Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 35

= PsZ -
Fünfunclreißigtier lrief.
Ein Tag in oet.
Dessau, den S. Oktober 187s.
Wenn man es sich recht deutlich zum Bewußtsein bringen
will, welch eine Arbeit die Menschheit überall zu machen ge-
habt hat, ehe sie sich aus der Barbarei, aus den Schrecken
des beständigen Kampfes Aller gegen Alle, aus den Gewalt-
thaten des Faustrechts und der Feindseligkeiten von Stadt zu
Stadt, zu der Eigenthums- und Rechtssicherheit unserer Zeit
emporgerungen hat, so braucht man nur die Geschichte der
ersten besten alten Stadt zu lesen. Wo immer ich dies ge-
than habe: bei uns in unserer Mark, oder einmal in der
Schweiz, oder jetzt in Westfalen, immer ist es mir klar ent-
gegengetreten, welch ein Frevel es ist, diesen durch die Jahr-
hunderte mühsam zu Stande gekommenen Bau der geordneten
Gesezlichkeit, in welchem die rohen und selbstsüchtigen Be-
gierden des Einzelnen in Schranken gehalten werden, an-
zutasten oder gar zu zerstören, ohne daß man ein neues,
schützendes, wohlgegliedertes Haus und Dach bereitstehen hätte,
in und unter welchem es der Menschheit wohler werden und
besser ergehen soll als bisher.
Ich habe bei meinem letzten Aufenthalt in Westfalen
die Stadtgeschichten von Lippstadt, von Soest in Händen ge-
habt, und wieder ist mir ein Schrecken angekommen vor den
Zuständen, in denen die Gewaltthat mit neuer Gewalt ab-
gewehrt und gerächt ward, in denen der Friede zum Mythus
geworden, in denen der Bauer zuletzt gewaffnet sein Feld be-
stellte, um sein Eigenthum zu verwerthen; ein Schrecken vor

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allen Zuständen, in denen das Auge des Gesetzes nicht mehr
wacht.
Das jett so friedliche kleine Lippstadt, das alte Soest,
das schon im 1. Jahrhundert ein Gemeinwesen war und
bedeutend genug, sich ein Stadtrecht auszuarbeiten, welches
damals mustergültig für viele andere Städte, z. B. für
Hamburg und Lübeck, geworden ist, sind durch Zeiten des
fürchterlichsten Elends gegangen, und Soest trägt noch davon
die Spuren, wie kaum ein anderer Ort. Ich wenigstens wüüßte
keine Stadt zu nennen, in welcher die einstige Herrlichkeit
einer großen, an vierzigtausend Einwohner zählenden reichs-
unmittelbaren Hansastadt so furchtbar zerstört worden, und in
der doch noch Lebenskraft genug zurückgeblieben ist, um eine
neue, wenn auch langsame und bedingte Herstellung möglich
erscheinen zu lassen.
Ich hatte bisher AltBreisach immer für die am meisten
zerstörte Stadt in Deutschland gehalten. Sie ist es auch in
so fern, als ihr erneutes Aufblühen unwahrscheinlich ist, wenn
ihr nicht etwa eine Bergeisenbahn zu Hülfe kommt, oder der
Landesherr sich nicht oben auf dem herrlichen, an die Akro-
polis von Bergamo mahnenden Aussichtspunkte eine neue
Pfalz als Sommersitz erbaut, was Beides nicht vorauszusehen
ist. Aber in Breisach ist Alles klar, übersichtlich, leicht ver-
ständlich. Eine Reihe sauberer neuer Häuser bilden dort die
Straßen in der Unterstadt und ziehen sich an einem schattigen
Spaziergang und am Berge hinauf. Oben steht dem Münster,
einem Meisterwerk der Baukunst, an der einen Seite des
weiten Platzes, ein Tleil der alten Ruinen gegenüber; an
der anderen Seite, sich durch lange Straßen fortziehend, das
untere Geschoß von Häuserfronten, als letzter Rest der Ge-
bäude, zu denen sie gehörten. Durch die öden, eisenvergitterten
Fensterhöhlen blickt man in Obst- und Gemüsegärten und weit

