Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 04

- Z? -
Neber dasjenige aber, was ich von der sittlichen Pflicht
des Dichters gegen seine Leser und seine Nation denke, schreibe
ich Ihnen nächstens mehr, da ich einmal auf diese Erörterungen
gekommen bin.
Für heute Lebewohl und Gruß und freundlichen Dank.
lierer Brief,
Das häusliche Leben der Jeutschen.
Was bringt zu Ehren?
Sich wehren!
Goethe.
Hof Ragaz, den 1. Juli rr.
Quer durch Deutschland hin, trug uns in einem Zuge
die Dampfmaschine von Dresden nach dem Bodensee. Als
ich gegen den Mittag hin auf dem Balkon des Gasthofes zum
Bairischen Hof stehend, auf den schönen See hinabschaute, fiel
mir das,Ruck! ein ander Bildl ein, mit welchem Ausruf
die Guckkasten-Männer in meiner Kindheit uns vom Erdbeben
in Lissabon nach dem Brand von Moskau zu versetten pflegten.
Aber wie Viele leben noch, die vor den Fenstern eines Guck-
kastens gestanden und sie angestaunt haben, wie wir Alten
später die Lokomotive und die Eisenbahn.
Einen Tag und eine Nacht am Bodensee, dessen Reize
wir lange nicht genug preisen und genießen, dann am andern
Morgen nach Ragaz, in den Hof Ragaz und in die gemächliche
Ruhe einer Badekur.
Aber mitten in den Frieden des Badeortes und dieses
noch friedlicher in seinen grünen Baumesschatten liegenden
Hauses, in dem ich nun schon zum dritten Male wochenlang

b=- Zs -
verweile, so daß es mir wirklich zu einer Art von Heimat ge-
worden ist, ist mir ein Buch in die Hände gekommen, das mich
aus meiner Seelenruhe aufgerüttelt hat.
Es führt den Titel ,Gernan kome liksr hat in England
drei Auflagen erlebt, hat in der deutschen Presse von be-
deutenden Kritikern Beachtung gefunden, und ich war dadurch
begierig geworden, es kennen zu lernen. Und es lohnte auch
des Lesens, da es in der That geeignet ist, eine Art von Er-
staunen, namentlich von Seiten der deutschen Frauen, zu er-
regen. Denn das Buch macht sich viel zu schaffen mit unserer
Erhebung aus unserer tiefen Niedrigkeit, während es zugleich
die Engländer über unser häusliches Leben zu unterrichten
bestimmt ist.
Das sind schöne gemeinnützige Absichten eines mitleids-
vollen Herzens und eines viel umfassenden Sinnes.
Kise, Teuton noman! elaim Tour rigbt äenieä
Po nohler lubour; shos Tour strenght äetied,
Amd on Germanis's mightz korbead glace,
Tbe ahsent touch ok glorz anä ok graes! ?s
ruft das Titelblatt uns deutschen Frauen mahnend zu; und
aus meiner harmlosen, halbwegs selbstzufriedenen Sicherheit
durch diese pomphaften Verse aufgeschreckt, habe ich mich sofort
hingesetzt, um, mit dem Buche als Leitfaden in dsr Hand,
wenigstens für meine Einsicht in unsere Unwürdigkeit, und
womöglich auch für meine Erhebung aus derselben, Etwas zu
thun. Denn was der Einzelne Gutes an sich selber fördert,
das vollbringt er zugleich für die Gesammtheit. Aber es giebt
eine Anmaßung und eine Selbstverblendung, die für den un-
Erhebt Euch, deutsche Frauen! fordert das Euch rorenthaltene
Recht zu edlerer Arbeit; zeigt Eure Kraft herausgefordert, und drückt
auf Germania's mächtige Stirn den fehlenden Stempel des Ruhmes
und der Anmuth.

==- Zß -
vorbereiteten Beobachter im ersten Augenblicke etwas Ver-
blüffendes haben; und da ich nach dem heldenhaften Zurufe
an die deutschen Frauen, natürlich zunächst das ihnen im Be-
sonderen gewidmete Capitel las, brauchte ich eine Weile Zeit,
mich von der Verwunderung zu erholen, die es mir erregte.
Doch will' ich gleich bemerken, daß diese Verwunderung nicht
der mir neueröffneten Einsicht in unsere Zustände, sondern
vielmehr Derjenigen galt, welche es, ohne sich zu nennen,
unternommen hat, sie darzustellen.
Sie hatte es gar nicht nöthig, zu erklären, daß sie eine
Frau sei. Das Buch trägt fast durchweg das Gepräge gerade
jener übelen Eigenschaften, welche man den Frauen zuzusprechen
pflegt: scharfes, übelwollendes Beobachten fremder Mängel
bei völlig mangelnder Erkenntniß der eigenen Fehler, und
aburtheilendes Verallgemeinern des gelegentlich beobachteten
Einzelfalles.
Dem gegenüber drängt sich uns zunächst die Frage auf.
wer ist die Frau, welche die deutsche Kultur und Gesittung,
das deutsche Familienleben und die deutschen Frauen so dreist
und hart verurtheilt? Ein Urtheil gewinnt oder verliert an
Gewicht, je nach dem Werthe dessen, der es ausspricht. Wer
ist die Frau, welche es schicklich findet, sich für die in deutschen
Familien und von deutschen Frauen genossene zutrauensvolle
Aufnahme und Gastlichkeit, mit der ganz unumwundenen Er-
klärung zu bedanken, daß - einzelne kleine Annehmlichkeiten
abgerechnet - es im Grunde für eine Engländerin wie sie,
in Deutschland, unter deuischen Frauen und in der deutschen
Gesellschaft, bis hinauf in die Gesellschaftskreise der kleinen
Höfe, nicht wohl zu leben sei? Denn - wir wohnen, und
zwar durch ganz Deutschland und sammt und sonders, un-
gehörig und schlecht. Wir essen schlecht, obschon unsere Reh-
braten, Maibowlen u. s. w. von der Anonyma genießbar ge-

=- Zß -
funden wurden. Mit Ausnahme der Polinnen und Unga-
rinnen Desterreichs, die flottweg als Deutsche angesprochen wer-
den, sind die deutschen Frauen schwächlich, kränklich, unfähig
ihre Kinder, zu säugen. Sie sind unreinlich, halten ihre Häuser,
ihre Kinder eben so unreinlich. Alle unsere Dienstboten taugen
Nichts, und schließlich sind die deutschen Hausfrauen, welche
in der Regel von ihren Männern nicht aus Liebe, sondern
nach Berechnung und Nebereinkunft der Familien geheirathet
werden, Nichts als die ersten Dienstmägde ihrer Männer.
Alle diese Männer aber gehen in Uniform, wenn sie nicht
im Schlafrock und Pantoffeln zu Hause in die Töpfe gucken,
damit kein Pfennig unnöthig verausgabt werde; und dann
ziehen sie die Uniform an, gehen Morgens auf die Parade,
Abends in das Wirthshaus, liebäugeln auf den Straßen mit
fremden Frauen, an den Brunnen mit den Mägden - und
das ist das deutsche Familienleben!
Es ist in der That ein Jammer um unser Vaterland
und um die deutsche Frau! Die Ungenannte fühlt auch Mit-
leiden mit uns; jenes schöne Mitleid, von welchem ihre und
unsere Nachbarn, die Franzosen, zu sagen pflegen: ,Es liegt
in dem Unglück unserer Freunde immer ein Etwas, das uns
schmeichelt und gefällt!'r Schade um dieses große Mitleid, das
wir nicht begehren, weniger noch bedürfen! Noch einmal aber,
wer ist diese barmherzige Ungenannte? Denn in solchem Falle
möchte mnan doch wissen, mit wem man es zu thun hat, und
da sie's uns nicht sagt, sind wir auf unsere Vermuthung an-
gewiesen.
Sie nennt sich eine ,Lady'. = Ob sie zo real laäzr ist,
als welche meine Londoner Hauswirthin mir diejenigen be-
güterten Frauen meiner Bekanntschaft anzumelden pflegte, die
in eigenem Fuhrwerk zu mir kamen, das möchte ich bezweifeln.
Leute, die in ihrer Heimat an festbegründetes Wohlleben

