Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Band 03
Titel

Die Familie Darner
Roman in 3 Bänden
von
Fannyy Lewald.
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Alle Rechte vorbehalten.
r
Dritter Band.
eite Auflage.
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Ferlin 18s.
Verlag von Dtto Janke.

Kapitel 01

Ersies Kapitel!
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IFs ging stiller- her in Königsberg, obschon der
.F Hof von dem kleinen Landhause guf den Hufen,
in welchem die Königin mit ihren Kindern den
Sommer zugebracht hatte, bereits wieder in das
Schloß zurückgekehrt war. Von den Kurieren, die
von allen Enden kamen und nach allen Enden gingen,
merkte man nichts in der Stadt. Das Ende der
Schifffahrtszeit war auch vor der Thüre; von frem-
den Kaufleuten war nicht viel zu sehen, und was
man aus dem Schlosse erfuhr, war niederschlagend
und erhebend zugleich.
Ein Theil des Silberschatzes war eingeschmolzen
worden, um geprägt zu werden; der König hatte
jede Art von Luxus im königlichen Haushalt ver-
boten, selbst die Tafel auf das bescheidenste zu be-
dienen befohlen, und es ward über ein Gesetz berathen,
das die Krongüter verkäuflich machen sollte. Alle
treuen Diener der Herrschaften, wie die alte Ober-
hofmeisterin, die Jedermann in der Stadt pon An-
sehen kannte, und andere dem Hofe nakestehende
Beamte hatten, sofern ihre Mittel es ihnen erlaubten,
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gewisser Adelsvorrechte und seit der Drangsal, welche
allen gemein war, eine viel lebhaftere Annäherung
zwischen dem Adel, dem Militär und den Bürger-
lichen stattgefunden hatte, so daß sie es lernten, sich
als Gleiche zu empfinden, so begegneten sich Alle nun
auch in dem Gefühl, dem Beispiel des Hofes zu
folgen, und sich einzuschränken, so weit es möglich
war, um mit allen Kräften, der Noth des Staates und
der immer mehr verarmten niederen Stände ent-
sprechen zu können.
Darner, obschon durch die freisinnigen Maß-
nahmen der Regierung dem Könige und dem Lande
von Herzen zugewendet, dessen Bürger er geworden
war, und seinen Mitbürgern durch den Haß gegen
die entehrende, tyrannische Franzosen-Herrschaft ganz
und gar verbunden, theilte jene Ansicht nicht unbe-
dingt, sondern ging auch in diesem Falle wieder seinen
eigenen Weg, mit der bewußten Absicht, andere zur
Nachfolge auf demselben anzuregen.
Wo es irgend gefordert worden, hatte er für
das Allgemeine wie für den Einzelnen seine Mittel
nicht geschont. Selbst seine Gegner hatten seine groß-
artige Freigebigkeit anerkennen müssen; aber wie er
dieser keine Grenzen setzte, machte er auch in der
Führung seines Hauses und in seinen für dieselbe
nöthigen Ausgaben keine Einschränkung.
,Es genüügt nicht,? hörte man ihn sagen, ,daß
wir Verarmten mit Wohlthaten zu Hilfe kommen. Wir
müssen, soweit wir es irgend können, den Gewerbe-
treibenden, den Handwerkern, den gewohnten Erwerb
zukommen lassen. Wer sein Geld nicht umgehen läßt,
erhöht die fremde Noth und bahnt die eigene an,
während das für Arbeit bezahlte Geld in natürlichem
Kreislauf auch dem zu Gute kommt, der es ausge-
geben hatte.? So nahm er denn auch seine frühere

