Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Band 01
Titel

Die Familie Darner
Roman in A Bänden
von
Fanny Lewald
Erster Band.
eite Au flage
V
Ferlin 188.
Verlag von Otto Janke.

Se in=n
Königlichen Hoheit
dem
Sroßherzeg Fnr Flanöer
von Hachsen.
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a lahezu vier Jahrzehnte sind vergangen, seit
Sie im Herbste des Jahres 18 mir die Ehre
erwiesen, mich aufzusuchen, als ich mich für ein
paar Tage in Ihrem Weimar aufhielt, und gleich
jenes erste Begegnen hat in Ihnen wie in mir, die
Theilnahme an einander und jenes Zutrauen zu ein-
ander erweckt, die vorgehalten haben und gewachsen
sind in dem langen Taufe der Zeit.
Weit von einander abgetrennt durch unsere
äußeren Tebensverhältnisse, haben wir, Jeder auf
seinem Platze, in den Wandlungen, welche sich in
dem Vaterlande und in der ganzen Welt vollzogen,
auch eigene Wandlungen in uns mit durchzumachen
gehabt; aber über diese hinaus, haben wir uns stets
zusammengefunden, in dem ehrlichen Streben nach
Erkenntniß des Rechten, im Trachten nach dem
Guten und dem Schönen, in der Tiebe zu dem
deutschen Vaterlande.

KeZrz- e?gp-.
So lege ich denn, Königliche Hoheit! diesen
Roman mit Ihrer Erlaubniß, jetzt als eine Er-
innerung an diese lange gegenseitige Theilnahme
in Ihre Hände. Er bewegt sich in Tagen, die
weit hinter uns liegend, der Vergangenheit angehören,
in denen aber jene Saat gestreut worden, aus welcher
endlich das deutsche Reich erwachsen ist.
Möchte es mir gelungen sein, das Teben und
die Gesinnung der Menschen in den Jahren von
18O5-1815 zur klaren Anschauung zu bringen, und
möchten mir auch für diese Dichtung Ihr Antheil
und Ihre Zustimmung nicht fehlen. Was dieselben
mir werth sind, wissen Sie Königliche Hoheit!
In tiefer, herzlicher Verehrung Ihrer König-
lichen Hoheit!
Berlin 188?.
anng Tewald - Stahr.
e

Kapitel 01

Ersies Kapitel!
r-==
gEvw w enao = -o woeea.
ö==H der ein Posttag war, unter den anderen
Fremden ein Herr Lorenz Darner an der Königs-
berger Börse, den kein Geringerer einführte als,
Konrad Samuel Kollmann selber, der erste und
reichste Handelsherr der Stadt und der Provinz.
Die Zeiten für den Kaufmann waren damals
schwierig und, drohend. Die Welt war seit den ameri-
kanischen Freiheitskämpfen durch die französische Re-
volution und die ihr folgenden Kriege in ihren
Tiefen aufgeregt, und Ruhe war nirgend mehr zu
finden, selbst da nicht, wo man, wie in Preußen,
augenblicklich noch in Frieden lebte.
Die Schifffahrt war unsicher geworden. Der
Landverkehr war heute hier, morgen dort durch die
Kriege gehindert, während doch eben der Krieg bald
sehr große, unvorherzusehende Bedürfnisse erzeugte,
also große, unerwartete, gewinnbringende Geschäfte
nöthig machte und bäld wieder wohl berechtigte Unter-
nehmungen plötzlich über den Haufen warf. Die
eigentliche Regelmäßigkeit des Geschäftsbetriebes hatte
aufgehört, und die Verhältnisse wurden noch schwie-
riger durch die damalige Mangelhaftigkeit der Ver-
kehrsmittel.
Lewald. Die Famili DDarner. U
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=- Z -
- Von täglich abgehenden Posten war noch keine
Rede. Die Zeitungen, welche zweimal wöchentlich
mit der Post von Berlin nach Königsberg gelangten,
waren immer viele Tage alt, und häufig waren ihre
Nachrichten durch die rasch einander folgenden Er-
eignisse überholt, abgesehen davon, daß sie unter
strenger Zensur keineswegs verläßlich waren.
Dem Glauben, dem Vermuthen war damit ein
weites Feld gelassen. Wer einigermaßen sicher gehen
wollte, mußte sich von dem Stande der Dinge an
Ort und Stelle überzeugen, mußte sich durch Esta-
fetten Nachrichten verschaffen, und es waren also
damals mehr Kaufleute und mehr Vertrauenspersonen
derselben unterwegs und an den Börsen der Handels-
städte anzutreffen, als jemals in früheren Jahren.
Wie verschieden die Einzelnen aber die Zustände
auch ansehen mochten, je nachdem ihre politische
Meinung oder ihr persönlicher Vortheil ihnen dieses
oder jenes Ereigniß wünschenswerth erscheinen ließ,
und je nachdem sie die auswärtigen Verhältnisse
durch den Augenschein kannten oder nicht kannten,
darin stimmten Alle überein, daß selbst die ausge-
sprochene Friedensliebe des jungen Königs von
Preußen den großen Weltenbrand, den -Napoleon
angefacht hatte, nicht werde verhindern können, auch
Preußen zu ergreifen, und daß man schon jetzt wie
auf einem Vulkan lebe.
Mit Spannung trat man an der Börse den
Großhändlern entgegen, von denen man wußte, daß
sie durch Estafetten mit ihren Geschäftsfreunden ver-
kehrten; und jeder von auswärts, sei es von Westen
oder Osten kommende Reisende war ein Gegenstand
der Beachtung, um der Nachrichten willen, die er
haben, der Auskunft wegen, die man von ihm zu
erlangen hoffen konnte.

==- Z =
Unbestimunte Gerüchte von neuen Zerwürfnisfen
zwischen England und Frankreich, von bevorstehenden
ERaaEE
zum Kaiser ausrufen werde, gingen eben an jenem
Donnerstag an der Börse von Mund zu Mund, als
Lorenz Darner an Konrad Kollmanns Seite in die
Börse eintrat, und von diesem verschiedenen seiner
Freunde vorgestellt wurde.
Kollmann nannte leichthin die großen Amster-
damer und Londoner Firmen, durch welche Darner
bei ihm eingeführt worden, und dieser fand eine
um so bereitwilligere Aufnahme, als Kollmann be-
merkte, daß jene Häiuuser Herrn Darner als einen
sehr weitsichtigen, sehr gewiegten Mann bezeichnet,
mit welchem sie durch eine Reihe von Jahren in be-
deutender und erfolgreicher Geschäftsverhindung ge-
standen hätten.
Die Art jeyer Geschäfte war jedoch nicht be-
zeichnet. Ebensowenig war es ausgesprochen, zu
welchem Zwecke sich Darner nach Preußen begeben
und an Kollmann hatte empfehlen lassen. Auch ob
er selbstständig etablirt oder zu einem jener aus-
wäärtigen Hääuser gehörend sei, und wo er bisher ge-
lebt hatte, war aus den Empfehlungsbriefen nicht er-
sichtlich.
Ein Haus Lorenz Darner war in der Handels-
welt nicht bekannt. Bei solchen Empfehlungen, wie
sie ihm zur Seite standen, wäre aber ein dringendes
Fragen unter Kaufleuten, die sich respektiren, nicht
am Platze gewesen. Kollmann nahm also an, daß
Darner dem Hause Hope in Amnsterdäm, auf das er
sich besonders bezog, bisher als schweigender Partner
angehört habe, und wartete mit schicklicher Zurück-
haltung auf das, was Darner selber von sich aus-

-= Fß -===
sagen, oder was man zu fragen berechtigt sein werde,
sobald es sich um den wirklichen Abschluß von Ge-
schäften handeln würde.
Sein. Name bezeichnete ihn als einen Deutschen,
obschon er die Haltung und die Manieren eines
Engländers hatte und das Deutsche mit fremd-
ländischem Anklang sprach. Als man dies, nachdem
er einige Tage die Börse besucht, gegen ihn bemerkte,
erwiderte er, das sei leicht möglich. Er habe Deutsch-
land jung verlassen, sei erst vor wenigen Jahren
wieder einmal auf deutschen Boden gekommen, um
in Karlsbad eine Kur zu gebrauchen. Darnach habe
er sich eine Weile in Deutschland umgesehen, sei auch
in Preußen und sogar ein paar Tage in Königsberg
gewesen, jedoch ohne die Börse zu besuchen.
Wie dann sich Jemgnd die Frage erlaubte, was
ihn so weit gen Nordosten geführt, hatte er mit
Achselzucken entgegnet:
,,Eine Grille, oder nennen Sie es eine Selbst-
täuschung. Ich hatte mich in Karlsbad von den
Folgen eines Fiebers zu erholen, das mich in der
Havanna befallen und stark mitgenommen hatte.
In meiner Hypochondrie war ich auf den Gedanken
gekommen, mich nach langer, ruheloser Arbeit ganz
von den Geschäften zurückzuziehen und es mit dem
Landleben zu versuchen. Preußische Gutsbesitzer,
mit denen ich in Karlsbad bekannt geworden, hatten
mir den Rath gegeben, mich füür diesen Fall in Ost-
preußen umzuthun, und mich dabei auf die Güter
der erloschenen Familie von Wiekau aufmerksam ge-
macht. Diese nur sechs Meilen von Königsberg in
der Nhe von Pillau am Meere gelegenen Güter,
die Ihnen wohl bekannt sein werden, habe ich damals
an mich gebracht und eine Weile in Strandwiek
gelebt. ?

= H -=
,, Und Sie haben sie wieder verkauft?'' fragte
Kollmann, der hinzugetreten war.
, Nein,' entgegnete Darner gleichmüthig, ,ich
besitze sie noch. Sie haben den Vorzug, in an-
genehmer Umgebung nahe am Meere zu liegen,
dessen Anblick ich auf die Läinge nicht entbehren
kann, und sie rentiren doch einigermaßen. Es würde
unter gewissen Bedingungen eine hübsche Kolonie
dort zu gründen sein. Aber ich habe dem Landleben
auf die Dauer keinen Geschmack abgewinnen können.
Ich bin eben Kaufmann, bin an eine anspannende
uhätigkeit gewöhnt, und ich möchte mich darüber
unterrichten, ob Königsberg für mich ein geeigneter
Plaz sei. Falls sich das herausstellt, könnte ich hier
arbeiten und meine Absichten mit Strandwiek doch
als eine Liebhaberei zur Ausführung bringen; denn
die Strecke von sechs, sieben Meilen, von hier bis
dorthin, ist mit untergelegten Pferden leicht zu be-
wältigen.?
Nun hätte man plötzlich einen festen Anhalt,
und Darner gewann dadurch noch an Bedeutung.
Die Güter, deren er als einer unbedeutenden Sache,
als einer Liebhaberei, erwähnte, waren ein großes
herrschaftliches Besitzthum. Man entsann sich, vor
ein paar Jahren gehört zu haben, daß ein Fremder,
ein Engländer, sie gekauft, der einige Monate dort
in dieser Einsamkeit verlebt hatte, dann fortgegangen,
nicht wiedergekehrt war, und die Güter durch einen
Inspektor verwalten lasse, der seinen Herrn als einen
Sonderling bezeichne.
Nach einem Sonderling sah jedoch Lorenz Darner
ganz und gar nicht alts.
Er war ein Mann gegen das Ende der vier-
ziger Jahre. Groß, breitbrüstig, von starkem Knochen-
bau, war er unverkennbar auf ein langes Leben

-- fß =
angelegt. Dem tüchtigen, wohlgetragenen Körper
entsprach das kluge, wettergebräunte Gesicht mit der
hohen, von schwarzem Haar umrahmten Stirne, mit
dem starken Backenbart, mit den dunklen, mächtigen
Augen. Die kräftige Nase, das starke Kinn und der
wohlgeformte Mund, hätten Darner das Recht ge-
geben, für einen schönen Mann zu gelten, wääre der
Ausdruck seiner Mienen nicht ein so stolzer und
kalter gewesen. Zu übersehen war der Mann jedoch
nie und nirgends; und weil er sich nach diesen Mit-
theilungen in seiner Zurückhaltung beständig gleich
blieb, während man sah, daß er in Königsberg festen
Fuß zu fassen beabsichtigte, beschäftigte sich die Neu-
gier um so mehr mit ihm.
Er war durch Kollmann in die Kaufmanns-
ressource eingefüührt, war,' als im Herbste die Gesellig-
keit wieder in den Familien ihren Anfang nahm,
in den besten Häusern bekannt und aufgenommen
worden. Er selber hatte in dem ersten Gasthause der
Stadt eine ansehnliche Wohnung inne, hielt einen
eigenen Diener und hatte sich ein paar englische
Reitpferde von Strandwiek kommen lassen, die er in
den Stallungen des Hotels sorgfältig untergebracht.
Man sah ihn täglich ausreiten, täglich an der Börse.
Man wußte, daß er über den Sonntag regelmäßig
auf sein nahe bei Pillau gelegenes Gut oder ge-
legentlich auch nach Pillau selbst, dem Seehafen von
Königsberg, hinausfuhr, wo er ebenfalls wohl
empfohlen und akkreditirt war und wo er mit Rhedern,
Schiffsmaklern und Kapitänen in Verkehr trat.
Da man sich aber von den Leuten, mit denen
man zu thun hat und gesellschaftlich umgeht, ein
festes Bild zu machen liebt, hätte man Genaueres
won Darner wissen mögen als das, was man seinen
Aeußerungen im Gespräch zu entnehmen vermochte.

g

Es war klar, er kannte fast das ganze Europa.
Er war in Afrika gewesen, hatte in Nordamerika,
in Mexiko, in Brasilien und in Westindien ver-
schiedentlich gelebt, und das wollte im Anfang dieses
Jahrhunderts mehr als jetzt bedeuten. Ob er von
Hause aus ein reicher Mann gewesen, ob er sein
Vermögen in Handelsgeschäften wäährend seiner Reisen
erworben, welche Arten von Geschäften er gemacht
habe, darütber ließ er sich nur selten, nur flüüchtig
aus, wenn es darauf ankam, den Erfolg eines ge-
planten Geschäftes nach seiner Einsicht zu beuriheilen.
Da die große kaufmäännische Allianz, in welcher in
jener Zeit die Häiuser von Francis Baring in London,
von Hope und Labouchere in Amsterdam, von Parish
in Hamburg arbeiteten, ihn zu ihren Geschäftsfreunden
zählten, mußte er ebenso sicher mit den Kolonial-
wie mit den Getreide- und Bankgeschäften in ihrem
größten, den ganzen Welthandel umfassenden Stile
vertraut sein! Indeß auf die sehr natüürliche, an ihn
persönlich gerichtete Frage, in welchem Zweige er
denn in Königsberg zu arbeiten beabsichtige, hatte
er erklärt, daß er darüber selber noch gar keine
Meinuung, geschweige denn eine Entschließung haben
könne. Er sei ja vorläufig nuur gekommen, sich um-
zusehen, in wie weit Königsberg als Zwischenstation
zwischen dem Osten und dem Westen zu benüten
sei; und nach der Einsicht, welche er darüber sich
bilden werde, werde er entscheiden können, ob er
bleiben oder ob er sich in Memel oder Riga das
Feld für eine ersprießliche Thätigkeit zu suchen haben
werde.
Die Frauen ihrerseits machten sich mit seinemt
Privatleben zu schaffen. Aus manchen kleinen Pro-
vinzialismen meinten sie folgern zu dürfen, daß er
aus dem Norden von Deutschland stammen müsse.

Kapitel 02

= F ==
Gegen Frau Kollmann hatte er einmal von einem
Sohne gesprochen, den er in England habe, von
Töchtern, die er in der Schweiz erziehen lasse. Aber
auch über diese Kinder erfuhr man nichts Bestimmtes;
und da er seiner Frau niemals gedachte, so hatte
sich schließlich, man konnte nicht sagen wie, der
Glaube in der Gesellschaft herausgestellt, daß Darner
von deutschen Eltern, vermuthlich von kleinen Leuten,
wahrscheinlich von Hanseaten, abstamme und daß er
ein selbstgemachter Mann und Wittwer sein müsse.
Damit gab man sich vorläufig zufrieden und ließ
auch ihn in Ruhe.
ggggpgpeeeaegggGGGGGGGGGGGGGGGGggGz
Bweites Kapitel
Während dessen ging Darner im Laufe des
Herbstes und Winters vorsichtig und gelassen seinen
Weg. Er war zweimal an der Grenze, war über
diese hinaus, in Riga, Petersburg, Moskau und in
Warschau gewesen, war wieder zurückgekommen und
hatte darnach gegen Kollmann erklärt, daß er in
Königsberg zu bleiben gedenke.
Um das Frühjahr hin ward es bekannt, daß
er seine Niederlassung betreibe und das Bürgerrecht
wie die Aufnahme in die Kaufmannschaft nachsuche.
Kollmann, der großes Wohlgefallen an Darner hatte
und Zutrauen zu ihm hegte, weil er selber ein be-
deutender und im Großen arbeitender Mann war,
freute sich des und war ihm dabei behilflich. Weit
entfernt, wie die kleineren Firmen die Konkurrenz
eines solchen Großhändlers zu scheuen, war er der
Meinung, daß das Etablissement großer Häuser,
daß selbst die Anwesenheit von bedeutenden Kom-

V
==- Z ==
manditen solcher Häuser dem Platze eine Förderung
seien; und da man für die Zuvorkommenheit eines
Mannes gegen den andern immer nach einem Grunde
verlangt, sagte man bald, Kollmann sei durch Darner
in engeren Verkehr mit jenen Weltfirmen getreten
und biete ihm deshalb die Hand, was Kollmann ab-
zulehnen keinen Anlaß hatte, da es seinem ohnehin
großen Kredite nuur zu statten kommen konnte.
Kurz vor der Eröffnung der Schifffahrt hörte
man, daß Darner den ,großen Christöph'', den größten
am Pregel gelegenen Speicher der Stadt, zu einem
sehr hohen Preise erstanden habe, wäihrend er noch
um drei andere Speicher in Unterhandlung stehe,
die er zu miethen beabsichtige; und damit war es
auch noch nicht genug. Denn wenige Tage nach Ostern
erzählte an der Börse Kollmann einem seiner näheren
Bekannten, daß er am verwichenen Abende das Haus
seines verstorbenen Schwagers, das alte Willberg'sche
Stammhaus, mit der ganzen Einrichtung an Lorenz
Darner verkauft habe.
,, Viel auf einmal,? sagte man an der Börse,
,,aber der Mann muß wissen, was er thut!r? Und
da Darner seine Ankäufe sofort mit Wechseln erster
Qualität bezahlte, war man doppelt geneigt, seiner
richtigen Einsicht zu vertrauen.
Nur der alte Makler, mit welchem Kollmann am
meisten arbeitete, erlaubte sich scherzend die Frage,
ob Darner in der Hast seines Kaufens vielleicht auch
die bisherige Besitzexin und Bewohnerin des Hauses,
des seligen Gotthard Willberg Tochter und deren
Erzieherin, Mademoiselle Willberg und Madame
Göttling, mit dem übrigen Inventarium an sich ge-
bracht habe.
Kollmann, der an dem Morgen gut aufgelegt
war, ließ sich den Scherz gefallen.

==- , ß -
,,Theilweise,'' entgegnete er dem Makler, ,theil-
weise, und, wenn Sie wollen, auf meinen Antrieb,
denn wir machen Beide ein gutes Geschäft dabei.
Darner wollte ds Haus haben und hatte darin
Recht, denn er gewinnt damit gleich einen anständigen
Boden unter den Füßen, das respektabelste Haus
im ganzen Kneiphof, das beste Komptoir mit großen
Nebenräumen. Die Göttling aber, die bei ihm
bleiben wird, habe ich ihm zugeschanzt. Er bekommt
in ihr eine verläßliche Person, die zu dem Hause
hält wie die gelben Katzen, die man anderwärts
auch nicht so schön findet wie in dem Hause; und
ich werde die Hausverwaltung und die Göttling los l
,, Und wo bleibt Mamsell Willberg? fragte der
Makler.
,Meine Nichte ist sechzehn Jahre, sie muß unter
Menschen, in die Gesellschaft, sie kommt also zu uns.
Die Göttling wäre bei uns das fünfte Rad am Wagen
gewesen, und wir hätten sie doch nicht gut entfernen
können, obschon sie von meinem verstorbenen Schwager
wohl versorgt ist. Mit Darner ist das etwas Anderes.
Will der Mann sie einmal nicht mehr haben, so
schickt er die Göttling eben fort wie jede andere be-
zahlte Person, und das hätte ich, da sie die sechzehn
Jahre neben meiner Nichte gewesen ist, nicht so ohne
Weiteres thun können.
,Freilich, freilich,'? meinte der Makler, ,solche
alte Inventarienstücke sind immer unbequeme Möbel!
Ich habe da in meiner Familie .. ?
Er brach ab, denn Kollmann hatte ihn stehen
lassen und sprach mit einem andern. Was sein
Makler in seiner Familie hatte oder nicht hatte,
war ihm einerlei. Er hatte für sein Mündel und
fütr sich ein gutes Geschäft gemacht, hatte Alles ein-
geleitet, wie's ihm paßte. That das nur ein Jeder

h
= 1Z =
mit Besonnenheit am rechten Platze und zur rechten
Zeit, so brauchte gan die Anderen nicht, brauchte
sich auch nicht um sie zu- kümmern, konnte sie ihres
Weges gehen lassen und den seinen gehen, sein
Makler so wie er.
Aber die Nachricht, daß das alte Willberg'sche
Haus, und noch obenein an Darner, an einen Fremden
verkauft sei, sprach sich als eine unerwartete Nenig-
keit an der Börse rasch herum, denn es war in der
ihat das schönste unter den alten Königsberger
Häiusern. Hätte man an die Möglichkeit gedacht,
daß Kollmann es verkaufen könne, daß er nicht
wenigstens es abwarten würde, ob Justine sich nicht
später den rechten Mann zu dem Hause wählen
würde-- und der und jener dachte dabei an seine
Söhne oder Enkel und Neffen-- so würde mancher
es gern gekauft, mancher seine Frau gern hinter den
großen, vielscheibigen Fenstern haben sitzen sehen;
denn das ;Haus stellte an und für sich etwas vor,
und das war kein Wunder.
Esa bestand aus einem Vorder- und einem Hinter-
hause. Das erstere lag mit seiner drei Fenster breiten
Front in der Langgasse, in der Hauptstraße des
Kneiphofs, an der Ecke der Kaistraße, deren ganze
Läänge der Seitenflügel des Hauses einnahm, welcher
das Vorderhaus mit dem am Pregelkai gelegenen
Hinterhause verband, das niedriger, viel breiter und
in späterer Zeit als das Vorderhaus gebaut, mit s
seinen sieben Fenstern nach dem Fluß hinaussah.
Kein anderes Haus im Kneiphof hatte, wie dieses,
einen kleinen Garten am Kai vor seiner Thüre,
keines solche zwei Linden vor seinen Fenstern in
der Langgasse; und wenn das Hinterhaus modischer
erschien, so stellte das Vorderhaus sich in seiner
alten Bauart würdiger dar. Fünfstöckig stieg es

-= Z --
mit hohem, vielgebogtem Giebel, von dem steinernen,
breit aufgetreppten, offenen Vorsprung stolz empor,
über den man von der Straße in das Haus gelangte,
und Alles an und in dem Hause war ebenso reich
als tüchtig.
Die steinernen Einfassungen der Fenster, das
Bildwerk zwischen den verschiedenen Stockwerken, die
mit Köpfen gezierten Medaillons zwischen den Fenstern,
die steinernen Vasen auf dem Giebel und zu seinen
beiden Seiten waren unversehrt. Neber der schweren
Thür von Eichenholz, deren Messingklopfer blank wie
Gold erglänzte, lagen der Merkur mit seinem Stabe
und die Abundantia mit ihrem Füllhorn da, die
Steinplatte beschützend, welche den Namen des Er-
bauers: Justus Gotthard Willberg über der Zahl des
Jahres 18 zeigte.
Schon die beiden vorhin erwähnten mächtigen
Linden, die den Vorsprung beschatteten- sie waren
die letzten in der ganzen Straße übrig gebliebenen
-- gaben kund, daß es lange her sein mußte, seit
der Erbauer dieses Hauses sie davor gepflanzt hatte;
und gleich den Bäumen konnte das Gebäude noch
neue Jahrhunderte überdauern, sofern nicht die mensch-
liche Willkur Hand daran legte.
Auch die innere Einrichtung des Hauses entsprach,
wenn nicht mehr ganz der Zeit seiner Erbauung, so
doch seiner Stattlichkeit. Die Jahre hatten das kunst-
volle Schnitzwerk an den Treppengeländern und an
den Wandschränken gebräunt; die Delmalereien, welche
über den Thüren und in die Thüren und Schränke
eingefügt waren, hatten natürlich beträchtlich nach-
gedunkelt. Sie stimmten aber gut zusammen mit
dem Holzwerk wie mit den schwerfälligen Stuck
verzierungen an den Decken; und obgleich die Zimmer
des Vorderhauses, in welchem Willberg hauptsächlich

-- 1Z-
gewohnt, nicht so ineinander gingen, wie es die
neuen Ansprüche gern hatten, so mußte doch ein Jeder,
der das Haus besuchte, eingestehen, daß es ein schönes
Haus und recht dazu geeignet sei, einer zahlreichen
Familie ein angenehmes Unterkommen darzubieten.
Der einzelne konnte sich in den einzelnen Stuben der
verschiedenen Stockwerke absondern nach Bedürfen,
und die Empfangszimmer waren groß genug, den
Hausbewohnern und ihren Gästen ein fröhliches Bei-
sammensein zu ermöglichen.
Es war eben das Willberg'sche Haus gewesen,
seit nahezu zweihundert Jahren und sollte nuun mit
einem Male das Darner'sche Haus werden. Das
wollte den Leuten nicht in den Kopf!
Indeß gerade die Erbin und bisherige Besitzerin
des Hauses, Justine Willberg, kam mit der Sache
leichter zurecht als ihre Mitbürger. Nur die Trennung
von der Frau, ,welche bei ihr Mutterstelle vertreten,
da ihre rechte Mutter wenige Monate nach ihrer Ge-
burt gestorben war, ging dem Mädchen nahe zu Herzen.
Es hatte seit seines Vaters auch schon vor sechs Jahren
- erfolgtem Tode ganz allein mit Madame Göttling
gelebt, und die Beiden hingen aneinander wie Mutter
und Kind. Madame Göttling, eine verständige und
gebildete Kaufmannswittwe, hatte sich aber stets ge-
rühmt, daß sie Justine zu einem verständigen Mädchen
erziehe, daß ihre Pflegebefohlene von der modischen
Ueberspanntheit und Schwärmerei gar nichts ab-
bekommen habe, und daß man sich zu ihr, wie sie
zuversichtlich behaupten dürfe, alles Vernünftigen ver-
sehen dürfe. Nun hatte Justine zu beweisen, daß
die Göttling sie nicht zu sehr gerühmt habe, und sie
bewies es.
Sie fand Alles ganz in der Ordnuung, wie ihr
Onkel es eingerichtet, denn ohne daß man bestimmt

==- 1H;
mit ihr davon gesprochen, war sie in dem Gedanken
erzogen worden, daß sie einmal ihres Vetters John
Kollmanns Frau zu werden habe, der in Riga in
dem dortigen Kollmann'schen Geschäft arbeitete, an
dessen Spite er nach erfolgter Mündigkeit gestellt
werden sollte.
John hatte ihr auch ganz gut gefallen, als er
das letzte Mal in Königsberg zum Besuch gewesen
war; und obschon es im Kollmann'schen Hause nicht
mehr so gesellig und heiter herging als in den
Zeiten, da die beiden nach Lübeck und Kopenhagen
verheiratheten Töchter noch dort gelebt hatten, gab es
in demselben doch immer noch viel Fremde und einen
ganz andern Verkehr als in Justinens eigenem
stillen Hause.
Justine hätte es also von sich nicht vexständig
gefunden, sich mit unnöthigen Gefühlen über das
Scheiden aus dem alten Hause in Kosten zu setzen.
Sie konnte in die beiden schönen, früher von ihren
Eousinen bewohnten Zimmer, welche der Onkel ihr
darbot, von ihren Sachen mit hinübernehmen, was
ihr wohl gefiel. Sie wußte, daß eine reiche Waise,
wie sie, sich zeitig zu verheirathen, daß ein schönes
Mädchen, wie sie, wenn John ihr schließlich vielleicht
nicht gefallen sollte, unter den Besten nur zu wählen
habe; und wenn es ihr auch leid that, daß sie ihre
gute Göttling künftig nicht mehr würde besuchen
können, weil dieselbe in dem Hause eines unver-
heiratheten Mannes zu leben hatte, so stand dafür
des Onkels Haus der mütterlichen Freundin zu allen
Stunden offen. Und mehr sich selber überlassen zu
sein, etwas mehr Freiheit zu haben als bisher, das
kam Justinen auch nicht ungelegen.
Acht Tage nach dem Verkauf ihres Hauses
siedelte sie also wohlgemuth zu ihrem Onkel über.

--- 1J --
Obschon sie ihr Vaterhaus sehr lieb gehabt, machte
es ihr doch Spaß, sich nun einmal in einer neuen,
fremden und ihr doch eigenen Umgebung eingerichtet
zu finden. Es belustigte sie, wenn' die Göttling sie
besuchen, wenn sie sehen kam, was Justine treibe,
welche Kleidung sie angelegt. Es war ihr wunderlich,
daß sie und ihre Göttling jet' ganz Verschiedenes
erlebten, daß sie sich so viel zu erzählen hatten. Und
wie großer Kunstwerth einzelnen, alten Stücken und
Geräthschaften in ihrem Vaterb d von den Besuchern
desselben auch zugesprochen wouven war, so hatte sie
füür ihr Theil dieselben altmodisch gesunden und oft
mals gedacht, daß ihre Großmutter mit ihrer großen
Dormeuse weit mehr dahinein gehört habe, als sie
mit ihren weißen Kleidern und mit ihrem schönen,
blonden, freiflatternden Gelock.
, Es hat eben Alles seine Zeit!'r sagte sie sich
mit Behagen, wenn sie sich mit einen Lafontaine'schen
Roman auf ihr Sopha legte, sich an den schönen
Empfindungen der Liebenden zu erbauen. Die Zeit,
welche sie unter Madame Göttlings ängstlicher Obhut
verlebt hatte, war nun vorüber. Justine war flügge
geworden und trotz all ihrer gerühmten Verständigkeit,
hatte sie doch nicht übel Lust, nun endlich auch die
farbigen Schwjngen zu gebrauchen, mit welchen die
jungen Herzen in den Romanen sich hinweghoben über
die Alltäglichkeit des Lebens.
Daß es darnach Herrn Darner, dem sie bei
ihres Onkels Gastgeboten und auch an dritten Orten
oft begegnete, in ihrem ehemaligen Hause wohl gefiel,
daß er ihre Göttling lobte, daß diese ihn als einen
Mann bezeichnete, dex niemals kleinlich sei, sondern
wisse, was sich schicke, das Alles freute sie.
In der That aber hätten auch beide, Herr
Darner und Frau Göttling, nicht besser für einander

==- Ih--
passen können. Er war der rechte Herr für die auf
Dienstbarkeit gestellte wackere Frau; und sie wiederum
war ganz dazu geschaffen, bei den Leuten die gute
Meinung zu erhöhen, welche Darners selbstgewisses
Verhalten ihm einzutragen begann. Wer ihr zu be-
fehlen verstand, den verehrte sie. Wer ihm unbedingt
gehorchte, den wußte er zu schätzen, zu belohnen. Es
machte sich Alles ganz vortrefflich.
Kaum ein Jahr nach seiner Ankunft war das
Geschäft von Lorenz Darner bereits in vollem Gange,
sein Name respektirt in der Leute Munde, und er
betrieb das Geschäft mit einer Raschheit und Groß-
artigkeit, von welcher man bisher in Königsberg noch
kein Beispiel gehabt hatte. Er schien sich für seine
Leistungen verdoppeln zu können.
Heute erfuhr man, er sei auf dem Wege nach
Paris, und es währte nur einige Wochen, so kam
er wieder zurück und hatte noch London und Amster-
dam während seiner Abwesenheit besucht. Er erhielt
und beförderte mehr Estafetten als die anderen alten
Häuser sammt und sonders. Trotz der wachsenden
Kriegsunruhen empfing er fortdauernd Nachrichten
von allen Ecken und Enden, die sich immer als
verläßlich erwiesen. Er zuerst hatte die Kunde von
Napoleons Erhebung zum Kaiser erhalten. Er hatte
von dem Einrücken der Franzosen in Hannover zu-
erst gewußt, und man konnte ihn sagen hören, daß
die kaiserliche Eroberungspolitik nicht nur gegen
England gerichtet sei, sondern daß sie viel weiter
gehe, und daß ihre letzten Ziele immer deutlicher
erkennbar würden.
Neberall war man in der größten Aufregung
und Spannung. Wie eine Geißel Gottes, wie ein
zweiter Attila jagte Napoleon über die Erde hin,
warf ihre Fürsten von den Thronen, würfelte neue

s

=- 1? =-
Staatenbildungen zusammen, hetzte die Völker, die in
gutem Frieden arbeitsam gelebt, zu wildem Kampfe
gegen einander, wie sein Ehrgeiz es erheischte; und
verwirrt oder überwältigt und gelähmt staunten die
einzelnen, wenn sie nicht sehr festen Sinnes waren,
zu dem dämonischen Kaiser wie zu einem Meteor
hinauf, von dem man nicht voraussehen kann, wohin
es sich in seinem rasenden Fluge wenden, ob es
vorüberziehen oder niederfallend zerschmettern werde,
was der Fleiß der Menschen, was lange Jahre an
Besitz geschaffen und äls geheiligt anerkannt hatten.
Bewunderung und Haß gegen Napoleon wie
gegen das Land, das er sich unterjocht und das in
ihm das Sinnbild seiner neuen Größe feierte, er-
füllten je nach ihrer Natur die Herzen der Menschen.
Nirgends war man des nächsten Tages sicher. Jeder
Augenblick konnte den Ausbruch eines Krieges auch
für Preußen mit sich bringen.
Immer schneller einander folgend, passirten
Kuriere, Feldjäger, diplomatische Agenten Königsberg
und die Grenze. Vom Ausland in ihr Vaterland
heimkehrende Russen, und viele vornehme Polen, die,
mit Pässen auf falsche Namen gestellt, nach Frank-
reich gingen, verweilten flüchtig in Königsberg, ihre
Geldgeschäfte zu ordnen. Sie trugen durch ihre Be-
richte nicht dazu bei, die Stimmung zu beruhigen.
Bis in die engsten Kreise des Familienlebens hatte
sich das Gefühl eingedrängt, daß große Umwälzungen
vor der Thür stünden, daß man am Tage den Tag
zu leben und ihn noch in Frieden möglichst zu ges
nießen habe, da man des nächsten Tages so gar
wenig sicher sein könne.
Selbst die Frauen, die sich sonst um die Zeit-
ereignisse nicht viel zu: kümmern, sondern still in
ihrem Hause zu schalten oder ihren Vergnügungen
Lewald. D ie Jamille Darner. T.
V

b=- F -
nachzugehen gewohnt waren, lernten es jezt empfin-
den, was das Vaterland und seine Ehre für den
Menschen zu bebeuten habe. Es war trotz der außer-
ordentlichen Geschäftsthätigkeit und dem reichen Ge-
winn doch Niemand in den Kaufmannshäusern mehr
geheuer. Man litt unter den Demüthigungen, welche
Preußen schon seit Jahren erduldet hatte, man dachte
mit Sorgen an die Verluste, die man erleiden konnte,
man schauderte vor der Gefahr eines Krieges mit
Frankreich und wüünschte ihn schließlich doch herbei
zur Ehre Preußens, da man in Erinnerung des alten
Waffenruhmes auf einen glücklichen Ausgang desselben
vertraute.
Kollmann, ein friedliebender Mann und wie ein
gewiegter Mann gemessen in seinen Aeußerungen,
weil er wußte, daß seine Worte beachtet wurden,
hatte seines Zornes gegen den Korsen niemals hehl,
wenn Darner bisweilen sich in Bewunderung Bona-
partes zu ergehen liebte; denn Darner hob es gern
hervor, wie im Leben Einheit des Willens und der
Herrschaft die Hauptsache und die bewegenden Kräfte
wäären, und wie ganz anders die Welt sich gestalten
würde, wenn eine einzige klare Einsicht ihr die Ge-
setze vorschriebe, so daß sie, in sich beruhend, nicht
durch hunderte von unverständigen Sondergelüsten in
ihrer Thätigkeit hehindert würde.
Man schalt Darner wegen dieser gelegentlichen
Bewunderung Bonapartes und legte sie ihm zur Last,
da er sich doch selber als einen Deutschen gab und
preußischer Unterthan und Bürger geworden war.
Man machte Kollmann absichtlich auf diese bedenkliche
Gesinnung Darners aufmerksam. Der wies solche
Anschuldigungen jedoch zurück.
, Laßt ihn gehen, es hat Jeder die Fehler seiner
Eigenschaften,' sagte er, ,Jeder seinen Sparren!

Kapitel 03

-- , I -
Ein Mann, der in seinem ganzen Wesen etwas so
Gewaltsames und Selbstgewisses hat, wie dieser Lorenz
Darner, macht sich seinen Götzen zurecht wie jeder
Andere. Dafür wird er ihm vielleicht am härtesten
fluchen, wenn dieser Götze ihm das Gewerbe durch-
kreuzt und nicht leistet, was er von ihm erhofft. Ich
wollte, Bonaparte störte uns so wenig als Lorenz
Darners Bewunderung für ihn.?
Wer aber Herrn Kollmann kannte, machte sich
doch seinen Vers daraus, daß er sich das Kaufgeld
für Justinens Haus dis auf den lezten Thaler hatte
zahlen lassen und daß er es, wie das ganze Ver-
mögen seiner Nichte und das Vermögen seiner Frau,
im Auslande, in England, angelegt hatte.
zsss -e
GAfif,s
, =blVV» zull4=?lVVs-.
Darner war klug genug, aus den an ihn ge-
richteten Fragen der Leute wie an ihren Bedenken die
Meinung' zu erkennen, welche sie von ihm hegten.
Beeinflussen oder gar behindern und zurückhalten ließ
er sich durch dieselbe nicht.
Man arbeitete in seinem Komptoir die halben
Nächte durch. Neben dem Königsberger Hauuse hatte
er in Pillau eine Filiale errichtet und einen von
auswärts herübergekommenen Disponenten an deren
Spitze gestellt. Er ging buchstäblich mit vollen Segeln
vorwärts.
Die Verschiffungen, welche sein Haus in Ge-
treide und anderen russischen Produkten nach Eng-
land machte, waren außerördentlich groß; noch größer
die Einfuhr von Manufaktur- und Kolonialwaaren,

- Zß =-
die er unternahm. Speicher um Speicher, selbst leer-
stehende Häuser und Stallungen wurden gemiethet
und belegt. Waarenmassen, welche über den bisherigen
höchsten Bedarf des Landes hinaus, zugleich den je-
mals erhörten Absatz nach Polen und Rußland be-
deutend überstiegen, wurden aufgestapelt; und wenn
man Darners staunenswerthe Thätigkeit auch lobte,
bei der er übrigens seine äußere Gemessenheit nie
verlsr, wenn man seine glänzende Gastfreiheit auch
bereitwillig annahm, fing es doch an, den und jenen
seiner Standesgenossen zu verdrießen, sich in der
kaufmännischen Welt wie in der Gesellschaft durch
einen fremden Eindringling, durch einen in Königs-
berg eben erst etablirten Mann in die zweite Linie,
in den Schatten gestellt zu finden.
Man kam sich neben diesem Großhändler krämer-
haft vor, wenn man es gegeneinander auch nicht
aussprach; aber als der Krieg immer sicherer heran-
nahte, als vorsichtige Kaufleute ihre Unternehmungen
einzuschränken, ihre Kapitalien so weit als möglich
sicher zu stellen suchten, während Darner völlig sorg-
los zu sein und seine Geschäfte nur immer rascher
auszudehnen schien, konnte man es von dem Einen
oder Ander wohl vernehmen, Darner sei entweder
ein Genie oder ein Narr, wenn nicht etwas Schlimmeres.
Er spielte sein großes Spiel zwischen einem Millionär
und dem Bankerott, denn nicht allein die Speicher,
auch die Schiffe, die leichten Bordinger, nehme er,
so weit er ihrer habhaft werden könne, in Beschlag,
um das Lichten aus den großen Seeschiffen in Pillau
und die Rückfracht nach den Schiffen ganz in seiner
Hand zu haben; und ebenso sei es mit den Fracht-
fuhrleuten, mit denen er einen regelmäßigen Verkehr
von und nach der Grenze eingerichtet habe. Wenn
in dem einen Monat all seine Räume voll Kalikos

-
b=-- Z-
und Tuchen, voll Zucker und Kaffee gelegen hatten,
so schüttete man im nächsten Monat die Böden hoch
mit Roggen und Weizen auf, lagerte man Flachs,
Hanf und Del in den Räumen und entleerte sie
wieder in die Bordinger, welche englische Fayence
und Eisenwaaren von Pillau herübergebracht hatten.
Englische, holländische und russische Geschäfts-
freunde, der Franzosen nicht zu vergessen, kamen und
gingen unablässig. Es wurde im Darner'schen Hause
unter Madame Göttlings bewährter Leitung fast offene
und glänzende Tafel gehalten, und trotz Darners
Bewunderung für Napoleons Alles zusammenfassenden
Herrschergeist wurden, ohne daß man das würdige
Ansehen des Willberg'schen Hauses damit aufhob,
englische Bequemlichkeit, englische Lebensweise und
englischer Luxus in demselben so unmerklich einge-
führt, russische Ausfuhrartikel so vielfach benütt, daß
sogar Madame Göttling sich selbst und ihre bisherige
Kleidung und Gewohnheiten allmälig umgemodelt
fand, ohne recht sagen zu können, wie sich das an
ihr vollzogen habe.
Das aber war es, was die Achtsamkeit und den
Antheil der Frauen erregte und Darner immer wieder
und unablässig zum Gegenstand der Unterhaltung und
der Neuugier für sie machte.
Die Göttling, welche bis dahin in bescheidener
Stellung neben Justinen gelebt, wurde plötzlich ge-s
sucht, seit Darner es gewagt, zu seinen Mittagsbroden
nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen
einzuladen; und auch hier war es Kollmann gewesen,
der seine Frau zuerst zu einem kleinen Essen zu
Vieren mitgebracht.
Wenn dann die Göttling bei ihrer Justine
vorsprach oder den weiblichen Gästen Darners den
nöthigen Besuch erwiderte, so hatte man Mühe, in

-- LF-
der Dame, welche den feuerfarbenen englischen Shawl,
wie es sich gehörte, in schönen Falten über den linken
Arm geschlagen hatte, welche den feinen englischen
Strohhut mit weißen Federn auf dem Kopf und
zur Winterszeit den russischen Blaufuchspelz trug,
die frühere Göttling wiederzuerkennen. Dafür aber
wußte Madame Göttling es sehr wohl, welchen Be-
weggründen sie die plötzliche Beachtung der reichen
Frauen zu verdanken habe.
Die Darner'sche Einrichtung, seine Service von
Sevres, sein Vermeille, seine russischen Silbergeräthe,
sein englischer Wagen, für den der Kutscher und die
Pferde und der Stallknecht mit einem der Schiffe
gekommen waren, machten die Unterhaltung in den
Kaffee- und Theegesellschaften der Mütter, wurden
von diesen wie von ihren Töchtern nach Gebühr
geschätt, besonders, da ein reicher Mann sie zu
bieten hatte, der, obschon nicht mehr jung, doch
noch in den besten Jahren war und ganz vortreff-
lich aussah. Freilich war er Wittwer, hatte Kinder,
und Stiefkinder sind keine angenehme Zugabe für
junge Frauen. Indeß, es hatten ja so viele Frauen
Stiefkinder in ihre Ehen mitbekommen und waren
damit fertig geworden, selbst wenn die Verhältnisse
nicht so glänzend gewesen waren, wie die Darner'schen
sich boten.
Manch einer, welcher nicht selber mit einer
heirathbaren Tochter oder Nichte gesegnet war, also
freie Hand besaß, hatte es Darner wohl gelegentlich
angedeutet, wenn man in guter Laune beim Wein
gesessen, daß eine junge Frau aus gutem Hause bei
seinen Mittagsbroden sich ihm gegenüber in der Mitte
der Tafel sehr wohl ausnehmen würde. Andere
hatten ihm zu bedenken gegeben, daß eine Arbeit,
wie er sie sich zumuthe, des Ausruhens neben einer

!
-=- LZ =-
hübschen Frau bedürfe. Er hatte dazu nicht ja,
nicht nein gesagt, und man hatte angefangen es zu
bemerken, daß er öfter und öfter das Theater be-
suchte, daß er es niemals unterließ, in die Loge von
Madame Kollmann einzutreten, und das machte denn
auch wieder von ihm sprechen.
Dachte Darner wirklich an eine Heirath mit
der schönen Justine? Hatte Kollmann sich so weit
mit ihm eingelassen, hatte er solche Vortheile durch
ihn, daß er darüber seinen Plan aufgegeben, Justine
mit seinem John zu verbinden? Fragen, geradezu
fragen, konnte man darum weder Kollmann noch
Darner, und von der Göttling war nichts heraus-
zubringen.
Sie sei nichti des Herrn Vertraute, sagte sie,
und Herr Darner spreche überhaupt von sich, von
seinen Plänen und von den Seinen nicht. Was er
wolle, das wolle und thue er. Sie sehe das an
jedem Tag, und das schätze sie an ihm. Nur das ,
eine glgube sie: ganz so jung, als man sich seine ,
Kinder denke, könnten sie nicht sein.
Es ließ den Müttern und den Töchtern keine s
Ruhe mehr! Was wußte die Göttling und was !
wußte sie nicht? Betrieb vielleicht gerade sie die s
Heirath mit Justine, um sich damit für immer im s
Darner'schen Hause festzusetzen wie früher in dem s
Willberg'schen? Und was dachte Justine?
Abgeneigt war sie dem jetigen Besitzer ihres s
Hauses keineswegs; mit ihrem Vetter John hatte ße s
immer gut gestanden, doch nie eine besondere V?r- s
liebe für ihn gehabt, und sie zeigte allen ihren s
Freundinnen, ohne daß sie darum gebeten wurde, das s
goldene Nähkästchen, das ihr Darner zum Geburtstag s
rk NrE

Kapitel 04

== ZF. --
Sevresporzellan, eine englische Equipage waren
etwas gar zu Schönes! Türkische Shawls, englische
Strohhüte und russisches Pelzwerk kleideten so vor-
trefflich! Darner hielt die Frauen sehr in Athem,
und das Geheimniß, das ihn umschwebte oder in
das es ihm gefiel, sich zu hüllen, gab ihm nur einen
größeren Reiz für ihre Phantasie.
Biertes Kapitel!
Ganz andere Fragen und Sorgen aber als
jene, mit denen die Frauen sich beschäftigten, nahmen
den Sinn der Männer in Anspruch, denn die sieg-
reichen Heere des französischen Kaisers rückten mit
nngeahnter Schnelle in Deutschland vorwärts. Die
feindlichen Absichten gegen Preußen wie gegen Eng-
land lagen zu Tage; man mußte auf eine Gewalt-
that gefaßt sein, und wie lange das Meer frei bleiben
werde, war nicht zu berechnen.
Es galt jett, von der Nothwendigkeit gedrängt,
es womöglich Darner nachzuthun. Was man über
See in das Lgnd einzuführen oder ebenso aus dem-
selben noch fortzubringen dachte, das mußte in aller
Eile geschehen, und man hatte daneben doch auf die
in Aussicht stehenden Bedürfnisse großer Truppen-
massen zu rechnen und Vorräthe bereit zu halten,
die einen ungewöhnlichen Gewinn bringen, ebenso
gut aber durch feindliche Beschlagnahme verloren
gehen konnten. Zuversicht und Befürchtung, wagende
Unternehmungslust und zaghaftes Bedenken arbeiteten
in allen nordischen Seestädten mit gleichem Eifer an
der Ausführung ihrer Absichten.

f
==- Ih -
Der Hafen lag voll Schiffe; alle Arbeiter, die
Lastträger, die Fuhrleute, die Schiffer verdienten
- ===e==
schweres Geld, die Kapitäne waren an der Börse
wichtige Leute, und selbst die vornehmen alten
Kaufleute, wie der Kommerzienrath Berkenhagen,
der sonst nur durch seinen Disponenten mit den
Kapitänen verkehren ließ, verschmähten es nicht, jetzt
selber mit ihnen darüber zu verhandeln, ob es
möglich oder nicht möglich sei, mit Bugsiren bis ins
Haff hinauszukommen und dann mit halbem Winde
vorwärts zu gehen, um ein paar Stunden zu
gewinnen.
,. Anna Luise'r führte, unter der Mittelthür der
Börse, als Darner von der Brücke in das Gitter
derselben eintrat und die breiten Stufen hinaufstieg.
Der Kapitän wandte sich zufällig um, und
sichtlich überrascht, als er Darners ansichtig wurde,
rief er:
,Ja, freilich, Ihr seid's ja! Habt Euch gut
gehalten!r
Darner jedoch achtete des Anrufs nicht, sondern
ging, ohne sich umzusehen, in das Haus.
Der Kapitän lächelte:
, Hatte schon davon gehört! Arbeitet auch hier
im Großen! Ist vornehm geworden! Kennt mich
nicht mehr! Kenn' ihn um so besser!'' setzte er,
ihm nachblickend, hinzu.
Ein dritter, der nicht weit davon stand, hatte
bemerkt, daß etwas vorgegangen war; aber was der
- eine gefragk, was der andere berichtet, das hatte
der dritte nicht vernommen. Der Kommerzienrath
und Kapitän Schwenten hatten sich auch nicht lange
dabei aufgehalten. Sie hatten Wichtigeres zu be-

==- Zß
sprechen gehabt, und Nachmittags war die Anna
Luise schon aus dem Hafen hinaus und auf ihrem
Weg zur See.
Ein paar Tage später erzählte man sich jedoch
an der Börse und ebenso am Abend in der Kauf-
mannsressource, Kapitän Schwenten solle sonderbare
Dinge über Darner ausgesagt, schließlich aber hinzu-
gefügt haben, ein Geschäftsmann sei Darner dabei
freilich, wie es keinen zweiten gebe. Er sei der Na-
poleon unter den Kaufleuten, und die holländischen
und englischen Häuser, welche ihn benützt und ihm
seiner Zeit die Hand geboten, hätten wohl gewußt,
weshalb und wem sie das gethan. Er habe von je
eine Umsicht und Voraussicht gehabt wie die Pro-
pheten oder wie der Gottseibeiuns. Auch an That-
kraft und Entschlossenheit komme ihm keiner gleich.
Als er noch Superkargo für ein holländisches Haus
gewesen, das viel zwischen der Goldküste und Bra-
silien gearbeitet und im Sklavenhandel Millionen ge-
wonnen, habe er einmal die ganze Fracht Menschen-
waare allein durch seine Energie, unter dem Kugelregen
eines Kapers, in den Hafen gebracht. Das sei der
Anfang zu seinem Glücke gewesen, das man ihm ja
gönne, denn er habe was durchgemacht im Leben.
Nur den Hochmüthigen müsse er nicht spielen gegen
Leute, die viel reden könnten, wenn sie wollten.
Wie das Gerede von der Börse in die Komptoirs,
so drang es aus der Ressource in die Wohnstuben
der Familien und natürlich auch zu Madame Koll-
mann. Sie hatte gerade eine Kaffeegesellschaft bei
sich, und man war im vollsten Erzählen und Ver-
muthen, im Deuten und Ergänzen, als Herr Koll-
mann eintrat, um mit gewohnter Höflichkeit den
versammelten Damen sein Kompliment zu machen.
Bei seinem Erscheinen ward es plötzlich still.

;

s
=- A =--
Dieses Schweigen verrieth ihm, wovon man
sich unterhalten hatte; die Frau des schwedischen
Konsuls ließ ihn darüber auch in keinem Zweifel.
Sie war eine norwegische Predigerstochter, die sich
zu den Stillen im Land hielt, die großen Gesell-
schaften und jeden Luxus vermied, was bei dem be-
schränkten Einkommen der Familie sehr zweckmnäßig
war. Aber eben deshalb maßte sie sich das Recht
an, den Sittenrichter in dem Kreise ihrer Bekannten
vorzustellen.
,Gut, daß Sie kommen, Herr Kollmann,' rief
sie ihm entgegen, ,denn von Ihnen wird man am
zuverlässigsten erfahren können, was jman von den
Gerüchten über den Herrn Darner zu glauben und
wie man sich darnach gegen ihn zu verhalten haben
wird.?
Und nun schwirrten die Fragen -und die Er-
zählungen in einer solchen Hast durcheinander, daß
ein Antworten darauf geradezu unmöglich war.
Man sprach von Darners geringer Herkunft,
von dem schlechten Namen seiner Eltern, und was
die eine der Damen nur vermuthete, das wußte die
andere ganz bestimmt und das überbot die dritte
durch selbstgezogene, ihr für unfehlbar geltende
Schlüsse.
-
Endlich, da das Herumgeben einer neuen süßen
Speise den Redefluß für eine kleine Weile hemmte,
fragte Kollmann:
,, Und das alles soll der Kapitän dem alten
Berkenhagen kundgegeben haben??
,Freilich!'r versicherte die Konsulsfrau. ,Alle
Welt spricht davon, und mein Mann sagt, Kapitän
Schwenten sei ein vetläßlicher Mann.'?
,Das ist erlr bekräftigte Kollmann. ,Er ist,
ehe er sein eigenes Schiff hatte, früher für mich mit

==- Is -
dem ,Nordsternf gefahren. Ich kenne ihn genau.
So viel auf einmal hat der Mann aber sein Leb-
tag nicht gesprochen, am wenigsten, wenn er wie
vorgestern gleich in See zu gehen hatte. ?
,Daß Darner von schlechter Herkunft ist, daß
er einen schlechten Namen auf die Welt gebracht
hat und daß er aus seinem Vaterland hat flüchten
müssen, das hat Schwenten ganz bestimmt gesagt!'
wiederholte die Armfield, die nicht leicht aus dem
Feld zu schlagen und über des Hausherrn Ab-
weisung empfindlich war.
Kollmann aber war, da er wie jeder hervor-
ragende und vornehme Mann von Neid und Nebel-
wollen sein Theil im Leben zu tragen gehabt, ein
Feind alles Geredes und Geklatsches.
,, Hat Herr Darner sich denn einer vornehmen
Herkunft jemals schon gerühmt?' fragte er.
, Ich möchte wissen, wie er das machen sollte,
wenn er keinen ehrlichen Namen hat!'' meinte eine
der Frauen, deren Mann es vergebens versucht
hatte, mit Darner in Geschäftsverbindung zu treten.
,,Nun,'' entgegnete Kollmann, wenn seine Eltern
ihm einen schlechten Namen hinterlassen haben, was
doch in keinem Falle seine Schuld gewesen sein kann,
so ist ihm freilich nichts übrig geblieben als sich
einen guten Namen zu machen, und das hat er
gethan!''
,Also die Sache mit dem Sklhvenschiff und von
dem Superkargo glauben Sie auch nicht?? fragte
eine dritte.
,Daß er drei Jahre lang als Superkargo für -
ein holländisches Haus engagirt gewesen ist, das weiß
ich von ihm selbst,'' entgegnete Kollmann.
,Ja,' fiel Justine ein, ,und er hat es uns
hier erzählt, daß er zwischen Guinea und Brasilien

-=- Zß ==--
gefahren ist und daß er einmal sein Schiff nur mit
genauer Noth vor Seeräubern geborgen hat. Er-
innere Dich, Tante, er beschrieb es, daß man's mit
erlebte, und der Onkel sagte nachher: ,arner kann
wirklich, was er will. Auch als Reisebeschreiber
würde er Glück machen !?
Die Gäste von Madame Kollmann sahen ein-
ander an und dachten sich dabei ihr Theil. Zu ver-
denken war es Justinen nicht, wenn sie Lust hatte,
in ihr Vaterhaus zurückzukehren, nun es so prachtvoll
eingerichtet war. Aber wo blieb denn des Onkels
Absicht mit Justine und mit John?
Weil man das nicht fragen konnte, bemerkte
eine der Frauen:
, Mein Mann hat Recht, wenn er immer sagt,
Sie wären im höchsten Sinn der Freund Ihrer
Freunde, Herr Kollmann! Das zeigen Sie auch jetzt,
Herr Kollmann; aber wenn denn Darner. doch wirk-
lich auch Sklaven überführt hat--r
Kollmann wurde ungeduldig.
,, Lassen Sie uns zu Rande kommen, meine
Damen,? sagte er, ,gleichviel, was Schwenten gesagt
hat oder nicht gesagt hat! Lassen Sie uns nicht die
Kleinstädter spielen und Nachgrabungen in einem
fremden Lande halten und Splitterrichterei treiben in
einem Fall, der uns nichts gngeht, wenn wir uns
nicht ganz absichtlich mit ihm beschäftigen wollen.
Was verlangt der Mann denn von uns? Er hat
sich hier niedergelassen und macht Geschäfte. Wollen
wir sie nicht mit ihm machen, nicht mit ihm ver-
kehren, so haben wir's nicht nöthig. Das ist unsere
Sache, das andere die seine. Wer keinen Namen
mit auf die Welt bringt, muß sich einen machen!
Wer kein Geld hat, muß sehen, wie er durch seine
Arbeit dazu kommt, als Kaufmann, als Gelehrter,

=- Zß--
als Handwerker oder als Superkargo, gleichviel!
Und welcher Superkargo hat darnach zu fragen,
womit das Haus, in dessen Dienst er für so und so
viel Zeit gebunden ist und für das er geht, sein
Schiff befrachtet? Er hat die ihm konsignirte Fracht,
ob Pulver oder Roggen, ob Elfenbein oder Schwarze,
vor Schaden zu bewahren, intakt abzuliefern und
damit gut! Hat er auf dem Schiff, das er geborgen,
Menschenleben gerettet, so waren das gerettete
Menschenleben, gleichviel, ob weiße oder schwarze.
Blicken Sie doch um sich, meine Damen! Fragt
Napoleon seine Marschälle nach ihren Vätern?
Dürfen sie ihm sagen, wohin sie gehen, und was
sie thun wollen oder nicht thun wollen? Er nimmt
sie, wo er sie findet, giebt ihnen Namen, wenn sie
keine haben, braucht sie, wozu ihm's paßt. Er hat
zu befehlen, sie haben zu gehorchen. Er und sie
haben zu wagen und zu sehen, was sie erlangen
können. Das ist jetzt der Lauf der Welt! Wer, wie
wir alten Firmen hier, besser sein will als unsere
Zeit, der thut's-- freilich auch auf seine Gefahr
und Kosten. Aber wer erst emporzukommen hat,
der muß mit dem Strom schwimmen, und das thut
Darner mit all seiner Kraft. Lassen Sie ihn schwimmen,
bis er auf Ihrem Grund und Boden an das Land
gehen willt'?
Es waren das Aussprüche, wie man sie von
Männern von Kollmanns Schlag wohl gelegentlich
aussprechen hören konnte, obsche er und mancher
andere mit ihm im betreffenden Fall gewissenhafter
zu handeln pflegte, als jene Aussprüche es erwarten
ließen, und obschon dieselben Männer sehr peinlich
auf das Herkommen hielten, sobald es sie und ihre
Familien betraf. Kollmann hatte indeß heute seinen
Gefallen an dem Erstaunen, das er erregte, während

= Zh -
er doch gleichzeitig darauf bedacht war, sich den Rück-
zug für alle Fälle offen zu halten.
,, Die Emporkömmlinge sind jetzt Herren der
Welt mit ihrem Franzosenkaiser an der Spitze,
sagte er. ,Wer darf ihn jetzt noch daran erinnern,
das; er der Advokatensohn aus Korsika ist, der sich
das Tuch zum Lieutenantsrock borgen mußte? Die
Potentaten beugen sich vor ihm, der dem Murat
seine schöne Schwester zur Frau gab, ohne sich darum
zu kümmern, ob Muuat vorher Koch oder Kellner
gewesen ist. Und ihn zu heirathen hat ja Darner
hierorts, soviel ich weiß, noch von Niemand begehrt;
es hat's auch Niemand nöthig. Die Hauptsache ist,
wenn Baring Brothers und Hope mir sagen, der
Mann ist gut, so ist er gut! Im Nebrigen lassen
wir ihn gehen, bis er- ich wiederhole es-- in
unsern Weg kommt!'
Damit gab er den ihm zunächst sitzenden Damen
noch mit freundlichen Worten die Hand und verließ
den Saal.
Das Heirathen aber, das war es gerade! Das
war die Ursache, aus welcher das Gerede über Darner
nicht recht aufkam und trotzdem doch nicht einschlief
unter den Frauen und der Kaufmannswelt. Darner
war eine gar zu gute Partie!
Was bedeutete es, daß Justine ihn so warm
vertheidigte? Weshalb zögexte man, sie mit John
Kollmann zu verbinden, nun er die Rigaer Komman-
dite des Hauses selbstsländig führte? Er war vier-
undzwanzig Jahre, Justine hatte zwei Winter hin-
durch alle Bälle mitgemacht und war bald neunzehn
Jahre alt. Weshalb hatte man die Verlobung nicht
vollzogen, als John nach beendeter Schifffahrt in
Königsberg gewesen war? Wollte Justine beide an
der Hand behalten, wollte sie sich das Vergnüügen

Kapitel 05

-- ZZ -
machen, ihres Vetters Dank dadurch zu steigern, daß
sie um seinetwillen Darner ausschlug?
Dazu war der Mann in reifen Jahren doch zu
schade! Ihn zum Spielzeug zu benützek, war ein
schweres Unrecht, war eine schlimme Koketterie von
Justine, die sich Alles erlauben zu dürfen glaubte,
weil sie so schön, weil sie die reiche Erbin war!
Mit einem Vorurtheil gegen Darner war man
bei Madame Kollmann angelangt; mißtrauisch gegen
sie, gegen ihren Mann und eingenommen gegen ihre
Nichte, verließ man sie; denn der Wind springt in
Sturmeszeiten oft rasch und unerwartet um, die
Meinung der Menschen noch weit schneller! Und
stürmisch war die Zeit.
Jüünftes Kapitel'
Krieg und Friedensschlüsse und neue Kriegs-
erklärungen folgten einander in einer Eile, wie man
dergleichen nie erlebt hatte. Desterreich war besiegt,
Hannover, an Preußen gefallen, war ihm wieder
genommen worden. Preußen und Sachsen hatten
sich gegen Napoleon vereinigt, die Schlachten bei
Saalfeld und Auerstädt waren verloren, der preußische
Hof nach Königsberg geflüchtet, Napoleon im No-
vember des Jahres 1806 in Berlin eingezogen und
von dort aus der furchtbare Schlag gegen England
von ihm geführt worden: die Kontinentalsperre war
erklärt.
Das Preußen Friedrichs des Großen schien
niedergeworfen für alle Zeit. Von Westen und
Süden zogen die Heere Napoleons heran, die in

-- ZZ -
Polen Fuuß gefaßt hatten. Die preußischen Festungen
waren in der Hand der Franzosen. Was von dent
preußischen Heere noch übrig war, hatte sich in
Ostpreußen zusammengefunden, und wie unter dem
Druck schwerer Gewitterwolken sah man dem Ausbruch
des Unheils entgegen, das nicht lange auf sich warten
lassen konnte.
Der Winter war früh hereingebrochen, die
Schifffahrt, die im Norden stets zeitig eingestellt
werden muß, hatte ohnehin durch die Kontinental-
sperre ihre freie Bewegung verloren. Der Handel
war plötzlich gelähmt.
Das Bestehen der ältesten Firmen stand überall
in Frage. Die größten wie die kleinsten Häuser,
sofern sie direkte überseeische Geschäfte betrieben oder
mit ihren Kapitalien in denselben betheiligt waren,
hatten schwere Verluste zu beklagen.- Selbst der
vorsichtige Kollmann, der das Vermögen seiner Frau
und Nichte in England angelegt, war doch in seiner
Rigaer Kommandite von beträchtlichen Einbußen nicht
verschont geblieben. Darner allein stand sicher und
unangetastet da.
Er allein in Königsberg mußte ofsenbar auf
irgend eine Weise von der Möglichkeit oder Wahr-
scheinlichkeit der bevorstehenden Kontinentalsperre
Kunde gehabt haben und das machte ihn mit einem
Schlage zum Millionär.
Er hatte keine Ladung mehr auf See. Sein
Getreide, all seine russischen Produkte waren noch
suur rechten Zeit verschifft. Der große Christoph,
ebenso wie seine anderen Speicher, lagen bis auf
den letzten Boden voll von Kolonialwaaren. Mit
holländischen Schiffen und Frachtbriefen rechtzeitig
eingegangen, waren sie vor einer Beschlagnahme, wie
sie in Hamburg erfolgt war, gesichert, und konnten
Lewald. Die Familie Darner. l.

==- Z --
bei dem vorauszusehenden großen Bedarf eben dieser
Produkte zu nie dagewesenen Preisen verwerthet
werden, so daß Darner dadurch rasch die Waare in
die Hand bekam, welche ihm für seine eigentlichen
Pläne und Spekulationen neben seinen großen Krediten
jetzt die nöthigste war: das baare Geld für seine
Bankgeschäfte.
Er beherrschte die ganze Thätigkeit des Platzes.
Ueberall sprach man nur von ihm, bewunderte man
seine Erfolge. Weil. das Bewundern aber eine
schweigende Erklärung der Unterordnung in sich schloß,
welche auf die Länge Manchem immer unbequemer
erschien, fing man an, erst leise, dann lauter darüber
zu reden, daß diesem Herrn Darner doch auch von
französischer Seite besondere Wege offen gestanden,
daß er besondere Verbindungen gehabt, besondere
Mittel angewendet haben müsse, um so gut unter-
richtet und vorbereitet gewesen zu sein, als es sich
erwiesen.
Man betonte dies Besondere in besonderer Weise.
Man nahm sich aber doch in acht, irgend etwas Be-
stimmtes gegen Darner auszusprechen, denn man hatte
einen Mann von so außerordentlicher Wirksamkeit
zu schonen, hatte auch nicht nöthig, gewissenhafter und
bedenklicher zu sein als Kollmann, der wohl von
Darners Nachrichten und von seiner Freundschaft
manchen Vortheil gezogen haben mochte. Man fragte
Kollmann nur öfter und öfter, was er denn von
Darner und von all seinen ausländischen Nachrichten
halte; und die Art und der Blick, mit denen man es
that, sprachen aus, was die Fragenden nicht über
ihre Lippen gehen ließen.
Es sei doch eine eigene Sache, meinte man, mit
einem landfremden Manne, wenn er von dem Vor-
haben der Landesfeinde so lange im voraus und so
h

- ZJ -
auffallend gut unterrichtet sei, wie Darner es gewesen
sein müsse. Ee bleibe fraglich, ob und welche
Gegendienste er vielleicht bei seiner Kenntniß der
inländischen Zustände dafür zu leisten gehabt habe.
Den einzelnen Bürger gehe das zunächst allerdings
nichts an, so setzte man vorsichtig hinzu, es sei jedoch
befremdlich, daß die Behörden in so kritischen Zeiten
auf einen Mann wie Darner nicht ein wachsames
Auge hätten. Vielleicht hätten sie es aber auch, und
ließen ihn nur bis zu einem entscheidenden Augenblick
gewähren.
Andere wieder nannten es die natürlichste Sache
von der Welt, daß Darner durch seine Verbindungen
mit den großen Londoner und Amsterdamer Firmen
und durch deren Beziehungen zu den großen fran-
zösischen Häusern, zu Ouvrard und den Laboucheres,
von den gegen England geplanten Unternehmungen
Kenntniß besessen, und seinen Vortheil davon gezogen
habe. Aber es wäre in dem Falle freilich die Pfhicht
eines Ehrenmannes gewesen, bemerkte man daneben,
sein Wissen nicht für sich allein zu behalten, sondern
es seinen Mitbürgern und der Regierung des Landes
kund und nutzbar zu machen, in welchem er als
Grundbesitzer und als Kaufmann ansässig, als Bürger
vereidigt war!
Man sagte dies und, das! Nur daß viel Muth
dazu gehöre, auf politisch mögliche Ereignisse hin,
die doch immer eine Aenderung erfahren konnten, ein
großes Wagniß zu unternehmen, das allein sagte
f man sich nicht. Man dachte auch nicht darüber nach,
was man von Darners Mittheilungen gehalten und
wie man über ihn geurtheilt haben würde, wenn die
politischen Verhältnisse einen andern Lauf genommen,
wenn der Sieg den französischen Waffen nicht treu
geblieben und die Kontinentalsperre nicht zur Aus-

==- Zß -
führung gekommen wäre, wenn Darner in dem Maße
verloren hätte, in welchem er jett gewonnen, und
wenn man durch seine Mittheilungen Schaden erlitten
hätte. Man wollte bem Manne, der Alle überflügelt,
gerne etwas anhaben, um ihn herabzuziehen. Indeß
er hatte nirgends sich eine Blöße gegeben, denn noch
während der Neid ihn als einen Emissär der Fran-
zosen zu verdächtigen trachtete, erfuhr man, daß er
dem Hofstaat des Königs durch die betreffenden Be-
hörden aus seinen Vorräthen Alles, was für die ge-
flüchtete Königsfamilie aus denselben nütlich oder
erwünscht sein konnte, mit großer Freigebigkeit zur
Verfügung gestellt hatte.
Noch ehe man es gefordert, hatte er sich erboten,
außer der Einquartierung, welche jedem Bürger auf-
erlegt werden mußte, in seinem Hause ein paar Zim-
mer zur Unterbringung von solchen Beamten herzu-
geben, welche aus den höchsten Behörden dem Könige
gefolgt waren; und seine Zuvorkommenheit für diese
Gäste hielt, was man in Folge des freiwilligen An-
erbietens irgend nuur erwarten konnte.
So war der Herbst zu Ende gegangen, die
Weihnachtszeit herangekommen. Nur die harmlosen
Kinder hatten sich ihrer zu erfreuen vermocht. Das
Jahr hatte nur wenige Tage noch zu dauern und
diese kurzen, lichtlosen Tage mit ihren langen Näichten
drückten und lasteten schwer auf den Menschen, vor
denen noch keine Aussicht auf eine bessere Zukunft
sich aufthun wollte.

Kapitel 06

==- ZF-
HecTleS ==z- -=-
Sfif,s'
Die Börsenzeit war lang vorüber. Man hatte
im Darner'schen Hause bereits zu Mittag gegessen.
In dem großen, dreifensterigen, nach dem Pregel ge-
legenen Zimmer seines Hinterhauses, das Darner
bewohnte, begann es dämmerig zu werden, aber man
sah noch deutlich die Masten und Raaen der Schiffe,
die nun bis zum Frühjahr im Hafen vor Anker
lagen, und die Aeste der kahlen Bäume in dem
kleinen Garten vor dem Hause, -die sich unter dem
Druck des Nordwestwindes knarrend bewegten, so
daß der Schnee von ihnen, durch das Halblicht sicht-
bar, niederfiel. In dem englischen Kamin brannte
ein starkes Feuer.
Darner ging, eine Eigarre rauchend, die damals,
im Gegensat zu den Tabakspfeifen, noch eine neuue
Mode in Preußen war, langsam in dem Raum auf
und nieder, die Göttling erwartend, die er hatte
rufen lassen. Als sie eintrat, blieb er stehen.
,,Sind Sie davon unterrichtet,'' redete er sie an,
,, daß Oberst von Kranzler morgen in der Frühe das
Haus verläßt?'?
Sie verneinte es.
, Er hat es mir eben gesagt,' fuhr Darner fort.
,, Sie haben vor ein paar Stunden Marschordre er-
halten. Er und seine Leute haben sich gut betragen.
, Er ist ein formvoller Mann. Sorgen Sie dafür,
daß seinem Diener morgen ein schicklicher Imbiß für
ihn mitgegeben werde. Es trifft sich übrigens gut,
daß er uns heute verläßt, denn ich erwarte über-
morgen gegen Mittag die Ankunft meiner Kinder
und wollte Ihnen ohnehin sagen, daß die Eintheilung
der Zimmer darnach geändert werden muß. ?