==- Zh -
gewohnt sind, pflegen die zeitweilige Entbehrung desseiben
in der Fremde nicht sonderlich zu beachten und zu vermissen.
Ich habe wahrhaft vornehme Frauen,z. B. bei den Mißständen
früherer italienischer Reisen, auch in unbequemen Lagen viel
leichter befriedigt und heimisch gefunden, als ihre Kammer-
mädchen, die sich nicht wie Jene, an dem Wesentlichen für
das Entbehren des Unwesentlichen zu entschädigen vermochten.
Nach den Aussagen ihres Buches scheint die Ungenannte
zu verschiedenen Malen und unter verschiedenen Verhältnissen
in Deutschland gelebt zu haben. Sie ist einmal, ohne Deutsch
zu können, nach einem ,kleinen trostlosen Städtchen an den
schwarzen Ufern des Baltischen Meeres verschlagen worden,
wo vor Kälte die Vögel vom Himmel fielen', was sie sicherlich
so wenig erlebt hat als ich, obschon ich die ersten dreißig
Jahre meines Lebens im höchsten Norden Deutschlands zuges
bracht habe. Dort hat sie an einer deutschen Nebersezung von
Nanitz kair ihr Deutsch gelernt, dessen sie sich bei ihrem er-
neuten Aufenthalte in Deutschland so mächtig fühlt, daß sie
sich gemüßigt findet, die verschiedenen ProvincialDialekte in
einer Weise zu verspotten, als ob es keinen schottischen, keinen
JorkshireDialekt, kein eoekvez Englisch gäbe, und daß sie es
schließlich unternimmt, unsere Klassiker - Schiller, Goethe
u. s. w. als Stilisten z beurtheilen und zu verurtheilen, wie
sie denn unsere Klassiker auch als Menschen vor ihr Sitten-
gericht zieht und zur Linken, zu den Sündern weist.
Bei diesem ihrem zweiten Aufenthalte in Deutschland ist
sie anscheinend in eine Garnisonstadt, in einen Kreis von
wenig bemittelten Leuten, in Familienbeziehungen zu ärmlich
und vielleicht schlecht erzogenen Frauenzimmern der mittleren
Stände, vielleicht auch in arme Offiziers- und Beamtenfamilien
gekommen. Sie hat dann unter ähnlichen Verhältnissen in
Deutschland bald hier, bald dort gelebt - wemn sie auch

=- ZZ -
gelegentlich einen Ausflug gemacht und reichere Leute kennen
gelernt hat -, und nach diesen Erfahrungen wird nun frisch
darauf zu Gericht gesessen über das Familienleben eines ganzen
großen, gebildeten Volkes und vor Allem über die sämmtlichen
Frauen deflen. iner deren geistigen Werth, wie über all
ihr Thun und Treiben.
Hätte die Anonyma die Augen in ihrer Heimat aufthun
wollen, so hätte es ihr dort sicherlich an Gegenbildern für fast
Alles, was sie an den deutschen Frauen tadelt, nicht gefehlt.
Aber sie verstand in jedem Sinne die Aufgabe eines Beobachters
anders, als ihr großer Landsmann Bulwer, der sich zunächst
in seiner Heimat umsah, und der mit seines edlen Namens
Unterschrift, sein ,England und die Engländer' stolz seinen
Landsleuten entgegenhielt, ehe er daran ging, über eines
fremden Volkes Sitten den Stab zu brechen, wie die anonyme
Verfasserin dieses neuen Buches es thut.
Bei ihrem zweiten Aufenthalt in Deutschland ist sie unter
uns erschienen, mit einem schwächlichen Kinde, ohne Wärterin
für dasselbe; bewaffnet mit einem Kinderwagen und mit dem
felsenfesten Glauben, daß in England Alles ganz vollkommen
sei, daß es in jedem civilisirten Lande gerade so sein müsse
wie in England, und daß es in allen Lebensschichten eines
fremden Volkes gerade so und nicht anders hergehen müsse
wie in den Familien wohlhabender Engländer. Vorstellungen,
wie ein Chinese sie nicht besser aus dem Reich der Mitte auf
seine Reise in die Welt hinausnehmen könnte.
Sie besizt ein Kleid von wasserdichtem Stoff, dicke Stiefel,
einen Filzhut, einen unübertrefflichen Plaid; sie ist gut zu
Fuß. So viel zu ihrer äußeren Bezeichnung. Sie hat Vielerlei
gelernt, spricht verschiedene Sprachen, kann sogar lateinisch
wie es scheint, denn sie klimpert, wo es sich nur thun läßt,
mit lateinischen Brocken; und als Kunstschätze, die sie eben so

ZZ -
wenig entbehren kann, als das rosa Unterfutter ihres Ankleide-
tisches, führt sie einige Albums, einige photographische An-
sichten und die süßlichste aller Frauenbüsten, die Klythia, in
einem Gypsabgusse mit sich - Schätze, wie sie unbekannt sind
in den unwirthlichen Gefilden, in denen eine Zeit lang aus-
zuhalten ihr hartes Schicksal sie verdammt. Aber eine Unter-
haltung und ein süßer Trost bleiben ihr bei alle dem: sie
verwundert sich von früh bis spät. Sie verwundert sich über-
all und über Alles, und sie wiegt sich unablässig in dem Ge-
fühle ihrer unbezweifelbaren Neberlegenheit über uns.
Sie wundert sich, daß man in dem ,trostlosen Städtchen
an den schwarzen Ufern des Baltischen Meeres'' nicht einmal
die Tauchnitz - Ausgabe der englischen Romane zum Kaufe
findet; als ob in den entlegenen Städtchen von England,
Jrland oder Schottland billige Ausgaben der zeitgenössischen
deutschen Romane bei jedem Stationer zu haben wären? Sie
kommt bei ihrem zweiten Aufenthalte nach einem Orte, an
welchem man noch keine Kinderwagen kennt. Das muß bei-
läufig sehr lange her und ein sehr weitentlegener Ort ge-
wesen sein. Sie findet an dem Orte die Sitte, daß die
Wärterinnen, wie es in Sachsen und in Thüringen vielfach
heute noch üblich ist, halb lange Mäntel, und in diesen die
Kinder auf den Armen tragen, um die kleinen Körper vor
Erkältungen zu schüten, was reichlich so berechtigt ist, als sie
in der Kälte mit nackten Beinchen umherlaufen zu lassen,
während sie dicke Federhüte auf den Köpfen tragen; und sie
ist empört über die dumme Widerspenstigkeit der deutschen
Mägde, weil ihre Magd aus Furcht verlacht zu werden, es
ihr weigert, das Kind in dem Kinderwagen durch die Stadt
zu fahren. Aber versuchen Sie es doch, Verehrte! Ihrer voll-
kommenen englischen Wärterin den sächsischen Kindermantel.
umzuhängen und sie damit nach Regent - Luadrant hinaus-
I. Le wa d, Reisebriefe.

=- ZF -
zuschicken! Ob Miß Mary gehen, ob Sie Gehorsam finden
würden?
Als ich dereinst in Manchester bei meiner Freundin, der
englischen Schriftstellerin Miß Geraldine Jewsburry verweilte,
muthete eine der dort zahlreich lebenden deutschen Frauen
ihrer englischen Köchin irgend Etwas zu, das dieser gegen ihre
Tabulatur verstieß. Die Köchin verließ also sofort das Haus.
Miß Jewsburry's alte Peggy klagte uns das Leid, und sette,
zu mir gewandt, arglos und vertrauensvoll hinzu: ,l tsll Lou
Iliss L.emalä, those German lacies are all togeter ma!
lIch sage Ihnen, Fräulein Lewald, diese deutschen Hausfrauen
sind sammt und sonders verrückt.s ,Ländlich sittlich'' dachte
ich in meinem Sinne.- Wie schade aber, daß die Ungenannte
dieses Sprichwort nicht gekannt hat! Es hätte ihr viel Ver-
wunderung, es hätte ihr, bei einigem Nachdenken, ihr halbes
Buch ersparen können.
Es will der Ungenannten nicht in den Sinn, und sie
findet es widerwärtig, daß bei uns verschiedene Familien unter
demselben Dache wohnen, und Niemand wird ihr leugnen, daß
es behaglich ist, ein eigenes, breit hingelagertes Haus allein
für sich zu haben. Aber daß wir, eben so wie die Franzosen,
die Schweizer und die Jtaliener, die doch auch civilisirte Völker
sind, nach den unter uns herrschenden Lebensgewohnheiten in
einem sechs, acht Fenster breiten Hause, in einem Stockwerk
weit bequemer wohnen als die englische Hausfrau, die in -
ihrem ein oder zwei Fenster breiten Heim von der Küche bis
zu den Kinderstuben, durch drei oder vier Stockwerke, wie der
Vogel auf den Sprossen seines engen Käfigs, sich beständig
auf und nieder zu bewegen hat, das hat die Ungenannte nicht
bemerkt. Sie hat auch die zahlreichen Anzeigen in den Häusern
von Edinburg niemals gesehen, in denen zu kut to letr (ein
einzelnes Stockwerk abzugebens angeboten wird. Daß es einer