-- Z =-
Art der Geselligkeit grade in der Bedrängniß des
Augenblickes wieder auf.
Er hatte, seit man die Franzosen in der Stadt
gehabt, die Mittagbrode eingestellt, welche er bis
dahin einmal in der Woche zu geben pflegte, denn
wer mochte neben feindlicher Einquartierung sich und
seine Freunde der Möglichkeit aussetzen, durch ein
frei gesprochenes Wort sich in Gefahr zu bringen?
Jetzt, da man keine Fremden mehr in der Stadt
und in seinen Häusern hatte, da es galt, die beab-
sichtigte Verschmelzung der Stände zu bethätigen,
beschloß Darner, seine frühere. Gewohnheit wieder
aufzunehmen.
Als er eines Abends, nachdem er und der Sohn
lange im Komptoir gearbeitet hatten,. in Franks
Wohnung am Theetisch von seiner Absicht sprach,
sagte er: ,Wir müssen überhaupt zu rnserer alten,
ursprünglichen Hausordnung zurückkehren; denn je
mehr wir nach außen hin fortdauernd in unsicheren
Zuständen leben, um so fester muß man trachten,
sich in seinem Hause einzurichten; und das Provi-
sorium des einheitlichen Haushaltes, in welchem wir
gelebt, seit das plötzliche Ausscheiden der Göttling
uns dazu genöthigt, soll auch mit dem Ende dieses
Monats sein Ende erreichen.?
,Ich soll also nicht mehr die Freude haben, für
Sie zu sorgen, Sie täglich an unserem Tisch zu
sehen? fragte Justine, von der Anordnung über-
rascht.
,Ich halte mich überzeugt,'' entgegneke ihr
Darner, ,daß Du Dich dem Dienst, den ich damals
von Dir fordern mußte, gern unterzogen hast; denn
ich habe Dir für die Art zu danken, in welcher Du
ihn mir geleistet, ohne daß Deinem Manne, wie ich
denke, etwas dadurch entzogen worden ='
z

== ? ==
,Denken Sie nicht dabei an mich, Vater! Wenn
die bisherige Einrichtung Ihnen so lieb war, wie
uns ==?
E

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,Doch!r fiel ihm der Vater ein. ,Wer dauernd
zufrieden stellen will, muß die Bedürfnisse der Zukunft
im Auge haben und ihnen im Voraus die Möglich-
keit ihrer Befriedigung sichern. Jeder Familienvater
gründet sein Haus für sch, und als Justine Deine
Frag, ward, war Euer eigener Haushalt Euch bedingt.
Justkne sprach eben mit Recht davon, daß ich Jahr
und Tag an Eurem Tisch gegessen. Ich will wieder
den meinen für mich haben- Euch als Gäste bei
mir sehen. Lorenz wird heranwachsen und hoffentlich
nicht allein bleiben. Meine Autorität in Deinem Hause
und an Deinem Tische soll die Eure Euren Kindern
gegenüber nicht beschränken, und ich wünsche, daß Du
dieselbe aufrecht erhältst, wie ich die meine.
Justine sprang auf und fiel, dem Vater um den
Hals. ,Vater, sie hat uns nie gedrückt!r versicherte sie.
,Um so weniger darf es in der Zukunft dazu
kommen !' entgegnete Darner; aber sein scharfes Auge
meinte in ihrer Aufwallung und in dem Blick, mit
dem sie Frank, vielleicht ohne es zu wissen, gestreift,
die Zufriedenheit, wenn nicht die Freude zu finden,
welche sie über seine Anordnung empfand!
,Auch,? setzte Darner hinzu, ,muß ich doch an
Virginie denken und ihr eine Anerkennung verschaffen.
Sie hat sich gut gemacht während Deines Wochen-
bettes und gut gemacht als Hausfrau in Strandwiek.
Ich will's mit Dir allein versuchen, Tochter; ich denke,
es soll gehen, und die Arbeit soll Dir die Zeit ver-
treiben, damit sie Dir nicht lang wird, nun Deine
andere Hälfte sie nicht mehr mit Dir theilt.?
,Sie wissen nicht, was Sie mir damit gewähren,
Vater!' rief Virginie.

==- h =-
,,Ich weiß es und darum geschieht es !' ent-
gegnete er ihr. Dann hrach er, wie immer, plötzlich
, ab, wenn er seinen Willen ausgesprochen hatte, und
mit dem Sohn von andern Dingen redend, die
zwischen ihnen im Laufe des Tages zur Erörterung
gekommen waren, überließ er ustine und seine
Tochter dex Unterhaltung über die mancherlei jetzt
nothwendig werdenden Einrichtungen für, ihre beiden
Wirthschaften.
Als sich danach Virginie, nachdem man sich ge-
trennt, mit dem Vater noch in dessen Zimmer allein
befand, sagte sie: ,Eine Frage; häbe ich noch an
Sie zu richten, lieber Vater! Seit wit ohne Ma-
dame Göttling waren, sind alle Besuche von Männern,
die unserer Bekannten wie die der Fremden, bei Justine
angemeldet worden. Wie wollen Sie, daß es damit
gehalten werde??
,Das ist eine verständige Frage,'' entgegnete er
ihr, und sie sah an seinem Blicke, daß er mit ihr
zufrieden war, ,und eben weil Du sie gethan hast,
stehe ich nicht an, Dir auch in dieser Hinsicht das
Recht der Hausfrau einzuräumen; nur überlasse es
Justinen, wenn wir Gesellschaft haben, die Wirthin
zu machen an der Tafel, wie es ihr als der Aelteren
gebührt. Im Nebrigen hast Du volle Freiheit. Wärst
Du ein mittelloses junges Frauenzimmer, so würdest
Du suchen müssen, Dir als Erzieherin, als Sprach-
lehrerin, da Du vielsprachig bist, Dein Brod zu
erwerben, und man würde jüngere Personen Deiner
Obhut anvertrauen. Du hast das Glück, in Deines
Vaters Hause lebey, zu können, und Dein Vater' ver-
traut Dir hiermit seine Tochter, vertraut' Dich Dir
selber an. Du wirst sein Zutrauen zu ehren und zu
verdienen wissen!'?
,Gewiß, Vater!' sagte sie, den Kopf hoch in