-=- ZFZ -
Die Göttling, plözlicher Entschließungen und
Anordnuungen von seiten Darners sehr gewohnt, war
trotzdem überrascht und konnte dies nicht verbergen.
Darner beachtete es nicht, ließ ihr auch zu einer
Frage keine Zeit.
, Ich habe meine Töchter durch meinen Sohn
aus dem Pensionat abholen lassen, um sie fortan
bei mir zu behalten,'' sagte er. ,Für die Mädchen
richten Sie gefälligst die beiden Stuben neben der
Ihren ein, für Herrn Frank die Stube und das
Kabinet im Vorderhause, welche der Ajutant inne
gehabt hat, und sehen Sie darauf, daß die Zimmer
einen wohnlichen Eindruck machen. Ich verlasse mich
in dem allem auf Sie und rechne natürlich darauf,
daß Sie fortan für meine Töchter wie für Made-
moiselle Justine eine sorgsame Führerin sein werden.?
Die Göttling versicherte, sie werde ihr Bestes
thun, erlaubte sich aber, zu fragen, ob die jungen
Damen oder der Herr Sohn eine Bedienung bei
sich hätten.
Darner verneinte das.
,Der Kurier, der sie begleitet,'' sagte er, ,geht
sofort zurück!? Dann aber setzte er hinzu: ,Sollte
es sich übrigens herausstellen, daß Sie eine Person
mehr im Hause zur Bedienung meiner Töchter
brauchen, so suchen Sie dafür ein Mädchen, das
kein schlechtes Deutsch spricht. In den Pensionen
wird das Deutsch fast immer hintangesetzt, und ich
will, daß sie sich frei darin bewegen lernen. Meinem
Sohn ist es ganz geläufig.?
Die Unterhaltung war damit beendet. Darner
ging in das Komptoir hinunter, die Göttling nach
den Zimmern des zweiten Stocks, um in denselben
gleich die geforderten Vorkehrungen treffen zu lassen,
so weit das während der Anwesenheit der militärischen

-=- Zß --
Gäste zulässig war; aber sie hatte ihre Gedanken
nicht so wie sonst beisammen. Die Aussicht, vom
nächsten Tag ab einen ganz veränderten Hausstand
zu haben, und neue ernste Pflichten auf sich nehmen
zu sollen, beschäftigte sie lebhaft, denn sie vermochte nicht
zu jbersehen, was ihr damit auferlegt werden würde.
Sie wußte von Darners Familie und überhaupt
von seinen früheren Lebensverhältnissen, obschon sie
nun drei Jahre in seinem Hause waltete, nicht viel
mehr als alle Andern auch. Nur daß seine Töchter
Zwillinge, daß sie und sein Sohn Stiefgeschwister
und im Alter sehr verschieden wären, das hatte sie
auus des Vaters gelegentlichen flüchtigen Mittheilungen
entnommen. Da er aber weder von seinen Frauen
sprach, noch jemals geäußert, was er für seine Kin-
der beabsichtige, hatte sie sich gedacht, daß er un-
glücklich in seinen Ehebündnissen gewesen und das;
die Erinnerung an ihre Mütter sein Herz auch gegen
seine Kinder erkaltet haben müsse. Bei ihrer Stel-
lung und bei Darners Eigenart hatte sie es ebenso
für geboten gehalten, ihn um nichts zu befragen,
was ihr anzuvertrauen er nicht von selbst geneigt
gewesen war, wie sie andererseits es für schicklich
gehalten, von demjenigen, was sie wußte oder ver-
muthete, gegen dritte, selbst gegen die Kollmann'sche
Familie und gegen Justine, nichts laut werden zu lassen.
Darner hingegen hatte seit Jahren alle seine
Schritte mit Rcksicht auf seine Kinder gethan. Er
liebte sie als seine Geschöpfe, als sein Eigenthuum.
Er hatte ihnen das Leben gegeben, er trennte also
sie und sich in seinen Gedanken nicht einen Augen-
blick; und wie er sich und seine Hand und seinen
Arm, seinen Kopf und sein Herz als sein eigen be-
saß und zu seinem Besten nach Kräften ausgebildet
hatte, so wollte er es auch mit seinen Kindern halten.

== gß --
Schon als er das erstemal nach Preußen ge-
kommen war und Strandwiek gekauft, hatte er daran
gedacht, sie um sich zu versammeln. Er war jedoch,
wie er das bald nach seiner Ankunft in Königsberg
auf Befragen ausgesprochen, nach kurzem Versuch, in
der Einsamkeit zu leben, zu der Erkenntniß gelangt,
daß es ein Fehler sein würde, auf halbem Weg
stehen bleibend, die Verwirklichung der Plane, mit
denen er sich lang getragen, um seiner Kinder willen
hinauszuschieben oder gar aufzugeben, denen ihr Er-
folg doch zu statten kommen sollte. Und dem be-
gangenen Irrthum mit raschem Entschluß begegnend,
hatte er sich mit Vorbedacht in einer Handelsstadt
zweiten Ranges niedergelassen, in welcher er mit
seinen Mitteln und Verbindungen, bei seiner aus-
dauernden Festigkeit sich sicher gefühlt, in kurzer, Zeit
eine erste Stelle einnehmen und behaupten zu können.
Jetzt hatte er- den Platz errungen, den er haben
wollte. Er hatte seine Kinder im Lauf der drei
Jahre in England und in der Schweiz besucht. Sie
waren darauf vorbereitet worden, daß er sie binnen
kurzem zu sich rufen werde, und der Augenblick, in
welchem in seiner neuen Heimat jedermann mit sich
und seinen Angelegenheiten genugsam beschäftigt war,
schien ihm der geeignete für die Ausführung seiner
Absicht zu sein. Er durfte hoffen, sein Familien-
leben nach seinem Sinn einrichten, seine Kinder in
die neuen Zustände eintreten und sich festleben zu
lassen, ohne den zudringlichen Fragen einer müßigen
Neugier mehr als nöthig begegnen und Rede stehen
zu müssen. Denn was dem einzelnen Bürger unter
seinen persönlichen Sorgen an Geistesfreiheit übrig
blieb, das mußte, wie Darner meinte, in diesem
Augenblick auf das harte Schicksal der königlichen
Familie gerichtet sein, die flüchtend nach Königsberg

s

=- IZ -
gekommen war und, ihres Verweilens in der eigenen
Hauptstadt nicht mehr sicher, mehr Theilnahme zu
beanspruchen hatte als das Schicksal eines der Bürger
der Stadt.
Den ganzen Herbst hindurch hatte man die schöne
junge Königin alltäglich durch die Straßen fahren
sehen, bis Krankheit sie daran verhindert. Man war
glücklich, dem Könige zu begegnen oder ihn hie und
da einmal im Theater zu erblicken, um ihm in hul-
digendem Gruß die Treue und Liebe auszudrücken,
in der man bei dem gemeinsamen Unglück zu dem
angestammten Landesherrn hielt, mit dem man bessere
Zeiten wieder erstehen zu sehen hoffte. Für die Kö-
nigin waren aber die Liebe und Verehrung noch leb-
hafter als für ihren Gemahl, weil man über dessen
Charakterschwäche sich nicht verblenden konnte; und
Darner, obschon kein Preuße von Geburt, theilte die
Sympathie für die Königin, denn man wußte, wie
schwer sie selber unter der zähen Unentschlossenheit des
Königs zu leiden hatte.
Es war schon spät, als Darner nach der Unter-
redung mit Madame Göttling das Komptoir verließ,
um in das Theater zu fahren. Man gab an dem
Abend zum ersten -Mal den ,König Axur'', Salieris
große Oper, und hatte es für wahrscheinlich gehalten,
daß der König trotz des Unwohlseins der Königin im
Theater erscheinen werde. Diese Erwartung hatte sich
nicht erfüllt. Man sah nur einige Herren des Ge-
, folges in der Königsloge, indeß war das kleine,
mangelhaft beleuchtete Haus im übrigen vollständig
besett.
In den Logen des ersten Ranges saßen die
RaaN=Ua
Pelzwerk verbrämt, aber wie die Sitte es heischte

==- g Z -
ohne Hüte, den Kopf mit vielfarbigen Bajaderenshawls
oder mit spanischen Netzen von dunkelrother Seide ge-
schmückt, während die jungen Mädchen ihr Haar zu
krauslockigen Titusköpfen frisirt hatten, wenn sie es
nicht vorzogen, es nach englischer Mode, wie Justine,
in freiem Fall gelockt auf ihre Schultern, oder lang
hängend um ihren Leib hernieder fließen zu lassen.
Natürlich fehlten Madame Kollmann und Justine
in ihrer Loge nicht; und als nach Beendigung des
zweiten Aktes Darner sich zu ihnen begab, ihnen seine
Aufwartung zu machen, ward er den jungen Koll-
mann gewahr, den er, da John hinter Justine ge-
sessen, aus seiner Loge nicht hatte sehen können.
Die Männer waren einander nicht fremd, denn
John pflegte in jedem Jahr zweimal nach Königsberg
zu kommen. Da er aber erst vor ein paar Wochen
dort gewesen war, mußte Darner annehmen, daß irgend
eine besondere Angelegenheit ihn wieder in sein Vater-
haus zurückgeführt habe, und dies voraussetzend,
fragte John den eintretenden Darner, ob er sich nicht
wundere, ihn wieder bei den Seinen zu finden.
,,Durchaus nicht!'' entgegnete Darner. ,Es däucht
mir nur natürlich, daß man in ein Vaterhaus wie
das Ihre, das so viel Anziehendes in sich schließt,r'
-- er schaltete das mit einer kaum merklichen Ver-
beugung vor Justine ein -- ,so oft als möglich zu-
rückkehrt, selbst wenn keine bestimmten Geschäfte dazu
den Anlaß bieten. Aber seit wann sind Sie hier?
,Ich bin um Mittag gekommen, habe in der
That kein bestimmtes Geschäft hier abzumachen, und
benutze nur eine mir dargebotene Gelegenheit, die
Meinen noch einmal zu sehen, ehe uns die Franzosen
den Riegel vor die Grenze schieben.'?
, Und wie und auf welchem Weg kamen Sie
hieher??

=- IZ
, Ein mir befreundeter Offizier, eer als Kurier
an den König gesendet worden, nahm mich von Riga
mit. Wir sind über die kurische Nehrung gekommen,
weil die Straße amt Meer jetzt noch frei ist,'?
,, Was wußte man jenseits der Grenze von den
Bewegungen der Truppen, sofern Sie etwas darüber
sagen können ? erkundigte sich Darner weiter.
, Nicht viel mehr als hierl'' gab John zurick.
, Die Franzosen stehen im Gouvernement Plock; Ben-
nigsen rückt ihnen mit seiner ganzen Macht entgegen.
Man erwartet in kurzem einen Zusammenstoß, und
ich werde suchen müssen, bald wieder zurückzugehen,
und zwar auf demselben Weg, auf dem ich herge-
kommen bin.?
,,Es wäre gescheidter gewesen, Du wäärest gar nicht
gekommen,'' fiel Justine ein.
John meinte, ihre Bemerkung sei nicht schmeichel-
haft für ihn.
, Weshalb erwartest Du, daß ich Dir schmeicheln
wolle? erwiderte sie. ,Ich dachte bei den Worten
nuur daran, wie Deine Mutter sich ängstigen wird bis
zu der Nachricht, daß Du glücklich wieder in Riga
eingetroffen bist, und darüber kann viel Zeit ver-
gehen.'
, Justine hat kicht Unrecht,' meinte die Mutter,
, aber man soll sich den glücklichen Augenblick nicht
mit dem Gedanken an die Tage trüben, die ihm folgen
werden !?
t
,,Die Reisen nach Norden und nach Osten sind
noch ungefährlich, namentlich für Jemand, der in
Rußland angesessen ist,'' beruhigte sie Darner. ,Von
Westen her ist die Sache bedenklicher, und ich selber
bin nicht ohne Unruhe deshalb.?
Madame Kollmann fragte, ob er Jemand zuu er-
warten habe.

-- Ig. -
,Ja,' sagte er, ,die Zustände, welche einem
Jeden in diesen Zeiten es wünschenswerth machen, die
Seinen unter seinen Augen zu haben, veranlassen
auch mich, meine Kinder hieher kommen zu lassen.
,,Ihre Kinder?? fragten beide Frauen wie aus
einem Mund.
,,Ich hatte zuerst daran gedacht,? fuhr Darner
fort, ohne sich durch das Erstaunen der Frouen unter-
brechen zu lassen, ,meine Töchter selber aus Genf
abzuholen; indeß es ist immer gut, wenn ein Mann
sich beizeiten gewöhnt, für Frauen Sorge zu tragen.
Mein Sohn, durch den ich die Mädchen geleiten lasse,
ist mit seinen vierundzwanzig Jahren aber ein fertiger
Maunn.?
,Ihr Sohn ist vierundzwanzig Jahre? rief
Justine und sah Darner an, als begegne sie ihm zum
ersten Mal.
,Ja, Mademoiselle Justine! Was wollen Sie?
Ihr Bewunderer ist ein alter Mann!r scherzte Dar-
ner, dem es vortrefflich stand, wenn einmal ein
Lächeln über sein meist finsteres Antlitz glitt, ,aber
er hat doch noch ein warmes Herz, und er wird es
Ihnen danken, wenn Sie einen Theil Ihrer Güte
auf seinen Sohn übertragen, wenn Sie seinen Töch-
tern in dem ihnen fremden Land freundlich entgegen-
kommen wollten. Ich bitte Sie beide darum, meine
Damen!'?
,Von Herzen gern! rief Justine.
Madame Kollmann versicherte, das verstehe sich
von selbst, aber Justinens freudige Zusage mußte
Darner besser gefallen haben, denn während er sich
vor Madame Kollmann verneigte, drückte er Justinen
fest die Hand und sagte leise:
,, Von Ihnen hatte ich es anders nicht erwartet!
Damit verließ er die Loge, da der Taktstock des
d

- IH -
Kapellmeisters den Beginn der Zwischenaktmusik ver-
kündete.
,Denn er ist der Vater, er sagt es ja selbst!''
rief John mit Lachen, als Darner die Thüre der
Loge hinter sich geschlossen hatte. ,Auf der Bühne
Axur, König von Ormus, hier in der Loge: les
noees äs Lguro on ls jonrnse äes snrprises. Und
mit dieser ganzen liebenswürdigen Familie rückt er
erst jetzt heraus, nachdem man ihn so und so viele
Jahre lang als einen Hagestolzen angesehen?
,Daß Du dies gethan, Cousin, ist Deine Schuld,'?
fiel ihm Justine ein; ,wir alle wußten, daß er
Wittwer sei und Kinder habe.?
,,Wir wußten? wiederholte die Tante. ,Was
wissen wir denn von Darner überhaupt, als daß er
ein großer Kaufmann ist, der vor den gewagtesten
Unternehmungen ncht zurückschreckt und ='
Sie vollendete den Satz nicht, denn König Axur
trat in die Scene, und die mächtig einsetzende Stimme
des Sängers brachte sie zum Schweigen.
John spielte ungeduldig mit den großen Ber-
loques, die er an dem breiten schwarzen Ührband
trug. Es verdroß ihn, daß Justine immer und
überall für Darner Partei nahm, daß sie die Art
und Weise, in wekcher er mit einem Mal mit diesen
Familienbekenntnissen hervorrückte, nicht auffallend
und ungehörig fand, daß sie sozusagen die ganze
, Siypschaft ohne weiteres in ihre Glaubensartikel mit
'- aufnahm.
Aber schön war Justine, das blieb dabei bestehen.
Der blaßblaue, dem Körper eng anschließende Atlas-
pelz zeigte ihre schlanke Taille und die schönen For-
men ihrer Schultern. Auf dem dunklen Zobelkragen
schimmerten die Locken selbst in dem Halbdunkel der

== Iß -
Loge wie Gold, und die großen runden Ohrringe
machten es erst recht erkennen, wie fein geformt das
kleine Ohr war, das sie trug.
Er mußte mit ihr ins Klare kommen, ehe er
fortging; denn daß sein Vater die Heirath bis auf
ruhigere Zeiten hinausgeschoben wissen wollte, war
eine Grille. Was hatten die unruhigen Zeiten mit
seinem Wohlgefallen an Justine und mit jeinem na-
türlichen Wunsch zu thun, die schöne, reiche Cousine
zur Frau zu nehmen, die es wußte, daß sie ihm be-
stimmt war, daß er sie gern hatte, und die sicherlich
bei ihm im fernen Norden in seinem Hause als seine
Frau besser aufgehoben war als hier in Preußen, wo
in jeder Stuunde der erste Zuusammenstos; der Heere
erfolgen und die Stadt ebensowohl den Russen als
den Franzosen in die Hände fallen konnte.-
Der Gedanke, daß es das einzig Vernünftige,
daß es das Gebotene sei, sofort mit Justine zu
sprechen, setzte sich in ihm fest; und daß die Be-
hörden in Königsberg unter den obwaltenden Um-
ständen ein Einsehen haben, daß sie bei seines
Vaters Stellung von den sonst vorgeschriebenen
Förmlichkeiten des dreimaligen kirchlichen Aufgebotes -
Abstand nehmen würden, dessen hielt er sich ver-
sichert. Je länger er hinter Justine saß und ihren
schlanken Hals betrachtete, der so weiß aus dem
dunklen Zobelkragen hervorsah, um so reizender
erschien ihm die Aussicht, den Brautstand auf ein
paar Tage zu beschränken, die Trauung gleich nach
der Verlobung vollziehen zu lassen. Selbst das
Ungewöhnliche, das in dieser Handlungsweise lag,
machte ihm dieselbe nur reizender; und für ihn, der
in Rußland angesessen war, hatte die Rückkehr über
die Grenze auch mit seiner Frau nicht die geringsten
Schwierigkeiten.
»g

===- g F -
Er verliebte sich in seinen Plan wie in Juustine
immter mehr, und er war mitten in Denken an den
Reisewagen, den er kaufen müsse, wenn er Juustine
mit sich nähme, als die Mutter, sich das laute Singen
des Chors zu Nutze machend, die Gemerkung hin-
warf:
, DDieser Darner kann einmal gar nichts machen
wie andere anständige Leute. Es muß irgend etwas
Besonderes sein, etwaö, was die Menschen in Er-
staunen setzt und sie aufs Neue von ihm reden
macht. ?
, Aber daß man ihn nicht auswendig weiß
wie die Anderen, meinte Justine, ,das ist's ja
gzerade- . ?
,, Was Dir an ihm gefällt? fiel ihr der Vetter
fragend ein.
, Ja, versetzte sie;,'Darner hält einen immer
in Athem. Er giebt einem zu denken wie ein Roman,
auf dessen Ausgang man neugierig ist. Das all-
tägliche Einhertrotten auf der breitgetretenen Land-
straße ist ja so langweilig wie unser täglicher Spazier-
gang auf dem Philosophendamm oder nach den
Königsgarten und die Fahrt vors Th...
p,z- L?
, So habe ich alle Hoffnung, daß mein Wunsch
und mein Vorschlag Dir auch gefallen werden, meine
schöne Cousine, denn alltäglich ist er nicht. ?
, Wenn Dein Wunsch und Dein Vorschlag neu
und originell sind, kann's schon sein!'
,, Mein Wünschen, das ist alt, aber mein Vor-
schlag ist neu, und seine Ausführuung würde höchst
originell sein, denn--
Der Chor war zu Ende; die erste Sängerin
stimmte ihre große Arie an, und während derselben
kam Kollmann in die Loge, den Schluß der Oper
anzuhören und die Seinen mit sich nach Hause zuu

== g,Z-
nehmen. Er sah Darner in dessen Loge und sie
begrüßten einander. Diesen ersten Augenblick be-
nützte Madame Kollmann, sich flüsternd bei ihrem
Mann zu erkundigen, ob er davon unterrichtet sei,
daß Darner für morgen die Ankunft seiner Kinder
erwarte.
,,Denke Dir, zwei Töchter und einen fünfund-
zwanzigjährigen Sohn!'?
Kollmann gab ihr ein Zeichen zu schweigen, um
die Nachbarn nicht zu stören, die mit Entzücken der
Sängerin folgten, aber Justine meinte zu bemerken,
daß die Nachricht ihrem Onkel nicht gefiel. Ihr -..
machte sie Vergnügen; denn obgleich sie ihren Onkel
ergeben und ihrer Familie anhänglich war, hatte sich
doch in den letzten Jahren in ihr das Gefühl ihrer
Unabhängigkeit gleichzeitig mit dem Bewußtsein ent-
wickelt und gesteigert, daß sie eine sehr vortheilhafte
Heirath sei, und daß sie bei ihrer Schönheit abwarten
könne, bis der Rechte für sie käme, den sie frei zu
wählen habe nach ihres Herzens Zug. Selbst der
Verkauf ihres Hauses, der ihr mit sechzehn Jahren
keinen wesentlichen Eindruck gemacht hatte, that ihr
jetzt leid, weil sie es als einen Eingriff in ihre per-
sönliche Freiheit ansah, daß ihr Onkel ihn ausgeführt
hatte, bevor sie volljährig und im Stande gewesen
war, über diesen alten ererbten Familienbesitz nach
eigenem Ermessen zu verfügen.
Jm Grund hatte sie gegen ihren Vetter garnichts
einzuwenden. Er war ihr in ihrer Kindheit und
Jugend sogar lieber gewesen als mancher Andere.
Es verdroß sie nur, daß man sie, seit sie in des
Onkels Haus lebte, in demselben wie ein Besitzstück
ansah, das man für John behutsam aufzuheben habe.
Nur um es kund zu geben, daß sie sich ihrer Freiheit
bewußt und gewillt sei, sie zu benutzen, hatte sie

=- I9 =-
sich, wenn John in den letzten Jahren zum Besuch
gekommen war, kälter und kälter gegen ihn gezeigt.
In seinem Beisein und auch sonst unter den Agen
seiner Eltern hatte sie die Huldigungen der anderen
Männer mit absichtlicher Freundlichkeit aufgenommen,
und da es ihr nicht verborgen war, daß man Darner
für einen ihrer Bewerber ansah, hatte sie es kein
Hehl gehabt, daß er ihr gefalle, daß sie seine Gesell-
schaft, seine Unterhaltung dem Gespräch und dem
schmeichelnden Getändel manches jüngeren Mannes
vorzuziehen wisse.
Weil sie von Natur klug und doch leichtlebig
war, hatte ihres Onkels Vorausbestinmung über ihre
Zukunft sie in und auf sich selbst gewiesen und zu
einem Widerstand gereizt, der ihr allmälig zu einem
angenehmen Spiel, endlich aber zum Selbstzweck und
zur Hauuptsache geworden war. Sie hatte Lust am
Troten. Auch in diesem Augenblick reizte der Tante
nie überwundene Abneigung gegen Darner sie dazuu,
gerade in ihres Vetters Beisein ihr Interesse für
Darner lebhaft kundzugeben.
Inzwischen hatte die Oper ihr Ende erreicht, die
Zuhörer konnten sich in lauten Beifallsbezengungen
nicht genuug thun. Die Hauptpersdnen mußten, nach-
dem der Vorhang bereits gefallen war, unter den
immer wiederholten Hervorrufen mehrmals erscheinen;
denn das Publikum, froh, wenigstens für ein paar
, Stunden durch die Vorstellung den Sorgen und
Aufregungen entzogen worden zu sein, denen man
k so quälend unterworfen war, zeigte sich dankbar
gegen die Sänger, die ihm zu solcher flütchtigen
Befreiung verholfen hatten. Madame Kollmann aber
blickte nicht einmal nach ihnen hin, denn von ihrem
Verdruß hatten sie sie nicht abzuziehen vermocht.
Lewald. Die Familie Darner. l.

= hß=
, Ich versichere Dich, Konrab, ich bin empört
über Darners Verhalten, und ich werde es ihn auch
fühlen lassen!'' sagte sie, wäährend ihr Mann ihr
über den Pelz noch die große Palatine umhing und
John der Cousine die pelzverbrämte Sammetkappe
reichte. ,Es ist mir unerklärlich, daß Du seine
Rücksichtslosigkeit erträgst. Deine großartige Zuvor-
kommenheit gegen einen so wildfremden Menschen
hätte es, wie mir scheint, doch wahrhaftig verdient,
daß er wenigstens Dir von Anfang an über sich
reinen Wein eingeschenkt, daß er Dir doch wenigstens
in solchen Dingen das schickliche Vertrauen bewiesen ----
hätte=-r
, Ja,' meinte Kollmann selber, ,seine Zurück
haltung geht wirklich bis zur Grille. Man bleibt
den Anderen gegenüüber beständig in der Lage, für
ihn eintreten zu müssen =?
, Und,? fiel die Frau ihm ein, froh, ihren Gatten
einmal auch in diesem Fall ihrer Ansicht zu finden,
,, und wozu unsere Nachsicht, da sie ihn nur immer
weiter führt? Jetzt nimmt er schon im Voraus meine
Gastfreundschaft für die plötzlich von ihm herbei-
geholte werthe Familie in Anspruch! Justine aber,
ganz entzückt von der Aussicht auf die neue Bekannt-
schaft und ebenso wie Darner ohne alle Rücksicht auf
Dich und mich, sagt ihm frischweg ihre Freundschaft
für die Seinen zu. Er thut denn natürlich auch,
als wäre unser Haus nur so für jeden ersten besten
offen. Wenn das die leichten Manieren der großen
Welt sind, so denke ich, wir lassen diese Manieren
nicht aufkommen in unserem Hause und lassen es
beim alten.?
Unter diesen Worten waren sie, aufgehalten von
den Personen, die von den oberen Rängen herunter-
kamen, bis an die Treppe gelangt, wo sie auf Darner

b
-- JI-
trafen. Kollmann führte seine Frau, Darner und
John boten gleichzeitig Justine den Arm, sie hinunter
zu begleiten. Da der letztere bemerkte, daß sie sich
zu Darner wandte, trat er mit den Worten: ,Dem
Alter die Ehre!'' höflich zurück. Der Ton, mit dem
er sie sprach, verrieth jedoch seinen Unmuth.
,, Um den Preis, entgegnete Darner, ,läßt man
sich gern zu den Alten zählen. Aber was geht da
vor?' fragte er, da der Strom der Hinabsteigenden
sich staute und ein lautes, frohlockendes Sprechen von
unter her vernehmbar wurde.
,, Sieg, Sieg!'' hörte man hie und da rufen;
und vorwärts drängend, weil sie selber von den
Nachkommenden dazu getrieben wurden, waren sie
bis an die Konditorei gelangt, als der Geruch heißen
Punsches ihnen entgegendampfte, das Anklingen von
Gläsern ihr Ohr berührte und Mal auf Mal und
immer lauter der Ruf sich wiederholte:
, Es leben die Russen! Es lebe Bennigsen!''
,, Was bedeutet das? fragten Alle, die sich der
Menschenmasse in der Halle nahten. ,Was bedeutet
das?' fragten Kollmann und Darner und die Anderen
wie aus einem Munde.
, Die Franzosen sind geschlagen! General Ben-
nigsen hat einen großen Sieg über sie erfochten bei
Pultusk!' antworteten viele Stimmen auf einmal,
denn Jeder war froh, der Verkünder einer solchen
Nachricht zu sein.
,, Wann ist die Nachricht gekommen? Wie ist sie
hierher gekomunen? erkundigte sich Darner bei einem
Polizeikommissar, der neben ihm stand.
,, Seine Majestät soll vor einer Stunde die Esta-
fette erhalten haben, und durch einen Ajutanten soll
die Kunde in das Theater gedrungen sein.?

-- IF--
Verschiedene Bekannte der Familie traten an sie
heran, die Freude kannte keine Grenzen. In den
dem Theater gegenüberliegenden Häusern wurden
Lichter an die Fenster gestellt. In den Beifallsruf,
mit welchem man sie begrüßte, mischte sich das Vivat-
rufen für den König. Das Gefühl der Schmach,
die bange Sorge um die nächste Zukunft hatten so
schwer auf den Menschen gelastet, daß sie aufathmeten
bei der Kunde von einer Niederlage des fast für un-
besiegbar gehaltenen Feindes; und mit der Phantasie
des Unglücks knüüpfie man die ungemessensten Hoff-
nuungen an diesen ersten Erfolg der Russen.
Darner gal Juustinens Arm frei.
, Haben Sie die Güte, mich neben Mademoiselle
Justine zu vertreten, sagte er zu John. , Ich will
hinübergehen nach der Post. Vielleicht weiß man
dort Näheres; ißt das der Fall, so lasse ich es sofort
bei Ihnen melden.?
, Oder Sie bringen uns die Kunde selber!' schliug
Kollmann vor, da seine Frau, wie das nach dem
Theater oft geschah, zwei Freunde des Hauses, ihren
Arzt und den schwedischen Konsul, einlud, ihnen auch
heute wieder einmal zu folgen, um gemeinsam des
Sieges froh zu werden.
,, Mit Vergnügen, sofern ich mehr erfahre, als
wir hier vernommen,'' entgegnete Darner; ,wo nicht,
bitte ich, mir Ihre Erlaubniß für ein ander Mal
behalten zu dürfen.'?
Damit waren die Damen in denWagen gestiegen,
die beiden Kollmann ihnen gefolgt, und Darner hieß
seinen Diener, ihn mit dem Wagen vor dem ganz
nahe bei dem Theater gelegenen Postgebäude zu er-
warten, wohin er sich begab.

Kapitel 07

-
==- hZ -
Siebentes Kapitel.
Das Eßzimmer im Kollmannschen Hause war am
Abend noch einmal frisch geheizt, der große kupferne
Samowar, der neben dem andern Theegeräth auf
dem Tische stand, strahlte eine angenehme Wärme
aus, die dunklen Gardinen waren zugezogen.
Lautlos ging der Diener auf dem weichen Teppich
hin und her, die noch fehlenden Gedecke für die beiden
mitgekommenen Gäste aufzulegen.
Justine in ihrem hoch an den Hals hinauf-
reichenden Kleide von rothem Merino war allein in
der Eßstube. Sie nachte den Thee. Durch die
offene Thüre sah man in dem Nebenzimmer Frau
Kollmann auf dem Sopha sitzen im Gespräch mit ihren
Gästen. Ihr Mann und ihr Sohn standen in der
Fensterbrüstung.
, Es thut mir leid,' sagte John, , daß die Mutter
heute die Herren noch zu uns eingeladen hat, denn
ich hätte Sie, lieber Vater, gern in Ruhe gesprochen
wegen einer Angelegenheit--'
,,Die Eile hat, weil Du morgen fort willst7
fragte der Vater.
»P Gegentheil, ich habe vor, länger zu
bleiben
, Jett, in dieser Zeit?
, Hätte ich mir nicht gesagt, daß ich gut und
gern einige Tage bleiben könne, so wäre ich nicht
gekommen.?
,Hättest Du mich gefragt, so würde ich Dir in
jedem Falle zu kommen widerrathen haben,'' sagte
der Vater.
,Sie wissen, auf Meerfelds und auch auf
Flenders Umsicht kann ich mich verlassen.?

= hg; ---=
,,Ganz gut, nur müssen sie's nicht glauben und
nicht wissen, daß Du's thust. Kein Untergebener
verträgt das, ohne daß der Vorgesetzte davon leidet!'
,Da die Schifffahrt ruht und die Wege bei
uns grundlos sind, lag ja im Augenblicke gar nichts
vor!' rechtfertigte sich John, da er seinen Vater nicht
so heiter gestimmt sah, als er ihn nach der Sieges-
nachricht und der freudigen Aufregung im Theater
zu finden erwartet hatte.
,Was heißt das: es lag nichts vor?? wieder-
holte der Vater.,DDas Gestern und das Heute
gleichen jetzt einander weniger denn je. Heute Morgen
lag nichts vor, und heute Abend stehen wir vor einer
Siegesnachricht, auf die man nicht gehofft hatte.
Wir können ebenso vor der Kunde einer neuen
Niederlage stehen, die Gott verhüten wolle. In einer
Zeit, in welcher Niemand des nächsten Tages, der
nächsten Stunde sicher ist, ist es geboten, an seinem
Plat zu bleiben.?
Der Sohn, seit den beiden letzten Jahren an
ein selbstständiges Handeln gewöhnt, bei dem er sich,
da er verständig war, fast immer in Nebereinstimmung
mit des Vaters Ansichten gefunden hatte, empfand
den Tadel schwer; aber seine Liebe zu demselben und
die ihm anerzogene gute Gewohnheit der sich unter-
ordnenden Ehrerbietung einerseits, wie der Wunsch,
den Vater für seine Pläne geneigt zu machen, ließen
ihn über den Vorwurf hinwegsehen; und gnknüpfend

an des Vaters Wort über die Unsicherheit, in welcher
man lebte, sagte er: ,Drängt denn eben diese Un-
sicherheit, der unser ganzes Dasein immer mehr an-
heimfällt, nicht einen Jeden von uns jetzt bisweilen
zu dem Gedanken, am Tage den Tag zu leben? Ich
sagte mir, als Stratkow mir vorschlug, mit ihm zu
gehen: ,Ergreife die Gelegenheit beim Schopfe! Wer

-
= hH -
weiß, ob sich dir wieder eine solche bietet, ob und
wann du wieder einmal so schnell nach Hause gehen
und die Deinen wiedersehen kannst? Und nuun ich
hier bin, sage ich mir ebenso: ,Ergreife die Gelegen-
heit beim Schopfe- ?
,, Der Thee ist fertig!'' meldete Justine, die, aus
dem Eßzimmer in die Wohnstube tretend, dicht vor
den Beiden stand.
, Welche Gelegenheit?? fragte der Vater, ohne
auf Justinens Meldung zu achten.
,Diese!'r rief John und zog die Eousine in
seine Arme.
,,Laß die Thorheit! wir sind keine Kinder mehr,''
entgegnete sie, sich von ihm wendend, während die
Tante und die Gäste sich erhoben, und der Konsul
Justinen den Arm bot, sie zu Tische zu führen.
Der Vater aber lächelte. ,So, das ist's,' sprach
er, ,daher die Sehnsucht und die große Eile? Nun,
das läßt sich hören! Wir sprechen später mehr da-
von. Jetzt laßt uns gehen!'?
John hielt ihn zurück. ,Nur noch eine Frage!'
bat er. ,Ich sah es schon, als ich das letzte Mal
hier zu Hause war, Justine ist wie verwandelt. Ich
mißtraue diesem Monsieur Darner und ebenso der
Göttling. Und als Justine heute sogar die Nachricht
vonp- der Ankunft von Darners Kindern so gefällig
hinnahm, sagte ich mir, es sei Zeit dem Spiel um
ihret- und um meinetwillen ein Ende zu machen.
Justine--r
,, Kommt Ihr denn nicht? rief die Mutter, ob-
schon es nicht eben auffallend war, daß der Vater
und John mit einander zu sprechen hatten.
, Gleich!'' entgegnete Kollmann und setzte, gegen
den Sohn gewendet, hinzu: ,Auch mir ist Manches
in Darners Verhalten nicht mehr klar, und Justine

== Hß -
war Dir bestimmt. Für Euch Beide soll mich's
freuen, wenn Du mit ihr ins Reine komuust. ?
,, Und wenn es mir gelänge ihre Zusage zu er-
halten, würde eine sofortige Trauung möglich, würden
Sie einer solchen nicht entgegen, sondern mir fütr
dieselbe hilfreich sein?
Der Vater, dem des Sohnes lebhafte Entschlossen-
heit gefiel, besann sich einen Augenblick, dann sprach
er: ,Ich habe nichts gegen Deine Absicht. Ist
Justine dandit einverstanden, so wird sich für Dich,
da Du fort mußt, erreichen lassen, was man dem
ins Feld rückenden Offiziere zugesteht. Vorerst be-
treibe Du Deine Sache und laß uns dann sehen,
welche Folgen der Sieg der Russen haben wird;
denn davon hängt es ab, ob Du Dir erlauben
kannst, noch einige Tage hier zu verweilen, oder ob
Du suchen mußt, so schnell als möglich in das Ge-
schäft zurückzukehren.-- Und nun laß uns gehen,
wir dürfen nicht länger auf uns warten lassen !'?
Von der stillen Straße tönte, als sie sich zu
den Anderen gesellten, das Pfeifen des Nachtwächters
herauf, und: ,die Glock' hat zehn geschlagen! zehn
ist die Glock' ? rief er singenden Tonfalls dreimal
hintereinander, während vorüberziehende Studenten
in der Siegesfreude jubelnd ihr ,ubi bens ibi
psiris,!r erschallen ließen.
, Das lärmt und singt so in den Tag hinein,'
sagte der Doktor, und das hat man seinerzeit ebenso
gesungen, und hat dann später gelernt, dies uhi
bene ibi gstris. als eine thörichte und schädhche
Sinnes - und Redensart zu verurtheilen. Wenn
jeder Ort, an dem es uns wohl geht, uns zum
Vaterland werden könnte- was wären da das
Vaterland und die Vaterlandsliebe? Aber man ver-
wechselt die Begrife, das ist's. Eine Heimat kann

=== J F =
ie üerdinga in der Fremde finden, in der es uus
wohlgeht, sein Vaterland niemals; und es ist dem
Menschen viel verloren an, seiner Würdigkeit und
Ehre, wenn er nicht fest in seinem Vaterlande wurzelt,
nicht mit seinem ganzen Herzen an ihm hängt.--
Das Vaterland soll leben!'' rief er, da eben der
Diener den Punsch herumgab, welcher für die Männer
neben dem Thee bereitet worden war.
, Das Vaterland und der König!'' fiel Koll-
mtann ein.
,, Und die Russen, unsere braven Russen!' er-
gänzte John, wäährend die Gläser der Männer auch
in diesen stillen Räumen aneinander klangen wie
vorhin im Theater.
,Ach !' sagte Madame Kollmann, indem sie ihre
Augen trocknete, ,man hat das Freuen ganz verlernt!
Gebe der Himmel, daß mit dem Ende dieses Jahres
auch unsere Noth zu Ende geht. Sie wissen es,
lieber Doktor, was ich ausgestanden habe, als die
ersten Nachrichten von Blüchers Flucht aus Lüübeck,
von dem Einrücken der Franzosen, von der Plünderung
der Stadt hier angelangt waren, und es kam und
kam von meiner Tochter keine Nachricht! Ich habe
auch keine ruhige Stunde mehr, seit die Franzosen
in Lübeck sind! Und daß meine Töchter, sowohl
MariEne in Lübeck wie unsere Lina in Kopenhagen,
sich nicht mehr so. wie sonst als Preußen fühlen, daß
John über die Herrlichkeiten von Petersburg und
Moskau ebenso anfängt, seine Vaterstadt gering z
schätzen, das ist mir auch ein Kummer. Ich hänge
nun einmal mit meiner ganzen Seele an meiner
Vaterstadt! Ich hätte nirgends anders leben mögen,
mich nirgends so glüücklich fühlen können, als hier,
wo ich mein ganzes Leben gelebt, wo ich die Gräber
meiner Eltern und Großeltern habe. Ich bin

- JF=
eine Königsbergerin und hätte nichts anderes sein
mögen. ?
,Da haben Sie die Frauen !' scherzte Kollmann.
, Sich zu schmücken und aufzupuutzen, und wär's auch
nur mit der ausschließlichen Liebe für die Vaterstadt,
das können gegebenen Falls auch die besten und
vernünftigsten nicht lassen. Ehrlich, Frau! Würdest
Du vielleicht aus Anhänglichkeit an Königsberg hier
sitzen geblieben sein, wenn ich in Moskau oder in
Madrid ansässig gewesen wäire, als ich um: Dich ge-
freit?-- Nein! Du hättest Dich - und Du sollst
dafür gelobt sein--- so gut wie unsere Töchter in
gleichem Fall, mit beiden Häinden in die Hand
Deines Geliebten gegeben und wärst mit mir ge-
gangen, wohin ich Dich geführt, und hättest Königs-
berg Königsberg sein und ruhig am Pregel liegen
lassen.?
,, Die Gewalt der Liebe!' sagte der Konsul,
Madame Kollmann zu begütigen, da die Anderen
lachten; ,Gott Amor ist Kosmopolit!''
,, Und das ist keine seiner schlechtesten Eigen-
schaften!' ergänzte Kollmann. ,Der Doktor hat ja
recht! Es ist etwas Heiliges und Großes um das
Vaterland; aber die Frauen und der Kaufmann,
so hoch sie von der Vaterlandsliebe denken mögen,
müssen trozdem mit Nothwendigkeit Kosmopoliten
sein; und das abi hene ibi gatris, das der Doktor
verwirft, hat für sie seine unabweisliche Berechtigung.
Der Kaufmann hat nun einmal da zu leben, wo er
seinen Vortheil findet, indem er den Vortheil und
das Wohlergehen der Gesammtheit durch den Handel
fördert. Die Frau aber hat zu leben, wohin der
Mann sie führt.
,Doch nur,'' fiel Justine ein, während ihre
feingezeichneten Brauen sich zusammenzogen, ,doch

= Hß -
nur wenn es ihr gefällt, oder wenn sie nicht ihr
eigener Herr ist!r'
,Wie das kriegerisch klingt! rief John da-
zwischen, fröhlich erregt durch den Ausspruch des
Vaters. ,Gegen wen verschanzest Du Dich? Sind
wir denn Piraten oder Sklavenhändler? Wer ver-
langt denn eine Frau, die ungern folgt?'?
Er hatte das völlig arglos gesprochen, indes er
bereute es sofort, denn Justinens Augen wendeten
sich mit großem, stolzem Blick zu ihm, und um ihr
nicht Zeit zu einer unfreundlichen Eutgegnng z
lassen, setzte er rasch hinzu: ,,Freilich sind wir bis-
weilen vermessen oder thöricht genug uns einzubilden,
daß die Liebe, die uns zu Sklaven der Frauen
macht, auch Gewalt hat über unsere Gebieterinnen,
daß sie dieselben bisweilen auch ihrer stolzen Herrlich-
keit und Herrscherlust beraubt. ?
,. O ja, mitunter!' meinte der Doktor und
wiegte mit leichtem Spotte das graue Haupt. ,Mit
unter und auf kurze Zeit; etwa von der Verlobung
bis zum Hochzeitstage. In der Ehe führen die
schwachen Frauen über die stärksten Männer stets
das Regiment, und die Schwächsten am aller-
sichersten!'
,Wie Madame Josephine,' sprach der Konsul,
,. wis« Madame Josephine über den Unbesiegbaren,
über Bonaparte, ihren Kaiser. ?
,,Den Titel' des Unbesiegbaren verdient er heut
nicht mehr, und hoffentlich wird diese Niederlage
nicht seine letzte, wird sie der Anfang unserer Auf-
erstehung sein!' schaltete der Sohn des Hauses ein,
zufrieden, mit dieser Bemerkung von dem bedenklichen
Gespräch hinwegzukommen. Und: ,Halb elfe! halb
elfe! halb elfe!'- tönte der melancholische Ruf des
Wächters wieder von der Straße herauf.

-- ß--
,,Darner muß nichts Näheres erfahren haben!'
sagte Kollmann, ,morgen wird man ja bestimmte
Nachricht haben.?
Die Unterhaltung wendete sich damit wieder aus-
schließlich den politischen Verhältnissen zu. Man saß
noch eine Weile beisammen, die möglichen Folgen des
Sieges erwägend, dann erhob sich der Doktor. Er
und der Konsul verabschiedeten sich, auch die Eltern
verließen das Zimmer. John blieb mit Justine zurück.
Er sah, wie sie nach des Hauses Brauch, selber
die Theebüchse, den Zucker und den Arak von dem
Tisch nahm und in den dafür bestimmten Schrank
verschloß. Es stand ihr so wohl an, dies häusliche
Thun. Er hatte seine Freude an ihr, sie war das
Urbild eines deutschen Mädchens. Sie alltäglich in
seinem Hause also schalten und walten zu sehen, war
ihm eine reizende Vorstellung. Er hatte sie dabei
so von Herzen lieb, daß er gewiß war, sie müsse
diese Liebe in ihm voraussetzen, die mit ihnen Beiden
in ihm groß geworden war, und sie müsse sie theilen,
wenn schon sie die Spröde spielte und in verzeihlicher
Koketterie, um ihn zu reizen, ein Wohlgefallen an
Darner zeige, der ihr Vater sein konnte.
Er überlegte, wie er die Frage stellen sollte, die
heute noch zwischen ihnen zur Entscheidung kommen
mußte, und konnte das rechte Wort für den Anfang
nicht gleich finden. Er beneidete den Muth des
Spielers, der sein Alles auf eine Karte zu setzen
vermag.
Wie dann Justine das Eßzimmer verließ, in
welchem nun der Diener seines Amtes waltete,
folgte er ihr in das Nebenzimmer. Er bemerkte mit
Vergnügen, daß die Eltern sich bereits zurückgezogen
hatten, und er sagte sich, daß der Vater dies um
seinetwillen veranlaßt, da es sonst niemals vorkam,

==- - ß -
daß man sich trennte, ohne einander gute Nacht ge-
wünscht zu haben. Er mußte sie also nutzen, die
ihm gebotene Gelegenheit, die flüchtige Zeit.
, Justine,' hob er mit raschem Entschluß an,
als sie noch mitten in der Stube standen, ,wir sind
ja gute Kamexeden gewesen von Kindheit an, und
Du bist mit,'näher und vertrauter gewesen als die
Schwestern, die so viel älter waren als ich und Du.
Daß ich Dich lieb habe, nicht wie eine Schwester,
sondern wie der Mann die Frau, das weißt Du
auch. Und nun wirst Du ebenso gut wissen, weshalb
ich so schnell wieder nach Königsberg gekommen bin
und was ich von Dir will. Sage, daß Du meine
Frau werden willst. Der Vater bringt Alles rasch in
Ordnuung, und während sie sich hier noch über unsere
Verlobung unterhalten, fährst Du als Madame Koll-
mann junior mit mir in mein Haus.?
Er hatte ihre Hand ergriffen, sie blieb neben
ihm stehen, denn sie war bewegter, als sie es für
den lang erwarteten Fall jemals für möglich gehalten
hatte.
Alles, was er zu ihr gesprochen, war richtig und
er war ein guter Mensch, einfach und vernünftig wie
seine Worte. Obschon sechs Jahre älter als sie, war
er von ihrer Kindheit an immer kachgiebig gegen sie
gewesen, wenn er sich herbeigelassen hatte, hier oder
in ihrem Hause mit ihr zu spielen, und immer ge-
fälligJegen sie, als sie erwachsen gewesen waren.
Sie hatte ihn auch gern gesehen, wenn er gekommen
war, sie in ihrem Hause zu besuchen. Gute friedliche
Tage, die waren ihr gewiß mit ihm. Sie konnte
sich mit ihm verloben, ihn heirathen ohne Scheu und
eberwindung. Indeß sie hatte sich ihre Verlobung
immer anders vorgestellt, nicht so einfach, so vernünf-
tig, so ganz und gar prosaisch.

z
--- Z! -
Weshalb aber sollte sie, Justine Willberg, die
schöne, reiche Erbin, so ruhigen Sinnes in die Ehe
gehen?-- Weshalb sich verheirathen, wie man ein
Geschäft abschließt? Was nöthigte sie sich zu binden,
ehe sie den vollen, großen Schlag des Herzens, die
Gewalt der Liebe einmal selbst empfunden hatte,
von der auch nur zu lesen ihr das Herz erhob, sie
froher stimmte, als sie sich in diesem Augenblicke
fühlte.
Sie hielt bei den Gedanken inne, die mit Blitzes-
schnelle durch ihre Seele geflogen waren, und ohne
zu wissen, daß sie es that, zog sie ihre Hand aus
der des Vetters.
John schreckte auf. ,Du machst Dich von mir
frei, Justine?? fragte er besorgt.
Sie wendete sich zu ihm, und zum ersten Male
fiel es ihr störend auf, daß er nur wenig größer
war als sie, daß er nicht zu seinem Vortheil erschien
neben ihrer hohen, stattlichen Gestalt; daß sein nicht
unedles, treuherziges Gesicht der Mutter glich und nicht
den männlichen Ausdruck zeigte, der ihr an Darner
gefallen hatte von der ersten Stunde an. Sie war
so gewohnt gewesen an ihn, an den Vetter, daß sie
sich nie Gedanken darüber gemacht, ob er hübsch sei
oder nicht. Er war eben John, war, wie er war.
Nun er vor ihr stand und sie mit den offenen,
grauen Augen seiner Mutter ansah, nun sie ihn sich
als ihren Gatten vorstellen, sich sagen sollte, mit
diesem Manne solle sie von diesem Augenblicke an
durch ihr ganzes Leben gehen, dünkt ihr das nicht
möglich; und die Neberzeugung, daß man dies von
ihr verlangen werde, daß John es als gewiß vor-
aussetze, verwandelte die Freundschaft und die Nei-
gung, die sie eben noch für ihn gefühlt, in ihr
Gegentheil. John gefiel ihr als ihr Vetter; ihren

h-
s
==- ßZ =-
Geliebten, ihren Mann hatte sie sich immer anders
vorgestellt. Ihr Mann mußte schöner, glänzender
sein. Einem Manne, den sie lieben sollte, dem mußte
sie gar nicht widerstehen können. Zum Manne konnte
sie sich einen andern wählen, mochte sie John nicht
haben.
, Antworte mir, Justine!' bat er dringend, in-
dem er sich ihr wieder näherte. ,Dein Schweigen
anält mich. Mein Glück, meine Zukunft hängen ab
von Deinem Worte.?
, Und nicht die meine auch?' entgegnete sie ihm;
,, laß mir Zeit zum Neberlegen.?
,,Wie kann ich das und was bedarf es dessen?
Ich muß in wenigen Tagen fort. Die Eltern hatten
immer mein Glück von Dir erwartet, ich fühlte mich
Deiner immer sicher !'
, War das meine Schuld?? rief Justine mit
einer Bitterkeit, vor der sie selbst erschrak.
John fuhr auf.,Du liebst mich also nicht?
Sie gab ihm keine Antwort.
, So liebst Du Darner!'? sagte er, und auch
sein Selbstgefühl empörte sich.
,Welch ein Einfall!' entgegnete sie, die Achseln
zuckend, und wendete sich zum Gehen.
Er vertrat ihr den Weg und hielt sie fest. ,Nein,
so laß Dich nicht! erklärte er. ,Gerade heraus!
Was has! Du por? Was willst Du thun?
,,Frei bleiben und auf die rechte Liebe warten!'
sprach sie fest und hart, und ließ ihn stehen.
, Weh Dir, wenn Du von Darner sie erwartest!'r
rief er ihr nach. Sie hörte es jedoch nicht mehr.
--

Kapitel 08

--- HF. -
Achtes Kapitell
Während dessen war Darner weit entfernt, zu
ahnen, in welcher Weise er eben jetzt zwischen den
beiden jungen Leuten, von denen er sich im Theater
getrennt, eine Rolle gespielt hatte.
Er war, wie er es vorgehabt, von dem Schau-
spielhause geraden Weges zu dem Direktor der Post
gegangen, den er ebenso wie den Polizeipräsidenten
aus mannigfachem geschäftlichen und geselligen Ver-
kehr persönlich kannte. Indeß er hatte keinen von
beiden in ihrer Behausung getroffen. An beiden
Orten hatte er die Antwort erhalten, daß die Herren
ins Schloß befohlen worden wären; und von den
dienstthuenden Unterbeamten eine Auskunft zu be-
gehren, die sie nicht von selber gaben, wäre in diesem
Falle unzulässig gewesen.
Als er sich dann durch den Schloßhof fahren
ließ, siel es ihm auf, daß dort ein um diese Stunde
ungewöhnliches Kommen und Gehen von Offizieren
hohen Ranges stattfand, daß die Bureauzimmer der
Regierung noch zu dieser Stunde erleuchtet waren;
und mehr noch überraschte es ihn, daß man trotz des
dichten Schneegeriesels so spät am Abend aus den-
Remisen verschiedene große Reisewagen hervorgezogen
hatte, deren Räder man bei Laternenlicht untersuchte
und schmierte. -
Als er darnach vor seiner Wohnung anlangte,
kam gerade auch der Obrist nach Hause.
Das erste Wort von beiden Seiten galt der
Siegesnachricht.
,So, ist sie wahr? fragte Darner, während sie
die Flur durchschritten.

=- J =-
,Es ist eine große Schlacht bei Pultusk ge-
schlagen, und die Russen rücken gegen unsere Grenze
vorwärts. Das steht fest!?
,Als Sieger?' fragte Darner weiter.
,Hoffentlich!'' entgegnete der Obrist mit Zurück-
haltung. ,Inzwvischen-- ich komme eben von dem
Kommandirenden-- haben wir die Ordre erhalten,
um zwei Stunden früher aufzubrechen, als es zuerst
bestimmt war.?
Darner erkundigte sich, sofern die Antwort ge-
geben werden könne, durch wen man die Nachricht
von dem Siege empfangen.
Der Obrist sagte, die erste Estafette sei durch
einen an der Grenze angesessenen deutschen Edel-
mann, den Grafen- er nannte den Namen- ab-
gesendet worden. Aber eben jett wäären noch zwei
andere Kuriere eingetroffen, die wohl Bestimmteres
gemeldet haben würden.
Die Mittheilungen des Obristen klangen nicht so
siegesgewiß als die im Theater verbreitete Kunde,
Darner nahm deshalb Anstand, das, was er gehört,
noch in dem Kollmann'schen Hause berichten zu lassen,
denn der frohe Abend, dessen sie dort, wie er an-
nehmen durfte, genossen, war ein reiner Gewinn.
Der Obrist, der mit seinem Adjutanten noch zu
arbeiten hatte, zog sich mit diesem zurück. Seine
Leute trugen die Sachen für den bevorstehenden Ab-
marsch ammen.
Darner ließ sich von der Götiling, nachdem er
die Abendmahlzeit gehalten, noch die für seine Töchter
eingerichteten Zimmer zeigen, gab Verschiedenes an,
was er anders hergestellt zu haben wünschte, und es
geschah dabei zum ersten Male, daß er mit seiner
Hausgenossin über seine Familienverhältnisse inso-
weit mit Bestimmtheit sprach, als sie über dieselben
Lewwald. Die, Familie Darner.

=== , l, ==
nothwendig Bescheid wissen mußte. Er ertheilte dar-
auf den Befehl, am nächsten Morgen um neun Ühr
den viersitzigen Wagen, und das Mittagsbrod um drei
Ühr bereit zu halten, da er seinen Kindern bis zur
ersten Poststation entgegenfahren und zum Essen mit
ihnen im Hause sein wolle.
Es war ziemlich spät, als er sich in seinem
Zimmer niedersetzte, noch ein paar Anordnungen in
Bezug auf die Geschäfte an der morgenden Börse
für seinen Prokuristen niederzuschreiben; und auch
dies gethan, ging er, wie es seine Art war, langsam
schreitend, eine Weile in dem großen Raume hin und
wieder, in Gedanken seinen langen, schweren Lebens-
weg durchwandernd und ermessend.
Der morgende Tag sollte ihm den Anfang neuer
Zustände, einer großen Wandlung in seinen Ver-
hältnissen bringen; und wie er, rückwärts blickend in
seine fernste Zeit, sein Wollen, sein Kämpfen, sein
Vollbringen, so im Einzelnen wie im großen Ganzen,
auch betrachtete, er verlor dabei nicht an Zuversicht
zu sich, nicht an Achtung vor sich selbst.
Was der nächste Morgen dem Lande bedeuten,
welchen Einfluß er auf das Geschick des preußischen
Volkes und seines königlichen Beherrschers haben
werde, das hatte er wie alle Anderen abzuwarten,
und das mußte getragen werden. An das, was er
ihm zu bringen hatte, an seine Kinder, dachte er
festen Vorsatzes und doch bewegten Herzens.
Das Schicksal seiner Kinder, das war er, ihr
Vater. Ihre Zukunft hatte er zu gestalten nach
seinem Sinne. Wie sie ihm ihr Leben dankten,
wollte er auch der Schöpfer ihres Glückes werden,
und dies ihr Glück sollte der Lohn sein, mit dem er
sich belohnte. Das Glück seiner Kinder, die Bedeutung
des Namens, den er seiner Familie zu hinterlassen

Kapitel 09

== TF -
sich gewiß fühlte, die sollten, wenn er sich wie bis-
her vor jedem Fehler in der Berechnung seiner
Pläne hütete, die Probe sein auf das Exempel seines
Lebens.

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esfzff ,r
Zlu.s== -=g- =-=s-
SAfzl
Justine hatte sich mit der Raschheit des Zornes
entkleidet und auf ihr Lager geworfen, ohne daß ihre
Aufregung sich damit besänftigt hätte.
So wie in dieser Stunde war ihr noch nie zu
Muthe gewesen. Was sich bisher gelegentlich und
nicht allzu tief beachtet in ihr geregt, das empfand
sie: jetzt mit großer Schärfe, das sah sie plötzlich so
deutlich, als hätte eine fremde Hand den Schleier
fortgezogen, der ihr bis dahin ihr eigenes Innere
verhüllt. So unzufrieden mit den Anderen, mit
ihrem Onkel, mit der Tante, und mit der Weise,
in welcher man sie geleitet und behandelt, war sie
nie gewesen; und niemals mit sich so zufrieden als
eben jetzt.
Man hatte sie um ihre Freiheit bringen wollen,
ehe sie derselben froh geworden. Man hatte in ihr
eigentlich das Bewußtsein gar nicht aufkommen lassen
wollg, daß sie ihr eigener Herr sei, und sie hatte
das, wie sie sich jetzt anklagte, in träger Lässigkeit sich
gefallen lassen, da sie nichts zu einer Entscheidung
hingedrängt. Johns zuversichtliche Behauptung, sie
wisse ja, daß sie ihm bestimmt sei, hatte sie aufge-
schreckt und zugleich beleidigt.
Es war endlich so gekommen, wie es schon seit
Jahren hätte sein müssen. Sie hatte sich nicht wieder
gängeln, nicht über sich bestimmen lassen, sie hatte
- Hr

== IFZ -=
ihre Freiheit fest und nun ein für allemal gewahrt.
Sie war sich das schuldig gewesen, und doch that
John ihr leid. Es war nicht seine Schuld, daß
die Eltern ihm von jeher eingebildet hatten, er
und kein Anderer werde einst Justinen's Herr und
Gatte sein.
Er-- John ihr Herr? Und bloß weil seine
Mutter ihres Vaters Schwester war?-- Welch ein
Einfall! Welch ein Verlangen! Ihr Herr! Hassen
hätte sie sie alle können für die Einbildung!-
Auch den guten, treuen John!- Denn einen Mann,
dem sie sich nicht mit vollem Herzen unterwarf, der-
es ihr nicht zum Bedürfniß, nicht zur Wonne machte,
ihm zu gehören, ihm zu dienen, den- ja den
würde sie schließlich hassen müssen - aus Verach-
tung gegen sich selbst, weil sie sich so weit vergessen,
sich einem Manne hinzugeben, ohne die innere zwin-
gende Nothwendigkeit dazu zu fühlen.
John gegenüber, daran zweifelte sie bei seiner
Liebe nicht, würde sie die Herrin bleiben. Aber es
gelüstete sie nicht darnach, die Herrschaft im Hause
zu besitzen in dem Sinne, in welchem der Doktor da-
von gesprochen hatte, in welchem die Tante sie bis
zu einem bestimmten Grade ausübte.
,,Es sind elende Weiber, die darnach verlangen!'r
rief sie. ,Ich will' nicht herabsehen auf den Mann,
gegen dessen Namen ich meines Vaters guten Namen
vertauschen soll. Knieen will ich vor ihm und empor-
blicken zu ihm-
Sie musterte die Männer ihrer Bekanntschaft.
Wie Schatten zogen sie an ihr vorüber. Sie hul-
digten ihr alle, aber es war keiner unter ihnen, an
dem ihre Gedanken länger haften blieben, dei dessen
Bild ihr Herz sich schneller regte. Da fielen ihr des
Vetters Worte ein: ,Du liebst Darner!

= ßß ==
Sie lachte bei der Vorstellung. Das war frei-
lich richtig: Darner war der einzige, dessen Gesellschaft
ihr stets Vergnüügen machte, dessen Urtheil großen
Werth für sie hatte. Was er erzählte, war eigen-
artig; daß er viel verschwieg, machte ihn nur an-
ziehender, Es; lag für sie etwas Bestrickendes in seiner
Selbstgewißhsit; aber der Gedanke, seine Frau, die
Frau eines Mannes zu werden, der so viel älter war
als sie, war ihr nie gekommen, wenn schon die an-
deren Männer, alt und jung, ihr unbedeutend und
gewöhnlich neben ihm erschienen. Sie däuchten ihr
so langweilig, die Alltagsmenschen, das Alltagsleben,
die Alltagsehen und das alltägliche Glück, wie der
Onkel es auch ihr zugedacht an seines Sohnes Seite,
der ja zehn Frauen für eine finden konnte, der eine
gute, eine ihn lüebende Frau verdiente-- nur sie
brauchte doch nicht grade diese Frau zu sein.
Es blieb dabei! Für John that es ihr leid, daß
sie ihn nicht liebte, nicht heirathen konnte, denn im
Grunde hatte sie ihn heute noch lieber als sonst; aber
für den Onkel freute es sie, daß sie ihm den Willen
nicht zu thun vermochte. Sie zürnte ihm, sie war er-
bittert darüber, daß er seit ihres Vaters Tode alles
so vorbereitet, wie es für feine und der Tante Ab-
sichten gepaßt, und da'sie den Onkel hochgeschätt, that
es ihr wehe, ihn der Selbstsucht anklagen zu müssen,
ihm nicht mehr vertrauen zu sollen wie bisher.
AAlrglistig hatte er ihr schönes Haus verkauft, als
sie noch zu zung gewesen war, den Werth recht zu
schätzen, den es für sie haben mußte, Herrin in ihrem
Hause und damit auch Herrin über ihr Thun und
Lassen zu sein. Von der guten Göttling, von ihrer
zweiten Mutter, hatte er sie getrennt, um sie ganz
in seine Gewalt zu bekommen; und damit ihr jedes
recht vertrauliche Verkehren mit der berathenden Freun-

==== Z( -
din verhindert werde, hatte er ihr Haus an einen
Mann ohne Frau und Familie verkauft und die
Göttling in dem Hause belassen. Er hatte alles, alles
auf seine Absichten berechnet, und er war doch ihres
Vaters Freund gewesen, er war der Mann, dem ihr
theurer Vater die Zukunft und Zufriedenheit seines
einzigen Kindes anvertraut hatte.
Wenn ihr Vater es wüßte, daß sie nicht mehr
in seinem, in ihrem Hause lebte, daß sie vorüber-
gehen mußte wie eine Fremde an dem alten, eigenen
Hause!
Die Thränen liefen ihr über die Wangen vor
Schmerz, daß man sie dieses alten Erbes beraubt, vor
Empörung gegen den, der es gethan. Und mit der
Nebertreibung, der in solchen Augenblicken die Jugend
stets anheimfällt, rief sie:
,Ich, die reiche Erbin, Justine Willberg, muß
weinen über mein Geschick in einem fremden Hause
wie eine Ausgestoßene, Heimatlose! Wenn mein Vater
seine Justine also sähe, wenn er wüßte, daß die Gött-
ling morgen fremden Mädchen zur Seite stehen wird,
während ich genöthigt bin, morgen, als ob ich das
Gnadenbrod äße oder eine Dienende wäre, dem Un-
willen von Onkel und Tante gegenüber zu treten,
ihnen Rede zu stehen, vielleicht ihre Vorwürfe anzu-
hören, weil ich in ihrem Sohne, in dem Ebenbilde
der Tante, die Vollkommenheit nicht entdecken kann,
die sie und sein Vater in ihm erblicken!'?
Sie mochte nicht daran denken, daß sie auch
ferner in des Onkels Haus zu bleiben habe. Aben-
teuerliche Pläne, sich der Bevormundung desselben zu
entziehen, sich frei zu machen, zogen durch ihren Sinn,
um vor ihrer gesunden Vernunft in nichts zu zer-
fließen; und erst tief in der Nacht schlief sie müde,
niedergeschlagen und verdrießlich ein.

=- Zh -
Es war gegen acht Ühr, als sie erwachte. In
den Straßen war's noch nicht völlig hell. Der Schnee,
der aus den schweren grauen Wolken in dichten
Massen niederfiel, machte es noch dunkler. Drüben
in des Dompredigers Wohnung waren die Läden
schon geöffnet, das Licht von seinem Arbeitstisch schim-
merte durchr die verstiemten Fenster, auch in den an-
deren Häusern thaten sich allmälig die Läden und
Vorhänge auf. Sie kannte die Dienstboten, welche
dabei zum Vorschein kamen, alle von Ansehen. Es
war alle Tage dasselbe, es langweilte sie, hatte sie
immer schon gelangweilt.
Unlustig zündete sie das Licht vor ihrem Spiegel
an, unlustig besorgte sie ihren Anzug. Was half's
ihr, daß sie schön war?
Und nun hinunter zu gehen in das kleine Zimmer
des Onkels, in welchem man frühstückte! Es war ihr
eine Pein!
Auf dem Korridor, auf den Fluren und Treppen,
die sie zu beschreiten hatte, brannte überall noch das
Licht in den von den Decken herniederhängenden La-
ternen. Es wollte heute noch weniger, noch später
hell und Tag werden als sonst zur Winterszeit.
Vor der Thüre der kleinen Stube blieb sie stehen.
Wen würde sie zunächst im Zimmer finden? John?
Seine Eltern? Wie würde man ihr begegnen?
H schämte sich der Scheu, sie rief ihr Selbstge-
fühl zum Trotz- dagegen auf. Denn wen und was
hatte sie zu fürchten? Aber was konnte sie thun gegen
ihres Onkels, ihres Vormunds Willen? Sie konnte
nicht heimlich fortgehen, sich nicht zu Freunden flüchten,
wie sie sich's in der Nacht vorgestellt, ohne sich zum
Stadtgespräch, zum Gelächter der Leute zu machen;
und noch eine lange Reihe vön Jahren hier in diesem
Hause zu leben, nachdem sie die Pläne zunichte

=- ?F ==
gemacht hatte, um derentwegen man sie in dies Haus
genommen, war ihr ein unerträglicher Gedanke. In
der Nacht hatte sie gerufen: ,Hätte er mir mein Haus
gelassen!'' Jet dachte sie: ,Wäre ich frei, wäre ich
mündig, oder wäre ich ein Mann !'? Was aber hin-
derte sie, wie ein Mann zu handeln und frei nach
ihrem Belieben zu entscheiden über sich?
Sie öffnete mit rascher Hand die Thüre, John
und der Onkel kamen aus dem Zimmer ihr entgegen,
boten ihr, fast ohne sie anzusehen, guten Morgen
und gingen an ihr vorüber. Das war ihr auch
nicht recht.
,,Du mußt augenblicklich selbst nach der Post-
halterei hinaus ! sagte der Onkel zu John. ,Nöthigen-
falls mußt Du suchen, Dir einen Befehl von dem
Oberpostdirektor zu verschaffen, denn es wird mit jeder
Stunde unwahrscheinlicher, daß Du noch Pferde be-
kommst. Wer kann wissen, ob für den Hof nicht jetzt
schon alles in Beschlag genommen ist? Und fort mußt
Du! Es war ein großer Leichtsinn, daß Du über-
haupt gekommen bist!r'
Justine wußte nicht, was das zu bedeuten hatte.
Mit ihr, das sah sie ein, stand des Onkels Unruhe
nicht im Zusammenhang und ebensowenig das gewalt-
same Drängen auf die Abreise des Sohnes. Es mußte
etwas anderes, etwas Unerwartetes geschehen sein,
denn sie sah mit Verwunderung, daß auch die Tante,
die sich sonst um diese Zeit noch nicht erhob, in ihr
dunkles wollenes Entredeux gewickelt, bereits am Kaffee-
tische saß, das Frühstück selbst gemacht hatte, was
eigentlich Justinens Amt war, und daß die Männer
es bereits eingenommen hatten.
Der Tante Ausruf: ,Was sagst Du zuu dem
neuen Unglück?? der sie des Fragens enthob, machte
sie erschrecken.

