe
die Dampfmaschinen keuchen, wie unfern der Zug der Eisen-
bahn vorüberbraust, und oben in Bensberg Kadetten exerciren.
Ich meinte sie hervortreten zu schen, die Mönche, welche in
den fetten, wohlgeschütten Triften, an den klaren Teichen sich
den rechten Punkt für ihr Asyi gewählt. Ich meinte, sie
würden ihren Umzug halten. Ich lauschte, ob ich nicht das
Glöcklein klingen hörte; ich horchte, ob von draußen das Hift-
horn nicht erklang, ob nicht der Ritter, die Schöne vor sich
auf dem Roß, vorübersprengte nach der Burg hinauf, die
ihren Eingang, abgewendet von der Heerstraße, nach dem
Walde aufthut, die Kommenden und Gehenden vor dem Auge
der Außenwelt zu bergen.
Lägen ein solches Schloß und solche Kirche so nahe bei
Paris oder bei London und bei Edinburg, es würden, glaube
ich, mehr Deutsche davon wissen, als von dem Münster von
Altenberg, einige Stunden nur von Köln.
Es war aber, als, sollte ich bei der Heimkehr in Deutschland
nicht nur an diesem Tage, sondern immer auf das Neue an die
patriotische Weisheit jener englischen Reisenden erinnert werden.
Ein paar Wochen nach jenem Besuche des Altenberger
Domes war ich von Hamm aus mit meinen Freunden, an
dem uralten Velwer Wald vorüber, nach Lippstadt gefahren,
wohin eine Dame uns geladen hatte, mit der und deren
Familie ich im Winter in Rom zusammengetroffen war.
Lippstadt ist ein kleines, sehr sauberes Landstädtchen mit
breiten Straßen, mit niedern, oft einstöckigen Häusern, die
Giebel nach der Straße hingewandt. Dazwischen alte Kirchen

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mit vierschrötigen Thürmen, aus einem eigenartig grünlichen
Sandstein ausgeführt, der im Lande gebrochen wird. Ab und
zu ein neues ansehnliches Wohnhaus an großem, wohl-
gepflegtem Garten, so still, so breit behaglich angelehnt, daß
man hätte da bleiben mögen, um die Sinne und die Seele
ruhen zu lassen. Es gefiel mir sehr. Da meinte mit einem
Mal die Hausfrau, da ich so viel Ruinen in Jtalien gesehen,
so müßte ich doch auch die Lippstädter Ruine sehen. Ich hatte
von einer solchen nie gehört. Aber auch die anderen, zum
Theil in Westfalen heimischen Gäste wußten von einer solchen
nichts - Roslin Chapel in Schottland aber hatten sie gesehen
so gut wie ich.
Wir gingen dieHauptstraße entlang, durch eine kleineStraße
über eine kleine Brücke in ein flaches, wasserreiches Gartenland
hinein, und wie in einem Zauberspiegel lag wieder eine
prachtvolle gothische Kirche, ihres Daches beraubt, vor unsern
Augen: die Stiftskirche des adeligen Fräuleinstiftes, das,
ebenfalls im dreizehnten Jahrhundert oder früher noch ge-
gründet, einst ein Kloster von Augustiner -Nonnen ge-
wesen war.
Nur ein Theil des Baues ist erhalten, aber ein in sich
abgeschlossener Theil. Wie und wann die Kirche zerstört wor-
den ist, wie sie zerstört werden und dieser Theil in gerade
dieser Weise erhalten bleiben konnte, weiß ich nicht. Man be-
hauptete, daß noch vor fünfzig, sechzig Jahren der protestan-
tische Gottesdienst in derselben gehalten worden sei So wie
sie da steht, ist sie schöner als die Ruine in Heisterbach gegen-
über Bonn, schöner als die thüringische Nuine von Paulinzell.
Sie ist ein Bild, wie kein Architekturmaler es sich für seinen
Vorwurf besser wünschen könnte.
Große Bäume sind innerhalb der wohlerhaltenen Mauern,
zwischen den hoch und majestätisch aufrechtstehenden Pfeiler-

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bündeln emporgewachsen. Von den Mauern, die noch bis
über die schön geformten Bogenfenster erhalten sind, hängt
wucherndes Gestrüpp herab. Glänzender Epheu und purpur-
rother wilder Wein mischen ihre Ranken und Farben und
lassen das Sonnenlicht flimmern durch ihre Blätter, wo sonst
die Farben der Glasmalerei das Auge erfreuten. Aus Holunder-
büschen sehen alte gothische Steingebilde hervor. Grabsteine
der adeligen Fräulein -- Beate von Bismark stand auf dem
einen zu lesen - sind von Farrenkräutern halb verdeckt; und
damit dem natürlichen Vergehen und Werden sein Gegen-
satz nicht fehle, hat man in dem Chor an wohlgeschützter Stelle
einige der alten Heiligen- und Engelbilder aufgerichtet, die
aus der Zerstörung geborgen worden sind. Beete voll wohl-
gepflegter Blumen, Rosen in dunkeln Farben, streuten ihre
Wohlgerüche aus, wo sonst der leichte Duft des Weihrauchs
zu des Domes Gewölbe aufgestiegen war. Statt der Hymnen,
die hier einst erklungen, sangen die Vögel sich zur Ruhe; und
mit goldig rothem Schimmer breiteten, von dem Glanz der
sinkenden Somne noch vergoldet, die Abendwolken sich als
Baldachin friedlich über die schöne Trümmerstätte aus.
Man konnte sein Auge nicht abwenden von der Stätte.
Mllein die Sorge, den Zug auf der Eisenbahn nicht zu ver-
säumen, zwang uns endlich, von ihr fortzugehen. - Aber gehen
Sie hin, wenn Sie einmal des Weges kommen und diese
Ruine noch nicht kennen. Sie werden's nicht bereuen.
Und Sie werden es gewiß auch nicht bereuen, wie ich's
lange vorgehabt und jetzt endlich ausgeführt, sich einmal einen
Tag aufzuhalten in einer der ältesten Städte von Westfalen,
in dem alten Soest.