F -
die Höhe hebend und ihm fest ins Auge sehend, so
daß sie ihm größer erschien als sonst; und er entließ
sie mit einem Händedruck, statt des Kusses, mit
welchem er seinen Töchtern gute Nacht zu wünschen
pflegte.
Einen Augenblick blieb sie an der Thüre stehen.
Wenn man Gäste einlud, wenn man es erst wußte,
daß sie wieder in Königsberg wären, konnte es nicht
fehlen, daß der Hauptmann in das Haus kam.
Mußce sie dem Vater sagen, was vor Monaten und
was an dem Tage vor ihrer Abreise zwischen ihnen
vorgefallen war?
Sie wußte nicht, wie ihr das gerade jettt in
den Sinn gekommen war, und sie schwankte. Aber
ihr Entschluß war schnell gefaßt. Der Vater hatte sie
durch seine neue Einrichtung an sich und sein Haus
gebunden, hatte sie auf sich selbst gewiesen. Sie
mußte selber wissen, was ihr zu thun oblag. Und
bei ihm zu bleiben, ihm, dem die Jugend so hart
gewesen, den ihre Mutter verlassen, ihm zu danken
und zu lohnen, das hatte ihre Liebe für ihn sich. ge-
wünscht; und dazu hatte Gott ihr das festere Herz
gegeben, dessen sie sich immer neben Dolores bewußt
gewesen war. Der Vater sollte sich nicht in ihr be-
trogen haben.
Es hatte sich bald in dem Kreise ihrer Bekannten
herumgesprochen, daß die Darners von ihrer Reise,
zurückgekommen wären, und Jtalien lag damals den
Bewohnern des Nordens noch so fern, daß jeder, der
durch Augenschein davon zu berichten wußte, an und
für sich ein Gegenstand der Neugier war. Nach
Jtalien, nach Venedig verheirathet war keine von den
Königsberger Kaufmannstöchtern odervon den Töchtern
der Beamten, mit welchen jene Kaufmannsfamilien
im Zusammenhange standen. Es konnte also nicht

=- ? --
fehlen, daß man zu hören wünschte, wie Dolores es
in ihrer neuen Heimat gefunden, daß man sich beeilte,
die Darners zu besuchen, und daß man es bei dem
Anlasse durch Justine erfuhr, wie das Hauswesen von
Vater und Sohn wieder gesondert : worden, und wie
Darner jett, gegen allen Brauch, ein achtzehnjähriges
Mädchen selbstständig und ohne alle weitere Aufsicht
an die Spitze seines Hauses gestellt, ihm, damit, und
das hoben die Frauen besonders hervor, für sein Theil
die häuslichen Rechte und Freiheiten einer Verhei-
ratheten zuerkannt habe.
-, Es fehlte nur noch,' bemerkte Mädame Arm-
field scherzend, als auch sie davon gehört, ,daß er
ein Schreiben herumschickte mit der Weisung, Made-
moiselle Darner fortan, wie den Töchtern von Frank-
reich, den Titel Madame zu geben.'? Der Scherz
hielt sie aber gar nicht ab, am Sonntgvormittag,
um die rechte eigentliche Besuchszeit erst zu Justine
zu gehen und dann auch für ein paar Augenblicke
Virginie aufzusuchen, um sich von ihr bestätigen zu
lassen, was sie von Justine über Venedig und über
all die Herrlichkeit erfahren hatte, von welcher Dolores
dort umgeben war. -
Als sie sich entfernte, begegnete ihr auf der
Treppe der von der Parade kommende Hauptmann.
,h, guten Morgen!' rief sie ihm entgegen,
,,also auch auf dem Wege, Madame Virginie die
Honneurs zu machen?
, ,Madame Virginie?? wiederholte der Haupt-
mann, seinen Ohren nicht trauend.
,D, Sie wissen es also nicht? Nun, ih will
nicht vorgreifen! Sie werden ja sehen. Fie nimmt
sich ganz vortrefflich in ihrer neuen Würde! Aber
ich bin eilig! Auf Wiedersehen, Herr Hauptmann!'?
rief sie und ging davon.