=- ZH -
Gattin, einer Mutter erwünschter sein muß, den Mann und die
Kinder in wohlgehaltenen Zimmern neben sich, als in anderen
Stockwerken von sich entfernt zu haben; daß die breite Etage
uns viel Dienstboten und diesen sehr viel. Arbeit spart; daß
eine Reihe aneinander stoßender und geöffneter Zimmer für
das Gesellschaftsleben bequemer ist und sich stattlicher darstellt
als die Wanderung Trepp auf und ab, zu welcher die englische
Sitte die englische Gesellschaft selbst in den Häusern der reichen
Leute vielfach nöthigt, das hat sie nicht bemerken mögen. Ihr
Wahrnehmen und ihr Aufpassen sind überhaupt fast immer
einseitig. Bei sich zu Hause hat sie sich nicht so genau als
in Deutschland damit abgegeben.
Mit bitterem Tadel hebt sie den Unsegen des Klatsches
und der Zwischenträgereien hervor, welche das Zusammenleben
verschiedener Familien in einem Hause gelegentlich erzeugen
kann, obschon wir sehr häufig in den großen Städten die
Mitbewohner in unseren Häusern kaum dem Namen nach
kennen und Nichts von ihnen erfahren; und obschon in den
kleinen Städten, und ich kenne gar viele solche, gute Nachbar-
schaft zu herrschen pflegte. Aber woher nahmen und nehmen
die englischen Dichter, wie Thackeray, Dickens und George
Elliot, die Vorbilder zu ihren, in dem niedrigsten Geklätsch
und engsten Kleinkram sich bewegenden Frauengestalten, als
aus dem Leben der Engländerinnen, die jede in schöner Selbst-
ständigkeit ihr Haus für sich allein bewohnen?
Sie wundert sich über die unerläßliche und redliche Arbeit-
samkeit unserer Hausfrauen, als ob in England Frauen mit
beschränkten Mitteln, wenn sie die Ihren reinlich und ordent-
lich gekleidet und mit Essen wohlversorgt sehen wollen, nicht
eben so nähen, flicken, plätten und auf die Küche Achtung
geben müßten! Und fragen wir uns schließlich, worauf die
sämmtliche Verwunderung der Ungenannten denn zuletzt hin-

- ZZ -
ausläuft, so ist es auf die Bemerkung, daß England reicher
ist als Deutschland.
Das ist eine unleugbare, aber keineswegs eine neue
Wahrheit. Es ist eben so eine Wahrheit, daß wohlhabende
Leute für ihr häusliches Behagen mehr thun können, als
weniger bemittelte, und daß begüterte Frauen, wenn die per-
sönliche liebevolle Fürsorge für ihre Familie ihnen kein Herzens-
bedürfniß ist, sich derselben zu entziehen wissen und vermögen.
Das thun manche reiche Frauen bei uns eben so wie in Eng-
land zum Nachtheil ihrer Männer und ihrer Kinder; und daß
gar manche gut erzogene und wohlunterrichtete Frau in engen
häuslichen Verhältnissen verkümmert, das wird auch jenseit des
Kanals und wird nirgend fehlen in der Welt.
Solcher Wahrheiten und ähnlicher finden sich in dem
German Home liks eine Fülle, aber fast alle Beobachtungen
sind wie durch einen verzerrenden Spiegel und mit böswilliger
Spottlust gemacht, so daß es mir, die vor Jahren eine ganze
Reihe von Briefen für und wider die Frauen'' veröffentlicht
hat, wohl zusteht, jetzt in ein paar Briefen gegen die häßliche
und sehr ungerechte Verunglimpfung unseres Familienlebens
und meiner Landsmänninnen zu protestiren, und zwar um so
mehr, als das Buch der Ungenannten von der deutschen Kritik
nicht die ihm gebührende Zurückwweisung erfahren hat.
Wenn man sich einerseits, sofern man es mit den An-
griffen einer Unbekannten zu thun hat, zuerst damit beschäftigt,
wer sie sein mag, so legt man sich danach die Frage vor,
,wes Geistes Kind ist sie? und darüber läßt die Lady uns
in keinem Zweifel.
Sie ist eine Frau, der Reichthum und Luxus, der die
Bequemlichkeit des Lebens als das eigentliche Glück erscheinen;
die in den zur Gewohnheit gewordenen Schicklichkeitsgesezen
der vornehmen englischen Gesellschaft das Moralgeset findet,

=- Z? =
dem sich Jeder und unter allen Verhältnissen zu unterwerfen
hat. Der Werth und die Vornehmheit einer Frau beruhen
für sie zum großen Theil auf deren möglichst wenigem Thun
und Leisten. Je reicher, je müßiger, um so mehr laflike;
und was die Ehe in ihren Augen, was sie ihrem Herzen ist,
darüber klärt sie uns gleich am Eingang ihres Capitels ,über
die Ehe' sehr unumwunden auf. Sie sagt: ,Die Ehe ist der
goldene Schlüssel zu den himmlischen Pforten der Freiheit!r
Nach diesem Ausspruch kann sie denn freilich unter uns
Deutschen ihrem Jdeal von der Ehe, zu dessen Verwirklichung
noch eine Menge von Unerläßlichkeiten gehören, nicht begegnen.
Denn wir Armen in unserer Unkultur leben noch heute des
Glaubens unserer Väter und Mütter, daß mit dem Eintritt
in die Ehe, für den Mann wie für das Weib, die Zeit
der Freiheit, des eigenwilligen Beliebens, des Gläck
suchens nur für sich selbst, zu enden, und die Zeit der
Gebundenheit für beide Theile zu beginnen habe. Wir leben
des Glaubens, daß in der Ehe, in welcher der Mann der
Erwerbende ist - und das ist doch fast durchweg der Fall, da
die Zahl der von ihren Einkünften müßig lebenden Männer
bei uns gering ist - der Frau die Pflicht obliegt, das Er-
worbene durch treue Mitarbeit im Hause gewissenhaft zu
verwalten. Und dies erwartet bei uns mit Recht selbst der
reichste und vornehmste Mann von seiner Frau; um wie
viel mehr der Mann, der eben nur zu schaffen vermag, was
des Lebens Nothdurft fordert. Sehe ich mir nun die Aussprüche
der Lady prüfend an und suche ich mir klar zu machen, wie
eine Lady nach ihren Begriffen sein und was sie haben und
thun, und nicht thun muß, um diesen Ehrentitel zu verdienen,
so finde ich etwa Folgendes. Eine Lady muß in einem Hause
allein mit ihrer Familie wohnen. Sie muß Teppiche in ihren
Zimmern, Kaminheizung, große zweipersonige Betten, gute

=- ZZ -
Wasch- und Ankleidetische haben, die letzteren mit weißem
roth gefütterten Mousselin bezogen, ohne den es eben nicht,
gehen kann. Sie muß ein Treibhaus mit Cloxilien, Verbenen, -
Calzolarien u. s. w., muß aus demselben immer blühende
Blumen in ihren Zimmern haben. Zahlreiche und lauter
vortreffliche Bedienung darf so wenig fehlen, wie reiche und
solide Kleidung. Dies vorausgesett, muß die Lady früh am
Morgen gleich für den ganzen Tag angekleidet sein; denn der
Kodex der Ungenannten gestattet keinen Morgenanzug. Auf
dem Frühstückstische müssen alle Tassen gleich sein und das
Geräth überhaupt möglichst elegant. Die Lady muß am
Morgen Nichts zu thun haben. Am Vormitttage müssen
Vettern und Cousins kommen, sich nach ihrem Befinden zu
erkundigen, sie zu Spaziergängen abzuholen u. s. w. Denn: , die
Ehe ist der goldene Schlüssel zu den himmlischen Pforten der
Freiheitr?
Ja! damit sieht es nun unter den verkommenen Frauen
Deutschlands und für dieselben mißlich aus. In diesem
Sinne werden nicht allzu viel Ladies unter uns zu finden
sein, und, mit ehrlichem gutem Bewußtsein, sage ich für
meine Landsmänninnen, wie einst Franz v. Gaudy in
seinem spottenden Gedichte gegen die Gräfin HahnHHahn:
In diesem Punkt entschuldigen Sie mich,
Da bin ich bürgerlich, sehr bürgerlich!
Ein Ausspruch, den, wie ich unsere deutschen Frauen zu kennen
glaube, ihre Mehrzahl selbst in den Palästen der Reichen und
Hochgeborenen wiederholen wird.
Eben weil die Engländerin das ihr fremde Land immer
nur, nicht mit unserer Elle, sondern mit ihrem Jard mißt,
weil sie Alles mit der Brille ihrer konventionellen Vorstellungen
betrachtet, übersieht sie zunächst völlig die Verschiedenheit in

