Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 06

=- sJ -
Was ich weiter von erfreulichem Fortschritt in Zürich,
Bern und hier in Montreux wahrgenommen habe, davon be-
richte ich, ehe ich noch meinen Weg südwärts über die Alpen
weiter gehe.
Beäiter Vrief.
Vom Genfersee.
Vernex, October l8?.
Es ist nicht nur die schöne Gegend, die das Reisen in
der Schweiz so anmuthig mact, sondern es sind eben so die
vielen hübschen, emporkommenden, zum Theil geradezu prächtig
gewordenen Städte, deren Wasserreichthum ihnen einen ganz
besonderen Reiz verleiht, namentlich für denjenigen, der in
Berlin diesen Segen der Natur zu entbehren hat. So oft ich
die Klageworte der Bibel gehört habe: ,An den Wassern von
Babylon saßen sie und weineten'' habe ich gedacht:,ie
hatten doch wenigstens Wasser und wir haben keines!? Und
ich habe mich nie der Vorstellung entschlagen können, daß
Berlin, ganz abgesehen von seiner ungünstigen Anlage, schon
um seiner Wasserarmuth willen niemals zu einer wirklich
schönen Stadt werden könne, wie Paris und London, wie
Wien und Frankfurt, wie Hamburg, oder gar wie das von
Fontänen durchrauschte ewige Rom. Dazu will mich's bedünken,
als ob bei uns die Wandlungen zum Neuen und zum Schönen
sich viel langsamer vollzögen als an anderen Orten.
Ieh habe z B. das alte Lille im Laufe weniger Jahre
zu einer völlig anderen und viel schöneren Stadt sich entfalten
gesehen; und wenn ich betrachte, wie das enge, früher so ganz
in sich zusammengekauerte Zürich, wie Bern, wie Luzern und
F. Lewald, Teis. rieee.

= ßHß -
wie selbst hier Vernex, Clarens und Montreux in den letzten
zehn Jahren großartig und schön geworden sind, so macht mich
das betroffen im Hinblick auf die Heimat. Es ist erstaunlich
und sehr lehrreich, was diese kleinen, selbstherrlichen Städte
in sicherem Vorwärtskommen leisten. Und wie wird Zürich erst
stattlich werden, wenn es den Quai am See besitzen wird, den
man früher oder später zu bauen beabsichtigt.
Dafür hat man es denn an solchen sich fortentwickelnden
Ortschaften natürlich auch vielfach zu bemerken, daß selbst das
Wasser ,nicht mehr fliesßet, wie es einstmals floß.? Doch was
will das bedeuten! Der See blaut noch in aller seiner
Lieblichkeit zwischen den Reihen von Hügeln, die ihn um-
spannen. Die grüne funkelnde Limat und die Sihl stürzen
noch so rasch und brausend zu Thale, als könnten sie es gar
-nicht erwarten zueinander zu kommen; aber von dem Gasthof
zum Schwan in Neu-Münster, in dem ich auch diesmal wieder
wohnte und aus dessen Fanstern man früher itber den hübschen
Garten und über die Wiesen des Seefeldes hinweg, hinab-
schaute bis zum See, breitet sich jetzt ein ganzes belebtes
Stadtviertel aus. Da, wo wir einst, Johann Jacoby und ich,
durch stille Wiesenpfade schlendernd, meinen Mann und meinen
im Exil lebenden Vetter, Heinrich Simon von Breslau, den
wir Drei aus Deutschland zu besuchen gekommen waren, zun
Bade hinabbegleiteten, kreuzen sich jettt ansehnliche Straßen,
liegen Villen an Villen inmitten schöner Gärten; und als
sollte ich recht an den Wechsel der Zeiten und an das Hin-
scheiden der drei theuren Menschen erinnert werden, sangen
ein paar Knaben, die des Weges gingen, ein mir ganz fremdes
Lied nach der Melodie von: ,Was ist des Deutschen Vater-
land??
Nun, unser Vaterland brauchen wir jetzt glücklicher Weise
nicht mehr fragend zu suchen; aber wie wir es in der Heimat