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=== F ==
Der Hauptmann war auch gar nicht darauf aus,
sie festzuhalten. Obschon er einsah, daß es nicht ernst
gemeint sei mit ihren Worten, mußte dem Scherze,
wie er glauhte, doch irgend etwas ihm Unbekanntes
zu Grunde liegen, und dadurch gespannt, war es
ihm angenehm, daß er Virginie allein antraf und
sie ihm bei seinem Eintritt entgegenkommend die
Hand hinreichte.
,Habe ich mich doch nicht geirrt! rief sie.
,Ich hatte fest darauf gerechnet, daß Sie heute
komnken würden!?
,Also Sie haben mein gedacht!' entgegnete er,
die Hand küssend, die sie ihm geboten; ,wenn Sie
wüßten, wie mich das erfreut!''
,Wenn Sie mir die Hand küssen, Herr Haupt-
mann, so gebe ich sie Ihnen nicht mehr! Und wes-
halb ich all die Zeit gewünscht habe, Sie zu sßrechen,
das werden Sie sich denken können. Aber nehmen
Sie Platz, hier. am Kamin. Der Wind steht auf
den Fenstern, man, fühlt ihn in dem ganzen Zimmer.?
Es lag etwas Herzliches und doch etwas Erkäl-
tendes in ihren Worten. Der Hauptmann empfand
das eine wie das andere. Die Andeutungen von
Madame Armfield lagen ihm auch noch im Sinne;
und da sein klarer Kopf sich unbehaglich fühlte, wo
er nicht auch klar vor sich sah, rückte er gradeaus mit
der Frage in das Feld: ,Mademoiselle Virginie, was
hat Madame Armfield damit sagen wollen, daß
man Sie Madame zu nennen habe und daß Sie sich
in Ihrer neuen Stellung gut zu behaupten wüßten.
Haben Sie sich verlobt? Werden Sie sich vielleicht
auch im Auslande verheirathen??
,Das sieht der grauen Fama ähnlich!'r lachte
Virginie mit dem freiesten Ausdruck ihres offenen
Gesichtes. ,Nun denn! Ja, ich bin verheirathet =

==- 9 =
,,Verheirathet??=- sprach er, ihr nach, und sie
sah, daß es ihn erschreckte. Es erschreckte auch sie,
da ihr Ohr das Wort von ihren Lippen vernahm;
sie überwand es jedoch im Augenblick und mit dem-
selben sichern Ton, der ihr schon in Strandwiek eigen
geworden war, setzte sie hinzu: ,Ich bin verbunden
mit meinsm Vater und mit diesem Hause und bin
Hausfrau in demselben, wie Sie daran sehen, daß
ich Sie bei mir empfange. Aber lassen wir den
Scherz und lassen Sie mich da anknüpfen, wo wir
aufgehört haben, als Sie am Wagen von uns Ab-
schieb nahmen: ich möchte nicht, daß Sie übel von
mir dächten!'?
,Wie könnte und wie dürfte ich das thun??
fragte er, immer niehr betroffen über ihre selbstge-
wisse Art.
,Sie hätten zu beidem ein Recht,? entgegnete
sie ihm, ,und der Gedanke daran hat mich nicht
verlassen in all dem Zerstreuenden und. Neberwältigen-
den, das an mich in diesen Ketzten Monaten heran-
gekommen ist. Sie wissen so gut wie ich, daß meine
Schwester Ihren Freund und daß er sie geliebt hat;
und ich wußte, daß jch ihm wehe that, als ich ihm
in Ihrem Beisein von dem Glück meiner Schwester
erzählte. Sie mußten mich Beide mindestens für
grausam halten - und ich war auch grausam und
war es mit Bewußtsein. Der Baron sollte leiden,
weil meine Schwester viel um ihn gelitten. Als ich
dann sah, wie es ihn getroffen, hat es mir nicht
Ruhe gelassen die ganze Zeit. Sagen Sie ihm das
und vergeben Sie es mir auch, damit ich zvieder
mit gutem Gewissen mit Ihnen verkehren kann,
Herr Hauptmann! Ich möchte Ihre Freundschaft
nicht verlieren, die Sie mir versprochen haben.?
Es war wieder das männliche Wesen, das sie

