Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 08

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in gelinder Steigung beguem hinan, und oben über der
Balustrade, die den Plat umgibt, richtet sich, schlank und
gebietend, gegen den klaren Abendhimmel die mächtige Gestalt
von MichelAngelo's David auf, in und mit welcher man dem
Meister in fein gefühlter Huldigung sein Denkmal aufgerichtet
hat. Denn wer oder was kömnte ihn mehr ehren, als sein
eigenes großes Werk?
Es ist ein Zusammenwirken von Natur und Kunst, von
Landschaft und Architektur, das eben so lieblich als erhaben,
eben so schlicht als historisch bedeutend ist, und das zu betrachten
ich alle diese Tage nicht müde geworden bin: sei es, daß die
Pracht des Sonnenunterganges ihren Farbenzauber darüber
ausgoß, oder daß der helle Mondschein, der uns hier stets
geleuchtet, die Gegend in seine duftigen Schleier hüllte und
die hoffende Sehnsucht nach dem klaren Licht des nächsten
Morgens anregt.
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Aus Llorenz.
Den 19. Oktober lr?.
Als wir vor elf Jahren nach Florenz kamen, war es die
Hauptstadt des neugeeinigten Jtaliens geworden. Man feierte
mit großer Erleuchtung der Stadt die Einverleibung Venedigs
in das Reich; und gegen das stille, in sich abgeschlossene Florenz,
der toskanischen Großherzöge erschien uns die Stadt in ihrem
geräuschvollen Leben und Treiben völlig fremd. Jett kommt
sie mir wesentlich stiller vor als bei unserem letten dortigen
Besuche, und doch waren wir damals genau an demselben

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Zeitpunkt des Jahres in Florenz, in welchem wir uns jetzt
befinden. Die Nebersiedelung der Regierung, des königlichen
Hofes nach Rom, die natürliche Erhebung Roms zur Hauptstadt
des Reiches, haben Florenz wieder stiller und einsamer gemacht,
ohne ihm deshalb seinen früheren sanften Charakter völlig
wiederzugeben.
Auch klagen die Leute, daß die Geschäfte darnieder liegen,
was sie freilich überall' thun, daß der Preis der Miethen, der
Werth der Häuser um mehr als ein Drittel gesunken sei Aber
sie sagen sich nicht, was wir uns auch in Deutschland zu sagen
alle Ursache hätten, daß Zeiten eines großen augenblicklichen
Aufschwunges für die Phantasie etwas Berauschendes haben,
daß dieser Rausch die Menschen sammt und sonders zu,hoff-
nuungsvollen Thoren'' macht, daß die Ernüchterung aus einem
solchen Rausche immer unbehaglich ist und überwunden sein will.
In Florenz hat man, wie mir scheint, viel, wohl über
das Bedürfniß hinaus, gebaut. Man baut noch immer, und so
sind denn die Wohnungspreise selbst guter neuer Häuser im
Vergleich zu den unseren in Berlin jett in der That gering.
Aber in einem italienischen Hause zu wohnen, auch unter den
Bedingungen eines italienischen Klimas, ist für deutsche Haus-
frauen gewiß nicht leicht, wie denn das Akklimatisiren überall
eine schwere Sache ist. Aufgefallen ist mir's, daß man in
Florenz jetzt mehr als je zuvor von Almosen Begehrenden
angesprochen wird, daß die Kutscher der Fiaker mir ein paar
Mal, als ich an ihnen vorüberging, mit einem Zvruf ihr
Gefährt unter dem Tarifpreise angeboten haben, was mir
bisher nie und nirgend begegnet ist; und daß die Zahl der
freundlichen Blumen-Verkäuferinnen, die ihre Sträuße gleichsam
wie Geschenke anzubieten pflegten, sehr abgenommen hat. Indeß
anmuthig ist Florenz doch immer noch wie sonst.
Der großartige mittelalterige Hintergrund, gegen den die

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Lieblichkeit der Gegenwart freundlich absticht, wie die Feder-
nelken und der Goldlack, die mit Epheu durchzogen von den
Mauern alter Schlösser uns entgegen lächeln, gibt Florenz
einen durchaus romantischen Reiz; und wenn wir die herbe
Art und Weise unseres Volkes gegen die Freundlichkeit der
heißblütigeren Florentiner vergleichen, so wünscht man auch
unserem Norden ein gut Theil mehr von jener weichern Luft
und von jener mildern Sonne, welche die Sitten angenehm
machen, wie sie die Kraft der Leidenschaft auch steigern mögen.
Was können Sie einem Menschen Unfreundliches sagen, den
Sie, wie ich heute einen Diener des Hotels, wegen einer wieder-
holten Versäumniß tadeln, wenn er Ihnen darnach freundlich
und bescheiden die Antwort gibt: ,Sie haben Recht, es thut
mir leid !r Eine ganze nordische Stadt mit all ihren großen
und kleinen Gasthöfen könnte man, glaube ich, durchwandern,
ohne einer solchen Entschuldigung zu begegnen.
Daneben denke hier ich oftmals darüber nach, was wir
eigentlich damit meinen, wenn wir von den Künsten sprechen,
die des Friedens zu ihrem Gedeihen bedürfen; während doch
all' das Große, das Unvergleichliche, das wir hier bewundernd
anstaunen, in den Zeiten der wildesten Parteikämpfe, in
Tagen hervorgegangen ist, in welchen Jtalien fortdauernd von
dem Hereinbrechen fremder Kriegsheere bedroht war und die
Bürger selten einmal dazu kamen, das Schwert von der Hüfte
abzuthun, oder mit Zuversicht auf eine noch so kurze Zeit des
Friedens und der Ruhe rechnen zu können. Eben so auffallend
erscheint mir der Umstand, daß jene kriegerische Gegenwart,
daß alle jene Kämpfe innerhalb der Städte, auf das Schaffen
der damaligen Künstler so wenig Einfluß gehabt haben, daß
man im Verhältniß zu den zahlreichen Schlachtbildern, welche
unsere Ausstellungen uns darbieten, ungemein wenig Bilder
aus jenen Tagen findet, in welchen kriegerische Scenen, Kampf-

