Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 07

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ieüenfer Vrief.
Ulnterwegs.
Florenz, den 1Sten Oktober 18?.
Tungarno lella Zeeea Kseebis.
Ich schrieb Ihnen neulich, daß man es jettt schwer habe,
wenn man aus der Ferne den Freunden in der Heimat etwas
Neues mitzutheilen wüünsche. Dafür aber hat man den Vor-
theil, daß man sich, so lange man unterwegs ist, kurz fassen
kann, weil so viele Leute einmal des gleichen Weges gegangen
sind, und der Telegramm-Stil, diese kurzathmige Erfindung
unserer Zeit, dafür vollkommen ausreicht. Ist man nachher
an Ort und Stelle, kommt man wieder zur Einkehr in sich
selber, so hat man dann seine doppelte Genugthuung daran,
sich in Ruhe ruhig ausdrücken und mit seinen entfernten
Freunden in einen verständigen Zusammenhang seten zu
können.
In acht Stunden von Montreux nach Chambery, mit
immer wiederholtem Wagenwechsel, mit einer jener Zoll-
visitationen in Bellegarde, an der französischen Grenze, die
mehr als jemals zu unnützen Quälereien geworden sind, da
Niemand daran denken kann, das ganze Gepäck der Hunderte
von Reisenden, welche mit einem Courierzuge herangebraust
kommen, in Wirklichkeit zu untersuchen. Es lief also auch in
diesem Falle nur auf ein paar in der Eile zerbrochene Koffer
und Schlösser hinaus, und am andern Tage bei der italienischen
Zollvisitation in Modane war es ganz genau dasselbe. Das
sämmtliche Gepäck der Reisenden erlitt ein Besehen, bei welchem
gar Nichts besehen wurde. Nur die Blumensträuße, welche
Freunde mir zahlreich von Montreux auf den Weg mitgegeben

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und von denen meine Dienerin noch einige in Händen hatte,
beanstandete ein junger Zollbeamter, weil ,die Einfuhr von
Blumenbouquets verboten sei'. Ein älterer Kollege des ge-
wissenhaften Jünglings kam mir jedoch zu Hülfe, und meine
letzten Schweizer Sträuße sind glücklich hier gelandet in der
Stadt der Blumen, in Florenz.'
Am Spätabend des ersten Reisetages, in herrlichem Mond-
schein vorüber an dem wellenschlagenden Wasser des Sees von
Bourget. In Chambery im Hotel de France zehn Grad Wärme
in den Stuben, daß man das Feuer die ganze Nacht zu unter-
halten hatte, um aus dem Zimmer nur einigermaßen die
dumpfe Eiseskälte auszutreiben; und es waren gleichzeitig mit
mir verschiedene Kranke angekommen, Brustleidende, die den
Süden aufsuchen und nach Mentone und St. Remo gehen
sollten. Wenn die Aerzte es nur bedenken wollten, welchen
Gefahren und Unbequemlichkeiten namentlich die Nichtbegüterten
und die alleinreisenden Kranken unterwegs ausgesetzt sind!
Sie behielten ein gut Theil derselben wahrscheinlich zu Hause.
Und wenn sie andererseits beobachten könnten, wie Brustkranke
z. B. am Genfer See oftmals an klaren, aber kalten und
windigen Tagen die halben Tage auf dem Wasser, die Mte
selber rudernd, zubringen; wie bei den Traubenkuren pfund-
weise so saure Trauben gegessen werden, daß der Magen eines
gesunden Menschen der Säure kaum widerstehen könnte -
sie würden noch schlechter von der gesunden Vernunft ihrer
Patienten denken, als sie es jett schon in der Regel thun.
Es wird viel gesündigt von den Aerzten so wie von den
Kranken!
In Chambery am frühen Morgen ein Spaziergang durch
die Stadt. Sie ist ansehnlich und stattlich. Breite Straßen,
herrschaftliche Wohnhäuser, ein schönes Stadthaus. Aus den
alten Festungsmauernist eine mit mächtigen Bäumen bestandene

