Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 03

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sagte einmal zu uns: ,lnsere Dichter, und er nannte große
Namen seines Volkes, haben durch ein Menschenalter vor-
bereitet, was wir in den Tagen der Commune mit Entsetzen
erlebt haben. Und was hilst es uns, daß wir glücklicher
Weise auch noch eine bürgerliche Gesellschaft haben, die in
Ehrbarkeit und Arbeit dieses Unheil von sich abzuwehren
trachtet? Die rohe Masse ist bei uns geflissentlich genußsüchtig,
gleichgiltig gemacht worden gegen jedes Gesetz, und gewaltig
nur in dem Verlangen nach schrankenloser Willkür! Und wir
Alle haben diese Dichtungen gelesen, haben sie zum Theil be-
wundert, aber an ihre verderbliche Wirkung haben wir nicht
gedacht. Wo finden wir das Gegengewicht, wo den Halt, der
uns vor weiterem Verderben wahrt?
Er war wirklich nahe daran, mit großem, sittlichem Ernste
zur Erhaltung des Staates die Censur zurück zu wünschen,
wie Heine es im Scherz gethan hatte. Ich meine aber, vor
der Nothwendigkeit, eine solche zu ersehnen, sollten und könnten
Künstler und Dichter zum allgemeinen Besten sich sehr leicht
bewahren, ohne deshalb Schaden zu nehmen an der eigent-
lichen Seele ihres Schaffens.
Dritier Prief.
Vom Lern der Iichtung.
An Herrn ß in Köln.
Weißer Hirsch bei Dresden,
den 1. Juni 1?.
Verehrter Herr! Mir geht heute hier in meiner ländlichen
Einsamkeit auf einer der Höhen, die das Elbthal umgeben,
die Anzeige zu, welche Sie in Nr. 13 der Kölnischen Zeitung

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von meinen Neuen Novellen zu machen die Güte gehabt
haben. Ich freue mich, daß die Erzählungen Ihren Antheil.
gewonnen, daß Sie diesem Antheil einen mir so günstigen
Ausdruck gegeben haben, und ich danke Ihnen dafür.
Aber während ich des mir öffentlich gespendeten nnd ynit
sehr werthen Lobes froh bin, kommt mir doch der Gedanke,
der schon bei gar vielen ähnlichen Anlässen in mir aufgestiegen
ist, wie das Urtheil unserer besonderen Richter, der Kritiker
von Fach, und auch das der Leser im Allgemeinen, dem Dichter
oftmals, soll ich sagen zuviel Ehre oder Unrecht thut, wenn
es in seinen Arbeiten durchaus eine bestimmte Tendenz oder
gar in den Aeußerungen und Thaten der Personen, welche
sich in dem Rahmen der Dichtung bewegen, die persönliche
Meinung des Dichters herausfühlen will. Darüber, verehrter
Freund! möchte ich mich einmal gegen Sie, und zugleich auch
gegen meine und Ihre Leser aussprechen, weil ich glaube,
daß ich dadurch nicht nur mir, sondern den Romandichtern
und Erzählern im Allgemeinen, eine Art von Dienst leiste und
in gewissem Sinne das Verhältniß des Dichters zu seinen
Lesern aufkläre.
Sehe ich auf meine eigene langjährige schriftstellerische
Thätigkeit zurück, frage ich mich, wie es sich mit den Vor-
würfen für meine verschiedenen Arbeiten verhalten habe, und
wie ich überhaupt zu dem erfindenden Darstellen gekommen
bin, so begegne ich zuerst ,der Lust am Fabuliren'', die Goethe
seiner Mutter zuschrieb, welche niemals, so viel ich weiß,
irgend eine Erzählung niedergeschrieben hat.
Ich schrieb gelegentlich die oder jene kleine Geschichte auf,
um mir die Zeit zu vertreiben, und ich hatte an mir dabei
von Anfang an das Sonderbare zu beobachten, daß ich nur
für mich ganz allein und mit der Feder in der Hand zu
fabuliren vermochte, nicht aber mündlich und wenn mir Jemand