=- Zß -
den Grundbedingungen des deutschen und des englischen Fa-
milienlebens. Dadurch, daß wir nicht, wie es in England so
gar häufig geschieht, um des eigenen Hauses willen weit außer-
halb des Mittelvunktes der Städte leben, ist unser Familien-
leben enger und fester in sich beschlossen. Wir haben es nicht
nöthig, unsere Söhne frühzeitig in Schulen und Erziehungs-
anstalten außer dem Hause unterrichten zu lassen, nicht nöthig,
die Töchter in Pensionsanstalten zu thun.- Wir ent-
schließen uns dazu nur in den Ausnahmefällen, wie in den Fami-
lien der Gutsbesitter u. s. w., welche, auf dem Lande lebend,
keine Lehranstalten erreichbar haben. Und wie wir die Kinder
des Hauses so lange als möglich in demselben zu behalten
gewohnt sind, so leben auch unsere Männer, soweit es angeht,
in demselben. In England fährt der Mann vielfach am frühen
Morgen in die Stadt, kommt spät am Abend heim, und meist so
abgearbeitet heim, daß der Lehnstuhl am Kamin den Müden auf-
nimmt. Londoner und Manchester Kaufleute und Geschäftsleute
haben es, ebenso wie ihre Frauen, oftmals bedauernd gegen
mich ausgesprochen, daß sie ihrer in den Colleges heran-
wachsenden Söhne kaum noch froh würden, daß die Väter ihre
jüngeren Kinder, außer am Sonntage, immer nur früh
Morgens oder schlafend am Abend zu Gesicht bekämen; daß
die Frau den ganzen Tag einsam sei, daß ihr Leben beständig
auf die Eisenbahnzüge gestellt sei, daß es zwischen dem Kommen
und Gehen der Männer in lästigem Aufpassen und Erwarten
vergehe. Mir selber ist das auch während meines Aufenthaltes
in England trotz der vortrefflichen Verbindungsmittel zwischen
Stadt und Land keineswegs als etwas Wünschenswerthes, wenn
auch durch die dortige Sitte Nothwendiges erschienen; und wo sich
in Deutschland bei dem mächtigen Wachsthum der Städte, die
Neigung zu solchen zwischen Stadt und Land getheilten Ein-
richtungen kund gegeben hat, habe ich immer davon abgerathen,

=== F -
weil das Familienleben und die Wirksamkeit der Frau in der
That Abbruch durch dieselbe leiden.
Daß nun aber eine Hausfrau, welche, je nach der Jahres-
zeit, um ? oder S Uhr ein paar Knaben und ein paar Mädchen
in die Schule zu schicken, und vielleicht mit einer Magd oder
mit zwei Mägden, für die Familie um 1 Ühr die Mahlzeit
bereit zu halten hat, weil die Kinder zum Theil um Uhr wieder
in die Schule und der Mann wieder an seine Geschäfte zurück
gehen müssen, daß eine solche Frau nicht früh Morgens wie eine
englische Lady in kull äress am Frühstückstische sityen, daß sie
nicht alltglich Morgenbesuche und Spaziergänge machen, nicht
frei über ihre Zeit verfügen könne, das ist der Engländerin
nicht eingefallen; oder es ist ihr, wo sie daran gedacht hat,
als bemitleidenswerth erschienen. Weil sie irgendwo einer
oder einigen unsauberen Haushaltungen und Hausfrauen be-
gegnet ist, weil sie gelegentlich kränkliche, bleichsüchtige Mädchen
gesehen hat, bricht sie den Stab über die Gesammtheit wie in
jedem Falle. Sie sagt: die jungen Mädchen stecken Tag über
hinter den geheizten Defen, werden bis zum Krankwerden mit
Süßigkeiten überfüttert; und sie hat nie gesehen, wie unver-
zagt und drall und rothbäckig die jungen Dinger von ihrem
siebenten Jahre ab auf ihren festen Beinchen, Winter und
Sommer bei jedem Wetter, ganz allein am srühen Morgen
in die Schule gehen, welchen Weg sie je nachdem zwei- oder
viermal täglich zurückzulegen haben, während es in den Schulen
jetzt selten an einem Spielraum sür die Zwischenstunden fehlt.
Sie hat auch keine jener Tausende von Haushaltungen kennen
gelernet, in denen die Hausmütter, wie es das Sprüchwort
nennt, ,mit einem Dukaten einen Reiter zu vergolden ver-
stehen''. Sie hat die Tüchtigkeit, die Wohlanständigkeit nicht
bemerken wollen, mit welcher unzählige Frauen von Pro-
fessoren, von Beamten, von Kaufleuten, von Gewerbtreibenden

-= I1 -====
aller Stände, bei genauer Berechnung und mit feinem Schön-
heitssinn, das Haus zu führen wissen. Denn die im Haushalt
arbeitende Frauen sind gar keine Ladies. Und was sind für
sie die Frauen, wenn sie keine Ladies in ihrem Sinne sind?
Gegenstände eines spottenden Mitleids -- weiter Nichts!
Es ist gewiß zu tadeln, und welcher Verständige unter
uns tadelt es nicht? wenn Frauen, denen Muße für
ihre Bildung bleibt, diese nicht für ihre Fortentwick-
lung verwenden, wenn sie sich plan- und zwecklos in
Hausarbeit verlieren, für welche ihre Männer ihnen Dienst-
boten unterhalten, die, vernünftig angeleitet, den Haus-
frauen die Mühe ersparen und selber dadurch für das Gemein-
wohl nützlicher gemacht werden würden. Derlei Irrthum und
Verkehrtheit findet sich bei uns und ist vom Nebel.
Aber daß Mädchen der gebildetesten Stände, die eine gute
Erziehung genossen haben, denen der Sinn für das Höchste
nach keiner Seite fehlt, sich frohen Herzens an den häuslichen
Herd eines geliebten unbemittelten Mannes begeben, um als
treue Dienerin des Mannes und des Hauses Alles und Jedes zu
leisten, was des Lebens Nothdurft für Mann und Kinder von
ihnen fordert, das ist mir immer als etwas eben so Natürliches
wie Schönes erschienen. Das habe ich, trotz meiner in früherer
Zeit auch für den Erwerb mir nothwendigen Thätigkeit, durch
lange Jahre mit Glücksempfindung unausgesett gethan. Drei
Treppen hoch, im einem von acht Familien bewohnten Hause,
in einer halben Etage von vier Stuben wohnend, mit einer
Dienstmagd arbeitend, bin ich mir und meinen Frcunden
deshalb nicht weniger laäzlite erschienen, als irgend eine reiche
und müßige Frau; und das freundliche Dankeswort, das mein
verstorbener Gatte, Adolf Stahr, unter den Jahresabschluß
unseres damals sehr bescheidenen Budgets zu schreiben pflegte,
wenn ich ihm denselben am I. Dezember vorlegte, hat mir