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= P0=-
ihm gegenüber schon einmal an den Tag gelegt, und
das sie ihm noch reizender und noch werther machte,
weil es mit ihrer Jugend und mit ihrer Schönheit
im Widerspruch erschien; aber er hatte sie zu nehmen,
wie sie sich ihm gab.
,Kennen Sie den Ausspruch,' fragte er: ,Die
beste Deckung ist der Hieb?
,Nein!r sagte sie und sah ihn fest an, aber sie
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erröthete über und über.
,Sie haben militärisches Genie, Mademoiselle
Virginie,? sprach er scherzend, ,Sie lieben es -
lassen Sie mich den Ausdruck gebrauchen - das
Prävenire zu spielen und durch Neberraschung zu
siegen. Sie haben mich einmal verhindert, die
Schranke zu überschreiten, hinter welcher Sie mir
gegenüber zu bleiben wünschten, oder für nothwendig
erachteten; und ich habe auf dem neutralen Boden
einen ehrlichen Friedensschluß mit Ihnen gemacht.
Heute =?
,Heute? Was habe ich heute gethan, das Sie
überraschen oder das Sie mir übelnehmen könnten??
fragte sie, ihn unterbrechend, weil jene Erinnerung
sie in Verlegenheit gesett.
,Heute hätten Sie mich durch Ihr Bekenntniß
bald daran gehindert, Ihnen zu sagen, daß ich jenen
kleinlichen Akt weiblicher Rache, den Sie gegen Baron
Stromberg, gegen einen edlen, an den Leiden Ihrer
Schwester tief betheiligten Mann ausgeführt, unter
Ihrer Würde gefunden habe.?
,Herr Hauptmann! rief sie und sie fühlte die
Thränen aufguellen, daß sie Mühe hatte, sie zurück-
zuhalten.
,Aber,? fuhr er fort, ohne ihren Ausruf zu
beachten, ,ich habe mir in demselben Augenblick ge-

T ==-
sagt: Wie unglücklich muß Dolores sein, wenn
Virginie sich so weit vergessen konnte, und ich habe
es Ihnen in meinem Herzen erst vexgeben, als Ihr
Abschiedswort mir sagte, daß Sie Ihr Unrecht ein-
gesehen.?
,,Herr Hauptmann!' hob sie wieder an. und
wieder ließ, ex sie nicht weiter sprechen. ,O,'? rief
er und schüttelte ihr die Hand, ,nun kein Wort mehr
- davon! Wir haben uns wie Freunde ausgesprochen
und sind und bleiben Freunde wie zuvor. Aber wie
geht es Madame Joannu? Wie findet sie! sich in ihr
Geschjck und in ihre neue Lage??
Virginie stutzte. Der Hauptmann hatte sie zu-
recht gewiesen, sich behauptet, aber sie gab sich nicht
verloren und sie wollte ihn nicht verlieren. Ihr
gutes Gewissen half ihr vorwärts.
,Ich danke Ihnen,' sagte sie, ,Sie haben mir
eine Lehre gegeben, die mir nicht verloren sein soll.
Helfen Sie mir weiter ehrlich fort auf meinem neuen
Wege. Alles will ja erlernt sein!-- Mit ein paar
Worten setzte sie ihn darauf von der neuen Ein-
richtung und der ihr dadurch zugefallenen Aufgabe in
Kenntniß und sagte dann: ,Und nun, Herr Haupt-
mann, ich bat Sie schon einmal darum, nun ver-
kehren Sie mit mir, als wäre ich nicht achtzehn
sondern achtundzwanzig Jahre und nicht ein Spiel-
zeug, mit dem man tändelt, sondern ein vernünftiger
Mensch. Geben Sie das Beispiel, so machen Ihnen
es die Anderen nach, und ich kann leisten, was mein
Vater von mir erwartet, und was ich leisten will!
Die Hand darauf, Herr Hauptmann!'?
,Die Hand darauf!r sprach er ihr nach. ,Sie
dürfen mir vertrauen wie sich selbst und wie Ihr
Vater Ihnen; denn Sie sind seines Blutes wie Ihr
Bruder.?

