Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Band 02
Titel

Die Familie Darner.
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Roman in 3 Bänden
Fanny Lewald.
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Zweiter Band.
Ferlin 1888.
lag von Otto Janke.

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Kapitel 01

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l ahezu vier Monate waren vergangen, seit die
F Franzosen nach Königsberg gekommen, und
diese vier Monate waren für die gesammten Ein-s
wohner der Landeshauptstadt voll von den größtens
Ereignissen, voll von bitterer Noth und schwersten !
Sorgen gewesen. Jeder Einzelne hatte sein reiches
Theil davon z tragen gehabt, Kollmann gerade im
ersten Augenblick das Schwerste.
Der gegen die Gewohnheit beschlennigten Hochzeit
in seinem Hause hatte er eine noch eiligere Beerdi-
gung seiner Frau folgen lassen müssen. Da sie
wäährend des Bombardements gestorben war, hatten
kaum die nächsten Nachbarn und Freunde von dem
Tode erfahren. Man hatte nicht daran denken
können, ihn durch Anzeigen in den Zeitungen be-
kannt zu machen. Die Druckereien hatten nicht
gearbeitet, die Zeitungen waren nicht erschienen,
Boten zum Herumschicken hatte man, während es
in der Stadt brannte, nicht finden können. Kaun;
der Sarg war in der Verwirrung herbeizuschaffen;
und ebenso unmöglich war es gewesen, die Leiche in
Hause zu behalten, da die angelangten Franzosen,
ihre Quaxtierbillette in den Häusern gewaltsanu-
Lewald. Die Familie Darner. T.

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geltend machten. Fast unbegleitet hatte der tiefge-
beugte Mann die Gattin in die Familiengruft be-
stattet und dazu erst die Erlaubniß bei den französischen
Behörden einzuholen gehabt, da man auf dem Wege
nach dem Friedhof das französische Lager zu durch-
messen hatte, in das man bei der ersten Eile den
Kirchhof mit eingeschlossen. Zum Trauern um den
Verlust des Einzelnen hatte man keine Zeit gehabt,
wo Alle auf das Aeußerste bedrängt waren von der
a llgemeinen Noth.
Wenige Tage nach ihrem Einrücken hatten die
I ranzosen der Stadt eine unerschwingliche Kriegs-
l.ntribution auferlegt, von welcher eine Million
Thaler in den ersten vierundzwanzig Stunden zu
zuhlen war, wenn Königsberg nicht, wie vorher
Lübeck, der Plünderung preisgegeben werden sollte.
Was sich von Lebenömitteln in der Stadt befand,
selbst das Getreide, das auf den mehr als zwei-
hundert im Hafen befindlichen russischen und polnischen
Floßschiffen herangebracht worden, wurde in Beschlag
genommen, obschon die Kaufleute darauf, wie üblich,
beträchtliche Vorschüsse gemacht, die damit ebenfalls
für dieselben verloren waren. Und als sollte die
Noth so sehr als möglich gesteigert werden, hatten
noch in aller Eile auf Kosten der Stadt große
Bäckereien für die französische Armee vor den
Thoren errichtet werden müssen, als man in der
Stadt selbst das tägliche Brot kaum zu schaffen ver-
mochte.
Von den Fenstern des Schlosses, an denen man
am Ende des verwichenen Jahres den König und
die Königin zu sehen gewohnt worden, hatte der
Kaiser Napoleon mit stolzem, kaltem Blicke hernieder-
geschaut auf die eroberte Stadt zu seinen Füßen.
Man hatte ihn ein paar Tage hindurch mit seinem

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ganzen Gefolge durch die Straßen reiten, das fran-
zösische Lager, den Hafen, die Flußmündung in
Augenschein nehmen, die Bäckereien besuchen und
dann wieder die Stadt verlassen sehen; und die Erde
hatte sich nicht aufgethan, kein Blitz war vom Himmel
herniedergefahren. Die Sonne hatte so hell ge-
schienen, das Wetter war herrlich gewesen, die Vögel
hatten gesungen in den Bäumen, als wären es lauter
Freudentage gewesen, die man durchlebt, als rauchten
die Trümmerstätten nicht, als lägen nicht unzählige
Kranke und Verwundete in öffentlichen Gebäuden,
im Theater wie in den Kirchen und in den Häusern
der Bütrger, wo irgend eine Stätte für sie gefunden
werden konnte.
Dann war der Friede zu Tilsit geschlossen worden
mit den schweren Verlusten und Demüthigungen für
Preußen, zu denen die falsche Freundschaft der Russen
dem Franzosenkaiser die Hand selbstsütchtig geboten;
und obschon der Hof noch in Memel verblieb, kehrten
die Beamten nach Königsberg zurück und die Ver-
waltung des Landes ging wieder in die Hände der
preußischen Regierung über.
Es sah trgurig in Königsberg aus, und was
man von der Gemüthsverfassung des Königs vernahm,
war nicht tröstlich. Man sagte, daß sein Herz bis
zum Verzweifeln entmuthigt sei, daß er sich vom
sHimmel zum Unglück bestimmt erachte und daß er
keiner Hoffnung auf bessere Tage Raum zu geben
vermöge, auf welche der hohe Sinn der Königin mit
Zuversicht vertraue.
Kaum eine Familie fand man in Königsberg,
der die furchtbaren Epidemien nicht einen der Ihren
entrissen. Jedweder, namentlich aber die Kaufmann-
schaft, hatte schwere Vermögensverluste erlitten.
Alte große Firmen waren genöthigt worden, ihre

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Zahlungen einzustellen, oder, akkordirend, sie weit
hinauszuschieben.
Wohin man blickte, sah man Trauerkleider,
wohin man hörte, vernahm man Klagen und hatte
man Einschränkungen zu machen. Das Gefühl des
Unglücks, der Erniedrigung lag über dem Lande und
über den Einwohnern. Trotzdem bemerkte man, daß
in all der Noth ein gewisses neues Leben in der
Stadt sich kund zu geben begann.
Man sprach davon, daß der Hof mit dem Neu-
jahr seine Residenz in Königsberg aufschlagen werde.
Es langten Personen an, welche sich nach einem
Unterkommen für die preußischen Minister, für die
Gesandten der fremden Mächte in der Stadt umthaten,
die dem Hofe nach seiner Residenz zu folgen hatten.
Ein Theil des hohen Adels, einige der fürstlichen
Familien, welche in den noch von den Franzosen
besetzten Provinzen ansässig waren, gingen nach
Memel, dem Königspaar ihre unveränderte Treue
huldigend zu erweisen, und verweilten längere oder
kürzere Zeit in den Gasthöfen der Stadt. Indeß,
wie man sich dieser Zeichen einer Wandlung auch
erfreute, die Noth blieb noch dieselbe, und die An-
forderungen an die Barmherzigkeit jedes Einzelnen
mußten sich mit dem Herannahen des Herbstes
steigern. An ein Nachlassen war auf weit hinaus
gar nicht zu denken.
Auch Darner versorgte noch eine Anzahl der
Familien, die er bei sich an dem Tage aufgenommen,
an welchem man den alten Garten niedergebrannt,
die eine derselben beherbergte er sogar noch unter
seinem Dache. Er hatte seiner Jugend nicht ver-
gessen, und die Erinnerung an dieselbe erhöhte seine
Wohlthätigkeit. Jedoch auch ihm waren sehr be-
deutende Verluste nicht erspart geblieben, und auch
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in seinem Hause hatten sich Wandlungen vollzogen,
wenn freilich weder er noch einer der Seinen diese
letzteren, wie die Verhältnisse sich gestaltet, wesentlich
zu beklagen hatte.
Sein Bruch mit Kollmann hatte seit dem Tode
von dessen Frau die letzte unabänderliche Bestätigung
erhalten, und Madame Göttling hatte das Darner'sche
Haus verlassen.
Sie war, seit Justine in dasselbe eingetreten,
ohnehin in die zweite Stelle gerückt worden, denn
Justinens Umsicht und Tüchtigkeit hatten sie ent-
behrlich gemacht. Die Vorgänge an dem Todestag
der Tante hatten Darner und Madame Göttling
ggegen einander verstimmt, und Kollmann hatte eine
Hausfrau nöthig gehabt.
So war ihr Austritt aus dem Darner'schen, ihr
Eintritt in das Kollmann'sche Haus sofort und an-
scheinend im besten Einvernehmen zwischen Madame
Göttling und den Darners vollzogen worden. Dessen
ungeachtet hatte der Verkehr zwischen den bisherigen
Lebensgenossen völlig aufgehört, und wenn schon dies
bei den gegebenen Verhältnissen selbstverständlich er-
scheinen mußte, hatte man es doch erklärt und ge-
rechtfertigt haben wollen, da Madame Göttling bis
zu Justinens Verlobung stets voll von Darners Lob
gewesen war, und sich über ihr Wohlbefinden in
dem Darner'schen Hause und über ihre junge Pflege-
befohlene immer nur mit der größten Zufriedenheit
ausgesprochen hatte.
Man hatte an all das Gute, das sie berichtete,
nie recht geglaubt. Jett, da man durch Kollmann
und durch den Doktor erfahren, was bei dem Tode
der Tante vorgegangen war, wunderte man sich, daß
Madame Göttling es so lange in dem Hauuse auus-
gehalten hatte. Man nannte es selbstverständlich,

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daß der Doktor sich durch Darners Weigerung, ihm
Justine anzuvertrauen, persönlich beleidigt gefühlt.
Was der Doktor von der kalten Hartherzigkeit ge-
sagt, die er selbst von Darner erlebt, das war nicht
abzuleugnen. Denn wem durfte man vertrauen,
wenn nicht dem treuen, bewährten Freunde, dem
Hausarzt, der selber von sich aussagte, daß auch
er sich durch Darners sicheres Auftreten über dessen
Natur und wahren Werth lange habe täuschen lassen.
Wenn Madame Göttling auch jetzt noch, der Wahr-
heit die Ehre gebend, Darners Zärtlichkeit für seine
Kinder und das Eheglück Justinens rühmte, schrieb
man das ihrem guten Herzen und ihrem Anstands-
gefühle zu, das auch den Schein einer üblen Nach-
rede zu vermeiden wünsche. Denn was man von
Darner zu halten habe, das meinte man zu wissen,
seit man durch Kollmann und dessen verstorbene Frau
mit Darners Jugendgeschichte bekannt geworden, die,
mit Mißverständnissen, Zusätzen, Nebertreibungen und
entstellenden Voraussetzungen und Schlüssen verbrämt,
legendenhaft von einem Munde zum andern gegangen
war, weil jeder der Erzählenden doch noch etwas
mehr hatte wissen wollen als die anderen.-- Was
war denn auch von einem Manne von solcher Her-
kunft, von einem entlaufenen Leibeigenen, von einem
Matrosen, einem Sklavenhändler zu erwarten! Wo
sollte der die Großmuth, die Liebe, die Rücsichten
auf Andere herbekommen haben, von denen die gute
Göttling anfangs so viel Rühmens gemacht hatte!
- Der Doktor, der immer eine ganz besondere Vor-
liebe für Justine gehabt, hatte gewiß recht, wenn er
sagte, er wünsche der armen Frau, daß sie künftig
nicht noch Anderes zu bedauern haben möge als die
allerdings unfreiwillige Sünde, ihrer einzigen Ver-

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wandten, sozusagen ihrer Mutter, in ihrer Sterbe-
stunde gefehlt zu haben.
Daß der Doktor dies selbst eine unfreiwillige
Sünde genannt, das hatte man bald vergessen. Aber
Alle sagten es mit Selbstgefühl von sich aus, daß
sie einer solchen Lieblosigkeit nicht fähig gewesen sein
würden. Man nannte es durchaus richtig, daß der
Onkel auf Justinens verspätete Reue nicht geachtet.
Sie hatte es ja leicht genug genommen, als ihr
Onkel und die Tante sich von ihr zurückgezogen.
Schon als ganz junges Mädchen hatte sie in dem
großen eigenen Hause darnach getrachtet, anders zu
sein und zu handeln als die anderen Mädchen sammt
und sonders. Jedem hatte sie es zu fühlen gegeben,
daß sie ihre eigene Herrin sei. - Dafür hatte sie
jezt in ihrem Schwiegervater endlich den ihr ge-
bührenden Herrn gefunden; und ihr Dnkel hatte nicht
zu hart über sie geurtheilt mit seinem Worte: ,Sie
hat ja schon mit ihrer Heirath ihre Wahl getroffen
zwischen jenen und uns! Mag sie bleiben, wo ihr
die Sonne wäirmer scheint!'?
Und die Sonne schien ihr warm, und es war
ihr wohl mit ihrem Manne in ihres Schwieger-
vaters Hause, denn jener Zug des Eigenwillens, der
Justine angeboren und der sich durch ihre frühe
Selbstständigkeit noch bestimmter in ihr ausgebildet,
war beiden Männern, ihrem Manne und ihrem
Schwiegervater, genehm, und verband sie ihnen noch
enger. Keiner von den Dreien täuschte sich darüber,
daß jener enggeschlossene Kreis, der sich als die alte
gute Gesellschaft der Kaufmannsaristokratie mit dem
ausschließlichen ,Wir'' zu bezeichnen liebte, es nicht
verwinden konnte, in Darner seit den fünf Jahren,
die er in Königsberg verlebt, seinen Herrn und
Meister gefunden zu haben; und wie diese unausge-

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sprochene Gemeinschaft sich damit gentg zu thun
trachtete, daß sie sich in gesellschaftlicher Beziehung
von den Darners immer ferner hielt, so behagte es
Darner, es sie empfinden zu machen, wie wenig ihn
dies anfocht und wie sehr man seiner bedurfte.
Gleich an dem Tage, an welchem der Stadt die
schwere Kriegskontribution auferlegt worden war,
hatte die Stadtverwaltung Darners Rath und Hilfe
begehrt, obschon er nicht zu derselben gehörte. Seiner
persönlichen Bekanntschaft mit den großen Finanz-
leuten des Auslandes, seiner Verbindung mit den
bedeutendsten Berliner Bankiers hatte man es zu
danken, daß es möglich geworden war, der ersten,
sonst unerschwinglichen Forderung zu genüügen; und
als es sich dann darum gehandelt, Aufschub und
theilweise Zahlungsfristen zu erlangen für die Kontri-
bution, hatte man sich abermals seiner auf den Rath
des königlichen Bankdirektors bedient, das System
festzustellen und die Art und Weise berathen zu helfen,
mittels welcher man den auszustellenden Schuldver-
pflichtungen der Stadt, den Promessenscheinen, wie
man sie nannte, rechtliche Anerkennung und Geltung
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verschaffen könne, wodurch allein für das Erste der
Verkehr im Lande und das Flüssigwerden des Geldes
in der Provinz bewerkstelligt werden konnten.
Die preußischen und die französischen Behörden
hatten dabei, ebenso wie vorher der Oberkommandirende
der Russen, Darners Einsicht und Umsicht und die ent-
schlossene Thatkraft anzuerkennen gehabt, mit welcher
er jeder neuen Nothwendigkeit zu begegnen wußte,
und sie hatten das offen und bereitwillig gethan.
So kam es denn, daß in jenen Tagen, in denen
fast alle Anderen in gedrücktester Verfassung nur von
Noth und Widerwärtigkeiten, von Kränkungen und
Demüthigungen zu sprechen hatten, für Darner da-

Kapitel 02

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- zwischen doch immer noch eine oder die andere Quelle
der Selbstbefriedigung sich erschloß.
Man hörte ihn nicht klagen, er trug den Kopf
wie immer stolz und hoch, und bald nachdem die
französischen Garden ihrem Kaiser gefolgt, die Stabt
von den Franzosen geräumt und die Einwohnerschaft,
endlich einmal frei von Einquartierung, wieder Herr
in ihren Häusern geworden war, hatte Darner seine
gewohnte Lebensweise wieder aufgenommen.
Täglich sah man ihn und die Seinen wieder
ihre Fahrten und Spaziergänge machen; man be-
gegnete ihm und seinem Sohne zu Pferde, es wurde
wieder in jeder Woche ein Mittagbrot gegeben, und
die Rückkehr des preußischen Militärs und der Be-
amten bot den gern benützten Anlaß für eine lebhafte
Geselligkeit, noch ehe die dem Hofe folgenden Fremden,
die zum Theil bei Darner akkreditirt waren, dieselbe
steigerten und farbiger machten.
Bweites Kaptlel
Gleichzeitig mit den ersten preußischen Beamten,
im Herbste des Jahres 180?, war auch der Regierungs-
assessor Baron Eberhard von Stromberg in seine ihm
fast fremd gewordene Heimat zurückgekehrt; denn nur
die ersten zehn Jahre seines Lebens hatte er in dem
Schlosse Waldritten zugebracht.
Seinen Vater, der durch einen Sturz mit dem
Pferde den Tod gefunden, ehe Eberhard noch sprechen
lernte, kannte er nur aus den Erzählungen seiner
Mutter und nach dem Bilde, das in dem großen
Saal des Schlosses den Baron Reginald in der

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Uniform seines Regiments zeigte. Er hatte bei den
preußischen Küürassieren gedient und seinen Abschied
genommen, als er die bedeutend jüngere schöne Gräfin
Kunigunde von Elmenhorst geheirathet und auf das
Land in sein Stammschloß gegangen war.
Das Bild dieser Mutter stand, mit einer lichten
Glorie umgeben, im Mittelpunkt von ihres Sohnes
Herzen. In tiefer Trauer um den Gatten, hatte sie
mit Eberhard, ihrem einzigen Kinde, in klösterlicher
Einsaukeit zehn Jahre lang in ihrem Schlosse gelebt,
als der Tod sie ihm entrissen.
Sie war seine Wärterin, sein Lehrer, seine Ge-
fährtin bei seinen Spielen gewesen. Früh schon hatte
sie ihm die Geschichte des deutschen Ordens erzählt.
Von den Thaten der Ritter als Krankenpfleger,
von seinen Kämpfen im Orient gegen die Musel-
männer, wie hier gegen die heidnischen Preußen,
von dem Glanz und der Macht, wie von dem durch
seine Schuld verdienten Niedergang des Ordens, hatte
sie ihm berichtet, und jenen gottesfürchtigen und
mannhaften Ritter Eberhard von Stromberg hatte
sie ihm zum Vorbild aufgestellt, der mit seinem
Hochmeister, dem Herzog Albrecht von Brandenburg,
ein Lutheraner geworden war, und darnach seinem
bisherigen geistlichen Souverän im Weltlichen gedient,
wie alle seine Nachkommen den Nachkommen des
Herzogs als treue Unterthanen. Das Alles hatte
Wurzel geschlagen in dem phantasiereichen Knaben.
Die Erinnerungen hatten ihn begleitet, als sein Vor -
mund ihn nach der Mutter Tode von Waldritten
fortgenommen und nach Schnepfenthal in die von
Salzmann begründete, schnell berühmt gewordene
Erziehungsanstalt gebracht hatte.
Dort war Eberhard verblieben und zu einem
an Leib und Seele gesunden Jüngling herangewachsen.

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Daß er wie seine Vorfahren dem Könige von Preußen,
sei es im Heere oder in der Verwaltung, zu dienen
habe, ehe er dauernd auf seinem Schlosse leben dürfe,
hatte für ihn als eine Art von Familienordnung
festgestanden. Er hatte also, wie sein Onkel, der
General, es im Kollmann'schen Hause mitgetheilt, seine
Studien und seine kameralistischen Prüfungen durch-
gemacht, hatte sich in der Welt umgesehen. Als er
aber darnach in die Heimat zurückgekehrt war, sich
um eine Anstellung zu bewerben, war dazu die Mög-
lichkeit nicht vorhanden gewesen. Die Franzosen
waren in Berlin, die Russen in Königsberg, die
Zahl der in ihren Aemtern unbrauchbaren Beamten
überall groß gewesen. Sich selbst üiberlassen, war er
hingenommen von der Geistesströmung, welche, von
den großen Dichtern ausgehend, die deutsche Jugend
gerahe unter dem Druck der Fremdherrschaft nur noch
lebhafter ergriffen, noch einmal nach Jena zurückge-
kehrt. Dort hatte er Trost und Erhebung gesucht
in dem Schmerz über die Niederlage Deutschlands,
über die eigensüchtige und verzagte Unterwürfigkeit
der meisten deutschen Fürsten unter das napoleonische
Joch. Dort hatte er es gelernt, sich an die Volks-
seele zu halten, und aus dem Rückblick in die bessere
Vorzeit Muth und Glauben und Hoffnung zu schöpfen,
für eine Auferstehung aller deutschen Lande zu einem
einigen deutschen Vaterlande, zu dessen Neugestaltung
fortan jeder Einzelne, so viel an ihm war, in sich
und in Anderen mitzuwirken berufen war.
Sobald er also die Nachricht erhalten, daß sein
Stammgut von den Feinden verlassen worden, war
er, dem Zuge seines Herzens und seiner Neberzeugung
folgend, nach Preußen zurückgekehrt und hatte, ohne
in Königsberg zu verweilen, sich geraden Weges auf
das Land, auf sein Schloß begeben.

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Er hatte England, Frankreich, Jtalien und
Spanien durchreist, war auch nach Schweden ge-
gangen. Nur auf seinem Gut war er nicht gewesen
seit seinen Knabenjahren; und die Zerstörung, welche
er dort vorfand, war doch noch größer, noch furcht-
barer, als er sie selbst nach den düsteren Schilderungen
seines Gutsverwalters, des Amtmannes, wie man
ihn nannte, irgend erwartet hatte.
Bayern und Württemberger hatten als französische
Hilfstruppen fürchterlich in der Gegend gehaust. Das
Schloß war verwüstet, die Wirthschaftsgebäude, die
Kathen der Leute im ärgsten Verfall, Gärten, Wald
und Feld in Grund und Boden vernichtet. Was
man hatte brauchen können, war rücksichtslos ge-
braucht und mißbraucht worden; und mit Erschrecken
hatte Eberhard selbst die Marmorplatten, welche im
Schloßgarten das Grab seiner Eltern bedeckt, in den
Mauern eines in Eile hergestellten Backofens wieder
erkannt.
Voll Beschämung war er stehen geblieben vor
der Verwüstung und der Noth. Seinen Bildungs-
zwecken hatte er gelebt, wäihrend, wie er sich jetzt
sagte, es seine Pflicht gewesen wäre, mit den Menschen,
zu denen er und die zu seinem Geschlecht seit Jahr-
hunderten gehörten, das schwere Geschick zu theilen,
das über sie hereingebrochen war. Aber auf sein
Empfinden kam es jezt nicht an.
Er verstand nichts von der Wirthschaft, und wie
er den umsichtigen und redlichen Amtmann auch mit
der Frage bestürmte, in welcher Weise hier zu helfen
sei und was er thun könne, dem Nothstande zu be-
gegnen, er erhielt immer nur die eine Antwort:
, Sie können hier gar nichts nützen; denn ohne
Geld ist nichts zu machen, und Geld ist jetzt nicht

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zu schaffen, Herr Baron! Man muß Geduld haben
und mit langsamem Aufbauen es zu bessern suchen.?
Auf den Gütern seiner Nachbarn und der ihm
verwandten Familien, überall, wohin er kam, be-
gegnete er den gleichen Zuständen, der gleichen Un-
möglichkeit, ihnen abzuhelfen. Die adeligen Grund-
besitzer rechneten und hofften auf Beistand von Seiten
des Staates, obwohl sich der Staat in eben solcher
Lage befand, und die frei zu lassenden Hörigen
wurden in dem allgemeinen Elend ihrer Freiheit
auch zunächst nicht froh, denn man hatte die Mittel
nicht, ihnen lohnende Arbeit zu geben. Selbst die
bestgesinnten Gutsbesitzer mußten sich begnüügen,
ihnen so nothdürftig fortzuhelfen, als sie es eben
vermochten.
Sorgenvoll und mit schwerem Herzen kehrte
Eberhard von seinem Schlosse nach Königsberg
zurück. Er wußte nicht, was er mit sich machen solle.
Er hatte sich um den Eintritt bei der Regierung
beworben und war angenommen worden; doch war
die Zeit, ihn zu beschäftigen, noch nicht da, und der
Zweifel plagte ihn, ob es nicht für ihn geboten sei,
den Gedanken an den Staatsdienst aufzugeben und
bei strengster Sparsamkeit auf seinem Grund und
Boden die Bewirthschaftung desselben erlernen zu
gehen.
Der Gedanke an ein Leben und Arbeiten in
freier Natur lag, von Rousseau angeregt, damals
ohnehin in den Menschen. Er war in Eberhard
durch seine Erziehung in Schnepfenthal wie durch
die in England gemachten Erfahrungen genährt, und
doch konnte er sich nicht sofort entschließen, dem eben
eingereichten Gesuch um eine Anstellng die Er-
klärung folgen zu lassen, daß er auf dieselbe ver-
zichte. Er beschloß also, zunächst noch in der Stadt

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zu bleiben; aber ernsthaft in seinem Wollen sagte
er sich, daß, wo große Noth vorhanden sei, auch die
kleinste Abhilfe derselben nicht gering geachtet werden
dürfe und daß er, obschon er niemals ein Ver-
schwender gewesen, jetzt seine Ausgaben, soweit
immer möglich, zu beschränken habe, um seinem
Gute unnöthig nicht einen Thaler des Geldes zu
entziehen, ohne das auf kein Emporbringen desselben
gerechnet werden konnte.
In dieser Gemüthsverfassung hatte er sich in
Königsberg eingerichtet und war darnach ausgegangen,
die einzige ihm dort lebende nahe Anverwandte, die
Gräfin Gottfriede von Elmenhorst, eine Tante seiner
Mutter, aufzusuchen.
Nur ein Mal in seinem Leben hatte er sie ge-
sehen, als er mit seiner Mutter fünf, sechs Tage
lang bei der Großtante zum Besuch gewesen war;
aber das kleine, in einer Seitenstraße der oberen
Stadt in seinem ummauerten Gärtchen gelegene
Haus, war ihm mit seiner Besitzerin und deren
Dienerschaft deutlich im Gedächtniß geblieben, und er
, war gerührt, als derselbe altgewordene Gärtner ihm
das grüne Holzthor in der Mauer aufschloß, dieselbe,
jetzt ergraute Kammerfrau, sobald er seinen Namen
genannt, ohne ihn erst melden zu gehen, mit dem
Anruf: ,GGnädigste Comtesse, der junge Herr Baron
aus Waldritten ist da! ihm die Thüre des Zimmers
öffnete, als der unvergessene Duft des Potpourri
ihm entgegenströmte und er die Großtante auf dem-
selben Flecke wieder erblickte, an welchem er sie in
jenen früheren Tagen zuerst gesehen hatte.
Sie saß in ihrem Lehnstuhl vor ihrem Näh-
tischchen, das an dem Fenster stand, und sich nach
der Thüre umwendend, sagte sie:
,Höre ich recht? Wer ist da?

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, Ich, gnädigste Tante!' rief er, ,Eberhard
Stromberg, und ich bin glücklich, wirklich sehr gliick
lich, Sie ggg wiederzusehen!'
Comtesss Gottfriede hatte sich erhoben. Sie wa.
mit ihren siebenzig Jahren noch eine aufrechte Ge-
stalt, und die hohe Frisur mit dem übergeworfenen
Spitzentuch, die lange, fest anliegende Taille, die
engen halblangen Aermel mit den faltenreichen
Manchetten, aus denen die mageren Arme und die
Hände mit den großen Ringen ß ls Kurgniso her-
vorsahen, machten sie noch größer erscheinen.
, Sieh da, Herr Großneffe!' sagte sie, indem sie
ihm die Hand hinreichte, die er, sich neigend, küßte.
,Also Sie haben den Weg zu der alten Tante Ihrer
Mutter doch noch gefunden. Das freut mich, das
spricht für ein guutes Herz; denn das Gedächtnis:
hat seinen Sitz im Herzen, und die Herzen der
jetzigen Menschen sind eng geworden, haben nicht
Platz dafür. -- Aber-- Regine, einen Stuhl für
den Herrn Baron!'' rief sie ihrer Dienerin zu, die
sich zurückgezogen hatte.
, Lassen Sie es, ich helfe mir schon selbst!'?
antwortete er, den nächststehenden Sessel ergreifend.
, Nein, nein! Alles wie es sich gehört!' mahnte
die Comtesse.
,M Nun denn, so nennen Sie mich auch Du,
gnädigste Tante, wie es sich und mir gehört!'' fiel
ihr Eberhard ein; ,oder wollen Sie mir diese ver-
wandtschaftliche Gunst entziehen, weil Sie mich nicht
mehr auf den Schooß nehmen können wie vor jenen
zwanzig Jahren, als ich mit der guten Mutter hier
war und Sie mich und Ihren klugen Papagei um
die Wette mit Zuckerbrot fütterten. Aber er ist
ja nicht mehr da, Ihr Koko. Er war auch wohl
schon alt?

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Die Comtesse schüttelte mit dem Haupte. ,Solche
Thiere leben lange, und er hätte immer noch leben
können. Nein, der Hund eines französischen Chasseur-
offiziers hat ihn todt gebissen, als wir ihn einmal in
den Garten getragen. Solch ein Thier, wenn man
es auch vierzig Jahre lang gehegt hat, verschmerzt
man ja, mit Menschen ist das anders. Mein Diener
- besinnst Du Dich auf den Dietrich? - auch mein
Dietrich ist todt. Er ist wie meine Köchin am Nerven-
fieber gestorben, das sie uns eingeschleppt; und ihre
Tochter, die ich hier erzogen, ist mit einem Bayern
auf schlechte Wege gerathen und als Marketenderin
mit ihnen fortgegangen. Nun, wir haben uns be-
helfen lernen! Meine Regine ist Koch und Diener
und Kammerfrau in einer Person, und es muß das
jett so sein, denn die Zeiten sind schlecht. Wir
haben hier etwas durchgemacht, mein Lieber, indeß'
-- Comtesse Gottfriede faltete die Häände und hob
die Augen gen Himmel - ,er weiß, was er uns
auferlegt. Was er uns zu tragen giebt, dazu giebt
er uns auch die Kraft; und er wird ja auch mich
rufen, wenn er die Zeit dazu gekommen findet!
Sie schwieg und Eberhard wagte nicht, sie sofort
zu unterbrechen. Das Gefühl freudiger Rührung,
mit dem er eingetreten, war vorüber; und wie er
nun die Gräfin anblickte, wie er sich in der kleinen
Stube umsah, gewahrte er auch hier in dem sorglich
gehaltenen kleinen Raum und vor allem an der
Gräfin selbst die Spuren der Vergänglichkeit und des
Verfalls, die ihm in seiner ersten Aufwallung ent-
gangen waren.
Die Einrichtung, welche ihm schon als Kind als
eine zwar altmodische, jedoch vornehme erschienen,
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Vorhänge mißfarbig verblichen, die künstlichen Blumen
sahen unter den hohen Gläsern grau und kläglich
aus, und die Flora auf dem Potpourri, deren Schönheit
der Knabe einst bewundert, hatte häßliche Kittstreifen
um ihren Hals und ihre Arme bekommen. Nur der
geheime Zauber der Vornehmheit, des Althergekomme-
nen, lag noch über der Wohnung und über ihrer
Besitzerin, obschon Eberhard in ihre letzten Worte, in
ihre entsagende Gottergebenheit sich nicht recht zu
finden wußte. Er hatte sich der Großtante stets als
einer heiteren Dame erinnert, deren Gespräche selbst
seine sonst so ernsthafte Mutter zum Scherzen und
Lachen hingerissen hatten. Nun war das anders.
Schön war Comtesse Gottfriede nie gewesen. Die
Blattern hatten ihr langes, schmales Gesicht in früher
Jugend arg entstellt, hatten ihr da eine Bein durch
schlechte Vernarbuung etwas verkürzt, und weil sie
dadurch auf manche Juugendfreude zu verzichten gehalt,
hatte die Liebe der Eltern und Geschwister sie durc
Nachgiebigkeit bei ihren sonstigen Wünschen zu ent-
schädigen getrachtet. Sie allein war bei den Eltern
geblieben, als die Brüder und die Schwestern das
Haus verlassen; auf ihre Meinung hatte man mehr
und mehr Gewicht gelegt, sie hatte deshalb an sic
glauben lernen, und Comtesse Gottfriede war auf
diese Weise allmälig zu einer Respektsperson für die
ganze Familie, zu der lebenden Familienchronik ge-
worden und hatte eine Art von anerkaunter Macht-
stellung in dem Geschlechte der Elmenhorst erlangt.
Ohne nach dem Tode der Eltern mehr als ihr
Auskommen zu besitzen, denn die Elmenhorst waren
nicht reich, wenn schon mit den reichsten Adelsfamilien
verwandt, hatte sie sich immer schicklich zu behaupten
gewußt; und als dann ihre Geschwister und deren
Lewald. Die Familie Darne r. 1.
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Kinder allmälig theils gestorben, theils weit von
Königsberg ihren Lebensoeg gegangen waren, hatte
sich die Comtesse ganz in der Stadt niedergelassen
und dort in Zurüückgezogenheit gelebt. Weder ihre
Tracht noch ihre Lebensgewohnheiten hatte sie geändert.
Man bekam sie auch in der Stadt selten einmal
anders als bei dem Gottesdienste in der Schloßkirche
zu sehen. Trotzdem, oder gerade deshalb sprach man
doch von ihr, von ,der Comtesse', als von einem
Original, von einem der Wahrzeichen der Stadt; und
wer irgend einmal Gelegenheit gehabt, zu der Com-
tesse in ihr kleines Heim zu kommen, rühmte sich
dessen als eines Ereignisses, als eines Abenteuers.
Nur die Armen wußten mehr von ihr zu sagen als
alle Anderen; und als der Hof nach der Schlacht
vön Saalfeld flüchtend nach Königsberg gekommen
war, hatte die Comtesse sich in ihren besten Staat
geworfen und um die Erlaubniß gebeten, den Maje-
stäten, wie es ihr zustand, aufwarten und die Hand
küssen zu dürfen. Sie war gnädig empfangen, zur
Wiederkehr befohlen worden, und diese Besuche bei
Hofe waren zu einem Lichtpunkte in ihren alten Tagen,
zu einem Wendepunkt in ihrem Leben geworden.
Jetzt hatte des Großneffen unerwartetes Kommten
sie gefreut, seine Bitte, ihm das verwandtschaftliche
Du seiner Kinderjahre nicht zu entziehen, hatte ihr
gefallen, und nachdem sie sich bei der Erwähnung
ihrer verstorbenen Dienstboten und der durchlebten
schweren Zeiten ein paar Augenblicke in ihre Ge-
danken versenkt, wendete sie sich wieder ihrem Gaste
zu, ein wohlwollendes Lächeln auf ihren schmalen
bleichen Lippen.
,Du sollst Deinen Willen haben, mein junger
Freund!r sagte sie, ,obschon ich Deine Anhänglich-
keit an mich kaum noch erwartet hatte. Du hast

-- ,9 --
selten, hast jetzt seit Jahr und Tag nichts von Dir
hören lassen .. -
Er wollte sich entschuldigen, sie gab ihm das
nicht zu. ,Bemühe Dich nicht damit,i' sagte ße. ,Ich
weiß, was es werth ist, sich Du heißen zu lassen von
alten Anverwandten, wenn man keine Eltern mehr
besitzt, und lange in der Fremde und unter Fremden
gelebt hat, so wie Du; und um uneigennützige Theil-
nahme und leichte Verzeihung zu finden, mus man
ja zu den Einsamen, zu uns alten Jungfern kommen.
Wir sind nicht selbstsüichtig wie die Mütter und nicht
durch Liebe und Rücksicht verwöhnt, wie die Frauen.
Wir haben Theilnahme auch für die, die wir nicht
geboren und die nicht an uns gekettet sind. Also--
es ist gut, daß Du da bist und Du sollst willkommen
sein, Herr Großneffe, heute und für alle Zeit; das
heißt, etwa bis zu Deinem Hochzeitstage.
,, Bis zu meinem Hochzeitstage?? wiederholte
Eberhard. ,Ich bin nicht verlobt, gnädigste Tante,
habe ans Heirathen noch nicht gedacht und kann auch
noch gar nicht daran denken. Was meinten Sie mit
jenem Zusatz?
,, Warte es ab bis zu dem rechten Augenblick,
dann wird Dir das Verständniß schon von selber
kommen.?
Er drang in sie, ihm die Erklärung schon jet
zu geben, sie weigerte sich dessen; und die Meldung
der Kammerfrau, daß Frau Konsul Armfield ihre
Aufwartung zu machen wünsche, unterbrach das
Gespräch.
Die Comtesse nahm den Besuch an; und, wie
immer grau in grau gekleidet, trat schnell und leise
Madame Armfield mit tiefen Knixen bei ihr ein.
, Gnädigste Gräfin,'' sagte sie,,ich hörte, daß
Sie eine große Freude gehabt haben, und dankte
z

-- W0 --
Gott dafür; aber soll ich denn nicht lieber gehen?
Störe ich Sie nicht?
Eberhard wollte sich entfernen, die Gräfin hielt
ihn davon zurück.
,Da Sie sicher in einer unserer Angelegenheiten
kommen,'' sagte sie zu Madame Armfield, ,so versteht
es sich, daß wir diese abhandeln. Inzwischen finden
Sie mich in der That erfreut durch die unerwartete
Ankunft meines Großneffen, des Herrn Baron Eber-
hard von Strouberg aus dem Hause derer von
Waldritten. Er ist viel gereist, ist auch in Ihrem
Vaterlande gewesen, von wo er mir geschrieben.?
Dann richtete sie sich zu Eberhard hin mit der
Bemerkung:
,Das ist Madame Armfield, die Frau des
hiesigen schwedischen Konsuls, eine würdige Frau, mit
mir und anderen Gleichgesinnten verbunden durch
den Glauben an das eine, was uns Allen noth thut
und ohne das kein Heil ist für die Welt. ?
Eberhard war betroffen. Der Ton von religiöser
Demuth, mit welchem die Gräfin diese letzten Worte
gesprochen, stach sehr ab gegen die bewußte Herab-
lassung, mit der sie Madame Armfield empfangen.
Madame Armfield jedoch schien darin nichts Auffallen-
des zu finden, und des Verkehrs mit Fremden sehr
gewohnt in ihrem Hause, erkundigte sie sich, um die
Unterhaltung zu beginnen, ob Eberhard längere Zeit
in der Provinz, ob er in Königsberg zu bleiben denke?
Er gab ihr darauf den nöthigen Bescheid.
,Verzeihen Sie, daß ich noch weiter frage,' fuhr
sie fort; ,sind Sie ein Verwandter eines russischen
Generals von Stromberg? Er war in der uns eng
befreundeten Familie des Kaufmanns Kollmann in
Quartier, und auch im Hause eines Herrn Darner
sind wir ihm begegnet.?

,, as war mein Onkel!'' antwortete ihr Eberhard,
,, und den beiden von Ihnen genannten Herren hat
er mich empfohlen. ?
,, So, allen beiden?? fragte Madame Armfield
mit einem Blick auf die Comtesse, welchen diese zu
verstehen schien.,DDer General von Stromberg ist
ein ganz vortrefflicher Herr, wir waren sehr glüücklich,
ihn kennen zu lernen. Ein Mann ohne alle Vor-
urtheile und so jugendlich! Man verehrte ihn sehr
im Kollmann'schen Hause, sehr. ?
, Ich kenne die Leute zwar nicht,' warf die
Comtesse dazwischen, ,aber Dein Onkel hat sie auch
mir gerühmt. Es soll ein sehr anständiges Haus
sein, das Kollmann'sche.?
, Sie werden es nur jetzt nicht so gesellig finden
als zu den Zeiten des Herrn General. Herr Koll-
mann hat das Unglütck gehabt, seine ganz vortreffliche
Frau zu verlieren, deren Stelle eine Freundin von
mir vertritt, welche Sie, gnädigste Comtesse, auch im:
Frauenverein haben kennen lernen: die verwittwete
Madame Göttling. Die Familie ist in Trauer, und
die schöne Nichte, die große Anziehungskraft, ist auch
nicht mehr im Hause. ?
. ,Sie hat ja wohl einen von den Darners ge-
heirathet? Ich meine die Anzeige in der Zeitung
gelesen zu haben,' bemerkte die Comtesse; ,und irre
ich nicht, so haben Sie mir gesagt, daß man sich
darüber gewundert und weshalb. Aber nun ent-
schuldige es mein Lieber, daß ich Dich entlassen muß.
Madame Armfield muß um zwölf Ühr im Vereine
sein und ist, wie Du gehört, in dessen Angelegenheit
gekommen. Laß Dich bald wieder bei mir sehen.?
Eberhard bat um Verzeihung, falls er zu lang
verweilt. Die Tante geleitete ihn bis gegen die

Kapitel 03

==-- ZZ -
Thüre. Als er ihr die Hand zum Abschied küßte,
sagte sie, nur ihm vernehmbar:
, Nebereile Dich mit der Visite bei den Darners
nicht, wir sprechen besser noch vorher davon.?
,,Gnädigste Tante, ich habe einen Brief des
Onkels an Madame Justine Darner zu bestellen und
bin, wie ich glaube, über die Verhältnisse der Familie
unterrichtet, soweit mir's nöthig sein könnte.?
, Umt so besser, dann ist's Deine Sache!'' er-
widerte die Gräfin und entließ ihn. Madame Arm-
field blieb bei ihr zurück.
Dz-fk»e
Afif,s'
== V-lVua-=d »iuusgeluDV -
Als Eberhard aus dem: Hause heraus war, athmete
er auf. Die stark von dem Potpourri durchtränkte
Luft in der Stube der Gräfin, das gedämpfte Licht,
die ganze Umgebung, die ihn zuerst angemuthet hatten,
waren ihm allmälig beklemmend geworden; und die
Weise, in welcher die beiden Frauen mit einander
verkehrten, die Art, in der sie über die Familien
Kollmann und Darner ihr Urtheil fällten, ohne es
auszusprechen, hatte seiner Offenheit mißfallen und
ihn selbst an der Comtesse irre gemacht.
Er hatte schon auf dem Lande gehört, daß der
pietistische Einfluß jener kurländischen Frau von
Krüdener, die eine galante Weltfrau und Schrift-
stellerin gewesen war, ehe sie sich in die Arme der
Religion geworfen, nicht ohne Einfluß auf den Sinn
des Hofes geblieben war, in dessen Näihe sie eine
kurze Zeit verweilt; und daß unter den Schrecken und

--- IZ-
der Noth der Zeit sich viele Herzen nach einem Halt
und Trost umgesehen, den sie nirgends gefunden als
in dem Glauben und in dem hoffenden Vertrauen
auf die Güte und Weisheit eines allwaltenden, all-
wissenden und allmächtigen Gottes. Die Sinnes-
und Ausdrucksweise der Herrnhuter hatte sich dabei,
wenn auch abgeschwächt, auf die neuen Gläubigen
übertragen, und wenn die Comtesse sich äußerlich
ihnen auch nicht angeschlossen hatte, so war sie ihnen
doch nahe getreten und hatte sich bereitwillig den
Hülfsvereinen angeschlossen, die sich mit Nothwendig-
keit bilden mußten, wo so mannigfachem Elend
Linderung zu schaffen gewesen war.
Eberhard begriff das vollständig, fand es in der
Ordnung, und konnte sich mit seiner gesunden Kraft
doch nicht hineinfinden in diese Atmosphäre der mit-
leidenden Barmherzigkeit. Es wurde ihm Angst und
bange, als er, geradewegs von der Comtesse sich zuu
Kollmann begebend, auch dort in dem Hausherrn,
trotz seiner Achtung gebietenden Erscheinung, einen
schwer gebeugten Mann und in Madame Göttling
eine in tiefe Trauer gekleidete Frau antraf, die fast
ausschließlich von der verstorbenen Frau Kollmann
redete, bis sie auf die Familie Darner zu sprechen
kam, üher die sie, gerade wie Madame Armfield, an-
deuten zu wollen schien, was sie doch nicht aussprechen
mochte. Eberhards Interesse an den Darners wuchs
dadurch. Man schien sie ihm in einer Weise vorent-
halten zu wollen, die ihn zu belustigen begann.
, Sie thun, als sollte ich in ein verzaubertes
Schloß geführt werden!'' sagte er zu sich selbst.
, Sie lassen geheimnißvolle Phantasmen vor mir
aufsteigen. Es fehlte blos, sie warnten mich vor
Unholden und Fußangeln, diese guten alten Weiber,
und sie machen mich damit nuur noch neugieriger

g
==- Zg, -=-
auf die Huldinnen, von denen der Onkel mir ge-
schrieben!?
Daß er Niemand zu Hause fand, als er seinen
Besuch im Dorner'schen Hause abstatten wollte, das
paßte in seine Stimmung hinein. Die Herren wären
an der Börse, die Damen ausgefahren, so meldete
der Diener. Aber dieser Diener sah munter in seiner
bürgerlichen Livree aus, das Haus mit seinen schönen
Laternenständern an der Treppe, das Breite, Reiche
in der Einrichtung mahnten ihn an England. Die
Helle, welche durch die hohen Fenster in die Haus-
flur hineinfiel, die frische Luft darin waren ihm
angenehm, und als er seine Karte abgegeben hatte
und vom Wolme die Freitreppe zur Straße nieder-
stieg, sah er sich noch einmal nach dem Hause mit
den Linden um, von denen freilich die Blätter
schon zu fallen begannen. Er freute sich auf das
Wiederkehren.
Da die Beamten und der Ael mehr in den
oberen als in den unteren von der Kaufmannschaft
eingenommenen Stadttheilen zu wohnen pflegten, hatte
auch Eberhard sich dort in einer der Seitenstraßen
eingemiethet; und früher, als es die Sitte eigentlich
gestattete, klopfte am andern Morgen Frank Darner
an die Thüre Eberhards.
, Herr Baron von Stromberg? fragte Frank,
als er von der engen Treppe und dem dunklen
Vorhaus in das mäfig große und niedrige Zimmer
eintrat, dessen beide Fenster aber einen schönen Aus-
blick auf den Schloßteich und die am andern Ufer
liegenden Gärten gewährten.
Eberhard reichte ihm die Hand entgegen.
,Ea, und Sie können wohl niemand Anderes
als Herr Frank Darner sein, da ich hier noch fremd,
und eines andern Besuches nicht gewäärtig bin.

-- IJ-
Haben Sie Dank, daß Sie so bald gekommen sind '-
Sie schüttelten einander die Häinde, und wie sie nun
einander gegenüber standen, beide groß und kräftig,
beide auf der Höhe der Mannesjugend, obschon Eber-
hard ein paar Jahre älter als Frank war, erschienen
sie sich nicht als Fremde, denn der General war das
Bindungsmittel zwischen ihnen.
Frank fragte, wann Eberhard angekommen sei.
Dieser erzählte, daß er schon seit drei Wochen in
Preußen, aber die meiste Zeit davon in Waldritten
gewesen sei, und Frank, der sich während dessen in
dem Zimmer und in dessen sehr geringer Einrichtung
umgesehen hatte, erkundigte sich, ob Eberhard in
Königsberg zu bleiben gedenke.
Der Baron entgegnete, daß er sich zum Eintritt
bei der Regierung gemeldet und eben imt Hinblick
darauf sich auch nicht allzu weit vom Schlosse ein-
gemiethet habe.
,,Also denken Sie auch in dieser Wohnuung z
bleiben?? bemerkte Frank.
Dem jungen Majoratsherrn war der unwillkitr-
liche Blick nicht entgangen, mit welchem der reiche
Kaufmannssohn die Stube überflog, es focht ihn jedoch
nicht an.
, Ja,' sagte er, ,wenigstens so lange, bis wir
in Waldritten die Scheunen und die Häuser der
Leute neu gedeckt, und Korn haben werden, die Felder
zu bestellen, was beides sofort geschehen muß, da die
schlechte Jahreszeit uns nahe ist. Das Zimmer bietet
mir einen weiten Blick, läßt mir ein Stück Himmel
offen, und das entschädigt mich für den Mangel an
Bequemlichkeit, die ich nicht entbehre.
Die schlichte Bestimmtheit, mit welcher er duurch
diese Worte Frank gegenüber seine Stellung nahm,
brachte ihn diesem noch näher.

-=- Zß-
, Sie haben sicher die Verwüstungen in Wald-
ritten auch so groß gefunden, als wir auf meines
Vaters Gut an der See??
,.Größer, als ich es irgend erwartet hatte; und
die Lage ist um so schwerer, als wir, trotz der Frei-
lassung unserer Hörigen, nothwendig im Augenblick
für sie sorgen müssen, wenn wir nicht grausam
gegen sie sein wollen, während der Staat ihnen ge-
recht wird. Wir haben dringende Arbeiten zu machen,
die uns früher ohne baare, oder gegen sehr geringe
Entschädigung geleistet wurden; und Gutsherren und
Freigelassene gerathen also in eine wirthschaftliche
Krisis, deren Durchhaltung natürlich auf uns zurück
fällt-- von Rechtes wegen!' setzte er hinzu. ,Wir
haben durch lange Jahre den Vortheil gehabt, wir
müssen jeht die Steuer dafüür, freilich nicht eben zu
gelegener Stunde, zahlen!''
,Ich freue mich, Herr Baron,'' sagte darauf
Frank, ,bei Ihnen dieser Anschauung der Dinge zu
begegnen. Man findet sie nicht bei allen Edelleuten,
wenn schon sie mir eine angezeugte ist . . ?
,,Sie stammen von hörigen Leuten! fiel Eber-
hard ihm ein. ,Mein Onkel hat mir davon ge-
schrieben, um mir die Bedeutung Ihres Herrn Vaters
damit klar zu machen, den kennen zu lernen, ich
begierig bin!rr
, So werde ich meinem Vater hoffentlich Ihre
Zusage auf eine Einladung nach Hause bringen -
können, die ich Ihnen in seinem Namen zu machen
gekommen bin. Er hat, die Aufhebung der Hörigkeit
damit zu feiern, für morgen einige Freunde des
Hauses, einige Beamte der Bank und der Regierung,
zu einem Mittagessen eingeladen und bittet Sie, dabei
unser Gast zu sein. Sie kommen, hoffe ich!
,Mit großer Freude! Werde ich vielleicht dabei

Kapitel 04

-- ßF -=
auch die Gelegenheit haben, mich Ihrer Frau Ge-
mahlin vorzustellen??
Frank sagte, daß sie ihm einen besonderen Gruß
für den Neffen des Generals aufgetragen habe.
Darnach trennten sich die beiden jungen Männer,
als wären sie an dem Morgen nicht zum ersten Mal
beisammen gewesen.
Viertes Kapites
Die Bekanntschaft mit Darner und dessen An-
gehörigen war für Eberhard eine neue Erfahrung.
Es war dad erste Mal, daß er mit einer Kaufmanns-
familie in eigentlichen Verkehr zu treten dachte; denn
wenn er auf Reisen in den verschiedenen Läändern
und Städten seine Kreditbriefe abgegeben und benützt,
hatte er wohl gelegentlich in Folge davon eine Ein-
ladung erhalten und angenommen, damit war es
denn aber für ihn auch fast immer zu Ende gewesen.
Hier, den Darners gegenüber, war es ein Anderes,
und er ging mit einer günstigen Voreingenommenheit
an die neue Bekanntschaft heran, die durch den
Eindruck des Hauses an sich, wie gesagt, gesteigert
worden war.
Nichts in demselben gab es kund, daß die Noth
der Kriegszeit über dasselbe so gut wie über alle
Anderen hinweggegangen war. Die Empfangszimmer
waren zu dem Mittagbrode festlich geschmückt. Das
Bild des Königs, der die Hörigkeit aufgehoben, mit
einem frischen Eichenblätterkranz umgeben, prangte in-
mitten der Hauptwand. Eine Anzahl von Beamten,
unter ihnen der Bankdirektor und die beiden ersten

==- ZF -
Räthe der Bank, einige der Konsuln mit ihren
Frauen, andere ohne dieselben, und ein paar fremde,
eben in Königsberg anwesende Kaufleute, waren
in dem Zimmer versammelt. Auch der Disponent
des Darner'schen Geschäftes, der Kassirer, sowie
die beiden ältesten Handlungsgehilfen waren aus-
nahmsweise geladen. Aber obschon die Gesellschaft
zahlreich war, fielen Lorenz Darner und die drei
schönen Frauuen des Hauses Eberhard gleich bei seinem
Eintritt auf.
Als Frank demt Vater den jungen Baron vor-
stellte, empfing er diesen mit Zuvorkommenheit. Er
gedachte dabei des Generals, deutete an, daß er von
Eberhards gestrigem Gespräch mit seinem Sohne
unterrichtet sei, daß er sich freue, in ihm einem
Manne zu begegnen, der mit Neberzeugung bei dem
Feste sei, an welchem heute in seinem Hause Theil
zu nehmen er ihn geladen, und setzte dann hinzu,
es solle ihm lieb sein, wenn er sich, wie der General,
in diesem Hause heimisch zu fühlen lerne.
Eberhard hatte nicht erwartet, einen so voll-
kommenen Weltmann in Darner zu finden, und doch
tauchte in dieser angenehmen Neberraschung der Ge-
danke in ihm auf, wie merkwürdig es sei, daß der
hörig geborene Mann mit ihm, dem Nachkommen
eines Geschlechtes, das schon in den Kreuzzügen
ruhmvoll gefochten, in dem Tone - er fand in sich
kein anderes Wort dafür-- in dem Tone so vor-
nehmer Geneigtheit verkehrte.
Der Gedanke ging aber so schnell vorüber, als
er gekommen war, und Franks offener Freimuth,
Justinens Sicherheit, der man es anfühlte, wie eine
große Gastlichkeit ihr Sache der Gewohnheit, und wie
sie erfreut sei, sie dem Neffen ihres Freundes bieten
zu können, stimmten auch Eberhard frei und heiter,

--- Zß--
während der Liebreiz der schönen Schwestern seine
Augen fesselte und ihn an sich zog.
Der Unterschied zwischen diesem Hause, dieser
gemischten Gesellschaft und jener andern, der er in
den Schlössern und auf den Landsitzen begegnet war,
in denen er seine Besuche in der Provinz gemacht,
war überraschend; an die kleine Wohnung und an
den Morgen bei der Comtesse gar nicht erst zuu
denken. Dort fast überall ein klagendes Rüickblicken
auf die letzten Zeiten und ein sorgenvolles und meist
vertrauensloses Vorwärtsschauen. Hier die Freude,
eine schwere Zeit glücklich überstanden zu haben, und
die energische Zuversicht, daß Verlorenes zu ersetzen,
daß mit dem festen Willen und mit Anwendung der
rechten Mittel auch zu erreichen sein müsse, was man
von der Zukunft für sich wünsche.
Gewohnt, in den Worten der Dichter den Aus-
druck für seine Stimmung zu suchen und zu finden,
kam Eberhard Leonorens:,Denn es umgiebt mich
eine andere Welt!'' immer wieder in den Sinn.
Es war eine Gesellschaft von dreißig Personen
zusammen, aber der Speisesaal war groß genug,
eine größere Anzahl aufzunehmen. Die Mitarbeiter
aus dem Geschäft nahmen das untere Ende der
Tafel ein. Eberhard hatte man seinen Platz zwischen
den beiden Schwestern angewiesen, und ihre Unbe-
fangenheit war für ihn in ihrer Art ebenso neu, als
die Erscheinung ihres Vaters. Sie fragten zwanglos
wie die Kinder, sie antworteten ebenso auf seine
Fragen. Es klang so verlockend, wenn ihre rosigen
Lippen von fremden Zonen sprachen. Er meinte es
in dem feuchten Glanz von Dolores' Augen zu lesen,
daß ein anderer Himmel, ein anderes Licht sich in
ihnen gespiegelt.
, Ich denke am Tage selten an mein Geburts-

=- Z( --
land,' sagte sie, ,denn wir waren ja dort allein,
aber in der Nacht im Traume, da sitze ich oft unter
den Palmen und Karuben in unserem Garten und
sehe wie die bunten Vögel sich necken in den Ranken
der Lianen, und höre, wie das Wasser sanft an-
schlägt an die Treppe, die hinunterführte an das
Meer . . ?
Sie brach ab, denn Darner hatte sich erhoben,
und leise mit dem Messer das Glas berührend, das
vor ihm stand, nuhm er mit dessen Klingen die Auf-
merksamkeit seiner Gäste für sich in Anspruch.
,,Sie haben mir wieder einmal die Ehre gezeigt,
meine Verehrtesten, meine Gäste zu sein, und ich
habe die Mitarbeiter aus meinem Geschäfte mit uns
vereint, um mit Ihnen Allen gemeinsam das Dankes-
fest zu begehen, zu dem ich Sie, ohne daß ich Sie
darauf vorbereitet, heut versammelt habe. Lassen
Sie uns denn auf das Wohl des Königs trinken,
der durch das neueste von ihm gegebene Gesetz den
Fluch der Knechtschaft von hunderttausenden seiner
Unterthanen genommen, den Fluch, von dem ich mich
dereinst nur durch eine Gewaltthat und durch Flucht
zu befreien vermochte. Lassen Sie uns selbst die
Leiden und die Drangsale segnen, durch die der
König und wir mit ihm gegangen sind, denn sie
haben das Herz des Königs zu dieser Großthat der
Gerechtigkeit gereift. Stoßen Sie mit mir an auf
eine bessere, glückliche Zukunft für den König und
sein Haus, für das Land, für uns Alle - vor allen
Anderen aber für die ihrem Menschenrechte wieder-
gegebenen Hörigen! Es lebe hoch, der König unser
Herr! Es lebe Friedrich Wilhelm der Dritte und
die Königin Luuise!-
,, Hoch und abermals hoch und noch einmal
hoch!'' erklang es aus dem Munde der Gäste. Die

b ZJ --
Männer hatten ihre Plätze verlassen, um sich Darner
und den Seinen ebenso wie den weiblichen Gästen
zum Anklingen zu nahen. Seine Leute traten an
ihren Chef mit sichtlicher Freude heran, Darner und
Frank gaben ihnen die Häinde. Stromberg stieß mit
Frank noch im Besonderen an.
, Welch' ein imponirender Mann ist Ihr Vater!'
sagte er.
, Und ein selbstgemachter, wie Sie hören!'' setzte
Frank hinzu. ,Kennten Sie die Umstände näher,
so würden Sie begreifen, daß er selbst, eben in
diesem Augenblick, wieder eine befreiende That für
sich gethan hat!?
Es blieb in der raschen Bewegung des Auugen-
blicks keine Zeit zu weiterer Erklärung. Die Diener
trugen den Nachtisch auf, das Gefrorene wurde herum-
gegeben.
Während Konsul Armfield und ber Direktor der
Bank aneinander vorübergingen, um ihre beider-
seitigen Plätze wieder einzunehmen, bemerkte Arm-
field:
,Das war wieder einmal ein Meisterstück! Von
dem, was er, ein Fest begehend, vor seinen Gästen
und vor seinen Leuten an die große Glocke schlägt,
lohnt es fortan nicht mehr, heimlich zu sprechen, oder
ihm dasjenige zum Vorwurf zu machen, dessen er
sich rühmt. Er ist gewohnt großes Spiel, und das
Prävenire zu spielen.?
Blick.
Der Bankdirektor maß Armfield mit ernstem
,Das ist freilich schlimm für diejenigen, die das
Vergnüügen dadurch verlieren, ihn durch ihr Urtheil
zu verkleinern. Aber Darner weiß, was er ist, und
weiß immer, was er will und kann, und darnach
handelt er!'?

== ZZ -
Er ließ sich nach den abweisenden Worten wieder
neben Justine nieder.
,Ihres Schwiegervaters Kinder!'' sagte er, ihr
die Hand küssend, ,Sie, Madame, an der Spitze und
die zu erwartenden Enkel l'? - Er trank sein Glas
aus, sie folgte mit heißem Erröthen seinem Beispiel.
Darner und Frank, die an Justinens Miene
errathen haben mochten, was es galt, nickten ihr und
dem T..ektor frezndlich zu.
z
, Er hat sie alle, alle sammt und sonders in der
Gewalt!'' murmelte Armfield, wie zu sich selber, aber
doch laut genug, um von seinen Nachbarn verstanden
zu werden.
Indeß Darners heitere Stirn, die Zufriedenheit,
mit welcher er um sich schaute, das Schreien und Lachen,
das mit dem perlenden Champagner lauter und
sprühender wurde, machten, daß man die Worte des
Konsuls nicht beachtete; und als auf ein Zeichen von
Frank im Nebenzimmer Musik erklang, als man die
Melodie zu Schillers Lied an die Freude vernahm,
und Justine den ersten Vers zu singen begann,
stimmnten Alle ein in dac Lied, das damals oft den
Schluß der Mittagbrode bildete.
Heute aber und hier sang man die Worte:
,, Alle Menschen werden Brüder!'? mit tieferem
Empfinden als wohl sonst; und in froher, gehobener
Stimmung verließ man die Tafel und verließen die
Gäste das Haus.
Eberhard hatte den Weg nach seiner Wohnung
allein zurückzulegen. Er führte ihn an dem Komödien-
hause vorüber, das man seit einigen Tagen wieder
eröffnet hatte; aber obschon er ein Freund des
Theaters und es eben sechs Uhr, die Stunde des
Beginnens, war, lockte das Schauspiel ihn heute
nicht, und er schritt seine Straße vorwärts, nach der

-=- ZZ -
Schloßbrücke zu. Als er sie erreichte, war der Mond
aus dem Gewölk hervorgetreten, das ihn bis dahin
umhüllt hatte. Es war hell und die Luft für die
Jahreszeit mild und still. Er blieb stehen und sah
sich um.
Er entsann sich, als wäre es gestern gewesen,
wie er mit seiner Mutter und der Comtesse aus dem
Garten des von Bork'schen Hauses, in welchem sie
zu Gaste gewesen, die Treppe hinuntergestiegen war
in das Boot, eine Wasserfahrt zu machen. Das
war volle achtzehn Jahre her, und der Schloßteich,
breit und lang und ansehnlich, wie er war, der ihn
damals so groß gedünkt, erschien ihm jetzt klein,
wenn er ihn mit den drei Seen in Kopenhagen,
oder mit dem Alsterbassin in Hamburg verglich.
Und doch gefiel ihm der Teich, und die frische Luft
erquickte ihn.
Langsam, die Arme über die Brust gekreuzt,
ging er auf der Brücke hin und wieder. Er sah
die Gärten, die den Teich von allen Seiten um-
gaben, die Häuser, die über dieselben hervorragten,
die Lichter hinter den und jenen Fenstern; und so
hell war es, daß er vor dem Bork'schen Garten unten
die beiden umgekehrten Boote auf der halben Höhe
der Terrasse liegen sah.
Die Umgebung war ganz dieselbe. Seine Mutter
war lange dahin. So deutlich meinte er sich ihrer
nie erinnert zu haben, und . .
In Nord und Süd war er herumgereist, immer
sich selbst genug, eins mit sich. Warum war er denn
heute so weich gestimnmt? Warum fühlte er sich heute
gerade einsam? Warum war er nicht mit sich zu-
frieden? Neidete er den Darners ihr Famnilienleben,
oder gar den reichen Besitz, in dem sie so sicher be-
ruhten?
Lewald. Die Jamilie Darner. U.

-- Zg--
Seine Rührung wich dem Lächeln, mit welchem
er sich auf diese Frage Antwort gab. Er und Neid?
Was hatte er, Eberhard von Stromberg, der Majorats-
herr der Waldritter Linie jenen neu Emporgekommenen
wohl zu beneiden?
Die würdige Vergangenheit eines altenGeschlechtes
lag hinter ihm, eine ihm entsprechende Thätigkeit vor
ihm, wenn es ihm gelang, die Gegenwart zu be-
wältigen, indem er das schwer geschädigte Erbe seines
Hauses herstellte. Mit den Grundsätzen und Geseten,
nach denen man Städte und Staaten verwaltet und
regiert, hatte er sich beschäftigt, von dem praktischen
Betrieb der Landwirthschaft, durch welchen seinem
eigenen Besitze aufzuhelfen war, von dem Ineinander-
greifen der Landwirthschaft und des Handels verstand
er wenig genug. Seine philosophischen, seine historischen
Studien waren auf dem Markt des Lebens, in dem
Kampfe um dessen Nothdurft für Waldritten nicht zu
verwerthen; und jene alle, mit denen er gespeist, die
hatten, was ihm fehlte.
Es war ein sonderbarer Zwiespalt in ihm. Er
fühlte sich diesen Kaufleuten durch seine Geburt wie
durch seine Bildung überlegen, und doch konnte er
den Gedanken nicht los werden, daß mit aller seiner
Zuvorkommenheit für ihn, Darner auf ihn herab-
gesehen, daß es mit dem Kaufmannsstolze gegenüber
dem Adel seine Richtigkeit habe.
Alle diese Männer waren gereist wie er, und
Alle, selbst Frank, schienen der Ansicht, als habe er
den rechten Nutzen von seinen Reisen nicht gezogen.
Was ihm Hauptsache gewesen war, die Betrachtung
der Kunst, die Geschichte des Landes und des Volkes,
davon hatten sie, nach dem Grade ihrer sonstigen
Bildung, doch nur beiläufig Kenntniß genommen;
aber das, was für ihr Geschäft, für sie und ihren

= ZH --
Vortheil von Einfluß sein konnte, darüber hatten sie
sich vollständig unterrichtet, wo immer sie gewesen
waren- und das hatte er versäumt.
Er hatte sich jeden Neides für unfähig gehalten,
und wie er sich jetzt in seinem sinnenden Umher-
schlendern der Unterhaltung erinnerte, welche die
Männer geführt, nachdem die Frauen sich von der
Tafel entfernt, beneidete er sie um die Sicherheit,
mit der sie in ihrem Berufe standen, um die Neber-
legung, mit welcher sie ihren persönlichen Vortheil
mit dem allgemeinen in Verbindung setzten, um das
weite, zuversichtlich planende Vorwärtsblicken, hinter
welchem die Ereignisse des letzten drangsalvollen Jahres
schon zurückzutreten begannen.
Er hatte von diesen Drangsalen persönlich nicht
wie sie gelitten. Er war ihnen aus dem Wege ge-
gangen auf seinen Reisen; das war ein Unrecht ge-
wesen, und er bereute es. An dem Herd der Sorge
in Waldritten, in seinem Schlosse, mitten unter seinen
Leuten wäre sein Platz gewesen, das empfand er
heute noch deutlicher als in seinem Schlosse; denn
wer konnte wissen, ob er dort nicht manchem Unheil,
mancher Zerstörung zu wehren vermocht?
Aber er hätte sie doch nicht missen mögen, die
Jahre, die er seinen Studien, die er der Wissenschaft,
der Kunst, der Poesie gelebt.
Eine Anzahl von Studenten, die von dem Königs-
garten nach der Brücke hinunterkamen, zogen mit
lautem Singen fröhlich an ihm vorüber und weckten
ihn aus seinem Grübeln auf.
,Träumer!' sagte er zu sich selbst und ging
dann mit dem Vorsatz seines Weges, daß es mit dem
Träumen für ihn ein Ende haben solle.
z

Kapitel 05

s
-- Zß--
Jünftee Kapites
Wenn der Mensch einmal dahin gekommen ist,
an sich und seiner bisherigen Lebensführung zu
zweifeln, läuft er Gefahr, darin zu weit zu gehen,
und muß darnach trachien, Fuß zu fassen, um nicht
auf neue falsche Wege zu gerathen; das empfand Eber-
hard, als er an dem Abend in seine Wohnung kam.
Er zündete sein Licht an, setzte sich an den Se-
kretär und nahm noch einmal das Antwortschreiben
zur Hand, welches er auf sein Ansuchen um Ver-
wendung bei der Regierung erhalten hatte. Es war
in demselben ungewiß geblieben, ob man ihn sofort,
ob in Königsberg oder in Gumbinnen beschäftigen
werde. Der Landhofmeister von Preußen, ein der
Familie Stromberg verschwägerter, von dem Könige
geschätzter Beamter, hatte ihm aber in einem nicht
amtlichen Briefe, seine Verwendung zugesagt und ihm
den Rath ertheilt, die Entscheidung in Königsberg
abzuwarten, wo er die maßgebenden Personen durch
sein gelegentliches Erscheinen leichter als mit neuen,
schriftlichen Eingaben an sich erinnern könnte.
Darnach hatte er handeln wollen und er hatte
vorgehabt, die Zeit zu nüten, indem er sich mit der
Spezialgeschichte der Provinz und der Stadt be-
schäftigte, für welche die Stadt- und die Universitäts-
bibliothek ihm Material darbieten mußten. Wer aber
konnte ihm sagen, ob es sich mit diesem Abwarten
um Tage, um Wochen, um Monate handeln würde?
Und für seine Befähigung, seinen Landsitz selbst zu
verwalten, war damit wieder nichts gethan, während
er sich diesem Landbesitz doch schuldete.
Seine Vorfahren hatten ihn erworben und in
seinem Werth für ihre Nachkommen, für ihn, den

-- Z?-
gegenwärtigen Besitzer, erhöht. An ihm war es
also, den Namen derer von Stromberg und ihren
Besitz zu erhalten und ihn aus seinem augenblick
lichen Verfall herauszuarbeiten für seine dereinstigen
Erben.
Mit dem Gedanken an seine Pflicht, an Wald-
ritten, an die eingeschlagenen Thüren des Schlosses,
an die niedergebrannte Mühle, an die Berechnungen
des Verwalters, die er mit sich genommen, hatte
er sich niedergelegt; und der weitere Gedanke, daß
er ein schlechter Rechner sei, hatte ihn verdrossen,
denn er war darauf angewiesen, zu rechnen und
genauer zu rechnen, als er es bisher gewohnt ge-
wesen war. Neberlegend, auf welches geringste Maß
er sich in seinen persönlichen Ausgaben beschränken
könne, ohne dem äußern Anstande zu nahe zu treten,
den er auch nicht nur sich, sondern seinem Namen
schuldete, und mit dem wiederholten Vorsatz, daß es
mit dem Leben nur für seine Befriedigung und mit
dem Träumen ein Ende haben müsse, war er spät
eingeschlafen. Indeß nur über das wache Träumen
hatte er Gewalt, nicht über die Träume, die der
Schlaf ihm bringen konnte.
Denn die Flügel der Windmühle in Waldritten,
die er als Kind für einen großen Vogel gehalten,
über den er sich gewundert, weil er immer an dem-
selben Fleck geblieben und nie hoch hinauf in die
Luft geflogen war, diese Flügel waren über und
über mit Zahlen beschrieben und drehten sich immer
geschwinder und geschwinder, bis sich schimmernde
Fäden zwischen ihnen ausspannten, die allmälig hell --
zu leuchten anfingen und Strahlen zu werfen be-
gannen, hoch hinauf, hoch hinauf! Und er trat in
die Mühle hinein, zu sehen, was denn der arme
alte Müller, dem sie auch das letzte Hemd genommen

== ZF -
und die Stiefel von den Füßen gezogen, zu seinen
Mühlenflügeln sage; aber sie hatten sogar die Wände
in der Mühle ausgebrochen, so daß er durch die
Thüre gleich hinaus ins Freie trat, und statt der
Quitschenbäume?s, die dort vor dem Kohlgarten ge-
standen und in denen er neulich noch die Netze hängen
sehen, mit denen man die Krammetsvögel bei ihrem
Zg gen Süden aufzuhalten getrachtet, breitete sich
ein großer Garten aus. Bunte Schlinggewächse
rankten sich an den blühenden und goldene Früchte
tragenden Orangenbäumen hinauf zu den Palmen
und Karuben, daß er sich fragte, wo er denn sei?
,Weißt Du das nicht?? entgegnete ihm der Stamm-
herr seines Hauses und reichte ihm aus dem schwarzen
Rittermantel die Hand entgegen. ,Bist Du so lange
fern gewesen von dem Orte, an den Du hingehörst?
Hier ist ja der Eingang in das Schloß Deiner
Väter !'? Damit nahm er ihn bei der Hand, und
sie schritten durch die thürlose Halle hinauf in das
Zimmer, in welchem Darner und seine Gäste beim
Kaffe ihre Eigarren rauchten, und Darner sagte
wieder, gerade so wie Eberhard es von ihm gehört:
,,Was wollen denn Königreiche und ihre Herrscher
jetzt noch bedeuten, da wir es erlebt haben, wie man
sie stürzt und umstürzt und neu auus dem Stegreif
fabrizirt? Mlles ist wandelbar, nur nicht die solide
Thatsächlichkeit der Zahlen. Ob in Kassel Jerome
Bonaparte oder der Kurfürst von Hessen ihr Regiment
führen - zweimal zwei bleibt vier unter der einen
wie unter der andern Regierung. An Gesetzen läßt
sich deuteln, vor dem Abschluß einer doppelten, gut
geführten Buchhaltung verstummt der Witz!'? Darauf
lachten wieder alle die Männer, aber Virginiens
? So nennt man in Preußen die Eberesche.

- Ii --
helles Lachen klang dazwischen und sie rief: ,Haben
Sie denn niemals Seifenblasen gemacht? Das ist
ja das größte Vergnügen! Sehen Sie all die Farben
zwischen den Mühlenflügeln, das sind ja lauter
Seifenblasen !?--- ,Laß die Possen, Mädchen! fiel
ihr Justine ein, und wie sie das gesagt hatte, stäubten
die Farben verschwebend auseinander-- und Eber-
hard erwachte.
Es war noch völlig dunkel um ihn her, er mußte
sich besinnen, wo er war. Er suchte mit dem Blick,
nach welcher Seite die Fenster lagen, und wie dann
die wirren, phantastischen Gebilde seines Traumes
an ihm vorübergezogen, fiel es ihm auf, daß Justine
und Virginie unter ihnen gewesen waren und nicht
Dolores, die ihm als die Anmuthigste von den Dreien
erschienen war. Aber auch dieser Einfall huschte so
rasch an ihm vorüber wie der ganze Traum; nur
Darners Worte, die sich ihm gestern scharf ein-
geprägt, klangen auch jetzt noch deutlich in ihm nach:
,, An Gesetzen läßt sich deuteln, vor dem Abschluß
einer gut geführten doppelten Buchhaltung verstuummt
der Wiz !'-
Er entsann sich, was Goethe im ,Wilhelm
Meister'' über die Bedeutung der doppelten Buch-
führung sagt. Die hatte er zu lernen! Rechnen
m ußte er lernen! Das war in diesem Augenblick
für ihn das Wichtigste, wichtiger als die Chroniken und
Urkunden in den Bibliotheken, und eine Hexerei konnte
dasjenige für ihn nicht sein, was ungeschulte Juden-
jungen und Ladenschwengel für ihre Zwecke zu be-
wältigen vermochten; wäährend ihm die Kenntniß
dieser Rechnungsführung vielleicht auch in dem Falle
sehr zu statten kommen konnte, wenn man ihn in
dem Departement des Steuerwesens beschäftigten sollte.
Er wollte sich bei Frank wegen eines Lehrers er-

z
-=- H( =
kundigen; und sich daneben in den Bibliotheken um-
zusehen blieb ihm doch noch Muße geng.
Da er Frank während seiner Geschäftszeit nicht
stören mochte, galt an dem Tage sein erster Gang
der Bibliothek. Er verweilte dort ein paar Stunden
und sprach dann auf seinem Wege nach dem Kneip-
hof bei der Comtesse noch vor.
Er fand sie und ihre Umgebung ganz wie bei
dem früheren Besuche, nur daß ihm heute, wo es
draußen frisch gewesen war, die stark geheizte Luft
in ihrer Wohnung schon im Eintreten drückender und
der süßliche Geruch des Potppurri unangenehmer
erschienen als neulich. Er erkundigte sich nach ihrem
Ergehen. Sie antwortete ihm mit der Frage, ob er
bei den Darners gewesen sei, und setzte, als er ihr
das bejaht hatte, sofort hinzu:
, Ich freue mich, daß Du so bald wieder ge-
kommen bist, denn wir Alten sind es so sehr gewohnt,
daß die Jugend uns jede sie betreffende Meinungs-
äußerung übel nimmt. Ich fürchtete schon, Du würdest
scheu geworden sein.?
,,Wovor denn? unterbrach er sie erstaunt.
,Vor meinem Rathe, nicht zu eilig mit Deinem
Besuche bei den Darners zu sein! Wie hast Du's
bei den Leuten denn gefunden??
Eberhard hatte auf ihre neuliche Warnung gar
kein Gewicht gelegt, jetzt machte sie ihn vorsichtig.
, Wie der Onkel es mir geschildert. Es ist eine
sehr gebildete Familie in einem reichen, auf bestem
Fuß gehaltenen Hause.?
, Und schöne Töchter, reiche Argenterie, feinste
Weine, vorzügliche Küche, setzte die Comtesse hinzu,
,, und Alles blank und neu! Ja, damit zwingen
sie'a! Aber laß Dir eine alte Geschichte erzählen.
Ich war ja auch einmal jung -= nun, und zu leiden,

- PJ-
wie man zu sagen pflegte. Ich war zweiundzwanzig
Jahre, da kam ein Graf Moczinski auf das Gut.
Du hast wohl gehört, die Moczinskis ind ange-
sessen diesseits und jenseits der Grenze, und der
Onkel von dem Grafen Jeanot war Adelsmarschall
dazumal: Graf Jeanot hatte mich gesehen bei den
Ebersteins in Eberstein, und war gekommen um
meinetwillen. Ein schöner Mensch mit feiner Konduite.
Nun, er hätte mir gefallen können! Da kam aber
des Vaters alter Kammerdiener, der den jungen
Grafen bei uns zu bedienen hatte, und sagte, während
er den Vater puderte: ,Herr Graf, nichts für ungut,
aber mit dem polnischen Herrn ist es nichts, alles zur
Parade, nicht ein altes Stück in seinen ganzen Sachen!?
Und der Vater ließ sich das gesagt sein; und wie er
dann weitere Erkundigungen einzog -- da war's auch
nichts; und es blieb zu Hause und mit mir beim
guten Alten!''
Eberhard, dem bei seinem historischen Sinne
Erzählungen über die Vorfahren seiner Eltern immer
Freude machten, hatte der Comtesse mit Vergnügen
zugehört. Als sie geendet hatte, sagte er:
,,Das ist eine feine und richtige Bemerkung gegen-
--Aber einem Edelmann aus altem Hause. Wer jedoch
wie Herr Lorenz Darner nichts in die Welt mitbringt
als seine gesunden Gliedmaßen, einen klugen Kopf,
ein muthiges Herz und den Fluch der Knechtschaft,
wie er selbst es in dem Trinkspruch neulich bei
seinem Gastmahl nannte, dem bleibt ja nichts übrig,
als für sich und die Seinen Alles neu zu beschaffen,
was sie bedürfen; und wem das in dem Maße ge-
lingt wie diesem Manne, der hat Recht, dünkt mich,
stolz darauf zu sein!''
Die Comtesse schüttelte langsam das schmale
Haupt.

-- PZ--
,Also Du, mein Lieber, gehörst, wie ich eben
aus dieser Vertheidigung vernehme, auch zu Denen,
die ein neues goldenes Zeitalter erwarten, das der
Menschheit von außen herangebracht werden soll!
Wie seid Ihr blind und wie ungerecht in Eurer so-
genannten Gerechtigkeit!''
, Gilt Ihre Bemerkung der Befreiung unserer
Hörigen?? fragte der Neffe, da er sah, daß die
Comtesse Alles unbeachtet gelassen, was er zu
Gunsten der Darner'schen Familie gesagt, und sich
nur an das Wort über die Knechtschaft gehalten hatte.
, Gewiß,' gab sie ihm zur Antwort, ,benn ich
verstehe Dich nicht und alle diejenigen nicht, welche
dieser neuen Zeit vertrauenövoll entgegensehen. Mich
-- mich trifft das neue Gesetz nicht, denn ich nenne
nicht eine Ruthe Land mein eigen, und wenn meine
Regine auch meines Vaters und somit meine Hörige
war, so ist sie mir noch anders hörig als durch das
Gesetz und wird mir einmal die Augen zudrücken,
obschon man ihr jetzt erlaubt hat, davon zu laufen.
Aber Du-- Du, mein Herr Neffe, sagst sehr richtig:
die Befreiung unserer Hörigen und freust Dich darüber,
wie Du behauptest. Das bewundere ich!'
Es flog dabei ein spöttisches Lächeln über ihre
Liypen, das sie jedoch gleich unterdrückte.
, Ich? Ich finde es nichts weniger als an-
genehm, fuhr sie fort, ,wenn man mir nimmt, was
mir gehört! Aber freilich, ich bin aus der alten Zeit,
und das, was sie da drüben in Frankreich und jett
auch hier von Menschenrechten reden, das will nicht
mehr in meinen alten Kopf, und darum verstehe ich
Dich auch nicht!r
,So sind Alt und Jung in diesem Augenblick
ganz in der gleichen Lage, gnädigste Tante, denn
ich kann mir diese Anschauuung in Ihnen nicht zurecht-

-- gZ--
legen. Sie glauben an das weise Walten der gött-
lichen Vorsehung, Sie unterwerfen sich derselben mit
Vertrauen, sind unserem Könige in Gehorsam ergeben
und dabei wohlthätig. Sie sind, wie Sie gestern noch
Madame Darner mit Verehrung nannte, Sie sind
menschenfreundlich .. .?
, Nicht auf Kommando ? fiel sie ihm lebhaft ein,
und heftiger werdend, als er es für möglich gehalten
hatte, setzte sie hinzu: ,Wir Elmenhorsts sind gewiß
die letzten, uns aufzulehnen gegen den Willen und
gegen die Gesetze unseres Königs, und wenn er uns
Hab und Gut entreißen will, so werden wir's er-
tragen. Aber wäre es nicht Seine Majestät, der
das neuue Gesez gegeben hat, ich würde-- Gott
verzeih mir die Sünde! - sagen, sie handeln wie
der katholische Heilige, der Sankt Erispin, der aus
Leder, das er Anderen genommen, den Armen Stiefel
machte! Wo soll der Respekt vor dem fremden
Eigenthum unter dem Volke herkommen, wenn der
Staat unser Eigenthum, das Eigenthum der alten
Geschlechter nicht mehr achtet? Menschenrechte, welch
eine abgeschmackte Vorstellung! Hat nur das Volk
auf unseren Höfen, nur die Krapule Rechte? Haben
wir sie nicht? Du wirst's zu empfinden haben,
junger Herr, wenn Deine freien Mitmenschen für
jeden Botengang, den Du sie schickst, und jeden Axt-
schlag und Dreschflegelschlag, den sie für Dich zu
thun haben werden, den Lohn verlangen ! Und ver-
hungern und verkommen kannst Du sie nebenher
doch auch nicht lassen, wenn Du das Elend nicht
- vor Augen haben willst! Es wird Manchen ruiniren,
der tren zu seinem Könige gehalten hat! Wen's
helfen wird, das ist noch die Frage; und zu rechnen,
mein Lieber, wirst Du auch damit haben und keinen
Dank davon, darauf verlaß Dich!'-

=- IH;-
, Regine,? rief sie, indem sie rasch die kleine
silberne Klingel in Bewegung sezte, die neben
ihr auf dem Tische stand. ,ein Glas Mlsure
Orange !?
,Ich bedaure, daß ich Sie so aufgeregt,' sagte
Eberhard und wollte aufstehen, um sich bald zu
entfernen, da er voraussah, es werde in diesem
Punkte mit der Comtesse keine Verständigung z
finden sein.
,Mache Dir kein Gewissen darauus, lieber Freund,
und bleibe sitten. Bist Du doch nicht der Einzige,
der mir beweisen will, daß der alte Wahlspruch
unseres Landes, das Snum euigue, jetzt nicht mehr
dasselbe bedeutet wie noch vor sechs Wochen. Jedem
das Seine! Das hieß bislang: Jedem das, was
ihm gehört!? Jetzt jedoch soll's mit einem Mal
heißen: ,Jedem, was ihm gebührt! Nun, unseren
allerhöchsten Herrschaften gebührt unsere unterthänige
Verehrung, und wir zollen sie ihnen, das weiß Gott,
von Herzen und haben uns in unseren Schranken
gehalten und zu ihnen in Unterthänigkeit emporge-
sehen, wie es sich gebührt. Ob die Leute, denen man
erklärt hat, sie brauchten nicht mehr in Unterthänigkeit
zu uns empor zu sehen, das nicht auch auf die höchsten
Herrschaften anwenden werden, das wird sich erst zu
zeigen haben!''
Sie trank noch einmal von ihrem Orangenwasser,
fächelte sich Kühlung zu und sah Eberhard an, eine
Entgegnung oder Zustimmung erwartend. Da er
schwieg, fragte sie ihn, was er denke.
,Nöthigen Sie mich nicht, es auszusprechen!
entgegnete er ihr, zu scherzendem Tone übergehend.
, Genire Dich nicht, ich bin an Widerspruch ge-
wöhnt!'
, Ich frage mich, theure Tante, wie Ihre

--- hh -
religiösen und Ihre aristokratischen Neberzeugungen
sich miteinander vertragen, wie Sie die christliche
Lehre, daß wir Alle gleich sind vor Gott.- -
, Vor Gott,'' fiel sie ihm mit Nachdruck ein,
,. nicht hienieden!' und da sie sah, daß er sein
Lächeln über diese Aeußerung nicht unterdrücken
konnte, sagte sie: ,Sprechen wir nicht mehr davon;
ich bin, wie es uns vorgeschrieben ist, in der heiligen
Schrift, unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über
mich hat; und wenn es heute meiner Regine gefällt,
nach Seiner Majestät Bewilligung, ihrer Wege zu
gehen, so werde ich sie nicht halten. Aber meines-
gleichen ist sie deshalb nicht, den Bildungsgrad ganz
abgerechnet. Altes, reines Blut ist altes, reines Blut,
und der Majoratsherr von Waldritten will. das
leugnen? Das ist erst recht zum Lachen! Heirathe
eine Freigelassene, wer will Dir's wehren, wenn Du
Waldritten für sie aufgiebst? Aber nachher, mein
Lieber, erzeige mir dann wenigstens die Ehre, sie mir
nicht vorzustellen !'?
Sie war über die bloße Vorstellung einer solchen
unmöglichen Möglichkeit plötzlich guter Laune geworden,
und ihre Eigenart gefiel und belustigte Eberhard;
denn wie sehr er auch von dem Geiste der neuen
Zeit durchdrungen war, hielt er doch nicht weniger
als die Comtesse auf seine Herkunft von edlem, altem
Stamme; und so schieden sie nach dem kleinen Zwie-
spalt erst recht als gute Freunde.

Kapitel 06

-=- g,H? --
GAfif,s'
BecsleS ==z--=-
Es war an dem Tage reitende Artillerie vom
Ermeland nach Königsberg gekommen, und Eberhard,
der sich während dessen zufällig in der Straße be-
funden, hatte unter den Einziehenden Roderich Klee-
mann, den Sohn eines Justizkommissars aus West-
preußen, wiedererkannt, mit welchem er in Schnepfen-
thal zusammengewesen war, bis Roderich, seiner
Neigung folgend, Soldat geworden und in ein Artillerie-
regiment eingetreten, weil er sich als Bürgerlicher in
demselben ein besseres Vorwärtskommen als in der
Infanterie versprochen.
Sie waren gleichen Alters und waren in den
Klassen gute Kameraden gewesen. Obgleich sie ein-
ander seitdem aus den Augen gekommen waren, hatte
auch Roderich den Schulfreund bei dem ersten Blick
mit Freuden begrüßt, und Eberhard war dem Re-
giment bis zu seiner Kaserne gefolgt, um den ehe-
maligen Gefährten zu sprechen, sobald der Dienst ihn
frei ließ. So war der Nachmittag herangekommen,
bevor Eberhard in das Darner'sche Haus und zu
Frank ins Komptoir kam.
Auf der Straße war es noch hell gewesen, in
dem großen, nach dem Hofe gelegenen Komptoir, in
dem man keinen Laut vernahm als das Ticken der
Ühr und das Kritzeln der Federn in den Händen der
Schreibenden, brannten auf den Pulten schon die
Lichter in den Messingleuchtern. Kaum daß die
eifrig Arbeitenden sich nach ihm umsahen, als Eber-
hard eintrat.
Auf sein Begehren, Herrn Frank Darner zu
sprechen, rief man diesen aus dem Privatkabinet

-- g.
herbei, aber Frank erschien ihm hier ein Anderer, als
in den beiden früheren Begegnungen.
Er sah ernster, älter aus, er sprach nicht mit
dem vollen Klange seiner tönenden Stimme, seine
Höflichkeit war nicht so offen, als er, Eberhard will
lommen heisßend, sic erkuunnndigle, wae ihm das Ver
gnügen verschaffe, ihn zu sehen.
Eberhard sagte ihm das mit kurzen Worten.
Franks Gesicht hellte sich auf.
, Entschuldigen Sie, sagte er, ,daß ich Sie
nicht in unser besonderes -irbeitözimmer führe,
sondern Sie hier stehenden Fußes empfange. Ich
bin im Auugenblick nicht Herr über meine Zeit. Wären
Sie heut Abend umt acht Ühr frei, und wollten Sie
mich dann in meiner Wohnung aufsuchen, so würden
meine Frau und ich sehr erfreut dadurch sein. In-
zwischen will ich mich hier bei unseren Herren um
einen Lehrer erkundigen und gebe Ihnen darnac
die Auskunft. ?
Eberhard war damit zufrieden. Als er dann
um die verabredete Stunde sich bei Juustine melden
ließ, fand er Frank schon bei ihr in dem trauulichen
Zimmer. Der Samowar mit seinen auusgeglühten
Kohlen stand auf dem =.c, der Ofen durchwärmte
gg
das Gemach und die niedergelassenen Fenstervorhänge
gaben ein angenehmes Gefühl der Abgeschlossenheit.
Eberhar -ch den Eheleuten sein Behagen an
dem Eindruck -.«
,, Vielleicht muß man wie ich, sagte er, , duurc
viele Jahre ein Wanderleben geführt und bei der
Rückkehr sein Haus verwüstet gefunden haben, um
diese Umgebung und diese stille Einfrieduung so er-
auicklich zu finden als ich
, Nein,'' fiel Frank ihm in die Rede, ,benn seit
diese liebe Frau an mteinem Herde waltet, genieße

-=- Iß -
ich auch täglich mein Heim auf das Neue. Obschon
ich kein Lateiner bin, habe ich, seit ich hier lebe,
unseren Studenten ihr ,t haheat bonum guewm,
agui seäet post kornseem!! doch schon abgehorcht;
und wenn es Ihnen, Herr Baron, hier bei uns im
Alleinsein behagt, so findet mein Vorschlag vielleicht
bei Ihnen Anklang: nehmen Sie mich zu Ihrem
Lehrer in der Buchführung an!r
Eberhard hatte auf solch ein Anerbieten im Ent-
ferntesten nicht gerechhnet, zögerte also, es zu benuten.
Er machte den Einwand, daß Franks Zeit ohnehin
viel beansprucht sei,' daß er ihn in den freien Abend-
stunden nicht seiner Frau entziehen dürfe.
Frank ließ das nicht gelten, und Justine fragte,
sich ins Mittel legend:
,,Warum fällt es Ihnen so schwer, Herr Baron,
einen Dienst anzunehmen, den mein Mann Ihnen zu
leisten wünscht??
Die Einfachheit, mit der sie das aussprach, der
klare Blick, mit welchen: sie ihn ansah, öffneten ihm
das Herz, und so ehrlich, wie sie gefragt, antwortete
er ihr:
,,Weil wir Alle mehr oder weniger in der häß-
lichen Gewohnheit erzogen werden, bei jedem Guten,
das uns von Jemand angeboten wird, von dem wir
es nicht zu erwarten hatten, zunächst daran zu denken,
womit wir es erwidern, das heißt bezahlen, und
damit der Pflicht des Dankes ledig werden können !'
, So ist'e!' rief Frank, und Justine setzte hinzu:
, Finden Sie das richtig oder schön?
, Nein, Madame, ich finde es nur niedrig; und
darum herzlichen Dank für Ihr Anerbieten, und
wann sollen unsere Lektionen beginnen??
,Wir haben Dienstags, Donnerstags und Sonn-
gbend Posttage. Der Sonntag gehört der Familie.