- FZ -=
durch die gesegneten M Jahre unserer Ehe wohler gethan,
mich mehr erhoben, als irgend eine der literarischen An-
erkennungen, an denen es mir nicht gefehlt hat. - Und
Gottlob! ich bin nicht die einzige Frau, die in Deutschland so
empfindet. Die Mehrzahl fühlt wie ich.
Auch war es einer unserer feinsten, gemüthvollsten Lyriker,
es war Justinus Kerner, der in spätem Alter noch ,die
verarbeiteten Hände seiner Frau' besang; die Hände des
guten, alten, schwäbischen ,Rikeles'', das, selber schon hinfällig
und schwach, noch seine Stütze und sein Stab war, als seiner
Augen Licht erlosch.
Spotten Sie immerhin über uns Mylady! denken Sie so
gering von uns als Sie nür mögen, es ficht uns wenig an. Wir
sind im Kerne unseres Wesens ein demokratisches, ein bürger-
liches Volk. Wie jeder Mann neben seinen anderen Berufs-
pflichten und Thätigkeiten auch Soldat und Vertheidiger seines
Landes ist, so ist und soll jede Frau, was immer sie außerdem
auch kann unb leistet, vor allem Andern Hausfrau, Haus-
hälterin sein unter ihres Mannes Dach; und wir rühmen das
und heben es mit Lust hervor, wo wir es finden. Bei des
Handarbeiters, bei des reichen Mannes Frau, bei der Schau-
spielerin und bei der Schriftstellerin, wie bei der Königstochter
von England, die an des deutschen Kronprinzen Seite einst
deutsche Kaiserin sein wird.
Weil die Engländerin es darauf abgesehen hat, uns
deutschen Frauen unsere unwürdige Behandlung durch die
Männer und unsere unglückliche Stellung in unserem Vater-
lande recht nach allen Seiten klar zu machen, stellt sie unsere
Verhältnisse und die der Männer von Jugend an scharf
einander gegenüber. Sie strebt uns zu beweisen, wie wir von
ihnen völlig abgetrennt, eine Art von Haremsleben innerhalb
der Kaffeegesellschaften führen, zu denen die Männer keinen

= IZ -
Zutritt haben, und innerhalb der Konzertgärten, in welchen die
Männer sich auch abgesondert von uns halten. Kaffegesellschaften
aber kennt die jetige Gesellschaft wohl nur in den allerkleinsten
Städten; und in unseren Konzertgärten, die eine gar nicht
üble Einrichtung sind, pflcgte es munter und ungezwungen genug
herzugehen von den Konzerten in den Provinzialstädten bis zu
denen der zoologischen und der Flora-Gärten in Berlin, in
Köln und in Frankfurt; und es leben Engländer genug, die
s dort angenehmer gefunden haben, als ihre anonyme Lands-
männin.
Daß bei uns die Erziehung im Vaterhause die Knaben
und die Mädchen mit den Freunden und Freundinnen der-
selben von früh auf in einem ununterbrochenen Verkehr
erhält, aus welchen oft, sehr oft Freundschaften für das ganze
Leben erwachsen, daß die gemeinsamen Tanzstunden der
Knaben und Mädchen, die Eisbahn und die Familienbälle
diesen Verkehr weit in die Jugendjahre hineinführen und
manche Ehe auf dem Boden solcher Jugenderinnerungen
erwächst, das hat die Lady, wie es scheint, zu erfahren nicht
die Gelegenheit gehabt. Sie spricht zwar von den fröhlichen
Schülern und Studenten, die das Ränzel auf dem Rücken
das Land durchwandern, die gute Turner, gute Schwimmer,
treffliche Schlittschuhläufer und Reiter sind; aber daß die
Mädchen in den Schulen ebenfalls turnen, daß sie fast sammt
und sonders gute Schlittschuhläuferinnen sind, daß man sie
kalt baden und schwimmen läßt, wo sich dazu die Möglichkeit
findet - und sie fehlt kaum irgendwo - daß sie reiten
lernen, wenn sie reich genug dazu sind, das weiß sie wieder
nicht. Sie will gut und überall bei uns zu Hause sein,
lange unter uns gelebt haben, und ist doch weder in der
sächsischen Schweiz, noch im Harze oder in Thüringen und
im Schwarzwalde den jungen Mädchen und jungen Frauen

I -=-
begegnet, welche während der Sommmerfrischen die Wander-
gefährten ihrer Brüder und Männer machen. Das ist auf-
fallend geng! Es paßte aber nicht in ihre vorgefaßte
Meinung, sie hat es also nicht gesehen.
Um uns endlich den schlagendsten Beweis für die Gering-
schätzung zu geben, die wir erdulden, gipfelt sie ihre Be-
merkungen in dem Sate, daß in Deutschland die Ehe-
schließung Sache der Familienübereinkunft, nicht der Liebe
ist, und zieht daraus Schlüsse, die noch verwunderlicher sind,
als dieser Ausspruch selber. Sie sagt: ,In den höheren
Ständen wird das Ehebündniß, wenn nicht ganz, so doch
schließlich von dem Vermögen abhängig gemacht. Es ist ein
Theil von dem eigenthümlichen prosaisch praktischen üund
doch so verhängnißvoll unpraktischenzs Programme, welches
das Gesetz der gegenwärtigen deutschen Natur zu sein
scheint, daß, wenn in einer Familie Geld vorhanden ist,
es aus derselben nicht herausgelassen werden darf.? Dadurch
gehen die Familienheirathen von Generation zu Generation.
Dadurch entsteht denn auch, wie sie behauptet, die Entartung
der deutschen Race, und eben deßhalb giebt es in keinem
Lande ,so viel Kröpfe, so viele von Scropheln entstellte
Hälse, so viele Rückenkrankheiten, so viele schlechte Zähne und
einen im Allgemeinen so mangelhaften Knochenbau als
in Deutschland !
Das scheint jedoch nach ihrer Meinung nur von den
Frauen Geltung haben zu sollen, denn die Engländerin ist
voll Bewunderung für die prachtvollen Gestalten, die breite
Brust, die stolze Stirne und für die mächtige Stimme
unserer Offiziere. Die deutschen Ofsiziere läßt sie gelten!
Daß aber die prächtigen Offiziere, daß die hunderttausend
kriegstüchtigen, jungen Männer, die alljährlich aus allen
Ständen in den Reihen unseres Heeres eintreten, und nach

== gh -
abgelegtem Dienste, wohlgeschulten Körpers, in das Gebiet
des bürgerlichen Lebens, hinter den Pflug, in die Werkstatt,
in das Comptoir, auf die Bühnen der Theater wie auf die
Katheder der Schulen und der Universitäten, auf die Kanzel
und in die Säle der großen Welt zurückkehren, daß diese
stattlichen Männer und Bürger nicht nur die Söhne ihrer
Väter, sondern auch die ihrer Mütter sind, diesen kleinen
Umstand hat sie nicht bedacht. Daß aus Ehen, an denen die
Liebe nicht den ersten und höchsten Theil hat, daß von
Müttern so verkommener Art, die ihre Kinder nicht zu säugen,
nicht zu pflegen verstehen, die selbst so völlig nichtig sind,
ein solches Geschlecht von Männern entstammen kann, das ist
es eigentlich,worüber die Engländerin allein Grund gehabt
hätte, sich zu verwundern; und das hat sie leider unterlassen.
Aber beruhigen Sie sich! Die Liebe hat unter uns bei
dem Zustandekommen der Ehe den vollen Theil, der ihr ge-
bührt. Im Gegentheil, wir haben in den Familien des ge-
bildeten und bei uns eben nicht reichen Mittelstandes, oft genug
darauf zu achten, daß frühe Liebe nicht zu voreiligen Ver-
löbnissen verleitet und daß die ernste Gewissenhaftigkeit, mit
welcher solche Verlobungen fast durchweg eingehalten werden,
die jungen Männer nicht veranlaßt, vorzeitig zu heirathen und
ihre volle freie Entwicklung durch die Sorge für eine Familie
zu beeinträchtigen. Was danach in dem German koms liks
noch von dem Zusammenhalten des Geldes innerhalb der
deutschen Familien gefabelt wird, ist vollends thöricht, wenn
schon es in den Familien der zahlreich unter uns lebenden,
und zu einem bedeutend mitzählenden Faktor gewordenen
Juden häufiger vorkommt. Aber auch innerhalb dieser Kreise
hätte die Lady es beobachten können, wie die reichen Väter kaum
einmal anstehen, ihre Töchter mit unbemittelten Männern aus
allen Lebensbereichen zu verbinden, wenn es eben tüchtige

