Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 05

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Fünfier lries.
In der Ichweiz.
Vernex pres Montreut,
im September 17?.
Wundert Euch nicht, einen Brief von den Ufern des
Genfersee's zu erhalten, und wundert Euch auch nicht, daß ich
in diesem Jahre nicht mehr nach Hause komme, daß ich
mich weiter von der Heimat entferne, als es in den letzten
zehn Jahren geschehen ist. Und nun ich den Entschluß gefaßt
habe, ist es mir noch lieber, daß mir durch meine alte Freundin,
die ,Kölnische Zeitung', die Möglichkeit geboten ist, während
dieser längeren Abwesenheit mit Euch und den andern
Freunden und Theilnehmenden mehr im Verkehr bleiben zu
können, als es ohne sie thunlich werden würde.
Allerdings hat es jetzt der briefschreibende Reisende nicht
leicht, wenn sich die Aufgabe stellt, Neues, Ungekanntes zu
berichten. Die Erde ist klein geworden seit die Eisenbahn-
schienen und Telegraphendrähte sie umspannen. Alle Welt
hat die Welt gesehen. Das Reisen ist ein Geschäft geworden
wie ein anderes, das Reisebeschreiben eben so; und es wird
von so Vielen so gut gemacht, daß man viel guten Glauben
und viel Zutrauen zu sich selber haben muß, wenn man sich
der Einbildung hingeben will, etwas Neberraschendes zu ver-
melden, etwas Unbekanntes mitzutheilen: es sei denn, daß
man eine Wanderung guer durch Afrika macht, oder durch
das ewige Eis nach dem Nordpol vordringt. Daß ich weder
das Eine noch das Andere vorhabe, brauche ich nicht zu ver-

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sichern. Ich gehe einfach nach Rom, um wieder einmal einem
nordischen Winter auszuweichen, um unter grünen Sträuchern
und blühenden Bäumen auf dem Monte Pincio, statt auf
der schnee- und regennassen Straße vom Brandenburger Thor
nach der HofjägerAllee zu gehen, um noch einmal die Stätten
wiederzusehen, mit denen meine Erinnerungen so tausendfach
verknüpft sind; und wie ich vor zchn Jahren von Rom aus
ein paar Mal in jedem Monat einige Blätter nach Hause
gesandt habe, so denke ich es auch jett wieder zu thun.
Freilich sollte man meinen, in einer Zeit, deren charakte-
ristische Eigenschaft das Massenhafte ist, müßte das Persönliche
am Ende ganz und gar verschwinden. Indeß das Einzelwesen
behauptet mit dem Trieb der Selbsterhaltung doch sein
Recht des gesonderten Bestehens und Erlebens, und darauf
beruht, wie ich glaube, die Hoffnung, daß wir unter der
Herrschaft des Massenhaften nicht in Barbarei versinken. Wir
müssen hoffen, daß die großen Welt -Ausstellungn, die Monstre-
Konzerte - wie bezeichnend ist der bloße Name! daß die
Gesammtreisen, bei denen man sich in Massen von einem
Unternehmer durch und um die ganze Welt herumführen läßt,
bei denen Scharen zum Vergnügen scharenweise ganz dasselbe
sehen, nicht noch schlimmer wirken, nicht noch mehr verflachen,
als sie es wirklich thun. Denn es muß dem eigenarigst aus-
geprägten Menschen, dünkt mich, schwer werden, in solcher un-
zusammenhängenden und doch zusammen gehörigen Gemeinschaft,
sich in sich selbst zurückzuziehen. Wer aber vollends noch wie
ich z. B. die schöne Selbstherrlichkeit gekannt hat, mit welcher
man vor O, 45 Jahren, zur Zeit der damals fertig gewordenen
Chausseen, im eigenen Wagen nach eigenem Belieben in voller
Sicherheit durch die Länder fuhr, der kann sich nicht recht
darein finden, wie die Menschen sich jettt zum Vergnügen
freiwillig dessen berauben mögen, was man sonst als den