-
- A
g
- ß-
,Ea, gottlob ! rief sie. ,Aber vor Allem, wie
geht es dem Baron? Ist er in der Stadt? Was
treibt, was thut er??
,Was wir Alle thun: an jedem Tage das ihm
Gebotene, seine Amtspflichten. Im übrigen lebt er
wie wir Alle mit brennender Ungeduld dem Tag ent-
gegen, an dem es keine Schmach mehr sein wird, zu
leben. Wir reden nächstens mehr davon, denn zu
Ihnen darf man sprechen!' sagte er, während er sich
erhob.
,So sagen Sie mir's gleich.?
,Nein! Ich bin ohnehin länger geblieben, als
es Ihnen gegenüber recht ist!r entgegnete er ihr.
,,Sie dürfen, wenn Sie allein sind, Keinem von uns
einen so langen Besuch gestatten, Sie müssen uns
kurz abfertigen!-- Verzeihen Sie die Mahnung
Ihrem Freunde; und der Baron soll es erfahren,
in welchem Sinne Sie sein gedachten.?
Er ging von ihr, ohne ihr die Hand zu geben,
mit dem üblichen Gruß.
,Der ist gut und wahr! sagte Virginie laut
zu sich selber, und sie sehnte sich dabei wieder einmal
von Herzen nach der Schwester. Sie hätte ihn so
gerne gelobt.
Goooo===o
Bweites Kapitel!
Die Tage gingen hin und es war im Ende des
Oktober, als der Kaiser Alexgnder, von dem Kongreß
zurückkehrend, mit seinem Bruder in Königsberg ver-
weilte, den König von Preußen zu sehen und das
Königspaar zu einem Besuch nach Petersburg zu

Kapitel 02

=- 1Z=-
laden, der troz der späten Jahreszeit persprochen
wurde. Es hatte Paraden, Hoffeste gegeben, die
Monarchen hatten anscheinend in größter Freundschaft
mit einander verkehrt, indeß die Zeiten waren vor-
über, in denen man in der Stadt und in dem Lande
an solche Begegnungen der Herrscher Hoffnungen
knüpfte. Man wußte, sie waren alle wie Karten
in der eisernen Hand des Kaisers der Franzosen,
der sie als Freunde oder Feinde gegen einander aus-
spielte, wie es in dem gegebenen Augenblicke für
seine Zwecke paßte.
Der Kaiser von Rußland war abgereist, wie er
gekommen; aber einer der Offiziere seines' Gefolges,
General von Stromberg, hatte einen- Urlaub zu
längerem Verweilen in Preußen erbeten und erhalten.
Er hatte seinen Neffen nach langen Jahren einmal
wieder sehen wollen; und da er, nach diesem fragend,
erfahren, daß der Baron für ein paar Tage auf
das Land gegangen sei, hatte er sich rasch entschlossen,
ihn in seinem Schlosse zu besuchen.
Es war seit zwei Tagen Schnee gefallen, der
erste, lang ersehnte in diesem Herbste, denn es fror
schon stark in den Nächten, und der Landwirth hatte
für die Saaten zu fürchten. Dem General waren
von der Postdirektion Relaisscheine für seinen Schlitten
gegeben, und man läutete in Waldritten die Mittags-
glocke, als' in der tiefen Stille, durch die sie tönte,
sich plötzlich das Klingeln der Schellen vernehmbar
machte und die dampfenden Pferde mit dem leichten
, Gefährt durch das Heckthor des Hofes fuhren.
,Ein Schlitten! -- Die Russen! Ein Offizier
mit noch einem!-- Das sind die Pelzmützen von
den Grünen, vom vorigen Jahre, von den Infan-
teristen!- Das sind die Fouriere! Die Russen kommen -
wieder!-- so ging es von Mund zu Mund. Der