=- g,ß--
An den drei freien Abenden bin ich um sieben Uhr
znu Ihren Diensten, wenn Sie oder ich nicht eine
Abhaltung haben, wovon man sich ja leicht benach-
richtigen kann. Es ist übrigens zunäcst noch keine
häufige Störung z erwarten, denn es hat Jeder
noch mit sich selbst genug zu thun; und die Rückkehr
des Hofes steht, wie ich von Memel erfahren, erst
gegen das Ende des Jahres bevor. ?
Die Sache war damit abgemacht. Man setzte
sich zum Thee nieder.
Eberhard erzählte, daß er heute einen Schul-
kameraden wieder gesehen habe, kam dadurch auuf
Schnepfenthal zu sprechen, fragte Frank, wo er seine
Bildung erhalten habe, und bald waren sie in ein
so heiteres Mittheilen ihrer Erlebnisse gerathen, wie
sie es zu wünschen hatten, da sich ihnen heute zum
ersten Male in längerem und ruhigem Beisammensein
die Gelegenheit dazu bot.
Für Frank hatten die Berichte aus dem Leben
eines studiert habenden juungen Edelmanns ebensoviel
Neues und Anziehendes als für den Baron die
Schilderungen, die Frank von seiner englischen Er-
ziehungsanstalt, von seinen Arbeiten in London, in
Amsterdam, wie von der Thätigkeit in seinen gegen-
wärtigen Verhältnissen machte; und wenn Justine
daneben in beiläufigen Bemerkungen ihres Vetters
und ihrer Cousinen erwähnte, die alle drei in nor-
dischen Handelsstädten lebten, so gewann der Baron
damit einen ihn anziehenden Blick in den vielgliedrigen
Zufammenhang der kaufmäinischen Welt.
Mit derselben Leichtigkeit, mit welcher Eberhard
sich im Bereich der Gedanken und der verschiedenen
Literaturen erging, wo der Anlaß es bot, berührte
Frank die fernen Länder und Erdtheile als etwas
Lewald. Die Familie Darner. U.
-'
s

-- ß--
ihm in seiner Vorstellung Naheliegendes und Be-
kanntes, und nach ein paar Stunden trennten Frank
und Justine sich von dem Baron wie von einem
guten Bekannten, mit der Empfindung, selten einen
angenehmeren Abend zugebracht zu haben.
Die Zeit war ihnen allen Dreien wie im Fluge
vergangen. Erst als er das Haus verlassen hatte,
fiel es Eberhard ein, daß die beiden Mädchen, die
wiederzusehen er gehofft, gar nicht zum Vorschein
gekommen, so daß von ihnen nuur die Rede gewesen
war, als er gegen Justine ausgesprochen, wie es
ihn neulich angemuthet, in den beiden Schwestern
die lieblichen Kinder einer so fernen Zone anzus
treffen.
Der Unterricht wurde dann an einem der
folgenden Abende begonnen und von Franks Seite
mit richtigem Takt wirklich als eine Lehrstunde be-
handelt, die er in seinem Zimmer abhielt und nach
welcher man sich trennte. Indeß in dem oft wieder-
holten Beisammensein, wuchs die Vertraulichkeit
zwischen den beiden jungen Männern schnell. Es
machte sich bald ganz von selbst, daß Frank den
Baron aufforderte, sich an seinem Theetisch nach ge-
thaner Arbeit zu erholen, wenn man die festgesetzte
Stunde überschritten hatte; und da ein Lernender,
der sich seinem gleichalterigen Lehrer, außer in demt
einen besonderen Fache, überlegen weiß, sehr bald
die Neigung füühlt, diesem gegenüber nun auch seiner-
seits den Lehrer zu machen, zog der Baron, wenn
man sich bei Justine befand, gern literarische Gespräche
heran, seit er bemerkte, daß es den Beiden Freude
machte.
Allerdings kannten auch sie die Dichtungen von
Schiller, hatten von Goethe Mancherlei gelesen, und
Schiller'sche und Goethe'sche Dramen aufführen sehen.

Kapitel 07

-- h1---
Die Schriften von Novalis, von Matthison, die Luise
von Voß, die Gedichte von Luise Brachmann befanden
sich in Justinens kleiner Büchersammlung neben dem
von ihrem Vater stammenden Shakespeare, neben ihres
Vaters Voltaire, Racine und Corneille in den Ori-
ginalsprachen.
Frank war von Eigland her in Shakespeare
wohl bewandert, aber die Dichtung und die Dichter
hatten keinen eigentlichen Einfluß auf ihr Leben,
weder für Frank noch sür Justine. Sie besaßen sie
wie ein hochgehaltenes Silbergeräth, sie hatten sie
nicht im täglichen Gebrauch wie Eberhard, der ihnen
dadurch vornehmer erschien als sie, und der sich selber
also fühlte.
Das erhöhte sein Vergnüügen an dem Umgang
mit dem jungen Paare, und da er inzwischen mit
Roderich häufig zusammen gekommen war, hatte er
dem Freunde von Frank und dessen Frau ebenso wie
die Beiden von dem Hauptmann gesprochen, und nach
einiger Zeit befanden sich auch der Baron und der
Hauptmann fast regelmäßig unter den Gästen, denen
Lorenz Darner am Sonntag Abend sein Haus geöffnet,
seit man wieder auf eine Zeit verhältnißmääßiger
Ruhe sich Rechnung machen durfte.
Siebentes Kapitel'
Nach Madame Göttlings Entfernuung hatte
Virginie unter Anweisung ihrer Schwägerin das
Wirthschaftsregiment in ihrem Vaterhause üübernommen.
Sie war immer kräftiger und lebhafter gewesen als
Dolores; sie war, seit sie in Preußen lebte, bedeutend
gewachsen, und die Sicherheit ihrer Schwägerin war

-- IZ-
ihr zum Vorbild geworden. Wo sie mit Bestimmt-
heit eingriff, fragte Dolores um Rath; wenn Jene mit
sich und ihren Zuständen zufrieden um sich blickte,
schienen die Augen der schweigsamen Dolores oftmals
kaum zu sehen, was um sie her vorging, und
träumend in Sehnsucht zu suchen, was sie nicht er-
reichen konnten.
,, Virginie hat mein Temperament,' sagte der
Vater, ,Dolores wird der Mutter immer ähnlicher!''
Das Erstere freute ihn offenbar, aber der Ton
der Zärtlichkeit, mit welchem er das Urtheil über
Dolores aussprach, ließ errathen, daß er der Mutter
Bild trotz des Geschehenen, mit Liebe noch im
Herzen trug.
Man speiste mit geladenen Gästen am Sonntag
in Darners Hause zu Mittag, am Abend war offener
Empfang. Die älteren Personen, Männer sowie
Frauen, setzten sich meist zum Spiel. Darner selber
hatte sich zum Ausruhen von der Arbeit an eine
Partie l'Hombre gewöhnt, bei der er jedoch um die
möglich geringste Summe spielte, weil er, wie er es
bezeichnete, zum Gelderwerb andere Mittel und Wege
besitze. Die jüngeren Personen, auf sich angewiesen,
vertrieben sich plaudernd oder gelegentlich ein wenig
Musik machend die Zeit, wobei Dolores, ihre sanfte
Stimme mit der Guitarre begleitend, immer das
meiste Vergnügen erregte.
An einem solchen Sonntag Abend war man auch
wieder in dem schönen Mittelzimmer des Hauses bei-
sammen, und nachdem man sich eine Stunde lang
mit einem der Gesellschaftsspiele unterhalten, in welchen
Rede und Gegenrebe schlagfertig nach dem Siege
trachten und bei denen Dolores wie immmer den Kürzeren
gezogen, sagte Justine mit der vorsorglichen Liebe,
die sie für die beiden Schwägerinnen hegte:

-=- JZ--
,, Nun haben wir Alle unser bischen Wit vor
einander leuuchten lassen, nun komm Du, Dolores,
und singe uns ein Lied, damit wir uns sanft auus-
ruhen von der geistigen Anstrengung !'
Die Anderen schlossen sich dem Wunsche an, und
Dolores, gefällig von Natur und nachzugeben ge-
wohnt, ließ sich nicht bitten. Sie holte ihre Guitarre
herbei, setzte sich ein kleines Ende von den Anderen
fort, und nachdem sie ein paar Akkorde als Vorspiel
gegriffen, sang sie nach der Melodie von Devrienne
Florians Lied von den Schwalben:
, sue 'uime d roir les hironäelles
A ms kenetre tous les ans
enir m upporter les nourelles
De lspproche äu cou printemys!
De mSme niä, me äisent-elles,
Pa. reroir le mämes Amours:
Oe n'est gn'd äes smants Kddlez
A rouz annoucer les hesu Jours.
1.orsgue les premidres gelhes
Dant tomher les kenilles äes bois,
l.es hirondelles ruussembleez
Sppellent toutes zur les toits:
Ea.tous, purtons- se äisent-ellez--
Kuzons lu velge et les sutuns:
Pdint ä hirer gour les coeurs keldls,
Us sont toujours dans le printemps.
Si gar maleur äamns le Loz VgS
Fietime T un eruel enkunt
lne biroudelle mie en euge
De peut rejoinäre son smant,
ous roger mourir Uhironäelld
Deunui, e äouleur et ä'amour,
Dandis gue son amant käele
Irs äe ls. meurt le möme jour!

--- Iz---
Als sie geendet hatte, rief man ihr Beifall zu;
nur Eberhard schwieg. Er hatte das nicht eben be-
deutende, aber sehr beliebte kleine Lied oftmals
wäährend seiner Reisen an den verschiedensten Orten
singen hören und den Text wie die Musik immer
gleichgiltig an seinem Ohr vorübergehen lassen; jett,
da Dolores sie sang, hatten sie ihn gerührt.
Seit er sie zuerst gesehen und mehr noch seit
er sie näher kennen gelernt, hatte er sich des Ge-
dankens nicht erwehren können, daß Dolores, ohne
sich dessen vielleicht bewußt zu sein, nicht hinein-
gehöre in den Norden und nicht hineingehöre in den
Kreis ihrer Familie, obschon es unverkennbar war,
wie sie an Jedem der Ihren hing und wie alle sie
mit einer so bevorzugenden Liebe behandelten.
Wie er sie vor sich sitzen sah, in dem rosen-
farbenen Kleide, die langen dunklen Locken auf ihre
Schultern niederwallend, das Auge mit sanftem
Blicke in die Weite schauend, klang es ihm, als bitte
sie für sich mit den Worten: ,krzons ls neiee et
les satsasl? Er häätte sie in eine mildere Natur,
in Sonnenschein und Licht versetzen und-- er konnte
sich nicht helfen-- er hätte nicht eine französische
Romanze, ein deutsches Lied hätte er von diesen
Lippen singen hören, den Widerschein deutscher
Dichtung hätte er erglänzen sehen mögen inihrenAugen.
Als sie dann aufBitten derAnderen anmuthig noch
ein paar spanische Volkslieder gesungen hatte und eben
dabei war, die Guitarre zur Seite zu legen, trat er,
seiner letzten Empfindung das Wort gebend, mit der
Frage an sieheran, obsiedennkeinedeutschen Liedersinge,
da sie doch nun schon eine Weile unter Deutschen lebe.
,,Lieben Sie die fremden Sprachen nicht?' ent-
gegnete sie ihm, durch seine Frage wie durch einen
Vorwurf eingeschüchtert.

-- ? - -
, Ich ziehe ihnen meine Muttersprache- vor!''
Sie sah ihn an, zögernd, als wisse sie nicht, ob
sie es aussprechen dürfe, dann sagte sie:
, Ich habe ja keine Muttersprache mehr, denn
die Sprache, die ich von meiner Mutter Mund zu-
erst vernommen, die hat man nicht mehr mit uns
geredet, seit-- seit-- Mistreß Sherman zu uns
gekommen ist-- und . . ,?
Sie schlug die Augen nieder und wendete sich
von ihm fort.
, Verzeihen Sie mir,'' sagte er, ,es scheint, ich
habe eine Saite berührt, die Ihnen eine schmerzende
Erinnerung erweckt!'? -
, Nein, o nein,' rief sie, ,es war ja so schön
in unserem Lande-- und-- es ist ja hier auch
schön! Ich kann es Ihnen nur nicht sagen, wie ich
möchte. Ich lerne auch die Sprachen nicht wie
Virginie schnell; aber gewiß, ich will deutsche Lieder
lernen! Sagen Sie nur, welche??
Es kamen Andere dazwischen, Roderich war unter
ihnen. Er hatte ihre letzten Worte mit angehört.
, Häst Du je ein holdseligeres Geschöpf gesehen?
fragte ihn Eberhard.
,, Das Wort holdselig müßte für sie erfünden
werden, wenn wir's nicht in unserer Sprache hätten!'?
meinte der Hauptmann. ,Man wundert sich, solch
einem Menschenwesen zu begegnen, hier und in
unserer Zeit!'
, Nicht wahr,' rief Eberhard, ,sie ist das eigent-
liche ,Mädchen aus der Fremde'! Die Worte scheinen
für sie gewählt zu sein:
,Gereift auf einer andern Flur,
In einem andern Sonnenlichte,
In einer glücklichern Natur!

-- Iß--
und sich in dem Augzenblicke, da er dies ausgesprochen
hatte, wieder zu Dolores wendend, sagte er:
, Sehen Sie, das sind Lieder! Wir haben
Lieder, in denen Sie die deutsche Sprache rascher
lernen würden als imn täglichen Verkehr, denn die
würden Ihnen in das Herz hinein klingen und in
das Herz wachsen wie eine Muttersprache. Der prak-
tische Mensch erwirbt die Sprache auf dem Markte
des Lebenö; der für das Schöne geborenen Seele
kommt sie aus der Welt der Poesie!'
Und um Dolores, wie er hoffte, zu erfreuen,
machte er Frank und Justine den Vorschlag, einmal jetzt
gleich, gemeinsam einige Schiller'sche und Goethe'sche
Gedichte zu lesen, um den schönen Schwestern den
Klang der deutschen Sprache in deutscher Dichtung
nahe zu bringen.
Man war das sofort zufrieden. Die beiden
Dichterwerke wurden herbeigeholt. Eberhard, wohl-
geübt im Vortrag, las:,Das Mädchen aus der
Fremde'',,DDes Mädchens Klage'', eines von Goethe's
tändelnden Liebesliedern, dann zum Schlusse Mignons:
,, Kennst Du das Land?
Seine Zuhörer, Justine an ihrer Spitze, spendeten
ihm einen Beifall, den er kaum beachtete, denn seine
Blicke waren auf Dolores gerichtet, an die allein er
bei der Auswahl der Gedichte gedacht. Sie saß ihmt
gegenüber und hatte die Hände gefaltet, aber sie
sprach kein Wort. Er ging zu ihr und fragte, ob
ihr die Gedichte gefallen hätten.
,,Daß man so etwas sagen kann! gab sie ihm
zur Antwort. ,Es ist Mlles, wie es in dem Gedichte
heißt, ,aus einer andern Welt! Man möchte weinen,
wenn man's hört; es ist so schön!?
, Und die deutsche Sprache gefällt Ihnen in dem
Klang? meinte er.

-- ZZ-
es mit zu erleben; lassen Sie es uns vergessen in
der guten Stunde, in der wir hier beisammen sind l?
,Nein, Madame,' fiel ihr der Hauptmann leiden-
schaftlich ein, ,vergessen? Nein, keine Stunde dürfen
wir's vergessen! Bei Tag und Nacht haben wir
daran zu denken, daß wir die erlittenen Niederlagen
zu vergelten, daß wir die Feinde aus dem Lande zu
vertreiben, den Tag der Auferstehung unseres Vater-
landes heraufzuführen haben! Wer das vergessen
könnte .. .? Er brach ab, fuhr sich mit der Hand
über die Stirne und sagte, sich und seinen zornigen
Schmerz beherrschend: ,Sehen Sie, das Kriegsleben
hat uns unbrauchbar gemacht für die sanften Freuden
der Geselligkeit, wir taugen nicht für den Verkehr,
es ist nicht anders, verzeihen Sie! Wir müssen--
Gott geb's-- wieder hinaus ins Feld- je eher,
um so besser!rr
Es war zu keiner gleichgiltigen Unterhaltung
mehr zu kommen, selbst nicht, als die älteren Per-
sonen die beiden Spieltische verlassen hatten und man
am Theetisch sich wieder zusammenfand.
Darner bemerkte das sogleich und erkundigte sich,
was man vorgehabt.
Frank und Virginie gaben ihm Auskunft.
,, Und von des Hauptmanns beredter und be-
rechtigter Vaterlaidsliebe glühen Deine Wangen so??
fagte Darner zu Dolores, die sich an seinen Arm
gehängt, ihr das Köpfchen mit der Hand emporhebend,
daß er ihr voll ins Auge sehen konnte.
,,Der Baron hat so himmlische Gedichte vorge-
lesen! sagte sie, die Hand des Vaters küssend.
,Laß Dich davon nicht zu hoch forttragen in
die Luft, Turteltaube; es ist kalt droben, und Du
, liebst die Kälte nicht!'r scherzte er und ließ sie stehen.

-- Z?---
, Sie ist aus einer andern Welt!'' wiederholte
sie, während die Andern ihn ersuchten, das Vorlesen
noch fortzusetzen.
Er weigerte sich dessen für seine Person, schlug
dem Hauuptnann vor, ihn zuu ersetzen, und ohne sic
weiter nöthigen zu lassen, nahm dieser die Schiller-
schen Gedichte noch einmal zur Hand und las ihnen
die Schilderung vor, welche der Dichter von der
Schlacht gemacht hat, in Tagen, in welchen er kaum
dem Jüinglingsalter entwachsen war.
Von dem Munde eines Mannes gesprochen, der
eben erst die Gewalt des Kampfes, den Graus der
Schlachtfelder durchlebt, ohne daß es ihm vergönnt
gewesen wäire, sich eines Sieges zu erinnern, wirkte
die Dichtung mit doppelter Kraft. Die Augen der
Frauen waren feucht geworden, ein paar Männer
drückten dem Hauptmann die Hand.
Keinem von ihnen, außer den beiden Schwestern,
war das Gedicht fremd gewesen, alle hatten es be-
wundert, auf keinen hatte es jedoch jemals einen so
erschütternden, überwältigenden Eindruck hervorgebracht
als in dieser Stunde. Unwillkürlich hatten sie die
Bedeutung der Gemeinschaft und die sich in ihr
steigernde Empfindung des Einzelnen erfahren. Es
war eine feierliche Stimmung in die bis dahin heiter
und über Gleichgültiges plaudernde Gesellschaft ge-
kommen; die Gespräche blieben ernsthaft.
Die Männer gingen den Hauptmann mit Fragen
über die Schlachten von Eylau und von Friedland
an, in denen sein Regiment lange Stand gehalten
und schwer gelitten hatte. Er gab Ihnen kurz Be-
scheid. Als man ihn veranlassen wollte, mehr davon
zu berichten, legte Justine sich ins Mittel.
, Ach,'' rief sie, ,sprechen wir nicht mehr davon,
es war ja schon fürchterlich geng, aus der Ferne

Iß--
Man blieb noch eine Stunde nach dem Thee
beisammen, versprach einander, den nächsten Sonntag
nicht zu versäumen, und trennte sich mit dem Vor-
satz, dann wieder etwas gemeinsam zu lesen. Der
Abend war für die sämmtlichen jüngeren Genossen
wie ein ganz besonderes Ereigniß gewesen, er hatte
sie Alle einander näher gebracht.
Als sich der Baron und der Hauptmann schon
an der Thüre des Saales befanden, bis zu welcher
Frank im Gespräche sie geleitet, sagte Eberhard plötzlich:
,Ihr Schüler bittet um Ferien, Herr Darner;
ich muß nach Waldritten für die nächste Woche!'
, So ist es möglich, daß ich Sie dort besuche,'
entgegnete Frank, ,denn der Vater wollte einmal
bei uns in Strandwiek selbst nach dem Rechten sehen,
und wenn ich abkommen kann, möchte ich mit hin-
aus. Jedenfalls auf Wiedersehen draußen oder
später hier!'
Ohne zu sprechen, gingen der Hauptmann und
Eberhard durch den kleinen Garten die Straße vom
Pregel hinauf. An der Ecke in der Langgasse, wo
ihre Wege sich trennten, denn die Artilleriekaserne
lag jenseits des Pregels, weit hinaus nach dem
Brandenburger Thore zu, bot Eberhard dem Freunde
guute Nacht.
, Willst Du denn wirklich morgen fort? Du
hattest vorhin nichts davon gesagt!' fragte der Haupt-
mann. ,Was hast Du draußen vor??
, Nichts Besonderes, aber noch bin ich nicht im
Amt und also frei; ist meine Ernennuung erfolgt, so
kann ich natürlich in den ersten Monaten nicht ans
Fortgehen denken, da möchte ich die Zeit benutzen .
,Du sagtest gestern, Deine Ernennung könne sich
noch lang hinausziehen !?
,Der Zeitpunkt ist völlig ungewiß!'r

== R0 =-
, Und ,' warf der Hauptmann dazwischen, ,mir
kommt es vor, Du bist Deiner selbst nicht sicher!
Es war übrigens ein angenehmer Abend. Wirst Du
zurück sein bis zum nächsten Sonntag?'
Eberhard ließ die erste Bemerkung des Freundes
fallen und begegnete der Andern.
,Ich glaube kaum! sagte er.,Solche Stunden,
wie die heutigen könnte man häufiger haben, wenn
man nicht gewohnt wäre, mit seiner Zeit noch sinn-
loser umzugehen, als der Leichtsinnige mit seinem
Vermögen! Den Geldverschwender tadeln und ver-
achten wir; und doch habe ich mich schon manchmal
gefragt, verschleudern wir nicht Unwiederbringlicheres
als das bloße Geld, das ich freilich drauußen bei mir
auch schwer genug vermisse??
Sie hatten über das Gespräch den Scheideweg
vergessen und waren gemeinsam fortgegangen nach
der Seite von Eberhards Wohnung, in die Stadt
hinauf.
,Es kommt nichts heraus, gar nichts im Ver-
kehr mit einer Menge zufällig zusammentreffender,
durch keinen gemeinsamen Gedanken' sich verbindender
Menschen!'r fuhr Eberhard fort. -, Wie das Aschen-
brödel muß man aus der todten Asche des ober-
flächlichen Geredes die Körner hervorsuchen, und
freilich, wenn man sich die Mühe nimmt, findet man
dann doch oft gutes, fruchtversprechendes Korn da-
zwischen.r?
,Du denkst an die Darners?' fragte der Haupt-
mann.
,Findest Du sie nicht alle anziehend?? erkundigte
sich Eberhard.
,,Das würden sie schon sein,' entgegnete der
Hauptmann, ,durch die Schönheit der Frauen und
die Tüchtigkeit der Männer. Was Dich aber reizt,

=- 6--
ich habe das bei Deinen ersten Mittheilungen über
sie gemerkt, das ist das Abenteuerliche oder nennen
wir's das Romantische ihrer Herkunft und das ge-
wisse Pariathum, in welches des Faters Härte sie
augenblicklich ihren Standesgenossen gegenüber ver-
setzt hat; und hart ist Lorenz Darner, man fühlt die
scharfen Kanten überalll?
,Die hat jeder Edelstein, der Diamant die
schärfsten; daß aber ein Leben wie das seine sie ihm
nicht abgestumpft, daß er sich ganz und gar in
seiner Kraft erhalten hat, das gerade bewundere ich
an ihm!'
,Richtig! Jndeß, das: sich Justineno Okel uund
dessen Anhang losgesagt von ihm, ist sehr erklärlich.
Jeder hält sich eine Kraft vom Leibe, von der er
fürchten muß, verlett zu werden. Man muß fest,
man soll nicht grausam sein!'?
,Grausam? wiederholte Eberhard. ,Was nennst
Du grausam in dem Falle? Ein Blick auf Franks
Frau wird Dir es sagen, daß sie und ihre Hoffnungen,
von denen Darner ganz gewiß gewußt hat, ihm und
seinem Sohne an dem betreffenden Tage mehr gelten
mußten als die Wünsche ihrer in jedem Fall ver-
lorenen Anverwandten. Der jungen Frau die Ent-
scheidung abzunehmen, sie und das Geschöpf, das sie
in sich trug, vor der Möglichkeit einer Gefahr zu be-
hüten, das war nicht grausam von Darner, sondern
daran that er recht. Für den Schwachen einzutreten,
ihm zu gebieten, ist des Stärkeren Pflicht; denn in
solchen Fällen ist es für ihn Wohlthat, keine Wahl
zu haben!?
Der Hauptmann lachte.
Eberhard fragte, was ihn dazu bringe.
,Mich freut's, sagte Jener, ,wie Du Dir gleich
geblieben bist, stets bei der Hand zur Vertheidigung

--- ßN --
eines in seiner Abwesenheit Angegriffenen. Es war
immer ein guter Posten, Dein Freund zu sein; und
Du hast die Familie ja mehr gesehen als ich, mehr
von ihnen durch den General gehört. Glaubst Du,
daß der Vater gut gesinnt istE?
,,Gut gesinnt, was willst Du damit sagen?
, Ich meine, ob er sich als Preuße fühlte?
Eberhard schwieg einen Augenblick in Neber-
legung.
,Er ist von Geburt kein Preuße,'' sagte er dar-
auf, ,aber er ist aus freier Wahl preußischer Unter-
than, ist Bürger hier am Ort geworden, hat seinen
Sohn das Gleiche thun lassen, und was er ist, das
ist er ganz; was er thut, thut er nicht halb. Er
ist einen Pakt eingegangen mit dem Lande, mit der
Stadt, an dem hält er sicher fest, das hat er ja auch
großartig gezeigt, hier in der Zeit der Noth; und die
Aufhebung der Leibeigenschaft hat, wie ich von ihm,
selbst vernommen, dem Könige seine Verehrung zuge-
wendet. Früher soll er in Napoleon die Titanen-
kraft bewundert haben. Aber, wie Du's vorhin in
Bezug auf ihn gesagt: man liebt die Kraft. nicht,
von der man zu leiden gehabt hat, und er ist Kauf-
mann vor allem andern. Er verlangt nach Frieden,
wie das ganze Land, wie die Welt nach ihm verlangt.?
Sie waren während des Sprechens auf den
Schloßberg gekommen und durch das tiefe, niedere
Thor in den Schloßhof eingetreten, den sie zu durch-
messen hatten. Es war dunkel, einsam und still' auf
dem weiten, viereckigen, von den Schloßgebäuden
eingefaßten Platze. Nur vereinzelte große Sterne
blinkten glänzend auf die Erde nieder. Vom Thurme
schlug es zwölf.
,Die Todten stehen auf!r sagte' der Hauptmann
wie im Selbstgespräch, aber sein Ton war ernst und

-- 6Z --
die Worte trafen den Freund wie ein belebendes
Licht.
,,Es hat Jeder zu denken an die Auferstehung!
gab er ihm in gleichem Ton zur Antwort, und mit
festem Einschlag reichten und drückten sie sich die
Häinde.
,,So lange sind wir nun schon hier beisammen,
und beide haben wir geschwiegen!'' sagte Eberhard.
, Welch ein furchtbares Zeichen ist das für uns und
für die Zeit! Vorsicht und Zweifel selbst gegen die,
welchen zu vertrauen man berechtigt ist. Warum
hast Du nicht eher gesprochen?
, Und Du? Aber kein fruchtloses Fragen, kein
Rückwärtsblicken! Gottlob, wir also sind eins-
viele der Besten sind mit uns, ihre Zahl wächst in
der Stille! Einer, dessen Namen ich zu nennen nicht
berechtigt bin, hat es ausgesprochen: ,Jir Alle sind
ans Kreuz geschlagen für eigene und fremde Schuld,
und Jeder hat gewissensstreng zu arbeiten an seiner
Auferstehung und an der Auferstehung Mller!: Laß
uns dazu thun, Jeder an seinem Platze. Eine völlige
Wiedergeburt ist nöthig, dazu war die Aufhebung
der Leibeigenschaft der Anfang. Der Mensch, der
nicht sein eigen ist, kann sich nicht fühlen; daß sie
sich fühlten, die Truppen, die gegen uns im Felde
standen, das schon machte sie uns überlegen, das
Andere nicht erst zu erwähnen!'
, Weißt Du,' fragte Eberhard, ,daß hier ein
paar der jüngeren Docenten, ein paar Lehrer des
Gymnasiums, des Friderichanums, zusammentreten
FF Ra -=- ne »wueo
Der Hauptmnann verneinte es.
, So will ich Dich bekannt mit ihnen machen;
der eine, Hans Herreneck, ist ganz neuerdings von

Kapitel 08

- hg--
Megel hierher gekommen. Es regt sich überall--
abek die Todten müssen auferstehen durch das ganze
Volk, vom Thron bis in die letzte Hütte!'? Er hielt -
inne und blickte um sich, es war Niemand zu sehen.
, Ich habe einen Brief gelesen in Berlin, kurz, ehe
ich hierher kam, einen Brief der Königin an eine ihr
sichere Person; voll. Glauben hebt sie das Haupt zu
Preußens Stern. Mit der Inbrunst der Gatten-
und der Mutterliebe blickt sie vorwärts, hofft sie auf
des Vaterlandes Wiedergeburt. Wer will sagen, ob
der Gedanke, der uns eint, nicht entsprungen ist in
ihrem Herzen!'
,.Groß genug ist der Gedanke und ist ihr Herz
dazu!'r fiel ihm der Hauptmann ein. ,Ich habe
sie gesehen in Ailsit-- wer sie aber dort gesehen
hat, in der erhabenen Erniedrigung, zu der sie sich
gezwuungen . . ? Er vollendete den Satz nicht,
sondern sagte: ,Ausgesprochen oder nicht! Sie
wird das Symbol sein, der Genius, in dem die
Herzen sich zusammenfinden und das Vaterland
aufersteht!r
Damit gaben sie sich noch einmal die Hände,
und aus dem Schloßhof hinausgekommen in das
Freie, schieden sie von einander.
c
Achtes Kaptlel
Eberhard hatte die ordinäre Post in Königsberg
benützt, mit ihr die kleine, seinem Gute zunächst
gelegene Stadt, Fischhausen, zu erreichen; von dort
hatte er noch eine Fahrstunde nach seinem Schlosse.
Der Krüger, bei welchem die Waldrittener Fuhren
Halt zu machen pflegten, vermiethete ihm in Fisch-

==- CH -
hausen sein offenes, einspänniges Gefährt; aber der
Weg war grundlos, man kam nuur langsam vorwäirts.
Trotzdem sah Eberhard sein Schloß viel früher auus
der Ferne vor sich als in seiner Jugend. Es war
wenig übrig geblieben von dem Kiefernwalde, der sich
von seiner Grenze bis zum Dorfe und zum Schloß-
garten erstreckt, und von dem Heck und dem Forst-
wäärterhause war auch nichts mehr zu sehen als die
Prellsteine und ein paar Ecken des schwarz verkohlten
Gemääuers.
Freund und Feind hatten den Wald wie herren-
loses Gut betrachtet. Die ganze Schonung, alle
Stämme, die leicht zu hauen gewesen waren, hatten
sie gefällt; nur die ältesten Kiefern, die Waldriesen,
waren verschont geblieben, weil man sich die Zeit
nicht genommen hatte, sie niederzuschlagen. Von
dem reichen Wildstand, an dem der Knabe seine Lust
gehabt, wenn die Rehe an die Futterstellen gekommen,
war nicht ein Thier übrig geblieben, nuur ein Fuuchs
huschte quer über den Weg an ihnen vorüber in
seinen Bau.
Der Herbst war für die Gegend mild genug in
diesem Jahre, aber der Seewind jagte stark vom
Haff herüber, einzelne Möwen vor sich hertreibend,
deren silberweiße Schwingen hell leuchteten gegen das
graue feuchte Gewölk, unter dem tief am Horizonte
der gelbe Schimmer der untergehenden Sonne trüb
hervorleuchtete.
Kein Mensch war zu sehen, kein Ton zu hören,
außer dem Krächzen vereinzelter Krähen, die ver-
spätet zu ihren Nestern in den übrig gebliebenen
Kiefern flogen.
Vor einer der ersten Kathen im Dorfe brannte
ein spärliches Feuer auf dem nackten, feuchten Boden,
B
Lewald. Die Familie Darner T.

--- - Zß--
dicht vor dem Platze, an dem die Hausthüre ge-
wesen war. Die Franzosen hatten sie eingeschlagen
und verbrannt. Ein paar Kinder hockten auf der
eingetretenen Schwelle, sich an dem Feuer wärmend,
und sahen zu, wie die Mutter Kartoffeln in den
Topf that.
Er kannte die Hütte und die Frau. Ihr Mann
und ihre Mutter hatten am Nervenfieber gelegen,
als er von Waldritten fortgegangen war; er hatte
noch von Fischhausen den Physikus zu ihnen hinaus-
geschickt.
,Wie geht's drin, Braun'sche? fragte er, nach-
dem er das Gefährt hatte anhalten lassen.
,Alle Beide todt! Die Mutter gleich nachdem
der hochgüte Herr fortgefahren; ihn haben sie nun
auch vorgestern vor acht Tagen eingescharrt. Er war
nur noch Haut und Knochen, es war nicht mehr zum
Ansehen!' sagte die Frau, ohne eine Miene zu ver-
ziehen, aber sie fuhr mit der Hand über das Gesicht,
denn aus den rothen, müden Augenlidern liefen ihr
die Thränen über die hohlen Wangen.
,Armes Weib! sagte Eberhard.
,Da hilft kein Beklagen, hochgüter Herr! Wenn
der Herd nur erst wäre und die Thür!'-
Er gab ihr einen Gulden.
, Ich will zusehen, daß man Ihr das Haus in
Stand setzt!r sagte er.
,,Der Herr Amtmann macht's doch nicht!' ent-
gegnete sie dem Baron. ,Sie haben's gesagt, es sei
zu verwüstet und verpestet, wir sollen raus, aber
erst nach drei Wochen, damit wir's nicht noch einmal
in die anderen Kathen bringen. Dem Jungen zieht
es auch schon in den Gliedern, der kommt gewiß
auch ran !'?
, Hat Sie denn ein Bett für den Jungen??

e nrere
Z?--
,, Ein Bett? Das hat lange Keiner mehr ge-
könnte!'?
,, Ich werde Stroh schicken, heute noch, und Brot!r'
versprach er und fuhr davon. - Das klaglose Elend
schnitt ihm durch das Herz.
Im Schlosse, wo man ihn nicht, wie bei seiner
ersten Ankunft, erwartet hatte, sah es auch traurig
aus. Der Hund, der laut angeschlagen hatte, sprang
abwehrend und kläffend gegen ihn an --- gegen den
Herrn des Schlosses. In der Stimmung, in der er
sich befand, that auch das ihm wehe. Der Amtmann
und die Frau empfingen ihn mit einer Art von
Schrecken.
, Es ist doch nichts vorgefallen, Herr Baron?
fragte der brave Alte.
, Nein, nichts, ich hatte nur keine Ruhe in der
Stadt, aber davon nachher. Lohnen Sie den Kutscher
ab und schaffen Sie gleich, hören Sie, gleich, Stroh
und Brot und auch Milch für die Kinder zu der
Braun hinaus; die verkommt ja in dem Elend mit
den Kindern!'?
Der Amtmann, an Herrenweise gewohnt, that,
wie ihm befohlen wurde.
Die Frau band rasch die Bänder ihrer Haube
zuu, rückte die Schürze zurecht und machte mit dem
entschuldigenden Bedauern, daß der gnädige Herr es
nicht finden werde, wie es sich gehöre, die Thüre
ihrer Stube auf.
Der Geruch qualmenden, schlecht brennenden
Torfes schlug ihm entgegen. Ein Messingleuchter mit
einem Talglichte darauf beleuchtete den Tisch. Mit
rascher Hand schob die Amtmännin die alten

-- ßZ-
Kleidungsstücke fort, mit deren Ausbesserung sie be-
schäftigt gewesen war.
,,Wenn der Herr Baron nur ein Wort geschrieben
hätten,' sagte sie. ,Nun müssen der Herr Baron
es nehmen, wie Sie's finden, und werden nicht
zufrieden sein!
Ihre Entschuldigung klang wie ein Vorwurf.
Sie waren Alle mit ihm unzufrieden, und er hatte sich
über Niemand zu beklagen. Bis man ein Feuer in
dem Zimmer machte, das er zuletzt im Schlosse be-
wohnt, mußte er in des Amtmanns Stube bleiben.
Die Frau deckte selbst den Tisch; die Magd
brachte, als es sieben Ühr schlug, eine Schüssel
grauer Erbsen, mit einer Biersuppe und Heringen
herein, Kartoffeln und Schinken bildeten den Nachtisch.
, Haben Sie der Braun das Stroh und Brot
geschickt?? fragte Eberhard, ehe er sich niedersetzte.
Der Amtmann bejahte es.
Eberhard wiederholte, was die Frau über ihre
Zustände ausgesagt, und erkundigte sich, weshalb man
noch keine Abhilfe geschafft und sie anderweit mit den
Kindern untergebracht.
,,Es ist nicht zu machen, Herr Baron,' ent-
gegnete der Amtmann, ,sie sind dort am Fleckfieber
gestorben, die Alte und der Mann; und der Kreis-
physikus hat gesagt, ehe man nicht sicher wäre, daß
keiner von den Anderen es in sich trage, könnte man
sie in keine andere Kathe bringen. Wir haben allein
hier im Dorf einundzwanzig Menschen daran ver-
loren, und der Herr Baron sind hoffentlich nicht
drin gewesen in dem Hause. Wir haben Feuer auf
, dem Boden gemacht, haben räuchern lassen mit Essig
und Wachholder, haben frisches Stroh geschickt und,
so schwer das hielt, ihnen anderes Zeug auf den
Leib und der Frau und den Kindern jedem ein

==- ßß --
Hemd zum Wechseln geschafft. Ee ist Alles, was
möglich war! Wo Allen Alles fehlt, ist Geben schwer. ?
,,So muß man verkaufen, was irgend zu ver-
kaufen ist!r' fiel Eberhard ein, und sah in demselben
Augenblicke, daß der Löffel, mit welchem er aß, von
Zinn war. Er hatte vergessen, daß man ihm schon
bei seiner ersten Anwesenheit gekneldet, wie nicht ein
Stück von Silber im Schlosse zurückgeblieben sei.
Da er inne hielt, errieth der Amtmann, was in
dem jungen Schloßherrn vorging, und er hatte Mit
leid mit ihm.
,, Wo man nicht helfen kann, Herr Baron, da
muß man sich ein hartes Herz machen !? bedeutete,
er ihm. ,Es ist ja hier bei uns allezeit den Leuten j
gegeben und gethan worden, daß sie, weiß Gott, sich
noch oft in ihre Leibeigenschaft zurückwünschen werden;
aber wo nichts ist, da hat der Kaiser sein Recht
verloren, geschweige denn die Leute. Brot fütr Alle
zu schaffen, so viel wie nöthig wäre, sind wir nicht
im Stande. Zuerst müssen die Felder bestellt sein,
denn sonst stehen wir im nächsten Jahre vor noch
größerer Noth- und wer will von dem Bona-
parte sagen, daß er den Frieden nicht bald wieder
bricht, den er gemacht. Die Franzosen sitzen ja noch
in Berlin und auch sonst noch fest im Lande, von
da ist's nicht weit bis hier zu uns zurück. Darum
will ja auch von den Kaufleuten keiner Geld ver-
leihen; zehn, zwölf Prozent verlangen sie, und ein- s
getragene Sicherheit, das können wir ja hier nicht
leisten!'?
,Aber zuzusehen und zu warten Jahr und Tag,
bis zu der nächsten Ernte, das ist ja gar nicht möglich!'?
fuhr Eberhard ungeduldig im Drange seines Mitleids
auf. ,Wie machen's denn die Anderen; es muß doch
Rath zu schaffen sein?

=- 7ß =-
, Herr Baron,? sagte der Amtmann, ,haben Sie
die Gnade, die Bücher nochmals gründlich mit mir
durchzugehen. Finden Sie einen Jüngern, der's
besser versteht als ich - so schenken Sie diesem
Ihr Vertrauen und schicken Sie mich fort. Sie
werden sehen, Herr Baron, daß ich seit dem Oktober
des vorigen Jahres meinen Gehalt nicht eingezogen
habe!r
,Ich bitte Sie, Wernicke, Wernicke, was fällt
Ihnen ein!fr rief Eberhard und reichte dem Amtmann
die Hand. ,Sehen Sie denn nicht, wie allein die
bittere Sorge aus mir spricht, nicht Mißtrauen gegen
Sie? Ich glaube Ihnen ja aufs Wort .. ?
,,Das sollen Sie nicht, Herr Baron, denn mir
wird es eine Genugthuung sein, wenn Sie sich selber
grßtndlich überführen wollten, wie es steht. Wie die
paar Anderen es anfangen, die Mittel haben, das
ist leicht gesagt. Da war neulich der Inspektor von
dem englischen Kaufmann hier, der vor fünf, sechs
Jahren Strandwiek an sich gebracht hat; der hat
jetzt Vieh und Pferde gekauft, das Beste, was er
finden konnte hier herum, und da er baar bezahlen
konnte, hat er billig gekauft. Sie lassen auch Vieh
kommen bis aus Podolien und Pferde ebenso.
Saatkorn haben sie auch geschafft, und die Handwerker
zum Herstellen der Baulichkeiten sind ja jettt überall,
man möchte sagen, fürs tägliche Brot zu haben, und
wo man sie gut bezahlen kann, die allerbesten. Sie
sind dort schon in voller Arbeit und werden im
nächsten Jahre wieder ganz im Stande sein. Wo
die Besitzer kein Geld hatten, haben sie sich kurz ent-
schlossen und haben verkauft wie in Schernieken und
Weißpalwen .. .?
, Kann ich denn verkaufen, abgesehen davon, daß
ich's nicht will?? unterbrach ihn Eberhard.


-=- 71-
,,Eben darum, Herr Baron! Die Majorate sind
am schlimmsten daran, wenn die Besitzer nicht noch
anderweitiges Vermögen haben. Es sind Rittergüter
und große Bauerngüter zu Spottpreisen fortgegeben
worden; auf denen wird nachher ein guter Ertrag
zu erzielen sein. Aber wenn der Herr Baron nicht
Geld zu erschwingbarem Zins erhalten können, wird's
eben auf lange Zeit noch heißen, vom Tag zum Tag
und aus der Hand in den Mund, so weit es eben
langt.'
Man hatte während dessen das Abendbrot
verzehrt. -
Die Frau ging hinauf nach dem Zimmer des
Barons, der Amtmann wollte die Bücher vorlegen.
,,Lassen Sie es bis morgen, sagte Eberhard,
,, und vor Allem sehen Sie zu, daß die Brauns
morgen wieder etwas bekommen, daß man sie einiger-
maßen zufriedenstellt.?
,,Herr Baron, zufrieden ist jetzt keiner von den
Freigegebenen, sie sind alle aufsässig durch die Bank!'-
,Aufsässig, was soll das heißen? Sie sind ja
freigegeben!'?
, Gerade das ist's, Herr Baron! In der Stadt
und wenn man es in der Zeitung liest, hört sich das
gut an, und ich bin der Letzte, der daran zweifelt,
daß der König es gut gemeint hat und daß es viel-
leicht auch mit der Zeit seine guten Folgen haben
kann; hier draußen aber sagen die Leute, die Guts-
besitzer hätten den König dazu überredet, ihnen jetzt
die Sorge für ihre Hörigen vom Halse zu nehmen,
weil sie ihnen zu schwer fällt in dieser Zeit; und
danken thut jetzt hier herum kein Einziger für seine
Freilassung. Sie sagen, damit hätte man warten
müssen, bis wieder Arbeit und gute Zeiten gekommen
sein würden. Und-- lieber Gott, wahr ist's ja-

-- 7F-
was nützt es ihnen jettt, daß sie freigelassen sind?
Wo sollen sie hin? Wer kann sie brauchen und be-
zahlen hier zu Lande? Man kann ja der Braun
morgen etwas zukommen lassen, aber auch darin muß
man vorsichtig sein, Herr Baron, denn sie ist ja nicht
die Einzige, die nichts hat. Und was dem Einen
recht ist, ist dem Andern billig!r
,, Umkommen kann man die Leute doch nicht
lassen! sagte Eberhard.
Der Amtmann zuckte die Schultern; sein sorgen-
volles Gesicht gab die Antwort, die er schuldig blieb,
und auch auf Eberhard lag die Sorge schwer, als
er sich dann allein in seinem Zimmer befand.
Die beiden Lichter, welche man ihm auf seinen
Tisch gesett, erhellten den Raum eben nur genuug,
um ihn in seiner Verfallenheit zu zeigen. Es, war
Eberhard leichter ums Herz in der kleinen Studenten-
stube der Weißgerbergasse als hier in seinem Herren-
schlosse. Er trat in den Erker hinein, den der Thurm
neben seinem Zimmer bildete. Draußen war es tiefe
Nacht und nichts zu unterscheiden. Auf dem Thurme
kreischte die Wetterfahne unter dem Winde, der sich
erhoben hatte; er trieb den Regen mit so heftigen
Stößen an die Fensterscheiben heran, daß sie klirrten
unter dem Anprall.
Aber er war doch im Trockenen, unter Dach und
Fach, und das Feuer brannte in dem Ofen. Bei
den Unglücklichen, bei denen er heute gewesen, stand
Alles offen, und sie sollten geopfert werden für die -
Sicherheit der Anderen. Das lang ertragene Elend
hatte die Herzen erkaltet, das Mitgefühl abgestumpft.
So durfte es nicht bleiben.
Wie hatten die Worte: ,Ulnd frei erklär' ich alle
meine Knechte!'r ihm stets das Herz erhoben, mit
denen Schiller seinen Rudenz prächtig den Tell be-

Kapitel 09

i
- 7F -
schließen läßt. Nun waren diese Worte endlich auch
in seinem Vaterlande gesprochen worden, und trotz
der Opfer, welche sie ihm auferlegten, hatte er sie
mit hoher Freude begrüßt; aber in der Dichtung sank
der Vorhang nach dem befreienden Wort und ließ
der Phantasie die Möglichkeit, sich das Glück der Be-
freiten in hellen Farben auszumalen; in der Wirklich-
keit gestaltete es sich anders. Zwischen dem alten
Zustande und dem neuen that sich die Kluft auf, die
ausgefüllt, die überbrückt sein wollte. An der Pforte,
durch welche die lange Geknechteten eingehen sollten
in eine bessere Zukunft, stand eben jetzt die bittere
Noth vor Menschen, die nicht gewohnt waren, über
sich frei zu verfügen, für sich selbst vorzusorgen. Es
war begreiflich, wenn sie der Freiheit unter den ob-
waltenden Umständen noch nicht froh zu werden ver-
mochten. Sie hatten Brot nöthiger als Freiheit.
Die Wirklichkeit und das Jdeal entsprachen einander
nicht, und sie mußten doch in Einklang zu bringen
sein, wenn man nicht irre werden sollte in seinem
Glauben und in seinem Streben nach dem Jdeale. -
Aus dem weiten Kreis des Denkens an das
Allgemeine, kehrten Eberhards Vorstellungen immer
wieder zu jenen Leidenden zurück, denen zu helfen in
seiner Macht stehen mußte.
gwwwewwwnopggogggöwgpgggggggg
Meuntes Kapites
Eberhard war mit dem Tage wieder wach und
draußen. Als er in den Hof kam, gingen ein paar
Mägde mit Melkeimern und Stühlen an ihm vorüber.
Er sah den Kutscher und einen jungen Burschen bei
den Pferden. Weder in den Kuhställen noch in dem

=- 7F -
Pferdestall war jetzt viel zu thun-- sie standen leer
genug.
,Ruf Er mir einen der Knechte!'' befahl er dem
Jungen und stutzte, da er das Wort gesprochen hatte,
die Leute waren ja seine Knechte nicht mehr. Indeß
der Junge gehorchte, es kam einer der Leute herbei.
Eberhard hieß der Kuhmagd, diesem einen Topf voll.
Milch zu geben, und schickte ihn zu der Braun für
den kranken Knaben hinaus.
Während dessen war auch der Amtmann in den
Hof gekommen. Erstaunt, seinen jungen Herrn schon
vor sich auf dem Platz zu finden, wollte er sich nach
dessen Schlaf und Befinden gebührend erkundigen.
Eberhard ließ es aber gar nicht dazu kommen.
,,Gut, daß Sie da sind, Sie müssen mir zur
Hand sein. Wir müssen ein Unterkommen schaffen
für die Braunsche und ihre Kinder . . ?
,,Im Schlosse?? wendete der Amtmann ein.
,Wenn nicht im Schlosse, so doch in unseren
Gebäuden, aber nah' genug, daß man sie leicht ver-
sorgen kann'' = und ehe der Amtmann noch irgend
ein Bedenken äußern konnte, hatte Eberhard sich im
Voraus von dem Hofe nach dem Garten gewendet,
dessen Mauern und Gitter zum größten Theile auch
darniederlagen. Er hatte aber gestern im Vorüber-
fahren, wie schon bei seinem früheren Aufenthalt in
Waldritten, die Bemerkung gemacht, daß das kleine
Gartenhaus, welches seine Mutter in ihrem letzten
Lebensjahr errichten ließ, auffallend wenig von der -
allgemeinen Zerstörung gelitten hatte. Dahin lenkte
er seinen Schritt.
Der Amtmann folgte ihm, und an Ort und
Stelle gelangt, überzeugte Eberhard sich, daß er sich
nicht getäuscht. Die hölzernen Wände waren fest,
die Scheiben fehlten allerdings vielfach in den Fenstern,

-- 7J--
aber die Thüre, die Fensterladen hingen doch in ihren
Angeln und zum Dach sah das eiserne Rohr eines
Ofens hervor.
,,Da haben wir ja, was wir brauchen !'' rief
Eberhard in der Genugthuuung, so bald einen Aus--
weg und eine Hilfe gefunden zu haben, wo sein
Amtmann sie nicht schaffen zu können geglaubt.
,Den Ofen,' sagte der Amtmann, ohne den
Ausruf des Barons zu beachten, ,den haben die
Franzosen noch ganz zuletzt aus dem Schlosse fort-
geschleppt, damit die eine Marketenderin, die Geliebte
des Quartiermeisters, hier ihre Wirthschaft treiben
konnte.?
,Nun, so ist er jett grade an dem Fleck, wo
wir ihn brauchen. Lassen Sie die Fenster öffnen,
lassen Sie Feuer machen, hier soll die Braun hinein.
Ich werde selbst hingehen, es ihr zu sagen. Man
kann die Fenster zunächst, wo es noth thut, mit ein
paar Brettern vernageln, es bleibt doch Licht genug.?
Der Amtmann wollte eine Entgegnung machen,
unterdrückte sie jedoch. Er öffnete selbst die Laden
und die Fenster, sah, ob der eiserne Ofen zusammen-
hielt, und befahl dann einem Burschen, der in der
Nähe war, Reisig aufzulesen und ein Feuer zu
machen.
Eberhard ging nach dem Ende des Dorfes zu
den Brauns. Ein brandiger Geruch aualmte ihm
entgegen, als er in' die Nähe des Hauses kam, und
ein dicker Rauch versperrte ihm fast den Eingang.
Der Regen hatte den Boden vor der Thüre so auf-
geweicht, daß das Feuer auf ihm nicht fassen wollte.
Die Frau hatte es also auf dem Lehmfußboden im
Zimmer anmachen müssen, und der gegen das Haus
stehende Wind wehrte dem Rauch des nassen Torfes
den Abzug in das Freie.

==- I -
Wie die Frau den Baron erblickte, setzte sie den
Topf mit der Milch auf die Erde, und ihm mit
hochgehobenen Häänden entgegentretend, rief sie:
,Den ganzen großen Topf voll, und das Brot
und das Stroh! Man weiß nicht, was man sagen
soll. Als wär' die Gnädigste wieder da!?
,Was macht der Junge?? fragte Eberhard,
während sie ihm die Hand küßte.
,,Er hat's mit der Hite gehabt die Nacht, aber
wenn das Feuer nur brennen wollte, daß man ähm
die Milch, was Warmes geben könnte, das hält doch
bei Kräften.?
Eberhard trat in die Stube, die Kinder lagen
beide in ihren Kleidern auf dem Stroh und schliefen.
,Seh Sie zu, daß Sie den Kindern zu essen
giebt, wenn sie aufwachen, und dann soll Sie hier
fort, hier kann Sie nicht bleiben!'?
Die Frau fuhr zusammen.
,Fort sollen wir!r rief sie und ging Eberhard
nach, der den verpesteten Raum schnell wieder ver-
lassen hatte.
,Ihi sollt hinüber in das Gartenhaus,' be-
deutete er, ,da ist's trockener . . ,??
,Also ist's doch wahr,' rief die Frau, ,also
doch, gnädiger Herr? Nur bis der Juunge gesund oder
auch unter der Erde ist, nur bis dahin haben Sie
Erbarmen! Das Haus hier ist ja doch nichts nüütze
mehr . . ??
,,Eben darum soll Sie mit den Kindern fort.
Drüben ist's trocken, es ist kein Kranker drin gewesen
und es ist ein guter Ofen dort.?
,,In die Bretterbude und hier fort, wo man
doch gelebt hat all die Jahre!'r stieß sie hervor.
,Gnädigster Herr, sie haben es ja gleich gesagt, wie
wir verstoßen geworden sind, daß wir fortgetrieben

n
-=- 7? -
werden sollen, damit sie uns los würden in den
knappen Zeiten, und daß wir wie die Zigeuner herum-
ziehen sollen in der Welt, sehen, wo wir was finden.
Ich hab's nicht geglaubt, von hier nicht! Und nuun
doch, nun doch, Herr Gott im Himmel!'?
, Sei Sie doch vernünftig,? gebot Eberhard;
,ich will Ihr ja helfen, das sieht Sie! Im Garten-
haus .. ?
-' Sie achtete auf nichts, die lang verhaltene
Herzensangst ließ ihr für keinen Zuspruch Gehör und
immer heftiger werdend, rief sie:
,, Wo der Mensch gelebt hat, da will. er auch
sterben; hier und auf den Kirchhof da gehören wir
hin. Wenn wir einst hier verjagt sind - aus dem
Bretterhause verjagen sie uns erst recht! Der Doktor
hat's ja gesagt, abbrennen müßten sie das Haus --
uns abbrennen über den Kopf- das ist denn auch
das Allerbeste, da werden sie uns los, Alle mit
einem Mal!?
Die Verzweiflung der Unglücklichen streifte an
Wahnsinn, es galt, sie zur Ruhe zu bringen.
,Fort will Sie nicht,' sagte Eberhard so ge-
lassen als er konnte, ,und hier kann Sie doch auch
nicht bleiben. Was soll denn werden mit Ihr und
mit den Kindern? Rede Sie, ich mein's ja gut, was
will' Sie denn??
,Hier bleiben, hochgütiger Herr, bloß hier bleiben,
weiter nichts! Hier hat der Herr Amtmann uns
reingesetzt, wie wir geheirathet haben-- und es ist
ja kein Anderer da, der rein soll. Ich will ja gar
nichts haben, ich will scharwerken gehen . ?
Sie konnte vor Weinen nicht weiter. Das
Mädchen war wach geworden, war herausgekömmen
und drängte sich angstvoll an die Mutter, aus der
Kammer rief der Junge nach ihr.

-- Is =-
Eberhard sah, daß der Frau nach ihrem Sinne
geholfen werden mußte, wenn sie es als eine Hilfe
empfinden sollte.
,So bleibe Sie, wo Sie ist, wenn Sie nicht
Vernunft annehmen will,'? sagte er. ,Es denkt kein
Mensch daran, Sie oder sonst einen fortzutreiben.
Mache Sie die Milch heiß für den Jungen. Es
wird sich eine Thür für Sie finden lassen, und ich
werde Ihr den Ofen schicken, auch ne Decke für den
Jungen.?
,Gott, Gott, daß es noch so nen Menschen
giebt!' rief sie ihm nach, da er sich rasch entfernte,
schwereren Herzens, denn da er gekommen war.
Der Amtmann hatte ihm die Verhältnisse richtig
geschildert, denn während er dem Erfahrenen zu ges
stehen hatte, wie er mit seiner Hilfsbereitschaft falsch
verstanden worden, hatte er einsehen lernen, daß auf
den Gütern noch manch anderes zerstört und wieder
aufzubauen war als nur der äußere Besitzstand. Es
war gut, daß er gekommen war; und da der Amt-
mann in dem ersten Falle halbwegs Recht behalten
hatte, nahm er die Nachricht mit Freuden auf,. daß
sein junger Herr bis zu seiner Einberufung in den
Staatsdienst in Waldritten zu bleiben gedenke.
Eberhard selbst aber, jung, gesund und idealistisch,
fand eine Genugthuung darin, die Entbehrungen zu
theilen, welche auf dem Gute ein jeder zu ertragen
hatte. Er hatte gleich am ersten Tage erklärt, daß
er nur die eine Stube bewohnen, daß er seine Mahl-
zeiten mit dem Amtmann und mit dessen Frau ein-
nehmen wolle und daß um seinetwillen nichts in der
Lebensweise dieser Beiden geändert werden dürfe.
Man sah ihn mit dem Wirthschafter auf dem Felde,
wo man ackerte, eggte und säte, mit dem Förster
im Walde, gelegentlich auch auf der Jagd. Von

=- Zß -
Haus zu Haus sprach er bei den Leuten vor, und
war es oft nur ein geduldiges Anhören ihrer Klagen
oder ein tröstendes Wort, das er ihnen gewähren
konnte, so wich doch von den Einsichtslosesten die
Furcht, daß die Aufhebung der Leibeigenschaft eine
gegen sie gerichtete feindselige Maßregel sei, und die
Verständigen gewöhnten sich an den Gedanken, daß
auf den Gütern die Zeiten sich für sie wieder bessern
würden, wenn der Baron erst wieder, wie sie es
nannten, zu Kräften gekommen sein würde. Sie
faßten Herz zu dem Sohne des Geschlechtes, das
ihnen nie hart begegnet und, wo Noth gewesen, zu
Hilfe gekommen war.
Es sprach sich bald herum, daß der Baron, wenn
er eine gute Jagd gehabt, den Ertrag derselben in
der Stadt verwerthen ließ und nur das Geringste
fur das Schloß zurückbehielt. Man bemerkte es,
daß er kein Pferd für sich kaufte, sondern die alten
Gäule des Amtmanns oder des Wirthschafters ritt,
welche die Einquartierung des Mitnehmens nicht werth
gefunden; und als er dann der Braun die Thüre
machen ließ, als er den Zimmermann und den
Maurer aus dem Dorfe nach dem Schlosse bestellte,
um mit ihnen, als mit freien Handwerkern, über den
Preis zu verhandeln, für welchen sie in den Leute-
häusern die dringendsten Ausbesserungen machen
sollten, fingen sie an sich selber zu regen. Die Ge-
sichter um ihn her, vornehmlich die der Kinder, be-
gannen sich aufzuhellen, wenn der,Herr'' des Weges
kam, weil er selten an ihnen ohne ein freundliches
Wort, ohne einen Anruf vorüberging.
Es war eine Lebensweise, wie er sie nie geführt,
eine ihm neue Thätigkeit, aber auch die Genugthuung,
die sie ihm gewährte, war ihm neu. Er war aus
der Stadt fortgegangen, um die Neigung zu be-

==- Z--
kämpfen, die ihn immer lebhafter zu Dolores zog;
hier in Waldritten hatte er sich selber zu vergessen,
und da er die Hilfe an baarem Gelde nicht gleich,
wie der Amtmann es begehrte, schaffen konnte, mit
seiner Person einzustehen, um zu lindern, zu gee
währen, was eben möglich war. Selbst Wernicke
mußte es zugeben, daß damit ein Wesentliches ge-
leistet werde, daß etwas damit gewonnen sei, wenn
die Leute nicht aufsässig würden, wenn sie an der
Geduld, mit welcher Eberhard sich des Geringsten
zannahm, beständig an des Herrn guten Willen er-
innert wurden, der ihr Herr jetzt nicht mehr war.
Indeß diese Anerkenntniß von seiner Seite schloß
immer mit der Bemerkung, daß all der gute Wille
den Kohl nicht fett mache und daß nicht abzusehen
sei, wie es sein Ende nehmen solle.
,,Fortschicken kann man die Leute nicht; freiwillig
gehen, ohne zu wissen wohin und ohne Papiere und
Scheine, werden und können sie auch nicht; und da
man ihnen üicht sagen kann, dort ist Arbeit und
gute Bezahlung für Euch, so behalten wir sie auf
dem Halse. Die Häuser sind voll, die Ställe und
Scheunen leer. Wir brauchen Vieh und haben
Menschen mehr als zu viel; und was wir nöthig
haben, was wir in die Erde stecken müßten zur Aus-
saat, das müssen wir ihnen in den Mund stecken, wo's
eben nicht weit langt, und -- was nachher, Herr
Baron? Es bleibt nichts übrig als Geld aufzu-
nehmen auf Ihre Person und zu zahlen, was man
verlangt; denn wer wird jetzt leihen wollen auf ein
Majorat, da er sein Geld überall auf freie Güter
eintragen lassen und es im Fall ihrer gänzlichen
Verschuldung durch billigen Ankauf zurückbekommen
kann. Die Advokaten in Königsberg schaffen Rath,

=- sZ -
freilich nicht umsonst, aber wir können nicht warten,
Sie haben es jetzt selbst gesehen!r
,Ja, leider, es geht nicht anders!' gab Eber-
hard ihm zu, indem er sich von der Mittagsmahlzeit
erhob, deren täglichen Beisatz diese Erwäguungen
machten. ,Es fragt sich nur, ob ich selber nach det
Stadt muß, oder ob die Sache sich von hier aus
einleiten läßt. Ich würde gern noch hier draußen
bleiben, aber wir'kommen hoffentlich rascher an das
Ziel, wenn ich die Angelegenheit persönlich betreibe,
und . . ,-
,, Herr Baron können ja wiederkommen mit dem
Gelde,'' ergänzte der Amtmann, zufrieden, seinen
Herrn endlich so weit zu haben; ,und ist das Geld
erst da, so werden der Herr Baron sehen, daß wir
gut vorgearbeitet haben und daß wir mit dem Säen
noch eher, fertig sein und dann an alle andere Arbeit
gerade so gut gehen können wie die in Strandwiek,
von deren, Wirthschaft nach neuer Art so viel Wesen
gemacht wwird, als könnten sie die Sonne auffangen
und den Frost absperren, wie sie's gerade gebrauchen.
Wie wir moch ruhige Zeiten und regelmäßige Ein-
nahmen und unsere Leute in der Hand hatten,
konnten wir die Wunder thun so gut wie sie!'
Eberhard hatte die Stube bereits verlassen, ehe
der Amtmann vollendete, die Frau nickte ihm bei-
stimmend zu.
,,Es ist ja eine Seele von einem Menschen,''
sagte sie, ,aber sie müssen's selbst probiren, darin
hast Du recht; und die Leute kennt er erst recht nicht.
Er giebt ihnen die Butter vom Brot-- und denkt,
damit könnt' er's zwingen; die denken aber, kanu -er
die Butter entbehren, so geht's auch ohne Brot ---
und brauchen können sie es schon.?
Lewald. Die Familie Darner. T.

Kapitel 10

-=- ZZ
Behntes Kapites.
Während dessen war Eberhard aus der Halle
in die große Eingangspforte hinausgetreten, und auf-
merksam gemacht durch den Anschlag des Hundes,
sah er von ferne einen Reiter herankommen, den sein
scharfes Auge bald nicht mehr Mühe hatte zu erkennen.
Es war Frank, der, als er Eberhards ansichtig wurde,
schnell herankam.
Eberhards erste Empfindung war, ihm rasch ent-
gegen zu eilen, dann blieb er fast unwillkürlich stehen.
Der Gedanke, den Gast, welchen er zuerst in seiner
kleinen Stube in Königsberg empfangen, jett auf
der Schwelle seines Schlosses, unter dem hohen,
wappengekrönten Portal desselben zu bewillkommnen,
schoß ihm durch den Kopf inmitten der Sorgen, von
denen er ihn voll hatte; und als ahne Frank, was
in jenem vorging, rief er, da Eberhard vor dem
Portal an ihn hexantrat, frohgemuth wie immer:
,Allen Respekt, Baron, ist das ein Herrensitz!
Das ist ja wie eine Kopie des Hochmeisterschlosses,
an dem wir vorübergekommen sind, als wir die Nogat
überschritten!'
,,Tausendmal willkommen!'' entgegnete ihm Eber-
hard, dem die Bewunderung seines Stammschlosses
mehr Freude gemacht, als Frank hatte ermessen
können. ,Endlich. ein Gast, den man ersehnt, nach
all den ungebetenen Gästen, die hier gehaust!'? Und
dem Freunde die Hand schüttelnd, der sich leicht aus
dem Sattel geschwungen, gab er mit dem nachge-
machten schrillen Eulenpfiff, dessen die Barone sich
hier seit Generationen bedient, das Zeichen, das einen
der Leute herbeirief.

-- ZZ -
Der Amtmann und seine Fräu waren inzwischen
auch neugierig hinausgekommen, denn Besuche waren
eine Seltenheit geworden. Das frühere gastliche
Hinundher zwischen den Schlössern hatte nach dem
Kriege noch nicht wieder aufkommen wollen, weil
jeder -bei sich zu Hause noch sein Theil zu tragen
und zu schaffen hatte.
Eberhard sagte dem Freunde, daß der alte Herr
sein Amtmann, der vieljährige, bewährte Diener
seines Hauses sei, und dieser begrüßte den Sohn
des reichen Besitzers von Strandwiek mit all der
Schätzung, welche er von dem Werth des Geldes jetzt
noch mehr als vordem hatte.
,Tragen Sie auf, Madame Wernicke,'' sagte
Eberhard, ,was Küche und Keller vermögen. Etwas
Besonderes wird's nicht sein, lieber Freund, denn wir
sind arm wie die Kirchenmäuse und Schmalhans ist
Küchenmeister bei mir !'' setzte er muntern Sinnes
hinzu, denn hier in seinem Schlosse kam es ihm nicht
schwer an, seine Mittellosigkeit einzugestehen, und
Franks Heiterkeit hatte ihn selber fröhlich gemacht.
,Wenn's nur viel ist, so ist's gut!'' versicherte
der.,Ich bringe Ihnen einen Wolfshunger mit,
den der dreistündige Ritt in der scharfen Luft ge-
steigert hat; und Madame, setzte er, sich zu dieser
wendend, hinzu, ,wer schnell giebt, giebt doppelt!''
Eberhard befahl, das Essen oben auftragen zu
lassen, da er mit dem Gast allein zu sein wünschte,
und gab die Weisung ein Zimmer für denselben her-
zurichten, da er hoffe, er werde im Schlosse übernachten.
Frank verneinte das. Er sei nur für ein paar
Tage nach Strandwiek gekommen, sagte er, und wolle
am Abend wieder dort sein.
,, Wir haben jetzt ein Ühr! Breche ich um vier
Ühr auf, so bin ich um sieben Uhr bequem zu Hause!'


!
=- ZF, -
,Es sind fast vier Meilen,' wendete Eberhard
ihm ein, ,wird Ihr Pferd das leisten nach drei
Stunden Rast!rr
,Vollkommen! Ea ist Vollblut und hat gestanden
gestern den ganzen Tag. Nebermorgen will ich nach
Königsberg zurück. ?
,Ebenfalls zu Pferde??
,MNein, mein Vater geht mit, aber wir nehmen
nicht eigene Pferde, sondern Postvorspann; sie brauchen
die Pferde zu nöthig bei uns.?
So sprechend gingen sie die breite steinerne
Treppe hinan, auf deren Pfosten die Wassernixe
aus dem Wappen der Stromberg als Fackelträger
aufgestellt war, traten dann in den Hauptsaal ein,
in welchem die Ahnenbilder sich befanden, und ob-
schon auch sie vielfach gelitten hatten, blieb, Frank
doch stehen, sie zu betrachten.
,Welch prachtvolle Gestalt ist das!r rief er, auf
den Gründer des Hauses deutend, dem das lang
wallende blonde Haar unter dem schweren Barett
auf die mächtigen Schultern niederfloß. Wir sehen
recht armselig aus in unserer knappen Kleidung neben
solchen Bildern; aber Sie gleichen Ihrem Stamm-
herrn und ich möchte Sie wohl einmal sehen in seiner
Tracht.?
Eberhard gab zu, daß das Gepräge des Ge-
schlechtes sich deutlich erhalten habe; und während
man, weil der Saal dem Gast einen anziehenden
Eindruck machte, den Eßtisch in demselben deckte, ging
er langsam betrachtend: von Bild zu Bild, nach den
Namen der Männer wie der Frauen und nach ihren
Schicksalen fragend. Wie sie sich dann an den Tisch
niedersetzten, auf welchem man die schlichte Mahlzeit
aufgetragen hatte, sagte er, während er eifrig
zugrif.


=- H --
,Das sind nun Dinge, die man sich nicht schaffen
und nicht kaufen kann und die doch werthvoll sind
vor anderen !?
,Meinen Sie die Bilder?? fragte der Baron,
dem die Vorstellung, daß Frank auch hier wieder
gleich an das Kaufen denke, ein Lächeln auf die
Lippen brachte.
, Ja, die Bilder als Träger und Zeichen der
Vergangenheit. Ich denke mir es angenehm, große,
weitreichende, mit der Geschichte seines Geschlechtes
und Landes zusammenhängende Erinnerungen zu be-
sitzen. Ich werde einmal allen Grund haben, meinen
Kindern mit Stolz von ihrem Großvater zu sprechen;
doch sollte mich's nicht kränken, könnte ich für sie und
mit ihnen weiter zurückblicken in eine lange Ver-
gangenheit und auf gute und vorangegangene Ange-
hörige. In der Vergangenheit wurzeln, sein eigener
Herr sein in der Gegenwart und eine freie Zukunft
vor sich haben-- das ist'a!'?
Er aß dabei rüstig von dem kalten Fischgericht,
das die Magd hereingebracht, und hielt wohlgemuth
das Glas hin, welches sein Wirth ihm auf das neue
vollgeschenkt, ihn zum Anstoßen einzuladen.
Es wurde Eberhard zum ersten Mal wieder wohl
in seinem Schlosse, seines Gastes Offenheit erschloß
auch ihm das Herz.
,Solch' aristokratischem Wunsche in Ihnen zu
begegnen,' sagte er, ,hätte ich nicht erwartet. Sie
haben keine Vorurtheile; und das freut mich !' scherzte er.
,Wo sollte ich die her haben. Mein Vater--
nun, das werden Sie begreifen, der ist viel zu sehr
Mann der Thatsachen, um Vorurtheile gelten zu
lassen; und die, die vor ihm gewesen sind, haben
sich mit derlei sicherlich nicht abgegeben. Daß Sie,
Baron, der Sie aus diesem Feudalschloß stammen,

e
==- Zß -
ohne Vorurtheile sind, ist schon verdienstlicher. Aber
andererseits- wer spannt sich ein, der frei sein kann ??
Er hatte das alles in seiner freimüthigen Weise
leicht hingeworfen, indeß seine Worte hatten für Eber-
hard ein anderes Gewicht, und ernsthaft werdend,
entgegnete er ihm:
, Sie haben Recht, freiwillig setzt sich in unseren
Tagen wohl Niemand eine Schranke, die ihn hindert;
aber die Schranken, in die wir mit jenen erhebenden
Erinnerungen aus der Vergangenheit hineingeboren
sind, sind nur zu oft unübersteiglich für uns, und
halten uns in ihrem Bann.!
,Wie meinen Sie das?' fragte Frank betroffen
vor dem Ernste des Barons.
,Die Sache ist sehr einfach, mich bindet das
Majorat nach allen Seiten. Ich bin nicht frei in
Bezug auf die Ehe!r Heißes Roth überflog seine
schöne Stirne, da er die Worte aussprach, und als
wolle er rasch darüber fortkommen, setzte er hinzu:
,, Und ebenso bin ich zum Beispiel in diesem Augen-
blick behindert, für das Gut zu thun, was gethan
werden müßte. Soll hier zweckmäßig geholfen werden,
so muß dazu ein namhaftes Kapital geschafft werden,
das ich durch Aufnahme einer Hypothek nicht schaffen
kann, weil mein Nachfolger nach der Majorats-
stiftung nicht verpflichtet sein würde, sie einzulösen
oder zu verzinsen . . ?
, Unglaublich ! fiel' Frank ihm in das Wort.
, Was wollen Sie? Es ist eine ehrenhafte,
aber kurzsichtige Bestimmung. Unser Ahnherr, der
Freiherr Eberhard, hat beabsichtigt, sein Geschlecht
dadurch von Leichtsinn, von Verschwendung zurück
zuhalten, und hat nicht bedacht, daß Zeiten kommen
können, in denen Fremde, Feinde ernten würden,
was wir gesät, und aufzehren und zerstören bis aufs

= ZF -
lezte, was wir gesammelt und geschaffen haben.
Grade als Sie kamen, war ich dabei, nach Königs-
berg zu schreiben, um zu versuchen, ob ich auf meinen
Namen, nicht als Majoratsherr von Waldritten,
Kredit finde, um dem Majorate damit zu Hilfe zu
kommen, das mein alleiniger Besiz ist!?
Frank schüttelte erstaunt den Kopf.
,Ein Besitz? Wie mögen Sie als Besitz er-
achten, was nicht frei zu Ihrer Verfügung steht?
Stecken Sie mir ein Goldstück in die Tasche und
befehlen Sie mir, es in derselben zu behalten, oder
verbieten Sie mir, es einzuwechseln, so komme ich
als sein Besitzer in die Lage, zu verhungern oder
ein Stück Brot mit seinem hundertfachen Werthe zu
bezahlen!'-
,, Das Letztere wird mein Fall sein, denn ich
werde Wuchern in die Hände fallen und Wucher-
zinsen zahlen müssen!
, Wucherzinsen,'' wiederholte Frank,,das ist auch
ein Wort unter dem viel unklare Vorstellungen sich
bergen. Wen nennen Sie einen Wucherer und was
nennen Sie wucherische Zinsen??
,, Wie mögen Sie mich das fragen? Altrömisches
und deutsches Recht haben den Begriff festgestellt,
und wenn Jemand von mir, weil er weiß, daß ich
es haben muß, für ein Darlehen, das er mir macht,
den doppelten, den dreifachen Zins verlangt, den er
sonst erhalten würde, so nenne ich ihn eben einen
Wuchertreibenden.??
, Verzeihen Sie mir, wenn ich als ein Unstudirter,
aber im praktischen Verkehr Geschulter Ihnen darin
widerspreche. Geld ist Waare, und in dem betreffenden
Falle das Darlehen eine Waare. Ist die Waare
reichlich vorhanden, und die Sicherheit, sie zurückzu-
erhalten, groß, so giebt man sie billig her; ist sie knapp

=- sZ -
und keine feste Bürgschaft für die Sicherheit, so läßt
sich der Verleiher der Waare ihre Knappheit und die
Gefahr, die er läuft, hoch bezahlen und mit Recht.
Und in anderem Sinne, wenn ich mit einem Dar-
lehen, fünfzehn, zwanzig von Hundert zu gewinnen
denke, warum soll ich den Mann tadeln, der einen
ansehnlichen Vortheil sucht für den größern, den ich
zu erlangen denke? Steigern doch überall selbst die
Reichsbanken ihre Darlehen nach dem jedesmaligen
Marktpreis des Geldes, und sie arbeiten nicht auf
eigene Rechnung, sondern als gemeinnützige Institute,
Aber sprechen Sie doch mit meinem Vater davon.
Vielleicht weiß er Rath zu schaffen. Wie viel müssen
Sie haben? Klein wird die Summe nicht sein, denn
Ihr Gut ist ja viel größer als Strandwiek, und wir
haben schon einen tüchtigen Posten hineingesteckt, ohne
damit zu Rande zu sein.'?
Eberhard zögerte mit der Antwort. Er hatte
eine sehr große und eine gute Meinung von Lorenz
Darner, eine wirkliche Zuneigung zu Frank, aber der
Gedanke, ihnen für ein rein persönliches Darlehen
verpflichtet, durch Geld von ihnen abhängig zu sein,
widerstrebte ihm entschieden; und ohne die Summe
zu nennen, die er zu haben wünschte, sagte er:
,,Sie kommen meinem Wunsche zuvor. Ich hatte
schon daran gedacht, mich in Ihrem Hause nach einem
sicheren Geschäftsmann für meine Zwecke zu erkundigen.
Können Sie mir einen 'solchen nachweisen, so ver-
binden Sie mich. Ich mnß natürlich darauf gefaßt
sein-- bin es auch -- nicht billigen Kaufs davon
zu kommen, denn ich habe Eile. Neben der Noth-
wendigkeit, die Gebäude herzustellen, für die Frucht
des kommenden Jahres zu sorgen, muß den Leuten
auch Arbeit und Erwerb geschafft werden . . ?
K

== Zß =
,, Haben Sie mehr Leute hier, als Sie brauchen?
fiel ihm Frank in die Rede.
,, Wenigstens mehr, als ich im Augenblicke zu be-
schäftigen vermag; denn wenn es mir gelingt, an die
Arbeit zu kommen, so werde ich doch immer nur mit
Beschränkung, nur gemessen vorwärts gehen können.?
Glauben Sie, daß die Leute gewillt sein würden,
bei uns in Arbeit zu kommen?' fragte Frank.
Und wieder überfiel den Schloßherrn die Scheu,
die ihn überkommen war, als Frank die Möglichkeit
der Geldvermittlung durch seinen Vater angedeutet
hatte; aber diesmal hatte er sie zu besiegen, denn
es galt nicht sein Empfinden allein, sondern
in erster Reihe den, Vortheil seiner Gutsinsassen, der
allerdings auch ihm eine wesentliche Erleichterung
gewährte. Er sagte, er zweifle nicht daran, daß die
Leute gern in Arbeit gehen würden. Er ließ dann
den Amtmann heraufkommen, ihm seine Absicht kund
z geben.
Der Amtmann hörte ihm respektvoll zu, dann
sagte er:
,Herr Baron, das ist, verzeihen Sie, daß ich
es sage, leicht gethan und dann aber auch nicht un-
geschehen zu machen. Tagelohn wie Herr Darner
auf Strandwiek, der nicht alles aus dem Gute selbst
herauszuschlagen hat, können wir hier nun und nimmer
zahlen. Zeigt man den Leuten den Weg, wo sie
ihn bekommen können, so werden sie ihn sammt und
sonders gehen wollen, wenn wir ihnen nicht das
Gleiche zahlen. Weigern wir die Erlaubniß, was wir
kaum noch können, so haben wir aufsässiges Volk
um uns. Und das Gesindel der Franzosen und
Russen nnd das Pack, das wir hier gehabt haben,
hat's ihnen vorgemacht, wie rasch man den rothen
Hahn auf eine volle Scheune fliegen lassen und an

.
====- ßß -
abgelegenem Platze einem, dem män's zugedacht hat,
den Garaus machen kann. Fangen Sie nichts Neues
an, wir haben genug damit zu schaffen.'?
Sich von einem Untergebenen in Gegenwart
eines Dritten widersprochen zu finden, sich gehindert
zu sehen, wo er sich wohlwollend überwunden hatte,
machte Eberhard unmuthig. Das aristokratische Herren-
bewußtsein regte sich sofort wieder in ihm.
, So werden wir sehen müssen, wie wir's schaffen!'
entgegnete er dem Amtmann fest.,öu zahlen, was
man anderwärts zahlt, die Leute hingehen zu lassen,
wo man sie aufnehmen will und brauchen kann,
während das im Augenblick hier nicht der Fall ist
--- mit einem Worte, uns in die jetzigen Verhältnisse
zu fügen, werden wir uns gern oder ungern ent-
schließen müssen. Die Leute, die nach Strandwiek
gehen, haben wir hier nicht zu ernähren und können
sie wiederkommen lassen zur rechten Zeit!'? Dann,
sich an Frank wendend, fragte er, ob man zehn, zwölf
Arbeiter beschäftigen könne.
,,Mehr als diese!'' entgegnete Frank und er-
kundigte sich bei dem Amtmann, ob sich vielleicht
Handwerker unter den Leuten befänden, denn diesen
würde man natürlich höheren Lohn bezahlen können.
Wernicke verneinte das. Die Handwerker habe
man selber dringend nöthig, sagte er, fügte aber hinzu,
die Leute hätten alle bei den gelegentlichen Bauten
als Handlanger gedient; und er erhielt darnach die
Weisung, brauchbare Menschen auszusuchen und sie
ins Schloß kommen zu lassen. Er entfernte sich
gehorchend.
Dann verließen auch die beiden jungen Männer
das Schloß, um noch rasch einen Gang durch den
Garten und das Dorf zu machen, und wie sie dar-
nach zurückgekehrt und wieder in den Ahnensaal ge-

.
-=-- ßJ--
kommen waren, in welchem sie noch den Kaffee trinken
wollten, bevor Frank sich wieder auf den Weg machte,
ließß Eberhard die bestellten Leute vor sich kommen.
Es waren ihrer zehn; Keiner von ihnen war
jemals im Schlosse gewesen, denn was man ihnen
mitzutheilen hatte, wurde bei dem Hofmann ab-
gemacht; Keiner von ihnen wußte deutlich, worauf es
jetzt mit ihnen abgesehen war, und die Furcht, wider
ihren Willen fortgeschickt zu werden, welche seit der
Auufhebung der Leibeigenschaft unter allem Landvolk
spukend umging, regte sich auch in ihnen, da der
Amtmann in seiner Unzufriedenheit sich nicht darüber
ausgelassen hatte, was der Baron mit ihnen vorhabe.
Mochte er ihnen das selber sagen, mochte der, welcher
den Plan gefaßt, auch die Veranlwortung für den
Ausfall und seine Folgen den Leuten gegenüber selber
übernehmen.
Der Saal und die Berufung waren den Leuten
neu, waren ihnen also unheimlich. Dicht beisammen
blieben sie an der Thür stehen, scheuen Blicks den
Raum, und mißtrauisch den Baron, den Fremden
und den Amtmann betrachtend, dessen Befehl sie her-
gerufen, dessen finstereMiene ihnen nichtsGutes verhieß.
Eberhard kannte alle seine Leute, und weil er
die Sache abgethan haben wollte, trat er, ihre Zu-
stimmung ebenso voraussetzend, als daß sie wüßten,
um was es sich handle, mit den Worten: ,Ihr also
wollt fort!' rasch an sie heran.
,,Fort?? wiederholte der und Jener.
Der lange Karl aber, der nicht viel älter, als
Eberhard, diesem in dessen früher Kindheit bei seinen
Spielen bisweilen zur Hand gegeben worden war
und mit dem Baron erst vor ein paar Tagen im
Vorübergehen gesprochen hatte, faßte sich ein Herz.
, Fort,' sagte er, ,na, fort wollen wird just

= HF -
Keiner wollen, gestrenger Herr! Wenn der gestrenge
Herr aber so meinen, wird's ja nicht anders sein.
Man bloß wohin, und justement jetzt zum Winter?'
Eberhard sah die dumpfe Unzufriedenheit in den
Gesichtern und hörte sie aus den Worten.
, Er fragt wohin? Das will ich Ihm sagen, da
der Herr Amtmann es, wie ich merke, nicht gethan
hat. Hier, der Herr Darner von Strandwiek, bei
dem auch Alles drunter und drüber gegangen ist,
braucht mehr Leute, als er hat, zu dem sollt Ihr hin.?
Daß der Baron dem Einen geantwortet, ermuthigte
die Anderen.
, Ich bin nicht ledig, gestrenger Herr!' warf
Steppuhn ein. ,Ich hab' Frau und Kind und das
andere soll jetzt kommen, und wenn wir hier haben
umsonst arbeiten müssen, wie's Arbeit gegebeu hat,
und durchhalten durch die Franzosenzeit, so ,. .?
,Was soll das So? fuhr Eberhard auf.
,Man stößt ja seinen Hund nicht auf die Straße!'r
brummte ein Dritter durch die Zähne.
Eberhard erkannte, daß der erfahrene Amtmann
die Leute richtiger als er beurtheilt. Er sah das
unterdrückte Lächeln in dessen faltenreichem, ehrlichem
Gesicht und hörte, was sein Mund nicht aussprach?
Er hatte sich in eine falsche Lage gebracht, aber das
Beispiel von Lorenz Darner sollte nicht an ihm ver-
loren sein; es galt, mit einem entschiedenen Schritte,
mit offenem Zugeständniß der Wahrheit sich in die
geforderte Stellung zu versetzen.
,Wer denkt daran, Euch zu verstoßen! sprach
er ,Wer vom Schlosse ist je unbarmherzig gewesen
gegen Euch, so lang Ihr unsere Hörigen waret? Jetzt
seid Ihr frei, ich habe Eure Arbeit nicht mehr zu
fordern, sondern muß sie Euch bezahlen. So viel
Geld, Euch Alle zu beschäftigen, habe ich nicht; Euch

-- IZ -=-
Alle mit Euren Frauen und Kindern ernähren, bis
ich Geld genug haben werde, herstellen zu lassen, was
hier zerstört ist, kann ich nicht. Seht Euch um, Ihr
wißt's so gut wie ich; Scheunen und Ställe sind
leer. In Strandwiek kann der Herr Euch brauchen,
er giebt Euch Wohnng, giebt Euch Kost, giebt Jedem
zwei Sechserks den Tag .?
,Auch Branntwein? fragte der lange Karl.
,Den müßt Ihr kaufen; und wer sich betrinkt,
wird fortgeschickt! bedeutete Frank, der bis dahin
schweigend dem Vorgang beigewohnt hatte.
,Mit Frau und Kind? erkundigte sich Steppuhn,
und wieder ein Anderer fragte:
,Für wie lange soll's denn sein??
,Die Weiber und Kinder behalte ich. Seid Ihr
rechtschaffen, so laßt ihnen zukommen, was Ihr er-
übrigen könnt, denn der Lohn ist hoch. Wenn ich
Euch Arbeit geben und der Herr in Strandwiek Euch
nicht mehr beschäftigen kann . . ?
,,Wenn wir aber dort nicht kriegen, was Sie
versprechen, gestrenger Herr?' wagte Karl zu sagen,
der sich zum Sprecher machte.
, Ihr werdet es bekommen,'' entgegnete Frank,
,,aber wer nichts taugt, den jagen wir zum Teufel,
und wir reißen uns nicht um Euch, bleibt, wo Ihr
seid!? Er zog dabei die Ühr aus der Tasche, sah
nach der Zeit und sagte: ,Ich muß fort, Baron,
haben Sie die Güte, mein Pferd bringen zu lassen.r'
, Bestell' Er's!'' gebot Eberhard dem ihm zunächst
stehenden Karl.
Der blieb stehen, sah den Baron, sah Frank und
die Anderen an und sagte dann:
,Wenn soll's denn fortgehen, gestrenger Herr?
P 40 Pfenig Reichsgeld.

,Morgen um acht Uhr, daß Ihr vor Abend
dort seid !r
= ßg -
,Giebt's Handgeld? erkundigte sich Steppuhn.
,Nein, denn Ihr kommt auf Arbeit, nicht in
Dienst!'' antwortete ihnen Frank.
Sie zögerten einen kurzen Augenblick in leisem
Reden unter einander, dann sagte Steppuhn:
,Na, denn also morgen um acht Uhr und vier-
zehn Sechser die Woche!r
,Nein, zwei Sechser den Arbeitstag!'' wiederholte
Frank bestimmt.
,Ra, denn zwei Sechser und morgen um acht
Ühr!r? Damit begab er sich, und sie gingen davon.
Als sie unter der Thüre waren, rief Frank
ihnen nach:
,Der Marschtag, das soll gesagt sein, zählt für
nen Arbeitstag mit!'
,Schön Dank, hochgüter Herr! schallte es ihm
zurück, und man vernahm an ihren Stimmen, daß
sie nun besseren Muthes waren.
,Sie kennen die Leute und wissen sie zu nehmen,
Herr Darner!'r sagte der Amtmann, jetzt selber
plötzlich wie Jene der Sache weniger abgeneigt.
,Ich habe mit Ihnen, seit ich in Preußen bin,
in unseren Geschäften oft zu thun gehabt; es will
auch gelernt sein. Ein kleines Zugeständniß zum
Schluß ist wie ein Schnaps, der ihnen Eourage
macht; und nun habe ich noch eine Bitte an Sie,
Herr Amtmann, setzen Sie die Bedingungen auf und
lassen Sie sie von den Leuten unterschreiben. Ich
will warten, bis es geschehen ist, und den Kontrakt
mitnehmen.?
,Aufseten will ich's gleich,'' entgegnete der Amt-
mann, ,die Leute haben's nur mit Geschriebenem
nicht gern zu thun, sie denken immer, das geht gegen

=- H =
sie, aber wie Sie wünschen. Der Karl und der
Steppuhn können zur Noth ihren Namen schreiben,
bei den Anderen müssen's die drei Kreuze thun. Man
kriegt sie schwer dazu. Schlimm geng, daß man
jetzt mit ihnen paktiren muß!'
,Es sind freie Leute, mit denen man Geschäfte
zu machen hat, und in Geschäften geht's ohne Ge-
schriebenes nicht! lachte Frank.,Das ist Handel
und Wandel; und Ihnen, lieber Baron, danke ich
für Ihr Makleramt. -
Er hatte das mit fröhlichstem Sinne gesprochen,
während sie sich an dem Tisch niedergelassen, auf
welchem man ihnen den Kaffee aufgetragen hatte; er
bemerkte es auch nicht, wie Frank von der Bemer-
kung getroffen worden war.
Von der Eile des Augenblicks hingenommen,
denn es war vier Ühr vorüber, und er hörte den
Hufschlag des Pferdes, das man aus dem Stalle über
den Hof führte, sagte er:
,, Und nun, lieber Baron, da ich hier durch Sie
unsere Rechnung in unseren Angelegenheiten gefunden
habe, auch zu der Ihren! Welche Summe müüssen
Sie haben, welche Sicherheit können Sie bieten?
Von dem beiden hängt es ab, an wen man sich zu
wenden und auf wie hohe Zinsen man zu rechnen
haben wird. Bemessen Sie die Summe nicht zu
knapp; denn es kommt bei einer ersten Anleihe nicht
wesentlich darauf an, und es ist besser und Ihnen
gewiß lieber, wenn Sie keine zweite zu machen brauchen.
Sie haben hier für mich vermittelt, lassen Sie mich
für Sie in dieser kleinen Angelegenheit das Gleiche
thun. Ich glaube, Sie kommen besser dabei fort,
wenn sie durch uns und unser Haus besorgt
wird.?
Das war Alles richtig, und Eberhard hatte es

= I( -
dankbar anzunehmen, doch war ihm dabei nicht leicht
ums Herz.
,Ich habe zehntausend Thaler nöthig,' sagte er,
,, und im günstigsten Falle würden, gute Ernten und
gute Konjunkturen vorausgesetzt, mindestens sechs, acht
Jahre hingehen, ehe ich sie, bei hohem Zinsfuß,
ratenweise abzahlen könnte. Eine Sicherheit biete ich
mit meinem Ehrenwort . I?
,Aber Sie sind sterblich!r wendete Frank ihm ein.
,, Und das Ehrenwort eines Todten bindet die
ihm Nachfolgenden rechtlich nicht!'r setyte Eberhard
hinzu. ,Sterbe ich unverheirathet und kinderlos, so
fällt das Majorat an meinen Onkel, den General,
und an dessen Familie. Ich habe deshalb angestanden,
das Geld aufzunehmen, so lange ich an die Möglich-
keit geglaubt, ohne dasselbe fertig werden zu können.
Nun ich mich von dem Gegentheil überzeugt, habe ich
an den General zu schreiben, um ihn, obschon er ein
Kavalier ist und ich seiner sicher bin, für den Fall
meines Todes zur förmlichen Anerkennung der für
die Erhaltung des Majorats gemachten Schuld zu
bewegen.?
,So wird's leicht zu machen sein, so ist's ge-
schäftsmäßig!'k sagte Frank.
,Ich bin Jurist, lieber Freund!r erinnerte der
Baron.
,Also Sie nehmen meine Vermittlung an!'?
,Mit großem Dank! Sie haben Vollmacht...?
,Für Sie nachzufragen und Ihnen zu berichten!''
ergänzte Frank. ,Ich' gehe morgen nach Hause. Ich
werde zwölftausend Thaler suchen statt der genannten
zehn und sagen, daß Sie dieselben nach Bedarf ent-
nehmen werden, die Zinsen zu ersparen. Wann
denken Sie wieder in Königsberg zu sein? Wir
müssen doch unsere Lektionen wieder aufnehmen!