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oft mit Schmerz beklagt, daß Heinrich Simon den Tag des
neuen Deutschen Reichs nicht mehr erlebt hat, so that ich es
bei dem Gange, und in jener andern Stunde lebhaster als je,
da ich vom Wallensee hinaufsah zu dem schönen Denkmal,
das Freundestreue und Verehrung ihm oberhalb Murg in
der Fremde aufgerichtet. Denn Niemand hätte fester zu
dem geeinigten Deutschland gestanden, darüber sind alle seine
ihn überlebenden Freunde einig, als dieses durchaus deutschen
Mannes starkes Herz. Wir haben allen Grund, uns recht
häufig die bittenden Worte in das Gedächtniß zu rufen, die
einst Theodor Körner, wie im Vorgefühl des eigenen Schicksals,
für diejenigen ausgesprochen hat, die redliche Kämpfer gewesen
sind in ihrer Zeit, und denen es nicht beschieden ist, den Tag
des Sieges zu erleben: ,Vergeßt die treuen Todten nicht!'
Ich ging bewegten Sinnes einsam den einsamen Pfad.
Sie waren Alle hin, mit denen ich ihn sonst gewandelt! Aber
der steinerne Kaiser Karl der Große saß noch so wie sonst
auf seinem erhabenen Throne an der Wand des Münster-
thurmes, und sah hernieder wie er es gethan durch alle die
Jahrhunderte.
Wie er sich wundern muß, daß dicht vor den engen
Straßen, die den Thurm umgeben und in die nie ein
Sonnenstrahl hineindrang, sich jetzt die majestätische sonnen-
beschienene Brücke in Straßenbreite über die Wasser der
Limat spannt? Wie erstaunt er sein muß, über die pracht-
rolle Bahnhofsstraße, über den mächtigen Bahnhof und über
all den Dampf, der nicht wie zu seinen Zeiten in feinen
duftigen Wölkchen den Weihrauchbecken der Chorknaben
entsteigt, sondern riesigen Maschinen, welche die lebens-
lustigen Reisenden aus allen Welttheilen hinüberführen zu
seinem alten Zürich, zu den reizenden fluthumspülten schattigen
Gärten des Hauses Bauer am See, einem der anmuthigsten

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Punkte diesseits der Alpen, an welchem die reiche Reise-
gesellschaft, aber eben auch nur diese, zu rasten gewohnt
und im Stande ist.
Von Zürich in bequemer halbstündiger Eisenbahnfahrt
hinauf nach dem Netliberg, den Blick auf den See und die
Alpen zu genießen. - Ein kurzes, eintägiges Verweilen an
dem Prachtquai des gastfreundlichen Luzern; ein paar Tage
in dem ernsthaften, in dem gebieterisch aussehenden, trotigen
Bern, dessen Münster mit seinem gewaltigen Unterbau sich
mit Ehren sehen lassen kann neben allen großartigsten Bau-
werken der neuen Zeit. Man sollte meinen, Eyklopen hätten
diese Steinmassen aufeinandergefügt, hätten sich die Riesen-
massen des Gebirges drüben zum Vorbilde genommen. Ein
mächtiges Denkmal des Mittelalters und der Kirche, in
ihrer ganzen Kraft und Großheit!
Und kraftvoll und aus dauernd sind sie auch die Strebe-
pfeiler, welche durch die Hauptstraßen der Stadt die Lauben
vor den Häusern stüten. Nur zu wandeln unter diesen
Lauben, oder gar zu wohnen in den düstern Räumen, die
sie überschatten, muß man nicht verpflichtet sein! Oberhalb
der Lauben, wo die Fenstersitze sich gegen die Straße öffnen,
wo auf rothen Polsterkissen hübsche Mädchen in den Nischen
bei der Arbeit weilen, sieht es freilich hübsch und südlich und
sogar ein wenig nach dem römischen Corso aus; aber es
ist mit den sehr alten Häusern doch ein mißlich Ding.
Denn wie sehr unser auf das Erhalten des Bestehenden,
des uns Werthgewordenen gerichteter Sinn sich auch dagegen
sträubt, es ist etwas Wahres in der Behauptung des nun
auch gestorbenen Amerikaners Hawthorne, daß ein Wohnhaus,
um gesund zu sein, nicht länger als hundert Jahre tehen
und erhalten bleiben dürfe.
So lachend Zürich, so tüchtig Bern sich darstellt, haben