= I,ß -
Männer sind und sich sonst Glück aus solcher Heirath für die
Töchter, und umgekehrt für die Söhne, erwarten läßt.
Unwahrer noch ist es, was über die rücksichtslose Be-
handlung der Frauen in der Ehe berichtet wird. Der Lady
müssen ganz besondere Erfahrungen zu Theil geworden sein.
Doch ist bei den Anschauungen, welche sie von der Ehe hat,
darüber mit ihr nicht wohl zu rechten, denn es scheint, als
fehle in ihrer Seele das mächtige Wort: ,Und er soll Dein
Herr sein!? Wir hingegen tragen es im Herzen und dienen
gern - - wo wir lieben! Wir wollen emporblicken zu dem
Manne, dem wir uns zu eigen geben, nicht nur ihn zu unseren
Füßen sehen. Es ist auch kein Zeichen von der Geringschätung
des weiblichen Geschlechtes, wenn man es, wie in Frankreich
und in Deutschland, frühzeitig daran gewöhnt, die kleinen
Dienstleistungen zu üben, welche die Bewirthung der Haus-
genossen und der Gäste fordert. Es steht der weiblichen Jugend
sehr wohl an, mit Anmuth sich gefällig gegen das Geschlecht
zu erweisen, aus dem sie einst ihren Gatten wählen wird, der
ihr Ernährer, der Herr des Hauses, des Weibes treuester
Freund und seine Stütze sein soll. Es freute mich, als ein
sehr selbstständiges, junges Mädchen sich einmal in meinem
Beisein weigerte, sich von einem seiner Bewerber, der ihm
werther war als alle Anderen, den Shawl und den Schirm
nachtragen zu lassen. ,Ich kann mir's selber tragen, sagte es
keck und wohlgemuth, und kann's nicht leiden, wenn die
Männer sich einbilden, mir zu gefallen, indem sie die Be-
dienten machen!r Es war das eine jugendliche Nebertreibung,
aber es wahr doch immer ein Symbol. Es wollte lieber
dienen und verehren, als herrschen und gebieten! Und das
war gut und richtig; denn die Gegenseitigkeit der freien An-
atrer

=- P? -
In dem weiten großen Kreise meiner Bekannschaft -
und ich kenne mein Vaterland vom Norden bis zum Süden,
und kenne meine Landsleute sehr genau-- sind mir sehr
wenig unglückliche Ehen und noch viel seltener Ehescheidungen
selbst in den Fällen vorgekommen, in denen die Ehe meinem
Jdealvon einer solchen nicht entsprach. Ja, ich wüßte, nament-
lich in den begüterten Familien, weit häufiger von ver-
wöhnten Frauen, von so anspruchsvollen Frauen zu berichten,
daß sie nach dem Maßstabe der Engländerin für Ladies gelten
können, als von schlecht und hart behandelten. Und wenn
die Lady sich hier und da einmal herbeigelassen hätte, den
öffentlichen Festen beizuwohnen, die unser Volk im Winter
in seinen Vereinen, oder im Sommer im Freien zu begehen
liebt, wenn sie in der Pfingstzeit, wenn sie bei den Singfesten
und Spazierfahrten, wie bei den winterlichen Handwerkerfesten
die arbeitenden Stände hätte betrachten mögen, so hätte ihr
die Genugthuung nicht fehlen können, das schickliche Betragen
der jungen Leute für ihre Liebsten und die zärtliche Sorgsams
keit der jungen Männer für ihre Frauen und Kinder wahr-
zunehmen. Ein Fest wie Grssnieb sair irgendwo in Deutsch-
land angetroffen zu haben, entsinne ich mich nicht; obschon es
sicherlich an Rohheit unter uns so wenig fehlt, als es an
guten, warmherzigen Ehen unter den Arbeitern von England
fehlen wird.
Um es dann aber an großen Beispielen darzuthun, was
man von der Ehe in Deutschland zu halten habe, weist die
Ungenannte mit geflissentlicher Schärfe darauf hin, daß Goethe
eine ihm nicht ebenbürtige Frau geheirathet, nachdem er sich
lange in Herzensverirrungen mancher Art bewegt, daß
romantische, ungesetzliche Verbindungen, daß einzelne Ehe-
scheidungen in dem Leben bedeutender und hochgestellter
deutscher Männer und Frauen vorgekommen sind. Und wieder

= IF -
vergißt sie es, zurückzublicken in die eigene Heimat, mit deren
moralischem und religiösem Standpunkte sie doch so sehr zu-
frieden ist.
Sie tadelt den sittenlosen Lebenswandel Friedrich Wil-
helm's ll. von Preußen, den man bei uns nicht milder be-
urtheilt als sie; aber sie vergißt, in welcher Weise Heinrich l.
von England sich zu helfen wußte. Sie vergißt auch das Leben
des Prinz-Regenten, und sie trägt daneben der Geistesrichtung
am Ende des 1. Jahrhunderts keine Rechnung, welches sich
durch die Ehe nicht in der Freiheit des persönlichen Beliebens
beschränken ließ, sondern gerade wie die ungenannte Lady die
Ehe ,als den goldenen Schlässel zum Paradiese der Freiheit'
ansah. Und doch erkennt selbst die Bibel. den Zusammenhang
des Einzelnen mit dem Geiste seiner Zeit feierlich durch die
Worte an: Er war ein großer Mann in seiner Zeit! = Jene
Männer aber lebten und handelten nach dem Geiste ihrer Zeit.
Sie versteht es auch nicht, daß Ehescheidungen in gewissen
Fällen die Folgen eines großen Jdealismus, daß sie die fromme
Scheu vor einem Ehebruch, daß sie, wie Arnold Ruge es in
einer seiner Abhandlungen ausgesprochen hat, unter gewissen
Verhältnissen eine That ernstester Sittlichkeit sein können. Sie
bedenkt es nicht, daß Menschen von einer großen, oft unerwar-
teten Entwicklungsfähigkeit, von stärkerer Leidenschaft, von
größerer Gefühlstiefe als das Mittelmaß der Menschen sie zu
besitzen pflegt, in ungewöhnliche Verwicklungen gebracht, durch
diese gezwungen werden können, sich unter den vom Staate
anerkannten und sehr schweren Bedingungen aus jenen Ver-
wicklungen zu befreien, um nicht Schaden zu nehmen an ihrer
Seele. Indeß ich muß es wiederholen, es ist schwer, dafür ein
Verständniß zu finden bei einer Frau, welche ,die Ehe für den
goldenen Schlüssel zu dem Paradiese der Freiheit'' ansieht,
während sie daneben gelegentlich die Ehe ganz im katholischen

- I,ß -
Sinne als ein Sakrament und die Lösung derselben als eine
Sünde zu betrachten scheint.
Sie fragt sich auch nicht: War Shakespeare's Ehe glücklich?
War Byron ein Vorbild für die eheliche Treue? Existiren Porik's
Briefe an Eliza nicht? Hat Dickens in seiner Gattin sein
Jdeal gefunden? Hat Lady Bulwer nicht ihren Cheveley ges
schrieben? Karoline Norton nicht ihren Schmerzensschrei gegen
die Schwierigkeit der Ehescheidung in die Welt hinausgestoßen?
Und fehlt es unter den jettt lebenden bedeutenden Engländern
an Beispielen dafür, daß der ,treuen Liebe Pfad nicht immer
sanft hinfloß? =- Aber welchem verständigen Deutschen ist es
eingefallen, gering zu denken von dem mökälischen Sinne der
Engländer und hart und verwerfend abzuurtheilen über die
Ehe und das Familienleben eines ganzen großen Volkes, weil
einzelne Menschen, weil verschiedene Eheleute desselben
in ihrer Ehe nicht das Glück des Predigers von Wakefield
gefunden haben?
Ic bin sehr weit davon entfernt zu glauben, daß in
Deutschland die Frauen durchweg dasjenige sind, was die Frau
in ihrer höchsten Durchbildung zu sein vermag; aber ich
kenne kein Volk, das lauter weibliche Jdeale aufzuweisen hätte,
und ich darf mit ruhiger Zuversicht behaupten, daß in der
großen Masse die deutschen Frauen und die deutschen Ehen
es an Redlichkeit, an Tüchtigkeit und an innerer Würdigkeit
mit den Frauen und mit den Ehen aller gesitteten Völker
unbedenklich aufnehmen dürfen; daß wir uns weder über
Mangel an Liebe, noch über Mangel an Achtung von Seiten
unserer Männer zu beklagen, daß wir das Mitleid der Lady
keinesweges nöthig haben.
Was will's daneben groß besagen, wenn deutsche Männer
es gelegentlich versäumten, der fremden Dame ihren Mantel
oder ihre Kapuzze aus dem Ankleidezimmer rasch herbeizuholen?
J. Le wa ld, Reiiebrieie.