=- ßF -
,Ich bleibe hier, bis ich die Einberufung von
meinem Präsidenten habe.?
, Und ich schreibe Ihnen, sobald ich das Ge-
wünschte finde; ich hoffe, es soll' bald sein.?
Er sah sich noch einmal in dem Saale um,
nannte ihn einen prächtigen Raum, den sein Vater
durchaus sehen müsse, um zu erfahren, was dies Land
früher an den Ordensrittern gehabt; dann gingen sie
hinunter.
Der Amtmann kam auch aus seiner Wohnuung
vor das Thor, dem Gaste des Schloßherrn die
schuldige Ehrfurcht zu erweisen.
Franks Falbe wieherte ihm, die Heimkehr voraus-
sehend, lustig entgegen. Er war schnell im Sattel.
Eberhard bat, ihn seinem Vater und den Damen
zu empfehlen. Sie schieden mit einem herzlichen
, Auf Wiedersehen!'-
Eberhard blieb unter dem Portale stehen und
sah ihm nach, bis er den Schloßhof verlassen hatte.
, Vor ihm liegt das Leben offen und die Welt!r'
sprach er halblaut vor sich hin und ging in die Burg
seiner Väter zurück, dem Nachsatz und dem Ruckblick
auf sich selber das Wort nicht gebend. Dann, sich
zum Amtmann wendend, der ihm gefolgt war, sagte
er: , Ich habe Herrn Darner ersucht, das Geld für
mich zu negoziiren. Er hat es übernommen, und ich
glaube, es auf dem Wege unter den angemessensten
Zinsen zu erhalten. Er wird Bescheid senden, hoffent-
lich in den nächsten Tagen.?
,, Und Sie werden sehen, Herr Baron, wenn wir
uns hier nur rühren können- Sie werden sehen,
was Waldritten ist, es ist ein herrlicher Besiz! Sie
werden wieder gern hier sein !?
, Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich's nicht bin?
Der Amtmann schwieg; erst im Schlosse sprach er:
Lewald. Die Familie Darner. T.

Kapitel 11

- 9Z=-
,,Sie sind mitten so ins Elend hineingekommen -
nun wird's anders werden, und auch mit den Leuten
wird sich's machen; ich thue, was ich kann!?
,,Das weiß ich, Wernicke,'' versicherte der Baron,
gerührt von des Greises bescheidener Treue; ,wir
wollen Rath schaffen zusammen, und sehen, wie wir
das gute Alte und das Neue ineinanderfügen. Lassen
Sie Feuer machen oben im großen Saale, und lassen
Sie mir den Schreibtisch hineinbringen, ich habe noch
zu thun; es ist mir auf die Dauer zu eng in der
kleinen Stube.?
Der Amtmann hörte das gern, es war ein festes
Fußfassen im Schlosse.
Elftes Kaputel.
Der Brief an den General war geschrieben. Es -
dämmerte schon, als Eberhard das Licht löschte, an
dem er ihn gesiegelt. Wie er ihn gegen das Fenster
hielt, trat der schöne Schnitt des großen Petschafts
scharf aus dem weichen Wachs hervor. Die Fassung
zeigte, daß es einst in einem Schwertknauf gesessen,
den man in ein Petschaft umgewandelt, weil die Sage
ging, Benvenuto Cellini selber habe es dereinst ge-
schnitten.
Sie Alle, deren Bilder von den Wänden zu ihm
niedersahen, hatten es in den Händen gehabt! Alle
Dokumente, welche sich auf das Geschlecht bezogen und
auf das Schloß, waren mit ihm gesiegelt worden:
die Ankäufe des Blonken'schen Waldes, des Widnower
Vorwerks. Den Verdinger seiner Leute, den Makler,
hatte noch keiner der Strombergs gemacht. Nicht

-=- ß =
der Komthur, dessen Züge er selber trug, nicht der
Baron Achilles, der unter dem großen Kurfürsten
gegen die Schweden ruhmreich gekämpft und siegend
gestorben war; nicht der Baron Weidewuth, der mit
so viel Galanterie die schöne Baronin Hedwig am
Arme führte und das Haupt unter der Allonge-
perrücke mit stolzem Lächeln dem Beschauer zuwendete;
auch sein edler Vater nicht, dem das leicht gepuderte
Haar und der rothe Sammetrock über der weißen,
goldgestickten Schoßweste so wohl anstanden, und
dessen rundes Kinn und schöne Häände so fein hervor-
sahen aus der Halsbinde und den weiten Manschetten
von flandrischen Spitzen.
Sie waren Alle noch unumschränkte Herren ge-
wesen in ihrem Schlosse und über ihre Leute, sie
hatten nicht mit ihnen zu paktiren, nicht Verkehr
gehabt.
Er machte sich zum bittern Vorwurf, was er
dachte. Er hatte sich immer mit Genugthuuung als
ein Kind seiner Zeit gefühlt, sich glücklich gepriesen,
dem Jahrhundert anzugehören, in welchem man die
Menschenrechte, wie sich's gebührte, anerkannt. Als
er Darner seine Leute für dessen Zwecke angeboten,
hatte er es mit dem Bewußtsein gethan, daß er
damit die ihnen gewordene Freilassung bestätigen
helfe, während ihm selber eine nothwendigeErleichterung
damit geschafft wurde. So, wie es war, war Alles
auf das Beste! Er hätte darüber lachen mögen, das
der Herrenstolz seines Geschlechtes ihm wie ein alt-
modisch gewordener Zopf so zur Unzeit in den
Nacken schlug; aber er konnte es nicht vergessen, das
Frank ihn einen Makler genannt, daß er als Ge-
schäftsmann mit einem Geschäftsmann auuf gleichem
Fuuß verkehrt und daß mit der Aufhebung der Leib-
eigenschaft an alle bisher hestandenen Vorrechte der

I?
- 10---
einzelnen Stände die Axt gelegt war, daß jeder
fortan und mehr und mehr die Freiheit für sich
fordern, erkämpfen und erhalten werde, die er für
sich begehren zu müssen glaubte.
Was war es nun mit dem ihm tief in das
Herz gegrabenen Wahlspruch der Stromberg: ,Ich
stehe und halte fest!'-- Wie konnte der einzelne
feststehen und was konnte er festhalten in einer
Welt, in welcher das: ,Alles fließt!rr mehr denn je
erkennbar hervortrat, in welcher, wie Darner, der
entflohene Leibeigene, es vor seinen frei und vornehm
geborenen Gästen mit Wahrheit bezeichnen konnte,
nichts feststand als die unwiderlegliche Beweiskraft
der Zahlen, das Einmaleins und ein gut geführtes
Hauptbuch?- Ohne daß er es wollte, kam er
immer. darauf zurück, und er durfte es auch nicht
vergessen, konnte es nicht vergessen, denn seine Ge-
danken waren wie gebannt an die Stätte, an welcher
er das Wort vernommen; und sein Bestreben, das
Bild, das ihn umschwebte, nicht aufkommen und nicht
Herr werden zu lassen über sich, hielt es doch eben
in ihm fest.
Er stand wieder, wie in den verwichenen
Tagen, einsam an seinem Fenster, wieder war die
Sonne niedergesunken und ihre letzte Spur, der
matte gelbliche Schimmer erloschen am fernen
Horizont. So war sie untergegangen immer und
immer, so hatten sie alle es mit angesehen, das
ewige und immer neue unbegriffene Wunder, und
aus Tag war Nacht geworden, und aus der Nacht
der junge strahlende Tag emporgestiegen, um zu er-
löschen wie die Tage vor ihm, und die Tage die ihm
zu folgen hatten.
Die Wehmuth über die Endlichkeit des Daseins
bewegte ihn neben dem Bedürfniß auf Freude zu

-- 10-
hoffen und auf das Glück und wie er hinaus sah,
tauchten die ersten Sterne an dem klaren Himmel
auf, und heller als die anderen alle trat der Nord-
stern leuchtend hervor.
Eberhard richtete sich mit tiefem Athemzuge auf.
, Ich stehe und halte fest!'r rief er, daß seine eigene
Stimme ihm ermuthigend an das Ohr klang; und in
der frommen Bewegung, die ihn erfüllte, sprach er
wie im Gebet die Worte Schillers vor sich hin.
,. Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt,
Wie auch der menschliche wanke:
Hoch über der Zeit und dem Raume webt
Lebendig der höchste Gedanke.
Und ob alles im ewigen Wechsel kreist,
Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist!'
Das war's-- In Gottvertrauen und mit festem,
ehrlichem Wollen an jedem Tage nach bestem Ge-
wissen das als nothwendig Erkannte thun; dann
mochte geschehen, was der Allmächtige verhängt, der
Allweise verordnet hatte!
Nie zuvor hatte er diese tiefe, gläubige Zuver-
sicht empfunden! Er konnte nicht sagen, wie sie ihm
gekommen war, aber er empfand sie als eine Gnade,
als ein Glück. Sie gab ihm Muth und Hoffnuung
für seine Zukunft, und festes Vertrauen auf die mit
der Aufhebung der Leibeigenschaft angebahnte Auf-
erstehung des Vaterlandes.
Er dachte mit Eihebung an die letzten Abend-
stunden, die er mit dem Hauptmann in der Stadt
durchlebt. Er wollte nicht wie in den letzten Tagen
in abgeschlossenem Zuwarten in den Mauern seines
Schlosses sitzen. Es galt, sich heimisch zu machen in
A?eEar A

==- P0N--
den Bund, der sich gebildet hatte und in seinen ver-
schiedenen Gliederungen sich verschiedener Erkennungs-
zeichen bediente, Männer und Frauen in sich ver-
einend zu sittlicher Erhebung, zu hingebender Treue
für den König, zur Befreiung des Vaterlandes aus
der Gewalt der Fremdherrschaft.
In der Stadt mußten Frank und Justine, diese
beiden tapferen Herzen, dem Bunde zunächst ge-
wonnen, durch ihn dem Tugendbund gewonnen werden,
denn diesen Namen begann man der Verbindung
beizulegen. Mit dem Jdealismus, den er damit in
ihr Leben brachte, wollte er den materiellen Dienst
vergelten, den ihm zu leisten Frank sich so einfach
erboten hatte; und aus dem Zwiespalt, in den er
noch vor wenig Stunden versunken gewesen war, zur
Klarheit und Einheit in sich selbst gelangt, ging er,
als die Nacht gekommen, zufriedener, als er sich lang
gefühlt, zur Ruh'- um von der zu träumen, deren
Namen er vor sich selbst nicht aussprach und die er
vor sich sah als das holdseligste von allen Frauen-
bildern, ihn anblickend von dem dunklen Wandgetäfel
in der langen Ahnenreihe des Stromberg'schen Ge-
schlechts.
Erst der Tag verscheuchte ihm ihr Bilb. Er
war zeitig aufgestanden und hinuntergegangen in den
Hof, um bei dem Fortgehen der Arbeiter zugegen zu
sein. Als sie kamen, ließ er ihnen von dem Amt-
mann die Zehrung für den Tag mitgeben und sagte
der Frau des Steppuhn, daß er für sie und die
Kinder sorgen werde.
Darauf schieden sie guten Muthes, die Mühen
schwenkend; denn heute erst war das Gefühl, daß sie
nun freie Leute waren, die für sich selber arbeiteten,
durch die Thatsache ihres Fortgehens in ihnen völlig
lebendig geworden. Der lange Karl, der immer


-- 10Z--
etwas Besonderes anstellen mußte, rief: Hurrah! der
Baron soll leben!
,, Huurrah !' riefen die Anderen, die Gehenden und
die Bleibenden, ihm nach, denn es waren ihrer in
den Schloßhof gekommen, wer eben von der Arbeit
fort gekonnt.
Die Quersäcke über den Rücken, schritten die
Zwölfe vom Hof hinaus, einstimmend in das einzige
Lied, das ihnen geläufig war und das ebenfalls der
Karl angestimmt hatte; und noch aus der Ferne
tönten die Schlußworte in den Hof hinüüber: ,Heil
König Dir!r?
Eberhard entfernte sich. Der Amtnann stand
mit der Frau vor dem Portale und sah zu, wie die
Leute auseinander gingen.
,Das ist also nun die neue Zeit, Alte!'' sagte s
er ernsthaft. ,Geb' Gott, daß es halbwegs ne gute
wird. Nöthig wär's! =- Wir pfeifen auf dem lezten
Loch; und dabei soll's immer glatt und sanft gehen
und geholfen und gegeben werden, als säßen wir
noch im Vollen. Auch heute wieder für die Kerle,
denen noch der Marschtag bezahlt wird von denen
drüben.-- Mögen sie ihr Heil versuchen! Wer
gehen kann, wenn er will, der kann sich nur gleich
zum Teufel scheeren, und der mag ihn holen, wo er
ihn findet!'-
Die Frau wußte, daß des Mannes Worte immer
viel härter waren alssein Thun.
,,Der Baron hat ja gesagt, daß er nun geschrieben
hat!'' wendete sie begütigend ein, denn sie wußte, s
was ihrem Manne am Herzen lag.
,Wollen sehen, was es hilft!r-
, Und zuletzt hat der König es doch befohlen!? s
,Befohlen! Befiehl mal drüben der Hanne, daß s
sie plumpt! Plumpen wird sie, aber sie kann lang s

Kapitel 12

b=- Jßg. -
plumpen! Wenn kein Wasser ist im Brunnen, kommt
keins raus !
,Abwarten muß man's doch, und er bleibt ja
hier und hält's mit durch, und zufrieden ist er ja
mit allem l?
,Hab' ich denn, was gegen ihn? fuhr der Amt-
mann auf; ,da sei Gott vor! Ich wollte nur, die
aus Strandwiek schafften Rath und zwar bald! Es
geht ja alles fix bei ihnen. Wollen einmal sehen,
was es mit der großen Freundschaft ist!r?
Bwölftes Kapitel.
Es war schon Nacht, als Frank in Strandwiek
in seines Vaters Zimmer eintrat. Nichts in demselben
verrieth, daß und wie sehr die Ordnung darin ge-
stört worden war. Die Wände hatten einen neuen
Anstrich von Delfarbe erhalten, wie es an der Meeres-
kgste der Witterung am besten widersteht. Vorhänge
von vielfarbigem Kattun, mit dem auch die schweren,
aber einfachen Möbel überzogen waren, verhüllten
die Fenster, ein fester Teppich bedeckte den Boden.
Darner saß lesend an einem großen, viereckigen
Tisch, der mitten in dem Zimmer stand. Ein Pack
geöffneter Briefe und ein paar Zeitungen lagen zur
Seite. Der reitende Postbote, der zweimal in der
Woche aus dem Geschäfte an Darner abgesendet
wurde, wenn er auf dem Gute war, hatte sie vor
einer Stunde gebracht.
Frank begrüßte den Vater, und auf die einge-
gangenen Briefe deutend, erkundigte er sich, ob für
ihn nichts dabei sei.

b jßH -=-
, NeberflüssigeFrage !'' entgegneteDarner lächelnd,
indem er ihm einen Brief von Justinen hinreichte.
Frank steckte ihn, ohne ihn zu öffnen, in die Brust-
tasche, da nach der Ordnung das Geschäftliche voran-
ging, und der Vater sagte:
,Es ist nicht viel Wesentliches gekommen. Zu-
nächst der Bericht über die laufenden Geschäfte, dann
eine Anfrage wegen der Inkurssetzung des zweiten
Theils der städtischen Anleihe, und Mittheilungen
über ein von der russischen Regierung aufgenommenes
Projekt in Bezug auf die Spiritusfabrikation und den
Handel mit Spiritus. Das zu beurtheilen, müßte
man Jemand hinschicken, wenn man sich entschlösse,
sich auf derlei einzulassen. Sachen, die warten
können! Aber wie hast Du Stromberg gefunden in
seinem Ritterschloß?
,,Wie einen, der bei offenen Thüren auf Ehren-
wort sich selber einsperren muß, scherzte Frank,
fügte aber gleich hinzu, daß die Zerstörung in Wald-
ritten noch größer sei als in Strandwiek. Dann
berichtete er, was zwischen ihm und dem Baron
Geschäftliches zur Sprache gekommen war, schilderte
die Wirkung, welche der Ahnensaal auf ihn gemacht,
und gab seiner Freundschaft für den Baron lebhaften
Ausdruck.
Darner hörte ihm achtsam zu und billigte die
Annahme der Arbeiter. Es paßte ihm, die Frei-
gewordenen des Majoratsherrn in seinen Dienst zu
nehmen, ihnen den Erwerb zu, schaffen, den ihr bis-
heriger Herr ihnen nicht zu geben vermocht; und die
Bemerkung seines Sohnes aufnehmend, meinte er:
,,Das Bild, das Du von dem Zustand des Barons
gemacht hast, bezeichüet ihn vollkommen. Er und
seinesgleichen sehen, festgenagelt an ihren Sitz, dem
Auszug ihrer Leute zu. Es ist gut, daß Du diesen

=- 10s -
auf den Weg geholfen hast; den Herren Von und
Zu ist nicht leicht zu helfen. Sie würden es dem
Könige nicht danken, wenn er auch sie in Freiheit
sezen wollte. Ihre Unfreiheit ist ihr Stolz und oft
ihr einziger, wenn auch eingebildeter Besitz. Gönnen
wir es ihnen l'
,,Sie sehen den Baron nicht mit guteu Auge
an!'' meinte Frank, empfindlich für den Freund.
,Im Gegentheil, ich denke gut von ihm, besser
als von den meisten Adeligen. Er ist ein anständiger
Mensch, und ich mißbillige es nicht, daß Du ihm
dazu verhilfst, seinen Besitz wieder emporzubringen,
denn sein Besitz ist, wie jeder andere Besi, ein Theil
unseres Nationalreichthums; nur vergiß es nicht:
das bloße Ehrenwort eines Mannes ohne jeden
materiellen Rückhalt ist im Geschäft nichts werth.
Wenn morgen sein Ehrbegriff den Majoratsherrn
von Waldritten nöthigt, sich in einem Ehrenhandel
einem Gegner zu stellen, so liegt sein Ehrenwort
mit ihm am Boden, wenn ihm eine Kugel durch
den Kopf gejagt wird, und Du hast den Mann
geschädigt, der auf Deine Vermittelung sich auf ein
Geschäft mit leerem Ehrenworte einließ! Aber das
ist jettzt Deine Sache, Herr Frank Darner, denn Du
engagirst Dich und nicht die Firma, und Du mußt
wissen, was Du thust!r?
,Es sind nicht Hunderttausende, um die sich's
handeltlr sagte der Sohn.
,,Es handelt sich nicht um die Summe, sondern
um das Prinzip!'' entgegnete ihm der Vater, indem
er sich erhob, um in das Nebenzimmer zu gehen, wo
das Abendessen ihrer wartete.
Der nächste Tag brachts ein Neues, das in
Augenschein zu nehmen war. Es kam noch von
Pillau ein Schiff herüber, das einen von den schweren,


s

-= 10?
einspännigen, zweiräderigen Karren von Schottland
mitgebracht hatte. Er sollte als Modell dienen, denn
Darner wollte diese Karren auf seinem Gute ein-
führen. Die schweren flamländischen Pferde, die
er bald nach dem Ankauf des Gutes hatte kommen
lassen und von denen er schon drei, vier von eigener
Zucht gehabt, hatte ihm der württembergische Train
- entführt. Da sie vor dem Frühjahr nicht ersetzt
werden konnten, ließ er noch unter seinen Augen
Lithauer vor dem Karren gehen und ebenso vor dem
englischen Pflug, der mit dem Karren zugleich ange-
kommen war. Auch die Arbeiter von Waldritten
wurden besichtigt und, nach seiner Anweisung vertheilt,
untergebracht.
In seinem Komptoir ganz Kaufmann, war
Darner in Strandwiek ganz Landwirth. Hier wie
dort gehorchten seine Untergebenen ihm gern; denn
seiner Sache sicher, befahl er bestimmt, trug er im
voraus den Zwischenfällen Rechnung, welche der
Ausführung seiner Anordnungen in den Weg treten
konnten; und wie er dadurch seinen Leuten ihren
Dienst erleichterte, hatte er den Vortheil, immer zu-
friedene Menschen um sich und durch den guten
Leumund, den sie ihm machten, die Auswahl unter
den brauchbarsten zu haben.
Die Seinen wußten es, daß Strandwiek seine
Liebhaberei sei. Er nannte es, wenn er in guter
Laune war, seinen Kolonialbesitz. Er trug sich im
Augenblicke mit dem Plane, es, mit der Rübenkultur
auf seinem Gute zu versuchen, und wenn sie gelinge,
eine Zuckerfabrik anzulegen, da man gerade in der
Kontinentalsperre die Bedeutung inländischer Zucker-
produktion kennen lernen.
In bester Stimmung hatte Frank das Gut ver-
lassen. In der Stadt fand man die Frauen wohl

==-- P0s -
und heiter, die Geschäfte, wie gemeldet, im Gang;
und weil er sich solchergestalt seines Zustandes zu
freuen hatte, drängte es Frank um so mehr, auch dem
Freunde seine Lage zu erleichtern. Ohne daß der
Baron sich darüber bestimmt ausgesprochen, hatte
Frank es seinen Aeußerungen entnommen, daß es
ihm lieber sein würde, sas Geschäft mit einem
Fremden zu machen, der seinen eigenen Vortheil darin
suchte, als von Frank oder dessen Vater in Geld-
angelegenheiten einen Gefälligkeitsdienst zuu empfangen;
und er hatte den Freund nach dessen Ansichten zu
behandeln.
Da der Sohn von Lorenz Darner den Vermittler
machte, fand sich, wie es vorauszusehen gewesen war,
ein Darleiher bald; auch die Bedingungen der Ver-
zinsung gestalteten aus demselben Grunde für Eber-
hard sich so vortheilhaft als möglich. Noch ehe die
Woche zu Ende war, hatte der Baron das erste
Viertel der begehrten Summe in Händen. Man
konnte nun doch endlich auch in Waldritten an die
Arbeit gehen.
Der Amtmann war wie verjüngt, Eberhard be-
wegte sich in seinem alten Besitze wie in einem
neuen Element. Man konnte den Winterroggen
säen, und er war es, der ihn jetzt wieder säen lüß,
der diese Arbeit seiner Altvordern wieder aufnahm.
Man konnte die Hääuser wieder für den Winter
wohnbar machen, seinen ersten Schützlingen, der Braun
und ihren Kindern, die Feuerstelle wieder aufrichten.
Er hatte jett auch Arbeit für die Leute, die auf dem
Hofe unter der Herrschaft seines Geschlechtes gelebt,
wie dieses selber, und sie empfingen jetzt dankend
den Lohn für ihre sonst unfreiwillig geleistete Arbeit.
Ihre Zufriedenheit erweckte die seine. Er fing an,



==- Jß9
auch für sich selber im Schlosse Einrichtungen zu
treffen, es wohnlich für sich zu machen.
Alles erfreute ihn. Jedes Thier, das man neu
in die Stallungen führte, jeder Schornstein, der
wieder fest emporstieg und aus dem der Rauch sich
schlank aufkräuselte, jedes Heck, das man wieder zu-
sammenschlug und an der alten Stelle aufrichtete;
und zu dem allen hatte ihm Franks Mitwirkung
rascher und leichter verholfen, als er es ohne ihn
hätte erwarten können. Er fühlte sich ihm in dop-
peltem Betracht verpflichtet; denn das, was Darner
nach seinem Sinne gegen seinen Sohn über das von
Eberhard und vor allen seinesgleichen in gleicher
Lage gegebene Ehrenwort des Barons geäußert hatte,
das empfand Eberhard selber, und es machte ihn noch
gewissenhafter und ernster, als er es vorher gewesen
war. Zurückzahlen zu können, früher als man es
erwartet, ohne seinem Gute damit zu nahe zu treten,
war sein Wunsch und sein Ehrgeiz.
Sein persönlicher Bedarf in Waldritten war ohne
allen Belang und er beschloß alch schon aus diesem
Grunde, dort so lang als möglich zu verweilen.
Was er ersparte, brachte ihn dem ersehnten Ziele
näher. Sein Ehrgefühl, sein Verlangen nach jener
völligen Unabhängigkeit, deren die Darners sich mit
solchem Stolz erfreuten, sein Jdealismus machten ihn
zu einem genauen Rechner; und fest auf sein Ziel
gerichtet, achtete er nicht auf das, was der Weg von
ihm an Opfern forderte.
Es focht ihn nicht an, daß mit' den ersten Tagen
des November der Winter rauher noch als gewöhnlich
eintrat. Den Mauern seiner Burg hatte der Nord-
weststurm nichts an, der den Thurm umheulte. Das
feste Eis, das die Fensterscheiben bedeckte und dem
Auge den Ausblick wehrte, nöthigte ihn, sich in sein

-- 110 =
Inneres zu versenken. Das war Romantik, Welt-
abgeschiedenheit, wie er sie oft geträumt. Er lernte
die Einsamkeit kennen und in ihr erfahren, was er
an sich selbst besitze, was er aus sich selber heraus
zu schaffen vermöge.
Es war viel zu thun überall. An dem Tage,
an welchem Frank das Abkommen mit den Leuten
geschlossen, war es Eberhard aufgefallen, daß nur
zwei von ihnen nothdüftig ihren Namen schreiben
konnten. Er hatte nachgefragt und fand, daß die
Leibeigenen fast ohne allen Unterricht erwachsen, daß
nichts in ihnen ausgebildet war als der Gebrauch
ihrer körperlichen Kraft; und die Wiedergeburt des
Vaterlandes, die man erstrebte und erhoffte, verlangte
durch alle Stände Menschen, die mit Bewußtsein
leisteten, was man von ihnen fordern mußte. Nicht
nur das zertretene Erdreich mußte aufgerissen und
neu besät werden, auch in die Seelen der Menschen,
die man hatte brach liegen lassen, mußte der Boden
gelockert und fruchtverheißende Saat gestreut werden.
Er hatte dafür einen vortrefflichen Helfer ge-
funden in dem jungen Pfarrer von Briegau, in
dessen Kirchspiel Waldritten eingepfarrt war. Der
Pfarrer war als Student ebenso wie der Baron in
Jena gewesen, war dann, in Jena dazu angeregt,
nach Pverdun zu Pestalozzi gegangen und hatte sich
auf Vorschlag Eberhards gleich bereitwillig gseigt,
zweimal in der Woche den Küster nach dem Schlosse
zu schicken, um dort in einer Stube des Erdgeschosses
diejenigen der Männer und Burschen, die lesen und
schreiben lernen wollten, in die Lehre zu nehmen;
während Eberhard verhieß, darauf zu sehen, daß
man die Kinder nach Briegauu zu dem alten Unter-
offizier, der dort den Lehrer machte, in die Schule

b=- Ph1 -
schicke, in die sie gehörten, um damit dem Pfarrer den
späteren Konfirmandenunterricht zu erleichtern.
Dies Bestreben weckte Nachahmung auf den
anderen Gütern. Die Besprechung darüber füührte
Eberhard mit verschiedenen seiner Gutsnachbarn zu-
sammen. Sie hatten alle unter der gleichen Noth
gelitten, hatten alle das Elend noch frisch in der Er-
innerung, und sein Hinweis auf das Arbeiten für
eine bessere Zukunft fand also warme Theilnahme
und er selber Geltung. Sein Wirkungskreis wurde
ihm mit jedem Tage, mit jedem kleinsten Erfolge
und mit seinen Sorgen für denselben lieber. Es
war nicht genug, daß er die Züge seines Ahnherrn
trug, er hatte auch die Lasten über sich zu nehmen,
welche sein altes Stammeserbe ihm auferlegte. Er
hatte es zu erhalten für die, die nach ihm kommen
würden. Und dennoch!
Wie der November ihm hingegangen war, ver-
ging ihm der Rest des Jahres. Seine Mutter hatte
immer am Weihnachtsabende ,die Kindlein zu sich
kommen lassen !? Er machte es ihr nach. Wo allen
das Nothwendige fehlte, half jede Gabe einem Mangel
ab und schaffte Freude.
Er hatte selber mit dem Amtmann in Fischhausen
die Einkäufe gemacht, er händigte sie selber den
Kindern in dem großen Saale aus, wie seine Mutter
es gethan, wie seine Frau es einstmals zu thun
haben würde. Seine Frau!-- Er durfte nicht
- daran denken!
Aber als die Mütter mit den beschenkten Kindern
von dannen gingen, äls die spärlichen Kerzen an dem
kleinen Tannenbaum erloschen- man hatte jetzt
jeden Stamm zu schonen- und er einsam in dem
Saal zurückblieb, während das im Kamine flackernde
Feuer seine Streiflichter über die Bilder hinweg-

Kapitel 13

=- 1 -
huschen ließ, daß bald dieser, bald jener seines Ge-
schlechtes aus dem Dunkel für ihn hervortrat, war es
still in ihm, und er war mit sich zufrieden.
Frank hatte ihn mit herzlichem Drängen mehr-
fach aufgefordert, nach der Stadt zu kommen, den
Weihnachtsabend, den Sylvester mit seiner Familie
zu verleben. Auch der Hauptmann, der viel im
Darner'schen Hause verkehrte und den man gleich ihm
eingeladen, hatte ihm zugeredet, zu kommen; aber er
war bei seiner Arbeit, bei seinen Leuten geblieben.
Er hatte sein Herz bezwungen, seine Sehnsucht nieder-
gekämpft; und sie war doch so groß, daß er bis-
weilen wünschte, er hätte den Gegenstand derselben
nie gesehen!
Dreizehntes Kapites
Wenige Tage nach dem Beginn des neuen Jahres
meldete die Zeitung, daß die königliche Familie ihr
Hoflager in der Mitte des Monats von Memel nach
Königsberg verlegen und daß dann die Gesandten
der auswärtigen Mächte, für welche man die Woh-
nungen schon im voraus gemiethet, dem Hofe folgen
würden.
Was von den Behörden noch in Memel gewesen
war, kehrte natürlich nach der Residenz zurück; und
gleichzeitig mit jener Zeitung brachte der Bote, der
von Waldritten zweimal in der Woche nach Fisch-
hausen ritt, die Zeitung und die Briefe abzuholen,
dem Baron ein Packet von dem Hauptmann, der sich
erboten, während des Freundes Abwesenheit dessen
Briefe in Empfang zu nehmen und ihm nachzusenden.

-
--- 1Z-
Das Packet enthielt die förmliche Ernennung Eber-
hards zum Assessor bei der Regierung und seine Ein-
berufung durch den Regierungspräsidenten für die
Dienstleistung bei derselben.
Es waren gemischte Empfindungen und feste Vor-
sätze, mit denen Eberhard sein Schloß verließ. Er
hatte einsehen gelernt, wie er sich auf seinen Amt-
mann und dessen Sachkenntniß unbedingt verlassen
dürfe, und Wernicke und seine Frau hatten, da sie
ohne Kinder waren, ihn lieben lernen, als wäre er
ihr Kind. Nahezu drei Monate waren vergangen,
seit Eberhard nach Waldritten gekommen war und in
täglichem Verkehr mit ihnen gelebt hatte. Er wollte
seine jetzt nothwendige Fahrt nach Königsberg wieder
mit der Post machen, mit der er gekommen war,
diesmal jedoch widersetzte sich der Amtmann seinem
Vorhaben.
Er schützte die große Kälte vor, er gab zu be-
denken, daß ja der zugemachte Kutschschlitten von der
seligen Frau Baronin Zeiten noch im Schuppen stehe,
daß er gut ausgebessert, daß die neuen Pferde stark
und der Weg über das festgefrorene Haff für sie eine
Kleinigkeit sei, da man sie obenein jetzt oft Tage
lang müßig im Stalle stehen habe, weil ja leider aus
dem Walde nichts zu holen sei; und wie das alles
nicht verschlagen wollte, erklärte er rund heraus:
, Herr Baron, mit der elenden Postkarete muß
man fahren, wenn man wie damals nicht anders
kann, aber wir haben ja nun wieder einen guten
Anfang gemacht . . ?
, Mit fremdem Gelde!'? fiel ihm Eberhard
lachend ein.
,Wenn auch, Herr Baron, es geht doch vor den
anderen nicht, wenn man eben doch anders kann!
Es ist ja nur die Einstellung für eine Nacht in
Lewald. Die Familie Darner. T.

===- PIF
Königsberg, und bezahlen, müssen Sie die Post doch
auch!
,, Herr Baron werden zu genau !'' schaltete Ma-
dame Wernicke ein.
. ,Darauf bilde ich mir etwas ein!'' scherzte Eber-
hard; aber er gab doch nach und ließ es geschehen,
daß die sorgliche Frau ihm an dem nächsten Tage
die Taschen des alten Kutschschlittens mit ihren selbst-
bereiteten Fleisch- und Backwaaren vollstopfte, als
gälte es einen Zug in ferne Länder und nicht eine
Fahrt von einem Tage.
Daß er wiederkommen, immer wiederkommen
werde, so oft sein Dienst es zuließ, verstand sich für
die beiden Alten ganz von selbst und verstand sich
auch für ihn von selbst, als die Braun'sche unter
ihrer Hausthüre ihm grüßend nachsah, als aus dem
und jenem Hause ihm ein ,Adjes!' und ,Glückliche
Reise!'' nachgerufen wurde, und als der Junge der
Braun'schen, der elend darniedergelegen hatte, als er
gekommen, nun blitzschnell über den gefrorenen Boden
neben seinem Schlitten herlief, weil er und kein
anderer dem Herrn das Heck am Eingang des Dorfes
öffnen mußte, das auch wieder aufgerichtet war und
sich niet- und nagelfest in seinen Angeln bewegte.
,,Sie hängen doch an uns und das muß erhalten
werden!'' sagte Eberhard zu sich selbst; und noch
ganz mit Waldritten beschäftigt, langte er am Abend
in Königsberg wieder in seiner kleinen Stube an.
Es war noch zeitig genug, den Freund in seiner
Kaserne aufsuchen zu gehen. Sie hatten einander
viel zu erzählen, viel Persönliches von einander zu
erfahren, und doch galt die erste Frage Eberhards
dem König und der Königin.
,Hast Du den König gesehen?? erkundigte er sich.
Der Hauptmann bejahte das.

--- 1B--
, Wir haben, seit der König hier ist, schon drei-
mal Parade gehabt und bei achtzehn Grad Kälte
draußen exerzirt.?
,, Und er war zufrieden??
,Das sollt' ihm schwer geworden sein. Die Ba-
taillone sind noch nicht komplet, die Neueingestellten
nicht taktfest, nichts klappt. Staat ist mit uns noch
nicht zu machen. Das Lagerstroh, das Bivouak, das
Lazareth kommen bei den Kerlen noch überall zum
Vorschein. Das sieht er natürlich so gut wie wir;
aber besser als nach der Schlacht bei Friedland
nehmen sie sich doch aus, und er hat gelernt, fünf
grade sein zu lassen. Er hat gelobt, was zu loben
war und verdient hatten wir's; denn was möglich
war, das ist geleistet worden.'?
, Und wie sieht er aus der König?
,, Finster und in sich gekehrt, er hebt das Auge
nur widerwillig auf. Sie sagen, er sei noch schweig-
samer, noch kürzer im Reden geworden. Auch die
Königin ist blaß, sie strahlt nicht mehr wie sonst.
Unser Major- er ist aus dem Ermland und ka-
tholisch - sagte mit Recht: ,Sie sieht wie eine Kster
Dolorosa aus, das Schwert im Herzen.! Aber sie
gehen ins Theater, es wird Hof gehalten, sie tanzen
auch wieder. Es werden immer Offiziere von den
verschiedenen Regimentern dazu befohlen. Nächsten
Sonnabend ist wieder Ball. Du wirst Dich ja prä-
sentiren lassen, und zu Darners kommst Du doch
wohl morgen.?
Eberhard antwortete nicht darauf. Der Haupt-
mann, der die Sache als selbstverständlich ansah, ließ
sie auf sich beruhen. Er erzählts, ohne daß ihn
Eberhard darum gefragt, wie man im Darner'schen
Hause einen herrlichen Sylvesterabend gehabt, den
z

=- PJß -
Jahrestag von Franks erstem Begegnen mit Justine
zu feiern; wie alle sich Eberhards Rückkehr freuten,
wie Frank für ihn eingenommen sei, wie dieser die
ganze Familie, ihn mit eingeschlossen, neugierig ge-
macht habe, die Waldrittener Burg zu sehen.
, Nebrigens wirst Du Dich wundern,'' schloß er,
,,wie das Fremdländische von ihnen abfällt, sie werden
immer mehr zu Preußen. Bei Frank erklärt sich's
durch die Frau, bei dem Vater durch seine Erfolge
und durch die steigende Anerkennung, die er hier von
Seiten der Behörden findet; die beiden Mädchen aber
macht ihre Schwärmerei für die Königin zu den
Unseren, und ich denke, wir helfen nach!''
,Das wirst Du allein besorgen müssen,'' meinte
Eberhard mit einem Gleichmuth, den er nicht in sich
fühlte, ,denn ich werde in diesem Winter nicht viel
Zeit haben zu geselligem Verkehr. Ich muß sehen,
daß ich vorwärts komme .. ?
, Um je eher, je lieber .. . warf der Haupt-
mann dazwischen.
,, In ein besoldetes Amt zu treten und da eine
Karriere zu machen!'' ergänzte der Baron. Er brach
dann rasch davon ab, sprach von seinen Waldrittener
Angelegenheiten, von der Gesinnung, der er unter
seinen Gutsnachbarn begegnet war, und erkundigte
sich, wann der wissenschaftliche Verein seine nächste
Sitzung abhalte. Von den Darners, von dem
morgenden Abend war nicht mehr die Rede. Jeder
von den beiden Freunden wußte, was der Andere
ihm nicht zu sagen, ihn nicht zu fragen für gut be-
funden hatte.
Eberhard hatte von dem Hauptmann kein Ver-
trauen empfangen mögen, das er nicht erwidern
konnte, weil er vor dem Freunde nicht aussprechen
und feststellen durfte, was er in sich selber begraben

j-
=- h(? -
und vergessen wollte. Der Zwang machte Beide
unfrei, und sie trennten sich bald.
Am folgenden Tag ging Eberhard zu Frank in
das Komptoir, der ihn mit offener Freude empfing.
Auch Lorenz Darner nahm ihn gut auf, verwickelte
ihn in eine Unterhaltung über die beiderseitigen
Güter, und hielt ihn damit länger fest, als es sonst
sein Brauch in der Geschäftszeit, war. Es wurde
dann zwischen den jungen Männern noch verabredet,
den plötzlich unterbrochenen Unterricht in der Buch-
führung wieder aufzunehmen. Eberhard erbat und
erhielt die Erlaubniß die Damen bald einmal zu be-
suchen; dann verließ er das Haus.
,, So muß es ja sein!' sagte er sich und konnte
es doch nicht lassen, zu wünschen, daß es anders wäre.
Er war zufrieden, daß er viel zu thun hatte.
Der Dienst nahm die Hälfte des Tages hin, am
Abend- hatte er sich in die neue Arbeit, die Akten
lesend, hineinzufinden; dazwischen galt es, seine Vor-
gesetzten in ihren Wohnungen zu besuchen, der Comtesse
Gottfriede seine Aufwartung zu machen. Aber wenn
er bei seinen Akten saß, schwebte das Bild des ge-
liebten Mädchens ihm vor; wenn er auf der Straße
war, hoffte er, der Zufall werde es ihm entgegen-
führen, und wenn er sich dann auf den Weg machte,
in-das Darner'sche Haus zu gehen, sagte er sich: ,Wie
kann ich sie denn wiedersehen, ohne ihr zu sagen, daß
ich sie liebe? Und was dann??
Er konnte nicht mit sich ins Klare kommen.
Bald wünschte er ihr gleichgiltig zu sein, um sich
ihrer Nähe erfreuen zu dürfen, dann wieder nahm
er sich vor, gar nicht mehr in das Haus zu gehen
und es Frank ehrlich zu bekennen, weshalb er sich
zu dieser Entsagung verdamme.

===- 1s=-
In welchem Lichte jedoch mußte er dem Bruder
erscheinen, wenn seine Leidenschaft ihn betrog, wenn
Dolores ihn nicht liebte?
Dem Freunde, den er schätzte, an dessen Achtung
ihm gelegen war, als ein eitler Fant zu gelten, war
ihm eine widrige Vorstellung; und weshalb sollte er
guf ein Glück verzichten, das vielleicht nur für ihn
allein einen schmerzenden Stachel in sich trug? Sollte
er sich des goldenen heißen Sonnentags nicht erfreuen,
weil am fernen Horizonte schwere Wolken schwebten,
weil vielleicht ein Gewitter aufsteigen konnte in der
Nacht?
Der ganze Selbstbetrug der Liebe war über ihn
gekommen, und mit ihrem Scharfsinn suchte er die
Gründe auf, dasjenige thun zu müssen, was nicht zu
thun er für das Rechte hielt.
Sein bisheriger Verkehr mit Dolores war nicht
über die Grenzen der gewöhnlichsten geselligen Höflich-
keit hinausgegangen. Die anderen Gäste des Hauses
huldigten den schönen Schwestern ebenso wie er. Nichts
hatte ihm vexrathen oder ihn zu glauben berechtigt,
daß Dolores mehr Theilnahme für ihn hege als für
die anderen Männer, und wenn es dennoch wäre,
wenn er das Gllck =- das Unglück - gehabt hätte,
ihr eine wärmere Neigung, eine Liebe, wie er sie
fühlte, einzuflößen, war es dann nicht seine Pflicht,
sie und sich zurüchuführen in die Bahn der Freund-
schaft, die ja eben jetzt die Gutgesinnten zu einander
führen sollte, zu gemeinsamer Erhebung, in gemein-
samer Liebe und Hingebung an das Vaterland?
Wiedersehen mußte er sie in jedem Falle, da sie
Beide in der Gesellschaft lebten; und Frank wußte
es ja, Eberhard hatte es ihm absichtlich gesagt, daß
er nur aus den adeligen Geschlechtern sich die Frau
erwählen könne.

p
!
== J19 -=
Die Entbehrung, der Zwang, die er sich in diesen
Tagen auferlegt, hatten sein Verlangen nach Dolores
nr gesteigert. Wenn sie fühlte wie er - mußte sie
nicht das Gleiche erdulden, ihn nicht der Kälte, der
Berechnung zeihen? Und was sollten Darner, was
Frank von ihm denken, wenn er sich jetzt, nachdem
sie ihm einen wesentlichen Dienst geleistet hatten,
plötzlich von ihnen zurüchog, die ihm so gastfreundlich
ihr Haus geöffnet hatten?
Als er so weit gekommen war, an die Meinung
und an das Urtheil der Anderen zu denken, hatte er
mit seiner Meinung und seinem Urtheil bald ge-
wonnenes Spiel. Er schalt seine Gewissenhaftigkeit
elende Feigheit, und da an dem nächsten Tage die
Sitzung in der Regierung, der er beizuwohnen gehabt,
früher als gewöhnlich endete, begab er sich geradewegs
nach dem Darner'schen Hause.
Justine nahm seinen Besuch an, die beiden
Mädchen waren bei ihr.
,Sie haben sich lang erwarten lassen, Herr
Baron, zur Strafe dafür empfangen wir Sie in der
größten Unordnung !'' rief sie ihm entgegen, auf
allerlei farbige Stoffe und Nähgeräthschaften deutend,
die auf dem Tisch und auf den Stühlen ausgebreitet
lagen.
Sie reichte ihm die Hand, die er küßte.
Die Mädchen, die sich erhoben hatten, sagten ihm
freundlich guten Tag.
Dolores räumte von dem zunächst stehenden
Stuhle eine Rolle goldener Tressen, einen kleinen
Kasten voll weißer Perlen fort, um Platz für ihn
zu machen, und Virginie fragte, ob ihm denn am
letzten Sonntage die Ohren nicht geklungen hätten,
als sie Alle auf ihn gescholten, weil er nicht ge-
kommen sei.

- ; -r-----===-
=- (ßß -
Sie erzählte ihm, daß sich ein Frauenverin
gebildet, der in den Kirchen die vernichteten Altäre
wieder schmücken wolle, daß man mit der Schloß-
kirche begonnen habe, in welcher die Königin zuerst
wieder dem Gottesdienste beigewohnt habe, daß man
nun für die anderen Kirchen arbeite, und wie dann
später auch die Strandwieker Kirche an die Reihe
kommen solle, deren Patron ihr Vater, und in der
auch Alles arg verwüstet sei.
Von Strandwiek kamen sie auf Waldritten zu
sprechen. Sie wollten wissen, wie alt das Schloß
sei. Justine fragte, ob keine Sagen und Märchen
sich an dasselbe knüpfen, und von dem: Waldrittener
Schloß war für sie dann wieder nur ein Schritt zu
dem königlichen Schlosse und zu der Königin, und
zu deren Kindern und zu Allem, was man von ihnen
gesehen und gehört.
Das war Alles so einfach, so natürlich. Das
Herz ging ihm auf vor Behagen, unter dem fröhlich
zutraulichen Geplauder. Wie hatte er ein solcher
Thor sein können, sich so unnöthig zu quälen?
Freilich, Dolores schwieg wie fast immer, wenn man
sie nicht eigens ansprach. Aber weshalb sollte er sich
ihrer und ihres Anblicks und ihrer Schönheit nicht
erfreuen, wie er sich der Rafael'schen Madonnen er-
freut, die ja auch nicht sein eigen werden konnten,
und die ihm doch als ein unverlierbarer Besitz in
der Seele lebten?
Er ging befreiten Herzens von ihnen fort, und
eine Reihe ruhiger Tage folgten für ihn diesem ersten
Besuche nach seiner Rückkehr.
Hingenommen durch sein neues Amt, durch die
adelige Gesellschaft, die sich um den Hof gesammelt
hatte und in der ihm Anwerwandte lebten, gleichfalls
in Anspruch genommen, bei Hofe vorgestellt, be-

Kapitel 14

-- PE ---
schränkten seine Besuche im Darner'schen Hause sich
ohne sein Zuthun; und wie glücklich es ihn auch
machte, so oft er Dolores wieder sah, blieb ihr Ver-
kehr ruhig und sein Gewissen frei.
Bierzehntes Kapitel
So war man bis zu dem ersten Sonntag im
Januar des Jahres 1808 gekommen. Der Schnee
lag eisern fest in den Straßen, funkelte auf den
Dächern und funkelte an den kahlen Aesten der Linden
vor Darners Haus, herabtropfend, wo das Sonnen-
licht ihn streifte. Aber es war nicht das Schnee-
gefunkel, nach welchem die Augen der Kirchgänger
sich richteten, wenn sie auf ihrem Wege nach dem
Dome oder nach der altstädtischen Kirche an dem
Darner'schen Hause vorbeikamen; auch nicht zu den
Steinfiguren blickten sie empor, die hatten ja dage-
standen seit fast zweihundert Jahren. Nach den
beiden weiß verhängten Fenstern im zweiten Stock
werk sahen sie hinauf und nach dem großen russischen
Wappenschilde über der Eingangsthüre, das man in
der Dunkelheit des gestrigen Spätnachmittags dort
befestigt hatte.
Manch einer war eigens gegangen, es sich an-
zusehen; denn man hatte am Morgen beim Frühstück
es in der Zeitung gelesen, daß Herr Frank Darner,
der Kompagnon des Hauses Lorenz Darner, zum
kaiserlich russischen Generalkonsul ernannt sei; und
unter den Familiennachrichten hatte der kaiserlich
russische Generalkonsul Frank Darner seinen Freunden
und Bekannten die Mittheilung gemacht, daß seine
E

zg
-- hFN -
Frau am verwichenen Tage von einem kräftigen
Knaben glücklich entbunden sei.
Das Letztere hatte man zu erwarten gehabl;
indeß daß die russische Regierung, wenn sie nach
dem während der letzten Monate erfolgten Tode
ihres Königsberger Konsuls das bisherige Konsulat
zu einem Generalkonsulat erhöhen wollte, mit dem-
selben einen so jungen Mann wie Frank betraut,
daß sie dazu Darners Sohn und nicht den bedeutend
älteren Sohn des verstorbenen, hochverdienten Konsuls
auusersehen, das war auch eine der Ungerechtigkeiten,
die, wie man es aussprach, Darner zu seinem Besten,
durch seine Freunde, auf Kosten Anderer herbeizuführen
gewußt; und dies Mal glaubte man nicht zu irren,
wenn man diese Gunst auf General von Strombergs
Vermittlung zurückführte.
,Wissen Sie es schon?? hatte der Eine den
Andern gefragt, wenn man sich auf dem Wege oder
bei,dem Eintritt in den Dom getroffen.
Kollmann jedoch, der sich mit seiner Hausgenossin
ebenfalls nach der Kirche begeben, den hatte Niemand
darauf angeredet. Nur als nach der Predigt der
Superintendent das Gebet für eine junge, der Ge-
meinde angehörige Wöchnerin und für deren Kind
gesprochen, hatten Madame Armfield und andere Be-
kannte zu jenen Beiden in dem Kollmann'schen Kirch-
stuhl hinübergesehen. Die hatten es jedoch unbegchtet
gelassen, und weder von Justinens Entbindung, noch
von dem Generalkonsulat war zwischen ihnen die
Rede gewesen, bis sie, aus der Kirche heimgekehrt,
beim Frühstück saßen.
Erst als er das Glas voll alten Pontac geleert,
das Madame Göttling ihm eingeschenkt und dargereicht
hatte, sagte Kollmann:
,Das alte Willberg'sche Glück hängt doch an dem

=- 128
Hause. Als ich's verkaufte, hätte ich nicht gedacht,
daß Willbergs Enkel trotzdem in demselben geboren
werden und noch weit weniger, daß dieser Enkel der
Sohn eines Fremden sein würde.?
,Und wie das Alles wieder einmal zusammen-
trifft,r bemerkte die Göttling, ,gerade zum Geburts-
tag des Enkels wird der Generalkonsul ernannt!
,Die Ernennung wird wohl früher erfolgt sein,
entgegnete Kollmann, ,man wird die Sache aber für
sie als eine Neberraschung zurückgehalten haben. Es
macht auf diese Weise eine größere Wirkung.?
, Unterricht im Russischen haben alle seine drei
Kinder gleich genommen, seit sie hierher gekommen
waren,' sagte Madame Göttling. ,Sie haben alle
großes Sprachtalent.?
Keiner von den Beiden, nicht Kollmann, nicht
die Göttling, hatten bei dem Gespräch die Namen
z der Personen, von denen sie redeten, über die Lippen
gebracht.
Kollmann ließ die Bemerkung fallen und ver-
zehrte seine Mahlzeit. Er hatte gealtert, mehr als
die Zeit es nöthig gemacht, die nach dem Tode seiner
Frau verflossen war. Der Gram um diese, die Sorgen,
welche das Geschäft ihm auferlegt, hatten den an ein
sicheres Dasein, an ein Arbeiten in geregelten Ver-
hältnissen gewöhnten Mann stark mitgenommen. Sein
Haar war weiß geworden, seiner Stirne, seinen
Wangen hatten sich tiefe Furchen eingeprägt, und es
lag gerade jetzt eine Geschäftswandlung vor ihm, die
vollzogen und in den nächsten Tagen bekannt gemacht
werden mußte, so schwer er sich dazu entschloß.
s
Die RigenserKommandite mußte aufgelöstwerden.
Nach den großen Verlusten, welche man dort und
hier erlitten, war es nicht möglich, das alte Koll-
mann'sche Stammgeschäft mit verhältnißmäßig sicherem

=- Pßz -
Erfolg fortzuführen, wenn man nicht die Betriebs-
mittel desselben zusammenzog. Daß man genöthigt
war, dies kund zu geben, war keine Verstärkung für
den Kredit des Hauses, wenn schon der Augenblick
insofern günstig gewählt war, als man das berechtigte
Verlangen des Vaters, den Sohn in das vereinsamte
Haus zurückkehren zu lassen, zum Deckmantel benützen
konnte.
Es war eine kleine Pause entstanden.
Das russische Generalkonsulat lag Kollmann schwer
im Sinne. Er machte es sich zum Vorwurf, daß er
nicht an das vakant gewordene Konsulat gedacht,
daß er es nicht für sich oder für John zu erlangen
getrachtet. Es hätte gut fortgeholfen über dessen be-
absichtigte Zurückberufung! Weil aber Niemand sich
gern eines Fehlers zeiht, wäre es auch nur einer
Unterlassungssünde, so sagte Kollmann sich bald, daß
der Anstand und die Rücksicht auf den verstorbenen
Konsul und auf dessen Sohn es für ihn nicht thun-
lich gemacht, selbstbegehrend dazwischen zu treten.
Von dieser Ansicht bis zu dem Schlusse, daß es
überhaupt nicht anständig gewesen sei, das alte Haus
der Reissinger seines Konsulates zu berauben, war
der Weg nicht weit; und ebenso nahe wie allen
Anderen lag auch Kollmann der Gedanke, daß General
von Stromberg die Hand bei der Angelegenheit im
Spiele gehabt haben werde.
,,Wer in unserer jetigen Welt auf Anstand oder
gar auf Freundschaft und Dankbarkeit rechnet, macht
eine falsche Spekulation! sagte er, seinen Gedanken
Worte gebend, während er sich von der Mahlzeit
erhob.
,Wem sagen Sie das? seufzte Madame Göttling.
Der Ausruf machte ihn erst darauf aufmerksam,
daß er laut gesprochen, und weil er seiner Gefährtin


-
=- 18J =-
den wahren Grund seiner Verstimmung nicht preis-
geben wollte, sagte er:
,Meine selige Frau hat von General von Strom-
berg so viel gehalten. Wie einen Angehörigen hat
sie ihn behandelt, und er war ja auch ein liebens-
würdiger Mann, weitaus der angenehmste von allen
Offizieren, die wir im Hause gehabt haben; aber
wie kühl ist er hinweggegangen über den Tod meiner
Frau in dem Empfehlungsbriefe, den er seinem
Neffen mitgegeben hatte. Und der junge Mann, den
man doch freundlich genug aufgenommen, läßt sich
auch selten einmal blicken, wenn man ihm nicht immer
eine Einladung zugehen läßt. ?
Madame Göttling zuckte die Schultern.
,Lieber Gott,' meinte sie, ,die Jugend hält zur
Jugend, und im Grunde that das trotz seiner fünfzig
Jahre auch der General. Er war von Anfang an
Justinens eifrigster Verehrer !?
Nun war das Eis gebrochen, der Name genannt,
dennoch ging Kollmann nicht darauf ein. Er war
verstimmt, und daß er etwas wie eine Klage über
Vernachlässigung hatte laut werden lassen, verdroß
ihn noch mehr. Er zündete sich im Nebenzimmer
eine Pfeife an und ging darnach hinaus.
Madame Göttling blickte ihm mit Besorgniß
nach. Er ließ sich zusammenfallen, wenn er sich
ynbeachtet glaubte, so gut er vor Dritten auch seine
ruhige Würdigkeit behauptete. Kollmann that ihr
leid.
Wie sie diese Empfindung inne wurde, erschrak
sie vor derselben, sie sah sich um, ob Niemand da
war; gerade als hätte sie laut ausgesprochen, was
sie doch kaum sich selber eingestehen mochte. Aber
es war einmal nicht anders. Kollmann und auch
sie paßten nicht für diese Zeit, Die Zeit forderte,

==- 1ßß -
wie sie meinte, andere Gesinnungen, andere Kräfte,
festere, härtere Herzen, Herzen, die vergessen konnten!
Sie, ach sie konnte es nicht, am wenigsten in der
Zurückgezogenheit, in der sie lebte!
Sie dachte anJustinens Wochenstube, an Justinens
Kind. Welche Freude mußte heute dort herrschen?
Die Augen wurden ihr feucht. Sie nannte sich schwach,
charakterlos, weil sie die Liebe nicht vergessen konnte,
die sie gespendet, während sie dieselbe vergessen glauben
mußte von denen, welchen sie zu Theil geworden war.
Sie hätte dort sein mögen, dort - wo sie die harte
Selbstwilligkeit des Hausherrn im gegebenen Falle
unertragbar gefunden. Sie verstand das nicht in
sich, denn sie unterschätzte die Macht gewohnter Liebe
und die gewaltige Anziehungskraft des Glcks und
des Erfolges. Sie hätte sich so gern mit den Glück
lichen gefreut; auch um diese selbstloseste Freude hatte
Darner sie gebracht.
Das Herz war ihr zu schwer, sie konnte nicht
allein bleiben, und nachdem sie die nöthigen Anord-
nungen für das Haus getroffen, hing sie den Pelz-
mantel um und ging zu Madame Armfield, sich von
Allem, was sie drückte, frei zu sprechen vor dieser
Freundin des Kollmann'schen Hauses. Sie war ihr
mit ihrer Gottergebenheit und Theilnahme zu einer-
wahren Stütze geworden, seit sie sich von ihren bis-
herigen Lebensgenossen getrennt hatte, um ihr Ge-
wissen zu wahren und nicht etwa noch ein- Mal die
Mitschuld an Darners Härte tragen zu müssen.
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Kapitel 15

= 12? --
Sünfzehntes Kapites
Um dieselbe Stunde saß Darner, den Sohn er-
wartend, in dem Privatkabinet hinter dem Komptoir.
Der Jahresabschluß wai gemacht, die Bilanz gezogen.
Er hatte sich die Bücher vorlegen lassen. Die
Er eA
war still in dem Raum, der, nach dem engen Hof
hinaus liegend, wenig abbekam von dem hellen Lichte
des Tages; aber um so heller leuchteten die Augen
des Vaters und des Sohnes, als dieser mit den
Worten: ,Verzeihen Sie, Vater, daß ich Sie warten
lassen!'' eilig in das Kabinet trat.
,Was macht der Junge? fragte Darner.
,Er thut seineSchuldigkeit wie ein echter Darner!r!
lachte Frank.,Justine hat ihn angelegt, und er hat
sich nicht erst bitten lassen, er hat herzhaft zugegriffen,
daß es zu sehen eine Lust war!?
,,So wird die Dynastie bestehen, wie sie ge-
gründet, mit entschlossener Kraft; er ist auf seidenem
Pfühl geboren, Du auf hartem Stroh. Erzieh ihn
hart fürs Stroh, und dem Geschlecht werden die
seidenen Kissen künftig auch nicht fehlen!' meinte
der Großvater, und aus dem bei ihm seltenen
Scherze klang seine Mahnung ernsthaft hervor.
Dann, ohne des Sohnes Antwort abzuwarten,
auf das Hauptbuch hinweisend, sette er hinzu:
,Die Sache stellt sich, wie ich es erwartet; um
einen starken Vorstoß mit Sicherheit machen zu können,
sind wir genöthigt gewesen, im entscheidenden Augen-
blick zurüchhugehen. Wir sind stark engagirt, indeß
rur rEa?r r

-- P28 -
welche wir sonst hier und auswärts gewährt, auch
jettt bewilligt.?
,Aber die Verluste sind groß! bemerkte der
Sohn.
,Neulingssorge! Allerdings, es ist viel Geld
verloren, aber das wahre Machtmittel ist nicht nur
unangetastet, sondern erhöht. Daß wir, den baaren
Verlust nicht achtend, realisirt, was zu realisiren
war, daß wir eben dadurch, ohne erhöhte Hilfe von
außen, fortgearbeitet in der Krisis, von der wir hier
betroffen worden, das hat das Vertrauen in unser
Haben und Können hier und auswärts gesteigert,
und das Generalkonsulat ist auch Kapital, ist Kredit
und= Einfluß, wenn man ihn zu brauchen weiß
wie Joannu den seinen in Petersburg und bei der
Pforte. Er spannt die Arme weit und sicher von
seinem Zentrum aus. Du mußt nach Petersburg,
sobald Justine wieder völlig rüstig und der Junge
getauft sein wird.?
Es war von dieser Reise schon vorher, bald
nach dem Friedensschlusse, die Rede gewesen. Sie
hing mit Darners Gedanken über ein Zusammenwirken
der großen Firmen im Osten von Europa und über
dessen Grenzen hinaus zusammen, mit jenem Plane,
welchen er dem Sohne vor Jahresfrist, am Tage vor
der Schlacht von Eylau entwickelt. Er war, von -
demselben, nicht entwegt worden durch die Ereignisse,
welche dazwischengetreten waren, wenn schon sie ihn
gehindert hatten, der Ausführung wesentlich näher
zu treten.
Er kam auch jetzt wieder mit der ihm eigenen
klaren Bestimmtheit darauf zurück und gedachte da-
bei in erster Linie der noch fester zu knüpfenden
Verbindung mit dem Hause von Philippos Joannu,,
eines seit langen Jahren in Petersburg bestehenden


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griechischen Bankhauses, dessen gegenwäirtiger Inhaber
Generalkonsul der Türkei war. Einen seiner Söhne
hatte er in Konstantinopel, den andern in Venedig
festgesetzt. Das Haus in Konstantinopel vermittelte
den ganzen Bernsteinhandel nach dem Orient, während
Philippos Joannu selber, als einer der reichsten
Kaufleute von Petersburg, an der Newa den Mittel-
punkt des Hauses bildete. Darner hatte ihn, noch
ehe er sich in Königsberg niedergelassen, in Holland
persönlich kennen lernen, ihn später in Petersburg
besucht, und wiedergesehen in Paris.
Darner wußte, daß die Meinung seines Sohnes
mehr auf den Handelsverkehr mit dem Westen als
auf den Osten gerichtet war, und Frank sagte denn
auch unumwunden, er glaube, daß bei der zurück-
gebliebenen Entwicklung Rußlands auf ein ersprieß-
liches Zusammengehen mit den russischen Handlungs-
häusern nicht zu rechnen sei. Er habe kein Vertrauen
zu dem Erfolg der Petersburger Reise.
,,So unternimm sie ohne Vertrauen und setze
Mlles daran, den guten Erfolg zu erreichen, an dem
Du zweifelst. Gerade wo für die Kultur eines
Landes, für seine kommerzielle und industrielle Ent-
wicklung noch Alles zu thun ist, wo der ganze, all-
seitige Reichthum eines solchen noch völlig brach liegt
und ungehoben ist, da ist etwas zu machen. Du
hast Dich dorten mit offenen Augen umzusehen; das
Nebrige, mein Freund, ist meine Sache, darum
sorge Du doch nicht!'' entgegnete ihm der Vater mit
der befehlenden Kürze, welche Frank schon zum öftern
kränkend und schwer zu ertragen gefunden hatte,
wenn sie ihm im Beisein seiner Frau entgegen-
getreten war. Heute verletzte sie ihn mehr als je,
doch schwieg er einen Augenblick vor dem Befehl;
-



-- 1Z0 --
,Gewiß, ich werde gehen und thun, was ich
kann, aber ..
,Was soll dies Aber? herrschte der Vater.
,Es soll Sie bitten, mich zu hören, Vater!rr
antwortete ihm Frank, jettt plötzlich entschlossen, mit
gleicher Bestimmtheit, und sich zusammennehmend
fügte er hinzu: ,Ich habe es bisher als meine
alleinige Aufgabe erachtet, Ihnen zu dienen und zu
gehorchen, indem ich mich unbedingt der Einsicht
unterordnete, die uns Alle auf den Boden gestellt
hat, auf welchem wir neben Ihnen in Ehren stehen.
Grade heute habe ich Ihnen wieder für die Würde
zu danken, welche der Kaiser von Rußland Ihrem
Verdienste ertheilt und die Sie auf mich haben über-
tragen lassen. Aber in dem Augenblick, in welchem
man mir gestern meinen Sohn in die Arme legte
und der Junge, ohne es zu wissen, in tästender
Bewegung seine Hände zu mir erhob, da habe ich
empfunden - verzeihen Sie mir, wenn ich es Ihnen
gerade jetzt bekenne - daß ich fortan nicht nur Ihr
Sohn, sondern auch meines Sohnes Vater zu sein
habe. Selbst Ihnen darf ich mich nicht mehr gegen
meine eigene Neberzeugung unterordnen. Ich habe
in der glücklichen Lage, die Sie uns geschaffen, für
meinen Sohn, für meine Familie einzustehen, wie
Sie es in dem Kampfe um das tägliche Brot für
mich gethan. Ich sete mein Kapital, meine Arheits-
kraft in das Geschäft; und ich wiederhole es Ihnen,
der Richtung nach dem Osten folge ich ohne Zutrauen
und also widerstrebend.?
Darner hatte sich in seinem Armsessel nach dem
vor ihm stehenden Sohne hingewendet und, den Kopf
auf den linken Arm gestütt, ihn ruhig pollenden
lassen, während er ihn mit festem Blicke maß.
Frank hielt demselben stand.

s
!
-=- 1Zh -
,Willst Du Deine Einsicht und Erfahrung neben
die meinen stellen ?' fragte der Vater, das Auge nicht
von ihm lassend.
,Für so thöricht können Sie mich nicht halten,''
entgegnete Frank, ,ohne mir Unrecht zu thun.?
,Oder glaubst Du vielleicht, meine Sorge gelte
Deinem Sohne weniger als Euch? Glaubst Du, er
sei nicht ebenso mein wie Dein, wie . . .?
,Nein, mein Vater, das ist er nicht, fuhr Frank
heftig auf, ,er ist mein, er ist Justinens Sohn, unser
Sohn allein! Wie sehr wir Beide auch mit Er-
kenntniß und von Herzen Ihre Kinder sind setzte
er begütigend hinzu.
Darner stand auf und trat ihm finster gegen-
über.
,Zürnen Sie nicht,'' rief Frank; ,ich bin in
meinem Leben an eine Grenzscheide gekommen, an
die ich nicht gedacht, bevor ich an ihr gestanden habe.
Die Vaterpflicht, dies neue, mich überwältigende Ge-
fühl, fordert meine Mündigkeit noch in ganz anderem
Sinne, als das Gesetz sie mir zuerkennt und Sie
mir bisher dieselbe eingeräumt. Sie haben mich
ohne mein Verdienst zu Ihrem Partner gemacht, haben
mich mein Haus begründen lassen in Ihrem Hause,
und meine Frau hat in Ihnen einen Vater gefunden,
den sie liebt, weil sie ihn verehrt. Aber es hat mich
oft verletzt, wenn Sie über mich in ihrer Gegenwart
verfügt, als wääre ich ein Kind, ein Knabe. Kann
sie mich auf die Läinge lieben, wenn sie mich in der
Willenlosigkeit vor Ihnen sehen muß? Ich stehe mit
meinem Bewußtsein heute in dem Beginne einer für
mich neuen Zeit, meine Zukunft entscheidet sich heute.
ha an ?re
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-- 1ZN --
befiehlt, der gegen seine Ansicht blind gehorchen soll?
Ich bin kein .. -
Das Wort, das seine heftig erregte Leidenschaft
ihm auf die Lippen drängte, erstarb ihm auf denselben.
Er hielt erschreckend inne.
,Vollende!r sagte Darner tonlos. ,Du bist
kein Höriger, wolltest Du mir sagen!'' und Beide
schwiegen sie.
Darner war blaß geworden, seine Züge verriethen
den Kampf in seinem Innern. Auch er stand vor
einer Grenzscheide in seinem Lebenswege, auf die er
nicht gerechnet hatte; sein Sohn, sein Geschöpf in
jedem Sinne, sein eigen Blut lehnte sich gegen seinen
Willen auf.
Sein eigen Blut!
Er war weicher gestimmt gewesen, als er sich je
gefühlt, gestern, als er mit Frank an die Wiege seines
Enkels getreten. Den Fortführer seines Namens,
seines eignen Ichs, den Erben seines Blutes hatte er
in dem hilflosen Geschöpf mit Freude gesehen, mit
einer Art von Ehrfurcht betrachtet; und der fertige
Mann, der vor ihm stand, sein reif gewordener Sohn
mußte ihn daran mahnen, daß auch er seines Blutes,
daß er einem Vater entsprossen sei, der Leben an
Leben gesett, sich der Knechtschaft, der Hörigkeit zu
entreißen!
Von des eigenen Sohnes Knaben, von seinem
Enkel, hatte er gesprochen, wie die Herren von Ring-
king von ihm zu seinem Vater geredet haben mochten,
wie von einem für sie erzeugten, ihnen geborenen
Hörigen.
Wie war das möglich gewesen? Wie durfte er
sich wundern, wenn Frank, wenn seines in Freiheit
erzogenen Sohnes Blut sich dagegen empörte, wie
sein eigenes es einst gethan?

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=- 1ZZ =-
Mit Blitzesschnelle flogen diese Gedanken ihm
durch den Sinn, und fest und streng sich selbst be-
herrschend, wie er die anderen beherrschte, war in
ihm rasch der schwere Kampf vollendet.
Während Frank in seiner liebenden Verehrung
noch nach dem Worte suchte, mit dem er sich dem
Vater wieder nähern konnte, reichte dieser ihm beide
Hände hin.
, Ich war im Unrecht gegen Dich, mach mich's
vergessen, daß Du mich einmal mahnen mußtest an
Dein Recht!'' sagte er -- und hingerissen von des
Vaters freier Größe, küßte der Sohn die Hand, die
jener ihm geboten.
Darner fuhr sich über das Gesicht, Frank sollte
nicht sehen, daß die Augen ihm feucht geworden
waren.
,Nicht doch,' sprach er, ,willst Du zum Knaben
werden, nachdem Du Dein Mannesrecht gewahrt?
, Sie werden mich mehr als je Ihnen gehorsam
finden!' gab Frank zurück.
,Das wird Dir gehorsame Kinder erziehen,?
sprach Darner lächelnd, ,und nun kein Wort mehr
davon! Laß uns hinaufgehen und hören, ob ich
Justine und den Jungen sehen kann.?
,,Dolores war bei ihr im Zimmer, als ich her-
unterkam, und versunken in des Kleinen Anblick. Da
sie das Kind nicht küssen konnte, küßte sie mich mal
auf mal.?
Darner nickte dazu.
,Das Kind wird ,hnen Lust zum Manne und
zur Ehe machen, und das paßt mir! Schließ die
Bücher ein und schließe das Komptoir, ich erwarte
Dich bei Dirt?
zggggggggpggpwnpgpppggggö

Kapitel 16


==- PZZ --
SSechzehntes Kapitell
Es war still' oben in den Stuben wie in einer
Kirche. Um jede Störung von Justine fern zu halten,
hatte man die Hausklingel festgebunden und den
Hausknecht als Thürwächter gesett.
Virginie, die während des Wochenbettes der
Schwägerin die Hausfrau machen sollte, weil sie die
thätigere, der beiden Schwestern war, hatte sich in dem
Nebenzimmer der Wochenstube niedergelassen, um bei
jedem Anlaß sofort zur Hand zu sein.
Sie gefiel sich sehr in ihrer neuen Würde, hatte
auch große Freude an dem Kinderhäubchen, daß sie
für den Neffen zu seiner Taufe stickte; aber trotz
ihrer Emsigkeit konnte sie es doch nicht lassen, . von
Zeit zu Zeit zum Fenster hinauszugucken, um zu
sehen, wie die Vorüberkommenden das neue, hell.
glänzende Konsulats-Wappen an ihrem Hause be-
trachteten.
Unten in dem Wohnzimmer des ersten Stockes
saß Dolores vor dem hell flackernden Feuer des
Kamins und sah still träumend in die Gluth, ein ,
Lächeln auf den Lippen. Das Buch, in welchem
sie gelesen, hielt sie noch in der Hand. Die Ühr
auf dem Simse des Kamins schlug die Mittags-
stunde,
,Ob er wohl heute kommen wird? fragte sie
sich, denn Eberhard pflegte, namentlich wenn er in
der Woche nur zu seiner Lektion bei Frank gewesen,
und behindert war, am Sonntag zu kommen, Justine
am Sonntagvormittag einen Besuch zu machen,
wobei denn Frank nicht fehlte und auch der Haupt-
mann, von der Parade kommend, sich gelegentlich ein-
zustellen pflegte.

-- 1ZH --
Sie trat ans Fenster, sah nach der Ühr, als
hätte sie sie nicht eben schlagen hören, setzte sich dann
wieder auf ihren Platz am Feuer, nahm das Buch
wieder auf, begann wieder zu lesen, indeß sie war
nicht mit dem Herzen dabei. Das Kind lag ihr
immer im Sinne. Sie sah es beständig vor sich,
und sie hätte es gar zu gern dem Baron gezeigt-
Aber-- die Ühr schlug halb!
,, Jetzt kommt er nicht mehr!r rief sie und stand
auf, um hinauf zu Virginie zu gehen, denn an
anderen, Besuchern war ihr nichts gelegen; die konnten
in Gottes Namen abgewiesen werden, wenn sie sich
einstellen sollten. Da, grade als sie die Thüre
aufmachte, um das Zimmer zu verlassen, stand er
vor ihr.
,Verzeihen Sie, daß ich unangemeldet komme,''
sagte er, ,der Mann wollte seinen Posten unten an
der Thüre nicht verlassen, und ich sah sonst Niemand
von den Leuten.? -
,Aber Sie wissen es schon?? rief sie ihm ent-
gegen.
,Deshalb kam ich eben, ich wollte ihrem Bruder
gratuliren zu dem kleinen Lor . . ?
,Ach! Sagen Sie den Namen nicht! fiel Dolores
ihm mit abwehrender Bewegung in das Wort.
,,Nun! anders kann er ja gar nicht heißen !'
meinte Stromberg, verwundert über ihre Scheu.
,,Gewiß nicht! aber aussprechen müssen Sie den
Namen nicht, ja nicht!'
, Und warum denn nicht?' fragte er noch einmal.
Sie sah ihn mit ihren großen dunkeln Augen
ernsthaft an und sagte halblaut, als dürfe kein anderer
es vernehmen:
,Wenn man den Namen eines Kindes nennt,
ehe es getauft ist, dann hört ihn der Tod-- und

-- 1Zs-
kann es rufen!-- Ach, und Sie können sich gar
nicht denken, wie entzückend er ist! Haben Sie denn
schon einmal ein ganz kleines Kind gesehen??
Er verneinte es. Sie wollte weiter sprechen,
hielt jedoch inne, als merkte sie erst jetzt, daß sie
Beide immer noch an der Thür standen, und
ihn um Entschuldigung für ihre Achtlosigkeit bittend,
setzte sie sich in den Armstuhl, den sie vorhin inne-
gehabt hatte, und nöthigte den Gast, ihr gegenüber
Platz zu nehmen. Dadurch war sie aus ihrem Zug
und in Verlegenheit gekommen, denn sie war es nicht
gewohnt, selbstständig Besuche anzunehmen. Es war
das erste Mal, daß sie allein mit Stromberg war.
Das entging ihm nicht; und um ihr wieder zu
der Unbefangenheit zu verhelfen, die doppelten Reiz
für ihn hatte, weil sie sonst immer schüchtern gegen
ihn gewesen war, sagte er:
,Sie haben mir aber etwas von Ihrem neuen
Neffen erzählen wollen, und das möchte ich doch nicht
entbehren, Sennora Dolores!-
, Ach, meinte sie, ,für Sie ist das ja nichts
Besonderes, denn wenn Sie auch wie ich noch kein
solch kleines Engelskind gesehen haben, so haben Sie
sich ja das Alles gewiß längst gedacht und auch
gelesen. Aber wie Frank mich an die Wiege brachte
und den Vorhang zurückschlug, und ich das kleine
Köpfchen in den Kissen sah und die Hand leise
darauf legte- Sie können sich nicht denken, wie
weich und wie sanft und wie warm es war. Und
wie ich den leisen Pulsschlag fühlte, da- ich will's
lieber nicht sagen, denn Sie werden wie Virginie
sprechen: Wo sich alle Anderen freuen, fängst Du zu
weinen an!? Ich konnte aber nicht dafür; ich mußte
weinen.


!
s
=
-- 18? --
,Sie haben geweint vor Freude! Das ist ja so
erklärlich ! bedeutete er sie.
, Ja, und vor Rührung; denn wie er so vor
mir dalag, und ich hinüberblickte zu Justine, die
sehr blaß und doch ganz verklärt aussah, da fielen
mir die Verse ein, die Verse aus der Glocke, die ich
zuerst von Ihnen gehört und seitdem immer wieder
gelesen habe:
,hm ruhen noch im Zeitenschooße-
Die schwarzen und die Jeitern Lose,
Der Mutterliebe zarte Sorggn
Bewachen seinen goldnen Morgen -
und da konnte ich mir nicht helfen l'?
Sie machte eine unwillige Bewegung mit dem
Kopfe, als wäre sie unzufrieden mit sich, fuhr sich
mit der Hand über die Augen und sagte:
,,Sehen Sie mich nur gar nicht an! Ich komme
heute aus der Rührung, aus dem dummen Weinen
nicht heraus; und ich bin doch kein kleines Kind l?
,Nein!' rief er, aufstehend wie sie und sie bei
der Hand festhaltend und nahe an sich heranziehend,
da sie sich von ihm wendete, ,nein, kein Kind, aber
die Natur des Weibes, wie es aus der Hand des
Schöpfers gekommen ist, in all seiner reinen Heilig-
keit und Schönheit. Weinen Sie Ihre Freuden-
thränen ohne Scheu; die sammeln die Engel mit
stiller Hand und flechten sie einst als Krone in ihr
Haar !r
,Ich sag's ja auch nuur zu Ihnen,' sprach sie
leise, indem sie, ohne sich von ihm zu entfernen, die
Augen sanft zu ihm erhob, ,denn die Andern =
Franks rasches Herankommen unterbrach sie.
,Sprechen Sie nichts mehr davon!' bat sie,
,,nichts mehr!' während Eberhard, sich fassend, dem

-=- 1Zs--
Freunde die Hand reichte und ihm sein: ,Glück auf, -
Herr Vater und Herr Generalkonsul! entgegen rief.
Dolores hatte sich still entfernt.
Frank schlug in die dargebotene Rechte freudig
ein. ,Ja!' entgegnete er; ,es ist viel Glück auf
einmal über mich gekommen; aber ich denke, ich
will's verdienen. Zunächst freilich wird das Konsulat
mich wohl von meiner Frau und meinem Sohne
trennen.?
,Weshalb das?
-,Ich muß, mich den Behörden persönlich vor-
zustellen, und auch in Geschäftsangelegenheiten nach
Petersburg, sobald meine Frau wieder völlig bei
Kräften sein wird. Ich denke mit dem Frühlings-
anfang reisen zu können und hoffe nicht allzu: lange
fern bleiben zu müssen. Sie sollten mit mir ,gehen,
Baron! Petersburg lohnt gewiß der Mühe, und
mein Wagen hat Platz für uns Beide.?
,Die Aussicht wäre verlockend genug, wäre ich
nicht durch meine Stellung gebunden. Gewinne ich
im Laufe des Jahres in den Ferien eine Zeit, über
die ich frei verfügen kann, so wissen Sie, wo ich die
zuzubringen habe.?
,Mich hat es überhaupt gewundert,' meinte
Frank, ,daß Sie in den Staatsdienst getreten sind,
bei der Liebe, die Sie für Waldritten hegen.?
,Es ist unter uns ein Familienbrauch, dem Staat
zu dienen, und diese Bräuche werden zu bindenden
Verpflichtungen mit der Zeit!'' entgegnete ihm der
Baron. ,Sie haben sich angezogen gefühlt von den
Bildern meiner Vorfahren und ich selber blicke gern i
und mit Erhebung auf sie zurück; aber nicht nur
noblesss oblige! - Unsere Ahnen verpflichten uns
auch, und wenn ich auch darauf rechne, später als
freier Mann auf meinen Gütern zu leben, mochte ich

ss

s
===- JZß =
nicht der erste Besitzer von Waldritten sein, der nicht
den Hohenzollern diente. Sie begreifen das und
können es nicht tadeln!?
,Ob ich es begreife? Und wie sollte ich tadeln,
daß Sie ganz sein wollen, was Sie sind! Trotzdem -
finde ich es bequem, ohne - hemmende Rücksicht, einzig
auf sich gestellt zu sein, wie ich es bin: Freier Herr
über mich und mein Thun, freier Herr, zu kommen
und zu gehen, freier Herr in meinem Hause!'?
Und wie er das gesprochen hatte, fiel es ihm
ein, daß er eben erst vor einer Stunde diese Freiheit
seinem Vater gegenüber schwer geng zu behaupten
gehabt und daß sie an der Natur seines Vaters
immer ihre Grenze finden würde. Er verstummte
plötlich.
Eberhard wußte sich das nicht zu deuten. Er
wollte aber die Unterhaltung nicht ins Stocken
kommen lassen und warf aufgeregt, wie er war, die
Phrase dazwischen:
, Sie halten es mit dem englischen mz honse
is wz esstls! Und einfach, wie die Worte sind,
schließen sie die ganze Selbstherrlichkeit des freien
Mannes in sich. England hat mir durch seine In-
stitutionen einen mächtigen Eindruck gemacht. Wir
haben noch zu erstreben, was sie dort seit hunderten
von Jahren als unantastbare Rechte besitzen. Den-
noch, daß ich es Ihnen gestehe, hat es mich im
ersten Beginne unserer Bekanntschaft befremdet, daß
Sie sich mehr als Engländer denn als Deutschen
fühlten. Ich habe das für Sie und mich beklagt,
da ich an unserem Vaterlande hänge. Es beraubte
uns eines gemeinsamen Gefühls. ?
,Ich bin in Helgoland geboren, in England
auferzogen!'' gab Frank ihm erklärend zu bedenken.
,,Das habe ich mir damals selbst gesagt, mein

==- Jg,h -
Freund! Sie hatten keine Heimat, konnten kein
Heimatsgefühl, keine Vaterlandsliebe kennen, denn
Ihre Eltern hatten keine erfreuende Erinnerungen
an das Land, in welchem sie geboren worden waren. e
Ihres Vaters Weg ist dann durch die weite Welt
gegangen, Ihrer Schwestern Wiege stand jenseits des
Ozeans.?
,Aber,'' fiel Frank ihm ein, ,die Wiege meines
Sohnes steht hier in dem Hause und an der Stelle,
an welcher meine Frau das Licht erblickt, in ihrem
alten Stammeserbe. Das ändert Alles! Mein Sohn
und seine Mutter haben mir ein Vaterland gegeben!
Und ich denke, ein Stammeserbe soll es bleiben, dies
alte Haus, auch für uns, das neue, hier zu Bürgern
gewordene Geschlecht. Nebrigens irren Sie darin nicht,
daß ich mich früher nur als Engländer gefühlt habe.
Erst an dem Tage, an welchem wir hier in der i
brennenden Stadt die Franzosen vor den Thoren
hatten, in der schweren gemeinsamen Noth habe ich
empfunden, daß ich hier Wurzel geschlagen hatte, daß
ich auch mit dem Herzen das Schicksal meiner neuen
Heimat und ihres Königs theilte. Er hat ein Vater-
land, er soll ein guter Preuße werden, der Bursch
da oben, und, wie heut mein Vater sagte, der Fort-
führer einer kaufmännischen Dynastie von guten
Bürgern.?
Hp
,Also Landsleute, Gutsnachbarn und Frennde!
Was wollen wir mehr!'r rief Eberhard mit dem
Wohlgefallen, das er an Frank von Anfang an ge-
funden; ,und,'' fügte er dann lächelnd hinzu: ,da-
neben dynastische und aristokratische Gedanken und
Gelüste unter Ihnen, grad' wie unter uns lr
Frank nahm das ebenso heiter auf. ,Ich gebe
Ihnen Ihr Wort zurück,? sagte er: ,Wollen Sie
das tadeln??

==- IT -
,Im Gegentheil, ich lobe es durchaus! Denn
wenn jeder Stand sich als solcher in seiner Bedeutung
und Würdigkeit empfindet und, mit Selbstachtung in
sich beruhend, die gleiche verdiente Achtung auch von
den anderen Ständen fordert und erhält, so sind wir
auf dem Wege zu der allein möglichen, wahren
Gleichheit der Stände, die ganz etwas Anderes ist
als jene sogenannte Gleichheit, mit welcher man von
jenseits des- Rheins die Welt zu beglücen gedenkt,
indem man Alle gleichmäßig unterjocht und plündert.
Aber so Gott es will, wird der' Tag kommen' -
und seine Augen leuchteten, als er das sprach--
,, der Tag wird kommen und sein Morgenroth dämmert
schon in vielen Herzen auf, der dieser Tyrannei ein
Ende macht.?
,,Wovon sprechen Sie?? fragte Frank, von den
letzten Worten offenbar betroffen.
Eberhard schien unsicher, ab er fortfahren sollte.
Frank, überall. auf das Thatsächliche gestellt, ver-
langte noch einmal nach weiterer Erklärung.
,Nun denn!'r sagte Eberhard, ,haben Sie sich
nicht gesagt, daß eine Unterjochung der Völker, wie
Bonaparte sie ausführt, nicht möglich sein würde,
wenn die innere Untüchtigkeit derselben sie ihm nicht
erleichtert hätte? Wir sind nicht mehr die Söhne
Hermanns, die Deutschen, welche die römische Welt-
macht aus unseren Grenzen vertrieben und den An-
fang gemacht mit der Zerstörung der römischen
Kaisertyrannei; nicht mehr die Deutschen, die vor
dreihundert Jahren sich der Tyrannei der römischen
Kirche widersetzten. So oft mein Auge auf das
Bild meines Ahnherrn fällt, mahnt es mich daran!
Wir haben verlernt, der Wahrheit zu dienen. Der
Erfolg der Tyrannei hat uns in uns selbst erniedrigt.

-=- PFL--
Wir haben verlernt zu hassen, zu verfluchen und unser
Leben an unsere Ehre zu setzen, denn- -
,Weshalb vollenden Sie nicht?? fragte Frank.
, Weil es thöricht ist, in Worten zu phantasiren,
wenn man, wie ich, noch nichts geleistet hat, das den
Glauben an des Menschen Thatkraft giebt. Aber ich
wollte, daß er noch lebte, der Dichter des Tell! Ich
wollte, Sie hätten wie ich das unverges:liche Gltck
gehabt, von seinem Munde die mahnenden Worte zu
vernehmen:
.Ans Vaterland, ans theure, schließ dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen,
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft!?
,, Und Sie fürchten nicht,' wendete Frank ihm
ein, ,daß diese streng algegrenzte Vaterlandsliebe
den Sinn und das Herz des Menschen verenge?
Ob Pfahlbürger, ob Büürger eines kleinen, eines
großen Staates-- eine Beschränkung bleibt es doch
immer neben dem Weltbürgerthum, und selbst neben
dem Christenthum, das die Menschen in eine große
brüderliche Gemeinschaft vereinigt zu sehen begehrt. ?
Er hatte den letten Beweggruund herangezogen,
als hoffe er, eben mit diesem auf den Baron den
wirksamsten Eindruck zu machen.
Indeß Eberhard blieb bei seinem Sinne.,DDas
Alles hat seine Schranken, mein Freund ' sagte er.
,,Es ist nicht weit her, mit dem sogenannten! Kos-
mopolitismus und Weltbürgerthum. So wenig der
Einzelne sich aufgeben und in einen Adern ver-
schmelzen kann, so wenig kann und soll ein Volk
das thun. Es soll seinen Boden und seine Eigenart
sich wahren, soll sein Land und seine Leuute zu ihrer
möglichsten Vollenduung entwickeln; und thun wir das,
thut dazu Jeder das Seine an sich selbst, so wird

s
e
------ 14Z--
--- und daran müssen wir halten- auch unser Volk
nicht untergehen in der Franzosenherrschaft! Früher
oder später werden die Völker ihn brechen, den
Willen des Eroberers, der sie knectet und ihre
Füürsten in Ohnmacht niederwirft. Er ist ein Sterb-
?. Ra
zeugende und damnit schlies;lich auuch die größte Macht. ?
Er hatte das Alles rascher, eifriger gesprochen,
als er pflegte, so duiß es Frank aufgefallen war.
Bei seinen letzten Worten war Darner eingetreten.
Eberhard hatte also plötzlich abgebrochen und sich
dem Herrn des Hauses genaht, auch ihm seinen
Glückwunsch darzubringen. Darner nahm ihn freuudig
an, da er aber die letzten Worte des Baron ver-
nommen, fragte er, wovon die Rede gewesen sei.
Die beiden jungen Männer gaben ihm in
wechselnder Nede kurzen Bescheid. Er hörte ihr Fr
und Wider ruhig an. Dann sagte er:
, Sie begreifen, daß ich nicht in Napoleons
Fehler verfallen kann, die geistige Macht-- die ja
seine erste Wgffe und deren höchster Ausdruck er
selbst in gewissem Sinne ist---- zu unterschätzen.
Ich unterschätze auch die Wünsche und Hoffnungen
des Volksgeistes nicht, der sich aus dem Geiste jener
Einzelnen erzeugt, welche Napoleon als Jdeologen
verspottet. Er ist kurzsichtig bei all seiner Größe,
denn er hat auch die Macht des Kaufmannsstandes
und des Weltverkehrs unterschätzt, bis er eines Tages
zuuu der Einsicht gelangt, daß die Läinder nur zu
lähmen sind, wenn man ihnen diese Adern des Ver-
kehrs unterbindet. ? Er hielt einen Augenblick inne
und sagte dann in leichterem Tone:
, Mein Sohn kennt meine Meinungen über diese
Dinge, und ich spreche sie auch vor Ihnen auus. Mit

==-- JIF -
aller Achtung vor den Ideen der Denker und der
Dichter und vor der Hoffnung, sie einst in Thaten
umgesett zu sehen, so ist es auch eine zur That ge-
staltete Jdee, wenn wir die bewegende Kraft des
Geldes durch die Adern des Weltverkehrs treiben.
Sie führen Alles auf die Macht des Geistes, ich
auf die des Geldes zurück. Unterschätzen Sie diese
letztere nicht??
Es war nicht das erste Mal, daß Eberhard diese
Aeußerungen von Darner vernahm. Sie waren ihm
anfangs fremd, ja abstoßend gewesen; indeß seine
Bildung ebenso wie die Anerkennung von Darners
Bedeutung hatten es ihm leicht gemacht, sich aus
ihnen das Richtige und Nützliche für sich zu ent-
nehmen, doch trafen sie ihn jetzt persönlicher und in
anderer Verfassung.
,Ich! Die Macht des Geldes unterschätzen!r
rief er. ,Könnt' ich's so rasch vergessen, wie sehr ich
es entbehrt und wessen Vermittelung ich es verdanke?
Glauben Sie es mir Beide, ich habe den Werth des
Geldes gründlich kennen lernen!r
, Und das ist gut für Sie wie für Jeden, der es
sein Lebelang nur mit den Gedanken zu thun ge-
habt hat. Die Tiefen der Erde und was sie bergen,
das Eisen, das Gold, der weite Ozean, die frucht-
tragende Scholle, das sind die realen Mächte und
sie stehen in erster Reihe. Denn trotz aller Macht
der Gedanken, an denen es hier unseren Gelehrten
sicher nicht gemangelt hat, hätten wir die Franzosen
heute noch in unseren Mauern. Es war die solide,
reale Macht des in That umgesetten kaufmännischen
Kredites, mit der wir sie befriedigten und fortgeschafft
haben.?
Ein Lächeln, das bei ihm selten war und leicht
den Anstrich des Spottes gewann, flog über seine

=- 1h -
Lippen, und mit einer ruhigen Handbewegung, in
welcher er der ganzen Neberlegenheit seiner Jahre und
seiner Person den Ausdruck gab, setzte er hinzu:
, Täuschen Sie sich darüber nicht, Herr von Strom-
berg! Die Idee in Ehren! Aber wir leben in der
Zeit des Materialismus; Alles will bezahlt sein!
Jeder und Alles wird mit Geldeswerth bezahlt: die
großen Gedanken, die großen Erfindungen und Ent-
deckungen, die großen Feldherren wie die Heere!
Frankreichs Siege stehen hoch verzeichnet in dem
Schuldbuch der Nation. Ruhm und Ehre sind
kostspielige Dinge. Der Absolutismus ist theuer,
und fragen Sie darnach in Frankreich, auch die
Freiheit hat man keineswegs umsonst! Fragen Sie
drüben nach in England oder auch jenseits des
Ozeans!= Blut in den Adern und Geld in den
Taschen! Das sind die Kräfte, die es machen: sind
die vorhanden, so findet sich das Andere!? -
,Nein!r fuhr Eberhard plötzlich auf, ,nein, Herr
Darner! Versündigen Sie sich nicht am Geist und
an der Menschheit! Es giebt Menschen, die nicht zu
erkaufen, Thaten, die nicht zu bezahlen sind, und
der persönliche Erfolg ist nicht das Letzte. ?
Er hielt sich, wie über sich und seine Heftigkeit
erschrocken, mit einem Male zurück. Darner sah ihn
ruhig an.
,Vollenden Sie, Herr Baron! Ansicht gegen
Ansicht! Ich habe Ihnen die meine ausgesprochen,
wie ich sie auf meinem Lebensweg gefunden; Sie
dürfen mir die Ihre, die Sie auf anderem Weg ge-
wonnen, nicht schuldig bleiben.?
,Verzeihen Sie mir! bat Eberhard, von Darners
Gelassenheit überwältigt.
,Machen Sie sich keine Sorge darum! Man
glaubt in der Jugend immer rasch fertig sein zu
Lewald. Die Familie Darner. A.
1

-= TG-
müssen; man lernt im Alter, daß es nicht so eilig
damit ist! Bitte, vollenden Sie; was wollten Sie
sagen, Herr Baron?
Der Gedanke, Darner schone ihn, weil Frank
ihm einen materiellen Dienst geleistet, schoß Eberhard
durch den Sinn; aber er stieß ihn als niedrig und
als Darners und seiner unwürdig zurück. Er suchte
sich zu fassen so gut er konnte. Es wußte ja keiner
von den Beiden, die zu ihm sprachen, was in ihm
kämpfte und ihn bestürmte.
O,' rief er, ,ich dachte daran, daß es Worte
giebt, welche, zur rechten Stunde und mit der über- -
zeugenden Kraft ausgesprochen, mehr wirken, als die
Macht des Geldes. Oder wo lebt der Krösus, der
mit seinen Schätzen zu bezahlen vermocht hätte, was,
ich führe nur ein Beispiel an, was vor noch nicht
zwei Jahren unter unseren Augen das Wort, das
Werk eines schlichten Mannes erreicht.?
, Und welch ein Werk ist das gewesen??
,Die Aufhebung der Leibeigenschaft in ganz
Schweden und in allen zu ihm gehörenden deutschen
Landen, in schwedisch Pommern und in Rügen, wo ?
sie am härtesten auf den Menschen gelastet hat!
,Richtig! Aber der Name? Er ist mir ent-
fallen!r
,Ernst Moriz Arndt! sprach Eberhard mit stolzer
Freude, sicher, mit diesem Beispiel den Sieg auf
seiner Seite zu haben.
,Richtig !' wiederholte Darner. ,Kommen Sie
meinem Erinnern zu Hilfe. Wer und was ist dieser
Arndt in seiner Lebensstellung?
,Der Sohn eines leibeigenen Geschlechtes, das
sich auch rühmen darf, Alles sich selber zu verdanken,
sein eigener Befreier und jetzt der Befreier von
Millionen von Menschen geworden zu sein.?