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als Zuhörer gegenübersaß. Dies ist auch alle Zeit so geblieben,
und ich habe selbst vor meinem Manne, bevor ich eine Er-
zählung niederschrieb, oder während ich an derselben arbeitete,
niemals vermocht, von dem Inhalt meiner Arbeiten zu sprechen.
Ich habe, wenn ich ihm von dem Stoff und Gang einer
größeren Arbeit Kenntniß geben wollte ehe sie beendet war,
einen kurzen Abriß auf ein paar Blätter hinschreiben müssen.
Ich hatte vor dem mündlichen Erzählen meiner Dich-
tungen eine geradezu unüberwindliche Scheu, die sich nie ver-
loren hat.
Als ich dereinst anfing für den Druck zu schreiben, und ver-
hältnißmäßig noch nicht eben viel erlebt hatte, gründeten meine
Erfindungen sich meist auf einen bestimmten Gedanken; und, wie
ich das in meiner Lebensgeschichte angegeben habe, die vielen
Lesern dieser Blätter bekannt sein wird, war man vollkommen
berechtigt, Romane wie ,Jenny'', wie ,DDie Lebensfrage' oder
eine Erzählung wie ,Der dritte Stand'', welche für die Gleich-
stellung der Juden, für das Recht der Ehescheidung, und für
die Rechte der arbeitenden Stände umuit mehr oder weniger
Einsicht kämpften, als Tendenzarbeiten zu bezeichnen.
Indeß je mehr das Erfahren in mir zunahm, je weniger
war es mir, soweit ich mir dessen bewußt bin, darum zu thun,
einer bestimmten mir persönlichen Meinung mit meinem Dichten-
in den besonderen Arbeiten eine besondere Geltung verschaffen
zu wollen; und ich glaube, das Unrecht, das dem Dichter im
Allgemeinen geschieht, besteht darin, daß man ihn mit den von
ihm geschaffenen Gestalten zusammenwirft, daß man ihm per-
sönlich alle die Meinungen zuschreibt, welche die von ihm ge-
bildeten Personen ihrer bestimmten Eigenthümlichkeit nach noth-
wendig haben müssen. Der Dichter müßte ja ein wahres
Kaleidoskop von Ansichten sein, ein Meinungsdurcheinander
ohne Gleichen, wenn alle verständigen und thörichten Aeuße-

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rungen seiner Figuren seine Lebensansicht und die Norm für
seine persönliche Lebensführung sein sollten.
Ich möchte vielmehr behaupten, daß mit der wachsenden
Freiheit in der schöpferischen Erfindung von Gestalten, die
Neigung, sich selber und seine eigene persönliche Meinung
immer wieder kund zu geben, mehr und mehr zurücktritt; daß
die Lust, fremde Charaktere zu erkennen, uns unähnliche Ge-
stalten zu erschaffen, sich steigert, und daß der wesentlichste
Vortheil, welcher aus dem Dichten erwächst, der eigentlichen
Bildung des Dichters selbst anheimfällt.
Wenn wir aus innerer Nothwendigkeit uns damit be-
schäftigen, Naturen darzustellen, deren Eigenart von der
unsrigen verschieden, deren Lebensführung und Meinung den
unseren entgegengesetzt sind, so zwingt uns dies, nach der
inneren Berechtigung solcher entgegengesetzten Denk- und Hand-
lungsweise zu forschen; und indem wir dieselbe dem Leser
klar und annehmbar zu machen bemüht sind, erweitern wir
unser eigenes Verständniß der menschlichen Natur, unsere
eigene Einsicht in die Zustände und Verhältnisse der ver-
schiedenen Charaktere und Lebensverhältnisse. Wir werden
durch diese erweiterte Erkenntniß gerechter und nachsichtiger.
Wir kommen so allmälig dahin, wenn man sich des Aus-
drucks bedienen darf, ,unsere Sonne über Gerechte und Un-
gerechte scheinen zu lassen, wenn irgend ein Zufall sie in
unserer Einbildungskraft hervorgerufen, und die fast unwill-
kürliche Beschäftigung mit solchen ohne unser bewußtes Zu-
thun entstandenen Gestalten uns dieselben als selbstständige
Wesen gegenüber gestellt hat.
Als ich jung war, pflegte ich über Frau Paalzow zu
lachen, wenn sie ihre Arbeiten als ein ,ihr von Gott Ge-
gebenes'' bezeichnete und sie damit in gewisser Weise auf den
Standpunkt der Offenbarungen stellte. Ihr Ausdruck lief