-= ZZ --
, Unglück? Ich weiß von keinem Ungliick! Wo-
von sprechen Sie??
, So haben sie's Dir nicht gesagt?' klagte die
Tante. ,Ach, ich habe es gleich nicht recht geglaubt,
es ist alles nicht wahr! Füür uns und für den König
giebt es kein zküick mehr!'
, Was Ht denn geschehen? fragte Juustine drin-
gend, von der Angst der Tante angesteckt.
,, Die Nachrichten waren gestern falsch. Die
Russen haben nicht gesiegt, sie sind geschlagen. Sie
ziehen sich fliehend auf Königsberg zurück, jede Stunde
haben wir sie zu erwarten und die Franzosen ebenso.
Im Schlosse wußten sie's schon gestern Abend. Gleich
nach der falschen Siegesbotschaft kam die zweite rich-
tige Estafette mit der Unglücksnachricht. Die ganze
Nacht haben sie gepackt im Schlosse; die Postpferde
werden natürlich in Beschlag genommen für den Hof.
Die königlichen Kinder werden fortgebracht. Heute
schon oder morgen gehen sie nach Memel. Der König
und die kranke Königin werden folgen, werden wahr-
scheinlich sich gleich bis jenseits der Grenze flüüchten.
Unser armer König, unsere schöne Königin-- krank
und mit den Kindern !?
Juustine stand in sprachlosem Erschrecken vor ihr.
,, Das zu erleben in dem Lande des alten Friz!'
seufzte die Tante, während sie mit den schmalen Hän-
denKie Thränen von den bleichen Wangen trocknete.
,. Es ist gar zu hart!'?
, Ia, es ist hart!'' wiederholte Justine.,.ie
arme, arme Königin, die armen Kinder! Welch ein
Geschick! Aber wer brachte die Nachricht zu so früher
Stunde?
,,Darner hat es dem Onkel geschrieben, Darner,
der ja alles weiß. Schon gestern Abend hat er es
vermuthet, als er im Schloßhof die Wagen aus den

= ZF -
Remisen ziehen sah. Und jetzt, jetzt wo die Königin
vielleicht über die Grenze gehen muß, wo wir hier
nicht wissen können, ob uns nicht in den nächsten
Tagen dasselbe Schicksal, dieselbe Plünderung wie in
Lübeck bevorsteht, wo John uns alle lieber gleich mit-
nähme aus dem Lande fort nach Rußland, wo man
doch seines Lebens wenigstens noch sicher ist, jetzt läßt
dieser Mann seine Kinder hierher kommen! Doch er
hat Glück, er wird wohl wissen, daß er sicher ist vor
Freund und Feind. Er hat ja seine Fühler überall.
Respektable Leute wie wir hingegen -. ? Sie hielt
inne und sagte dann tief aufseufzend: ,Kann denn
der Onkel fort? Kann ich fort vom Onkel? Darner
als ein vorsichtiger Mann holt sich in dieser Zeit seine
Kinder von aller Welt Enden zusammen, und ich soll
mein einziges Kind, soll John von mir lassen, wo
wir ihn vielleicht so nöthig haben werden hier zu
unserem Schutz. Mitten durch die beiden feindlichen
Heere soll er gehen! Und wenn noch Pferde zu haben
wären! Aber wer wird seine Pferde riskiren? Wer
wird sie den Russen und Franzosen absichtlich entgegen
jagen? Ach, die Todten haben's gut!''
Justine hörte sie schweigend an. Sie wußte,
daß man die Tante, wenn sie aufgeregt war, sich er-
schöpfen lassen müsse, daß es für jeden, außer für
ihren Mann, vergeblich war, sie auch nur auf den
Widerspruch in ihren Reden aufmerksam zu machen.
Aber was kam es auch auf den einzelnen an in
solcher, allen drohenden Gefahr? Die Tante that ihr
leid; das Schicksal der kranken Königin ging ihr mehr
zu Herzen.
Daß John abreisen sollte, bekümmerte sie nicht;
er war ja ein Mann, und sein Fortgehen enthob sie
persönlich großer Verlegenheit.
Indeß es blieb weder ihr noch irgend Jemand

=-- IH -
zu langem Denken und Neberlegen Zeit. Eine dumpfe
Unruhe machte sich geltend im Großen wie im Kleinen.
Die Magd, die man ausgeschickt hatte, auf dem
Markte die gewohnten Einkäufe zu machen, kam mit
der Meldung heim, daß Verkäufer und Käufer gleich
über die ganzen Vorräthe verhandelt, weil man nicht
wissen könne, ob' es möglich sein werde, zum nächsten
Markttage noch in die Stadt zu kommen; und man
hatte sich doch darauf gefaßt zu halten, den Forde-
rungen der einen oder der andern Armee zu genügen,
sowohl die Behörden der Stadt wie die einzelnen
Familien.,
Die nahe Sorge für den Haushalt drängte im
Augenblick den Gedanken an des Sohnes Abreise
zurück.
Während Madame Kollmann mit Justinen rath-
schlagte, wie man sich zu helfen habe, trat der Onkel
wieder ein.
, Habt Ihr Pferde bekommen?' fragten die beiden
Frauen auf einmal.
,, Weder von der Post noch von irgend einem
Fuhrmann!'' entgegnete der Vater. ,Ich hatte gleich-
zeitig mit John ein paar der Leute, aus dem Komptoir
deshalb ausgeschickt; doch haben wir andern Rath ge-
schafft. Wir haben dem Doktor seine Pferde ab-
gekauft, da die unseren für den Weg am Strande
in dieser Jahreszeit unbrauchbar sind.?
,imr gute Doktor, welch ein Freundschaftsdienst!''
rief die Tante.
,, Wie man's nehmen will!' meinte der Vater.
,Pferde sind Mitesser, und baar Geld ist jetzt das
Nöthigste und Beste. Der Doktor kann jetzt noch
Pferde in der Stadt zur Miethe hgben und ist nachher
sicher, daß ihm von' den Russen oder von den Fran-
zosen seine Pferde nicht aus dem Stall genommen

==-
werden. Es sind übrigens ein paar starke Thiere,
für die unsere Kalesche ein Spiel ist. John wird
heute damit ein tüchtig Ende auf der Nehrung,
hoffentlich bis Rossitten, kommen können.?
,, Und nachher, nachher? fragte die Mutter in
ihrer Sorge.
, Nachher? Ja, Schat, auf dem Arm über die
Grenze tragen kann ich ihn Dir nicht. Es hatte
ihn Niemand hergebeten, er ist für seinen Kopf ge-
kommen. Nachher muß er zusehen, wie er sich weiter
hilft, um in das Geschäft zu kommen, wo er hin-
gehört. Er ist nicht schlimmer daran als unser Hof,
als unser König und hat nicht Frau, nicht Kinder
mit sich. Er ist, Gott sei Dank, allein!?
Er ging rasch hinaus, die Mutter folgte ihm;
sie wollte sehen, ob der Sohn noch im Komptoir oder
schon in seinem Zimmer sei, die letzten ihr noch ge-
gönnten Minuten des Beisammenseins mit ihm nicht
zu verlieren.
Auf Justine achteten weder der Onkel noch die
Tante; sie blieb abermals allein zurück. Des Onkels
letzte Worte hatten entschieden ihr gegolten, und sie
freute sich derselben. Nur den Vetter noch wieder
zu sehen, von ihm Abschied zuu nehmen in der Eltern
Beisein, das war ihr zuwider.
Sie trat ärgerlich mit dem Fuße auf, da sie sich
abermals auf dem Gefühl der bangen Abhängigkeit
betraf, das sie sich zum Vorwuurf machte.
Mochte John es damit halten, wie es ihm beliebte,
sie hatte ihn ebenso wenig zu kommen eingelaben als
sein Vater; sie hatte seine Werbung nicht verschuldet,
es nicht verschuldet, daß er sich eingebildet, sie habe
alle die Jahre dagesessen, auf sein Belieben wartend.
Es war gut, daß sie endlich Alle zu einer klaren
Einsicht in ihre Lage gekommen waren, und für John

e ?
war es, wie sein Vater gesagt,' ein Glick, daß er
noch, Gott sei Dank, allein und frei war; für sie
nicht minder. Er hatte nur für sich zu sorgen und
zu handeln. Sie war in dem gleichen Falle, das
war ihr eben recht.
Es war eine ,este, plötzliche Wandlung in ihr
vorgegangen, depeit sie sich bewußt, die nicht mehr
ungeschehen zu machen war.
Sie ging in ihr Zimmer zurück und zog die
u hüre hinter sich zu mit dem Gefühl eines Menschen,
der sich auf seinem Grund und Boden zu behaupten
und von den Anderen abzutrennen denkt.
Sie ließ sich am Fenster vor ihrem Nhtisch
nieder. Neben deni Arbeitskorb lagen in zierlichem
Einband ,Die Leiden des jungen Werther''.
Achtlos, in halber Zerstreutheit, nahm sie das
Buch in die Hand, schlug es ebenso achtlos auf und
ihre Augen fielen auf die Worte: ,Was hilft es,
daß ich mir's sage, er ist brav und gut-- ich kann
nicht gerecht sein !'?
So wenig die Worte an jener Stelle mit ihrem
Zustande irgend etwas gemein hatten, nahm sie sie
doch fitr sich in Anspruch.
,Ich kann nicht gerecht seinI sagte sie, ,und
ich will's auch gar nicht! Aber lieblos will ich nicht
scheinen, denn ich bin ihm ja sehr gut, und unhöflich
will ich auch nicht sein, setzte sie hinzn, als der fitr
John soslimmte Wagen vorfuhr, ,sie möchten sonsi
denken, ich schmollte oder ich bereute!'? Und sich
rasch erhebend, ging sie in die Wohnstube hinunter.
. Sie fand die Eltern und John beisammen, der
Handlungsdiener, der in größter Eile den Paß und das
Visa des russischen Konsuls besorgt, trat mit ihr zu-
gleich in das Zimmer. Der Hausknecht trug den
Pelz, die Pelzstiefel und das leichte Gepäck herbei.

=- ZF =
John gab ihr die Hand.
, Ich war eben auf dem Wege zu Dir!'r sagte er.
,Du konntest ja denken, daß ich kommen würde,
da ich Dich so eilig wußte!'' entgegnete sie ihm.
,Also wir scheiden als gute Freunde? fuhr
er fort.
,Als die guten Kameraden, die wir stets ge-
wesen sind und bleiben wollen, so wahr Gott lebtlr
gab sie ihm zurück, indem sie ihm die Pelzmütze und
die dicken Handschuhe reichte.
Obschon die Mutter in Thränen schwamm und
der Vater zur Eile mahnte, sah Justine, daß beide
Eltern sie beobachteten, als John sich ihr nahte, um
sie wie sonst zum Abschied zu umarmen. Eine Scene
zu vermeiden, ließ sie es geschehen.
,Das nächste Mal gehst Du mit mir !? fllsterte
er ihr zu.
,,So war's nicht gemeint, Cousin !'' antwortete
sie ihm. ,Aber glückliche Reise und komme gut nach
Hause!?
,,Mein guter, guter Sohn! rief die Tante,
nahm seinen Arm und sammt und sonders geleiteten
sie ihn hinab zum Wagen.
Ein kalter Wind trieb den Schnee gegen die
Thüre, das Wetter war sehr schlecht.
Der alte Hausknecht und Kollmann selber reichten
dem Scheidenden die Sachen in das leichte, halbver-
deckte Gefährt. In ihren Pelzmantel gehüllt, winkte
die Mutter ihm ihre Grüße zu. Worte aus warmem
Herzen rief sie ihm noch nach.
John grüßte sie, grüßte Justine, und die Ka-
lesche war um die Ecke gebogen, war ihrem Blick
entschwunden.
Justine, sich die kalten Häände reibend, eilte den
Eltern voran in das Haus zurück und die Treppe hinauf.

=- Iß -
, Hatte ich Unrecht, wenn ich Dir immer sagte,
daß sie gemüthlos ist?' fragte die Mutter, als sie am
Arme ihres Mannes dem Mädchen langsam folgte.
,.Thorheit! Was nennst Du gemüthlos? Sie
weiß, daß sie eine vortreffliche Partie, daß sie schön
ist, und hat ßch bitten lassen wollen, das verdenke
ich ihr nicht. Hätte er bleiben, wie ein vernünftiger
Mensch um sie werben können, so hätte sie sich be-
sonnen. Die Verlobung in aller Geschwindigkeit,
das Heirathen zwwischen Thür und Angel hat ihr nicht
behagt. Warum mußte es denn auch gerade jetzt
sein, wo er ohne allen vernünftigen Grund leicht-
sinnig von seinem Platz gegangen war? Aber Du
hast ihn von Kindheit an gewöhnt, Alles, was ihm
eben durch den Kopf ging, in der Minute durch-
zusetzen. So hat er's auch mit Justinen zu halten
gedacht, und daß sie da nicht gleich mitspielen wollte,
das machst Du ihr sehr unnöthig zum Verbrechen.
Ich bin im Gegentheil zufrieden, daß sie besonnener
als er gehandelt hat, vor Allem aber, daß er fort
ist. Sie ist gut bei uns aufgehoben und läuft ihm
ja nicht weg.?
,, Vergebe ihr's, wer's kann- ich nicht!' wieder-
holte die Mutter. ,Ist sie es denn nicht allein, um
derentwillen er gekommen ist? Hst sie nicht also der
Anlaß all meiner Angst und Sorge? Ach, was ein
Mutterherz erduldet in dieser Zeit, das weiß kein
Rag. das weiß nur Gott! Justine lachte, wie er
sie so zärtlich küßte, das vergesse ich ihr nie!'
,, Auch nicht, wenn John es will?
Darauf blieb sie ihrem Manne die Antwort
- schuldig.

Kapitel 10

=- Z( -
-e-f-
eg-===I =,--s.
efif,
Der letzte Tag des Jahres war herangekommen,
und er hatte herzbedrüückende Sorge gebracht. Man
hatte das Schlimmste zu befürchten und wollte doch
hoffen, ohne sich sagen zu können, worauf man dieses
Hoffen gründete. Man suchte nach der Möglichkeit,
welche Abwehr des Unglücks bringen konnte, und ein
Jeder wollte neben dem unabweislichen Tagewerk noch
irgend etwas Besonderes thuun, um sich nicht seine
gänzliche Ohnmact gegen das allgemeine Schicksal
eingestehen zu müssen. Von einer Stunde zuur andern
wollte man sich den Schein des freien Willens wahren,
um das bittere Erleidenmüssen nicht in seiner ganzen
Entsetzlichkeit zu empfinden. Es war wie in einem
Hause, über dem der Todesengel schwebt. Daß dieser
Zustand über der ganzen Einwohnerschaft lagerte,
machte ihn noch aufregender und quälender.
Wie an jedem andern Tage ging man den Ge-
schäften nach, aber ohne Zutrauen zu der Wirkung
seiner Arbeit. Das Militär hielt seine Parade, die
Stadtsoldaten bezogen die Stadtwachen, in den Ge-
richten und Kollegien that man seine Schuldigkeit, die
Kaufleute kamen wie sonst an der Börse zusammen.
Man verabredete Geschäfte, gab und empfing Auf-
träge, man schrieb Briefe in den Komptoirs. Indeß,
ob man die Aufträge würde ausführen können, ob -
die Briefe jemals in die Hände derjenigen gelangen
würden, für die man sie bestimmte, das war mehr
als fraglich. Feldjäger und Kuriere kamen von
Ost und West nach dem Schloß und wurden von
dort wieder rasch entsendet. Wo zwei Menschen
auf einander trafen, trat der dritte hinzu, um sich
zu erkundigen, was die anderen etwa erfahren haben

=- Z ---
und aussagen mochten. Die abenteuerlichsten Gerüchte
tauchten auf, wurden von Mund zu Mund ge-
tragen und fanden Glauben, denn was war jetzt
noch unmöglich nach den Ereignissen des letzten
Jahrzehnts und dieses unheilvollen Jahres, dieser
leyten Tage? -
Am verwichenen Abend hatte man an Jlluumina-
tionen, an Siegesfeste gedacht, heute hatte Niemand
Lust, zu den Gesellschaften und Bällen, die am Syl-
vesterabend in den Familien und in den Ressourcen
veranstaltet zu werden pflegten. Auuch Kollmann,
der zu den drei Vorstehern der großen Kaufmanns-
ressource gehörte, stand der Kopf nicht darnach und
seiner Frau noch weniger. Sie hatte gleich am
Morgen erklärt, daß von einem Besuchen des Balles
für sie nicht die Rede sein könne, während ihr armer
John durch Schnee und Eis seinen Weg in dieser
unseligen Sylvesternacht zu suchen habe.
Kollmann hatte es schon selber in sich erwogen,
was es mit dem Ballfest werden sollte, nach welchem
auch er, der sein Theil Sorge wie jeder Andere mit
sich herumtrug, kein sonderlich Verlangen spürte, und
noch war er zu keiner Entscheidung darüber gekommen,
als er am Mittag nach der Börse ging.
Kaum in derselben angelangt, traten seine
Kollegen, die beiden anderen Vorsteher der Ressource,
der schwedische Konsul und der Kommerzienrath Berken-
hagen, ihn mit der Frage an, was ihnen heute in
Bezug auf den Ball zu thun obläge.
t Ich meine, sagte der Konsul, der seine Unrast
nicht verbergen konnte, ,man macht gleich hier an
der Börse den Anschlag, der den Ball absagt, denn
den Ball zu geben, während uns vielleicht die
Bomben in die Stadt fliegen; davon kann doch nicht
die Rede sein?
Lewald. Die Familie Darner. T.

-=- ZZ -
,Die Bomben in die Stadt fliegen? unterbrach
ihn Kollmann.
Der Konsul beachtete es nicht.
,, Von hier aus, fuhr er zu sprechen fort,,kommt
die Weisung am raschesten in die Familien, und jede
Familie hat noch volle Zeit, die von ihr geladenen
Gäste zu benachrichtigen. Die Russen sollen gestern
schon in Heilsberg gewesen sein. Sie sollen--
, Ach, die Russen! Mit den Russen, unseren
Freunden, hat es ja keine Noth!? rief der Kom-
merzienrath in gerechtester Sorge um die englischen
Manufakturwaaren, welche er in Hoffnung auf ein
fortdauerndes Steigen ihrer Preise noch in seinem
Packhause lagern hatte. ,Mit den Russen hat es
ja keine Noth, aber die Franzosen rücken in Eil-
märschen heran. Kommen die Franzosen, verbrennen
sie die englischen Waaren hier wie in Hamburg,
plündern sie hier wie in Lübeck==? Er vollendete
den Satz nicht, als könne das Aussprechen der Be-
fürchtung sie zur Thatsache machen, sondern fügte
mit stillem Ingrimm nur hinzu: ,Und wer hat uns
in dieses Elend gebracht als die charakterlose, zu-
wartende Politik des--
, Stll, still!' warnte der Konsul. ,Sie wissen
oben selber nicht, wo aus noch ein, und die verläß-
lichen Nachrichten, die sie haben, halten sie zurück. ?
,, Das ist's ja eben!'' rief der Kommerzienrath.
,,Sie salviren sich; sie lassen packen, sie schicken die ,
Kinder fort. Der Leibarzt der Königin, den mein
Bruder bei seiner Frau zu Rath gezogen-- sie hat
auch das Nervenfieber wie dieKöniginsagt, im Schloß
hätten sie völlig den Kopf verloren. Sie sollen--r
Die Fassungslosigkeit der beiden sonst besonnenen
und verständigen Männer ward Kollmanns ruhigem
Sinn zu viel.

-=- ZZ --
, Nun,' sagte er, ,wenn sie auf dem Schloß den
Kopf verlieren, wird's wohl um so nothwendiger sein,
daß wir hier unten in der Stadt und an der Börse
ihn für das Erste nach oben, und das Herz auf dem
rechten Fleck zu behalten trachten. Wenn die Welt
untergeht, fallen die Sperlinge vom Dach; das ist
nicht zu ändern, Aber noch find ja die Russen nicht
vor unseren Thoren. Wenn sie nicht Flügel haben,
können sie auch noch nicht in Heilsberg sein, und
auch die Franzosen sind noch nicht in unserer Nähe.
Unser König aber ist noch in unserer Mitte, seine
Truppen sind noch in der Stadt, er ist Herr in der-
selben, wie wir Herren sind in unserem Hause!'
Er hielt einen Augenblick inne, denn er kannte
und würdigte so' gut wie die Anderen die Gefahhr,
in der man schwebte, aber er wollte sich nicht unter-
jochen lassen von dem Schatten, den sie vor sich her-
warf; und mit fester Stimme setzte er hinzu: ,Ge-
rade da wir nicht wissen können, was das kommende
Jahr, was der nächste Morgen uns bringen, was
uns an demselben möglich sein wird, was nicht,
wollen wir handeln, als wären wir aller Zukunft
sicher. Welcher honette Mann stellt seine Zahlungen
ein, so lange er solvent ist? Noch sind wir solvent!
Wir haben wie in jedem andern Jahr den Ball an-
gesagt und zu ihm eingeladen, sind ihn also schuldig
uKd werden unsern Sylvesterball geben wie in allen
anderen Jahren, denn so gehört es sich!
,, Wenn aber die Russen uns doch dazwischen
kommen? fragte der alte Kommerzienrath, und sein
kleiner Zopf mit der großen Bandschleife begleitete
das bange Schütteln seines Hauptes in leiser Mit
bewegung.
,, Wenn die Russen, unsere Freunde, kommen ---
so finden sie uns bei der Tafel, tafeln mit uns und

=- ZH, ==-
trinken mit uns auf das Wohl des Königs, auf das
Wohl des Vaterlandes und auf bessere Tage; denn
was jetzt auch über uns ergehen mag, Preußen geht
nimmermehr zu Grunde, so wenig wie seinerzeit der
alte Fritz nach Kunersdorf. Ein Volk wie wir, das
richtet sich auch nach der tiefsten Niederlage wieder
auf wie er, und wartet auf seinen Tag!r
Da er sah, daß man auf seine eifrige Unter-
haltung mit seinen Kollegen aufmerksam geworden
war, hatte er die letzten Worte absichtlich so laut
gesprochen, daß sie rund um ihn her vernehmbad
geworden waren, und er hatte, wie jeder Muthige
unter Entmuthigten, ihnen eine Wohlthat mit seiner
Entschlossenheit erwiesen. Niemand wollte sich jetzt
als einen Kleinmüthigen neben ihm zeigen. Die
juungen Leute hatte er ohnehin sofort auf seiner Seite
gehabt. Alles grüßte ihn mit doppelter Verehrung,
und diese Anerkennung that ihm wohl an solchem
Tage.
Als er die Börse verließ, begleitete ihn ein
Jugendgenosse seines Sohnes, der unlängst von Eng-
land heimgekommen war.
,Sie sind der Mann für diese Zeit, Herr Koll-
mann !'' sagte er mit der leicht entzündeten Hoffnungs-
lust der Jugend. ,Sie denken mit Shakespeare:
Komme, was kommen mag! Zeit und Stunde rennt
auch durch den rauhesten Tag !
Kollmann wiegte langsam das ernste Haupt.
,,Gewiß,'' entgegnete er, ,gewiß, das ist richtig
und es klingt sehr gut! Nur vergessen Sie es nicht,
mein lieber junger Mann: es giebt doch leider Tage,
deren vierundzwanzig Stunden dem Einzelnen sehr
lang währen können. Es kann viel gelitten werden
an solchen Tagen, die schwere Opfer fordern, und
es erlebt so mancher ihre letzte Stunde nicht! Da

-- ZH =-
aber der heutige Tag hoffentlich noch unser ist, so
mag unsere junge Welt seinen Abend wie gewohnt
genießen. Es wird ohnehin heute nicht Jedem so
gut werden. Mein Sohn wird dieses Jahres letzte
Stunde, wenn er Glütck hat, in irgend einem Krug
auf der Nehrung verrinnen sehen.?
,, War John denn hier?' fragte der junge Mann.
, Ja, in Geschäften für einen Tgg. Er ist ein
rühriger Passagier, gestern früh gekommen mit einem
der Kuriere, heute Morgen wieder fort mit unserm
Gefährt.?
Damit entließ Kollmann seinen jungen Begleiter.
Es hatte Jeder geng für sich zu denken. Als er in
seinem Hause durch den stillen Hausflur die breite
Treppe hinan und' durch das geräumige Speisezimmer
ging, um sich zu seiner Frau zu begeben, umfing
ihn das Behagen dieser Räume. Unwillkürlich streifte
sein Blick den wohlgeordneten Eßtisch, das alte hol-
ländische Porzellan, das schwere Silberzeug, das, so
lang er sich zu erinnern vermochte, schon bei seinen
Großeltern auf diesem Tisch gestanden, und er konnte
sich des peinlichen Gedankens nicht erwehren, wie
bald vielleicht ungebetene Gäste an diesem Tische
speisen, wie dieses alte Familienerbe leicht nicht lange
mehr auf diesem Tische stehen, sondern fortgehen
werde-- wer konnte sagen, wohin?
Er sprach's jedoch nicht aus, sondern, mit seinemt
klaren Auge Frau und Nichte grüßend, rief er ihnen
die Frage zu, ob Mlles bereit sei für den Abend.
,Wassolldenn bereitsein? erkundigtesich dieFrauu.
, Nun, Justinens Bezauberungsapparate und
- Deine neue, von Dir selbst bewunderte Flatteuse mit
den Brüsseler Kanten.?
, Mit der Angst um John im Herzen soll ich
zn einem Ball gehen? Ich sagte Dir schon am

==- Zß -
Morgen, daß ich daran nicht dächte! Und das kannst
Du auch im Ernst nicht von mir verlangen, lieber
Mann! sprach die Mutter.
, Und wenn ich's doch verlangte? wandte er
ihr ein.
,,So würde ich doch zu Hause bleiben, lieber
Mann, denn ich bin nicht wohl. Mir ist nicht gut
ums Herz!''
,Das glaube ich Dir gern! Aber wem ist denn
heutzutage wohl, mein alter Schatz? Und gerade
darum laß ich heute nichts gelten als das, was ich
für das Richtige halte, und Du wirst Dich dem auch
fügen, mir zu lieb! Denn Konrad Kollmanns Frau
darf gerade heut nicht fehlen!?
,,Der Ball wird also gegeben?? fragte Justine,
die dies nicht erwartet hatte, und ihre Augen leuch-
teten, denn ihre Jugend war des drückenden Miß-
muths in der Gesellschaft ihrer Tante müde.
, Ja,' entgegnete der Vater. ,Sie hatten's an
der Börse anders vor. Sie waren verzagt und
traurig wie die Tante. Ich habe ihnen aber den
Kopf zurechtgesetzt und setze nun meinen Kopf darauf,
daß meine Frau nicht anderer Meinung ist als ich.
Zum Fürchten bleibt uns Zeit. Wir werden vielleicht
auch Zeit und Anlaß zum Klagen haben. Zunächst
aber gehen wir zu Tisch. Am Abend macht Ihr
Euch so schön als möglich; legt Euren Schmuck an,
ich werde Justine die Perlen ihrer Mutter geben,
damit sie sie doch einmal getragen hat-
,,Ehe die Kosaken oder die Franzosen sie uns
nehmen! schaltete mit Seufzen die Mutter ein, ihre
Hände faltend.
, Ea, denn möglich ist das allerdings, wenn
schon der Himmel es verhüten wolle; und da John
sich diese Nacht in der Jahresscheide ohne Zweifel

Kapitel 11

=- ZF
den steifen Grog machen wird, zu dem Du ihm das
Material im Flaschenkorb mitgegeben, so stoßen wir
in der Ressouurce darauf an, daß wir dent nächsten
Sylvester hier mit ihm gemeinsam feiern !
, Gebe Gott, daß dies ein Wort sei!' flehte
Madame Kollmann, sich in ihr Schicksal ergebend,
da sie wußte, daß gegen einen so bestimumt aus-
gesprochenen Willen ihres sonst fü sie sehr nach-
giebigen Mannes keine Einwendung zu machen sei.
Als er sie dann aber bei der Hand nahm und mit
ihr zum Essen ging, konnte sie doch die leise wieder-
holte Bemerkung nicht unterdrücken, daß er es Justine
leicht mache, über das schwere Unrecht hinwegzu-
kommen, welches sie gegen John und gegen sie
Beide begangen habe.
,. Fühlst Du denn das Alles gar nicht? fragte
sie voll Schmerz und Unmuth.
, So gut wie Du, gab er ihr zurück;,aber
eine Taube, die sich zu verfliegen droht, muß man
nicht verscheuchen, sondern locken! Vorwärts, ich
bringe guten Appetit mit! Kommt zu Tisch!''
===-=
Elftes ==-s-= --
CAfif,s'
In dem großen Saal des kneiphöfischen Rath-
heuses, den man für solche Fälle benuutzte, hatte sich
gegen die achte Stunde die Gesellschaft so wie sonst
versammelt. Die Kaufmannschaft, die Beamten, das
Militär und der Ael hatten der Einladung des
Handelsstandes die gewohnte Folge geleistet.
Zwischen den schweren gllegorischen Hautrelief
gestalten, welche die Decke trugen und schmückten,

- ZZ -
hingen die alten, vielarmigen Messingkronen nieder
und beleuchteten mit ihrem Kerzenschein die Reihen
der Frauen. Sie hatten auf der den Saal um-
gebenden niedrigen Estrade ihre Plätze eingenommen,
während die Musik von der Galerie über dem Haupt-
eingang freudigen Klanges zum Tanz aufspielte.
Die Polonaise, in welcher die älteren Männer
und Frauen, den Ball eröffnend, sich der Jugend
zugesellt, war vorüber. Die Frauen hatten dabei
ihre engen Schleppenkleider, ihre Spitzenflatteusen,
die türkischen Bunde mit den in die Mode gekommenen
Paradiesvögeln auf denselben, ihre Brillanten und,
soweit ihre Wohlerhaltenheit es gestattete, auch ihre
persönlichen Reize nach der üblichen Sitte unverhüllt
gonng zur Schan gestellt. Der langsame Schleifer
war zum schicklichen Beginn des eigentlichen Tanzes
mit den sanft sich wiegenden Bewegungen ausgeführt
worden, in welchen die jugendliche Anmuth der
Gestalten sich harmonisch zu entwickeln vermochte,
und man stand sich zur Franeaise in Reih und
Glied gegenüber, als in der einen der beiden Thüren,
die aus den etwas höher liegenden Nebenzimmern
in den Tanzsaal hinunter führten, Darner erschien.
Er hatte einen jungen Mann an seiner Seite,
groß, breitschulterig, stolz getragenen Hauptes, so wie
er. Mit diesem blieb er in der Thüre stehen, ihm
den Saal und die Gesellschaft zu zeigen, oder auch,
um ihn von dieser sehen zu lassen und sie aufmerksam
auf ihn zu machen. War das letztere seine Absicht,
so gelang sie ihm vollkommen.
Gelassen, als glaube er sich unbeachtet, schien er
den Sohn auf verschiedene Männer und Frauen hin-
zuweisen, bis sein Auge auf Madame Kollmann haften
blieb. Er verneigte sich schon von fern vor ihr und
bestimmte seinen Sohn zu gleicher Ehrbezeugung.

-- - Zß-
, Da sind Sie also!'' sagte Madame Kollmann,
und man hätte nicht sagen können, was sie mit diesem
Ausruf bezweckte.
Es hatte jedoch desselben nicht bedurft, denn fast
Alle hatten Darner bereits gesehen, und kaum hatte
Madame KoPmann Zeit gehabt, den ihr zunächst
sitzenden Fragen die Frage vorzulegen, ob sie es
schon wüßten, Naß Darner in diesem kritischen Zeit-
punkt, eben heute, seine Kinder in sein Haus geholt
habe, als die Franqaise beendet war, als die Tänzer
ihre Tänzerinnen an die Seite ihrer Mütter zurück
führten, und Darner, den frei gewordenen Durchgang
benutzend, mit seinem Sohn vor Madame Kollmann
und Justine stand.
,,Erlauben Sie mir, Madame,' sagte er, ,das
ich meinem Sohne, Herrn Frank Darner, die Möglich-
keit bereite, in Ihnen wie in Ihrem Herrn Gemahl
die gütigen Freunde zu verehren, deren gastliches
Wohlwollen mir, dem Fremden, diese Stadt sehr
schnell zur Heimat gemacht hat. Wenn ich Sie
bittenn darf, übertragen Sie einen Theil Ihrer Ge-
neigtheit von dem Vater auf den Sohn und auf
dessen Schwestern.?
,,Wir werden trachten, diese Gunst zu verdienen,'
setzte der Sohn hinzu, den okspeu bs gegen seine
Brust haltend, während er sich verneigte und Ma
dame Kollmanns Hand ergriff, sie mit ehrfurchts-
vollem Kuß zu berühren.
Madame Kollmann durfte solcher Höflichkeit gegen-
über ihre gerühmte Güte nicht verleugnen. Sie ver-
sicherte also, es solle ihr lieb sein, wenn Herr Frank
Darner und seine Schwestern es sich in ihrem Hause
wie ihr Vater gefallen lassen wollten. Franks Vor-
stellung an Justine enthob sie der Mühe, ein Weiteres
hinzuzufiigen.

-=- Z -
, Mademoiselle Willberg, die schöne frühere Be-
sitzerin unseres Hauses !' sagte Darner; und in einem
Ton, dessen Vertraulichkeit sehr abstach gegen die ge-
messene Weise, in welcher er zu ihrer Tante ge-
sprochen, setzte er hinzu: ,Ich und meine Töchter
und Madame Göttling geben uns der Hoffnung hin,
Mademoiselle Justine, daß Sie es nun nicht mehr
verschmähen werden, ein Gast des Hauses zu werden,
das, obschon in meinem Besitz, doch noch von allen
Leuten und von mir selber mit großer Befriedigung
als das Willberg'sche, als Ihr altes Stammhaus
angesehen wird.?
,,Glauben Sie denn,' entgegnete Justine, die
beiden Darner mit frohem, offenem Blick begrüßend,
, daß ich selbst es nicht heute noch als mein Haus
bezeichne? Aber es ist gut, daß es Ihnen darin
wohl ist. Ich hab's erst nicht hoch angeschlagen,
als mein Onkel es mir nahm und Ihnen gab, und
nun- man muß verschmerzen lernen l'?
,O,' rief Frank, entzückt von ihrer Schönheit,
,, diese strahlenden Augen und dieses Lächeln sehen
nicht darnach aus, als hätten Sie es mit irgend
einem Schmerze schon zu thun gehabt. ?
, Ist man so galant in England? lachte Justine.
,,Darauf will ich antworten, Mademoiselle,'' ent-
gegnete er, als man eben die Instrumente zur Ecossaise
erklingen ließ, ,darauf antworte ich, wenn Made-
moiselle mir die Ehre erzeigen will, meine Partnerin
für diesen Tanz zu sein, da ich leider im Schleifer
und im Walzer, die zu tanzen ich nicht verstehe,
auf Ihre Hand keinen Anspruch machen könnte. ?
Sie hatte seinen Arm genommen, er führte sie
in die lange Reihe der Ecossaise, und während sein
Vater sich von Madame Kollmann entfernte, um den
Täänzern wieder das Feld zu lassen, waren Darner

--- Z j -
und seine Töchter, und Frank und Justine, und
Justinens Verhalten gegen die beiden Darner der
Gegenstand von Fragen und Bemerkungen, von denen
eine jede den Unmuth ihrer Tante steigerte. Madamte
Kollmann vermochte es kaum zuu verbergen, wie sehr
es ihr mißfiel, daß man nicht aufhörte, Frank
und Justine als ein ungewöhnlich schönes Paar zu
bezeichnen, wad man auch gegen die auffallende
Weise zu bemerken haben mochte, mit welcher der
Vater und ebenso der Sohn Justinen ihre Huuldigung
dargebracht hatten.
Ein schönes Paar, das waren sie aber in der
=ehat. - Sie empfanden das selber, als die schlanke,
hochgewachsene Justine an des sie noch um Kopfes-
höhe überragenden jungen Mannes Seite durch den
Saal ging.
Frank war in Gestalt und Gesichtsbau seines
Vaters Ebenbild. Nur das Goldbraun seines reich
gelockten Haares, die dunkelblauen Augen und das
leicht bewegte, freundliche Mienenspiel unterschieden
ihn zu seinem Vortheil von demselben. Auch entging
Justine nicht der edle Bau des ganzen Körpers,
dessen Formen das weiße Kaschmirescarpin, der
weißseidene Strumpf und der von der mächtigen
Brust weit zurückgeschlagene breitschößige blauue Frack
mit feinen goldenen Knöpfen höchst vortheilhaft er-
scheinen ließen, so daß sie meinte, nie einen schöneren
jungen Mann gekannt zu haben. Es gefiel ihr, daß
sie zu ihm emporsehen mußte, daß er so viel größer
war, als der gute, arme John. Und Johns Urtheil
war in ihrem Herzen mit dieser Bezeichnung einn
für allemal gesprochen.
Frank aber war nicht weniger von seiner
Täänzerin entzückt als sie von ihm, und auch er
hatte Grund für dieses Entzücken, denn Juuustine sah

b= IZ -
wie die Göttin der Jugend aus in dem weißen,
antik gegürteten Kleide, mit dem vollen Rosenkranz
in dem leicht gewellten Haar, mit den Rosen vor
der Brust und mit den matt schillernden Perlen ihrer
Mutter, deren bleiches Weiß den Glanz von Justinens
Hautfarbe noch herrlicher erscheinen machte.
Es verdroß ihn, daß er in der Ecossaise nicht
neben ihr bleiben, daß er sich ihr gegenüberstellen
mußte; aber so oft die Tour sie zu einander brachte
und wenn er mit ihr die lange Reihe hernieder zu
chassiren hatte, um sich an das Ende der Paare zu
stellen, flogen heitere Blicke und freundliche Worte
von Aug' zu Auuge, von Mund zu Mund, und wie
alte Bekannte langten sie nach beendetem Tanze wieder
an dem Platz an, von welchem er sie abgeholt hatte.
Sie fragte, ob er sich in der Stadt schon um-
gesehen, ob sie ihm klein, ob ihm das Klina nicht
rauh, ob nicht Alles ihm fremd erscheine.
, Ich bin des Nordens und des Südens leidlich
gewohnt,'' entgegnete er, ,obschon ich nicht so viel
in der Welt herumgekommen bin als mein Vater.
Allerdings habe ich viel größere, doch auch sehr viel
kleinere Orte als diese Stadt gesehen. Ein Klima
aber, in welchem Sie, Mademoiselle Willberg, er-
wachsen sind, kann nicht rauh sein, und eine Stadt,
in deren Straßen man Ihnen zu begegnen hoffen
darf, muß jedem Manne schön erscheinen.?
, Ist es Sitte und erlaubt in England und in
der Welt, in der Sie gelebt haben, die Bekanntschaft
mit Frauen durch solche Schmeicheleien einzuleiten,
und glauben die Frauen solchen Worten? fragte
sie, ihn mit dem stolzen Blick messend, der ihr so
wohl anstand.
, Nein,'' entgegnete er ihr, ohne durch ihre Selbst-
gewißheit in der seinen erschüttert zu werden, ,nein,

- IZ--
denn Schmeichelei ist immer eine Beleidigung gegen
den, welchem man sie darbringt, weil sie leichtgläubige
Eitelkeit in ihm voraussetzt; aber ich meine, nirgends
in der Welt kann es einem Manne unerlaubt sein,
die Wahrheit zu sagen und eine Bewunderung aus-
zusprechen, die er fühlt, selbst vor der Dame nicht,
welcher er diese beglüückende Eipfindung verdankt. ?
Seine Nühe und sein fester Blick verwirrten sie.
Sie wollte es ihm aber nicht verrathen, wie ihr die
eberraschung das Blut in die Wangen trieb, wandte
sich von ihm ab zur Seite und verbarg ihr Erröthen
hinter ihrem Fächer.
Er fragte, was sie suche oder wünsche, und sie
hatte ihre Fassung auch schon wiedergewonnen.
, Ich suche,' scherzte sie, ,da ich keinen Sonnen-
schirm zur Hand habe, mich gegen die ungewohnten
Strahlen Ihrer Wahrhaftigkeit wie gegen tropisches
C,
=---gt und tropische Hitze zu wahren, so guut ic kann.
Hier zu Lande sind wir sie nicht gewohnt. Aber sind
Herrn Darners Töchter auch so blendend wahrhaft
wie sein Sohn??
Ihre Keckheit reizte ihn noch mehr. Er fand
seinesgleichen in ihr, und sicher, daß er ihr gefiel,
lenkte er, um sich nicht unvgrsichtig vorwärts zu
wagen, sondern den gewonnenen Boden zu behaupten,
in die von ihr gewollte Unterhaltung über. ,Meine
Schwester Virginie hat, wie ich glaube, auch den
Muth Ihrer Meinuung, Dolores dagegen ist sanft und
scheu wie eine Ringeltaube.
,Welch schöne Namen sind das! Sind Ihre
Schwestern so schön als diese Namen?
, Ja,- versicherte Frank, ,sie haben mich über
rascht, als ich sie sah, und ich glaube, sie sind so
gut als schön.?
,, Sie glauben das nur?'

s.
== sF -
,Ich kenne meine Schwestern ja erst seit den
vierzehn Tagen, die wir auf der Reise froh und
glücklich miteinander zugebracht haben. Da wir aber
fortan zusammen in unseres Vaters Hause, in Ihrem
Hause, und in der Gesellschaft einer Frau leben
werden, der Ihr Name, Mademoiselle, so theuer als
geläufig ist, hoffe ich, daß Sie sich selber ein Urtheil
über meine Schwestern bilden werden.?
Er verließ sie mit den Worten, da ein anderer,
dem sie sich zugesagt, sie zum nächsten Tanze holen
kam, und sie trafen darnach nicht wieder zusammen,
bis mitten in einem Raschwalzer einer der Fest-
ordner plötzlich, mit einem weißen Tuch winkend, ein
Zeichen gab.
Die Musik verstummte, die Paare hielten im
Tanze inne. Von der Ühr des Rathhausthurmes
ertönten hell und wuchtig die zwölf Schkäge der
Mitternachtsstunde; und, eingehüllt in seinen dicken
Pelz, trat der Nachtwächter des Stadtviertels, seine
Signalknarre schwingend, mitten in den Saal, die
zwölfte Stunde abzurufen, in althergebrachter Weise
das Ende des alten, den Beginn des neuen Jahres
zu verkünden, das von der Musik mit Trompeten-
schmettern laut begrüßt ward.
Aber das Wort, daß die Tage einander folgen
und einander nicht gleichen, machte sich in dem Augen-
blick der ganzen Festgesellschaft fühlbar. Mit Froh-
sinn und mit Scherzen war man sonst dem alten
Brauch begegnet. Leichten, hoffnungsreichen Sinnes,
mit zuversichtlichen Glückwünschen hatte man einander
die Hände geschüttelt, lachend hatte die junge Welt
aus dem alten in das neue Jahr hinübergetanzt,
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Lebenslust
und Lebenssicherheit als ein Glück empfindend.
Heute, als die Musik verstummte, verstummten

ß -
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s
=- AH =
auch die Menschen, und das, Schmettern der Trom-
peten begleitete nicht wie sonst die fröhlichen Glück
wünsche, sondern tönte schrill und zusammenhanglos
in die bang gethanen Fragen hinein, die von aller
Lippen kamen und in allen Herzen ihren schweren
Widerhall fanden, in die Fragen: Was hat das neue
Jahr für uns, in seinem Schooß? Wie wird es sein
an dieser Stäite, wenn es seinen Kreislauf beendet
haben wird?
Der Wächter hatte den Saal verlassen, die Flüügel-
thüren, welche in die Speisesäle führten, waren auf-
gethan, man hatte an den verschiedenen Tafeln seine ;
Plätze- eingenommen; indeß weder die Tischmusik noch -
der Rheinwein und das Knallen der Champagner-
pfropfen brachten die rechte Stimmung in die Gesell- -
schaft zurück. Wie eine lähmende Luft lag die Furcht
vor nahem Unheil über den Tafelnden, und wenn
in der leichtherzigen Jugend das Blut wieder in
Freude aufwallen wollte, so hörte sie, wie drüben
der eine die Bemerkung machte, daß man besser ge-
than hätte, den Ball zu unterlassen, und daß er
darauf die Antwort erhielt, es sei gut und klug ge-
wesen, ihn abzuhalten, da man nicht wissen könne,
wann man wieder einmal dazu Fommen werde, ein ;
Fest zu begehen.
Man that Alles so wie sonst, und es war Alles
anders. Man trank auf das Wohl des Königs und
der Königin, auf das Wohl der Stadt, des Vater-
landes, der Damen und der Abwesenden. Und bei
jedem, dieser Toaste hatte man seine eigenen Gedanken
und Sorgen, von denen man nicht sprach. Sogar f
die Jugend fand ihren Frohsinn und ihr Lachen nicht
recht wieder.
Auch Justine, ernsthaft von Natur, fühlte sich
von dem Augenblick dieses Jahreswechsels mehr als

=- Aß ==
je in gleichem Fall ergriffen. Sie hatte des Onkels
ernstes Antlitz gesehen, sie wußte, wem der Tante
Thränen galten, als man den Abwesenden Leben und-
Glück gewünscht. Sie dachte selber theilnahmsvoll
des Vetters, seit sie beschlossen, daß er eben nur ihr
Vetter bleiben solle. Ihr Gewissen warf es ihr
dabei vor, daß sie, durch den Zwang gereizt, mit
welchem man über sie verfügen wollte, in ihrem Un-
muth gegen ihre Verwandten zu weit gegangen war.
Sie wünschte das zu sühnen, und rasch wie immer
ihren Eingebungen folgend, erhob sie: sich gegen die
Sitte von ihrem Plat, ging zu dem Tisch herum zu
Madame Kollmann, neigte sich zu ihr und sagte:
,,Du bist traurig, Tante; sollen wir nach Hause
fahren? Um meinetwegen bleibt nicht hier. Es ist
ja Niemand jett mehr wohl zu Muthe hier, und wo
John auch sein mag in diesem Augenblick, braucht
er doch wenigstens nicht mit sich und anderen Komödie
zu spielen, wie wir hier seit Mitternacht. Brich auf,
wir wollen fortl?
Der Tante that dieses Entgegenkommen wohl.
Sie gab Justinen, für den Augenblick versöhnt, die
Hand. Die Mahlzeit war ohnehin dem Ende nahe,
man stand von den Tischen auf. Darner, der Ma-
dame Kollmann zum Essen geführt, bot ihr den Arm,
sie in den Tanzsaal zurüchugeleiten, indeß sie er-
klärte, sich entfernen zu wollen, und die Ihren
folgten ihr.
Verschiedene Bekannte, sie zum Verweilen nöthi-
gend, traten ihnen in den Weg. Die Gelegenheit
benutzte Frank, sich Justine noch einmal zu nahen.
Er bedauerte ihr frühes Fortgehen und wunderte sich,
daß sie den Ball vor dem Kehraus verlasse, den er
freilich nicht kenne, den man ihm jedoch als den
fröhlichsten Tanz bezeichnet habe.

s

?
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,Ach,' entgegnete sie ihm, ,sonst ließ ich mir
meinen Kehraus auch nicht gern rauben, indeß heute=-
Sie zuckte die Schultern und brach mitten im
Sprechen ab. Er wollte wissen, was sie gegen den
heutigen Kehraus einzuwenden habe.
Statt der, Antwort that sie die Frage, ob er
abergläubisch. Pr verneinte es lachend.
,Nun denn, so sind Sie weiser als ich! Ich
glaube es Ihnen aber nicht, denn es hat Jeder doch
seinen persönlichen, geheimen Aberglauben, er mag
sich stellen, wie er will. Ich glaube zum Beispiel,
daß mir der, Sylvesterabend immer eine Vorbedeutung
für das. ganze beginnende Jahr ist;. und die ängst-
liche Stille, die heute dem Augenblick des Jahres-
wechsels folgte, kommt mir nicht aus dem Sinn.'?
,Und all die Fröhlichkeit um Sie her verscheucht
das nicht?? fragte Frank perwundert.
s

-== 9F =-
,Fröhlich?? wiederholte sie; ,wer ist denn heut
hier, fröhlich? Sie haben freilich unseren sonstigen
Sylvesterjubel nicht erlebt. Allen liegt ja die Sorge,
der Gedanke an Krieg und Noth und Elend auf den
Stirnen, und mir ist zu Muthe, als hätte ich auch
Gott weiß was Alles durchzumachen. Das ist Aber-
glaube! sage ich mir selbst, und, Sie können mich
dreist auslachen, wenn Sie wollen. Ich habe aber
vor dem neuen Jahr Furcht! Es wird gewiß füür
mich kein gutes !'
,, Und ich nenne es schon jett ein glückliches,'
entgegnete Frank, ,da es mir die Hoffnung giebt,
Sie wiederzusehen !?
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Lewald.. Die Jamilie Darner. l

Kapitel 12

=- F -
Bwölftes Kapitel
Wie es sich gebührte, machte Darner am Neu-
jahrsmorgen den Damen im Kollmann'schen Hause
mit seinem Sohne die förmliche Aufwartung, ihnen
nochmals in aller Form Glück zu wünschen, und sich
zu erkundigen, wie ihnen der Ball bekommen sei.
Sie hielten sich aber nicht lange dabei auf; trotzdem
wußte Frank durch die Leichtigkeit, mit welcher er
den an ihn gerichteten Fragen über seine Reise und
über sein bisheriges Leben Rede stand, die gute
Meinung zu erhöhen und zu befestigen, welche Justine
von ihm gewonnen hatte.
Bald nachdem die Männer sich entfernt, kam
Madame Göttling mit ihren neuen Pflegehefohlenen
vorgefahren.
Frank hatte von der Schönheit der beiden
Schwestern nicht zu viel gesagt, denn sowohl Madame
Kollmann als Justine waren überrascht von dem
eigenartigen Reiz der beiden Mädchen.
Eben erst in ihr siebenzehntes Jahr eingetreten
und auf den ersten Blick einander zum Verwechseln
ähnlich, waren die Zwillingsschwestern entwickelter
und reifer, als Mädchen ihres Alters es im Norden
zu sein pflegen. Neben Justine erschienen sie klein;
doch hatten ihre mittelgroßen Gestalten das reinste
Ebenmaß, ihre Hände und Füße waren auffallend
schön geformt, und die bleiche Marmorfarbe ihrer
glanzlosen Haut, welche ihr rasch wallendes Blut
bei jeder inneren Bewegung durchschimmern ließ,
wurde durch die Fülle ihres schwarzen Haares noch
gehoben. Indeß trotz dieser Gleichheit waren sie sehr
verschieden von einander. Denn Dolores, welche
von Madame Göttling scherzend als die ältere der

=
h
== Iß -
Schwestern bezeichnet wurde, weil sie das Licht zu-
erst erschaut, hatte einen so sanften Blick, eine so
weiche Stimme und etwas so Schüchternes in ihrer
Haltung, daß Virginie mit ihren großen, ernsthaft
umherschauenden Augen und ihrer festen Haltung
in der That umt ekige Jahre älter als Dolores zu
sein schien. -
Justine, die sich vorgenommen hatte, ihre dem
Vater im Theater gegebene Zusage für seine Töchter
nach besten Kräften zu erfüllen, und die in diesem
Augenblicke durch den Besuch von Darner und von
Frank angenehm erregt war, ging ihrer alten
Freundin und den Mädchen rasch entgegen, umarmte
Madame Göttling und sagte, indem sie den beiden
Fremden ihre Hände entgegenreichte:
,,Seien Sie willkommen bei uns im Norden
und im neuen Jahre! Ich denke, wir wollen gute
Freunde werden; denn da Sie jetzt die Pflegetöchter
meiner Pflegemutter, meiner guten Franziska, sind,
dürfen wir uns ja fast als Geschwister betrachten!'
,,Ach, wie gut Sie sinb! sagte Dolores leise
und hielt Justinens Hand fest, während sie durch
-das Zimmer gingen, um Madame Kollmann ihre
RReverenz zu machen.
Madame Göttling hatte ihre neuen Pflegebefoh-
lenen angewiesen, der älteren Dame bei der Vor-
stellung nach Landessitte die Hand zu küssen, und
den schönen, kindlichen Mädchen gegenüber wäre es
auch Madame Kollmann nicht möglich gewesen, den
Ton der Förmlichkeit aufrecht zu erhalten, auf den
sie sich eingerichtet hatte. Sie empfing die Zwillinge
auf das Beste. Ihre Neugier that das Nebrige. Sie
fragte, und die Göttling erzählte, wie man jetzt die
Zimmer in dem Hause vertheilt; dann erkundigte sie
sich, ob die Schwestern von dem Anblick des ge-

==- P0ß =
frorenen Flusses und von der Kälte des Winters sich
nicht erschreckt gefunden hätten.
==, sagte Virginie, ,wir haben ja schon sechs
g e
Winter in Europa zugebracht und in Genf Schnee
und Eis gesehen; und in unseres Vaters Hause ist's ja
warm und schön. Wir sind so froh, bei ihm zu sein !'
,,Sie haben also wohl seit Ihrer Mutter Tode
nicht mehr bei Ihrem Herrn Vater und immer in
dex. Pension gelebt? fragte Madame Kollmann.
,Seit unserer Mutter Tode?' wiederholte Vir-
ginie. und sah mit ihren ernsten, klugen Augen
Madame Kollmann offenbar verwundert an. ,Unsere
Mutter ist ja nicht todt; aber wir waren nie bei ihr
und. auch bei unserem Vater nicht. Wir sind immer
mit unserer Erzieherin, mit Mistreß Sherman, in der
Havanna gewesen, bis sie uns vor sechs Jahren in
die, Pension gebracht hat.?
,Ihre Mutter lebt? Ihr Vater ist nicht Wittwer??
rief, Madame Kollmann höchlich überrascht, während
sie ihre Nichte mit heimlichem Triumph ansah.
,,Nein,? fiel Madame Göttling ein, um der
Unterhahtung üher diesen Gegenstand womöglich ein
Ende zu machen, ,und es ist meine Schuld, daß
ich Sie nicht schon davon unterrichtet habe. Madame
Darner lebt, aber sie hat sich von der Welt zurück-
gezogen. Die Ehe ist früh nach kurzem Bestehen,
bald nach der Töchter Geburt, wegen religiöser Be-
denken getrennt worden. Sie begreifen, daß es Herrn
Darner schmerzlich ist, daran zu denken und davon
zu. sprechen. Ich habe diese Thatsache auch erst
vor Ankunft der beiden Mädchen erfahren mit der
Weisung, Sie und Herrn Darners andere Freunde
dapon zu unterrichten; aber ich habe die letzten Tage
so, viel zu thun gehabt, daß ich gar nicht aus dem
Hause gekonzmen bin.?


- =eeee=
= 10! --
Es entstand eine Pause, die nicht gleich zu über-
koininen war.
leid thaten, und sie der Tante auch nicht gleich ge-
wonnenes Spiel geben wollte, suchte sie sich zurecht
zu finden.
,Sie sinh dlso katholisch?' fragte sie.
,O nein,? änkwörtete Virginie mit voller Unbe-
fangeüheit, ,wir sind bie unser Bruder von der
Kirche unsres Vatsrs, Wir haben heüte aber dem
Goktesdieiist nicht beigeiwohnt, eil der Vater wöllte,
daß wir ausruhen sollten. Er hät beföhlen, daß
Madame Göttling gleich in dieser Woche in der
Dgnikirche eine eigene Bank für uns zu schaffen
suchen soll.?
Man wär damit bereits wieder äuf den ebenen
Weg des Plauderns eingelenkt, als Kollmann ein-
trat. Nach Art der älteren Männer von jugend-
licher Schönheit rasch gewonnen und all' seine Sorge
für den Moment vergessend, begrüßte auch er die
Mädchen freundlich.
,Schade, daß mein Sohn durch seine Geschäfte
gezwungen war, uns gestern in der Frühe zu ver-
lassen,'' sagte er, zer würde sicher sehr erfreut ge-
wesen sein, Ihnen vorgestellt zu werden, Sie und
Ihr Brüder, wwürden mit ihm eine prächtige gsrtis
gnsrrss gemacht hahen, und wir haben es Ihrem
Herin Väter zu dänken, daß er Sie uns wie einen
Fiühling in unsere trübe Winterzeit gebracht hat.
Nun muß ich alter Mann versuchen, Ihnen die neue
Heimat und unser Haus, so gut es gehen will, lieb
zu machen, öbschon die Zeiten leider nicht darnach
angethan sind.?

= JGZ --
Dieser Willkomm war ihm, eben weil er die
beiden Schwestern schön fand, von Herzen gekommen,
und er hatte mit der Erwähnung seines Sohnes
keine bestimmte Absicht irgend einer Art gehabt, sondern
den Mädchen nur etwas Verbindliches sagen wollen.
Seiner Frau aber, die ihren Mißmuth gegen
Justine doch noch in sich trug und die in allen
solchen Dingen nie ohne eine gewisse Berechnung
zu handeln, also auch nicht leicht an die Harmlosig-
keit eines Andern zu glauben vermochte, leuchteten
Kollmanns Worte wie ein Signal entgegen für den
Weg, den man einzuschlagen habe, um Justine zu
bestrafen; und Virginie machte ihr die ersten Schritte
auf demselben leicht.
Des Umgangs mit Fremden und aller Galanterie
noch ungewohnt, freute sie sich der kleinen Schmeichelei,
die Kollmann ihr und der Schwester gesagt,' und ihm
unaufgefordert die Hand gebend, sagte sie:
,Ach, Sie Alle sprechen vom Winter, aber wenn
wir hier nur den Leuten gefallen und sie zu uns
so gut sind wie Mademoiselle Justine und Sie
Beide, so mag nur der Schnee liegen bleiben auf
den Nußbäumen und dem Gärtchen an dem gefrorenen
Flusse hinter unseres Vaters Haus; und wir werden
hier glücklicher sein als in der Pension und als
unter den Kokusbäumen in der Havanna. Aber
wird er nicht wiederkommen, Ihr Herr Sohn, der
fortgegangen ist??
,,Gewiß,'? versicherte die Mutter, indem sie ihr
die Wange streichelte, ,er soll wiederkommen, sobald
es irgend geht .. .?
, Und er wird sich beeilen,'? fiel ihr Justine ein,
,,wenn ich ihm schreibe, welch reizender Zuwachs
unserem Kreise durch Sie und Ihren Bruder jetzt
geworden ist.?


-- P0Z --
,,Fürs erste,'? meinte der Vater, der die beiden
Frauen klar durchschaute, ,stehen uns nur leider aller
Wahrscheinlichkeit nach weniger erwünschte Gäste bevor,
und ich fürchte, Sie werden von den sonstigen An-
nehmlichkeiten unseres hiesigen Lebens und von unseren
Lustbarkeiten njcht viel zu sehen bekommen!''
,Nun,'' persetzte die Göttling, ,da wird uns
nichts übrig beiben, als eng zusammenzurücken
und zu versuchen, wie wir uns unter einander die
Zeit vertreiben. Nicht wahr, Justine, Du kommst
bald einmal, zu sehen, wie es in dem guten, alten
Hause aussiehte'?
,eute noch,? rief Justine, ,wenn die Tante
für de Abend nicht etwa Jemand geladen hat, so
daß ich zu Hause bleiben muß. Zum Mittag haben
wir freilich, wie an jedem Neujahrstage, das Personal
des Komptoirs zu Tisch . . ?
, Und zum Abend,' bemerkte Madame Kollmann,
,vergiß es nicht, hat der Onkel seine Spielpartie!
,Nun, dann morgen!'r schlug die Göttling vor.
,,Komm noch zu heller Stunde und trinke darnach
mit uns den Thee!''
Die Einladung wurde angenommen, und die
Einführung von Darners Töchtexn war damit ge-
macht. Denn da Madame Kollinann den Verkehr
ihrer Nichte mit den beiden Mädchen zugestanden,
lag es in ihrem Interesse, daß auch die Familien
ihres Umgangskreises sie gastlich empfingen, ohne -
sich um ihre näheren Verhältnisse weiter zu erkun-
digen. Ihre Abneigung gegen Darner, der sie alle
unter sein Belieben beugte, ihr Unwille gegen Juustine
hatten sich jedoch dadurch nicht vermindert: und es
verdroß sie, als Kollmann, nachdem er den Damen
cz - =-====-

Kapitel 13

-
-
- Jßg =
,Gut, daß der Junge für das Erste fort ist!
Die Mädchen sind wie geschaffen dazu, älteren als
ihm den Kopf zu verdrehen; und wenn die Töchter
ihrer Mutter gleichen, hat Darner sich auf Schönheit
gut verstanden!'r
gppgpgpgggggggg
Dreizehntes Kapites
Justine war es sonderbar zu Muthe, als sie
am Nachmittage des folgenden Tages die Schwelle
ihres Vaterhauses zum ersten Male wieder überschritt
und sich von dem herbeigekommenen Diener in dem-
selben wie eine Fremde anmelden zu lassen hatte;
denn dad Altbekannte war vorhanden und war doch
anders geworden, so daß es sich ihr wie in einem
Traume darstellte.
Die schön geschnitten, alten Schränke freilich
nahmen noch immer die ganze rechte Seite des
Hausflurs ein. Die holländischen alten Marinebilder
hatten noch die alten Plätze über den Thüren des
kleinen Stübchens zur Linken und über der des
Komptoirs; aber man hatte die Küche ausgebrochen,
um noch ein Zimmer für das Komptoir zu schaffen,
zu dem jetzt große Glasthüren führten. Die Wände
des Flurs waren hell in marmorirter Oelfarbe ge-
strichen, der steinerne Fußboden durch Dielen ersetzt,
und statt des kunstvoll gearbeiteten Modells des
Willberg'schen Dreimasters ,Neptun von Königsberg'
hing jetzt eine doppelarmige Messinglaterne von der
Decke hernieder. Ebensolche Laternen standen auf.
großen Kandelabern auch zu beiden Seiten am Fuße
der Treppe. Teppiche, die zum Besteigen einluden,
deckten die Stufen, auf denen Virginie und Dolores

n
k..
s
J
== 10H-
herniedereilten, den lieben Gast zu empfangen; und
krreA e
solches benützt, bis ihr Haus in Darners Hände
üübergegangen war, fand sie sich überrascht von der
Einrichtung, deren geschmackvolle Schönheit ihren
Reichthum vergessen machte.
,Ach, Franziska,' rief sie, als Madame Göttling
ihr entgegenkam, ,wie schön ist das Alles hier ge-
worden!? Aber von ihrer Empfindung überwältigt,
fiel sie, mit ausbrechenden Thränen, der Freundin um
den Hals, die sie zärtlich beschwichtigend an sich drückte.
De Mädchen standen verlegen dabei. In dem
Augenklick trat Frank in das Zimmer.
-- Mr EAunA
Thränen noch an ihren Wimpern zittern, und seine
Augen zu ihr wendend, sagte er:
,Sie weinen! Ich verstehe das. Es schmerzt
Sie, Fremde an dieser Stätte zu sehen, und wir
hatten uns so gefreut, Sie bei uns zu begrüßen!'
Justine war wieder ihrer Meister geworden.
,Achten Sie nicht darauf,? bat sie, ,denn ich
schäme mich vor Ihnen Allen und Hor mir selbst am
meisten. Aber''=- und wieder kam die Rührung
über sie -,hier stand der Nähtisch meiner Mutter,
die ich freilich nicht gekannt, den mein Vater mir
aber als ein Heiligthum an meinem zehnten Ge-
burtstag schenkte. Dort, wo jetzt die Bilder von
Washington und Lafayette hängen, hingen meiner
Eltern Bilder als Brautleute. Hier stand meines
Vaters Lehnstuhl, in dem er verschieden ist!r? Sie
schüttelte wie unwillig über sich selber das Haupt
und fügte scherzend hinzu: ,Und da oben in der
Ecke, am dritten Fenster, da habe ich mein Leben

=-- Jüs -
und Treiben gehabt, von meinen Puppenspielen bis
zu dem Tage, da ich aus dem Hause ging. Das
kam mir alles auf einmal in den Sinn! Lachen
Sie nicht über diese Gefühlsseligkeit, ich bin sonst
nicht so weichlich, nicht so zum Weinen geneigt.. .?
,,Lachen? Ach, wie könnten wir das? Wenn es
Ihnen nur nicht weh thut, wenn es Sie nur nicht
abhält, wiederzukommen?? fiel ihr Virginie ein, indem
sie sich an den Arm Justinens hing.
,Im Gegentheil,' rief Justine, ,das Herz geht
mir hier ja auf in leben Erinnerungen; und nun
kommen Sie, wir wollen gleich das ganze Haus
durchwandern, damit ich sehe, was geblieben und
was geändert ist; und wenn Sie zu mir kommen,
so zeige ich Ihnen den ganzen lieben alten Kram,
den ich aus meinem Hause mit zu mir, in meines
Onkels Haus hinübergenommen habe.?
Man machte sich auf den Weg.
An Franks Arm und von Madame Göttling
geführt, ging Justine mit ihnen zunächst in das
Speisezimmer, das ganz nach englischer Sitte einge-
richtet war. Man begab sich darauf in den großen
Saal, in welchem man an Justinens Geburtstag,
seit sie alleinige Herrin des Hauses gewesen war,
die Kindergesellschaften gegeben, und wie sie, davon
erzählend, in den Gang gelangten, der das Vorder-
haus mit dem Hinterhause verband und an dessen
Seite die Stuben lagen, in denen man seit der An-
kunft von Darners Töchtern die inzwischen wieder
angelangte neue Einquartierung untergebracht hatte,
machte Frank die sehr natürliche Bemerkung, daß er
und seine Schwestern eigentlich hier noch die Fremden
wären. Denn nachdem Justine ihre Rührung über-
wunden, bewegte sie sich mit voller Sicherheit, und
ohne daß sie es beabsichtigte, mit einem gewissen


is -
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=- 10?-
Herrschaftsgefühl in dem Hause, als sei sie es noch,
die hier nach dem Rechten zu' sehen und ihr Urtheil
abzugeben habe, über das, was man geändert und
was man damit geschaffen hatte.
Die Dämmerung war inzwischen hereingebrochen,
aber Justinens Augen hatten wieder ihren hellen
Glanz gewonnen, und wie man sich dann zum Im-
biß niederließ und Darner selber für ein halbes
Stündchen sich' den jungen Leuten zugesellte, sah man
ihm die Freude an, seine Kinder um sich zu haben.
Er hatte Justine nie besser gefallen als an diesem
Abende.
Die ernste Freundlichkeit, mit der er den Sohn
behaksdelte, die scherzende Weise, in welcher er Virginie
begegnete, wenn er sich glücklich pries, nun ihr Thun
und Treiben nicht mehr nach der Pensionsuhr regeln
zu müssen; das Läächeln, mit welchem er es ihr zu-
gestand, daß sie jetzt einmal acht Tage schlafen und
aufstehen dürfe, ganz wie es ihr gefalle, gaben seinem
düstern Antlitz eine Milde, die es nie gehabt, und der-
Blick, mit welchem er wäährend des Tändelns der s
beiden Mädchen Justine wie im geheimen Einver- s
ständniß ansah, machte sie empfinden, daß ihr Darner s
viel- näher stand, als sie es gewußt. Ja, als Dolores
neben seinem Stuhle lehnend, sich an den Vater
schmiegte und dieser sie an sich zog, ihr die Stirn
zu küssen, reichte Justine ihm unwillkürlich ihre Hand.
Stunden wie diese hatte sie nie erlebt. Es war
alles so neu, so frisch, so eigenartig zwischen diesen
durch die engsten Bande des Blutes zusammen ge-
hörenden und doch zum erstenmal vereinten Menschen,
die im harmlosesten Gespräche die Bilder ferner Länder,
anderer Welttheile heraufbeschworen, wenn sie zu ein-
ander von ihrex Vergangenheit sprachen; und wie es
Justine verwirrt und erschüttert hatte, in dies Haus

=- J0Z -
einzutreten, so überraschte es sie, daß es ihr so wohl
mit Darner und den Seinen wurde, daß ihr Frank
und seine Schwestern um eines solchen Vaters Liebe
beneidenswerth erschienen.
Sie sprach das gegen ihre alte Freundin aus,
als die beiden Männer sich entfernt hatten.
,,Lerne ihn nur kennen,? sagte die Göttling.
, Ich habe Dir nicht zu viel von ihm gesagt! Der
Kern seines Herzens ist gewiß einmal sehr weich
gewesen, aber sein eiserner Wille ist Herr darüber
geworden, und ich habe oft gedacht, weil er sich kein
Herzensglück erzwingen könne, sei es sein einziges
Glück geworden, die Menschen und die Verhältnisse
zu seinem Willen zu zwingen. Ob das jetzt anders
werden wird, nun er die Kinder bei sich hat, das
weiß ich nicht. Aber es lebt sich gut mit ihm. Er
vergißt niemals, was er sich und Anderen schuldig
ist, weder in der That noch in der Form. Für das
Beisammenleben ist das ja die Hauptsache, und was
er thut, thut er nicht halb. So macht er sich jetzt -
das sehe ich schon in wenigen Tagen aus allen seinen
Anordnungen- im vollen Sinne des Wortes zum
Familienvater.?
Das muntere Geplauder der Schwestern unter-
brach dies Zwiegespräch, und bald darauf kam der
Diener, Justine heim zu holen.
Sie nahm von dem Abende, von diesem ersten
Besuche in Darners Hause einen Eindruck mit, der
sie nachhaltig beschäftigte.
Frank hatte ihr schon am Sylvesterabend ge-
fallen, und in seinem Verhalten gegen den Vater
und gegen die Schwestern noch weit mehr. Die
spanischen Lieder, welche die lieblichen Mädchen ge-
sungen, klangen ihr in der Seele nach. Das Ge-
heimnißvolle, das die Familie umgab, machte sie ihr

= ,ßß -
noch anziehender, während sie nicht aufhören konnte,
an ihr altes Haus und seine schöne Umgestaltung
zu denken.
Daß die Tante sich ablehnend gegen Justinens
lobende Schilderung des Abends zeigte, bestärkte
diese in ihrem Vorsatt, zu den Darners zu halten;
und sie gab ihre Neigung für dieselben überall kund,
wo Darner, seine Kinder vorgestellt hatte und wo
Justine mit ühnen zusammentraf.
In Bezug auf Frank fand sie den Frauen und
Mädchen gegenüber leichtes Spiel. Der schöne junge
Mann empfahl sich ihnen selber; seine Schwestern an-
langend, bewahrte man eine kühle Vorsicht. Die einen
fagden sie zu fremdartig, die anderen zu naiv.
,,Es mußte,'' so sagte man, ,doch auch eine
besondere Bewandtniß damit hahen, wenn eine Frau
von dem Manne und von ihren Kindern fortgehe,
sich in ein Kloster zu flüchten.? Man vermuthete,
sie sei wahrscheinlich gar nicht Darners Frau ge-
wesen, oder sie müsse von ihm Dinge erfahren oder
erlitten haben, die sie zu einem so unnatürlichen
Schritte gedrängt hatten.
Man wollte sich nicht. voreilig vorwärts wagen, j
- sich näher zu unterrichten suchen, eben nur thun, was s
die Schicklichkeit verlangte, um die armen Mädchen s
nicht zu kränken und es mit demn Vater und dem j
liebenswürdigen Bruder nicht zu verderben. Sie j
gleich einzuladen, hatte man nicht nöthig, es lebte j
ja jett ohnehin jeglicher nux still für sich; man
konnte sich Zeit lassen bis auf bessere Tage.