=- Pg? --
,Ja!' sagte Darner, ,iener Schritt brach die
Bahn zu dem, was jetzt hier geschehen ist, was ge-
schehen muß durch die ganze Welt. Der fort-
reißende Drang der Ereignisse, die wir hier erlebt,
hat jene Großthat für uns in den Hintergrund
gedrängt. Wie hieß die Schrift? Wo weilt jett
dieser Arndt??
Eberhard nannte ihm den Namen der Schrift,
erzählte das Schicksal, welches sie Arndt zugezogen,
bevor der Erfolg ihm Recht gegeben, und sagte dann,
wie Arndt, da er Deutschlands Banner hochgehalten,
von seiner Professur in Greifswald habe vor den
Franzosen nach Schweden flüchten müssen, wohin
Eberhard gegangen, dem von ihm verehrten Manne
persönlich zu begegnen. Aber auch dort sei Arndt
vor seinen Feinden nicht sicher gewesen, und wo er
sich jettzt aufhalte, wisse er nicht. Seine Freunde
hielten ihn verborgen, eingedenk des von Palm er-
littenen Geschicks.
Der Diener brachte ein paar Karten in das
Zimmer, die unten abgegeben worden waren. Eber-
hard benutzte die Gelegenheit, sich zu empfehlen.
Die Unterhaltung über Arndt hatte das Gespräch
von seinem Ursprung abgelenkt, und Eberhard war
Herr über seine Aufregung geworden. Darner ent-
ließ ihn mit festem Handschlag, der Sohn begleitete
ihn hinaus.
, Sie haben heute einen großen Eindruck auf
meinen Vater geinacht,'? sagte er, ,und der kommt
auch mir, und auch ihm selbst, zu Gute. Ich wollte,
Sie kennten ihn wie ich!?
,Ich stelle ihn sehr hoch,' versicherte der Baron,
,, und er weiß das, hoffe ich zu meiner Ehre.?
,So kommen Sie doch öfter zu uns, kommen
Sie bald wieder!r?
ve

PI8 --
Sie waren im Vorzimmer, als sie das sprachen.
Eberhard blieb stehen, seine Lippen preßten sich zu-
sammen wie im Schmerz, und sich gewaltsam be-
zwingend, sagte er:
,Nein, Frank!= Er hatte den Freund nie i
zuvor mit diesem Namen genannt, ,nein, Frank, ich
komme nicht wieder l
,Sie kommen nicht wieder? fragte er betroffen.
,Ich liebe Dolores!r
,Eberhard!'r rief Frank mit einer Stimme, die -
widerklang in des Freundes blutendem Herzen. Dann
fragte er:
,Weiß es meine Schwester??
,Sie sollte es nie erfahren, aber ich fürchte,
heut hab' ich mich verrathen.?
, Und meine Schwester, theilt sie diese Liebe??
,,Laß mich nicht aussprechen, was ich nicht hoffen
darf!'' antwortete Eberhard mit bebender Stimme.
,,So komme ich morgen zu Dir, Abenda !?
Eberhard wehrte das mit einer Kopfbewegung
ab. ,Laß mich erst zur Ruhe kommen. Es ist ein
großer Zwiespalt in mir!r
,Wie Du es willst, mein Freund !?
Sie schüttelten einander die Hände und gingen
von einander. Frank kehrte zu seinem Vater zurück.
Wie der in des Sohnes Antlitz sah, fragte er:
,Was ist geschehen, und was war's heute mit dem -
Baron? Er war aufgeregt!''
,,Er liebt Dolores und kommt deshalb nicht
wieder.?
Darners Stirn zog sich finster zusammen. ,Wo-
her weißt Du das??
,Er hat es mir eben jett gesagt, als ich ihn
zum Wiederkehren nöthigte. Zu einer Erklärung
zwischen ihnen ist es nicht gekommen.

Pg9 -
,Wer bürgt mir- dafür?' antwortete Darner
zweifelnd.
,Eberhard, den ich darum befragte; aber er
glaubt, ihr nicht gleichgültig zu sein, und das haben
Justine und ich neulich schon vermuthet.?
, So hättet Ihr mir's sagen müssen, da Du
weißt, daß ich andere Absichten mit dem Mädchen
habe,'' sprach der Vater streng, und es entstand eine
kleine Pause.
,Es ist gut,' hob er darnach wieder an, ,daß
Stromberg weiß, was ihm zu thun gebührt. Justinens
Wochenbett und Deine jetzt zu beschleunigende Abreise,
die augenblicklich die Geselligkeit im Hause unter-
brechen, bieten einen schicklichen Vorwand fär sein
Fortbleiben.?
Virginie kam melden, daß Justine nach Frank
verlange und ging wieder hinaus. Als dieser sich
entfernen wollte, sagte der Vater, den Kopf schüttelnd,
mit dem Tone der ihm gewohnten Neberlegung:
,Begeistert der Mann sich für die Befreiung der
Leibeigenen und fühlt nicht, daß er, während seine
Leute frei geworden sind, heute noch der Leibeigene
seiner Scholle, mit Leib und Seele der Sklave seines
heruntergekommenen Majorates ist!r'
,Sie sprechen von Stromberg??
,Von wem denn sonst? Man muß ihm übrigens
in seinen Waldrittener Angelegenheiten helfen! Er
ist ein ordentlicher Mensch! Die Lehre von den
leibeigenen Herren Von und Zu darf uns deshalb
nicht verloren gehen.. Es ist gut, daß er aüs dem
Wege ist.?
, Sie wären ein schönes Paar gewesen! Strom-
berg war sehr niedergeschlagen!' meinte Frank.
,Mag er sehen, wie er sich aufrichtet!

Kapitel 17

=- PJ0 =-
,Aber Dolores?' fragte der Sohn, den Drücker
der Thür schon in der Hand.
,Man muß den Tröster schaffen! Je eher um
so besser! Der äsgit swonrsu ist ein guter Bei-
stand. Zunächst aber laß Deine Frau nicht warten!'
Siebenzehntes Kapitel!
Drei Tage später fand Frank, als er von der
Börse in das Komptoir zurückkam, einen Brief von
Eberhard auf seinem Pulte liegen. Ein Bote hatte
ihn eben erst gebracht; er enthielt nur wenige.Zeilen.
,Wundere Dich nicht, mein Freund, wenn Du
in diesen Zeilen nicht die Bitte ausgesprochen findest,
Dein Anerbieten wahr zu machen und mich zu be-
suchen. Da ich keine Möglichkeit sehe, das Ziel zu
erreichen, nach dem mein Herz mich hindrängt, darf
ich mir keinen Weg offen lassen, der mich daran mahnt,
daß ich nicht allein es bin, der den Trennungsschmerz
erleidet. Was Du Deinem Vater, den Deinen, zu
sagen für angemessen hältst, überlasse ich Dir; nur
laß mich, wenn wir uns finden, immer dem Freunde
in Dir begegnen, der Du mir geworden bist, der ich
Dir bleibe für alle Zeit; und erhalte Dir der Himmel
das Glück, das Du Dir in freier Wahl begründen
konntest- das Glück, auf das ich zu verzichten
habe!r
Frank las das Blatt und las es noch einmal,
dann reichte er es dem Vater hin, der inzwischen
auch nach Hause gekommen und in ihr besonderes
Arbetszimmer eingetreten war.

s -

1
=== PH! -
Darner hielt es eine Weile in der Hand, nach
seiner Weise die Worte achtsam erwägend, ehe er es
dem Sohne zurückgab.
,,Gut so,' sagte er, ,der Brief erspart mir, was
ich nicht gerne gethan hätte, von dem Neffen des
Generals, von Deinem Freund und von einem an-
ständigen Menschen zu verlangen, daß er auch Dein
Haus meide. Aber denkst Du dies Schreiben zu
beantworten??
,Mich dünkt, das ist geboten! meinte Frank.
, Geboten, nein! Mehr als seinen Willen kann
man einem Mann nicht thun. Er will und muß
fertig mit der Sache werden; ich will weiter nicht
davon gesprochen haben- somit ist's zu Ende!'?
,, Ich möchte den Baron nicht an mir zweifeln
machen !'' wendete Frank ihm ein.
,Wer verlangt das von Dir? Im Gegentheil,
begegne ihm mit Offenheit, wenn Du ihn trifst; sag'
ihm, daß ich ihn abgewiesen haben würde, weil ich
über Dolores anderweit verfügt. Er soll nicht
glauben können, daß ich seine Werbung gern gesehen,
erwartet hätte. Nebrigens sei nicht so feinfühlig für
ihn; er fühlt sich schuldig, also ist er's. Wer hieß
ihn sich vor Dolores verrathen? Ein Mann muß -'
nie die Herrschaft über sich verlieren!?
Frank zögerte zu antworten, er wagte nicht aus-
zusprechen, was ihm durch den Sinn ging, und sagte
darnach:
,,Ich halte den Baron höher als alle jungen
Männer, die ich kenne.?
,,Du hast es neulich erst von mir gehört,'' ent-
gegnete der Vater, ,daß auch ich nicht gering von
ihm denke; da er hier ja doch vergessen hat, was er
nicht vergessen durfte, daß er der Majoratsherr von
Waldritten und sonst noch nichts ist, so vergiß auch

==- PI -
Du nicht, daß er Dich brauchte, nicht Du ihn.
Laß ihn gehen und den Zufall walten. Deine
Schwester steht Dir näher als Dein neuer Freund.
Laß der Zeit das Feld! Und nun noch einmal,
nichts mehr davon !r
Aber trotz dieser bestimmt ausgesprochenen Wei-
sung, hatte jener letzter Sonntag Morgen nicht nur
in dem Leben des Barons, sondern auch in den
beiden Darners eine Wirkung hervorgebracht, die jeder
von ihnen empfand, ohne sofort zu erkennen, wie sie
dem Einfluß entstammte, den die drei Männer un-
willkürlich auf einander ausgeübt, und welche Wand-
lung in der ganzen Darner'schen Familie sich durch
das Herantreten von Eberhard vollzogen hatte.
Einzig auf sich, auf seine Herrschaft gestellt, war
selbst die Liebe, die Darner für seine Kinder, hegte,
ein Ausfluß seiner Selbstsucht. Sie waren seine
Geschöpfe, sie dankten ihm Alles, sie gehörten zu
seinem Besitz und hatten ihm wie sein Geld zu
dienen für seinen Plan, die Herrschaft des Kauf-
manns über alle anderen Stände durch die Macht
des Geldes anzubahnen. Weil er jedoch maßvoll
und bedächtig in allen seinen Anordnungen, war es
ihm gelungen, seiner Kinder Liebe zu gewinnen, sie
in dem Glauben an seine Unfehlbarkeit zu erziehen,
der nicht gehorchen zu können außerhalb ihrer Vor-
stellungen lag. Die Güte, die Freigebigkeit, mit
welcher er sie behandelt, so oft er sie früher besucht,
waren gewachsen in der Freude, mit welcher er sie,
um sich sah. Sie hingen an ihm wie der Gläubige
an seiner Gottheit.
Justinens Aufnahme in die Familie hatte in den
Anschauungen der letzteren keine Aenderung hervor-
gebracht. Wie Frank ausschließlich in der Kauf-
mannswelt gelebt, so hatte auch sie es, wenn schon


s
b- PHZ -
in engeren Kreisen; und der patrizische Kaufmanns-
stolz, der sich dem Adel gegenüber behauptet, während
er sich allen Beamten, auch den höchstgestellten, über-
legen fühlt, weil er von keinem Herrn abhängt und
keinen vorbedungenen Lohn für seine Arbeit empfängt,
war ihr eingeboren. Die Bildung, die Erziehung,
welche man ihr gegeben, hatten darin nichts geändert.
Weder die Tante noch Madame Göttling waren ge-
eignet gewesen, den Zug nach etwas Höherem, nach
jener Poesie zu fördern und zu entwickeln, der sich
bei ihrer ganz zufälligen Beschäftigung mit der Dich-
tung allerdings in ihr geregt.
Erst ihre Begegnung mit Darner, dann ihre
Liebe für Frank, hatten sie hinausgehoben aus der
Enge ihrer bisherigen Denkart. Im Kampf gegen
das Vorurtheil der Anderen war sie selbst gewachsen,
und in seiner glücklichen Ehe hatte das junge Paar
und die Schwestern mit ihm, jene gehobenen Empfin-
dungen kennen lernen, welche jetzt die Atmosphäre
des ganzen Darner'schen Familienlebens mehr und
mehr verschönten. Als dann noch Eberhard hinzu-
gekommen war, welcher all diesen jungen Menschen
für ihr unbestimmtes Fühlen, für ihr unklares
Streben, in seiner ihnen so überlegenen Bildung
und in dem ihm voll zu Gebote stehenden Schatz der
Dichtung, stets das rechte Wort dargeboten hatte, da
waren sie Alle emporgeblüht, wie eine gute Saat in
reichem Boden, der nur das belebende Licht gefehlt,
sich' kräftig zu entwickeln.
Frank war sich bereits seiner Manneswürde in
anderem Sinn als bisher bewußt geworden, bevor
der Anlaß sie geboten, sich neben seinem Vater geltend
zu machen bei der Geburt seines Sohnes.
Von seinen Erinnerungen überwältigt, hatte
Darner dies erschütterten Herzens in dem Augenblick

- 1hg -
dem Sohne gegenüber anerkannt. Ob er dies nach-
träglich bereute oder nicht, das änderte die Thatsache
nicht. Er hatte eine Widersetzlichkeit, eine Zurecht-
weisung seines Sohnes ertragen; mit dem Befehlen,
dem Gehorchen im alten Sinne war es nun vorbei;
und Darners scharfer Verstand konnte sich nicht
dagegen verblenden, daß sich überhaupt innerhalb
seiner Familie allmälig eine Umgestaltung fühlbar
machte, wie sie in großem Maßstab sich in der
Außenwelt anzukündigen und zu vollziehen begann;
eine Wandlung, über die er in seinem Hause so
wenig Herr bleiben konnte, wie die Fürsten über
ihre Völker.
Das alte Naturgeset machte sich überall- geltend,
zu starker Druck rief Auflehnung empor. Das hatte
sich in Amerika und in Frankreich erwiesen, das hatte
einst er selbst, das hatte er jetzt an seinem Sohn er-
fahren, das regte sich in den von Napoleon geknechteten
Ländern und Völkern.
Die unterjochten Fürsten fingen an, ihren Völkern
Freiheiten zu gewähren und zu verheißen, um sie
an sich zu ketten für die Zukunft. Da man die
Macht der Bajonette und Kanonen nicht ausreichend
gefunden, zog man andere, geistige Kräfte in das
Spiel. Nicht allein die Waffen, nicht allein die
Macht des Geldes waren weltbewegende Kräfte.
Eberhard hatte es ausgesprochen an jenem Morgen,
und Darner konnte es nicht vergessen: das freie
Manneswort, der freie Wille des Einzelnen waren.
auch bewegende Mächte!
,Was dann,? hatte Darner sich gefragt, ,wenn
jene Geistesmächte die Oberhand gewinnen, wenn die
anderen Mächte sich einst ihnen beugen, wenn sie die
- Wege gehen müßten, welche jene ihnen vorgezeichnet??
Zwei junge Männer hatten sich ihm fest entgegen-

s

==- PIh =-
gestellt. Er hatte sie nicht abweisen, nicht tadeln
können, er hatte ihr Recht ihm gegenüber anerkennen
müssen, und mehr noch-- er zürnte beiden nicht.
War er nicht mehr derselbe?
Es gefiel ihm, daß Frank nicht nur Blutes,
daß er auch seines Sinnes Erbe war. Er hätte ge-
wünscht, Eberhard nie unter seinem Dache gehabt zu
haben. Aber wenngleich er den Baron im Stolz
der eigenen, selbstwilligen Freiheit auch als einen
Unfreien bezeichnete, that es ihm leid, daß grade
dieser junge Mann sich selbst als einen Gebundenen
empfinden mußte, und darin täuschte sich Darner nicht.
Eberhard hatte einen schweren Kampf mit sich
zu bestehen; das Wort, das Darner über ihn aus-
gesprochen, das war ohne dessen Zuthun auch in
Eberhards Herzen lebendig geworden; das Urtheil,
das Darner über ihn gefällt =- Eberhard hätte es
in ehrlicher Selbsterkenntniß unterschrieben.
Er hatte das Alles bereits empfunden, als er
sich im Herbste von Königsberg entfernt, seine Ein-
samkeit hatte daran nichts geändert, und seine jetzige
Lage schärfte den harten Stachel seiner Erkenntniß.
Von den stolzen Lippen seines Ahnherrn hatte
es ihm in Waldritten zugerufen: ,Du bist der
Sklave meines Willens !? In dem Winde, der
über seine Felder und durch die Aeste der von
den Feinden übrig gelassenen Bäume geweht, hatte
es ihn gemahnt: ,Du bist an uns gebunden!'?
Es hatte ihn bisweilen fortgetrieben aus, dem
Ahnensaal; und troh der Liebe, die er hegte für
den alten, ehrwürdigen Besitz, hatte der Gedanke
ihn nicht verlassen: ,Du bist ein Edelmann aus
altehrwürdigem Geschlecht- aber Du bist kein freier
Mann!r
Wie erhaben hatte er sich vordem gefühlt über

K
- JHs -
, die bürgerlichen Stände in dem Bewußtsein seines
alten Adels, seiner Standesvorrechte, seiner be-
sonderen Standesehre! Jetzt machte er mit seinem
Herzblut die Erfahrung, daß des Mannes wahre
, und alleinige Ehre in dem Rechte seiner freien Selbst-
s bestimmung liegt, und dies Recht, er hatte es nicht!
f Er hatte jeden unabhängigen Bürger um dasselbe zu
beneiden.
Manchmal, wenn die Gluth seiner Liebe für
Dolores in ihrer ganzen Stärke in ihm brannte,
zuckte aus ihr der Gedanke in ihm auf: ,Wirf Alles
von Dir, rette Deine Freiheit, Deine Liebe!r? Aber
konnte er das?
Durfte er, um sich selber zu genüügen, im Liebes-
verlangen den Besitz? den seine Vorfahren durch die
Jahrhunderte gepflegt, in dem Augenblick von sich
schleudern, in welchem dieser Besitz der nachhaltigsten
Arbeit bedurfte, um nicht völlig werthlos zu werden?
Und wenn er dies zu vergessen fähig wäre, konnte
er erwarten, daß der nächstberechtigte Erbe des Ma-
jorats, der General, geneigt sein würde, es mit der
von Eberhard aufgenommenen Schuldverschreibung
anzutreten, abgesehen davon, daß er, selbst dann
völlig mittellos, nicht an eine Verheirathung, nicht
daran denken konnte, von einem Manne wie Darner
die Tochter zu heischen, der er gar nichts zu bieten
hatte, als sich und seine Liebe? Konnte er sich ab-
hängig machen von dem Reichthum Darners, da er
die Abhängigkeit von dem Willen seiner Ahnen als -
eine lastende Kette empfand?
Er stand vor lauter Unmöglichkeiten, jedoch das
Verzweifeln war nicht seine Sache, er war eine ge-
,unde Natur. Er mußte seine Liebe und ihre Hoff-
nungen begraben; er mußte trachten, seinen Besitz
frei zu machen, sich selbst eine materielle Unabhängigkeit

Kapitel 18


!
- 15? --
von demselben zu verschaffen; und wähxend Darner
sich zu der Einsicht gedrängt fand, daß noch andere
Kräfte im Leben in Betracht zu ziehen seien, als nur
die Macht des Kapitals, hatte Eberhard die freiheit-
gebende Kraft des Geldes für den Einzelnen in
höchstem Grade schätzen lernen, so daß er und die
Darners in ihren Ansichten einander viel näher ge-
kommen, als es je zu erwarten gewesen war.
Arbeiten, um in der amtlichen Laufbahn eine
Stellung zu finden, die an sich etwas bedeutete,
arbeiten, um in dieser Stellung so viel Geld zu ver-
dienen, als er persönlich bedurfte, dies Bedürfen
auf dem bisherigen bescheidensten Anspruch zu er-
halten und so den ganzen Ertrag von Waldritten,
sobald von einem solchen wieder die Rede sein konnte,
zur Tilgung seiner Schuld zu benüten, arbeiten, um
in der Arbeit seine Liebe zu vergesen, und den
Verkehr nach außen einzuschränken, um der Geliebten
nicht zu begegnen, das war die Losung, unter die
Eberhard sich bannte; und die Zurückgezogenheit,
welche sie ihm auferlegte, war ihm erwünscht, obschon
grade jetzt in Königsberg die Geselligkeit sich zu be-
leben und in einer bisher nicht gekannten Weise zu
gestalten begann.
, Achtzehntes Kapitel
Das Jahr, während desssn die königliche Familie
in Memel in dem Hause eiies der dortigen reichen
Kaufleute gewohnt, die opferfreudige Hingebung, mit
welcher die Bürger und die Kaufmannschaft in
Memel, wie jetzt bei der Rückkehr nach Königsberg,

=- PHZ -
sich beeifert hatten, dem Königspaar in den mannig-
fachen Entbehrungen zu Hilfe zu kommen, denen
es sich ausgesetzt gefunden, hatten es den Werth
dieser Treue und Liebe noch höher schätzen machen
als vordem.
Den Ständen von Königsberg hatte der König
das Pathenamt bei seiner bald nach der Nebersied-
lung nach Königsberg geborenen Tochter übertragen.
Die Kaufmannschaft war in einer besonderen De-
putation von dem Könige empfangen worden, Koll-
mann und Darner hatten natürlich in derselben
nicht gefehlt, und gegen das Ende des Aprilmonats,
kurz vor dem Osterfeste, hatte mgn erfahren, daß ;
die Königin am zweiten Ostertage auch die Damen
der Stadt zu empfangen gedenke, welche sich zu dem
wohlthätigen Frauenverein zusammengethan. Der
Verein hatte in den Spitälern, wie in den Familien
Hilfe geleistet und leistete sie noch, wo sie von
Nöthen war.
Am erstenOstertage hatte dieTaufe imDarner'schen
Hause stattgefunden. Man konnte jetzt den kleinen
Lorenz schon bei seinem Namen rufen, ohne Dolores
zu beunruhigen; und gleich nach dem Osterfeste, wenn
das große Ereigniß des Tages, der Empfang bei der
Königin, vorüber sein würde, sollte der Generalkonsul
seine Reise nach Rußland antreten.
Der zweite Ostertag ging hell und freundlich auf.
,Heute ist der Empfang bei der Königin!r sagte
Einer dem Andern, wie man sich sonst den guten
Morgen bietet auf der Straße.
Schon um elf Ühr sah man vor dem und jenem
Hause einen geschlossenen Wagen halten, und wo ein
solcher Wagen hielt, blieben die Leute in der Muße
des Feiertages neugierig stehen; denn man war sicher,
hier fuhren Damen nach Hof, und diese Damen

s
=== PH9 ==
wollte- man sich ansehen in ihrem Schmuck. Man
war so zufrieden, daß man wieder einmal etwas
Anderes vor Augen haben konnte als nur, verwundete
Soldaten und in ihrem Elend jammernde und Hilfe
fordernde Gestalten.
Auch Eberhard war an dem Morgen, weil man
in der Osterwoche keine Sitzungen hatte und das
schöne Wetter ihn verlockt, einmal zeitig ausgegangen,
den Hauptmann zu einem Spaziergang aufzufordern.
Wie er auf dem Heimweg in der Langgasse- vor
dem Darner'schen Hause angelangt war, trat aus der
gegenüberliegenden Straße Kollmann in, Begleitung
eines jungen Mannes heraus und an den Baron heran.
, Ich freue mich, daß wir Ihnen begegnen, Herr
Baron,'' sagte er, ,und daß ich damit die Gelegenheit
finde, Ihnen gleich meinen Sohn und Partner, John
Kollmann, vorzustellen, der sein Geschäft in Riga
aufgegeben hat, um mich im Alter nicht allein zu
lassen. Er ist seit vier Tagen hier und... Tausend
noch einmal, das ist ja ganz was Neues !r rief er,
sich selber unterbrechend, als, aus der kleinen Straße
aer?
trug, vor das Darner'sche Haus vorfuhr.
Der Hausknecht kam eilig aus dem Hause heraus,
breitete einen Teppich über den Wolm und die von
demselben zur Straße hinunterführende Treppe. Ein
Diener in der gleichen Livree wie der Kutscher, war
ihm dabei behilflich.
,Also Privateigenthum des Generalkonsuls!-
setzte Kollmann hinzu, wendete sich dann aber ab
und fragte den Baron, wohin er gehe.
. Eberhard antwortete, daß er zu sich nach Hause
wolle, und da er dabei den Namen der Straße
nannte, sagte John:

= P -
, So haben wir denselben Weg; wir wollen nach
dem Kirchhof hinaus. Ich bin seit fünfviertel Jahren
nicht hier gewesen und habe das Grab meiner Mutter
noch nicht gesehen.'?
,,Sie wissen's, Herr Baron,' bemerkte Kollmann,
,, meine arme Frau ist vor Schrecken gestorben an
dem Tage, an welchem die Franzosen hier ein-
gezogen sind. ?
Eberhard entgegnete, er habe das von ihm und
von Madame Göttling gehört.
,,Unsere gute Hausgenossin ist eben auch nach dem
Schlosse gefahren!r berichtete John, als der rasch
herankommende Darner'sche Landauer, der einem ihm
begegnenden Wagen in der engen Schuhgasse aus-
zuweichen hatte, die drei Männer nöthigte, sich hart
an eines der Häuser heranzudrängen, während Justine
und die ihr gegenübersitzende Dolores sich weit aus-
dem Fenster des Wagens herausbeugten, die beiden
Kollmann und den Baron zu begrüßen.
,,Wer war das?? rief John, und man hörte
ihm seine Neberraschung und sein Entzücken an.
,,Du wirst doch Deine leibliche Cousine noch er-
kennen,'' entgegnete der Vater, ,obschon sie eine ganze
Darner geworden istlr?
,Ich meinte nicht Justine, ich meinte die Andere.
War das eine von Darners Töchtern??
,Es war Mademoiselle Dolores!'' sagte Eberhard
und das Herz klopfte ihm, da er den Namen vor
den Beiden aussprechen mußte. Er hatte sie so lange
nicht gesehen- und wie im Fluge war sie ihm,
wieder entrückt.
,Das ist ja eine ganz besondere Schönheit!r
rief John.
,Kreolenblut!' warf der Vater dazwischen. ,Aber
schön sind die Mädchen und auch wohl erzogen.?

=- Pü -
John fragte nichts weiter und sie gingen, jeder
mit sich selbst beschäftigt, den Berg hinauf.
Kollmann empfand den Abstand zwischen sich, der
mit seinem Sohne nach dem Grabe der Mutter ging,
und zwischen Justine, die glückstrahlend in dem präch-
tigen neuen Wagen nach Hofe fuhr, mit Bitterkeit.
John mußte sich eingestehen, daß er der Stolzen
einen solchen Luxus zu bieten nicht vermocht, und
es verdroß ihn, daß er genöthigt war, an einem der
nächsten Tage mit ihrem Manne, dem Generalkonsul,
wegen des freien Einganges der Sachen zu ver-
handeln, die er aus Riga nach seiner Vaterstadt
hinüber zu nehmen wünschte.
Eberhard, still in sich versunken, fragte sich:
, Was denkt Dolores jetzt von Dir??
Da fuhr John plötzlich mit der Frage dazwischen:
,Was ist Frank Darner für ein Mann??
,Ein Ehrenmann durch und durch, und mir ein
engverbundener Freund !? erwiderte Eberhard mit
Bestimmtheit, denn der Ton, in welchem John die
Frage gethan hatte, hatte ihm mißfallen.
, Sie sind viel in dem Hause?' fragte John
aufs Neue.
- ,Ich muß gegenwärtig so ausschließlich meiner
Arbeit leben,? entgegnete der Baron, ,daß ich auch
meinen Freund in den letzten Wochen kaum gesehen
habe.?
Die Unterhaltung war damit wieder zu Ende,
es lag etwas zwischen ihnen, das sie hemmte. Als
sie oben in den Schloßhof kamen, sahen sie eine
Anzahl Wagen aufgefahren, es' kamen auch noch neue
Wagen hinzu und der Platz war belebt von Menschen.
- Mit einem Male entstand unter der Menge von halb-
xEIREa ---=-
Lewald. Die Familie Darner. .
1

r =.
b P6Z -
Der Ruf: ,Hurrah, die alte Zeit,, da kommt
die alte Zeit!'r den einer der Burschen äusgestoßen
hatte, ging sofort von Mund zu Mund, daß der Platz
davon erschallte.
, Die ganze Schar drängte nach einer Seite hin.
,Da kommt die alte Zeit, da kommt der Affen-
kasten!' rief es von rechts und links, und sich um-
wendend nach der, Richtung, nach welcher alle Blicke
sich lenkten, erkannte Eberhard seine Großtante, die
sich, aufgeputht in der alterthümlichen Tracht, der sie
treu geblieben war, in ihrer alten, mit dem Wappen
der Elmenreich geschmückten Portechaise nach dem
Schlosse tragen ließ.
Die Polizisten versuchten die Jungen fortzu-
scheuchen, das machte dieselben aber nur noch aus-
gelassener; und die Mützen in die Luft werfend, daß
sie auf die Portechaise niederfielen, waren sie nahe
an dieselbe herangekommen, als Eberhard zwischen
sie trat.
,Schreit Hurrah und drauf los, wenn es einmal
gegen die Franzosen gehen wird, aber haltet die alte
Dame nicht auf, die muß zu unserer Königin! Soll
unsere Königin warten, damit Ihr Euren dummen
Spaß habt? Schämt Euch und macht Euch fort!?
gebot er.
Vor dem ersten Wort des vornehm aussehenden
jungen Mannes stutzten die ihm zunächststehenden
Burschen. Sie hielten inne, sahen, wie auf den Gruß
des Barons die Gräfin das Fenster der Portechaise
herabließ, wie sie ihrem Befreier die Hand reichte,
wie dieser sie ehrerbietig küßte und wie er, neben
der Portechaise herschreitend, während der alte, in
eine Livree gesteckte Diener an der andern Seite der-
selben ging, sie bis an die Treppe geleitete, an welcher
die Damen auszusteigen hatten.

Kapitel 19

l
==- P6Z -
Vereinzelt klang es noch von fern herüber: ,Die
alte Zeit, die alte Zeit! aber die Comtesse vernahm
es jetzt mit Lächeln.
Behutsam, die lange Schleppe hinter sich her-
schleifend, stieg sie aus ihrer Portechaise heraus,
wohlgefällig das Erstaunen und die Verwunderung
betrachtend, die sie hervorrief.
Eberhard blieb neben ihr, bis die königlichen
-=-------
Lakaien sie in Empfang nahmen, und sich vornehm
gegen ihren Großneffen verneigend, sagte sie:
,Hab' Dank für Deinen Ritterdienst, Herr
EIrK Rark
Komm' am Nachmittag zu mir, wenn Du ein halbes
Stündchen für mich übrig hast, ich erzähle Dir dann
mehr von dieser Zeit! Horrsurs! wahrhafte horrears!r
settzte sie hinzu; nickte herablassend mit dem Kopfe,
größer erscheinen ließ, als sie wirklich war, und ver-
schwand unter dem Zeltdach, das man über der
Treppe ausgespannt hatte.
wAwnpegpgpwgpggpgggEöggö
Meunzehntes Kapites!
,Nun, Justine,' fragte Darner, als die Seinen
vom Schlosse wiederkehrten, ,fährt sich's gut in
Deinem Wagen??
Er hatte ihn ihr zugleich mit den beiden Füchsen
und der Livree für die Leute als Taufgabe geschenkt,
und sie hatte an dem Morgen ihre erste Ausfahrt
damit unternommen.
,Vortrefflich, lieber Vater, er läßt nichts zu
wünschen übrig, und . . ?

- P6F -
,Und angestaunt sind wir worden, fiel Virginie
ein, gleich vor der Thüre hier kamen Herr Kollmann
und der Baron und . . ?
,John ist zurück,' unterbrach sie Justine, ,aber
davon nachher! Die Königin. .?
,War sie gnädig?' fragte Frank.
,Ach, gnädig! rief Justine. ,Sie ist die Gnade,
die Güte selbst! Wenn die Sonne Mensch werden
und als Frau unter uns erscheinen könnte, so würde
sie aussehen wie die Königin. Aber über der strahlenden
Schönheit liegt ein Schleier des Schmerzes, leichter,
lichter als der, der ihr Haupt verhüllt, und doch ebenso
sichtbar. Sie trug keine Krone, kein Diadem - und
man sah sie doch immer über ihr schweben. Zum
Hinknieen und Anbeten war es, wie sie freundlich
und einfach zu mir sagte .. .?
,Sie hat also mit Dir, mit Dir gesprochen?
fragte Frank mit sichtlicher Freude.
,Freilich, ja! Sagt ich's denn nicht gleich?
Die Fürstin, die ja bei den königlichen Herrschaften
so in Gnade steht und auch im Frauenverein ist.. .?
,Die schlesische Fürstin Hedwig, die hier bei den
Friedheims wohnt? erkundigte sich der Vater sichtlich
verwundert.
,Denke Dir, Vater, die Friedheim war auch ge-
laden; sie stand dicht neben unserer Göttling,'' er-
zählte Virginie, ,und die Göttling war nicht mehr
in Trauer, sie hatte das Kleid an, daß Du ihr zu
Franks Hochzeit geschenkt!?
,Werden wir endlich erfahren, was die Königin
zu Dir gesagt hat?' fragte Frank, das Durchein-
anderreden der Aufgeregten unterbrechend.
,Die Fürstin Hedwig hatte mich der Oberhof-
meisterin vorgestellt, berichtete Justine, ,als wir alle
beisammen waren, und hatte ihr gesagt, daß ich heute

- 16H =-
meinen Kirchgang nach meinem ersten Wochenbett
gemacht hätte, und wie dann die Königin nachher
eingetreten war und mit der schönen Gräfin Lehndorf
und mit noch ein paar vornehmen Damen und mit
der alten Comtesse Elmenreich gesprochen hatte, da
sah sie mich an, kam an mich heran und wollte
wissen, wer ich sei. Die Frau Oberhofmeisterin sagte,
ich sei die Frau des russischen Generalkonsuls, und
ich hätte, so wie Ihre Majestät, eben jetzt auch ein
Wochenbett überstanden. Da fragte die Königin, ob
ich einen Sohn geboren hätte oder eine Tochter
Ich sagte, wir hätten einen Sohn. ,Erhalte Ihnen
den der Himmel und gebe er uns die Kraft, unsere
Kindert, = denke Dir, Frank, sie sagte unsere Kinder!
- ,n dem felsenfesten Vertrauen auf Den zu er-
ziehen, der am besten weiß, welcher Weg der rechte
für uns ist, wenn schon er uns oft hart und cauh
erscheint. Sie haben ja hier auch schwer gelitten in
dem letzten Jahr, und ich danke Ihnen Allen und
jeder Einzelnen, daß Sie geholfen haben, so viel es
ging. Gott wird uns ja weiter helfen!f-- Das
Letzte hatte sie alles laut gesprochen, so daß es Alle
hörten. Und wie sie dabei aussah! Die schönen
Augen waren ihr ganz feucht, wie sie dieselben zum
Himmel aüfschlug und das sprach, und dann grüßte
sie noch Alle und entfernte sich mit ihren Damen.?
Justine selber hatte die Thränen in den Augen und
fiel ihrem Manne um den Hals. ,Cch,? rief sie,
,gottlob, daß Du ein Bürger bist und ich Deine
Frau. Die arme Königin thut mir so leid, so bitter
leid. Komm doch nur bald wieder! Nicht wahr,
Vater, Sie lassen ihn bald wieder kommen?? bat sie,
sich an Darner wendend
,Sobald er immer kann !' versicherte dieser.
,Aber Dolores, hast Du denn gar nichts zu erzählen?'

PßG -
exkundigte er sich, da der Tochter Stillschweigen und
,hre Traurigkeit ihm auffielen.
,Ja,' sagte sie.,Als wir fortgingen, im Vor-
.
saal, kam Madame Göttling an mich heran und
fragte mich, ob mir nicht wohl sei, ich sähe blaß
aus, und da ich sagte, ich sei ganz gesund, reichte
sie mir die Hand, und ich gab sie, ihr auch und sie
küßte mich.?
,Davon hast Du ja kein Wort gesagt! rief
Virginie.
Justine wollte wissen, wann das geschehen sei,
sie hätten ja nichts davon gesehen.
,Ihr standet bei der alten Gräfin mit der hohen
Frisur und hattet mir den Rücken zugekehrt. Ich
vernahm aber, wie sie zu Euch sagte, sie habe gehört,
daß ihr Großneffe, der Baron von Stromberg, uns
besuche, und wie Justine ja darauf antwortete.-
Aber er kommt ja nicht mehr, der Baron, und er ist
doch hier!r
Der Vater sah, wie ihre Lippen zuckten, wie sie
nur mit Noth ihre Thränen zurückhielt.
, Ja,? sagte er darauf und nahm sie bei der
Hand. ,Baron Stromberg ist hier, doch nicht für
Dich, mein Kind! Ich weiß, er gefällt Dir, indeß
Mädchen haben nicht zu wählen. Schlag Dir's aus
dem Sinn, Dolores !?
,Aber Justine hat doch gewählt!f wendete Do-
lores mit dem Muth der Liebe ein.
,,Justine hatte keinen Vater!'' gab Darner zurüc
und vor der Kraft des Wortes verstummte der Tochter
Klage. Er ließ eine Weile hingehen, dann sagte er
mit der gleichen Bestimmtheit: ,Ihr seid Kaufmanns-
töchter, habt immer von mir gehört, daß Ihr Kauf-
mannsfrauen werden sollt nach meinem Willen, für
den ich meine Gründe habe. Im Nebrigen denkt der

-=- Pß?--
Baron nicht daran, um Dich zu werben und kann
auch gar nicht daran denken !'?
Dolores sah dem Vater fest ins Auge.
,Hat er Ihnen das gesagt? fragte sie mit
bebender Stimme.
,,Er hat es Frank vertraut,'' antwortete der
Vater, ,und da Du ihm gezeigt haben magst, daß
er Dir gefällt, wär's nicht ehrenhaft von ihm, wenn
er ferner unser Haus besuchte. Denk' nicht mehr daran!
,Wie soll ich das denn machen? Ich liebe ihn
ja!r stieß sie hervor, und die heißen Thränen stürzten
ihr aus den Augen.
Sie waren Alle erschüttert von diesem Ausbruch
ihres Schmerzes; der Vater mehr, als er es zu zeigen
für gut befand. Er hatte noch keins seiner Kinder
Schmerzensthränen weinen sehen.
Er nahm die Tochter in seine Arme, setzte sich
und zog sie auf seine Kniee.
,Dolores,' sprach er, ,lei vernünftig, Dun sollst
nicht weinen, ich will Dich nicht weinen sehen! Ich
habe Euch zu mir genommen, um Freude an Euch
zu haben. Was Du, was Jedes von Euch gewünscht,
was ich Euch schaffen konnte, hab' ich Jedem von Euch
gewährt. Wenn ich Dir sage, das kann nicht sein!
so hast Du es zu glauben und es nicht weiter zu
verlangen. Wenn ich Dir sage, das will ich nicht,
oder das muß geschehen, so hast Du Dich darnach
zu richten; und wenn Du einer unvernünftigen Liebe
ngchhängst, wenn Du Dich krank und elend machst,
so daß Fremde es Dir ansehen, so bist Du eine
undankbare Tochter. Soll ich Dich für eine solche
halten??
Sie antwortete ihm nicht, sondern schlang ihre
Arme um seinen Hals, ihren Kopf an seiner Brust
verbergend.

-- 1ßs--
Er stand auf und küßte sie.
, Und nun macht fort!r befahl er. ,Justine
vergißt zuletzt noch unsern armen Lorenz über Deinen
kindischen Thränen. Du, Virginie, erinnere übrigens
Dolores daran, wenn es nöthig sein sollte, daß meine
Tochter nicht zu weinen hat um einen Mann, der
an sein altes, verfallenes Schloß gekettet ist. Sie
wird einmal in einem andern Schlosse wohnen, und
lachen über ihre heut vergossenen Thränen! Geht
Euch umkleiden, es ist Mittagszeit. Justine soll Euch
heute nach dem Essen noch spazieren fahren, auf die
Hufen hinaus, ihren neuen Wagen sehen zu lassen
vor dem Thor. Sputet Euch!'r
Sie folgten seiner Weisung.
Frank begleitete den Vater. Von Dolores war
nicht mehr die Rede, denn Darner liebte es nicht,
auf solche Erörterungen zurückzukommen.
Die Tagesordnung wurde eingehalten, wie der
Vater sie festgesetzt. Der Empfang bei der Königin
machte bei dem Mittagessen wieder das Gespräch;
die Spazierfahrt wurde unternommen. Justine und
ihre Schwäägerinnen wurden in ihrem neuen Wagen
angestaunt, wie der Vater es verheißen. Aber Dolores
blieb niedergeschlagen, und wie Virginie auch frohen
Sinnes die Vorüberkommenden musterte, kam doch
auch Justine nicht wieder zu der gehobenen Stimmung,
in welcher sie am Vormittage vom Schlosse heim-
gekehrt war.
Spät Abends, nachdem man den Thee gemein-
sam genommen und Frank sich mit seiner Frau
zurücgezogen hatte, saß er in der Schlafstube neben
ihr auf dem Sopha, während sie den Knaben noch
einmal nährte.
,Du bist so still,'' sagte er, ,der Tag hat Dich
müde gemacht. Es war doch wohl zu viel für Dich??

-- 1ß --
,Ach,' meinte sie, ,müde bin ich nicht, ich bin
ja gesund, aber es geht mir heut so viel, so viel im
Kopfe herum.?
,,Du denkst an Dolores? Sie thuun mir Beide,
Beide leid; und wer will sagen, ob die Heirath, die
der Vater für sie im Sinne hat, sie tröstet! Man
wird Geduld mit ihr haben müssen, sie nicht sich selber
überlassen dürfen.'?
, Wenn wir die Göttling noch im Hause hätten,''
fiel Justine ihm ein, ,wär's jetzt recht gut!?
,Wer hat sie gehen heißen?' rief Frank mit
hörbarem Verdruß. ,Es war Alles so schicklich ein-
gerichtet; wir lebten beisammen und waren doch Herren
für uns, ich hatte Dich für mich allein. Jetzt -
wie's werden soll, wie Du die Doppelwirthschaft be-
wäältigen wirst, ohne daß Du, oder der Junge und
ich, Einbuße darunter leiden, sehe ich nicht ab. Du
kannst nicht den Hüter der Mädchen machen .. .
,Wenigstens könnte ich nicht die Verantwortung
für sie tragen, und sie würde doch in gewissem Sinne
auf mich fallen. Die sanften Augen von Dolores
und ihre bebenden Lippen-- ich hatte mehr Mitleid
mit ihr als je mit mir; denn ich-- Du weißt,
ich wäre einfach mit Dir davon gegangen; aber Eber-
hard .. ?
,Der Vater hat Recht,' sagte Frank, ,er ist kein
freier Mann! Hätten wir die Göttling noch, so
wäre es das Gescheidteste, sie mit den Mädchen für
einige Zeit hinweg zu schicken, in den Süden oder
auch nur an deß Genfersee. Hier . . .?
,Weil Du von der Göttling sprichst,' unterbrach
Justine ihn, als hätte sie nuur auf die wiederholte
Nennung des Namens gewartet; ,es ist mir heute
eigen mit ihr gegangen. Es war überhaupt ganz

-- 170 =-
merkwürdig, ich verstand mich selber nicht, ich war so
gerührt.?
,Sprichst Du von Dolores, von der Königin
oder von der Göttling??
,Auch von der, indeß ich dachte eigentlich an den
Onkel. Ich habe ihn ja so oft gesehen seitdem;
aber wie ich heute in meinem neuen Wagen saß, und
sie so mit einem Male zusammen vor mir sah, den
Onkel und den guten John, der, obschon er stärker
geworden und viel männlicher, viel mehr dem Onkel
ähnlich sieht, nun doch eigentlich wie nach einem
Schiffbruch wiederkehrt .. .?
,Da bedauertest Du wohl, daß Du ihn nicht
mit erlitten?? fragte Frank, und aus dem Scherze
klang doch die männliche Empfindlichkeit hervor, die
der Frau kein rückblickendes Erinnern gestattet.
Justine zuckte die Schultern.
,Wenn er sprechen könnte, der geliebte Junge
hier, der sich so tapfer nährt, so würde er sagen:
,Ist der Papa ein großer Thor, Mama!! Komm',
thörichter Papa, gieb unserm Lorenz einen Kuß für
seine Weisheit und für Deine Thorheit, aber störe
ihn nicht, er ist so im Zug!r
Frank ließ sich das nicht zweimal sagen, er küßte
der Mutter Lippen und des Sohnes Händchen.
,,Und was weiter mit dem Onkel und dem
Vetter?' fragte er darauf.
,,Nichts! Sie thaten mir nur Beide leid, und
das fiel wie ein Schatten über mich; ich erschrak
darüber, daß ich sie in meiner Freude so unüberlegt
heiter gegrüßt. Leid ertragen? Lieber Gott, das kann
man schon für sich; zum Freuen gehören auch die
Anderen. Ich hätte es so gern gehabt, daß sie sich
meines Glücks gefreut. John sah mich gut mit seinen
treuen Augen an; ich habe ihn ja auch immer lieb

e
=- ,?h --
gehabt, bis er auf den unglücklichen Heirathsgedanken
verfiel, und .. .?
, Jetzt wolltest Du ein bischen Parade machen,
auch vor ihnen, mit dem Wagen,'' warf ihr Mann
dazwischen.
,Wahrhaftig nicht! Aber ich kann fnir's ja so
gut denken, wie es jetzt bei ihnen ist und wie sie
über mich und über uns hier sprechen. Sie müssen
es sich ja jettt Alle sagen, daß der Vater mich da-
mals nicht ohne Deine Zustimmung zur Tante gehen
lassen konnte, während ich unser Kind schon unter
meinem Herzen trug. Ich hätte ihnen nur sagen
mögen: ,Wenn es bei Euch zu Hause still' und traurig
ist, kommt zu uns, wir ßnd so glücklich!! Der
Onkel und der Vater sind doch sonst gut ausge-
kommen mit einander. Der Onkel hat dem Vater
immer die Stange gehalten, als er hierher gekommen
ist, und John?-- Wenn Du ihn gesehen haben
wirst freilich, er war eben nicht mein Mann und
sehr der Mutter Sohn; aber er ist ein guter Mensch.
Weise ihn nicht ab, wenn er Dir begegnet; ich hab'
ihn verschmäht, sei Du gut zu ihm. Du hast mich
ja, und .. ?
,Ja, Dich und den geliebten Jungen mit dazu!
Komm' nun, gieb ihn mir !
Sie reichte ihm das Kind, während sie ihr Kleid
zuknöpfte. Er küßte sie, weil sie in dem Anflug von
Rührung so schön aussah, und er wiegte dabei das
schlafende Kind mit einer so behutsamen Wichtigkeit
in seinen Armen, daß er die junge Mutter damit zum
Lachen reizte.
Als dann die Wärterin gekommen war, das Kind
zu holen, und die beiden Eheleute wieder allein bei
sammen waren, sagte Justine, immer noch mit der-
selben Gedankenreihe beschäftigt:

-=- 17A--
,Mit der Göttling war es mir ebenso, wie mit
dem Onkel und mit John. Ich habe sie ja in den
letzten Zeiten, ehe der Junge gekommen ist, öfter in
den Sitzungen und Vertheilungen des Frauenvereins
gesehen; aber da hatte Jede von uns zu thun, und
man hatte nicht Zeit, auf einander zu achten, ging
sich auch leicht aus dem Wege. Als wir aber heute
vor der Cour in Reih und Glied aufgestellt dastanden,
die Königin erwartend, fiel es mir auf, daß die
Göttling sehr gealtert hat. Sie betrachtete mich und
die Mädchen immerfort. Ich sah es ihr an, wie weh
es ihr that, nicht zu mir kommen zu können, wie gern
sie mich gefragt hätte: Wsas macht Dein Junge?!
Und ich hätte ihr ebenso gern gesagt: Komm' und
sieh ihn Dir an; er hebt seinen Kopf schon so aus
dem Kissen heraus, als wollte er zeigen, daß er ihn
hoch tragen wird wie sein Vater, wie der rechte
Lorenz Darner! Glaubst Du, daß der Vater es u
übel genommen hätte, wenn ich ihr gesagt, sie soll
sich den Jungen ansehen kommen??
,,GGanz gewiß, und das mit Fug und Recht!
Denn ihr Herz ist auf der andern Seite. Es war
Dein Onkel, der sie ohne Weiteres fort und zu uns
geschickt, als er ihrer nicht mehr bedurfte; und zum
Dank für die Aufnahme, die sie bei uns gefunden,
ist sie von uns und zu Deinem Onkel zurückgegangen;
in einer Zeit, in welcher Du Schonung und Pflege
nöthig haben konntest, hat sie sich denen zugesellt,
welche die gebotene Vorsicht des Vaters als Grau-
samkeit bezeichneten. Ob man ihr verzeihen könnte,
wenn sie Verzeihung zu begehren käme, ob dies
Hinundher zwischen Kollmanns und zwischen uns zu
wünschen wäre, das wäre eine Frage. Fürs Erste
aber laß Dir genüügen an unserem Glück, auch ohne

Kapitel 20

s

s-
-- 1 ?Z-
die Zuschauer, nach denen Dich's gelüstet. Oder
ist's Dir nicht genug an uns??
,Frank,? rief Justine, ,wie fiehst Du dem Vater
gleich, wenn Du so sprichst! Schilt mich nicht, ich
bin so stolz auf Dich und auf den Jungen!r
,Bleib's immer, bleib immer nur Du selbst,
dann sind wir geborgen! - In drei Tagen muß ich
fort. Was nachher sein kann, wird sich ja erweisen !''
Iwanzigstes Kapites.
,Ja, mein Herr Neffe! sagte an dem Nach-
mittage Comtesse Gottfriede, als Eberhard an ihrem
Kaffeetische saß, ,das sind nun die Ritterdienste,
welche man den Frauen in unserer Zeit zu leisten
hat. Rencontres mit Straßenjungen, mit der Erapule,
welche die Dichter Eurer Zeit als ,das Volk anzu-
singen lieben; aber um meine Gesundheit sorge Dich
deshalb nicht. Ein solcher Chok hat mir Gottlob
nichts an. Es giebt andere Dinge, die mir am
Herzen fressen, und in die man sich schicken zu lernen
hat in Ehrfurcht vor unseren Herrschaften.'?
,Wovon sprechen Sie, gnädige Tante? Und
was wollten Sie mir heute sagen, als wir uns
trennten? Sie können doch im Schlosse bei der
Königin dergleichen nicht erfahren haben??
,Nicht? Weißt Du das so bestimmt? Ist es
keine Erfahrung, die einem das Blut ins Gesicht
treibt, wenn man sehen muß, daß unsere Majestät
durch die Noth der Zeiten gezwungen wird, Krethi
und Plethi zu empfangen? Daß eine Judenfrau ge-

=- P?g--
würdigt wird, von ihr angesprochen zu werden, daß
die Fürstin Hedwig diese Judenfrau noch besonders
um ihrer Wohlthätigkeit willen rühmt, daß diese
Madame - wer kann die Namen solcher Leute
merken-- diese Madame sich mir selber vorstellt
und sich wundert, mich nicht im Frauenverein zu
sehen, obschon ich, weil die Majestäten ihn protegiren,
zu ihm gehöre. Als ob Jeder so, wie sie es jett
halten, sich wöchentlich in Scene setzen muß, um
das Aushängeschild für sein bischen Wohlthätigkeit
zu machen. Lieber Gott! An die Konsulsfrau, an
die Armfield- Du hast sie ja hier gesehen - und
an die Madame Göttling hat man sich ja gewöhnt!
Aber nun gar Juden! Und Red' und Antwort mußte
man ihr doch geben, wenn die Königin sich herab-
gelassen hatte, ihr das Wort zu gönnen.? -
,,Vergessen wir nicht,? wendete Eberhard ein,
,daß unser Heiland selbst dem Volke angehörte.?
,Ach! rief die Tante, ,was das Volk Israel
gewesen sein mag, als es unserem liebem Herrgott
gefallen hat, Jesum Christum unter ihm geboren
werden zu lassen, das weiß ich nicht, das geht mich
auch nichts an! Aber diese Leute, die ich noch ge-
kannt habe, ehe sie die Bankiers in dem großen
Hause geworden sind, deren Mutter und Vater ge-
schachert haben mit Band und solchem Trödel, diese
Frau, die mir die Päcke ins Haus getragen hat,
als sie noch die Rebekka vom alten Benjamin ge-
wesen ist =- die- im Schlosse bei der Königin,
behandelt so wie ich! Lache nicht, Eberhard! Frage
Dich lieber ernsthaft, wo kommen wir auf diese- z
Weise hin? Ich mag nicht leben, die Zeit und die
Welt zu sehen, die sie heraufbeschwören auf die Weise!
Alles, alles wird profanirt, selbst die Erhabenheit des
Thrones und des Königshauses !'

-= (7H -
Sie hatte in ihrem Entsetzen die Hände gefaltet,
die Thränen kamen ihr in die Augen; und so wenig
Eberhard sonst Gewicht legte auf die derartigen
Klagen der Gräfin, that sie ihm heute leid, und
seinen Trost auf ihr gutes Herz bauend, sagte er:
,Ich kann mich hineindenken in Ihr Empfinden,
theure Tante! Aber wollen Sie Anderen mißgönnen,
was Sie selbst beglückt; den Vorzug den, königlichen
Herrschaften persönlich ihre Huldigungen darbringen
zu dürfen? Soll' es die Königin nicht erfreuen, in
so vielen Augen als immer möglich den Widerschein
ihrer Huld ihr entgegen leuchten zu sehen? Und
sollen die Herrschaften nicht das Bebürfniß fühlen,
denen zu danken, die mit Hingebung an ihnen
hängen, die Hülfe bringen, wo der beste Wille des
königlichen Paares allein sie ausreichend zu gewähren
nicht vermöchte??
, Ja! rief die Comtesse, bei ihrem Sinn be-
harrend. ,Sie haben das Gold, und die Herrschaften
müssen ihren Pakt machen mit dem goldenen Kalb!
Das ist's ja gerade, was mich so empört! Und daß
wir ihnen darin folgen müssen, müssen, sage ich,
macht die Sache nicht besser! Mir, mir hat die
Majestät natürlich wie einer alten Bekannten schon
von Ferne zugenickt und mir im Vorübergehen gesagt:
,ich wußte, Gräfin, daß Sie uns nicht fehlen würden,
und es freut mich, Sie so rüstig zu sehen!! Ich
, war ganz gerührt davon. Aber bei der prachtvollen
Generalkonsulsfrau, bei der schönen Madame Darner,
ist sie stehen geblieben und es hat ein Pourparler
gegeben ohne Ende; und die, die davon etwas
gehört, haben sich des Todes darüber verwundert,
wie die Königin' sie behandelt, als ob sie eine
Fürstin wäre!?
,Ich kann Sie versichern, Tante,'' unterbrach

-=- , ZZ -
Eberhard sie mit Absicht, ,daß Madame Darner
auch eine im besten Sinne fürstliche Natur ist!'?
,Sag' ich denn Nein dazu!r rief die Comtesse,
immer mehr sich erregend. ,Sie ist so groß und so
prachtvoll' blond wie die Königin selber, und es fiel
ihr gar nicht ein, sich neben ihr zu eklipsiren. Sie
stand da, als ob sie wirklich auch von Vorfahren
zu reden hätte, als ob sie wirklich ,eine Geborene!
wäre, freudestrahlend -- das ist wahr - aber
stolzer als die Königin selber. Und wie ich dann
nachher, weil die Königin sie so ausgezeichnet hatte,
es doch auch für meine Pflicht hielt, dem.Beispiel
nachzukommen und ihr, um doch einen goint äa
rslisment zu haben, es auszusprechen, daß ich von
ihr und von den Ihren durch Dich wisse, da =-
,Da hat sie Ihnen gesagt, hoffe ich, daß ich
ihr sehr ergeben und daß ihr Mann mir ein sehr
werther und treuer Freund ist, dem ich zu größtem s
Dank verpflichtet bin.?
,Nein, davon hat sie mir nichts gesagt. Sie
hat mir ihre Schwägerin, die Mamsell. Darner, vor-
gestellt; und nun begreife ich, daß der Verkehr mit
diesen Leuten Dir wohlgefällt. Die Frau schön!
Das Mädchen ganz apart.?
,Wie nannte Madame Darner Ihnen dieses
Mädchen?? fragte Eberhard mit Spannung.
,,Sie nannte es gar nicht, oder ich habe den
Namen überhört! Aber wofür kannst Du ihrem
Manne denn verpflichtet sein??
,,Füür ein beträchtliches Darlehen, dessen ich für
Waldritten nothwendig bedurfte und das er mir ge-
schafft hat.?
,Also auch das goldene Kalb! rief die Tante.
,Ja, damit zwingen sie es! Neberall schleichen sie
sich ein mit ihrem Gelde, das die Thüren öffnen

l
= 1?? =-
muß, und dann kommen sie hinterher, nisten sich
ein und haben schon so manches von unseren alten
edlen Geschlechtern von seinem Grund und Boden
sortgetrieben, wie grade auch dieser Herr Darner,
der jetzt in Strandwiek sitzt und =-?
,Verzeihen Sie, Tante!r fiel Eberhard ihr ein.
,, Herr Darner hat Niemand vertrieben von seinem
Grund und Boden, wie Sie es nennen. Er kaufte
das Gut, als die Familie ausgestorben war, von den
entfernten Verwandten, die es ererbt hatten und nicht
gewillt waren, es zu benuutzen.?
,, Hätten die ersten Besitzer die rechte Ehre im
Leibe gehabt, hätten sie ein Majorat gegrüündet, wie
es sich für den auf die Erhaltung seines Geschlechtes
bedachten Edelmann geziemt, so würde Strandwiek
heute noch in ihrem Besitze sein und nicht ein Empor-
kömmling, ein Mensch ohne Namen in ihrem Schlosse
sizen.?
, Wäre ich frei wie dieser Mensch ohne Namen!r
fuhr Eberhard plötzlich auf, ungeduldig gemacht durch
die Comtesse und ihre Vorurtheile.
, Eberhard ! rief sie erschreckend, ,das sagst Duu,
ein Stromberg, der Majoratsherr von Waldritten?
Ihr Ausruf erinnerte ihn, zu wem er sprach,
aber seine Empfindung riß ihn fort; und den Ge-
danken, die er in den letzten Zeiten unablässig in
sich erwogen, Worte gebend, sprach er:
, Gott weiß es, daß es mich erhebt, einer langen
Reihe von wüürdigen Männern anzugehören, daß ich
die Verpflichtung fühle, ihnen gleich zu sein; aber
so wenig ich heute umhergehen könnte in dem Harnisch
Dagoberts von Stromberg oder in der Allongeperrücke
meines Großvaters, so wenig kann ich meine Pflicht,
ihnen an Würdigkeit gleich zu werden, erfüllen
unter den Bedingungen, unter welchen sie es allein
u
Lewald. Die Familie Darner U.

-- 1 7s-
für möglich hielten. Der Wille einzelner Menschen
und Geschlechter hält die Wandlungen, die sich im
Laufe der Zeiten innerhalb der gesammten Menschheit
mit und aus Nothwendigkeiten vollziehen, nicht auf;
und wer es unternimmt, seine Nachkommen an
einen Willen und an die Bedingungen der Zeit
zu knüpfen, in der er selber lebte, der versündigt
sich an dem Menschenrecht seiner Nachkommen; denn
er nimmt ihnen mit der freien Bestimmung über
sich selbst die Möglichkeit, den Vedingungen ihrer
Zeit und sich selber zu genügen. Und fiele mir heute
der Besitz von ich weiß nicht welchen Herrschaften
zu, ich würde mich nicht vermessen, meinen Erben
auf Jahrhunderte hinaus zu befehlen: Du mußt sie
behalten, auch wenn sie Dich nicht freuen- und
mußt sie behalten unter Bedingungen, die gegen
Dein Glück verstoßen und gegen Deine Neberzeuguung.
Das ist kein Segen, das-?
Er brach plötzlich ab. Die Comtesse saß da,
als hätte ein Blitzstrahl sie getroffen, als wanke der
Boden unter ihren Füßen. Eberhard sah dies mit
dem vollen Bewußtsein, etwas durchaus Ungehöriges
gethan, und dem mächtigen Strom seiner Neberzeugung
an dem ungeeignetsten Orte den freien Lauf gelassen
zu haben; aber er konnte es nicht bereuen. Er s
wollte es nach außen kundgeben, es vor sich sinn-
lich festgestellt haben, was in ihm zur Klarheit ge-
kommen war und fortan die Richtschnur seines Lebens
und Handelns sein sollte; und die Comtesse sollte es
auch wissen, daß er gebrochen habe mit den An-
Rr ea -
und Grillen zu leiden haben, nicht mehr von ihr
Verunglimpfungen und Geringschätzung von Menschen
hören müssen, denen er sich angehörend fühlte, wenn

P
i
=- 1?9 =-
schon er sie jetzt meiden mußte. Er wollte sich nicht
als Glück anrechnen lassen, was ihm schwer zu tragen
war, und er sagte sich: ,nuur wenn die Tante weiß,
auf welchem Boden ich stehe und auf welchem sie
mit mir zu verhandeln hat, kann ich sie mir, mich
ihr erhalten.?
Er hatte sich während des Sprechens erhoben.
Wie er geendet hatte, sah er, daß sie ihre Augen
trocknete; doch konnte er sich nicht dazu bringen,
ihre Verzeihung für seine Aeußerungen zu erbitten.
Sie erwartete sie auch nicht, sondern schüttelte nur
leise das Haupt und sagte in einem Tone, der Eber-
hard zu Herzen ging:
, Ja wohl, die Zeiten haben sich geändert, sehr
geändert, und man lernt das im Alter schwer be-
grefen, wenn man's auch noch so schwer empfindet.
Man möchte fort sein aus der Welt, inl welcher ge-
krönte Häupter unter dem Beil des Henkers gefallen
sind, aus einer Welt, in der unser König und unsere
Königin sich beugen mußten vor dem Bonaparte und
nur so viel Land und Unterthanen behalten haben,
als es ihm beliebt hatte, ihnen zu belassen. Man
kann eine Zeit ja nicht mehr verstehen, in der ein
guter Mensch wie Du, lieber ein komme äe risn
sein möchte, als der Majoratsherr von Waldritten.
Man vereinsamt sehr! Sei Du, was Dir zu sein
das Beste scheint!'?
Sie weinte wieder, trocknete die Augen, reichte
. ihm die Hand und sagte:
, Ein Ehrenmann wirst Du ja bleiben! Dafür
bürgt Dein Name wie Dein Blut- und verlassen
wirst Du mich ja nicht! Ich bin zu alt dazu. Es
lohnt nicht mehr!'
,Liebe, liebe Tante!r rief er und küßte ihre
welke Hand, ,es ist so gut von Ihnen, daß Sie
1e

gg
--= J80--
mich gelten lassen. Ich hätte zu meiner Mutter
nicht anders sprechen können; und glauben Sie es
mir, ich bin Ihnen in diesem Augenblicke mehr denn
je zu eigen.?
,Das ist ja die Hauptsache! gab sie ihm zurück.
,,Gebe nur der Himmel, daß Du glücklich wirst auf
Deine Fason, wenn ich's auch nicht erlebe!-
Ich hab's ja heut gesehen! Wir Alten passen nicht
mehr in die neue Zeit! Wir sind ihr ein Schimpf
und Spott!'
,Der rohen Masse, nicht den Guten, Tante!?
sagte er, und weil sie ihm so hilflos vorkam in der
Stimmung, in die er sie versetzt, sagte er, aus
vollem Herzen zu begütigen geneigt: ,Ich bin ja
auch allein, Tante Gottfriede! Und wird's nun
wieder wohnlich und erfreulich bei mir draußen, so
hole ich Sie im Sommer zu mir hinaus, uid Sie
helfen mir im Ahnensaale mit Ihren Erinnerungen
nach. Denn wenn ich mich des Majorats auch
gerade nicht erfreue - ein Stromberg bin und bleibe
ich von Herzen und mit Freuden; und zurückzublicken
auf würdige Vorfahren erachte ich wie Sie, ich wieder-
hole es, als einen großen Vorzug.?
Da er sich zum Abschied vor ihr neigte, küßte
sie ihn auf die Stirn. Sie hatte das nie zuvor
gethan.
,So knüpfen alte und neue Zeit sich aneinander!
Es hat ja jede wohl ihr Gutes !r sprach sie gerüührt.
Darnach schied er von ihr, beschäftigt mit der
Vorstellung, daß sie noch gute Stunden haben sollte
mit ihm in seinem Schlosse.
ggaeagegaaagS

Kapitel 21

- 1Z!-
Einundzwanzigstes o=»-=s-
fszik-
,, st der Herr Generalkonsul Darner zu sprechen??
fragte am nächsten Tage John Kollmann, als er in
das Komptoir eintrat.
Einer der Handlungsgehilfen, welcher, der
russischen Sprache mächtig, zum Konsulatssekretär
gemacht worden war, bejahte die Frage und öffnete
ihm die Thür des zur rechten Seite des Komptoirs
gelegenen kleinen Zimmers, über welcher die Worte:
,, Kaiserlich russisches Generalkonsulat'' zu lesen waren.
Er werde den Herrn Generalkonsul sofort benach-
richtigen, sagte er.
Die kleine Stube war für den Zweck eingerichtet,
dem sie zu dienen hatte. Das Bild des Kaisers
Alexander hing über dem Sopha, Karten des russischen
Reiches zu beiden Seiten. Eine kleine Bibliothek,
ein großer, zweiseitiger Schreibtisch entsprachen den
Bedürfnissen; und kaum hatte John mit seinem Blick
den kleinen Raum überflogen, als Frank hineintrat.
Die beiden Männer standen einander zum ersten
Male gegenüber; Frank nach seines Vaters Sinn
und Weisung entschlossen, keinem der Kollmanns
einen Schritt entgegen zu thun.
Wie er dann nun Justinens Vetter, den von
ihr verschmähten Bewerber, vor sich sah, fand er es
zunächst sehr natürlich, daß sie ihm den Vorzug vor
jenem gegeben; aber das gestrige Abendgespräch mit
seiner Frau und ihre Bitte wirkten in ihm nach,
und es ging ihm mit John, wie es ihr mit ihren .
Anverwandten geschehen war. Er fühlte sich als
R R» E -=- -

-= IZF --
, Herr John Kollmann ! sagte ex, da der Sekretär,
der John kannte, ihn als diesen angemeldet hatte;
und wäre er der Regung des Augenblicks gefolgt,
so hätte er John die Hand geboten und ihn will-
kommen geheißen in seinem Hause. Die schnelle
Neberlegung, das rasche Durchdenken der Verhältnisse,
an welche das Leben den Geschäftsmann gewöhnen,
hielten ihn jedoch davon zurück. Er durfte keine
Zuvorkommenheit zeigen, welche zurückgewiesen oder
nicht dankbar aufgenommen werden konnte. Er hatte
John auch nicht in seinem Hause zu begrüßen, denn
er war in das Komptoir, also vorarssichtlich wegen
einer Geschästsangelegenheit gekommen, und den Mittel-
weg einschlagend, sagte er:,Willkommen in der Heimat,
Herr Kollmann! Ich erfuhr bereits duurch meine Frau
von Ihrer Anwesenheit. Sie hatte Sie gesehen, als
sie mit meinen Schwestern zu dem Empfang bei der
Königin nach dem Schlosse fuhr, und ich weiß durch
das Zirkular Ihres Hauses, daß Sie hier zu bleiben
denken. Wann sind Sie angelangt und wie haben
Sie die Wege gefunden? Ich muß in den nächsten
Tagen hinauf nach Petersburg.?
Während er das gesprochen, hatte er John mit
einer Handbewegung genöthigt, auf dem kleinen Sopha
Platz zu nehmen und sich ihm gegenüber gesetzt. Das
war John eine Art von Erleichterung gewesen.
Er hatte unter Franks Worten Justine wieder
in ihrer Herrlichkeit an sich und seinem Vater vor-
überfahren sehen; die Erinnerung an das Zirkular,
welches die Auflösung des von ihm geführten Rigaer
Geschäftes gemeldet, war ihm auch nicht erfreulich,
und daß Frank, der ihn um mehr als Kopfeshöhe
überragte, gleichsam von oben herab zu ihm sprach,
daß er mit dem hellen Ausdruck seiner stolzen Stirne
sich gegen ihn so unbefangen erwies, als läge zwischen

g -
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-= 1 ZZ -
den beiden Familien nichts Störendes, das Alles
war ihm peinlich gewesen, in seiner Voreingenommen-
heit gegen Frank, ohne daß er sich über die Einzel-
heiten seines Mißempfindens Rechenschaft gegeben
hätte.
Es wollte ihm nicht gleich vom Herzen. Frank
für seinen Willkomm zu danken. Er hielt sich also
an dessen Fragen. ,Ich bin vorgestern Abend hier
angelangt, sagte er. ,Bis zur Grenze waren die
Wege noch fest, diesseits, wie immer in dieser Jahres-
zeit, zwischen Halten und Brechen. Ich war zufrieden,
die Effekten, die ich aus meinem Rigaer Hause mit
hinüber zu nehmen hatte, schon Ende der porigen
Monats expedirt zu haben. Sie sind vor mir an-
gekommen, lagern im Packhof, und ihretwegen sehen
Sie mich hier. Das hiesige Zollamt fordert, an-
geblich infolge einer neuen Verordnung, die Be-
E ?re
die ich hierher nehme. Wollen Sie die Güte haben,
diese Certifikate zu bescheinigen??
Er zog dabei ein paar Papiere aus seiner
Brieftasche und bot sie Frank zur Ansicht dar, der
sie prüfend durchlas.
,Sie sind des Russischen mächtig?' bemerkte
John, offenbar davon überrascht.
,, Ich habe es erlernt, als ich hierher gekommen
bin, und es ist mir in den letzten Zeitläufen sehr zu
statten gekommen.?
Er war damit an das Pult getreten, hatte die
== f==sn ==e==u ==s ===D z.
Scheine beglaubigt, ein Licht angezündet, sie mit dem
Amtssiegel versehen, und sie John wieder zurück-
gegeben, der sie mit dankender Verneigung empfing
und sich erhob, um sich, sehr mit sich zufrieden, jn

-- IZg -
schäftsmäßiges Verhalten gegenüber den Darners und
gegen Frank persönlich, seine Stellung genommen
habe. So aber hatte dieser es nicht gewollt; und
während John schon den Drücker in der Hand hielt,
warf Frank im leichtesten Tone die Frage hin:
,,Sie wissen, daß das Haus?-- er nannte eine
der größten Petersburger Firmen - ,von der
Spiritusaffaire zurücktritt und daß die ganze Ange-
legenheit damit ajournirt, wenn nicht aufgegeben ist??
John blieb stehen. ,Nein! sagte er, ,wir sind
davon bis jetzt nicht unterrichtet. Darf ich Sie fragen,
von wem die Meldung Ihnen kommt? Als ich Riga
verließ, vor acht Tagen, hielt man die Ausführung
für nahe,?
Frank wußte, wie wichtig die Entscheidung für
die betreffenden Häuser war, sprach es aber nicht aus,
sondern sagte gleichmüthig:
,, Unsere Nachrichten sind verbürgt. Die erste
kam uns vor drei Tagen, anläßlich einer sich auf
ein anderes Geschäft beziehenden Estafette, die zweite
gestern mit der Post. Ich erwähnte der Sache gegen
Sie, weil wir gehört, daß Sie mit der Gruppe von
Reval in der esthländischen Pacht zu operiren ge-
dächten.?
Das Geschäft, von dem Frank sprach, bezog sich
auf jenes Projekt der russischen Regierung, die
Spiritusfabrikation und den Spiritushandel im russi-
schen Reiche in gewissem Sinne zu monopolisiren und
das Monopol in den verschiedenen Provinzen zu ver-
pachten.
Es war John nicht lieb, die Darners so weit
von den Plänen seines Hauses unterrichtet zu sehen;
er beantwortete also die Berührung der Angelegenheit
nur mit der Frage:
, Und Sie, reflektirten Sie auch darauf?

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-=- 18H-
,MNein! Man hatte uns allerdings proponirt,
an der Generalübernahme zu partizipiren, indeß wir -
sind nicht gewillt, große Kapitalien, bei den jetigen -
Zeitläufen, und vollends im Auslande, in industriellen
Unternehmungen festzulegen. Wir beschränken uns
mehr und mehr auf das reine Bankgeschäft. Aber,'?-
und er wendete sich dabei nach der Ühr an der Wand,
,, nachgrade müssen wir wohl beide fort!?
Jetzt war er es und nicht John, der das Zeichen
zum Aufbruch gab, und eben wollte er diesem die
Thüre öffnen, welche aus dem Zimmer in die Haus-
flur führte, als sie von außen aufgemacht wurde und
Justine, ihren Sohn im Arme, gefolgt von den beiden
Schwägerinnen, in der Stube erschien, so daß John
genöthigt war, zurückzutreten.
Ee-ar?
, Wollt Ihr fort!r fragte Frank mit frende-
zu sehen.?
,Lorenz muß sich seinen beiden künftigen Chefs
doch präsentiren, ehe er zum ersten Male in die weite
Welt geht!'r scherzte Justine, und John plötzlich er-
blickend, der mit einem höflichen Gruß an ihr vor-
übergehen wollte, sagte sie:
,John, um den Jungen wär's doch schade ge-
wesen, wenn mir damals etwas zugestoßen wäre!
Es ist sein erster Ausgang! Laß ihm kein unfreund-
liches Gesicht begegnen. Gieb ihm die Hand, und
mir !'?
John hatte Mühe sich zu fassen. Eine Mutter
zurüchhuweisen, die ihm ihr Kind entgegenhielt, Ju-
stine zurückzuweisen, an welche die Erinnerungen
seiner ganzen Juugend sich knüpften, die er geliebt;
sich gkfüihllos zu zeigen gegenüber den beiden schönen
Schwestern, Frank den Glauben aufzudringen, daß

====- IZs -=
er Justine noch heute nicht verschmerzen könne, das
empfand er alles als Unmöglichkeiten; und die Hand
fassend, welche Justine ihm bot, sagte er, während
er mit der andern leise des Kindes Haupt berührte:
,,Erhalte der Himmel Dir all. Dein Gluck! Dir
und Ihnen !' setzte er hinzu uud ging von dannen,
mehr erschüttert, als er es zeigen wollte. Frank gab
ihm ein paar Schritte das Geleit, aber sie schwiegen
beide.
Justine, von den beiden Mädchen gefolgt, war
durch das Komptoir nach ihres Schwiegervaters
Kabinet gegangen. Der Buchhalter, die Gehilfen,
der Kassirer aus seinem vergitterten Arbeitsplatze,
sahen mit wohlgefälligem Lächeln auf den Zug. Es
kam nicht leicht vor, daß Justine einmal in der
Thüre des Komptoirs erschien, nach ihrem Manne
zu fragen, und die Darner'schen Töchter waren,
während die Gehilfen in demselben arbeiteten, nie
in demselben gewesen. Frank folgte ihnen auf dem
Fuße.
Darner erhob sich, als er die Seinen allesammt
plötzlich vor sich sah. ,In Prozession? rief er ihnen
entgegen. ,Also soll der Monsieur zum ersten Male
in die Luft? Nun das Wetter ist wie gemacht dazu !'r
Und des Kleinen Hand erfassend, lächelte er, als dieser
das Händchen um den Finger schloß, den der Groß-
vater ihm hingehalten hatte. ,Er greift schon zu!'
bemerkte er.
, Und er hält auch schon fest,? meinte die Mutter,
,Eanz ordentlich fest! Aber er ist gekommen,' sagte
sie, den Scherz wiederholend, ,sich bei seinen beiden
künftigen Chefs zu melden und sich ihren Segen für
seine erste Reise zu erbitten.?
,Den soll er haben!'r sprach der Großvater, den
Knaben streichelnd.

=- 18? -
, Er hat auch gleich ein Abenteuer gehabt und
eine Bekanntschaft gemacht!'' rief Virginie dazwischen.
,Ja!r fiel Justine ein, welche den Vorgang
lieber selbst berichten als von einem andern erzählen
lassen wollte; ,als wir bei Frank eintraten, fanden
wir John Kollmann bei ihm=-
, John Kollmann?' fragte Darner, ,was hatte
der hier zu suchen??
, Frank legte sich rasch ins Mittel. Er sagte,
welches Geschäft Kollmann zu ihm geführt, und in
wechselnden Berichten erfuhr Darner von Frank und
von Justine, was sich zwischen ihr und ihrem Vetter
zugetragen hatte.
Darners Stirne hatte sich während ihres Sprechens
verfinstert, sein Mund sich fest geschlossen. Die Seinen
kannten diesen Ausdruck.
,,Genügt Dir's nicht an der Liebe, die Du unter
uns gefunden, daß Du für den Sohn Deines Mannes
um die Liebe von denen bitten mußt, die sich Dir
abgewendet, weil Du die Unsere gewoxden bist?
fragte er kalt und streng; aber auf Frank blickend,
hielt er inne. Er durfte, ohne seiner Würde zu ver-
geben, dessen Auflehnung nicht noch einmal zu er-
fahren haben, und rasch einlenkend, setzte er hinzu:
,Frank wird vermuthlich mit dieser Schwäche
Nachsicht haben, denn Dein weiches Herz und Dein
Liebebedürfniß kommen ihm zu gute. Ein Fehler war
dies Entgegenkommen dennoch! Der Junge hat mich
und seinen Vater; er brauchte keines- andern. Es
ist nicht an uns, jenen die Hand zu bieten! Sie
haben zu kommen, wir zu entscheiden, ob es uns
gefällt, sie jetzt noch zu empfangen.-- Nun aber
macht Euch. mit dem Burschen auf den Weg und
bleibt nicht zu lange draußen!?
Er gab Justine die Hand, küßte die Töchter.

=- 1Zs --
Frank ging mit ihnen fort, ihnen in den Wagen zu
helfen.
,,Der Vater war im Recht! Du bist zu weit
gegangen!'' sagte Frank. ,Sie werden's auszubeuten
wissen! Mach' kein zweites ähnliches Experiment,
wenn ich von Hause fort bin. Auch mit der Gött-
ling nicht!?
,,Gewiß nicht! betheuerte Justine fest, ,und doch
--- bereuen thue ich es nicht!''
,Er sah so erschreckt, so gutmüthig und so traurig
aus! fiel Virginie ein.
Frank gab darauf nicht Acht. Er half den
Frauen, der Wärterin und seinem Sohne in den
Wagen, dann kehrte er in das Komptoir zurück.
,Ich danke Ihnen, Vater,? sagte er, ,daß Sie
es übernommen, Justine auf den richtigen Stand-
punkt zu stellen. Sie wünscht eine Aussöhnung mit
den Ihren, mit der Göttling. Sie hat gestern schon
mit mir davon gesprochen; und da ihr John heute
grade in den Weg trat, gab sie sich ohne Rückhalt.
Ihre Natur war spröder, als ich sie kennen lernte.
Unsere Liebe und unser Glück haben sie milder gee
macht -- und mir noch theurer !'?
Darner hörte ihn ruhig an. ,Es ist, wie Du
sagst!'' entgegnete er darauf, ,um so mehr jedoch
hast Du darauf zu achten, daß sie nicht weichlich
wird und Dich zu falscher Nachsicht verleitet. Je
mehr Du auf sie hältst, um so mehr mußt Du ihr
Herr bleiben; denn das Wort der Bibel bleibt be-
stehen: Er soll Dein Herr sein! - Ohne das kein
Gluck in der Ehe, keine sichere Führung in der
Familie! Vergiß das nie!r
Er sprach das fest und bestimmt, aber er war
sich bewußt, daß er zum zweiten Male nachgegeben,
daß dies nicht zum letzten Male geschehen sein, daß

Kapitel 22


g
? -
-- 1Zß -
er fortan immer dem Sohne und dessen Willen
Rechnung zu tragen haben würde, so weit es dessen
Familienleben betraf. Er hatte die Herrschaft nicht
mehr allein in Häänden.
Er hatte Frank nach seinem Vorbilde erzogen;
nuun es geschehen war, stand derselbe ihm als eine
Kraft gegenüber, die er geschaffen, die sein und nicht
sein war, die er schätzte und die neben sich zu er-
tragen, er sich doch erst zu gewöhnen, mit schwerer
Selbstüberwindung zu gewöhnen hatte. Der Sohn,
den er erzogen, zwang ihn, ohne es zu beabsichtigen,
sich zu beschränken, wenn er nicht zerstören wollte,
was er in langer Arbeit für die Zukunft aufgebaut.
Der Sohn, den er erzogen, zwang ihn, sich jetzt selber
auch noch zu erziehen.
Iweiundzwanzigstes o==-=s
sApik-
Es war wieder einmal Frühling geworden, voller,
warmer Frühling, und er war so schnell heraufge-
kommen, als wolle er mit seinem Segen die Leiden
und die Noth vergessen machen, welche das unglück-
liche Königreich Preußen in den letzten Jahren zu
bestehen gehabt hatte. Auf den Feldern schossen die
Saaten so üppig empor, daß man einer reichen Ernte
entgegen sah, und man durfte hoffen, sie in Frieden
einzuführen, obschon die Kriegsfackel in Europa nicht
erloschen war. Der Krieg wüthete in Spanien und
stand für Desterreich in nächster Nähe bevor. Indeß
die Menschheit hatte es seit einem Jahrzehnt erlernen
müssen, im Augenblick zu leben, wenn sie überhaupt
ihres Daseins noch froh werden wollte; und einmal

b=- Jßß -
aufathmen, um Kraft zu neuem Erleben zu gewinen,
das mußte am Ende ein Feder.
So war denn auch die königliche Familie aus
dem Königsberger Schlosse hinausgezogen nach einem
bescheidenen Landsitz vor den Thoren der Stadt, den
eine begüterte bürgerliche Familie ihr zur Verfügung
gestellt; und in den wenigen öffentlichen Gärten, wie
in den nahe gelegenen Lustorten und auf den be-
scheidenen Spazierwegen sah man an den schönen,
im Norden so langen Abenden jettt eine Gesellschaft
erscheinen, wie man sie dort bisher niemals wahr-
genommen hatte.
Auch im Darner'schen Hause dachte man an eine
Nebersiedelung nach Strandwiek, denn Darner hatte
die Vorrichtungen derart treffen lassen, daß die Frauen
der Familie mit dem kleinen Lorenz den Sommer
dort in aller Behaglichkeit verleben konnten. Justine
wollte jedoch nicht auf das Land gehen, bevor Frank
von seiner Reise heimgekehrt sein würde, und die Art
seiner Geschäfte nöthigte ihn, seinen Aufenthalt in
Rußland beträchtlich länger auszudehnen, als es vor-
auszusehen gewesen war.
Der Juni hatte die Rosen in dem kleinen am
Pregel gelegenen Vorgarten des Darner'schen Hauses
schon zur vollen Blüthe gebracht, als Virginie und
Dolores an einem hellen Vormittag im Wohnzimmer
am Fenster saßen.
Da der Handelsverkehr lebhaft im Gange war,
ankerten die Schiffe auch in dem linken Arm des
Flusses, und grade unter dem Fenster hatte ein großer
Engländer angelegt. Der warme Westwind spielte
mit dem langen Wimpel des Fockmastes, das Schiff
hatte längst gelöscht, lag hoch und die Matrosen
putzten und scheuerten, was irgend an dem Schiff
zn puutzen und zu scheuern war; denn es war Sonn-
n

- 19! -
abend und der Sonntag sollte alles klar und blank
antreffen. Auch die Kapitänsfrau ließ es nicht
daran fehlen. Sie hatte den ganzen Küchenkram aufs
Deck gebracht; und zwischen den blitzenden kupfernen
Kesseln und der Theekanne und dem Kohleneimer
trieben ein schlanker, krausköpfiger Junge und ein
dralles kleines Mädchen ihr Wesen mit dem Pudel,
der es nicht müde wurde, nach den Panamanüssen
zu springen, welche einer der Matrosen für die Kinder
in Tagen stiller Fahrt zum Spiel ausgehöhlt und
auf langer Schnur aneinandergereiht hatte.
, Wie das lustig ist! sagte Virginie.
, Was denn?? fragte Dolores, ohne von ihrer
Arbeit aufzublicken.
,Die drüben auf dem Schiff, die Kinder mit dem
Hunde. Ich sehe ihnen schon wer weiß wie lange z,
aber Du nähst heute wieder einmal wie ums liebe
Brod und sprichst kein Wort.?
, Ich hab' es nicht gemerkt!' antwortete Dolores.
Virginie stand auf.
,, Komm,' rief sie, ,und wirf Dein langweiliges
Nähzeug einmal hin, Du wirst selbst langweilig!
Sieh einmal drüben den Jungen, wie der sich ab-
auält, den Pudel dahin zu bringen, daß er die
Strickleiter emporgeht. Er macht's ihm vor, und er
kommt schon hoch hinauf, und sie lassen es zu; und
numn hält er den Pudel und setzt ihm Fuß um Fuß,
und der Pudel, der Pudel begreift's! Sieh, sieh nuur,
der Junge macht mir das größte Vergnügen! Wenn
wir heute hinunter- und ausgehen, nehme ich ihm
etwas mit und winke ihm und geb's ihm.?
,Was denn? fragte Dolores zerstreut.
,, Irgend etwas: eins von unseren alten Bilder-
büüchern, von den alten englischen, und dann lade ich
ihn mir mit seinem Pudel ein !'?