== Zß
Neber derlei fehlende Beachtung ist's garnicht klug zu klagen;
denn unsere gemeinsamen Nachbarn, die Franzosen, von deren
Sarkasmus die Lady eine starke Ader hat, könnten in solchem
Falle leichtlich fragen: Wer trägt daran die Schuld, Madame?
Und von dem,Sarkasmus'' unserer mitleidsvollen Lady
noch ein Wort.
Die Spottlust der Engländerin richtet sich, wo man ihr
Buch auch aufschlägt, immer wieder gegen die Aermlichkeit
unseres häuslichen Lebens und gegen den Mangel an festen
Formen für den geselligen Verkehr.
Daß unsere Mittelstände vielfach ärmer ind als die
englischen Mittelstände, hat man ihr, wie gesagt, ohne Weiteres
zugegeben. Die Schilderungen jedoch, welche z. B. Miß
Bronte von ihrer Jugend macht, und viele andere Schilde-
rungen, denen wir in englischen Romanen begegnen, thun
es doch auch sehr unwiderleglich dar, daß neben den engen
Wohnzimmern der armen verfallenen Pfarrhäuser, daß unter
den Dächern der Provinzialstädte auch nicht überall die Treib-
häuser zu finden sind, deren ausländische Pflanzen die Lady
in Deutschland in den Wohnungen ihrer unbemittelten klein-
städtischen Bekannten so schmerzlich vermißte, als käme in
England jeder Eingeborene in einem Palaste zur Welt. Ich
aber habe englische Schriftsteller, deren Name ein Gegenstand
der Verehrung für die ganze Welt ist, in den bürgerlich be-
scheidensten Verhältnissen lebend gefunden; und zu ihrem nicht
geringen Ruhme, stolz begnügt in ihrer Einfachheit. Sind
doch auch Thomas Moore, Dickens, Robert Chambers, Lewes,
George Elliot, und wie viele Andere, nicht aus der Mitte des
Luxuslebens hervorgegangen, sondern aus Bereichen, für deren
FRäR =---
Was wollen die seelenlosen Prachtgemächer, die Teppiche

= hh =-
und Thürvorhänge, die oft nur aus Prunksucht zusammen-
gekauften Gemäldesammlungen mancher Reichen bedeuten,
neben den engen Räumen, in welchen der ängstliche und liebe-
volle Sinn treuer Elternliebe den Kindern frühzeitig die
Werthhaltung des bescheidenen Hab und Gutes einprägt, das
zu beschaffen so viel Arbeit und Sorge nöthig war, und unter
welchem ,Urväter Hausrath'' hoch gehalten, von der eben so
treuen Arbeit vorangegangener Geschlechter spricht! Welch
ein Heiligthum die alten Tassen, aus denen die Eltern noch
getrunken! die verblichene Tischdecke und der kleine Schemel,
welche die Großmutter und der Mutter jung gestorbene
Schwester stickten! Welch ein Besiy, der Schrank voll Bücher
und das Klavier und jene Noten, die zu kaufen der Vater
sich jahrelang in doppelter Arbeit abgemüht. Wie viel freund-
liche Pflege in dem Epheu, in den Rosen, die in unsern kleinen
Städchen das Haus umwuchern, und in der Kresse, der Myrte,
dem Goldlack und der Fuchsia, die in den öden grauen Mauern
unserer großen Städte an dem Fenster der Dachkammer wie
in der Kellerwohnung selten einmal fehlen!
Und auch da wieder wie überall. haben die deutschen Frauen
ihren vollen Antheil an dem Guten, das sich kund gibt in
dem deutschen Volke. Auch nach dieser Seite hin, ist es bei
uns so, wie es in England ebenso ist, und nicht anders sein kann.
Aus den Häusern dieser in ihrem Besitz oft eng genug be-
schränkten Familien, ist eine große, ja man dürfte sagen, die
größte Anzahl unserer Denker, Helden, Staatsmänner, Dichter,
eine Anzahl unserer größten Industriellen hervorgegangen.
Aus dieser Sphäre gehen auch die jungen Frauenzimmer meist
hervor, denen man in England die Erziehung der Töcster so
vielfach und mit glücklichem Erfolge anvertraut. Könnte man
das, dürfte man das thun, wenn unsere Frauen, wenn die
weibliche deutsche Jugend so verkommen, so untüchtig und so

==- IZ -
nichtig wäre, als es der Verfasserin von German koms liss
beliebt, sie darzustellen?
Ich wiederhole es: vollkommen sind sie nicht, unsere jungen
Frauenzimmer; aber sind es die Engländerinnen alle und in
Allem? =- Die Verfasserin spottet darüber, und hier wieder
einmal mit Recht, daß unsere Mädchen sich für den Ausdruck
ihres Wohlgefallens und ihrer Bewunderung, halbwegs fest-
stehender und übertriebener Ausdrücke bedienen. Sie findet
es abgeschmackt, wenn Alles ,reizend'',,entzückend'',, himmlisch'',
genannt wird, wenn man sich für Gleichgültiges zu begeistern
behauptet; und wir selber finden das auch geschmacklos, wir
tadeln es, wo es uns begegnet. Aber Nebertreibung ist das
Zeichen der Unreife und der Jugend, und ein Zeichen der
reifen großen Bildung ist es auch nicht, wenn Engländerinnen
ihr maßvolleres ,viee von einem Manne, von einer Frau,
von einem Dichterwerke, von einer schönen Gegend wie von
einem Pudding gleichmäßig gebrauchen.
Dem Ausländer fällt überall' in dem Wesen und Behaben
eines fremden Volkes ihn Befremdendes auf. Mich dünkt je-
doch, es ist die Aufgabe des gebildeten Beobachters, daß er zu
verstehen trachtet, was ihm fremd erscheint, daß er die Luellen
zu erkennen strebt, aus welchen die Gewohnheiten eines ihm
fremden Volkes hervorgehen, daß er das Wesen desselben zu
ergründen, nicht die von den Gewohnheiten seines eigenen
Volkes abweichenden äußeren Gewohnheiten der Fremden zu
verspotten, sich angelegen sein läßt.
Es geht übrigens durch die Gesellschaft aller Kulturvölker
in unserer Zeit eine Reigung zu ungehörigem Gebrauch der
Adjektiva, von welcher England keineswegs frei sein muß.
Denn es fiel mir auf, als ich vor ein paar Jahren Bulwer's
Kenelm Chillingly einmal in Händen hatte, wie er zum Lobe
seiner Heldin es geflissentlich hervorhob, sie habe zwar keine

= ZZ -
der Modekünste zu üben vermocht, mit welchen die Mädchen
sich in der Gesellschaft zu zeigen lieben, aber man sei sicher
gewesen, von ihr bei ernster Unterhaltung wohl verstanden
zu werden, und nicht von ihr hören zu müssen, daß sie sich
uwkallz (oder srigbtfallzz amusec hätte, und daß the bisbop
a nice zell sei.
Ich bemerke hierbei jedoch ausdrücklich, daß ich das Bul-
wer'sche Buch nicht bei mir, überhaupt kein Buch hier zur
Verfügung habe, und nach allen Seiten hin völlig auf mein
Gedächtniß angewiesen bin.
Ee ist immer und immer wieder der Rückblick auf ihre
heimischen Verhältnisse, welcher der Engländerin fehlt und sie
selbst da, wo sie die äußere Thatsache richtig gesehen hat, zu
falschen Urtheilen verleitet. Wenn sie bei Erwähnung un-
serer vermögenslosen Mittelstände die Neigung der Frauen
tadelt, sich mit billigem Putze unnöthig zu behängen, so ver-
gißt sie, wie das in England unter gleichen Verhältnissen,
und wir sehen davon die Beweise oft auf: dem Kontinente,
grade so geschieht. Der Ausdruck -bobbz gentilitz deutet,
wenn ich ihn recht verstehe, auf die gleiche oder doch eine
ähnliche Thorheit unter ihren eigenen Landsmänninnen hin.
Wenn sie die deutschen Frauen unselbständig nennt, wenn
sie ihnen vorwirft, daß sie ihren Männern als hülflose Ge-
schöpfe auf dem Halse lägen, eben jenen Männern, von
denen sie doch als Haussklaven behandelt werden, so bedenkt
sie nicht, daß die lächerliche alte Jungfer: the unprotseteä
kemale des Punch, eine englische Karikatur, und das ehilä-
viks eben so eine nach dem Leben gebildete Schöpfung von
Dickens ist, wie Lenette eine solche Schöpfung von Jean Paul.
Weit mehr hat man ihr zuzustimmen, wenn sie es tadelt,
daß Deutschland keine festen Formen für den Umgang und
Verkehr besitzt; denn das natürliche Sichgehenlassen ist nur