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in die Ferne hinaus. Die Zerstörung in Breisach ist so zu
sagen, ordnungsmäßig geschehen, die Erhaltung der Reste
eben so. Es sieht sich wie in den Straßen von Pompeji an.
Alles ist oben in Breisach Einsamkeit, Abgeschiedenheit und
feierliche Stille. Nur dann und wann ging, als wir zu ver-
schiedenen Malen dort oben waren, einmal Jemand durch
die Straßen. Ein paar Kinder spielten auf dem sonnigen
Plan; ein Schreiber sah von seinem Pulte am Fenster eines
der wenigen aufrechtstehenden Häuser, von seiner Arbeit auf
und betrachtete uns und ein paar andere Fremden, die auch
gekommen waren, sich den Münster, die Gegend anzusehen.
Ein Mädchenkopf guckte aus dem Dachstübchen hervor und
schaute dem Geistlichen nach, der es grüßte und langsamen
Schrittes nach dem Münster ging. Weiterhin, in dem Garten,
der den Boden der ehemaligen Pfalz einnimmt, in den Bäu-
men und Büschen heller Vogelgesang, so hell, so mannigfach,
wie in tiesster Waldeinsamkeit. Wir konnten uns kaum los-
reißen von der Stätte, zu der kein Lärm des Weltgetriebes
dringt, wenn nicht von fern her der Ton der Eisenbahnen, in
der Luft verhallend, sich vernehmen läßt.
Anders verhält es sich mit Soest. Es hat etwas Un-
faßbares für den, der es zum ersten Mal betritt. Die Stadt
öffnet ihre hohen, einst mit sechsunddreißig Vertheidigungs-
thürmen besetzten Umwallungen und Ummauerungen, von
denen noch die Spuren vorhanden sind, nach der Seite der
Eisenbahn. An den anderen Seiten zieht sich der jetzt als
Spaziergang dienende, mit alten Bäumen bestandene Wall
um die Stadt hin, so daß sie sich tiefliegend und deshalb
immer noch wie eine Festung darstellt. Mitten in der Stadt
ein großer, von unterirdischen Luellen gespeister Teich, der
sich zu einem mit starker Strömung durch die Stadt fließenden
mühlentreibenden Bache verengt. Und nun die Stadt!

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Wie in einer Phantasmagorie, wie in einem Traume,
der das Verschiedenartigste aus verschiedenen Zeiten an uns
vorüberführt, so unvermittelt stellen die Straßen, die Gebäude,
die großartigen Kirchen, die zahlreichen Kapellen sich uns dar.
Und noch in der Erinnerung weiß ich die Reihenfolge nicht
festzuhalten. Nur der wunderbare Gesammteindruck der
Stadt und das Bild der einzelnen Kirchen und ihrer Kunst-
werke ist mir geblieben.
Hier ein landstädtlicher Straßenanfang mit kleinen ein-
stöckigen Giebelhäusern, in denen Handel und Gewerbe die
Erzeugnisse der Gegenwart in reichlicher Auswahl feilbieten.
Dann rechts ein von Feldsteinen eingefriedetes Gehöft, und
links ein Ende weiter ein eben solches, an die wilden, kriege-
rischen Zeiten mahnend, in denen die Bauern sich in die
Städte flüchteten, und dem Zuge des Westfalen zu gesondertem
Wohnen folgend, die Behausung auch in der Stadt abgrenzten
wie draußen auf dem Lande, wo sie nach wie vor ihre Aecker
bebauten. Man ist in der Stadt Soest, und das uralte
Bauernhaus, die Scheunendächer sehen aus dem Feldsteinwall.
hervor. Nußbäume beschatten es innerhalb des Walles, Busch-
und wildes Strauchwerk umgibt es überall. Die Thorflügel
der Gehöfte sind weit zurückgeschlagen. Ein Heuwagen wird
abgepackt, die Dreschflegel schallen auf der Tenne, die Kühe
an den Krippen wenden die Köpfe nach dem vorüberrollenden
Wagen. Der Wagen hält nach wenig Schritten und wir
steigen aus vor der Wiesenkirche, der alten, herrlichen, im
edelsten gothischen Stil erbauten St. Maria io gratis, die
jetzt eine protestantische Kirche und in durchgehender Er-
neuerung begriffen ist. Klar und sauber wie Filigranarbeit
zeichnen die dunkeln grünlichen Thürme sich gegen den hellen
Himmel ab. Neber den alten beschatteten Kirchhof schreiten
wir auf den ausgetretenen Grabsteinen, die dem Wege zur
F. Lewald, Reisebriefe.

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Kirche als Pflasterung dienen, in den stolzen Bau hinein, den
jetzt Gerüste bis zu seiner Wölbung einnehmen. Klopfen und
Hämmern, daß man sein eigen Wort nicht hört. Aber das
Auge ermißt die hohe Schönheit des Baues, erkennt in den
zum Theil zertrümmerten gemalten Fensterscheiben ihre
einstige Schönheit und die kindliche Insichbefangenheit der
alten Meister. In der Darstellung des Abendmahls an dem
Glasfenster über der großen Eingangsthüre, steht statt des Oster-
lammes ein tüchtiger westfälischer Schinken vor dem Heiland
auf der Tafel, und ihm zur Rechten stellt einer der Jünger
einen Wildschweinskopf mit gewaltigen Hauern auf den Tisch.
Aus der Kirche wieder in den Ansatz einer kleinen Straße
hinein. Jedes Haus scheint ein Eckhaus zu sein, jedes macht
sich besonders geltend, und plötzlich hält man wieder inne und
erstaunt. Nur durch eine ganz schmale Straße von einander
getrennt, zwei große alte Kirchen, so dicht, so eng aneinander
gestellt, wie man es sonst nur in Jtalien hier und da zu
sehen gewohnt ist. Wie kommen die hierher? fragt man sich
und fragt sich gleich danach: wo kommt in diese jetzt so stille
Stadt das alte Rathhaus her, mit seinem niederen rundbogigen
Laubengang, das auf seine Nachbarn, auf die kleinen alten
und neuen Häuser, hierniedersieht wie ein reicher Ahne auf
die verarmten Enkel? Eine kleine, kleine Strecke vorwärts!
Ein alter Patriziersitz, der in dieser Umgebung doppelt stolz
erscheint. Wie die bäuerlichen Gehöfte, ist auch er ganz einges
gränzt. Wohlerhaltene Mauern umgeben das feste, vielstöckige
Haus. Die alten Bäume in seinem Garten tragen breite
Kronen, Epheu umschlingt sie bis in die Wivfel. Er hängt
von den Mauern tief herab, Mauerpfeffer und wildes Gerank
und blühendes Unkraut wächst aus den Rissen in der Mauer
üppig hervor. Oberhalb der von der Zeit gebräunten Eichen-
thüren des Portals, das steinerne Wappen der Erbauer. In