-- 19N -
,Du kennst ihn ja gar nicht!
, Ich sehe ihn ja schon all die Tage, und Vater
und Mutter und die kleine Dicke auch! Muß man
denn wissen, wer die Menschen sind, um sie gern zu
haben??
,,Ich mache mir aus fremden Menschen nichts;
ich mache mir überhaupt nichts aus den Menschen!?
sagte Dolores mit einer Festigkeit, die schroff abstach
gegen ihr ganzes Sein und Wesen.
,,Dolores!'r rief Virginie ganz erschrocken und
mit raschem Entschlusse setzte sie dann hinzu: ,Wenn
das die Liebe ist, daß man sich an nichts mehr freuen
kann, was nicht sein eigenes Selbst ist, daß man
gleichgiltig wird gegen seine Nächsten, Liebsten, daß
man sich an unserem Lorenz nicht mehr freut, daß=
daß Du nicht siehst und fühlst, wie.. .? Sie brach
ab und sagte dann mit bebender Stimme, ik der die
Thränen zitterten: ,Wenn das die Liebe ist, dann
danke ich meinem Herrgott, daß ich sie nicht kenne!''
Dolores warf sich ihr mit beiden Armen, laut
schluchzend, um den Hals, aber sie konnte nicht
sprechen.
,,Sehen wir es denn nicht alle liebe Tage, Justine
und ich,'' fing Virginie wieder an, ,daß wir Dir
Alle nichts mehr sind? Glaubst Du, ich, die ich mit
Dir geboren bin, ich fühlte es nicht, daß ich Dir
gleichgiltig bin, wie unten der liebe Junge und sein
Pudel, daß ich nichts thun kann, Dich loszureißen
von Deinem Grübeln und Grämen? Kannst Du
denn gar nichts Anderes denken, gar nichts Anderes
lieben, als - nur den Einen??
,Nein!' entgegnete Dolores und schlug mit der
ihr eigenthümlichen Bewegung die Hände vors Gesicht.
,Das ist fürchterlich!' fuhr Virginie auf. ,Sie
sagen, ich sei kalt! Ich kann nichts dafür, daß ich

s
-- 19Z--
mir Mlles klar machen muß im Stillen, und zugreifen,
wo es nachher noth thut. Sagen kann man das ja
nicht, ich seh's und thu's. Ich habe es ja auch schon
in der Pension gewußt, daß wir Beide verschieden
sind, und hab' Dich darum lieber gehabt, weil ich
dachte, ohne mich könntest Du nicht sein und ich müßte
sorgen für Dich. Ich bin die Martha, Du die Maria
gewesen von Anfang an, und ich bin immer zufrieden
gewesen mit meinem Theil, besonders seit die Göttling
fort ist und ich schaffen konnte für unsern Vater.
Ich habe ja gesehen, daß Jeder seine Art hat und
die behalten muß, und hab' mich im Stillen
daran gefreut, wenn ich gesehen habe, daß Du schöner
bist als ich und daß sie Dich poetischer finden; und
Gott weiß es, ob ich Dir nicht alles Glück in der-
Welt gewünscht hätte, ob ich Dir's nicht holen gehen s
möchte, vom Himmel herunter, wenn ich's könnte. s
E.Ea E
so wie Du und sähe blaß aus so wie Du und Du f
haßtest ihn wie ich!'
, Sprich das Wort nicht aus, Virginie, sprich's f
nicht aus,' flehte Dolores, ,denn er ist unglücklich ;
wie ich !?
, Wer hat Dir das gesagt??
,Mein Herz sagt es mir!'
Virginie wendete sich ungeduldig von ihr ab,
zuckte die Schultern und trat ans Fenster. Es ent-
stand eine Pause. Unten auf dem englischen Schiffe
und auf den anderen Schiffen läuteten die kleinen
Glocken; es war Mittag, die Sonne drang von der
Seite schon in das Gemach. Virginie ließ die Mar-
quisen herunter und wollte sich darnach entfernen,
blieb jedoch mit einem Mal stehen.
Lewald. Die Famile Darner. U.
1

e
-=- 184-
,, Und wenn's nur Dich allein beträfe,'' sagte sie,
,aber der Vater sieht Dich auch oft ängstlich an,
wenn Du's in Deiner Versunkenheit auch nicht be-
merkst! Was soll er denn mit Dir machen? Du
weißt, daß wir Kaufleute heirathen sollen, und er
kann doch auch unmöglich zu einem Menschen, der
Dich gar nicht gefordert hat, der Dich nicht heirathen
will, sagen gehen: ,Seien Sie so gut und heirathen
Sie meine Tochter, die sich's in den Kopf gesett
hat, Sie haben zu wollen. Schämst Du Dich nicht?
,Virginie,' rief Dolores, ,ich bitte Dich, kein
Wort weiter, Du bringst mich um, Du bist fürchter-
lich!r Wie sie das aber gesprochen hatte, sah sie, daß
dicke Thränen in der Schwester Augen perlten, und
ihr die Hand hinreichend, bat sie: ,Sei nicht böse,
ich bin ja unglücklich genug !''
,Das fehlte noch, daß ich böse auf Dich ,wwäre!r
rief Virginie, sich rasch wieder zusammennehmend.
, Ich habe es seit Wochen jeden Tag auf dem Herzen
gehabt und es immer nicht heruntergebracht, weil ich
wußte, daß Du weinen würdest und denken würdest,
ich sei hart und hätte kein Mitleid mit Dir! Und
sagen muß Dir's einer doch; und wenn der Vater
Dir es sagen wird, so wird es Dir noch fürchterlicher
sein-- und Du wirst doch thun müssen, was er
wollen wird . . ,?
Sie hielt inne, schöpfte Athem, und wäre Dolores
nicht so ausschließlich mit sich selbst beschäftigt ge-
wesen, so hätte sie erkennen müssen, daß und wie die
Schwester mit sich zu Rathe ging.
Das währte jedoch nur einen Augenblick, dann
sagte sie mit der Entschlossenheit, mit welcher ein um-
sichtiger Spieler seine letzte sichere Karte ausspielt:
,Glaubst Du denn, ich hätte es nicht machen
können wie Du? Glaubst Du, der Hauptmann,

-
=-- 1 9H -
der ein so schöner und so guter und so kluger Mann
ist und ganz ohne Redensarten, nur mit Ja und
Nein, der könnte mir nicht auch gefallen? Und daß
er mich gern hat, das hast Du selbst gesehen und
mir gesagt, und er hat mir ja auch so sehr den Hof
gemacht zuerst, daß Du und Justine mich damit
geneckt habt .. ?
, Und nachher? fragte Dolores, plötzlich auf-
horchend.
,Nachher? wiederholte Virginie. ,Ja, ich habe
es nie sagen wollen und nun sage ich es doch,
Deinetwegen! Neulich'? - sie stockte - ,neulich,
an dem Tage, an dem wir zur Cour gewesen waren
und Du dem Vater Alles gesagt hattest, war Abends
doch der Hauptmann bei Franks zum Thee. Er
war sehr gut zu mir; und wie wir vom Thee auf-
standen und er mir die Hand gab, drückte er mir
die Hand so herzlich und sah mich an, daß es mir
heiß durch den ganzen Körper rieselte. Ich mußte
sehr an mich halten. Wie sie dann gleich darauf
zufällig davon sprachen, daß Nora Armfield den
Major Rutenstein von den russischen Kürassieren
heirathet, der bei ihnen im Quartier gewesen ist, da
dachte ich, meinetwegen soll der Hauptmann keinen
Kummer haben und sich keinen Korb vom Vater
holen; und so sagte ich zu ihm: gut, daß keiner von
unserer Einquartierung sich in eine von uns verliebt
hat, denn wir dürfen keine Offiziere, wir sollen Kauf-
leute heirathen!'
,Das hast Du gesagt,'' rief Dolores voll. Ver-
wunderung, ,und Du hast ihn gern??
,,Grade darum! Wenn es doch nicht sein kann!'
,, Und was hat er Dir darauf geantwortet??
,Nichts! Er hat keine Miene dabei verzogen.
Zuuletzt, als er fortgegangen ist, und ich mit ihm zu-
zA

== 19 =-
gleich im Korridor gewesen bin, hat er mir gesagt:
,Gute Nacht, Mademoiselle Virginie, gute Nacht; an
mir haben Sie einen Freund auf jede Probe!? und
das glaube ich ihm. Er geht nun mit mir um, wie
mit Justine und mit Frank. ?
Sie sprach das Alles mit fester Stimme, aber
man konnte hören, welchen Zwang sie sich anthat.
Ihre Selbstbeherrschung machte auf die Schwester
einen bannenden Eindruck.
Sie saßen wieder am Fenster einander gegenüber.
Virginie hatte den Schlüsselkorb zur Hand genommen
und sah in einem kleinen Kalender etwas nach.
Dolores spielte gedankenlos mit einem Topasenkreuz,
das sie an goldener Kette am Halse trug. Die Mutter
hatte beiden Kindern diese Kreuzchen an ihrenn ersten
Geburtstage umgehängt und Darner später ihnen
neue Ketten dazu machen lassen.
Virginie blickte über den Kalender weg, ab und
zu nach der Schwester hinüber. Dolores bemerkte das
endlich, und sich aufrichtend, sagte sie:
,,So hast Du nie zu mir geredet!'r
,,Es ist auch kein Vergnügen, einen Andern, den
man liebt, hart anzufassen, aber wenn man sieht,
daß er ertrinkt, nimmt man ihn bei den Haaren,
wenn's ihm auch weh thut!? Sie erhob sich wieder,
ihre Aufregung ließ sie nicht rasten: ,Sei vernünftig,
Liebling!r bat sie, Dolores umfassend und küssend,
wie man es mit einem Kinde thut.
,Sag mir nur, was soll ich thun? flehte diese
gerührt von ihrer Schwester Liebe.
,Du sollst Dir ehrlich sagen, daß Eberhard, wie
der Vater es Dir erklärt hat, sein Majorat lieber hat
als Dich, daß er Dich also nicht liebt wie Du ihn -
und sollst dem Vater keinen Kummer machen, sondern
ihm gehorchen und Dich zufrieden geben. Denn
t

-- 19?--
und wieder stockte sie, und wieder überwand sie
sich und sagte: ,Heute spreche ich einmal Alles aus,
Alles, und das kann ich Niemand sagen als nuur
Dir! Wir Beide, Du und ich, wir sind ja nicht
wie andere Kinder mit ihrem Vater; wir dürfen
dem Vater keinen Kummer machen, weil unsere
Mutter es gethan hat. Unsere Mutter ist keine gute
Frau und keine Mutter gewesen zu uns. Ihr sind--
wie dem Eberhard sein Majorat-- ihre Kirche und
ihre Priester lieber gewesen als der Vater und wir;
und sie hat ihn und uns verlassen, uns alle Beide
und auch ihn !'?
Dolores fuhr erschrocken empor, der Gedanke war
ihr nie gekommen.
, Ja,' rief sie, ,ia, das hat sie gethan!
, Und der Vater hat sie so geliebt,r? fiel Virginie
ein, ,daß Du, weil Du wie sie aussiehst, sein Lieb-
ling gewesen bist von Anfang an. Wer hätte den
Vater denn gehindert- das hat unsere Göttling
einmal zu Justine gesagt und ich hab's gehört -
wer hätte den Vater denn gehindert, sich scheiden zu
lassen von unserer Mutter, die von ihm gegangen
ist, und eine andere Frau zu nehmen? Hundert für
eine hätte er gefunden, und er hat's nicht gethan.
Er hat uns zu sich genommen; und einen bessern
Vater giebt's ja nicht! Wir haben an ihm gut zu
machen, was unsexe Mutter ihm zu leid gethan hat!
Das hab' ich mir seitdem immer gesagt, und ich
werd' es thun, und Du mußt's auch !'?
Dolores war wie in eine andere Welt ver-
sett.
Virginie genoß, ohne es sich einzugestehen, bei
aller Zärtlichkeit für die Schwester, doch ein Behagen
in ihrer Neberlegenheit; sie wurde wieder ruhig in
dem Bestreben, Dolores zur Fassung zu bringen.

Kapitel 23

= IßF-
,Ich muß hinunter gehen, ich hab' zu thun,??
sagte sie, die Schwester an der Hand nehmend. ,Geh
in unsere Stube, wasche Dir die Augen und mach
Dich schön und bringe nachher die Guitarre mit.
Du hast ewig lange nicht gesungen. Fang heute
damit an, dem Vater zu beweisen, daß wir . .?
,Ich komme schon!' unterbrach sie sich selber,
da der Diener mit einer Frage eintrat, nahm ihren
Schlüsselkorb und ging hinaus.
oFSööeGöööeeöwwoööööööooeöoooöoooeMMösFs
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Zwischen Justine und Virginie hatte sich, seit sie
sich nach dem Fortgehen von Madame Göttling in
dem immerhin zweitheilig gebliebenen Hausregiment
zurecht zu setzen gehabt, ein Einvernehmen gebildet,
das, trotz des zwischen ihnen obwaltenden Alters-
unterschiedes, zu einer vertrauenden Freundschaft ge-
worden war, und selbst die Rolle der Beschützerin
hatten sie Dolores gegenüber liebevoll getheilt.
Auch jetzt machte Virginie der Schwägerin kein
Geheimniß daraus, daß sie versucht habe, die Schwester
von ihrer Liebessehnsucht abzulenken, ohne es jedoch
Justine preiszugeben, welche Geständnisse sie bei jenem
Anlaß der Schwester über ihre Mutter gemacht. Sie
waren Beide bemüht, Dolores zu zerstreuen, sie zu
stützen in dem Kampfe, den sie in sich aufgenommen
hatte, und er war fchwerer für sie, als die Anderen
es ihren Naturen nach ermessen konnten.
Ganz auf ihr Gefühlsleben gestellt, fehlte ihr ein
Boden, auf dem sie sich zurecht zu finden vermochte.

==- 19 =-
Den Glauben an den Geliebten hatte man ihr zu
nehmen getrachtet, und bei ihrer Unkenntniß der ob-
waltenden, Eberhard bindenden Verhältnisse war ihr
selber auch wohl bisweilen der Gedanke gekommen,
daß sie anders gehandelt haben würde als er, daß
es für sie in seinem Falle kein Schwanken und kein
Wählen gegeben haben, daß sie der Nothwendigkeit
des Herzens gefolgt sein würde. Das Bild der
Mutter, wie sie es in sich gehegt und geliebt, hatte
die Schwester ihr zerstört; und weil aufgegeben, ver-
lassen, vergessen zu werden, ihr als das Entsetzlichste
erschien, wuchs neben dem Zweifel und der Anklage
gegen den Geliebten und gegen die Mutter, ein Ge-
fühl des unaussprechlichen Mitleids mit dem Vater
in ihr auf.
Sie konnte ihn nicht ansehen, ohne zu denken,
daß auch er wie sie gelitten habe. Wenn er schweigend
da saß, hingen ihre Augen unverwandt an ihm; sie
konnte, wenn er sie darauf betraf, oftmals nur mit
Mühe die Frage zurückdrängen, die ihr auf den
Lippen schwebte. Er kam ihr wie ein Leidensgefährte
vor, und er ward ihr näher dadurch gerückt.
Dem Vater entging die weiche Zärtlichkeit nicht,
mit welcher Dolores sich mehr noch denn zuvor jetzt
an ihn schmiegte, wenn er sie beim Morgen- und
Abendgruß umarmte. Er sah den Blick voll Liebe,
mit welchem sie nach der Mahlzeit ihm die Hand
bot und die seine küßte; aber er fragte weder sie
noch die Anderen, was sie habe. Wie er entscheidend
und gewaltsam eingriff, wo ihm dies gefordert schien,
verstand er, sich vollziehen zu lassen, was sich in sich
selbst entwickeln mußte, und dies ruhig abzuwarten.
Er hatte nicht vergebens die langen Nächte in
schweigender Achtsamkeit im Mastkorb und am Steuer
in Geduld durchwacht.

== Zßß -
Eines Abends, als Virginie sich im Haushalt
beschäftigte, das Nothwendige für die Mahlzeit zu be-
sorgen, und Justine noch einmal in ihre Wohnung
hinaufgegangen war, nach ihrem Knaben zu sehen, i
saß Darner am offenen Fenster, in das der Wider-
schein des späten Abendroths hineinfiel, während der
vom Wasser aufsteigende Lufthauch die Blätter des
großen Nußbaums sanft bewegte und den Duft der
Rosen in das Zimmer trug. Dolores war allein
mit ihm. Sie räumte die Noten zurecht, die auf dem
EE.RRä. -=-
,Willst Du etwas, mein Kint? fragte er sie.
,Ich bin Ihnen so gut, Vater, so gut!r sagte
sie, scheu sich an ihn schmiegend.
,Da thust Du nur Deine Schuldigkeit! Aber wie
kommst Du eben jetzt darauf, mir Deine Liebe aus-
zusprechen? Was willst Du, Kinb?
,, Ach, ich will nur lieber gehen, ich kann es doch
nicht sagen!
Der Vater wurde ernsthaft.
,Bleib,? gebot er, ,und sprich, Dolores! Ich
sehe seit lange, daß Du etwas auf dem Herzen hast!
Hast Du Dir etwas vorzuwerfen gegen mich??
,Ieh, ach nein, Vater, abeg unsere Mutter.. .?
Darner horchte hoch auf. Es war nie wieder
zwischen ihm und seinen Töchtern die Rede von ihrer
Mutter gewesen seit dem Abend, an welchem er
vor den Seinen und vor Kollmann seinen Lebens-
weg geschildert. Er konnte sich es also nicht erklären,
wie Dolores plötzlich dazu kam, der Mutter vor ihm
zu gedenken.
,Was ist's, das Dich auf die Erinnerung bringt,
was willst Du wissen von Deiner Mutter?? fragte
er ruhig, um Dolores nicht einzuschüchtern.


= Zß! --
, Vater,'' rief sie und kniete vor ihm nieder, seine
beiden Häände ergreifend, ,wen soll ich's denn fragen
als Sie, denn wer hat's erlebt? Sie haben sie ja
geliebt, unsere Mutter; haben Sie's vergessen können,
daß unsere Mutter Sie verlassen hat?? Sie weinte
bitterlich, da sie die Worte wie im Krampfe ausstieß.
Jetzt wußte Darner, woran er mit ihr war. Er
ließ sie auf ihren Knieen vor ihm liegen, aber er
legte seine Hand auf ihre Schulter, und erkennend,
daß er zu diesem Kinde in der Sprache des Herzens
reden mußte, die demselben allein verständlich war,
sagte er:
,, Vergessen habe ich es nicht und nicht vergeben,
aber ich habe es verschmerzt! Und Du wirst auch
verschmerzen, denn was hast Du zu verschmerzen?
Eine nicht erfüllte Hoffnung! Was will das besagen
neben dem . . ,-
Er vollendete nicht.
,, Was unsere Mutter Ihnen gethan, was Sie
erfahren haben !'' schaltete sie ein und senkte ihr Haupt
auf seine Hände.
, Ja! sagte er, und sie schwiegen Beide.
Wie in einer Beichte, im reinsten und höchsten
Sinne ihrer Bedeutung, empfand sich Dolores vor
dem Vater; alle Scheu war von ihr gewichen, ihr
Herz erschloß sich, wie es sich bisher nur im Gebet
vor Gott erschlossen; und der Mensch, der Vater, der
ihre Hand in der seinen hielt, der ihr sichtbar, er-
faßbar war, der ihr Antwort gab auf ihre Rede,
war ihr näher als der Unsichtbare.
,Vater, ich will's ja verschmerzen, weil Sie es
wollen. Glauben Sie mir Vater, es freut mich nicht,
daß ich so traurig bin. Aber wie haben Sie's ge-
macht, wie soll ich's machen?
,Blicke nicht rückwärts in müßigem Spiel, lebe

=- W0Z -
für mich, mein Kinb! mache einen Andern glücklich,
und sein Glick wird zu dem Deinen werden! Das
Leben, die ganze weite Welt liegt offen vor Dir. Du
wirst hinauskommen in das Leben und in die Welt
und wirst Dich wundern, wie thöricht Du gewesen,
wirst mir es in Gehorsam danken, daß ich Dich zurecht
und auf den rechten Pfad gewiesen.? Er zog sie
empor und küßte sie. ,Und nun genug davon, da
kommen die Anderen !'
, Vater,' bat Dolores,,ach Vater, sagen Sie
es ihnen nicht!'
,Daß Du mich genöthigt, Dir zu wiederholen,-
was ich Dir schon einmal in ihrem Beisein ausge-
sprochen??
Sie schüttelte den Kopf.
,Daß ich Sie gefragt, wie Sie's verschmerzt,
und,' sie hing sich noch einmal an ihn, ,Vater, ver-
zeihen Sie zmserer Mutter! Ich - ich will es gut
zu machen suchen, Vater!'
Er gab ihr die Hand. -
,,Das soll ein Wort sein, Dolores! Ich mahne
Dich daran, wenn's einmal nöthig wäre!'' sprach er
mit einem Ernste, der sie betroffen machte nach der
sanften Zärtlichkeit, mit welcher er sie behandelt.
Darauf nahm er ihren Arm in den seinen und führte
sie, wie er es oft mit ihnen machte, in das Zimmer,
inyvelches Justine und Virginie eben auch eingetreten
wäten.
Die Mahlzeit verging in heiterem Gespräch.
Draußen hatte der Abendwind sich gelegt, es war
drückend heiß, die Fenster offen; vom andern Ufer,
von der Speicherseite, an welcher die polnischen und
russischen Flößschiffe lagen, klangen, von den rauhen
Kehlen der Leute gesungen, die slavischen Melodien
in MollTönen herüber.

E
-- WZ -
,Daß die nordischen Lieder alle so schwermüüthig
klingen!'' bemerkte Virginie, während sie dem Vater
den Eigarrenkasten und das Licht ans Fenster trug.
, Schwermüthig oder wild ausgelassen, meinte
Justine, ,es ist immer ein Schwanken zwischen
Trunkenheit und Trauer. Ich möchte wohl einmal
die Gondeliere singen hören in den Nächten in
Venedig!''
,Ja,' fiel Dolores ein, ,ich auch. Der'-- sie
hielt inne und sagte dann, während sie über und
über erröthete: ,Jeder, der dort gewesen, ist davon
bezaubert. Wär's nicht gar so weit .. .?
,Was ist weit? scherzte der Vater. ,Mit Zeit
und Geld ist Alles zu erreichen; und Venedig lohnt
der Mühe, es ist einzig in der Welt. ?
,Zeit haben wir, Vater, und Gelb haben Sie,?
bedeutete Virginie, die Sache gleich von der prak-
tischen Seite erfassend, ,und im Herbst, wenn hier
die Schifffahrt aufhört, ist's gewiß noch herrlich dort
im Süden !'?
, Ich sage nicht nein zu Deinem Plane. Wenn
wir Frieden behalten, kann für uns Rath zu einer
Reise nach Venedig' werden, und Dolores wird sicher
die Erste sein, die sich des Lebens in der Wärme
freut! Was meinst Du, Turteltaube, zu einem Winter
ohne Schnee und Eia??
r Sie sah ihn lächelnd an.
,Zunächst aber gehen wir Alle nach Strandwiek,?
fuhr der Vater fort; ,der Junge muß als sein recht-
mäßiges Familienerbe Seeluft in die Lungen be-
kommen. Morgen erwarte ich die Nachricht, daß und
wann Dein Frank zurückkommt, und dann brecht Ihr ,
Frauen mit dem Jungen auf. Für heute gute Nacht,
laßt Euch was träumen von Venedig!'?

Kapitel 24

=== Zß --
Es war ein Zufall, nicht Justinens Absicht ge-
wesen, daß sie von der Lagunenstadt gesprochen; aber
der Vater wußte es ihr Dank, sie hatte ihm damit
gedient.
Vierundzwanzigstes Kapitel.,
Frank war von seiner Reise heimgekehrt. Der
Vater war einverstanden mit der Art, in welcher er
die vorliegenden Geschäfte ausgeführt; und nachdem
er einige Tage des Beisammenseins mit Frau und
Kind genossen, hatte er selber die Seinen und die
Schwestern hinausgeleitet nach Strandwiek, wohin
der Vater vorausgegangen, dieselben zu erwarten.
Der Auszug auf das Land war ein Ereigniß
für alle Theile, denn es war damals noch nicht der
allgemeine Brauch, daß man im Sommer die Stadt
verließ, wenn nicht ernste Krankheit einmal eine
Reise in ein Bad veranlaßte. Von Sommerfrischen,
von Seebädern wußte man nichts, und Landgüter
besaßen in den bürgerlichen Ständen meist nur die-
jenigen Leute, welche die Bewirthschaftung derselben
als Beruf betrieben.
Vollends die Kaufmannswelt dachte nicht daran,
Kapitalien in Landbesitz festzulegen, welche im Handel
raschere und höhere Zinsen tragen konnten. Es war
gegen alle kaufmännische Gepflogenheit und galt für
einen nicht zu rechtfertigenden Luxus; wenn schon
man sehr reichen Leuten einen Garten oder ein be-
scheidenes Landhaus vor den Thoren, wie das,
welches die Königin jetzt bewohnte, allerdings zus
kömmlich erachtete.

s
==- 0B=-
-
Justine war, wie die meisten Frauen ihres Kreises,
nie über die nächste Umgebung der Stadt hinaus-
gekommen; sie hatte das Meer, das ihren Schwä-
gerinnen aus ihrer frühesten Kindheit erinnerlich und
ein Gegenstand der Sehnsucht geblieben war, noch
nie gesehen.
Die Sonne senkte sich schon nach Westen, als
man das Gut erreichte.
Was die Kriegszeit in Strandwiek verwüstet,
das war von Darner im vollen Gebrauch seiner
Mittel in den neun Monaten wieder hergestellt, seit
denen man des Friedens genossen hatte.-
Aus den mit neuem Stroh gedeckten, festen Lehm-
häusern des Dorfes und von der Arbeit auf den
Feldern und den Wiesen traten die Frauen und
Männer an die Straße heran, als die Postillone
bliesen, als die beiden Wagen sichtbar wurden. Voran
in seiner leichten, zurückgeschlagenen Reisekalesche
Frank mit der Frau, ihnen folgend der schwere
englische Wagen, in welchem er die Schwestern vor
zwei Jahren in das Vaterhaus gebracht und in dem
sie nun mit dem kleinen Lorenz und den Dienerinnen
abermals ihren Einzug hielten in ein anderes ihrem
Vater gehörendes Haus, auf seinem eigenen Grund
und Boden stehend.
Es war ein großes, völlig schmuckloses Gebäude,
das Schloß Strandwiek; aber auf einer mäßig hohen
Düne, in geringer Entfernung vom Meeresstrand
gelegen, zweistöckig, vielfensterig und weiß getüncht,
sah es mit der breiten Eingangsthüre und der Ühr
im Giebel stattlich und wohnlich aus; und wie dann
Darner unter dem Thürbogen auf der Schwelle er-
schien, die Seinen in Empfang zu nehmen, rief
Justine, als sie, auf ihres Mannes Hand gestütt,
rasch aus dem Wagen stieg, dem Vater jbelnd entgegen:

-- L0Z -
,Das ist recht Ihr Haus, lieber Vater, so mächtig
und so hell! Ach, ist das ein Gluc!?
,Willkommen, und laßt's Euch wohl sein auch
unter diesem meinem Dache!' entgegnete er ihr;
dann hob er zuerst den Schleier auf, mit welchem
man den schlafenden Knaben bedeckt, sah ihn an und
reichte darnach den Seinen der Reihe nach die Hand.
Aber die einfachen Worte, mit denen er sie begrüßte,
klangen wie ein Segen in der Gehobenheit, in welcher
er sie sprach.
Als er hinausgetreten war aus seinem Hause,
die Seinen in dasselbe einzuführen, war wie durch
einen Zauber plötzlich wieder einmal das Schloß der
Herren von Rinking in seiner Erinnerung aufge-
stiegen, und mit dem Auge des Geistes den weiten
Weg in Blizesschnelle überfliegend, der in seinem Er-
leben die beiden Herrensitze von einander trennte,
hatte er sich gesagt: ,Mich und sie habe ich hierher
gebracht! Mein ist ihr Geschick und bleibt es!
Er sah an, Alles was er gethan und fand es
wohl gethan! Das war es! dies Gefühl, die Vor-
sehung der Seinen zu sein und sie bleiben zu wollen
für alle Zeit, das ihn bewegt und ihm bei ihrem
Empfange das feste Herz geschwellt in stolzer Freude.
Justine hatte es richtig bezeichnet; es war ein
wetterfestes, helles Haus, Strandwiek. Drei der
Seiten hatten den Blick auf das Meer, die Hinter-
seite sah nach der in den Dünen gelegenen Kirche
und nach dem Pfarrhause hinaus; und da Frank und
Justine in Strandwiek als des Vaters Gäste leben
sollten, nahm Virginie mit der ihr angeerbten Lust
am Schaffen und Befehlen sogleich die Haushaltung
in die Hand, sich der wohleingeübten Wirthschafterin
als die Herrin darstellend, von der sie ihre Weisung
zu empfangen habe.

=- W? =-
Der Vater sah das gern. Er füührte sie Alle
durch Haus und Hof, durch den ganzen Besitz. Frank,
der seit dem Herbste nicht draußen gewesen war,
hatte es zu bewundern, was man herstellend geleistet.
Für Alles hatte Darner vorgesorgt, und wie Behagen
für Jeden innerhalb des Hauses bereitet war, fehlten
am Strande weder das große Segelboot in sicherer
Ankerbucht, noch die Badestätte, und ebensowenig ein
großer, aus festgefügtem Eichenholz errichteter Pavillon
auf der Höhe der Düne, an des Gartens Ende, den
Anblick des Sonnenuunterganges und des Mondlichtes
im Freien zu genießen.
Darner hatte beschlossen, die beiden nächsten
Wochen in Strandwiek zu verweilen. Das hatte die
Folge, daß Frank schon am Abend des Sonntags,
die Nacht zur Fahrt benutzend, aufbrechen mußte,
um am Montag die Börse nicht' zu versäumen. Es
galt also, den einen ihm gegönnten Tag voll aus-
zunüützen, und er genoß ihn doppelt in Justinens
Freude.
Mit Frank und ihrem Kinde vor der Thüre zu
sitzen unter dem duftenden Hollunderbusch, unter den
vier alten großen Weiden, die der Krieg verschont,
weil immer die Generalität in dem Hause einauartiert
gewesen war; die Wellen des Meeres rauschen zu
hören, den Hauch des Windes zu fühlen, wie er frisch
und salzig herüberkam vom Wasser, das war ihr ein
ungekanntes Entzücken. Es ließ sie nicht zur Ruhe
kommen an dem ersten Abende.
Dann kam der Sonntagmorgen und mit ihm
der Gottesdienst in der Kirche, die zum Dorfe gehörte,
deren Patron der Vater war und in welcher der vor-
nehmste Platz den Damen vom Schlosse gebührte.
Am Nachmittag die Segelfahrt ins Meer, bei welcher
der Vater selbst das Steuer des kleinen Fahrzeugs

==- I0s -
lenkte, das ihn und die Seinen trug. Das Alles, all
dieses Wohlgefühl und diese Lust verdankte sie Darner,
dem Vater ihres Frank. Sie war glücklich und stolz
darauf, daß er nun auch ihr Vater war, daß ihr
Sohn sein Enkel, daß sie in seinem Schlosse waren;
und als sie am Sonntag Nachmittag nach der See-
fahrt sich mit den beiden Männern allein in dem
Zimmer des Vaters befand, sprach sie ihm ihre Freude
aus und ihren Dank.
Er blickte sie zufrieden an.
,Ich meine auch,' sagte er, ,Ihr könntet Zuver-
sicht zu mir haben, und weil Du mir die Deine
kundgegeben hast, will ich es auch mit Dir versuchen,
denn Du bist verstäändig. Hat Dir Frank gesagt, daß
wir hier bald einen Gast zu erwarten haben?
Justine verneinte das.
, Und auch sonst hat er Dir über seinen beson-
dern Auftrag in Petersburg nichts gesagt?
,,Sie hatten ja bestimmt, daß ich auch zu meiner
Fraunichts von derSache erwähnen sollte!r sagteFrank.
,Recht so! Also ich will Dolores jett verhei-
rathen. Sie war schon seit Jahr und Tag dem
Sohn meines Freundes Joannu zugesagt, und es
muß ein Ende haben mit dem unfruchtbaren Sehnen,
das sie krank macht. Der junge Joannu war augen-
blicklich in Petersburg; Frank hat ihn kennen lernen,
nennt ihn einen sehr gescheidten Mann, einen voll-
kommenen Gentleman und schönen Menschen. Er
führt das Geschäft seines Vaters in Venedig, das paßt
für Dolores! Er wird in wenig Tagen nach Königs-
berg kommen, von wo Frank ihn zu uns bringen
wird; und ich rechne darauf, daß Du ihn freundlich
empfängst, daß Du Dolores auf seine Vorzüge hin-
weisest und sie meine Fürsorge erkennen machst in
der Wahl, die ich für sie getroffen.?

==- W9 =-
Justine hatte dem Vater ehrerbietig zugehört.
Es lag in dem Brauche, die geschäftlichen Beziehungen
großer Handelshäuser durch EheschliHungen unter
ihren Angehörigen noch fester zu knüpfen, nichts, was
sie nicht als ein sehr natürliches Ereigniß anzusehen
gewohnt war; trotzdem erschrak sie jetzt davor, wie
vor der Mitwirkung, die ihr dabei als eine Vertrauens-
sache zugewiesen wurde.
,Werde ich von Dolores fordern können, was
ich selbst zu thun mich geweigert?? fragte sie und
wendete sich dabei an Frank, dem Blick des Vaters
ausweichend.
Frank nahm die Frage auf.
,Der Vater hat es ja Dolores schon selbst ge-
sagt, daß ihre und Deine Lage nicht die gleiche sind,
denn Du hattest keinen Vater, und Dein Onkel
dachte an seines Sohnes Glück, nicht an das Deine;
aber abgesehen davon, stand ich Dir gegenüber, ein
Mann, der nichts sehnlicher verlangte, als Dich ein-
zuführen in sein Haus. Hat Stromberg das begehrt,
hat er es begehren können? Nein! Es ist also ein
gutes Werk, die Scheidewand zwischen den Beiden
aufzurichten, hinter welcher sie zur Ruhe kommen
werden.'?
Es war dem Vater recht, daß Frank ihm die
Antwort ersparte, aber Justine gab sich nicht mit ihr
zufrieden.
,. Und wenn Dolores sich trotz ihrer Liebe für den
Vater, ihm zu gehorchen weigert??
,Sie wird es nicht thun, fiel der Vater ein,
der letzten Unterredung mit ihr gedenkend, ,und wenn
sie's thäte, würde ich sie zwingen, sich zu fügen!''
Justine schwieg, doch ihre Miene verrieth, was
sie zurückhielt.
Lewoald. Die Familie Darner. l.
1

-
-- 20-
Darner sah das.
?
,Du hast mich bisher geduldig gesehen gegenüber
ihrer Schwäche,'' sagte er, ,laß Dich dadurch nicht
täuschen. Ein Familienvater muß hart zu sein
wissen, wenn die Seinen zunächst auch nur die Härte -l
fühlen, ohne die weitsehende Liebe zu erkennen. Er
darf sich nicht durch Thränen rühren lassen; sie trocknen
mit dem vergehenden Augenblick,?
, Und wenn nicht,? wiederholte Justine, ,wenn
. Dolores nicht vergessen könnte, wenn sie nicht glück-
lich würde? Verzeihen Sie mir diese Frage. Dolores
ist Ihr Liebling - würden Sie es nicht bereuen??
,Nein! Man kann es bedauern, wenn man ge-
irrt, wo man nach bestem Wissen mit Neberzeugung
gehandelt; bereuen kann man's nicht! Aber Du weißt
nun, was Dir obliegt, handle danach. Die Verbindung
mit den Joannus ist beschlossene Sache, und Dolores
muß einen Mann bekommen. Mit Virginie hat es
keine solche Eile; sie macht sich selbst zu schaffen und
findet weiten Spielraum hier.?
Mit den Worten verließ er sie.
Justine schüttelte das schöne Haupt.
,Daß Du Dich auf des Vaters Seite stellst!r?
rief sie und settte dann rasch hinzu: ,Das sollte
mich beruhigen und thut es in gewissem Sinn! Aber
-- in den Armen eines ungeliebten Mannes! Das
Elend ermißt kein Mann! Keiner! Oder meinst
Du, ich hätte auch einem Andern als Dir gehören
können??
,Sprich das nicht aus !'r rief Frank, indem er
sie leidenschaftlich an sich zog und ihr mit Küssen
den Mund verschloß. ,Du und Dolores! Wie kannst f
Du das phantastisch träumerische Kind mit Dir ver-
gleichen, ihr leicht bewegtes Herz mit Deiner festen
Kraft? Der Vater, ich bin des sicher, bringt ihrer

Kapitel 25

-- L1--
Mutter warmes Blut in Rechnuung; sie träumt von
Liebe, aber ihre Sinne schlafen noch. Sie hat's
noch nicht empfunden, was des Mannes erster, heißer
Kuß entzündet in des Weibes Adern. Polydor ist
einnehmend und wird von ihr bezaubert sein wie
Jeder! Es ist ein glänzendes Los, das ihr geboten
wird. Zuletzt - ein Wagniß bleibt in Allem, was
man unternimmt, und jede Eheschließung ist ein ge-
wagtes Spiel! Wir haben unser Heil versucht, sie
werden das ihre zu versuchen haben. Und nun
komm, wir haben gerade noch Zeit zu einem Wege
an den Strand l?
,,Wann wirst Du wiederkommen??
,,Das hängt von Polydor ab, wie Du weißt.?
,Dolores soll ihn heirathen und ich muß ihn
ersehnen und die Tage zählen, bis er kommt!
scherzte Juustine. ,Gebe der Himmel, daß auch sie
ihn ersehnen lernt, daß ich mich in ihr irre, und
nicht Ihr!r
wäEwwöeMlEEMEEö
Jünfundzwanzigstes Kapüies
Es fehlte, wie schon gesagt, in Strandwiek nichts,
was den drei Frauen das Schloßleben und den Auf-
enthalt am Meere verschönern konnte. Die Wagen-
und Reitpferde waren nachgekommen, für die Hänge-
matte im Wäldchen waren die Haken eingeschlagen,
die sie zu tragen hatten, die Vorrathskammern waren
gefüllt mit allem Wünschenswerthen, der Keller wohl-
versorgt, und Neberfluß vorhanden, mit welchem man
freigebig sein konnte, wo man es angemessen und sich
dazu geneigt fand. Das Wetter war herrlich; und
wenn Justine es auch noch so sehr bedauerte, daß ihr
1

-- A --
Mann in der Stadt an seinem Pulte sitzen müsse, so
gingen die Tage ihnen in der gleichmäßigen Luft
rasch wie im Fluge hin.
Niemals hatten seine Kinder Darner so heiter
gesehen; er machte den Kavalier für Alle, er hatte
eine besondere Aufmerksamkeit für eine jede der drei
Frauen. Zu Wagen, zu Pferde, auf dem Wasser
war er mit ihnen; und damit keinem seine Liebe fehle,
, ließ er sich's nicht nehmen, den kleinen Lorenz in der
Hängematte zu bewachen und zu wiegen und seine
Blicke auf das Meer zu lenken, damit er frühzeitig
das Auge an den Weg gewöhne, den er wie sein
Großvater einst vielfach zu durchmessen haben werde.
Darners stolzes Antli und die Wangen der
drei Frauen färbten sich dunkler im heißen Strahl
der Sonne, selbst Dolores hatte ihre frische Farbe
wiedergewonnen, und Justine und die Schwester
freuten sich, daß sie endlich wieder einmal im Augen-
blicke lebte und daß sie, wenn ihre Gedanken sich
rückwärts wendeten, ausschließlich mit den fxühesten
Tagen ihrer Kindheit, oder mit dem Aufenthalt in
der Pension beschäftigt, das Leben in der Natur und
in schöner Umgebung wieder als ein Glück genoß
und pries. Es war dadurch oft vom Süden, von
Jtalien die Rede und der Vater kam gefällig auf
den einmal rege gewordenen Gedanken an Venedig
zurück.
Man lebte ganz in der Familie. Darner hatte
es absichtlich vermieden, Besuche auf den benachbarten
Gütern zu machen. Eberhard hatte Angehörige und
Bekannte unter ihren Besitzern, man konnte dort
seiner erwähnen, und Dolores sollte nicht gestört
werden in dem Stillleben, in dem sie sich erholte.
Zehn Tage waren in der Weise hingegangen,
als wieder einmal ein Reitender dje Posttasche nach

-- Z -
dem Schlosse brachte und Darner, sie öffnend, aus
den Geschäftsbriefen den Brief seines Sohnes an
Justine heraussuchte, den er ihr übergab, wäihrend
er sich in sein Zimmer zurückhog, die geschäftlichen
Meldungen durchzusehen.
Justine überflog das Schreiben ihres Mannes
und hielt mitten im Lesen inne.
,Da ist etwas für Dich, Virginie!'' sagte sie.
, Für mich, von Franke?
, Ja, die Nachricht, daß Frank morgen schon
herauskommen, zu meiner Freude einige Tage bei
uns bleiben und einen Gast, den jungen Joannu,
mitbringen wird, für den Du Zimmer herrichten,
recht hübsch herrichten lassen sollst.?
,,Es isi überall hübsch bei uns!' meinte Virginie,
und Dolores fragte:
,Den Polydor, mit dem er von Moskau nach
Petersburg gereist ist??
Justine klopfte das Herz, als Dolores den Namen
Polydors so harmlos aussprach.
,,Was wird er ihr bedeuten, wird sie die Stunde
segnen oder sie verwünschen, in der ich ihr sein
Kommen anzukündigen hatte? dachte sie, und von
ihrem Bangen hingerissen, küßte sie Dolores.
,Was hast Du? fragte diese.
,Ich freue mich, daß Du so wohl aussiehst, daß
Du so heiter bist!?
,Wie sollte ich nicht? Der Vater ist ja wie
verjüngt, ist jung wie wir, und das Meer ist so schön.
Wenn ich hinaussehe, weit und immer weiter, dann
denke ich, die Welt gehört mir, und ich möchte Flügel
haben, all ihre Herrlichkeit zu schauen. Es war so
schön bei uns in der Havanna und in der Pension,
ich wollte, Du wüßtest, wie schön es war.?

-- IZ--
,,Polydor muß Zimmer nach der Seeseite be-
kommen !'? fiel Virginie ein. ,Was meinst Du,
Justine, zu den beiden Eckstuben oben? Da hört
er nichts von Lorenz und von Euch, und hätte den
Blick aufs Meer und nach dem Walde.?
Justine stimmte ihr bei. Nur von den Vorbe-
reitungen für den Gast, nicht von ihm selber, war
die Rede. Die Wahl für die erste Mahlzeit wurde
getroffen, die Speisen für den nächsten Mittag be-
stimmt. Der Fischer sollte gleich nach Tagesanbruch
zum Fang hinaus; die Haushälterin wurde beschieden,
man hatte mit ihr zu berathen, ob das Gewollte zu:
schaffen sein würde, und Justine erinnerte warnend
daran, daß es nicht klug sei, all sein bestes Pulver
zuerst und gleich auf einmal zu verschießen.
Gäste in der Stadt aufzunehmen, war man im
Darner'schen Hause sehr gewöhnt; einen Fremden als
Mitbewohner, den ersten Gast im Schlosse zu be-
wirthen, war den Frauen neu und dadurch ein Er-
eigniß, das sie beschäftigte. Frank hatte gemeldet,
daß er sich mit seinem Freunde in der Morgenfrühe
aufmachen werde. Man hatte sie also, da wie immer
mit gewechselten Postpferden gefahren werden sollte,
schon zum Mittag zu erwarten, und die Schloßuhr
hatte eben Eins geschlagen, als das Posthorn erklang.
Gleich darauf hielt die Kalesche vor dem Hause.
Frank, der auf der Seite des Schlosses saß,
stieg zuerst aus dem Wagen.
Darner war bis in die Thüre gekommen, den
Sohn seines Freundes zu empfangen, den er in den
Jünglingsjahren in Petersburg gesehen.
Justine war dem Vater vorangeeilt, ihrem Manne
entgegen.
Es gab ein Vorstellen, ein Begrüßen, ein flüchtiges
Gespräch während des Hineingehens in das Haus.

s

-- LJ--
Dann ging Frank, den Gast in die für ihn be-
reiteten Zimmer zu geleiten, damit er sich nach der
heißen Fahrt erfrischen könne; und wie Frank darauf
in die Wohnstube zurückkehrte, in der sich der Vater
und die drei Frauen befanden, rief Justine sichtlich
erfreut:
,Das ist ja ein schöner Mann, und wie elegant
er in seinen Bewegungen ist! Ein Prinz kann nicht
vornehmer aussehen als er! Habt Ihr Mädchen ihn
gesehen??
Dolores lächelte.
,,Wir haben seitwärts, hinter den Gardinen
hervorgeguckt; Frank hatte uns mit seinem Lobe
neugierig gemacht!'?
,Aber Du hast nicht zu viel von ihm gesagt,.'
meinte Virginie. ,Für den Elegant muß man wirk-
lich noch eine kleine Extratoilette machen!'?
,Ihr dürft mich nicht ausstechen!' scherzte
Justine, während sie mit ihrem Manne hinaufging
zu dem Kinde.
,, Kommst Du mit?? fragte Virginie, der es
ernst gewesen war mit ihrem Vorschlage. ,Ihch will
eine Schärpe und die Korallen umbinden!'-
,Ich bin ja angezogen!'' entgegnete Dolores
und blieb in ihrem schlichten weißen Kleide, mit der
Rose vor der Brust. die sie zu tragen liebte, wenn
sie sie irgend haben konnte, ruhig in dem Sessel am
Fenster sitzen, während die Schwester sich entfernte
und auch der Vater das Zimmer verließ.
Kaum aber war das geschehen, so meldete der
Diener Herrn Joannu. Seine Ungeduld, das ihm
bestimnnte Mädchen kennen zu lernen, hatte Polydor
EEe E

-=- 1--
und in das Zimmer eintretend, sagte Polydor, da er
sich Dolores gegenüber und mit ihr allein fand:
,,Verzeihen Sie mir, Mademoiselle, wenn ich
nicht abgewartet habe, bis man mich rief. Mein
Verlangen, den Schwestern meines Freundes vorge-
stellt zu werden, nachdem mich seine schöne Frau be-
grüßte, macht mich Ihnen vielleicht zudringlich er-
scheinen. Sie kennen meinen Namen, möchte er
Ihnen so geläufig sein, als mir die Ihren, die ich
so oft von Ihrem Bruder hörte. Wer sind Sie,
Mademoiselle Virginie oder Mademoiselle Dolores?
,Ich bin Dolores!' gab sie ihm zur Antwort
und sah ihn lächelnd an, weil seine Lebhaftigkeit ihr
wohlgefiel.
,Sie,? rief er, ,Sie sinb Dolores!rr und küßte
ihre Hand, die er ergriffen hatte. ,Wie schön sind
Sief?
,Ach, sagen Sie das nicht! bat sie, ihm rasch
und ängstlich ihre Hand entziehend und auf dem
Punkte, sich zu entfernen; denn so wie jetzt vor diesem
Fremden, hatte sie vor Eberhard gestanden an dem
Tage, an welchem er ihr sein Herz enthüllt, an dem
sie ihn zum letzten Mal gesprochen; und es dünkte
sie wie eine Entweihung jener Stunde, daß ein
Anderer sie und ihre Schönheit pries.
Polydor sah sie mit seinem feinen Lächeln an.
,Ich begreife,? sagte er, ,daß Sie es müde
sein müssen, bewundert zu werden; indeß einem Gast-
freund und vollends einem Südländer müssen Sie es
nachsehen, wenn er ausspricht, was er fühlt. Wir
sind gewohnt, das Herz auf der Lippe zu tragen,
und der Kultus der Schönheit ist Stammeserbe für
uns Griechen.?
Sie war stehen geblieben, denn sie durfte den
Gast doch nicht verlassen, konnte nicht wie ein Kind

- A1? -
die Anderen rufen gehen, ihn nicht glauben machen,
daß sie der Lebensart entbehre; und das Hinzu-
kommen des Vaters und der Schwester enthob sie
der Verlegenheit wie des Kampfes in ihrem Innern.
Der Vater stellte den Gast Virginien als der
eigentlichen Hausfrau vor. Sie sah wie das Leben
selber aus, und da sie sich in ihrer Rolle sehr gefiel,
ergriff sie den Anlaß, Polydor zu fragen, ob er Alles
nach seinem Bedürfen gefunden, ihn zu bitten, daß
er fordern möge, was ihm fehle, sagen, was seinen
Gewohnheiten nicht entspreche.
- Der Vater freute sich- der Gewandtheit, mit
welcher Virginie sich in die neue Aufgabe schickte;
Polydor zeigte sich mehr als befriedigt von dem was
ihm geboten ward. -
, Und Gewohnheiten,'' scherzte er, ,sich Gewohn-
heiten anzueignen, ist das Jahrhundert Bonaparte's
ebensowenig gemacht als mein Leben. Von Archangel
bis in unsern griechischen Archipel, von Moskau bis -
Marseille, von Paris und London bis nach Peters-
burg wechseln die Gewohnheiten und die Betten.
Weiß man nur sich richtig hinzulegen, so schläft man
überall; aber freilich nirgends besser als an des
Meeres Ufern oder bei mir zu Hause, it der Stille
von Venedig, wo kein Laut das Ohr berührt als das
leise Anschlagen der Wellen an des Traghetto Stufen.'?
,Sie bewohnen den Palazzo Ferramonte!'' be-
merkte Darner.
- ,Den kleinen,? bedeutete Polydor, ,der große
stand auch zum Kauf, als mein Vater die Nieder-
lassung gründete. Er zog aber mit Recht den kleinen
vor. Für unsere Verhältnisse lassen sich die Residenzen
der alten Dogengeschlechter nicht benützen; und nur
das Genie eines Pariser Baumeisters hat es ver-
mocht, mit kluger Verwendung des vorhandenen

--- 8 -
Materials an Freskodecken, an Bildern und Skulp-:
turen, und mit Hinzuziehung dessen, was man in
Paris und bei uns in Petersburg zur Lebensbequem-
lichkeit verfertigt, ein Ganzes herzustellen, in dem es
sich leben läßt und in dem man es wagen dürfte,
Jemand eine Gastfreundschaft anzubieten wie die,
mit welcher Sie mich hier beehren.?
Er hatte, die Frage beantwortend, zugleich mit
geschickter Berechnung ein Bild der Zustände ent-
worfen, in denen er in Venedig lebte; aber sein Auge
war, während er redete,i immer wieder zu Dolores
zurückgekehrt, und wie sein rascher Blick dem Auge,
das er suchte, sicher zu begegnen wußte, so wußte
er es an sich festzuhalten mit seiner Wärme. Er
war eine in jedem Sinne anziehende Erscheinung.
Nicht ganz so groß und weniger kräftig gebaut
als die beiden Darner, war seine Gestalt schlank
und biegsam, seine Bewegungen leicht. Der schmale
Kopf, die gelbliche Farbe, das scharfgeschnittene Profil,
die feinen Züge des Gesichtes stimmten gut zusammen
mit seiner Gestalt, mit den weißen, wohlgepflegten
Händen; und das glänzend schwarze Haar, das er
nach französischer Mode in einer großen Locke auf
der Stirne trug, der ebenso modische starke Backen-
bart, wie das bewegte Mienenspiel und die deutsamen
Handbewegungen, mit denen er seine Rede begleitete,
kennzeichneten auf das Bestimmteste den Südländer,
wie seine Tracht und sein Betragen den Mann von
Welt, der gewillt und gewohnt war, durch seine
Sicherheit zu gefallen
Darner beobachtete ihn mit Zufriedenheit. Das
war ein Schwiegersohn, wie er ihm paßte; und da
auch die Erkundigungen, die man unter der Hand
in Venedig wie in Petersburg über Polydor einge-
zogen hatte, nicht gegen ihn sprachen, obschon man
s

-- I --
ihn als einen Lebemann bezeichnete, so gab Darner
sich dem Gaste mit einer Zuvorkommenheit hin, die
er sonst nicht leicht Jemand erwies, die Polydgr
unter den obwaltenden Verhältnissen aber zu er-
warten berechtigt war. Einem Tugendspiegel, einem
Seraph in einem Manne von zweiunddreißig Jahren
zu begegnen, der in der großen Welt lebte, hatte
Darner weder verlangt noch erwartet; und daß Dolores
in die Hand eines lebenskundigen Gatten kam, der
sein Eigenthum zu beschützen und zu führen wissen
würde, war für sie eben recht.
Man saß zu sechs Personen an der Tafel, es
fehlte nichts, was ihren Reiz erhöhen konnte. Die
drei Frauenzimmer waren schön, die Männer gleichem
Stande angehörend, alle drei sicher beruhend in der
Macht ihres Reichthums, durch ihre Geschäfte über die
Welt hin mit denselben Personen verbunden und zum
Theil auch von Auge zu Auge bekannt. Man hatte
Berührungspunkte, wie sie sich sonst nur unter alten
FreundenFinden. Das letzte Beisammensein in Peters-
burg, die gemeinsame Reise durch Rußland, hatten
Frank und Polydor vertraulich gemacht.
- Weil die Erzählungen, welche er von Polydor
in den Stunden der einsamen Fahrt vernommen, ihn
gut unterhalten hatten, machte es Frank Vergnüügen,
ihn darauf zurückzubringen, und Polydor sprach gut,
hörte sich also gerne sprechen und fand begierige Zuu-
hörerinnen an den Frauen. Ihn aber muthete, bei
dem Reichthum, der sich in dem ganzen Haushalt
und an Darners Tafel unverkennbar kundgab, doch
der Anstrich deutschen, bürgerlichen Familienlebens
als etwas Fremdes und Schönes an. Justine hatte
diese vornehme Bürgerlichkeit aus ihrem, wie aus
ihres Onkels Hause, als ein altes Erbe in die Dar-
ner'sche Familie, als einen Segen übertragen, und

-=- A0 --
beide Darner, ihr Schwiegervater wie ihr Gatte,
ehrten sie dafür.
Man erfreute sich während der Mahlzeit des
größten Behagens. Von den Rutschbergen auf der
Newa, von den Osterfeierlichkeiten in Petersburg, von
Konstantinopel und von dem Karneval. in Venedig
hätte Polydor gesprochen, ohne daß es gesucht erscheinen
konnte; und während dessen war seine Achtsamkeit doch
beständig seinen Wirthen, seinen beiden Nachbarinnen,
Justine und Dolores, zugewendet geblieben. Er er-
rieth, was sie wünschten, noch ehe sie es forderten;
jede seiner Bewegungen hatte etwas Verbindliches,
jede seiner Mittheilungen wußte er auf die Anwesen-
den zurückhuführen. Sprach er von Petersburg, so
erinnerte er Darner daran, daß sein Vater noch immer
auf den Besuch warte, den Darner ihm vor, zwei
Jahren zugesagt, und daß er ihm nicht erlassen werden
könne. Gedachte er der letzten Reisen, so wußte er
Justinen nicht geng zu versichern, welch ein un-
vergleichlicher Gefährte ihm Frank gewesen sei und
wie sie sich überhaupt nach allen Seiten hin mit ein-
ander im Einklang befanden. Wenn er der russischen
Osterkuchen erwähnte und sie ein köstliches Gebäck ge-
nannt hatte, so bemerkte er gegen Virginie, wie aber
das Backwerk, das sie auftragen lasse, natürlich ein viel
feineres und köstlicheres sei; und durch das Alles hin
zog sich sein ausgesprochener Wunsch, daß die beiden
Familien, nun sie endlich auf den Fuß der wahren
Gastfreundschaft gekommen wären, sich durchaus und
bald einmal zu einem Besuch in seinem Hause in
Venedig zusammenfinden müßten.
Man war beim Nachtisch, als er dieses wieder-
holte, und wie an jedem Tage brachte die Wärterin,
r Reered

-- M -
zu, aber seines Vaters Arme breiteten sich ihm ent-
gegen, der Kleine streckte die Händchen nach ihm aus,
und wie Frank ihn in die Höhe hob und küßte, wie
das glückliche Lächeln von dem schönen Antlitz der
Mutter auch alle Anderen überstrahlte, rief Polydor:
, Ja, freilich, das kann ich Ihnen nicht bei mir
bieten, bei mir finden Sie nur ein leeres Haus-
und wie leer es ist, das erkenne ich erst hier! Sie sind
zu preisen, mein Freund, denn hier wohnen die Liebe
und das häusliche, das Eheglück!'?
,Lassen Sie uns darauf anstoßen, daß es so
bleibe für immer! fiel Frank ihm ein, und des
Kleinen Hand mit der seinen um das Glas legend,
sagte er: ,Komm, bring' Du den Toast aus, auf
Liebe und auf Glück für uns und auch für Siefr?
Polydor that Allen Bescheid, als man die Gläser
gegen einander neigte und lachend zusah, wie Frank
dem Kleinen mit dem schäumenden Wein die rosigen
Lippen nette, der sich das wohl gefallen ließ. Als
Polydor darauf aber mit Dolores anstieß, sagte er,
nur für sie vernehmbar:
,, Ich würde sehr traurig zurückkehren in mein
Haus ohne die Gewißheit, Sie einmal einzuführen
in dasselbe!r?
Es durfte das für eine bloße Wiederholung
seines vorher gethanen Vorschlags gelten; indeß der
zärtliche Druck, mit dem er ihre Hand berührte, als
er sie wie die der beiden anderen Frauen an seine
Lippen zog, und sein heißer, verlangender Blick, der
ihr das Blut in die Wangen trieb, daß sie sich hoch
erröthend von ihm wendete, konnten ihr keinen Zweifel
über seine wahre Meinung lassen.
Virginie, ihr Recht als Hausfrau zu behaupten,
hob die Tafel auf.
Justine und Dolores folgten ihrem Beispiel. Der

-- AZ-
Knabe wurde fortgebracht, die Männer blieben noch
beim Weine sitzen.
,,Es ist doch etwas Eigenes um einen Mann von
Welt! sagte Justine. ,Wie angenehm spricht Poly-
dor, wie beherrscht er Alles, was er gesehen und er-
lebt hat, und wie hat er es zur Hand !?
Sie hatte in Wahrheit große Freude an dem
Verkehr mit Polydor gehabt und noch größere darüber,
daß dies ein Mann sei, den zu lieben Dolores lernen,
mit dem glücklich zu werden sie alle Hoffnung haben
könne. ,Er hat offenbar dem Vater auch gefallen!?
sette sie zur Bekräftigung ihres Lobes hinzu.
,,Mir über alle Maßen!'' versicherte Virginie.
Dolores stand von ihnen fern.
,Laß ihn Dir nicht zu sehr gefallen!r warnte
Fustine wie im Scherz, jedoch Virginie verstagd die
Meinung, und sich rasch fassend, entgegnete sie:
,,Du meinst, weil Dolores eine Eroberung an
ihm gemacht hat? O, das habe ich gesehen; Lora,
warum wurdest Du so roth, als er Dir die Hand
geküßt hat?
,Ach- laß die Thorheit!r bat Dolores.
Man war gewohnt, ihr nachzugeben, sie ge-
währen zu lassen, trotdem fragte Justine, ob er ihr
denn nicht gefallen, ob seine Erzählungen sie nicht
unterhalten hätten.
,Gefallen? Ja, er hat mir gefallen, denn er
ist hübsch und er ist so besonders. Er hat ja auch
sehr viel gesehen, was man sehen möchte; aber er hat
mit den Augen gesehen und erzählt mit den Lippen.?
Virginie lachte.
,Das Urtheil ist noch viel besonderer als er selbst.
Womit soll er denn sehen als mit den Augen, und
womit sprechen als mit den Lippen?
,Mit dem Herzen!r

Kapitel 26

-- MZ--
,Von Osterkuchen, von Baschibozuks und voin
Polichinel,'' rief Justine, ,davon kann man doch nicht
mit dem Herzen reden; und daß er, wie ich gesagt,
nicht ohne Herz ist, das beweisen mir seine Zuneigung
zu Frank und seine Rührung als er unsern Juungen
und all unser Glück gesehen hat!'?
Sie sprach das in vollem Glauben. Wer ihren
Frank und ihren Lorenz zu würdigen verstand, der
war ihr Mann, und in der That mußte man ander-
weit hingenommen sein, um Polydor in der Weise, in
welcher er sich dargestellt, nicht liebenswürdig gefunden
zu haben.
Dolores erkannte das auch selber an, und gleich-
sam sich zu entschuldigen und dem Gaste gerecht zu
werden, fagte sie:
, Ihr wißt es ja, ich gewöhne mich schwer an
Fremdes, und, ich weiß nicht, man muß ihn immer
ansehen, man kommt nicht zur Ruhe neben ihm. Aber
ich möchte wohl auch wie er gestanden haben unter dem
Kiosk am Goldenen Horn und hinabgesehen haben von
der Loggia über den Canale grande ,n warmer Nacht
beim Mondenschein !'? Sie hatte die letzten, einem
damals üblichen Liede entlehnten Worte, singend aus-
gesprochen und darnach das Zimmer verlassen.
MFFMMEEwzEEEEUpggg
Sechsundzwanzigstes Kapites.
Dolores hatte sich kaum entfernt, als Virginie
rasch an die Schwägerin herantrat.
,Ehrlich, Justine,'' bat fie, ,weshalb ist Polydor
gekommen, was weißt Du davon??
,Das, was Du vermuthest!'?

K
- ge.
-- A --
,Du weißt's bestimmt, Du kannst es mir ver-
trauen; Du hast's erprobt, ich kann schweigen!'
Justine bedachte sich auch nicht.
, Ja,' sagte sie, ,es ist Verlaß auf Dich, und
nun ich Polydor gesehen habe, bin ich für die Sache.
Die Väter wollen die Verbindung, Polydor ist das
Junggesellenthum satt, er sehnt sich nach Familienleben.
Frank hat die Meinung, er werde gut zum Ehemann
taugen, und Dolores muß es doch endlich lernen, nicht
zu wünschen, was nicht zu erreichen ist, nicht wie ein
Kind nach dem Monde zu greifen.
,Das Alles hab' ich ihr, Du weißt's, schon oft
gesagt,'' versicherte Virginie. ,Hätte sie einen Tropfen
kalten Bluts im Herzen, so würde sie sich schämen, nach
Eberhard zu schmachten. Ich thät's, ich heirathete an
ihrer Stelle ihm zum Trotz; sie muß es auch thun, sie
muß Polydor heirathen, Venedig -- das paßt recht
JF Vs D. =e a oo o ewo
,,Davon war nicht die Rede!'r
, Und Frankr?
,Auch das weiß ich nicht! Richte Dich immer
auf ein paar Tage ein.?
Sie hatten sich mit ihren Arbeiten an die Thüre
der kleinen Gallerie gesetzt, die sich an der Seite vor
dem Erdgeschosse hinzog.
,Ich werde mich sehr bangen, sehr! sagte Vir-
ginie, nachdem beide eine Weile geschwiegen hatten.
,Bis Du Dich verheirathest!
,Weißt Du so bestimmt, daß ich das thue?
fragte Virginie.
Justine gab darauf keine Antwort, sondern lachte.
,,Lache nicht, ich meine es ernsthaft! Eine von
uns muß bei unserm Vater bleiben, und er sieht
es auch so an. Er hat mich heute wieder, Du hast

==- MH--
es ja gehört, als seine Hausfrau dargestellt, und
der Vater scherzt mit solchen Worten nicht.?
,Wäre ich empfindlich,' bemerkte Fustine, ,und
hielt ich Deinen Ausspruch für mehr als einen Ein-
fall, so könnte ich Dir es übelnehmen. Ist Frank
nicht da, bin ich nicht da, sind wir denn nicht des
Vaters Kinder??
,Mein Gott, ja, aber Ihr gehört einander, ge-
hört dem Kleinen, werdet noch andere Kinder haben.
Ich kann es nicht sagen, wie einem das im Innern
klar wird, wie man sich es zurecht macht und wie es
dann nicht anders sein kann. Alle dürfen wir nicht
von ihm fortgehen !''
,Wer ist denn schon fortgegangen??
Virginie stockte und sagte darnach rasch:
,,Die Göttling - ?
,Ich bin sicher,' meinte Justine, ,bie bereut
es schwer genug --- und ich, ich habe es bedauert
und bedauere es noch heute, daß sie es gethan hat.
Wenn Frank manchmal davon spricht, daß er mich auf
Neisen mit sich nehmen, mit mir nach London gehen
möchte, nach Paris-- wie leicht ließe sich das Alles
machen, wäre sie noch mit uns und der Junge unter
ihrer Hut. Aber freilich, der Onkel hat sie ebenfalls
nöthig, und der Onkel sieht übel aus; er thut mir
leid und John nicht minder. Es ist ein freudloses
Haus geworden, das Kollmann'sche, das sieht man
und hört man ja auch durch Dritte. Weißt Du,''
fuhr sie plötzlich auf und brach dann ab.
,Was soll ich wissen?
,Ach, nichts! Horch!rr
,Es fiel ein Schuß!
,Komm, sie sind schon draußen! Ich dachte es
mir,'' sagte Justine, von dem bisherigen Gespräche
Lewald. Die Familie Darner. U.

aae !
-=- As -
ablenkend; ,der Vater hat dem Frank eine große
Freude mit dem Herrichten des Schießstandes gemacht.
Wir werden ihn wohl jetzt immer draußen zu suchen
haben. Mich sollte es wundern,? setzte sie lachend
hinzu, ,wenn er den Lorenz nicht dabei hätte, damit
der Junge zeitig an Männlichkeit gewöhnt wird und
an den Klang der Waffen!r
Sie gingen mitsammen durch den Speisesaal,
dig Treppe hinunter, die nach dem Garten führte;
am Ende desselben hatte ein kleines Gewächshaus
gestanden,' das, im Kriege zerstört, nicht wieder an
derselben Stelle erbaut werden sollte. An der stehen-
gebliebenen Mauer desselben hatte man der Sicherheit
wegen die Scheibe aufgerichtet.
Die Sonne brannte hell und heiß hernieder, daß
man den Sand am Ufer funkeln und die Wärme
flimmern sah in der Luft; aber der vom Meere
kommende Wind erfrischte und machte sie zum Athmen
leicht. Unter der in voller Blüthe stehenden Gaisblatt-
laube hatte man für die Männer den Kaffee aufge-
tragen. Der Pistolenkasten, die Kugelbüchse, standen
auf einem kleinen Tische außerhalb der Laube, und
als Justine mit der Schwägerin näher an die Laube
herankam, sahen sie zu ihrer Verwunderung auch
Dolores in derselben.
Polydor stand ihr zur Seite; sie hatte ein
Körbchen voll Eichenlaub vor sich, dessen Blätter sie
mit den Stengeln durcheinandersteckte, einen Kranz
daraus zu machen.
,Wir suchten Dich! Wie kommst Du hierher??
fragten gleichzeitig Justine und die Schwester, und
ehe Dolores noch dazu kam, eine Antwort zu geben,
sagte Polydor:
,Wir hatten das gute Glück, Mademoiselle bei
dem Verlassen des Speisezimmers zu begegnen, und
i

-- W? =-
ich die Kühnheit, sie ihnen mit Herrn Darners Zun-
stimmung zu entführen, denn wo man umeinen Sieg
ringt, darf Frauenhuld nicht fehlen, den Sieger zu
krönen. Leider habe ich nur wenig Aussicht, dieser
Glückliche zu sein, ich bin kein sonderlicher Schütze. ?
,,So lassen wir die Sache, wenn Sie kein
Freund von derselben sind!? sagte Darner.
Polydor versicherte das Gegentheil.
,Man liebt und übt ja Manches, worin man
kein Meister ist, die Musik, die Poesie und wie vieles
Andere,? meinte er, ,und ganz ohne Nebung in den
Waffen bin ich nicht, denn ich bin ein leidenschaft-
licher Jäger - wenn schon sich mir in Venedig
wenig Gelegenheit bietet für die Jagd.?
Frank war der Ansicht, ihr Gast wolle nur vor-
beugen, um vielleicht überraschen zu können, und sie
machten sich also an das Werk.
Darner, dem man natürlich den ersten Schuß
überließ, nachdem der Sohn ihm die Pistole geladen,
trat in der bezeichneten Entfernung vor das Ziel,
faßte es mit einem Blick fest ins Auge und gab den
Schuß rasch ab. Er hatte mitten in das Schwarze
getroffen. Die Seinen und Polydor riefen ihm ihr
Bravo zu.
,Man muß doch von Zeit zu Zeit einmal er-
proben,' sagte er lächelnd, ,was man an sich hat
und ob Auge und Hand noch dieselben sind ! Damit
ergriff er die andere Pistole, schon mit derselben
sichern Schnelle, und wieder schlug die Kugel fest auf
die erste in den Mittelpunkt der Scheibe ein.
Sie freuten sich seiner Alle.
,,Gott erhalte Sie in dieser schönen Kraft!r'
rief Justine und legte ihre Hand auf seine Schulter.
,Wir. finden in unserm Vater immer unsern
Meister! bemerkte Frank mit Stolz gegen Polydor,
1

z
b- ZZs --
und dieser meinte, nun könne man das Wettschießen
nur unterlassen.
Indeß das wollte Darner nicht zugeben, und
der dritte Schuß war für Polydor.
Der nahm die Pistole, wog sie in der Hand,
hielt sie, ehe er sich zum Schusse stellte, prüfend eine
Weile, das Korn bemessend, vor das Auge, trat dann
heran, zielte lange, und wenn er auch nicht so sicher
in das Zentrum traf wie Darner, so war es immer
ein guter Schuß, ein Schuß ins Schwarze.
- Darner belobte ihn.
,Wir, ich und mein Sohn, sind übrigens sehr
wesentlich im Vortheil gegen Sie,? sagte er. ,Wenn
wir sie auch lange nicht gebraucht, so kennen wir die
Pistolen doch, und Sie nicht. Aber nun vorwärts,
Kessisnrs! Sie haben Ihren zweiten Schuß, und
Jeder giebt wie ich zwei Schüsse ab, denn erst der
zweite und die folgenden Schüsse bewähren die eigent-
lich feste Hand.?
Das Schießen hatte darnach seinen ruhigen Fort-
gang, jedoch abgesehen davon, daß die beiden Darner
bessere Schützen waren als ihr Gast, nahm diesem
gerade sein Bestreben, es ihnen gleich zu thun, um
vor Dolores nicht zu seinem Nachtheil zu erscheinen,
die nöthige Ruhe. Er schoß im Verlaufe schlechter als
am Anfang, und da es nicht an ihm war, die Partie
abzubrechen, legte Justine, seinen Zustand erkennend,
sich mit einem Scherze in das Mittel.
,Wie selbstsüchtig Sie heute sind, lieber Vater!
rief sie. ,Sie denken in Ihrer Siegesfreude heute
gar nicht an uns. Frank ist für ein paar Tage hier,
Herrn Joannu's sind wir auch nicht so sicher als Sie
Ihrer Meisterschaft, und Dolores steht mit ihrem
fertigen Kranze da, Sie zu krönen. Wollen Sie uns
mit unserer Ungeduld Ihren Triumph bezahlen lassen?

-=- A9--
Darner verstand die Mahnung.
,Was die Frau will, das will Gott!' sagte er,
ließ Polydor, an dem die Reihe war, noch einmal
schießen.
Der Schuß glückte- und die Pistole aus der
Hand legend, war Polydor der erste, der sich wieder
-- zu den Frauen wendete.
s
Dolores eilte mit ihrem Kranze auf den Vater zu.
,Keine Possen, Kind sprach er, ihr wehrend.
, Aber er ist doch nun einmal für den Sieger
gemacht, und wenn Sie ihn nicht nehmen .?
,Dann setzest Du ihn selber auf!' sagte der
Vater, nahm ihr den Kranz aus der Hand und wollte
ihr denselben in das Haar drücken; da sie sich aber
bückte, um ihm auszuweichen, fiel er zu Boden.
Polydor hob ihn auf und legte ihn in seinen Hut,
der neben ihm auf einem der Stühle lag. Dolores
beachtete es nicht, den Andern aber entging es nicht,
obschon das Gespräch der Männer noch mit der Partie
beschäftigt blieb und Polydor mit dem Eifer eines
an Erfolg gewöhnten Mannes bemüht war, sein
Unterliegen zu rechtfertigen.
Darner kam ihm dabei zu Hilfe, indem er wieder-
holt des Vortheils gedachte, den er und sein Sohn
im Gebrauch der eigenen Pistolen gehabt hätten.
,,Aber, setzte er hinzu, ,Sie begehen einen
Fehler, den man freilich einem lebhaften Manne als
eine gute Eigenschaft anzurechnen hätte.?
,, Und der wäre??
,Weil Sie Ihres Schusses durchaus sicher sein
wollen, zielen Sie - zu lange, das ermüdet Hand und
Auge. Wären wir nicht Leute, in deren soliden Ver-
hältnissen von sogenanten Ehrenhändeln nicht die Rede
sein kann, mit denen es dem Ael, dem Militär und
den studirten Herren beliebt, und halbwegs von der

-=- W0 --
Unsitte geboten ist, sich außerhalb des Gesetzes zu
stellen, so dürften Sie, im Falle eines Zweikampfes
nicht auf ein gleichzeitiges Schießen eingehen, Sie
könnten den Kürzern dabei ziehen. Jedoch liegen diese
Mittelalterlichkeiten, die enge mit der Bevorzugung
gewisser Stände zusammenhängen und mit dieser ihr
Ende erreichen werden, glücklicher Weise außer unserer
kaufmännischen Gewohnheit, und wir haben mit ihnen
nicht zu rechnen.''
,Wer will sagen, was ihm inzwischen der nächste
Tag, die nächste Stunde bringen! rief Polydor. ,Ich
will mich aber nicht besser stellen, als ich bin; ich
finde etwas Schönes in dem Zweikampf, und wo,
wie bei uns in Jtalien, seit der französischen Herr-
schaft, von Standesunterschieden nicht mehr die Rede
ist gegenüber der Gleichheit aller Bürger, ist's -mit
dem Mittelalter ja ohnehin vorbei. Für mich würde
ein Reiz darin liegen, mir Mann gegen Mann selber
mein Recht zu schaffen!
Frank sah den Schatten auf seines Vaters Stirn,
und um das Gespräch nicht eine ernste und bedenk-
liche Wendung nehmen zu lassen, sagte er:
,Sich selber Recht zu nehmen, indem Sie sich von
dem Mann, der Sie beleidigt hat, erschießen lassen!r?
,,Um darzuthun, daß mir meine Ehre höher als
mein Leben steht!' entgegnete Polydor, mehr und
mehr erregt. ,Ein Hazardspiel bleibt es allerdings.?
,Mit höchstem Einsaz!r bemerkte Frank.
,Die Größe des Einsatzes adelt es!'r entgegnete
Polydor.
Frank yünschte von dem Kapitel des Zwei-
kampfes fortzukommen, und um ganz davon abzu-
lenken, sagte er:
,,Ich habe immer eine Abneigung dagegen ge
habt, mich der Macht des Zufalls gegenüber zu

ge
- 2 -
stellen, und immer nur gespielt, wenn ich es eben
mußte. Nebenher langweilt es mich, das Fürmich
oder Widermich der Karten müßig abzuwarten.?
,,Sie wissen, man spielt viel bei, uns, doch bin
auch ich kein Spieler aus Neigung oder von Passion;
was Sie jedoch den blinden Zufall nennen, das nenne
ich die Göttin des Glücks; und in dem breitgetretenen
Weg des täglichen Lebens mag ich mich wohl bis-
weilen einmal überzeugen, wie wir mit einander stehen
und ob sie mir noch hold ist. Ich habe übrigens nie
Glück gehabt im Spiel.
,Also Gluck in der Liebe!' begütigte ihn Frank.
,,Wenn ich das hätte,'' rief Polydor, ,wenn ich
das hätte, mit meinem ganzen Leben wollt' ich es
bezahlen!?
In der leichten Weise, in welcher die ganze
Unterhaltung zwischen den Beiden geführt worden
war, hatte der lebhafte, offenbar von der Empfindung
eingegebene Ausruf etwas Neberraschendes. Alle
sahen ihn, sahen einander an, und fortgerissen
von dem eigenen Wort, sich zu Dolores wendend,
sagte er:
., Weshalb warten? Es wird ja morgen und
immerdar dasselbe sein! Lassen Sie mich's heute,
lassen Sie es mich jett gleich erproben, ob das höchste
Glück, ob Sie mir hold sind !?
, Herr Joannu!' stieß sie erschreckend hervor und
wollte sich entfernen.
,Nein, bleiben Sie, hören Sie mich!'' bat er,
indem er ihre Hand ergriff. ,Unsere Väter sind
Freunde, alte Freunde! Sie wissen, oder Sie wissen
es nicht, daß sie unsere Verbindung wünschen. Seit
ich Sie heute erblickt, ist sie mein heißestes Ver-
langenh' Er hielt einen Augenblick inne und sagte
dann mit wachsender Lebhaftigkeit und Schnelle:

-- A =-
,,Ihr Bruder hat mich selber hieher geführt, glauben
Sie ihm! Glauben, vertrauen Sie mir, werden Sie
meine Frau, und als die Göttin meines Glücks will
ich Sie halten, Ihnen zu eigen sein, werden Sie
meine Frau !?
Das hatte Niemand erwartet.
Darner selbst fand sich betroffen von dem Un-
gestüm.
Dolores war bleich geworden, und zitternd ihre
Hand aus der seinen befreiend, sagte sie:
,Ich kenne Sie ja gar nicht!'
,Ja,' rief er, ihr folgend, da sie sich Schus
suchend zu dem Vater flüchtete, der sie an sich fest-
hielt, ,ia, Sie kennen mich, denn meine Leidenschaft
hat mich überwältigt und mich Ihnen preisgegeben,
wie ich bin !?
,Ich kenne Sie ja nicht! wiederholte sie, in
Thränen ausbrechend, den Kopf an ihres Vaters
Brust verbergend, der es fühlte, wie ihr ganzer
Körper bebte.
,Meine Liebe wird Sie lehren, mich zu lieben!r
betheuerte er; und er sah schön aus in dem Feuer
der begehrenden Leidenschaft, in dem er rasch erglüht
war. Darner jedoch hob abwehrend die Hand gegen
ihn empor.
,,Gemach, mein Freund,? sagte er, ,Liebe und
Vertrauen wollen erworben, nicht im Sturm erobert
sein. Sie haben uns Alle überrascht, meine Tochter
erschreckt, gönnen Sie ihr, uns Allen, Zeit zur Neber-
legung. Geh, Dolores! Geht mit ihr,'' gebot er
den beiden andern Frauen; ,sie hat Ruhe nöthig,
geht!r
Dolores neigte sich und küßte ihm die Hand.
Er legte sie ihr auf das Haupt und, nur ihrem Ohre
vernehmbar, sprach er:

s
?
d
=== LZZ --
,Sei verständig, Lora; er meint es, wie er's
sagte! Geh, mein Kind!?
Justine bot ihr den Arm, Virginie folgte ihnen.
Der Vorgang war für alle Theile peinlich.
Polydor hatte sich entfärbt, tiefe, düstere Falten
zogen sich zwischen seinen Brauen zusammen, der
Zorn, den er gegen sich selber fühlte, schnürte ihm
die Kehle zu. Er wollte sprechen, aber wie er sich
auch zu meistern strebte, es zuckte um seine feinen,
schmalen Lippen, als er, zu Darner gewendet, die
Worte hervorstieß:
,Ich habe einen Fehler begangen, ich muß Ihnen
erklären . . ??
,, Lassen Sie das, ich bitte,'' sagte Darner, ,es
bedarf dessen nicht, es erklärt sich von selbst. Sie
haben Glück gehabt bei Frauen, das ist begreiflich,
aber es hat Sie verwegen, hat Sie leider den Unter-
schied zwischen einer Ehewerbung und einem Aben-
teuer, hat Sie vergessen machen, daß es ein junges
Mädchen, daß es meine Tochter war, die Sie be-
stürmten.?
Polydor biß die Zähne zusammen. Darner war
in seinem Rechte, aber das durfte nichts ändern in
der Sache, und mit sicherem Griff hielt er sich an
das ,leider'', das Darner ausgesprochen hatte; seine
Selbstgewißheit richtete sich an demselben sofort
wieder empor.
, Sie tadeln mich nicht härter, als ich selbst es
thue! sagte er. ,Ich gestehe mit Beschämung, ich
habe meinem Temperamente unberechtigt, unerlaubt,
die Herrschaft über das Herkommen verstattet. Aber
warum ist sie so schön! Der Gedanke, daß man mir
dies Kleinod zugedacht . . .?
Darner fiel ihm in das Wort. So leichten
Kaufes sollte Polydor sich nicht befreien.

ZZZ -
,Der Gedanke hat Sie zu einem Wagniß ver-
leitet, das meine Tochter verletzen mußte, das mir,
ich bekenne es Ihnen, ein gerechtes Bedenken ein-
geflößt hat und dessen Wirkung wir abzuwarten
haben. Ich muß Sie bitten, uns zu verlassen --
heute noch!r
Polydor trat zurück und verneigte sich.
,Sie sind der Herr! sagte er. ,Ich-- ich
habe Ihren Herrn Sohn also wohl nur noch um
seinen Wagen zu bitten.
Frank konnte es nicht ertragen, den Mann, mit
dem er seit Wochen engen Verkehr gehabt, über den
er sich vortheilhaft geäußert, den er selber in sein
Vaterhaus geführt, in demselben, wie er auch gefehlt,
so gedemüthigt zu sehen, und sich in das Mittel
legend, mahnte er:
,Vater, war ich denn nicht auch von Justinen
hingerissen durch den ersten Blick, und sie war mir
nicht bestimmt!'-
,Aber Du hast ihr Zeit gelassen, ihrem Onkel
Zeit gelassen, Dich kennen und achten zu lernen,
und hast mit Deiner Erklärung gewartet bis zur
rechten Stunde.?
,,So lassen Sie auch mich warten,? rief Polydor,
die gebotene Hilfe benütend, ,bis Sie, bis Made-
moiselle Dolores meine Aufwallung vergessen! Soll
denn ein unbewachter Augenblick zerstören, was lange
Freundschaft Sie und meinen Vater wünschen machen?
Soll er mir die Aussicht auf ein so ersehntes Glück
entziehen? Ich gebe meine Hoffnungen, geben Sie
mich nicht aufl'?
Darner blickte ihn, ruhig an.
,Es ist nicht meine Weise, leicht aufzugeben,
was ich beabsichtigt, und Ihres Vaters Weise ebenso-
wenig,' sagte er; ,auch Sie beharren, wie ich sehe.

cir
s
-=- H--
Aber ein Plan ist keine bindende Zusage, und Sie
haben die Ausführung des unsern erschwert. Ihre
Leidenschaftlichkeit macht mich fürchten für die Ruhe
und den Frieden, die eine Frau in der Ehe neben
ihrem Manne finden soll; und Sie haben überdem
die Entscheidung aus meiner Hand in die meiner
Tochter verlegt. Kann ich die Zuversicht gewinnen,
daß, fern von mir, meine Tochter in Ihrem Schutze
wohl geborgen ist, wendet sie selbst sich Ihnen z,
so soll Beides mir willkommen sein, wie Sie selbst
mir's waren. Lassen Sie sich's gefallen in meinem
Hause in der Stadt. Mein Sohn wird Sie begleiten.
Ich komme in ein paar Tagen auch dorthin; und
es soll mir lieb sein, wenn ich Sie wieder hier be-
grüßen könnte.?
Polydor hatte jedes dieser Worte vernommen,
keines von ihnen konnte er von sich weisen, und
grade darum brannte es in seinem Herzen, trieben
seine Gedanken wie im Wirbel durcheinander.
Er, er konnte ja nicht seinem Vater, seinen
Freunden unter die Augen treten als ein Verschmähter!
Was er hier, jetzt eben hier erfahren -- er konnte
es weder vergeben, noch vergessen! Nie hatte ein
Mensch mit so berechtigter Neberlegenheit, mit solch
stolzer Höflichkeit zu ihm gesprochen; nie hatte ein
Mädchen ihm, dem Vielerfahrenen, bei dem ersten
Blick die Sinne so entzündet, seine Leidenschaft zu
solcher Gluth entfacht! Diese sanften, schmachtenden
Augen, die weichen, wie des Kusses verlangenden
Lippen! Er fühlte ihren Blick im tiefsten Innern.
Sie hatte es ihm angethan, er wollte sie nicht lassen.
Er war ergrimmt gegen den stolzen Vater, gegen die
Fürbitte des Bruders, gegen Dolores selbst. Er hätte
sie alle vernichtet wissen mögen, alle-- hätte er
Dolores nicht besitzen müssen- und das mußte,


= AZZ =
das mußte er! Sie sollte es fühlen lernen, daß er
der Herr und Meister sei, daß sie nur zu wählen
habe zwischen seiner Liebe und seinem Haß! Haß?
Konnte man sie hassen, sie, die Unvergleichliche? az
Wie im Fieber, wie ein Rasender kam er sich
vor, als diese Gedanken in Blitzesflucht sein Gehirn
durchjagten; nur das klare Bewußtsein, den festen
Vorsay hatte er, daß man ihm Dolores geben müsse,
daß sie im Palazzo Ferramonte als sein Weib den
Neid der Anderen erregen und sein Entzücken machen
solle; und von diesem Gedanken über den Augenblick
hinweggetragen, rief er:
,,Lassen Sie uns gehen, mein Freund, Ihr Vater
hat entschieden, wie er mußte; wir müssen fort, um
-- je eher um so besser - wiederkehren und bleiben
zu dürfen bis zu der Stunde meines Glücka
Er reichte Darner die Hand, der sie nicht zurück-
wies; war Polydor doch seines Freundes Sohn, sein
Gast. Dann gingen die beiden jungen Männer nach
dem Hause, und Frank kam bald darnach zurück.
,Was macht er?? fragte der Vater.
,,Er schreibt an Dolores!r
,Natürlich, er kennt die Frauen!''
,,Justine und Virginie hat er für sich gewonnen!r
meldete ihm Frank.
,, Und ebenso die ihm unerläßliche Lektion!r
setzte Darner hinzu.
,,So denken Sie sich zurückhuziehen??
Darner antwortete nicht auf die, Frage.
,,Es spricht für ihn und seine Energie,'' sagte
er, ,daß seine Eitelkeit die Lehre, die er erhalten, -
hinnimmt, daß er sich heugt, um an sein Ziel zu
kommen, und ich bin seiner Herr. Verweigere ich
ihm Dolores, bin ich gegenüber seiner Maßlosigkeit
auch vor seinem Vater in meinem vollen Rechte; ge-

Kapitel 27

h -
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b= IZ? -
währe ich sie ihm, so hat er mir für mein Vertrauen
zu danken und es zu verdienen. Ich will ihn kennen
lernen, wie's im Plane lag. Aber Dolores, wie
steht's um sie?
,,Sie hat meine Frau und Virginie fortgeschickt,
sie will allein sein.?
, Laßt sie fürs Erste in allem ihren Willen
haben. Es soll überhaupt nicht mit ihr davon ge-
sprochen werden, sage ihnen das l?
Hz
Siebenundzwanzigstes Ka,utes.
Es war still in' Strandwiek, als der Abend
kam. Frank und Polydor waren abgereist, Darner
hatte sich ein Pferd satteln lassen und war ausge-
ritten. Dolores kam nicht zum Vorschein, die beiden
Anderen saßen vor der Thüre. Justine war unmuthig,
weil Frank sie gleich wieder hatte verlassen müssen,
und da man sich auf ein mehrtägiges heiteres Bei-
sammensein eingerichtet, auf eine viel Gutes ver-
sprechende Verlobung als Schluß desselben gehofft
hatte, erschienen die nächsten Stunden und Tage,
nun Alles anders gekommen war, sowohl Justinen
als Virginien leer und öde, die Unterhaltung stockte.
Es fehlte ihnen etwas. Polydor fehlte ihnen.
,,Es ist recht unangenehm!' hob Virginie endlich
an, nachdem sie eine Weile schweigend bei einander
gesessen.,Die Leute fragen mich, ob die Herren
morgen wieder kommen werden, ob Polydors Zimmer
offen bleiben oder verhängt werden sollen. Ich weiß
nicht, was ich antworten soll: Die Leute wissen nicht,
was sie denken sollen.?

- e J
==- LZs --
,Darüber mache Dir keine Sorge! Sie wissen
immer mehr als nöthig, und immer das Rechte.
Dolores, die sich einschließt, macht ihnen übrigens
diesmal die Lösung des Räthsels leicht.?
,,Sie hat mich garnicht gehört, als ich den e
Brief im Nebenzimmer auf den Tisch gelegt habe.
Sie war eingeschlafen wie ein Kind. Wenn man
nur wüßte, wie man's mit ihr machen soll; denn
aufgegeben haben sie es nicht, sonst bliebe Polydor
ja nicht bei uns. Frank hat Recht: aus der Kon-
venienzheirath wird ein Roman, weil Dolores ro-
mantisch ist.?
,Ich bin nicht romantisch, wie Du Dolores
nennst, obschon ich ja meinen Roman mit Frank
gehabt habe-- und wer hat nicht den seinen!'' sagte
Justine,,aber mir gefiel's, daß Polydor es frisch-
weg wagte; denn sich mit Leidenschaft umworben zu
finden, ist doch erfreulicher, als mit Trauer aufge-
geben zu werden. Nebereilung ist besser als Unent-
schlossenheit! Und er sah schön aus in seinem Feuer,
er hat mich gerührt. Mag's übrigens nun werden,
wie es will, die Poesie des ersten Augenblicks ist
dahin, und das thut mir leid für Beide; das vergißt
sich nicht. Nebenher- wo findet sie wieder einen
Bewerbev wie Polydor! Die Verbindung mit den
Joannus ist keine Kleinigkeit. In Petersburg, in
Venedig, in Konstantinopel festen verwandschaftlichen
Boden für sich zu finden, sollte meinem Lorenz schon
einmal gefallen.
Sie hatten Beide Dolores herzlich lieb, sorgten

sich Beide um sie und um ihr Glüc; indeß sie hatte
ihren Ansichten und Erwartungen nicht entsprochen, das A
trugen sie ihr nach; und sie täuschten sich doch über sie.
Dolores hatte nicht geschlafen, als die Schwester
ihr den Brief in das Zimmer gebracht. Nur die

==- LZß -
Augen hatte sie geschlossen, nichts hören, nichts sprechen
hatte sie wollen. Sie mußte sich besinnen auf das
Geschehene, auf sich- auf Alles! Und wer konnte
ihr dabei helfen? Zum ersten Male fühlte sie sich
auf sich selbst gestellt.
Als Virginie die Thüre hinter sich zugemacht
hatte, erhob sich Dolores, den Brief zu holen. Sie
war nicht im Zweifel darüber, von wem er ihr kam.
Es war kein langes Schreiben.
, Ich werde nicht mehr in Ihrer Nähe sein,
Mademoiselle,' hieß es in demselben, ,wenn Sie
dieses Blatt erhalten. Möchte bei Ihnen Glauben
finden, was es Ihnen sagen soll!
,Ich kam mit ruhigem Sinne in Ihr Vater-
haus und fand Sie in demselben. Um zu begreifen,
was mir damit geschehen ist, müßten Sie ich sein,
mein Leben hinter sich haben, sich mit meinen Augen
sehen, sich selbst erfassen können, wie ich Sie erfaßt
habe. Aus dem vorbedachten Wunsche mich zu ver-
heirathen, ist das liebende, sehnliche Verlangen nach
Ihnen, aus der Hoffnung, mir eine Häuslichkeit zu
gründen, die Gewißheit erwachsen, daß das Haus,
in welchem.Sie schalteten, mir zum Paradiese werden
würde.
,Sie können sagen, diese Gefühle, diese Erkennt-
niß seien mir sehr rasch gekommen, und - meinen
Worten deshalb nicht vertrauen. Empfindet man
denn nicht, daß die Sonne uns Licht und Leben ist,
sobald ihr erster Strahl uns berührt? Weiß man
nicht gleich, daß ohne sie Alles für uns in Dunkel-
heit versinkt?
,, Und um Ihnen Alles auszusprechen: Ihr
Bruder hat mir angedeutet, daß Sie unter einer ge-
täuschten, unerfüllbaren Hoffnung gelitten haben.
Wollen Sie mich deshalb zu dem gleichen Los ver-

==- Zgß=
dammen? Wollen Sie es mir mißgönnen, Sie jene
Erfahrung vergessen zu machen? Unter dem Himmel,
in dessen helles Licht ich Sie zu führen hoffe, vor
meiner Liebe wird der Schatten bald entweichen,
der über Sie gefallen ist; ich bin des sicher.
,Vertrauen Sie mir, ersehnte, angebetete Dolores!
Versagen Sie mir ein Glück nicht, das nur Sie mir
gewähren können; und mit welcher Wonne würde
ich mich den Ihren nennen!
Der Ihre Polydor.?
Er hatte den Brief mit Berechnung und mit
Neberwindung ruhiger gehalten, als er sich fühlte,
und er hatte damit seine Absicht erreicht. Dolores
hatte ihn mit Bangen zu lesen begonnen und mit
Rührung beendet. Daß Polydor von ihrer Liebe
für Eberhard wußte, daß er davon zu ihr sprach,
daß er sie trösten wollte, das brachte ihn ihr näher.
Sie mußte das noch einmal lesen: die Worte klangen
sanft und gut.
Aber wann hatte Frank ihm das gesagt? Hatte
Polydor es gewußt, daß sie Eberhard liebte, wie
hatte er denn mit solcher Leidenschaft auf sie ein-
stürmen können? Hatte er es damals nicht gewußt,
dann freilich konnte sie ihm keinen Vorwurf machen
aus seiner Zuversicht. Ein Mädchen, das freien
Herzens war, konnte einen Mann wie Polydor wohl
lieben, lieben auf den ersten Blick, wie er es that.
Daa Bild von der Sonne, das er brauchte, war
schön, es war auch richtig.
Sie las die Stelle wieder, die Worte Romeo's.:
rss ksir snn!r glitten über ihre Lippen.
,riss ksir sun!r Von Eberhards Mund hntte
sie sie zuerst vernommen, als man bei Justine das
Trauerspiel gelesen. Liebe ist ja so oft, so oft das

--- Zg --
Werk des Augenblicks. Wie hatte Romeo's Ausruf
sich in ihr Gedächtniß eingeprägt:
,liä mz beart ldre till nose? orsrosr it, sight!
or T ne'er san true besuutz til tbis night!r
Sie hörte die Verse noch mit dem Klang von
Eberhards voll und doch so sanft tönender Stimme.
Sie füihlte noch den frohen Blick, mit dem er sie
angesehen und der sie heiß gemacht vor Freude.
,,Wozu bin ich denn so schön,' rief sie mit einem
ächeln auf den Lippen, während ihr zugleich wieder
die Thränen in die Augen kamen, ,wenn ich ihn
damit nicht glücklich und Andere damit so unglücklich
machen soll, als ich es bin?- Es ist ja schon geng
an mir! Der arme Polydor! Wenn er mich doch
nicht liebte!r?
Ihr lautes Sprechen erschreckte sie. Sie fürchtete
sich in dem Zimmer trotz des hellen Tages. Sie
wollte zu den Anderen hinuntergehen. Wie sie jedoch
den Drücker der Thüre in der Hand hielt, drehte sie
wieder um. Sie trug Scheu vor dem, was Jene
sie fragen würden, wußte nicht, was sie ihnen sagen
sollte. Den Brief mußte sie ihnen doch zu lesen
geben, und was würden sie dann von ihr denken?
Sie wollte ja nicht damit prahlen, sie bildete sich
nichts darauf ein, sie war auch nicht übermüthig;
und doch würden viele Andere sehr glücklich gewesen
sein, in einem solchen Manne eine solche Liebe er-
weckt zu haben, und in Jtalien, in Venedig, in einem .
fütrstlichen Palast mit ihm leben zu sollen. Wenn
man nicht einen Andern liebte, war's ja ein beneidens-
werthes Los!- Los?-- Sie nahm den Brief
N Ee t
Lewald. Die Familie Darner. T.
1

---- LA --
noch nicht erprobt, wie all der Glanz und all die
Herrlichkeit nichts sind, wenn das Herz nicht mehr
dabei ist und das Auge nur nach dem sucht, der
nicht mehr kommt. Ihr konnte Niemand helfen und
sie konnte Polydor nicht helfen. Wäre nur Polydor
nicht gekommen, dann hätte sie die Pein nicht, hätte
nicht wieder so viel denken müssen an Eberhard!-
Warum liebte der sie nicht wie Polydor? Warum
war er so kalt, daß er überlegen wählen konnte?
Sie war ja schön! Polydor gab sich ihr zu eigen
ohne Neberlegen. Er hatte nicht Ahnen, aber einen
- freien Willen!-- Freien Willen! Und ohne den ist
ein Mann kein Mann!

