Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 36

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Die Ackerwirthschaften in derselben gedeihen, die Fbri-
kation greift um sich. Man ist bemüht die alten Baulichkeiten,
die Werke früherer Kunst, soweit sie in den Kirchen und sonst
noch vorhanden sind, zu erhalten und auszubessern. Es sind
in den Wandmalereien der Kirchen noch so fein empfundene
Darstellungen vorhanden, daß man sich daran erfreut. Der
gelehrte Kunstforscher Professor Lübke hat vielfach auf die
Soester Kunst hingewiesen und sich eingehend mit ihr beschäftigt.
Auch der Verein der Alterthumsfreunde im Rheinland hat
Umrisse nach den Soester Bildern u. s. w. in seinem Programm
zu Winckelmanns Geburtstag im Jahre 1875 erscheinen lassen,
die mir vorliegen und mir ergänzen, was der einmalige An-
blick in mir nicht festzuhalten vermochte.
Das aber weiß ich bestimmt, Soest besuchen kann Nie-
mand, ohne sich von dem Hauche vergangener Jahrhunderte
umwittert zu fühlen und die Schauer der mittelalterlichen
Romantik zu empfinden. Niemand kann den echt romanischen
großartigen Bau der katholischen Patrokluskirche, Niemand die
Wiesenkirche und die Nikolaikirche besuchen, ohne sich an dem
zu erfreuen, was unsere Altvordern geschaffen, ohne es zu
bedauern, daß die unseligen Kämpfe innerhalb unseres Vater-
landes so viel Herrliches zerstört, und ohne es von Herzens-
grund zu segnen, daß jetzt über Deutschland Friede und Gedeihen
versprechend, das Gesetz des geeinten Deutschen Reiches waltet.
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In meinen vier Wänden.
Berlin, den 15. Oktober 1878.
Seit acht Tagen bin ich wieder zu Hause, wieder in
meinen lieben vier Wänden. Ein zwanzigjähriges Erinnern
knüpft mich an die stillen Räume, in denen selbst meine

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Sorhen, wie Klopstock es so schön genannt hat, ,geliebte
Sorgen'' waren; und einsam wie ich sie jetzt betrete und
wiederfinde, spricht Alles, was mich in ihnen umgiebt, ver-
traut zu meinem Herzen.
Wie viel Augen schauen mich sinnvoll an, aus den Bil
dern, die auf mich herniedersehen, die sich längü geschlossen
haben! Kaum ein Stück nehme ich zur Hand, ohne der Stunde
zu gedenken, in der ich es erwarb, in der die Freundschaft
mir es gab. Bisweilen zürne ich fast den Sachen, den
Mappen, Briefpressen, Statuetten, und all' dem Zimmerschmuck
und Kleinkram, weil sie sich so gut erhalten, während kein
liebevollstes Sorgen und Wünschen mir Diejenigen zu erhalten
vermochte, aus deren gutem Willen und aus deren Hand ich
sie dereinst empfing. Die Lebenden und das Leben rauschen
an uns vorüber, und das Unbelebte, das Todte ist das
Bleibende im Wechsel!
,Die Sachenr, welche mich bei der Abreise beschäftigten,
beschäftigten mich auch bei der Heimkehr, doch in anderem
Sinne. Wenn man in der einen Stunde wünschte, sie nicht
zu besitzen, um freier zu sein, so fühlt man in der anderen
bald, wie man dies Dauernde im Wechsel nöthig hat, wie es
dazu gehört, uns eine Art von historischem Boden in unseren
vier Wänden zu schaffen, und welch einen Reiz und Werth
ein solche allmählich gewordene Umgebung vor jenen Ein-
richtungen voraus hat, die mit der Macht des Geldes, wie
durch Zauber, in wenig Tagen und Wochen auf Befehl ent-
stehen. Das Neue ersetzt in diesem Fall das Alte nicht so
leicht! Wenn man aber selber in Jahren, aus dem alten ges
liebten Rom in die alte Heimat kommt, so lernt man das
Alte doppelt schätzen, wie sehr man mit aller Kraft der Seele
auch seine Jugend liebte und sie zurück ersehnt. Freude,
Muth, Können, Wollen, Gelingen sind für mich mit dem