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dem Hause, dessen Gast ich war, schöne Treppen mit schweren
Eichenholzgeländen. Das Holztafelwerk an den Wänden der
Flure, an den alten Schränken, mit Blumen, mit Landschaften,
mit Darstellungen aller Art von nicht ungeschickter Hand be-
malt; und auf solchem Hintergrunde ein junger, lebenslustiger
Haushalt, die Bildung, das Wohlbehagen und die Bequem-
lichkeiten, welche durch die Erfindungen unserer Zeit uns das
Haus und das Leben verschönen. Und solcher alten Patrizier-
sitze sind verschiedene vorhanden.
Man kommt aus dem Neberraschenden gar nicht heraus.
Hier ein langer, mit Gras und mosigem Grün bewachsener
Pfad mitten in der Stadt. Dann eine menschenleere Straße,
in welcher völlig verschlosfene, ansehnliche Häuser es verrathen,
daß einst mehr Menschen als jetzt den rt bewohnten. Nun
ein altes düsteres Schulhaus, dann ein ganz freundlicher Gast-
hof. Ein kleiner landstädtischer Marktplat, und wie zum Gegen-
satz das massige alte Stadtthor mit seinen Erkern, Vor-
sprüngen, Thürmchen und Altanen, mit der niederen Eingangs-
pforte, durch welche man unter dem schwerfälligen Bakzur Stadt
eingeht. Ein Thor, das von den Schritten des Kriegsvolkes
aus allen Zeiten und aus fernsten Ländern wiedergehallt hat.
Man ist betroffen, wenn man Damvfschornsteine unfern
von solchem Thor, unfern von diesen umwallten Gehöften,
von diesen engen Gäßchen, ihren Dampf ausstoßen sieht. Man
meint die Gewappneten des Kaisers, des Mansfelders, plün-
dernd und mordend aus diesen Mauern hervorbrechen zu
sehen. Man denkt, um die nächste Ecke werde Simplicissimus
einherstolziren in seines Hauptmanns Kleidern, in des Guber-
nators Livrey.
Auch unter dem Portal der schon im 1. Jahrhundert
erbauten Patrokluskirche erwartet man, so düster wie es sich
vor uns aufthut, eigentlich nicht die Menschen unserer Tage.
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Man würde sich nicht wundern, wenn der Zug der Geißel-
brüder vor demselben hielte, wenn man die Lieder vernähme,
mit denen sie das Ende der Pest erflehten, die auch hier mit
ihren Schrecken gewüthet hat:
Nun schlaget Euch sehre,
Durch Christus Ehre,
Durch Gott laßt die Ehre fahrn,
So wolle sich Gott über uns erbarm'n.
Nun recket auf Eure Hände,
Daß Gott das große Sterben wende,
Nun recket Eure Arme,
Daß sich Gott über uns erbarme!
In solch umwalltes Gehöft, wie es hier vielfach vorkommt,
gehört Gretchens Kämmerlein hinein! In solchen Mauern muß
der Garten gelegen haben, in dem sie und Faust und Frau
Martha mit dem höllischen Galan lustwandelten! Die ganze
deutsche Vorzeit wird einem lebendig in dem alten Soest, und
hier wie manchmal in Jtalien habe ich darüber nachgesonnen,
weshalb man von ,den Künsten des Friedens'' spricht, da ges
rade die wüsteste Zeit des Kampfes Kunstwerke entstehen machte,
deren Zahl und Schönheit auch in Soest in Erstaunen ver-
setzt und Bewunderung erregt. Und es sind doch nur ver-
einzelte, zerstörte Neberbleibsel dessen, was hier an Malerei,
an Skulptur, an Holzschnittzerei, an Kunststickerei und Gold-
und Silberschmiedearbeit einst vorhanden gewesen ist.
Was in Soest die langen Fehden, die Reformation, die
Wiedertäufer, der dreißigjährige Krieg nicht zerstört, das zer-
störten die späteren, namentlich der siebenjährige Krieg, nach
dessen Beendigung die einst so volkreiche Stadt auf kaum vier-
tausend Seelen heruntergekommen war. Jetzt zählt sie deren
wieder gegen fünfzehntausend, und die neue Zeit giebt sich in
der alten Stadt in jedem Sinne erfreulich kund.