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größten Reiz des Reiselebens ansah, des Glücks, an jedem
Tage in gänzlicher Freiheit Dasjenige zuthun und zu unterlassen,
was in dem gegebenen Augenblicke zu thun oder zu lassen
Einem eben das Erwünschte schien.
Schon in den großen, prächtigen Gasthäusern betreffe ich
mich in der allgemeinen Hast und unruhigen Gleichgültigkeit
oft auf dem Gedanken, daß es nachgerade dankenswerth sein
möchte, statt der immer wachsenden Zahl der kasernenhaften
Hotels, hier und da kleine Einsiedeleien für den Sommer ein-
zurichten, in denen ein paar gebildete und befreundete Menschen
in stillem, ruhigem Genusse der schönen Natur und ihrer selber
froh werden könnten.
Nie mehr als eben in diesen rastlos gewordenen Zeiten
habe ich es begreifen können, wie man eine ,ozage autour äe
wa ehamhrsr oder etwa,,Reisebriefe eines stillsitzendenReisenden''
schreiben könne; und auf etwas der Art wird es mit den
Briefen wohl hinauslaufen, die Ihr von mir empfangen werdet.
Das Reisen wird ganz etwas Anderes, wenn man die Gegenden,
die Orte, die man berührt, nicht mit dem Auge der Neugier,
der Neberraschung betrachtet, wenn man aus einem Touristen,
so zu sagen, ein vergleichender Reisender geworden ist, wenn
man neben der Gegenwart die von ihr so weit verschiedene
Vergangenheit unwillkürlich im Sinne hat, wie man sie zuerst
kennen lernte.
Ich weiß nicht, ob Ihr Euch aus dem Skizzenbuche von
Washington Irving der Geschichte von Rip van Winkle er-
innert? Mich hat sie in meiner Jugend sehr gerührt. Sie
erzählte von einem Manne, der durch Berggeister von der Welt
abgetrennt worden war, in welcher er gelebt und gewirkt hatte.
Als er dann nach langen, langen Jahren in dieselbe zurück-
versetzt wird, kann er sich nicht mehr in ihr zurechtfinden. Er
kennt Niemanden, ihn kennt Niemand. Und es läuft dann

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damit auf die uralte Klage über die Vergänglichkeit des
Menschen und alles Irdischen hinaus, auf die Klage, der
Walther von der Vogelweide den rührenden Ausdruck ge-
geben hat:
Oh weh! wo sind geblieben meine Jahre?
Sind sie mir geträumet oder sind sie wahr?
Die mit mir waren jung, sind worden grau und kalt,
Vertreten ist das Feld, verhauen ist der Wald -
Nur daß das Wasser ießet, wwie es weiland foß!
und selbst das ist jetzt oftmals nicht mehr der Fall, und man
braucht nicht nach Menschenaltern, sondern häufig nur nach
Jahrzehnten an die Orte wiederzukehren, die man früher ge-
kannt hat, um Straßen und Quais und Wege und Bauten
zu sinden, wo man einst vor Wiese und Wald, vor Moor
und Teichen, vor Flußausläufen und an Seen gestanden hat.
Aber, und dies hat man mit Genugthuung festzustellen, in der
Schweiz, in welcher ich diesen Sommer über verweilt habe, ist
es durchweg eine Wandlung zum Besseren, die ich zu beobachten
gehabt habe.
Wenn ich mich z. B. an das Ragaz erinnere, das ich vor
zwanzig Jahren zuerst gesehen, so ist der Abstand zu dem
jeigen sehr belebten Badeorte ungemein groß. Damals war der
ehemalige alte Bischofssitz das eigentliche Kurhaus. Es lag
ganz allein auf dem weiten Platze und sah mit seinen grauen
Mauern, mit seinem schweren Dache, mit seinen in Stein ge-
faßten breiten niedern Fenstern eben so würdig und wohnlich,
als ernsthaft unter seiner Reihe von großen Pappeln hervor.
Eine Anzahl von Orangenbäumen in Kübeln waren die ganze
Zierde des Platzes. Eine durch die Möglichkeit des Unter-
gebrachtwerdens sehr beschränkte Zahl von Kurgästen saß auf

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einzelnen Bänken vor der Thüre. Das Ganze hatte etwas
feierlich Langweiliges und Melancholisches. Der Anbau wollte
nicht viel bedeuten, und der einzige andere Gasthof, das
Taminahotel, in dem wir Quartier nehmen mußten, war so
schmutzig und widerwärtig, daß wir froh waren, als wir am
andern Tage, nach pflichtmäßiger Besichtigung der Schlucht
und der Luellen, den unwirthlichen Aufenthalt wieder ver-
lassen konnten.
Und jetzt? - Jetzt ist Ragaz zwar kein Badeort mit
rauschenden Vergnügungen, wie die Spielbäder sie ihren Be-
suchern einst zu bieten hatten, aber es ist, abgesehen davon,
daß es wirklich eine Art von Jugendbrunnen ist, ein äußerst
angenehmer, friedlicher, jedem Bedürfniß begegnender Aufent-
halt; und es ist das Alles durch die außerordentliche Thatkraft
und den unternehmenden Sinn eines schweizer Bürgers ges
worden, den, wenn Herr Simon ein Engländer wäre, Smiles
sicherlich in die Reihe der ,selbstgemachten Männer'' aufge-
nommen haben würde, welche er in dem ,kelg zonrselE (Hilf
dir selbers seiner Nation zum ermuthigenden Beispiel aufge-
stellt hat. Was ich von ihm und seinem Lebenswege weiß,
ist nicht eben viel, denn er spricht nicht viel von sich selber,
auch wenn man ihn dazu veranlaßt; aber es ist doch interessant
und der Erwähnung einmal durchaus würdig.
Herr Simon ist der Sohn ganz unbemittelter Leute aus
dem Kanton St. Gallen, wenn ich mich nicht irre. Sein
neunzigjähriger Vater, seine greise Mutter leben noch. Früh
als einfacher Maurer in die Welt und nach Rußland gegangen,
mußte er sich selber an Wissen und Kenntnissen aneignen, was
er bedurfte, um aus einem Maurer ein Baumeister zu werden,
der mehr und mehr Kundschaft und Vertrauen erwarb, so daß
endlich einer der reichen russischen Großen ihm den Bau eines
Palastes übertrug. Das war der Anfang, der Herrn Simon