Kapitel 14

- F 10 -
Vierzehntes Kapitel!
Daß man in Königsberg jettt still für sich in
den Familien lebte, das hatte seine Richtigkeit. Aller
gesellige Verkehr war ins Stocken gerathen, seit der
König und sogar die schwer kranke Königin, wie man
es gefürchtet, die Stadt verlassen hatten.
Die zum Hofe gehörenden Beamten, die Minister,
die fremden Gesandten waren dem König auf der
Flucht gefolgt. Wie konnten die Bewohner von
Königsberg noch auf den Schutz des Landesherrn
für sich hoffen, seit er sich nach der äußersten Grenze
seines Landes begeben hatte, um dieselbe nöthigenfalls
sofort überschreiten zu können.
Jeder hatte jetzt mehr noch als sonst. für sich
selbst zu sorgen. Jeder hielt jetzt seine Mittel zu-
sammen, soweit die Rücksicht auf die Einquartierung
eine solche Einschränkung zuließ. Aengstliche Leute
vergruben ihre Silbergeräthe, versteckten den Schmuck
ihrer Frauen. Die Furcht vor nahem Unheil lastete
auf allen Menschen.
Nur im Darner'schen Hause war seit der An-
kunft seiner Kinder ein neues, heiteres Leben ein-
gezogen, obschon auch Darner den Umständen Rech-
nung trug. Als Madame Göttling ihn in der
zweiten Woche des Jahres gefragt, wer für das ge-
wohnte Mittagsbrod am Sonnabend eingeladen werden
solle, hatte er entgegnet, daß für das Erste von diesen
regelmäßigen Gesellschaften Abstand zu nehmen sei,
weil man es als Theilnahmlosigkeit oder Prunksucht
auslegen könne, wenn er sie fortsetzte; und abgesehen
davon wünsche er, daß die Geschwister sich erst mit-
einander und im Hause in aller Ruhe einleben sollten.
Aus dem gleichen Grunde hatte er seit der Ankunft

s
-- 1 --
der beiden Mädchen die Anordnung getroffen, daß
die fremden Offiziere besonders bewirthet wurden,
während er mit seiner Familie allein seine Mahl-
zeiten einnahm.
An jedem Tage sah man ihn, wenn er von der
Börse kam, mit seinen Töchtern eine Ausfahrt oder
einen Spazierggng machen, wie man seinen Sohn
in der Börse regelmäßig an seiner Seite traf; und
Frank hatte denn auch, als der Januar zu Ende
gegangen war, festen Fuß gefaßt auf dem ihm fremden
Boden.
Im Komptoir hatte er seinen Platz in dem
Separatkabinet erhalten, in welchem Darner selber
arbeitete und die Leute empfing, mit denen er zu
sprechen hatte. Es war ihm ein bestimmter Theil
der Geschäfte zugewiesen worden, und der Vater
hatte ihn in die Angelegenheiten des Hauses so weit
eingeweiht, als er sie kennen mußte, um sich in
ihnen erfolgreich zurecht finden zu können.
Des Vaters weitsichtige Klugheit hatte Frank
mit Bewunderung erfüllt. Des jungen Mannes Ver-
ständniß und die Art, in welcher er rasch die Fäden
zu ergreifen und festzuhalten vermochte, durch welche
das Haus von Lorenz Darner nit den großen aus-
wärtigen Firmen zusammenhing, in deren Filialen
man Frank in den letzten Jahren hatte arbeiten
lassen, befestigte des Vaters Zutrauen zu des Sohnes
Tüchtigkeit. Und da es bei dem Jahresschluß des
Geschäftes eben viel zu thun gab, hatte der Vater
ihn auch nach dieser Seite hin gleich mitten in die
Arbeit hineingestellt. Er sollte denen, die bestimmt
waren, ihm früher oder später untergeben zu werden,
es gleich von Anfang an darthun, daß er die Auf-
gabe jedes Einzelnen nicht nur zu ermessen, sondern
im gegebenen Falle auch zu leisten vermöge.

b P -
An. einem Abend, an welchem man wieder einmal
weit über die gewohnte Zeit im Komptoir gearbeitet
hatte, kam Frank erst in das Wohnzimmer hinauf,
nachdem die Göttling und seine Schwestern sich bereits
zur Ruhe begeben hatten. Darner saß noch am Kamin,
die Zeitungen lesend, welche die Post gebracht.
,Sind die Herren fort? fragte Darner, indem
er die Blätter zur Seite legte.
,Ja, mein Vater! Da Hilgens bliebr -- Hilgens
war der Prokurist des Hauses -,konnten die anderen
füglich nicht vom Plate, und ich glaube, er wollte
versuchen, ob ich Stich halten würde.?
,Sehr möglich; in jedem Falle thatest Du wohl,
zu bleiben. Wer zur rechten Zeit den rechten Gehor-
sam finden will, muß ihn gezeigt und überhaupt im
Kleinen wie im Großen bewiesen haben, was er leisten
kann. Die Kanone, welche Bonaparte vor Toulon
dirigirt und abgefeuert, ist ebenso unerläßlich für die
Herrschaft gewesen, die er erreicht hat, weil er sie er-
reichen wollte, als sein ägyptischer Feldzug und die
Schlachten von Marengo und von Austerlitz.?
, Und doch hat sein Emporkommen etwas Wunder-
bares !r meinte Frank.
,,Wunderbar sind nur die Kraft und der Wille,
welche wir in Bonaparte vor uns haben,? bedeutete
ihn der, Vater, ,denn jede lebendige Kraft, einmal
vorhanden, verlangt sich zu entfalten in angemessener
Bethätigung. Da die seine in den Verhältnissen,
in -enen sie entstanden war, sich weder entfalten
noch genugthun konnte, mußte sie sich aus ihnen be-
freien. Je mehr sie sich eingeengt. und gedrückt fand,
um sg gewaltsamer und höher mußte, sie naturgemäß
steigen, um so, fortreißender und vernichtender, mußte
sie füx, alles werden, was sich ihr nicht durch, Unter-
ordnung nutzbar machte, was sich. ihr widersetzte.

ks
s

?
s-
-- 1Z --
Das ist das Geheimniß all der einzelnen Menschen,
die sich aus der Niedrigkeit erhoben und Erfolgreiches
geschaffen haben.?
Seine Stirne leuchtete, als er die Worte sprach,
der Sohn hörte ihm in Verehrung zu. Er wollte
sprechen, hielt sich zurück und sagte dann endlich:
,,Sie denken nicht allein an Bonaparte, auch
an Ihr eigenes Leben denken Sie. Auch Sie haben
sich, wie Sie mir einmal anwertraut, aus geringem
Stand und aus drückenden Verhältnissen emporge-
rungen, indeß Sie haben mir nie gesagt- .
,Wer darf sich nennen neben diesem Titanen,
oder dgs eigene Wollen und Vollbringen mit dem
seinigen vergleichen?? fiel Darner ein, der Frage be-
gegnend, die der Sohn stellen zu wollen schien und
die zu beantnzorten er nicht gewillt war. ,Aber daran
halte fest: rkser Wille ist unser Schicsal! Alle Kraft
einsetzen, um ihn durchzuführen, ist das eigentliche
Leben, ist der Genuß desselben!?
Darner hatte sich erhoben und war an das
Fenster getreten.
Die Zimmer, die er für sich eingerichtet, lagen
auch im Hinterhause, nach dem Gärtchen und dem
Flusse hinaus. Die Nacht war dunkel, kein Stern
am Himmel. Nur da, wo am andern Ufer des
Flusses, auf der Speicherseite, der Schein der dort
spärlich aufgestellten Laternen einen Lichtschimmer
verbreitete, sah man den Fluß und die Erde dicht
mit Schnee bedeckt. Kein Laut war vernehmbar
ringsumher.
Frank war in tiefe Gedanken versunken.
Er war immer nur in Zwischenräumen, in kurzen
Begegnungen mit seinem Vater zusammengetroffen, es
war dann stets nur von den eben vorliegenden That-
Lewald. Die Familie Darner. l.
S

=- P14 -
sachen und Nothwendigkeiten die Rede gewesen zwischen
ihnen. Er wußte wenig von seines Vaters Geschick,
weniger noch von seiner Mutter, die gestorben war,
als sie ihm das Leben gegeben. Er war auf See
geboren. So wie heute hatte sein Vater niemals zu
ihm gesprochen; und von den Lippen des Mannes,
der ein großes Vermögen aus dem Nichts erschaffen,
der sich aus Niedrigkeit zu einem Kaufmann ersten
Ranges emporgeschwungen, hatten die Worte etwas
Neberwältigendes, obschon Frank nicht klar sehen
konnte, wo hinaus der Vater wollte.
,Sie haben ein festes Ziel im Auge, Vater!
Können und wollen Sie es mir bezeichnen, mir sagen,
was Sie zu erlangen wünschen? fragte er.
Der Vater wendete sich zu ihm zurück und sah
ihn forschend an, als wolle er sich überzeugen, wie
weit er mit dem Sohne gehen dürfe; dann sagte er
mit eiserner Bestimmtheit:
,,Was ich erstrebe? Das Einzige, was des Stre-
bens lohnt: Macht, die Herrschaft giebt. Macht und
Herrschaft sind die eigentlichen großen Eigenschaften
des Wesens, das über uns unsichtbar und unbegriffen
waltet. So viel Macht und Herrschaft zu erringen,
als ihm möglich ist, ist die Aufgabe des in sich zum
Bewußtsein gekommenen Menschen - und auch ohne
sich dessen klar bewußt zu sein, strebt ein Jeder dar-
nach. Das Verlangen darnach ist die bewegende Kraft
in dem Einzelnen. In unseren Verhältnissen, für den
Kaufmann, ist großer, die Freiheit des Handelns ge-
bender Besitz das Mittel zum Zwec denn das Wort
der Engländer hat seine Richtigkeit: ,Geld ist Macht!:
Den alten herrschenden Mächten wird sich mit der
Zeit eine neue Macht entgegenstellen, welche bis zu
einem gewissen Grade die alten Mächte bändigen und
in Schranken halten wird.?

i
z!
T!
!
-- 1J --
,Ich glaube zu verstehen,? fiel Frank ihm ein, s
,wohin Sie zielen. Aber wie wollen Sie, der Einzelne, s
auf Ihrem, auf dem Wege des Kaufmanns, eine !
, einflußgebende Macht erringen??
,Waren, die Medici, die Fugger keine Mächte? f
Sind die holländische, die ostindische Kompagnie keine s
Mächte? Und. wer hat sie gegründet?? warf der f
Vater ein.
,Jene Mächte bildeten sich in Zeiten,' bemerkte
- Frank, ,in denen die Kraft nicht thätig war, die Sie
selbst als eine phänomenale bezeichnen, und die sich
zum Beherrscher der Herrscher zu machen gewillt ist.?
Darner bewegte langsam das ernste Haupt.
,E, giebt noch andere Waffen als die Kanonen
und die' Schwerter! Die Macht, vor welcher die
Tyrannei und Willkür der Eroberungslust sich beugen
- muß- die Macht, durch welche England den Kaiser
im Schach hält, die früher oder später die Welt zu
ihrem Willen, zum Frieden zwingen wird, und vor
der selbst ein Napoleon inne halten muß, obschon er
sie zu seinem Nachtheil unterschätzt-- das Schwer-
zF.Iae -==- -
,Mein Vater!' stieß Frank hervor, aber Darner
achtete nicht darauf.
,Welcher Souverän hat es gewagt,' fuhr er
fort, ,dem Kaiser entgegenzutreten wie das Haus
Hope, als Napoleon seinen Finanzminister nach
Holland schickte, sich nach dem Guthaben des franzö-
sischen Bankhauses Ouvrard zu erkundigen, um das
. Guthaben mit Beschlag zu belegen und dadurch
Duvrard unter seinen Willen zu beugen? Welcher
- der Herrscher von Europa hätte ihm, wie Hope, die
Antwort zu geben gewagt: ,Vir sind Ihnen keine
Rechenschaft darüber schuldig, ob wir Duvrard'sche
z

- 1 --
Gelder in Händen haben!!=- Und was hat Napoleon
gegen Hope zu thun vermocht?? -
Er machte eine Pause, als erwarte er eine Ant-
wort. Da der Sohn sie schuldig blieb, hob Darner
noch einmal an:
,Das ist der dumpfe Fleck in dem Kopfe des
Gewaltigen. Er verachtet die Arbeit des Bürgers,
er verachtet den Kaufmannsstand und die Macht des
Handels. Das Wort, das er der Antwerpener
Handelskammer in das Gesicht geschleudert: ,Ein
Kafgnn jeh hgr fr kunf Frgghäüh
Tökläiserkguft!: darf lhii k' IekFessen werden
unb''Glksich äii'ihm rächen!?
Darner ging wieder im Zimmer auf und nieder,
die Arme fest über die breite Brust gekreuzt.
,,Sie müssen fortfahren, mein Vater!' sagte
Frank nach einer Weile des Zuwartens, ,da Sie
einmal begonnen haben, wenn ich mich nicht in dem
Lahyrinth verlieren soll, an dessen Eingang Sie mich
führten!r
Darner blieb vor ihm stehen.
,Die Menschheit, sich selber überlassen, ist im
Einzelnen wie im Ganzen zerstörungslustig, auf den
Kampf in sich gestellt. Sie will beherrscht sein, muß
beherrscht werden. Die Kraft eines Einzelnen hat
aber noch niemals dazu ausgereicht, sie zu einigen
und unter eine Macht, ein Gesetz zu binden. Kein
Herrscher hat bisher die äußere Herrschaft über die
Welt erreicht, nach welcher er getrachtet. Aber der
Gedanke des Einzelnen, in vielen Seelen fortzeugend,
sich thatkräftig entfaltend-- der vermag, was dem
Einzelnen unmöglich ist. Der christlich-religiöse Glaube
ist ein solcher Gedanke gewesen!' fuhr er zu reden
fort, während er sich wieder dem Sohne gegenüber
niederließ. ,Entsprungen in. dem Geist und Herzen

-- PI? --
eines Mannes aus dem niedern Volke, hat er die
Reiche der alten Welt, die Despotien wie die Repu-
bliken, überwältigt; die ganze alte Kultur hat, sich
ihm unterordnen und dienstbar machen müssen, und
alle späteren Neugestaltungen sind bis heute unfähig
gewesen, die Macht zu vernichten, welche Jener vor
fast zweitausegd Jahren erzeugte Gedanke in der
Organisation der römischkatholischen Kirche gewon-
nen hat. Selbst Napoleon hat sich seiner Herrschaft
nicht sicher geglaubt, bis das Oberhaupt der Kirche,
der Papst, ihm die Krone auf das Haupt gesettt.
Aber auch die Kirche und ihr äußeres Bestehen sind
abhängig von der Macht des Geldes! Wer hält das
Papstthwm als das Geld der Gläubigen? Wer erhält
den prunkenden Dom von Sankt Peter, als das
spanische Geld? Wenn die Aristokratien, die welt
lichen wie die geistlichen, welche die Fürsten und die
Kirche sich zu ihrer beiderseitigen Stüte aufrecht-
erhalten, ohnmächtig geworden sein werden vor der
Glaubenslosigkeit der großen Massen an sie und ihre
Bedeutung, dann wird die Geldmacht in ihren großen
und untereinander durch ihre Interessen verbundenen
Gruppen, dann werden die maresmnes rennis, welche
Napoleon jezt noch verhöhnen zw können wähnt, die
Macht sein, mit welcher die Herrscher sich in das
Gleiche zu setzen haben werden! Und Napoleon hat
es doch jetzt schon vor Augen, wie Spanien, wie er
selber sich auf Duvrard stützen, wie sie sich dessen
Maßnahmen fügen müssen, weil nur dieser und die
ihm vertrauenden und mit ihm arbeitenden Handels-
großmächte im Stande sind, das Geld, das man
braucht, von jenseits des Weltmeeres zu heben und
flüssig zu machen, wo es gebunden und brach liegt.
Die Zeit wird kommen, in ,welcher die vereinten
Geldmächte durch Gewährung und Versagung der

!
11s -
Kredite und der Anleihen der Kampfgier der Völker
wie der Eroberungssucht der Herrscher die Grenze
vorzeichnen werden, innerhalb deren sich ihre Will-
kür zu bewegen hat.
, rieden du dje Macht des Geldes?! rief
Frank, unfähig, sein Ersiaunen zu verbskgen.'-
,, Frieden aus dem dringenden Bedürfniß der
Menschheit, die ihn nöthig hat, wenn sie nicht in
Barbarei versinken soll! Frieden aus dem Bedürfniß
derer, die etwas zu verlieren haben, und von denen
jene Anderen abhängen, die am Tage zu erwerben
haben, was der nächste Tag erheischt!r?
Er hielt inne und sah lange nachdenkend in das
Steigen und Sinken der Flammen, in das Aufsprühen
der knisternden und erlöschenden Funken. Dann
sprach er:
,,Das Leben und die Welt sehen sich won ver-
schiedenen Standpunkten sehr verschieden an. Mir
ist es nicht so gut wie Dir geworden. Du hast Deine
Hand und Dein Gemüth weich erhalten können in
der wohl vorbereiteten Lage, in der ich Dich heran-
wachsen ließ.?
,, Ich empfinde das dankbar, mein Vater,' sagte
Frank, ,Ihr Weg ist schwer gewesen, wie Sie mir
einmal gesagt.?
,Ja, er war schwer! Ein hartes Geschick hat
mich früh hinausgeschleudert in die Welt, heimatlos,
besitzlos, ununterrichtet, ohne jegliche Erziehung! Was
ich davon errungen und es ist weitaus nicht, was
ich bedurft-- danke ich mir selbst. Als zerrissenes
Stückwerk habe ich mir's anzueignen gehabt, wo ich
es eben finden konnte, in einzelnen Stunden, in
langer Jahre Lauf. Aber wenn ich in nächtlicher
Weile Wache gehalten in tiefem Dunkel, auf schwan-
kendem Maste im weiten Ozean, wenn ich Tage und

F
1
i



== 19 --
Tage in Windstille vor Anker gelegen, ist mir Vieles -
durch den Sinn gegangen, habe ich viel erwogen, !
viel geträumt. Ich habe lange Jahre gehraucht, ehe
ich festen Boden unter die Füße bekommen habe, um f
mich darauf in verhältnißmäßiger Freiheit bewegen
zu können. Auf mich allein gestellt, habe ich von
da an getrachtet, mein Träumen und mein Thun
in Zusammenhang zu bringen mit den Vorgängen
um mich her, und das Treiben der Anderen ver-
stehen zu lernen, wie es sich mir auf meinem wech-
selnden Lebensweg enthüllte. Vieles ist seitdem ge-
schehen, was man noch vor einem Jahrzehnt, hätte
man es, zu prophezeien gewagt, als die Ausgeburten
eines phantastischen Gehirns verspottet haben würde.
Aber ,an soll solch Träumen, man soll sein eigenes
Träuken nicht unbeachtet lassen und nicht schelten,
denn oftmals entspringt es aus dem geheimen Gefühl f
unserer inneren Kraft; ist doch Alles Traum, und
all. unser Denken wesenloses Spiel des Gehirns, bis
der Wille es in Wirklichkeit verwandelt. ?
Frank hing staunend an des Vaters Lippen. Er
hatte in ihm diese grübelnde Natur, diese Art von
- praktischer Phantastik nicht geahnt, und er war doch
dem Vater verwandt genug, sie zu begreifen. Mit
der Lebhaftigkeit der Jugend erfaßte er seine Hand.
,Warum haben Sie mich so lange fern von sich
gelassen?? fragte er warmen Herzens.
,Weil ich von Dir, von meinen Kindern Ersatz
begehrte für das, was das Schicksal mir selbst ver-
sagt!f' entgegnete Darner, und das feste, kalte Wort
erschreckte den Sohn in diesem Augenblick. Dem Vater
entging das nicht, er gab Frank die Hand und sprach
in milderem Tone: ,Mir hat eine regelrechte Bil-
dung gemangelt, ich will mich der Deinen erfreuen.
Meine Jugend ist düster und schwer gewesen, die

- PE0-=
Eure soll glücklich sein. Ich habe unerfahren mich
selber führen müssen, Euch werde ich führen an das
rechte Ziel, und Guer Glück soll mir das lohnen, soll
das meine werden !?
Es war spät geworden, Darner stand auf.
,Niemand,? sagte er,,hat von meinem Munde
vernommen, was Du heute von mir gehört. Ich
habe Dich eingeführt in meine Geschäfte, Du solltest
auch einen Einblick haben in meine Gedanken, in
meine Ansichten und Absichten. Verstehe und ehre
dieses Zutrauen!''
Er wollte sich damit entfernen. Der Sohn, der
sich gleich ihm erhoben hatte, hielt ihn noch zurück.
,,Entlassen Sie mich noch nicht,'' bat er den
Vater, ,ohne mir vorher das Losungswort für die
Zukunft gegeben zu haben, in der ich neben Ihnen
arbeiten soll. Was denken Sie thun zu können, um
an Ihr Ziel zu gelangen?
,, Immer nur das Nächste! Um wirken zu können,
muß man auf festem Boden stehen. Ich habe ihn
hier gewonnen. Um Zutrauen zu finden in weiten
Kreisen, muß man Herrschaft in kleinem Kreise geübt
haben. Ich übe sie hier an bescheidenem Platze. Was
ich erstrebe, haben Andere vollbracht. Ob ich mein
Ziel erreiche, das kann ich, das kann kein Streben-
der voraussehen; aber das thätige Wgllen ist das
wahre Lehen. Für sichselber Freiheit des Handöliüs?
erringen, indem man der Gesammtheit nütt, ist
Glück-- das ist's, was ich erstrebe. Blicke nach Westen
hin, auf die Geldmacht, welche dort in Europa, hin-
übergreifend über das Weltmeer, sich durch Heirathen,
durch Familienverbindungen und gemeinsame Unter-
nehmungen schon lange gebildet hat. Eine solche
Verbindung des Kapitals fehlt nach Osten hin. In
Deutschland, Desterreich, Rußland, in der Türkei

G
A
s
s
=- 1--
sind große Dinge zu thun und zu erreichen durch s
die Kraft des dort brach legenden Kapitals. Was f
im Westen Baring, der Abkomme eines armen Tuch-
scheerers aus einer kleinen englischen Provinzialstadt, s
geleistet hat, das ist im Osten von Europa und über f
seine Grenze hinaus noch zu schaffen. Sie sind durch s
ihre Heirathenhund ihre ineinandergreifenden, einander f
stützenden Geschäfte eng und solidarisch verbunden, s
sind eine Macht: die Baring, die Hope, die Labou-
cheres, Parish, Siler, die Lestapis, wie die zu ihnen f
gehörenden Firmen am andern Ufer des Ozeans-
und ihre Anfänge waren klein und zersplittert geng.
Anfangen!. In Petersburg, in Wien, in der Türkei f
regensich die Kräfte! Man muß anfangen versuchen,
sie z vereinen, denn der Anfang ist des Weges
Hälfte, und anfangen in dieser Zeit, in welcher unter
gemeinsamer Erschütterung im Zusammenbrechen vieles
Alten Raum für Neues wird, in welcher Einer ohnehin
auf den Andern angewiesen wird. Aber wie diese
Zustände fördern, können sie auch hindern, indeß
etwas wird immer geschaffen sein. Ich werde mein
Leben und meine Kraft voll auszuleben trachten, Ihr
werdet den Plat, auf dem Ihr stehen könnt, nicht
erst zu suchen brauchen; werdet durch die Heirathen,
die ich für Euch im Auge habe, meine Absichten
fördern helfen. Das, was vielleicht Lorenz Darner
nicht erreicht, das mag das Geschlecht, das er in diesem
Hause der Kaufmannswelt zuu erziehen hofft, fortsetzen
in seinem Sinne und in seiner Kraft; dann lohnt
es immer, gelebt zu haben! Aber genug für heute,
I.E R - ==
Sie horchten beide auf. Man klopfte heftig an
die Hausthüre; sie ward geöffnet, gleich darauf brachte
der Diener einen Brief hinein.

Kapitel 15

mgn?E?e ö-
=- 12=-
, Eine Estafette! meldete er.
Darner erbrach und durchflog das Schreiben.
,Lies !'r sagte er, indem er es dem Sohne hin-
reichte.
Es lautete:
,In der Nähe von Landsberg, von Eylau,
stehen die Heere einander gegenüber! In jeder
Stunde kann der Zusammenstoß erfolgen !r
Frank blickte den Vater an.
,Was muß man thun?? fragte er.
,Was der Augenblick gebieten wird!r entgegnete
Darner ruhig und verließ das Zimmer. Frank blieb
allein zurück.
Er war im Tiefsten aufgeregt; er bewunderte
seinen Vater und doch war eine Scheu vor ihm rege
geworden in seiner Seele. Die Selbstsucht in des
Vaters Liebe hemmte den freien Strom ber Zu-
neigung, die Frank für ihn gehegt. Unwillkürlich
glitten die Worte: ,Mittel zum Zweck!? über seine
Lippen.
Er konnte sie nicht vergessen.
SelwwüwnEwwgggöFFg
Jünfzehntes Kapitel
Die Nachrichten, welche jene Estafette gebracht,
hatten sich als richtig erwiesen.
Die Schlacht von Eylau war geschlagen, und
obschon das vereinte Heer der Preußen und der
Russen in ausdauernder Tapferkeit dem Feldherrngenie
des französischen Kaisers an den beiden Schlachttagen
den tapfersten Widerstand geleistet, hatte es ihn nicht
vom Schlachtfelde zu vertreiben vermocht. Beide

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==- 1Z =-
Theile schrieben sich den Sieg zu; Napoleon aber
zählte fortan den Tag von Eylau zu seinen Sieges-
tagen, wie die Tage von Marengo, von Jena und
von Austerlitz.
Die Preußen hatten sich gen Osten gewendet,
den Zusammeyhang mit der russischen Hauptmacht
aufrecht zu erhalten; der Theil des russischen Heeres,
welcher bei Eylgu gefochten, zog sich ngch Königsberg
zurüch um womöglich die Hauptstadt des Königreichs
vor den Franzosen zu bewahren, und! es war nicht
vorauszusehen, welche Folge Napoleons Verweilen auf
dem Schlachtfelde haben werde. Es ,war die erste
große Schlacht, welche er in, dem winterlichen Norden
geschlggen, das erste Mal, daß er die Tausende und
Tauonde, die unglücklichen Opfer seines Ehrgeizes
ihr Lebensblut, wie früher in der Gluth des Wüsten-
sandes, auf Schneegefilden verströmen sehen.
Das friedliche Königsberg war sich selber nicht
mehr ähnlich. Da die Russen als Verbündete und
Freunde der Preußen in die Stadt gekommen, hatte
man sie gut aufzunehmen. Die preußischen Behörden
waren in ihrer Thätigkeit geblieben, hatten sich jedoch
, den Befehlen des russischen Kommandirenden zu
fügen. Alle Häuser lagen jeyt, voll russischer Ein-
auartierung, überall mußte man sich in die möglichste
Enge zurüchiehen, um Platz zu schaffen für die
Fremden, für Gesunde, für Kranke und Verwundete.
Die Kirchen der Stadt, die Börse und alle irgend
verwendbaren Räume waren in Lazarethe verwandelt.
In dem großen Saal des Rathhauses, in welchem
Frank und Justine am Sylvesterabende so fröhlich
ihre Bekanntschaft gemacht, wüthete das Lazarethfieber
derart, daß man nicht Leute genug hatte, die Todten
Ae. UMdr

z?s=r- -.
==- PS -
sie in Haufen zusammenfroren, ehe die Leiterwagen
sie holen kamen- ein Bild des Entsetzens für die
Vorübergehenden.
Jn kurzen Zwischenräumen hörte man den
Marschtritt der Regimenter, das Rasseln der Pulver-
wagen, der Kanonen, die russischen Kommandoworte
erschallen. An alle Thüren klopften die Soldaten
mit ihren Quartierbilleten. Kein Frauenzimmer der
gebildeten Stände war auf den Straßen zu sehen,
und selbst in den Häusern, in welchen man nicht
höhere Offiziere zu empfangen hatte, hielten die Frauen
sich vor den Fremden zurück.
In fliegender Hast jagten die bärtigen Kosaken,
die den Vorpostendienst versahen, auf ihren kleinen,
leichten Pferden, die eingelegten Piken nach ihrer
Weise weit vorgestreckt, von den Thoren durch die
Straßen der Stadt nach dem Schlosse hinauf und
wieder zurück über den gefrorenen Fluß, nach den
Thoren und vor die Stadt hinaus, nach der Seite hin,
von welcher man das Anrücken der Franzosen erwartete.
Der russische Feldherr residirte in den Zimmern
des Schlosses, welche von dem Könige bewohnt worden
waren. In einem der großen Säle fand eine Ver-
sammlung statt. Der Landhofmeister von Preußen
hatte die Kaufmannschaft zu derselben berufen lassen.
Die russischen Truppen mußten unterhalten werden,
und die königlichen wie die Stadtkassen waren leer.
Es handelte sich um jene Beiträge, die man frei-
willig zu leisten hatte, wenn man zu ihnen nicht
gezwungen werden wollte. Die Aeltesten des Handels-
standes, Kollmann und Berkenhagen, standen an der
Spitze mit ihren Darbringungen, Darner zeichnete
eine Summe, welche alle Erwartungen übertraf, und
er bot sie mit einem Gleichmuth, der bei den Einen
Achtung, bei den Anderen Neid erregte.

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==- 1ßJ -
Aber er that mehr als das. Den ganzen Morgen
waren seine Leute in seinen Speichern beschäftigt,
Getreide nach den in der Stadt belegenen Mühlen
zu schaffen, um dem Bedürfniß der rasch errichteten f
Feldbäckereien zu genügen und den ärmsten Be-
wohnern der zStadt auf Darner'sche Anweisungen
Brotmehl zu ßhaffen. Er war selbst an Ort und
Stelle gewesenz die Aüsführung zu regeln; Frank
hatte mit Ungeduld der Rückkehr des Vaters gewartet,
da er auf Anordnung desselben, zum Schuy der
Schwestern, hatte zu Hause bleiben müssen.
Es war schon gegen Mittag, als Darner nach -
Hause kam. Der Sohn eilte ihm mit der Frage
entgegen, was es auf dem Schlosse gegeben habe.
, aDie Kontribution, auf welche man gefaßt zu
sein hatte, und die nicht die letzte und nicht die
schwerste sein wird lr antwortete Darner, während
er sich nach dem Komptoir begab, den nöthigen Befehl
für die Zahlung des gezeichneten Betrages zu er-
theilen. Er war groß geng, auch den Sohn zu
überraschen. Obschon er sich keine Bemerkung darüber
erlaubte, errieth der Vater, was er dachte.
, Es ist ein bedeutender Posten!'- sagte er,
,,indeß gerabe in Zeiten der Noth hat man darzu-
thun, daß man von ihr nicht mitbetroffen ist; und
sich zu unterschäten, ist ebenso unanständig, als es
eine falsche Spekulation ist. Kollmann hat sich auch
klug und anständig gezeigt. Ich acceptire von ihm
Wechsel auf sein Rigenser Haus. Sein Beitrag
ist hier von unserer Kasse mit dem meinen ein-
zuzahlen.'?
Frank blieb an des Vaters Seite, so lange
derselbe in der Kasse und in seinem Kabinet be-
schäftigt war; dann fragte er, ob er seiner noch be-
dürfe, und da Darner dies verneinte, zog er rasch

=- 1Z --
den beschnürten Leibpelz an, drückte die Zobelmütze
auf den Kopf und verließ das Haus.
Schnellen Schrittes hattte er die Entfernung bis
zum Dome durchmessen. Der ganze Platz rund um
denselben war in ein Bivouak verwandelt. Bis an
den Fuß der Freitreppe, die zum Kollmann'schen
Hause hinaufleitete - es nahm die halbe Westseite
des Platzes ein- lagerten russische Soldaten, die
eben aus großen Kesseln ihr Mittagessen verzehrten.
Der Dampf stieg in die kalte, klare Luft hinauf.
Vor dem Hause stand ein Doppelposten. Ein paar
Offiziere kamen die Treppe herunter, ein anderer
stieg sie neben ihm hinan. Es war ein Kommen
und Gehen, denn der Kommandeur eines Regiments
war mit seinen Adjutanten bei Kollmann im
Quartier.
Frank mußte erst den Diener suchen, der ihn
melden sollte, und folgte, ohne die Antwort abzu-
warten, ihm auf dem Fuße nach.
Als man ihm die Thüre der Wohnstube öffnete,
sah er Madame Kollmann und - einen russischen
General, der ihr gegenüber saß. Ein Pack von alter
Leinwand lag auf dem Tische, sie zupfte Charpie
und hielt in der Arbeit inne, den Eintretenden dem
General vorzustellen. Sie sprach deutsch, da General
von Stromberg, ein Kurländer, das Deutsche selbst
als seine Muttersprache ansah.
Justine, um derentwillen Frank gekommen, war
nicht im Zimmer. Den ganzen Morgen hatte es
ihm keine Ruhe gelassen. Der Gedanke, daß auch
das Kollmann'sche Haus wieder voll fremder Offiziere
sei, daß man sie zu empfangen, da sie als Ver-
bündete gekommen, mit ihnen als Gäste zu ver-
kehren habe, wenn sie es begehrten, hatte ihn ges
peinigt. ,Mit welchem Rechte? fragte er sich.

s
-=- hZ? --
Nichts war bisher ausgesprochen worden zwischen
ihm und ihr; aber seit dem Abende, an welchem er
die tiefgreifende Unterredung mit seinem Vater ge-
habt, war es klar in ihm geworden, was bis dahin
nur wie ein frohes Ahnen beglückend in ihm gelebt.
Jn dem Augenblick, in welchem der Vater ihm
dapon gesprochen, daß bei seinen Plänen auch die
Verheirathung seiner Kinder eine Rolle spiele, hatte
er empfunden, daß seine Wahl getroffen sei.
Nur die Ankunft der Estafette hatte ihn ge-
hindert, dies zu erklären, und in der Unruhe der
letzten Tage hatte die Rede nicht davon sein
können.
Er dachte nicht darüber nach, wie diese Liebe
in ihm entstanden sei; er hatte sie vorahnend
empfunden, als er Justine zum ersten Male gesehen.
Wie sie am Sylvesterabend neben ihm gestanden,
schlank und hoch gewachsen, ihm frei ins Auge
blickend, war sie ihm wie für ihn geschaffen, mehr
als je vorher ein anderes Mädchen, als seinesgleichen
vorgekommen. Das hatte ihm gefallen, und weil
spröde zu thun dem Selbstgefühle Justinens fern lag,
hatten sie bald miteinander verkehrt, als wären sie
von je beisammen gewesen.
Nichts in ihrem Betragen hatte jemals seine
Huldigung herausgefordert. Sie hatte sie angenommen,
wie er sie ihr geleistet, als etwas, das ihr gebühre.
Die Auszeichnung, mit welcher sie seinem Vater, die
beschützende Vorliebe, mit der sie seinen Schwestern
begegnete, hatten seinen Dank und ein Gefühl der
Gemeinsamkeit in ihm erweckt, die ihm Justinen noch
mehr zu eigen gegeben; und das Alles hatte sich in
der kurzen Zeit, in dem nicht allzu häufigen Bei-
sammensein als etwas so Selbstverständliches zwischen
ihnen gemacht, daß er sich erst darüber zu wundern

-=- 18 -
anfing, seit er sich seiner Liebe für Justine bewußt
geworden war.
Ob sein Vater für ihn an eine Verbindung mit
Justine dachte, dessen war er nicht gewiß; denn
obschon sie als die reichste Erbin ihrer Vaterstadt
betrachtet wurde, konnte Darner reichere Mädchen im
Auslande für ihn im Sinne haben. Daß er aber
keine andere zum Weibe nehmen werde, wenn Justine,
wie er zuversichtlich glaubte, seine Liebe theilte, das
stand fest bei Frank-- und er fühlte sich als seines
Vaters Sohn.
Sonst, wenn er einmal bei einem seiner Besuche
im Kollmann'schen Hause Justine nicht gleich an-
getroffen, hatte seine erste Frage nach der Begrüßung
ihr gegolten. Heute wollte sie ihm nicht über die
Lippen, obschon sein Auge und sein Ohr mit
Spannung ihres Kommens harrten. Er neinte, die
bloße Nennung ihres Namens müsse es der Tante und
dem Fremden verrathen, wie sehr er sie ersehnte; und
er mußte doch den Anwesenden gebührend Rede stehen.
Der General, eine edle, vornehme Erscheinung,
hatie es bedauert, so viel Störung im Hause machen
zu müssen.
,Ach!' rief Madame Kollmann, indem sie mit
den schmalen, spitzen Fingern wieder einen Faden
aus der Leinwand zog und glatt neben den anderen
niederlegte,,ach, gebe der Himmel, daß wir Sie
lange unter unserem Dache behalten, Herr General!
denn was stünde uns bevor, wenn Sie gezwungen
würden, uns zu verlassen!?
Frank war achtsam geworden.
,Glauben Sie, daß Napoleon sich hierher wenden
wird, Herr General? fragte er.
,,Er hatte seine Garden noch um sich,' entgegnete
dieser, ,als wir das Feld räumen mußten. Wenn

D
«

!
-- 129-
er die Kraft dazu hat, eine neue Schlacht zu wagen,
wird er sie gewiß erzwingen, da er es nach beiden
Seiten im Augenblick nur allein mit uns, oder allein
mit Ihrem Heere zu thun hätte.?
,,Und man hat, wenn man das fragen darf,
keine bestimmten Anzeichen für sein Vorhaben? er-
kundigte sich Fränk.
,Es sind kleine Trupps von Franzosen in der
Richtung von Königsberg wahrgenommen, einige
Versprengte eingebracht worden! Vorbereitet sein ist
allealn erwiderte der General, als die Thüre sich
öffnete und Justine eintrat.
Unwillkürlich ging Frank ihr rasch entgegen.
,Den ganzen Tag hab' ich an Sie gedachtl'r
sagte er halblaut, indem er ihr seine Verbeugung
machte.
,Und ich an Sie!f' gab sie ihm mit gewohnter
Offenheit zurück. Dann wendete sie sich zur Tante
und zu dem General und sagte: ,Es ist alles fertig,
man hat einen Schreibtisch in das Zimmer geschafft,
Ihr Adjutant ist neben Ihnen untergebracht ..
,,Und,? fiel der General ihr ein, ,Sie sind aus
Ihrer Wohnung durch uns vertrieben, Mademoiselle,
wie ich eben von Madame Kollmann erfahren habe.
Legen Sie mir nicht zur Last, was ich unfreiwillig
perschulde.?
,Machen Sie sich keine Sorge darum,? versetzte
fie. ,Wer denkt denn jettt daran, in Ruhe leben zu
können? Lebt unsere arme Königin in Ruhe? Sind
Sie selbst in Ihrer Heimat??
,Wie Sie es nehmen wollen!'' entgegnete der
Gefragte.
,So sind Sie von preußischer Abkunft? er-
kundigte sich Frank.
Lewald. Die Familie Darner. U
9

-- 1Z0-
,,Auch darauf,'' meinte der General, ,könnte ich
die gleiche Antwort geben. Das Geschlecht derer
von Stromberg ist in Schwaben zu Hause. Ein
Sohn desselben trat dereinst in den Orden der
Deutschherren ein. Er war zur Zeit der Säkularisation
des Ordens Komtur des hier am Haff gelegenen
Deutschherrenschlosses Balga, ward lutherisch und
heirathete eine kurländische Erbtochter. Von ihm
stammten zwei Söhne. Seinen Namen Eberhard ver-
erbte er auf den Sohn, der das kurländische Majorat
überkam, und ihn trage auch ich. Er kommt jedoch
- auch in dem andern Zweige der Strombergs, bei
den Nachkommen seines zweiten Sohnes vor, für den
er hier am Haff ein Anwesen der alten Komturei
von Balga, das Schloß Waldritten, gekauft hatte,
das er ebenfalls zum Majorat erhoben und das
an uns fallen würde, wenn die jüngere Linie, was
der Himmel verhüte, aussterben sollte.r
,Waldritten!r fiel Frank ihm ein. ,Das Gut
Waldritten grenzt, wie ich gehört, mit meines Vaters
Besitzung, mit Strandwieck, zusammen!'r
,,So werden Sie einmal in meinem Neffen und
Pathen, der meinen Namen trägt, in Baron Eberhard
von Stromberg, einen angenehmen Nachbar haben.
Er hat in Heidelberg und Jena Kameralia studirt,
hat vor Jahr und Tag sein Assessorexgmen abgelegt
und wollte, nach dem Brauche seines Hauses, für un-
bestimmte Zeit im preußischen Staatsdienst arbeiten.
Indeß die Poeten und Philosophen, mit denen er in
Jena zusammengekommen ist, die Schöngeister,''
spottete er lächelnd, ,haben es ihm angethan. Er
kehrte nach seinem Examen noch einmal nach Jena
zurüc, ging dann zum zweiten Mal auf Reisen, und
ich weiß in diesem Augenblicke nicht, wohin der treff-
liche Mensch, der aber ein Schwärmer, ein Ideologe

s
P
z
=- 1Z --
ist, seinen Stab gewendet hat. Was giebt's?? unter-
brach er sich selbst, da rasche Schritte auf dem Gange
vernehmbar wurden und der Adjutant, ohne sich
melden zu lassen, an die Thüre klopfte, um einen
Bericht zu erstatten.
Der General erßob sich.
gB ls gnerrs comms s lu gnerrs!? sagte er,
sich entschuldigend, und folgte dem Adjutanten.
Vom Platze herauf hörte man Kommandoworte
und Trommelwirbel. Die. Mahlzeit der Soldaten
war unterbrochen, die Truppen nahmen die Mäntel,
die Tornister auf und eilten zu den zusammen-
gestellten Gewehren. Aus der Ferne wurden Trom-
petensignale gegeben, ein Trupp Kosaken jagte mit
jauchzendem Rufe über den Platz.
Frank und die beiden Frauen waren an das
Fenster geeilt. Er hatte Justinens Hand ergriffen.
,Die Franzosen sollen in Aweiden, in Schön-
fließ sein!'' rief Kollmann in das Zimmer tretend.
,Gott im Himmel,? klagte seine Frau, ,was
soll aus uns werden! Was fängt man an? Wenn
John, wenn John nur bei uns wäre!' rief sie unter
Thränen und ließ sich auf das Sopha fallen. ,So
rede doch, Kollmann, rede doch! Du stehst auch so
dä, Justine! Und Sie, Herr Darner, was wird Ihr
-Vater denn thun? Redet doch, was soll man denn
thun? Konrad, redezdoch!'?
,Nichts, auf seinem Posten bleiben und das
thörichte Weinen und Klagen lassen, bis es Zeit dazu
sein wird !' antwortete Kollmann, der in diesem
Augenblick die Geduld verlor, welche er sonst seiner
Frau bewies. ,Wir stehen in Gottes Hand !?
Fnk war noch einmal an das Fenster gegangen.
,Sie brechen guf!'' sagte er. ,Ich muß fort.
Wenn Sie wüßten, was mich das in diesem Augen-
g ?

=- 1Z? --
blick kostet?' fügte er leise, hinzu, während der Lärm
auf dem Platze und das Laufen und das Sprechen
und Befehlen und das Klirren der Schleppsäbel im
Flur und auf der Treppe immer lauter wurden.
Die Tante barg ihr Gesicht in die Kissen des
Sophas, Kollmann ging schweren Schrittes auf und
nieder und blieb darnach auch wieder am Fenster
stehen.
Frank empfahl sich mit kurzen Worten.
,Wenn etwas bei Ihnen vorfällt, Herr Koll-
mann,? bat er, ,lassen Sie's uns wissen, wir wollen
auch Nachricht senden!r
,Wenn es geht!' setzte Kollmann hinzu.
Frank war bleich geworden, Justine standen die
Thränen in den Augen. Als er das Zimmer ver-
lassen mußte, wendete er sich noch einmal ach ihr
um, dem Blicke widerstand sie nicht. Sie folgte
ihm nach.
Draußen breitete er ihr die Arme entgegen; sie
warf sich an seine Brust.
,,Kommen Sie wieder,? bat sie unter seinen
Küssen,,ach, kommen Sie bald wieder!
,Mußt Du darum erst bitten!rr rief er. ,Aber
habe Muth, Justine, solch Glück zerstört der Himmel
nicht! Kann ich, so komme ich heute noch! Lebe
wohllr
,Leb' wohl!' und noch einmal zog er sie an
seine Brust; dann schieden sie.

Kapitel 16

-- 1ZZ--
Sechzehntes Kapitell
Der Tag war voll Verwirrung gewesen. Zwei
mal waren die russischen Truppen alarmirt worden
und wieder zurückgekehrt. Gegen den Abend hatten
VarrUe
bangen Erwartens.
Es war der Befehl ertheilt worden, die Fenster
durch die ganze Stadt bis zum Tagesanbruch zu er-
leuchten. In rascher Folge zogen die Patrouillen
mit lautem Aufruf durch die Straßen.
Frank war spät am Abend noch einmal in das
Kollmann'sche Haus gegangen, hatte den Hausherrn
- nicht anwesend gefunden und war von den Damen
nicht angenommen worden. Man sagte, Madame
Kollmann habe infolge der Aufregung ihre Nerven-
zufälle bekommen und Mademoiselle könne sie nicht
verlassen.
Darner hatte seine unverheiratheten Handlungs-
gehilfen im Hause behalten; sie wachten im Komptoir.
Es war Mitternacht, als der Diener in das Wohn-
zimmer der Familie trat, um die niedergebrannten
Kerzen durch neue zu ersetzen. Fast gleichzeitig kamen
Darner und Frank aus dem Komptoir herauf in
den nach der Hauptstraße gelegenen großen Speise-
, saal, der jetzt als Wöhnstube der Familie zu dienen
hatte.
,Seid Ihr noch da? rief Darner, als er seine
Töchter mit Madame Göttling noch beisammen fand.
,Das ist ja gegen die Ordnung!'
,!ir können doch nicht schlafen gehen, wenn
Sie und alle Leute wachen!'' meinte Dolores und
hing sich an seinen Arm.

-- PZg-
,Gerade deshalb könnt und sollt Ihr Euch zur
Ruhe legen. Du siehst blaß aus, und auch Virginie
läßt den Kopf hängen. Sich gesund und rüstig zu
erhalten ist das Wichtigste! Geht zur Ruhe!
,Ich habe das den Mädchen auch gesagt!'
meinte die Göttling, indem sie die Leinwandbinden,
an denen sie arbeitete, zusammenlegte, ,sie wollten
mir jedoch nicht folgen.?
,Wie kann man denn schlafen, Vater,'' wandte
Dolores ein, ,wenn man in jeder Minute denken
muß, die Franzosen kommen, die Schlacht geht los,
es schlägt eine Kugel in unser Haus, oder die gräß-
lichen Kosaken, die wie Wilde durch die Straßen
jagen, brechen bei uns ein? Der eine russische Unter-
offizier, der etwas Deutsch kann, hat dem Hausmädchen
gesagt, noch vor morgen käme es gewiß zur Schlacht.?
,In unserer Pension,? fiel Virginie ein, ,war
eine junge Jtalienerin, die Teresita Conza, deren
Vater auf seinem Schloß nahe bei Marengo wohnt.
Die hatte in der Nacht nach der Schlacht von Ma-
rengo neben ihrer Schwester im Bett gelegen und
geschlafen, und dicht vor dem Schloß war es dann
zwischen den Fliehenden und ihren Verfolgern noch
einmal zu einem Kampf gekommen, und durch eine
Kugel, die in das Schloß geschlagen, ist die arme
Julia zerschmettert worden.?
, Und,? wagte Dolores sich schüchtern heraus,
,wenn gar nichts zu befürchten ist, weshalb hast Du,
Frank, denn heute Deine Pistolen probirt, die Du
verschlossen gehalten, seit wir nach der Reise hier an-
gelangt sind? Und weshalb sind die Herren im
Komptoir? Weshalb wachen Sie selber, lieber
Vater?
Darner hatte ihnen Zeit gelassen, sich auszu-
sprechen.
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I
j
-- 1ZB --
,Mich dünkt,r' sagte er, ,da Ihr mich wachen
seht, könntet Ihr alles Erwägen mir überlassen und
thun, was ich Euch heiße. Ich wache, so lang ich
es für angemessen halte, wache für und über Euch.
Frank bleibt bei mir und Ihr geht!r?
Die Töchter küßten ihm die Hand, sahen ihn
und den Bruder ängstlich bittend an, umarmten dann
auch diesen, und verließen das Wohnzimmer. Darner
und Frank traten beide an das Fenster.
, Ich glaube, die Menschen würden ruhiger sein,'?
bemerkte Frank, ,wären die Straßen dunkel. Dieses -
Sehenwollen, wo nichts zu sehen ist, dieses müßige -
Warten auf. ein Unheil, das. kommen. lann, ißß schon -
-eiü Unheil. Könnte man es xaschex fommen machen, -
es wäre ein Gewinn!'?
,Gewiß,'' bekräftigte der Vater,, denn man hätte
-ihm dann zu stehen, hätte etwas zu thun, seine Kraft
a
einzusetzen. Das fürchtende Zuwarten spannt all-
mälig ab. Aber eben deshalb werden jetzt viele
schlafen, und wenn die Nacht ruhig vergehen sollte,
am Morgen glauben, sie ganz durchwacht zu haben.
Dies beiden Mädchen sicherlich! setzte er mit einem
Lächeln hinzu, während er sich auf den mit einem
türkischen Teppich behängten Diwan streckte, der am
ohern Ende des Zimmexs stand. ,Wachen will auch
gelernt sein; und wie vjele wissen überhaupt, wo ihr
Denken und ihr Träumen in einander fließen? Wie
wenige wissen, was sie wollen!?
Frank, den bei aller Unruhe und unter all den
wechselnden Ereignissen des Tages der Gedanke an
Justine riüt verlassen hatte, faßte des Vaters letzte
Worte auf, und ohne seinen Platz am Fenster zu
verlassen, sagte er:
, ,Nun, ich wenigstens habe das Glück zu wissen,
was ich will, und denke, mein Ziel zu kennen.?
s

-- PZs--
,Da ich es Dir gewiesen,'? fiel der Vater ein,
,ist das nicht schwer für Dich. Die Frage ist nur,
ob man am erreichten Ziel so glücklich ist als auf
dem Wege zu demselben, ob man es sich nicht immer
weiter hinaus stecken muß, um in immer neuer
Kraftanstrengung seines Lebens froh zu werden.?
Die Unterbrechung, wie die Art, in welcher der
Vater seine Aeußerung aufgefaßt, machten Frank un-
gewiß darüber, ob er jezt sprechen oder noch schweigen
solle; aber seit er die Geliebte in seinen Armen ge-
halten, war das Verlangen nach ihrem Besitz mit
Leidenschaft in ihm erwacht, und an den Vater her-
antretend, sagte er:
,Ich bin gewiß, mich glücklich zu fühlen am er-
reichten Ziel, und mir, wie Sie es nennen, darnach
doch auch neue, weitere Ziele zu stecken.r
,Was soll das heißen?? fragte Darnek.
Frank hielt einen kurzen Augenblick inne und
sagte darnach:
,,Seit dem Abend, an welchem Sie mich ihr vor-
gestellt, habe ich Justine Willberg geliebt. Seit heute
sind wir einig. Ich glaube, diese Heirath wird nach
Ihrem Sinn sein.?
Darner hatte sich aufgerichtet; den Arm auf das
Lehnpolster des Divans gestützt, den Kopf erhoben,
blickte er zu dem Sohn empor.
,,Der Tag ist sonderbar gewählt für eine Liebes-
werbung und diese Stunde ebenso für die Mittheilung,
die Du mir machst!r
,Ich hatte fest auf Ihre Zustimmung gerechnetl
entgegnete Frank, betroffen durch des Vaters Antwort.
,,Weitreichende und bindende Unternehmungen
entscheidet man nicht ohne Neberlegung, Angelegen-
heiten wie diese nicht mit einem Ja oder Nein!
Seze Dich nieder!'r

-- 18? -
Der Sohn gehorchte. Darner griff in die offen-
stehende Eigarrenkiste, zündete eine neue Eigarre an,
ging an das Fenster, da eben wieder eine Patrouille
die Straßen durchzog, kam dann zu dem Sohn zurück
und nahm seinen Sitz auf dem Divan wieder ein.
Frank bezähmte nur mühsam seine Ungeduld.
, Justine ist schön, ist gesund und hat ein festes
Herz, das sind große Eigenschaften sür die Ehe,''
hob Darner an, nachdem er seine Eigarre in Zuuug
gebracht. ,Ihr Vermögen ist in England sicher an-
gelegt, und als ich mich hier niederließ, als ich den
Plan faßte, Dich und die Schwestern hierher kommen
zu lassen, habe ich selbst an eine Heirath zwischen
Dir und ihr gedacht. Es paßte mir, Euch in der
ersten hiesigen Kaufmannsfamilie festzusetzen, obschon
Justinens Vermögen, daß sie hier zur reichsten Erbin
macht, nicht groß ist im Vergleich zu ausländischen
Verhältnissen. Umstände aber verändern die Sache,
und vielleicht--
,So hätten Sie mich Justine nicht sehen lassen
sollen! rief Frank mit aufwallender Empfindung.
Der Vater beachtete es nicht.
,Als ich Dich im Herbst von London nach Ant-
werpen kommen ließ, um mit Dir die Reise der
ScZwestern zu besprechen, hast Du im Hause von
Matthias Steenhoven, dem die Frau vor zwei Jahren
gestorben ist, seine-Tochter gesehen. Er dachte schon
damals daran, sich mit einem noch jungen Frauen-
zimmer wieder zu verheirathen, und hatte mir An-
deutungen darüber gemacht, daß er in dem Fall die
- Tochter aus dem Hause goben wollte. Du hast ihm
und der Tochter gefallen. Egegestern hat er mir seine
Verlobung angezeigt und mir in Bezug auf Dich
seinen Vorschlag gemacht. Anna Steenhoven--
,Anna Steenhoven und Justine!'? stieß Frank

-- PZs -
hervor. ,Wie mögen Sie sie nennen neben einander?
Das wortkarge, kalte Wesen--?
,Wird Worte finden für Dich, und Feuer, dächte
ich, hast Du für Euch Beide. Sie ist sechzehn Jahre
wie Deine Schwester, hat feine Züge, und solche
bleiche holländische Mädchen werden oft die schönsten
Weiber. Dabei würde sie Dir schon als Mitgift
ein Vermögen zubringen, bedeutend größer als
Justinens ganzer Besitz, und der Name Steenhoven
ist viel werth, mehr als hier die Verbindung mit der
Nichte Kollmanns !?
Sein Auge ruhte fest auf Frank. Es beirrte
denselben nicht, aber er schwieg.
,Nun?? fragte Darner nach einer Weile.
,,Sie können wohl denken, daß ich nichts darauf
zu erwidern habe, da ich Justine liebe.?
,Du hast mir das gesagt, und ich wundere mich
darüber nicht. Indeß überlege Dir die Angelegenheit,
da ja ohnehin, wie die Verhältnisse jetzt hier sind,
vernünftiger- und schicklicherweise von einer Werbung
und öffentlichen Verlobung zwischen heute und morgen
nicht die Rede sein kann.?
,MNur das Eine geben Sie mir zu,' fiel Frank
ihm ein, ,daß von einer Wahl zwischen Anna Steen-
hoven und Justine auch für Sie keine Rede sein
könnte ohne das Geld der Steenhovens.?
,Schlage das Geld nicht gering an, weil es Dir
niemals gefehlt hat, weil Dir alle die weitreichenden
Vortheile, die es gewährt, frühzeitig zu Theil ge-
worden sind, weil ich mir seiner Zeit Entbehrungen
auferlegt, um Euch zuzuwenden, was mir gemangelt
hat. Der geringste Engländer hat das Wort im
Mund: ,Geld ist Macht!k und er weiß, was er damit
sagt. Ich habe Dich jettt neben mich auf einen wohl
vorbereiteten Boden gestellt; aber ein Vermögen zu

f
s
--- 1R ---
machen wie das, welches sich Dir bietet, ist nicht
leicht, erfordert Zeit, und Zeit ist das einzige, was,
einmal verloren, nicht zu ersetzen ist. Das Alles be-
denke wohl!?
Er stand auf, da der Diener herbeikam, den
Kohlenkasten frisch zu füllen. Darner befahl ihm,
den Samowar, Cognac und Zucker zu bringen. Als
das geschehen war und der Diener das Zimmer
wieder verlassen hatte, sagte Frank, während der
Vater sich ein Glas Grog zurecht machte:
,Sie geben mir die Angelegenheit zu bedenken,
damit weisen Sie mich auf mich selbst, und dafür
danke ich Ihnen, Vater, denn es würde mir sehr
hart sein, gegen Ihren Willen zu handeln. Aber
mein Entschluß steht fest, ich habe nicht erst zu
wählen. Sie haben Ihr Vermögen aus dem Nichts
geschaffen, ich will arbeiten, es mit Ihnen in Ihrem
Sinn zu mehren. Wohin es Ihnen gefallen wird,
mnich zu stellen, Sie werden mich bereit finden, Ihren
Willen zu thun, und Justine wird mir folgen, darauf
kenne ich sie. Sie selber aber kennen die Verehrung,
welche sie Ihnen entgegenbringt. Justinens bin
ich sicher.?
, , Und ihres Onkels, Kollmanns?' fragte der
Vater, und Frank hörte den Ton des Zweifels in
seiner Stimme.
,Kollmann hält -Ihre Freundschaft hoch und hat
sich mir von Anfang an geneigt erwiesen. Er kann
Justine nicht zwingen, John Kollmanns Frau zu
werden, denn darauf deuten Sie wohl hin.?
,Aber er kann sie auf Jahre hinaus verhindern,
Deine Frau zu werden; und wenn aus Rücksicht für
seinen Sohn er sie Dir weigert=
,So wird sie doch die Meine werden!r ries
Frank, und des Vaters beide Hände ergreifend,

- PHß--
setzte er hinzu: ,Glauben Sie denn, Vater, daß
nichts, aber nichts von Ihrer Beharrlichkeit und
Willensstärke in mir lebt? Sie haben so viel er-
reicht, ertrotzt, und ich sollte mir nicht das Mädchen
gewinnen können, das ich liebe, das mein sein will,
das Ihnen werth ist, das werth ist Ihre Tochter zu
werden??
Eine Erinnerung an seine eigene Jugend zog
durch Darners Sinn, und seine Liebe für Frank
sprach zu dessen Gunsten. Er wollte es auch zu
einem möglichen Ungehorsam desselben nicht kommen
lassen.
,Wohl,'' sagte er, ,ich will Dir nicht entgegen,
und Justine soll mir willkommen sein; indeß=-r
Er horchte auf. Frank war an das Fenster ge-
eilt, unten im Hause wurde es lebendig.,
Aus der Ferne hörte man schießen. Der
Wind trug den Schall vernehmbar durch die Stille
herüber.
,,Das ist Gewehrfeuer-- aber von einer größeren
Masse!' sagte Darner.,Die Franzosen müssen vor
den Thoren sein!'
,, Kanonenschläge!'' rief Frank.
An allen Fenstern wurden die Bewohner der
Häuser hinter den Lichtern sichtbar; überall traten
die Leute aus den Thüren auf die Wolme vor den-
selben heraus, und wieder leß das Gewehrfeuer
sich vernehmen. Auch Darner war mit Frank
hinausgegangen, seine Leute waren seinem Beispiel
gefolgt.
Ein rother Schein ward sichtbar am Himmel.
Vom Schloßthurm blies der Wächter das Feuersignal,
aber die Nachtwächter riefen das Feuer nicht aus,
die Stadtwachen trommelten nicht und stießen nicht
ins Horn.

Kapitel 17

s
!
-=- 1P --
,,Wo brennt's? rief man von allen Ecken und
Enden den Nachtwächter an, der langsam wie immer
durch die Straße zog. ,Wo brennt's??
,Man kriegt's nicht zu erfahren! Es muß
draußen sein!' brummte der aus seinem Pelz hervor.
,,DDie Spritzenleute bleiben drin!?
Und wieder und wieder hörte man schießen!
Dann ward es allmälig still. Einer um den Andern
kehrten die Leute in die Häuser zurück. Es war
bitter kalt; eins um das andere erloschen die Lichter
an den Fenstern, und der bleiche, graue Morgen stieg
endlich aus der Nacht empor.
Er beleuchtete die müden, übernächtigten und
bangen Gesichter der Bürger, die nicht wissen konnten,
wer ihr Herr sein würde in der nächsten Stunde,
und die kaum noch Herren waren in ihrem eigenen
Hause.
Siebenzehntes Kapitel
Sobald es zulässig war, begab sich Frank in
das Kollmannsche Komptoir. Der Vater hatte von
ihm berlangt, daß im Augenblick von seinen Wünschen
in Bezug auf Justing.uoeh nichts verlauten solle, und
Frank hatte sich danach zu richten. Sehen und
sprechen aber mußte er Justine doch, und nachdem er
mit Herrn Kollmann die Nachrichten ausgetauscht, die
man einander geschäftlich zu geben hatte, erbat er die
Erlaubniß, die Damen zu besuchen.
Kollmann sagte, seine Frau sei krank, seine Nichte
jedoch werde zu sehen sein. Frank ließ sich melden.
Der Diener, der alle Hände voll zu thun hatte,

-- TS--
brachte den Bescheid, Mademoiselle werde augenblicklich
kommen, und öffnete ihm das Wohnzimmer.
Frank kannte das Zimmer ganz genau, kannte
jeden Platz, jedes Bild an den Wänden, und hatte
auch sonst schon in Erwartung der Damen wohl vor s
der Servante gestanden und die Tassen und alten
Porzellanfiguren auf derselben betrachtet. Heute aber
war ihm Alles neu und fremd und feierlich wie in
einer Kirche.
Es war nicht mehr dieselbe Justine, die er er-
wartete, es war seine Justine, seine Geliebte, sein
künftiges Weib; und heiß erglühend, als sie zu ihm
eintrat, schreckte er zusammen, da sie wie angewurzelt
und niedergeschlagenen Blickes an der Thür stehen
blieb.
,Was ist geschehen?? rief er. ,Warum siehst
Du mich an, Justine, als wäre ich nicht ich??
Sie hob wie in Angst die Hände empor, schlug
sie vor das Gesicht, flog ihm dann in die Arme und
in Thränen ausbrechend, während sie ihr Antlitz an
seiner Brust barg, rief sie:
,Ich schäme mich vor Ihnen!r
,Du schämst Dich, daß Du mich liebst? Wie
fängst Du das an, da ich glücklich bin in meiner
Liebe, und stolz, die Deine zu besitzen? Die thörichten
Thränen küsse ich Dir fort!?
Und sie lachten Beide, da er's that. Trotzdem
machte sie sich wieder von ihm los.
,Nein,'' sagte sie, ,wissen müssen Sie es doch!rr
,Aber was soll' ich denn noch wissen, da ich
Alles weiß, was ich zu meinem Glück bedarf??
, Ich muß es Ihnen dennoch sagen!' hob sie
an und zog ihn in die andere Ecke des Zimmers, in
den Erker, in welchem man sie nicht gleich sehen
konnte, wenn man in dasselbe einrrat. ,Gestern-



--- PZ--
den ganzen Tag hat es mir keine Ruhe gelassen-
ach, sieh mich nicht so an!' bat sie und lächelte, da
sie ihn Du genannt.
Frank wurde ungeduldig.
,, Höre mich erst,'' drängte er, ,denn wer weiß,
wie bald uns Jemand stöxt! Mein Vater weiß Alles
und heißt Dich von Herzen willkommen. Er ver-
langt aber, daß ich noch schweige gegen Deinen
Onkel---
, Und gegen die Tante erst recht,' fiel sie ihm
ein, ,denn sie ist unwohl und aufgeregt, und sie
liebt Dich nicht, und Deinen Vater nicht. Sie liebt
nichts Fremdes-- sie liebt eigentlich nichts als sich
und ihren Sohn und ='
Ein rasches Roth flog abermals über ihre Stirn
und Wangen.
,Sie hat Dich ihrem Sohn bestimmt!r fiel Frank
ihr ein, da sie stockte.
,Ja,'' bekräftigte Justine, ,und der Onkel auch.
Und seit sie wissen, daß ich John nicht mag, seit
ich ihm das selbst gesagt, noch ehe ich Dich gesehen,''
setzte sie zärtlich hinzu, indem sie dem Geliebten die
Hände reichte, ,seitdem ist auch der Onkel nicht mehr
väterlich für mich wie sonst, und ich bin gewiß, er
wird nich für uns sein.?
,, Wer es das, was Du mir sagen wolltest??
Sie schüttele-has Haupt.
-,Das komfnt ja erst nachher!? sagte sie, ,aber
gestern-
,Nun? fragte er.
,Was hast Du nur von mir gedacht, rief sie,
, daß ich mich Dir gestern so an den Hals geworfen?
Ach, Frank!r-
Und sie lag wieder an seiner Brust, und er küßte
ihr die Selbstanklage von den Lippen.

-=- I14--
,,Daß Du mir nie entziehen wirst, was Du
mir so frei gewährt, daß Du mein sein wirst, immer,
immer, auch wenn sie Dich mir entreißen wollen!'?
sagte er voll freudiger Liebe.
,Ia, ja, bei Gott!r sprach sie und gab ihm fest
die Hand. ,Und nun geh und schweig, und sage
Deinem Vater, ich hätte immer einen Zug zu ihm
gehabt, weil er -- und Du auch- weil Ihr an-
ders seid als alle Anderen. Ach, unterbrach sie sich
plötzlich, ,es ist ja überhaupt Alles ganz anders, als
man's denkt. Mein Leben lang habe ich gehört und
gelesen von weiblichem Stolz und habe daran ge-
glaubt und mir was auf meinen weiblichen Stolz
zu gute gethan! Und gestern - gestern! Frank,
das wollte ich Dir sagen; wie ich dachte, es könne
uns Noth und Elend kommen in der nächsten Stunde,
und wie Du dann fortgegangen bist und mich an-
gesehen hast, und ich habe mir gedacht, Du würdest
nicht da sein, Frank, wenn das Elend käme-- da
hast Du mir die Arme ausgebreitet und=-
Er ließ sie nicht vollenden, sondern sagte glück-
selig, sie fest an seine Brust ziehend:
,Da hast Du empfunden, daß Du ein Weib bist
und daß Deine Zuflucht in meinen Armen ist, die
Dich tragen und bergen und halten sollen, Geliebteste,
so lang ein Athem in mir lebt. Und nun komme,
was mag! Nun lebe wohl, mein Eigen!r
Achtzehntes Kapitel.
Vierzehn Tage waren seitdem vergangen. Die
Franzosen, welche noch ein paarmal, wie in jener
Morgenfrühe, in kleinen und größeren Trupps bis

Kapitel 18


=- 14H--
dicht vor die Thore von Königsberg gekommen, waren
von den Russen immer wieder zurückgeschlagen worden.
Napoleon hatte im Ermland auf den gräflich Fincken-
stein'schen Gütern, zwölf, dreizehn Meilen vor Königs-
berg, ein Winterquartier bezogen, seine Truppen
lagerten rund um ihn her. Königsberg war unter
dem Schutz, das heißt im Besitz der Russen, während
die Preußen sich in Lithauen gesammelt hatten, und
der König und die Regierungsbehörden noch immer
in Memel des endlichen Ausgangs der Dinge warteten.
Keine Stunde war man sicher vor dem Aufsprung
Napoleons zu einer neuen entscheidenden Schlacht,
und man fing sie zu ersehnen an, denn die Noth und
die Theurung wuchsen mit jedem Tage. Zufuhr an
Getreide und an allen Rohprodukten war nur aus
Rußland und nur so lange einigermaßen ausreichend
möglich, als der Frost anhielt. Wurden die Wege
schlecht, so hatte damit der Verkehr zu Lande sein
Ende, und auf das Freiwerden der Flüsse und des
Meeres hatte man noch nicht zu rechnen. Die Kauf-
mannschaft, die große Lieferungsgeschäfte für die
russische und preußische Armee abgeschlossen hatte,
war in Gefahr, sie nicht ausführen zu können, während
Napoleon seine Truppen aus Polen und. aus den von
ihm besetzten nestlichen Theilen der preußischen Mon-
archie auf das Reichlichste zu versorgen im Stande war.
Jeder frägte sich und fragte die Anderen, wie
das, werden solle, und da Niemand eine Antwort
darauf geben, Niemand eine Hoffnung auf baldige
Entscheidung oder gar auf Befreiung eröffnen konnte,
kam jene zuwartende Gelassenheit über die Menschen,
in welcher sie aus Nothwendigkeit zu ihrer täglichen
H,I. - =- ===- =--
Lewald. Die Familie Darner. T.
10

--- 11G-
Frank hatte es dem Vater nicht vorenthalten,
daß er sich mit Justine verlobt, und daß sie es von
ihm verlangt, ihre Liebe und Versprechung zunächst,
da die Tante leidend sei, geheim zu halten; und
Darner, der die Angelegenheit in aller herkömm-
lichen Form behandelt zu sehen wünschte, hatte den
Sohn, um den Liebenden das Schweigen und die
gebotene Zurückhaltung zu erleichtern, mit geschäft-
lichen Aufträgen über die Grenze nach Rußland
gesendet.
Inzwischen hatte die Kaufmannschaft es durch-
gesetzt, daß man die Verwundeten und Kranken aus
der Börse entfernt; und es war ein sonnenheller
Tag, an welchem man sich zum ersten Mal wieder in
derselben versammeln konnte.
Kollmann und Darner hatten einander bei dem
Eintritt von fern flüchtig begrüßt, waren dann von
ihren Geschäften hingenommen worden und trafen
erst zusammen, als sie die Börse verließen.
,Ist Ihr Sohn zurück? fragte Kollmann, wäh-
rend sie vorwärts schritten.
,,Vor ein paar Stunden ist er angelangt.?
,,Er war also nicht lange fort? bemerkte Koll-
mann.
,Elf Tage!
,, Bringt er Neues??
,Für die hiesigen Zustände bringt er insofern
Gutes, als er die ganze Reise noch hat zu Schlitten
machen können. Die Wege sind noch fest. Nebrigens
hat er die Stimmung jenseits der Grenze zuversicht-
licher als in Memel gefunden, wo er sich einen Tag
aufgehalten und verschiedene Personen gesprochen hat.?
,Das ist kein Wunder; sie haben jenseits der
Grenze den Feind noch nicht im Land so wie wir.
Trotzdem soll man in Memel am Hof tanzen, sich

-- 1? -
mit Schlittenpartien und auf jede Weise divertiren !'
wendete Kollmann mißbilligend ein.
, Was können sie viel Anderes thun! Ihr Schicksal
liegt bei des Königs Charakter kaum noch in ihrer
Hand !? meinte Darner. ,Und am Ende geht die
Welt nicht unter, wenn sie gelegentlich einmal auch
aus den Fugen zu gehen scheint. Es: sah in den
achtziger Jahren in Boston und New-Pork und
1798 in Frankreich auch nicht besser aus als jetzt
hier zu Lande. Leben bleiben und den Kopf oben
behalten, das ist die Hauptsache. Es stellt sich alles
wieder her für den, der das Ruder in der Hand
behält. Verliert man Geld, so gewinnt man's auch
wieder. Wird hier begraben, sg nimmt sich ein an-
derer ein Weib, wie eben jetzt mein Falter reund
Steenhoven in Antwerpen.?
,Matthias Steenhoven? Was Sie sagen! Der
Mann ist mindestens so alt als ich! Wir waren
vor vier Jahren zusammen in Pyrmont, er mit seiner,
ich mit meiner Frau. Die Frau war beträchtlich
jünger als er; sie kann nicht lange todt und die Tochter,
die sie mit sich hatten, muß jett erwachsen sein.
Die Mutter war eine schöne Frau und die Kleine
war nicht übel,?
,,Gerade wegen der Tochter hat er mir geschrieben,
als er mir seine Wiederverheirathung meldete, von
der schon im Herbst, als Ih ihn mit meinem Sohn
besuchte, zwischen uns die Reve gewesen ist. Er möchte,
nun er geheirathet hat, auch die Tochter verheirathen,
und weil er eine junge, zweiundzwanzigjährige Frau
genommen, die Tochter am liebsten nach außerhalb
vergeben, nicht in Antwerpen.?
, Eine gute Partie!'' sagte Kollmann.
,In jedem Betracht! Er giebt ihr schon jeyt,
wenn der Mann sicher ist, ihr ganzes mütterliches
Ph

-- P4s-
Erbe, und zweimalhunderttausend Gulden von seiner
Seite mit.?
,Eine vortceffliche Partie!r wiederholte Kollmann.
,Das Mädchen war hübsch und groß für sein Alter.
Reflektiren Sie nicht darauf für Ihren Sohn??
,,Steenhoven - das aber unter uns- hat
mir die Tochter angeboten für meinen Frank.?
,,Und natürlich, Sie acceptiren den Vorschlag!
sagte Kollmann, dem mit Franks Verheirathung ges
dient war. ,Sie haben Gluck!?
,,Nein! So brillant die Partie auch ist, ich kann
nicht darauf eingehen! Ich erwähnte aber absichtlich
des Projektes gegen Sie, weil ich mir denke, es
könne Ihnen konveniren, falls Ihr Sohn noch frei
ist. Frank hat nicht gewartet, bis ich ihn zum Hei-
rathen aufgefordert. Er hat bereits füx sich selbst
gewählt, ist mit seiner Erwählten einig, und ich
billige seine Wahl mit Freuden, in der Erwartung,
daß auch Sie das Gleiche thun werden, lieber Freund!
Ich bitte Sie hiermit um Ihrer Nichte Hand für
meinen Sohn!'
Sie waren währenddessen an die Ecke der Straße
gekommen, an welcher beide nach ihren Wohnungen
einzulenken hatten. Kollmann blieb stehen, drehte sich
dann aber wieder um, Darner zu begleiten.
Es war zwischen ihm und seiner Frau in der
letzten Zeit von der Wahrscheinlichkeit dieses Antrags
die Rede gewesen, und doch überraschte er ihn; denn
abgesehen davon, daß seine Frau in keinem Sinne
davon hören wollte, regte sich auch in ihm, nun der
Augenblick der Entscheidung gekommen war, der Hoch-
muth der alten eingeborenen Kaufmannsgeschlechter
gegen den emporgekommenen Fremden, obschon gerade
er es gewesen war, der Darner stets am entschie-
densten vertreten hatte. Er fand es sehr natürlich,

k
s

-- 149--
daß Darner, da er sich hierorts niedergelassen, die
Heirath mit Justine einer reicheren auswärtigen Heirath
vorzog. Johns Wünsche fielen daneben jetzt auch bei
ihm schwer in das Gewicht, und keinesfalls sollte
Darner glauben, daß man den Antrag von Frank
erwartet habe, oder die Heirath mit demselben für
Justine und für die Familie als eine Ehre ansehe,
die man ohne weiteres anzunehmen habe.
,Ihr Antrag,' sagte er also, ,kommt mir, wie
Sie, werther Freund, sich denken können, nicht ganz
unerwartet. Es freut mich auch, daß Sie Zutrauen
zu meiner Nichte haben. Was ich von Ihrem Sohne
halte, wissen Sie. Ich werde aber durch die Will-
kür, mit welcher meine Nichte sich zu handeln erlaubt,
vor einen Zwiespalt gestellt. Justinens verstorbener
Vater hat sie von jeher unserem Sohne bestimmt.
Noch auf seinem Sterbebette hat es Willberg getröstet,
sein einziges Kind einst in unser Haus, in seiner
Schwester Haus, übergehen zu sehen. Mein Sohn
ist in dem Gedanken an diese Heirath auferzogen,
liebt die Cousine . . .?
,,So sprechen wir nicht mehr davon!' unter-
brach ihn Darner, den Hut zum Abschied ziehend.
,Nehmen Sie an, ich hätte nichts gesagt. Auf
Wiedersehen!
Er sprach das mit dey -leichmuth, mit welchem
Geschäftsleute ein Geschäfi abthun, und da er an
Kollmann ein Zögern bemerkte, setzte er hinzu:
,,Machen wir uns weiter keine Gedanken darüber.
Sie haben Ihres Schwagers Willen nachzukommen,
und wir haben es ja mit ein paar gesunden Menschen
zu thun. An gebrochenem Herzen stirbt keiner von
den beiden! Frank sollte ohnehin in nächster Zeit
nach England gehen, ich werde zu allseitiger Be
ruhigung seine Abreise beschleunigen!'