,Gott verzeih mir!'r rief sie aus, in dem Gefühle,
sich an Eberhard versündigt zu haben mit dem Ge-
danken, den die Anderen oft genug vor ihr ausge-
sprochen hatten; und eilig den Brief in die Tasche
steckend, die sie unter dem Kleide trug, eilte sie die
- Treppe hinunter, sich selber zu entfliehen, Schutz vor
all dem Denken zu suchen bei den Ihren.
Der Vater kam eben in den Hof zurück. Der
Reitknecht eilte herbei, ihm das Pferd abzunehmen.
Justine und Virginie waren aufgestanden, den Vater
zu begrüßen. Sie ließen es unbeachtet, daß Dolores
herunter gekommen war. Es gingen Männer und
Frauen über den Hof, die von der Arbeit kamen.
,Ruf Er den Hofmann!'' gebot Darner noch
e mit dem Fuß im Bügel. Der war gerade zur Stelle
und trat auf den Befehl heran, die Mütze in der
Hand.
,Er hat wieder zu spät klopfen lassen! Es ist,
- gegen acht Ühr! Die Leute müßten längst zu Hause'
sein.?
,Gnädiger Herr!r hob der Hofmann in de-
müthigstem Tone an.

=- E =-
,Nichts da von gnädig!' fuhr Darner dazwischen.
,,Er hat Ordnung zu halten, weiter nichts!'?
,Ich habe um sieben Ühr selbst geklopft, Herr
Darner! Sie haben,s wohl verhört im Felde.?
,Das hat Er nicht! Ich hab's gehört, wie ge-
klopft worden ist, der Wind hat den Schall herüber
getragen, und also hätten es die Leute auch hören
müssen, wenn's zur befohlenen Zeit geschehen wäre,
und kämen nicht erst jetzt zurück. Bis sieben Ühr
haben sie bei der Arbeit zu bleiben, keine Viertel-
stunde länger, wenn's vorher nicht anders bedungen
ist, wie in der Ernte! Merk Er sich das! Geh' Er ?
Auf das laute Sprechen war auch der Verwalter
dazugekommen. Darner sah sich nicht nach ihm um.
Erst als der Reitknecht und der Hofmann sich ent-
fernt hatten, wendete er sich zu ihm. ,Sie sind auch
lässig in der Aufsicht! sagte er; ,Sie können die
aulten Zeiten nicht vergessen! Wollen Sie die Leute
aufsässig machen, oder was denken Sie zu thun,
wenn die Leute nach eignem Ermessen von der Arbeit
fortgehen? Sie fordern, was wir nicht zu fordern
haben!-- Da ich nicht immer hier sein kann, muß
ich mich auf Sie verlassen können- unbedingt,
unbedingt! Ich bitte, sich das zu merken. Morgen
müssen Sie früh in die Stadt. Ich will eine große,
weitklingekde Glocke angebracht haben oben an der
Westseite an der neuen Scheune, damit von Nicht-
hören keine Rede mehr sein kann. Finden Sie sie
nicht bei dem Eisenhändler, so schicke ich sie von
Königsberg. Ich gehe auf ein paar Tage hinein.
Guten Abend !?
Er trat danach in sein der Thüre zunächst ge-
legenes Zimmer und kehrte dann, nachdem er, wie
immer, schnell den Reitanzug mit einem andern ver-
tauscht, mit heiterer Stirne zu den Seinen zurück.
z

=- I--
,Nun,' fragte er, ,welch ein neues Meisterstück
hat Lorenz denn heut verübt, denn irgend etwas wird
doch von dem Monsieur zu melden sein??
, Und heute etwas ganz Besonderes !'' versicherte
Justine. ,Als wir ihn auf seiner Decke auf der
Erde liegen hatten, wie Sie es wollen, damit er wie
die Kinder aus dem Volk seine Glieder brauchen
lernt, hat er sich mal auf mal auf seine rechte Hand
gestütt, um sich aufzurichten- und =-?
, Und? fragte der Großvater.
,,Er hat's zu Stande gebracht!'r versicherte
Justine stolz.
Virginie meinte, er sei aber gleich wieder um-
gefallen. Der Vater erklärte sich trotzdem mit dem
Versuch zufrieden; denn aller Anfang sei schwer. ,Und
Du, Dolores,'' fragte er, ,warst Du auch dabei??
,Nein, ich war oben, bis ich Sie komnennhörte!
antwortete sie, eines weiteren Fragens gewärtig.
Indeß weder der Vater noch die Anderen ließen sich
darauf ein. Von den gleichgültigsten Dingen war
die Rede; von Frank, von Polydor mit keiner Silbe.
Es schnürte Dolores das Herz zusammen. Als sie
beim Abendessen saßen, hielt sie es nicht länger aus.
,Nun werden sie auf halbem Wege sein!'r sagte
sie plötlich.
Der Vater zog die Ühr hervor. ,Noch nicht,r?
entgegnete er. ,Sie sind erst nach sechs Ühr aufge-
brochen. Jetzt ist's neun. Vor ein Uhr werden sie
nicht zu Hause sein. Unter sechs Stunden machen
sie es nicht.?
,Erst neun Uhr? wiederholte Dolores.
,Dir ist die Zeit wohl oben lang geworden??
fragte Justine.
g
Sie antwortete nicht darauf. Um ein Uhr waren
sie gekommen, das war nun acht Stunden her; und


e -
= I4H -
was hatte sie Alles erlebt, gedacht in den acht
Stunden! Sie kam sich um viele Jahre älter als
am Morgen vor, und verlassen und unglücklich oben-
ein. Es war ihr ja so gleichgültig, was der Vater
von den Nachrichten erzählte, die heute in der von
Frank mit herausgebrachten Zeitung gestanden hatten.
Was kümmerte es sie, daß Joseph Bonaparte König
von Spanien und Indien, daß Murat König von
Neapel war, daß die Spanier sich empört hatten,
daß die Engländer sie unterstützten, daß man hier
im Norden auf Frieden hoffte, weil Napoleon dort
zu thun hatte. Sie sollte ja hier nicht bleiben. Sie
sollte fort in den Süden, wo er herrschte! Und ohne
den Vater, ohne Virginie, ganz allein! nach einer
Stadt, in der kein Wiedersehen des Geliebten möglich
war.-- Dachten sie denn daran nicht, hatte Niemand
Mitleid mit ihr?=- Schon jetzt, schon heute kam sie
sich mie in der Fremde, wie unter lauter Fremden
vor! Sie war froh, als das Abendbrod vorbei
war, der Vater seine Eigarre geraucht hatte und man
sich trennte.
Oben in ihrem Zimmer warf sie sich der Schwester
um den Hals. ,Sprich mit mir! flehte sie. ,Hab'
ich denn Unrecht gethan? Sagt es mir! Sag' Du
mir, was soll ich denn thun?=- Und nun sie das
Band der Zunge einmal gelöst, strömte sie in rascher
Rede Alles aus, was ihr durch den Sinn und durch
das Herz gegangen war. Selbst den Vorwurf gegen
den Geliebten, der in ihr wach geworden war, hielt
sie vor der Schwester nicht zurück.
Sie saßen auf dem Sopha, Virginie hatte den
Arm um sie geschlungen, der Schwester Kopf ruhte
an ihrer Schulter. ,Was soll' ich Dir denn sagen??
sprach sie zärtlich. ,Ich hab' Dir ja Alles, Alles
klar gemacht, neulich, den Nachmittag, noch in der

=- IG ---
Stadt! Wenn ich daran denke, daß Du fortgehen
wirst, daß ich allein bleiben werde -? Sie fing
auch zu weinen an, und das befreite Dolores von
ihrer Herzensangst.
Virginie nahm sich nach ihrer Gewohnheit aber
bald zusammen. ,Man muß nicht weichlich an sich
denken!' mahnte sie, ,und für Eberhard, so hart es
ihn ankommen mag, wird's auch das Beste sein.?
,Für Eberhard, das Beste?
,ka, denn Eberhard muß doch heirathen des
Majorates wegen! Und so lange Du da und frei
bist und zu haben wärest ohne seine Untergebenheit
unter sein Majorat-- würde er's hinausschieben.
Für ihn wäre es gewiß auch das Beste, wärest Du
nicht mehr frei. Was hilft's denn, wenn Du hier
schmachtest und er dort? Gehst Du, so kommt er
auch zur Ruhe; und Polydor ist doch kein Oger und
Venedig nicht die Hölle! Daß Du heirathen mußt,
das weißt Du, und Polydor liebt Dich! Wie glücklich
ist Justine in der Liebe Franks und mit dem Lorenz!
Und der Vater, das ist die Hauptsache, der Vater
hat es so bestimmt.- Aber wir sollten heute davon
gar nicht mit Dir sprechen!- Komm, ich will Dir
, Dein Haar aufflechten! Noch sind wir ja hier!r
Sie fielen sich Beide um den Hals. Virginie
küßte das schöne Haar der Schwester, während sie
es durch ihre Hände gleiten ließ, es ihr weich ums
Haupt zu winden für die Nacht. Dann legten sie
sich Beide nieder.
Doch Virginiens Ausspruch: ,Gehst Du, so
kommt er auch zur Ruhe!'' hielt Dolores lange wach.

Kapitel 28

-- LF?--
Achtundzwanzigstes ===p--s
IAfik-
Das schöne Wetter hatte lange angehalten. Es
kam in der Nacht ein Gewitter und regnete den ganzen
folgenden Tag.
, Frank und Polydor haben uns den Sonnen-
schein mit fortgenommen,' bemerkte Justine, als man
am Morgen beisammen war. ,Ich hoffe, sie kommen
bald und bringen ihn uns wieder!?
,Zunächst werde ich übermorgen nach Königsberg
fahren, wie ich dem Verwalter gestern schon gesagt,''
erinnerte der Vater.
Justine wollte wissen, ob er lange fortzubleiben
denke. ,Nur über den Monatsabschluß,'' antwortete
er; ,daß ich Dir Deinen Mann mitbringe, bezweifle
ich jedoch. Er muß ja unserem Gaste jetzt die
---- -- - -
Honneurs machen, und das wird ihn in Rckstand
bringen.?
,.Was sie nur vornehmen werden, er und Poly-
dor? meinte Justine, und nun die Rede einmal auf
diesen gekommen war, blieb die Unterhältung mit
ihm beschäftigt. Von seinen Eltern sprach man, von
seinem Bruder, der sich neuerdings mit der Tochter
eines französischen Generalkonsuls in Smyrna ver-
heirathet hatte. Virginie bewunderte, wie vollkommen
er des Deutschen määchtig sei. Der Vater sagte,
Polydors Mutter sei eine Deutsch-Russin, eine schöne
Erbe; sein Aeußeres danke er dem Vater, dem er
völlig gleiche. Man redete von ihm, wie man im
guten Sinne von einem gern gesehenen Gast redet,
der das Haus besucht und verlassen hat. Von einer
Wiederkehr erwähnte Niemand etwas, aber Dolores
fühlte, daß Jeder sie als Feststehendes betrachtete,

-=- Is--
und sie konnte sich nicht erklären, was dabei in ihr
vorging.
Es war still' in ihr geworden. War es Er-
müdung, war es Ergebung? Sie wußte es nicht.
Besser als der Kampf des gestrigen Tages war es
immer; und wenn Eberhard gelitten, gerungen hatte
wie sie, wenn es still in ihm werden konnte, wie es
heute in ihr war, wie hatte sie ihm das zu wünschen!
Sie konnte es mit Gelassenheit anhören, was man
Gutes rühmte an Polydor. Sie hatte das selbst ge-
funden und erkannt, ehe er ihr seine Liebeserklärung
gemacht hatte. Wenn sie Eberhard befreien, Polydor
beglücken, des Vaters Willen thun konnte, was kam
es da auf sie an? Glltck gab's ja doch für sie nicht
auf der Welt; und wenn sie auch nicht glücklich war,
es ging doch Alles seinen Weg.
Draußen regnete es immer gelassen fort, in
dichten feinen Tropfen. Der Himmel grau, grau
und unbewegt das Wasser, Luft und Meer in eins
verschwimmend und Alles still, im Hause sowie
draußen.
Sie saßen in den verschiedenen Stuben,. sie thaten
Jeder das Seine, wie an jedem Tage. Der Vater
blieb bis zum Mittage für sich wie immer. Justine
machte sich mit dem Lorenz viel zu schaffen. Die
Leute kamen vom Felde, gingen wieder an die Arbeit,
trotz des Regens, heute wie alle Tage - als ob
gestern nichts, gar nichts geschehen wäre. Bald nach
dem Essen fuhr der Inspektor in den Hof. Er brachte
die Glocke mit. Der Vater nahm sie in Augenschein,
man lüeß sie klingen. Der Zimmermann wurde ge-
rufen, der das Gerüst dafür bauen sollte.
Darüber kam der Abend heran, die Sonne sank
unter schwerem Gewölk. Dann stieg ein Wind auf,
die Wolken zogen vorüber; es war von Sternen
-

f
== Zg
hell, als man sich vom Tisch erhob. Die Fenster
wurden alle geöffnet. Das erste Viertel des Mondes
stand am Himmel, so hell, so leuchtend! -,Als ob
Alles, Alles gut wäre!' rief es in Dolores' Herzen,
und die Thränen zurückdrängend, die ihr in die
Augen traten, eilte sie plötzlich davon.
Virginie, die den ganzen Tag keinen Blick von
ihr gelassen hatte, wollte ihr folgen. Der Vater hielt
sie mit einem Wink davon zurück. Neber eine be-
schlossene Sache wurde nicht mehr gesprochen, und daß
es eine beschlossene Sache war, das wußten sie.
,,Dolores muß sich doch am Ende auch ergeben
in die glänzende Zukunft, die sich vor ihr aufthut!'r
scherzte Justine. ,Es werden sie Viele darum be-
neiden. Mein Gott, das alte Schloß in Waldritten
mag sehr romantisch sein, aber der Palazzo Ferra-
monte ist es wahrhaftig doch nicht minder; es hat
sie ja auch Niemand gebeten, von Waldritten Besitz
zu nehmen. Zu sentimental, zu überschwänglich muß
der Mensch nicht sein!
Virginie konnte dem nicht widersprechen, und als
im Alleinsein mit ihr Dolores wieder von ihrem
Liebeskummer, von der ihr zugedachten Verbindung
zu reden anhob, wies sie dieselbe mit den Worten
der Schwägerin zurück.
So blieb es auch den ganzen nächsten Tag. Am
Abende rief zum ersten Mal die neue Glocke die
Leute von der Arbeit in das Dorf und in den Hof
zurück. Darner sah es mit Vergnügen, wie Lorenz,
achtsam horchend, den hellen Klang verfolgte und mit
den großen dunklen Augen suchte, und wie die Leute
heimkehrten zur rechten Zeit. Dann sagte er, da sie
Alle im Zimmer beieinander waren, zu Justine:
,Nimm den Lorenz fort, laß mich mit Dolores
allein!'?

-=- L50 --
Sie gehorchten. ,Komm, Dolores, setze Dich zu
mir l'' bedeutete er sie, nachdem er seinen gewohnten
Platz am Fenster eingenommen, von dem aus man
den Hof und hinaussehen konnte nach der See; ,ich
will mit Dir sprechen, da ich Dich füür verständig
halte. Du weißt, um was es sich handelt, Du weißt,
daß Euer Glück mir am Herzen liegt, und hast, so
jung Du bist, die Erfahrung in unserm Hause ge-
macht, daß Alles, was ich für Euch gethan, das Rich-
tige gewesen ist. Ich habe also zu verlangen, daß
Du mir vertraust, und ich verlange es auch.?
,Meinen Sie, Polydor?' fragte sie mit beben-
der Stimme, die Augen bang auf den Vater gerichtet.
,Ich spreche nicht mit Dir,' entgegnete er, ,von
den Gründen, die mich dazu bestimmt haben, meinem
Freunde Deine Hand, die Hand meiner erstgeborenen
Tochter, seinem ältesten Sohne zuzusagen; das ist
allein meine Sache! Ich mache Dich nur darauf auf-
merksam, daß es für ein Mädchen nichts Kleines ist,
das Wohlgefallen, wir wollen einfach sagen, die Liebe
eines schönen, in jedem Betrachte ausgezeichneten
Mannes, in dem Grade zu erwecken, daß er darüber
die hergebrachte Form vergißt, die er doch, wie Du
selbst bemerkt hast, in hohem Grade besitzt. Weil er
es wußte, daß Du ihm bestimmt bist, glaubte er auch
Dich davon unterrichtet, und das entschuldigt ihn,
wenn's Deiner Eitelkeit nicht doch geschmeichelt hat,
wie er Dir huldigte. Ich habe Dir von der Heirath
nicht sprechen wollen, ehe Du den Mann gesehen, den
ich Dir bestimmt; ich habe Dir jettt Zeit gelassen,
Dich an den Gedanken zu gewömnen, daß Du uns
verlassen wirst. Ich gehe morgen in die Stadt, um
meine unterbrochene Bekanntschaft mit Polydor fort-
zusetzen; sicher, daß er die Anerkennung verdient,
welche Dein Bruder ihm zollt. In ein paar Tagen



51--
kehre ich mit ihm hierher,zurück und ich rechne darauf,
daß Du ihm dann mit der Zuversicht begegnest,
welche der Mann, den ich für Dich gewählt und der
Dir seine Hand, seinen Namen und eine ausgezeichnete
Stellung bietet, von Dir zu fordern hat. ?
,Vater!' sagte sie, gleich bei dem ersten Worte
stockend.
,,Nun, was hast Du zu erwidern??
,Vater, Sie wissen ja Alles, kann ich es denn?
,Laß die Thorheit! Du kannst es nicht nr,
sondern Du hast Dich meinem Willen zu fügen, weil
ich das Rechte, das Gehörige von Dir verlange. Mit
Deinen sentimentalen Einbildungen Nachsicht zu haben,
wäre: ein Unrecht gegen Dich. ?
,Aber es wird mir so schwer! Es kommt mir
wie -?
Er ließ sie nicht vollenden, und sie streng an-
blickend, sprach er:
,Nichts mehr davon! Oder war es eine Redens-
art, als Du mir sagtest, Du wolltest gut machen,
was Deine Mutter mir zu leid gethan?=- Die Ge-
legenheit ist da. Mache Dein Wort wahr, spiele nicht
länger die ungehörige Rolle einer Romanprinzeß. Du
bist mein Kind, bist eine Darner, und eine Darner
respektirt sich und hält ihr Wort!'?
Alles Blut war aus ihren Wangen gewichen.
Sie hob die Augen langsam zu ihm empor und reichte
ihm die Hand.,Sagen Sie's ihm denn !'' sprach sie
mit einem Tone, der,in seiner Bestimmtheit fremd an
ihres Vaters Ohr klang; aber laut weinend schluchzte
sie im nächsten Augenblicke:,Daß ich fort soll von
Ihnen, von Virginie -
,Das muß jedes Mädchen, wenn es sich oer-
heirathet, das wirst Du verschmerzen im eigenen Hause

Kapitel 29

b-- LHZ -
an eines Mannes Seite, der, Dich liebt! Und nun
gehe zu den Anderen und erzähle es ihnen. Ich will
morgen in aller Frühe fort, und habe mit dem Ver-
walter noch zu reden. Geh, mein Kind !?
Meunundzwanzigstes Kaptlell
Frank und Polydor saßen bei dem Gabelfrühstück,
als Darner früher, als man es erwartet, ankam.
Der Sohn eilte die Treppe hinunter, ihn zu empfangen;
Polydor ging mit ihm, blieb aber auf halbem Wege
stehen, und entschloß sich dann nach kurzem Zögern,
dem Freunde zu folgen.
Sein Mißempfinden hatte sich seit der Entfernung
von Strandwiek gesteigert. Trotz seines freundlichen
Verkehrs mit Frank war ihm der Gedanke nahe ge-
treten, daß er den Spieß nur umzukehren brauche,
um sich nicht nur mit allen Ehren zuxückhuziehen,
sondern Darner zu vergelten, was dieser ihm gethan.
Er brauchte nur zu sagen, das Mädchen, die Ver-
hältnisse der Familie hätten ihm nicht gefallen, die
ihm Zugedachte habe einen andern Liebeshandel im
Sinne gehabt. Wer konnte es ihm verargen, wenn
er abbrach? Wie Darner sich Herr der Sachlage
fühlte, that Polydor dies ebenso.
Aber Dolores war schön, eine schönere Frau,
eine, die ihm begehrenswerther schien, konnte er schwer-
lich finden. Frank war ihm werth, die Häuslichkeit
Darners hatte ihm behagt, die Geschäftsverbindung
der beiden Häuser war feststehend zu erhalten. Er
hatte es gar nicht nöthig, abzubrechen, denn - und

s
s
-- Z -
darin irrte er sich nicht-- Darner mußte das Alles
ebenfalls erwogen haben. Es lag in ihrem beider-
seitigen Interesse, daß die Angelegenheit zu Stande
kam; und am Ende war er doch Polydor!.
,Sie treffen mich noch als Ihren Gast,'' sagte
er mit der ihm eigenthümlichen glatten Freundlichkeit,
als er und der Hausherr einander in der Hausflur
gegenüberstanden.
, In der Gewißheit kam ich her,' entgegnete
ihm Darner. ,Der kleine Abstecher, den Sie zu
machen gehabt, hat Sie hoffentlich nicht gereut. Also
willkommen auch in diesem meinem Hause!'
Man saß gleich darauf wieder gemeinsam an
der kleinen Tafel. Frank fragte nach den Seinen,
der Vater gab Bescheid.
,, Und mir,'' erkundigte sich Polydor,, mir bringen
Sie nichts?
, Ein wenig Geduld, mein Freund !' entgegnete
ihm Darner. ,Die Saat ist gestreut, lassen wir ihr
eine kurze Frist zum Aufgehen. Wir sprechen bald -
mehr davon.- Waren Sie an der Börse??
Polydor, mit der erhaltenen Antwort zufrieden,
verneinte die Frage. ,So beglsiten Sie heute mich
und meinen Sohn dahin!' schkug ihm Darner vor.
Er war dazu bereit, und da die Börsenstunde ge-
kommen war, ging man, sie einzuhalten.
,Mit den russischen Branntweinpachtungen ist es
nichts,? sagte Frank, als man schon unterwegs war,
und Polydor erörterte mit kluger Einsicht, wie die
Sache sich in diesem Augenblicke nicht habe realisiren
können, wie aber die Regierung, er wisse das aus
bester Qtelle, sicher früher oder später darauf zurück
kommen und sie zur Ausführung bringen werde.
,Inzwischen,' sagte er, ,tritt, wie ich von Ihrem
Sohne hörte, ein anderes Pachtgeschäft hier bei Ihnen

- s
-- ZHT --
in Preußen in den Vordergrund, das uns näher an-
geht, obschon wir als Ausländer dabei nicht persönlich
konkurriren können.?
,,Und das wäre? erkundigte sich Darner.
,Sie erinnern sich,'? fiel Frank ein, ,daß im
nächsten Jahre die Bernsteinpacht für die bisherigen
Pächter abläuft. Die Pächter waren kleine Leute,
hatten kleine Parzellen des Strandes in Pacht,
zahlten einen Spottpreis und sind alle natürlich
vermögend dabei geworden. Jetzt will die Regierung
den ganzen Strand fürs Bernsteinfischen und fürs
Graben einem einzigen Pächter, allerdings zu einem
mehr als dreifach so hohen Preise, auf eine Reihe
von Jahren überantworten. Sie will keine Theilung,
will es mit keinen Unterpächtern zu thun haben, und
,eee üao gouor, bewte Dane.,eu i
verlangt dann auch natürlich eine Kaution, die ins
Gewicht fällt. ?
darauf Reflektanten hier am Orte?
Sie traten in dem Augenblicke durch die Mittel-
thüre der Börse in dieselbe hinein, gleichzeitig mit
ihnen Kollmann und sein Sohn.
,Eben sie!' sagte Frank, während die Männer
einander mit der Förmlichkeit begrüßten, die seit
ihrem Zerwürfniß üblich zwischen ihnen geworden
war; und kaum hatte der Vater des Sohnes Wort
vernommen, so trat er Kollmann in den Weg, und
sich gegen ihn verneigend, sagte er:
,.Einen Augenblick, wenn ich bitten darf! Er-
lauben Sie mir, daß ich Ihnen den Sohn von
Philippos Joannu, Herrn Polydor Joannu, den
Chef der venetianischen Kommandite vorstelle: Herr
Konrad Samuel Kollmann - Herr Polydor Joannu,
Lc- =- = =

-=- LIJ ---
Beide Kollmanns wußten nicht, was das be-
deuten solle. Es war seit dem Todestag pon Koll-
manns Frau kein Wort gewechselt worden zwischen
Konrad Kollmann und Lorenz Darner; allein sich
gegen einen Dritten, gegen den Sohn von Philippos
Joannu unhöflich abweisend zu verhalten, weil man
mit dem Manne auseinander war, der ihn vorstellte,
war nicht angemessen.
Die gewöhnlichen Begrüßüngsfornen, wurden
also von beiden Seiten gewechselt. Darner entfernte
sich sofort, und schnell übersehend, was diesen, zu der
Vorstellung veranlaßt haben konnte, sagte Polydor,
er habe soeben von dem Generalkonsul Darner ver-
nommen, daß das Haus Kollmann in die neue Bern-
steinpacht einzutreten denke. Das interessire ihn,
wenn auch nicht für ihn selber, so doch für seinen
Bruder, dessen Haus, wie Kollmenu wissen werde,
in Konstantinopel den Bernsteinhandel nach Asien in
Händen habe und dort den Markt beherrsche.
Kollmann wußte das sehr wohl, aber er sah
John, John sah ihn an. Sie konnten sich das Ver-
halten Darners nicht erklären.
,Sie haben die Kollmanns überrascht!'' sagte
Frank, nachdem er und der Vater aus ihrem Be-
reiche waren.
,Ich sehe, wenn ich es nicht ohnehin wüßte, an
den verschiedenen herumtastenden Unternehmungs-
planen von Kollmann, daß er nicht mehr, auf festem
Boden steht. Eine der ältesten Firmen fallen zu
lassen, ist nicht vortheilhaft für einen Plaz.?
,Denken Sie ihm die Hand zu bieten??
,Indirekt! Die Joannu's können ihn bei der
Kaution subveniren, falls es ihm schwer fallen sollte,
ein solches Kapital aus dem Geschäft zu ziehen.
Das bindet sie nach unserer Seite, und Alexgnder

==- LHs --
Joannu hat natürlich Vortheil davon, in der Pacht
stillschweigend zu partizipiren.?
,Naturlich! bekräftigte der Sohn. ,Für Koll-
mann wär's von höchstem Werthe und für die Joan-
nus bequem l?
,, Kollmann war seiner Zeit mir auch bequem l?
entgegnete der Vater kurz, ,und da wir ihn in
keiner Weise brauchen, kann man ihm dienen, ohne
sich etwas zu vergeben !'r Damit trennten sie sich.
Frank gesellte sich zu Joannu, stellte diesen noch
einigen anderen Personen, namentlich - den Konsuln
der vexschiedenen Länder vor; aber obschon um des s
Ultimo willen der Verkehr an der Börse ein leb-
hafter war, hatte man es doch bemerkt, daß Darner
mit Kollmann gesprochen, daß er ihm Joannu zuerst
vorgestellt hatte, von dessen Anwesenheit in Königs-
berg, wie von dessen Besuch in Strandwiek, man
bereits unterrichtet war und über die man sich in
allerlei Deutungen ergangen.
Der alte Makler, welcher seiner Zeit der erste
gewesen, mit Kollmann über den Verkauf des Will-
berg'schen Hauses an Lorenz Darner zu sprechen, und
dessen Neugier in den Jahren sich so wenig als seine
zudringliche Redseligkeit vermindert hatten, wagte sich
an ihn mit der Frage heran, ob man gratuliren dürfe?
,,Wem, wozu ? erwiderte Darner, und ohne die
Antwort abzuwarten, wendete er sich zu dem Agenten,
der die Geschäfte der königlichen Bank vertrat, so
weit sie an der Börse abzumachen waren, und erkun-
digte sich, ob man Weiteres erfahren habe.
,, Ihre Wiener Nachrichten stimmen mit den
unseren überein!r sagte der Agent. ,Napoleon und
Alexgnder werden zusammenkommen, trotz des Auf-
standes in Spanien. Was man davon erwartet, be-
weisen die Rüstungen in Desterreich.?

b=- IH? -
,Ich war gewiß, daß ich Sie neulich richtig
avisirte, denn Arnstein und Eskeles sind immer gut
informirt!'r meinte Darner; ,und wenn man hier
auch, so lange die Franzosen noch im Lande und in
Berlin sind, an Häänden und Füßen gebunden ist--
der Minister Stein ist wieder da - und neben dem
andern, das sich in der Finanzverwaltung vollzogen
hat, ist die geplante Veräußerung der königlichen
Domainen auch vielbedeutend. Wie in Wien will
man sich auch hier für alle Eventualitäten decken.?
,Darnach operiren wir auch!''' entgegnete der
Agent, ohne daß einer von Beiden die Ereignisse,
an welche man dachte, bezeichnet hätte. Dritte Per-
sonen traten dazwischen. Es war der unruhige
Verkehr der Sommerzeit an der Börse. Polnische
Gutsbesitzer, zum Theil noch in der alten Starosten-
tracht, tauchten zwischen der ansässigen Kaufmannschaft
auf. Kapitäne von den großen Seefahrern, die Zu-
tritt hatten, kamen und gingen., Draußen trieben
Schaaren von polnischen Juden ihr Gewerbe. Sie
machten die Zwischenhändler des ganzen polnischen
und russischen Produktenhandels. - Fremde und doch
den Königsbergern vertraute Erscheinungen, bewegten
sie sich mit ihren langen Bärten, ihren assgrischen
Seitenlocken, die pelzverbrämten spitzen Sammet-
mühen trotz der Sommerhitze auf dem Kopfe, in ihren
hängenden schwarzen Kaftans ruhelos durcheinander,
lebhaft gestikulirend und in dem Kauderwelsch ihrer
Mischsprache weithin vernehmbar; von Allen gering-
schätzig behandelt, von Allen benutzt und gebraucht.
Um ein Ühr, als die Börse geschlossen ward
und man sich im Hinausgehen nahe berührte, kam
Darner mit Frank und Polydor wieder dicht an den
Kollmanns vorüber.
Lewald. Die Famiie Darner. K.

=- ZHs -
,,Sie werden ihm wohl ein Wort sagen müssen,
Vater!f erinnerte der Sohn.
Kollmanns Gesicht verdüsterte sich. ,Mach! Du
es ab mit ihrem Generalkonsullr antwortete der
Vater und ging mit tief gezogenem Hute an jenen
vorüber. John schloß sich den Darners an, indem
er sich bei Polydor erkundigte, wie lange er noch in
Königsberg zu verweilen gedenke. Das sei ungewiß,
erhielt er zur Antwort. Frank meinte, so bald ließen
sie jhn nicht wieber fort, und da sie während dessen
- ins Freie hinausgekommen waren, sagte John:
, Sie erlauben, daß ich Sie begleite?=- Frank
verneigte sich höflich zustimmend. So gingen sie zu
Vieren fort.
,,John Kollmann mit den Darners, was bedeutet
das?? sagte Der und sagte Jener; und Der und Jener
machten sich mit dem Spürsinn, der in allen ge-
schlossenen Gemeinschaften herrscht, und die Königs-
berger wie alle ayderen Börsen war eine solche, ihre
Gedanken darüber und knüpften ihre Vermuthungen
daran.
,Für Kollmann ist's kein Nachtheil!'r bemerkte
Konsul Armfield.
,Vielleicht hat er den ersten Schritt dazu gethan??
meinte ein Anderer.
,So sah's nicht aus !' sagte der Konsul, ,denn
Kollmann war ebenso wie John betroffen.?
,DDarner ist wieder überall. dabei!r hob ein
Dritter hervor. ,Die Kabinetsräthe und selbst der
Minister Stein,' setzte er hinzu, ,haben ihn vor
einigen Wochen auch wieder durch den Bankdirektor
in einem Konvertirungsprojekt berathen, das freilich
nicht zu Stande gekommen ist. ?
,Sie sollten ihn nur lieber gleich zum Finanz-
minister machen!''

==- 59 -
, Wenn er von Adel wäre, fertig bringen würd'
er's! und höher könnte er den Kopf nicht tragen.
Wenn man übrigens bedenkt, daß ihn vor fünf
Jahren Niemand kannte, daß er erst seit fünf Jahren
hier am Platze arbeitet=-
,,Schaden hat hier Niemand von ihm gehabt!''
unterbrach ihn Konsul Armfield, ,und er hat viel
gethan in der schweren Zeit. Das muß man an-
erkennen.?
,Vielleicht adeln sie ihn noch??
, In Wien haben sie ja sogar jüdische Bankiers
geadelt!'' scherzte der Erste.
Der Konsul schüttelte den Kopf. ,Er ist sich
auch ohne das genuug!''
Während die Leute sich in solcher Weise mit
Darner und seinem Thun beschäftigten, war er mit
seinen drei jüngeren Begleitern an die Ecke der
Straße gelangt, an welcher die Wege nach seinem
und nach dem Kollmann'schen Hause sich trennten,
und es siel Darner ein, wie er eben an dieser Stelle
damals von Kollmann Justinens Hand für Frank
gefordert hatte. Die Werbung war ihnen Allen zum
Heil ausgeschlagen. Er hielt sich gewiß, daß es mit der
Heirath von Dolores dasselbe sein werde; denn Polydor
gefiel ihm; und die Vortheil versprechende Kombination,
welche sein Vorgehen gegen Kollmann veranlaßt
hatte, beschäftigte ihn gleichfalls angenehm. Er war
gut aufgelegt.
John, der die geforderte Gefälligkeit erweisen,
nicht aber sich den Darners gegenüüber zu beflissen
zeigen wollte, obschon ihm die Anknüpfung sehr will-
kommen war, empfahl sich den Anderen mit der Be-
merkung, daß es ihm ein Vergnügen sei, Polydor
kennen gelernt zu haben. Polydor entgegnete, er
werde nicht ermangeln, den Herren sein Kompliment
z

-=- Iß0 -
zu machen, und Darner sagte, Herr John Kollmann
wisse ja auch, wo er Polydor zu finden habe.
Er werde nicht verfehlen, entgegnete John mit
höflicher Verneigung. Damit war es abgethan.
,Sie haben Justine, ich weiß es, eine Freude
gemacht,? versicherte Frank seinem Vater.
,Ein Luxus, den man sich jett gestatten kann,?
antwortete dieser mit einem Lächeln, und erging sich
dann gegen den Gast wie gegen seinen Sohn in
kluger und kurzer Erwägung der Vortheile, welche
für Alexgnder Joannu wie für die Kollmanns daraus
erwachsen konnten, wenn man diesen Letzteren, falls
sie des bedürften, zur Erlangung der Bernsteinpach-
tung behilflich wäre, da sie bei überdachter, einheit-
licher Benutzung einen weit bedeutenderen Ertrag als
den bisherigen zu bieten verspreche. Man verständigte
sich darüber leicht, Frank erhielt den Auftrag, die
näheren Erkundigungen einzuziehen. Der Tag ver-
ging angenehm; am Abende, als Darner den Vor-
schlag gemacht, das Theater zu besuchen, da es
regnerisch geworden, erklärte Frank, daß er nicht
dabei sein könne, da er in den wissenschaftlichen Verein
zu gehen habe.
Der Verein hatte seit der Rückkehr des Hofes
nach Königsberg bedeutend an Mitgliedern gewonnen,
und je unerträglicher die napoleonische Gewaltherr-
schaft auf dem Lande lastete, je tiefer man die Herab-
würdigung des preußischen Königshauses empfand,
um so mehr war der Gedanke, daß dies nicht so bleiben,
daß Preußen wieder auferstehen und zu seiner alten
Macht erhoben werden müsse, in der Seele aller
seiner Theilnehmer zu einer Glaubenssache, zu ihrer
Religion geworden. Die spanische Erhebung belebte
die Hoffnung auf Erfolg.
Volksbildung, Volkskraft, Volksgeist-- die Worte

= 26--
waren in aller Munde. Es galt, Hand anzulegen
überall. Sich selber hatte man brauchbar für den
Kampf zu machen, zu dem es doch endlich kommen
mußte; und die männliche Jugend hatte, man von
Kindesbeinen an für den Zweck zu erziehen. Eber-
hard, Frank und der Hauptmann gehörten zu den
eifrigsten Mitgliedern des Vereins. Darner war nicht
eingetreten in denselben, aber er billigte und verfolgte
dessen Zwecke. Er war der ersten Einer gewesen, der
auf seine Kosten eine Schule in Strandwiek errichtet,
auf deren Besuch er strenge hielt. Eberhard hatte,
gleich Andern, trotz seiner beschränkten Mitteln das
Nämliche gethan; und seit man dahin gekommen
war, sich selber im Gebrauch der Waffen zu üben,
soferne man deren nicht mächtig gewesen war, ver-
handelte man in dem Verein darüber, wie es zu
machen sei, durch Einexerziren der Jugend auf dem
Lande wie in der Stadt, dem von Scharnhorst be-
gründeten Krümpersystem zu Hülfe zu kommen, indem
man vorgebildete Leute in die Regimenter stellte, die
also bald wieder entlassen, durch neue ersetzt, im be-
trrffenden Augenblicke eine Truppe, eine Ergänzung
des preußischen Heeres werden konnten, das nach dem
Befehl Napoleons gegenwärtig die Zahl von vierzig-
tausend Mann nicht überschreiten durfte. Man hatte
dabei vor Allem den Argwohn der französischen Spione
nicht zu wecken, von denen man sich umgeben wußte,
um der Regierung durch jene Maßnahmen keine
Verlegenheiten zu bereiten.
Eberhard, der es zugesagt hatte, an dem Abende
einige mit Gutsbesitzern und Geistlichen berathene,
darauf zielende Vorschläge zu machen und darnach
einen Vortrag über die Erhebung der Niederlande
zu halten, hatte sich am Morgen abmelden lassen.
Es war ein Professor, der Philosophie für ihn ein-

=- AßZ -
getreten, der seinen Vortrag über die Freiheit des
Willens eben beendet hatte, als Frank in der Thüre,
welche in das Nebenzimmer führte, Eberhard erblickte.
Da Frank viel unterwegs, Eberhard, so oft es
für ihn möglich, in Waldritten gewesen war, hatten
sie einander lange nicht getroffen, und bemerkend,
daß der Baron ganz schwarz gekleidet war, ging Frank
ihn mit der Frage an:
,Du bist in Trauer, ist Dir Jemand gestorben??
,,Meine Großtante, die Gräfin Elmenreich, ist
gestern in der Frühe hingegangen,' sagte er.
,Trifft der Verlust Dich schwer?
,, Ich trage freundliche Jugenderinnerungen mit
ihr zu Grabe - und doch ist das nicht wahr im
Grunde, denn diese Erinnerungen bleiben mir ja.
Aber die Stätte, an der sie geweilt, wird leer sein
fortan; und da sie mich zum Vollstrecker ihres letzten
Willens, und mich ganz unerwartet auch zu ihrem
Erben eingesetzt hat, sind mir die beiden Tage mit
unabweislichen Geschäften vnd auch mit Rückblicken
auf die Vergangenheit verflossen. Man wird damit
ungeduldig im Harren auf eine Zukunft, die jener
Tage unseres Vaterlandes wieder würdig wird.
Aber =-?
,Wir schreiten vorwärts ! meinte Frank.
,Ja, entschieden! Die Umgestaltung vollzieht sich
von innen heraus -= und das ist mein Trost,?
Er brach ab, Frank hatte allen Grund, das
gelten zu lassen. Er fragte, woran die Gräfin ge-
storben' sei.
,,An unserer Zeit und an den Wandlungen in
ihr; das klingt wie eine Redensart und ist doch
wahr. Man hatte vor ihr von der mit Bestimmtheit
bevorstehenden Aufhebung der Adelsvorrechte ge-
sprochen. Das hat ihr den letzten Stoß gegeben.

-=- ZZ -
Sie konnte sich nicht mehr finden in die Zeit, fühlte
sich entwurzelt, quälte sich Tag und Nacht damit,
und ist müde entschlafen. Ihrer Vorliebe für das
Bestehende verdanke ich es, ihr Erbe zu sein. Sie
hat mir ihr ganzes Vermögen hinterlassen. Es ist
nicht groß, doch wird es hinreichen, das Darlehen
zurückzuzahlen, das ich durch Deine Vermittelung er-
halten. Das nimmt eine Last von mir und ich werde
dadurch frei, ganz meinem Amte zu leben.?
, Und die Thätigkeit in Deinem Amte, befriedigt
sie Dich?
, Sie macht den Gehalt meines Lebens! Der -
frische Geist, der durch den ganzen Organismus
unserer Regierung geht, im Niederreißen wie im
Schaffen auf das eine Ziel gerichtet, giebt Lust auch
an dem Kleinsten, das man dabei mitwirkt. Man
gehorcht mit Freude, man verfügt mit Zuversicht und
hofft für das Vaterland, wenn nicht für sich selber -
denn hoffen muß man! -- Aber Deiner Fraun,
Deinem Knaben, wie ergeht es ihnen??
Frank gab Bescheid, erzählte, daß die Familie
den Sommer in Strandwiek verbringe. Seiner
Schwestern ward Erwähnung nicht gethan, und auch
von dem Gaste, den man beherbergte, sprach er nicht.
Sie hatten sich Beide ihres Begegnens gefreut und
waren doch Beide zufrieden, als die allgemeine Be-
sprechung, die Eberhard vorgehabt, sie von einander
ahzog. An offene Mittheilung gewöhnt, fiel die Zurück-
haltung ihnen schwer, die sie sich aufzuerlegen hatten.
Nur der Händedruck, mit welchem sie am Abend
von einander schieden, das ,Auf Wiedersehen, Eber-
hard!=- Auf Wiedersehen, Frank! kamen Beiden
von Herzen. Sie wußten, daß sie einander unver-
lierbar waren.
zE AF

Kapitel 30

=- Zßg--
Dreißigsies Kapilel!
,Vergiß nicht, daß Du eine Darner bist! Eine
Darner respektirt sich, eine Darner hält ihr Wort!?
Dolores hörte die Mahnung fort und fort mit
ihres Vaters Stimme in sich erklingen. Sie gewann
allmälig eine feste Gestalt für sie. Wachsend und
immer wachsend baute sie sich auf zwischen dem Tage.
an welchem er sie ihr zugerufen, und zwischen der
Vergangenheit; und wenn sie zurückblicken wollte in
dieselbe, kam dieselbe ihr weit entfernt vor, und sie
sich als eine ganz Andere als an jenem Tage, der
den Lorenz geboren und an dem Eberhard zu- ihr
gesprochen hatte.
Sie durfte ja auch nicht mehr die Dolores sein,
die sie dazumal gewesen. Sie war eine Darner,
hatte sich zu respektiren, hatte das Wort zu halten,
das sie ihrem Vater für Polydor gegeben. Sie war
ihm zugesagt, sollte sich ihm verloben, sollte ihn
heirathen.
Sie sagte sich das vor wie eine Aufgabe, die
man auswendig zu lernen, zu begreifen hat. Sie
sprach davon mit Justine und mit der Schwester,
die sich darüber freuten, sie lobten, sie umarmten,
ihr Glück priesen und sie küßten. Seit der Vater
sie verlassen, war nuur noch von ihr, von Polydor,
von ihrer Ausstattung, von Venedig die Rede und
von all dem unbekannten Schönen, das sie dort er-
wartete. Erst ängstigte sie das Alles, selbst ihr eigenes
Sprechen, wie ein banger Traum, in welchem sich
die Dinge durcheinander wirren;, und wenn in diesem
Durcheinander plötzlich Eberhards Bild vor ihr er-
schien, so sagte sie sich: ,Wenn er mich nicht will,
so ist's ja gleich für ihn und mich, mit wem ich gehe


-- 6H--
und wohin !=- Sie sagte sich das, bis sie zu
glauben begann; aber was würde Eberhard denken,
wenn er es erfahren würde? - ,Er wird sich be-
freit fühlen vielleicht! sagte sie mit Bitterkeit.--
Eine Darner hatte sich zu respektiren!
,,Spiele nicht länger die Romanprinzessin !' hatte
der Vater ihr mit Strenge zugerufen. Jetzt kam sie
sich wie in einem Märchen, wie verzaubert vor, wenn
sie an den Palazzo Ferramonte, an den Herrn
desselben, an Polydor und sich in der Lagunenstadt
als Herrin dieses Palastes dachte.
Erst hatte sie Thränen vergossen bei dem Ge-
danken an die Trennung von den Ihren; allmälig
fing sie an, sich in der Vorstellung zu gefallen, wie
sie den Vater, wie sie Virginie, Alle, Alle, empfangen,
wie sie sie in ihrer Göndel hinaus fahren werde in
das Meer; und das Meer, das Meer, das sie so sehr
geliebt in dem Land, in dem sie ihre ersten Jahre,
gelebt, fing an, ihr zu leuchten, sie zu locken gen
Süden hin, gen Süden! Es war ihr eben Alles
märchenhaft! Untreu war sie ja nicht, er hatte ja
ihrer Treue nicht begehrt und konnte ihr nicht Treue
halten wegen seines Majorates! Er mußte sie ver-
gessen, sie ihn auch, denn trauern um ihn fort und
fort?-- Nimmermehr!- Eine Darner hatte sich zu
respektiren, und sie war ja jung und schön! Sie
wollte sich wieder freuen, wollte ihr Leben genießen,
sie war des Herzeleides satt.
Und doch erschrak sie, doch verdeckte sie die Augen
mit der Hand, als am nächsten Posttage Justine
fröhlich mit einem Briefe und mit dem Ausruf
zu den Schwestern in das Zimmer trat: ,Morgen
kommen sie, aber erst gegen den Abend hin !?
,Schreibt das der Vater? fragte Virginie.
,,Nein, mein Mann, und lauter Gutes! Polydor

-=- 6s =
gefällt dem Vater sehr, der Vater hat auch volles
Zutrauen in seine Einsicht als Geschäftsmann ges
wonnen, und, was mich über alles Sagen freut, es
ist Aussicht vorhanden, daß der Onkel und John
mit den Joannus in eine vortheilhafte Verbindung
treten, in eine Verbindung, die der Vater eingeleitet
hat. Sie haben einander besucht =-?
,Der Vater und Dein Onkel?? fiel Virginie
verwundert ein.
,Nein, John und Polydor! John ist in meinem
Zimmer gewesen, in dem Zimmer, in dem wir als
Kinder zusammen gespielt--
,,Wann kommen sie?? unterbrach Dolores diese
Mittheilungen.
,Morgen Abend, wie Du hörst!?
,Alle?? --
,Freilich! Und nun, Schatz, besinne Dich auch
nicht lange, mach', daß es bald zu einem fröhlichen
Ende kommt. Ein Anderer an seiner Stelle wäre
nicht wiedergekommen; denn die Männer, glaube mir
das, sind weit eitler als wir Frauen. Ein Mann,
der seine Eitelkeit überwindet, aus Liebe überwindet,
der ist =-
- ,Was?' fragte Virginie, ,was ist der??
,Verliebt wie Polydor! scherzte Justine und
ließ die Schwestern allein.
,Noch vierundzwanzig Stunden!'' sagte Dolores
ernsthaft. ,Wer weiß, wie lange ich Euch dann noch
gehöre??
,Du bist traurig, Lora!'' warf Virginie ein.
, Ich weiß es selbst nicht. So konnte es ja
nicht bleiben -
, Und glaube doch nur das Eine,'? setzte Virginie
hinzu, ,wenn der Vater nicht gewiß wäre, daß es

==- I? --
zu Deinem Glück führt, so wüürde er es ja nicht
wollen.?
,Das sage ich mir auch. Polydor ist ja liebens-
würdig. Ich lerne vielleicht ihn lieben, vielleicht
wird Alles gut! Nur sieh mich nicht so zärtlich an!
Das halte ich nicht aus! Komm, wir wollen an den
Strand gehen. Wie's nur an dem Strand des Lido
sein mag?- Ach,? rief sie, indem sie die Schwester
umarmte, ,wie werde ich mich nach Dir bangen, Du
mein halbes Leben!'
, Und wie glücklich werden wir sein, wenn wir
uns wiedersehen!' ergänzte Virginie. ,Nun, wir
werden's ja bald wissen, wann Du gehst und wann
wir kommen. Bis morgen Abend ist's ja nicht
mehr lang.?
In der That vergingen die vierundzwanzig
Stunden ihnen noch schneller, als sie es erwartet
hatten. Die Sonne war noch nicht ins Meer ver-
sunken, aber die wachsende Mondsichel stand schon
am Himmel, als Polydor zum zweiten Male vor
dem Schlosse ausstieg.
Justine und Virginie empfingen ihn wie einen
alten Bekannten, und als er dann Dolores in dem
Zimmer vor sich sah, trat er sie mit den Worten an:
, Ich bin gekommen, Mademoiselle Dolores, mir Ihre
Verzeihung zu erbitten und zu verdienen.?
Sie suchte nach einer Antwort und fand sie
nicht; aber sie reichte ihm, wie die Anderen es gethan,
die Hand, und es gefiel ihr, daß er sie ihr nicht küßte.
Er schloß sich dann den beiden Männern an,
man saß unter dem Laubdach, man speiste zu Nacht,
es war ein alltäglicher Verkehr. Polydor saß zwischen
Virginie und Justine, Dolores gegenüber. Er kam
ihr älter als neulich, ernsthafter, stiller vor. Sie
mußte ihn ansehen, sie mochte wollen oder nicht.

=- Lß -
Seine Augen waren freundlich, wenn er sprach, und
sie leuchteten hell.
Das war also der Mann, dem sie gehören, dem
sie folgen sollte! Justine hatte Recht: seine Hände
waren ungewöhnlich fein und sahen doch wie eines
starken Mannes Hände, nicht weibisch aus. Schön
war er überhaupt! Wär's nur erst gesprochen!
Wie würde es sein, würde der Vater reden,
würde Polydor ihr's sagen?-- Die Ungewißheit
quälte sie.-- Sie hatte ja ihr Wort gegeben; worauf
warteten sie noch?
Die Mahlzeit währte ihr viel zu lange. Als
man sich endlich vom Tische erhob, war sie die Erste,
die. aus dem Zimmer und gleich hinunter in den
Garten ging; die übrigen kamen einer um den
andern nach. Man machte den Spaziergang nach
dem Pavillon auf der Düne, den der Vaker sich
selten einmal nach dem Abendbrod versagte.
Frank hatte natürlich gleich seine Frau am
Arme, Polydor ging neben dem Vater einher, die
Schwestern schlenderten neben und hinter ihnen nach.
Flüchtiges, lichtumsäumtes Gewölk zog rasch über
den Mond hinweg. Wenn es entschwand, spiegelte
er sich in den langsam dahinziehenden Wellen, die
auf dem glänzenden Ufersand silberhell zerflossen.
Der Vater sprach Polydor von den verschiedenen
- Wolkenbildungen im Norden und in den Tropen,
und machte ihn aufmerksam auf die ganz eigenthüm-
liche Formenschönheit des Gewölkes an der Ostsee.
Was konnte ihn das küümmern in dem Augenblick?
In der Unruhe, in der Ungewißheit, in dem
herzklopfenden Bangen die Nacht durchwachen zu
sollen, die Aussicht war Dolores schrecklich. Sie
hatte keinen andern Gedanken, als die ihr bevor-
stehende Erklärung zwischen Polydor und ihr. Virginie

l
- W9-
errieth an ihrem Schweigen, was in ihr vorging.
Es war ihr selber nicht viel anders zu Sinn, und
mit gewohnter Entschlossenheit sich ins Mittel legend,
fragte sie den Vater, ob in Jtalien die Wolken-
erscheinungen denn auch schon anders als hier im
Norden wären.
Der Vater gab ihr Bescheid und nahm sie bei
der Hand. Polydor hatte nur darauf gewartet, daß
sie von der Schwester entfernt werde. Er blieb stehen,
wäährend jene vorwärts schritten.
, Endlich, endlich!'' sagte er. ,Aber Sie sollen
nicht zum zweiten Male vor mir zu erschrecken haben.
Nur die Frage erlauben Sie mir: Sind Sie mir
noch böse??
Er hatte ihren Arm in den seinen gelegt, sie
hatte es geschehen lassen. ,Antworten Sie mir!'?
. bat er, da sie zögerte.
,Ich hab' es ja gesagt-- dem Vater!?
,,Was, was haben Sie ihm gesagt? Ach, wieder-
holen Sie es mir!?
,Daß ich mit Ihnen gehen will-- und-- ich
halte Wort!r
,Dolores, Mäbchen, Geliebteste!r rief er, und
sie in seine Arme ziehend bedeckte er sie mit seinen
Küssen. Sie lag erbebend an seinem Herzen, ein
heißer Feuerstrom rann durch ihre Adern, es war
Ales, Alles anders, als in dem Augenblick vorher.
Sie kannte sich nicht wieder in der Empfindung, mit
der sie an seinem Halse hing.
,Liebst Du mich, Dolores?? fragte er sie.
,Ach,'? stammelte sie, ,nun ist die Angst von
mir, nun ist es gut!'?
, Und Du bist mein, mein?' wiederholte er.
, Ja!'' sagte sie und lehnte den Kopf an seine Brust.

Kapitel 31

-- AJ -
Einunddreißigstes Kapitel
Die Zufriedenheit, die Heiterkeit konnten nicht
größer in der Familie sein als in den Tagen, welche
der Verlobung von Dolores folgten, und sie selber
zeigte sich ebenso. Alle waren mit ihr zufrieden,
umgaben sie mit noch erhöhter Liebe. Polydor, von
ihrer Schönheit wie bei dem ersten Blick entzückt,
und erfreut, seinen Willen so leichten Kaufs erreicht
zu haben, hatte kein sehnlicheres Verlangen, als sie
heimzuführen und Dolores zeigte kein Widerstreben
gegen die möglichste Beschleunigung ihrer Verbindung,
denn Polydor hatte sie für sich eingenommen. Ihn
sehen, ihn sprechen hören, mit ihm am Strande zu
gehen und zu reiten, bei den Fahrten in das Meer
es isich von ihm mit seiner schlanken biegsamen Ge-
stalt vormachen zu lassen, wie die Gondeliere stehend
die Gondel führen, ihn die Lieder seiner Heimat
singen zu hören, die immer wiederholten Betheuerungen
seiner Liebe zu vernehmen und sich sagen zu können,
das werde in Venedig natürlich nur noch schöner
sein, das Alles machte ihr Vergnügen. Jede Stunde
brachte ihr einen neuen, sie überraschenden Eindruck.
Sie kam gar nicht zu sich selber, und sie fing sich
zu fragen an, wie es ihr sein werde, wenn Polydor
nicht mehr an ihrer Seite, wenn er fortgegangen
sein würde; denn allzu lange verweilen durfte er
nicht. Die Geschäfte forderten seine Anwesenheit
in seinem Hause.
,,Aber warum müssen wir denn scheiden?' fragte
Polydor. ,Warum soll ich durch Monate mein Gllck
entbehren? Wer bringt sie uns wieder, die Zeit,
die wir verlieren? In meinem Hause ist für uns
Alle Raum. Ich eile Ihnen voraus, Sie folgen mir
?,

==- M1 --
langsam nach. Die Jahreszeit ist günstig.-- Sie
haben mein Gluck in Ihrer Hand !' sagte er zu
Darner, ,machen Sie es voll, indem Sie mir es
gleich gewähren.?
Frank und Justine stellten sich auf seine Seite.
Ihr Brautstand hatte auch nur kurze Zeit gewährt,
und wenn Polydor gegangen war, wer wollte dann
bei den kriegerischen Zeiten es voraussagen, wie
lange ein freier Reiseverkehr, vollends ein Reisever-
kehr für Frauen, gesichert bleiben würde.
Das Verlangen seines künftigen Schwiegersohnes,
die Fürbitte des Sohnes und der Schwiegertochter
kamen Darner nicht ungelegen. Er liebte, abgethan
zu haben, was geschehen sollte; dazu war der Hinweis
auf die Zwischenfälle, welche der in der Luft schwebende
Ausbruch eines Krieges mit Desterreich erzeugen
konnte, sehr berechtigt und von ihm selbst um so
mehr erwogen worden, als die Trauung des jungen
Paares bei der Religionsverschiedenheit desselben nicht
in Preußen und nicht in Rußland, sondern nur in
einen zgde vollzogen werden konnte, in welchem
nach dem neugeschaffenen französischen Gesetze die
staatliche, die bürgerliche Trauung eingeführt war,
wie in dem ebenfalls neugegründeten Königreich
Jtalien, in Venedig. War diese Eiviltrauung dort
geschlossen, so hatte man alle Aussicht, die Ehe,
welcher Darner um Dolores willen die kirchliche
Trauung nicht entgehen lassen wollte, von einem
der in Jtalien in der Diaspora lebenden protestan-
tischen Geistlichen leichter als von einem der heimischen
eingesegnet zu sehen. Die Trauung im Auslande
- war die Voraussetzung gewesen, unter welcher man
die Heirath verabredet, da man sich von der einen
wie von der andern Seite zu einem Religionswechsel
nicht bequemen wollte, wenn schon bei beiden Vätern,

=- A7? --
ebenso wie bei Polydor keine religiösen Bedenken,
sondern nur äußere Gründe und Erwägungen einem
solchen entgegenstanden.
Drei Tage waren in der Weise in allseitigem
Behagen hingegangen; am Morgen des vierten Tages
galt es, sich für kurze Zeit zu trennen.-- Man
hatte die Verlobung bekannt zu machen, Polydor
hatte mit den Kollmanns sich wegen der Bernstein-
pachtung zu besprechen, um seinem Vater und Bruder
die erhaltene Auskunft und den von Darner ihm
nahegelegten Plan mitzutheilen, und wie Dolores
vor der Ankunft Polydors die Stunden gezählt, so
zählte sie sie jett vor seiner Abreise.
Sie war wie umgewandelt. Sie trug sich straffer,
ihre Bewegungen, ihre Stimme waren lebhafter, ihre
Ausdrucksweise entschiedener geworden. Die Ver-
änderung konnte Niemand entgehen.
,Habe ich Recht gehabt,r fragte Frank seine
Frau, ,als ich Dich in Deiner Sorge um Dolores
damit tröstete, daß sie geträumt bis jetzt, daß man
abzuwarten habe, was die ersten Küsse eines Mannes
aus ihr machen würden?=- Du siehst, sie ist erwacht,
und sie ist nur reizender dadurch geworden !'
Justine mußte das zugeben, doch lag etwas in
der heiteren Sicherheit der Braut, das ihr nicht ver-
ständlich war; aber Dolores selber war mit sich zu-
frieden.
Als die Männer sich am Morgen des festgesetzten
Tages bereits für die Abfahrt rüsteten und Polydor
noch einmal in seine Zimmer hinaufgegangen war,
standen der Vater und Dolores zufällig in einer der
Fensterbrüstungen beisammen. Mit einem Male er-
griff sie seine Hand und küßte sie, und wie er sie
darauf ansah, sprach sie:
, Ich danke Ihnen, Vater!?
A
-

Kapitel 32

f
l
-- 78-
,,bDu siehst, daß ich Euch am Besten kenne.
Halte daran fest!r?
,, Ich bin ja eine Darner, Vater!'' antwortete
sie und hob, ohne es zu wissen, das Haupt empor
in ihres Vaters Weise, so daß es ihm selber auffiel.
,, Seit Sie mir das gesagt haben, ist Alles anders
geworden, Allea !?
,,Was also jetzt zunächst?? fragte er mit Wohl-
gefallen an seinem Liebling.
,, Ich kann's nicht sagen, wie ich's meine !' lächelte
sie, sah ihm aber doch frei in das Gesicht.
, Gieb Dir Mühe; man kann, was man wirkich
will!r?
,,Das gerade mein' ich, Vater! Ich - wie soll.
ich's sagen? Ich-- ich weiß jeht, daß ich-- daß
ich etwas wollen kann, daß ich etwas bin-- daß
eine Darner sich respektiren miuß, und wenn ich fort
werde, werde ich =-?
sein
,, Nun, was wirst Du??
Sie lachte freundlich auf, umarmte ihn und
sagte:
, Thun, was ich will!r
, Bravo!'' rief der Vater. ,Das wird Polydor
gefallen und gefällt auch mir. So geht eine Darner
in das Leben und in ihres Mannes Haus! Bravo,
Dolores!'?
gggggngMgg
Bweiunddreißigstes Kapitel
Die Komptoirstunde war vorüber. Kollmann
und der Sohn saßen oben in der Wohnstube bei-
sammen. Beide Fenster derselben waren geöffnet.
Es hatte lange nicht geregnet, die Hitze war drückend
Lewald. Die Familie Darner. U.

- A?g-
in der Stadt. Das Abendroth, das röthlich an dem
Himmel schimmerte und die Spitzen der Domthürme
umspielte, war gedämpft durch den feinen Staub,
der seit Tagen unbewegt die Luft erfüllte. Man ,
empfand ihn bei jedem Athemzuge, man fühlte ihn
an der trockenen Haut, an den schweren Augenlidern,
auf den dürstenden Lippen.
Kollmann hatte den Platz in der Sophaecke inne,
auf dem er sich sonst seiner Frau gegenüber be-
funden. Er hatte die Pfeife fortgestellt, selbst zum
Rauchen war es ihm zu schwül. Das Glas Kalte-
schale, welches Madame Göttling vor ihn hingesezt,
war noch unberührt.
Er hatte das grau und kahl gewordene Haupt
auf die linke Hand gestützt, seine Rechte schob achtlos

den Feuerstahl hin und her, der auf dem Tische lag.
a : k
,Heil Dir im Siegerkranz'' in das Zimmer hinauf;
auch der Leiermann war müde. John saß auf dem
Fensterbrett, sich so viel Luft als möglich zu schaffen.
Das Sopha stand dicht am Fenster.
Es hatte eine Erörterung zwischen Vater und
Sohn stattgefunden, ein Schweigen war ihr gefolgt.
,Wenn man das Geschäft in der bisherigen z
Weise fortführen und daneben sich in das Unternehmen
einlassen könnte, würde ich dafür und dabei sein,?
nahm der Vater das Wort, ,aber das bisherige
Geschäft ganz umgestalten, auflösen - nein! Willst
Du die Sache allein auf Deine Kappe nehmen, willst
Du Dein mütterliches Vermögen, das Du in Riga
gehabt hast, herausziehen? Thue es, ich werde auch
ohne das fertig werden können!'
John wollte eine heftige Bewegung machen, ein
Blick auf seines Vaters von Sorgen durchfurchtes

t
=- =-
Gesicht hielt ihn zurück. Kollmann war der Alte nicht
mehr. Von Jugend auf an einem ruhigen, regel-
mäßigen Geschäftsbetrieb gewöhnt, in welchem vor-
kommende Störungen der Konjunkturen bald auszu-
gleichen gewesen waren, hatten die Stürme, welche
seit dem amerikanischen Freiheitskrieg in immer
wachsender Gewaltigkeit die Handelsinteressen durch-
einander geschleudert, größere Wagnisse, größere Ent-
schlossenheit von dem Einzelnen im Großhandel ar-
beitenden Kaufmann verlangt, als er sie in sich zu
erzwingen vermocht. Er war sich bewußt, manche
falsche Maßregel ergriffen, durch Zaudern günstige
Augenblicke verpaßt zu haben, und die Einsicht, in
seinen Zustand, die ihn doch zu keinem andern machen
konnte, hatte ihn noch mehr gelähmt und verstimmt.
Sein Geschäft und er waren in ihm eins gewesen
von je an. Es ändern, es umgestalten, hieß sich
selber umgestalten, und das war mehr, als er von
sich zu erringen, sich zuzumuthen vermochte. Er
war den Forderungen der Zeit nicht gewachsen ge-
wesen, sein Königsberger Geschäft war hinter den
Bedingungen derselben zurückgeblieben, war veraltet;
während John, in Riga auf sich und seine augen-
blickliche Entscheidung gestellt, von den Zeitverhältnissen
getragen, sich in den letzten Jahren frei entwickelt
und schon dort die hier nur gesteigerte Neberzeugung
gewonnen hatte, daß ein anderer Geist, ein ganz
neues Element in das Geschäft gebracht werden
müßte, wenn man die Firma überhaupt aufrecht er-
halten wollte.
Er ließ sich denn auch durch des Vaters Ge-
reiztheit nicht beirren.
,Ich will gern glauben,' sagte er, ,daß Sie
auch ohne das Vermögen der Mutter'!- er nannte
1

,
==!
-=- Z7s -
es feinfühlend nicht sein mütterliches Vermögen-
,,weiter fortarbeiten könnten, indeß leicht würde es
nicht sein; deimnn wäre es das, so hätten Sie mich
nicht veranlaßt, das Rigaer Geschäft, das ja gut
vorwärts kam, aufzulösen, um uns hier zu kon-
zentriren. Daß ich mich nicht herauszuziehen, Sie
in Sorgen, in möglichen Verlegenheiten zurückzulassen
im Stande bin, darauf, Vater, kennen Sie mich
hoffentlich. Aber ich bin durchaus der Meinung, daß
es gerathen ist, gegen das Wort der Bibel, einen
neuen Wein in die alten Schläuche zu füllen. Es
ist fraglos zweckmäßiger, ein neues, großes, sichern
Gewinn versprechendes Geschäft unter alter Firma
in Gang zu bringen, als uns in den jetigen be-
denklichen Zeiten mit vermindertem Kapital und stark
angespannten Krediten allenWechselfällen der politischen
Ereignisse in dem bis jetzt betriebenen Geschäfte aus-
zusetzen, in dem wir ohnehin von Darner lange über-
flügelt sinb.?
Sowie der Name ausgesprochen, fühlte er, welchen
Fehler er damit gemacht.
Kollmanns Brauen zogen sich finster zusammen,
ein schnalzender Laut des Aergers glitt über seine
Lippen.
,Willst Du mir vorwerfen, daß ich nicht wie
er beständig Hazard gespielt? Er hatte nichts zu
verlieren?.. ,?
,,Verzeihen Sie, fiel John ihm ein, ,Darner --
ich habe das aus Ihrem Munde - war ein reicher
Mann, als er hierher kam . . ?
,,Er hatte keine Firma wie die unsere, kein An-
sehen auf das Spiel zu setzen. Auf dem Stamm-
hause Deiner Mutter steht die Jahreszahl 1820.
Wir hier, wir haben vor acht Jahren das hundert-
jährige Jubiläum unseres Handelshauses gefeiert.

t
ki
t:
=- A? -
Es sind die ältesten Namen der hiesigen Kaufmann-
schaft.?
, Und Darner wohnt in dem Willberg'schen
Hause, und wir-- wir . . .
,Nun? fiel Kollmann ein, indem er sich heftig
erhob und den Feuerstahl, den er immer noch in der
Hand gehalten hatte, klappend zu Boden fallen ließ.
John bückte sich, ihn aufzuheben.
,Wir,' sagte er, indem er ihn an seinen ge-
E Aa Ee
durchzuwettern, das in seinem gegenwärtigen Zustande
nicht mit den Schnellseglern konkurriren kann, statt
uns ein neues zu zimmern und damit unter der alten,
ehrenwerthen Flagge vorwärts zu gehen.?
,,Liquidiren?? rief Kollmann, heftig in der Stube
auf und nieder. gehend.'-
,Gewiß nicht,t begütigte John,,aber da es noch
Zeit ist, lassen Sie uns, wie es Valentin Rosen in
Bremen, wie es Brandillier krsres in Antwerpen in
allen Ehren gethan, ruhig und im Stillen realisiren.
Macht man dann den Pakt mit der Regierung der
Art, daß wir die geforderte Kaution in zwei Raten
zahlen - und sie wird darauf eingehen, da sie ja
auch Geld im Augenblicke braucht-- so deckt die
von Joannu gemachte Offerte die erste Rate, für
die zweite treten wir dann selber mit Bequemlichkeit
ein . .,?
,,Und werden Herrn Darner dafür in seinem
Sinne tributär!r siel Kollmann ihm verdrießlich in
die Rede.
,Er ist in keiner Weise dabei hervorgetreten;
Joannu sagte ausdrücklich, er habe' in zufälligem Ge-
spräch von meinem Plan gehört! - Er nannte weder
Sie noch Darner.?

v,
==?
r. -
=- s8 --
,Aber er steht dahinter, er wird wie immer
hervortreten in dem Augenblick, in dem er es für sich
gerathen findet. Soll ich mich noch einmal von ihm-
benützen lassen wie in den Tagen, in denen er --
Niemand hatte je von ihm gehört - hierher kam?
Soll ich es ihm vergessen, wie er Justine umstrickt
hat, wie er sie Dir abgewendet??
,Vater, ich denke, das könnten Sie vergessen, da
ich lange darüber fort bin! Sie hat den Mann
gefunden, der ihr paßte; ich werde mir, wenn's so
weit sein wird, die Frau nehmen, die mir paßt.
Sie hat mir herzlich und mit offener Freude die
Hand geboten, als wir uns unerwartet begegnet sind,
hat meine Liebe für ihren Sohn begehrt. Soll ich
ihr das Vergnügen machen, ihr und ihrem Manne,
den Untröstlichen, den Gekränkten vor ihnen zu spielen,
da ich ihnen ihr Gllck aufrichtig gönne? Es liegt
mir doch wahrhaftig mehr auf als jene alte, längst
begrabene Jugendgeschichte.?
- ,Soll ich vergessen,? brauste Kollmann auf, ,wie
Darner sich versündigt an Deiner leiblichen Mutter
d
Sterbetag, wie er und Justine ihr den letzten Wunsch
versagt in ihrer letzten Stunde??
,Sie hatten mit ihnen gebrochen, Vater, an
Justinens ersten Ehestandsmorgen, weil Frank seine
Mutter und ihre niedere Herkunft nicht verleugnet.
Vergessen sie auch das nicht, Vater!
,, Und wenn Du von dem Bernsteingeschäft noch
was verständest!r fuhr Kollmann, plötzlich ablenkend,
dazwischen.
,Ich werde es erlernen!fk entgegnete John. ,Ich
habe die Sache reiflich überlegt, ich werde mir einen
der bisherigen kleinen Pächter heranziehen, werde
nöthigenfalls, wie Sie es angedeutet, die Pachtung
für mich allein, ganz mit fremdem Kapital, wenn alsö

ß
-=- As-
auch vorläufig mit beträchtlich geringerem Gewinn,
zu übernehmen suchen, und ich denke, daß man mich
den anderen Bewerbern vorziehen wird, da unser
Name und Ihr Haus bei den Behörden bekannt und
geachtet sind.?
Daß der Sohn ihm sein Vermögen in dem Ge-
schäft belassen wollte, zu welchem er das Vertrauen
verloren hatte, daß er für sich auf das mütterliche
Erbe zu des Vaters Gunsten zunächst keinen Anspruch
machte, weit entfernt sich darüber zu freuen, verletzte
Kollmann in der Stimmung, in der er sich befand.
Er wollte keinen Dienst, keine Großmuth annehmen
von seinem Sohne; und daß dieser, trotz der Vorsicht,
mit welcher er sich äußerte, dennoch fest erklärte, seine
Zukunft, wenn immer möglich, auf das neue Unter-
nehmen zu bauen, kränkte ihn noch mehr. Er hielt
sich nicht länger:
,Die ganze zähe Willberg'sche Natur, der ganze
stille Eigensinn!r sprach er vor sich hin.
,Vater, rief der Sohn, der seinen Platz' am
Fenster lange schon verlassen hatte, nun ebenfalls
gereizt, ,bedenken Sie, daß Sie vor mir von meiner
Mutter sprechen!' Aber sich ebenso schnell' mäßigend,
wie er aufgefahren war, setze er hinzu: ,Von der
Mutter, die Sie geliebt, die so eins mit Ihnen war,
daß Sie Beide auch nur eines sind in mir. Seien
Sie nicht ungerecht gegen mich und gegen sich. Sie
haben mich früh bei den Schwägern in Lübeck und
Kopenhagen arbeiten lassen, weil Sie damals schon
gefunden, daß der hiesige Geschäftsbetrieb veraltet
war. Sie haben mir, gegen die Ansicht Ihrer Freunde,
sehr früh das Geschäft in Riga übergeben und haben
sich in mir nicht getäuscht. Sie haben mich selber
zuexst aufmerksam gemacht. auf Darners kaufmännische
Bedeutung, auf seine raschen Entscheidungen; auf die

V
A80 =-
Umsicht, mit der er überallhin den Zwischenfällen
Front zu machen, das sich unerwartet. Bietende mit
Sicherheit zu ergreifen und auszunuten weiß. Soll
ich von dem Allen nichts für mich gelernt haben?
Lassen Sie mich .. ?
zTF ===-
, Ich habe das nicht gesagt,' sprach er darnach
mit einer Bestimmtheit, die sehr abstach gegen seine
bisherige Haltung, ,ich habe, auf mein Wort, Vater,
auch in, diesem Augenblick nicht daran gedacht; aber,
ich spreche das mit Bedacht aus, ja: im gegebenen
Falle würde ich es thun. Frank hat Fch schicklich,
Justine freundlich gegen mich betragen; und wenn es
wirklich Darner wäre, der Joanmu den Gedanken
MTSD
beitet doch Jeder für sich und seinen Vortheil, warum
nicht ich wie er, und er wie ich!'
,Du wirst thun, was Dir geboten scheint, da ich
es nicht hindern kann.?
,Zwingen Sie mich nicht, ohne Ihre Zustimmung
zu handeln, überlegen Sie es noch einmal. Bedenken
Sie, was das Vertrauen der Regierung, wenn sie
mit uns auf weit hinaus kontrahirt, der Firma und
unserem Kredite werth ist. Joannu's Anwesenheit
erleichtert Alles und die Entscheidung drängt. ?
John brach damit ab.
Kollmann entgegnete ihm nichts.
Darüber ging eine Weile hin. .s schlug drei-
viertel auf acht von der Domthurmuhr. John. zeg
seine Ühr heraus, verglich sie, und stand äuf.
,Du willst ausgehen?? fragte der Vater.


s
-- 28--
,,Sie haben ja Ihre Partie zusammen!'' ant-
wortete der Sohn, ,und-- mich dünkt, da kommen
sie schon!' fügte er hinzu, als man von unten die
Glocke an der Hausthüre erklingen hörte. Gleich
darauf kamen Konsul Armfield und seine Frau in
Begleitung von Madame Göttling in das Zimmer.
Es galt der gewohnten Spielpartie, die man sich an
dem Tage weder im Winter noch im Sommer gern
entgehen ließ.
Frau Armfield, wie immer grau in grau gekleidet,
daß sie mit ihren grauen Schleiertüchern wie ein
Nachtschmetterling anzusehen war, der sich in den
Tag verirrt hat, entschuldigte in ihrem sanftesten Ton,
daß sie sich verspätet hätten.
,,Wir waren ein wenig draußen,? sagte sie, ,um
es doch zu merken, daß es nicht nur heiß, sondern
auch so herrlich und so schön ist in unseres lieben
Herrgotts Welt, und als wir dann langsam hierher
gingen, trafen wir am Bohlwerk mit Hilgers, das
heißt nicht mit Johann Hilgers, sondern mit dem
Darner'schen Disponenten zusammen, der uns an-
redete, um uns aus erster Hand eine Neuigkeit zu
erzählen, eine Neuigkeit, auf die kein Mensch gefaßt
sein konnte.. ?
,,Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche,'' sagte
John, ,haben Sie von Hilgers vielleicht zufällig er-
fahren, ob die Darners zurück sind? Sie wollten
mit Herrn Joannu, wie er mir sagte, auf das Gut
hinaus.?
,Zurück, ja freilich sind sie zurück, und wie, und
wie! Sie werden sich auch wundern, meine liebe
Göttling, ob freuen, weiß ich freilich nicht. Darnerisch
ist's freilich wieder, echt Darnerisch !?
,So komm doch zu Rande, Frau!'r fiel ihr der
Konsul ein, ,Du spannst ja die arme Madame Gött-

=- A8--
ling förmlich auf die Folter. Sie sind heute Mittag
zurückgekommen alle drei, und Joannu obenein als
Darners künftiger Schwiegersohn. Er hat sich
draußen.. .?
,Verlobt, mit wem, ich bitte Sie, mit wem??
rief Madame Göttling, in weiblicher Verlobungs-
freude für alle Fälle die Hände zusammenschlagend
vor Vergnügen.
,Habe ich recht gehabt, daß er dahinter steht?
fragte leise Kollmann seinen Sohn.
,Das ändert an der Sache nichts für mich!'?
gab John ebenso zurück; und währenddessen meldete
Madame Armsield, daß Dolores die Erwählte sei,
und Madame Göttling rief:
,,Dolores, ach, das geliebte Kind, Dolores Braut!
Kennen Sie ihn denn, Herr Konsul? Wie alt ist er?
Sie haben ihn ja auch gefehen, Herr John, wie sieht
er aus F?
,Er ist, denke ich, in der Mitte der Dreißiger!??
sagte John.
,Und ein sehr hübscher Mann, ein Gentleman!r
bekräftigte der Konsul. ,Das ist nun das zweite
schöne Paar im Hause.?
,Ja, schön ist Dolores, ohne Frage das schönste
Mädchen in der Stadt! sagte John. ,Für beide
Theile eine schöne Heirath !?
,,Nun, wie wär's denn, lieber John? meinte
der Konsul; , die Zwillingsschwester ist ja noch da und
größer, kräftiger als die Braut: dabei eine gute Haus-
frau, wie man sagt, und - der Friede nährt, Un-
friede verzehrt!'
,Ihr Scherz trifft nicht zu, Ihr Sprichwort auch
nicht! bedeutete ihm Kollmann. ,Aber, bitte, Madame
Göttling, zünden Sie die Lichter an, es ist Zeit, daß
wir zum Spieltisch kommen, es ist spät!rr

s - -
h
-= 8Z =-
John nahm die letzte Bemerkung auf, um sich
zu entfernen, Madame Göttling ging in die Neben-
stube, die Armfield mit ihr.
,Hilgers sagte,? so berichtete sie, ,sie hätten, als
er fortgegangen wäre, bei einandergesessen, Frank und
der neue Schwager, die Listen für die zu versenden-
den Karten und Briefe zu entwerfen; und die Karten
sollen zur Hälfte deutsch, zur Hälste französisch aus-
gefertigt werden; Alles im großen Stil.?
,Ja, das ist doch natürlich für Rußland, für
Jtalien, und sie sind ja auch ein großes Haus. Gott,?
rief Madame Göttling,,wenn ich sie nur sehen könnte,
und so weit fort! Aber was meinten Sie damit,
Frau Konsul.. .?
,Womit??
,Mit dem Darnerischen, daß es Darnerisch sei,
was ist denn besonderes dabei??
Die Armfield sah sich um, ob die Männer nicht
in ihrer Nähe wären.
,Muß ich Ihnen das erst sagen? Eine Sünde
ist's und eine schwere Gewissenssache für das arme
junge Geschöpf. Er ist ja katholifch, griechisch oben-
ein! Man müßte sie warnen, Sie - gerade Sie
sollten ihr schreiben . . .?
Madame Göttling war erschrocken, aber sie sagte
entschlossen, das sei nicht ihres Amtes, wenn die
Sache auch traurig genug sei.
,Sehen Sie,? fiel hier die Armfield ein, ,unsere
selige, verstorbene, liebe Gräfin, die für uns Alle und
für den Verein viel zu früh gestorben ist, hatte so
Recht, so Recht, wenn sie immer vox der ruchlosen
Anbetung des goldenen Kalbes warnte und daran
mahnte, daß man sich nicht viel einlassen sollte mit
den Fremden. Wir haben ja unsere Tochter trottdem
an einen Russen verheirathet, aber auf Geld baben

-- I8g--
wir dabei nicht gesehen, denn ich habe, Gott sei
Dank, das arme, glückselige Pfarrhaus nicht vergessen,
aus dem ich stamme: und wenn unsere Tochter auch
nicht in einen Palast wohnen und Brillanten tragen
wird, so ist sie doch in eine ehrliche lutherische Fa-
milie gekommen. Aber so ist die Welt, selbst mein
Mann! Weil die Joannus vielfache Millionäre sind
-- ist das ein Grund- soll deshalb Alles gut,
Alles vergessen sein??
,Nun, sind die Damen fertig?? fragte Koll-
mann.
,Freilich!' antwortete Madame Göttling; aber
noch während die beiden Männer aus der einen Stube
in die andere kamen, sagte Madame Armfield:
,Vergessen, und weshalb, weil Darner hier ein
Geschäftshaus gegründet, wie die Provinz noch keines
je gehabt? Die Provinz ist ja vorher auch ohne ihn
fertig geworden! Weil er bei der Kontribution, bei
den Anleihen sich coulant und groß gezeigt, weil er
für die Lazarethe so viel gethan? Lieber Gott, er
hatte sich ja erst wieder einzukaufen in die gute
Meinung und wir nicht; und er hat deshalb nicht
eine Flasche Champagner weniger auf seinem Tisch
gehabt!- Nein!r rief sie plötzlich dazwischen, ,nein,
liebster Mann, wir beide können doch nicht zusammen-
spielen! Du mußt drüben hin!?
Man setzte sich auf die rechten Plätze, aber Koll-
mann und die Göttling spielten heute beide schlecht.
Ihm lag die Unterredung mit seinem Sohn im Sinn;
ihre ganze Seele war bei Dolores.

Kapitel 33


s

e
=- A8K =-
Dreiunddreißigstes Kapites.
Am andern Morgen trugen dieselben Lohndiener,
welche seinerzeit die Meldungskarten von Frank und
Justine in den befreundeten Familien vertheilt, die
Anzeige von der neuen Verlobung in der Stadt herum.
Es waren wieder die großen, goldgeränderten rosa-
farhenen Karten, aber der Bräutigam, Herr' Polydor
Joannu, war auf den von Darner vertheilten Karten
als Sohn des Herrn Philippos Joannu in Petersburg
bezeichnet; und neben diesen Karten, welche Darner
herumschickte, hatte man noch andere anfertigen lassen,
mittels deren Herr Polydor Joannu seine Verlobung
seinen Freunden und Geschäftsverbündeten Jebenfalls
mit Nennung des Vaters seiner Zukünftigen ankündigte,
was sonst in der Stadt nicht Brauch gewesen war.
Eine dieser letzten Karten ward unter der Koll-
mannschen Geschäftsadresse in den Morgenstunden
im Kollmannschen Komptoir abgegeben. Nicht allzu
lange darnach erschien Polydor in demselben und
wurde in das zweite Zimmer, in welchem Kollmann
und der Sohn ihre Arbeitstische hatten, hineingewiesen.
Sie erhoben sich, und mit der ihm, dem Reich-
geborenen, eigenen hochmüthigen und doch leichten
Sicherheit, rief Polydor gleich im Eintreten, da er
die Verlobungskarte auf dem Pulte erblickte:
,Sie sehen, meine Herren, ich habe es eilig,
mir Ihren Glückwunsch einzukassiren, aber ich bin
überhaupt in Eile!?,
Kollmann stattete ihm den Glückwunsch ab, wie
? - sich's gebührt, John pries die Schönheit der Braut
und gratulirte ihm zu derselben. ,
Wie man darnach Platz genommen hatte, sagte
Polpdor:

A.
==- W8 =-
A

,,Da Sie meine Braut kennen, werden Sie =-?
er wendete sich an John - ,auch meine Eile ver-
stehen, wieder zu ihr zurüchukehren. Ich möchte gleich
,Aber Sie bleiben noch längere Zeit in Preußen?? ?
heute wieder fort.r
fragte John.
,Nein, mein Aufenthalt ist kurz bemessen; unsere
Hochzeit soll schon im September gefeiert werden.
Ich will also bald nach Venedig, Alles vorzubereiten
für den Empfang meiner Frau. Mein Schwiegervater
wird sie mir mit der ganzen Familie zuführen, und
da die Pachtangelegenheit, um welche es sich zwischen
uns handelt, doch nicht direkt meine persönliche Sache,
sondern vor allen Dingen die meines Bruders und
des Petersburger Hauses ist, deren Meinung man
abzuwarten hat, um so mehr, als doch auch hier die
Verhandlungen nicht zwischen heute und morgen ab-
geschlossen werden können, so .. .?
,So denken Sie abzureisen, das begreift sich!
sagte Kollmann.
,Nicht wahr? Ich komme Sie eben deshalb auch
ersuchen, Alles, was inzwischen in dem Geschäfte etwa
.
der Notiz bedürfen könnte, hier dem Hause Darner
mitzutheilen, dem Vollmacht für dies Geschäft zu senden,
ich meinem Bruder vorgeschlagen habe.?
Kollmann schwieg, besann sich eine Weile, fing
zu sprechen an, hielt wieder inne, so daß Polydor
ihn fragend und verwundert ansah. Dann sagte er:
,,Der Plan, die Pachtung zu übernehmen, ist
nicht der meine; die ganze Angelegenheit ist meines
Sohnes persönliche Sache, und ich bin gewiß, er wird-
mit Ihrem Vorschlag einverstanden sein.?
John verneigte sich, ob gegen den Vater, ob
gegen Polydor, war schwer zu erkennen.
,,Durchaus einverstanden!' sagte er.

i -
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« -
- B? =-
Die Entscheidung zwischen Vater und Sohn war
damit ohne jede weitere Erörterung in einer Form
getroffen, die der Letztere nicht hatte voraussehen
können. Daß sein Vater nicht darunter zu leiden
haben, daß sein mütterliches Vermögen in dem alten
Geschäfte bleiben sollte, stand für John ohne allen
Zweifel fest. Aber wenn eben die Weise der Ent-
scheidung ihn auch kränkte, hatte der Gedanke, daß
er jett plötzlich ganz auf sich, allein angewiesen sei,
etwas, das ihn reizte, ihn in seinen Augen und
namentlich dem Vater gegenüber hob. Während er
in sich erwog, daß er jett zu zeigen habe,, was er
werth sei, sprachen sie von den Welthändeln,, von den
Handelskonjunkturen im Allgemeinen und , in den
deutschen Ostseeprovinzen im Besondern; von gemein-
samen Geschäftsfreunden in Rußland. Von dem
Pachtunternehmen und von Darner war mit keinem
Worte die Rede mehr.
Erst als Polydor sich nach kurzem Verweilen
empfahl, und John ihm das Geleit gab, sagte Jener,
leichthin, wie seine ganze Redeweise gewesen:
,Nicht wahr, Herr Kollmann, ich brauche Ihnen,
bei meiner jetzigen Verbindung mit den Darners, es
nicht erst zu sagen, daß ich von der Spannung
zwischen den beiden Familien und von den äußeren
eingestandenen Gründen derselben znterrichtet bin,
derlei kommt ja überall vor.?
John sprach sein Bedauern darüber aus, es an-
deutend, daß er in diesem Falle nicht ganz auf seines
Vaters Seite stehe:
,Was wollen Sie, mein Lieber,? rief Polydor, in
dem Gefühl, daß ein Joannu sich gegenüüber einem
Königsberger Kaufmann nichts durch eine freiwillige
Vertraulichkeit vergeben - könne, ,was wollen Sie!
Die Jahre trennen uns von unseren Vätern. Sie

-=- 8s -
sind alt, sie kleben alle an den Vorurtheilen ihrer
Zeit, sie sind Aristokraten, in der Finanz, sowie im
Adel, hier wie überall!r
,Leider!r bekräftigte John. ,Auch bei meinem
s
sonst wirklich vorurtheilslosen Vater beruht ein Theil
seiner Spannung mit Darner . . .
,Auf dem Stolz des alten Kaufmanns gegen
den Parvenu ! lachte Polydor. ,lonosco, esao mio!
und wir leben doch mitten in dem Zeitalter der
Parvenus, hier wie allerwegen! Mein Schwieger-
vater in sgs beherrscht die hiesige Börse, die grade
in diesem Augenblick ihre Bedeutung hat. In Peters-
burg sitzen die Stiglit uns dicht vor der Thüre,
die Torlonia in Rom, die Barings in London, sie
sind alle Parvenus! Die Rothschilds mitten in dem
bürgerstolzen Frankfurt! und Napoleon Bonaparte
ist der Herr der Herren. Daß er ein Parvenu ist,
verzeihen sie ihm am wenigsten. Hätte ein Bourbon,
ein Habsburger, sie von ihren Thronen gestoßen, wie
er die halbe Welt erobert, sie trügen's leichter; und
er übt doch seine Herrschaft und seine Tyrannei über
sie und die Welt, als hätten die Bonapartes seit
Karl dem Großen die Krone auf dem Kopfe und
das Scepter in den Händen gehabt von Gottes
Gnaden.r
Sie waren damit auf die Freitreppe hinausge-
kommen, Polydor in der besten Laune. Er warf,
wie immer, wenn er sich gehen ließ, die vielen ihm
geläufigen Sprachen durcheinander, und John eor-
äislsment die Hand schüttelnd, sagte er:
,langae, sn rsroir an der Börse, st comms
en fozugs, so ist auch im Leben lessenisl 'arrirsr.
Lassen Sie uns darauf bauen, daß wir reüssiren in
Allem, was wir wünschen!r
Er schied von John sehr zufrieden mit dem Ein-


s
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L.
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druck, welchen ihm gemacht zu haben, er sich über-
zeugt hielt, und ohne zu ahnen, daß er ihm das
Losungswort gegeben, mit welchem der Sohn des
alten patrizischen Geschlechtes seinen neuen Lebens-
weg zu gehen dachte.
Mochte sein Vater festhalten mit Allem, was sein
und seines Sohnes war, an dem alten Geschäft und
es betreiben in der alten Weise; er wünschte ihm
Gedeihen und Bestehen, war auch bereit, dem Vater
zu dienen, so weit er es vermochte; ihn selber aber
durfte es fortan nicht hindern, seine Kraft nach eigenem
Ermessen zu verwerthen. Polydor hatte es, ausge-
sprochen: man lebte in dem Zeitalter der Empor-
kömmlinge, und er war ein Kind dieser Zeit. Er
mußte sich auf sich selbst stellen, wenn sein Vater
nicht mit dabei sein wollte. Darners gewichtiger Rath
konnte ihm dabei nicht fehlen, schon der Joannus
wegen nicht; und ohne noch einmal in ihr Arbeits-
zimmer zurüchukehren, ging er, den Direktor im
Finanzbureau aufzusuchen, mit welchem die Pachtungs-
sache zu verhandeln war.
Auf dem Wege traf er mit Frank zusammen.
Es verstand sich für Beide von selbst, daß sie sich
einander näherten, daß sie, die Verlobung ebenso wie
das Geschäft besprechend, eine Strecke miteinander vor-
wärts gingen. Dabei erwähnte John, wie er allein
die Pachtung zu übernehmen denke, und bedauerte es
deshalb, daß er durch seine mehrjährige Entfernung
von Königsberg in den Beamtenkreisen nicht bekannt
sei, denen die Pachtverleihung obliegen werde.
Frank bemerkte dazu, sein Vater sei verschiedentlich
von den Finanz- wie von den Regierungsräthen zu
Rathe gezogen worden, würde also Auskunft geben
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,Da wir Ihnen ja voraussichtlich in naher Zeit
die Antwort unserer Geschäftsfreunde mitzutheilen in
der Lage sein werden, die, wie ich annehme, zustimmend
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sein wird, so bemühen Sie sich vielleicht zu uns, und
man kann dann zusehen, welche Schritte die geeignetsten
für Sie sein dürften.r
John nahm das dankbar an.
Von der einen wie von der andern Seite war
der Verkehr einfach und frei. John hatte die Zu-
kunft Fo ernst im Sinne, daß die Vergangenheit für
ihn davor zurücktrat, als wäre sie nie gewesen; und
Frank hatte gerade jett große Eile, vorwärts zu
kommen, wenn er Eberhard noch in seiner Behausung
treffen wollte, und das mußte er.
Seit vollen sechs Monaten hatte er des Freundes
Wohnung nicht mehr betreten, und wie er zun die
enge Treppe hinanstieg, welche in dem alten Hause
zu den kleinen Zimmern führte, die Eberhard immer
noch inne hatte, blieb er zaudernd einen Augenblick
vor der niedern Thür stehen, dann klopfte er.
, Herein!r erscholl es von innen.
Frank stand vor dem Freunde.
Eberhard sprang von seinem Arbeitstisch enpor.
,De, Frank, Du? rief er. ,Gott im Himmel,
, daß mich das überrascht! Sei willkommen, seze Dich!
Wie geht Dir'e? Was bringst Du? Sei will-
kommenl'
Seine Bewegung, wie er sie auch bemeistern
wollte, bewies Frank, daß er wohlgethan, ihn auf-
zusuchen.
,Ich bringe Dir eine Nachricht, die ich Dir
selber mittheilen wollte.r
,Dolores,? rief Eberhard, mit der nicht irrenden
Ahnung der Liebe, ,was ist ihr geschehen??
,Sie ist verlobt!r

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Eberhard zuckte zusammen.
,Ich danke Dir, daß Du mir's sagst ,- .?
,Ich wußte, daß es Dir nahe gehen würde,
darum kam ich selbst, noch ehe der Hauptmann die
Anzeige erhalten und Dir dieMNachricht gebracht haben
konnte.?
,Daran erkenne ich Dich, ich danke Dir !? wieder-
holte Eberhard; ,aber wer'r =- die Worte wollten
nicht über seine Lippen -= ,wem ist sie verlobt?
Frank kannte des Freundes Stimme, jein Gesicht
nicht wieder, sie waren wie erstarrt, in der, Gewalt,
die er sich anthat. Er nannte ihm Polydor, deutete
- dessen Verhältnisse an und bezeichnete ihn, als einen
-
Mann von Ehre.
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Eberhard hörte es, ohne eine Miene zu verziehen,
- mit einem Male aber fuhr er auf:
,Dolores, Dolores eines Andern Weib und ich
lebe, ich stehe hier, der Sklave meiner selbst! Welch
ein Wahnsinn! und wir machen uns ein Bewußtsein
daraus. Wahnsinn, Wahnsinn! Er warf sich auf
den Sessel nieder, der vor seinem Schreibtisch stand,
sein Gesicht mit den Händen bedeckend, wendete sich
aber gleich wieder zurück. ,Wenn Du wüßtest, wie
ich gerungen habe, wie der Gedanke mir nicht Ruhe
gelassen; Wirf Alles von Dir und gewinne sie!!
Wie mir das Herz geblutet, wenn ich es in mir
niedergekämpft mit der unerbittlichen Vernunft; wie
hundert Mal ich mir habe sagen müssen, ziehe sie nicht
mit hinein in den Strudel, in welchem Du Dich selbst
kaum zu behaupten permagst und dem sie nicht ge-
wachsen - und nun . . .? Er stand auf und nahm
Tc..Sa sn
ist sie glücliehr
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-=- WZ -
,Sie war heiter, als wir von ihr schieden, sie
freute sich auf seine Wiederkehr. Des Vaters Zu-
friedenheit, die Aussicht auf ihre Zukunft in Venedig,
das Alles nahm sie hin.r
,Du weichst mir aus; aber mag es sein, was
habe ich auch zu fragen. Ich muß es ja wünschen,
daß sie mich vergißt. Fassen kann ich's nicht! Wer
kann den Tod begreifen, wenn er lebt?
Er ging ein paar Mal in den engen Raum auf
und nieder.
Frank war aufgestanden, Eberhard blieb vor ihm
stehen.
,Ja,' sagte er, ,geh! Ich hatte es ja anders nicht
erwartet. Es mußte so kommen, und doch! Vergiß es,
daß Du mich so fassungslos gesehen. Vergessen ist ja
heute die Losung, denke deshalb nicht klein von mir.?
,Eberhard, sprich das nicht aus; aber auch Du
wirst vergessen, mußt vergesen .. .?
Der Baron schüttelte verneinend das Haupt.
,Dir werde ich es nie vergessen, daß Du heute
kamst. Im Nebrigen,' er hielt inne, und sagte dann
mit einem tiefen Seufzer: ,mag ihr das Leben so
leicht sein, als mir die Stunde schwer!r
-' ,Seb wohl! sprach Frank.
,Hab Dank!r entgegnete Eberhard noch einmal,
und kaum hatte Frank die Thür hinter sich zugezogen,
so- setzte Eberhard sich an seinen Schreibtisch nieder
und nahm die Feder wieder in die Hand. Das
Aktenheft lag vor ihm, der Satz, in welchem er
unterbrochen worden, der Bericht, den er für die
heutige- Sitzung zu machen hatte, harrten ihrer Voll-
endung, die Stunde der Sitzung war nahe. Er mußte -
seine Gedanken zusammenhalten und er that es. Aber
mitten in der Arbeit sprang er empor; er war sich
unheimlich in diesem regelrechten Thun.
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Was kümmerte ihn der Nothstand in dem Kreise
LLabiau, was kümmerte es ihn, daß sie dort Vor-
schüsse begehrten den eingesessenen Bauern zu Hilfe
zu kommen, wie die Regierung den Rittergutsbesitzern
sie gewährt? Mochten sie untergehen in ihrer aus-
sichtslosen Arbeit! War er, er denn nicht, auch ohne
Hoffnung? Er sollte sorgen und arbeiten für Menschen,
die in ihrem Innern vielleicht weniger unglücklich
waren wie er in dieser Stunde! Ein Leben, ohne
ein ihm winkendes, beglückendes Ziel, was war das
werth? Er hatte geglaubt, mit sich, mit seiner Liebe
fertig geworden zu sein, nun empfand er, daß er
doch noch geliebt, gewünscht, gehofft, ohne' es sich zu
gestehen! Jetzt aber, jetzt war es zu Ende, und was
blieb ihm jetzt?
,Arbeiten!r sagte er zu sich selbst, daß es ihm
klang, als habe ein Anderer es gesprochen. ,äs,
das muß ich! sagte er und ging wieder an den
Schreibtisch, ruhig arbeitend, als ob ihm nichts ge-
schehen wäre, bis er seine Aufgabe vollendet.
, Es war elf Uhr, in einer halben Stunde mußte
er an seinem Platze sein; er packte die Akten sorg-
fältig zusammen. Daß er das nun alle Tage weiter
so wie heute thun werde, wie bisher, daß er im
Staatsdienst immer weiter fort zu arbeiten, für
Andere zu leben, seine Kraft einzusetzen haben werde
für das Allgemeine, und im Besonderen noch für
sein Stammgut, das bedrückte ihm heute dumpf den
Sinn, statt ihm wie sonst das Herz zu erheben.
Eine Aussicht, eine Hoffnung mußte er doch haben,
is
an denen er nicht nur mit dem Verstande betheiligt
F . war; und eine solche Hoffnung gab es.- Es gab
noch etwas, worauf man hoffen konnte, hoffen mußte,
:
mit Allen gemeinsam und für sich selbst: des Vater-
landes Befreiung von der Fremden Knechtschaft. Die

Kapitel 34

==- W9g =-
Hoffnung trug er ja wie Tausende im Herzen: mit
ihr, für ihre Erfüllung lohnte es, zu leben, auch ohne
eigenes Gllck!
Und den Nothstand in dem Kreise zu mindern,
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in den der Krieg, die Feinde ihn gestürzt, war ja
ein Schaffen für des Vaterlandes Wohl. Er nahm
die Akten, die er unmuthig fortgelegt, noch einmal in
die Hand; stehenden Fußes sah er den Schluß der
Arbeit prüfend durch; sie war besser gelungen, als
er es erwartet hatte, und es war hohe Zeit, in die
Sitzung zu gehen.
,Aber sie,' fragte er sich, als er sich schon auf
der Straße befand, ,sie, ob sie ihn denn wirklich
liebt? Ob er sie verdient, ob er ahnt, welch ein
Wesen, welch ein Jdeal sie ist? Ach, wohl ihr,
wenn sie leichteren Sinnes wäre, als ich geglaubt!r
Eine halbe Stunde später stattete er seinen Bericht
ab und ward gelobt für ihn. Was galt ihm das
an diesem Tag? -
Vierunddreißigsies Kapites
Kollmann hatte sich stets seiner unverwüstlichen
Gesundheit, seiner nie aussetzenden Eßlust, seines
festen, traumlosen Schlafes gerühmt und sie als ein
altes Kollmann'sches Stammeserbe gesegnet. Appetit
und Schlaf hatten ihn selbst bei dem Tode seiner
Frau nicht verlassen, hatten vorgehalten in allen
Schrecken der letzten Jahre. Von der Unruhe und
von den Sorgen des Tages hatte die Nacht ihn
regelmäßig hergestellt, daß er am Morgen mit klarem
Kopf erwacht, die Zustände gelassen übersehen und
das Gebotene hatte thun können.