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weiter führte, bis er bauend und schaffend sich selber ein Ver-
mögen erschaffen hatte, mit welchem er, verheirathet mnit einer
Russin aus guter Familie und Vater mehrerer Kinder, in die
Schweiz und in seine Heimat zurückkehren konnte, um seine
Kräfte und sein Kapital in derselben weiter zu verwerthen.
Er hat das gethan in einer wahrhaft großartigen Weise. Denn
das jettige Ragaz ist thatsächlich von ihm geschaffen, seitdem
die Regierung ihm den Distrikt und mit ihm die Quellen und
ihre Verwerthung auf, wie ich meine neunzig Jahre, gegen
einen entsprechenden Entgelt überantwortet hat.
Er hat den prächtigen Quellenhof aufgeführt, den Hof
Ragaz mit dem inzwischen entstandenen Helenenbade verbunden,
das Konversationshaus, die neuen Bäder, die Kolonnaden er-
richtet, die Luellenleitungen verbessert, Gärten angelegt, Springs
brunnen geschaffen, Villen gebaut und ein ödes Thal in eine
lachende Gegend verwandelt. Seine Neubauten nöthigten da-
nach die anderen Gasthofbesitter zu gleichem Vorgehen. Privat-
häuser für Badegäste wurden zum Bedürfniß, weil der Besuch
des Bades, seit es angenehm geworden, in beständigem Wachsen
war; und so ist allmählich ein sehr ansehnlicher und freund-
licher moderner Badeort entstanden, wo vor zwanzig Jahren
eben nur der Anfang eines solchen vorhanden war.
Aber das Alles ist nicht leicht zu erreichen gewesen, denn
nicht nur mit den Menschen und den Verhältnissen, mit den
großen Naturgewalten gab es hier zum Defteren den furcht-
baren Kampf zu bestehen. Wenn die Rheinüberschwemmungen
das Thal durchströmten, wenn die Wasserfluthen aus den
Bergen die schäumende und tobende Tamina schwellten, daß
die Röhrenleitungen und die Luellen selber in Gefahr der
Zerstörung standen, galt es sich zu bewähren. Und Freunde
von mir, die in solchen Zeiten den kleinen Mann, Tag und
Nacht im Wasser stehend, gebietend, ordnend, für jeden neuen

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Zwischenfall und Unfall eine neue Hülfe findend, unter seinen
Arbeitern gesehen haben, sprechen noch heute mit Bewunderung
davon.
Aber auch jett noch rastet er nicht, wo er in der Mitte
seiner liebenswürdigen Familie sich der Ruhe wohl erfreuen
könnte. Die ganzen sechs Wochen hindurch, die ich dort ver-
weilte, bin ich es nicht müde geworden, mich an dem Orte
und an seinem Emporkommen zu erfreuen; es nicht müde ge-
worden, dem kleinen, rührigen Manne mit dem schwarzen
Krauskopf nachzusehen, dem man seine S0 Jahre gar nicht
anmerkt; der vom frühen Morgen bis zum späten Abende als
der wahre ,Genius des Ortes'' überall zu finden ist: in den
unvergleichlich gehaltenen Gemüse- und Lbstgärten, in den
Steinbrüchen, die ihm auch gehören wie das ganze Gebiet,
und die ihm das Material zu seinem noch fortdauernden Bauen
liefern. Er ist überall: in den Bureaux, in den Hotels, die
von seinen Geranten musterhaft verwaltet werden; in den
Weinbergen, in Wald und Feld, denn der Ort versieht sich so
weit als mdglich aus sich selbst, mit dem, was er sich eben
schaffen kann; und wohin sich das Auge des Herrn in raschem
Vorüberstreifen wendet, sieht er das Fehlende, weiß er es her-
zustellen und hervorzubringen.
Solche Männer, die ihren Weg gemacht haben, während
sie dem Allgemeinen nüten, haben mich immer ungemein an-
gezogen, und ich glaube, neben den,Heldenbüchern'', deren
wir ein ganzes Theil besitzen, wäre es wol an der Zeit, zur
Ermuthigung für die aus Dürftigkeit emporstrebende Jugend
ein andres ,Hilf dir selbst'' für Deutschland zu schreiben, wie
Smiles es für die Engländer geliefert hat. An Stoff dafür
ist auch unter uns kein Mangel. Ich aber würde glauben, recht
etwas Gutes gethan zu haben, wenn ich mit diesem ersten
Vorschlag einem Befähigten die Anregung dazu gegeben hätte.