Ringstraße gemacht worden. Ein Markt, welcher in derselben
abgehalten und auf welchem Lebensmittel, Hausrath, Kleidungs-
stücke zu sehr billigen Preisen feilgeboten wurden, brachte viel
Leben und Bewegung hinein.
Mitten in diesen Boulevards erhebt sich in derRue deBoigne
das Denkmal des 18 verstorbenen Generals Boigne. Wie das
vortreffliche Handbuch von GsellFels uns lehrt, welches im
Verein mit Bädecker und- Murray der reisenden Menschheit
zu einem so schönen, gemeinsamen und gleichmäßigen Wissen
verhilst, daß man einander unterwegs nicht eben viel zu sagen
und kaum Jemand um Etwas zu fragen hat, weil. Alle ziemlich
dasselbe wissen und glauben - wie also GselFels uns lehrt,
hat General Boigne in Indien sich ein großes Vermögen er-
worben, von dem er einen beträchtlichen Theil seiner Vater-
stadt zu wohlthätigen Zwecken hinterlassen hat. Diese hat ihm
zum Dank dafür ein Denkmal aufgerichtet, das an Absonder-
lichkeit, soweit ich Denkmale kenne, nicht seines Gleichen, und
an Häßlichkeit nur Eines zum Nebenbuhler hat. Wo dieses
Letztere aber steht, ,das verschweigt des Sängers Höflichkeit'
aus Vaterlandsliebe.
Das Denkmal des Generals Boigne hat als Unterbau
einen großen Sockel von weißem Marmor. Auf allen seinen
vier Seiten sind thorartige Nischen eingemeißelt, und jede die-
ser Nischen ist ausgefüllt mit dem Körper eines bronzenen
Elephanten, dessen halber Leib aus der Nische in ganzer
Kolossalität hervortritt. Was ist das ? Ist das ein Elephanten-
Stall? fragt man sich unwillkürlich. Denn als Träger des
Blockes können diese vier Riesenthiere unmöglich gelten, da
sie nach den vier verschiedenen Himmelsgegenden hinausmar-
schiren zu wollen scheinen. Neber dem Block erhebt sich der
Stamm eines mächtigen Palmbaumes, und oben, wo sich die
Krone desselben mit ihren Blättern entfalten müßte, trägt

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dieser Palmbaum eine Galerie, in deren und über deren
Eisengitter die Statue des Generals in militärischer Kleidung
und parademäßiger Haltung hoch hervorragt. Man kann
sich kaum einen überraschenderen Anblick denken. Das Stand-
bild gehört wirklich in die barocken Gebilde der Villa Pala-
gonia hinein.
Von Chambery in immer romantischerer Umgebung, von
Tunnel zu Tunnel, durch das graue Felsgestein des Gebirges
nach Jtalien.
An allen vier Seitenwänden der Eisenbahnwagen war in
italienischer, französischer und englischer Sprache eine Mit-
theilung der Regierung oder der Bahnverwaltung angeschlagen.
Sie besagte, daß seit dem 1ten Januar dieses Jahres Repara-
turen in dem größten Tunnel, dem Tunnel von Col de Frejus,
nöthig geworden wären. Zu diesem Zwecke habe man Gerüste
an verschiedenen Stellen aufschlagen müssen, und habe man
Sprengungen nöthig. Die italienischen, englischen und fran-
zösischen Reisenden werden also in ihren Muttersprachen drin-
gend gewarnt, nicht ihre Köpfe oder Arme zu den Wagen-
fenstern hinauszustrecken, und freundlich gebeten, sich nicht zu
erschrecken, wenn sie Schüsse hören sollten, sondern ruhig auf
ihren Plätzen siten zu bleiben. Das fand ich sehr rücksichtsoll
für die drei Nationen, die sich vorzugsweise die KulturNationen
zu nennen belieben. Aber ich war eben daran, es Unrecht
zu nennen, daß wir Deutschen und die anderen Barbaren-
völker uns nach Gefallen den Hals brechen und erschrecken
sollten, als mir noch glücklicher Weise einfiel, wie man ja
überall und überall sich darauf verläßt, daß unsere gute Er-
ziehung uns Deutsche mit vielseitiger Sprachkenntniß auszu-
rüsten pflegt. Denn es ist sehr selten einmal der Fall, daß
man in Gasthäusern, in Bahnhöfen, oder wo es immer sei,
die Mittheilungen, welche man den Leuten zu machen hat, in

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deutscher Sprache ausgedrückt findet; und doch war zum Bei-
spiel in diesem Jahre in der Schweiz die Zahl der deutschen
Reisenden, wie mir schien, eine überwiegend große. Da es
aber immer verständig ist, sich Alles zum Guten auszulegen,
und sich nicht gekränkt zu glauben, wo man sich mit etwas
gutem Willen geschmeichelt fühlen kann, so freue ich mich des
schönen Zutrauens, das man in uns sett, und freute mich
auch, als wir aus dem Dunkel des Tunnels zum Licht des
Tages hinauskamen, das sich freilich - es war gegen den
Abend hin - inzwischen etwas verdunkelt hatte.
Es war ein heftiger Südwind aufgekommen. Er trieb
die Wolken um den Gipfel des Berges rasch zusammen.
Als wir vor zehn Jahren über den Mont Cenis von Jtalien
heimkehrten, geschah es in brodelndem Regen, in einem Post-
wagen, den vierzehn Maulthiere mit Schellengeklingel über
due viclgewundenen Bergesfade führten. Jetzt brausten wir
im raschen Zuge vorwärts, durch den starrenden Fels. Die
einzelnen kleinen Häuser, die kleinen Ortschaften, die sich mit
den Steinbelegen ihrer flachen Dächer wenig von dem Felsen
unterscheiden, machten denselben Eindruck der Welt-
abgeschiedenheit wie vordem auch neben der Eisenbahn.
Von einer Höhe, auf welcher eine kleine Kirche lag, stieg
ein Priester hinab, das Abendmahl zu einem Kranken, einem
Sterbenden zu tragen. Der Weg war steil, den er zu gehen
hatte. Er war ein bejahrter Mann. Sein langes, weißes
Haar flatterte unter dem Barett im Winde. Das Kreuz,
das man ihm vorantrug, leuchtete in dem gelblichen Scheine
der unter Wolken niedergehenden Sonne. Es war ein
rührendes Bild!
In solcher Einsamkeit, vor solchen Hütten, in denen
man sich nicht mit dem philosophischen Wissen eines David
Strauß, nicht wie dieser mit Goethe und mit Beethoven das