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aber bei ihren religiösen Vorstellungen im Grunde auf Goethe's
Erklärung hinaus:,es ist etwas Anonymes dabei!! wenngleich
dieser Hellseher in der eigenen Seele, sicherlich in den meisten
Fällen es genau genug gewußt haben wird, wo er die ersten
Anregungen für seine Dichtungen zu suchen, wo er sie ge-
funden hatte. Und wenn es wohl Keinem von uns in den
Sinn kommen wird, einen Vergleich zwischen sich und Goethe
machen zu wollen, so wird doch fast Jeder von uns mit ihm
sagen dürfen, wie auch er die Erfahrung gemacht habe, daß
in dem,Erschaffen' neben allem bewußten Wollen ein ano-
nymes Müssen vorhanden sei.
Sind die Gestalten einmal da, so haben sie auch neben
unserem Willen ihren eigenen Willen, oder besser ihr noth-
wendiges Müssen. Sie haben je nach den Verhältnissen, in
denen sie erwachsen sind und in denen sie sich zu bewegen
haben, ihre daraus entstandenen nothwendigen Ansichten,
Meinungen und Vorurtheile, und - um auf den Ausspruch
in Ihrem Urtheil über meine letzten Novellen zurückzukommen
- die Heldin der Erzählung,Ein Freund in der Noth', die sich
nach dem Tode ihres Mannes mit dem Geliebten ihrer Jugend
verheirathet, thut dies eben so nach ihrem innern Müssen,
als Martina aus ihrer Neberzengung dem Geliebten ihrer
Jugend sich versagt. - Wollte ich scherzen, so könnte ich
sagen, das Eine und das Andere gehe mich gar Nichts an.
Nur das muß ich mit Bestimmtheit aussprechen, daß es mir
völlig fern gelegen hat, mit einer dieser Arbeiten eine
Erklärung für den bürgerlichen Protestantismus oder für
das Sakrament der Ehe in der katholischen Kirche zu machen.
Der ,Freund in der Noth' ist vor zehn Jahren am Genfersee
geschrieben und verdankt seine Entstehung eben so einer zufälligen
Anregung, als Martina, die ich im vorigen Jahre rasch und
in einer Art von heftiger Erregung auf das Papier warf,

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nachdem ich eine meisterhaft geschriebene Novelle gelesen, die
mich aber peinlich berührt hatte, weil die Hingebung einer
Frau an die Liebe eines Mannes, für mein persönliches
Gefühl, in derselben leichtfertig behandelt worden war.
Ich preise oder tadle weder die Handlungsweise von Irene
noch die von Martina. Ich habe nur getrachtet, Beide zu
verstehen, und nachdem mir dies gelungen, auch den Lesern,
so weit es mir eben möglich war, klar zu machen versucht,
wie Beide aus voller innerer Berechtigung gehandelt, ohne
im entferntesten ein Gegenbild aus ihnen machen oder einen
Vergleich zwischen ihnen ziehen zu wollen.
Ich glaube, man vergißt es zu leicht, daß des erzählenden
Dichters Beruf und Müssen zunächst eben jenes ,Fabuliren'?
ist, und man ,geheimnißt'' aus der Dichtung eben deshalb
viel zu oft Absichten heraus und in sie hinein, die dem Schaf-
fenden in der Lust behaglichen Erfindens wer weiß wie fern
gelegen haben.
Die Art, in welcher eine Dichtung in uns, d. h. dem
Dichtenden, angeregt wird, ist sonderbar genug sehr verschieden.
Es ist mir begegnet, daß ich in ein ganz verfallenes Land-
haus in der Gegend von Stettin gekommen bin, in dem von
der früheren Behaglichkeit desselben Nichts, aber auch gar
Nichts zurückgeblieben war, als eine alte Roccoco-Spieluhr
und ein Treibhaus ohne Dach und Fenster, was beides neben
der ärmlichen Bauernwirthschaft sich sehr befremdlich ausnahm.
Aus dem brütenden Nachsinnen, wie dieses Haus verfallen,
und wie die Ühr darin zurückgeblieben sein könne, entstand
die Erzählung der ,Seehoff, die man immer auf bestimmte-
Memoiren zurückführen wollte.
Ich war in Westpreußen auf großen Gütern zum Besuch.
Die Hausfrau klagte über schlechte Dienstboten und erwähnte,
das einzige ehrbare Mädchen, das sie im Hause gehabt, sei