Kapitel 19

-- P0--
Kollmann schwankte.
,Ich danke Ihnen,' sagte er, ,daß Sie mir
damit Zeit gewähren. Meine Frau ist Justinens
nächste Anverwandte .. .??
,Versteht sich ! ergänzte Darner. ,Sie sind beide
frei, Ihre Nichte und ebenso mein Sohn! Er mag
über Antwerpen gehen und sich's überlegen.?
Sie boten sich höflich den guten Tag, waren
beide beleidigt und Kollmann noch keineswegs sicher
über das, was geschehen sollte und werde, als er aus
seinem Komptoir in seine Wohnung und zu seiner
Frau hinaufging.
Meunzehntes Kapitel!
Es war heute einmal still' und ruhig im Hause
wie in früheren guten Tagen. Madame Kollmann
hatte ihre Nervenleiden ziemlich überwunden. Sie
saß, wenn sie auch noch ein schwarzes Spitzentuch
über die Haube gebunden hatte, doch wieder vor
ihrem Nähtisch auf dem erhöhten Tritt am Fenster,
von dem aus sie durch einen zu dem Zweck außer-
halb angebrachten Spiegel die ganze Straße über-
sehen konnte; und wie an jedem Tage, wenn er von
der Börse kam, trat Kollmann an sie heran, küßte
sie und fragte:
,,Nun, mein alter Schatz, wie befinden wir uns
heute??
,Der Doktor sagt, wenn das Wetter morgen so
mild bleibt, könne ich eine Ausfahrt wagen!'' ent-
gegnete sie, wickelte sich dabei aber doch fester in ihr
Entredeux und zog das Spitzentuch tiefer über die
n-

s

s
s
s
t
d.
-- Th1-
Stirn, um nicht gleich für völlig wohl zu gelten.
Sie wollte auch gerade noch weitere Auskunft über
sich ertheilen, als Kollmann sich erkundigte, ob sonst
etwas gekommen wäre.
,,Die Göttling war mit Dolores hier . . ?
,Wohl um zu erzählen, daß Frank zu Hause
seil'' fiel Kollmann ein.
,,So weißt Du es schon von Darner und weißt
also wohl auch, daß General von Stromberg heute
von ihm eine Einladung für sich und seinen Aju-
tanten zum Mittagessen erhalten und angenommen
hat. Wir sind dadurch Gottlob endlich einmal wieder
einen Mittag gemüthlich für uns ganz allein!'
, Justine ist doch zu Hause??
,,Natürlich!' entgegnete die Tante.
,, Und =- Kollmann hielt inne, da man die
Thüre des Nebenzimmers öffnete. Dann blickte er
hinein und fragte: ,War Frank schon hier?
, Nein, ich sagte Dir ja, nur der Doktor und
-die Göttling mit Dolores. Aber weshalb fragst
Du das??
,,Eine Frage wie eine andere!'' entgegnete er,
als Justine, heiter in ihrer Schönheit, mit dem An-
ruf in das Zimmer trat:
,MNun, Onkelchen, was bringen Sie uns Neues
von der Börse mit??
,Für Dich nichts Neues!'' giö er ihr zur Ant-
wort.
- Justine wurde roth und wandte sich ab. Auch
der Tante fielen die Worte auf und der Ton, mit
welchem Kollmann sie. ausgesprochen hatte.
Indem meldete der Diener, daß angerichtet sei,
man ging zu Tisch, indeß die trauliche Gemüthlich-
keit, auf welche die Tante sich gefreut, wollte sich nicht
einstellen.

-- 1! --
Kollmann war zerstreut, seine Frau that anfangs,
als bemerke sie es nicht, weil er es nicht liebte, in
solchen Fällen beobachtet zu werden. Auch Justine
schwieg hartnäckig.
Es blieb der Tante also nichts übrig, als auf
gut Glück zu plaudern, wenn man den Diener nicht
die obwaltende Verstimmung merken lassen wollte.
Wie sie dann nun Alles ausgekramt, was sie am
Morgen von den sie Besuchenden erfahren hatte,
sagte sie:
,Denke Dir, Dolores und Virginie nehmen seit
drei Tagen Unterricht im Russischen!'
,,Das ist ohne Schaden für sie, wenn Darner
sie vielleicht einmal nach Rußland verheirathen will.
Hätte unsere Karoline Dänisch gekonnt, so hätte sie
sich leichter in Kopenhagen eingelebt!'' antwortete er
der Frau, und wieder blieb die Unterhaltung hängen.
,Weißt Du, daß Frank Darner sich in Memel
aufgehalten und dort unsern König und die Königin
gesehen hat? hob sie noch einmal an.
,,Das Letztere wußte ich nicht, aber daß er in
Memel war, hat der Vater mir gesagt, der ihn in
den nächsten Tagen, ich glaube, nach England
schicken will.?
,Frank nach England?' fuhr Justine auf; ,das
glaub' ich nicht!f und hielt erschrocken inne, nachdem
sie es gesagt.
Der Onkel sah sie scharf an.
,Glaub's immer!' sagte er. ,Man erfährt
Manches, was man nicht exwartet oder geglaubt
hätte; und daß man einen jungen Kaufmann auf
Reisen schickt, ist weder überraschend noch un-
glaublich, wenn man keine besonderen Gründe hat,
es zu bezweifeln!'?

t -
s-
n
i
s
?
-
- 15Z --
, Franziska hätte das gesagt!'' wendete Justine
ein, um nicht durch ihr Schweigen zu verrathen, wie
die Nachricht sie getroffen hatte.
,, Vorausgesetzt, sie hätte es gewußt!'' entgegnete
der Onkel und erhob sich, da die Mahlzeit be-
endet war.
Justine entfernte sich schnell, Kollmann und die
Frau blieben zurück.
, Sage mir, ich bitte Dich,'' rief Madame Koll-
mann, als ihr Mann, vor seinem Pfeifentische stehend,
die rechte Pfeife wählte, ,lag' mir, was hast Du
heute? Du hast etwas mit Darner gehabt, oder
mit dem Frank! Habt Ihr einen Verdruß? Auch
gegen Justine hast Du etwas!?
Statt ihr den begehrten Bescheid zu geben, setzte
er sich zu ihr an den Tisch, an welchem sie ihm
den Kaffee bereitete, zog das gestickte Feuerzeug auus
der Tasche, schlug bedächtig das Feuer an, legte den
Zündschwamm auf den Tabak, und brachte paffend
-seine Pfeife langsam in Zug und Gang. Es eilte
ihm nicht, auszusprechen, was er ungern sich selber
und noch unlieber seiner Frau einzugestehen hatte.
,Du behältst diesmal Recht,' sagte er und paffte
noch stärker, als er der Frau die Tasse abnahm, die
- sie ihm reichte. ,Mit Deiner Ansicht über Justine
behältst Du Recht. Sie ist einverstanden mit Frank
Darner. Der Vater hat sie he für den Sohn
von mir gefordert.?
,Hab' ich's Dir nicht gesagt!' rief sie trium-
phirend. Aber die Mißstimmung ihres Mannes
wie ihre Ergebenheit für ihn und der Gedanke an
ihren Sohn dämpften sofort in ihr den Genuß des
Rechthabens, und die Sachlage schnell übersehend,
sagte sie:,Darum also, weil Du ihn abgewiesen,
schickt er den Frank uach England, darum erschrak
s

-- PIz-
Justine! Ich hatte es so bestimmt erwartet, daß
es mich-- Du siehst es -- gar nicht überrascht!
Ich bin zufrieden, daß wir so weit sind. Du siehst,
ich nehm' es ganz gelassen, aber ich will dabei
sein, wenn Du mit Justine sprichst. Ich will sie
rufen lassen.?
,Nicht so hastig! warnte Kollmann und hielt
sie zurück, da sie die Klingel ziehen wollte.
,Ich-- ich habe, das weißt Du, Justine nie
getraut, seit Darner vor vier Jahren in das Haus
kamlr fing Madame Kollmann aufs Neue zu sprechen
an, da der Mann sie hinderte, Justine gleich zur
Rechenschaft zu ziehen und ihr die Lektion zu geben,
die sie ihr gönnte. ,Nun hast Du es selbst erlebt,
was ich Dir längst gesagt, daß der Göttling auch
nicht zu trauen ist, daß sie von jeher Justine Alles
nachgesehen hat, um sich bei ihr festzusetzen. Sie
hat auch jettzt,' fuhr sie, sich mehr und mehr ereifernd,
fort,,ganz gewiß wieder die Hand im Spiele ge-
habt. Sie hat, Juustine hat es ja selbst ausgesprochen,
ihr Alles hinterbracht, hat gewiß die Vertraute ge-
spielt. Ich kenne diese sogenannten ruhigen, zurück-
haltenden Frauen, eine wie die andere, diese Schein-
heiligen!r
Sie hüstelte ein wenig, schöpfte frischen Athem.
Kollmann hatte sie ruhig reden lassen. Er war
zufrieden, daß sie sich erzürnte, daß sie die Angelegen-
heit nicht von der Gefühlsseite erfaßte.
,Streng' Dich nicht an, reg' Dich nicht so auf,?
sagte er, ,sondern laß uns zusammen überlegen, was
zu thun ist.?
,Was ist denn da zu überlegen? Zunächst--
es ist ja heute Dienstag und russische Post - zu-
nächst muß doch John es wissen. Ich will gleich
schreiben.?

s
ß

! -

-

s-
-- 1IJ--
,Nicht so hastig!' wieberholte er.,John er-
fährt es in acht Tagen auch noch früh genug, wenn
wir damit zu Rande sind.?
,Aber ich bitte Dich, was soll denn noch zu
Rande kommen,'' rief sie ungeduldig, ,wenn Du Dein
Nein gesagt hast!
,,Das habe ich nicht gethan, denn Darner hat
es dazu nicht kommen lassen, nachdem ich ihm von
Deines Bruders Wünschen für Juustine in Bezug auf
John gesprochen.?
,, Nun, ich dächte, das wäre doch genng gewesen !
eiferte sie aufs Neue.
,, Genug, um Darner seine Stellung nehmen zu
lassen, und immer nicht so viel, daß ein Einlenken
von beiden Seiten nicht mehr möglich wäre, wenn
uns das gerathen schiene, und Jene es, was nicht
anders sein kann, noch wünschten. Justine ist nicht
unsere Tochter, und Du hast eben jetzt über ihre
Eigenwilligkeit geklagt, von der sie den Beweis ge-
liefert. Sie hat John abgewiesen in einer Zeit,
in der sie ihm noch keinen bestimmten Andern vor-
zeg, und .. ?
,, Und sie soll also wieder ihren Willen haben?
Wie Du's wünschest, lieber Mann, ganz, wie Du es
willst! Wenn Du's für Recht hältst, daß sie gegen
ihres Vaters ausdrückliches Verlangen handelt, wenn
Du mehr auf ihre Verliebtheit als auf Deines
Sohnes lange, treue Liebe Bedacht mnmt, und
wenn Du, als ihr Vormund, sie nicht abhalten
kannst, sich an den ersten besten . - -
, Halt, Marianne!' gebot er mit jener Bestimmt-
heit, welche er, trot seiner Nachsicht für sie, der
Heftigkeit seiner Fräu in entscheidenden Augenblicken
immer erfolgreich entgegen zu setzen wußte. ,Sprich
nicht aus, was ich nicht hören darf, was gesagt zu
;

-- PH-
haben Dich reuen könnte. Diese ersten besten, wie
Du sie in Deinem Zorn jett zu nennen beliebst,
sind Gäste unseres Hauses. Lorenz Darner ist mir
seit vier Jahren ein geachteter Geschäftsfreund, ist
unser Hausfreund gewesen.?
,,Ich habe Deine Meinung von ihm nie ge-
theilt!r
,,Das war Deine Sache; aber Du trittst mir
und meinem Hause zu nahe,'' fuhr er ruhig fort,
,wenn Du von Darner mit Geringschätung sprichst.
Er hat keinen tadelnswerthen Schritt gethan. Aller-
dings wird er wie alle unsere Freunde vermuthet
oder gewußt haben, daß wir Justine unserem Sohn
bestimmten. Er wird aber von Frank ohne Zweifel
- und ohne daß die Göttling dabei im Spiele
zu sein gebraucht -- erfahren haben, daß Justine
John ausgeschlagen hat, und er wird nicht glauben,
daß unser Sohn geneigt ist, ein Mädchen zu nehmen,
das ungern in sein Ehebett geht. Oder traust Du
Deinem Sohne zu, daß er solcher Frau begehrt?
Wünschest Du ihm vielleicht Justine zur Frau, wenn
sie ihn nicht liebt=- selbst wenn ich sie dazu zwingen
könnte, oder wollte, seine Frau zu werden, was
beides nicht einmal der Fall ist. Und Darner ist
kein Mann, der fordert, wo er nichts zu bieten hat.?
Madame Kollmann schwieg, sie konnte sich nicht
entschließen, das Nein ehrlich auszusprechen, das er
zu hören begehrte.
,,Du hast sie ja in Deiner Hand !r bemerkte sie.
,,Ich habe ihr Vermögen in meiner Hand und
kann sie noch drei Jahre lang verhindern, ihrer
Neigung zu folgen.?
,Drei Jahre, Lieber, sind eine lange Zeit!r
,Gewiß, drei Jahre sind eine sehr lange Zeit;
und drei Jahre lang ein Mädchen im Hause zu haben,


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d
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-=- 1I?--
das Dich und mich als ihre Feinde ansieht, würde
uns diese Zeit sicherlich nicht verkürzen!''
,Also soll Frank sie bekommen, wie es scheint?
Sie willst Du ihr Glück haben lassen nach ihrem
Sinne, und John, der treue John, der Genosse ihrer
Kindheit, der seine ganze Jugend an sie gedacht, der
mag sich trösten wie er kann. Nimmermehr, Konrad!
Werde nicht ungerecht aus Gerechtigkeit, nicht hart
aus Nachsicht. Sage ein bestimmtes Nein, und Frank
Darner, der sich im Handumdrehen in Justine ver-
liebt, wird sich aus Verdruß ebenso rasch in eine
Andere verlieben. Sieht das die eitle Justine, sieht
sie sich verschmerzt, so lernt sie Johns Treue schätzen.
Gerade die Hochmüthigsten werden am sanftesten,
wenn sie sich aufgegeben und vergessen finden, und
Justine thut die Lehre noth. Frank findet ja zehn
Frauen für eine, wenn auch nicht gerade hier, wo
man doch nicht weiß, von wannen sie eigentlich
stammen. Zehn für eine!'
,,Kein Zweifel daran,' entgegnete ihr Kollmann,
,, ben Beweis biete ich Dir eben jetzt dafür. Du
erinnerst Dich doch der Steenhovens aus Ant-
werpen??
- ,Freilich, die Frau ist ja todt .. r?
, Und Steenhoven hat sich eine ganz junge Frau
genommen.?
, ,Unglaublich!'' sagte Madame Kollmann, und es
flog ein finsterer Schatten über ihr Gesicht.,Da
sieht man, wie sich die Männer trösten! Man
hätte denken sollen, er könne nicht leben ohne seine
Frau. Nun, vielleicht tröstet sich auch John.?
,Zu den Steenhovens schickt Darner seinen
Sohn,'' nahm Kollmann das Wort.,DDie Reise
nach England ist nur ein Vorgeben, wie ich sicher
weiß. Es war eine Heirath im Werk zwischen Frank

-- PHs-
und der hübschen kleinen Anna. Ihr Vermögen ist
weit größer als das von Justine, und was Steen-
hovens bedeuten, weißt Du. Da Frank aber Justine
will, ist der Vater bereit, ihm nachzugeben und auf
die Steenhoven'sche Partie zu verzichten. Er hat
mich gefragt, ob wir sie für John nicht wünschens-
werth fänden, und seine Vermittelung steht für den
Fall in Aussicht.?
,John und Anna Steenhoven, das ist ja etwas
ganz Neues ! rief Madame Kollmann, brach dann
aber ab.
Kollmann stand auf und sah nach der Ühr.
, Neberlege Dir die Sache, ich werde natürlich noch
heute mit Justine sprechen, jetzt muß ich ins Komptoir.?
,Ob die Geschichte mit dem Antrage von Steen-
hoven sich wirklich so verhält?? fragte die Frau.
,Auf einer Unwahrheit oder Halbheit habe ich i
Darner nie betroffen. Es ist so zu sagen, ein Tausch-
geschäft sl gsri, das er uns anbietet. Er soll auf
seinen, wir auf unseren Plan verzichten, der jungen
Leute wegen. Er würde es nicht vorschlagen, hielte
er es nicht für ausführbar von der Steenhoven'schen
Seite, weil das junge Mädchen doch lieber mit einem
jungen Manne wie John aus dem Hause gehen, als
mit einer jungen Stiefmutter unter demselben Dache
bleiben wird.?
,Das ist natürlich keine Frage! bekräftigte
Madame Kollmann im Stolz der Mutterliebe.
,. Und Aufsehen würde hier die Heirath machen,
denn das Mädchen wäre auch für unsern John
eine glänzende Partie. Nur weiß ich nicht recht, wie
John jetzt abkommen könnte .. ?
,Du müßtest denn Tiessen für die Zeit ent-
behren und nach Riga senden können!' schlug ihm
die Frau vor.

Kapitel 20

s
b
s
-- 159-
,Das hat seine Schwierigkeiten,' meinte Koll-
mann, um die Trauben, welche der Frau verlockend
zu werden schienen, höher zu hangen, ,das hat
dort seine Schwierigkeiten; und auch hier müßte man
natürlich erst noch Näheres mit Darner feststellen
wegen Justinens Vermögen und ihrer Zukunft. Man
müßte .. ?
,Man müßte Näheres wissen, meinst Du,''
fiel die Frau ihm ein, ,von wegen Darners Her-
kommen und wegen der Kinder und der geschiedenen
Frau -. -
,Auch das ! sagte er und ging in das Geschäft.
Bwanzigstes Kapitel.
Justine wußte sich vor Ungeduld nicht mehr zu
lassen.
Wie eine Schildwache hatte sie seit dem Mittag
an ihrem Fenster gesessen und gestanden und hinaus
geschaut in die Straße, durch die er kommen mußte,
und er war nicht gekommen. Wie ging das zu?
Wie war das möglich?
Am Morgen hatte er natürlich Geschäfte gehabt.
Während ihres Mittagessens hatte er- nicht stören
können, und man hatte im DarnerIchen Hause, in
defn man später speiste, den General und noch andere
Gäste zu Tisch gehabt, aber diese Hindernisse hatte
er doch im Voraus berechnen können. Warum hatte
er nicht durch Dolores einen Gruß gesendet? Warum
hatte er der Göttling nicht gesagt, daß er sich ihr
empfehlen lasse, daß er am Abend kommen werde,
den Damen seine Außwartung zu machen? Seine
Schwestern und die Göttling hatten derlei Bestellungen
;

--- 1ß--
sonst vielmal ausgerichtet, warum heute nicht? Und
wenn er den Auftrag unterlassen, weil er bei Zeiten zu
kommen gedacht, wenn er dann davon abgehalten
worden war, weshalb hatte er ihr nicht zwei Zeilen
gesendet? Wegen eines Tanzes, den er sich im vor-
aus für den Abend erbat, hatte er ihr sonst ge-
schrieben; und jetzt, wo sie ihn seit Tagen und Tagen
nicht gesehen, wo ihre und seine Zukunft davon ab-
hing, daß sein Vater mit ihrem Onkel sprach, wo ---
dies war ihr zweifellos =- sein Vater mit dem Onkel
gesprochen haben mußte, heute ließ er sie warten,
ließ er nichts von sich hören!
So lang es hell gewesen und sie noch hatte
nach ihm ausspähen können, war es aushaltbar ge-
wesen, dieses bange Warten; nun es dunkel geworden,
und es war schon lange dunkel und man kozmnte bei
dem trüben Flackern der Laternen auf der Straße
kaum Jemand erkennen, nuun wurde ihr der Zustand
erst recht zur Qual. Es mußte längst sieben Uhr
sein. Sie mußte das Schlagen der Domuhr über-
hört haben in ihrer Aufregung.
Sie zog die Ühr aus dem Gürtel.
,Die Ühr steht!' rief sie und hielt sie an das
Ohr, aber Sekunde um Sekunde hörte sie ticken.
,, So geht sie zu langsam !' dachte sie und ging in
ihre Schlafstube, in der die unfehlbare englische Ühr
stand, welche sie aus dem Vaterhause mitgenommen
hatte; aber es war und blieb dasselbe, es fehlten
noch neun Minuten bis zu sechs.
, Sie tafeln also noch, und Frank sitzt fröhlich
bei Tisch mit den Gästen, und sie trinken und lachen,
und er ist guter Dinge,' tröstete sie sich, indeß der
Trost verschlug ihr nicht, denn sie dachte: ,Wie
kann er froh sein, wenn ich einsam hier in meiner
Stube weinel'

-- 16--
Ja, sie weinte, und um ihn! Wie konnte er so
lieblos, so ohne Rücksicht sein? Er gegen sie?
Sie warf sich auf das Sopha, das Sopha litt
sie nicht; sie sprang auuf, an Frank zu schreiben, sich
zu beklagen. Sich beklagen hieß ja aber ihm ein-
gestehen, wie abhängig sie von ihm und seinem
Willen sei. Den Triumph gönnte sie ihm nicht. Die
Lehre vom weiblichen Stolz, die sie in des Geliebten
Armen als eine Thorheit erkannt hatte, machte sich
jetzt doch wieder in ihr geltend. Und trozdem blieb
es dabei, er hatte ihr Glück und Leid in Händen,
und endlich mußte er doch kommen!
Draußen in dem Flur, vor ihrer Stube, hörte
sie Schritte.
War das der General, der nach Hause kan?
Nein, es war nur die Kammerjungfer. Sie händigte
ihr einen Brief aus, den General Stromberg füür sie
mitgebracht.
, Von ihn !? Sie athmete auf.
Das Blatt enthielt nur wenige Zeilen.
, Dein Onkel, meine Juustine, hat Dich mir ver-
weigert,'' schrieb ihr Frank. ,Morgen Mittag soll ich
fort nach England, vorher aber muß ich Dich noch
sprechen. Mein Vater weiß, daß ich Dich nicht lasse,
aber ich muß es von Dir hören, daß auch Du be-
harrst, daß Du mein bleibst unter jeder Bedingung,
wie ich Dein bin für immer. Sage mir, wann ich
kommen soll. Scheue es nicht, m ch in Deinem
Zimmer zu empfangen. Ich lasse mni-h nicht melden,
nehme meinen Weg sofort zu Dir, meine schöne
Braut, bald meine schöne Frau, meine Juustine
Darner!'
In helle Glücksfreude umgewandelt, drückte sie
das Blatt an ihre Lippen, und sie hatte sich eben
wieder niedergesetzt, es im Jubel ihres Herzens zu
Lewald. Die Jamilie Darner. 1.

-- 1A--
beantworten, als das Stubenmädchen mit der Be-
stellung hereinkam:
,Mamsell möge doch gleich zu den Herrschaften
herunterkommen !''
.st jemand Fremdes da?? fragte Justine, auf-
flammend in der Hoffnung, es könne der Ge-
liebte sein.
Das Mädchen verneinte das.
Justine warf enttäuscht noch einen Blick in den
Spiegel, zu sehen, ob ihre Aufregung nicht merkbar
sei, nahm dann, ohne daran zu denken, aus Ge-
wohnheit ihren Arbeitskorb mit sich, löschte das Licht
aus und ging in das Wohnzimmer hinab.
Der Onkel und die Tante saßen wie immer auf
dem Sopha neben einander. Der Onkel rauchte, die
Tante strickte so wie immer. Die Lichter standen auf
ihrem alten Fleck.
Aber der Onkel erkundigte sich nicht, weshalb
sie den ganzen Nachmittag in ihrer Stube geblieben
sei, die Tante legte das Strickzeug zur Seite, faltete
FF = == Rn =e = wa
Justine konnte nicht ungewiß sein über das,
was ihr bevorstand; indeß die Worte des Geliebten
hatten sie erhoben und in sich gefestigt, und um ihre
innere Freiheit kund zu thun, fragte sie in dem sorg-
losesten Tone:
,,Soll ich etwas?
, Putze die Lichter!'' gebot der Onkel, ohne eine
Miene zu verziehen.
Und wie sie das gethan hatte, kam ihr ihre
Frage und des Onkels Befehl nach der gehabten
Aufregung so komisch vor, daß sie, aus einer Stim-
mung in die andere geworfen, lachend ausrief:
,, Dazu sollte ich herunterkommen??

-- 18Z--
,,Du siehst, sie lacht!'r bemerkte die Tante mit
Bedeutung.
, Gebe Gott,' entgegnete er, ,daß ihr das
Lachen ihr Leben lang so vom Herzen kommen könne
als bisher in unserem Schutz und unserem Hause!''
Und ihr ein Blatt Papier hinreichend über den Tisch,
fügte er hinzu:,Lies den Brief!'-
Sie sah die Neberschrift: ,An Herrn Lorenz
Darner ! Nach kaufmännisch geschäftlicher Sitte war
sie oben auf die linke Seite des großen Quartblattes
geschrieben. Justine nahm sich zusammen.
,, Ich darf doch den Brief wohl oben in meinem
Zimmer für mich selber lesen!'' sagte sie.
, Nein,'' bestimmte der Onkel,,mir und der
--ante lies ihn vor. Ich und Deine Tante haben
gegen Dich stets offen gehandelt. Du sollst das auch
in diesem Falle anzuerkennen haben, obschon Du es
nicht verdient hast. Wie Du uns unser Vertrauuen
- in Deine . . -
, Erlauben Sie mir, Onkel,'' fiel Justine ihm
lebhaft in die Rede, ,daß ich mich rechtfertige r-
, Lies erst den Brief. Das lebrige nachher!'
gebot er.
Justine mußte sich fügen, und den Brief, den
sie aus der Hand gelegt, wieder ergreifend, hob sie
zu lesen an:
, Geehrter Herr, geehrter Freund! Der Heiraths-
antrag, den Sie mir heute im Namen Ihres Herrn
Sohnes, Frank Darner, für Reine Mündel und
Nichte Mademoiselle Justine Willberg, gemacht, hat
mich genöthigt, Ihnen sofort die Gründe darzuthuun,
welche mich nach der von meinem in Gott ruhenden
Schwager gethanen Willensäußerung zwangen, den
von Ihnen gemachten Antrag zunächst zu beanstanden,
und die Angelegenheit mit meiner Frau, desselbigen
s

-- 1Z--
Willbergs einziger Schwester, zu besprechen, der aller-
dings darauf gerechnet hatte, in seiner Tochter den
willigen Gehorsam zu finden, welchen seine vorsorgende
Vaterliebe von ihr verdiente, als er darauf gedacht,
sie mit unserem einzigen Sohn und Erben für das
Leben zu verbinden.
,,Da unsere Nichte aber selbstwillig und ohne
unser Mitwissen sich Herrn Frank Darner zugesagt
hat, können wir aus Elternliebe und in Vorsorge für
unseres Sohnes Glück und Frieden natürlich nicht
mehr an die von ihrem Vater für Justine geplante
Verbindung denken. Ich will es also mit Ihnen
segnen, wenn unsere Nichte und Herr Frank Darner
das Eheglück mit einander finden, welches Sie Ihrem
Sohne, wir unserer Nichte zu wünschen haben.
, Indeß, als Juustinens Vormund, hahe ich na-
türlich die Angelegenheit auch von ihrer geschäftlichen
Seite und nach jeder Richtung hin sicher zu stellen.
Ich bin bereit, Ihnen die Vermögensverhältnisse
meiner Nichte zu decouvriren, und muß daneben ein
Nebereinkommen treffen, in welcher Weise das Will-
berg'sche Vermögen nach der erlangten Volljährigkeit
der Besitzerin festgestellt, und welches Vermögen ihr
und ihren zu erhoffenden Nachkommen von seiten des
Herrn Frank Darner zugesichert werden kann, falls
der Tod ihn vor seiner Gattin abberufen sollte.
,Endlich aber muß ich eines Punktes erwähnen,
dessen Berührung Sie zu entschuuldigen belieben werden,
da ich ihn als gewissenhafter Vormund und auch
in meinem Familieninteresse nicht unbeachtet lassen
darf.
, Sie werden von Anfang unserer Bekanntschaft
die Erfahrung gemacht haben, daß ich Sie, geehrter
Herr, und Ihre persönliche und kommerzielle Be-
deutung zu würdigen verstanden und gerne aner-

s
i
s
s
!


=- JßH--
kannt habe. Indeß Sie sind mit unverkennbarer
Geflissenheit jeder Mittheilung über Ihre Familien-
verhältnisse aus dem Wege gegangen, und es hat
sich mir dadurch, wie durch Bemerkungen dritter Per-
sonen, und durch gewisse zufällige Aeußerungen von
Ihren werthen Töchtern die Vermuthung nahe gestellt,
daß eben diese Verhältnisse nicht der gewöhnlichen
Art und vielleicht keine zufriedenstellenden gewesen
sein dürften.
,,Ehe ich aber, um nach meinem Gewissen und
meiner Pflicht zu handeln, meine Nichte und Mündel,
wie sie es wünscht, in Ihre Familie übergehen lassen
darf, muß ich über das Herkommen und die Ver-
hältnisse derselben völlig aufgeklärt und sicher dar-
über sein, daß meiner Nichte und Mündel keine
störsamen Ereignisse in dem Kreise entgegentreten
können, dem sie sich einzuverleiben begehrt und in
den Sie sie aufzunehmen wünschen.
,Sie werden, das bin ich sicher, diese Anfragen
von meiner Seite als vollkommen berechtigt an-
erkennen, und ich darf Sie versichern, daß, falls sie
von Ihnen günstig beantwortet werden, wie ich es
erwarte, ich Herrn Frank Darner gerne als unsern
Neffen begrüßen und ebenso bereit sein werde, meinen
Sohn von den Vorschlägen in Kenntniß zu seten,
die Sie- ich will. hoffen zu gemeinsamem Besten---
mir für ihn unterbreitet haben.
, Genehmigen Sie die Versicherung meiner ganz
esonderen Hochachtung - .
Justine hatte den ganzen Brief angsam, wie
der Onkel das liebte, und mit fester Sämme gelesen.
Nur das Blut war ihr in den Kopf gestiegen und
ihre Hand hatte' leise gebebt unter der Wucht der
wechselnden Empfindungen, welche das Schriftstck
in ihr wachrief, wie unter der Gewalt, die sie sich

-- P-
angethan, um ihre äußere Ruhe zu behaupten. Als
sie ihn beendet hatte, legte sie den Brief vor ihren
Onkel nieder.
,Nun,' fragte dieser, ,Du schweigst, was soll
dies Schweigen sagen?
, Ich schweige, Onkel, weil ich mich sammelu
muß; aber ich danke Ihnen, Onkel! Ich weiß, mein
Vater würde ebenso gehandelt haben, und ich danke
Ihnen, und auuch Ihnen, Zante, daß Sie endlich den
Plan aufgeben, mich mit John zu verheirathen, daß
Sie John mitJh einer von Franks Schwestern ver-
binden wollen . . ??
,, John mit einer Darner!' rief die Tante, die
ihren Unmuth nur schwer bewältigt hatte. ,John?
Der Gedanke ist doch zu naiv !?
,,So habe ich des Onkels Schreiben falsch ver-
standen!'?
,Das hast Du,' begütigte der Onkel. ,Es kommt
jedoch darauf zunächst nicht an, denn von John ist
jetzt die Rede nicht. ?
Er erhob sich, ging an seinen Sekretär, faltete
und siegelte den Brief und hieß Justine dem Diener
klingeln.
, Einen Augenblick noch!r bat Justine. ,Sie
sind offen mit mir verfahren, Onkel,? sagte sie, ,ich
schulde Ihnen also jett das Gleiche.? Sie stockte,
suchte nach dem Worte und sagte dann:,Frank hat
mir durch General von Stromberg ein paar Zeilen
geschickt. Sie sind in dem Glauben geschrieben, daß
Sie mich ihm verweigern. Er gelobt mir, nicht zu
wanken, und verlangt mich zu sprechen, ehe er morgen
fortgeht. Erlangen Sie es, daß Frank hier bleibt,
bisSie sich mit seinem Vater verständigt haben werden.?
,,Das ist eine Avance, die ich nicht machen will,
weil sie mich verpflichten und die Voraussezung

!

?
!
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i
f
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!
s
eines Erfolges in sich schließen würde, der mir
zweifelhaft erscheint.?
Die Tante hatte sich inzwischen erhoben und die
Schelle gezogen, welche den Diener herbeirief.
Kollmann üübergab ihm das Schreiben.
,,An die Adresse zu besorgen durch den Haus-
knecht!' befahl er. ,Bescheid ist nicht zu erwarten
nöthig!
; --.
-- P? --
Als der Diener hinausgegangen war, sagte
Kollmann:
,,Darner wird dem Sohne den Inhalt dieses
Briefes nicht vorenthalten. Schickt er Frank trotz
desselben fort, so bedarf es kaum einer andern
Antwort. Ich habe, da Du Dich, ohne uns zu be-
fragen, so weit gewagt, auf die Ausführung von
- Deines Vaters Anordnungen und auf die Erfüllung
unserer wohlwollenden Wünsche für Dich verzichten
müssen. Beides ist mir gegen den Strich gegangen.
Ich habe von Dir also zu fordern, daß Du Dich
von jetzt ab meinem Willen fügst. Ich will durch -
Dich nicht in die Lage gebracht werden, als ein ge-
wissenloser Vormund zu erscheinen. Ich darf in f
meinem Hause keinen romanhaften Liebeshandel
treiben lassen. Du weißt, das ist nicht unser Brauch.
Du bist hier nicht landfremd wie die Darners, Du
bist hier eingeboren und hast den Namen zu respek-
tiren, den Dein Vater und seine Vorfahren hier zu
Ehren gebracht und Dir mit Ehren vererbt haben. Sind
die Verhältnisse der Darners nicht der Art, daß ich
Dich ihren Namen mit Ehren tragen lassen kann,
so wirst Duu nicht Fraik Darners Frau. Geschäfte

- 18s -
machen kann man mit Jedem, der sich dazu geeignet
erweist; umgehen mit Menschen, die dazu geschickt,
wenn sie auch nicht frei von Makel sind, denn jeder
Umgang ist lösbar. Man kann nicht von Jedem,
mit dem man Geschäfte macht und umgeht, seinen
Taufschein und sein Testimonium heischen; aber mit
wem ich mich oder einen der Meinen dauernd und
durch heilige Bande verbinden soll, gegen den
muß nichts einzuwenden sein; und darauf werde
ich halten, auch in diesem Falle. Wenn Du mir
nicht freiwillig versprichst, jeden Verkehr mit Frank
Darner zu meiden, ihn nicht zu sehen, ihm nicht zu
schreiben, ehe ich im Klaren über die Familie bin,
so verbiete ich es Dir hiermit. Handelst Du gegen
mein Verbot, so begehst Du eine unehrenhafte That,
die vor aller Welt auf Dich und damit auf Deines
Vaters Gotthard Willbergs Namen zurückfällt. Du
darfst Dich mit Niemandem verheirathen, dem ein Makel
anhaftet.?
Justine war seinen Worten regungslos gefolgt.
,,Sie haben Darner bisher stets vertraut,'' sagte
sie, da ihr Onkel inne hielt, ,weshalb zweifeln Sie
jetzt an seiner Ehrenhaftigkeit?'?
,,Weil er es nöthig gefunden, uns über seine
Familienverhältnisse im Unklaren zu erhalten. Mein
Zutrauen zu ihm ist erschüttert seit der Ankunft
seiner Kinder. Wer sich verbirgt, hat etwas zu ver-
bergen. Fühlst Du Dich vielleicht dazu berufen, ihm
darin beizustehen? Und was würden die Leute von
Dir denken, wenn Du, Du Justine, den Namen einer
Familie freiwillig zu dem Deinen machtest, deren
Oberhaupt bisher seine Kinder, wie es scheint, nicht
anzuerkennen gewagt hat? Warum hat Darner alle
diese Jahre nie freimüthig von seinem Sohne ge-
sprochen? Von seinen Töchtern nicht??

-=- PZ --
Justine blieb die Antwort schuldig. Es waren
das Fragen, die sie sich selber im Stillen vorgelegt,
ehe ihre Liebe sie völlig hingenommen. Jetzt, da
der Onkel sie kalten Blutes vor ihr aussprach, fielen
sie ihr mit ganz anderer Schwere auf die Seele.
Denn wie sehr sie sich seither auch darin gefallen,
sich unabhängig von dem Willen ihrer Nächsten
zu erweisen, war sie doch in der Scheu vor dem
Urtheil der Leute erzogen, und es kam ein banges
Zagen in ihr Herz, wenn sie sich auch desselben schämte.
,Es freut mich, daß Du schweigst. Es ist mir
ein Zeichen, daß Du nachdenkst, daß Du die Richtig-
keit meiner Vorsorge für Dich einsiehst! hob der
Onkel wieder an.,Kann ich mich verlassen auf
Deinen unbedingten Gehorsam gegen meinen Dir aus-
gesprochenen Willen??
Und wieder schwieg sie im Kampfe mit ihrer
Liebe und der in ihr erregten Scheu.
,Antworte mir, Justine!'' gebot der Onkel.
,Was soll Frank von mir denken, wenn ich ihm
nicht Antwort gebe!?
,Daß Du ein ehrbares Mädchen bist und Dich
nicht zu einem Liebeshandel hinter dem Rücken der-
jenigen hergiebst, die für Dich einzustehen haben.?
, So muß ich ihm doch wenigstens schreiben, daß
ich Ihnen von seinem Briefe gesagt, daß Sie mir
verbieten, ihn zu sehen.?
,Die Mittheilung werde ich Hm machen, und
zwar, da ich persönlich nichts wider ihn habe, in
schonendster Weise. Hoffentlich ist Gottlieb noch nicht
fort, so kann er auch die zwei Zeilen gleich mit sich
nehmen und besorgen.?
,Welche Umstände!' rief die Tante dazwischen,
da Kollmann Justine fortgeschickt, den Boten zurück-
zuhalten.

-- 1? --
Als sie wiederkehrte, gab er ihr zu lesen, was
er geschrieben.
,Ich danke Ihnen, Onkelr sagte sie wieder.
Er sah, daß sie die Thränen in den Augen
hatte, und gab ihr die Hand.
,ällso wir sind einig für das Erste,' tröstete er,
,,das Nebrige wird sich finden. Jetzt kommt zum Thee!''
,Ich möchte für mich in meiner Stube bleiben,?
bat sie.
Kollmann sagte, sie möge nach ihrem Bedürfnisse
handeln, und sie ging davon.
Die Tante biß die Lippen zusammen und schüttelte
mißbilligend den Kopf.
,,Du bist nicht mit ihr am Ende,'' meinte sie,
nachdem Justine sich entfernt hatte,,aber wie ich
Justine jetzt habe kennen lernen, muß ich sagen,
unser Herrgott weiß am besten, was er - thut und
was uns frommt. Es wird oft zu unserem Heil,
was wir als ein Unheil angesehen. Ich danke dem
Himmel, daß dieses Mädchen nicht Johns Frau,
daß sie nicht unsere Schwiegertochter wird. Wir
haben an ihr gethan, was wir konnten, es nach des
armen Gotthards Wunsch mit ihr und unserem John
zu halten. Jett wünsche ich sehnlich, daß Darner
im Stande ist, sich auszuweisen, denn ich bin
Justinens und ihrer Nähe von ganzem Herzen satt.
Hättest Du nur ihr Haus nicht verkauft, und sie mit
der Göttling gelassen, wo sie war!'?
,,Wer hat es denn so sehr gewünscht, Justine in
unserem Hause zu haben, um sie ganz nach unserer,
nach Deiner Art und Weise zu erziehen?
,Für Frank Darner etwa? fiel die Frau ihm
ein, seiner Frage ausweichend.
Kollmann ließ sich dadurch von seinem Sinne
nicht abbringen.

Kapitel 21

!
-- 171--
,Du bist nach Frauenweise ungerecht gegen mich
und noch mehr gegen Justine, Deines Bruders Kind.
Frank ist ein schöner Mensch, sie in ihn verliebt
und er in sie. Kann es mit Ehren geschehen, daß
sie zusammenkommen, soll's mir recht sein. Ver-
änderten Konjunkturen muß man Rechnung tragen;
aber auf unsicheren Boden stelle ich nicht mich,
nicht sie!'
Einundzwanzigstes Kaptlel!
Darner war in seinem Zimmer, als man ihm
den Brief von Kollmann brachte. Er durchflog ihn
rasch; seine Stirne verdüsterte sich. Er stützte den
Kopf auf die geballte Hand. Es war ihm lieb, daß
er allein war. Er blieb eine Weile in tiefen Ge-
danken sitzen.
,Warum gab ich ihm das Recht, die Frage an
mich zu richten? stieß er endlich hervor und ver-
sank dann wieder in sein Brüten. Er war's ge-
wohnt, mit sich allein zu Rath zu gehen und sich
nicht dabei zu schonen, denn er kannte seine Kraft
und seine Schwäche. An dem Tage, an dem sein
Sohn ihn gebeten, ihn aufzuklären über den Lebens-
weg, den er zurückgelegt, hatte er' sie beide wieder in
sich gefühlt: sein stolzes Selbstgefühl unddie unüber-
windliche Scheu, von seiner fernen ersten Jugend zu
Jemandem zu reden, obschon fast ein Menschenalter ihn
von derselben trennte und verjährt war, was damals
geschehen.
Ausgesprochen' mußte es doch einmal werden, vor
Allem seinen Kindern gegenüber. War dies der rechte
Anlaß, der richtige Augenblick dazu? War's klug,

-- 1?--
Kollmann überhaupt Rede zu stehen, oder klüger,
dessen Verlangen abzuweisen? Aber that er das,
so gab er Jenem das Recht zu den übelsten Ver-
muthungen, während er zugleich die Verhandlungen
über Franks und Justinens Verbindung völlig ab-
brach, zu welcher Kollmann jetzt einlenkend die Hand
geboten hatte. Und Frank liebte das Mädchen und
Darner liebte seinen Sohn.
Er konnte nicht wie sonst schnell mit sich
einig werden. Sprach er, und Kollmann stimmte der
Verbindung nicht zu, so hatte er sich unnöthig in
dessen Hand, sich seinen jeyigen Mitbürgern unnöthig
preisgegeben. In seiner Heimat lebte gewiß noch
manch einer, der ihn in seiner frühsten Jugend ge-
kannt. Seit Jahren aber war keiner von diesen ihm
in den Weg getreten, als einst an der Börse Kapitän
Schwenten. Damals hatte er die Wirkung- von dessen
Anwesenheit und Mittheilungen in den tastenden
Fragen zu empfinden gehabt, die man darnach an
ihn gerichtet. Das, was einmal geschehen war, konnte
sich heute, morgen wiederholen. Der Zufall' konnte
es noch ungeschickter fügen.
Er fuhr heftig auf, als stände dieser Zufall jett
vor ihm. Das durfte nicht geschehen! Sich dem Un-
geschick des Zufalls auszusetzen, sagte er sich, ist immer
ein Fehler. Der Willkür eines Dritten wollte und
durfte er nicht länger überlassen, was er nach bedäch-
tigem Ermessen selber zur Ausführung bringen konnte.
Er hatte allezeit, was der Tag und der Augenblick
von ihm gefordert, nach seinem Gewissen gethan. Er
blickte mit freiem, festem Sinn in seine Vergangen-
heit zurück; er war ja noch immer der Verhältnisse
Herr geworden, in welche er mit seiner Person und
mit der Kraft seines Willens eingetreten war. Ea
galt, dies auch jetzt wieder zu beweisen.

Unud doch zauuderte er noch einmal. Was küümt -
merte die Leute, woher er gekommen, was er ursprüng-
lich gewesen? Er war da; er war Lorenz Darner,
der Chef des großen Handelshauses. Sie hatten ihn
für denjenigen zu nehmen, der er war, so lang er
nichts von ihnen begehrte!
Aber jetzt hatte er etwas von einem Andern be-
gehrt, hatte von Kollmann eine Frau für Frank be-
gehrt. Kollmann hatte damit das Recht gewonnen,
sich nach seinen Familienverhältnissen zu erkundigen, z
fragen, wer die Mutter Franks gewesen sei.
Es gab kein Ausweichen, und einmal gethan,
war's abgethan, so oder so! Er erhob sich, und rasch
wie in allem seinen Thun, wenn der Entschluß ge-
faßt war, brachte er die folgenden Worte zu Papier:
, Ich ersehe auus Ihrem werthen Schreiben, das
Sie, geehrter Freund, eine Unterhandlung noch ein-
mal aufzunehmen wünschen, die ich nach Ihren münd-
lichen Auslassungen als abgethan betrachtete. Ich bin
bereit, dieser Ihrer Absicht zu begegnen und Ihnen
die Auskunft zu geben, deren Sie zu bedürfen glauben.
Indeß solche Dinge machen sich besser persönlich als
schriftlich ab, da ich Ihnen dabei sozusagen meine
eigene Lebensgeschichte zu erzählen habe. Ich schlage
Ihnen also vor, wenn es Ihnen paßt, sich morgen
Abend um sechs Uhr gefälligst zu mir zu bemühen,
und zeichne, Ihres werthen Besuches gewärtig, in be-
kannter Gesinnung
Lorenz Darner.?
Dies gethan, ließ er seinen Sohn z sich be-
rufen.
,Deine Abreise muß verschoben werden, zunächst
um einen Tag !'', sagte er ihm. ,Kollmann hat sich
vermuthlich endgiltig überzeugt, daß er für seinen Sohn

--- 1?g-
auf Justine in keinem Fall zu rechnen habe. Er hat
mir einlenkend geschrieben, Auskunft über Deine
Mutter verlangt. Ich habe ihm für morgen Abend
eine Unterredung zugesagt, der Du beiwohnen sollst,
da Du neulich die gleiche Frage mit Berechtigung an
mich gerichtet. Dort liegt Kollmanns Brief.?
Frank griff nach demselben, hielt jedoch inne und
sprach:
, Ich möchte ihn nicht lesen, ehe ich Ihnen nicht
gesagt, was ich ohne Ihr Mitwissen in dieser Ange-
legenheit gethan habe.?
Und mit kurzen Worten das Geschehene berich-
tend, händigte er dem Vater die Zeilen von Koll-
mann ein.
Als Darner sie angesehen, Frank den Brief ge-
lesen und zurückgegeben hatte, bemerkte der Vater:
,Wäre mit einem Verliebten zu rechten, so wüürde
ich Dir sagen, die Zurechtweisung von Kollmann
hättest Du Dir ersparen können! Du weißt jettt, wie
die Sache steht, und wirst Dich darnach richten.?
,, Justinens bin ich sicher, wie meiner selbst!? rief
Frank voll Zuversicht.
,,.Das wird sich zeigen und ist abzuwarten! Wenn
sie Dich liebt, so ist Verlaß auf Justine, und mich
soll's freuen, wenn Du Deinen Willen hast. Jeyt
aber keinen Schritt vorwärts, ehe ich Kollmann ge-
sprochen! Dein Wort darauf!'' entgegnete der Vater
und hielt ihm die Hand hin.
Frank schlug ein. Er war gewiß, Justine werde
sich bewähren, und war stolz darauf, dies dem Vater
darzuthun.
Darner ging an das andere Ende des Zimmers,
legte seinen Brief an Kollmann auf den Tisch, von
welchem der Faktor des Hauses in der Frühe regel-
mäßig die nicht im Komptoir geschriebenen Briefe zur

--- 17J--
Besorgung abzuholen hatte, und verließ darauf den
Sohn. Es war spät geworden; er wollte auch weiter
nicht befragt sein, es im voraus zu keiner Art von
Erklärung kommen lassen.
Der nächste Tag war ein Sonntag. Das Wetter
hatte sich aufgehellt. Am Himmel schimmerte unter
lichten weißen Wölkchen ein blasses Blau hervor. In
der Luft fühlte man zum ersten Mal wieder jene
Weichheit, welche an die Wiederkehr des Frühlings
glauben macht.
Kollmann hatte es Justinen beim Frühstück nicht
vorenthalten, daß er diesen Abend eine Besprechung
mit Darner haben werde, und auf ihre Frage, ob
Frank abreise, entgegnet, davon wisse er nichts. Er
verkehrte jedoch freundlich mit ihr, und sie fühlte sich
mehr als seit lange zu ihm hingezogen, da ihr Ver-
stand ihr sagte, daß er handle, wie er es müsse. Mit
der Tante war es für sie anders.
Es war gegen neun Ühr. Die Glocke des Doms
läutete zur Kirche, die man regelmääßig zu besuchen
gewohnt war. Darner war nicht kirchlich, hatte aber,
wie seine Tochter es am Neujahrstag vorausgesagt,
für seine Familie eine Bank in der Kirche gemiethet,
und Frank pflegte seine Schwestern und Madame
Göttling fast immer zum Gottesdienst zu begleiten,
wenn schon es nicht eigentlich die Andacht war, die
ihn nach dem Dome zog. Der Darner'sche Kirchen-
stand war dem von Kollmann gegenüber.
Als dieser letztere sich vom Frühstückstisch erhob,
um sich nach dem Dom zu begeben, folgte Justine
seinem Beispiel. Sie hatte den Pelz, die Sammet-
kappe für sich bereit gelegt und war dabei, sich an-
zukleiden. Kollmann bemerkte das.
, Ic glaube, da die Tante noch nicht aufgusan-
den ist, bleibst Du heute lieber zurück. Sie hat, wie

=- ,Z -
ich Dir sagte, keine gute Nacht gehabt und könnte
Deiner doch bedürfen!'r bedeutete er der Nichte.
Justine verstand die Meinung. Sie fügte sich,
reichte dem Onkel den Pelz, den Hut, den Stock und
das Gesangbuch, dann eilte sie wie am verwichenen
Abend an das Fenster. Sie mußte sehen, ob Frank
da war, ob er zur Kirche ging.
Es war wieder viel Leben auf dem Domplat.
Die russischen Soldaten zogen vorüber zu dem Gottes-
dienst, der für sie von ihren Feldpredigern und Popen
auf verschiedenen Plätzen der Stadt abgehalten wurde.
Von allen Seiten kam die Domgemeinde herbei. Man
hatte Trost nöthig, sehnte sich nach Erhebung und
fühlte sich geneigt, an die Macht eines höchsten Wesens
zu glauben und auf dessen Hilfe zu bauen, da man
sich gegenüber den drohenden Ereignissen selber nicht
zu helfen und zu schützen vermochte. Die Noth lehrte
plötzlich auch jetzt wieder Manchen glauben und beten,
der sonst nicht viel daran gedacht, es nicht genau da-
mit genommen hatte.
Die Klänge der Orgel ließen sich vernehmen, die
Schritte der Kirchgänger wurden schneller. Viele von
Justinens nächsten Bekannten gingen vorüber. End-
lich kam auch die Göttling mit den beiden Mädchen;
aber eilig, wie sie waren, sah Niemand von ihnen
zu Justine hinauf, und Frank war nicht mit
ihnen.
Woher kam das? War er abgereist oder grollte
er ihr wegen ihrer Zurückhaltung? Nur dies eine
hätte sie wissen mögen. Wie sollte sie denn durch den
ganzen langen Tag kommen, bis zu der Stunde, in
welcher der Onkel von der Besprechung mit Darner
heimkehren würde? Und was sollte werden, wenn
diese Unterredung nicht zufriedenstellend ausgefallen
war?

-=- 7? -
Frank lassen? Nimmermehr! Von dem Gedanken
kam sie nicht los, und weil sie an denselben gebannt
war, kam sie sich wie gefangen und in Ketten ge-
schmiedet vor, während sie wie immer beschäftigt imt
Hause umherging und der Tante behilflich war nach
deren Bedarf.
Die Kirche war vorüber, die Leute gingen heim,
der Onkel kam nach Hause. Ee blieb immter dasselbe.
, Schade um das schöne Wetter!'' dachte Jstine,
denn die Tante brachte ihre Zeit zwischen Bett und
Sopha hin; der Onkel wußte auch, wie es schien, nichts
Rechtes mit sich zu machen. Er hätte nicht gerade
den Sonntag, er hätte das Komptoir offen, womöglich
einen Posttag haben mögen, um nicht oben in den
Stuben immer wieder das gleiche Thema mit seiner
Frau besprechen und Justinens Unruhe sehen zu müssen,
wenn sie dazu kam. Wohl war Keinem von den Dreien
an dem Tage. Es war eine Befreiung, daß der Ge-
neral und sein Adjutant das Mittagessen mit ihnen
theilten, daß Stromberg gern sprach, daß Kollmann
und Justine ihn anhören, ihm Rede stehen und eine
Weile von sich selber absehen mußten.
Der General war sehr mittheilsam, denn er hatte
ganz unerwartet gerade heute gute Kunde von seinemt
Neffen Eberhard erhalten, dessen er, als seines Pathen,
schon früher gegen seine Wirthe erwähnt. Ein preußi-
scher Offizier, der in der Schlacht von Jena schwer
verwundet worden, war jetzt nach seiner endlichen
Herstellung unter wechselnden Verkleidungen auf weiten
Wegen bis nach Königsberg gekommen, um sich nach
Lithauen zu seineni Regiment und unter seines Kö-
nigs Fahne zu begeben. Er hatte in Jena viel mit
Eberhard von Stromberg verkehrt, der vor dem Krieg
in Jena kameralistischen Studien obgelegen hatte, und
dorthin in seinen Freundeskreis zurückgekehrt war,
Lewald. Die Familie Darner. l.

=- 17F--
nachdem die Zustände sich in Jena wieder friedlicher
gestaltet hatten und eine verhältnißmäßige Ruhe ein-
getreten war.
Der General, der seinen deutschen Wirthen gern
den Antheil zu erkennen gab, den er für deutsches
Geistesleben und deutsche Literatur empfand, sprach
bei dem Anlaß von den Brüdern Schlegel, von No-
valis, mit denen sein Neffe in nahe Berührung gee
kommen war. Schillers und Goethes Namen wurden
genannt, es war die Rede von ihren neuen Werken.
Kollmann nahm diese Herzenshöflichkeit seines Gastes
dankbar auf. Die deutsche Literatur war eben der
unverlierbare Besitz, den die Gewalt des Eroberers
den Deutschen nicht rauben, das Panier, um das die
von einander gerissenen Stämme sich doch noch schaaren
konnten. Er fragte nach Eberhard. Der General
nannte ihn einen edlen Menschen, in dem das Blut
seines Ahnen, des deutschen Ritters, noch lebendig
sei, mit einem Hang zu romantischer Schwärmerei,
den man freilich in der Regel nur zu früh verliere,
so daß man ihn der Jugend wohl vergönnen dürfe.
, Ich möchte, daß Sie ihn kennen lernten, Made-
moiselle,? sagte er, sich an Justine wendend, ,wenn
er einmal in Ihren Weg kommt. Ich bin sicher, daß
Sie ihn schäten, daß er Ihnen gefallen würde.?
Justine antwortete darauf, wie es gefordert war,
aber sie hörte die Namen der Dichter, die sonst in
ihrem Herzen mächtig widerklangen, sie hörte heute
Alles nur mit dem äußeren Ohr. Was kümmerten sie
Eberhard und seine ritterlich schwärmerische Nätur?
Frank und die Unterredung dieses Abends!
Weiter ging sie nichts an in der Welt, und als man
sich nach dem Essen trennte, lagen noch der ganze
Nachmittag, der lange Abend voll quälenden Erwartens
vor ihr. Ihr Herz klopfte, die Wangen brannten ihr

-- 17H --
wie im Fieber. Sie war froh, allein zu sein, und
wußte in der Einsamkeit nichts mit sich anzufangen.
In der Dämmerstunde kam die Tante zum Vor-
schein. Ihre Neugier auf die Kunde, welche Kollmann
- heute von Darner mit nach Hause bringen würde,
hielt fast gleichen Schritt mit Justinens Herzenspeln
und litt sie nicht in ihrer einsamen Schlafstube. Zwei
und drei Mal hatte sie den Mann gefragt, was die
Ühr und ob es für ihn nicht Zeit zum Auufbruch sei,
und jedesmal war es noch zu früh gewesen. Endlich
schlug es dreiviertel nach fünf Ühr, und der Onkel
machte sich auf den Weg.
, Nun wird man's ja erfahren, wird man ja
sehen!'' sagte die Tante. Justine hatte die letzten
Worte gar nicht mehr gehört. Schnell sich erhebend,
war sie dem Onkel auf dem Fuß gefolgt und hinauuf-
geeilt in ihre Stube.
Mitten in derselben blieb sie, wie vor sich selbst
erschreckend, stehen. Aber in ihren Pelzmantel ge-
hüllt, die Sammetkappe auf dem Kopf, den Schleier
niedergelassen, war sie wenig Auugenblicke darnach
schon auf der Rampe vor dem Hause, die hohe Treppe
hinunter auf der Straße. Niemand hatte ihr Fort-
gehen bemerkt. Das Hinundher der Einquartierung
hatte die Leute davon entwöhnt, auf jede einzelne
Bewegung, auf jedes Anschlagen der Hausklingel be-
sonders Acht zu haben, und Thürhüter gab es dazu-
mal noch nicht.
Ohne sich umzuwenden, eilte sie vorwäärts. Nie
zuvor hatte sie am Abend ohne Begleitung, da es
gegen alle Sitte war, nie im Dunkeln, ohne das;
man ihr vorgeleuchtet, die Straße betreten und die
Straßen waren nicht ruhig wie in Friedenzzeit. An
den beiden Wachen, die um des Generals villen vor
dem Hause standen, an den Posten der bivouakirenden

=-- PZ0--
Truppen hatte sie dicht vorüberzugehen, ehe sie in die
Straße einbog. Ein paar Soldaten riefen ihr lachend
einige russische Worte nach, aber das focht sie nicht
an. Sie fürchtete nicht das Dunkel, nur das Licht.
Wenn Jemand, der sie kannte, ihr begegnete, sie
erkannte! Angstvoll huschte sie an den Laternen
vorüber, die in angemessenen Entfernungen an den
Hääusern zur Erleuchtung der Straße befestigt waren.
Sonst hatte sie wohl bisweilen gedacht, wie schön es
sein müsse, in hellen, erleuchteten Städten zu wohnen;
heute segnete sie das Dunkel der alten Vaterstadt.
Sie hatte nicht die gerade Straße gewählt, die am
Rathhause vorüberführt. Durch eine Seitengasse war
sie gegangen. Als sie nahe dem Darner'schen Hause
in die Langgasse einbog, kam ein Mann hinter ihr
her und dicht an sie heran.
,,Darf ich Sie begleiten?' fragte er und Beide
fuhren sie zusammen. Es war ein junger Rigenser
aus angesehener Familie, der als Volontär in ihres
Onkels Hause arbeitete und gastlichen Zutritt in dem-
selben hatte, obschon man wußte, daß seine Sitten
nicht streng, daß er ein leichtsinniger Gesell war. Sie
hatten einander erkannt. Er verließ sie augenblicklich,
ohne sie deshalb aus den Auugen zu verlieren. Er
sah, wie sie in Darners Haus hineinging, sie allein,
in einen Mantel gehüllt und ohne Begleitung. Er
wußte nicht, was er denken sollte, machte sich jedoch
einen Vers daraus auf seine Weise.
Als würde sie verfolgt, so eilig trat sie in ihr
altes Haus hinein. Der Diener sah sie nicht weniger
verwundert an als der junge Klinger auf der Straße.
, Ist mein Onkel hier? fragte sie. Der Diener
sagte, er sei in Herrn Darners Zimmer.
,Sind die Herren allein? erkundigte sie sich
weiter.

Kapitel 22

= P8 -
Herr Frank sei mit ihnen, erhielt sie zur Ant-
wort.
, So führen Sie mich hinauf!'' gebot sie, aber
rascher schreitend, als der Diener es erwartet hatte,
war sie oben in dem Flur schon neben ihm, und
noch ehe er, die Thür öffnend, ihren Namen genannt
hatte, stand sie vor den drei Männern.
Bweiundzwanzigstes Kapites!
Darner und Frank hatten Kollmann in Darners
Zimmer erwartet. Das Feuer hatte wie immer in
dem Kamin gebrannt, der Tisch mit den Leuchtern
wie immer auf dem gewohnten Platz vor demselben
gestanden. Die Männer waren einander wie immer
entgegengegangen, hatten sich mit Wort und Hand-
schlag begrüßt, aber von beiden Seiten hatte sich eine
Zurückhaltung fühlbar gemacht. Kollmann hatte, wenn
auch mit vorsichtig gemessenem Wort, andeuten zu
- müssen geglaubt, daß es ihm leid gewesen, die Er-
klärung von seinem Freund begehren zu müssen,
Darner hatte versichert, daß er, wie er es in seinem
Brief ausgedrückt, die Forderung als durchaus be-
rechtigt anerkenne. Kollmann war verlegener, als
er sich es eingestand, Darner hatte etwas Feierliches
in seinem Auftreten, das unwillkürlich auf den Sohn
sich übertrug.
,Nun denn,' sagte Darner mit geschäftsmäsiger
Ruhe, ,nehmen wir Platz und lassen Sie uns zur
Sache kommen.?
Indeß noch ehe sie sich niedergelassen, r aren sie
Justine gewahr geworden und: ,Du hier! -- Justine,

= PZ -
wie kommst Du her? Willkommen, Mademoiselle
Justine ' riefen Frank und Kollmann und Darner
auf einmal, sich und ihren eigenen Augen nicht ver-
trauend, bis Kollmann strengen Tones die Frage
wiederholte:
, Wie kommst Du her? Wer hieß Dich kommen?
,MNiemand, Niemand !' entgegnete sie, und als
würde sie jetzt erst selber völlig inne, was sie gethan,
hing sie sich an den Geliebten, der ihre Hände er-
griffen und sie an sich herangezogen hatte. ,Ich hielt's
nicht aus zu Hause; es war mächtiger als ich. Ich
mußte dabei sein, wo über mich und Dich entschieden
wird. Verzeihen Sie mir, Herr Darner! Schilt mich
nicht, Onkel!? stieß sie rasch hervor, ,ich--r
Aber sie konnte nicht weiter. Weinend lag sie an
des Geliebten Brust, der sie umfing und hielt,
, Ja,! rief er im Siegesjubel seiner Liebe, ,Du
mußtest dabei sein und Du hast entschieden! Sie
sehen,'' sagte er zu Kollmann, ,sie ist mein; was be-
darf es mehr?? Und auch Justine richtete sich mit
bittender Geberde an den Onkel.
Der wies sie jedoch mit abwehrender Hand zurück.
,,Keine Komödie, wenn ich bitten darf!' sagte er
streng. ,Ich bin nicht gewillt, auf meine nothwen-
dige Forderung zu verzichten und in diesem Rüühr-
spiel den Komödienonkel vorzustellen.?
,,Nicht weiter,? fuhr nun Darner auf.,Zwingen
Sie mich nicht, Ihnen und--r
Aber er hielt inne und sich rasch bemeisternd,
wandte er sich von Kollmann zu Justine.
, Hat mein Sohn gewußt von Ihrem Kommen,
Mademoiselle?? fragte er sie.
,Ich hatte Ihnen mein Wort verpfändet, Vater,'?
unterbrach ihn Frank, ,Justine bis heute Abend ganz
zu meiden.?

=- 18Z -
, Nein, so war Gott lebt,'' rief Justine, ,Niemand
hat darum gewußt! Weiß ich doch selber kaum, wie
ich gekommen.?
,, Du bist gekommen, Deinem Onkel zu beweisen,
daß Du mein bist, und der Mensch soll kommen, der
Dich mir entreißt!'' fiel Frank abermals ein, nur des
einen Gedankens voll.
In fliegender Hast hatten Rede und Gegenrede
sich durchkreuzt. Mit einem Mal ward es still. Beide
Männer, Kollmann sowohl wie Darner, an schnelles
eberlegen gewöhnt, ersahen, daß die Liebe in diesem
Kampf siegen würde; aber während Kollmann es als
eine bittere Kränkung für sich empfand, daß er früher
oder später zu einem Zugeständniß auch wider seinen
Willen genöthigt werden würde, hatte Darner ihm
den Vorwurf des Komödienspielens ebensowenig ver-
geben, als sein Mißtrauen überhaupt. Der Troz
seiner jungen Jahre regte sich wieder einmal mächtig
in seiner Brust. Der stolze Patrizier sollte die
Wahrheit erfahren und sie hinnehmen müssen, wie
er sie ihm bot. Es eilte ihm auch nicht, das Schweigen
zu unterbrechen, da Kollmann unter demselben er-
sichtlich litt; und erst nach einer Pause sagte er, jedes
seiner Worte langsam erwägend:
, Es ist nicht an mir, darüber zu entscheiden,
Mademoiselle Willberg, ob Sie verweilen oder sich
entfernen sollen. Gehen Sie Herrn Kollmann um
seine Meinung an, damit ich ihm in Bezug auf die
Mittheilung, die er fordert, genuugthun kann.
,. Du magst bleiben,'? entschied der Onkel, ,wenn
Herr Darner geneigt ist, sich in Deinem Beisein zu
erklären.?
Da zuckte es wie ein Blitz durch Darners Auugen
und über seine Stirn.