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doch beide Städte neben der Schönheit ihrer neuen Stadttheile
noch ein gut Theil Straßen, Gäßchen, Winkel und Baulich-
keiten, in denen eine gesunde menschliche Existenz durchaus
nicht möglich ist; und solche bedenkliche Reste aus alten Zeiten
fehlen in keiner unserer Städte. Nicht bei uns in der noch
gar nicht alten Reichshauptstadt, nicht in Jena, nicht in Weimar,
in denen ich Häuser, Flure, Treppen gesehen zu haben mich
erinnere, in die nie ein Sonnenstrahl hineingedrungen sein
kann, und die gar kein Recht des Bestehens mehr haben in
einem Jahrhundert, das es erkennen gelernt hat wie sehr wir
Menschen Kinder des Lichts sind, wie wir nicht gedeihen
können ohne Licht und Luft.
Licht und Luft haben wir nun hier in Montreux, Vernex
und Clarens die Hülle und die Fülle, in diesem Jahre für die
Kranken sogar weit mehr frische und bewegte Luft als sie
begehren und gebrauchen können. Aber wie sind die drei
Ortschaften, die man unter dem Gesammtbegriff Montreux
zusammenfaßt, emporgekommen, seit ich sie vor zehn Jahren
verlassen habe!
Von Clarens bis hinter Veyteaux zieht sich die Reihe
der Häuser fast ununterbrochen am See entlang. Wo wir
im Herbst und Winter früher unterhalb Montreux bei unseren
Spaziergängen sorgfältig zu probiren pflegten, wo man gehen
und mit Sicherheit hintreten könne, folgt die feste, mit erhöhtem
gepflastertem und breitem Trottoir versehene Fahrstraße, schön
gehalten, dem Ufer ununterbrochen durch alle Ortschaften am
See; eine der schönsten Promenaden, die ich kenne. Von den
Höhen der Berge hat ein Verein von Aktionären vor etwa
sieben Jahren die reichen Wasserquellen der Avants in's Thal
hinabgeleitet, daß man an allen Ecken und Enden die Schläuche
einlegen und das Wasser in reicher Fülle zu Tage kommen
sieht. Die Wege, deren Staub in trocknen Zeiten früher eben

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so lästig war, als ihre Zerfahrenheit in schlechter Jahreszeit,
werden reichlich gesprengt; in allen Häusern hat man des
Wassers im Neberfluß. Nach Charnex hinauf, das sonst zu
Wagen kaum zu erreichen war, ist eine neue breite Fahrstraße
angelegt, die durch die ganzen Bergzüge fortgesetzt werden
und eine bequeme Verbindung zwischen den sämmtlichen Ort-
schaften, bis hinauf zu den Avants herstellen sollen. Von
Montreux ist ein sehr pittoresker Spaziergang durch den
Chaudron nach Glion hinauf gebahnt worden; nur die Fahr-
straße nach Glion selbst, dem besuchtesten Orte auf der Höhe,
ist in ihrem oberen Theile noch eben so schlecht, noch eben so
steinig und so bedenklich schmal als vor zehn Jahren, so daß
es zu verwundern ist, wie keine Unglücksfälle auf derselben
vorgekommen sind.
Oben in Glion, in Charnex, auf den Avants sind neue
und sehr gute Gasthöfe entstanden, und unten in Clarens und
Vernex ist so vicl gebaut worden, daß mich bedünken will, es
müsse jetzt weit mehr Unterkommen für Fremde vorhanden sein,
als Fremde es zu benutzen. Namentlich unterhalb Clarens hat
ein Herr Vincent Dubochet, der Besitzer der Schlösser Chatelard
und des alten Chateau des Eretes, eine Colonie - um nicht
richtiger zu sagen einen Klumpen - von etwa zwanzig Villen
in den wunderlichsten, buntesten Stilarten erbaut, die auf das
Eleganteste in französischem Geschmack mit vollkommenem Haus-
rath ausgestattet, je nach ihrer Größe zu verhältnißmäßig
nicht zu hohen Preisen für den Winter oder für das ganze Jahr
zn vermiethen sind. Ein Haus mit Salon und Speisesaal, mit
vier herrschaftlichen und so und so viel Schlafzimmern für die
Dienerschaft, mit acht Tischgedecken, sechs Dutzenden Servietten,
mit Silber, pariser Lampen e. ., war z. B. nach Aussage des
Castellans für das halbe Jahr für 8500 Frcs. zu haben. Aber
einen drolligeren Anblick als diese durch kleine Gärten unter-