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verzagende Herz zu erheben vermag, da muß man das Kreuz
vor dem trostbringenden Priester einhertragen sehen, um es
sich ernstlich zu Gemüth zu führen, daß es nicht wohlgethan
ist, ein positives, noch für Millionen von Menschen wirksames
und erhebendes geistiges Element vorzeitig anzutasten, so
lange man nicht ein für die ganze Gesammtheit eben so
wirkames Mittel der halt - und hoffnunggebenden Tröstung
an die Stelle zu setzen vermag. In Zeiten, in welchen wir
darauf mit geforderter Wachsamkeit halten, daß Niemand zu
glauben genöthigt werde, was er nicht glauben kann und
will, muß man, wie mich dünkt, doppelt vorsichtig sein,
Jemanden zum Nichtglauben zu veranlassen, der im Glauben
noch die geringste Befriedigung zu empfinden vermag. Und
wie ich hier an dem trüben Abende in dem sturmdurchtönten
Gebirge den Priester gelassen seines Weges wandeln sah, fiel
mir das Wort von Dubois -Reymond ein: ,Trösten Sie
einmal in einem Krankenhause einen Saal voll krebskranker
Frauen mit Beethoven und mit Goethe!r Aus dem Munde
eines solchen Mannes aber hatte der warnende Ausruf ein
doppeltes Gewicht.
Am Morgen heller Somnenschein über Berg und Thal.
Kastanienbäume, Eypressen und auch schon Pinien an allen
den Castellen auf den Höhen, in den Mazzarien am Wege.
Ortschaft rasch der Ortschaft folgend, bis wir um acht Ühr
Morgens den Bahnhof des sonnigen Florenz erreichten, und
eine halbe Stunde später der Wagen mich glücklich am
Lungarno landete, in der Pension Luchesi, in welcher ich mir
meine Wohnung während meines Aufenthaltes in Florenz
bestellt hatte.
Aber wie schön ist dieses Florenz! Seit einer Stunde
sitze ich jetzt wieder im Abendglanz in meinem Zimmer und
sehe still hinaus, mich an der Fülle der Schönheit zu ergöthen,

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die hier der Rahmen eines allerdings sehr hohen und sehr
breiten Fensters in sich schließt.
Unten rieselt über dem Geröll des breiten Flußbettes das
jett nur spärlich zuströmende Wasser des Arno langsam hin,
während von dem Wehr zur Linken das Rauschen leise bis
zu mir hinüber tönt. Jenseits an dem andern Ufer dehnt
sich die neugebaute Kaistraße mit ihren Magazinen im Erd-
geschoß, mit den für die Bedürfnisse unserer Zeit eingerichteten
wohnlichen Häusern bis zu dem alten Thorbau aus; und
hinter ihnen erhebt sich ein Theil der schönformigen Hügelkette,
welche die Stadt in weitem Kreise schirmend umgibt, ohne sie
beengend einzuschließen.
Auf ihrer Höhe zieht sich die Via de Renai hin, an welcher
die Villa von Caroline Ungher - Sabatier gelegen ist. Auus -
dem silbern schimmernden Grün der Llivenbäume sahen die
Villen mit ihren fachen Däcern hell hervor. Hohe schlanke
Eypressen, eine prachtvolle Ceder, inmnergrüne Eichen heben
sich mit ihrer kräftigeren Farbe gegen das mattere Graugrün
der Olive ab. Eine alte, halbversteckte Kirche, deren viereckiger
Thurm aus dem Grün hervorsieht und dessen Glocken zu mir
hinüberklingen, ein paar rothbraune krenelirte Thürme von den
alten Festungsmauern, nicht eben fern davon, schließen das
Bild zur Rechten ab.
Wende ich das Auge nach der anderen Seite, so trifft es
auf der Höhe die Langseite der Kirche von San Miniato.
Der Cypressenhain ihres Friedhofes entzieht mir den Anblick
der marmornen, doppelfarbigen Faeade. Dafür aber sehe ich
die ganze Weitung des MichelAngelo-Platzes an dem neuen
Wege, der Viale dei Colli, die über die Höhen um die Stadt
zur schönsten Spazierfahrt angelegt ist. Eine schön gegliederte
Terrasse leitet vom Ufer, neben dem uralten, vereinzelt da-
stehenden Stadtthore beginnend, zu dem Michel-Angelo-Platte
F. Le w ald, Reisebriefe.