-=- I8--
,Mademoiselle soll' nicht allein dabei sein! Rufe
Deine Schwestern, Frank, und Madame Göttling soll
mit ihnen kommen !'' gebot er.
Frank gehorchte dem Befehl.
,,Wozu das? fragte Kollmann.
,, lm nicht nur Ihnen, sondern auch mir genug
zu thun!' gab Darner ihm zur Antwort mit dem
Ton der Feindseligkeit, die zwischen ihm und Koll-
mann mehr und mehr hervortrat.
Während dessen waren seine Töchter mit den
beiden anderen in das Zimmer gekommen, unfähig,
sich die Anwesenheit von Kollmann und Justine, wie
den ganzen Vorgang zu erklären. Darner hatte ihnen
eine flüchtige Begrüßung gegönnt, dann nöthigte er
Alle zum Sitzen und nahm den Mittelplatz an dem
runden Tisch ein. Aller Augen hingen an ihm; er
wandte sich zu seinen Töchtern.
, Ich habe Euch rufen lassen,'' sagte er, ,weil
ich vorhabe, von mir und meinem Lebensgang z
sprechen. Ich hatte Euch dies zugedacht, als ich
Euren Bruder und Euch in Euer Vaterhaus beschied.
Die unruhigen Zeiten, die jenem Tag folgten, haben
es verhindert. Heute geschieht es auf Herrn Koll-
manns Wunsch. Das Verlangen Eures Bruders,
sich mit Mademoiselle Justine zu verbinden, wie ihr
Wille, die Seine, eine der Unseren zu werden, machen
es ihrem Vormund wünschenswerth, die Verhältnisse
der Familie zu kennen, in die sie eintreten will,
und ich benütze den Anlaß zugleich zur Mittheilung
für Euch. Denn es läßt sich im Leben viel erringen,
viel erwerben; was man jedoch in der Regel am
spätesten gewinnt, das ist die freie Zeit zum Rück
blick auf den eigenen Weg und die gethane Arbeit.
Hat doch selbst der Herrgott erst am siebenten und
letzten Tag es dazu gebracht, betrachten zu können,

-- P8H--
was er geschaffen, und zu erkennen, daß alles, was
er gethan, wohlgethan war, so daß er nun darnach
in göttlichem Genießen ausruhen konnte über seinem
Werk in alle Zeit und Ewigkeit. ?
Es glitt dabei ein Lächeln über seine Lippen,
das er jedoch schnell unterdrückte.
,,So gut wird es freilich dem Menschen nicht zu
Theil,'? fuhr er zu reden fort,,am wenigsten den-
jenigen, die in Arneuth, in Niedrigkeit und Knecht-
schaft geboren sind, wie ich und Deine Mutter,
Frank!
, Ich und sie, mein Sohn, wir waren Beide
höriger Leute Kinder, Hörige von den Gütern der
Freiherren von Ringking auf Großwiesen in Mecklen-
burg, hart am Auefluß der Warnow in das Meer,
und die Hörigkeit lastete nirgends mehr so hart auf
den Leuten als damals noch im Mecklenburger Land.
Verkauft wie der Sklave und der Leibeigene konnte
der Hörige nicht werden, auch von der Scholle ver-
- -
treiben, auf der er geboren worden, konnte man ihn
nicht. Dafür aber durfte er sie nicht verlassen ohne
seines Herrn Willen, und er selber hatte gar keinen
Willen und keine Wahl für sich. Welche Arbeit er
zu lernen und zu treiben, wo er sie zu treiben habe,
bestimmte sein Herr. Ob er ein Weib nehmen dürfe,
hing von des Herrn Willen ab, der es ihm ver-
weigern, ihm Obdach für Frau und Kind versagen
konnte. Das geschah in Großwiesen aber selten,
denn die Güter waren groß, das Land war bei
Weitem noch nicht alles unterm Pflug, und eine neue
Kathe war bald geschaffen. Setzte der Hörige Kinder
in die Welt, so kam's der Herrschaft zu Nute. Sie
waren ein Zuwachs an Hörigen; doch wurde der
zwanzigsten Jahre nicht gegeben. Die Sitten förderte

-=-- I ZZ -
das nicht. Was der Hörige erwarb, das durfte er
nur mit Erlaubniß der Herrschaft theilweise auuf
seine Kinder vererben. Des Herrn Beamte waren
des Hörigen Richter; er mußte sich durch einen
Freien vertreten lassen vor Gericht- und viel an-
ders ist's ja auch heute selbst hier zu Lande noch
nicht.?
,Furchtbar!'' rief Frank unwillkürlich dazwischen,
als der Vater, wie zur Erklärung für seine Kinder
und für Justine, die Sachlage geschildert.
Darner wiegte langsam das Haupt.
,Aus solchen Zuständen bin ich hergekommen,''
sagte er, ,und noch zu dieser Stunde, in welcher ich
hier spreche, sind sie nicht viel anders dort zu Lande.
Es werden im Sommer fünfzig Jahre, daß ich in
der Kirche von Großwiesen getauft worden bin.
Mein Vater Johann Kaspar Radner-- -
,, Radner?' unterbrach ihn Kollmann, dem der
ganze Vorgang, obschon er selbst ihn heraufbeschworen,
immer unheimlicher wurde. ,Sie führen Ihres Vaters
Namen nicht??
, Gönnen Sie mir Zeit, Ihnen zu erklären, was
mich gezwungen hat, ihn abzulegen. Ich will
trachten, Sie nicht lange zu beanspruchen.-- Mein
Vater hatte die Schneiderei erlernen müssen. Diese
sitzende Lebensart war seinem starken Körper von
Jugend an nicht bekommen. Er war krank davon
geworden, hatte von dem Handwerk fortgewollt; da
er aber geschickt in demselben war, hatte er dabei
bleiben müssen. Alles, was er hatte erlangen können,
war, daß sie mich, als ich in dem Alter war, nicht
bei ihm in das Handwerk zur Lehre gaben, sondern
mich, da ich groß und stark war wie mein Vater,
lieber in die Feldarbeit gehen ließen, die nach meinem
Geschmack war. Mit achtzehn Jahren trug ich wie

-=-- 1F? -
der Großknecht meinen Sack mit fünf, sechs Scheffel
Korn, und das war auf den Ringking'schen Gütern
eine große Sache; denn da sie dicht am Ausfluß der
Warnow in das Meer gelegen waren, wurde das
Getreide nicht erst nach der Stadt zum Markt oder
in die Speicher geschickt, sondern direkt in die Schiffe
verladen. Dabei gewannen die Käufer wie der
Baron. Ein guter Sackträger war ein nutzbares
Subjekt. Ich kam regelmäßig zu den Verladungen
nach den Schiffen mit, und die Kapitäne kannten
mich und ich kannte sie.
,Der Baron von Ringking war alt; seine bei-
den Söhne waren ihm gestorben. Nur einen Enkelsohn
hatte er, einige Jahre älter als ich, einen schwäch-
lichen, schielenden Burschen. Das Geschlecht hatte immer
unter einander geheirathet und war körperlich und
geistig bei allem Wohlstand heruntergekommen. Der
alte Baron war kein harter Herr. Er hielt auf seine
Hörigen, wie auf Alles, was sein war. Man litt -
keine Noth auf den Gütern, und er trat nicht leicht
Jemandem zu nahe. Mit dem Junker war es anders.
Weil er der einzige Erbe war, hatten die Großmuutter
und die Mutter ihn in Grund und Boden durch ihre
Nachgiebigkeit verdorben; und ward das dem Baron
doch bisweilen zu arg, so daß er Ordnung schaffen
wollte, so traten die Frauen mit Thränen und Vor-
stellungen hindernd dazwischen. Der Junker war -
Aber es ist nicht an mir, ihm nachzureden!'' setzte
Darner hinzu, sich selber unterbrechend.
, In der Kathe, in welcher ich geboren wurde
und in der meine Eltern beide gestorben sind, noch
ehe ich achtzehn Jahr alt war, hat die Frau eines
andern Hörigen, der beim Fischen ertrunken war,
auch eine Kammer für sich und ihr Kind gehabt.
Ich war vier Jahre älter als Beate, und wenn ihre

=- I ZZ -
Mutter auf Arbeit gehen mußte, hatte sie die Kleine
bei uns abgegeben. Ich hatte sie gewartet, mit ihr
gespielt, bis ich selber an die Arbeit gemußt. Nach-
her war ihre Mutter gleichzeitig mit meinen Eltern
an der Ruhr gestorben, die damals eine Menge
Menschen im Lande hingerafft. Ich bekam mein
Unterkommen mit den anderen Knechten beim Hof-
mann, Beate brachten sie bei der alten Botenfrau
der Herrschaft unter. Sie und ich hatten, nachdem
unsere Eltern todt waren, keinen Menschen, der zu
uns gehörte; wir kamen uns wie Geschwister vor
und hielten zusammen. Sie war immer ein hübsches,
aufgewecktes Kind gewesen. Mit sechzehn Jahren war
sie wie ich weit über ihr Alter groß und stark, das
schönste Mädchen auf den Gütern und in der Runde.
Jeden Abend, wenn ich vom Feld kam oder sonst
bei ihnen einsprach, dachte ich, sie sei wieder größer
und schöner geworden, und die Geschwisterliebe wurde
zu einer andern Liebe in mir, ehe ich es merkte.
Sie stach allen jungen Leuten in die Augen, dem
Junker nicht am wenigsten.
,,Eines Abends, als wir wieder einmal im Früh-
jahr, nach eröffneter Schifffahrt, vom Getreideverladen
zurückgekommen und als ich gerade dabei war, die
leeren Kornsäcke auf die Diele zu tragen, während
die Wagen abgeschirrt wurden, sehe ich, daß der
Junker unter die Linden am Brunnen tritt, wo
Beate zu thun hatte, daß er mit ihr spricht, ihr
unter das Kinn greift, daß sie lacht und daß er ihr
zunickend und lachend davongeht. Die anderen hatten
das gesehen, so gut wie ich. Aber ich und Niemand
hatten darnach zu fragen, was der Junker vorhatte
mit einer von den Hörigen, die ihm gefiel, wenn ich
auch kaum wußte, wie ich meine Säcke an Ort und
Stelle schaffte. Als ich damit fertig war, ging ich

-=- IZß --
zu ihr hin und fragte, was der Junker von ihr
gewollt.
,,Nichts! Er hat gesagt, ich sei ein dralles
Ding, ich hätte wohl schon Lust, einen Mann zu
nehmen.?-- ,Was weiter? fragte ich voll Schrecken.
Sie wurde verlegen, und wie ich verlangte, daß sie
reden sollte, sagte sie: ch hab' gesagt, wenn Du's
wärst, je eher, je lieber.! -- ,Ja je eher, je lieber!
sagte auch ich; denn obschon davon noch nie die Rede
gewesen war, weil wir Knechte vor dem vierund-
zwanzigsten Jahr auf den Gütern keine Erlaubniß
zum Heirathen bekamen, hatte ich's doch selbst nie
anders gedacht, und darum hatte des Junkers Schön-
thun mit dem Mädchen mich erschreckt. Ind der
Junker,: fragte ich, wvas hat er darauf erwidert?
-- ,azu kann Rath werden! hat er gesagt. Zuerst
sollte ich aber in die Lehre ins Schloß, in die Küche
genommen werden und gleich morgen!!-- Und dazu
hast Du gelacht und nichts gesagt? rief ich voll
Ingrimm, denn ich kannte den Junker und wußte,
wie's gemeint war. ,Sagen? Wenn sie mich holen
lassen, muß ich gehen. Da ist nichts zu machen,
aber auch für den Junker nichts mit mir. Lieber
ins Wasser, wo's am tiefsten ist!'
, Von da ab war's mit dem Frieden für uns
beide dahin. Beate mußte am nächsten Morgen in
das Schloß. Ich wurde vom Hof auf das Vorwerk
geschickt, und der Hof wurde mir verboten. Ich be-
kam sie nicht zu sehen, wenn ich mich nicht abends
auf den Hof und sie sich aus dem Schloß zur Boten-
frau schleichen konnte. Sie hatte einen schweren
Stand im Schloß; niir ließ die Eifersucht keine Ruhe.
Ich hatte nur den einen Gedanken: Fort und übers
Meer! Es war von den Gütern im Laufe der
Jahre der und jener davongegangen, indem er sich

=== 19ß =-
in Warnemünde in einem Schiffsraum versteckt und
die dänischen oder englischen Kapitäne hatten dann
Mitleid mit ihm gehabt und ihn an sicherem Ort
gelandet. Die zurückgebliebenen Eltern oder sonstige
Angehörige hatten's freilich büßen müssen. Das traf
nun bei uns nicht zu - wir hatten Niemand. Was
aber für einen allein gegangen war, das ging nicht
für zwei, und am wenigstens für einen Mann und
ein Weib.
,,Darüber war der ganze Sommer in harter
Arbeit verstrichen, denn der Neger in den Plantagen
arbeitet nicht schwerer als wir im Sommer auf den
Gütern. Es wurde schon wieder gedroschen, die Forst-
arbeiten hatten begonnen, die Jagd war offen und es
gab vielHinundher zwischendenverschiedenenSchlössern.
Da ging ich an einem Dienstag Nachmittag, am neun-
undzwanzigsten September, mit den anderen zum Holz-
fällen in den Wald, als der Baron und die beiden
Damen vierspännig an uns vorüberfuhren auf dem
Weg nach Possow, das dem Schwager des Barons
gehörte. Es stand dort eine Hochzeit bevor. Da der
Packwagen den Herrschaften folgte, hielt der eine
Jäger aus der Försterei, der mit uns war, den
zweiten Kutscher an und fragte, ob denn der Junker
nicht dabei wäre und wie lang die Herrschaften fort-
bleiben würden. Der Kutscher antwortete, es sei auf
acht Tage abgesehen und der Zunker hätte erst noch
zur Jagd nach Kreut gewollt. ?
Darner hatte das alles in seiner bestimmten
Sprechweise ruhig erzählt. Aber seit der Nennung
des neunundzwanzigsten Septembers war sein Ton
tiefer und wuchtiger geworden. Er hielt inne, schöpfte
Athem und sagte darnach:
,Die Abwesenheit der Herrschaft und des Junkers
dachte ich zu benützen, denn ich glaubte ihn schon

?
i
=- J! -
fort nach Kreutz. Wir kehrten erst bei Sonnenunter-
gang vom Holzen heim. Sobald wir unser Essen
bekommen hatten, machte ich mich auf. Unterwegs
traf ich den Reiseknecht an. Er ging auch zu seinem
Mädchen, aber des entgegengesetzten Weges wie ich,
nach dem andern Vorwerk. Sie hatten, wie er im
Gehen erzählte, auf dem großen, schnellsegelnden
Briggschiff, auf der ,Gustav Adolf: von Bremen,
Kapitän Witten, der sein eigenes Schiff fuhr, Roggen
für Amsterdam geladen, die Brigg sollte am andern
Tag in See gehen. Ich kannte den Kapitän und
er hielt auf mich, weil ich ein starker Mensch war und
weil er einmal vor zwei Jahren zufällig bemerkt hatte,
daß ich leicht mit Zahlen umzugehen wuußte, obschon
ich nichts als das Einmaleins gelernt. Es hatte
bei einer Abrechnung mit dem Inspektor nicht stimmen
wollen; ich hatte dabei gestanden, und weil der
Inspektor mir sonst dergleichen selbst auufgetragen,
zugehört und eingesprochen, und zwar zu Wittens
Gunsten, was mir zu Hause natürlich nicht geschenkt
worden war. Als ich darauf im folgenden Jahr
wieder auf das Schiff gekommen war, hatte der
Kapitän wieder mit mir gesprochen, und kurz, ehe
ich auf das Vorwerk geschickt worden, hatte ich ihn
zulett gesehen. Damals hatte er mich um eins und
das andere gefragt; ich hatte Auskunft gegeben, so
gut ich gekonnt. ,Schad' um Dich!? hatte er darnach
gelagt, wvenn Du kein Höriger, sondern ein Freier
wärst, würde ich Dich mitnehmen übers Meer. Ein
starker, anstelliger junger Kerl wie Du, mit gutem
Kopf, kann's drüben zu was bringen!?
,,DDas Wort war mir nicht mehr aus dem Sinn
gekommen. Wenn ich ein Freier wäre! dachte ich
immerfort; und wie der Reiseknecht den Abend von
Kapitän Witten und der Gustav Adolf gesprochen

---- 19F--
, hatte, und ich mich wieder einmal wie ein Dieb im
Finstern nach dem: Hof schleichen mußte, dachte ich
auch wieder: wenn ich kein Höriger wääre, wenn ich
mit dem Kapitän Witten fort könnte und mit der Beate!
, Als ich auf den Hof kam, war's schon dunkel.
Die Hunde, die mich kannten, blieben ruhig in ihren
Häusern. Die Pferdeställe waren noch offen, die
Knechte waren dort beim Füttern. Sonst war alles
still. Unter dem Fenster der Mägdestube, wo sie
uni die Zeit immer beim Spinnen war, gab ich mein
Zeichen. Ich war nicht der Einzige, der seinen Schatz
darin hatte, und die Spinnmutter sah durch die
Finger, wenn man nicht zu oft kam. Das war
nicht mein Fall, da der Junker mir ja den Hof ver-
boten hatte. Ich ging deshalb auch gleich wieder
ein Ende vom Schloß fort, nach dem Tanger z,
an dessen Rand Beate mich zu finden wußte. Ich
mußte diesmal lange warten. Der Mond war auf-
gegangen, aber der Hinmel war bewölkt, das Mond-
licht gedämpft. Als ich sie endlich kommen sah,
eilten wir auuf einander zu. In dem Augenblick, in
dem wir uns erreichten, stand der Junker vor uns.
Wie er dahin gekommen, ob der Zuufall ihn uns in
den Weg geführt, ob eine der Mägde falsch gewesen
und es ihm verrathen, das hab' ich nie erfahren.
, ,Er hier? Was hat Er hier zu suchen? fuhr
er mich mit schwerem SchinSöfwort an und schlug
mir mit der knotigen Hezpeitsche, die er in der Hand
hatte, ins Gesicht, daß mir das Blut herunterlief.
,eine Braut!: schrie ich, von Zorn und Schreck und
Schmerz bewältigt. Seine? Was ist sein, Hallunte?
Mein ist das Frauenzimmer wie Er selber! Marsch,
ins Haus mit Ihr! Und treff' ich Sie und Ihn
noch ein einziges Mal beisammen, so ist's Sein letzter
Tag! Merk! Er sich dae !

f
g
=- 19Z=-
,,Er riß Beate an sich, die wie angenagelt da-
gestanden hatte. Ich sprang dazwischen. Er schlug
mit dem schweren Stock der Peitsche abermals nach
mir. Der Schlag traf mich auf den Mund, das
Blut strömte hervor, so daß ich nicht sprechen konnte.
Ich entriß ihm die Peitsche und schleuderte sie fort.
Er sprang mir an die Kehle, ich that ihm das Gleiche.
Er versuchte sich loszureißen. Ich hatte ihn fest
gefaßt und schmetterte ihn zu Boden. -=- Er stand
nicht wieder auf. ?
,.Armer Vater!' rief Frank und legte seinen
Arm um Darners Nacken.
Darner athmete tief auf. Seine Augen brannten
in düsterem Zorn, die Adern waren angeschwollen
auf seiner hohen Stirn. Er beachtete des Sohnes
Worte nicht. Seine Töchter weinten, die Göttling
fah alle der Reihe nach ängstlich an. Justinens
Augen hingen an Darner und an Frank. Keiner von
allen sprach ein Wort. Kollmann hatte sich erhoben.
Er war nicht weniger erschüttert als die Anderen.
Aber zwischen ihm, dem freien Bürger aus altem
patrizischen Geschlecht und dem gehörig Geborenen,
der ein Menschenleben auf dem Gewissen hatte, that
sich für Kollmann eine unausfüllbare Kluft auf. Auf
solche Dinge war er nicht gefcßt gewesen.
,Nicht weiter,' rief er,,es ist mehr als geng
an diesem furchtbaren Bekenntniß!?
Darner blickte ihm fest ins Auge, indem er seine
Hand auf die von Kollmann legte; und ihn also
haltend, sagte er:
,, Nein, es ist nicht genug! Es ist kein uner-,
betenes Vertrauen, das ich Ihnen aufdränge. Sie
haben es gefordert; ich habe es Ihnen gewährt, und
FF- - == - =

! -
-=- 1ß--
heit. Sie haben mich veranlaßt, zurückzublicken auf
den unheilvollen Tag, an welchem Nothwehr und mein
sich empörendes Mannesherz mich zum Todschlag
brachten. Wie ich Ihnen die Wahrheit, so schulden
Sie jetzt mir, mich anzuhören, und ich verlange, daß
Sie es thun. Sie müssen wissen, wie ich aus dem
Elend mich herausgerissen; wie ich aus einem flüchten-
den Hörigen dazu gekommen, hier vor Ihnen und
vor meinen Kindern von mir Kunde zu geben als
den Mann, den Sie bis zu dieser Stunde Ihren
Freund genannt. Meiner Ehre, meinen Kindern und
Justinen schulden Sie's, zu bleiben.?
Das Gebieterische, das sich in Darners Weise
immer kund gab, übte auch jetzt auf Kollmann seine
Wirkung gegen dessen Willen. Er setzte sich nieder.
Darners Kinder sahen zu dem Vater wie zu einer
zürnenden Gottheit empor. Justine genoß seinen
Sieg über ihren Onkel, ohne daß sie es sich einge-
stand, wie einen eigenen Erfolg.
Darner nahm den Faden seiner Erzählung so-
fort wieder auf.
,, Voll Entsetzen sah ich ihn am Boden liegen.
Er war mein Herr gewesen. Wir versuchten ihn auf-
zurichten, das Blut zu stillen, Deine Mutter und ich,?
sagte er, sich zu seinem Sohne wendend. ,ls wir
erkannten, daß er todt sei, hätten wir ihn lebendig
machen mögen, ohne zu bedenken, daß sein Leben
unser Tod war. Der Mensch ist nicht er selbst bei
solcher That und nicht mehr derselbe nach ihr. Nur
der Trieb der Selbsterhaltung zuckt gleich wieder
in ihm auf. Ich hatte den Tod des Junkers nicht
gewollt, als ich mich gegen ihn zur Wehre setzte. Ich
hatte überhaupt nicht gewußt, was der grimme Zorn
mich thun machte. Jetzt gab es nur noch eins!
, ,Fort!: rief ich und nahm Deine Mutter bei

s
s

- 19J -
der Hand-- ,Wohin? fragte sie.-- ,lufs Wasser
oder ins Wasser alle beide! Komm!'
,Die Nacht war hereingebrochen, kein Stern zu
sehen. Der Wind, der die Wolken zusammengefegt,
hatte sich in einen Sturm verwandelt. Als wir in
fliehendem Schritt aus dem Tannenwald in die Wiesen
kamen, peitschte uns kalter Regen ins Gesicht. Noch
eine Strecke vorwärts und wir waren am Wasser vor
der Gustav Adolf. Auf Kapitän Witten waren all
meine Gedanken gestellt.
,Die Brigg lag noch dicht am Lande. In dem
Wetter und um die Stunde war kein Mensch auf
Deck. Die Bretter waren abgezogen, die Boote in
der Höhe. Nur der Spitz hielt Wache in seinem
Haus beim Großmast. Er schlug an; da wir stehen
blieben, bellte er immer lauter; und nun wir am
ersehnten Ziel waren, wußte ich nicht, was ich thun
sollte. Der Hund war mein Beistand. Einer der
Matrosen kam hinaufgeschickt zum Vorschein.
,,Wer da? rief er-- Kapitän Witten!: ant-
wortete ich, denn meinen Namen traute ich mir nicht
zu nennen, da doch Jemand auf dem Weg sein und
ihn hören konnte; und auf den wiederholten Anruf
gab ich das Nämliche zurück. Das Rufen, das fort-
dauernde Bellen des Hundes brachten den Steuermann
und nach ihm den Kapitän auf Deck. WVer da?
riefen auch sie.- Menschen in Todesnoth? schrie
ich hinüber.-- WVohinaus!? fragte der Kapitän, der
glauben mußte, daß es sich um Ertrinkende oder
Strandende handle. - ,Hier am Ufer! Erbarmen,
Kapitän Witten! -- ,as Boot los!' befahl er,
und da das Schiff schwer geladen hatte und tief lag,
sprang er, nachdem der Steuermann die Laterne mit
sich genommen, nach diesem in das Boot.. Als er
vor uns stand und sah, das ringsum im Wasser
1

-=-- PZs -
und auf dem Land alles still und Niemand weiter
da war als wir beide auf festem Boden, fuhr er
zornig auf.
.In des Teufels Namen, Kerl, was hat Er
hier zu schreien? Was will Er? Wer ist Er? Ist
Er -- ,er Lorenz von Großwiesen!! rief ich
dazwischen. ,Sie kennen mich, Herr Kapitän!? Zu
unserem Glück hatte er nicht vergessen, das und was
er mit mir gesprochen. Er hob die Laterne empor,
sah mein blutendes, zerschlagenes Gesicht, das konnte
natürlich seinen Zorn nicht mindern. IIst Er be-
trunken? rief er. ,WJie kann Er sich unterstehen,
hier in der Nacht mit dem Frauenzimmer herumzu-
laufen und ordentliche Leute auufzuschreien! Scher'
Er sich! Doch da er allmälig sah, das ich nüchtern
war, sagte er ruhiger: Red' Er! Was sucht Er?
Was will Er hier?-- ,Erbarmen, Herr Kapitän!
Es geht ums Leben, Herr Kapitän!
,Witten leuchtete nun auch Deiner Mutter ins
Gesicht. Ihre Juugend, unser Zustand rührte ihn.
Man hätte kein Thier hinausgejagt in dem Wetter,
und wir waren stundenlang im Wind entgegen-
gerannt. ,An Bord!? befahl er. Der Steuermann
stieg ins Boot, der Kapitän nach ihm. Ohne weiter
ein Wort zu verlieren, gab er uns mit dem Kopf
ein Zeichen, ihm zu folgen. Als wir an Bord
waren, stand die Frau vor uns, die der Lärm auch
herausgebracht hatte.
,,,Gieb dem Frauenzimmer ein trockenes Stück
Zeug und schick sie hinten in den Verschlag!k befahl
er. Als sie gegangen waren, blieb er stehen. Wsas
hast Du verbrochen? fragte er. -- gch hab' mich
gegen unsern Junker gewehrt und hab ihn erschlagen!i
sagte ich, und das sagt sich schwer. - ,Um das
Frauenzimmer? fragte er weiter. Ich bejahte das.

= ,ß? -
,est's Dein Weib?-- Moch nicht!' --- ,Bist Du in
Ehren mit ihr?-- ,So wahr Gott lebt, Herr!?--
Der Kapitän trat zurück. ,Schlimm, sagte er, ,aber
Ihr müßt fort, wenn's Tag wird.?-- ,ann lieber
gleich!? rief ich.- ,Wo denn hin?- Ins Wasser!:
-- Jist Du toll, Mensch, mit dem Mädchen?--
,esser ins Wasser als an den Galgen; das sagt sie
auch!?
,Witten gab darauf nicht Antwort. Daß uns
der Galgen erwartete, wenn er uns nicht fort half,
wuußte er so gut als wir. Trotz des Unwetters ging
er ein paar Minuten hin und her. Ich starrte in
das finstere Wasser. Plötzlich befahl er, die Luke
des Schüttraumes aufzuheben. Während die Leute
das thaten, ging er nach der Kajüte, kam mit einem
Brod und Branntwein zurück und sagte: Mimm das
und dahinein!? Ich gehorchte. Die Luke wurde wieder
geschlossen. Was es mit uns werden würde, wußte
ich nicht. Die Nacht war lang.?
Darner hielt inne. Frank war, seit der Vater
den Namen seiner Mutter genannt, auf das Tiefste
bewegt. Justine war aufgestanden und hatte sich zuu
ihm gesetzt. Kollmann verwünschte das Abenteuer,
in das er sich begeben, und konnte sich doch des An-
theils an Darner nicht erwehren.
,Ein Menschenalter ist verflossen seit jener Nacht,
seit jener Zeit,' hob Darner wieder an, ,und heute
noch fühle ich die dumpfe Angst, in der ich hinge-
brütet, und fühle es, wie der erste Sonnenstrahl mir
entgegenleuchtet, als ich auf hoher See aus der
dumpfen Finsterniß des Schifsraumes wieder an das
Licht kam.
,,hue, was Dir befohlen wird; iß Dich satt
mit den Anderen und halte den Mund!? hatte der
Kapitän gesagt, als er mich herausgelassen. Außer

-- 19F =-
ihm und seiner Frau mit ihrem jüngsten Kind waren
noch der Steuermann und fünf Mann an Bord.
Sie kannten mich Alle, das will sagen, sie wußten,
daß ich in der Gegend von Warnemünde zu Hause
sei. Meinen Vatersnamen kannten sie nicht, und
Witten rieth mir, ihn nicht zu sagen, mich Darner
anstatt Radner zu nennen. Sie fragten mich aus.
Ich hielt zurück; allmälig gaben sie es auf. Die
Zeiten waren schon damals unruhig. Obschon wir
im Lande nichts davon wußten, wußten die Seeleute
um so mehr davon. In Nordamerika war die Revo-
lution gegen England ausgebrochen, in Holland ging's
mit der Statthalterschaft in Parteikämpfen und Krieg
zu Ende. Neberall zogen Werber umher, Matrosen
wurden gepreßt, zerschlagene Köpfe waren dabei nichts
Seltenes, und seine Zunge zu wahren hatte mancher.
Mir war zum Reden auch nicht zu Muthe, so ließen
sie mich schweigen, und ich hörte von ihnen um so
mehr. Sie waren sammt und sonders schon viel
herumgewesen in der Welt; mir war Alles neu und
kam mir zu Nuten.
,.Als wir im Hafen von Amsterdam vor Anker
gingen, als mit den Lotsen und dem Zollamt Alles
in Ordnung gebracht war und wir zu Mittag ge-
gessen hatten, nahm der Kapitän mich bei Seite wie
in der ersten Nacht. ,Hier bist Du sicher!? sagte er.
,rüben!- er wies nach einem Haus am anderen
Ende des Hafens hin- ,n dem Wirthshaus zum
goldenen Anker, vor dem die Fässer aufgestapelt sind,
versteht der Wirth deutsch. Er heißt Keisl. Er
fragt nicht viel und hat schon manchen vorwärts
gebracht im Land oder nach den Kolonien, der
Schultern hat wie Du. Weiß er von keiner Arbeit,
mußt Du sie Dir suchen. Ich hab' Dir fortgeholfen

s
i
z
-- , ß --
und mir damit auf weit hinaus die Häfen bei Euch
versperrt. Jetzt geh' Deiner Wege und thu' gut! Da
, Er drückte mir drei Gulden in die Hand. So
viel hatte ich nie besessen. Ich erkannte Alles, was
er für uns gethan und geopfert. Ich hatte mir selbst
gesagt, daß er fürs erste nach Rostock und Warne-
münde nicht wieder fahren könne. Aber ich konnte
nicht danken. Ich stand und sah ihn an. Es kam
zu viel auf einmal über mich. ,Was stehst Du noch?
fragte er.- Die Beate, was soll aus der werden?
fragte ich.-- Fas ist das Elend !? rief er. Mit-
schleppen kannst Du sie nicht; hier herumlaufen kann
sie auch nicht; die behalte ich auf dem Halse. Ich
gehe mit Kolonialladung, wenn wir gelöscht haben,
nach Helgoland!-- Witten war dort zu Hause--
,dahin nehme ich sie mit. Meine Frau Mutter ist
alt und hat unsere beiden eltesten bei sich; die kann
Hilfe brauchen. Wenn sie sich gut hält, kann sie
dort bleiben. Bist Du einmal so weit, so hol' sie
Dir! Und nun mach', daß Du fortkommst und komm
nicht mehr an Bord!
,Zuu packen hatte ich nicht!' sprach Darner, und
ein Lächeln glitt über sein ernstes Gesicht, das den
Seinen die Thränen in die Augen brachte. ,Ich
besaß nichts als ein Hemd, das der Steuermann
mir geschenkt, und das Zeug, das ich auf dem Leib
hatte. Ich konnte kein Handwerk, konnte nur so viel
schreiben, als der Küster mich, weil ich ihn darum
gebeten, nothdürftig gelehrt. Ich hatte nichts und
Niemand als mich selbst und die drei Gulden vom
Kapitän. Im Beisein der Anderen sagte er Deiner
Mutter, daß ich gehen müsse, daß er sie mitnehmen
würde und daß ich sie einmal würde holen kommen,
wenn wir uns ordentlich hielten und einander treu
blieben. Dann hieß es adieu. Ich stand am Qunai

==- Zßß -
und sah mich noch einmal um. Deine Mutter stand
auf Deck. Die Wäsche, die sie in der Frühe ge-
waschen und aufgehängt hatte, wehte der Wind hin
und her; ich bekam sie dazwischen nicht mehr zu Ge-
sicht -- und fünf Jahre lagen zwischen jener Stunde
und dem Tag, an welchem ich sie als Steuermann
der Gustav Adols, Kapitän Witten, auuf Helgoland
zum erstenmal wieder erblickte, um mich am nämlichen
Abend mit ihr oben in der kleinen Kirche zusammen-
geben zu lassen. -- Es war mein erster Sieg nach
fünf Jahren voll' bitterer Noth, voll rastloser Arbeit
und dann voll raschen Vorwärtskommens. Es war
mein erstes Glück; es ist nicht das einzige geblieben,
aber leider war's von kurzer Dauer.
, Ich habe Deine arme Mutter nur ein Jahr
gehabt. Wir gingen von Helgoland bald wieder
nach England zurück. Mituehmen konnte ich sie nicht.
Im anderen Sommer, als wir von Bergen herunter-
kamen, warst Du geboren, wenige Monate alt. Ich
habe Dich an ihrer Brust gesehen, dann mußte ich
wieder fort. Bald darnach ist sie an den Pocken ge-
storben. Du bliebst bei Wittens Schwiegermutter,
bis ich besser für Dich sorgen und Dich als fünf-
jährigen Burschen nach Bremen bringen konnte, von
welcher Zeit Dein eigenes Wissen von Dir selbst be-
ginnt. Mit dem, was Du geworden, stehst Du selber
für Dich ein; und um Dich handelt es sich ja nicht
zunächst mit diesen Erklärungen !' setzte er hinzu, sich
an Kollmann und Justine wendend.
,,Wie ich emporgekommen, nachdem ich dem Be-
reich entronnen, in welchem der Blutbann über mir
geschwebt? Wie manch Anderer diesseits und jenseits
des Ozeans. Ich bin an jedem Tag der Arbeiter
der Arbeit gewesen, die sich mir zunächst geboten:
Sackträger und Matrose, bis ich Steuermann geworden

=- Z9!-
unter Kapitän Witten. Nachdem dieser seinen heran-
gebildeten Bruderssohn zum Steuermann bei sich ge-
macht, bin ich Steuermann auf englischen Schiffen
geworden, die zwischen der Goldkitste und der Ha-
vanna gingen, bin dann Superkargo gewesen für das
Haus Jasserman, das zu der Zeit den Elfenbeinmarkt
beherrschte, und habe bei einer dieser Reisen, bei der
wir ein paar hundert Schwarze an Bord gehabt,
meine Jigendschuld gebüßt. Ein Menschenleben hatte
ich zu meiner Vertheidigung zerstört. Zm Kugelregen
eines Piratenschiffes in wilder Sturmnacht habe ich
mit Bewußtsein mein Leben eingesetzt, das Schiff in
den Hafen zu bringen, das Leben der mir anver-
trauten Menschen zu retten, nachdem der Kapitän ge-
fallen war. ?
,Davon haben Sie uns einmal erzählt!' fiel
Justine ihm ein, indem sie ihren Onkel anblickte,
auch diesen an jene frühere Mittheilung zu mahnen.
Darner beachtete das in der Lebhaftigkeit seines Rck-
erinnerns nicht.
, Von da ab fand ich das Gleichgewicht in uir,
das mir in einzelnen Augenblicen gefehlt, wenn ich
jener Zornesthat meiner frühen Jugend gedachte;
und jene Rettung des ,Magellanf war es auch, die
meine Aufnahme in die inneren Geschäfte des Hauses
Jasserman veranlaßte. Sie machte mich aus einem
Seemann zum Kaufmann. Ich kam allmälig in Ver-
bindung mit den anderen großen Weltfirmen. Es
hat es Niemand zu bereen gehabt, weder Kapitän
Witten, daß er mich und Deine arme Mutter ge-
rettet, noch sonst Jemand, der mir die Hand geboten,
der mich hat arbeiten lassen in seinem Dienst und
mit mir gearbeitet hat in meiner selbstgeschaffenen
Freiheit. Ich denke, es soll auch ferner also
bleiben.?

-=- Z0Z--
Er stand auf bei diesen Worten, dehnte die
Brust wie Jemand, der eine schwere Arheit gethan,
zog die Uhr heraus und leise den Kopf schüttelnd,
nachdem er die vorgerückte Stunde bemerkt, sagte er
zu Kollmann, gleichsam verwundert über sich und
seine Mittheilsamkeit:
, Ich habeIhreZeit länger in Anspruch genommen,
als ich geglaubt; aber die Vergangenheit ist mächtig
über uns. Sie überwältigt auch den Gefesteten und
reißt ihn mit sich fort, wenn wir ihr aus der Tiefe,
in die sie in uns selbst versunken ist, den Weg ans
Licht eröffnen und ihr damit ein fortdauerndes Leben
in dem Gedächtniß von Anderen erwecken. Der Tod-
schlag, den ich begangen, ist verjährt. Es lebt Nie-
mand von dem Geschlecht der Ringking, dem wir
einst hörig waren. Sie wissen Alles, was Sie hören
zu wollen berechtigt gewesen sind. Verfahren Sie
mit meinem Vertrauen nach Ihrem Ermessen und
schreiben Sie sich's selber zu, wenn Sie die Zeit be-
dauern sollten, die Sie mir gewährt.?
,,Wie könnte ich das, während ich Ihnen zu
danken habe? entgegnete Kollmann, der sich nach
Darners Beispiel mit den Anderen erhoben hatte.
,,Der Hinblick auf einen so eigenartigen, von so
traurigen Anfängen ausgehenden, von eigener Kraft
gebahnten Weg hat nur für mich, den an eine
schlichte, gerade Straße gewöhnten Mann, etwas
Neberraschendes. Ihre Energie, Ihre Erfolge sind
bewundernswerth. Ihr Sohn hat ein großes Vor-
bild als Geschäftsmann vor sich. ?
, Und wir, mein Vater,'? fiel Virginie ein, ,uns
sagen Sie nichts von unserer Mutter, die ja noch am
Leben istE?
Sie wußte nicht, welcher Verlegenheit sie Koll-
mann mit dieser Frage enthob, wie sie es dem Vater

!
-- L0Z --
erleichterte, über Kollmanns kühl gesprochene zwei-
deutige Anerkennung ohne Einwand fortzukommen.
,Das Schicksal,' sagte Darner, während er die
beiden Mädchen, die ihm zur Seite gewesen waren,
stehend in seine Arme nahm, ,das Schicksal, das mich
und Eure Mutter getroffen und getrennt, ist mit
wenigen Worten erzählt. Euer Großvater war ein
protestantischer Engländer, der Rhederei betrieb in der
Havanna, Eure Großmutter eine Spanierin und ka-
tholisch. Sie war einer Wittwe unbemitteltes Kind
und hatte sich von ihrer Liebe um so leichter bewegen
lassen, Euren begüterten Großvater zu heirathen, da
er das Zugeständniß gemacht, seine Kinder in dem
Glauben der katholischen Kirche erziehen zu lassen.
Eure Mutter war und blieb das einzige Kind dieser
Ehe. Als ich sie vier Jahre nach dem Tod von
Franks Mutter kennen lernte, war Ines wenig älter
als Ihr in diesem Augenblick. Das Haus Jasser-
man hatte mich zum ersten Mal in seinen Geschäften
nach der Havanna gesendet. Die Schönheit Eurer
Mutter, ihre Liebenswürdigkeit gewannen mein Herz
wie ich das ihre. Ihr Vater war mir geneigt, ihre
Mutter war nicht mehr am Leben. Die Nonnen, in
deren Kloster sie ihre Kindheit verlebt, hofften wie
ihr Beichtvater, daß ich einwilligen würde, auch meine
Kinder im Katholizismus zu erziehen. Ich weigerte
mich der Zusage, der Beichtvater versuchte unsere
Verbindung zu verhindern. Ihre Liebe trug den
Sieg davon. Sie ließ sich von einem englischen
Geistlichen mit mir trauen. Kaum jedoch war der
Schritt gethan, kaum hatten wir wenige Tage un-
getrübten Glückes genossen, als die alte religiöse Ge-
wohnheit mächtig über sie wurde. Sie verlangte zur
Beichte zu gehen, man verweigerte sie ihr, das ließ

-== ZßF -
ihr keine Ruhe. Ich nahm sie, um sie von dem
Einfluß ihres Beichtvaters zu entfernen, mit mir nach
New-Hork, wo Ihr geboren wurdet; aber statt Glück
und Ruhe zu finden in ihren Kindern, peinigte sie
der Gedanke, daß auch Euer Seelenheil verloren sei,
und die Erfahrung, welche ich eben damit an der von
mir geliebten Frau zu machen hatte, war nicht dar-
nach angethan, mich ihrem Wunsch willfahren zu
lassen und Euch der katholischen Kirche einzuverleiben.
Ich mußte wieder zurück nach der Havanna, mußte
achtzehn Monate dort bleiben. Ich konnte, ohne sie
unglücklich zu machen, ihr den Zusammenhang mit
ihrer Kirche nicht rauben. Alles, was ich unternahm,
gelang mir; was mir am meisten am Herzen lag,
Eurer Mutter den Frieden wiederzugeben, war ich
außer Stande. Ich hatte mich für kurze Zeit in Ge-
schäften zu entfernen; Eure Mutter und Ihr bliebt
unter Eures Großvaters Dach, unter seiner Obhut
zurück. Als ich wiederkehrte, hatte sie, ihn und mich
täuschend, uns und Euch unter dem Beistand ihres
Beichtvaters verlassen und war in das Kloster ein-
getreten, um, wie sie mir schrieb, für ihre Mutter
und für sich Buße zu thun, und für Euch und Euer
Heil zu beten. Ich und ihr Vater haben getrachtet,
sie wiederzugewinnen- es war umsonst! Als ich
dann bald darauf für immer von der Havanna schied,
richtete ich Euch dort mit einer Verwandten Eures
Großvaters ein und ließ Euch dort =-?
, Bis die gute Sherman uns nach Genf gebracht
hat und Sie zu uns gekommen sind ! rief Dolores
und hob ihr Köpfchen zu ihm empor. ,Und nun
bleiben wir Alle bei Ihnen, mein Vater, immer,
Frank und wir!' setzte sie schmeichelnd hinzu, indem
sie sich an ihn schmiegte.
,Immer? wiederholte der Vater, ,wollt Ihr

==- Z0J--
alte Mädchen werden? Eure Zeit wird bald ge-
kommen sein! Aber Ihr bleibt mein!'?
Die Mädchen lachten; er küßte sie beide und
reichte dem Sohn die Hand. Kollmann konnte sich
der Rührung nicht erwehren, indeß seine Verstimmung
war während des ganzen Abends mit der Erkenntniß
gewachsen, daß er nicht mehr Herr seines Handelns
sei wie noch vor einer Stunde.
Er hatte kein Wort von Darners Erzählungen
verloren und war doch während derselben unablässig
mit sich darüber zu Rath gegangen, wie er sich über
den heutigen Abend forthelfen, wie er sich aus dem
ganzen Handel herausziehen könne. Er machte es
sich zum schweren Vorwurf, den Heirathsantrag für
Justine nicht einfach gbgewiesen zu haben, wie es in
seiner Hand gelegen. Er warf es sich vor, erst eine
Erklärung gefordert zu haben, durch die er zum Mit-
wisser eines unheilvollen Geheimnisses gemacht worden
war, das er nicht preisgeben durfte, ohne das von
ihm begehrte Vertrauen zu mißbrauchen. Die Kluft,
welche Darners erste Worte: ,ich bin als Höriger
geboren,' zwischen diesem und ihm aufgerissen, war
durch den Verlauf der Erzählung nicht ausgefüllt
worden. Seine Gedanken hatten nicht mehr ihren
gewohnten ruhigen Gang. Er konnte es nicht von
sich abweisen, Darners selbstsichere Wahrhaftigkeit und
seine seltene Thatkraft anzuerkennen, und es war ihm
zuwider, daß er es nicht konnte. Er war erbittert
gegen Darner, er war noch zorniger gegen Justine,
deren unerlaubtes Dazwischenkommen jenem erst den
Anlaß gegeben hatte, auch seine Töchter herbeizurufen
und aus der geforderten fast geschäftlichen Erklärung
ein rührendes Ereigniß, eine Familienscene zu machen,
als deren Opfer er sich fühlte. Er hätte jett erst
recht ein bestimmtes Nein gegen Franks und Darners

b=- I(R =
Erwartungen aussprechen mögen; aber den Mann,
unter dessen Dach er sich befand, den Vater in Gegen-
wart seiner Kinder zu kränken, indem er dessen Ver-
gangenheit verurtheilte, das war eine That, gegen
welche sich sein sittliches Empfinden wie sein Ehrge-
füühl sträubten, und auch auf Justine selber hatte er
Rücksicht zu nehmen.
Er hatte es mit Verdruß gesehen, wie sie
während der Erzählung mehrmals mit Frank Hand
in Hand gesessen, wie ihre Liebe, wie Darner sie
ganz beherrschten. Er konnte nicht daran zweifeln,
daß er sie jetzt noch weniger als vorher fügsam
finden, daß sie mit Frank und Darner im Verein
ihre Heirath mit Frank durchzusetzen im Stande sein
werde. Um Justinens willen durfte er die Darners
nicht mehr von sich weisen, sie, wie er es in seinem
Innern nannte, nicht fallen lassen. Er konnte es
mit Darner auch schon deshalb nicht zu einem Bruch
treiben, weil er geschäftlich mit ihm noch enger als
sonst verbunden war, seit dieser bei der Zahlung der
freiwilligen Kontribution durch den Accept seiner
Wechsel auf Riga so zuvorkommend für ihn einge-
treten. Von allen Seiten fühlte er sich eingeengt,
gebunden, und während er nach einem Ausweg suchte,
geschah ein Nichterwartetes.
Frank reichte der Geliebten seine Hand, zog sie
an sich und zu den Seinen heran und sagte:
, UndJustine, meinVater, siegehörtjaauchzuuns!r
,Ja, rief Justine, ,i, ich gehöre zu Euch!
Nehmen Sie mich auf und an, mein Vater!'r
Darner verneigte sich freundlich mit der Galan-
terie, mit welcher er Justine stets behandelt hatte.
, Sie, meine Liebe,'' sagte er, ,haben wir noch
von Ihres Onkels Hand oder - von der Zukunft
zu erwarten.?

-- A(s? -
Kollmann hatte keine Wahl mehr. Darner hatte
die Sachlage mit den letzten Worten nach seiner ge-
wohnten Weise richtig gekennzeichnet. Justinens Ver-
lobung mit Frank war nur eine Frage der Zeit.
Wenn es Kollmann auch kränkend war, diese That
sache anerkennen zu müssen, war es in jedem Fall
gerathener, jetzt mit dem Anschein freier Entschließung
zuzugeben, was ihm früher oder später nach voraus-
zusehenden Ungehörigkeiten zu hindern nicht möglich
sein, ihm abgezwungen werden würde.
, Nun denn,'' sagte er, ,nehmen Sie sie hin!
Und möge meiner Nichte und Ihrem Sohne mehr
Gluck beschieden sein, als Ihnen in Ihren Ehen zu
Theil geworden ist!r?
,Das lassen Sie meine Sorge sein!' rief Frank,
indem er die Geliebte an seine Brust schloß und sie
dann seinem Vater zuführte. Justine neigte sich, ihm
die Hand zu küssen, er ließ es nicht zu, sondern um-
armte sie herzlich.
, Sie sollen gut geborgen sein bei uns in Ihrem
Hause!'' sprach er, aber wie sie sich dann an ihren
Onkel wandte, auch ihn dankend zu umarmen, wehrte
dieser sie unmerklich von sich ab. Sie empfand es,
und dem scharfen Auge ihres künftigen Schwieger-
vaters war Kollmanns Bewegung so wenig wie Ju-
stinens Erschrecken entgangen. Er umarmte Justine
noch einmal und noch herzlicher als vorher.
Frank und die beden Mädchen kannten ihrer
Freude kein Ende; Madame Göttling küßte ihre
Pflegetochter gerührt.
,Wenn Dein Vater das wüßte!'' sagte sie leise
und trocknete ihre Augen.
, Wenn mein Vater mich sähe an der Seite
meines Frank, so würde er mich dafür segnen, das
ich mir den schönen, guten Mann nach meinem Herzen

=- L0F =
gewählt, statt mich als Familieninventar gehorsam
verbrauchen zu lassen und die Nervenschwäche der
Tante einmal fortzusetzen. Trockne Deine Augen und
mach' Dir meinetwegen keine Sorge!'' entgegnete sie,
richtete sich in ihrer ganzen Höhe neben der kleineren
Göttling empor und hing sich wieder an des Geliebten
Arm, während Darner Madame Göttling fragte, ob
der Thee bereitet sei und man zum Essen gehen
könne.
Sie bejahte das; Darner bot Justine seinen
Arm, Kollmann trat dazwischen.
,,Erlauben Sie, sagte er, ,daß wir uns ent-
fernen. Wir müssen nach den unvorherzusehenden
Ereignissen dieser letzten Stunden in das Gleichge-
wicht zu kommen versuchen. Es hat meiner Nichte
gefallen, ohne Vorwissen ihrer Tante auszugehen.
Meine Frau wird nicht wissen, was sie davon zu
denken, noch wo sie sie zu suchen hat, und noch
weniger wird sie auf die Kunde vorbereitet sein, die
ich ihr zu bringen habe. Selbst mein langes Aus-
bleiben wird sie beunruhigen.'
Darner schellte und befahl dem eintretenden
Diener, anspannen zu lassen. Kollmann wollte auch
das ablehnen, indeß Darner meinte, Kollmann habe
es wohl nicht beachtet, daß das Wetter umgeschlagen
sei, daß es regne; und da er fortan einen Anspruch
an Justine habe, könne er nicht zugeben, daß sie
sich einer Erkältung aussetze, er sei ein vorsichtiger
Mann, der seinen und der Seinen Besitz zu wahren
trachte.
Kollmann war also zum Verweilen genöthigt,.
und Frank rief:
,Sollen wir denn nicht wenigstens auf das
Wohl Justinens, auf das Wohl meines neuen ver-
ehrten Oheims trinken??

-- W9 --
,Die Verlobungsfeier, wandte Kollmann ein,
, geschieht nach unserem Brauch in dem Vaterhaus
der Braut. ?
, Nun,' rief Frank noch einmal, die wiederholte
Ablehnung unbeachtet lassend, ,in dem hefinden wir
uns ja !'?
Und auf einen Wink des Hausherrn an Madame
Göttling wurde schnell Champagner und Backwerk
herbeigebracht, die Flasche entkorkt, die Gläser ge-
füllt, und sein Glas erhebend, trank Darner auf der
Verlobten Wohl und künftiges Glück.
Die Meldung, daß der Wagen vorgefahren sei,
enthob Kollmann der Nothwendigkeit, dies zu er-
widern. Er zeigte sich eilig, Justinens Pelz wurde
geholt, Frank und die Mädchen begleiteten sie mit
Madame Göttling bis an den Wagen, da Frank
heute Abend der Tante nicht mehr zugeführt werden
sollte, um sie nicht noch mehr aufzuregen. Darner
trennte sich oben an der Treppe von den Anderen
uund ging in sein Zimmer. Frank war der erste, der -
zu ihm zurückkam.
Darner schenkte für ihn und sich die Gläser noch
einmal voll und brachte ihm das Glas zu.
, Glück auf, Frank,r' sagte er,,iett hast Dn,
was Du begehrt, und seinen Willen durchsetzen kön-
nen, das ist Glück! Justine ist Blut von unserem
Blut; ich hatte sie für Dich im Sinn! Mache sie
glücklich und halte sie in Ehren, sie ist's werth!'?
wwwoAaewaa oeeoaapg
Lewald. Die Familie Darner. l.
14

Kapitel 23

-- 2--
Dreiundzwanzigstes Kapuel
Als Frank die Thüre des Wagens geschlossen,
als Kollmann sich mit Justinen allein fand und sie
mit einem Ausruf des Dankes seine Hand ergriff,
zog er sie zurück.
, Kein Wort davon! sagte er streng.,Du hast
mich durch Deinen vermessenen Leichtsinn dazu ges
zwungen, gegen meine Neberzeugung, gegen meine
Einsicht zu handeln. Ich will Dir nicht wünschen,
daß Du einmal erntest, was Du für Dich gesät,
aber ich vergebe Dir nicht, was Du damit an uns
gethan und daß Du Deiner Tante, Deines Vaters
Namen umtauschtest, gegen den Namen eines Mannes,
der seinen wahren Namen verleugnen muß, der seine
Vergangenheit zu verbergen hat, wenn schon er die
Stirne besaß, sie mir aufzudringen. Daß die Tante
kein Wort davon erfährt, das versteht sich von selbst.
Es würde sie niederwerfen. Was ich ihr heute in
Deinem Beisein sagen werde, das hast Du aufrecht
zu erhalten vor ihr und vor den Leuten. Du sollst
sobald als möglich aus dem Hause, und dann halte
Dich zu Denen, die Du Dir erwählt, und in schick
licher Ferne von uns, denen anzugehören Du yer-
schmäht hast --- zum Glück für uns, wie ich jetzt
leider sagen muß!'
In grollendem Schweigenlegtensie die kleine Strecke
bis zu ihrer Wohnung zurück. Als der Wagen hielt,
als sie die Freitreppe in die Höhe stiegen und die
Hausflur betraten, kamen der Diener und das Haus-
mädchen ihnen hastig entgegen, und von der Treppe
herunter rief Madame Kollmann:
,Konrad, Justine ist fortgegangen, ich habe,
z - ?

-- A1--
Kollmann nahm einen heitern Ton an.
,, Unbesorgt, mein Schat, sie ist bei mir!' ent-
gegnete er. ,Aber geh in das Zimmer, erkälte Dich
nicht!'' und rasch zu ihr hinaufgehend, von Juuustine
gefolgt, trat er mit ihr in das Wohnzimmer hinein.
, Sag' mir, was ist Dir eingefallen ? rief diese f
ihrer Nichte entgegen. ,Wie im Fieber bin ich seit
einer Stunde gewesen, seit ich Dich rufen lassen wollte
und Johann Dich nicht gefunden hat. Ich wollte zu
Berkenhagens, zu Schwankaus schicken, aber was
sollten die Leute denken, wenn ich Dich suchen ließ?
Welches anständige Frauenzimmer läuft mutterseelen-
allein im Stockfinstern von Hause fort, ohne einem
Menschen davon ein Wort zu sagen!'
Kollmann nahm die Frau bei der Hand.
, Beruhige Dich, sprach er,,D hast recht,
vernünftige Frauenzimmer, Mädchen, die sich respek-
tiren, thun dergleichen allerdings nicht, aber Made-
moiselle Justinens Wege sind wunderbar! Ich stelle
Dir hier die Verlobte von Frank Darner vor !r
Die Tante schlug die Hände zusammen und ließ
sich in den Lehnstuhl fallen.
, Nein, nein,'' rief sie, ,wie ist das möglich?
Wie ist das denn so mit einem Schlag gekommen?
Wo kommt denn Justine her, mit Dir zusammen?? !
,Das ist bald gesagt,'' meinte Kollmann und j
berichtete, von dem Erstaunen und den Ausrufen s
seiner Frau begleitet, mit wenigen und herben Worten, s
was geschehen war und wie die Sache sich gestaltet
hatte.
Auf Madame Kollmanns Frage wegen der von
Darner erhaltenen Auskunft sagte er, Darner sei f
eines leibeigenen Schneiders Sohn, sei davon ge-
gangen, um Matrose zu werden, habe ein ebenfalls
leibeigenes Dienstmädchen geheirathet, darnach seinen
1g

;
---- AN---
Weg gemacht, und Frank, seinem in rechtlicher Ehe
geborenen Sohn, fern von sich eine gute Erziehung
geben lassen. Seine Töchter entstammten einer
Kaufmannsfamilie in der Havanna. Die Mutter habe
sich aber um religiöser Bedenken willen von ihrem
Gatten getrennt und lebe in einem Kloster ihres
Heimatlandes.
,, Und dazu meines einzigen Bruders einzig Kind,
dazu Justine Willberg!'' rief die Tante und brach
in einen Strom von Thränen aus, mit dem sie sich,
wider alles Erwarten, ihrer Nichte in die Arme
warf. ,Justine, Justine, warum hast Duu uns das
gethan ?
Justine war auf das Aeußerste erregt. Freude
und Zorn, Glücksgefühl und Empörung, Triumph
über den von ihr errungenen Sieg und dazwischen
doch eine gewisse Scheu vor dem Urtheil der Leute,
eine Besorgniß, daß oon den Mittheilungen, die
Darner gemacht, mehr, als der Onkel beabsichtigt,
bekannt werden möchte, kämpften in ihr, errangen
abwechselnd die Oberhand. Sie hatte sogar Mitleid
mit der Tante, aber unfähig, eine Zärtlichkeit zu
zeigen, die sie nicht fühlte, sagte sie:
,,Es kann doch yicht jeder, wie Sie und ich, im
Willberg'schen Hause geboren sein, Tante, und soll
ich meinen Frank, den schönen prächtigen Mann,
nicht lieben, weil sein Vater die Kraft besessen hat,
sich aus Niedrigkeit zum Besitzer unseres Hauses
aufzuschwingen? Soll ich den Vater nicht lieben,
der einen solchen Sohn, der mir den Geliebten er-
zogen hat? Ich bewundere meinen Schwiegervater,
ich liebe meinen Bräutigam leidenschaftlich! Bin ich
dadurch Ihrer Liebe nicht mehr werth, so drängen
Sie, Tante, mich zu einer Wahl, zwischen meinen
Blutsverwandten und dem Manne meines Herzens,

-=- Z--
und ich muß tragen, was Sie mir auferlegen. Das
Wort, das ich frei gegeben habe, halte ich. Aber
Sie geben mir als Brautgeschenk einen Schmerz
mit, den ich tief empfinden werde!'' setzte sie hinzu,
und auch ihre Stimme bebte, auch ihr wurden die
Augen feucht.
Ihre Festigkeit bewältigte die Tante, ihre Rüh-
rung machte den Onkel milder.
,,Es wird Dich fortan Niemand mehr hindern,
Deiner Neigung zu folgen!'' sagte er. ,Ich pflege
gegebene Zusagen ebenfalls zu halten. Wir sind
über -Darners Erzählung heute Abend nicht zu der
geschäftlichen Regelung der Verhältnisse gekommen.
Ich werde diese morgen in der Frühe schriftlich ordnen
und im Laufe des Tages die Karten mit der An-
zeige Eurer Verlobung drucken lassen. Neber den
Zeitpunkt Eurer Verheirathung werden wir uns dar-
nach verständigen. Ich habe Dir gesagt, daß ich ihn
beschleunigt zu sehen wünsche, das wird, denke ich,
allen Theilen recht sein; für uns hier ist's geboten.
Ein Brautpaar im Hause, bringt immer mehr Leben
und Gastlichkeit in dasselbe, als der Tante bei ihrer
jetigen Nervenschwäche heilsam sein würde, und auch
für heute hat sie und haben wir alle Ruhe nöthig.
Laß Dir den Thee auf Dein Zimmer bringen. Ich
plaudere noch ein Stündchen mit der Tante, die
Aufregung ausklingen zu machen. Gute Nacht!'r
, Gute Nacht!'' wiederholte Justine, küßte nach
alter Gewohnheit dem Onkel und der Tante die
Hand; die Tante umarmte sie unter dem Eindruck
jener Rührung, welche Verlobungen in der Mehrzahl
der Frauen hervorzurufen pflegen. Der Onkel sprach
kein Wort und ließ Justine gehen. Er litt innerlich
mehr, als er zu zeigen für gut befand, und sie trug,
wie er sich sagte, allein die Schuld, daß er nicht

-- z-
offen mit Darner, mit einem Manne brechen konnte,
in dessen Vergangenheit ihm so Vieles widerstrebte.
Daß gerade er, Konrad Kollmann, es gewesen
war, der Darner immer die Stange mit Anerkennuung
gehalten, als in der Kaufmannschaft und in deren
geselligen Kreisen sich Zweifel und Widerstand gegen
ihn gezeigt, daß er es gewesen, der in der Kaffee-
gesellschaft seiner Frau den bedenklichen Damen die
Bemerkung gemacht, ob Napoleon seine Generale
nach ihren Vätern frage, daß er jenen Frauen zu-
gerufen: der an das Schiff eines Hauses gebuundene
Superkargo habe nicht zu fragen, womit der Schiffe-
eigner sein Schiff befrachten wdlle, ob mit Elfenbein
oder mit Schwarzen- das sagte er sich nicht; und
wenn sich ihm die Erinnerung trotdem aufdrängte,
wenn er sich eingestehen mußte, daß nichts als sein
eigenes Wollen ihn gezwungen habe, sich mit Darner
geschäftlich und gesellig vielfach und bindend einzu-
lassen, so machte er sich all das jetzt zum Vorwurf.
Sich Vorwürfe machen zu müssen war er aber auf
dem breiten, ebenen Weg, den er sein Leben lang
gogaugen, nicht gewohnt gewesen.
Er hatte am Abend seine Frau beschwichtigt,
ihn floh sein sonst geiunder Schlaf.
Beim Frühstück machte Justinens Abwesenheit
ihn übler Laune. Den prachtvollen Blumenstrauß,
ein Wunder für die Jahreszeit, den Frank mit seinem
schriftlichen Morgengruß der Braut übersendete und
den staunend zu betrachten die Tante sich nicht er-
wehren konnte, würdigte er keines Wortes.
Justinens Mädchen hatte von ihr natürlich gleich
am Abend ihre Verlobung erfahren. Von den weib-
lichen Dienstboten war die Neuigkeit dem Diener
mitgetheilt, dieser hatte sie in dem Komptoir verbreitet.
Klingers Mittheilung, daß er Mademoiselle Willberg

---- L --
gestern Abend allein in der Straße angetroffen und
sie in das Darner'sche Haus habe eintreten sehen, war
ohnehin schon unter den jungen Männern im
Komptoir besprochen worden; und als Kollmann
darnach auf die Minute pünktlich in dasselbe eintrat,
richteten sich die Blicke des Personals mit Spannung
auf ihn, denn man wartete, ob er etwas sagen, ob
man ihm Glück zu wünschen haben werde.
Er ging jedoch mit stummem Gruß an ihnen
vorüber, schrieb in seinem Privatkabinet einen Brief
an Darner, der einem der Lehrlinge zur Besorgung
gegeben wurde, und arbeitete dann mit dem Pro-
kuristen wie immer bei geschlossener Thüre, bis die
Makler kamen, ihre Aufträge zu holen, ihre Vor-
schläge. anzubringen.
hilfe.
,,Komisches Freudenfest!'r meinte der eine Ge-
,Die Zahlen werden noch nicht stimmnen! scherzte
der andere; und wie dann der Lehrling mit einem
Antwortschreiben von Darner zurückkam und Kollmann
das Komptoir wieder verließ, ohne vorher ein Wort
von der Verlobuung laut werden zuu lassen, fing die
Sache an, den jungen Leuten zweifelhaft zu werden.
Indeß Schlag elf Ühr traten Darner und Sohn
in das Haus, eine kleine Weile später erschien Frau
Göttling mit den Schwestern des Bräutigams. Nun
war's richtig!
Die schöne Justine war verlobt, Herr John
hatte das Nachsehen. Die Darners hatten wieder
einmal die Partie gewonnen; und jeder, der von da
ab in das Komptoir kam, ward, ehe er noch von
seinen Geschäften reden konnte, mit der Nachricht
empfangen, daß Justine Willberg mit Frank Darner
verlobt sei. Gelegentlich glitt auch die vertraulich
und leise gemachte Bemerkung dazwischen, daß Ma-

--- 16--
demoiselle gestern Abend eine kleine Escapade gemacht,
und daß der Chef am Morgen durchaus in keiner
guuten Laune gewesen sei.
Oben im Saal, der feierlich zur Aufnahme der
Darner'schen Familie hergerichtet worden, ging Alles
glatt von statten, wie es sich gebührte.
Das vorbereitete Frühstück war in dem alten
Silbergeräth aufgetragen, das nach der Hausfrau
Meinung doch mehr zu bedeuten hatte und aus an-
deren Augen sah als die englischen und französischen
Herrlichkeiten im Darner'schen Hause. Sie hatte über
ihr schwarzes Atlaskleid eine Zobelcartouche geworfen,
die auch noch von ihrer Mutter stammte, und Koll-
mann hatte angeordnet, daß Portweine und Rhein-
weine aufgetragen wurden, die seit mehr als zwanzig
Jahren in seinen Kellern gelegen hatten.
Justine, im Haushalt thätig wie immer, hatte
diese Anordnung auszuführen. Sie begrif ihre
Meinung, ohne sich dadurch anfechten zu lassen; sie
kümtmerte nichts, als ihr Frank und ihr Glitck. Sie
trug das feuerrothe Kleid, das sie angehabt an dem
Tage, an welchem sie und Frank einander ihre Liebe
gestanden, hatte ein paar Zweige von blühenden
Myrthen und Orangen aus dem empfangenen Strauß
an ihre Brust gesteckt, und wie sie, von ihrer Freude
getragen, schwebenden Schrittes Frank entgegeneilte,
wie Frank sie umarmte und küßte, wie dann die
Beiden zu der Tante gingen, ihren Segen zu erbitten,
sagte diese seufzend:
,,Gebe der Himmel, daß Sie glücklich miteinander
werden, so glücklich, als ich's dem einzigen Kinde
meines Bruders stets erhofftl'?
Das klang mehr nach einem Zweifel, einem
frommen Wunsch, als nach einer zuversichtlichen Er-
wartung; indeß Justinens fröhliches: ,Das werden

-- A? --
wir schon besorgen!' und Franks höfliche Ent-
gegnung, er hoffe, die Frau Tante werde sich oft-
mals von ihrem beiderseitigen Glücke überzeugen
kommen, brachen den frostigen Worten der Tante
die Spitze ab und nöthigten sie, mit sich und ihren
getäuschten Wünschen für den Sohn wie mit ihrem
Unmuth über den Eintritt der Emporkömmlinge, in
den Bereich ihres geheiligten Patrizierthums, so gut
sie konnte, in sich selber fertig zu werden.
Auch zwischen den beiden Männern war der Ton
kühl gentg. Sie hatten sich die Hände gegeben wie
immer, hatten es erfreulich genannt, daß man sich
über die Abmachungen zu Justinens Gunsten so
leicht verständigt, und den Justizkommissar bezeichnet,
der den Kontrakt abfgssen solle; dann war die Unter-
haltung in ein ungewohntes Stocken gerathen, und
es hatte sich gut gefügt, daß die Mädchen mit Ma-
dame Göttling herbeigekommen waren, daß Dolores
dem Vater einen Schmuckkasten übergab, den sie mit-
gebracht.
Darner öffnete ihn, nahm die schwere goldene
Kette mit dem Diamantenkreuz heraus, die in dem-
selben gelegen, und hing sie Justinen um den stolzen
Nacken.
,Tragen Sie die Kette, liebe Tochter,'' sagte er,
, als ein Zeichen, daß ich mich freue, Sie fest an
meinen Sohn und an mein Haus gefesselt zu wissen,
und bereiten Sie sich immer darauf vor, daß selbst
der glücklichste Ehestand gelegentlich ein Krenz z
tragen giebt!'?
Er hatte das scherzend sagen wollen, aber der
Ernst seiner Natur und seiner Meinung klang doch
daraus hervor. Um ihn zu mildern, steckte Frank
der Braut den Verlobungsring an die Hand.
, Hab' keine Furcht,'' rief er mit der ihm eigenen

-- 2s--
freien Anmuth; ,die Fessel, die ich Dir anlege und
das Kreuz, das uns geboten werden mag, sollen Dich
nicht unterjochen und nicht drücken, wirf's auf meine
Schultern, ich trag's-- und Dich dazu auf Händen !'?
Er hob sie dabei, als sie ihn umarmte, mit
starken Armen in die Höhe.
Darner und selbst Kollmann konnten sich des
Wohlgefallens an seiner Kraft nicht erwehren, Justine
und die schönen Schwestern lachten und jubelten,
und Justine zog, als Frank sie niedersetzte, den Ring
vom Finger, der ihre Gegengabe sein sollte.
Es war ein altmodischer, leichter Goldreif.
,Nimm, sprach sie, ,es ist der Ring, den meine
Mutter einst meinem Vater gegeben hat. Ihr Name,
den ich ererbt, Justine, steht darin!?
Die Rührung war üüber sie gekommen, Frank
legte seinen Arm um sie und führte sie fort.
Dolores lief ihr nach und küßte ihr die Hand.
Madame Kollmann und die Göttling standen
seitwärts gegen das Fenster hin.
,, Wer hätte das gedacht,r' flüsterte die Tante
klagend, als Frank den Ring ansteckte, ,wer hätte
das gedacht,- meines Bruders Ring an der Hand
von Darners Sohn!'-
, Ja, was haben Sie dazu gesagt?? fiel die
Göttling ein, deren Niedergeschlagenheit der Tante
gleich aufgefallen und sympathisch gewesen war.
,Mich hat's die ganze Nacht nicht schlafen lassen
und früher-- mein Gott! Frank ist ja solch ein
prächtiger Mensch-- früher fand ich's so natürlich,
so vollkommen in der Ordnuung !''
,Glauben Sie, daß ich ein Auge zugethan habe?
Ich habe immer ein Abmahnen gegen solche Fremde,
gegen Emporkömmlinge gehegt, unzählige Male ge-
warnt!'' versicherte die Tante.

--- A19-
, Ach, unterbrach sie die Göttling noch einmal,
,, Darner ist ja ein bedeutender, ein großmüthiger
Mann ! Man muß ihn bewundern, und ich war so
glücklich unter seinem Dach, besonders seit die lieben
Mädchen da sind, aber .- ?
Die Tante nickte verständnißvoll.
,, Eines elenden, leibeigenen Schneiders Sohn,
und ein fortgelaufenes Dienstutädchen! Welche Ver-
wandtschaft!r
,, Wenn das noch Alles wäre!'' meinte die Gött-
ling mit vielsagender Wehmuth.
, Alles-- nicht Alles?? fuhr die Tante fort.
,, Was ist's denn weiter noch?
,Also Sie wissen nicht, daß -
, Was soll ich denn noch wissen?
, Herr Kollmann hat Ihnen also weiter nichts
gesagt? Aber wozu auch!''
, Auf ein Wort, Madame Göttling !' rief Koll-
mann, der die geheime Unterhaltung und die leidens-
voll vertraulichen Mienen der beiden Frauen aud der
andern Ecke des Zimmers nicht ohne Besorgniß
wahrgenommen hatte; und mit kurzer Weisung Ma-
dame Göttling bedeutend, in wie weit man seine
Frau zu schonen habe, und daß sie um Justinens
und um ihrer selber willen die Darner'schen Ver-
hältnisse nicht in ihrer Nacktheit preisgeben dürfe,
wandte er sich schnell dem General von Stromberg
z, der, um die übliche Zeit zum Frühstück herbei-
gerufen, der erste Nichtbetheiligte war, welchem man
die Verlobung kund zu thun und das Brautpaar vor-
zustellen hatte.
Der General reichte beiden die Häinde entgegen,
blickte sie mit unverkennbarer Freude an und rief:
, Solch ein goldheller Sonnenschein gebührt dem
Tag, an dem ein Menschenpaar wie Sie beide sich

=- A0-
zu einander findet! Wann ist die Trauung? Da ich
die Verlobung mit Ihnen feiere, darf mir doch die
Hochzeit nicht entgehen. Auf wann die Trauung?
Denn unsereins hat's immer eilig!'
,, Lieber heut als morgen !'' jubelte der Bräutigam,
und Justine setzte lächelnd hinzu:
,Meine Auesteuer liegt fertig, aber so rasch geht
das doch nicht!'
,Warum nicht? fragte der General.,Die
Herren vom Eivil machen nur Alles viel zu langsam.
Wir sind im Kriege! Wäre Herr Darner von meinem
Regimente, so schenkte ich Ihnen das dreimalige Auf-
gebot und ließe Sie, wie den Soldaten bei raschem
Ausmarsch, vor der Trommel trauen. Es thut ganz
dasselbe wie vor dem Altar.?
Die Männer lachten.
,Das fehlte noch!r flltsterte die Tante ihrer be-
kümmerten Leidensgefährtin zu; nahm dann aber
Darners Arm, der sie zu Tische geleitete, und die
Anderen folgten.
Darner und der General führten die Unterhal-
tung, die sich durch die Freude des Brautpaares und
durch die Fröhlichkeit der Mädchen immer mehr be-
lebte. Die üblichen Glückwünsche wurden beim Gläser-
klingen ausgebracht. Kollmann konnte sich nicht über-
winden, etwas auf die erfreuliche Verbindung der
beiden Familien Bezügliches auszusprechen, und weder
den beiden Darner noch Justinen entgingen diese
Zurückhaltung und die gedrückte Stimmung der Tante
und Madame Göttlings.
Darner fand sich dadurch gereizt, hatte aber doch
ein heimliches Vergnügen daran, wieder einmal einen
Mann, der sich über ihn erheben zu können geglaubt,
zu seinem Willen gezwuungen zu haben; und wie er
am verwichenen Abende das Erscheinen von Justine

-- M--
rasch nach seinem Sinne und zu seinen Zwecken be-
nüützt, nahm er jetzt den vorhin gemachten Scherz
des Generals auf.
, Nicht nur von seinen Feinden, auch von seinen
Freunden muß man lernen!'' sagte er. ,Herr von
Stromberg hat recht. In Zeiten wie die unseren
muß man rasch thun, was man thun will, rasch
genießen, was man Erfreuendes vor sich hat!
Also-- auf wann die Hochzeit unseres jungen
Paares?
Er wußte nicht, wie sehr er mit dieser Frage
Kollmanns Wünschen entgegenkam. Ehe noch die
Tante, an welche Darner die Frage gerichtet, ihm
darauf Bescheid geben konnte, sprach Kollmann:
, Ich stimme Ihnen bei, denn wer kann sagen,
wie es nach Monaten hier mit uns beschaffen sein
wird l? Er schwieg einen Augenblick, in sich über-
legend, dann sagte er: ,Wir haben heute Freitag,
am Sonntag kann das erste Aufgebot erfolgen - r ?
, Wohl!r fiel ihm Darner ein. ,Also, da hier
unter Ihnen der Freitag für den eigentlichen Hoch-
zeitstag erachtet wird, so lassen Sie uns sagen, von
heute in vier Wochen- der Hochzeitstag!'
, Sei's so!'' bestätigte der Onkel.
Die Gläser wurden noch einmal gefüllt, man
trank, wie immer, auf allseitiges Glitck, auf das
Wohl des Königs, auf die Freundschaft der Russen
und der Preußen; aber während Justine und Frank
in vorahnender Wonne strahlten, hatte sich mit der
Erwähnung der politischen Verhältnisse in den drei
älteren Männern die gewohnte Sorge in den Vorder-
grund gedrängt, und man erhob sich, bevor die Tante
sich noch von deni Schrecken über diese Hast erholt
hatte und Madame Göttling noch zu irgend einer

Kapitel 24

-- A--
Ag
Ansicht darüber gelangt war, wie bei dieser raschen
Heirath die Einrichtung des jungen Paares möglich
zu machen sein werde.
»AEFFFöFFz
Bierundzwanzigstes F=p= -
efik,-s!
Am nächsten Morgen trugen die Lohndiener die
Verlobungsanzeige mittels rosafarbener, goldgerän-
derter Karten zu den Befreundeten und Bekannten
der beiden Familien. Es hätte aber dessen kaum
bedurft, denn noch während man bei Kollmann zum
Frühstück zusammen gewesen, hatte sich die Kunde
von der Verlobung Justinens an der Börse ver-
breitet und war von dort als neueste Neuigkeit heim-
getragen worden.
Neberrascht hatte dieNachricht Niemand, besprochen
wurde sie überall. Jeder wollte diese Heirath von
Anfang an vorhergesehen und erwartet haben, nichts-
destoweniger wunderte man sich über dieselbe. Man
konnte sich's nicht recht vorstellen, wie die beiden
Familien sich als Verwandte mit einander stellen
würden. Ihre Art und Lebensführung war so ver-
schieden. Man war neugierig, zu wissen, wann die
Hochzeit sein, wo die jungen Leute wohnen würden.
Man war gespannt darauf, wie Madame Kollmann
sich darin finden würde, daß sie Justine nicht zur
Schwiegertochter bekam, an der sie doch mit ihrer
bekannten Güte wie eine Mutter gehandelt, ohne
recht eine Tochter an ihr gefunden zu haben, die
der sanften, nervenschwachen Frau so sehr zu wünschen
gewesen wäre.

-- LZ ---
=. - John wirklich an Juustine gedacht, die ihn
immer von oben herab behandelt, das war eine
andere Frage. Die jungen Mädchen meinten, wenn
es ihm ernst damit gewesen wäire, hätte er sie ja
haben können, ehe der alte Darner gekommen, ehe
Frank erschienen sei und Justine ihre Passion fütr
diesen so unverhohlen zur Schau getragen habe, als
gäbe es gar keinen andern Mann in der Welt. Sie
hatte aber immer ihren eigenen Kopf gehabt, immer
etwas Besonderes vorstellen, rücksichtslos ihren Willen
thun wollen, und das paßte besser zu den Darners
als zu John, der ein ruhiger und rücksichtsvoller
Mensch war.
John stieg plötzlich sehr im Kurse und seine
Mutter mit ihm.
Als an dem Tage Darner und nicht lange nach
ihm Kollmann an der Börse erschienen, kamen ihnen
gar Viele mit Glückwünschen entgegen.
Darner nahm sie mit der Bemerkung hin, daß
ihm die Wahl seines Sohnes und die verwandt-
schaftliche Verbindung mit seinem Freunde Kollmann
sehr genehm wären.
Kollmann äußerte gegen den alten Berkenhagen
und gegen Konsul Armfield, Justine sei jett zwanzig
Jahre, damit müsse ein elternloses Mädchen unter die
Haube gebracht werden, und Frank Darner sei ein
tüüchtiger Geschäftsmann, die Darners ein solides Haus.
Justinens Vermögen bleibe wie bisher in der Bank
von England. Von einer besonderen Genugthuuuung
sprach er nicht, und Lorenz Darners erwähnte er
ebensowenig. Es klang fast, als sei er froh, Justine
untergebracht zu haben, die doch nuur zu wählen ge-
habt hatte.
Ein Häusermakler trat an Kollmann mit der
Frage, ob man vielleicht ein Haus für Frank zu

ö
-- Ag-
kaufen denke, in welchem Falle er eines in Vorschlag
habe.
Kollmann antwortete, davon sei noch nicht die
Rede gewesen, obschon die jungen Leute in vier
Wochen heirathen würden. Er ging dann bald wieder
von der Börse fort.
,, Kollmann ist verstimmt !'' meinte der Eine.
, Und war so verstimmt, daß er es trotz all
seiner Gelassenheit nicht verbergen kann!' setzte der
Andere hinzu.
,Geschäftlich liegt, so weit man ihm nach-
kommen kann, nichts Unangenehmes vor !'' sagte der
Erstere.
,,Die Verlobung scheint ihm gegen den Strich
zuu gehen,? entgegnete der Andere, ,und wenn das
der Fall ist, wird er seine besonderen Gründe dazu
haben, denn an sich ist ja Frank Darner eine gute
Partie, und Kollmann hat dem Vater seinerzeit gegen
uns Alle die Stange gehalten und sich stark mit ihm
engagirt.?
, Kollmann weiß, was er thut, und hat das
Wohl seiner Nichte sicher im Auge gehabt,'? bedeutete
sein Freund, der Konsul Armfield. ,Aber wozu eine
so übereilte Verheirathung, vier Wochen nach der
Verlobung, da beide Theile hier zu Hause sind?
Derlei gefällt mir nicht! Es sind Alles Neuerungen,
gegen welche gerade Leute wie Kollmann und wir
uns wehren sollten.'?
,Was wollen Sie? Die Darners sind gewohnt,
immer mit vollen Segeln auf Menschenjagd zu
gehen!'' meinte scherzend der alte Berkenhagen, und
ein dabei stehender Hagestolz machte dazu eine witig
sein sollende Bemerkung, welche Armfield mißbilligend
zurückwies, obschon er wiederholte, daß solche Eile
auffallend und aicht guten Geschmacks sei.