-'
-=- 1--
Schrecken fuhr durch das ganze Dorf und Alles eilte
nach dem Schlosse, sich Gewißheit zu verschaffen.
Der lange Karl, der im Schlosse aus und ein wußte,
war wie immer an der Spitze.
Auch im Schlosse rief der Schlitten den Amt-
mann an die Thüre und den Schloßherrn an das
Fenster; aber schon im nächsten Augenblicke war der
Baron an dem Schlitten, der General ausgestiegen,
und den schweren Pelz von den Schultern werfend,
den sein Diener auffing, schloß er den Baron in
seine Arme und küßte ihn auf gut russisch auf beide
Wangen.- Die Leute sahen es, nicten, die Mütze
ziehend, den Herrschaften zu und gingen beruhigt in
ihre Häuser und zu ihrem Essen zurück.
Eberhard führte den Onkel in sein Haus, ihn
mit lebhafter Freude in demselben begrüßeng.
,Ja, Herr Neffe und Herr Pathe!r sagte der
General, ,bilde Dir immer etwas darauf ein, daß
ich zu Dir gekommen bin, denn es hätte anders
sein sollen, von Rechts wegen. Ich habe mir aber
gesagt, wenn die Dynasten zusammenkommen, müssen
die Stammhalter und Majoratsherren wohl das
Gleiche thun; und so kommt denn der alte Garwinder
zu dem jungen Waldrittener Herrn, die Stammes-
freundschaft aufzufrischen. Und nun die Hand her,
Neffe, obschon's, wie ich gesagt, an Dir gewesen
wäre, zu mir nach Garwinden zu kommen, nachdem
Du hier in Dein Erbe eingezogen warstl?
Eberhard ergriff die fest gebotene, schwertgewohnte
Rechte. ,Ich würde sagen, Sie ehren mich hoch,
Herr Onkell'' entgegnete er dem General, ,wenn ich
Ihre Güte nicht noch dankbarer empfände als die
Ehre, die Sie mir erzeigen. Mir fehlten, als ich
hierher kam, nicht der Wunsch und der Wille, Sie in
Kurland aufzusuchen, um mich Ihnen nach so langer

f
-- TH -- -
Zeit einmal wieder vorzustellen; mir fehlte nur das
Geld. Ich hatte keinen Thaler auszugeben, der nicht
unerläßlich ausgegeben werden mußte.?
, Und jetzt?' fragte der General, dem der in-
zwischen herbeigerufene Diener die schweren Pelzstiefel
von den Füßen zog, während die Amtmannsfrau
selber für den ersten Imbiß eine Flasche Goldwasser
und Striezel auftrug. ,Und jetzt? wiederholte der
General, das Glas Branntwein hinunterschluckend,
das Eberhard ihm eingeschenkt.
,, Ich komme vorwärts im Dienste und auch auf
dem Gute,'' sagte er, und- fragte dann den General,
ob sr sich vielleicht für eine Weile zurüchuziehen
wünsche oder ob es ihm genehm sei, sich gleich jetzt
mit ihm zu Tisch zu seten.
,Laß uns zu Tisch gehen! Ich bin noch keiner
von denen, die des Ruhens bedürfen, und es spricht
sich gut beim Essen. Daß Du auf dem Gute vor-
wärts gekommen bist, habe ich bei meiner Fahrt durch
das Dorf gemerkt. Ich habe Waldritten gesehen
während Deiner Abwesenheit bei einemu Marsche durch
dasselbe, kurz, ehe wir das Land verließen. Es war
verdammt mitgenommen! Und auch hier bei Dir
sieht es wohnlich aus,' setzte er hinzu, als sie den
Ahnensaal durchschritten und in dem Nebenzimmer an
dem Eßtisch ihre Plätze eingenommen hatten.
Er erzählte darauf von seinen Erlebnissen in
Erfurt und am Hofe zu Königsberg, von seiner
Familie, von seiner Absicht, auch für den jüngeren
seiner Söhne, für den Johannes, einen Grundbesitz
zu erwerben und diesen ebenfalls zum Majcat zu
machen, um der Familie noch einen neuen festen
Halt zu geben. ,Denn Erhalten des Bestehenden,
Erhalten der alten Geschlechter, der alten Namen,'
sagte er, ,das ist es, was wir der fortdauernden