=- hg --
da zu loben, wo die Natur so schön und so vollkommen durch-
gebildet ist, daß alle ihre unwillkürlichen Kundgebungen,
wie es bei romanischen Völkern meist der Fall ist: schön sind
und erfreulich wirken. Diese angeborene schöne Form fehlt
im Allgemeinen den germanischen Volksstämmen, bei den Eng-
ländern mehr noch als bei uns. Es ist also lobenswerth, daß
die Engländer sich nicht mit ihrer Naturwüchsigkeit begnügen,
daß sie nicht, wie die Deutschen oftmals, sich mit dem:
Wir sind bieder und natürlich,
Und das ist genug gethan!
abzufinden trachten. Feste Regeln für den geselligen Verkehr
erleichtern das Leben nach allen Seiten. Es wäre daher wohl
, zu wünschen, daß sich auch unter uns eine Form feststellte,
welcher, von dem Gebildeten bestimmt, der Ungebildete, der
Unerzogene, sich wie einem Gesetze unabweislich zu unterwerfen,
mit der er seine Unkultur in Fesseln zu schlagen hätte, um
nicht Anstoß zu geben und nicht zu verletzen. Daß aber eine
solche Regel neben ihrem Segen auch ihre bedenkliche Seite
hat, daß sie im schlimmen Sinne einförmig macht, wenn sie
nicht durch Geist und Eigenthümlichkeit belebt wird, das ist
nicht fortzuleugnen; und selbst in dem, was die Engländerin
von der Formlosigkeit der Deutschen ihren Landsleuten be-
richtet, ist eine geflissentliche Nebertreibung, welche den Tausen-
den von Engländern, denen es in Deutschland und mit uns
wohl geworden ist, kaum entgehen dürfte.
Ebenso verhält es sich mit den satirischen Bemerkungen
über die Titelsucht der Deutschen. Auch darin, wie in dem
ganzen Zuschnitt unseres Lebens, ist sehr Vieles anders ge-
worden, als die Verfasserin es gekannt zu haben behauptet.
Unser Leben ist reichlicher, ist breiter, ist viel bewegter gewor-
den; und jene Titulaturen, die ihr so lächerlich erschienen,

-==- IJ -
sind in der That seit einem Menschenalter unter Gebildeten
nicht üblich. Wir schreiben nicht mehr: Wohlgeboren, Hoch-
wohlgeboren, Hochgeboren u. s. w. Indeß ich möchte dennoch
fragen, ob man in Jtalien nicht heute noch das llastrissimo
und ähnliche Prädikate braucht? und ob auf keinem englischen
Briefe ein bsg. geschrieben wird? ob kein honoarahls, Right
lonourahls, kein Rerereuä auf englischen Briefen zu lesen sind?
ja, ob diese Zusätze nicht ein Gefordertes in England
wären? - In Lessing's Nathan heißt es: ,rum muß der
Knorr den Knubben hübsch vertragen.?
Nirgend aber erscheint die Spottlust, und diese ist die
hervorragendste schlimme Eigenschaft des Buches, in häß-
licherem Lichte, als wenn die Verfasserin desselben, Deutschland
mit unverkennbarem Spotte immer als ,the katherlunar be-
zeichnet.
Das Deutsche Reich, wie es sich zu unserem Heile endlich
als Einheit herausgebildet hat, das Vaterland, wie wir es
lieben und im Herzen tragen, hat nicht das Glück, sich ihrer
Anerkennung zu erfreuen, denn sie hat sich ihre Meinung über
unsere politischen Verhältnisse offenbar in partikularistischen,
dem Deutschen Reiche abholden Kreisen zusammengeholt. Sie
will es eben deshalb auch nicht verstehen, weßhalb der Deutsche
keine höhere Bezeichnung für sein Land kennt, keine, die ihm
das Herz höher schlagen macht, und keine, in welcher sich seine
Liebe für die Heimat, für die Familie, voller und einheitlicher
ausspricht, als indem er das Land, in welchem er geboren,
nicht wie der Engländer ,sein Land'', sondern das Land seiner
Väter ,sein Vaterland', und die Sprache, welche er redet, nicht
die Nationalsprache, sondern die Sprache der Mutter nennt,
von der er sie erlernte, ,seine Muttersprache!f'
Einer Frau aber, die dieses nicht als ewas Schönes und
Erhabenes empfindet, der muß es freilich schwer fallen, deutsches

==- H -
Wesen und deutsches Familienleben zu verstehen; der muß es
schwer sein, die in sich beschlossenen deutschen Frauen nach
Gebühr zu würdigen, die trotz ihrer Mängel, trotz ihrer
Schwächen und Unvollkommenheiten, die in aller Beschränktheit
ihres ,verwaschenen, verkochten und vernähten Lebens'' es oft
sehr wohl verstehen, die Gedanken ihrer Männer nachzudenken,
und ihre Kinder in dem Sinne zu erziehen, der in den Worten
des ihnen allen in das Herz gewachsenen Dichters gipfelt:
An's Vaterland, an's theure schließ dich an!
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen,
Dort sind die starken Wurzeln deiner Kraft.
Es leben aber glücklicher Weise auch jenseit des Kanales
Männer und Frauen, die Deutschland und die deutschen
Frauen anders kennen, besser würdigen, als die Ungenannte
es für gut befindet und vermag. Es leben Engländer und
Engländerinnen, die Zeugen davon waren, wie diese schlichten
deutschen Hausfrauen, diese für sich ganz anspruchslosen
Mütter, in den Tagen des letzten über uns frevelhaft herauf-
beschworenen Krieges mit heldenhafter Selbstverleugnung ihre
Gatten, Söhne, Brüder in das Feld ziehen sahen.
Es ist hart, sagte mir, die Thränen zurückdrängend,
eine noch schöne, noch junge Frau, als ihr einziger Sohn sich
vor ihrer Thüre auf das Pferd schwang, es ist hart, daß ich
ihn scheiden sehe, aber ich muuß ja Gott danken, daß er
gesund ist und gehen kann, seine Schuldigkeit zu thun! -
Und wie die Eine, sagten es die Hunderte, sagten es Alle.
Wahre Wunder aufopfernder Treue und Hingebung sind
in der Pflege der Kranken und Verwundeten, sind von den
Frauen in der Ergebung geleistet worden, mit welcher sie die
Verluste ertrugen, die so Unzählige zu beklagen hatten! In
der That, es bedurfte nicht des pomphaften Zurufes auf dem

=- Z? -
Titelblatt von Seiten der Ungennanten, die deutschen Frauen
zu ihrer Erhebung ermahnend zu erwecken; sie waren erhaben
genug in schwerer Zeit.
Wir leben, arbeiten, entwickeln uns eben aus unserer
Natur heraus, nach unserer Weise, und wir ehren das
Gleiche in jeder anderen Nation. Wir fügen dazu den aller-
dings sehr weiblichen Wunsch, daß allen Frauen von ihren
Männern Liebe zu Theil werden möge, je nachdem sie es ver-
dienen, Liebe wie sie so Vielen von uns zu Theil wird; denn
ich weiß nichts Besseres.
-;Daß daneben Denen, welchen das Glück der Liebe und
der Ehe nicht zu Theil wird, oder jenen Andern, die es nöthig
haben, für den eigenen Unterhalt oder gemeinsam mit dem
Manne für den Unterhalt ihrer Familie zu arbeiten,
eine freie Bethätigung ihrer Kräfte ermöglicht werde, dies zu
erreichen sind wir in Deutschland überall. bemüht, von wackern
Männern in unserm Bestreben vielseitig gefördert. Wir be-
dürfen also durchaus nicht der Ermahnung gigeg fremden
Frau, und ihres Mitleids noch weit weniger. Sie mag üüns
ruhig und unbekümmert unserem Schicksal und uns selber
überlassen. Wir wissen, was uns obliegt, was wir wollen
und müssen.
Eine Lehre aber könnten und sollten die deutschen Frauen
vor allen andern aus dem Leben der Engländer sich anzueignen
trachten: eine verständige Vorsicht in der Auswahl der Fremden,
denen sie in ihren Häusern Gastlichkeit gewähren und ihr
Zutrauen arglos schenken.