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brochene Häusermasse, zwischen dem Sce und dem augenblicklich
noch trocknen steinigen Flußbett, kann man sich kaum denken. Es
sieht aus, als hätte ein Gigantenkind eine Häuserschachtel ausge-
schüttet. Doch mag es sich in den einzelnen Villen recht behaglich
wohnen lassen, wie geschmacklos ihr Gesammtaussehen auch ist.
An Luxusmagazinen, an RemisenmitdenelegantestenWagen,
die jedoch recht theuer sind, ist jetzt hier Neberfluß vorhanden;
und wie ich vor zehn Jahren oft mit stillem Vergnügen beob-
achtet habe, was alles in dem einen kleinen Laden von Madame
Fabre zu haben war, die jetzt auch ein Hotel auf dem Höhen-
wege gebaut hat, in dem sie Pensionäre hält, so bin ich jetzt
gar häuufig mit Erstaunen vor den zahlreichen Magazinen stehen
geblieben, in denen für Kleidung, füür vollständige Wohnungs-
einrichtungen, wie für jede Art von Ansprüchen an Kost- und
Tafelsreuden, vorgesorgt ist wie in den größten Städten. Es
fehlt Nichts: nicht Kunsthandlung, nicht Buch- und Musikalien-
handlung; und wenn Vernex und Montreux mit allen diesen
Dingen auch am reichlichsten versorgt sind, so ist auch der
untere und landeinwärts gelegene Theil von Clarens nicht
zurückgeblieben, und man findet auch dorten Alles, was der
Fremde nöthig hat.
Ein stattliches Schulhaus, ein Krankenhaus sind neu er-
baut. Selbst in dem lieben, alten, winkligen Montreux, das
für Veränderungen in seinem Winkel unter dem Rigi Vaudois
am wenigsten geeignet ist,, hat man die Straße stellenweise
verbreitert, hat man - ud schwer genug - Raum gefunden
für ein neues, ganz resektables Stadthaus. Und das Alles
haben diese kleinen Gemeinden aus sich selbst erzeugt. Allein
für das auf dem oberen Wege nach Clarens sehr frei und
gesund gelegene Krankenhaus haben sie 9 000 Frcs. zusammen-
gebracht; und was ein gutes Zeugniß für die Eingeborenen
gibt, man hört auch jetzt wieder keine Klagen von den Fremden.

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Jeder ist in seinem Pensionshause, in seinem Gasthofe mehr
oder weniger zufrieden, Jeder kehrt in der Regel gern in
dasselbe Haus zurück. Felix Mendelssohn hatte wohl Recht
zu sagen, dieser Theil des Waadtlandes ist eines der anmuth-
vollsten Fleckchen Erde auf der Welt.
Am wenigsten verändert hat sich, wie gesagt, das alte Mon-
treux, das mir am meisten in das Herz gewachsen, und im
Winter weitaus für Kranke der wärmste und gesundeste von
all den Orten ist. Da kauern die Häuser sich noch wie sonst
unter dem Bergwinkel zusammen; da decken die altdeutschen
berner Dächer noch die alten Häuser; da blitten noch die alten,
blanken Kugeln auf den das Dach überragenden Zinken; und
unter dem Bogen der hochgelegenen Brücke strömt zwischen den
üppig bewachsenen Felsenmassen noch wie sonst die Baye von
Montreut in den See hinunter. Alles ist dort so wie sonst,
und das ist so schön, das thut so wohl in all. dem Wechsel um
uns her, wenn wir ihn auch zu loben haben.
Heute wie vor zehn Jahren um diese Zeit sammeln sich
die letzten Züge der von Norden kommenden Schwalben zu
ihrem Zug gen Süden. Die Bergamasken steigen wieder
mit den Scharen ihrer großköpfgen Schafe von den Bergen
herab, und seit der Schnee die Gipfel des Dent de Jamand,
der Rochers de Naye und des Kübli wieder bedeckt, hören
wir auch wieder das Läuten der Herden, die, von den
Matten in ihre Stallungen zurückgekommen, oben vor dem
alten Hause Visinand an dem großen zweiröhrigen Brunnen
Abends zur Tränke gehen. Dazu teht die bleiche Sichel
des Neumonds über dem Grammont; die in purpurner
Flammenglut hinter dem Jura versinkende Sonne spiegelt sich
in dem tiefblauen Wasser wie eine Feuersäule und macht
die schneeigen Gipfel des Dent du Midi mit hellrothem
Scheine in prachtvollen Wiederschein erglühen. Ganze