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von den Knechten für eine Hexe gehalten worden, weil es
von den Männern Nichts habe wissen wollen. Das gab mir
die erste Anregung zu dem,Mädchen von Hela''.
Bei einem Aufenthalte in Neu-Ruppin sah ich in einem
alten Ziethen'schen Schlosse das Bild einer Frau im Roccoco-
Costüm, mit einem höchst geistreichen aber böswilligen Gesicht,
von der Niemand zu sagen wußte, wer sie gewesen wäre -
und sie wurde die Hauptgestalt im ,Graf Joachim'.
Dann wieder hatten wir einmal, noch im Anfange der
vierziger Jahre, in Rom davon gesprochen, wie ungerecht es
sei, den Menschen, der im Laufe des Lebens aus wirklicher
Neberzeugung seine Ansichten verändere, eigentlich, wenn er
entwicklungsfähig sei, naturgemäß verändern müsse, deshalb
des Abfalls von sich und seiner Neberzeugung zu beschuldigen;
und der Gedanke, die ,Wandlungen' zu schreiben, war dadurch
rege in mir geworden. In ähnlicher Weise hatte eine Unter-
haltung mit alten Edelleuten, über die guten Eigenschasten
und die Fehler, welche das Zurückblicken auf eine lange
Reihe von Vorfahren in dem Charakter des Menschen aus-
zubilden pflege, den ersten Anlaß zu dem Roman ,Von Ge-
schlecht zu Geschlecht'' gegeben, den auch zuerst die Kölnische
Zeitung gedruckt hat.
Ein Sommeraufenthalt in Engelberg, bei dem wir all-
abendlich die Klosterschüler der Benediktiner-Abtei an der
lebenslustigen Gesellschaft der in dem Bergthale weilenden Kur-
gäste mit pflichtmäßig gesenkten Blicken vorüberziehen sahen,
erschuf den ,Genedikt'; und die in vertrautem Kreise von
einer zärtlichen Mutter lebhaft ausgesprochene Behauptung,
sie würde, wenn man ihr ihr Kind genommen hätte, es mit
dem nicht irrenden Gefühl der Mutterliebe unter allen Ver-
hältnissen herausgefunden haben - ein Glaube, welchem vog
eben so zärtlichen Müttern eben so lebhaft widersprochen

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wurde, brachte mich dahin, dies Thema zu durchdenken, aus
dem dann ,Die Stimme des Blutes' hervorging.
Natürlich wird und muß sich aus jeder Dichtung eines
ernsthaften Menschen eine Erfahrung, ein Grundsatz, oder doch
das Bild bestimmter Lebenszustände herausstellen, die, wenn
wir der Dichtung gedenken, in uns nachwirken; und wenn Kant
den Ausspruch that: ,Es ist klug, die Menschen zu seinen
Zwecken zu benutzen, und weise, sie zu guten Zwecken zu
benuten', so ist es sicherlich die Aufgabe und Pflicht des
Dichters, seinen Leser wo möglich mit guten, erhebenden
und reinen Gedanken zu entlassen. Dies zu thun, hat der
Dichter aber kaum eines besonderen Wollens nöthig, wenn der
Brunnen klar ist, aus dem er schöpft.
Dasjenige aber, ich wiederhole es, was ich mit diesem
Brief erreichen möchte, ist, daß man uns nicht mit unseren
Geschöpfen in jedem besonderen Falle zusammenwirst. Ich
glaube die Frage, welche der Leser in jedem besonderen Falle
sich vorlegen muß, lautet zuerst: sind die Gestalten, sind die
Verhältnisse, welche der Dichter uns vorführt, wahr und mögs
lich? Die zweite: wie müssen eben diese Gestalten in den ge-
gebenen Verhältnissen ihrer Anlage nach denken und handeln?
Deckt dann die Erzählung oder der Roman diese beiden Fragen
zufriedenstellend, so kommt des Verfassers persönliches Meinen
weiter dabei nicht in Betracht; und soll ich Ihnen ein ehrliches
Bekenntniß machen, so finde ich seit langen Jahren mein
größeres Vergnügen daran, Charaktere auszugestalten, die
etwas Fremdes für mich haben. Es wird aber Anderen
gewiß gerade so ergehen. Denn mit sich selber und mit den
Engeln und Teufeln des Anfängers wird man gar bald fertig;
und obschon ich recht widerwärtigen Naturen und auch widrigen
Zuständen genug begegnet bin, habe ich mir und meinen
Lesern doch mit ihnen nie viel zu schaffen gemacht.