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Worte Jugend spnonim; sie ist recht eigentlich ,der golkene
Sternr, als welchen die Dichtung sie bezeichnet.
Von Berlin hört man oftmals, und gleichsam als einen
Tadel sagen, daß es jeden historischen Charakters entbehre.
Das ist nicht richtig, und hat mich nebenher so komisch an-
gemuthet, als mache man es der rüstigen Jugend, dem Blond-
kopf, der mit frischen rothen Backen zu seinem Tagewerk an
uns vorüberzieht, zum Vorwurf, daß er nicht nebenher etwelches
graues Haar und einige würdige Stirn- und Wangenrunzeln
aufzuweisen habe, während er sich seiner bisherigen Arbeit und
des in seinen jungen Jahren Geleisteten wohl rühmen darf.
Laßt Berlin nur Zeit! Wenn es Euch auch nicht mit
tausendjährigen Erinnerungen, mit gothischen Domen und
mittelalterigen Gebäuden aufzuwarten, Euch keine Ruinen vor-
zuführen hat, sein Stück Historie hat es in den noch nicht
vollen siebenhundert Jahren seines Bestehens als Stadt doch
bereits geliefert und gemacht. Mich dünkt, selbst in den zwei-
hundert Jahren, die von der Schlacht bei Fehrbellin bis zu
dem Siege von Sedan verflossen sind, haben Berlin und seine
Beherrscher und Bewohner an Kriegs- und Friedensthaten be-
deutender historischer Erinnerungen genug zu verzeichnen ge-
habt. Freilich sind diese Ereignisse nicht in Denkmalen und
Bauwerken überraschend ausgeprägt, man hat sie auch dem
Volke leider noch nicht so schön in chronologischer Reihe vor-
geführt, wie man es in Dresden in dem Sgraffitobilde mit
der Geschichte Sachsens gethan hat. Indeß das Schloß, das
Zeughaus, das Brandenburger Thor, die Statuen des großen
Kurfürsten, des alten Fritt, Friedrich Wilhelms des Dritten,
Stein's und so mancher Anderen stehen doch da, die Vorgänge
in der preußischen Geschichte zu bezeichnen, welche Preußen
befähigten, der Mittelvunkt des neuen Deutschen Reichs zu
werden. Die grelle Siegessäule steht doch da und giebt in

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ihrc ehernen, schönen und verständlichen Reliefs von den
Kämpfen und Siegen Kunde, von der Geschichte der Jahr-
zehnte, welche der Errichtung des Deutschen Reichs vorange-
gangen sind.
Berlin machte mir, da ich heimkehrte, den wohlthuenden
Eindruck der Juugend und des frischen Werdens. Ein Paar
junge Deutsche, die in Wien erwachsen, eben jetzt von London
und von Rom kommend, meine Gäste sind, zeigten sich zu
meiner Genugthuung von Berlin überrascht, das sie so statt-
lich zu finden nicht erwartet hatten. Und sie hatten vor sieben
Jahren mit unseren Heeren Deutschland und Frankreich durch-
zegen und die Parade in Paris mit durchgemacht.
In Rom that es uns wehe, wenn wir ganze alte Stadt-
theile in ihrem fast unbegreiflichen Durcheinander zu Boden
werfen sahen, um Platz zu machen für die Wagenreihen, die
vom Luirinale, von dem Königsschlosse nach dem Corso, von
den Eisenbahnen nach dem Tiber ihren Zug zu machen haben.
Dort trösteten wir uns, wenn wieder ein Stück der Thermen
niedergerissen wurde, unter deren Fundamenten sich noch ältere,
einst ebenfalls zerstörte Unterbauten fanden, mit dem sich be-
scheidenden, entsagenden Gedanken, daß der Tag den Lebenden
gehöre, und daß die gegenwärtigen Neubauten für künftige
Geschlechter, wenn der kleine Erdball so lange zusammenhält,
dereinst auch den romantischen Reiz antiker Trümmer haben
würden. Macaulay's bekannter schon einmal gegen Sie er-
wähnter ,SüdseeInsulaner', der auf den Trümmern von Lon-
donBridge die Stätte suchen wird, an welcher die Paulskirche
gestanden hat, kam mir dann immer in den Sinn.
Hier aber erinnere ich mich oftmals eines Abends, an dem
ich mit meinem nun auch schon seit mehreren Jahren verstor-
benen Bruder, auf dem Balkon bei Kranzler unter den Linden
sizend, die Straße vom Brandenburger Thor bis zum Schlosse