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Schwärme von schimmernden Silbertauchern fliegen hin und
wieder, bis hinein in die Gärten, in denen, trotz des
Wetters verhältnißmäßiger Rauhheit, noch die Rosen und die
Daturen, der Laurus und die feuerrothe Silvia splendente
blühen. Die auf dem See in Naturfreiheit heimischen
Schwäne klatschen in einer Reihe hintereinander in niedrigem
Fluge dicht über dem Wasser hinstreichend, mit ihren mächtigen
Flügeln das Wasser, daß man ein Dampfschiff kommen zu
hören glaubt. Es ist das alles in der Natur wie es vor
Jahren war; und wir gewöhnen uns, auf ihr Bestehen und
auf ihre strenge Regelmäßigkeit so zuversichtlich zu vertrauen,
als hätten nicht vorgestern in der Morgenfrühe uns Erdstöße
aus dem Schlaf geweckt, die alle Telegraphen des Hauses
in hellem Klingen laut ertönen machten. Aber das war ein
flüchtiger Moment, und wir haben es nöthig, solche Störungen
zu vergessen. Wir haben es nöthig, uns zu sagen: die
Sonne geht morgen auf! Die Sterne ziehen ihre stille Bahn,
die Schwalben werden wiederkehren. Wenn der Herbst vor-
über und der Winter vorüber sein wird, kommt Alles mit
dem Frühling wieder! ,Nur der Mensch, wenn er hingeht,
der kommt nicht zurück!r?
Und wieder ist Einer hingegangen, der nicht wieder-
kehrt! Man bringt mir die Zeitung in das Zimmer:
Eduard Devrient ist todt. Er war der Letzte der drei Brüder:
ein edler Mensch, ein hochgebildeter Mann, ein feiner Künstler,
ein tüchtiger Schriftsteller, der in sich die Kunst in Ehren
hielt und ehren zu machen wußte.
Es sind volle fünfundvierzig Jahre her, daß ich bei meinem
ersten Aufenthalte in Berlin ihn auf der Berliner Bühne, ich
glaube zum ersten Male als Correggio, sah. Lemm spielte
den Michel Angelo. Es war die große Zeit des Berliner
Theaters. Später habe ich ihn noch oft gesehen. Als Saladin

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neben der Erelinger, welche die Sittah spielte; als lavigo
mit Charlotte von Hagen als Marie, mit Seydelmann als
Carlos; als Richard Savage, während die Erelinger die Lady
Maxwell machte; und ganz unübertrefflich als Riccault de la
Marliniöre.
Er hatte nicht das schöne Aeußere von Emil, nicht dessen
klangvolles Organ. Seine Gestalt war schmächtig, sein Auge
nicht eben groß und lebhaft, seine Simme nicht eben stark.
Aber wo seine Mittel seiner Aufgabe entsprachen, wußte er
jene mit sicherem Verstande zu gebrauchen, und diese sehr klar
und sehr bestimmt zu lösen. Für einen Saladin war er
namentlich neben der Erelinger nicht heroisch und nicht feurig
genug; aber den Clavigo konnte man sich kaum anders denken,
wenn man ihn in der Rolle einmal gesehen hatte; und eben
so war es mit dem Riccault. Dabei las er ganz vortrefflich,
ohne Profession davon zu machen; und ich denke mit Vergnügen
an die Art und Weise zurück, in welcher ich ihn zu verschiedenen
Malen im Kreise einer ihm befreundeten Familie, einzelne
dramatische Werke und ihre Aufführung in mündlichemGespräche
kritisiren hörte. Alles war dabei klar, gemessen, überzeugend.
Sein Urtheil war bestimmt, ohne deshalb hart zu sein. Man
fühlte, er hielt etwas auf sich, und er erwartete auch Anerkennung
von den Anderen. Das gab ihm, da er verhältnißmäßig
langsam sprach, einen leichten Anflug von Pedanterie; aber
Jeder, der ihn auf der Bühne gesehen oder ihn im Leben
gekannt hat, wird seiner und der Zeit, in welcher er dem
Berliner Theater angehörte, mit erhebenden Erinnerungen
gern gedenken.