- MH-
Während dessen war großer Empfang bei Ma-
dame Kollmann und Justinen. Madame Göttling
und die beiden künftigen Schwäigerinnen waren natür-
lich dabei.
Justine in ihrer frendigen Aufgeschlossenheit hatte
nichts Eiligeres zu thun, als Jeder der Ankommenden
mitzutheilen, daß schon in vier Wochen ihre Hochzeit
sein werde, und dann zu berichten, wie sie dies Glüück
zum Theil dem General von Stromberg und seiner
Erzählung von der Trauung vor der Trommel zu
danken habe. Es war ein Lachen und ein fröhliches
Durcheinanderschwaten unter all den jungen Mädchen,
und der Zuruf:,Denken Sie sich, Mutter, stellen
Sie sich vor, Mama, Justinens Hochzeit ist schon in
vier Wochen !'' schallte von dem Tisch am Fenster zu
dem Sophatisch hinüber, an welchem die Frauen sich
um Madame Kollmann versammelt fanden.
,Schon in vier Wochen !? wiederholte Frau
Armfield. ,Mein Gott, weshalb denn eine solche
Eile? Soll denn der junge Darner fortgehen?
, O nein, aber wir leben in Zeiten, in denen
man sich in mehr als das zuu schicken und sich in
allerlei Neberrumpelungen durch Einquartierung von
Freund und Feind oder durch Verlobungen zu fügen
hat!'' entgegnete die Tante, sich zu einen Scherze
herbeilassend. Sie fügte jedoch sofort hinzu: ,Mir
persönlich, bei meiner schwankenden Gesundheit, ist
eine Abkürzung des Brautstandes in gewissem Be-
tracht eine Erleichterung, und wir werden voraus-
sichtlich auch nur eine stille Hochzeit, eine Trauuung
in der Kirche und ein Frühstück haben.'
,, Aber wie werden Sie denn fertig werden? Wo
werden die jungen Leute denn wohnen?' fragte eine
Andere.
Lewald. Die Familie Darner. l.
n

-- ZZß--
, Justinens Ausstattung lag ja seit Jahren in
unseren alten Willberg'schen Schränken und Truhen
bereit. Sie ist, als unser Haus verkauft ward, zu
uns herübergenommen worden; und Frank will's
nach englischer Mode gehalten wissen. Sie wollen
gleich nach der Trauung auf das Darner'sche Gut,
nach Strandwiek, ans Meer hinaus und dort zu-
nächst bleiben. Sein Vater hat schon heute einen
Boten hinausgeschickt, die nöthigen Einrichtungen für
die Bequemlichkeit des jungen Paares dort machen
zu lassen.r?
,Also nur eine stille Hochzeit und kein Polter-
abend, und nicht einmal den Frühbesuch bei der
jungen Frau am andern Morgen?? fragten die
Frauen, die Tante und sich unter einander ansehend.
, Und Anfang April schon auf das Land, an die
See? Wie sonderbar !?
Die Tante zuckte die Schultern.
,Das sage ich mir selber!'r sprach sie. ,Indeß
es hat sich eben so gemacht, und zuletzt denkt man
wie der liebenswürdige General: Wir sind in Kriegs-
zeiten, also s ls guerre comme ls gerre!? Sie
machte dazu eine Handbewegung, die man sich nicht
recht zu deuten wußte. Man deutete sie also, wie
es einem Jeden gefiel.
Diese Besuche wurden von dem Brautpaar mit
den Gegenbesuchen pflichtgemäß erwidert. Das übliche
Mittagbrod im Hause der Braut wurde mit allem
gebührenden Glanze abgehalten; die Einladungen des
Brautpaares in die Häuser der Befreundeten folgten,
weil die Zeit knapp bemessen war, rasch aufeinander.
Madame Kollmann hielt sich von denselben fern,
ihr Mann und die Darners trafen aber fast täglich
zusammen, und diese seit dem Ausbruch des Kriegs
ungewohnte, hastige Geselkigkeit gab täglich erneuten

b Z?--
Stoff zum Besprechen und Berichten, zeg immer
wieder die Achtsamkeit auf Frank und Justine, auus
Kollmann und auf Darner. Niemand konnte sich
dabei der Wahrnehmung verschließen, daß etwas
anders geworden zwischen den beiden Männern und
zwischen Justine und ihrem Onkel. Es mußte
durchaus etwas vorgegangen, etwas nicht richtig sein
in der Angelegenheit. Kollmann mußte noch etwas
Anderes gegen die Verlobung haben als seine früheren
Pläne mit John, denn der konnte ja zehn Frauen
für eine finden, wenn er nur wollte.
Was die Fernstehenden bemerkten, das konnte
natürlich den Augen Darners und seiner Beobach-
tung nicht entgehen. Er fühlte die Zurückhaltung,
mit welcher Kollmann ihm begegnete, er sah, was es
diesen kostete, sich nicht von ihm zurückziehen zu können,
er verstand sehr wohl, was ihn bewogen hatte, in
die schnelle Verheirathung seiner Nichte zu willigen.
Trotzdem bereute er es nicht, gesprochen zu haben,
denn wie er sich des Glückes seines Sohnes freuute,
hatte ihm persönlich die Erzählung seiner Lebenöge-
schichte eine Befriedigung und eine Befreiung gewäährt.
Freilich war sein Sinn stets frei, sein Gewissen
ruhig gewesen. Die Niedrigkeit, in der er geboren,
die Stellung, zu der er sich empor gebracht, waren
sein Stolz. Daß er im Kampfe Mann gegen Mann,
auf dgs Aeußerste gereizt und mißhandelt, seinen
Gegner erschlagen, war nicht seine Absicht, sondern
ein Unglück bei einer That der Nothwendigkeit ge-
wesen, die ihn zu seinem Heile hinausgeschleudert
aus der Knechtschaft in die Freiheit, auf die Bahn,
die, wie hart und schwer er sie zu durchmessen ge-
habt, doch die ihm gemäiße gewesen war. Wäre er
gläubig gewesen, er hätte Gottes Hand in allem
seinem Erleben erkennen mögen. Da er es nicht war,
u

e
-=- ZF -
hatte es ihn nur in dem Vertrauen auf sich und in
der Neberzeugung bestärkt, daß Jeder seines Glütckes
Schmied sei, und dem festen Willen die Verhältnisse
sich beugen, daß der Starke einzustehen habe für das
Geschick derjenigen, die er mit aufgenommen habe
in sein Leben und auf seinen Weg.
Die Menschen hatten allmälig ihn beachten, ihn
benützen, ihn schäten lernen und waren dahin ge-
kommen, ihn zu beneiden. Mitten unter ihnen war
er einsam gewesen. Mit' Franks Mutter war für ihn
der lebendige Zusammenhang mit seinen frühen
Jahren, das einzige Menschenwesen dahingegangen,
mit dem er von dem ,bDamals?, von der Jugend
sprechen konnte, auf die man zurückblicken will, wie
traurig sie auch gewesen war. Er war allen ein
Geheimniß gewesen. Selbst seinen fern von ihm er-
zogenen Kindern war er ein Fremder in seiner' Wesen-
heit; und er hatte nicht auf ihre volle, vertrauende
Hingebung zu hoffen, so lange er als ein Räthsel
vor ihnen stand, das sie um ihrer selbst willen- zu
ergründen trachten mußten. Franks Fragen nach
seiner Mutter, der Töchter scheues Emporblicken zu
ihm, wenn man ihrer Mutter zufällig erwähnte,
waren ihm zu einer Mahnung geworden, daß er
nicht lang mehr zögern dürfe. Seine Kinder, seine
Geschöpfe, diese Fortführer seines eigenen Daseins,
sollten ganz Eins werden mit seinem ganzen Selbst.
Seine Vergangenheit sollte die ihre werden, wie ihre
Zukunft die seine; und mochte dann Jedermann er-
fahren, von wannen er gekommen. Was er aus sich
gemacht, waö er aus dem Nichts erschaffen, das mußte
ihnen Bürgschaft werden füür das, was man ihm zu-
trauen und von ihm erwarten durfte.
Aus diesen Gedanken und Empfindungen heraus
hatte er den Entschluß gefaßt, Kollmann im Beisein

=-- ZI9 -
seines Sohnes Rede zu stehen, obschon Kollmanns
berechtigte Anfrage ihn im ersten Augenblicke ver-
drossen hatte; und Justinens Dazwischentreten war
ihm zudem Anlaß geworden, nun auch seinen Töchtern
gegenüber den gleichen Schritt zu thun.
Er hatte einfach berichtet, sich an die harte Wahr-
heit gehalten, aber die Macht der Erinnerung hatte
seinen Worten Gewalt gegeben über seine Kinder
und über Justine. Sie erlebten seine Jugend mit
ihm, sie sahen ihn, den Vater, ihren Vater, geknechtet,
unter Schlägen bluten; sie freuten sich seines Sieges
über seinen Peiniger. Sie sahen ihn flüchten mit
dem armen Mädchen durch das Grausen der Nacht,
sie warteten mit klopfendem Herzen auf den Augen-
blick seiner Rettung und sahen um sich her, um ihr
Los mit dem seinen zu vergleichen, um sich mit
aller ihrer Liebe bewundernd anzuklammern an den
Schöpfer ihres Glückes. Ihre Uniarmungen, ihre
Zärtlichkeiten hatten es ihm bewiesen. Er hatte sich
nicht geirrt in dem Glauben, daß er sie fester an sich
knüpfen, sie sich erst ganz zu eigen machen werde,
wenn er sich ihnen völlig hingab; aber er empfand
es daneben-- in Bezug auf Kollmann und Madame
Göttling hatte er sich getäuscht. Was die Herzen der
Jugend erwärmt und gefesselt, hatte die Alten abge-
stoßen und sie von ihm abgewendet. Sie, die ihm
angehangen, Jeder auf seine Art, standen wider ihn,
das sah er, ohne daß es ihn anfocht. Im Gegen-
theil! Es war nicht das erste Mal im Leben, daß
er die Strömung gegen sich und seinen Kurs durch
sie zu stennern hatte. Sie hatten ihn hinzunehmen,
wie sich zu zeigen es ihm gefiel.
Darner hatte keinem seiner Hörer ein Schweigen
auferlegt. Es war Kollmann, der es als eine Noth-
wendigkeit empfunden, der es seinetwillen und um

-=- LZ0 --
Justinens willen von dieser und von Madame Gött-
ling gefordert. Keine von diesen Beiden hatte ihre
Zusage gebrochen, und doch tauchten gleich nach
Justinens Verlobung über Darner und seine Familie
Gerüchte auf, von denen man bis dahin nichts ver-
nommen, und die doch mit früher Gehörtem im Zu-
sammenhang standen.
Wenn man im Kollmann'schen oder im Dar-
ner'schen Hause einen Besuch gemacht, wenn man sie
bei sich zu Gaste gehabt, immer war etwas Sonder-
bares zur Sprache gekommen.
,Es war doch richtig,' sagte die Eine, ,daß
Justine am Tage vor ihrer Verlobung heimlich zu
Darners gegangen war, und zwar allein am späten
Abendl?
Eine durch ihre böse Zunge bekannte Wittwe,
die noch ihre sämmtlichen vier Töchter zu vergeben
hatte, meinte, das werde wohl nicht das erste Mal
gewesen sein, und Justine werde den Weg wohl im
Dunkeln gekannt haben. Sie habe ja immer wie
die berühmten gelben Katzen und wie die Göttling
an dem Hause gehangen und nicht ohne Absicht von
Anfang an zu den Darners gehalten.
Ein ander Mal hatte ihr alter Freund, der Haus-
arzt, die schöne Braut damit geneckt, daß sie es den
beiden Darner angethan, denn sie werde es nicht
leugnen können: ehe der Sohn gekommen, habe der
Vater ihr gehuldigt, und sie sei sehr von ihm ein-
genommen gewesen.
,,Gewiß,' hatte sie darauf geantwortet, ,mein
Schwiegervater hat mich gleich und immer angezogen,
jetzt aber, seit ich seine Lebensgeschichte kenne, die er
uns am Abend vor unserer Verlobung erzählt, be-
wundere und verehre ich ihn noch weit mehr ?

-- W1-
Die Tante hatte dem Gespräch mit einer da-
zwischengeworfenen, ablenkenden Bemerkung ein Ende
machen wollen.
Der Doktor hatte diese unbeachtet gelassen und
sich erkundigt, was diese Lebensgeschichte denn Be-
sonderes habe? Und Justine hatte entgegnet:
, O, sie ist viel merkwürdiger und interessanter,
als die Abenteuer des vielgepriesenen Robinson Krusoe,
und romantischer obendrein !'
Auch das ward herumgesprochen. Man erinnerte
sich, daß Robinson von Hause fortgelaufen, daß er
unter Wilde verschlagen worden sei, und dabei siel
den Leuten ein, was Kapitän Schwenten einmal von f
Darner als Sklavenhändler erzählt. Daß er in Afrika ;
gewesen, in den spanischen und englischen Kolonien
gelebt, davon hatte er selbst zum öfteren gesprochen.
Daß die Mutter von Dolores und Virginie im Kloster
sei, das erfuhr man von Madame Kollmann selber.
Es hatte also von einer Heirath für Darner niemals
die Rede sein können; und es war also ein großes
Unrecht von ihm gewesen, neben einem jungen
Mädchen Jahre hindurch den Galanten zu spielen.
Justine hätte eine Neigung für ihn fassen und dies
zu bereuen haben können.
Man wollte hoffen, daß es mit Justinens Ehe
=- -=---
und Zukunft ein so gutes Ende nehmen möge, als
man es für ihres Vaters Tochter und namentlich
für Kollmann und die gute Frau zu wünschen habe;
denn Justine hatte es ja kein Hehl, daß ihr gerade
das Abenteuerliche an den Darners reizend war, und
damit war es doch eine sehr bedenkliche Sache, wie
mit der ganzen Familie Darner überhaupt.
fahren, wie Darner sie ausgesprochen, so würde es
mit der Möglichkeit des vermuthenden und ergänzenden

-- WA -
Umdeutens, das die Phantasie zu Erfindungen ver-
lockte, bald ein Ende genommen, ein Für und Wider
würde sich herausgebildet haben, und man würde mit
der Sache fertig geworden sein. Das halbe Wissen,
das halbe Verschweigen hielten die Neugier rege;
und auf dem Boden dieser müßigen Neugier wuchs,
wie der Teufelszwirn auf einer fetten Wiese, ein
Gerede empor, das nicht allein Darner und seine
Kinder, sondern auch Justine umstrickte und aus
dessen Schlingen gar kein Herauskommen war. Denn
selbst als man mit dem unablässigen, forschenden
Fragen, von Madame Kollmann, von Madame
Göttling und von Darners Töchtern als Abwehr
gegen die ungerechtesten Vermuthungen die Thatsachen
herausgebracht hatte, schienen sie diesen Vermuthungen
gegenüber nicht abenteuerlich genug, und man nahm
an, daß noch weit mehr und Nebleres verborgen
würde, wenn man so viel zugestehen müsse.
Ess that Allen leid, daß es war, wie es eben
war, denn sie hatten Alle mit den Darners mehr
oder weniger in Zusammenhang gestanden, hatten
Frank gern gehabt, die Töchter lieb gewonnen, auf
Justine so viel gehalten. Niemand hatte Einem von
diesen Allen übel gewollt. Es war ja ein angenehmes
Haus gewesen, das Darner'sche, und ganz zu brechen
hatte man nicht nöthig, konnte es sogar um Koll-
manns willen nicht, indeß eine Zurückhaltung war
nuun doch einmal geboten.
Wohin sollte es mit der guten Gesellschaft und
mit ihren Sitten kommen, wenn man nicht mehr
darnach fragte, wär die Leute wären und von wannen
sie stammten, die man in sie aufnahm. Verlaufene
Leibeigene, fortgejagte Dienstmädchen, eine entführte
und in das Kloster wieder zurückgekehrte Nonne,
und Sklavenhandel- wenn schon man ihn als eine

Kapitel 25

= Sez H ==
Nothwendigkeit ansah-- das waren doch Dinge, die
man von sich und den Seinen fern zuu halten hatte,
besonders jezt, wo man ohnehin schon den ganzen
Troß der russischen Offiziere, der russischen Armee-
lieferanten, und-- wer konnte wissen, wie bald----
gar die Feinde, die Franzosen, bei sich aufnehmen
und auf dem Halse haben würde. Vorsicht war in
jedem Falle jetzt noch mehr als sonst geboten,
namentlich für die Familien, die erwachsene Töchter
und heirathsfähige Söhne hatten. Due Töchter einer
Nonne waren kein guuter Umgang für junge Mädchen,
keine erwünschten Schwiegertöchter; und sie waren so
reizend, daß sie leicht geliebt werden, leicht bestricken
konnten. Geld deckt doch eben nicht Alles zu, meinten
die Mütter. Wozu sollte man sich unnöthig solchen
Möglichkeiten, solchen Zusammenstößen aussetzen?
Man brauchte ja deshalb mit Darner nicht offen zu
brechen, man konnte sich ja mit der Rücksict betragen,
welche gefordert war; aber man war früüher ohne
die Darners fertig geworden- man konnte sie auch
jetzt ihre Wege gehen lassen, und aus den seinen
bleiben.
-Fzzsiz»RefHiifsss ,e
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,llls s»11F1=6-sIßzf »= =='i6V-z-k»Vs-
Die Frage, wo Frank und Justine ihren Haus-
halt einrichten sollten, war natürlich eine der ersten,
die auch in der Familie zur Erörtexung kommen
mußte. Kollmann wünschte sie in einem eigenen
Hauuse zu wissen, schon weil ihn dies dem beständig
sich wiederholenden Zusammentreffen mit Darner
einigermaßen enthob: indeß der Eifer, mit welchem

=-- ZZF-
selbst wohlhabende Leute ihre Häuser zum Kauf an-
boten, machten ihn von seinem Verlangen abstehen.
Jeder suchte unter den obwaltenden Umständen baares
Geld in die Hände zu bekommen, wäährend man nach
der Möglichkeit trachtete, mit Aufgeben eines eigenen
Hausbesitzes und großen Raumes sich den immer
größer werdenden Steuerlasten und Anforderungen
zu entziehen und einen schicklichen Vorwand zu den
Einschränkungen zu gewinnen, die man ohne einen
solchen nicht wohl machen konnte, ohne seinem Kredit
zu schaden.
Der Hauskauf wurde also aufgegeben, und da
man in den beiden zusammengehörenden Darner'schen
Hääusern Raum für zwei Familien hatte, ward be-
schlossen, daß Frank und Justine in dem vordern
Hause wohnen sollten, in welchem sich das Komptoir
und die großen Gesellschaftszimmer befanden, während
Darner mit den Töchtern und Madame Göttling das
am Quai gelegene Haus einnehmen wollte, das den
Vorzug hatte, den Garten vor der Thüre und die
Aussicht auf den Strom zu besitzen.
Justine war das ganz nach ihrem Sinne. Sie
gelangte dadurch in den Besitz der Räume, die sie
in ihrer Kindheit und frühen Juugend innegehabt, sie
fühlte, daß Darner sie damit an die Spitze des Hauses
stellte, daß sie dabei doch immer die Möglichkeit be-
halten würde, in engem, abgeschlossenem Verkehr mit
ihrem Manne zu leben; und sie und Frank sahen mit
Freuden das rasche Entschwinden der Tage, welche sie
von ihrer Vereinigung trennten.
In beiden Familien hatte man vollauf zu schaffen
und man war noch dabei, die Zimmer im Darner'schen
Pregelhause für ihre nächste Bestimmung umzu-
wandeln, während man mit der Einrichtung für das
junge Paar zurückstand, weil man bis zu der Rück

- IZH-
kehr desselben von Strandwiek noch mehrere Wochen
vor sich zu haben glaubte, als an dem Sonntag,
an welchem das dritte Aufgebot in der Kirche er-
folgt war, Frank schon eine Stunde vor dem Mit-
tagessen, zu welchem man ihn erwartet hatte, sich
bei Madame Kollmann einstellte. Er traf seine
Braut bei ihr.
,Du kommst früh,'' rief sie ihm entgegen, ,das
ist hüübsch von Dir. Bringst Du etwas Neues??
,, Neues allerdings,? entgegnete er ihr, nachdem
er die Tante begrüßt, ,aber nichts, was mich freut.
Wir müssen unsere Ehe mit einer getäuschten Hosf-
nung beginnen. Wir können nicht nach Strandwiek
hinaus.?
,, Weshalb denn nicht? Was ist denn dort ge-
schehen?
,,Im Grunde nichts, worauf man nicht als auf
eine Möglichkeit gefaßt zu sein hatte, seit die Armeen
sich wieder von allen Seiten in Marsch gesetzt. Mein
Vater hatte mir das von Anfang an vorgehalten,
mir jedoch nachgegeben, weil ich einmal, wie er sagte,
ganz meinen Willen haben sollte. Aber man hört
und glaubt nicht gern das, was unseren liebsten
Wünschen widerspricht. Ich hatte mich so sehr auf
das Alleinsein mit Dir gefreut; nun ist's dort plötzlich
übervoll von ungebetenen Gästen. Wir hatten schon
seit Wochen die Nachricht, daß Napoleon es hier in
der Provinz zu keiner Entscheidung kommen lassen
wolle, ehe er nicht das belagerte Danzig in seine
Hände gebracht und sich dadurch den Rüchug ge-
sichert habe. Gestern spät am Abend meldete man
uns durch eine Estafette, daß ein russisches und ein
preußisches Korps am frischen Haff auf der Nehrung
nach Pillau marschirten, um zur Unterstützung von
Danzig zu Schiff dorthin gebracht zu werden; und

?-.
===- LZZ -
vor einer Stunde kam ein reitender Bote von
Strandwiek mit der Anzeige, daß die Russen dort
eingezogen sind, daß sich der Stab ins Schloß
auartiert, daß man das Inspektorhaus zum Lazareth
genommen, da sie Kranke mitgebracht, und daß sie
dort so wirthschaften wie überall im platten Lande.
Es soll geschafft werden, was nicht geschafft werden
kann. Die Truppen leiden Noth, aber die Leute
ebenso. Es soll geschafft werden, was auch mit
Geld nicht zu schaffen ist. Es soll fürchterlich aus-
sehen in dem warmen Nest, das wir dort für uns
erhofft.?
Er hatte in seiner Aufregung schneller und lauter
gesprochen, als es seine Weise war. Die Tante schlug
voll Entsetzen die Hände zusammen.
, Schrecklich, schrecklich! Da muß die Hochzeit
natürlich aufgeschoben werden? stieß sie hervor.
,Im Gegentheil, Frau Tante, wenn es möglich
wäre, müßte man sie zu beschleunigen trachten!'r
,Soll die Trauung vielleicht noch heute Abend
stattfinden?? fragte sie in einem Ton, der es nicht
zweifelhaft ließ, ob sie scherzen oder ihn verhöhnen
wolle.
Frank hatte es von seinem Vater gelernt, zu
überhören, was er nicht zu beantworten wünschte,
und sich zu seiner Braut wendend, fragte er sie, ob
sie Einspruch dagegen erheben würde, wenn die Tante
es also befehlen sollte.
Justine gab ihm die Hand.
,Dein Vater hat mich gekettet, und ich habe
mich Dir verpfändet!' entgegnete sie ihm mit hei-
terem Wort, dem Spott der Tante den Stachel abzu-
brechen. ,Ich bin Dein! Befiehl und ich ge-
horche!r
Die Tante lächelte.

-- W? -
, Ich gratuliere Ihnen, Herr Darner! sagte sie,
,, denn Sie vollbringen Wunder! Die bezähmte
Widerspenstige! So heißt ja wohl die englische
Komödie??
Indeß die lächelnde Miene verbarg die wahre
Gesinnung der Sprechenden nicht, und es war gut,
daß Kollmann dazu kam, daß man von dem zu ver-
ändernden Plane in Bezug auf das Unterkommen der
jngen Eheleute zu sprechen hatte.
Kollmann fragte, ob denn in seinem Vaterhause
die Wohnung für Frank fertig sei. Frank mußte das
verneinen. Man habe, sagte er, zuerst für den
Vater und die Schwestern das Hinterhaus entsprechend
hergerichtet, und die Aenderungen für ihn und
Justine absichtlich für die Zeit hinausgeschoben, die
sie auf dem Gut zuzubringen gehofft.
Der Onkel schwieg einen Augenblick.
,Wir haben heute Sonntag,'' sagte er darauuf,
, am Freitag soll die Hochzeit sein. Denken Sie,
daß man in den vier dazwischenliegenden Tagen das
Nöthige wird beschaffen können?
,,Das Nothwendige gewiß, denn man hat sich
heute sofort an die Arbeit gemacht; das Gewollte nicht!'
, Also,'' fiel ihm der Onkel ein, die Worte lang-
sam wägend, ,Sie denken meine Nichte in Ihrer
Juunggesellenwohnung zu installiren??
,Ich würde wünschen, sie in das Schloß der
Königin von Golkonda führen zu können,? entgegnete
Frank, der das Nebelwollen, welchem er gegenüber-
stand, immer deutlicher erkannte, ,indeß ich traue
es Justine zu, daß sie mich nicht entgelten lassen
wird, was. ich nicht verschuldet, und was ich für sie
lebhafter bedaure als vielleicht sie selbst.
Justine versicherte, sie sähe darin durchaus kein
Hinderniß, sie würde sich freuen, zunächst eben in

Sg
=- ZZ -
den beiden kleinen Stuben zu weilen, in denen Frank
ihrer bisher in Liebe gedacht, und Frank, von ihrem
Worte erfreut, setzte rasch hinzu:
,,Wären wir in London und ich hätte noch
meine Pacht, so nähme ich Dich in meine Kajüte
und wir gingen nach Ramsgate oder nach der Insel
Wight. ?
,Wohl möglich!' meinte Kollmann. ,Es hat
nur nicht jedes Land denselben Brauch und nicht
jede Familie diese Kajütengewohnheiten; bei uns-
Diesmal aber überhörte Frank die Worte nicht,
und fest in das Auge des Onkels blickend, entgegs
nete er:
, Sie haben recht! Mir freilich stammt die Kajüten-
gewohnheit vom Vater und von meiner Mutter.
Ich bin ein Matrosenkind und danke dem Geschick,
daß es mir den freien Sinn und den weiten Blick
des Seemannes als Blutserbe verliehen hat. Die
Trauung ist bestellt, die Hochzeitsgäste sind geladen.
Kann sich Justine nicht entschließen, zunächst mit
mir zu leben, wo und wie ich bisher gelebt in
meines Vaters Haus, wollen Sie die Trauung und
rz,
die Gäste abbestellen und dem müßigen Gerede über
uns, das ich seit unserer Verlobung und wohl in-
folge von meines Vaters gefordertem Vertrauen,
sattsam habe kennen lernen, weiteren Spielraum
gönnen, so muß ich eben warten. Aber ich werde
darum nicht größer von Justine denken und nicht
besser von dem sogenannten Anstand und von dem,
was man die Sitte und den Brauch nennt. Sie,
Herr Onkel, haben zu entscheiden-- ich mich vor-
läufig zu fügen.?
, Unerhört!'r rief die Tante voll. Entrüstung, und
selbst Justine sah ihn mit Neberraschung an. Er war
wie verwandelt. Seine Haltung, sein trotzend fester

--- LZß --
Ton waren ganz die seines Vaters, aber sie hatte
Frank nie schöner gefunden, ihn nie mehr geliebt
als eben jetzt.
, Gemach, junger Mann, rief der Onkel mit
strenger Abwehr, ,gemach, junger Mann! Ziehen
Sie gefälligst die stolzen Segel etwas ein. Wie
gering Sie auch von der Gesinnuung und der Hand-
lungsweise denken, die wir altväterischen, aus gutem,
altem Herkommen hervorgegangenen Leute als Brauch
und Sitte ehren, erlauben Sie mir, Sie daran zu
mahnen, was Sie mir schuldig sind. Vergessen Sie
nicht--?
,Verzeihung,' fiel Frank ihm lebhaft ein, ,Ver-
zeihung, denn Sie haben recht! Ja, ich habe mich
vergessen, schwer vergessen! Meine Leidenschaft,
mein Verlangen nach Justinens Besitz haben mich
hingerissen.? Er reichte Kollmann die Hand, der
sie nicht ergriff. ,Vergessen Sie,' bat Frank noch
einmal, ,daß ich mich im Ausdruck gegen Sie ver-
gangen habe, Onkel, in der Sache aber erlauben
Sie mir, auf meiner Bitte zu bestehen. Geben Sie
mir Justine Freitag zum Weibe in unser Haus!
Schieben Sie die Hochzeit- nicht in die Ferne! Es
könnten nach Wochen, nach Tagen wieder Verwundete
liegen in der Kirche, in welcher unsere Ehe eingesegnet
werden soll; und der Boden, den meine Frau betreten
soll in unserem Hause, wie es eben ist, soll nicht
rauh, Du sollst wohl gebettet und behütet sein unter
unserem Dach, in meinen Armen!''
,Frank, lieber Frank!'' rief Justine an seiner
Brust und unter seinem Kusse.
,,Das angeerbte Matrosenblut!'? flüsterte die
Tante, und Kollmann hatte das Nämliche gedacht.
Auch er fand es anstößig in hohem Grade, daß Frank
in seiner Aufregung vor ihnen und zu Justinen von

--- ZPß--
seinem Verlangen nach ihrem Besitz und ihrem Glück
in seinen Armen gesprochen. Die heftige Anmaßung,
mit welcher Frank ihm entgegengetreten war, hatte
die Bitterkeit verstärkt, welche Kollmann gegen Darner
hegte, dem er es nicht verzeihen konnte, ihn, wie er
es nannte, jahrelang getäuscht zu haben; aber das
Alles konnte jetzt die Sachlage nicht ändern. Die
Verhältnisse waren wieder zu der Darner Gunsten.
Auch jetzt hatte er dem Sohne Darners gegenüüber
keine Wahl; und so erzürnt er gegen ihn war, be-
griff er, was eben Justine grade diesem Mann so
schnell und so bedingungölos zugeeignet hatte.
Ec war in keinem Betracht gerathen, die Ver-
binduung der Beiden hinauszuschieben. Sie enthob
ihn auch-- freilich mit Aufgeben von Justine--
des ihm lästig gewordenen Verkehrs mit Darner.
Nachgeben mußte er; es auszusprechen unter den
Augen seiner Frau ward ihm schwer, und auch das
schrieb er Frank und seinem Vater in ihr Schuld-
register.
, Sei's denn!' entschied er endlich. ,Freitag
die Hochzeit! Denn es würde allerdings Beschwerde
machen, sie hinauözuschieben, und über die vier
Tage--? Er vollendete den Satz nicht, sondern
sagte:,bDie vier Tage wird's ja wohl noch ruhig
bleiben.?
Frank dankte, Justine that desgleichen. Die
a ante sprach davon, daß man jetzt Justinens noth-
wendigste Sachen doch wenigstens hinüberschaffen
müsse, da man auch dies erst während ihrer Ab-
wesenheit hatte besorgen wollen; aber Frank empfahl
sich bald, und weder der Onkel noch die Tante
nöthigten ihn zum Verweilen. Sie schienen es Alle
vergessen zu haben, daß er zu Mittag eingeladen
WaV. --

Kapitel 26

-=- I4 -
,,Die vier Tage werden ja auch vergehen,? sagte
die Tante, nachdem Frank, von der Braut begleitet,
das Zimmer verlassen hatte, ,und dann ist man sie
los und kommt zur Ruhe. Aber wer hätte gedacht,
daß ich mich mit solcher Empfindung von meines
einzigen Bruders einzigem Kinde trennen würde!
Ich wollte, die Darners wären geblieben, wo sie
waren- wo der Pfeffer wächst!r?
Kollmann ließ den Stoßseufzer seiner Frau ohne
Antwort. Er bemerkte nur:
, Es ist gut, daß Justine unter die Haube kommt.
Eine sichere Versorgung ist es; und nachher mögen
sie sehen, wie sie fertig werden allesammt. Sie für
sich und wir für uns !'?
Er hatte in seinem Herzen den Stab gebrochen
über Darner und die Seinen.
gGGGGGGgaGGawGgGGGGGGgGggpGgggGgggG
Sechsundzwanzigstes Kapilel
Und die vier Tage waren vorübergegangen und
der Hochzeitstag ebenso; Alles in herkömmlicher Weise.
Die Junggesellen aus der Bekanntschaft hatten
am Vorabend des Hochzeitstages es an dem Poltern
nicht fehlen lassen. Eine große Menge von Töpfen,
Tellern, Tiegeln war vor dem Kollmann'schen Hause
zerschlagen worden. Frank hatte die jungen Leute
heraufgeholt, wo man sie im Beisein der beiden
Familien vor der dampfenden Punschbowle bewirthet,
aber ein lustiger Polterabend war es nicht gewesen.
Und obschon man in der Kirche die Schönheit des
Brautpaares und Justinens mit rosenfarbener Seide
gefüttertes weißes Musselinkleid und dessen kostbare
Lewald. Die Familie Darner. l.
1

=- IN--
Stickerei und ihren wahrhaft fürstlichen Perlenschmuck
und den Kaschmirshawl bewundert, den Frank ihr
in dem Hochzeitskorb verehrt, war auch das Hoch-
zeitsfest nicht eine lustige Hochzeit gewesen.
Kollmann und seine Frau hatten es an nichts
fehlen lassen, weder an den großen Ehrenpforten im
Hause und in der Kirche, noch an der Bewirthung
der Hochzeitsgäste. Das ganze, alte Familiensilber,
die edelsten Weine, die besten Speisen, die aufzu-
treiben waren, hatten wieder die Tafel geschmückt.
Es hätte für den eigenen Sohn nicht anders sein
können. Sie waren auch sehr gerührt gewesen bei
der Trauung. Justine hatte ihnen in der Kirche
unter Thränen die Hände geküßt, aber sowohl die
Leute in der Kirche wie die Hochzeitsgäste hatten,
da sie genau darauf geachtet, es bemerkt: als Koll-
mann und Darner nach der Trauung zu einander
getreten waren, hatten sie sich nicht wie Verwandte
umarmt, sondern sich kaum die Hände gereicht; und
Madame Göttling hatte in dem prachtvollen grauen
Atlaskleid, das ihr Darner zur Hochzeit geschenkt,
so schmerzlich geweint, als ob Justine nicht dem
Glück entgegenginge, das sie sich ersehnt, sondern als
wäre sie zu der Heirath gegen ihren Willen genöthigt
worden und als stände ihr das größte Unglück bevor.
Nach einer Unglücklichen ssah indeß die junge
Frau Frank Darner keineswegs aus, als man, da
sie doch nun in der Stadt geblieben waren, am
andern Morgen zu ihr ging, den Ehestandsbesuch zu
machen und nebenher zu sehen, wie die junge Frau
sich in ihrem alten Vaterhause ausnehmen würde.
Irgend etwas Besonderes, des war man sicher, würde
man finden, denn glatt und gewöhnlich thaten es
die Darners nun einmal nicht; aber was man antraf,
war weit mehr, als man irgend erwartet haben konnte.

-- LZ- -
Das Haus war in einen Blumengarten verwandelt
worden.
Zur Nachtzeit hatte man in den letzten Tagen
aus den Gewächshäusern der sämmtlichen Gärtner die
aärangen- und Lorbeerbäume herbeischaffen lassen.
Wie durch einen Hain war Justine von der Thüre
des Hauses durch die Flur und über die mit persischen
-eppichen belegte Treppe hinaufgeschritten bis in
ihr Brautgemach; und auf einem prachtvollen Divan,
umgeben von Bäumen, fand man sie, bluumenun-
duftet, in dem großen Saal, ihre Gäste erwartend.
Niemand hatte jemals noch in Königsberg eine solche
Vorrichtung gesehen, nie hatte eine junge Frauu einen
so kostbaren Morgenanzug gehabt. Die Rose an der
Haube, die goldgestickten Morgenschuhe, Alles, der
ganze Hochzeitskorb war, wie Madame Göttling be-
richtete, durch einen Eppressen gleich nach der Ver-
lobung in Berlin bestellt worden, wo sich, seit die
Franzosen es inne hatten, große Lager von franzö-
sischen Waaren befanden. Ein anderer Eppresser
hatte die sämmtlichen Brautgeschenke schon vorgestern
in das Haus geliefert in einem Korb, der an und
? v E. N U
versteckt, den Schaulustigen zur Ansicht stand.
Justine strahlte wie eine voll erblühte Rose,
Frank, in kurzem Gehrock und Klappenstiefeln, machte
mit Beflissenheit den Hausherrn und den Wirth, aber
seine Augen kehrten immer wieder zu der schönen
Frau zurück. Jeder mußte es sehen, sie lebten nur
ein Leben. Die Freude, welche dem Polterabend
und der Hochzeit gefehlt, schwebte über diesen:
Morgen.
Dolores und Virginie, denen ein Polterabend,
eine Hochzeit, die Ehestandsvisiten, nach demt Leben
;g

--- ZP -
in ihrer Pension etwas ganz Neues waren, denen
Justine in ihrer Frauentracht wie maskirt erschien,
und die sich in der Blumenfülle an ihre Heimatserde
und ihre erste Kindheit erinnerten, sahen wie die
menschgewordene Freude aus. Neberall traten sie
in den Vordergrund, an Allem fanden sie Stoff, ihre
Heiterkeit zu nähren. Schön geschmückt umschwebten
sie das junge Paar und die sich allmälig einstellenden
Gäste der Hochzeitsfeier wie dienstthuende Genien.
Als dann noch junge Mädchen und einige junge
Männer dazu kamen, rissen die Schönheit und der
Frohsinn auch die Anderen hin. Man hatte nicht
bemerkt, wer das Klavier geöffnet hatte; aber Virginie
sah von der andern Seite des Saales, daß es offen
war. Sie eilte dazu, spielte einen Raschwalzer und
als Justinens Onkel und Tante, und gleichzeitig mit
diesen Darner in das Zimmer traten, mußte die
junge Frau, um die Ihrigen gebührend zu begrüßen,
sich aus dem Arm ihres Mannes losmachen, der sie
eben umschlungen hatte, sie im Nebermuth seines
Glücks zum Tanz zu überreden.
,Ich bitte Dich, Justine,r' rief die Tante tadelnd
aus, während Madame Armfield gegen ihre Nach-
barinnen die Bemerkung machte, daß es noch nicht
dagewesen sei, am lenlemain und vor dem Kirchgang
und im Neglige zu tanzen. Justine entschuldigte sich
lachend, setzte sich dann ehrbar auf den Sophaplat,
der ihr heute gebührte, aber Darner küßte sie und
schüttelte ihr die Hand.
,,So ist's recht,'' sagte er, während die Freude
seiner Kinder sein ernstes Antlitz erhellte, ,so ist's
recht, und es soll Ihnen, liebe Tochter, und Ihrem
Manne eine gute Vorbedeutung sein, daß Ihr so fröh-
lich hineintanzt in die Ehe! Ein Fest aus dem
Stegreif und aus Herzenslust ist erst recht ein Fest!

-- I4J--
Zünde die Kerzen an-- lassen Sie Champagner
bringen!' befahl er dem Diener und Madame Gött-
ling. Ein äeeuner äunsant i la lraneaise als
Weihe für das nene Haus, da Ihr Euure Hochzeits-
reise ü langlsise nicht habt machen können. Allons,
Madame Darner, allons, Monsieur Frank!'
Er war heiter wie man ihn nie gesehen, und
die jungen Leute, von dem Ungewöhnlichen gereizt,
ließen sich nicht lange bitten. Die älteren Männer
und Frauen zogen sich weiter zurück. Darner führte
die Tante und die anderen Frauen formvoll nach
dem Sopha und zu den Lehnsesseln an den Wänden.
Die paar jungenMänner hatten rasch ihrePartnerinnen
gewählt, die übrig gebliebenen Mädchen tanzten mit
einander, und die beiden Kanarienvögel, die Justine
aus ihrer bisherigen Wohnung in das neue Heim
mit hinübergebracht hatte, schmetterten lustig da-
zwischen, des hellen Sonnenlichts, der Musik, des
lauten Lachens wie die Jugend froh. Es war ein
lieblich phantastisches Bild; indeß der Spiegel, in
den es fiel, war nicht in allen ein ungetrübter.
Man war von dem Ungewohnten überrascht. Man
hätte sich darüber fortgesetzt, es sich vielleicht gefallen
lassen, daß die junge Frau im Morgenanzug tanzte,
wenn es nur nicht eben in diesem Hause, wenn es
nur nicht gerade und immer wieder Darner gewesen
wäre, der die Gesellschaft zwang, wie der Doktor zu
Kollmann meinte, fünf gerade sein zu lassen und
nach seiner Pfeife zu tanzen. Und doch hatte Nie-
mand weniger als Darner den Anlaß zu dem fröh-
lichen Nebermuth gegeben.
Der Doktor hatte seine Bemerkung leicht hin-
geworfen; Kollmann antwortete nicht darauf. Er
fragte nun den Doktor, ob er es hier im Zimmer
nicht zu warm finde für seine Frau; zog dann die

--- Iü
Ühr aus der Tasche, sagte, daß er doch noch einen
Augenblick nach der Börse gehen wolle, und machte
Anstalt, sich mit seiner Frau zu entfernen.
Die anderen äilteren Personen folgten dem Bei-
spiel; der Tanz wurde dadurch unterbrochen. Man
ging zu dem Tisch, auf welchem die Hochzeitsgeschenke
aufgestellt waren, und bemerkte unter den reichen
und mannigfachen Gaben obenauf in dem Hochzeits-
korb, den Frank seiner Frau geschenkt, ein ganz
kleines, aber reich mit Gold verziertes Kästchen von
dunkelrothem Sammet. Die Tante nahm es in die
Hand, öffnete es, weil sie ein besonderes Schmuck-
stück darin erwartete, und sah zu ihrer Bewunderung
einen plumpen Ring von Silber, dessen Schrammen
und Beulen verriethen, daß er bei schwerer Arbeit
getragen worden war.
,Was ist das? fragte sie und hielt das Käst-
chen offen ihrem Mann hin.
,,Der Trauring, den mein Vater meiner Mutter
auf Helgoland gegeben hat!' jagte Frank. ,Mein
Vater hat ihn heute Morgen meiner Frau geschenkt.
Ich werde ihn als Berloque an ihrer Ühr befestigen
lassen.r?
Ein paar der alten Damen fanden das rührend
mitten in dem Luxus, von dem man hier umgeben
war; die Männer sahen darin das Zeichen, daß
Darner gewillt sei, fortan aus seiner niedrigen Her-
kunft kein Geheimniß mehr zu machen, und meinten,
er werde wissen, weshalb er das thue.
,Nun, sagte der alte Berkenhagen, der Ju-
stinens Pathe gewesen und der als einer der ersten
gekommen war, ihr Glück zu wünschen, ,nur das
Eine geht mir dabei im Kopf herum, wie nuun, wenn
es den Herren, denen Darner angehörte, gefiele, ihr
Anrecht auf seinen Sohn und auf dessen Kinder

- Zg?-
geltend zu machen? Loskaufen würde er sich können,
aber ein schönes Stück Geld würde es kosten und
Aufsehen machen auch.?
Er hatte es nicht gegen Kollmann geäuußert,
indeß dieser hatte es mit der Feinhörigkeit gekränkter
Gesinnung deutlich vernommen, und der Groll gegen
Darner, der zugleich eine Unzufriedenheit mit sich
selber in sich schloß, kam durch das Wort zum Aus-
bruch. Unfern von Darner stehend, trat er dicht an
diesen heran und mit all' der Bitterkeit, die er in
sich trug, sagte er:
,Den Ring hätten Sie, Verehrtester, uns wohl
ersparen können; was soll er heute hier an diesem
Platze?
Darner fuhr auf, aber er bemeisterte sich gewalt-
sam, und so kalt, daß Kollmann es als eine neue
Beleidigung empfand, entgegnete er:
,Der Ring soll meine Schwiegertochter an die
Mutter ihres Mannes mahnen und sie daran er-
innern, daß Abhängigkeit von Vorurtheilen und von
der Meinung anderer die schlimmste aller Sklavereien
ist! Ich habe meine Partie genommen und denke sie
mit den Meinen zu behaupten-?
,Zweifeln Sie nicht daran, daß wir das Gleiche
thun werden !'' unterbrach ihn Kollmann und ging
zu seiner Frau, mit der er sich entfernte, ohne ihr
Frist zu dem üblichen Verabschieden zu gönnen. Sie
hatten den Saal verlassen, ehe noch das junge Paar
oder Madame Göttling die Zeit gefunden, ihnen das
Geleite zu geben. Nur Darner hatte sie beim Scheiden
begrüßt; und so rasch das Alles sich abgespielt, hatten
die sämmtlichen Anwesenden doch bemerkt, es müüsse
irgend etwas Besonderes vorgegangen sein.
Die anderen Glückwünschenden gingen allmälig
auch davon, es kamen dann immer noch verschiedene

-- Igs --
Personen, indeß Darner war nicht mehr anwesend,
und Justine war unruhig geworden.
,,Es muß etwas gegeben haben zwischen dem
Vater und dem Onkel! sagte sie im Vorübergehen
zu Frank. ,Weißt Du, was geschehen istr?
,Nein, denk' nicht daran, mein Schatz! Wenn's
nichts Gutes ist, erfahren wir's immer noch zu früh!
Aber die Deinen haben wirklich das Talent, sich und
Anderen keine reine Lust zu gönnen !' setzte er, wie
zu sich selbst redend, hinzu. ,Noch eine kleine Weile,
dann sind sie Alle, Alle fort, und wir Beide essen
zum ersten Mal heut ganz allein, in unserem Haus,
an unserem Tisch, denn heute hat man hier für uns
allein gedeckt, mein Schatz!'
Sie drückten sich die Hände, ihre Augen begegs
neten sich in Liebesglück. Die Kerzen brannten, die
Blumen dufteten, die Vögel schmetterten; die Sonne
schien noch ebenso warm wie den ganzen Vormittag,
und die bösen Worte von den Lippen der beiden
Männer waren in der Luft verklungen und verweht.
Vergessen waren sie nicht.
Da der neue Haushalt noch nicht eingerichtet
war, hatten die jungen Eheleute am Abend und für
die nächsten Tage wieder an des Vaters Tisch zu essen,
und die erste gemeinsame Abendmahlzeit war ihnen
in freundlicher Stimmung vergangen. Als sie noch
beieinander saßen und der Diener das Zimmer ver-
lassen hatte, sagte Darner, sich an Justine wendend:
,,Da Sie am Orte geblieben sind, werden Sie,
wie ich vermuthe, nach hiesigem Brauch morgen mit
Frank Ihren Kirchgang machen. Irre ich nicht, so
pflegte diesem ein Besuch in der Familie der jungen
Frau zu folgen.?
Justine bejahte das.

- - - L1I--
,,Diesen Besuch unterlassen Sie!'' sprach darauf
Darner in einem Ton des Gebietens, den Justine
noch nicht von ihm vernommen hatte.
Frank sah, daß seine Frau betroffen war, und
um ihr keinen Raum für eine Frage oder Antwort
zu lassen, die störend wirken konnte, sagte er, rasch
einfallend:
, Also hatte Justine sich gestern nicht geirrt! Ec
hat eine Mißhelligkeit gegeben zwischen Ihnen und
dem Dnukelfr
, Ja, und eine, die ich nicht auszugleichen denke,
sondern bei der es sein Bewenden behält!'' antwortete -
Darner in demselben Ton wie vorher. ,Sie sind
an einen Scheideweg gestellt, Justine; aber Sie haben
den Vortheil, daß kein Zweifel für Sie vorhanden
sein kann, welche Straße Sie einzuhalten haben.
Die Ihren haben Ihre Verbindung mit meinem
Sohn an und für sich nicht gewünscht. Daß sie
Ihrem Onkel auf das Aeußerste widerstrebte, nachdem
er mich veranlaßt, ihm meine Lebensgeschichte mitzu-
theilen, das haben Sie miterlebt, und Ihre Liebe,
Ihr gesunder und freier Sinn haben Sie trotzdem
bestimmt, Franks Frau, meine Tochter zu werden,
den Namen zu tragen, den ich geschaffen, und den
Sie und Frank hoffentlich fortbestehen machen werden
für ein tüchtiges Geschlecht. Ihr Onkel hingegen
fühlte sich beleidigt und vor seinen Freunden offenbar
erniedrigt durch den Trauring von Franks Mutter,
den ich Ihnen nicht absichtslos geschenkt. Er scheint
erwartet zu haben, daß ich, seinen Ansichten von Ehre
zu genügen, vor Anderen verberge, was vor ihm aus
sein Begehren auszusprechen ich angemessen gefunden,
wie die Verhältnisse lagen. Ich aber bin nicht ge-
wohnt, zu widerrufen, was ich gesagt. -Was ich ihm
mitzutheilen an der Zeit hielt, das ist füür Jedermann

=- LH -
gesagt' und mag von Jedem erfahren werden, von
Jedem, den darnach gelüstet. Ihr Onkel mag nicht
daran erinnert werden, daß er einen Mann von
niederer und ärmster Herkunft seinen Freund genannt,
daß er von einem solchen sich mannigfache gute Dienste
hat gefallen lassen, daß Sie den selbstgeschaffenen
Namen eines solchen Mannes tragen. Es versteht
sich also ganz von selbst, daß mein Sohn und seine
Frau nicht zu Herrn Kollmann gehen, um ihn daran
zu mahnen.r
Justine hatte, während ihr Schwiegervater ge-
sprochen, mehrmals die Farbe gewechselt. Seit sie
John abgewiesen, seit Frank sich um sie beworben
und vollends seit sie dessen Braut geworden, hatte
sie in Unfrieden mit den Ihren gelebt und das
Haus des Onkels mit dem ihres Mannes in doppeltem
Betracht von Herzen gern vertauscht; aber daß sie es
nicht wieder betreten sollte, daran hatte sie nicht ge-
dacht, als sie am Abend ihres Hochzeitstages schließ-
lich doch mit großer Rührung von Onkel und Tante
geschieden und über ihres Hauses Schwelle hinaus-
geschritten war. Es war doch immer das Heim, in
welchem sie, wohl beschützt, fünf Jahre froh verlebt;
es waren ihre einzigen Blutsverwandten in der Stadt.
Das Gute, das sie ihr gewährt, die Kränkungen,
welche sie von ihnen in den letzten Monaten erlitten,
das Bewußtsein der Herbigkeit und des Trotzes, mit
welchem sie sich dagegen verwahrt, das Alles drängte
mit einem Mal sich ihr in das Gedächtniß, um es
sie schließlich doch segnen zu lassen, daß sie mit Selbst-
willigkeit sich an jenem Abend in den Kreis der
Männer gedrängt und es damit dem Onkel unräthlich
gemacht, ihr die Ehe mit Frank so entschieden zu
verbieten, wie Darner ihr jetzt den Verkehr mit denen
verbot, die sie bisher die Ihren genannt.

-- ---
Frank war jeder ihrer Mienen achtsam gefolgt,
während sein Vater zu ihr gesprochen. Er hatte ihre
feinen Brauen sich zusammenziehen, ihre Lippen zucken
sehen, als der Gedanke in ihr aufgeblitzt: ,Der
hörige Mann macht Dich zu seiner Hörigen!' Aber
gleich darauf hatte sie voll' in des Geliebten offenes
Gesicht geblickt, hatte zu seinem Vater emporgeschaut
und empfunden, daß er wahr gesprochen. Sie ge-
hörte ihm, denn sie war eins mit Frank; sie war
sein, wie sie von ganzer Seele seines Sohnes war,
und ihrem Manne die eine Hand gebend, reichte sie
seinem Vater mit festem Druck die andere.
,Gebieten Sie über mich, Vater,'' sagte sie, ,und
Sie werden mich gehorsam finden wie Ihre anderen
Kinder. Nur nehmen Sie mich auch ganz zu diesen
auf. Nennen Sie mich Du wie meinen Frank, und
ich will es halten, wie es in der Bibel heißt: ,ein
Land soll mein Land, sein Volk, sein Haus, sein
Vater sollen auch die meinen sein.?
Alle waren ergriffen wie sie selbst, Darner nicht
zum Mindesten. Aber die Abgeschlossenheit, in welcher
er gelebt, und die Gewohnheit zu gebieten, hatten ihn,
selbst wo er liebte, karg im Ausdruck seiner Neigung
und seines Lobes gemacht.
,Das soll ein Wort sein! sagte er. ,Ich nehme
das Gelöbniß an, und nicht Dein Mann allein wird
Dir diese Hingabe zu danken haben, meine Tochter!
Mahne mich daran, wenn ich sie Dir vergessen könnte!''
Er küßte sie auf die Stirn, sie küßte ihm die
Hand.
,, Haltet zusammen, Alle!' gebot er und wollte
das Zimmer verlassen.
Frank hielt ihn zurück.
,Ich bin der Meinung,' sagte er, ,daß wir,
wenn wir morgen die Kirche besucht, uns die Frei-

Kapitel 27

= A5N -
heit gönnen, unsern Honigmonat hier still für uns
in unserem Hause, statt in Strandwiek zu verleben.
Ist doch jedes Mannes Haus sein Schloß!
,Bis,? fiel ihm der Vater ein, ,die Kolben der
Franzosen uns die Schlösser sprengen, und das kann
bald geng geschehen. Im Nebrigen ist jeder Herr,
zu thun, was ihm gut dünkt, sofern er keines andern
Rechte damit kränkt. Handle nach Deinem Ermessen.
Brauchst Du Rath, so weißt Du, wo Du ihn zu
finden hast. Sehe ich Dich irren, so werde ich Dir
es sagen. Denn wie ich Dich mitten in mein Ge-
schäft hineingestellt, auf Deine Mitarbeit zur Er-
reichung meiner Absichten vertrauend, die das Ge-
deihen unseres Hauses und Geschlechtes mit einbe-
greifen, so bist Du und seid Ihr Alle mit mir
eingeschifft und wie Ihr meines Auges, meiner
Führung, so muß ich Eurer sicher sein können in
allem und jedem - unbedingt! Einheit des Willens
--- das ist Kraft! Daran haltet fest!r
Er wollte sich mit diesen Worten entfernen,
Dolores hielt ihn zurück und küßte ihm die Hand;
die Schwester und selbst Justine folgten ihrem
Beispiel.
Er erwiderte ihre Zärtlichkeit nicht, sondern
sagte: ,So soll's bleiben!r nickte ihnen zu und ging
hinaus.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
- Das gute Wetter hatte angehalten, es war das
zu dieser Zeit des Jahres eine Seltenheit im Lande.
Der April schien seine Launen abgelegt zu haben

s
- AHZ -
und nur Sonnenschein bringen zu wollen. Die
Knospen an den Bäumen brachen auf, die grauen
Schäfchen, die Palmen, wie man sie im Volke nennt,
wurden, mit Tannengrüün zusammengebunden, schon
auf den Markt gebracht. Es schimmerte gelblich an
den Zweigen der Birken. Auch der Rasen auf den
Stadtwällen und auf den Angern vor den Thoren
fing zu grünen an.
Der und Jener wollte schon Schneeglöckchen ge-
sehen haben, und da die Feiertage spät gefallen
waren, hatte man wieder einmal grüne Ostern
gehabt. In den Gärten wurde gegraben, in den
Feldern gepflügt. Der Geruch der frisch aufgerissenen
Scholle, dieser rechte Frühlingsgeruch, stieg in die
erwärmte Luft hinauf, und man dachte an das
Säen des Sommergetreides, als ständen nicht die
großen Heeresmassen im Lande, als wäre man sicher,
daß nicht Rosseshuf die Saaten zertreten oder wer
die Frucht ernten würde, wenn sie doch zum Reifen
gelangen sollte.
, Der Pregel war aufgegangen, das Haff war
noch zu. Das gab Hochwasser im Flusse, und das
mußte man benützen, denn wenn das Haff offen
war, konnten die Schiffe wieder in See, konnten
der Produkten- und Waarenhandel wieder beginnen;
und das Freiwerden des Wassers, das große Früh-
lingsereigniß für die Seehandelsstädte, stand nahe
bevor.
Die Fischer fuhren schon, wieder weit hinaus
zum Fischfang, die Schiffe, die im Winter festge-
legen, wurden gekentert, kalfatert, getheert und frisch
aufgetakelt. Auch am Bohlwerk roch's schon nach
Frühling durch das Theeren der Schiffe, durch das
Umwenden der Hanfballen vor den Speichern; und
daß man, wo man ging und stand, russisch und

s
- = ZH --
polnisch sprechen hörte, daran war man nun seit
Monaten gewöhnt.
Man machte dazwischen wohl die Bemerkung,
daß russische Artillerie ihre Schießübungen immer
öfter wiederholte, daß in den Artillerieschuppen, in
den Pontonhäusern von früh bis in die sinkende Nacht
gearbeitet wurde, daß von der Grenze Pulvertrans-
porte hereinkamen, daß die Handwerker aller Art
von den Armeelieferanten zur Ablieferung der be-
stellten Arbeiten dringend angehalten wurden; aber
man schob das auch auf den Frühling; und in den
schweren Kriegszeiten, in denen man nun schon seit
dem Herbst gelebt, was hatte es da dem ruhigen
Bürger geholfen, wenn er sich noch so sehr um das
Morgen gesorgt? Es hatte ja seit den Schlachten
von Saalfeld und Jena nichts mehr im Lande
seine rechte Ordnung und seinen regelmäßigen Lauf
gehabt. Was auch kommen mochte, man mußte es
ertragen; dazu aber mußte man eben leben bleiben,
mußte man essen und trinken, mußte an jedem Tag
jeder das Seine thun, und wenn ihm irgend der Kopf
, darnach stand, mußte man auch zusehen, wie man
,sich am Abende die Befürchtungen für ein paar
sStunden aus dem Sinne schlug.
Wenn die großen Kaufleute jett große Sorgen
hatten, so hatten sie dafür in Kriegs- und Friedens-
zeiten auch großen Gewinn gehabt, und da man in
den Gewerben durch die Anwesenheit der russischen
Truppen manch bedeutenden Verdienst hatte, so ging
das häusliche Leben der Bürger in seinem Geleise
fort, trotz der Einquartierung, die man bei sich hatte.
Die Kinder wurden in die Schulen geschickt,
spielten, seit dem warmen Sonnenschein wieder in
den Straßen und waren in gutem Verkehr mit den
Russen, namentlich mit den Kosaken, die sich als

l-
--- AJJ -=-
große Kinderfreunde zeigten. Die Hausfrauen hatten
mehr als je zu schaffen, hatten auch Acht zu geben
auf ihre Töchter und auf ihre Mägde, denn die
Herzen schlagen und fühlen im Kriege wie im Frieden,
und zwischen den russischen Bundesgenossen und den
Mädchen aus allen Ständen hatte sich manch Liebes-
verhältniß angeknüpft, und da man der Zukunft
nicht sicher war, klammerte man sich doppelt fest an
den Augenblick, ihn zu genießen. Liebe und Eifer-
sucht, Neigung und Abneigung, Wohlwollen und
Mißgunst, Neugier und Zwischenträgereien trieben
auch jetzt ihr Wesen wie zu allen Zeiten und unter
allen Umständen, und die Familie Darner ward dabei
nicht vergessen.
In Darners Geschäften rastete die Arbeit nicht,
doch meinte man, in dem Geschäftsbetrieb eine Wand-
lung zu bemerken. Daß Darners Verkehr mit dem
Auslande, nach Osten wie nach Westen lebhaft fort-
ging, das war an den Estafetten zu ermessen, die
er entsendete und empfing und von denen man ge-
legentlich erfuhr. Man wußte ebenso, daß der
russische Kommandirende Darner mehrmals zu sich
entboten und ihn in langen, besonderen Audienzen
empfangen hatte; daß große Geldtransporte unter
seiner Firma angelangt waren, daß die russische
Regierung sich seiner für alle ihre Geldgeschäfte und
-Angelegenheiten diesseits der Grenze bediente, und
daß es auch zwischen ihm und dem preußischen Bank-
direktor in der Stadt beständige Verhandlungen gab.
Dagegen stand es fest, daß er zurückhaltender in
den Geschäften am Platze und in der Provinz ge-
worden war, und daß er den Inländischen weniger
Kredite bewilligte als bisher, sofern diese Kredite
nicht mit den Interessen der beiden Regierungen im
Zusammenhange waren. Er erschien nicht mehr so

=- AHs -
regelmäßig an der Börse, ließ sich bisweilen durch
den Sohn und den Disponenten vertreten, während
er im Komptoir die gewohnten Stunden pünktlich
innehielt; und er stellte es nicht einmal in Abrede,
daß er es vermeide, auf kleinere Geschäfte einzugehen,
um seine Mittel und Kredite für seine großen Unter-
nehmungen zur Hand zu haben.
Verstehen konnte das Jeder, da die Millionen
sich aus Tausenden zusammensetzen, billigen that es
Keiner von allen Denen, welchen diese seine neuen
Maßnahmen ungelegen kamen, und die Anzahl der-
selben war nicht gering, sowohl unter den kleinen
wie unter den großen Firmen. Daß er mit
Kollmann persönlich nicht mehr auf dem alten Fuße
stehe, das zeigte sich selbst im täglichen Verkehr an
der Börse.
Seit Darner zuerst, von Kollmann eingeführt,
an der Börse erschienen war, hatte man sie an der-
selben immer viel zusammen gesehen, und meistens
hatten sie sich gleichzeitig entfernt, den Rückwweg, so
weit er ihnen gemeinsam war, selbander zurückgelegt,
so daß man sich an die Zusammengehörigkeit von
,Kollmann und Darner' gewöhnt hatte.
Jett, wo doch ein verwandtschaftliches Verhältniß
zwischen ihnen entstanden, war das nicht mehr der
Fall. Sie begrüßten sich kühl, tauschten, wenn sie
durch Dritte in ein Gespräch gebracht wurden, nur
die gleichgiltigsten Bemerkungen gegen einander aus,
und selbst mit Frank verkehrte Kollmann kaum,
obschon dieser doch sein Neffe geworden war.
Die Sache fiel auf, und die Börse ist feinfühlig
und leicht zum Mißtrauen erregt, weil ihre Mit-
glieder, durch unsichtbare Fäden mit einander ver-
bunden, von der Schwankung des Einzelnen in Mit-
leidenschaft gezogen werden. Kollmann hatte sich

=-- B5? -
durch Darners große Unternehmungen und ebenso
große Erfolge auch weiter in seinen Geschäften aus-
gedehnt, als es sonst seine Art gewesen war, und der
Kredit von Darner war ihm dabei direkt und indirekt
zu Statten gekommen.
,Weshalb zieht Darner sich jetzt vom Platze so
zurück?? fragte der Eine und machte daneben die
Bemerkung, es sähe fast aus, als sei die Spitze dieses
Verfahrens gegen Kollmann gerichtet, als verweigere
Darner den kleineren, soliden Häusern die Kredite,
die für ihn eine Bagatelle wären, um es nicht zu
markiren, daß er sie Kollmann nicht in der Art wie
bisher gewähre; und wenn Darner das thäte, der
P?A -==- =-
Man wies das Gerede als eine Thorheit achsel-
zuckend von sich, aber es war doch ausgesprochen
und wurde nicht vergessen. Man fing an, sich um
die Kollmann'sche Kommandite zu erkundigen, der
John in Riga vorstand, brachte den Gedanken an
-die Möglichkeit auf, daß Kollmann durch seine
Schwiegersöhne in Lübeck und Kopenhagen vielleicht
stark in Anspruch genommen oder in Verlust gerathen
sein könne; und der Ruf eines Handelshauses ist
von der fremden Meinung abhängig wie der eines
Mädchens. An beiden darf kein Zweifel laut werden.
Wenn sie auch sicher ihres Weges gehen, er berührt
sie doch und schadet ihnen.
Das Haus Kollmann hatte seit drei Menschen-
altern so fest gestanden, daß Niemand den Chef des-
selben mit einer Frage anzugehen wagte, die den
Schatten eines geschäftlichen Mißtrauens verrathen
konnte. Ebensowenig war es zulässig, ihn neugierig
mit der Frage zu belästigen, ob er mit Darner per-
Lewald. Die amilie Darner. l.

-- B58-
sönlich etwas vorgehabt; aber er hatte eine Frau,
und es war nur in der Ordnung, wenn die Frauen
ihrer Bekanntschaft sich erkundigten, wie Madame
Kollmann die Hochzeitsfeierlichkeit überstanden habe,
wie es ihr ergehe, seit sie wieder allein in ihrem
Hause lebe, und ob denn nicht bald ihr Sohn oder
eine ihrer Töchter kommen würden, sie in der Ein-
samkeit ein wenig zu zerstreuen.
Natürlich war die sanfte, fromme Frau des
schwedischen Konsuls eine der ersten, welche ihre
Theilnahme bewog, sich bei Madame Kollmann ein-
zustellen. Hs war am Sonntag nach dem ersten
Kirchgange des jungen Ehepaares, in der Stunde,
in welcher Madame Kollmann fast immer die Be-
suche ihrer von der Predigt aus dem Dome heim-
kehrenden Freundinnen zu gewärtigen hatte, nament-
lich in der Zeit des Jahres, in welcher die Rücksicht
auf ihre Gesundheit sie von der Kirche fern hielt.
Behutsam, leise und freundlich, wie Alles an ihr
war, trat Madame Armfield bei der Freundin ein.
Ihr enger, grauer Hut, ihr grauer Schanzläufer, ihr
dunkler Sonnenschirm, die Abwesenheit jeden Zierats
an ihrer Kleidung zeigten sie wie immer als eine
Frau, die auf sich, auf Beachtung ihrer Person,
auf die weltlichen Dinge überhaupt kein Gewicht
mehr legte; und da sie Madame Kollmann bei
offenem Fenster in ihrem Zimmer fand, galten ihre
ersten Worte auch der Freude darüber, daß jene nun
gottlob doch bald wieder im Stande sein werde, die
Kirche zu besuchen und sich der Erhebung in der
Gemeinde anschließen zu können, die man ja so
schwer entbehre.
, Ich hatte immer gehofft,'' sagte sie, ,Sie heute
schon dort zu sehen, und kam, mich eben nach Ihnen
zu erkundigen, weil ich Sie noch vermißte; aber auch

==- IHß -
Justine - unsere neue Frau Darner - war nicht
dort. Sie ist doch nicht unwohl, die liebe Frau?
,Ich glaube nicht! entgegnete die Tante.
,Ich habe mich so gefreut,'' hob die Andere
wieder an, ,als ich das junge Paar am vorigen
Sonntage, nach dem etwas auffallenden ersten Em-
pfang in seinem Hause doch in der Kirche gesehen
habe. Es kommt ja alles, alles darauf an, daß eine
junge Frau es vom ersten Tage an in ihrer Seele
festhält, daß sie in ihrer Familie ein Missionar ist,
daß sie verantwortlich ist für das Seelenheil der
Ihren. Justine war ja gut gewöhnt, aber Darners
Unkirchlichkeit machte mich besorgt um sie, und ich
wußte es ihm Dank, daß er die jungen Leute nicht
etwa gehindert, den Segen des Höchsten für ihre
Verbindung zu erflehen.r
Die Tante hatte sie ruhig zu Ende sprechen lassen.
,Darner ist gegen die Kirche und gegen alle
religiösen Dinge so gleichgültig,' sagte sie darnach,
,,daß er in derlei Dingen Niemand hindert. Er
schickt ja seine Töchter mit der Göttling, vermuthlich
anstandshalber, stets nach dem Dom. Dafür aber,
daß Justine und Frank ihren Kirchgang gehalten,
haben Sie mehr den Russen, die sich in Strandwiek
- einquartiert, zu danken als Justinen und ihrem
Manne. Wäre es nach den Beiden gegangen, so
wären sie ja gleich nach der Trauung aufgebrochen
nach dem Gute, das keine Kirche hat. Indeß das
ist jetzt alles ihre Sache. Aber es ist auch mir lieb,
daß sie keinen Anstoß gegeben haben. Sie wissen,
wenn man ein Mädchen erst aus dem Hause und
- einem Manne übergeben, hat man nichts mehr zu
bestimmen.r
Sie wollte damit abbrechen, das paßte jedoc
der Andern nicht.
;-

=-- Iß0 -
,Freilich nicht,' meinte sie, ,aber nicht wahr,
es geht Justinen wohl, sie kommt vorwärts mit der
Einrichtung in ihrem Hause?
,Sicherlich, sie ist ja tüchtig, wenn sie will, und
an Mitteln wird es ihr der Mann nicht fehlen
lassen!rr
, Und wird es hübsch? fragte die Theilnehmende
weiter, den Kopf weit vorgebogen, den neugierigen
Blick nicht abwendend von der Befragten.
Vor dieser Beharrlichkeit hielt, wie die Wissens-
lustige es erhofft, die Nervenreizbarkeit ihres Opfers
nicht mehr Stich, und wider ihren Willen von ihrem
Verdrusse fortgerissen, sagte sie:
,,Das müssen Sie Justine selber fragen, ich habe
sie mit Augen nicht gesehen!'
,Sie haben sie nicht gesehen? Sie nicht??
,Nein, sie hat es für angemessen gefunden, un-
sere Schwelle nicht wieder zu betreten, seit sie unser
Haus verlassen, das ihr, weiß Gott, ein treues Vater-
haus gewesen ist!=
,,Nun,' rief Madame Armfield, ,dann brauchen
wir Anderen uns auch nicht zu wundern, daß sie
auch gegen uns die Unsichtbaren spielen, Justine und
ihr Mann. Aber daß sie nicht zu Ihnen kommt...?
Die Tante ließ sie nicht zu Ende sprechen.
,Es sind ja alles berechnete Komödien!r fuhr
sie fort, nachdem sie ihrem Zorn einmal das Wort
gegönnt. ,Sie wollen ihre Flitterwochen nach eng-
lischem Brauch, in Zurückgezogenheit genießen, so
lautete die große Phrase. So haben sie zu General
von Stromberg gesagt, der hingegangen ist, sie zu
besuchen, da er zu Justinens und Darners Gefolg-
schaft gehört, das heißt, so lange es Darner passen
wird, sich seiner zu bedienen, wie bei der Be-
schleunigung der Hochzeit. Denn die war, wie ich

b-- B --
überzeugt bin, nicht Folge von einem Einfall des
Generals, sondern Darners und Justinens Wille. ?
, Glauben Sie? fragte die Konsulin.
,Lehren Sie mich die Menschen kennen, liebe
Freundin! rief die Tante. ,Ich habe es meinem
Manne gleich gesagt, aber die Männer verlieren in
der Hast des Geschäftslebens den Blick für diese
Dinge; und wir haben es überhaupt noch immer zu
bereuen gehabt, wenn mein Mann auf meine ersten
Eindrücke nichts gegeben hat. Jetzt sieht er es ein,
und die Andern auch. Man hätte Darner gar nicht
sollen so weit emporkommen lassen.?
,,Emporkommen? wiederholte die Andere, die
sehr wohl berechnete, daß ein leiser Widerspruch ihr
vorwärts helfen würde. ,Reich und so zu sagen
eine finanzielle Macht war Darner doch schon, als er
hierher kam, namentlich für die hiesigen Verhältnisse.?
,Wer widerstreitet denn das, oder wer beneidet
ihn darum? Wir sind hier finanziell nicht seines-
gleichen, und er ist nach seinem Herkommen und
seiner Vergangenheit nicht unseresgleichen. Daran
aber will er natürlich nicht erinnert sein, während
er-uns seine Geldmacht nie verbirgt und uns, wenn's
ihm eben einfällt, obenein noch zwingen möchte, auch
seine Vergangenheit wie seinen Reichthum zu be-
wundern !'r
Sie band die breiten weißen Atlasbänder ihrer
Haube auf, denn sie hatte sich warm gesprochen;
und Madame Armfield wußte nun, was sie wissen
wollte. Sie konnte ihre ganze versöhnliche Milde be-
weisen.
, Gott,'' sagte sie, ,wer ist denn frei von solchen
menschlichen Schwächen, und wo kommen kleine Rei-
bungen unter Verwandten nicht gelegentlich zum Vor-
schein? Indeß das gleicht sich ja aus, das gleicht

-- L8A -
sich ja bald wieder aus! Und da obenein die gute
Göttling zwischen Ihnen steht, so ist ja daran gar -
nicht zu zweifeln, denn die Göttling wird ja doch im
Hause bleiben.r
Madame Kollmann meinte, darüber habe sie
nichts gehört, doch sei es wahrscheinlich, da Vater
und Sohn getrennte Haushaltungen machen, nur die
Feste gemeinsam veranstalten wollten, und die Göttling
sei eine ganz auf Unterordnung angelegte Natur.
Indeß die völlig bedingungslose, blinde Bewunderung
für Darner scheine sie jetzt doch nicht mehr zu hegen.
Sollte sie übrigens im Darner'schen Hause entbehrlich
werden, so würde sie sich vielleicht entschließen, wenn
ihre Gesundheit sich nicht bessere, die treue, verläß-
liche Frau, zu ihrer Hilfe in ihr Haus zu nehmen.
,Also denkt Madame Göttling doch daran, von
Darner fortzugehen?? fragte Madame Armfield, noch
einmal festen Fuß fassend, nachdem sie sich bereits
erhoben hatte.
,,Ich weiß nichts davon, ich spreche nur für den
Fall, daß sie es einmal wollte.?
,,So, so!rr rief Madame Armfield, ,ich wunderte
mich auch darüber!r Und die Schnüre ihres schwarzen
Sammetpompadours fest zusammenziehend, als sollte
keines der vernommenen vielsagenden Worte ihr dar-
aus verloren gehen, sprach sie: ,Nun, dann grüßen
Sie Ihre Nichte, die ja doch bald kommen muß, und
sagen Sie ihr, ihre Freunde warteten darauf, sie in
ihrer neuen Frauenwürde bei sich zu empfangen. Ich
und die Meinen obenan.r
Es gab darnach noch ein Begrüßen, Abschied-
nehmen, Geleiten, dann eilte Madame Armfield
frohen und erleichterten Herzens die Treppe hinunter;
denn nun wußte sie es!
Nun konnte sie den Leuten doch sagen, woran

s
-=- A8Z -
man war. Es war zu einem Zerwürfniß gekommen
zwischen Darner und Kollmann, sie waren ausein-
ander. Man hatte recht mit der Behauptung, daß
Darner Kollmann in Verlegenheit zu bringen wünsche
und daß er sich deshalb rücksichtslos auch gegen
Andere zeigte. Das war unverzeihlich, und zu wem
man sich in diesem Falle zu halten hatte, darüber
konnte Niemand Zweifel hegen.
Es brannte ihr auf der Seele, die Meinung für
den hochverehrten alten Freund unter den Ihren
festgestellt zu wissen. Der Weg bis zu ihrem Hause
kam ihr heute mit einem Male lang vor, und sie
athmete auf, als sie auf der Straße eine Freundin
traf, der sie mit gewissenhafter Werkthätigkeit berichten
konnte, was sie erfahren.
Freilich verschwieg sie mit feiner Schonung, was
den eigentlichen Anlaß zu dem Zerwürfniß gegeben
habe, da sie es nicht wußte; aber sie stellte es mit
Bestimmtheit und als eine Ehrensache fest, daß man
zu Kollmanns, zu den alten, verehrten Freunden
halten müsse, daß man Frank und Justine nicht
empfangen dürfe, ehe, sie nicht dem Onkel und der
Tante ihren Respekt bewiesen hätten, denn Justinens
Betragen sei unverantwortlich.
Die Freundin, welche diese unerwartete Mit-
theilung erhalten, fand sie geradezu unglaublich, stimmte
aber darin ein, das Verhalten der jungen Eheleute
unverantwortlich zu finden, wenn es sich als wahr
bestätigen sollte, woran freilich leider nicht zu zweifeln
sei, da Madame Armfield es von Madame Kollmann
selbst vernommen hatte. Daß man zu Kollmanns
halten müsse, da Lorenz Darner sich sogar geschäft-
lich in seinen großmächtigen Launen absichtlich gehen
ließ, das war selbstverständlich. Sie war nur be-
gierig zu hören, was ihr Mann zu der Geschichte

= Zßg -
sagen würde, und sie wollte doch im Vorübergehen
bei Justinens Brautjungfer vorsprechen, sich zu er-
kundigen, ob sie auch bei dieser noch nicht gewesen sei.
,,Thun Sie das, thun Sie das!r rieth Madame
Armfield. ,Man muß mit der Sache doch ins Klare
kommen und einmüthig handeln. Gewisse Dinge muß
die Gesellschaft als solche annehmen oder ablehnen.
Aber es sind schlimme Zeiten! Der Krieg im Lande,
und nun durch diese Darners noch Unfriede in un-
serem Kreise, der doch immer ein Muster von Ein-
tracht und Wohlanständigkeit gewesen ist. Ich bin
die Letzte, Jemand Nebles nachzusagen oder gar zu
wünschen; aber Darners Freigeisterei war mir immer
bedenklich, und ob er über seine Familienverhältnisse
die Wahrheit zu sagen vermag? Lieber Gott, einem
Menschen von niederer Herkunft, also auch ohne die
rechte Führung, hat man ja viel nachzusehen - aber
er muß dann nicht denen gegenüber den Herrn und
Meister spielen wollen, denen Gott in seiner Gnade
geebnetere Wege auf graden Bahnen vorgezeichnet hat.
Sie seufzte, setzte dann aber weichherzig hinzu,
Justine und Frank und die beiden Mädchen thäten
ihr übrigens leid, und um gerecht zu sein, müsse
man sagen, da Kollmann in die Verbindung mit den
Darners gewilligt, so sei auch er nicht schuldlos an
der Sache.
,Freilich nicht!r erhielt sie zur Antwort.
Es hatte nun Jeder sein Urtheil und seinen Tadel
weg, und die beiden Damen wanderten fort, nach
rechts und nach links, als willige Boten für die
Verbreitung einer Nachricht, die in ihrem Kreise ihre
Wichtigkeit behauptete, trotz der Gewalt der kriegerischen
Ereignisse, welche mit jedem Tage drohender sich nahten.