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Die Nacht aber schlief er nicht. Mit offenen,
müden Augen, sich umherwerfend auf seinem Lager,
- war ihm Alles wie ein Traum; und er sollte mitwirken,
lebend, handelnd in demselben gegen seinen Willen.
Die wiederholte Erörterung zwischen ihm und
seinem Sohne war an dem Abend lang und ernst
gewesen. John hatte es an Ehrerbietung nicht
mangeln lassen, es mit dem Scherz versucht, wo der
Ernst verletzen konnte. Jetzt standen die Thatsachen
fest, verlangten Anerkennung und erschütterten Koll-
manns bisher unangetastetes Vertrauen zu, sich selbst.
Wieder und wieder fiel ihm ein Wort von Darner
ein. ,Der wahre Kaufmann,' hatte der einmal gesagt,
,,muß unbeweglich festhalten an seinen übernommenen
Verpflichtungen, aber beweglich und stets bereit sein,
sich mit seinem Geschäfte den Erfordernisen des
Augenblicks ohne langes Zaudern anzupassen. Wenn
er noch nicht reich genug ist, mit der immer gangs
baren Waare, mit Geld, zu handeln, muß er gegebenen
Falls auch mit Zopfband handeln, wenn man Zöpfe
trägt, und mit Scheeren, wenn man sie abschneidet!
Damals hatte man über den Ausspruch beim Glase
Wein gelacht, jetzt hatte er in der Stille an ihn zu
denken.
Das war es gewesen! Er hatte sich nicht den
Bedingungen des Tages anzupassen vermocht, hatte
fortgehen wollen auf dem eng begrenzten Wege, auf
dem das Haus in den alten Zeiten emporgekommen;
er hatte nichts wagen, sich nicht aussetzen wollen in
der Zeit des allgemeinen. Wagens. Er hatte mit
Zopfband handeln wollen - und die Zöpfe waren
abgeschnitten.
Kleinen Verlegenheiten, in die er gerathen, war
durch den alten Kredit Anfangs leicht zu begegnen
gewesen; aber da sie sich oft und öfter wiederholt,

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waren die Häuser, auf die er sich sonst gestützt, dar-
auf aufmerksam geworden. Sie waren mit ihren
Kapitalien zurückhaltender geworden, waren eben durch
die veränderten Zustände auch anderweitig engagirt
gewesen. Ein paar alte Firmen in den russischen
Ostseeprovinzen, in Preußen und in Pommern, hatten
unter der Kriegsnoth ihre Zahlungen eingestellt, hatten
Kollmann dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Wer
konnte dafür stehen, daß er nicht in die gleiche Lage
gedrängt ward? Und er war dieser Möglichkeit näher,
als er es sich bisher hatte eingestehen wollen. Er
hatte nichts wagen wollen, und war jetzt fortdauernd
auf Hoffnungen, auf Möglichkeiten, auf Erwartungen
gestellt, die ihn manchmal schon getäuscht. Er ver-
traute auf die alte Festigkeit des Hauses, während der
Boden erschüttert war, auf dem es stand. Er hatte
nicht sehen wollen, was Andere bereits besprachen.
Daß er sich das länger nicht verbergen konnte,
kam ihm hart an; daß der Sohn, von der Noth-
wendigkeit dazu gedrängt, es ihm vorgehalten, war
ihm härter. Es war ihm mit John ergangen wie
dem Gärtner, der eine Pflanze aus dem engen
Zimmer in die freie Luft versetzt, und wenn er sie
zurückholt, es zu gewahren hat, daß sie über sein
Erwarten sich entwickelt hat, daß sie in den alten
Kübel nicht mehr hineinzuzwängen ist.
Was half es ihm, daß der Sohn, um ihm die
Sache eingänglich zu machen, ihm Polydors Glossen
über das Zeitalter der Parvenus mitgetheilt, soweit
es möglich gewesen war, ohne den Vater zu verletzen.
Polydor hatte Recht. So war es; und John hatte
ebenso Recht in Allem, was er über das alte Geschäft
wie über seine Absichten ausgesprochen, und er hatte
dazu, was Kollmann allmälig abhanden gekommen
war, Entschlossenheit und Muth. Ihm fehlten sie.
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Es war ein zorniges Weh, mit dem er es sich
gestand; er hatte sich eingesponnen in Gewohnheiten,
so im Geschäft wie in seinem Leben überhaupt. Er
hatte sich gehen lassen in der bequemen Sicherheit
alten Besitzes, er war mit sechzig Jahren alt geworden
vor der Zeit. Der alte Kollmann war nicht mehr
der Konrad Kollmann, der Darner vor noch wenig
Jahren unter seinen Schutz genommen, der die weib-
lichen Gäste seiner Frau auf die aus dem Volke
hervorgegangenen Marschälle Napoleons verwiesen,
als sie den Fremden nicht hatten gelten lassen wollen.
Er war selber vorurtheilsvoll geworden; und der
fremde, unbekannte Mann hatte es gut verstanden,
sich Geltung zu erzwingen mit seinem besonnenen
Wagen. Darner war der Mann des Tages in der
Königsberger Kaufmannschaft; er war der Sieger nach
allen Seiten hin, Kollmann der Besiegte geworden.
Es war schon lange her, daß die Ühr vom Dom-
thurm die Mitternachtsstunde angezeigt. Endlich ein
Schlag, das war halb eins! Und er lag und lag
und zählte und zählte von eins bis hundert und
weiter fort, sich zu zerstreuen, zu ermüden, aber wie
er auch zählte und wie er sich das Lager umbettete,
die Zahlen, die er aussprach, stellten sich schwarz auf
weiß in langen, wohlgeordneten Reihen, wie in seinem
Hauptbuch, vor ihm äuf, ordneten sich unter das Debit
und das Kredit und ließen ihn nicht schlafen.
Wieder ein Schlag von der Ühr: ein Ühr! Der
Nachtwächter rief die Stunde aus. Der hatte es gut,
der that seine Schuldigkeit und hat keine Sorgen
und keine Gedanken. Es war ja auch ein Wagniß,
ein großes, ein großmüthiges Wagniß, daß John sein
Muttererbe daran setzte, ihn zu stützen, und er mußte
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eben jetzt in der Geschäftswelt eingetretene Krisis

überdauerte, wenn für John das Geschäft mit der
Regierung zu Stande kam, das Zeugniß gab für das
Vertrauen der Regierung, so war der Kredit des
Hauses glänzend hergestellt.
Wie langsam sie hinging eine so kurze Sommer-
:e UMe rn !
schon gegen den Morgen sein, er hatte gewiß das
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Schlagen der Ühr, den weiteren Ruf des Wächters
überhört.
Da schlug's! Wieder nur ein Schlag! ,Halb
zwei! rief: der Wächter. Die Ewigkeit konnte nicht
länger dauern! - Warum entfliehen die Stunden des
Tages so schnell, warum haben die Stunden der
Nacht so schwere Sohlen?
Und was verlangte der Sohn denn voi ihm
für das Opfer, zu dem er sich erboten? Er sollte
die Darner, er sollte die Joannu nicht vor den Kopf
stoßen, denn John brauchte Beider guten Willen. Er
sollte sich in das Gleiche setzen mit Darner, sollte
sich erinnern, daß er es gewesen, der Darner an
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Justinens Ehrentag den Stuhl hart vor die Thür
gestellt, sollte bedenken, daß Darner ihm an offener j
Börse entgegengekommen war.
Zugeben mußte er das, aber er hätte es gern h
noch erst beschlafen; und der Schlaf, sein guter, alter
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müden Mann!
Was war das, wovon wurden ihm die Wimpern
feucht? Thränen? Mitleid mit sich selber? Er konnte
das nicht ertragen.


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Er stand auf, schlug Licht an, warf den Schlaf-
rock über und öffnete das Fenster. Der Wind war
nach Osten herumgegangen, die Luft strömte ihm er-
frischend entgegen. Die Nacht war so hell, daß er
die kleinste Einzelheit der Baugliederung des Domes -
genau unterscheiden konnte.
Das alte Portal mit seinen mäßig gewölbten
Bogen hatte er vor sich gehabt, so lange er denken
konnte. Sein Großvater, sein Vater, er selber, seine
Frau, seine Kinder waren in dem Dome getauft;
vor seinem Altar waren ihre Einsegnungen, ihre
Trauungen vollzogen, den Hingegangenen waxen die
Leichenreden dort gehalten worden, und es war Lang-
lebigkeit, es war Dauer gewesen in dem ganzen Ge-.
schlecht und in dem Hause. Das Rückwärtsblicken
that ihm wohl. Sein Großvater, hatte es bis zum
neunzigsten Jahre gebracht und ohne Brille gelesen
bis zuletzt. Seine Augen waren auch noch scharf wie
die eines Jünglings. Als man seinen Großvater
begraben, er entsann sich dessen ganz genau, es war
im Hochsommer gewesen, hatte man in der Kirche
das schöne Klopstocksche Lied gesungen: ,Auferstehn,
ja auferstehn wirst du mein Leib, nach kurzer Ruh' !
Er hatte es bestellt und singen lassen bei seiner
Eltern, bei seiner Frau Tod, auch ihm sollte es ein-
mal gesungen werden, es, war ein schönes Lied. Er
sprach die Worte vor sich hin: ,Auferstehn, ja auf-
erstehn !rr Sie erhoben ihm das Herz. Seine Stirne,
seine Augen hatten sich unter der frischen Luft ge-
kühlt; er athmete wieder tief und frei. Das Lied
war schön, aber es ihm zu fingen hatte es noch Zeit.
So bald galt es hoffentlich noch keine Auferstehung
in einer bessern Welt!
Er ging, auch das andere Fenster aufßumachen,
dabei kam er an dem Spiegel vorbei, auf dem Tische

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vor demselben brannte das Licht, das er sich ange- z
zündet hatte, er warf einen Blick in das helle Glas.
Nun ja, er war ein Sechziger, seine Stirn war
hoch geworden, sein Haar war weiß, aber - er
richtete sich auf - sein Nacken war noch ungebeugt.
Er brauchte nur zu wollen, nur auferstehen zu wollen P
für die Welt, wie sie sich um ihn her gestaltet hatte,
um wieder in ihr seinen Platz zu behaupten, wenn
er mit Neberwindung seines innern Widerstrebens der
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berechtigten Forderung seines braven Sohnes nach-
Za Lächeln bei dem Vergleiche in seinen Augen, da
-

- Friedrich Wilhelm Frieden gemacht mit Bonaparte,
so konnte er auch, ohne sich etwas zu vergeben, seinen z
Frieden schließen mit Lorenz Darner, wenn das Koll-
mann'sche Interesse es erheischte, und es erheischte es
durchaus.
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nach den offenen erleuchteten Fenstern des Hauses ?
hinauf.
,Ist was passirt, Herr Kollmann?' rief er hin-
auf, dicht herantretend an das Haus.
,Nichts, gar nichts !' antwortete Kollmann dem
ihm altbekannten Mann.
,Na, denn gute Nacht, Herr Kollmann!?
,,Gut'Nacht, morgen soll Er einTrinkgeld haben!r
Damit schloß Kollmann das Fenster.
Das Zimmer war inzwischen ausgekühlt. Koll-
mann ging wieder zu Bett mit dem Gedanken, daß
er die durchwachte Nacht nicht zu bereuen habe; und
der treue Kollmann'sche Schlaf ließ nun auch nicht
lange auf sich warten. Still und tief senkte er sich
auf ihn nieder, fest den Traumlosen umfangend und
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erquickend. Er erwachte darnach klaren Kopfes und
mit gewandeltem Herzen, mit neuer Selbsterkenntniß
und mit neuem Muthe.
Zur gewohnten Stunde stand er am Morgen auf
seinem alten Platz: John war schon. vor ihm in das
Komptoir gekommen.
Er hatte nach dem gestrigen Gespräch nicht ohne
Besorgniß an das Begegnen mit dem Vater gedacht,
aber Kollmann sah heiter aus bei seinem Eintritt
in das Komptoir. Er hatte sich sorgfältig frisirt,
und nach der englischen Stehuhr blickend, die auf
demselben Flecke stand, auf welchem sie gestanden
seit Kollmanns Großvater, der große Rhederei be;
trieben, sie auf eigenem Schiff aus London mitge-
bracht, sagte er:
,Wir wollen heute sehen, hier so abzukommen,
daß wir noch vor der Börse zu Darner gehen;
expedire daher das Nothwendige bald.?
,Soll geschehen!' entgegnete John, von Herzen
froh, so weit zu sein. ,Joannu erwartet mich vor
zwölf Uhr.?
,Also um halb zwölf!' sagte der Vater und
setzte sich in seinem bequemen Drehstuhl an sein
Pult.
John hatte ein paar Mal aufßustehen, um Briefe
in das Komptoir zu tragen, es kamen verschiedene
Personen, mit denen man zu sprechen hatte; als er
dann wieder in das Privatzimmer zurückkam, war
die bestimmte Stunde da.
Kollmann stand vor. dem. Spiegel, zupfte den
steifen, hohen Hemdkragen bis unter die Ohren hinauf,
lockerte das in vielfachen Windungen um den Hals
geschlungene weiße Batisttuch, daß es das Kinn voll.
umgab, und hob das feingefältete Batistjabot aus der
gelben Piquetweste hervor, daß es sich präsentirte, wie

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es sich gehörte. Er wollte nicht älter aussehen, als
er war.
John that, als bemerke er es nicht, obschon es
ihn freute. Er war gesprächig auf dem Wege, Koll-
mann schweigsam. Die kurze Strecke war schnell.
durchmessen. Langsam stieg Kollmann die Treppe
nach dem Wolm hinauf. Er war sie ungezählte Mal
gegangen zu seiner Schwiegereltern und seines
Schwagers, des seligen Willbergs Zeiten; sie jett
noch einmal wieder zu betreten, hatte er nicht ge-
dacht.
Der Wechselmakler, der zufällig aus dem Komptoir
ihnen entgegenkam, sah ihn verwundert an. Es war
Kollmann verdrießlich.
,,Ein Gratulationsbesuch bei Jöannu!' sagte er,
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indem er grüßend an ihm vorüberging; aber der
Makler, der an dem Windfang ein wenig innehielt,
hörte es noch, wie Kollmann dem Diener den Auftrag
gab, ihn und seinen Sohn bei den Herren Darner
und Joannu zu melden, wie der Diener die Herren
hinaufwies in das erste Stockwerk.
,Also die Versöhnung ist komplet! Gut für den
Vater, besser noch für den Sohn! sagte der Makler
zu sich selber und zog die Thür hinter sich zu.
Da stand nun oben in dem Saale Kollmann an
derselben Stelle, von welcher er im Zorn von Darner
geschieden. Es hatte Thränen gegeben damals, hier
und dort; die waren lange getrocknet. Der Einen
lachte das Leben und das Glück, die Andere lag im
Grabe. Was sie denken würde, wenn sie ihn hier
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an seinem Platze; und seiner Mißempfindung das
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das über dem Sofa hing: ,Ich habe Dir ein großes
Opfer gebracht, vergiß das nicht!?
,Gewiß nicht, aber hoffentlich kein vergebliches
Opfer! setzte der Sohn hinzu, als die Thüre rasch
aufging und Darner festen Schrittes, ihm die Hand.
entgegenreichend, an Kollmann herantrat.
,Erfreut, Sie zu sehen!r sprach er. ,Gutes
Gluck kommt nie allein! Nehmen Sie Platz. Die
Verlobung meiner Tochter bringt mir Sie und Ihren
Sohn. Willkommen alle Beide!r
Seine freie Stirn, seine klangvolle Stimme, die
offene Bewegung, mit welcher er Kollmann und dann
John die mächtige Hand bot,; die unverkennbare
Zufriedenheit, welche aus seinen Mienen spraäh, hatten
etwas Unwiderstehliches. - Seinen Willen im Großen
wie im Kleinsten durchzusetzen, das war sein Lebens-
genuß, und gering, wie dieser Erfolg war neben dem
vielen Großen, das er errungen, hatte er eine Be-
friedigung darin, daß Kollmann, der vor den Augen
und Ohren seiner Gäste, in diesem seinem Zimmer,
ihm seine niedere Herkunft vorgeworfen hatte, ihm
kommen mußte, auf dieselbe Stelle, seines Beistandes
bedürftig für sich und seinen Sohn!
Frank und Polydor waren mit Darner fast
gleichzeitig erschienen.
Kollmann hatte den warmen Empfang, den ihm
alle Drei bereiteten, nur zu loben, aber er hatte sich
ihn anders erwartet, er hätte ihn anders, kälter,
förmlicher haben mögen, Darners Entgegenkommen
paßte nicht in sein Programm. Nichts von Allem,
was er auf dem Herzen gehabt, was er Darner,
Frank zu sagen gedacht, war anzuwenden nach des
Hausherrn sicherem Freimuth, der ihn hegrüßte, als
wären sie gestern erst beisammen gewesen, und ver-
traulicher mit ihm verkehrte, denn je zuvor. Darner

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hatte den Ton anzugeben, der zwischen ihnen walten
sollte, Kollmann ihn anzunehmen. Es ging Alles so
glatt, so selbstverständlich vor sich.
Polydor sprach von seiner Braut, Frank von
seiner Frau und seinem Sohne, den Kollmann durch-
aus sehen müsse und an dem er Freude haben würde,
weil der Bursche mit seinen sechs Monaten schon
ganz klug um sich blicke. John sprach seine Zufrieden-
heit darüber aus, wieder in seinem Vaterlande zu
sein, weil man in Rußland fest an ein Bündniß
Alexgnders und Napoleons auf Kosten Preußens
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glaube.

Darner meinte, so lange Napoleon mit Portugal
und Spanien nicht in Ordnung sei, habe man im
Norden auf eine Rast zu hoffen. Von den Siegen
war die Rede, welche die Engländer in Portugal
unter General Arthur Wellesley gegen die Franzosen
erfochten; von dem Blutbad, das die Franzosen nach
dem Verrath von Bayonne in Madrid angerichtet;
von der Erhebung Joseph Bonaparte's zum Könige
von Spanien, über welche eben die ersten ausführ-
lichen Berichte aus den französischen Zeitungen in
die Königsberger übergegangen waren, und vor Allem
war es wieder der in Sicht stehende Kongreß zwischen
dem russischen Kaiser und Napoleon, der in Preußen
die Besorgniß wach erhielt.
Die Unterhaltung konnte in einem Gesellschafts-
saale nicht unpersönlicher fließen, bis Darner, als
man des Kongresses erwähnte, die Bemerkung machte,
da es durchaus nicht abzusehen sei, welche Wendung
die Ereignisse nach demselben für Preußen nehmen
würden, so möchte es für John gerathen sein, die Ver-
tragsangelegenheit mit der preußischen Regierung bald-
möglichst zu festem Abschluß zu bringen; und mit
dem Worte war man mitten im Geschäfte.
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Darüber war die Zeit vergangen. Darner mahnte
an die Börsenstunde, die Kollmanns erhoben sich so
wie er.
,,Wenn die Herren ein wenig verziehen wollen,'
sagte er, sich zu den Beiden wendend, ,so gehen wir
gemeinsam. Mein Sohn erfährt dabei, was er im
Interesse unserer Freunde wissen muß, da er die
Antwort von ihnen erhalten wird; denn ich gehe
gleich nach der Börse mit Herrn Joannu zu meinen
Kindern hinaus, und wenn Herr John mir sagt,
welche Schritte er hier bereits gethan, welche Aus-
sichten man ihm eröffnet hat, so besprechen wir, wie
man die Sache, und durch wen man sie;an sich
bringen kann.?
Man hatte das dankbar anzunehmen, doch eben
dies Dankenmüssen war's, was Kollmann drückte; und
als sollte Alles dazu kommen, ihm diese erste Be-
gegnmg empfindlicher zu machen, fuhr der Doktor vor-
über, als er an Darners Seite aus dem Hause kam.
,Gratulor', gratulor' !r rief der Doktor voll Er-
staunen, es den Beiden überlassend, worauf sie den
Glückwwunsch beziehen wollten, während er Miene
machte, von der niedrigen russischen Droschke abzu-
steigen, deren er im Sommer sich bediente.
Darner verhinderte es.
,Auf später, Doktor! wir müssen vorwärts!r be-
deutete er ihn; und Kollmann, formell wie immer
die rechte Seite einräumend, bemerkte er gegen ihn:
,,In dem Kreise unserer Bekannten werden wir heute
dem neuen Könige von Spanien das Interesse streitig
machen. Ein Zerwürfniß überrascht die Leute nie;
ein Ausgleich immer!'?
,Sie haben hoffentlich mehr zu thun, als sich
um die Privatangelegenheiten von Privatleuten zu
bekümmern!fs meinte Kollmann,
Lewald. Die Familie Darner. .
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Kapitel 35

A
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,Privatleute,' wiederholte Darner, ,Privatleute
sind wir ihnen nicht. Wollen sie uns als Groß-



mächte behandeln, haben wir uns darnach zu ge-
riren!?
,Wir, wir?' klang es noch in Kollmann nach,
als sie, mit einander sprechend, in die Börse ein-
traten und die Augen der Näächststehenden sich auf
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sie wendeten, noch bevor er sich von Darner hatte,
trennen können.
,Er nimmt mich ins Schlepptau wie sein Sklaven-
schiff und bugsirt mich in den Hafen!r sagte er zu
John.
,Wenn er Sie und mich in das rechte Fahr-
wasser und in den sichern Hafen bringt, haben wir
ihm zu danken.r
,Das ist es ja!' antwortete der Vater.
Er hatte in der Nacht mit Selbsterkenntniß das
Schuldig gegen sich ausgesprochen und konnte es doch
noch nicht verschmerzen, daß er begnadigt ward und
die Gnade anzunehmen hatte.
zoeoOaaewoaoeoeaewoeooeeaeewogpppgspssgspssppppsp
Süünfunddreißigstes Kapites
z
,Haltet mir Dolores so munter!' hatte der
Vater zu Justine und Virginie gesagt, als er mit .
Polydor Strandwiek verlassen; und in ihrer eigenen
Fröhlichkeit waren die Beiden noch an dem Abend,
auf den Gedanken gekommen, zur Erinnerung an den
Verlobungstag das Schloß mit einer großen Fahne
zu schmücken, um sie, wie es nach des Vaters und
Franks Mittheilung in England der Brauch sein
sollte, bei der Anwesenheit des Schloßherrn in seinem
-
I
z

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==- Z0? =-
Schlosse, als Zeichen für dieselbe aufzuziehen. Der
Zustimmung des Vaters hielt man sich gewiß, da sie
zum Andenken der Verlobung gestiftet wurde, und
wenn der Vater und Polydor zurückkehren würden,
sollte sie zum ersten Male ihre Parade machen.
Wollte man das erreichen, so hatte man der
Arbeit und der Beschäftigung -geng. Es mußte in-
die Stadt gefahren werden, zu sehen, was man dort
an Flaggentuch etwa vorräthig fände, unter welchen
Farben man zu wählen haben werde.-Mit dem
Schreiner, mit dem Schmied und mit dem Seiler
galt es zu verhandeln; die Fahne wollte auch genäht,
sollte von ihnen selbst genäht sein, und das Alles
kam schneller und besser zu Stande, als sie es selbst
erwartet hatten.
Nach vielem Neberlegen, ob man die mecklen-
burger oder die preußischen Farben nehmen müsse,
nach Berathen mit dem Hafenkapitän des kleinen
Ortes, der natürlich ein Flaggenkundiger war, hatte
man, da Dolores es vorschlug, schwarzes, rothes und
gelbes Flaggentuch gekauft. Es sah schön neben ein-
ander aus, obschon der Hafenkapitän gesagt, solch
eine Flagge gäbe es nicht auf dem Meere. Dolores
entgegnete, das seien die deutschen Farben.
Virginie blickte Justine an, sie erriethen Beide,
woher ihr dies Wissen gekommen sein konnte; aber
um durch Entgegnung keine Erörterung zu veranlassen
und um ihr ihren Willen zu thun, ließen sie es da-
bei bewenden. Man brachte das gekaufte Tuch im
Triumph nach Hause, und ging sogleich ans Werk.
Als man am nächsten Tage die drei Streifen
aneinander genäht, bemerkte Virginie, wenn die
Flagge recht schön sein sollte, so müsse sie eigentlich
doch in der Mitte noch ein Emblem haben, und da
man ja so glücklich in dem Schlosse sei, so müsse
Ah

-=- Z0s--
von Rechtswegen aus weißem Zeug noch ein recht
großer Stern geschnitten und als Glücksstern auf die
Flagge doppelseitig aufgenäht werden. Der Vorschlag
fand frohen Beifall, aber es hatte Eile, denn es war
unbestimmt, wann der Vater und der Bräutigam
wiederkehren würden.
Die Hände durften nicht rasten und das Plaudern
rastete auch nicht. Man dachte bei der freudigen
Arbeit des Staunens, mit welchem der Vater schon
von Ferne die lustig in der Luft fliegende Fahne
erblicken werde, und dabei flogen die Gedanken der
Fleißigen auch weithin durch die Luft, nach den
großen, berühmten Magazinen in Paris, von denen
die Ausstattung für die Braut, um Zollschwierigkeiten
zu ersparen, nach Venedig in den Palazzo Ferramonte
geliefert werden sollte; und nach dem hohen Dache
des Palastes, auf dem, wie Justine zuversichtlichh be-
hauptete, die weithin sichtbare Fahne auch nicht fehlen
würde bei Dolores' Ankunft.
Justine, in ihrem Shakespeare wohl bewandert,
nannte Polydor immer nur Antonio, den königlichen
Kaufmann von Venedig. Sie waren zuletzt der
Gegenwart ganz entrückt in ihrer Unterhaltung. Vor-
ahnend nahm der Zauber von Venedig sie Alle in
Beschlag. An dem heimischen Strande wiegten sie
sich in den schwellenden Polsterkissen der Gondeln
auf dem Canale grande; und wie nun in dem
Spiel der Phantasie ein Wort das andere gab, sagte
Virginie:
,Weißt Du, Justine, wir wollen sie auch nicht
mehr Dolores, wir wollen sie Porzia nennen von
heute ab!r?
,Ja, thut das!r rief Dolores, und in dem Ton,
mit welchem sie das sprach, lag ein Ernst, der den
Anderen auffiel.

=- 09==-
,Was seht Ihr mich so an? Ich meine es
ernsthaft,? sezte sie hinzu, ,lo, wie ich's sage.?
,Ernsthaft, was soll das heißen?' fragte Justine.
,Der Vater hat gesagt, ich solle eine Andere
werden, das habe ich ihm versprochen und bin es
auch; und da ich nicht mehr Dolores sein soll, will
ich Porzia sein. Jettzt will ich es Euch sagen, früher
hätte ich es nicht gekonnt: ich glaube an Namen.?
,Aber Dolores, was sprichst Du denn, was
heißt das wieder?? fragte Fustine abermals und
hielt in ihrer Arbeit inne.
,,Namen bedeuten etwas,? sagte sie, ,und wenn -
ich Virginie und nachher Dich, Justine, immer habe
sprechen und lachen und mit den Dingen und den
Menschen habe gleich fertig werden sehen, und ich
habe das nicht gekonnt, so habe ich immer gedacht,
das kommt von Deinem Namen. Dolores heißt
Schmerzenreich, und Du bist nicht zum Glück be-
stimmt!r
Virginie sprang auf und legte der Schwester
beide Hände auf die Schulter.
,, Und das hast Du nie, auch mir niemals gesagt?
Dolores schüttelte den Kopf.
,Ich konnte nicht, ich dachte, wenn ich's sagte,
würde es schlimmer!'
,Hast Du je so etwas geglaubt!'r rief Virginie
in dem Ton des Vorwurfs aus. ,Unser Leben lang
sind wir beisammen gewesen, Tag und Nacht, und
sie hat für sich allein gelebt! Siehst Du, jett könnte
ich mich Schmerzenreich nennen und weinen und
klagen über Dich!?
Dolores küßte sie.
,Sei gut, nun ist es ja vorbei, aber - im
Winter, wie ich so traurig war, da habe ich es
immer vor Augen gehabt, das Bild. Besinnst Du

-=- Z10 =-
Dich, das kleine Bilb! Es hing über dem Bette
unserer Mutter, und sie hat es mitgenommen in das
Kloster, die kleine Ksrtsr äoloross. mit dem Schwert
im Herzen. Damals habe ich immer gedacht, ich
habe auch das Schwert im Herzen, und das ist mir
vorausbestimmt, und darum haben sie mich Dolores
genannt!'
,Wahrhaftig,? fiel Justine ein, welche Eile hatte,
dieses Gespräch und diese Erinnerungen nicht auf-
kommen zu lassen, ,es ist Zeit, daß wir Deinen
königlichen Kaufmann anhalten, Dich Porzia zu
nennen, denn Du giebst uns lauter Räthsel auf,
und es ist ein Glück, daß er Dir die verschlossenen
Lippen mit seinen Küssen geöffnet hat, damit es doch
herauskommt. Was meinst Du, Virginie, wenn wir
zum Lohn dafür ihn beim Willkomm unter, dem
Banner unseres Hauses umarmten und küßten? Ge-
fallen wird er es sich lassen, denke ich! Aber gieb
die Stecknadeln her und hilf mir die Flagge flach
auf den Boden breiten. Mein Stern ist schön ge-
säumt, die Ecken alle scharf und spitt. Wir müssen
sehen, ihn recht in die Mitte zu bringen. Mache,
daß Du mit Deinem Stern auch fertig wirst, die
Fahne muß heute noch aufgezogen werden,'auf und
nieder, daß wir ihrer sicher sind, wenn der Schloß-
herr kommt mit Porzia's Paladin.r
Die Wärterin mit Lorenz kam dazwischen.
,Wenn man zaubern, wenn man den malen
könnte als den Sternträger auf der Fahne!'' wünschte
Virginie, und in dem fröhlichen Arbeiten ging der
Tag hin, bis am Abend die Handwerker sich in dem
Schloß zusammenfanden und nach mehrstündigem
Schaffen endlich unter ihrem Vivatrufen die Fahne
aufgebracht wurde und, von dem Abendwinde bewegt,
unter dem Jubel der Kinder und der von ihrer

=- Z11--
Arbeit heimkehrenden Leute zum ersten Mal stolz
auf dem Schlosse sich erhob.
Mit dem Gedanken an die Fahne schliefen sie
ein, mit dem Gedanken an die Fahne erwachten sie.
Ob man sie gleich aufziehen, ob man sie verborgen
halten und erst aufhissen müsse, wenn man den
Postillon werde blasen hören; ob die Erwarteten
heute, und zu welcher Stunde sie kommen, ob Frank
sie begleiten würde, das wurde überlegt, berathen;
und mit jeder fortschreitenden Stunde steigerte sich
die Spannung und die fröhliche Erregung. Weil
man sich die beiden letzten Tage zu hasten gehabt,
verfiel man in den freien Stunden bald auf dies
und bald auf das. Virginie band bunte Blumen
zusammen, welche als Kranz um die im Hause ge-
backene, große Torte prangen sollten. Dolores füllte
alle Vasen mit frischen Blumen, und als sie dann,
wie an dem Tage, an. welchem Polydor sie zuerst
gesehen, wieder Rosen vom Strauche brach, um sie
an ihre Brust zu stecken, sagte sie:
,,Daß ich mir in Venedig auch im Winter werde
Rosen pflücken können, das denke ich mir schön !r
Je länger es währte, je mehr die Sonne sank,
um so ungeduldiger wurden sie Alle.
Justine war zu ihrem Knaben hinaufgegangen,
ihn selbst zur Ruhe zu bringen. -
Die Schwestern waren allein. Dolores stand
zum öfteren auf, ihre Ühr mit der Ühr im Zimmer, mit
der Sonnenuhr im Hofe- zu vergleichen, dann ging
sie sehen, ob der Hofmann sich noch nicht zum Läuten
rüste. Sie sprach viel und lebhaft durcheinander,
Virginie hatte ihre Freude daran; sie dachte, wie
gut es sei, daß der Vater Dolores verheirathe, daß
er sie aus dem Träumen herausgerissen habe, es sei
doch jetzt anders und besser mit ihr.


R
-=- 8A -
, Ich wollte, sie wären schon da!r sagte Dolores.
,Polydor wird auch den Pferden Flügel wünschen,
und wie würde er sich freuen, wenn er Dich sähe in
Deiner Ungeduld!?
,Ja, ich bin ungeduldig, ich habe keine Ruhe.
Ich bin neugierig, was er sagen, wie Alles wieder
sein wird. Man weiß es und kann es sich nicht
denken, man begreift es eigentlich gar nicht, und
dann nachher, wenn er da ist, ist Alles so natürlich,
so von selbst.-- Nun, Du wirst es auch erleben,
wenn Du Braut sein wirst!r?
,, Fängst Du das Lied noch einmal an?r ent-
gegnete ihr die Schwester, und einstimmig riefen sie:
,Da sind sie!?
Das Posthorn erklang wieder aus der Ferne
wie an dem Tage, an welchem Dolores so bangen
Herzens den ihr bestimmten Mann erwartet hatte.
Der Diener hastete die Treppe hinauf, die Flagge
zu hissen, die Schwestern eilten vor die Thüre hin-
aus, Justine war auch herbeigekommen. Dolores'
Wangen brannten, ihre Augen glänzten noch heller
als vorhin, ihre Hände waren kalt.
Der Wagen hielt, Polydor sprang heraus, das
Lächeln der Braut winkte ihm, er hatte sie in seinen
Armen, sie machte sich los, den Vater eilig zu be-
grüßen; dann wendete sie sich wieder zu Polydor und
zog ihn mit sich in das Haus.
Darner sah es mit Zufriedenheit, daß sie sich
an ihren Verlobten hing. Aber noch ehe die Anderen
ihm den Willkomm bieten konnten, sagte er, und sie
hörten und sahen es ihm an, daß es ihm mißsiel:
,Wie kommt die Flagge auf das Dach!r
,Zu Ihrer Neberraschung, Vater, sie sollte Sie
und Polydor schon von Weitem grüßen; sehen Sie,
Ha ? zwse

?

-
- Z1Z --
wie sie lustig flattert; wir haben die ganzen Tage
daran genäht,'' berichteten Justine und Virginie.
Er hörte nicht darauf.
,,Treibt solche Spielerei in Eurer, in der Kinder-
stube, nicht an meinem Hause, auf offener Straße!
Die Fahne herunter, Franz!''
,,Vater, um Gotteswillen, Vater!=- Wart' Er
noch, Franz!-- Lassen Sie die Fahne, lieber Vater,
wir haben den Glücksstern darauf genäht -- Lora --
Sie wissen es nicht, Vater, aber Lora ist so aber-
gläubisch, sie hat ja das Alles früher nicht gesagt.
Sie hatten uns befohlen, wir sollten sie zerstreuen.
Sie hat sich so gefreut mit der Fahne, lassen Sie die
Fahne! Dolores würde es als ein böses Zeichen
ansehen, zöge man sie ein!rr baten und mahnten die
Beiden mit eiligen Worten wechselnd durcheinander.
,Nehme Er die Fahne herunter !' gebot Darner
noch einmal.
Die Frauen verstummten, der Diener entfernte
sich, den Befehl zu vollstrecken.
Darner ging in das Haus, die Andern folgten
ihm schweigend.
Mitten in der Wohnstube kam Dolores ihnen
entgegen.
,Seht, wie mein Glücksstern funkelt? rief sie,
auf das Halsband von Brillanten und auf die
Stirnbinde hinzeigend, die sich durch das Haar
geschlungen uüd in deren Mitte ein Diamantstern
in hellstem Lichte strahlte. Sie hatte' das Geschenk,
das Polydor ihr mitgebracht, vor dem Spiegel angelegt
und freute sich an ihrer reich geschmückten Schönheit. ,
Juustine hatte sich schnell gefaßt.
,Sagt' ich's nicht? sprach sie; ,der königliche
Kaufmann von Venedig! Mag sein Stern Dir immer
fröhlich leuchten!

= -
V
r
==- ZI =-
, Und mögen die einfachen Reifen, die ich Ihnen
im Namen meiner Braut zu bieten wage, Sie Beide
freundlich an uns erinnern, wenn wir fern von Ihnen
sein werden!r schloß Polydor sich ihren Worten an,
ihr und Virginie jeder ein Kästchen überreichend, in
welchem ein kostbarer Solitair eine Anzahl feiner
Goldreifen als Ring zusammenhielt.
Sie waren an Schmuck gewöhnt, doch die Pracht
dieser Diamanten, welche Polydor in der Gewißheit,
die Braut zu gewinnen, von Petersburg mitgebracht,
hatte auch für ihr Auge sein Blendendes, und sie
waren alle jung und schön. Während sie die Ringe
mit Wohlgefallen an die schlanken Finger steckten,
und Dolores sie die Armbänder und das Gürtelschloß
bewundern ließ, die das Geschenk ihres Bräutigams
vervollständigten, zog Darner zwei Briefe aus, der
Brusttasche und händigte den einen seiner Schwieger-
tochter, den andern Dolores aus.
,Vom Onkel?? fragte Justine voll. Erstaunen.
,,Ach, von unserer Göttling! rief Dolores;
,,heite kommt lauter Gutes!'
Und der Schmuck und der Bräutigam und die
gesenkte Fahne wurden darüber für den Augenblick
vergessen.
Kollmann hatte nur mit wenigen Worten ge-
schrieben, daß ein Ausgleich zwischen ihm und den
Darners zu Stande gekommen sei, daß er mit Ge-
ngthuung von Justinens Wohlergehen erfahren habe,
daß er sie wiederzusehen erwarte bei ihrer Rückkehr
in die Stadt. Ein herzlicher Brief ihres Vetters
war in den des Onkels eingeschlossen; aber lebhaft,
wie ihre Freude war, hatte sie Selbstbeherrschung
genug, sie nicht vor dem neuen und doch immer noch
fremden Familienmitglied zu äußern. Sie drückte
und küßte mit einem Worte des Dankes ihres

!
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!

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==- 81B=-
Schwiegervaters Hand; er leß es ebenso wortlos
geschehen. Ihre Zurückhaltung war nach seinem
Sinne.
Mit Dolores war es ein, Anderes. Sobald sie
die ersten Zeilen des erhaltenen Briefes durchflogen,
begann sie in ihrer gerührten Freude ihn laut vor-
zulesen, und Madame Göttling, der es endlich wieder
einmal freigestanden, ihr Herz vor ihren Pflegetöchtern
auszuschütten, hatte sich gehen lassen in der Schilde-
rung ihrer Sehnsucht, in der Freude, das Kind ihrer
Justine, den Bräutigam ihrer Dolores kennen zu
lernen, ihre geliebte Virginie wieder umarmen, und
die glücklichste Zeugin all dieses Glückes werden zu
können. -
Der Brief war lang und gegen die sonstige Ge-
wohnheit der verständigen Frau sehr überschwenglich;
aber Dolores las ihn mit Entzücken, sich fortwährend
unterbrechend, um ihrem Verlobte eingänglich zu
machen, wer die Schreiberin sei und um was es sich
zwischen ihnen handle.
Darner hatte das Zimmer bald verlassen, Poly-
dor an einem der Fenster Platz genommen. Er
nickte anfangs freundlich, entgegnete auch' ab und zu
ein Wort auf die Erklärung seiner Braut, dann
ward er still, und Justine, welche die Achtsamkeit auf
ihre Umgebung nicht leicht verlor, bemerkte, daß er
in berechtigter Ungeduld leise mit den Fingern auf
dem kleinen Tich trommelte, der an seiner Seite
stand. Sie legte sich schnell' in das Mittel, indem
sie lachend der Schwägerin den Brief aus der Hand
nahm.
,Nun aber genug von der treuen Seele,? rief
sie, ,die läuft uns ja nicht weg, und Dein Bräutigam
wird eifersüchtig werden und Furcht bekommen vor
einer so ausgiebigen Treue!r?-

n
b=- I1sß--
,Ach, daran hab' ich nicht gedacht! sagte
Dolores.
,Das eben beklage ich! entgegnete Polydor, und
sie sah an seiner Miene, daß er empfindlich war.
,Polydor, bist Du wirklich eifersüchtig?? fragte
sie, indem sie ihre Hand auf seine Schulter legte.
,Nein, aber Du bist verschwenderisch mit den
flüchtigen Stunden, die mir gegönnt sind, und ich
zähle sie- und frage mich dabei, ob ich Dir die
Dame nicht mitnehmen müßte, über die Du mich so
ganz vergißt!rr
Dolores stand erschrocken vor ihm; sein Auge
war ernst und kalt auf sie gerichtet, und weil sie das
Wort nicht fand, ihm zu erwidern, sagte Justine:
,,Wie sie nun dasteht! Aber wir Alle tragen die
Schuld, wir haben sie Alle verzogen, und sie eiß
es noch nicht, daß kein Mann theilen mag. Merk!
Dir das, Lora! Selbst unser Herrgott will ja keine
Götter haben neben sich!?
Sie warf das wie im Scherze hin, nahm Virginie
unter den Arm und ging mit ihr davon, das Braut-
paar sich selber überlassend.
Justine hatte ausgesprochen, was Polydor ge-
dacht; die Erinnerung an den Abend, an welchem
Dolores sein leidenschaftliches Werben abgewiesen,
kam dazu, ihn zu verstimmen. Dolores hatte ihn
verletzt und Justine hatte Recht. Reizend, wie
Dolores ihm war, hatte er sie, das von Allen ver-
wöhnte Kind, doch nach seinem Sinne, nach seinem
Bedürfen zu erziehen; denn sie war jett sein, ihm
verlobt von ihrem Vater, und gleich in dieser Stunde
hatte er es beizubringen, daß sie nicht allein die
Beglückende sei, sondern auch die Beglückte. Sie
sollte einsehen lernen, daß das Mädchen, welches er
gewählt, stolz darauf zu sein habe; sie sollte sich ihm
?

P
=
==- Z? =-
fügen mit Glücksgefühl, wie manch' schönes Weib sich
ihm gefügt; wenn sie ihm auch schöner, begehrens-
werther dünkte als je ein Weib zuvor, und wenn es
ihm auch schwer fiel, ihres bittenden Blickes nicht
zu achten, den schlanken Leib, der sich zu ihm neigte,
nicht in seine Arme zu ziehen. Sie hatte ihm weh
gethan, sie sollte nicht glauben, daß er's ihr nicht
vergelten könne. Er fühlte seine Liebe an seinem
Zorn, wie klein auch der Anlaß gewesen, der ihn
erregt.
Dolores blieb stehen. Ein paar Sekunden ver-
gingen. Er wartete vergebens auf ein Wort aus
ihrem Munde, die flüchtigen Augenblicke lasteten
auf ihm. Aber sie stand regungslos und sein Wort
erwartend, wie er das ihre,- Ihre Augen waren
fest auf ihn, gerichtet. Er sah es nicht, denn er hatte
sich in dem selbstgefälligen Spiel mit ihr, von ihr
abgewendet.-
Mit einem Mal zuckte ein tiefer Ernst durch ihr
Gesicht, sie richtete sich auf, trat vor den Spiegel
hin. Polydor, jett rasch ihrer Bewegung folgend,
sah, wie sie die Hand erhob und nach dem Stirn-
, band griff.
,Dolores, um Gotteswillen, was soll das??
rief er, an sie herantretend und ihre Hand er-
greifend.
Abet, sie hatte den Stern schon aus ihrem Haar
- gezogen. f,
,Was soll mir der Stern, wenn Du Dich von
. mir wendest! sagte ße.
Er kannte den Ton nicht wieder; wie ihres
Vaters Stimme klang es von ihren Lippen. Das
Erstaunen, das Erschrecken war jetzt an ihm. War
das Dolores, die Alle wie ein Kind behandelten, die
er unterjochen zu können geglaubt durch einen Blick?

- ata ?
Ihr Ernst hatte etwas Königliches, das ihn über-
wältigte, dem er wehren, das er beugen mußte.
Er umschlang sie, und jetzt wendete sie sich von
ihm ab. In dem Bestreben, sie zu halten, sank er
ihr hingerissen zu Füßen, er preßte sie an sich:
,Dolores, Dolores, fühlst Du es denn nicht,
daß nur die Liebe, meine heiße Liebe zu Dir, mich
zu dem Wahnsinn getrieben, Dir die freundliche Er-
innerung zu neiden??
,,Ich liebe die Liebe nicht, die mir keine andere
Liebe gönnt, und ich will nicht lütgen!'?
,,Liebe, wen Du willst, wie Du willst, nur liebe
mich auch, denn ich bete Dich an!' rief er, und der
Gewalt und Gluth seiner Worte, seiner Küsse wider-
stand sie nicht. Sie lehnte den Kopf an seine Brust,
er settte sich, zog sie auf seine Kniee und küßte ihr
die Thränen von den Augen, bis sie erweicht, den
Arm um seinen Nacken legte; aber in Trunkenheit
seines Glückes wußte er es jetzt dennoch, daß eine
Kraft, die er nicht geahnt, sich barg in ihrem Innern,
daß er mit Dolores nicht spielen dürfe, wie er ge-
spielt mit anderen Frauen.
Die Glocke rief zur Mahlzeit.
,, Komm, sagte Dolores, ,der Vater mag nicht
warten !?
,Nur ein Wort noch!'' bat er. ,bDie Stimme,
mit der Du zu mir sprichst, ist noch nicht die Deine.
Was muß ich thun, damit ich wieder den süßen
Laut, den geliebten Laut vernehme, den ich nicht ent-
behren kann??
Ihre Augen sahen ihn freundlich an.
,Was Du thun sollst? Mich lassen, wie ich
bin, und mir Alles lassen, was ich doch nicht lassen
kann, auch wenn ich bei Dir sein werde, weit
von hier !

-
BaS? ,-, F-
-=- Z9-
,Alles, Alles, wie Du's willst, Geliebte, sei nur
wieder Du selbst, meine Dolores! Sieh' mich an,
sprich, lächle und komm! Stecke den Stern wieder
in Dein liebes Haar!r
,Du bist der Herr und sollst gehorcht sein!r?
sagte sie in der Sprache des Landes, das sie mit
ihm bewohnen sollte, und sie klang ihm doppelt süß
von ihren Lippen.
Der Vater hatte sich, als sie hinzukamen, bereits
am Theetisch niedergelassen. Polydor erbat Ver-
zeihung fir sein Zögern.
Darner sagte, man werde sich gewöhnen müssen,
Dolores zu entbehren, und habe sie schon jetzt mit
ihm zu theilen.
Die Frauen sahen sie darauf an, wie jener erste
kleine Zwiespalt geendet haben mochte; aber das
weiche, hingebende Lächeln der Braut, die überwallende
Zärtlichkeit des Bräutigams sprachen für sich selber;
und es gab, da Polydor wieder nur vierundzwanzig
Stunden verweilen konnte, viel Nothwendiges zu be-
rathen, was schriftlich kaum abzumachen war, da eine
so weite Entfernung die Ostsee von dem mittel-
ländischen Meere trennte, und selbst eine Estafette
mit allem ihrem Kostenaufwand für Anfrage und
Antwort die Zeit von mehr als vierzehn Tagen in
Anspruch nahm.
Wollte Polydor nicht wie ein Courier den Raum
durchmessen, so mußte er sich gleich trennen von seiner
Braut, um die Frau, wie er es wünschte, bei sich
empfangen zu können. Da man die Hochzeit schon
auf die Mitte des August angesettt, so hatte auch
Darner mit den Seinen sehr bald von Königsberg
aufzubrechen; denn die Frauen sollten nicht ermüdet
werden, die Sommerhitze erheischte doppelte Vorsicht.
Darner war auch der Ansicht, daß jeder Kaufmann,

=-; - -
-

-;-=- -?
- ZW0 -
dessen Geschäfte weit hinausreichten in die Welt, zur
Zeit des von Napoleon geplanten Kongresses, dessen
Folgen nicht vorauszusehen waren, an seinem Platz
in seinem Hause sein müsse, um allen Möglichkeiten
begegnen, die günstigen Aussichten benüten, den be-
drohlichen vorbeugen zu können.
Daß man bei der Reise und bei der Hochzeit
auf Frank zu verzichten habe, hatte schon in Königs-
berg zwischen den Männern festgestanden, und ebenso,
daß auf die Anwesenheit von Joannu's Vater und
Bruder nicht zu rechnen sei. Um so mehr aber
wünschte Dolores, daß Justine ihr nicht fehlen möge.
Auch diese meinte jedoch, es ablehnen zu müssen.
Sie hatte sich sonst wohl gemeinsam mit den Schwä
gerinnen in dem Gedanken an weite Reisen, an
Reisen nach Jtalien gewiegt; nun die Aufforderung
zu einer solchen an sie herantrat, stellte sich ihre Be-
sorgniß vor der weiten Entfernung, vor der langen
Trennung von ihrem Manne und vor Aüüem ron
ihrem Kinde als ein Hinderniß dazwischen. Sie er-
klärte, den Knaben unmöglich hiwr auf dem Lande
allein zurücklassen zu können.,
,Wer sagt Dir denn,' fragte Darner, ,daß er
hier bleiben muß? Dder glaubst Du, Tochter, daß ich
mich wenigee um ihn und seine Erhaltung sorge als
Du,daß ich nicht an ihn und seine Sicherheit ge-
dacht habe? Hier natürlich kann er nicht bleiben.
Er muß in die Stadt, zu seinem Vater, in das Haus,
in dem Du ganz ohne Mutter erwachsen bist; und
die Frau, die Dich in demselben gehütet, als Du so
alt gewesen bist wie er, wird auch ihn versorgen!r
,Die Göttling? die ist ja gebundenl'r rief Justine,
überrascht von dem Gedanken.
,Gebunden freilich, aber zu entbehren!' ant-
wortete Darner. ,Schreibe ihr, daß ich, daß wir es
Haw=sss=s======o== =-==== ====Faas=aasa
a. SAa-ueuaRea

-'
=- I2 =-
z wünschen, ihr Lorenz anzuvertrauen. Sie wird arlt
Freuden dazu bereit sein, ihn zu übernehmen. Schreibe,

==
f-
k-
ß
s -
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e .
wen Du willst, auch Deinem Onkel. Er pvird die
Forderung nicht abweisen, wenn Du sie stellst, wenn
Polydor sie ihm in Deinem und neinem Namen
überbringt.?
Die Schwestern jubelten dem ßlane zu, er leuchtete
auch Justinen ein, ihre Reiselust kam dazu. Konnte-
sie mitgehen, so war es nur unter diesen Voraus-
setungen möglich. Sie meinte jedoch, ihre Aussöhnung
mit ihrer Familie nicht damit beginnen zu dürfen,
daß sie ein Opfer von ihrem Onkel heischte, welches
ihm schwer fallen- könne.
,Kein Bedenken darüber, Justine!f sagte er;
Dein Oikel und Dein Vetter brauchen uns und
Polydor, güd wir brauchen Madame Göttling für ein
paax- Monate. Sie werden fextig werden auch ohne
sie; unh Du sollst Dolores mit mir in ihre künftige
Heimat' gslehten, wie Polydor es wünscht und Frank
mit ihm.? -
? Die Seinen' kannten den Ton, der keine Wider-
-rede zuließ. Venedig lockte, alle Theile zeigten sich
befriedigt, selbst die Aüssicht, morgen der alten
Freundin schreiben zu können, wag ggfreulich; und
wie Iman dann befreiten Sinnes -Einzelhejten über
Einzelheiten durchsprach und berieth, rief mit''einen---
.-,
mal Dghores:
,Mn allem Möglichen wird geredet und an alles
Mögliche wird gedacht, nur an unsere schöne Fahne
denkt kein Mensch mehr! Was haben Sie' denn ge-
sagt, Vater, als sie Ihnen schon von ferne das
,Villkommen zu Hause!! entgegengewinkt hat??
,Ich habe dem Postillon befohlen, schnell zu
fahren, damit sie bald herunterkam von meinem
Dache.?
Lealb. Die Janillie Darner. Ü.
et

-
z
=- 82A =-
z
z
,Unsere schöne Fahne?
,,Der Vater hat sie abnehmen lassen!r bedeutete
Virginie, üch entsinnend, daß die Schwester dem Vor-
gange nicht beigewohnt.

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, Unsere Fahne, die deutschen Farben??
Der Vater lachte.
,,Es giebt gar keine deutschen Farben und keine
deutsche Flagge, weder auf dem Lande noch zur See;
und unter fremder Flagge oder gar unter einer
Phantasieflagge lebt man nicht und fährt man nicht.
Aber wer hat Dir, Euch Allen denn die Mär erzählt
von Deutschlands Fahne und von ihren Farben??
,,Eberhard !r stieß Dolores hervor, erröthend vom
Scheitel bis zur Brust, da sie den Namen ausge-
T. --
Polydor entging das nicht und ebensowenig ihre
d
,Wer?' fragte er.
,Ein Baron Stromberg, ein Freund meines
Sohnes, ein wackerer Mann, aber leider ein Phantast!
äntwortete der Vater schnell und setzte dann, gegen
die Seinen gewendet, hinzu: ,Legt die Legende von
den drei Farben und von der deutschen Fahne zu
den andern Märchen und Phantasien, mit denen er
Euch unterhalten hat und die auch in der Luft hingen,
wie Euer Spielzeug heute.
Man stand auf, da der Vater das Zeichen dazu ,
gab, und ging ins Freie.
Eberhard von Stromberg! Den Namen hatte sich
Polydor gemerkt. Als man sich dann trennte für die
Nacht, küßte er Dolores noch einmal.
,,Träume von mir l'r bat er und er betonte das -
letzte Wort eigenthümlich, daß es Dolores auffiel.
Oben auf ihrem Zimmer blieb sie stehen, und
sah sich um.
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-- 82 --
Virginie fragte, was sie suche.
,Mich!r gab sie zur Antwort. ,Wenn ich denke,
daß wir in wenig Tagen fortgehen werdeß, daß Ihr
dann wiederkommen werdet ohne mich, und wie Du
allein hier wohnen und mich suchen wirst und ich
Euch suchen werde in dem Palast, ohne Euch zu
finden- Scheiden ist gar zu hart.? -
E 1L?- =
und in lebhafter Rede erzählte sie der Schwester
Alles, was zwischen ihr und ihrem Bräutigam vor-
gekomnmen war.
,Aber weshalb hast Du das gethan, weshalb
, hast Du das Stirnband abgelegt??
,Ich that's mit Absicht, ich war nahe am Weinen,
als ich sah, daß Polydor mir zürnte; aber Ihr hattet
mich auch vor ihm wieder ein verzogenes Kind ge-
nannt, ich wollte das nicht mehr sein, ich wollte ihm
zeigen, daß ich es nicht mehr bin. Ich war zornig
über seinen Zorn. Er sollte sehen, daß Diamanten
mir nichts werth sind, daß man mich mit ihnen nicht
gewinnt und nicht beglückt. Ich haßte sie in dem Augen-
blick und wollte sie von mir werfen ihm zum Trotz.?
, ,Und was hat Polydor dazu gesagt??
,Zu Füßen ist er mir gesunken voller Zärtlich-
keit, da er gesehen hgt, daß seine Diamanten mich
nicht glücklich machen, und er hat mich angesehen
mit seinen schönen Augen, mit seinem guten Gesicht.
Denn er ist, nicht wie der Vater und-- die Anderen,
-- die'nur ein Gesicht haben. Er hat zwei, und das
eine leb' ich, das andere - vor dem andern hab'
ich Furcht. ?
,Ich bitte Dich, Dolores, sprich nicht so, rege
Dich nicht so auf; auch Du hast heut ein anderes
Gesicht, ich kenne Dich nicht wieder.?

Ay

,
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-= Z2T--
,Ich kenne michselbst nicht mehr, ich liebe Polydor!
Ich denke immerfort an ihn, ich sehne mich in seine
Arme und träume von ihm in der Nacht. Das
Herz klopft mir, sowie er kommt; ich mag nicht, daß
er geht, ich sehne mich neben ihm in seinem Hause,
allein mit ihm; und sieh, Virginie, wenn ich mir
nicht immer sagte, daß ich kein Kind mehr sein darf,
und daß mich Tausende beneiden werden um mein
Glück und seine Liebe = -ich könnte aufschreien und
weinen wie ein Kind, immerfort, immerfort! Wäre
unsere Mutter nur nicht von uns fortgegangen!
Virginie wurde immer rathloser.
,So weine Dich aus,? sagte sie und umschlang
die Schwester, ,Du hast Dir die Nerven überreizt
und es ist spät; laß uns zur Ruhe gehen, Du mußt
schlafen!? Sie nahm ihr dgbei das GeschmeideJ ab
- und fing an sich zu entkleiden, Dolores folgte ihiem
Beispiel.
Als sie zu Bett gegangen war, trat die Schwester -
noch einmal an sie heran, sie liebkosend und küssend.
,Du wiegst mich ein wie Justine ihren Lorenz;
küsse mir auch noch die Augen, wie sie es ihm thut.
So, nun mache ich sie nicht mehr auf, denn ich will -
träumen von Polydor. Er hat mich ja darum ge-
beten, und er kann so zärtlich sein. Gute Nacht,
mein anderes Ich!r
Nach einer kleinen Weile war es still in der
Stube. Virginie hörte die ruhigen, tiefen Athemzüge
der Schwester, die schnell eingeschlafen war; aber sie
wachte lange und mit schwerem Herzen.

Kapitel 36

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= 85 --
Sechsunddreißigsies Kapites!
,So früh auf?? fragte Darner, der wenig
Schlaf bedurfte und sich immer vor allen Anderen
- erhob, als er, an Justinens Zimmer vorübergehend,
die Fenster auch bei ihr schon offen und sie an ihrem
Sekretär erblickte.
Sie erhob sich und sagte, Lorenz sei wie der
Großvater, er habe sie früh geweckt und sie habe
- die Stille und Frische des Morgens benutzen wollen,
ihrem Manne, dem Onkel und Madame Göttling zu
schreiben.
Der Vater lobte das, bat sie aber, für ein paar
Augenblicke zu ihm hinauszukommen. Sie gehorchte,
er bot ihr den Arm, und wie er dann vor dem
Hause mit ihr auf und nieder ging, sagte er:
,Ich weiß, Tochter, daß man sich auf Dich und
- H
Deinen Takt verlassen kann, und ich spreche es Dir
gern aus, daß ich mich in Dir nicht geirrt habe,
däß Du gewesen bist und gehalten hast, was ich von
Anfang von Dir erwartet. Was Du der Göttling
zu schreiben denkst, wirst Du nach Deinem Ermessen
und nach der Kenntniß machen, die Du von ihr hast.
Sie wird glücklich genug sein, von dem Wege, den
sie thöricht eingeschlagen, mit so guter Art zu uns
zurückkehren zu können. Mit Deinem Onkel ist es ein
Anderes. Ich habe ihm die Hand geboten, weil er
Hilfe nöthig hat und weil ich weiß, daß ich Dir eine
Genugthuung damit bereite. Zeige Dich' ihm an-
hänglich, denn er hat gut für Dich gesorgt, bis Du
die Unsere geworden bist, aber wäge Deine Worte;
weder er noch sein Sohn dürfen darüber im Unklaren
sein, wer die Verzeihenden, die Gewährenden sind.
Du schuldest das mir, Deinem Manne und Dir selbst.?

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-=- I26 -
,Wollen Sie, daß ich Ihnen den Brief zeige,
lieber Vater??
,Nein, ich verlasse mich auf Dich; nur über
unsere nächsten Einrichtungen will ich Dich unter-
richten. Ich habe mir die Sache in der Nacht zu-
rechtgelegt: wir müssen morgen in acht Tagen auf
dem Wege nach Venedig sein. Polydor soll Dich,
den Knaben und Virginie morgen zur Stadt geleiten.
Ihr nehmt den großen Wagen. Du hast dann noch
eine Woche mit Mann und Kind für Dich, kannst
zu Kollmann gehen, die Göttling bei dem Knaben
einrichten. Nchsten Dienstag Abend folge ich Euch
n
mit Dolores nach, und ich wünsche, daß die Koll-
manns am Mittwoch unsere Gäste sind, sie allein.
Was für Dolores nöthig sein könnte, werdet Ihr be-
sorgen. Am Donnerstag reisen wir. Und nun geh,
Tochter, und schreibe Deine Briefe; ich will den
Wagen nachsehen lassen noch vor dem Frühstück.
Ich verlasse mich auf Dich! wiederholte er.
,Das können Sie, Vater, denn ich verstehe Sie
vollkommen in allen Ihren Anordnungen.?
,,Das hatte ich erwartet! entgegnete er ihr, ohne
daß es zwischen ihnen ausgesprochen ward, weshalb
er Dolores allein bei sich zurückbehielt. ,Ich denke,
auch der Junge, den Frank und Du mir gegeben,
soll nicht aus der Art schlagen und Verstand und
Festigkeit haben wie ich, wie Frank und Du.?
Stolz auf sein Lob, denn er lobte selten, ging
Justine in ihr Zimmer. Die langen Briefe waren
durch die neuen Anordnungen überflüssig geworden.
Die beiden Billette, welche nach der Ankunft in der
Stadt in das Kollmann'sche Haus zu senden waren,
um das bevorstehende Wiedersehen und das zu stellende
Verlangen einzuleiten,. waren bald in des Schwieger-
vaters Sinn geschrieben. Justine hatte sich dabei
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= ZN? =-
mit ihrer Zurückhaltung gegen den Onkel keinen
Zwang aufßuerlegen. Sie hatte es bitter empfunden,
wie die Ihren sie nach ihrer Verheirathung aus Hoch-
muth aufgegeben; und grade in dem Augenblicke der
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beabsichtigten und von ihr gewünschten Aussöhnung
tauchte die Erinnerung an jenen Morgen wieder deut-
licher, als es ihr lieb war, in ihr auf.
Als dann aber die Familie sich zusammenfand,
waren alle Stirnen frei und hell wie der Tag, der
über ihnen leuchtete. Die schlafreiche Nacht hatte
Dolores beruhigt. Vgginie sprach ihr von dem ver-
gangenen Abende nicht, sie selber mochte sich nicht
an ihn erinnern, auch Polydor sollte ihn vergessen;
und wie wenig sie sonst daran dachte, ihre Schönheit
durch ihre Kleidung noch mehr zur Geltung zu bringen,
hatte sie an dem Morgen einen Anzug angelegt,
dessen offene Aermel ihre schönen Arme zeigten und
das ungeflochtene Haar mit blauen Bändern so zu-
sammengenestelt, daß es mit seinem weichen glänzen-
-'den Gelock ihr Stirn und Wangen umspielend, auf
ihre Schultern und auf ihre Brust herniederfloß.
Polydor sollte sie schön finden, sollte sehen, daß sie
des Schmuckes entrathen könne; und da er im Ver-
kehr mit Frauen ein guter Beobachter geworden war,
erkannte er ihre Absicht auch bei dem ersten Blick.
TR.P== ==== =-
So sorglos heiter war man seit der Verlobung
nicht beisammen gewesen.
Dolores, die bis dahin, wenn sie von Polydor
gesprochen,. ihn immer nur mit diesem Namen be-
zeichnet, nannte ihn heute, wenn sie von ihm redete,
ihren Bräutigam und lächelte fröhlich, wenn sie das
Wort gesprochen hatte. Der zuversichtliche Familien-
ton beherrschte das Gespräch. Aber die für den

s.ger, z- -
R.
-=- Z28 -
nächsten Morgen unerwartet festgesetzte. Abreise von
Justine und Virginie gab den Beiden viel zu schaffen.
Sie entfernten sich also bald. Auch der Vater ar-
beitete in seinem Zimmer, weil eine Anzahl Briefe
und seine sonstigen Aufträge für das Geschäft morgen
nach der Stadt mitgenommen werden sollten, und das
Brautpaar blieb also fast den ganzen Tag sich selber
überlassen.
Polydor war dessen froh. Er wich nicht von der
Seite seiner Braut, er genoß sich in der Fülle der
geistreichen Liebenswürdigkeit, mit welcher er sie über-
schüttete; und da er in der Gesellschaft von Peters-
burg, Paris und Venedig, in der er von früh an
gelebt, jungen Mädchen und vor Allem einem Mädchen
Sr=rn
Am Nachmittag führte er sie nach dem Pavillon
auf der Düne hinaus. Der Weg war nicht weit,
das Ziel bald erreicht. Das breite, schützende Dach,
die bequemen Sitze luden zum Ruhen ein. Arm in
Arm, wie sie gegangen waren, ließen sie sich nieder.
,Unabsehbar breitete das Meer sich vor ihnen aus in
tiefer Stille, keine Welle auf seinem Wasser, kein
wehender Hauch vom Himmel, dessen tiefes Blau sich
spiegelte in der weitgebreiteten Fläche. Aber das
Wasser und die Luft und der weiße Ufersand funkelten
im Sonnenlicht, die Wärme zitterte und flimmerte
in der Luft und strahlte zurück von dem trockenen,
durchglühten Sand der Düne.
,Hier ist's schön!r sagte Dolores.
,Ja, hier ist's schön,? wiederholte Polydor, ,denn
hier habe ich Dich allein für mich, und ich werde
die Stunden zählen, bis zu der ersehnten, in der es
mir wieder so gut wird wie hier. Sieh,? fuhr er
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fort, ,sieh, dort hinten ganz am Rand des Horizontes
liegt ein Schiff; siehst Du's? Die Winbstille hat es
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aufstehen, daß er es zu uns brächte, und jett gleich
in dieser Stunde führte ich Dich mit mir fort!r
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,,Wenn Du das könntest!?
,Dolores, wie beseligt mich der Wunsch!'r rief
er und zog sie an sich.
,Ja,' sagte sie, ,gleich fort mit Dir, dann
wär's geschehen, dann wär's vorbei, das Scheiden,
das Trennen, dann wär's gut! Wenn es käme, das
- Schiff! Versuch es, ruf! es, vielleicht kommt es, und
dann laß uns ziehen!?
Aber er rief es nicht. Ihre Worte durchfröstelten
ihn und es half ihm nichts, daß er sich sagte, ihre
Empfindung sei berechtigt, denn sie habe zu scheiden
von dem Vaterhause und von den Zhren, um einem
Fremden in ein fremdes Land zu folgen. Der Ge-
danke, daß noch ein anderes Scheiden ihr das Herz
belaste, quälte ihn. Er hätte den Namen nicht
kennen mögen, der gestern vor ihm ausgesprochen
worden. Wie ein böser Zauber hatte' er ihn aus
dem,Traume des höchsten Glücks erweckt. Er hatte
das Leben erprobt von seinen Höhen bis. in seine
Tiefen. Liebe, Leidenschaft, sinnlicher Genuß, Alles
war ihm zu Theil geworden. Seiner Person und
seinem Reichthum hatte er Eroberungen aller Art,
Täuschungen und Enttäuschungen die Fülle zu ver-
daken gehabt. In Dolores hatte er zu finden ge-
glaubt, was er nie zuvor besessen: ein durch keine
Erinnerung entweihtes Herz, das ganz und ungetheilt,
allein ihm eigen. Er war bereit gewesen, sie dafür
anzubeten. Wenn sie Gedanken, eine Sehnsucht
hatte, die sich auf Andere, auf einen Andern richten

konnten als auf ihn, so konnte er sie immer noch
lieben, schön, bezaubernd finden, heiß begehren; aber
sie war nicht mehr sein Jdeal, um das er seine ganze
Vergangenheit vergessen wollte. Sie war ein Weib
wie andere auch= und er hatte wieder eine Ent-
täuschung erlitten. Er schalt sich einen Schwärmer,
einen Phantasten und erkannte es sich doch als einen
Vorzug an, daß er ein solcher noch zu sein ver-
mochte; und er, der immer rasch Entschlossene, war
ungewiß, ob er aussprechen solle, was er empfinde,
ob er in den Augen des Mädchens, das seine Braut
war, seine Frau werden sollte, dadurch gewinnen
oder verlieren werde. Er hätte es -wissen mögen,
ob ein Anderer vor ihm diese feuchtschimmernden
Augen in vorahnendem Bangen auf sich gerichtet ge-
sehen, ob eines Andern Arm den schlanken Leib ,um-
fangen, ein Anderer vor ihm die schwellenden Lippen
berührt. Und er wagte die Frage nicht zu thun,
aus Furcht, zu erfahren, was ihm das Glück zerstören
könnte, an das zu glauben er begehrte.
Sein ungewohntes Schweigen fiel ihr auf.
,Woran denkst Du, Polydor? fragte sie ihn.
, Und Du? entgegnete er ihr, aus seinem Sinnen
aufgerufen.
- ZZ0 --
,Ich dachte, daß es immer so warm und still.
sein wird bei uns in Venedig.?
,Engel, mein süßer Engel, mein Abgott! rief
er, von den beiden schlichten Worten ,bei uns' hin-
weggehoben über all sein Zweifeln. ,a, es wird
schön sein und hell immerdar bei uns, wenn Deine
Augen, über mir leuchten! Thor, der ich war, der
Schatten eines Traumes quälte mich, und ich hielt
das blühende Leben in meinen Armenl
,Wovon sprichst Du? Ich verstehe Dich nicht!?
,,Das sollst Du auch nicht, nur glauben sollst
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-- 8 --
Du, daß ich Dich liebe, daß Du mir eine zweite,
schönere Jugend giebst, und versprechen, fest ver-
sprechen sollst Du mir, daß Du nichts behalten willst
für Dich allein, daß jeder Deiner Gedanken, jeder
Deiner Träume mein sein soll, mein allein! Versprichst
Du mir das, meine, meine Dolores??
,a, gewiß!r sagte sie, übexrascht und hinge-
nommen von so viel Leidenschaft und. über sich selbst
erstaunt, weil sie es war, die ihn, ohne zu wissen
wodurch, aus seinem Sinnen in diesen Freudenrausch
verwandelt.
Sie lehnte mit ihrem Kopf an seiner Brust,
, seine Hand ruhte auf ihrem Herzen, sie fühlte seinen
Athem auf ihrer Stirn, seine Liebesworte klangen in
ihr wider. Er hatte ihr nie so gut, so ganz gefallen;
und so sollte es immer sein fortan, fortan, wenn sie
bei ihm sein würde in Venedig.
Die Segel des fernen Schiffes waren aufgezogen,
der Wind, der sich am Ufer leise fühlbar zu machen
degann, mußte stärker sein auf hohem Meer, er hatte
die Segel geschwellt. Langsam, langsam zog das
Schiff dahin gen Westen.
,,Daß ich es rufen könnte, daß es uns mit sich
z -
nähme, Dich und mich!' sagte Polydor, das frühere -
Wort seiner Bxgut jetzt vollen Herzens zu dem seinen
machend.
Und als sie am andern Morgen von einander
schieden, als sie von ihr gingen, die Schwester und
Justine und das Kind und Polydor, da galten die
Thränen von Dolores vor Allen ihrem Bräutigam
und ihr ,Auf Wiedersehen!r ihm vor Allen.
=s ;

Kapitel 37

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-=- ZZN --
Siebenunddreißigsies Kapitel!
Darners Voraussicht, der scharfe Verstand, der
auch in seiner Vaterliebe vorwaltete, hatte Alles wohl
berechnet. Unter seinen Augen sollte Dolores sich
an die Trennung von der Zwillingsschwester ge-
wöhnen, von der sie bis dahin nicht einen Tag ent-
fernt gewesen war. Sie sollte es lernen, daß man
einsame Stunden haben und wie man sie für sich
selber ausfüllen und nutzbar machen könne; und in
der Stadt sollten Frank und Justine mit dem Onkel
und mit dem Vetter zusammentreffen, bevor er selber
Kollmann wieder als geladenen Gast, in dem Raume
empfing, aus welchem dieser mit einer Beleidigung
gegen Darner und seinen Sohn geschieden war. ,
Wie man es verabredet, hatte Polydor sich gleich
nach der Ankunft in der Stadt zu Kollmann begeben,
um als ein Angehöriger der Darner'schen Familie,
als Justinens künftiger Schwager, die Briefe an den
Onkel und Madame Göttling in Person zu über-
bringen.
Mit der ihm gebührenden Zuvorkommenheit
empfangen, zeigte er sich, da man die Briefe in
seinem Beisein schicklicherweise nicht lesen konnte, von
dem Inhalt derselben unterrichtet, den er sofort be-
sprach, um im Voraus für die Gewährung von
Justinens Wunsch zu danken, da sie ja ihm und seiner
Braut zu Statten kommen solle.
- Er verkehrte mit John, den man herbeigerufen,
wie mit einem alten Bekannten, drückte Madame
Göttling seine Achtung für die Erziehung der drei
Darner'schen Damen aus, rühmte die Liebe, mit welcher
sie ihrer gedächten, erwähnte, wie er sogar darauf
gesonnen, die mütterliche Freundin seiner Braut Herrn
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-- I8J-
Kollmann abwendig zu machen, um seiner jungen
Frau in Venedig eine so erprobte Gesellschafterin an
die Seite stellen zu können, und fügte mit Ver-
bindlichkeit hinzu, Herr Kollmann habe es allein sich
und seiner Frische und Rüstigkeit zuzuschreiben, wenn
er auf jenen allerdings etwas selbstsüchtigen Gedanken
verfallen sei; denn zwei Männer, wie Kollmann Vater
und Sohn könnten sich in jedem Fall und auf doppelte
Weise Ersaz für Madame Göttling schaffen, die ihm
so unschätzbar sein würde, als sie in diesem Augen-
blicke fur Madame Frank Darner unentbehrlich, sei.
Mit der sichern Gewohnheit eines gewandtens Ge-
schäftsmannes hatte er getrachtet, allen Einwendungen
zu begegnen, bevor sie ihm gemacht werden konnten,
und Jeden dabei in die Lage versetzt, sich durch die
Forderung, die man an ihn stellte, geehrt, geschmeichelt
und daneben fast in der Unmöglichkeit zu finden, sie
abweisen zu können.
Kollmann versicherte, daß es ihm lieb sei, wenn
seine Nichte und deren neue Familie es anerkennten,
wwie gut er für sie gesorgt, indem er seine verwaiste
Mündel dereinst Madame Göttling anwertraut, und
wie Herr Darner es gewiß nicht zu bereuen gehabt,
? daß er, Kollmann, zur rechten Stunde Justine in
seine und seiner Frau Obhut genommen und ihm
Madame Göttling zum Schut seiner Töchter über-
lassen habe.
Madame Göttling, stolz und gerührt, sich so an-
erkannt und begehrt zu sehen, versicherte, Herr Joannu
habe vollkommen Recht, Herr Kollmann sei rüstiger
als mancher junge Mann. Einer Gesellschafterin be-
dürfe er gar nicht, es würde ihm vielmehr recht
gesund sein, wenn er mehr unter Leute ginge als
bisher. Die fortdauernde Kränklichkeit seiner Frau
und die treue Rücksicht, welche er stets für sie ge-

- ZZ4--
nommen, hätten, wenn sie darüber eine Meinung
äußern dürfe, ihn viel zu früh an das Haus und
den Lehnstuhl gewöhnt, und da Herr John ein ebenso
guter Sohn sei, lebe er dem Vater zu Liebe auch zu
abgeschlossen von der jungen Welt. Dazu sei der
Weg von dem Darner'schen nach dem Kollmann'schen
Hause so gering, die Dienstleute in dem letztern von
der verstorbenen Frau und von ihr so zuverlässig
eingeschult, daß man sich auf dieselben verlassen dürfe,-
umsomehr als sie ja selbst täglich nach dem Rechten
zu sehen vermöchte, wenn es Herr Kollmann so
wünschen würde; und daß sie Justinens Lorenz wie
ihren Augapfel hüten würde, das wisse Justine, sonst
würde sie bei ihrer Gewissenhaftigkeit gar nicht an
das Fortgehen denken; darauf kenne sie Fustine, und
ebenso auch Virginie und die Braut des Herrn
Joannu, die sanfte, geliebte Dolores.
Nach wenigen Minuten war, ohne daß eine be-
stimmte Zusage gegeben worden wäre, die Angelegen-
heit zu allseitiger Zufriedenheit abgemacht. Es war .
Kollmann recht, daß Justine sich ihm mit einer Bitte
nahen mußte; Darner hatte ihm diese Genugthuung
gegönnt, da der Onkel sie ihr nicht abschlagen konnte,
und es ihm vor Allem auf die Erreichung seiner
Absicht ankam..
John fand durchaus richtig, was Madame Gött-
ling über das Leben in seinem Vaterhause geäußert.
Er versprach sich eine angenehme Abwechslung im
Verkehr mit Justine, mit ihrem Manne und mit
Virginie, die ja auch schön und reizend war wie'',
wenig Andere, und für das Erste noch bei ihrem
Vater blieb; und Jeder von den Dreien übertrug
seine Zufriedenheit auf Polydor, der Alle wieder
einmal im Fluge für sich eingenommen hatte. Er
erbat sich, bevor er sich empfahl, Grüße für Madame
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Justine, versicherte, er gebe die Hoffnung nicht auf,
daß Herr Köllmann ihm noch einmal selber Madame
Göttling nach Venedig bringen und es seiner Frau
möglich machen werde, ihnen die Lagunenstadt zu
zeigen; dann lud er John ein, ihn noch zu begleiten,
der das sehr zufrieden war, und man trennte sich in
bestem Einvernehmen.
,Ein geborener Diplomat!f sagte Kollmann, als
Polydor das Zimmer verlassenhatte, während er den
Brief der Nichte vorsichtig mit dem Falzbein auf-
schnitt; aber der Ton, mit welchem er das Urtheil
aussprach, war ein befriedigter.; Es kam ihm, Konrad
Kollmann, zu, daß ein Joannu sich um ihn bemühte,
es gehörte sich. so!
Madame Göttling theilte seine Meinung.
, Ja, von dem können sie Alle lernen,' sagte sie,
, Herr Frank, und wenn Sie es nicht übelnehmen,
Herr Kollmann! auch Ihr Herr Sohn. Fein wie
ein Franzose, vornehm wie ein Engländer und so
verbindlich, so vorsorglich für das geliebte Mädchen.
Gott, wie ihr Glück mich freut! Sie trocknete sich
die Augen vor Freude und vor Rührung.
Unterdessen waren Polydor und John die Straße
? hinabgegangen, und Polydor hatte mit, derselben
Leichtigkeit, mit welcher er eben die Familienangelegen-
j
heit behandelt, des Geschäftes gedachtt, das John am
Herzen lag. Vor dem Darner'schen Hause blieb John
stehen.
,Kommen Sie nicht mit hinauf? fragte Poly-
-dox, als ob Jener ein täglicher Gast des Hauses ge-
wesen wäre.
- John zögerte, der Einladung zu folgen.
,Sind Sie so mißgünstig?? fragte Polydor
abermals.
,Mißgünstig, was meinen Sie damit??

guoeaaaeeaE=re-- e:
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p. -
==- ZZZ =
,Sie wollen es mir nicht gönnen, mich für die
Gastfreundschaft dankbar zu beweisen, die ich in
meines Schwagers Haus genossen, indem ich Sie
ihm -und seiner Frau zuführe. Bedenken Sie, es
ist der letzte Abend vor meinem Fortgehen, und -
s bon sntsnäsur äsmi mot! Sie machen sich, wenn
Sie kommen, in doppelter Weise nützlich.?
,,Gern, aber wie das?
Polydor zog die Augen ein wenig zusammen und
lächelte.
,Die Stufen, die Sie heute ersteigen, steigt
morgen Madame Justine freieren Herzens hinab und
Ihr Herr Vater leichter hinauf.?
,Sie können Recht haben, und man soll sich das
Leben erleichtern, wenn man kann.
,oild, das ist die wahre Philosophie, zu der
auch ich mich bekenne. Thun, ergreifen, was uns
freut; liegen lassen, von uns werfen, was uns hin-
dern könnte! Denn - das Jenseits in allen Ehren
=- man lebt doch nur einmal in dieser besten aller
Welten und muß ihr abzugewinnen suchen, was sie
uns zu bieten hat.?
,Gewiß,? bekräftigte John, zund daß ich es
Ihnen gestehe, es ist mir auch lieber, den ersten
Besuch für mich allein zu machen.?
- -,Man muß überhaupt keine Besuche zu Zweien
machen,? erwiderte Polydor, ,denn Einer steht dabei
immer mit Nothwendigkeit im Schatten, und neben
Ihrem Vater würde das Ihr Fall sein. Aber da -
sind wirlr
,Melden Sie uns bei Madame Darner!r befahl
John dem Diener, der ihnen entgegen kam.
,Nein, mich nicht, nur Herrn Kollmann!
Der Diener gehorchte.
g

aEk
,,Sie wollen mich nicht in den Schatten stellen!r
scherzte John.
,Ich will nicht empfinden, daß ich im Vergleich
zu Ihnen in der Familie von Frank Darner noch
ein Fremder bin, und habe meine Sachen zusammen-
legen zu lassen, denn ich breche mit dem Tage auf.
In einer Viertelstunde bin ich bei Ihnen.?
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b
=- 88?=-
John wußte ihm die Rücksicht Dank, äber die Art,
in welcher Frank und Justine ihm begegneten, var
so einfach, daß sie die Anwesenheit jedes Zeugen
wohl vertragen konnte. Kein feierliches Willkommen-
heißen, kein Rückblicken, kein Erklären oder Erläutern;
die drei Menschen hatten einander nichts zu ver-
zeihen, und John empfand es an der Einfachheit
und dem Vertrauen, mit welchem auch Virginie ihm
begegnete, daß sie -nur in gutem Sinne von ihm
sprechen hören. Allerdings gab es des Fragens,
des Erzählens von beiden Seiten viel; aber es be-
gann doch erst, nachdem John an des schlafenden
Lorenz Wiege gestanden, nachdem Justine den Vetter
. durch das ganze Haus geführt, damit er sich in den
gemachten Aenderungen zurechtfinden lerne und
heimisch in demselben werde wie zuvor; und als
dann auch Polydor hinzukam, als man zu Fünfen an
dem Theetisch saß, als die drei vielgereisten, mitten
in dem Geschäftsleben ihrer Zeit stehenden Männer
ihre Erfahrungen und Meinungen austauschten, je
nachdem der Zufall es bot, während Justine und
Virginie hausfraulich am Theetisch walteten, fühlte
John ein Behagen, eine Heiterkeit, wie sie ihm,jett
im Vaterhause und schon lange vorher nicht äehr
zu Theil geworden war. Er sprach das offen aus.
Beide Eheleute, Frank sowohl als Justine, freuten
sich darüber, und als er die Bemerkung machte, er
A
Lewald. Die Familie Darner. U.