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scenen, dargestellt worden sind, oder in welchen die schlachten-
schlagenden Sieger die Verherrlichung ihrer Erfolge auf die
Nachwelt zu bringen bemüht gewesen wären. Und jene Kämpfe
waren doch so viel malerischer als die gegenwärtigen Schlachten!
Ich frage mich, ohne eine mir genügende Antwort darauf
zu finden: War jenen Künstlern der Kampf etwas so Gewohntes,
daß sie ihn nicht als ein besonderes Ungemach empfanden,
daß er auf ihre Phantasie gar keinen Eindruck machte, daß er
sie im Schaffen nicht mehr störte? Oder war selbst in der
Seele dieser, dem Sinnenleben doch leidenschaftlich zugewandten
Männer, die Erfüllung durch die Vorstellungen des christlichen
Kultus so überwiegend, daß sie immer und immer wieder zu
der Darstellung eben der biblischen Vorwürfe zurückgekehrt
sind? Freilich, der Künstler hatte damals, so wie immer und
wie jett auch, nicht nur sich selber zu genügen, er hing von
dem Auftrag des Bestellers ab. Aber woher kam es, daß
z. B. die siegreichen Medicäer nach der überwundenen Ver-
schwörung der Pazzi nicht darauf verfielen, die Ermordung
Julian's im Dom, oder irgend etwas der Art darstellen zu
lassen? daß sie eben so wie ihre Gegner sich damit begnügten,
ihre Triumphe in symbolischer Gestalt verherrlichen zu lassen?
Daß sie zum Zeichen ihrer wiedergewonnenen Herrschaft über
dieRepublik denBenwenuto'schenPerseus mit dem abgeschlagenen
Haupte der Medusa vor den Augen der Besiegten aufstellen
ließen, und nicht, wie es in unseren Tagen wahrscheinlich ge-
schehen sein würde, das Bild des Siegers? Eine psychologische
oder eine in der damaligen Kultur wurzelnde Ursache hat diese
Erscheinung ganz gewiß, ich aber vermag sie nicht zu finden.
Wenn man übrigens wieder einmal die Galerie der Uffizien
oder die Prachtsäle des Palazzo Pitti durchwandert und sich
an den Werken der großen Meister die Seele erhoben hat,
in deren Namen süch der Inbegriff des höchsten künstlerischen

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Vermögens verkörpert, so hat man daneben über das große,
allgemeine Können ihrer künstlerischen Zeitgenossen fast noch
mehr zu erstaunen, als über die größten Genien selber. Vor
Allem ist ihnen eine zwingende Glaubwürdigkeit wie eine
Gesammtbegabung eigen.
Während ich in den Uffizien nach einem der hinteren Säle
ging, die kleine, das Kind anbetende Madonna von Correggio
zu suchen, welche man zum Zwecke des Kopirens von ihrem
Platze genommen hatte, fielen mir zwei zusammengehörige
Bilder von Ghirlandajo aus dem Leben des heiligen Zenobius
auf, von dem Sie wahrscheinlich eben so wenig wissen als ich,
und die also um ihres Gegenstandes willen nicht anziehen
komnten. Sie waren beide etwas hart in der Farbe, aber dafür
von großer Tiefe derselben. Das eine stellte die Grabtragung
des Heiligen dar. Eine Grabtragung, wie man sie mit dem
von bunten, brokatenen Decken überhängten Sarge, mit den
geistlichen Grabträgern in festlichen Ornaten auch heute noch
in katholischen Ländern sehen kann. Die Gestalten waren,
wie mich dünkt, kaum zwei Fuß hoch. In den Männern, welche
die Leiche tragen, spricht sich keine besondere Hingebung oder
Vertiefung an und in ihr Thun aus; aber es ist ein Leben
und ein Ausdruck in allen diesen Köpfen, ein so persönliches,
charaktervolles Wesen in jedem einzelnen derselben, daß jeder
dem Betrachter so zuverlässig wahr, so zweifellos glaubwürdig
erscheint wie das Dasein des Nachbars, den man seit langen
Jahren kennt. Man fühlt sich überzeugt, gerade so und nicht
anders habe eben dieser Mann sich in jenem Augenblicke nach
einem Vorübergehenden umgesehen, gerade so habe der Andere,
mit sich selbst und mit seinen Gedanken beschäftigt, das Haupt
gesenkt. Man vergißt es, daß ein Maler diese Leute einst
zum Behuf des Malens vor sich hingestellt, daß man ein Ge-
mälde vor Augen hat. Man meint den an sich nicht eben