Kapitel 28

-=- A6J-
Achtundzwanzigstes Kapites
Es sah arg aus im Lande, Freund und Feind,
Russen und Franzosen, und die deutschen Hülfstruppen
der Rheinbundfürsten durchzogen im schnellen Wechsel
die unglückliche Provinz. Was die Einen im Flach-
lande noch etwa übrig gelassen, das nahmen die
Anderen; und wenn in der Hauptstadt auch gute
Mannszucht von dem russischen Oberbefehlshaber ge-
halten worden, so waren in den kleinen Orten
Plünderung und jede Art von Rohheit an der Tages-
ordnung und nicht einmal die Möglichkeit einer Be-
schwerde vorhanden.
Aber trotz dieses Elends ging die Natur ihren
ruhigen Weg. Der Frühling, dessen Lust man
vielleicht im Norden noch lebhafter empfindet als
anderwärts, wo man der Sonne und der Wärme
nicht so lange zu entbehren gehabt hat, der Frühling
zog immer herrlicher herauf. Freilich hatte man die
Wälder ausgehauen, Obstbäume zerstört, Felder ver-
wüstet, und es gebrach vielfach selbst an dem Saat-
korn, sie neu zu bestellen, aber es grünte und blühte
doch wieder, und die gedrückte Menschenseele richtete
sich an der bleibenden Kraft in der Natur unwill-
kürlich im Selbsterhaltungstrieb zum Genießen des
Augenblicks, zum Hoffen, wenn auch für eine noch
ferne Zukunft, empor.
Wie schwer die Kaufmannschaft auch von Sorgen
gedrückt war, wie sehr auch Darner trotz seiner Um-
sicht von der Gefahr der Zuustände und der Unsicher-
heit aller Berechnungen bedroht war, blieb seine
äußere Ruhe sich gleich. Auch er hatte seinem Haus-
halte und dem seines Sohnes in dem enger ge-
wordenen Hause manche nothwendig gewordenen

- Zßs -
Beschränkungen auferlegt, aber die Heiterkeit in dem-
selben war sich gleich geblieben, und Justine und
Frank genossen in vollen Zügen ihres neuen Glücks.
Man sah Justine täglich, bald mit Frank spa-
zieren gehend, bald mit den Schwägerinnen und dem
Vater fahrend, und wo immer man sie erblickte, sah
man ihre Zufriedenheit in jeder ihrer Mienen. Wer
von ihren Bekannten und Freundinnen ihr begegnete,
konnte es von ihrem, wie von ihres Mannes Mund
vernehmen, wie wohl es ihnen in dem eigenen Haus-
halt sei und wie man erfreut sein werde, die Freunde
bei sich begrüßen zu können, sobald man mit der
Einrichtung des Hauses ganz in Ordnung sein
werde.
Aber ehe man darauf rechnen konnte, Besuche
zu empfangen, mußte man sie erst gemacht haben,
und weder Frank noch Justine hatten es in den
ersten Wochen eilig damit gehabt. Sie hatten sich
im Herzen auf den stillen, mehrwöchentlichen Land-
aufenthalt gefaßt gemacht. Nun ihnen dieser nicht
vergönnt worden, hatten sie gemeint, in der Stadt
ebenso sich selber leben zu dürfen. Das Erstere
hätte man gelten lassen, das Letztere ihnen zu ver-
argen und als Hochmuth auszulegen, nahm man sich
die Zeit, als habe man sonst nichts Anderes zu denken
und zu thun.
Und doch war seit jener Stunde, in welcher
Darner die Botschaft erhalten, wie die Russen in
Strandwiek hausten, kein Tag vergangen, der nicht
Kunde von Truppenbewegungen gebracht, welche an
dem Bevorstehen einer neuen großen Entscheidung
keinen Zweifel übrig ließen. Aber wo würde sie
stattfinden? Was hatte sie zu bringen?
Frank war in den Geschäften des Hauses, mitten
aus seinen Flitterwochen, nach Memel, dann wieder

s
b=- I? -
einmal über die Grenze hinaus, zu einer Besprechung
mit russischen Geschäftsfreunden nach Wilna gesendet
worden. Heimgekehrt, hatte er zu vernehmen, wie
der Vater für die Frauen des Hauses vorgesorgt,
wie er selber sie ins Freie geführt, da es in der
Nähe der Hauptstadt noch mit Sicherheit geschehen
konnte.
Er war froh, wieder bei seiner Frau zu sein,
hatte kein Verlangen nach Verkehr mit Dritten, und
da fast täglich etwas geschehen mußte, was man
nicht im Voraus beabsichtigt, und Vieles zu unter-
bleiben hatte, was man zu thun sich vorgenommen,
so ward er in seinem Glück und bei seiner auf-
regenden, anstrengenden Geschäftsthätigkeit nicht ge-
wahr, daß Justine die Erfüllung ihrer geselligen
Verpflichtungen hinausschob, wenn er sich zufällig
einmal daran erinnerte, daß man am Ende die
üblichen Ehestandsbesuche in den befreundeten Familien
doch zu machen haben werde.
Justine handelte dabei nicht absichtslos, wenn-
gleich sie Scheu trug, dies ihrem Manne zu ge-
stehen. Sie war ihm und den Seinen von ganzem
Herzen zu eigen; aber das Familiengefühl, in welchem
sie erwachsen, und die ihr anerzogene Abhängigkeit
von der Meinung jener kleinen Anzahl von Personen,
die man in eng abgeschlossepen Kreisen, die Leute
und alle Welt zu nennen gewohnt ist, sträuben sich
dagegen, es eben vor den Leuten und vor aller Welt
unwiderleglich darzuthun, daß es zwischen ihr und
ihren einzigen Verwandten, zwischen den Darners
und Kollmanns, zu einem vollständigen Bruch ge-
kommen war.
Defter, als sie es sich eingestehen mochte, dachte
sie an den Onkel und die Tante. Sie hätte es
ihnen gerne bewiesen, wie recht sie mit ihrer Liebe

-- A8s -
und ihrer Wahl gehabt, wie glücklich sie mit ihrem
Manne in seines Vaters, in dem alten Willberg'schen
Hause geworden sei und welche Zufriedenheit in dem-
selben herrschte, seit es von der doppelten Familie i
bewohnt werde.
Da sie festen Sinnes war, hatte sie sich vor-
genommen, dies rückblickende Erinnern weder vor
ihrem Manne, noch vor ihrem Schwiegervater laut
werden zu lassen, aber man reißt sich doch nicht leicht
von seiner Vergangenheit los, weil sie ein Theil von
uns selber ist; und wie man, nach der Sage, das
abgenommene Glied an seinem Körper bei gegebenem
taAranks
oder unwillkürlich, sie immer auf das Neue auf den
Onkel und die Tante zurückführte, wenn Justine es
erkennen mußte, daß diese Führerin ihrer Kindheit
unter dem Verbote litt, welches Darners Bruch mit
Kollmann auch über sie verhängt hatte.
Es quälte Justine, wenn die Bekannten, mit
denen sie und Frank zusammentrafen, sich bei ihr
so dringlich nach dem Ergehen ihrer Tante er-
kundigten, denn sie konnte nicht daran zweifeln, daß
keine der Fragenden sich über die obwaltenden Ver-
hältnisse im Unklaren befand. Sie vermied es, den
Garten der Kaufmannsressource zu besuchen, zu deren
Vorstand ihr Onkel gehörte und in welchem er mit
der Tante häufig den Abend zuzubringen pflegte.
Sie unterließ, seit es warm geworden, allmälig
auch den regelmäßigen Besuch der Kirche, um dort
der Tante nicht zu begegnen; und dem achtsamen
Auge ihres Mannes konnte das nicht entgehen. Aber
er hatte sie in seiner Zärtlichkeit zu dem Einen und
dem Anderen nicht zwingen, er hatte ihr keinen un-
angenehmen Eindruck machen und ihr Zeit lassen

?
-- IZ9 --
wollen, in sich selber mit sich fertig zu werden.
Indeß die Tage waren hingegangen, der Zustand
war sich gleich geblieben, und Frank begann, sich sein
schweigendes Zusehen und Nachgeben als eine Schwäche
vorzuwerfen, mit der er bei dem nächsten Anlaß ein
Ende machen mußte.,
So war man bis gegen die Hälfte des Juni
gekommen, als an einem Spätnachmittag, da die
Sonne sich gegen Westen zu neigen anfing, Dolores
leichten Fußes den langen Gang durchmaß, welcher
die beiden Häuser trennte und verband, um im
Auftrag des Vaters die Schwägerin zu einem Ausflug
einzuladen. Sie fand Justine allein im Zimmer.
,Ich soll Dich fragen, ob Du eine Wasserfahrt
mit uns machen willst? Frank wird spät fertig
werden, denn es ist heut russische Post, und der
Vater sagt, ob man morgen werde heraus können,
sei nicht zu wissen. Man hat vor den Thoren und
im Hafen seit Mittag etwas vor. Es heißt, die
Franzosen rücken an. Deshalb soll' unser ,Nordstern:
noch den Wind benützen und hinaus. Wir fahren
auf ihr bis Holstein mit, dorthin schickt der Vater
den Wagen, uns zu erwarten und nach Hause zu
bringen. Frank soll zu Pferde nachkommen, wenn
er kann. Wir bleiben draußen und kommen im
Mondschein zurück. ?
Solche Lustfahrten waren nichts Seltenes in
Darners Hause, und Justine liebte sie. Diesmal
jedoch lehnte sie es ab, Theil daran zu nehmen.
,Ich habe gleich gesagt,'' meinte Dolores,, Justine
wird nicht kommen !'?
,Woher hast Du, holde Weisheit, das gewußt??
scherzte diese.
,Weil Posttag ist!r sagte Dolores eifrig. ,Das
versteht sich wohl von selbst, denn wie kann dann

-=- W7--
ein Mensch unnöthig, und nun gar zum Vergnügen,
von einem Andern fortgehen, den man so liebt wie
Ihr einander? Siehst Du, rief sie plötzlich aus,
,,wenn ich oben bei uns am Fenster sitze, und die
Abendsonne scheint über dem Wasser in unsere Stube
hinein, daß man die Wärme bis ins Herz empfindet,
und abends, wenn die Sterne zu uns hernieder-
funkeln, so freundlich und still, dann denke ich immer-
fort an Dich!r
,An mich? Weshalb denn an mich?? fragte
Justine. ,Ich bin doch nicht der rechte Gegenstand
für eines Mädchens Herzensschwärmerei! Es wird
wohl ein anderer, lieberer Schatten in Deinem Geiste
neben oder hinter mir erscheinen.?
,MNein, nein, wahrhaftig nicht! versicherte
Dolores. ,Ich mache mir aus all den jungen Leuten
nichts! Und die Liebespaare in den Romanen haben
mich eigentlich nie gerührt. Nicht Paul und Virginie,
nicht Us Bells Lersilis, und der Grandisson und s
uE Aeaar A
thaten Alle so fein und sprachen so viel. Aber seit
ich gesehen habe, daß Frank wie im Sonnenschein
aufleuchtet, wenn Deine Augen auf ihm ruhen, und
wie Du den Blick nicht von ihm lassen kannst, wenn
er zu Dir hinübersieht, so klar und treu wie die ,
Sterne, seitdem . . .?
Sie brach ab, wurde roth und schwieg.
,Was dann seitdem? fragte Justine, betroffen
von des schönen Mädchens Worten.
Dolores fiel ihr um den Hals, küßte sie und
sprach, sich wieder losreißend von ihr:
,Ich weiß ja, es schickt sich nicht, und ich be-
schwöre Dich, sag' es Niemand, aber Niemand; ich
habe sie ja so lieb, den Vater und Virginie und


s
=- W -
Deinen Frank, aber ich glaube, wenn einmal die
Liebe über mich kommt wie über Dich und ihn -=
nicht mit Gewalt brächte man mich fort, nicht für
eine Stunde wiche ich von Frankl'?
Sie lachte laut auf, als sie im Neberwallen
ihrer Liebessehnsucht des Bruders Namen aus-
gesprochen, küßte die glückliche Schwägerin noch einmal
und eilte davon, den Vater auf den Bescheid nicht
warten zu lassen.
Justine sah ihr wie einem vorüberziehenden
Meteor nach. War das Dolores, die sanfte, träume-
rische, demüthige Dolores, die Turteltaube, wie
man sie in der Familie nannte, das Mädchen,
das keinen Wunsch zu hegen schien, der über die
Stunde, den Augenblick hinausging, das so voll
befriedigt schien in der Schwester und des Vaters
Liebe, dem der Blick des Vaters Befehl und Leit-
stern war? Sie konnte kaum glauben, was sie eben
jetzt entdeckt.
,,Und wir bilden uns ein, die Menschen zu kennen,
mit denen wir leben! sagte sie endlich, während in
ihr selber eine ihr ganz neue Empfindung für Dolores
erwachte.
Es war eine überlegene Zärtlichkeit, eine liebe-
volle Sorge, die ihr wohl thaten, weit lebhafter als
der Antheil, den sie bisher an ihren Schwägerinnen
genommen, viel tiefer als die Freundschaft, die sie je
für die Genossen ihrer Jugend gehegt.
,,So muß die Schwesterliebe - nein, so muß
die Mutterliebe sein!'n rief sie aus, erzitternd und
erröthend vor dem eigenen, laut gesprochenen Worte;
und die Zuversicht, daß ihr diese Mutterliebe zu Theil
werden, daß sie mit solch beglückender zärtlicher
Sorge ihre und Franks Kinder zu umschließen haben
werde, zog ihr Herz mit solcher Gewalt zu ihrem

--- 7R -
Manne, daß sie sich schwer enthalten, zu ihm
hinunter zu gehen in sein Arbeitszimmer, um ihn
zu umarmen, um ihm wieder einmal zu sagen, wie sehr
sie ihn liebe und wie glücklich sie mit ihm sei.
Aber wie Dolores vorher über sich gelacht, so
lachte Justine jett bei der Vorstellung, daß sie durch
w w
das Komptoir, durch die Reihe der Pulte, an den
arbeitenden Männern vorübergehen würde, um dem ,
Eifrigsten von Allen, wie Darner selbst ihn nannte,
um ihrem Frank ihre eheliche Liebeserklärung zu
machen, und heiteren Herzens setzte sie sich an das
Fenster, in dessen Brüstung der kleine Nähtisch ihrer
Mutter stand, sich die Zeit des Wartens arbeitend
zu verkürzen, und die Sehnsucht nach ihrem Manne
zu beschwichtigen, die ihr doch so süß war.
Der schlichte Nähtisch hatte sie begleitet in des
Onkels Haus, und sie hatte ihn von dort wieder
mit sich genommen und an seinen alten, rechten Platz
gestellt, als sie wieder in ihr Stammhaus zurück
gekehrt.
So wie in dieser Stunde hatte sie an dem Fenster
und vor dem Tisch in ihrer Kindheit und in ihrer
frühesten Jugend oftmals dagesessen, wenn sie an
den warmen Sommertagen mit ihrer guten Franziska
von dem täglichen Spaziergang nach Hause gekommen
war. Und wie Dolores von einer großen Liebe, so
hatte sie geträumt von einer Welt und von einem
Leben und von Menschen, die anders waren, als
ihre Umgebung sie ihr dargeboten. Und es war ihr
mehr geworden, als sie damals zu wünschen verstanden,
da das erste Verlangen ihres Herzens und ihrer
Phantasie sich in ihr geregt.
Ohne es zu wissen, hatte sie die Arbeit fort-
gelegt und die Hände gefaltet. Sie war dankbar
gegen ihr Geschick und zufrieden mit sich selbst. Wie

s
-1-
-- - 7s --
in den Fensterscheiben der gegenüberstehenden Häuser
Funken aufzuckten unter dem Widerschein des Abend-
rothes, so leuchteten aus den fünf Monaten dieses
Jahres die Einzelheiten alles dessen, was sie seit
ihrem ersten Begegnen mit Frank erlebt, in wechseln
dem Vorüberziehen in ihrer Seele auf, und wie sie
dann endlich nach langem Warten seinen Schritt
vernahm, wie er, die Thüre öffnend, in das Zimmer
trat, eilte sie ihm mit dem Ausruf entgegen:
,Da bist Du ja endlich, mein Frank!r
,Ich habe Dich wieder lange warten lassen,
gab er ihr zurück, während er sie umarmte, ,aber
ich konnte nicht fort, und auch jezt noch muß ich auf
den Bescheid warten, ob man die Post abgehen läßt,
ob die Briefe fortkommen. Es wäre schlimm, wenn
sie liegen bleiben müßten. Die Zeit wird Dir wohl
lang geworden sein, mein Herz!
,Wie Du's nehmen willst! Ich habe mich sehr
nach Dir gesehnt und immerfort an Dich gedacht,
und dabei immer auch gedacht, wie gut es war, daß
ich auf meinem Kopf bestanden,? setzte sie scherzend
hinzu, ,daß ich nicht nachgegeben habe, daß ich hier
bei Dir und nicht in Riga bin, daß ich auf Dich
und nicht auf den guten John zu warten habe!r
,Gewiß ist das gut, und wer hat das mehr zu
segnen als ich!r sagte Frank. Dann hielt er plötz-
lich inne und meinte, den Kopf leise wiegend, ihr
fest ins Auge blickend: ,Ja, Justine Willberg hatte
ein festes, muthiges Herz!r
,Justine Willberg? sprach sie ihm nach, weil
der Ton seiner Worte ihr auffiel. ,Warum nennst
Du mich Justine Willberg??
,Weil Du mich an Justine Willberg mahnst
und an ihr festes Herz. Dies feste Herz, mein Schat,
muß ich leider jetzt an Dir vermissen; denn daß Du
Lewald. Die Familie Darner. I.

-- AF--
, - Aa
die Seine zu nennen, Dich seinen Namen tragen zu s
an der Seite des Mannes, der stolz darauf ist, Dich
sehen, nicht mehr den klaren Willen und Muth hast,
den Du, allein auf Dich gestellt, Deiner Familie
gegenüber bewiesen, darüber, Justine, bringt meine z
und Deine Liebe mich nicht fort!?
Justine traute ihren Ohren nicht.
,Frank,? rief sie, ,Du hattest etwas auf dem
Herzen gegen mich und konntest es mir verschweigen,
während ich in Deinen Armen, an Deinem Herzen
ruhte!rr
Er beachtete ihre Klage nicht.
,,Es giebt ein etwas in des Mannes Seele,?
fiel er ihr ein, ,das so stark und so tief ist als die
stärkste Liebe. Es ist der Stolz des Mannes auf
das Vertrauen seines Weibes, durch das es ganz
und rückhaltlos nur ihm allein zu eigen wird l?
,Hab' ich das denn getäuscht? stieß Justine
hervor. ,Hab' ich .. .?
,Ja,? siel er ihr ein, ,denn Du strebst, es mir
zu verbergen, wie Du befangen bist von dem Urtheil.
gleichgiltiger Menschen. Glaubst Du, ich sehe und
empfinde das nicht? Ich habe Dich gewähren lassen.
Du solltest es selber einsehen! Aber glaubst Du,
es kränke mich nicht, daß Deine Vergangenheit nicht
untergegangen ist in unserem Gllck? Daß Du mein
bist, daß Du mein Glück machst, daß all mein
Streben nur auf Dich und das Glück unserer Zu-
nnrSarae rE
gewinnen, das genügt Dir nicht .. .?
,Frank,' rief sie noch einmal, ,höre mich, ich
schwöre Dir . -
,Es bedarf dessen nicht, ich weiß, was Du mir
sagen willst und kannst, und ich glaube an Deine

s
----- H-
Liebe. Du hast sie mir bewährt in der Stunde, in
welcher Du freiwillig und allein in unser Haus
gekommen, gegen alle sogenannte Sitte. Du hast
sie mir bewährt, als Du von meines Vaters Munde
seine und unsere Lebensgeschichte vernommen, als
Dein Onkel sich erhoben, um sich zu entfernen, sich
und Dich vor der Verbindung mit uns zu bewahren.
Damals konntest Du freien Willens, wie Du ge-
kommen warst, selbst zu vernehmen, was uns ver-
binden oder trennen mußte, damals konntest Du
ebenso freien Willens gehen. Ich hätte mich nicht
beklagen dürfen, hättest Du gesagt: ,u bist nicht
meinesgleichen, ich will nicht eintreten in die Familie
eines Mannes, der sich mit einem Todschlag aus der
Hörigkeit und von seinem und Deiner Mutter Peiniger
befreit.? Aber .. .
Justine war auf das Aeußerste erschreckt. Sie
wollte ihn unterbrechen, er litt es nicht.
,Laß mich zu Ende kommen!' bat er. ,Nicht
ein Mal, zehn Mal hast Du mir gesagt, wie Dir ein
neues Leben aufgegangen, seit Du meinen Vater
kennen lerntest; wie Du Dich schon lange heraus- ,
gesehnt aus der Enge, in welcher Eure hiesige Kauf- !
rree.
unter unserem Dache, unter meinem Schutze, jetzt - - -
machst Du Dich zur Hörigen der Leute, auf die
Du herabgesehen, als Du noch abhängig von ihnen
HF, = n =- os-u e o e
,Frank,r klagte sie in Thränen, ,Frank, Du
bist hart mit mir und thust mir bitter wehe!'r
,Nein, ich bin nicht hart, nur wahr muß ich
sein! Denn die Wahrheit ist der einzige, sichere
Wegweiser auf dem Weg der Liebe und der Ehe,
1z

-=- AZ -
das empfinde ich. Glaubst Du, es habe mir nicht
weh gethan, daß Du es vermeidest, Deinem Onkel'
und Deiner Tante zu begegnen, als hättest Du, als
hätte meine Frau, ein Unrecht begangen gegen sie?
Als hätte meine Frau, die den Ring meiner armen
Mutter, die Liebesgabe meines Vaters als Andenken
zu tragen hat, die tödtliche Beleidigung nicht mit uns
empfunden, die Herr Konrad Kollmann sich berechtigt ;
geglaubt, Lorenz Darner und mir in das Gesicht zu
schleudern? Glaubst Du, das Blut steige mir nicht
zu Kdpf, wenn Du vor den heuchlerischen Weibern
und Mädchen, die Dich aushorchen, die probiren
wollen, was Du Dir bieten läßt, was ich Dir von
ihnen an meiner Seite bieten lasse, heuchlerisch wie
sie, die Augen niederschlägst?
,Frank, Frank, was soll ich thun? slehte sie
und warf sich an seine Brust, denn schöner war er
ihr nie erschienen als jetzt in seinem Zorn; mehr
hatte sie ihn nie geliebt als nun, da er sie fühlen
machte, daß er ihr Herr, daß sie sein eigen sei, daß
er sie und sich als ein untrennbares Eins empfinde.
Er schloß sie fest an sich, küßte sie und ließ sie
sich beruhigen an seiner Brust.
,Weine nicht,? sagte er, ,es ist nichts gethan
mit Thränen. Komm, weine nicht, komm, setze Dich
zu mir guf meine Kniee, mein Kind! Denn wie
ein Kind hast Du Dich betragen, das sich vor Strafe
und vor Schatten fürchtet, kommlr
,Wie bist Du Deinem Vater gleich!r rief sie
und schlang ihre Arme um seinen Nacken.
,,Wohl mir, wenn dem so ist und Du es findest,
denn dann wirst Du mir gehorchen!r
,,Sage, was soll ich thun?? widerholte sie.
,Nichts, als schön sein wie immer, mich lieben
und der Wahrheit die Ehre geben!r sprach er, und -

s


i

-- F? -
die finstere Falte zwischen seinen Brauen hatte sich
geglättet, und seine Stirne und Augen hatten wieder
ihre schöne Heiterkeit gewonnen. ,Ist es denn nicht
ein schwer Stück Arbeit, sich lügend vor sich selhst
zu schämen? fragte er zärtlich. ,Hast Du nie
daran gedacht, wie Deine werthen Freunde und Be-
kannten ihres Triumphes genießen, wie sie es Deiner
Tante melden gehen, wenn Du an meinem Arme
mich verleugnest? Meinst Du, sie glauben an Dein
Glück, wenn Du Dich scheust, den Preis zu nennen,
mit dem Du es bezahlst, wenn Du ihnen die Mög-
lichkeit läßt, zu glauben, Du sehntest Dich nach dem
Onkel und der Tante, und vielleicht sogar nach John?
Soll ich selbst das etwa glauben?
Justine gab ihm einen leichten Schlag.
,,So gescholten würde John mich niemals haben!r
sagte sie mit scherzendem Schmollen. ,Aber ich sehe,
die Russen haben recht, wenn sie behaupten, die Frau
glaube nicht an ihres Mannes Liebe, bis er sie ge-
schlagen habe!r
,Geliebtes Weib, hab' ich Dich denn geschlagen??
,Ja, mit der Wahrheit Deiner Worte, aber da-
für sollst Du auch über Justine Darner nicht mehr
zu klagen haben, Frank! Darauf kannst Du Dich
verlassen, und nun sei wieder gut!'
Von seinem Arm umschlungen, waren sie an
das geöffnete Fenster getreten. Die vier alten Linden
vor dem Wolme strömten den süßen Duft ihrer
Blüthen in das große, schöne Zimmer, die leise fühl-
bar werdende Frische lockte in das Freie. Von dem
Thurme des grünen Thores, das den Kneiphof an
der Langgasse gegen den Pregel und die Vorstadt
abschließt, schlug es neun; aber es war noch heller
Tag, denn die Sonne steht zu der Zeit des Jahres
- ? lang am Himmel in jenen Breiten.
1

-- A78--
Der Wagen fuhr vor.
,, Man müßte fort, wenn man des Abends noch
genießen wollte,'' sagte Frank.
, Laß uns nach der Ressource fahren! schlug
Justine vor.
, Bravo, Madame Darner, Du beginnst den
Feldzug!' lachte Frank; denn Kollmann hatte die
Gewohnheit, im Sommer an den Posttagen, nach
dem Schlusse des Komptoirs, das Abendessen mit
seiner Frau dort einzunehmen, wo man gewiß war,
im Freien wie im Speisesaal vielen Bekannten zu
begegnen. ,Aber wir müssen noch warten !'
Justine fragte worauf.
,Auf den Boten, der die Briefe zur Post ge-
tragen hat. Ich muß wissen, ob die Post noch ab-
geht und durchzukommen glaubt. Man zweifelte
daran,'' wiederholte er.
Er hatte die Worte noch nicht vollendet, als
man ihm die Meldung brachte, die Briefe wären
angenommen, die Post werde befördert.
, So können wir fort!'' sprach Frank.,DDarauf
mache Dich übrigens gefaßt, mein Schatz, Deine
guten Freunde, die Leute, werden sich zu Kollmanns
halten, wenn Du erklärst, daß es aus ist zwischen
uns und ihnen. Aber ich denke, Du wirst sie ent-
behren können, denn ich bilde mir ein, wenn ich sie
nicht anders hätte gewinnen können, würde Justine
Willberg mit mir entflohen sein aus ihrer Vater-
stadt, fort von Onkel und Tante und von allen
Leuten!'
,, Wie Deine Mutter mit dem Vater, und auf
eine wüste Insel!'' rief sie und hing sich an ihn.
,Nun denn, Huut und Shawl und zunächst nach
der Ressource; denn hinaus vors Thor, den Anderen
entgegen, wird es schon zu spät sein l?

Kapitel 29

--- 7H--
,Wohin Du willst, nur mit Dir, und ich habe
Dir auch noch etwas zu erzählen von Dolores.?
,, Das kann geschehen im Fahren, rasch hinaus '
zueunundzn-uuzigstes Kapuel.
In dem Augenblick, als sie vor die Thüre und
auf den Wolm traten, hörte man plötzlich wieder
Trommelwirbel und russische Trompetensignale, ob-
schon die Stunde des Appells vorüber war. Ordon-
nanzoffiziere, die Schärpe über der Schulter, jagten
von der Seite der Vorstadt und des Friedländer
Thores nach dem Schloß hinauf; aus dem oberen
Stadttheil zog in Eilmarsch Infanterie, die Pioniere
voran, mit Hacken und Spaten nach den Vorstädten
hinaus.
,, Was ist geschehen? was bedeutet das ? fragte
man wieder einmal, wie so oft von allen Seiten.
Denn wenn man in den letzten fünf Monaten ähn-
liche Vorgänge auch nuur zu gewohnt worden war,
erkannte man doch, daß jetzt etwas Besonderes ge-
schehen sein müsse.
,,Der Bürgermeister soll den Magistrat zusammen-
gerufen haben!' sagte der Eine.
, Die russischen Quartiermeister gehen herum, sie
melden noch mehr neue Einquartierung an !' klagte
ein Anderer. Ein Dritter behauptete, nicht nur Russen
sondern auch Preußen kämen. Zwei Offiziere wären
mit der Nachricht schon herein. -- ,Man hat Arbeiter
von allen Seiten herangeholt, man nimmt alle Karren
und Schaufeln in Beschlag! Die Wälle sollen ab-
getragen werden! hört man sagen. ,Nein, erhöht

--- - 280--
sollen sie werden, denn die Franzosen sind vor den
Thoren!' schallte es aus der Menge.
Jeder rief jeden an, jeder wollte etwas wissen,
um etwas thun zu können, Niemand wußte, was.
Spaziergänger mit ihren Familien eilten nach
ihren Wohnungen zurück. Vom Schloßthurm wurde
das Feuersignal geblasen. Spritten und Wasserkufen
wurden nach den Thoren gefahren. Die Leute der
Handwerkergilden, die zum Wassertragen beim Löschen
verpflichtet waren, liefen mit ihren ledernen Eimern
hinter ihnen her, auch die Hausbesitzer entsendeten
die Hilfe, die sie bei der Feuersgefahr zu stellen hatten.
,,Die Delmühlen vor dem Friedländer Thore
brennen !'' scholl es endlich von allen Ecken und Enden.
,Sie sind in Brand gesteckt worden!' vernahm
man gleich darauf.,Die Russen haben sie in Brand
gesteckt! Es soll' nicht gelöscht werden!r
Die Unruhe, die Aufregung steigerte sich von
Minute zu Minute.
Frank hieß seine Frau sich in das Haus zurück
ziehen und befahl dem Wagen, stehen zu bleiben.
Er wollte nach dem Rathhaus, um dort vielleicht eine
sichere Auskunft zu erlangen.
Da kam der eine von General Strombergs Ad-
jutanten vorüber, seinem keuchenden Pferd für ein
paar Augenblicke einen mäßigeren Schritt vergönnend.
Das benutzte Frank. Er eilte die Treppe hinunter
und trat an ihn heran. Der Ajutant machte Halt,
seiner Frage zu begegnen.
,Die Heere sind seit zwei Tagen bei Friedland
an einander. Napoleon ist auf dem Schlachtfelh!?
sagte er glühenden Antlitzes und selber athemlos.
,,Noch heute in der Nacht rückt ein Korps der Unse-
ren und ein Korps von Preußen hier ein, die =-
, Und die Schlacht, der Ausgang der Schlacht!'

- - 21--
riefen die, welche nahe genuug gekommen waren, seine
Worte zu vernehmen.
, Man kennt ihn nicht, aber Königsberg soll ge-
halten werden !' antwortete er, gab dem erschöpften,
triefenden Thiere die Sporen und jagte davon, während
man plötzlich von allen Seiten rufen hörte, daß
man die Vorstädte in Brand stecke, daß es auf dem
Altengarten, auf dem Nassengarten bereits brenne,
daß man den Spritzen verbiete, die Delmühlen zu
löschen.
Die Ohnmacht, in welcher man sich diesen That-
sachen gegenüber befand, war furchtbar. Justine
und Frank warteten mit Spannuung auf die Heim-
kehr der Ihren. Es war dunkel geworden, der
Himmel hatte sich bezogen, und in dem grauen Ge-
wölk tauchte die rothe Gluth der brennenden Vor-
städte immer flammender am Horizont empor, während
erst vereinzelt, dann in immer rascherer Folge flüüchtend,
wehklagend, jammernd, Weiber, Kinder, Männer
durch das enge grüne Thor in die Straße drangen,
beladen mit Betten, Bündeln, Kleidungsstücken und
einzelne Stücke von Hausrat mit sich schleppend, wie
die Hast und Angst des Augenblicks sie in halber
Sinnlosigkeit zusammengerafft.
Es waren Ackerbauer, Gärtner, Viehhändler und
Handwerker aller Art, welche in den Vorstädten
wohnten. Den und jenen von den Flüchtenden
kannte man, weil man sich seiner als Arbeiter be-
diente oder sich von ihm für den Haushalt mit den
Lebensmitteln versorgen ließ, die er erzeugte; und
gerade als wieder eine Schwadron russischer Dra-
goner von der oberen Stadt herunterstürmte, erblickte
Justine in der sich zusammendrängenden Menge eine
Frau, die den Milchbedarf des Hauses besorgte.
Sie war schwer beladen von den Betten, die sie auf

-- A8N--
dem Rücken trug. Bündel in den Häänden, so viel
sie hatten fassen können, hingen ihre drei Kinder an
ihrem Rock und klammerten sich an ihre Arme,
wäihrend sie sie die Treppe hinauf zu bringen suchte,
die schon von anderen, ebenso wie der Wolm, dicht
in Beschlag genommen war.
Sie sehen und sich Plat machen durch die Leute,
war für Justine eins. Aber Frank war ihr noch
zuvorgekommen. Schon hatte er die Kinder bei den
Händen, die er starken Armes emporhob und Justinen
-,
reichte; dann nahm er der Mutter die Bündel ab,
damit sie erleichtert vorwärts kommen konnte, und
eilte wieder in die Straße hinab, zu sehen, was zu
thun sei. Justine hatte währenddessen die Frau und
ihre Kinder in das Haus genommen.
, Wo hat Sie Ihren Mann? fragte sie.
,,Sie haben ihn zum Schanzen fortgenommen!
Draußen brennt's! Alles brennt! Mlles ist fort!
Madame, Madame, Gott im Himmel hat kein Er-
barmen mehr! Die Kühe haben sie aus dem Stall
geschleppt! Den Hund haben sie todtgeschlagen, weil
er sie nicht fort lassen wollte! Das Himmelbett
haben sie in Brand gesteckt! Da sind die Kinder,
Madame! Was soll ich mit ihnen? Ich halt's nicht
aus, ich muß zurück, ich muß sehen---
,Was? Was will Sie sehen, was kann Sie
thun?? rief ihr Justine zu und ließ vom Diener
die Thüre schließen, um die Verzweifelte zurückzu-
halten, als aus dem Innern des Hauses Darner auf
den Flur trat.
Er hatte schon auf dem Wege die Unglücksbot-
schaften vernommen, hatte bei seiner Fahrt den
Pregel aufwärts an der linken Seite des Flusses
die Vorstädte in Flammen gesehen und war, den
Wagen verlassend, sobald man die Stadt erreicht,

-- A8Z-
mit den drei Frauen, um rascher vorwärts zu kommen,
zu Fuß nach seinem Hause zurückgekehrt.
,Die Thüren auf!'' gebot er, und wo er gebot,
war man in solchen Augenblicken froh, ihm gehorchen
zu dürfen. In Vorbeigehen gab er Justinen mit
festem Druck die Hand. Er war zufrieden, da er
sie hilfeleistend fand.
,Wo ist Frankr?
,Draußen! Er sieht, ob nicht noch andere Flüch-
tende da sind, die wir kennen.'
,Recht! Und damit ging er selbst hinaus, schob
-
die Leute zurück und rief den Sohn heran.
,, keder muß eingelassen werden, für den wir
Platz haben, und wär's nur für die Nachtl' sagte
er. ,Geschlossene Thüren und Abwehr fordern zur
Gewalt heraus, und wenigstens von den Unseren
wollen wir sie vermeiden- wenn es möglich ist!
Die Sache steht schlimm. Nach Holstein schallte
Kanonendonner hinüber. Sie müssen im Gefecht sein
nahe bei der Stadt. Was hast Du erfahren?
Frank berichtete, was er wußte. Man hatte von
der Speicherinsel und aus dem Hafen die stärksten
Leute zusammengetrieben, die Weinschröter, Speicher-
arbeiter, Sackträger, um sie zum Schanzen nach den
Wällen zu führen. Wo sie nicht Folge leisten wollten,
halfen die Knutenhiebe der Kosaken nach. Die
Verwirrung wurde immer größer, das Gedränge
ärger.
, Es wird nichts helfen, dieses Geschanze auf den
Maulwurfshügeln!'? stieß Darner gegen Frank her-
vor, während einige der Arbeiter, ihn erblickend, sich
zu ihm wandten. Sie kannten ihn und er sie von
seinen ersten Königsberger Jahren, in welchen er
noch selbst sie für seine Geschäfte gedungen und be-
aufsichtigt hatte.

-=- I8A--
,. Herr Darner, reden Sie mit den nichtswürdigen
Hunden!r rief ein Weinschröter, ein Riese an Größe
und Stärke. ,Sie stecken uns die Häuser über dem
Kopf an, sie sengen und brennen! Wir sollen
schanzen! Löschen wollen wir gehen, löschen! Was
gehen uns ihre Schanzen an! Sie sollen sich ihre
Kerls, die Polacken von den Wittinen holen, nicht
uns die Stadt über dem Kopf abbrennen !' --
,, Sehen Sie die Weiber, die Kinder !'?--- ,Lasset
die Franzosen in Gottes oder des Teufels Namen
kommen! Aerger wie das verfluchte Gesindel können
sie's nicht machen!'
,Pascholl, Pascholl!r erklang der Russen Ruf,
sie vorwärts treibend.
,M Nicht vom Fleck !?--- ,Ich auch nicht!?--
, Ich erst recht nicht!--,Reißt die Kerls von den
Pferden herunter!'' scholl' es hier und dort. Die
Pferde sprangen an, Angstschreie der Weiber, die ihre
Kinder zur Seite zu reißen strebten, heulten dazwischen.
Die Arbeiter wollten fort, die Kosaken drängten sie
zu Hauf. Ein paar der stärksten Lastträger und
der große Weinschröter fielen dem Pferd eines Offiziers
in die Zügel; der Offizier riß die Pistole hervor,
Darner warf sich dazwischen.
, Kein Blutvergießen!' rief er. ,bDie Leute
werden gehen! Ich schaffe sie Ihnen und mehr!
Ich bin Bürge!
Der Offizier, der einsah, daß ein Kampf mit
den Einwohnernin den Straßen in diesem Augen-
blick sinnlos wääre, hielt sich zurück, und sich ent-
schlossen umwendend, gebot Darner:
,Nimm die Hacke, Frank! Kospott,' so hieß der
Weinschröter, ,hat sie weggeworfen und hinaus auf
den Wall! Ein Schurke, wer nicht mitgeht; ein
Schurke, wer nicht Alles daran setzt, ehe er die Fran-
==

Kapitel 30

-- A8B--
zosen in die Stadt läßt! Geh Er mit meinem Sohn,
Steinacker! Schäm' Er sich, Kospott! Geh Er mit
meinem Sohn,'' rief er noch drei, vier andere mit
ihren Namen an, und stutzig geworden vor seinem
Befehl und Wort, hielten sie inne. Darner ließ
keinen Blick von Kospott.
,, Vorwärts, vorwärts!' kommandirte der Russe.
,, Vorwärts, vorwäärts!'' riefen Darner und Frank.
,, Na, denn vorwärts !? rief nun auch Kospott,
setzte sich in Bewegung und die Anderen folgten.
Frank, der in der warmen Nacht in bloßem
Kopf vor seinem Hause gewesen, merkte das erst jetzt.
Darner reichte ihm seinen Hut hin.
, Grüße Justine, Vater!r
,,Sei ohne Sorge um siel'? antwortete dieser.
Sie gaben einander die Hand, die Kosaken und die
Bürger mit ihnen, zogen, davon.
Neue Schaaren von Flüchtenden wälzten sich aus
den Vorstädten in die Straßen.
Dreißigstes o=»--s
s,ikA
Es waren schwere Nächte und Tage für die
Stadt gewesen, welche im Winter der Schlacht von
Eylau gefolgt waren. Diese warme Nacht des Juni
und die Zeit, die mit dem nächsten Tage herankam,
waren schwerer.
Damals hatte Darner wohl zu seinem Sohne
sagen können, es werde manch einer am Morgen
wähnen, die Nacht durchwacht zu haben, der ihre
bangen Stunden ruhig verschlafen. Diese Nacht

-- 86--
waren es sicher nur die Kinder, denen der Schlummer
die Augen schloß.
Die Straßen waren voll. Menschen, voll angst-
voller und rastloser Bewegung. Draußen arbeitete
man an den Schanzen; die brennenden Vorstädte
machten die gräßliche Beleuchtung dabei. Es galt,
den Feinden die Deckung zu zerstören, ihnen ein
maskirtes Anrücken unmöglich zu machen, im Nothfall
die Stadt zu vertheidigen, bis weitere Hilfe kommen
konnte. An die Möglichkeit dieses Unternehmens
glaubten selbst die Vertheidiger nicht, und doch mußte
von den Kommandirten dem Befehl gehorsamt
werden.
Die Stimmung der Einwohner hatte sich mit
Erbitterung gegen die Nuussen gewendet. Man schrieb
ihnen allein die Verwüstung der Vorstädte zu, man
wollte nicht daran glauben, daß man preußischerseits
Kenntniß davon habe, daß der König eingewilligt
haben könne in solche nutzlose Gewaltthat. Die Einen
eilten durch die Straßen, die Anderen schlossen sich
in ihre Häuser ein. Man packte in fliegender Hast
Werthsachen, ohne zu wissen, vor wem oder wohin
man sie retten wolle, und versank dann wieder in
das Abwarten müben Verzweifelns.
Mit kurzen Worten hatte Darner seiner Schwieger-
tochter gesagt, daß er, ein drohendes Gemetzel zu
vermeiden, ihren Mann mit den Arbeitern vor das
Thor geschickt.
,Aber, Vater,' rief sie in ihrem schwerenSchrecken,
,, Vater, wenn draußen-
Er legte ihr die wuuchtige Hand fest auf die
Schulter.
, Kein Aber und kein Wenn vor dem Unerläß-
lichen! Es mußte sein! Und was hier zu thun ist,
muß ebenso geschehen! Jeden, den ich hineinschicke,

---- I8?---
seht unterzubringen, wie Ihr könnt. Madame Gött-
ling und Du, Ihr gebt beide her, was an Nahrungs-
mitteln im Hause ist. Laßt Euch Licht geben, Mäd-
chen,'' sagt er, zu den Töchtern gewendet, , und bringt
die Weiber, die kleine Kinder haben, in die Boden-
kammer hinauf--
,, Aber wenn morgen oder gar schon in der Nacht
die gemeldete neue Einquartierung kommt, wo soll
die bleiben, wo soll man für diese die Lebensmittel
finden?
,, Das wird zu bedenken sein! Zunächst in dieser
Noth das Nöthigste! Nehmt Euch zusammen!' fügte
er hinzuu, während er wieder vor das Haus hinaus
ging, ohne darauf zu achten, daß Justine Thränen
in den Augen hatte, und wie verstört die Anderen
aussahen. Er wußte, was er ihnen damit gethan,
als er sie in ihrer rathlosen Angst und Unruhe wieder
dem Befehl seines klaren, festen Willens unterworfen;
uuund Stunden wie diese waren es, in denen er selbst-
gewiß seiner genoß, obschon er bei der großen Aus-
dehnung seiner Geschäfte schwer genuug zu tragen hatte
an seinen Sorgen.
Die sieben Stufen der Treppe, die zuu seinem
Wolm hinaufführten, waren von Geflüchteten besezt.
Auuf den Wolm selbst hatte Darner Greise und Kinder
hinaufgenommen, denen man auf den geretteten
Bündeln, so gut es hatte gehen wollen, ein Lager
bereitet. Darner hatte sich für einen Augenblick auf
eine der beiden Bänke zwischen ein paar Alten
niedergelassen, die vor Ermüdung zusammengesunken
waren, nachdem man ihnen Nahrung gereicht. Es
war nach Mitternacht.
Mit einem Mal sah er den Freunh des Koll
mann'schen Hauses, den Doktor, den auuch Darner
gegebenen Falls zu Rath gezogen, aus der gegenüber-

-==- A8s-
liegenden Straße hervorkommen, sich seinem Hause
nahen und die Treppe hinaufschreiten. Darner ging,
um ihm den Durchgang zu erleichtern, ihm entgegen.
,Was führt Sie hierher? fragte er, ,denn zum
Vergnüügen ist jetzt wohl Niemand auf der Straße.?
,, Nichts Gutes! Ich komme zu Madame Darner.
Die Kollmann liegt in Krämpfen .. ?
, So, nimmt sie sich auch jezt die Zeit dazu?
fragte Darner, dem die gehätschelte Nervenschwäche
der Frau immer ein Gegenstand des Widerwillens
gewesen war.
,Die Sache ist ernsthaft,'' fuhr der Doktor fort,
ohne den Spott zu beachten, ,sonst wäre ich nicht
selbst gekommen, Madame Darner zu holen!'
, Meine Schwiegertochter, Doktor, was fällt
Ihnen ein!r-
,Die Tante verlangt nach ihr. Kollmann bittet
Sie durch mich, ihr Justine zu senden. Ich geleite
sie und .. ?
,Nicht weiter, Doktor,'' unterbrach ihn Darner.
,,Mein Sohn ist vor dem Thore mit den Schanz-
arbeitern, seine Frau in meinem Schutz. Dies ist
keine Nacht, in welcher man Frauen aus dem Hause
schicken darf-- und meine Schwiegertochter hat auch
in Kollmanns Hause nichts zu schaffen.?
,Lassen Sie sie mit mir gehen,'' mahnte der
Doktor noch einmal,,Angst und Schrecken haben
die Frau umgeworfen. Der Zustand ist mehr als
bedenklich, wenn sie stirbt . - -
, So wird sie das gerade so mit sich selber ab-
zumachen haben, wie in dem Falle, daß meine
Schwiegertochter die ihre geworden und jetzt in Ruß-
land wäre. Sie sorgen für die Kranke, Sterbende,
das ist Ihr Beruf, für die Lebende einzustehen ist
meine Pflicht. ?

-- W89-
, Benachrichtigen Sie Justine wenigstens, daß-. ?
, Wozu, da ich sie doch nicht gehen lasse?'-
,, Sie würde sich Vorwürfe machen, wenn sie er-
fährt-. -
,,Darum eben soll sie's nicht erfahren, dann
treffen mich die Vorwürfe, und ich werde sie tragen!'
Ohne daß die Beiden es bemerkt, war Madame
Göttling einer Anfrage wegen herangekommen.
,Doktor,'? rief sie, da dieser sich abgewendet,
,, Doktor, warten Sie, ich komme mit!'-
Er blieb stehen.
Darner hatte die Hand der Frau ergriffen.
,Lassen Sie sich nicht aufhalten, Verehrtester,.
sprach er, ,Madame Göttling geht nicht mit, so
wenig wie meine Schwiegertochter. Ich brauche sie
hier im Hause!'r
Der Doktor ging empört davon.
, Herr Darner,' rief die Göttling, ,Alles was
recht ist, ich bin nicht Ihr Sklave!'-
,,Gewiß nicht, aber Sie haben nicht fortzugehen,
wenn ich Sie brauche, denn Sie- hängen von
mir ah !'?
, Nicht für immer!'r fuhr die Göttling heftig auf.
,,Darüber werden Sie entscheiden in ruhigerer
Stunde, und ich werde Sie nicht hindern, zu thun,
was Sie gut dünkt!'' gab er ihr kalt zurück.
,, Aber, was wollen Sie von mir?
Sie brachte ihre Anfrage vor, er gab ihr kurzen
Bescheid und fügte dann hinzu:
,,Daß meine Schwiegertochter kein Wort erfährt
von dem, was hier verhandelt worden, brauche ich
Ihnen wohl nicht erst einzuschärfen. Das Herz ist
ihr schwer um ihren Mann, sie ist die Sorge noch
nicht gewohnt. Sehen Sie, daß sie und die Mädchen
Lewald. Die Familie Darner. l.
1

20 - --
etwas genießen. Lassen Sie überall die Fenster
öffnen, auch auf dem Boden, daß die Luft rein
bleibt im Hause. -
Madame Göttling folgte dem Befehle.
Darner hatte keine Miene verzogen bei den
Vorgängen, seine Stimme war sich gleich geblieben.
Er ließ sich ruhig auf dem engen Steintisch in der
Nische neben der Hausthüre nieder, denn auf der
Bank, auf welcher er vorher gesessen, hatte der Alte
sich ausgestreckt. Wie er so dasaß, fiel sein Blick auf
die Jahreszahl 1620, die in dem steinernen Wappen
über der Thüre eingehauen war, und auf die beiden
Figuren, den Merkur und die Abundantia, auf diese
Sinnbilder des Handels und des Neberflusses, die
das Wappen trugen. Er wiegte gedanken- und
sorgenvoll das Haupt. Es sah schlimm aus mit
dem Handel; und Neberfluß, wo war der vor-
handen?
Da schallten Trompetenstöße und lautes, wirres
Rufen an sein Ohr. Es war das russische Hilfskorps;
es brachte die Kunde, daß die Franzosen ihm auf
den Fersen folgten. Erschöpft vom Marsch und aus-
gehungert, wie sie waren, hielt das Kommando sie
nicht mehr zusammen. Die Reihen lösten sich, die
Einzelnen traten heraus und vor die Häuser, Nahrung
und Trank begehrend. Man gab, was man konnte,
dem Eindringen in die Hääuser, der Plünderung zu
wehren. Man stand dem Augenblick, den nächsten
fürchtend.
Es war lang schon Tag, aber der Wind hatte
sich gewendet. Er trieb den dicken, schweren Rauch,
den heißen Quualm von den Brandstätten durch die
Straßen, das verdunkelte den Himmel und machte
bei der Hitze des Tages den Zustand noch schlimmer;
und doch mußte er ertragen werden.

--- W9--
Draußen hatte das preußische Korps die schwachen
Wälle, die leicht aufgeworfenen Schanzen besetzt. Die
heimgesendeten Arbeiter, Frank unter ihnen, meldeten,
daß man sich in der Ferne schlage.
Die eben angelangten Russen, die zuchtlos in
den Straßen umhergestreift, wurden wieder gesammelt
und hinausgeführt. Man hörte von draußen das
Sausen der Kugeln in der Luft.
Am Mittag warfen die Franzosen Granaten in
die Stadt. Sie zündeten an verschiedenen Stellen,
man konnte dem Umsichgreifen des Feuers nur mit
höchster Anstrengung wehren.
Darners Komptoiristen waren im Hause. Man
packte die Hauptbücher, die sonstigen Dokumente
und Schriftstücke in Kasten, die auf Rollen standen,
um sie im Fall eines Brandes in Sicherheit bringen
zu können.
Mitten in dieser Noth und diesem Treiben war
durch einen verwundeten preußischen Offizier, den
ein Paar der Schanzarbeiter mitleidig hineingebracht,
die Nachricht von der furchtbaren, fütr die Preuußen
und Russen verlorenen Schlacht bei Friedland, von
dem neuen, großen Sieg der Franzosen, bekannt
geworden.
Trotzdem kämpfte man noch bis zum Abend vor
den Thoren. Erst als sie sahen, daß vor der immer
größer werdenden Zahl der Feinde weiterer Wider-
stand vergeblich sei, kapitulirten die Verbündeten.
Die Kanonen schwiegen; es wurde plötzlich still.
Unsicher dessen, was kommen würde, wartete
man in den Straßen und auf den Plätzen, bis die
ersten vom Kampfplatz kommenden, pulvergeschwärzten,
arg mitgenommenen russischenKolonnen in geschlossenem
Marsche sichtbar wurden. Der Abzug währte eine
1gs

-- WZ--
geraume Zeit, er ging nach den Thoren hinauf, die
gen Nordosten führten. In der Ermattung, welche
der langen, furchtbaren Erregung folgte, sah die
Masse des niederen Volkes die Truppen in stumpfem
Schweigen an sich vorüberziehen. Die Abgebrannten,
die Geflüchteten, die Erschöpften, sie alle verlangten
nichts als Ruhe, gleichviel wer und um welchen
Preis man sie ihnen schaffte.
Finster schritten die Mannschaften einher. Hier
und da hob sich ein Blick mit düsterem Gruß zu
einem Hause, zu einem Einzelnen, zu einem zum
Freund Gewordenen empor. Aus der Straße gegen-
über dem Darner'schen Hause, kam an der Spitze des
Regimentes General von Stromberg auf das Haus
zu. Er neigte den Degen und das ernste Haupt
zum Gruß.
Alle riefen sie ihm ihr Lebewohl und ein ,Auf
Wiedersehen!' zu.
Justine weinte und barg ihr Haupt an ihres
Mannes Brust.
Auch die Männer hatten es kein Hehl, wie sehr
sie erschüttert waren. Der General war den beiden
Familien ein Freund geworden, und Justine und
Frank hatten es ihm zu danken, daß ihnen ihre
Flitterwochen noch in stiller Zeit zu Theil geworden.
Als die Preußen den Russen folgten, flossen
Thränen, wo sie vorüberkamen. ,Es ist zu Ende!'
hörte man hier und dort.
,, Was wird nun werden, Vater?' fragte Virginie.
Plötzlich ließ Frank Juustine los, und an das
Fenster tretend, rief er mit aller Macht seiner Stimme:
, Es lebe der König!''
Man sah empor, und wie von einem Zauber-
schlag berührt, hallte es zuerst von Denen, die auf
dem Wolme standen, und dann ringsum in immer

--- Z--
weiteren Kreisen wider: ,Es lebe der König!---
Ee lebe unser König und die Königin!'
Darners Augen leuchteten.
, Bravo, Frank,' rief er, ,das war ein Mannes-
wort! Hoffnung richtet auf wie Speis' und Trank.
Daran erkenne ich mein Blut!'
Er hatte seine Hand auf des Sohnes Schulter
gelegt und blieb mit ihm am Fenster stehen. Die
Hochrufe wiederholten sich fern und ferner. Die Leute,
die ein Obdach hatten, kehrten in ihre Häuser zurück.
Es wurde still in der Straße, die Nacht kam wieder
einmal heran.
In der kleinen Stube hatte man für sechs Per-
sonen den Tisch gedeckt, ihn mit Wein und kalten
Speisen versehen, wie man sie hatte schaffen können.
Als man sich niedersetzen wollte, fehlte Madame
Göttling. Der Diener meldete, sie sei nicht wohl
und habe sich zurüückgezogen.
, Sie hat immerfort geweint,' sagte Dolores,
, aber nicht gesagt, weshalb
, So will' ich nach ihr sehen gehen!' meinte
Justine und wollte sich wieder erheben.
, Bleibe sitzen, meine Tochter,'' sagte der Vater;
, ich habe einen kleinen Zusammenstoß mit ihr ge-
habt. Laß sie zur Ruhe kommen, das ist das Beste. ?
Man sprach viel durcheinander.
Frank, der zu befehlen liebte und verstand, weil
er zu gehorchen gelernt, war als Führer der bürger-
lichen Schanzgräber und als Dolmetsch an seinem
Platz gewesen. Die Neuheit der Zustände hatte ihn
erregt, die Anstrengung seinem starken Körper nichts
angehabt.
Jeder hatte in den lezten Stunden sein Be-
sonderes erlebt und beobachtet. Die Mädchen hatten
zum ersten Male selbstthätig eingegriffen, und ein

--- Wß--
Gefühl von persönlicher Wichtigkeit bekommen, dessen
Kundgebung die Anderen trotz all des Wirrsals
lächeln machte. Wie ein flüchtiges Glück genoß man
der wenigen Minuten ruhigen Beisammenseins. Der
Friede der Familienliebe schwebte über ihnen.
Aber wieder wurde Bewegung in der Straße
hörbar. Die Bürgerschaft, die Schützengilden waren
zusammenberufen. Sie sollten nach der Kapitulation
die Thore und die Wachen in der Stadt besetzen
während dieser Nacht; man konnte darauf rechnen,
sie in Ruhe hinzubringen.
Darner ging ins Komptoir, die Leute zu ent-
lassen; Frank sollte sich auf dem Rathhause erkundigen,
ob für morgen auf ein Unterbringen der Abgebrannten
zu rechnen wäre.
Man bot einander die gute Nacht.
,Aber, lieber Vater,' fragte Dolores,,was
werden wir denn machen, wenn morgen die Franzosen
kommen??
Darner streichelte ihr dunkles Gelock. Er war
weich gestimmt in seiner Zufriedenheit mit seinem
Sohne.
,,Mußt Du mich das erst fragen, Turteltaube?
Gieb Du ihr Antwort, Virginie; was habt Ihr zu
thun?
,Dir zu gehorchen!' sagte sie und hing sich
an ihn.
,,Ein für allemal und unbedingt!'' settte er mit
dem gewohnten Ernst hinzu, küßte sie und Dolores,
gab Justine die Hand und ging mit dem Sohne
davon.
,Ich schicke ihn Dir bald zurück!rr rief er der
Schwiegertochter noch aus der Thüre zu.

Kapitel 31

--- WB--
Einunddreißigstes =-»==-
Aeif,s'
Als die Männer sich entfernt hatten, eilte Justine
in das Hinterhaus, nach Madame Göttling zu sehen.
Sie fand dieselbe schreibend und in Thränen.
,Was ist geschehen?' rief sie. ,Was hat es
gegeben? Der Vater hat mir gesagt, Ihr hättet
Verdruß mit einander gehabt, aber Du kennst ja
seine Weise, er hat sich nicht darüber ausge-
sprochen.?
, Ob ich sie kenne? Du weißt, wie sehr ich ihn
verehrt, und Du weißt, ich verstehe zu schätzen, was
er trotz der Niedrigkeit, aus der er herkommt, und
trotz alledem, was hinter ihm liegt, aus sich gemacht
hat; obschon-- ich will Dir das jetzt nicht ver-
schweigen, es mir hart zu verwinden gewesen ist,
daß Du trotzdem in die Familie getreten bist.-
, Behalte das auch ferner für Dich!'' unterbrach
Justine sie, mit einem Tone, den ihre Freundin nie
von ihr vernommen.,Halte Dich an Deine Sache,
wenn ich bitten darf!'?
,Ach,' klagte die Göttling, ,ich bin ja nicht un-
dankbar. Ich habe neben Dir, bei ihm bleiben
wollen, so sehr die Tante- ach die arme Tante!'
Und in einen Strom von Thränen ausbrechend, barg
sie ihr Gesicht in ihren Händen.
,Was weinst Du denn? Was ist denn mit der
Tante? drängte Justine.
, Frage mich nicht, ich bin ja noch in seinem
Haus, und wer ihm dient, ist ja sein Gefangener,
sein Sklave; das aber geht zu weit, das darf man
nicht ertragen .. .?
,Du bist außer Dir, Franziska, komm nur erst
zur Ruhe!'' mahnte Justine einlenkend. ,Sage mir

- W6 --
vernünftig, was hast Du denn gewollt, was hat der
Vater Dir verweigert?'
,,Das eben Dir zu sagen hat er mir verboten!
stieß Madame Göttling hervor und fügte hinzu: ,Aber
was kümmert mich sein Verbot, da ich ihn gerade
jetzt ersucht habe, mich frei zu lassen .. ?
,Du willst fort, fort von uns, Franziska??
fragte Justine mit wachsendem Erstaunen.
,Je eher, je lieber!r rief die Göttling.,Fühl-
los darf der Mensch nicht sein! Zur Fühllosigkeit
laß ich mich nicht verdammen, und es wird auf Dich
zurückfallen, auf Dich zu allermeist! Denn mag sie
auch unzufrieden gewesen sein mit Dir und Deiner
Heirath, mögt Ihr auch wegen Deines Schwieger-
vaters geflissentlichem Prahlen mit dem unglücklichen
Ringe auseinandergekommen sein- sie war und
blieb doch Deines Vaters Schwester, und wenn sie
nach Dir verlangte in ihrer Todesnoth .. .?
,Todesnoth, die Tante? Was sprichst Du da?
fiel Justine ihr erschreckend ein. ,Ich verstehe Dich
nicht, die Tante hätte nach mir verlangt? Wann,;
wann denn??
,, Heute, vorhin, als die angekommenen Russen
im Ausrücken waren! Sie lag im Sterben, sie wollte
Dich sehen, der Doktor kam, um Dich zu holen. r
,, Und, und?? fragte Justine erbleichend und mit
bebenden Lippen.
,,Er hat es nicht erlaubt. Auch mich hat der
Vater nicht zu ihr lassen wollen, zu einer armen
Sterbenden, die . . .?
, Nein, nein, das ist unmöglich!' unterbrach
Justine sie noch einmal.
,Es ist, wie ich Dir sage! ie Tante kann
sterben,: hat der Vater zum Doktor gesagt, wie sie
gestorben sein würde, wäre Justine jetzt mit ihrem

-- Iß?--
Sohne in Rußland. Sie sorgen für das Wohl Ihrer
Kranken, ich habe zu sorgen für meines Sohnes
Frau, der sich auf meinen Befehl von ihr getrennt.
Ich hafte für ihre Sicherheit, und wer kann sagen,
daß er den Weg zurückgeht in sein Haus, wenn er
es heute verläßt in dieser Stunde! Niemand verläßt
mein Haus, auch Sie nicht!: hat er mir gesagt, als
ich ihn flehend darum gebeten- und.. ,?
Justine hatte sich niedergesetzt, der Schmerz, der
Schrecken hatte sie überwältigt, die Thränen waren
ihr versiegt.
, Und sie ist todt?' fragte sie tonlos.
, Weiß ich'a? Aber gewiß-- der Doktor sagte,
sie läge im Sterben.?
Juustine hatte sich erhoben und eilte nach der
-ähüre.
, Wo willst Du hin?
, Ze meinem Manne, zum Vater. Ich muß
hin. ?
, Das lohne Dir Gott!'' rief die Göttling ihr
nach.
Justine hatte das Zimmer schon verlassen.
Als sie den langen Gang zwischen den beiden
Häusern durchschritten hatte und in ihre Stube trat,
- kam ihr Frank bereits entgegen.
,, So weißt Du's schon? fragte er, da er in ihr
bleiches, verstörtes Antlitz sah.
, Frank, ist die Tante todt? rief sie ihn an.
Er nahm Justine an der Hand.
,, Leider, ja! Amt Mittag, während man die
Stadt bonbardirte, ist sie verschieden !' antwortete er.
, Schrecklich, schrecklich, die arme Tante, der arme,
arme Onkel-- und John! Der Vater ist zu hart,
das vergebe ich ihm nie!'?
Sie weinte bitterlich, Frank hatte sie an sich
Lewald. Die Familie Darner. l.

i
-- As --
geschlossen und ließ sie ruhig gewähren. Erst nach
einer Weile sagte er, während er ihre Stirn küßte:
,,Es werden heute viele Thränen fließen, aber
der Vater hat wohl gethan, Euch nicht aus dem
Hause zu lassen. Hätte ich es ihm je vergeben können,
hätte er es sich verzeihen dürfen, wenn Dir ein Un-
glück zugestoßen wäre? Auf dem Rathhause, wo ich
die Kunde von der Tante Tod erhielt, waren ver-
schiedene Unglücksfälle bekannt geworden, die heute
geschehen. Hattest Du das Recht, Geliebte, all mein
Glück, all unser Glück- und Hoffen,' setzte er leise
hinzu, ,aufs Spiel zu setzen um der Tante willen,
die mich nie geliebt, Dich mir nie gegönnt hat?
Der Vater hat gehandelt, wie er mußte. Erkenne
ihm dies an, wie ich.?
Justine hatte sich an ihn geschmiegt und schwieg.
,Laß mich jett zu dem Onkel gehen!'' bat sie
nach einer Weile, ,es ist jetzt ruhig in der Straße.
Frank ging mit ihr an das Fenster.
,Ruhig ist's, sagte er, ,aber Dich und mich
darf ich nicht der Möglichkeit aussetzen, daß Dein
Onkel Dich nicht annimmt. ?
,, Und wenn er es nicht thut,'' wendete sie ein,
,so habe ich ihm doch gezeigt, daß ich der Tante
Tod und ihn von Herzen beklagt, daß ich nicht ver-
gessen habe, was ich ihnen danke .. .?
,, Und,' setzte er hinzu, ,daß Du nicht vergessen
darfst, was es für mich heißen würde, könnte er
sagen: Frank Darners Frau ist bei mir gewesen,
und ich habe ihm und seinem Vater bewiesen, wie
ich es gehalten haben will zwischen mir und ihnen.
Ich habe sie fortgeschickt, wie sie gekommen ist!r
Sie verstummte davor.
So blieben sie ein paar Minuten in dem Erker
des Fensters bei einander sitzen.

-- I9ß--
Es war neun Ühr. In den Straßen gingen
die Leute, so weit es möglich war, den versäumten
Geschäften nach. Vom Schloßthurm tönte im Hörner-
klang der altgewohnte Abendsegen auf die Stadt
hernieder. Seine Friedensworte: ,Nun ruhen alle
Felder !'' drängten sich Justine unwillkürlich auf die
Lippen, und nach den Ereignissen dieses Tages be-
wegten sie beiden tief das Herz.
,Wenigstens hier ist Frieden und soll Frieden
bleiben!'' sagte Frank mit feierlichem Ernst.
,, Laß mich dem Onkel schreiben, er ist ja so
allein! Er war mein Vormund, er hat Vaterstelle
zp
an mir vertreten und er war immer gut zu mir,
bis.. . sie wagte den Satz nicht zu vollenden.
, Thu's, wenn esDich zufrieden stellt!'' sagteFrank.
Juustine ging an ihren Schreibtisch.
Der Brief wurde sofort abgeschickt, dann begaben
die Eheleute sich hinüber in des Vaters Wohnuung,
ihm eine gute Nacht zu wünschen nach so schwerem
Tag. Sie verweilten aber nicht lange bei ihm.
Als sie in ihr Zimmer zurückkamen, lag Justinens
Brief auf ihrem Tische, Kollmann hatte ihn nicht an-
genommen.
Frank küßte ihr die Thränen von den Auugen,
wies aber ihr Verlangen, morgen noch einen andern
Schritt zu versuchen, das heißt sich selbst zu Kollmann
zu begeben, ab.
, Keinen Schritt und keinen Rückblick weiter!'
sagte er; ,das ist abgethan!' und sie umarmend,
fragte er: ,.st's denn nicht genug, wenn Du mich
hast und uns Alle, muß ich Dich wieder an die wüste
Jnsel mahnen?
, Nein, bei Gott nicht,' betheuerte Justine,,ich
kann nur nicht vergessen-- ach, es thut mir so leid,
so leid! Ich bin ja nicht so fest in mir wie Ihr!-

-=- Z00 =-
,,GGenug, wenn wir es sind, Geliebte!' gab er
ihr zur Antwort, und für die Beiden hatte der
Abendsegen mit seinem sanften Friedenswunsche
mitten in all den Schrecknissen sich wieder einmal
bewährt.
Die Nacht blieb ruhig. Die Bürger wachten
über ihrer Stadt. Am andern Morgen zog Marschall
Soult an der Spitze des siegreichen Heeres ein. Die
alte Hauptstadt des Königreichs Preußen war in der
Feinde, in der Franzosen Hand.
Ende des ersten Bandes.
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Berliner Buchdruckerei-Aktien-Gesellschaft. (Setzerinnen»Schule des LetteVereins.
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