-- HZ8--
hoffe, Justine werde ihm helfen, den Vater wieder
zu erheitern, der das recht nöthig habe, gab ihm Frank
mit den Worten die Hand:
,Rechnen Sie auf uns Beide nach allen Seiten
hin, es ist Verlaß auf uns.?
,,Auch auf mich! entgegnete John.
,,Das weiß Gott!r fügte Justine hinzu und
wendete sich dann wieder zu Polydor, der plötzlich
in seinem Zwiegespräche mit Virginie inne gehalten,
als der immer wache Scharfblick seiner Eitelkeit es
ihm verrathen, daß sie ihm zulett nicht ausschließlich
gefolgt war, daß das Gespräch der Anderen sie auch
beschäftigte. Aber es bedurfte eben nur der An-
regung von Justine, ihn fortfahren zu machen in
seiner Schilderung des Lebens, das die Frauen in
der großen Welt von Venedig führten und in dem
Dolores sich, als an dem von der Natur für ihre
Schönheit bestimmten Plate, wie in ihrer wahren
Heimat fühlen werde.
Stolz auf seinen Besitz, freute es ihn, das Bilb
der Geliebten phantasievoll mit all' der ihrer warten-
den Herrlichkeit vor seinen Hörern auszuschmücken.
Er hatte sich damit einen glänzenden Schluß des
Abends, einen glänzenden Abgang bereitet. Sie hatten
ihm Alle wie einem der Improvisatoren zugehört,
deren Kunst in Venedig kennen zu lernen man sich
versprach, und es war spät geworden, bevor man sich
trennte.
Frank geleitete den Gast noch auf sein Zimmer,
nachdem sich John entfernt.
,,Er ist wirklich ein Meteor in unserer nordischen
Welt,? sagte Justine, während sie den Theekasten
verschloß.
,Ja,' entgegnete Virginie, ,aber ich wollte doch,
er wäre ein Deutscher. Der Vater und Frank, der
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.
Hauptmann und Eberhard-- die sind doch,Alle
anders, und Dein Vetter auch l
,Was denkst Du von mir? Ich bin ja so zu-
,Laß das Dolores nicht hören!?
frieden, daß sie ihn liebt, und sie wird wundervoll
hineinpassen in die Säle seines Palastes und in das
Festgewühl des Karnevals. Sie ist ja selbst wie
- Poesie und Sternenlicht; auf mich aber, dasPfühle ich
immer mehr, ist des Vaters Art gekommen. Ich mag
es machen, wie ich will, ich sehe den Dingen,immer
auf den Grund!?
, Und doch muß man sie nehmen, wie sie sindlr
entgegnete Justine.
,Ja! also morgen müssen wir beginnen, dgs
Nöthige für die Reise zu besorgen, wenn Du bei
Deinem Onkel gewesen sein wirst, und morgen in' -
-' acht Tagen sind wir schon auf dem Wege.?
Sie hatten sich wieder einmal verständigt, ohne
, viel Worte über ihre Gedanken zu machen, und
gingen denn auch am nächsten Tage Jede an ihre
Aufgabe.
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==- I9 =-
Gleich in der Frühe war Polydor abgereist.
Sobald es schicklich erschien, kam Madame Gdtt-
ling zu Justine, ihrer Herzensfreude vollen Lauf zu
Nassen. Sie wiederholte, immer wieder, daß ihr ihre
Jugend wiedergegeben sei, nun sie wieder an der-
selben Stelle für ein geliebtes, für ein so schönes Kind
zu sorgen habe, nur daß Alles noch viel herrlicher
sei als dazumal, weil sie die Erinnerung an das
ganze Glück der ersten Erziehung, die sie an dieser
Stelle gemacht, als unverlierbaren Besitz im Herzen
trage, und die Liebe einer Mutter, das Vertrauen
eines Vaters sie einsetzen in ihr neues Ehrenamt.
Sie bewunderte Alles von Herzen, auch die Tüchtig-
keit, mit welcher Virginie sie ersetzte, und bewunderte
A

==- Z4 =-
es um so mehr, als sie in den Leistungen ihrer beiden
Pflegebefohlenen die Wirkungen ihrer eigenen Tüchtig-
keit erkennen durfte. Thätig eingreifend, übernahm
sie es sofort, alles Nothwendige für Dolores zu
besorgen, und als dann die Stunde herankam, für
die Justine sich bei dem Onkel angemeldet hatte,
nahm Madame Göttling die Schlüssel an sich, als
hätte sie das gestern und vorgestern und alle Tage
so gethan.
Justine hatte erwartet, Frank werde mit ihr zu
ihrem Onkel gehen, er lehnte es aber ab.
,So werde ich den Lorenz mit mir nehmen!
schlug sie vor.
,Ebensowenig!'' entgegnete Frank. ,Halte Dich
an das, was der Vater Dir gesagt, und denke, daß
man auch des Guten zu viel nicht thun darf. Es
soll Friede geschlossen werden. Du hast es stets ge-
wünscht und ich bin auch dafür; aber es ist kein
Friede dauerhaft, bei welchem nicht beide Theile mit,
Selbstachtung ihre Rechte wahren. Die Politik be-
, stätigt nur im Großen, was das Leben uns im
Kleinen an jedem Tage darthut. Und nun gehe und
lade Deinen Onkel ein. Er soll willkommen sein wie
gestern John; aber kein unwahres Wort und keins
zu viel, denn es müßte zurückgenommen werden, und
das will ich nicht!?
Justine hatte ihm ernsthaft zugehört, dann lachte
sie hell auf.
,Wie Du wieder einmal ganz und gar der
Vater bist, in jedem Wort, in jedem Blick, in jedem
Ton, mit Deinem: ch will nicht! und Ich
will! Schade, daß der Lorenz noch nicht reden
kann: er pürde mir so wie der Vater, so wie Du,
genau und mit Recht dasselbe sagen; und ich bin
gewiß, das erste Wort, das über seine lieben Lippen


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Kapitel 38


==- ZH -
kommen wird, wird wie das Eure lauten: Ich
will!r?
,Gott geb's! sagte Frank. ,Und noch heute
kaufe ich ein Petschaft für den Jungen und lasse
darauf Ich will und kann!f graviren. Es soll' sein
Wahlspruch werden und der meine, wie der unserer
Nachkommen! Dir aber soll' die Ehre der Erfindung
bleiben !?
,Ein Glück nur, daß Du mich gewollt hast!
sagte Justine, ihn umarmend, dann schied sie, von
ihm mit den Worten: ,Also, ich will und werde
den Onkel ehren und Euch und mich, und der Friede
soll dauerhaft geschlossen werden!
=
Achtunddreißigstes Kapitel.
. Alles war abgethan und besorgt für die Reise.
Madame Göttling hatte ihr Zimmer wieder bezogen,
-die Tage ngren rasch vergangen. Für den Montag
Nachmittag, welcher Darner und Dolores nach der
Stadt bringen sollte, hatte der Goldarbeiter das
Medaillon versprochen, dae Virginie der ;Schwester
mit ihrem Bilde mitzugeben- wünschte. Der einzige
geschickte Maler, den die Stadt besaß, hatte es in den
wenigen Tagen auf Elfenbein gemalt. Es sollte
Dolores Gesellschaft leisten, wenn die Ihren von ihr
gegangen sein würden. Weil. Virginie der Gedanke
an die Trennung von der Schwester, je näher sie
bevorstand, immer schmerzlicher zu werden begann,
war sie in den letzten Stunden auf den Gedanken
gekommen, die Innenseite der Kapsel, wie es die
Mode mit sich brachte, noch mit einem Worte des

-- Z4--
Andenkens zu schmücken; und weil das übliche So-
renir ihr für ihr Empfinden zu kalt erschien, entschloß
sie sich, noch einmal selber zu dem Goldarbeiter zu
gehen, um ihn zu fcagen, ob es möglich sein würde,
die Liebes- und Trostesworte: ,Stets bei Dir!' noch
bis zum Abend in den Deckel der Kapsel zu graviren.
Der gefällige Mann machte einer so angesehenen
Kundin keine Schwierigkeiten, und Virginie verließ
seinen Laden sehr zufrieden.
Als sie aus der Thür trat, standen Eberhard
und der Hauptmann vor ihr. Sie kamen aus der
nebenan gelegenen Buchhandlung. Virginie hatte
Eberhard seit dem Anfang des Jahres nicht mehr
gesprochen; auch den Hauptmann, der nach jener Er-
klärung von ihr nicht mehr so oft als früher in das
Haus kam, hatte sie nach ihrer Nebersiedlung auf das
Gut nicht mehr gesehen, und weil sie zur Stadt hin-
unter, jene hinaufzugehen hatten, war ein Ausweichen
kaum möglich. Dennoch wollte Eberhard mit einem
Gruß an ihr vorübergehen, während der Hauptmann
sich ihr nahte; aber wie von einer innern Gewalt
dazu getrieben, kam Virginie ihnen zuvor, indem sie
ihnen den guten Tag entgegenrief und dem Haupt-
mann die Hand bot.
,Sie wissen wohl gar nicht, daß meine Schwä-
gerin und ich seit einigen Tagen in der Studt fin??
fragte sie.
Er antwortete, daß er eben durch dies Begegnen
eine angenehme Neberraschung genieße, erkundigte sich,
ob man seinen Glückwunsch zur Verlobung empfangen;
und da Fberhard, wider seinen Willen durch ihre
Anrede für den Augenblick festgehalten, doch noth-
wendig auch etwas sagen mußte, fragte er nach dem
Ergehen der Damen, obschon die leere Redensart ihm
wie ein Spott über sich selber klang.

-- Z4Z -
,O, rief Virginie,,es geht uns Allen ganz
vortrefflich! Wir haben mit dem Bräutigam meiner
Schwester die schönsten Tage in Strandwiek verlebt.
Nun ist er uns vorangegangen nach Venedig, wir
folgen ihm übermorgen nach, der Vater mit der
Schwäägerin und uns Beiden; denn unser Brautpaar
will bald wieder beisammen sein, und wir beiden
Anderen freuen uns so auf Venedig. Aber ich muß
fort! Leben Sie wohl und wünschen Sie uns eine
glückliche Reise!?
Die Männer unterließen das Beide nicht; indeß
die Enteilende hatte es noch gesehen, daß Eberhard
blaß geworden war, und sie hatte sich des gefreut.
Sie war stolz auf sich, zufrieden mit sich gewesen--
um im nächsten Augenblick über sich zu erschrecken.
Vor wenig Tagen noch hatte sie Eberhards vor
Justine mit dem Wunsche gedacht, daß Polydor sein
möchte wie er, denn sie hatte ihn immer lieb und
die beste Meinung von ihm gehabt. Jetzt aber, da
sie ihn unerwartet vor sich gesehen, waren die Thränen
der Schwester, der bangen git ihr durchlebten Stunden,
war alle Sorge um sie ihr auf das Herz gefallen;
und mit einem bitteu.t Zorn gegen Eberhard war
der Gedanke in ihr aufgestiegen, ihn auch leiden zuu
machen, wie Dolores um ihn gelitten. Dem Empfin-
den hatte sie nachgegeben, hatte sich des wie einer
That gefreut, den sichtlichen Schmerz des Getroffenen
wie einen persönlichen Triumph genossen; und erst,
als sie die beiden Männer nicht mehr sah, als sie
allein ihres Weges ging, kam ihr die Frage: Was
würde Dolores dazu sagen? Kam ihr auch die andere
Frage: Was wird der Hauptmann von Dir denken?
und sie blieb sich auf beide Fragen die Antwort
schuldig. Hätte sie den Blick gesehen, mit welchem
Eberhard sich von ihr abgewendet, ihre Wangen wür-

== Z4 -=
den noch dunkler erröthet sein, ihr Herz noch heftiger
geschlagen haben.
,Darnerisch Blut! rief der Hauptnann, der ihr
mit den Augen folgte; ,aber das muß man sagen,
schön ist sie und Charakter und Muth hat sie für
ihre achtzehn Jahre! Sie sah prachtvoll aus mit
dem sonnenverbrannten Gesicht, und wie ihr die
Augen blitten, alle Welt!r
Eberhard erwiderte nichts auf die Bemerkung.
Als sie dann vorwärts gingen und er immer
noch schweigend neben dem Hauptmann herschritt,
nahm dieser abermals das Wort:
A
,Du hast von Deiner Angelegenheit mit Dolores
nie zu mir gesprochen, obschon ich mehrmals versucht,
Dich zum Reden zu bringen, und das hat mir auch
den Mund geschlossen. Dich jetzt zu fragen, wte es
zwischen Euch gestanden, würde Thorheit sein; aber
ich bin ziemlich in der gleichen Lage wie Du, nur
daß ich die Sache nicht aufgebe.?
,Du liebst Virginie! =- Weiß sie es??
,,Jedes Mädchen weiß es, wenn man es liebt,
aber Virginie hat mir nicht die Zeit gelassen, es ihr
zu bekennen!' antwortete ihm der Hauptmann, und
erzählte ihm darnach, was sich zwischen ihm und
Virginie ereignet hatte, hinzufügend, daß er seitdem
das Haus ihres Vaters seltener besuche. ,Ich war
im ersten Augenblick von ihrer Geradheit betroffen,
und jung, wie sie ist, beherrschte sie mich. Ich hatte
Respekt vor ihr und bot ihr,ehrlich meine Freund-
schaft an. Wie ich sie dann wiebersah, fand ich,
wir hatten Beide wie Kinder mit einer unreifen
Frucht gespielt, die man nachreifen lassen mußte in
gemessener Zeit, um sie genießen zu können. Sie
ist mit ihrem festen Herzen die geborne Soldaten-
frau. Ich habe das heute wieder recht gesehen. Selbst
s

l:
== ZgH =
zur Offensive hat sie Muth; und mit solchem;Mädchen
behauptet man das Feld auch gegen dessen Vater.
Man muß die Zeit nur walten lassen und auf dem
Posten bleiben.?
,Du wirst Recht haben in Deinem Falle,? ent-
gegnete ihm Eberhard, ,der meine lag anders. Ich
hatte nichts zu erwarten von dem Walten der Zeit;
und weil ich meiner und der Geliebten Liebe, zu
e mißtrauen hatte, mußte ich mir jede Möglichkeit ent-
ziehen, gegen meine Ehre und mein Gewissen zu
handeln. Das wirst Du gesehen, wirst es Dir selbst
gesagt haben, ich hatte Dir nichts zu vertrauen.?
Eberhards Ruhe verrieth, was er in sich über-
wunden und begraben hatte.
Der Hauptmann ehrte das, meinte jedoch, im
Grunde müßte es ihm das Herz erleichtern, zu wissen,
daß Dolores sich beruhigt habe.
,Wenn ich es glauben könnte!' entgegnete
Eberhard.
,,Virginie ist wahrhaftig! versicherte der Haupt-
mann und erzählte ihm ein paar Fälle, in welchen
- er sie so erfunden.
,Wahrhaft sind sie Alle, der Vater, die Töchter,

der vortreffliche Frank und sekke Frau,, und keiner
von ihnen ist unedlen Sinnes. Eg Md seltene
Menschen, darum gerade hat mich's von Virginie so
schwer getroffen. Dolores mußunglücklich sein, sehr un-
glücklich, wenn Virginie sich bis zu der Unwahrheit
und Grausamkeit vergessen konnte; und die Zeiten
sind leider vorbei, in welchen der Ritter sich auf sein
Roß schwang, die schöne Bürgerstochter mit sich zu
entführen in sein festes Schloßg oder mit ihr zu ent-
fliehen in ein blühendes Dorado. Man sitzt am
Schreibtisch, begleitet seinen Chef auf Inspektionen,
thut seine Pflicht und Schuldigkeit, wird geachtet -

a
= 64G --
und möchte sich selbst dafür verachten, daß man kein
gewissenloser Schurke ist. Leb wohl!

s
- ,Wo willst Du hin?
h
,Wohin anders als in die Sitzung, wie es einem
rrtnneE Nrret
die Leute bei mir draußen jetzt zu essen haben, daß-
sie wieder unter Dach und Fach sein werden in dem
nächsten Winter aber ich erlahme in dem Tretrad
meiner' Pflichterfüllung.?
,Du allein,? fragte der Hauptmann, ,und wir
Anderen nicht? und die Königin nicht auch??
,Du hast Recht,? entgegnete Eberhard; ,mit sich
selber wird man ja auch fertig, und ich war zur Ruh
gekommen - aber sie? Laß uns nicht mehr davon -
reden, laß uns gehen!
Inzwischen hatte Virginie ihr Haus erreicht und
sich gleich zu Justine begeben, um ihr zu erzählen,
daß sie Eberhard und den Hauptmann gesprochen und
was sie ihnen gesagt.
Justine hatte das ohne ein Zecchen besonderer
Neberraschung angehört und gutgeheißen, hatte es das
Schickliche genannt, war dann an ihre Geschäfte ge-
gangen und hatte Virginie mit dem Bewußtsein zu-
rückgelassen, daß etwas schicklich und dabei sehr unrecht,
ja daß es spottschlecht sein könne durch den Sinn, -
aus welchem er hervorgegangen.
Weil ihr Gewissen ihr keine Ruhe ließ, hätte
sie Jemand haben mögen, vor dem sie sich anklagen
konnte. Sie hätte dem Hauptmann, der auch gegen
sie ihre Wahrhaftigkeit stets gelobt, es sagen mögen, -
daß sie dies Lob nicht mehr verdiene, daß sie mit
Absicht eine Unwahrheit gesagt. Sie wußte es am-
besten, welche Mühe es sie gekostet, Dolores zur Er-
gebung in den Willen des Vaters zu überreden, in
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welcher Sorge sie um der Schwester Zukunft
schwebte.
Und sie selber? Hatte der Hauptmänn ihren
Worten geglaubt oder hatte er sie durchschaut? Und
wenn er sie durchschaut, konnte er ihr verzeihen, was
sie seinem Freunde angethan, konnte er sie foch seiner
Freundschaft würdig finden? Sie hatte immer ge-
fürchtet, er könne sie für kalt, für herzlos halten!
Und es war doch Liebe gewesen für Dolores, was
sie heute gethan, wie es Liebe= sie erschrak vor
dem Worte und wiederholte es trotzdem j =; reine
Liebe zu ihm gewesen war, die sie damals sprechen
machen; und nun hatte sie auch seine Fxeundschaft
auf das Spiel gesetzt!
,Freundschaft, Fieundschaft!' sagte sie laut und
schlug dann mit der geballten Hand fest auf den
kleinen Tisch, der vor ihr stand, daß das Nähkästchen
und das Flacon auf demselben klapperten. ,Freund-
schaft! ach, es ist ja Alles, Alles Lüüge,? rief sie
- ? noch einmal, ,und ich will nicht wieder lügen. Ich
habe ja keine Virginie, die mir helfen würde in der
-- Noth des Herzeleids, wie ich der armen Lora geholfen,
und ich will nicht leiden so wie sie. Ich will es nicht!?
Damit stand sie auf, öffnete den Sekretär, nahm
ein Blatt Papier, und schrieb mit festen Zügen:
,Weil ich Sie nicht länger täuschen will, Herr
Hauptmann, bitte ich Sie, glauben Sie mir nicht
mehr. Ich habe Ihnen und dem Baron heute
anders gesprochen, als' ich dachte, und ichn bin-üüber-
haupt nicht ehrlich gegen Sie gewesen. Erklären kann
ich Ihnen das Alles nicht. Ich darf auch nicht einmal
sagen: ,Glauben Sie mir das!! Denn weshalb
sollten Sie mir noch vertrauen nach dem, was ich
Ihnen eben freiwillig gestanden. Wir gehen über-
morgen fort, vergessen Sie mich nicht. . .?

r.
-=- ZIs -
Sie sprang von ihrem Schreibtisch auf.
,Bin ich denn von Sinnen!?? fragte sie sich.
,Wie darf ich Dolores verrathen? Wie kann ich

einem fremden Mann schreiben, wie ihm eingestehen,
was ich mir selber nicht gestehen durfte, was er aus
jedem dieser Worte herauslesen muß? Und wenn
er mir das glaubt, wenn er nach unserer Heimkehr
nicht mehr in unser Haus kommt . . ?
Sie riß das Blatt in kleine Stücke und hätte
am liebsten auch die Erinnerung an das, was sie
gethan und geschrieben, aus sich heraus und in kleine
Stücke reißen mögen; denn wenn sie es vergessen
konnte, wenn sie weiter ihres Weges ging und ihres
Amtes waltete neben ihrem Vater, dann blieb Alles
wieder bei dem Alten und es war ja Alles gut ge- -
wesen zwischen ihr und ihm. Nur vertrauen durfte
sie nicht mehr auf sich und auf ihren scharfen Blick
und auf ihr freies Herz. Sie hatte es ja nicht ge-
merkt, daß sie auf schwankendem Boden wie eine
Nachtwandlerin einhergegangen war. Ein Gefühl
demüthigender Scham bemächtigte sich ihrer. Sie
hatte sich berechtigt und verpflichtet gehalten, Dolores
zu leiten, und war nahe daran gewesen, sich zu ver-
irren in ihrem Dünkel. Es war ein Glück für sie,
daß sie alle jetzt von dannen gingen, daß hunderte
von Meilen und viele Wochen sich legten zwischen sie
und den Hauptmann. Sie hätte jetzt ihm nicht vor
Augen treten mögen, auch dem Vater, auch Dolores
nicht. Sie horchte auf! Sie sah nach der Ühr, es
war später geworden, als sie es geglaubt. Der Schall
des Posthorns kam näher, die Peitsche des Postillons
schallte und knallte, der Wagen rollte vor das Haus
=- sie waren da!
Virginie eilte ihnen mit den Anderen entgegen.
u
P

A
;

Es war ohnehin ein beständiges Kommen und Gehen
i

==- ZZ9 =-
gewesen in der letzten Zeit.
,Auch das ist gut, soll gut sein!r sagte sie zu
sich selber, aber in dem Augenblick, in welchem sie
Dolores die Hand zum Willkomm bot, stürzten ihr
die Thränen in die Augen und sie küßte die Schwester
und hielt sie an sich fest, als wenn sie sie nicht
wieder lassen wollte.
Die Einen bemerkten es nicht, die Anderen fanden
ihre Rührung sehr natürlich, Dolores weinte treulich
mit, und es war dann Virginie, welche über sie und
sich und ihre Thränen lachte. Es gab auch mehr zu
thun als zu weinen; denn Madame Göttling war
da, mit dem Lorenz in den Armen, und Darner hatte
ihr gesagt, daß sie willkommen sei in seinem Hause,
und die Göttling hatte den Loygnz fortgegeben, um
Dolores in ihrer überwallenden Freude die Augen
zu küssen und die Hände, mit denen diese ihr die
Wangen streichelte.
Es war Alles eine Freude, eine Hast. Dolores
flog nach ihrem Zimmer, Justine zeigte ihr den Reise-
hut und den Schanzläuferrock von steinfarbenem
-- Kaschmir, den sie ihr für die Reise hatte machen
DTSS
durchaus noch hatte mit französischem Gelde füllen
wollen, wenn sie ihn nicht mit dem Bemerken daran
gehindert hätten, daß der Vater dies übelnehmen könne.
Dann wieder kramte Dolores in ihrer Kommnode
und an dem gemeinsamen Sekretär, um dies und
e jenes Andenken noch in die Koffer packen zu lassen.
Man kam nicht zur Besinnung, man ging aus
einem Zimmer in das andere, aus einer Wohnung
in die andere. Der Vater und Frank hatten sich in

Kapitel 39

R

e
I
==- H0 =
er AaKr !
nicht zu sehen. Die Frauen blieben sich selber über-
lassen, bis die Männer spät von ihrer Arbeit kamen
und Alles zur Ruhe ging.
Dolores war im Handumwenden eingeschlafen.
Virginie wachte noch eine geraume Zeit.
,Vielleicht ist's so, wie ich es gesagt, und ich
habe wahrer gesprochen, als ich es glaubte!r dachte
sie, und ihr Herz wurde stille.
oaweeoeaaesaaaaaoeaeaaaaee
Meununddreißigsies Kapites
,Das wäre abgethan! sagte Kollmann, als er
gemeinsam mit dem Sohne von dem Frühstück im
Darner'schen Hause heimwärts ging.
l
,Ich verstehe,' erwiderte ihm John, ,daß es Sie l
Meberwindung gekostet, der Einladung nachzukommen,
aber ich glaube, Sie haben sich über Niemand zu
beklagen gehabt und können es nicht bereuen.?
,Nein! Darner hat sich betragen, wie es sich
gebührte. Daß er Niemand sonst geladen, daß er der
Begegnung den Anstrich eines Familienfestes gegeben
und daß er mehrfach seiner hiesigen Anfänge und
seine Aufnahme in meinem Hause gedachte, das er-
a

kenne ich ihm an. Er ist ja Meister der Form,
wenn er es will; und wo er seine Neberlegenheit
festgestellt hat,? setzte Kollmann mit einem Lächeln e
hinzu, ,hat er dieZuvorkommenheit eines Souveräns.?
,Ich habe Sie seit meiner Heimkehr noch nicht
so heiter gesehen als dort.?
s
-. l

! -

==- Z5 =
,Das Haus heimelte mich mit Erinnerungen
aus alten Zeiten an, und Justinens Erzählungen von
Deiner Mutter kamen dann dazu.'?
,Sie waren alle bestrebt, Ihnen zu gefallen,
Vater! und ich freue mich, daß es ihnen gelungen
ist!r sagte John, als sie die Treppe ihres Hauses
hinanstiegen, aus dessen Thüre ihnen Madame
Armfield entgegenkam.
,Sagen Sie, Herr Kollman, habe ich recht ver-
standen,'' rief sie, als sie zusammentrafen, ,unsere
gute Göttling ist bei Darners, und Sie waren dort
zu Tisch? Ich traute meinen Ohren nicht! Ich war
gekommen, ihr zu sagen, daß wir morgen' Sitzung
haben bei der Frau Hedwig, Sitzung vom Frauen-
verein, und ich weiß nun nicht - kann man denn
s -
da auch hingehen??
,, In den Frauenverein,? fragte Kollmann, wohl
verstehend, was sie meinte, aber nicht zu antworten
gewillt, ,was sollte Sie daran hindern??
,Ich glaube,'' nahm John das Wort, ,Madame
Göttling wird nicht kommen können, wenn die Sitzung
morgen zeitig stattfindet, denn sie reisen morgen.?
Madame Armfields Aufregung war im Steigen.
,,Da wäre es doch vielleicht am besten, ich ginge
heute noch, gleich jetzt zu ihr; man wird doch ange-
nommen werden, sie wird mich doch sehen können??
,Was soll das heißen, Frau Konsul? fragte
Kollmann mit ernstem Ton.
,,Ach, verehrter Freund, Sie wissen es ja, wir,
das heißt ich= wir haben ja das Haus seit damals
nicht mehr betreten; wir haben ja, Sie wissen es ja,
immer zu Ihnen gehalten, und - aber - wenn die
Göttling wieder dort ist - und wenn Sie selber
hingegangen sind . . .?
,,So verpflichtet Sie das ebensowenig, hinzugehen,

e -
= Z5Z -
als es Sie hindert, es zu thun! entgegnete ihr
Kollmann, dem es der hastigen Neugier denn doch
, zu viel ward. ,Sie wissen, meine selige Frau hat
- I-Ihre Freundschaft immer hochgehalten, und wissen
auch, daß ich Ihres Mannes Freund bin; aber soli-
. darisch verpflichtet sind wir nicht, und Madame Gött-
ling und wir sind auch nicht identisch. Doch - ich
darf Sie nicht länger aufhalten, Frau Konsul; zu
Hause finden Sie die Damen wohl um diese Zeit!?
,Ah,' dachte Madame Armfield bei sich selbst,
während sie sich empfahl, ,Darners Kurse sind ge-
stiegen! Und John, ihr nachblickend, sagte lachend
, zu dem Vater:
,,Nur die Posaune fehlt ihr und der Kranz, so
flöge sie als aschgraue Fama durch alle Straßen der
Stadt und posaunte es aus: Sie haben Frieden
geschlossen, die Kollmanns und die Darners!! und
ich setze hinzu: Und sieh da, es war wohlgethan!'r
Während dessen hatte Darner, gleich nachdem
die beiden Kollmanns üch aus seinem Hause entfernt,
sich mit Frank in sein Zimmer zurückgezogen. Es
gab noch viel zu berathen, viel zu besprechen, die
möglichen Zwischenfälle zu bedenken, die sich während
der drei Monate ereignen konnten, vor deren Ver-
lauf an Darners Rückkehr in keinem Falle zu denken-
war; und die Stockungen im Geschäftsleben waren
immer bedrohlicher geworden. Man war von einem,
Tage auf den andern vor einem neuen Gewaltstreich
Napoleons nicht sicher.
- Hart, wie die Kontinentalsperre seit zwei Jahren
über dem ganzen Festlande gelegen, waren die
Schwierigkeiten für den Verkehr noch gewachsen, seit
die englische Admiralität als Entgegnmg auf jenes
Dekret des Kaisers, die Erklärung erlassen, daß alle
Schiffe der nicht mit England im Bunde stehenden

i
s
=- Z5Z ==
Nationen, sofern sie Handel mit Frankreich oder; mit
dessen Verbündeten trieben, in England zu landen
und dort für ihren ungehinderten Verkehr auf den
Meeren eine festgesetzte Abgabe zu zahlen hätten.
Die Seemacht Englands, der keine andere im Augen-
blick. gewachsen war, machte die Ausführung dieser
Gewaltthat möglich; und als wollte Napoleon sie noch
überbieten und die Empörung, welche sich gegen
England gerichtet, auf sich selber hinleiten, erklärte
er, jedes Schiff, welcher Nation immer es angehöre,
das in England anlege, oder auch nur das Anlegen
eines englischen Schiffes auf offenem Meere behufs
der Visitation und Taxe dulden würde, als entnatio-
nalisirt und gute Prise. Der Seeräuberei war damit
freies Spiel gegeben, und wer es wagte, ein Schiff
in See gehen zu lassen, that es im höchsten Sinn
des Wortes auf eigene Gefahr.
Gerade in den letzten Tagen hatte das Haus
Darner Nachricht erhalten, daß auf diese Weise russische
und holländische Geschäftsfreunde von bedeutenden
Verlusten betroffen worden waren; und wenngleich
Darner keine Schiffe auf dem Meere hatte und keinen
Produktenhandel mehr betrieb, so wurde doch auch
das Bankgeschäft, der Geldhgndel in Mitleidenschaft
gezogen, und für die Verwirklichung der Pläne, mit
welchen sich Darner stets getragen, konnte in diesen
Zeitläuften kaum etwas geschehen.
,Man hält dieVerbindungen fest, man knüpft neue
an,? sagte Frank, nachdem das Gespräch über die
nächsten Maßnahmen abgethan war, ,und muß mit
vollen und dabei gebundenen Händen warten auf
eine Aenderung der Zustände .. .?
,Die kommen wird, fiel ihm der Vater ein,
,weil das Nebermaß sich stets selbst zu Grunde
richtet; nur daß man Zeit verliert und daß man das
Lewald. Die Familie Darner. T. -
e

== Zh4 =
Leben nicht festhalten kann. Schweigend, die Arme
auf dem Rücken verschränkt, ging er in dem Zimmer -
auf und ab. Die Sonne hatte die Fenster schon
verlassen, sie standen alle offen, das Licht fiel hell.-
- auf die mächtige Gestalt, auf das in sich gefestete Antliz.
,Woran denken Sie, Vater?' fragte Frank.

s
,An den Winterabend, an welchem ich mit Dir
von der politischen. Bedeutung und der möglichen
Macht des Kaufmannsstandes gesprochen, und an dem
wir die Estafette erhielten, welche uns die Nachricht
von der Schlacht bei Eylau brachte.?
,Merkwürdig, rief Frank, ,auch ich erinnerte
mich in diesem Augenblick jener Nacht!
,Das lag nahe, da wir uns eben mit meinen
schäftigt hatten. Aber wer hat damals, trot dem,
was man von Napoleon bereits erlebt, die wilde,,
alles Maß und alle Schranken überschreitende Kraft
und Gewaltsamkeit in ihm vorausgesehen? Er glaubt'
an' seine Allmacht; und es muß groß sein, sich für.
allmächtig zu halten, weil noch kein Widerstand
dauernd gegen ihn Erfolg gehabt. Die Menschheit.
kür spielt; die Allmacht zu tragen, ist offenbar der
sinn der Cäsaren, die sich selbst und das Werk ver-
Er hielt inne, ging aber gemessenen Schrittes-
weiter.
s
i
i
nichteten, das sie geschaffen; und die damit über den
bahnten.r
s


Tyrannei, die mit den Staaten und Völkern in Will-
Trümmern ihrer Gewalt einer neuen Zeit die Wege
s
e
kann nur nicht bestehen unter der schrankenlosen
Mensch nicht gemacht. Es ist etwas um den Wahn-
z

auf den Osten und Südosten von Europa gehauten'
Planen und mit unseren dortigen Verbindungen be-

a
Frank unterbrach ihn nicht. Er kannte des -
Vaters Gewohnheit, in solch' gelegentlichen Gesprächen -


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-- 855 =-
den Ausdruck zu suchen für das, was ihn lange
innerlich beschäftigt; und in guten Stunden hatte
Darner selbst das als eine Gewohnheit seines langen,
einsamen Lebens bezeichnet. Er sah nie ernster, nie
bedeutender aus, als wenn er, der ganz auf das
Thun gestellte Mann, sich in Betrachtungen vertiefte,
die immer in ihrem Anfang und in ihrem Ende mit der
ihn zunächst umgebenden Wirklichkeit zusammenhingen.
,Wer will uns sagen,? hob er nach kurzem
Schweigen wieder an, ,ob Beauharnais noch Prinz
von Venedig sein wird, wenn wir dorthin kommen,
in wessen Händen Korfu sein wird, auf das Polydor
sein Augenmerk gerichtet? In Spanien, in Portugal
die Empörung von den Engländern beschützt. Das
Haus Braganza nach Brasilien entflohen; der Papst
ein beschützter Gefangener. Neberall.' knirschen die
Völker unter der Tyrannei. In' Neapel, in Holland
unhaltbare Zustände. Seine Brüder, die er zu Königen
gemacht, seine eigenen Geschöpfe, lehnen sich gegen
seine Willkur auf.. . Plötzlich brach er noch einmal
ab, wie von den Worten überrascht; sie waren auch
dem Sohne aufgefallen. Darner blieb vor ihm stehen
und sagte, tief Athem schöpfend, aus der breiten
Brust: ,Du hast mir einmal an dem Tage, an dem
Dein Lorenz geboren worden, eine Lehre gegeben,
die mir nicht verloren gegangen ist.?
,Ich?' fragte der Sohn.
,Du erinnerst Dich dessen so gut als ich! Und
wer gleich mir, in der Lage gewesen ist, seine ganze
Bildung und Erziehung aus dem zusammenzusetzen,
- was ihm zufällig entgegengekommen ist, für den sind
keine Lehre und keine Erfahrung verloren. ,Du aber
s;

wirst mir das Zeugniß geben, daß ich von der Stunde
an Dein freies Mannesrecht neben' mir zu' ehren
verstanden habei?
A

== ZH =-
s
,Ja, bei Gott, Vater,? rief der Sohn, indem
er die Hand des Vaters ergriff und ihm die andere
auf die Schulter legte, ,bei Gott, Vater, das haben
Sie gethan; und Sie haben es auch fühlen müssen,
wie meine Verehrung, meine Ergebenheit für Sie,
von der Stunde in mir noch gestiegen sind. Sie
haben mich gelehrt, was ich meinem Sohne einst zu
thun haben werde.?
,Das hoffe ich!'' entgegnete Darner. ,Die un-
umschränkte Herrschaft beraubt sich selbst der Mittel
für gute Zwecke, wenn sie die Kräfte neben sich nicht
zu selbstständiger Entfaltung kommen läßt, und wenn
sie nicht - zu warten und sich zu sagen vexsteht:
,as ich geplant, werden Andere nach murir in anderer
Zeit vollführen können!? Abwarten, das Gebotene
im Augenblicke thun - und sich bereit halten! Das
ist's, darauf muß man denken!'r
,Sie sprechen von unsern Zuständen! sagte
der Sohn.
,Wovon anders, da es uns das Nächste ist?
Ich frage Dich nicht, welche Zwecke hat Euer wissen-
F
vielen Militärs, ich höre von mancherlei Einwirkungen
guf die Kleinbürger und auf die Erziehung ihrer
Kinder; ich bemerke, ein früher nicht vorhanden ge-
wesenes Einvernehmen zwischen den Studirenden und -
den jüngeren Offizieren - und ich lobe das, weil
ich's mir deute. Nährt das Selbstgefühl in dem
Einzelnen und bindet ihn an das Allgemeine in freier
Unterordnung; und wenn wir wiederkehren, wird
vielleicht mehr davon die Rede sein.r
,Wir sind organisirt!'' antwortete ihm Frank.
,Stein, Blücher, Pork, Schill, Schön und der Kanzler
l
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hier, sind mit uns, oder doch mindestens für uns, und -
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z-

schaftlicher Verein? Du hast nie mit mir dapon
gesprochen: aber ich sehe Dich in Verbindung mit
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- H5? =-
wir reichen in immer weiterem Kreise uns die
Hände.?
,Thut es mit Vorsicht; noch ist Danzig von den
Franzosen besetzt, Berlin nicht frei, der Hof in unseren
Mauern, Napoleons Mißtrauen ist wach, der Kongreß
in naher Aussicht. Fehler, Nebereilungen sind in
solcher Lage das schlimmste Unrecht. Was ich auf
der Reise erfahren, bringe ich Euch mündlich zu;
noch ist Geduld die Losung gegenüber der Gewalt
-- bis sie sich ihren Untergang selbst vorbereitet
haben wird. Inzwischen lebe am Tag den Tag;
gieb das Geforderte nicht karg, wo es das Allgemeine
gilt, und nimm auch die Sache der Kollmanns in
Acht. Ist's mit der Pachtung nichts, so ziehen wir
sie vielleicht selbst heran für unsere Fabriken. Brach
liegen, vielleicht noch auf Jahre hinaus, dürfen wir
nicht, unsere Kapitalien nicht; und die Unsicherheit
der Schifffahrt fordert mit Nothwendigkeit die In-
dustrie im Lande!?
Frank machte noch verschiedene einzelne Fragen
und Bemerkungen geschäftlicher Art und erwähnte
absichtlich, daß er Eberhard selbst von der Verlobung
der Schwester in Kenntniß gesett, daß Virginie ihn
und den Hauptmann gestern gesprochen habe, daß er
dem wissenschaftlichen Vereine angehöre, eines der
thätigsten Mitglieder desselben sei, und in seinem
Verhalten gegen seine Leute Allen zum Musier gelten
dürfe. Auch der Erbschaft, welche er gemacht, und
der größeren Freiheit, die. er dadurch gewonnen,
gedachte er.
Darner hörte es mit Achtsamkeit an.
,Mich freut das Alles für ihn,? sagte er, ,denn
meine Meinung war ihm immer günstig, aber was
konnte das helfen gegenüber einem Manne, der,
Sklave einer angeerbten Tyrannei, den Faustschlag

Kapitel 40

= Z5s =-

nicht zu thun wagt, den er dem lebenden Tyrannen F
gegenüber nicht zurückhalten würde? Wer Tyrannen

stürzen will, muß mit seinem eigenen Tyrannen be-
ginnen; wer Völker befreien will, anfangen mit sich

selbst; denn das Volk setzt sich aus Einzelnen zu-
sammen. Wer sich selbst befreit, befreit einen Theil
- seines Volkes.?
,So denken auch wir,? bekräftigte der Sohn,
,,und Eberhard ist freien Sinnes.?
,Bis auf seine Vorurtheile!r fiel ihm der Vater
ein. ,Hätte er den Muth seiner Meinung gehabt,
ich hätte ihm nicht gefehlt; aber ihm war nicht zu
helfen! Lora mußte geholfen werden und es ist
geschehen. Vielleicht belehrt ihn noch einmal die
Zeit.? Er zog die Ühr heraus. ,Ich denke, jett
sind wir klar und können zu den Frauen gehen,
sie werden uns erwarten, und menn wir sie sich
selber überlassen, sind wir an einem Abend wie
der heutige, vor Rührungen nicht sicher.' Komm, laß
uns gehen!
SKMeaaagaaaaaaaa
ierzigsies Kapites
Am andern Morgen um die achte Stunde' hielten
vor dem Darner'schen Hause der schwer bepacte, mit
vier Postpferden bespannte Reisewagen, in welchem
- Frank die Schwestern aus der Pension in das Vater-
haus gebracht, und Franks offene Kalesche. Die Leute,
die zum Wochenmarkte gingen, blieben stehen und
sahen es sich an.
John und der Hauptmann waren gekommen,
den Reisenden noch die Hand zu geben, Dolores ein
Lebewohl zu sagen.

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Madame Armfield, die sonst so früh nicht aus-
zugehen pflegte, hatte gerade den Morgen eine un-
widerstehliche Sehnsucht gefühlt, ejnmal einen kleinen
Gang ans Wasser zu machen, um Luft zu schöpfen.
Sie sah also, wie Darner mit den Töchtern in dem
Reisewagen Platz nahm, wie der Diener und die
Kammerjungfer aufstiegen, wie Frank mit der Frau
und die Wärterin mit dem Kinde sich in der Kalesche
einrichteten. Frank wollte die Seinen bis zur ersten
Station, drei Meilen von der Stadt,. begleiten.
Madame Göttling, die sämmtlichen im Geschäfte
arbeitenden Herren, waren auf den Wolm hinaus-
gekommen, der Tochter des Hauses noch einmal
Glück zu wünschen, ehe sie von der Heimat schied.
Dolores reichte mit Thränen in den Augen Jedem
die Hand, Darner trieb zum Aufbruch, man wollte
das neun Meilen entfernte Braunsberg bei guter
Zeit erreichen. Der Hausknecht klappte die Thüre
- des Wagens in das Schloß, der Hauptmann trat,
-- -

=- 859 =-
noch einmal an die Seite heran, an welcher Virginie saß.
,Kommen Sie uns zurück!r?
,Vergessen Sie das Gestern! entgegnete sie ihm.
,Imn Gegentheil! versetzte er.
,Vorwärts!r befahl Darner. Der Postillon zog
die Zügel an, ein Knall der' Peitsche! Von hüben
und drüben rief es: ,Adieu! =- Leben Sie wohl!
=-- Alles Gluck!=- Auf Wiedersehen! =- Tücher-
schwenken, winkende Hände, selbst von den Wolmen
und aus den Fenstern der Nachbarhäuser, mit deren
Bewohnern man von Ansehen bekannt war - und
die Wagen rollten davon.
Das Personal des Geschäftes, Hilgers an der
Spitze, kehrten in das Komptoir zurück. Madame
Göttling blieb stehen und sah den, Wagen nach, bis
sie unter dem Grünen Thor verschwanden, das die

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Langgasse und den Kneiphof von dem Pregel und
der Vorstadt trennt; Madame Armfield war die
Lust zu ihrem Morgenspaziergang ebenso rasch ver-
gangen, als sie ihr gekommen war. Sie zog es
vor, ein wenig zu ihrer lieben Göttling hinauf zu
gehen, um ihr über die erste Stunde theilnehmend
hinwegzuhelfen.
Zur Rechten und zur Linken hatte Dolores aus
den Fenstern des Wagens hinausgesehen, grade wie
an dem Tage, an welchem sie mit dem Vater zum
ersten Male durch diese Straßen gefahren war.
Jener Tag und diese Stunden waren einander so
nahe und so fern, so ähnlich und so verschieden von
einander.
Wie damals ging sie einem Unbekannten ent-

gegen. Damals ging sie in das Haus eines Vaters,
den sie nur selten gesehen, jetzt in das Haus ihres
künftigen Gatten, den sie nur wenig kannte -- und
doch war es anders. Wie Vögel, die man aus der
Sicherheit des Schlafes aufgescheucht, flogen ihre
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Gedanken hin und wider und keiner ließ sich halten;
einer löste den andern im Fluge ab, daß es ihr - -
schwindelte. Halt zu suchen, lehnte sie das Haupt
an ihres Vaters Brust. Er nahm sie in den Arm -
und an sein Herz, er küßte ihre Stirne. Da ward's
still in ihr. Sie war geborgen, er ließ sie ruhen.
Virginie störte sie nicht.
Wie lange sie so gelegen, ob sie gewacht, ge-
schlafen und geträumt, das wußte sie selber nicht,
- als der Postillon anhielt, um ein paar schwer be-
ladene Frachtwagen an sich vorüberfahren zu lassen.
Sie blickte lächelnd und mit hellen Augen um sich.
,Sind wir schon so weit?' fragte sie und zu
Virginie gewendet, setzte sie hinzu: ,Wie hübsch ist's
heute hier! Damals, als wir des Weges kamen,
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==- Z6 =-
lag Alles auf der ganzen Reise voll von Schnee und
Eis, und es war uns unheimlich; denn in einem
Lande, in welchem die Natur im Winter ganz er-
stirbt, waren wir noch nie gewesen. Polydor sagt,
Schnee gäbe es nur selten, und grün und schön bliebe
es in Venedig immer.?
Det Gedanke an den Süden war in der letzten
Zeit für sie mit dem Gedanken an Polydor ver-
schmolzen; und wie die beiden ersten Meilensteine,
einer um den andern, ihre bisherige Heimat zurück
treten machten, so -regte das Gefühl, nun einem
neuen Leben entgegen zu gehen, sie lebhaft auf, und
nicht sie allein.
Die ersten drei Meilen waren schneller zurück
gelegt, als sie es erwartet. Man frühstückte noch
gemeinsam; dann galt es vor Allem für Justinen
die Trennung von ihrem Manne und von ihrem
Kinde. Aber Frank und der Knabe waren gesund;
Frank versprach, kräftig, wie der Junge sei, werde
er der Mutter entgegengehen, wenn sie wiederkehre;
und wie dann der eine Wagen zurück gen Norden,
der andere weit hinab gen Süden fuhr, waren die
Thränen alle bald getrocknet. Justine war noch nie
gereist, ihre frohe Neugier belebte auch die Anderen;
und selbst Darner, welcher die Grenze der Provinz
nicht überschritten hatte, seit er den Sohn in das
Geschäft genommen, fühlte sich trotz der mannigfachen
Sorgen, die auf ihm lasteten, von dem Zuge in die
Ferne angenehm berührt. Wie eine Lustfahrt ging
der erste Tag vorüber, die Tage und Wochen, welche
ihm folgten, blieben hinter demselben nicht, zurüc,
,' und Darner genoß sie, wenn auch in anderem Sinne,
als seine Begleiterinnen.
Alles, was sie sahen, war diesen neu. Jn
möglichster Schnelle fahrend, um nach Bedürfen

= Z6 -
gasten zu können, reiste man durch ganz Dentschland,
überschritt man die Alpen,' trat man in Ftalien ein
und ging man niederwärts dem Meere zu. Die -
Schönheit und Großartigkeit der Natur war Justinen
ebenso überraschend, als allen Dreien jedes Werk
der Architektur und der anderen Künste; und keine
-von ihnen hatte je' ein bedeutendes Gemälde oder
gar eine Statue gesehen, denn weder bedeutende Bau-
wverke nochGdemälde oder Statuen waren in Königs-
berg zu finden.- All das Entzücken, dessen sie
genossen, erquickte Darner, weil er es war, dem sie
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es dankten. Sein Wille, seine Einsicht hatten sie auf
den Weg geführt. Er konnte gewähren weit über z'
ihr Erwarten und Wünschen hinaus. Es war eine
-göttliche Freude, mii der er sie betrachtete, mit der
er ihre dankbare Liebe ihm entgegenwallen fühlte.
Von Tag zu Tag hatten sich ihre Erwartungen
gesteigert, jeder folgende hatte noch mehr geboten
-und immer hatte man ihnen gesagt: Venedig sei doch j
moch schöner; und die Ungeduld, mit welcher sie
diesem letten Ziele entgegensahen, trug sich in Dolores
auf ihren Verlobten über, auf Polydor.
Sie zählte die Stunden bis zu jener, in welcher
sie ihn sehen, in welcher er, wie er es verheißen, .
ihr entgegenkommen würde; und frohen Herzens,
mit hochgespannter Hoffnung sagte sie, als der Wagen
Halt machte in Mestre, wo man zum letzten Male
wor der Ankunft übernachten sollte: ,Morgen also!
morgen-- und Virginie und Justine sprachen es
ihr nach.
- Und der Morgen kam und der Tag war schön.
Wie durch silbern funkelnde Schleier strahlte die
Sonne nieder. Der feuchte Dunst, der in der Frühe
- vom Meere aufgestiegen war, milderte die Hitze.



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Man fühlte die Nähe der weiten Wasferfläche, das
Athmen ward zur Lust.
Unter des Vaters Aufsicht hatte der der Landes-
sprache unkundige Diener die Koffer und Valisen auf
das Schiff überführen lassen, das sie nach Venedig
bringen sollte. Der Wagen hatte in Mestreh zurück-
zubleiben; und als dann Alles geordnet war, als
Dolores hinaustrat aus der Thüre des kleinen Gast-
hofes, der sie die Nacht beherbergt, und hinausblickte
auf das Wasser zu ihren Füßen, da - - -
,Dolores!'' riefen Virginie und Justine, und
,Dolores! rief der bleiche, schlanke Mann, der
raschen Schrittes aus dem Segelboote heraufsprang
auf den steinernen Rand des breiten Quais und
Dolores traute ihren Augen nicht -und meinte zu
träumen; aber Polydor schloß sie in seine Arme,
und umtönt von sanfter, wiegender Musik, -trug er
sie mehr, als er sie, führte, hinab in das ihrer
harrende, für sie geschünckte Schiff.
Merkur mit seiner Flügelkappe stand am Steuer,
Amorinen reichten den Frauen Sträuße dar, duftend,
farbenprächtig, wie sie sie nie gesehen. Neben der
glühenden Nelke die glänzend weiße Tuberose, um-
hüllt von der sanften Erbs lmoneins.. Bekränzte
Tritonen führten die sechs Rüder; bunte Fahnen be-
wegten sich leise an dem kleinen Maste. Der sanfte
Morgenwind schwellte das Segel, und auf weichen
persischen Polstern ruhend, glitten sie in dem Boot
über die ruhenden Wasser dahin, hinaus aus der
Bucht, hinein in das schweigende Venedig, unter der
Rialtobrücke fort, in den Canale grande hinein, bis
zu den blumenbestreuten Marmorstufen des breit hin-
gelagerten Palazzo Ferramonte, auf dessen, Traghetto
UAuea.rA

=- Z6=-
die Gondeln des Hauses angekettet lagen und Gon-
doliere und. Diener in reicher Livree die Ankunft der
künftigen Herrin erwarteten.
Darner hatte am Abend noch in der Stunde
ihrer Ankunft einen Boten von Mestre an Polydor
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-mit der Nachricht abgehen lassen, daß man den Tag
eingehalten, den man für die Hochzeit festgesett,
und hatte darauf gerechnet, daß Polydor kommen
würde, die Braut in sein Haus zu holen; aber er
war, wie die Anderen überrascht, und verbarg das
nicht vor Polydor. Selbst in dem an Masken ge-
wöhnten phantastischen Venedig fiel es auf, wie das
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geschmückte Boot seinen Weg suchte durch die großen
sie selbst erschienen ihr wie verwandelt, wie gbge-
trennt von Allem, was sie bisher gekannt; und wie
er ihr mit ritterlicher Anmuth die Hand reichte, ihr
aus dem Boot auf die Stufen hinauszuhelfen, neigte
sie sich, an Demuth und zum Dank gewöhnt, hernieder
und küßte die Hand, die sie künftig durch das Leben
führen sollte.

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Schiffe und die sich kreuzenden Gondeln; Dolores
aber kannte sich selber nicht vor Freude. Polydor, ;
Polydor war trunken vor Freude wie sie. Sie,
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die Einen unter der Pracht und Schönheit, die sie
hier umgab, und wie war es denkbar für Polydor
neben der Ersehnten, die sich ihm zuwendete, wie
sein heißes Herz es verlangt, seit er sie zuerst er-
blickt, und die heute noch, heute noch die Seine
werden sollte?

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Weil es gegen den Brauch war, daß die Braut
übernachtete in dem Hause des Bräutigams, und
weil man bei der Nebexfüllung der Stadt durch die
starke französische Besatzung nicht mit Sicherheit
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darauf hatte rechnen können, in einem der großen
Gasthäuser ein Unterkommen zu finden, wie eine
solche Familie es beanspruchen konnte, während
Polydor jede Stunde für verloren erachtete, die ihn
von der Geliebten fern hielt, hatte Darner auf einen
während der Reise erhaltenen Brief von Polydor
darein gewilligt, daß man gleich in dem Palast
Ferramonte absteigen, die Trauung noch am Abend
desselben Tages vollzogen werden und Dolores diese
Kunde erst von ihrem Bräutigam unter seinem Dache
erfahren sollte.
Man hatte in dem einen Flügel des Palastes
die Fremdenzimmer eingerichtet. Die französische
Kammerjungfer, welche Dolores bedienen sollte, half
der deutschen bei dem Ordnen der Sachen. Nach
kurzer Rast, nach dem,Wechsel der Kleidung, als
man zu dem landesüblichen Frühmahl in einem der
kleineren Säle beisammen war und die Erlebnisse
der lettten Wochen, Tage, Stunden, die Freude über
das Wiedersehen und über die Umgebung durchge-
sprochen waren, in der man sich befand, sagte Polydor,
die Braut festhaltend, als man sich von der Tafel
erhob: ,Es macht mich glücklich, Geliebte, daß Du
das Haus nicht zu gering findest, welches Du mit
mir bewohnen sollst; aber was würdest Du sagen,
wenn Du erfahren würdest, daß Du es nicht wieder
verlassen darfst = ?
Er hielt inne, Dolores sah ihn betroffen an.
Sein Gesicht war ernst, er blicte ihr fest ins, Auge.
Sie wendete sich nach dem Vater hin, auch- dessen
Miene klärte sich nicht auf.
,Ich darf es nicht verlassen? fragte sie, die
Augen zu Polydor erhoben.
,Nein! Du darfst es nicht verlassen, bis Du
meine Frau geworden bist!' antwortete er ihr, und
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==- Z6s =-
seine -strahlende Freude fand in ihrem Lächeln und
Erröthen ihre Antwort.
Der Vater trat dazwischen. ,Ich denke, Du
bist damit einverstanden!r sagte er. ,Die Schick-
lichkeit erheischt es. Polydor hat mich darum gebeten,
Bräutigam hat es erlangt, daß der Eivilakt Eurer
Mairie sofort vollzogen werde. Der protestantische
Prediger der Schweizer Gemeinde aus Bergamo ist
seit einigen Tagen der Gast Polydors. Um sechs
Ühr werden die Freunde Deines künftigen Gatten
sich hier versammeln, Eurer Trauung durch den
Geistlichen beizuwohnen und das Fest der Hochzeit
mit uns zu, begehen. Noch heute Abend wirß Du,
wenn auch noch mein Kind? =- die feste Stimme
bebte dem Starken - ,wenn auch immerdar mein
geliebtes Kind, doch nicht mehr mein Eigenthum,
sondern, einem andern Manne, Deinem Gatten, zu
eigen sein.?
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ich hahe eingewilligt, es ist Alles vorbereitet. Dein
Eheschließung am Nachmittag von den Beamten der
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Er hielt inne, es waren ein paar Augenblicke
feierlichen Schweigens. Polydors Augen hingen an - .
der Braut. Sie hatte die Farbe gewechselt, dann
rasch aufathmend und dem Vater die eine, dem
Bräutigam die andere Hand hinreichend, sagte sie:
,Ja, so soll es sein,? und fügte sie dann lächelnd
hinzu: ,Sono ehisma!r
Es war der alte, landesübliche, Demuth be-
zeigende Gruß, wie sie ihn in der Lombardei während
der Reisetage oft vernommen.
Und so geschah es!=- Von Neberraschung zu
Neberraschung, von einer Rührung, von einer Freude,
von einem Staunen in das andere übergehend, blieb
ihr und ihren beiden Gefährtinnen zur Besinnung
keine Zeit.

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== 86? -
Kaum war die Eiviltrauung vorüber, so galt
es die Braut in das hochzeitliche Gewand zu kleiden,
das nun in ihrem Ankleidezimmer in dem Flügel
des Palastes bereit lag, den Polydor, den sie mit
ihm bewohnen sollte. Ein Brautkorb, gemacht, jede
Fürstin zu befriedigen, stand ihrer Wahl gewärtig
für sie da. Die Schwester, Justine waren behilflich,
ihr zu dienen. Man überließ die Frauen für ein
paar Stunden noch sich selbst.
Darner hatte sich zurückgezogen, die Berichte hund
Briefe durchzusehen, die ihm Frank von Königsberg
an jedem Posttage nachgesendet und die ihn hier
erwartet. Die zusagende Antwort von Alexander
Joannu fand sich unter ihnen. Polydor war auch
schon davon unterrichtet, daß sein Bruder, sein
Vater die Verbindung mit Jöhn Kollmann einzugehen
dächten. Auch die Zeitungen wollten in Betracht
gezogen sein, denn die Maßnahmen Napoleons, die
Kriegsbewegungen waren der Kompaß, nach welchem
der Handel seine Wege zu suchen hatte, und mit den
Gedanken in den Norden zurückgewendet, in sich die
Antworten erwägend, welche er zu geben hatte, trat
Darner aus dem Palaste hinaus auf den kleinen
Eampo, der, hinter demselben gelegen, sich nach einer
der schmalen Straßen öffnete, die über den Markus-
platz, hinausführen an das Meer und nach der Riva
der Slavonier.
Er kannte die Pfade alle. Er war sie oft ge-
gangen, aber es war anders gewesen dazumal, und

auuch er war ein Anderer gewesen.
Dort, weit hinein nach dem Lido zu, hatte der
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Insel, auf welcher jett die Franzosen den Eisräino
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pnblieo anzulegen begannen, hatten die Seiler ihre

=- ZsZ =-
Werkstätten, die Matrosen und Seeleute ihre Wirths-
häuser gehabt. Dort hatte er gesessen mit guten
Genossen - wo waren sie hin? =- und hatte ihn
vor Augen gehabt den Palast Ferramonte, ohne
seinen Namen zu kennen, ohne zu ahnen, daß seine
Tochter ihn einst bewohnen würde; und er hatte
Niemand zu danken für diesen Wandel seines Ge-
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schickes. Er' allein war sein Herr! Und durch Jahre
hatte er nicht daran gezweifelt noch viel weiter fort-
gehen zu können uach eigenem Ermessen - aber er
hatte es erkennen lernen in der letzten Zeit, wo die
Grenze des freien Willens, die Grenze des freien
Thuns ihre Schranke finden, so in der Gleichbe-
rechtigung der ihm Nächsten, wie in der Gemeinsam-
keit des Bamnes, den eine titanische Kraft tytannisch
ausbreitet über die Gesammtheit, bis die gesammte
Kraft der Einzelnen sich erhebt, den Bann zu brechef
mit Einsetzung ihres Willens, ihrer That.
Tief in die Vergangenheit versenkt, weithin fort-
getragen in planendem Hoffen auf eine neue, be-
freiende Wandlung der Zustände, wie es sich jetzt in'
tausenden von Seelen regte, war er hin und her,
geschritten an dem Ufer, bis die Glocke vom Thurme
die Stunde anschlug, die der Trauung seines Kindes
voranging.
Die Sonne neigte sich zum Meere, ihr purpurner
Schein färbte drüben das Kloster der Armenier und
machte die Seejungfer erglänzen, die vom Palazzo
Ferramonte sich hoch über des Daches Zinne als
Wetterfahne in die Luft erhob.
Alles war für den Empfang der Hochzeitsgäste
bereit, als Darner wieder in den Palast zurückkehrte.
Sie gefiel ihm, die solide Pracht des Baues; er -
tadelte ihn nicht, den Luxus, den Polydor sich bei
dem wohlbegründeten Reichthum seines Hauses
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==- Z69 =-
gestattet, aber die Phantastik, die sich kund gegeben in
dem Empfang, den er der Braut bereitet, war nicht
nach Darners Sinn gewesen. Was dem Liebhaber
Gewalt gab über die Frauen, konnte an dem Manne
gefährlich werden für seine Frau. Doch Polydor war
klug wie alle Griechen, berechnend wie sie, seine Eitelkeit
und seine Sinne mußten in dieser Frau ihre Rechnung
und Befriedigung finden. Dolores schwamm in Freude
- und welcher Vater vermochte auszusorgen auf
alle Zeit und alle Fälle für das Glück seines Kindes?
Wie eine Königin geschmückt und schön, war
Dolores eine Stunde später an den Altax getreten,
den man in dem Betzimmer des Hauses aufgerichtet;
wie eine jener Versammlungen, deren Erscheinung
Veronese's Pinsel für die Nachwelt aufbewahrt, hatte
die reiche und vornehme Welt des jetzigen Venedig
in dem Hochzeitssaal sich gereiht, auf welche Tinto-
retto's Göttergestalten wie auf ihnen Ebenbürtige
herniederschauten. Fackelglanz in den offenen Hallen,
Lichterglanz an der Tafel, Klingen der Gläser, Musik
von den den Saal umgebenden Galerien, Glückwünsche,
Lobpreisungen in französischer, englischer, italienischer
Sprache, Freude, Lust, Gelächter, Geflüster, wohin
das Auge sich wendete, woohin das Ohr horchte.
Und dazu der tiefe, sternenfunkelnde Himmel, als die
Stunden vorwärts eilten, und das linde Anschlagen
des Wassers an die Schwellen des Palastes.
Die Mitternacht. war vorüber, als Ndie Gäste
auseinander gingen, als Darner die Tochter umarmte,
als die Schwester, als Justine sie küßten, als Polydor
sie ihnen entführte.
,seleeissima notts!r rief es von den.hondeln
hinauf, noch einmal und noch einmal.
,Gute Nacht! boten ihr die Ihren. Der deutsche
Klang war ihr wie ein Gruß, wie ein Gebet, die zu
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Lewalb. Die Jamilie Darner. A.

-- Z7ßs--
ihr herüberschallten aus ferner Wirklichkeit in die
märchenhafte Welt, die sie umfangen seit dem Morgen.
Die Musik war verstummt, als Justine und
Virginie durch die offenen Arkaden sich in ihre Ge-
mächer zurückzogen.
,,So mußte es für Dolores sein,' sagte Virginie,
,, denn wer war ihr zu vergleichen? Und wie sie
glänzte vor Glück, wie sie ihn empfand, den Zauber,
der sie hier umgab !?
Sie standen in der Halle stille. Die Lichter, die
Fackeln wurden ausgelöscht. Justine nahm Virginie
bei der Hand.
, Laß uns gehen ! sagte sie, ,bie Hallen sind so
groß, wir möchten den Weg verfehlen. Es muß einsam
sein in dem Hause, wenn ihm die Gäste fehlen.'?
,,Daran habe ich noch nicht gedacht!'' entgegnete
Virginie; ,aber Du hast Recht, wir müssen fort!'
Die Nacht breitete sich aus über das Land und
über das Wasser -- und als sie wich, stieg die Sonne
wieder hell empor wie an einem Hochzeitstage, und
wie im Triumphe führte Polydgr sein junges Weib,
Madame Joannuu, den Ihren zu.
Lächeln in allen Augen, Lächeln auf allen Lippen,
nur in den Augen der jungen Frau schwebte ein
feuchter Schimmer, um ihre Lippen zitterte es leise.
Sie hatte Polydor gelobt am Meeresstrande vor
seinem Scheiden, als sie mit ihm gesessen in dem
Schutz des Pavillons zu Strandwiek, daß sie sein
werden wolle ganz und gar, daß jeder Gedanke ihrer
Seele ihm gehören solle, das; sie ihm nichts verbergen
wolle, nichts!
Und was sie geträumt in der Stunde, da am Morgen
sie sein Kuß geweckt-- das konnte sie ihm nicht sagen.

Eine schwarze Gondel war gelandet an den
Stufen des Palastes und es hatte Einer darin ge-
standen, ihr die Hand zum Einsteigen zu bieten, wie
am Morgen es Polydor gethan. Aber er war es nicht
gewesen-- und der, den sie mit Erschrecken in der
Gondel erkannt, den konnte sie ihm nicht nennen!
Einundvierzigstes =»- ---
SHfil,-s'
Der Empfang bei der jungen Frauu, Festlichkeiten
bei den Umgangsgenossen Polydors wie bei den Ge-
schäftsfreunden Darners und der Joannu, hatten das
neue Ehepaar und seine Angehörigen alltäglich in An-
spruch genommen. Das Durchwandern der Stadt,
ihrer Kirchen, Paläste und Museen hatte für die
Frauen die übrigen Stunden ausgefüllt, während
deren die beiden Männer sich ihren Geschäften über-
lassen; und nach dem Verlauf einer Woche hatten
Darner, Juustine und Virginie Abschied von Venedig
und von Dolores genommen in der Zuversicht, daß
ihr an der Seite ihres Mannes in der zauberhaften
Stadt eine schöne Zukunft gesichert sei, wenn schon
der Abschied ihnen Allen schwer geworden war und
Dolores sich einzugewöhnen hatte in das fremde Land
und in die ihr fremde große Gesellschaft.
Wie es in Darners Plan gelegen, war man bei
der Rückkehr rascher noch vorwärts gegangen als auf
dem Wege gen Süden, da man sich ja zu Hause von
den Anstrengungen der langen Reise erholen konnte.
Nur in Leipzig und in dem noch immer von den
Franzosen besetzten Berlin hatte man ein paar Tage
verweilt, und dort hatte Darner bereits die Asicht
verbreitet gefunden, daß die Zusammenkunft der bei-
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=-- Z7A -
den Kaiser keine Friedensaussicht für die des Krieges
satte Welt eröffnen werde.
Die Reisenden hatten Venedig in der Herrlichkeit
des Sommers' verlassen. Auf dem Festland von
Oberitalien hatten sich die üppigen Weingehänge voll
reifer Trauben don Baum zu Baum gerankt, hatten
sie farbenprächtiges Blühen und reife Früchte vor
sich gehabt, wohin das Auge sich gewendet. Als sie
bie Weichsel überschritten, war es herbstlich kalt und
rauh. Die Tage waren schon kurz. Die Sonne kam
selten zum Vorschein. Morgens hing der Reif an den
Nadeln der Kiefern- und Tannenwälder, durch welche
man fuhr. Auf den Feldern war die Arbeit für das
kommende Jahr vollendet. Die Zugvögel waren schon
lange gen Süden gewandert. Nur Krähen, Raben
und Sperlinge gingen auf den Feldern umher, oder
flogen gegen den Abend unter dem grauen Himmel
eilig den Wäldern und den Dörfern zu, sich für die
Nacht zu bergen. Neberall sah man noch die Spuren
des Krieges, die belaubten Büsche und Waldungen,
welche zum Theil versteckt, als man vor sehn
Wochen des Weges gefahren; aber das flache Land
war östlich von der Weichsel doch von den franzö--
sischen Truppen frei, wenn schon die Festungen noch
von ihnen besezt waren und besetzt bleiben sollten,
bis die schwere Kriegsschuld an Frankreich abgetragen
sein würde.
Der letzte Reisetag stieg trübe auf. Ein dichter
Nebel nachte jeden Blick in die Ferne unmöglich.
Der Westwind jagte die von den letzten Nachtfrösten
welk gewordenen Blätter in wirbelndem Durchein-
ander vor sich her. Darner ließ die Lichter in den
Wagenlaternen Koch anzünden, als man am Morgen
-
,Noch acht Stunden,? sagte Justine, als sie sich

- 87s =-
Fußsäcke ordnete und die Wagenthüre schloß. ,Noch
acht Stunden, dann habe ich sie wieder, den Frank
und meinen Jungen !?
,Rechne immer auf ein paar Stunden mehr,
damit Du nicht ungeduldig wirst! Der Postmeister
sagt, die Wege wären schlecht, die Posten in den letzten
Tagen immer wieder verspätet angekomtmen lrr bedeutete
sie der Vater und steckte seine Eigarre an.
,Als wir hier auf der Hinreise übernachteten,
kam mir Venedig nicht so unerreichbar vor als heute
Königsberg!'' sagte Justine nach einer Weile. ,Es
zieht mich mit Gewalt nach Hause. So lange ich
ferne von ihnen war, war ich ruhig, heute quält
mich eine wahre Angst. Ich denke immer, es könnte
doch etwas vorgefallen sein. Sie haben mir vielleicht
doch etwas verschwiegen.?
,Aber sie haben Dir ja betheuert, daß Alles gut
steht, daß Lorenz gesund ist!r wendete Virginie ein.
,Gewiß, und doch begreife ich heute nicht, wie
ich habe fortgehen und wie ich habe so vergnügt sein
können so weit von ihnen. -= Ich wollte, der Wind
jagte mich wie die Blätter durch die Luft, damit ich
nur erst wäre, wo ich hingehöre, bei Mann und Kind,
in unserem lieben Hause!'?
Sie holte die Ühr ausn dem Gürtel. ,Zehn Mi-
nuten fahren wir jetzt schon! Noch zweiundvierzig
solcher kleinen Weilen, dann sind wir in der Langgasse.?
,Laß die Ühr stecken, Tochter!, Du weißt, derlei
Spielereien sind nicht mein Geschmack!' gebot der
Vater: -,Es ist unvernünftig, sich unruhig zu machen
ohne Grund und Folge.?-- Justine gehorchte. Es
war selten, daß der Vater sie in der Art tadelte;
aber sie und Virginie hatten es schon in den letzten
Tagen wahrgenommen, daß er schweigsam und weniger
als sonst geneigt war, auf ihre Unterhaltung einzu-
gehen, daß er innerlich beschäftigt war.



-== Z?g -
Die Postillone und die Pferde thaten ihre Mög-
lichkeit. Justine fand, daß sie wie Schnecken hin-
schlichen. Alle Augenblicke grif sie mit der Hand
nach der Ühr und zog sie wieder zurück.
Lange Reihen von Frachtwagen kamen auf der
schlecht gebahnten Straße ihnen von Norden entgegen.
Chausseen gab es im Lande noch nicht. Die Fuhr-
leute, in blauen Blusen über den schweren Tuch-
röcken, in hohen Wasserstiefeln, die Pelzmützen auf
den Köpfen, die schweren Peitschen in den rothge-
frorenen Händen, gingen schnalzend und rauchend
neben den Gefährten her und knallten mit den Peitschen,
die Vorüberfahrenden begrüßend; wie Schiffe sich be-
grüßen in der Oede auf dem hohen Meer. Mußte
doch die Landstraße jettt, so weit es möglich war, den
gefahrdrohenden Verkehr zur See ersetzen.
,,Wie der Lorenz sich freuen würde, wenn er das
lustige Knallen hörte! Er hatte schon seine Freude
dargn, als wir von Strandwiek nach der Stadt ge-
fahren sind. Polydor lachte über seine großen
Darner'schen Augen, wenn er sie, horchend, so weit
aufmachte. Ich bin gewiß, er kennt uns Alle wieder!
meinte Justine.
,Rechne nicht zu fest darauf!k entgegnete derGroß-
vater. ,Für einen Menschen, der kaum neun Monate
alt ist, sind zehn Wochen eine lange Spanne Zeit.?
,Was ist das für ein-Schloß, Vater?? fragte
Virginie, als gegen Mittag hin- zur Linken der
Straße, nach dem Haff zu, ein massiges,. altes Ge-
bäude sichtbar wurde.
Darner bog sich zum Fenster hinaus. ,Das ist
Schloß Balga!' gab er ihr zut Antwort.
,Ach, Balga!r wiederhglte Virginie. ,Schloß
Balga, das ist ja die alte Rilkerburg, = erinnerst Du
Dich, Justine? in welcher der Ahnherr von Baron.
Stromberg Komthur gewesen ist, als der Orden

-=- Z7H - =
weltlich geworden! - Und wie sie die Worte ge-
sprochen hatte, schoß ihr die andere Frage durch den
Sinn: ,Ob sie wohl seiner denken mag in ihrem
Palast an den sanften blauen Wassern??
-- ererE.
ihr Sehnen vermochte den ruhigen Gang der Mi-
nuten nicht zu ändern. Stunde um Stunde wollte
durchharrt sein. Der Himmel wurde immer trüber.
Durch das dicke, graue Gewölk drängte sich bisweilen
ein matter, gelblicher Schimmer hindurch. Justinens
Augen suchten immer rastloser die ersten bekannten
Hääuser in der Nähe der Stadt. Virginie war das
Herz schwer, sie hätte nicht sagen können, weshalb
-- denn seit sie wieder in Preußen war, hatte sie
sich gefreut nach Hause zu kommen.
,Ach, endlich !r rief Justine, als sie das Branden-
- burger Thor erblickte. ,Endlich!'r als sie die Schild-
wache sah, als der Zollbeamte an den Wagen trat,
als der Paß untersucht und unterzeichnet war, und
der Wagen mit dem ,Vorwärts!'' des Offizianten in
die Stadt hineinfuhr.
Die bei dem Einrücken der Franzosen niederge-
brannten Stadttheile waren zuknn Theil wieder auf-
gebaut, aber da Jeder mit Noth zu kämpfen gehabt,
so hatte man bei dem Ersatz für das alte Haus sich
auch eben nur auf das Nothdürftigste beschränkt; und
selbst die beiden Vorstädte und die Brücke und die
Börse und das grüne Thor mit seinem Thuxme kamen
Virginie klein und ärmlich und unschön vor, nach den
großartigen Bauten, die sie in der Zwischenzeit gesehen.
Justine bemerkte von dem Allen nichts. Sie hatte
nur ihr Haus mit seinem ihrer harrenden Glück im
Auge; und Virginie hatte ja auch die Stadt und die
Straßen und die Häuser nicht beachtet, als damals
der Vater sie und die Geschwister eingeholt und das
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schützende Dach des Vaterhauses als ein ungekanntes,
aber ersehntes Ziel vor ihnen gelegen.
Nun hatten sie. den Bogen des Thores durch-
fahreü! Nun war sie in in ihrer Straße! Es war
drei Ühr am Nachmittage. Vor der königlichen Bank
stand die Schildwache. Die Tochter des Bankdirektors
grüßte aus dem Fenster mit freundlicher Hand-
bewegung. Hier und dort kam ein Bekannter vor-
über, auch Virginie begann das Herz zu klopfen.
Noch fünf, noch drei Minuten und der Wagen
hielt vor' dem Hause! Frank und die Leute und die
Göttling mit dem sorgfältig eingehüllten Lorenz kamen
auf den Wolm und die Treppe hinunter, Jußine
hatte den Lorenz, Frank die Frau im Arme, nachdem
er dem Vater und der Schwester die Hand geschüüttelt.
Der Faktor des Hauses, der Diener waren zur Hand,
Jeder wollte eine Hilfe leisten, sich der Herrschaft
bemerklich machen, sich dienstbar erweisen und die
Blätter, die von den Linden bei dem Neberschreiten
des Wolmes niederfielen, waren die Blätter ihrer
Linden, die Flur, in die sie traten, war die Flur
ihres eigenen Hauses. Sie war viel freundlicher,
als die große, weite Halle des Palazzo Ferramonte;
und das helle Feuer, das von dem Herde durch die.
Glasfenster der Küche sichtbar wurde, war ihr Küchen-
feuer. -= Man war zu Hause! zu Hause! und froh,
nach Hause gekommen, beisammen zu sein ohne eine
Gefährdung auf der Reise! Zu Hause zu sein nach
all dem -Schönen und Herrlichen, das man erlebt!
Lorenz- hatte sie alle mit verwunderten Augen-
angeguckt und sich von den Fremden zu der Wärterin,
zu dem Vater und zu Madame Göttling ggwendet;
als er aber gesehen, daß der Vater die Mutter ge-
küßt und deg Großvater die Hand geboten, da hatte
auch er die kräftigen Arme und Hände nach ihnen
ausgestreckt; und als könne man ihr ihren Besitz

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entreißen, so schnelk war Justine mit ihrem Lorenz
den Anderen voran ünd in ihr Zimmer geeilt, von
Frank gefolgt, der dem Vater gesagt, daß er gleich
wiederkehren und zu seiner Verfügung sein werde.
Der Vater war darauf mit Virginie durch den
Korridor in das Hinterhaus gegangen, in das Wohn-
zimmer und sie beide waren allein gewesen, ohne
Dolores, allein bei sich zu Hause.
Hatte der Vater daran gedacht, als er Virginie
dis Hand gegeben und sie auf die Stirne geküßt
und ihr die Hand gedrückt, ehe er sich in seine Stube
begeben, die Reisekleider zu wechseln?
Virginie blieb mitten in dem Zimmer stehen.
Es war so behaglich! Das Feuer brannte in dem
englischen Kamine, die Ühr war aufgezogen. Der
vertraute Klang tickte ihr den Willkomm entgegen.
Sie trat ans Fenster, da floß der Pregel ruhig unter
dem Quai dem HaF zu, so wie immer. Drüben
auf der Speicherseite lagen eine Anzahl Bordinger
vor Anker, die noch spät im Jahre aus der Nähe
Getreide und andere Produkte nach der Hauptstadt
gebracht hatten. Von Seeschiffen war keines zu sehen. -
,Wo mag der Kapitän jett sein, der hier mit
dem Jungen und dem Hunde vor Anker gewesen an
dem Tage, an welchem ich mit Dolores die Unter-
redung gehabt und ihr alles an das Herz gelegt habe?
fragte sie sich, als Frank hineintrat.
,Nun,' sagte er, indem er an ihr vorüber in
des Vaters Stube ging, ,Ihr habt eine schöne Zeit
gehabt, ein schön Stück Welt gesehen, und Dolores
schwimmt in Sonne und Wonne! Gut, daß Ihr's
genossen! Wir liegen hier nicht auf Rosen!r?
Der Vater kam ihm völlig umgekleidet schon
entgegen. ,Trinken Sie vielleicht den Kaffee oben
bei uns?? erkundigte sich der Sohn, ,oder wollen
Sie, Vater, daß wir zu Ihnen kommen??
-

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,Laß uns zunächst in das Komptoir hinunter
gehen und dann den Kaffee hier einnehmen! Ich
habe mich -hier noch gar nicht umgesehen.?
Sie thaten, wie er gesagt; Virginie blieb wieder
allein. Sie hatte in dem Zimmer auch jetzt nichts zu
suchen, und hatie sich umzukleiden, wie die anderen.
Als sie oben in ihre Thüre eintrat, schreckte sie
zusammen. Was war das?==- Dolores' Bett, Dolores!
Kommode und ihr Nähtisch waren nicht da! Man hatte
die überflüssigen Sachen fortgenommen, Madame Gött-
ling hatte mit gut gemeinter Vorsorge die Stube jett
für Virginie allein einrichten lassen. Sie erkannte das,
aber es fiel ihr auf das Herz, und mit dem Ausruf:
,Allein und immer allein, ohne Lora! = immer alleinlr
warf sie sich auf das Sopha und weinte aus voller Brust.
Es war ihr mit einem Male alles umheimlich:
die Stube und draußen das fahle Licht und die
schwarzen, fast schon kahlen Aeste der beiden großen
Nußbäume, die sich wie lange Arme gespenstisch gegen
das Fenster bogen.- Justine hatte den Frank und
ihren Sohn - sie?=- sie hatte nur den Vater!
Und -- sie hatte nie daran gedacht, und der Vater
war ja auch noch jung und war immer gesund: und
wer denkt denn daran, daß die Erde untergehen oder
daß einem der Vater sterben muß? =- Aber wenn der
Vater starb, dann war sie allein, ganz allein!
Sie sprang auf. Sie wußte nicht, wie sie auf
den unglücklichen Gedanken gekommen war, sie hätte
ihn von sich schleudern mögen wie den Shawl, den
sie abwarf, um sich mit Hilfe ihres Mädchens schnell
zum Kaffee fertig zu machen; und die Berichte der in
Königsberg zurückgebliebenen jungen Person, das Er-
zählen von all den wichtigen Kleinigkeiten, die sich
während der langen Abwesenheit der Herrschaften im
Hause zugetragen, brachten Virginie bald von sich
und ihren sie quälenden Gedanken ab.


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- 879 =-
Unten in dem Wohnzimmer war alles wieder
erfreuend. Die Lichter auf den Armleuchterfi brannten
auf dem Tische; die beiden Männer und Justine mit
dem Knahen auf dem Schooß, und Madame Göttling,
die heute wieder zum letzten Male hier imHhause den
Kaffee einschenkte, sie waren alle da, waren alle ge-
sund. Virginie schämte sich ihrer- melancholischen
Grillen. Hier gehörte sie hin, hier war sie ebenso
nothwendig an ihrem Platze wie Zustine; an dem
ihren. Hier hatte sie, was sie wollte;' und es
gab so viel zu erzählen, so viel von einander zu
erfahren, daß man nicht wußte, womit zu geginnen.
Sie waren noch nicht lange beisammen, als der
Diener die beiden Herren Kollmann meldete. Man
erhob sich, sie zu empfangen.
Der Verkehr zwischen Frank und John hatte sich
nach den ersten Begegnungen einfach und freundlich
gestaltet. Die Zusage von Alexgnder Joannu, sich
indirekt an der Pachtung zu betheiligen, die John
jett zu erlangen hoffen durfte, hatte den älteren
Kollmann' der wieder angeknüpften Verbindung noch
geneigter gemacht; Madame Göttlings Kommen und
Gehen zwischen den beiden Häusern hatte das Nebrige
gethan. Kollmann hgtte sich in das frühereVerhältniß
allmälig hineingefunden, und John war also bei dem
Vater auf kein besonderes Widerstreben gestoßen, als
, er den Vorschlag gemacht, Justine gleich nach der
-Rückkehr in ihrer Wohnung begrüßen zu gehen.
Da man sie in derselben nicht angetroffen, hatte
man sich zu Darner in das Hinterhaus begeben; und
nachdem in der ersten Viertelstunde natürlich die Reise
und dierochzeit und Persönliches aller Art den
Gegenstand der Unterhaltung gemacht, hatten die
Männer sich in das Nebenzimmer verfügt, um den
- Frauen mit ihrem Rauchen nicht beschwerlich zu fallen;
und diese hatten nun volle Freiheit, von Venedig und


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==- Z80 =
von Dolores zu berichten, was die treue Göttling
zu hören verlangte; und von ihr zu erfahren, wie
schwer die Sorgen hier auf der königlichen Familie lägen
und wie man sich am Hofe die größten Beschränkungen
mit einer bewundernswerthen Festigkeit auferlege.
Während dessen hatte Kollmann die Frage an
Darner gerichtet, welche Nachrichten er über den Aus-
gang des Kongresses mitgebracht habe.
,,Keine anderen als die, welche Sie auch hier
bereits durch die Estafetten erhalten haben, die in-
zwischen angelangt sind,? antwortete ihm Darner. ,Die
Kaiser waren noch beisammen, als wir Berlin ver-
ließen. Einer der Geschäftsträger, von Baring, den
ich in Berlin getroffen, sprach von den englischen
Rüstungen und Einschiffungen als von einer auf
lange Kriegsdauer berechneten Unternehmung. In
Jtalien gärt es seit dem Einmarsch der Franzosen
in den Kirchenstaat, die ohne Kriegserklärung, von -
Norden und Süden kommend, das pästliche Gebiet,
angeblich zum Schutz des Papstes, besetzt haben und
verwalten. In Destereich ist man auf einen nahen
Krieg gefaßt; und das von beiden Theilen, von
Alexgnder wie von Napoleon, mit innerlichem Vorbe-
halt trügerisch geschlossene Bündniß, dessen Zeche
Preußen bezahlen wird, verspricht keinen Frieden für
die Welt. Der Kongreß war eine Komödie, die
weniger Wirklichkeit hat, als die Tragödien, welche
Napoleon vor dem Parkett von Königen hat aufführen
lassen. Was sie in Erfurt einander zugesagt, wird
keine nachhaltigere Wirkung haben als das: ..Sofons
amais, Vinna!? das dort von den Schauspielern ge-
sprochen worden ist. Napoleon bereut es, Preußen
noch so viel von seiner Stärke übrig gelassen zu haben;
und sind in Erfurt irgendwie haltbare Verträge ge-
schlossen, so wird Rußland von ihnen in Preußen und
auf türkischem Gebiete den Vortheil ziehen =- bis
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Napoleon sich nach dem Vorbild des macedonischen
Alexgnders gegen den Osten und gegen die Engländer
nach Indien wenden wird, wenn seiner zerstörenden
Laufbahn nicht vorher ihr Ende gemacht wird.?
Kollmann schüttelte traurig das Haupt. ,Das
mit anzusehen,? sagte er, ,wenn man Roßbach und
den Frieden von 16Z, wenn man die Zeit des alten
Fritz durchlebt. Man =-
,Muß leben bleiben,? fiel ihm Darner ein, ,um
,Der König soll bis- zum ölligen Verzweifeln
entmuthigt sein und sich und sein Reich verloren
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- bessere Zeiten zu erleben, und das wollen wir !?
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geben l' bemerkte Kollmann.
,,Das kann man nicht sggenh denn was man
aufgiebt, dafür arbeitet man nicht,? wendete Frank
ihm ein. ,Der König mag ohne Hoffnung nach
außen blicken; aber innerhalb des Besitzes, der ihm
geblieben ist, läßt er seinen besten Rathgebern freie
Hand und im Innern wird viel geschaffen. Das
Herz des Volkes ist mit ihm und mit dem Schutz-
geist, der ihm in der Königin zur Seite steht.?
, Und der Haß gegen die Franzosen steht ihm
neben der Liebe für das Königshaus ebenfalls zur
Seite. Das Volkr=- hob John an. Aber Darner
ließ ihn nicht vollenden.
,Das Volk! das ist's! Die Herrscher haben
, bisher ihre Politik genacht, ihre Haus- und Familien-
interessen gefördert, ohne an die Völker zu denken;
und der Korse, obschon nicht auf dem Throne ge-
boren, hat ihnen das aushöchsteigener Machtvoll-
kommenheit und Willkar nach ihrem Beispiel nach-
gemscht, ihnen die Augen zu öffnen, da die französische
Revolution ihnen den Staar noch nicht genug gestochen.
Was der Sohn des Volkes gegen die alten Dynastien
vermocht, das müssen und werden die Völker früher
oder später gegen ihn und seine neu geschaffene Dy-

= ZZA -
nastie vollbringen können, wenn sie zu der Erkenntniß
ihrer Kraft gelangen.!
,Spanien hat das Beispiel gegeben!f sagte John.
,DDie Niederlagen in Spanien, das konnte man
in Oberitalien bereits an allen Ecken hören, sind weit
schwerer, als die Bulletins es eingestehen. Die Fran-
zosen sind- vollkommen geschlagen, die Macht der
Empörung hat sie niedergeworfen. Ein Neffe Duprards,
den wir bei meinem Schwiegersohn getroffen, gestand -
es unumwunden zu. Die Ouvrards sind auch keine
Freunde des jetigen: Regiments in Frankreich, und
welch selbstständiger Mann könnte das sein?=- Der
Handelsstand, der Landmann sind in Frankreich mehr
denn zuvor erbittert gegen Bonaparte. Die Häfen
sind verödet, das Kapital liegt brach, die Felder liegen
brach aus Mangel an Arbeitskräften. Der Fluch
der Mütter, der Frauen, die Verarmungen schreien
zum Himmel gegen ihn. Neberall steht der Haß der
Millionen, die für ihr Leben in Ruhe zu arbeiten haben,
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gegen ihn auf. Wir sind noch nicht amEnde allerTage!?
Er hielt inne, aber Frank nahm seine Worte
auf. ,Es ist hier nicht anders! hob er an. ,Die
neuen Armeen, die er sich jetzt als Vertrauenszeichen
wieder heraufbeschwören läßt, hatten etwas Erschrecken-
des; aber die Spanier haben das Signal gegeben
und die Noth und die Tyrannei bringen alle zur
Erkenntniß. Bei uns in Strandwiek = und Strom-
berg hat die gleiche Erfahrung bei ßch gemacht -
dort, und hier in der Stadt, unter den Lastträgern
und Arbeitern, kann man es vernehmen, daß die
Soldaten Leute aus dem Volke sind, daß jeder sich
selbst zum Soldaten machen könne und viele Soldaten
ein Heer sind. Seit sie nicht mehr leibeigen sind
auf dem Lande, kommen sie mit erstaunenswerther
Schnelle zum Bewußtsein ihrer selbst.?
,Nicht nur im Volke,? sagte John, ,auch oben

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im Schlosse und in der Regierung kommen sie zur
Einsicht, daß die Unterthanen, die Einwohner des
Landes nicht nur da sind, um zur Schlachtbank ge-
führt zu werden und dann, nach oft genug schlechter
Führung, als Besiegte noch unter der Last der Kriegs-
kontributionen zu erliegen. Die Landstände, die wir
hier und in Lithauen immer gehabt, sollen zusammen-
berufen: werden.?
,Auch die Kommunalverfassung,' fiel Frank ihm
ein, ,von derschon in vorigen Winter die Rede gewesen,
soll' in diesen letzten Wochen ausgearbeitet, und die
Städteverfassung nochindiesemJahreverkündetwerden.?
,,Und was erwarten Sie denn in diesem Augen-
blicke von der Ausführung' dieser Maßregel oder
dieses Gesetzes?? fragte. Kollmann. ,Können die
Bürger der Städte, können die Landstände Gold-
gruben entdecken oder Schätze graben hier im Lande,
, mit denen wir die Herrschaft der Franzosen aus
unseren Grenzen bringen? Nicht ein Fünfschillinger
wird lns erlassen von der Kontribntion. Prinz
Wilhelm ist von Erfurt zurückgekehrt, ohne das Ge-
ringste in der Beziehung erreicht zu haben. Oben
weiß man sich keinen Rath. Da schiebt man die
Bürgerschaft, das Volk vor in der Zeit der Noth, da
sollen wir Rath schaffen! Da sollen wir verantwort-
lich gemacht werden für das Unausführbare, und der
Zorn über das Mißlingen und die Erbitterung des
verzagenden Pöbels soll' von der Regierung abgelenkt
werden auf die Stadtverwaltung.-Das ist klug! Man
kann's auch vorsichtig nennen!: Ein Zugeständniß ist
darin schwerlichzu erkennen, und Achtung vor der
Bedeutung des Volkes ebensowenig.?
Darner hatte sie alle sprechen lassen und ihnen
ruhig zugehört. ,Doch, doch, mein Freund! rief
er jett lebhaft aus. ,Es ist ein Bekenntniß, ein
Zugeständniß, und zwar ein unumwundenes. Die

==- Z8g =-

- -Regierung gesteht ihre Unzulänglichkeit ein, das ist
viel, denn das Fricht ihre unfehlbare Gewalt; und
in ihrer Noth wendet sie sich an die stärkere, an die i
stärkste Macht - an die Gesammtheit. Sie erkennt
die Macht des Einzelnen in der Gesammtheit an und
sehen Sie nach England hinüber. Es ist ein Unter--
schied gwischen dem Wahlspruch des Wappens, zwischen
dem suum ouigus und zwischen Vien st mon äroit.
Das' Eine gewährt, das Andere fordert!?
Der Eintritt der Frauen unterbrach die Unter-
- haltung. Justine wollte es sich nicht nehmen lassen.
ihren Lorenz an dem ersten Abende wieder selbst
einmal zur Ruhe zu bringen, er sollte sich auch dem
Großvater, dem Großonkel empfehlen. Die freund-
liche Störung machte die Männer achtsam darauf, daß
sie mehr Zeit verplaudert, als sie geglaubt.
Die Stunde war nahe, in welcher die Komptoirs
geschlossen wurden. Was noch an Briefen zu unter-
zeichnen war, mußte bald geschehen, wenn es noch
mit der Post fort sollte, die am nächsten Morgen ab-
ging; und man war allmälig zu dem Brauch ge-
kommen, alle einigermaßen wichtigen Briefe an zwei
aufeinanderfolgenden Posttagen zu wiederholen, da
man des Ankommens der Posten nie völlig sicher sein
konnte, weil dieselben unter irgend einem Vorwande
oftmals von den Franzosen angehalten und die Brief-
schaften von ihnen mit Beschlag belegt wurden, wobei
dann baare Geldsendungen durch die Hände der dabei
betheiligten Beamten in die Brüche gingen, ohne daß.
-eine Klage deshalb erfolgreich gewesen wäre. Noch
, im Hinuntergehen berichtete Kollmann, daß vor ein.
paar Wochen wieder ein solcher Fäll sich mit der Post
ereignet hätte, die von Königsberg nach Danzig be-
stimmt und dort nicht angekommen war.
Ende des zweiten Vandes.
Berliner Buchdruckerebktien»Geselschaft. (Sezerhnnen»Schule bes Leueaee,p