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anziehenden Vorgang zu erleben. Es ist die Wahrheit, der
Realismus, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, der uns feselt
und gewinnt; aber freilich der durch die Kunst verklärte
Realismus, ohne welche Verklärung die Kunst keine Kunst
mehr ist, sondern sich mit mühsamer Arbeit unter das Ver-
mnögen der Daguerre'schen Maschine stellt, die doch wenigstens
auf ihre Leistung nicht so viel Zeit verwendet und unver-
antwortlicher als die Menschen das Unschöne hervorbringt.
Und eben so wie mit der edlen Glaubwürdigkeit jener
genrehaften Heiligengeschichten von Ghirlandajo ist es mit der
zweifellosen Glaubwürdigkeit der Portraits, für die ich eine
besondere Vorliebe habe, weil ja in jedem ein Menschenleben
sich für uns wiederspiegelt. Es sind lauter Offenbarungen
aus ferner Zeit, ans Licht hervortretend und Licht über die
Vergangenheit verbreitend. Ich habe mir ihrer - und nicht
nur von den größten Meistern - ein gut Theil angesehen.
Da ist z. B. im Venussaale Nr. 18 von Federnigo Zuc-
caro das Bildniß des Guidobaldo di Monte Felice. Ein
Mann in schwarzem Wamms mit rothen Aermeln. Ein
schmales, viel durchfurchtes, längliches Gesicht mit schwarzem
Krauskopf, schwarzem krausem Spitzbart, etwas gesenkten
Hauptes, zwei große Hunde neben ch. Da ist Nr. 858 die
Bella Simonetta von Botticelli, das Profilbild einer nichts
weniger als schönen Frau. Nr. 5 von Aurelio Luini eine
andere eben so wenig schöne Frau in schwarzem, schlichtem
Kleide, in schwarzem Schleier, mager bei entblößtem, mit
verschlungenen Goldketten geschmücktem Halse, strengen An-
gesichts, mit schönen Händen - und man kommt mit dem
Auge von diesen Bildern gar nicht los, während es nicht die
Schönheit, sondern die bloße Wahrhaftigkeit ihrer Erscheinung
ist, die uns an sie fesselt. Man fragt sich: Wo habe ich die-
ses Gesicht gesehen? Denn ich kenne es von Alters. So wie

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diese Menschen uns von der Kunst vorgestellt werden, sind sie
uns sofort vertraut. Wir lassen sie uns gefallen, wie sie sind,
wir verlangen sie gar nicht schöner, gar nicht anders. Denke
ich dann, vor diesen Bildern stehend, an die Portraitmaler
in unserer Zeit, so glaube ich, unsere persönliche Eitelkeit er-
schwert es ihnen oftmals, so gute ehrliche Bilder zu machen,
wie die alten Meister es thaten. Wir wollen Alle, der Eine -
mehr, der Andere weniger, von dem Maler so wie wir
selber uns erscheinen und denken, also in einem Idealbilde
auf die Leinwand gebracht werden. Damit zwingen wir den
Maler, sein richtigeres Sehen unserer Selbstgefälligkeit zu
opfern, und so entstehen Bilder, an welche die Originale der-
selben mit Behagen denken, an die aber die Nachwelt schwer-
lich so unbedingten Glauben haben wird, als wir an die Bilder
der Altvordern, an der alten Meister Werke.
Bettina von Arnim sagte einmal zu mir, von den Gestalten
eines damals viel besprochenen Romanes redend, den sie nicht
gelten lassen wollte: ,Wissen Sie denn noch Etwas von den
Kerlen? Erdichtete Figuren, die ich nicht wider meinen Willen
so sicher im Gedächtniß behalten muß, wie das Gesicht der
Nachbarn, aus denen ich mir vielleicht gar Nichts gemacht habe,
die sind auch Nichts werth, und das ganze Gesindel aus dem
Roman hab ich lange schon vergessen!r
Ich glaube diesen Ausspruch kann man umgekehrt, als
beweisführendes Urtheil für die Portraitbilder der alten Meister
anwenden. Man vergißt sie nie, und sieht man sie nach langen
Jahren wieder, so ist es mit der Freude, mit welcher man alte
Freunde begrüßt, die sich wohl erhalten haben.
Es kommt für Jeden, dem ein längeres Leben beschieden
ist, die Zeit, in welcher er nur in dem Todten, oder soll ich
es nennen in dem ewig Lebenden, in der Kunst und ihren
Werken, ein Altgeliebtes unwerändert wiederzusehen hoffen darf.