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überblickte - wir Beide jung und ganz auf uns und unsere
eigene Kraft gestellt. ,Hier ist Plaz Etwas zu werden!' sagte
ich. Und wir gingen denn auch daran, aus uns, für uns und
Andere, eben zu machen, was in unserer Kraft lag.
Auch heute wieder habe ich in Berlin, wenn schon
leider nicht mehr für mich, den freudigen Gedanken ,hier ist
Plaz Etwas zu werden! und noch mehr als die Jtaliener
mit ihrem ,lltalia kara äa ss! darf der Deutsche sagen:
,Laßt uns Zeit! wir werden es schon machen!r darf Berlin
es von sich sagen: ,Laßt mir Zeit, ich werde mich sicher so
entwickeln, daß ich des Reiches Hauptstadt würdig in mir
darstelle!?
Freilich! rasch geht hier Nichts ! =- Man reißt nicht
ganze Stadttheile nieder, wie man in Paris, in Wien, in Rom
gethan hat. Wir sind eben Norddeutsche, sind schwerfällig,
bedächtig, vorsichtig, wir wollen unsere Sache sicher haben.
Graf Moltke's Wahlspruch: erst wägen und dann wagen! ist
kennzeichnend für das ganze hiesige Wesen. Heute noch beräth
man im Magistrat uud in den anderen betreffenden Behörden
über Bauunternehmungen, die schon einige Jahre, ehe ich
Berlin verlassen hatte, sich in mehrjähriger Erwägung be-
fanden. Ein Berliner muß langlebig sein, um an den Fort-
schritten in seiner Vaterstadt Freude zu erleben!
Heute noch sehen wir auf dem Platze vor dem Pots-
damer Thore die alte kleine Baracke von einer Apotheke, die
thatsächlich schon vor zwanzig Jahren niedergerissen werden
sollte, die seit zwei Jahren leersteht und den Plaz verunziert.
Aber hier draußen vor dem Thore, wo im Jahre 14 die
unbeschäftigten Arbeiter mit dem Graben eines unerläßlich
nothwendigen Kanals beschäftigt wurden, hier, wo wir da-
mals buchstäblich mit unseren Droschken im Sande stecken
blieben, ist in diesen dreißig Jahren eine Stadt von

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80 000 Einwohnern entstanden. Villa reiht sich an Villa,
Garten an Garten. Kirchen, Marktplätze, Schulen, Krankenhäuser
sind errichtet, und es ist hier freundlich und bequem zu
wohnen, in Ruhe neben der Bewegung und dem Treiben einer
großen Stadt.
Indeß der Druck, den die traurigen Ereignisse des Früh-
jahrs über das Vaterland geworfen haben, macht sich doch
noch sehr empfindlich. Man fühlt es der Stimmung der
Leute an, der Boden hat unter ihren Füßen gezittert. Sie
haben zu erfahren gehabt, daß ihnen nicht nur von außen,
daß ihnen auch mitten aus ihrem eigenen Lande schwere Ge-
fahren erwachsen können, und daß es nöthig sei, sich gegen
diese zu wehren, sich in sich selber zu festigen und neu auf-
zurichten.
Was zu thun sei? das fragt sich jetzt ein Jeder. ,Ge-
warnter Mann ist halb gerettet!r antwortet das Sprüchwort
der Deutschen wie der Jtaliener. Ich aber meine, Jeder von
uns hat an sich selber und in sich selber die Fehler auf-
zusuchen, die er begangen hat, dem großen Allgemeinen gegen-
über. Niemand darf Scheu tragen, seine erkannten Irrthümer
offen einzugestehen, um Andere zu dem gleichen Insichgehen
zu bestimmen. Wir haben Alle, soweit unser Wort und unser
Einfluß reichen, die Erkenntniß zu fördern, daß ohne die frei-
willige, bewußte Selbstbeschränkung und ohne die Nächstenliebe
des Einzelnen, die immer relative Freiheit für Alle eine Un-
möglichkeit ist, daß die selbstsüchtige Willkür des Einzelnen
den Untergang der Gesammtheit unfehlbar macht - und daß
Uneinigkeit im Innern noch überall und zu allen Zeiten die
Vernichtung von außen herbeigeführt hat.
Und während ich denn nun mit neuer Freude an der
Heimath, die alte Arbeit aufnehmend, meinen kleinen Antheil
an der uns ernster als je obliegenden innern Mission, so gut

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ich es vermag, fortzusetzen denke, will ich mir und Ihnen
ein paar Worte zum Schlusse und zur Ermuthigung hierher-
setzen, die ich in diesen Tagen, von Adolf Stahr's Hand, mit
Bleistift auf ein Blättchen Papier geschrieben, in seiner Schreib-
mappe entdeckte. Sie lauten:
Die einzige Universalmedizin zur allmähligen Hebung
aller Schäden der menschlichen Gesellschaft, und zur Förderung
ihres Fortschrittes auf allen Gebieten, ist treue, unermüdete
Arbeit jedes Einzelnen an sich selbst und im Bereiche seiner
Pflicht und seines Berufes - jene treue, stille aber rastlose
Arbeit ,die nie ermattetr wie unser großer Schiller sie ge-
nannt und zu unser aller Frommen, sie an sich selbst geübt
hat!
Also Muth! und rastlos vorwärts auf dem Wege des
deutschen Idealismus, dessen praktische Seite sich uns längst
bewährt hat! Thun wir jeder an seinem Platze fröhlich unsere
Arbeit, so dürfen wir unserer Zukunft im Deutschen Reiche
wohl vertrauen und am Tage den Tag genießend, hoffnungs-
voll in die Zukunft unseres Vaterlandes blicken.
Einen Gruß Ihnen Allen, die Sie mich theilnehmend
in meiner Reisezeit begleitet. Bleiben Sie mir auch in der
Heimath nahe.
Druck der Norddeunchen Buchdruckerei, Berlin, Wilhelmstr. I.