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-=- H -
Revolution, die von allen Seiten auf uns herein-
dringt, entgegenzusetzen haben. Und, daß ich Dir es
gleich beim Willkomm ehrlich sage, ich lobe es nicht,
daß hier noch keine Hausfrau schaltet, daß der künftige
Majoratsherr von Waldritten noch in diesem Hause
nicht geboren ist.?
Eberhard ließ das unbeachtet; und da der General
seiner Güter gedacht und sich als einen bewährten
Landwirth bezeichnet hatte, obschon er sein Garwinden
oft in Jahr und Tag nicht zu besuchen komme, so
erkundigte er sich denn auch nach des Neffen Wirth-
schaft. Eberhard gab ihm Auskunft, wie er konnte.
Er erwähnte dabei natürlich auch der kleinen Erb-
schaft, welche er von der Gräfin Elmenhorst gemacht,
und ebenso der veränderten Verhältnisse, welche sich
in Preußen durch die Aufhebung der Hörigkeit, wie
durch die Beseitigung der meisten Adelsvorrechte für
die Güter und die Landwirthschaft herausgestellt hätten;
und während er andeutete, daß auch er von seinem
Präsidenten in der Ausarbeitung dieser Gesetze be-
schäftigt worden sei, bezeichnete er zugleich die Namen
von zwei Familien des alten Adels, welche ihre Güter
eben in dieser letzten Woche an reiche Kaufleute ver-
kauft hätten, da den Bürgerlichen jezt die Erwerbung
adeliger Güter gestattet sei.
Des Generals buschige Brauen zogen sich finster
zusammen. ,Das ist's, das ist'slr stieß er zornig
hervor. ,Umsturz und Schacher überall, mit den
Thronen anzufangen! Der große Versucher hat sie
gekannt. Wie Luzifer ist er niedergefahren zwischen
ihnen, und jeder, jeder hat genommen, was er hat
erwischen können.?
Er blickte hinter sich, Eberhards Kutscher, der
bei Tische den Dienst versah, hatte das Zimmer
verlassen. -- ,Wir sind allein,? sagte der General,

=- P? =-
,zwei deutsche Edelleute aus altem Stamm, und
obschon ich Dich so lange nicht gesehen, obschon ich
Dich zum ersten Male als Mann vor Augen habe,
stehe ich nicht an, Dir's auszüsprechen, denn Strom-
berg'sches Blut kann sich nicht verleugnen: ,Es herrscht
kein Ehrgefühl mehr auf den Thronen, auf keinem,
keinem Throne!'
Er sprach die Worte mit schärfster Betonung
aus, so daß seinem Neffen über ihren Sinn kein
Zweifel bleiben konnte.- ,Schon in Tilsit,? fuhr
der General fort, ,war es nahe daran, daß es mit
dem alten deutschen Ordenslgnde, daß es ein Ende
hatte auch mit Preußen, ganz; und gar! Und ich
war froh, daß es erhalten wurde, daß es der Zar
war, unser Zar, der widerstand. Aber wozu hat
er's erhalten? Dazu, daß es sich jetzt mit sinnlosen,
revolutionären Gesetzen im Innern selbst zu Grunde
richtet!?
,,Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen wider-
spreche, Herr Onkel! Sie würden vielleicht über die
neue Gesetzgebung anders urtheilen, wenn Sie unsere,
Preußens Zustände, und die Wirkung der Gesetze
kennten, wie sie sich schon jetzt in den Befreiten kund
giebt. Ich aber habe Gelegenheit gehabt, beides
kennen zu lernen und =-
Der General fuhr auf. Er goß das Glas Wein,
das Eberhard ihm eben wieder gefüllt, mit hastigem
Zuge hinunter, stellte es klappend auf den Tisch
und sagte dann mit bitterem Lachen: ,Also auch
in Dir spukt dieser, sogenannte Zeitgeist? Du, ein
Nachkomme des ersten Eberhard von Strombseg, ein
StrombergWaldritten, billigst auch diese Revolution,
die ganz speziell gegen uns, gegen den alten, gefesteten
Grundbesit, gerichtet ist? Du arbeitest ihre Gesetze
aus und rühmst Dich dessen gegen Deinen Stamm-
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Lewald. Die Familie Darner. TT.

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- PZ -
genossen an Deinem eigenen Tische, auf dem Grund
und Boden, der glücklicherweise durch die Vorsicht
Deiner Ahnen gesichert ist vor allen revolutionären
Angriffen?
Eberhard hatte ihm mit wachsender Erregung
und innerem Kampfe zugehört. Die Achtung vor
dem älteren Manne, vor dem erprobten Krieger in
grauem Haare, vor dem Blutsverwandten, der ihm
zuvorgekommen war, vor dem Gaste, der sein Haus
beehrte, trat abmahnend, warnend dem Aussprechen
seiner abweichenden Ansichten entgegen; aber seine
Neberzeugung und die Wahrheit waren mächtiger in
ihm, als jede andere Rücksicht; und seinen Ton
mäßigend, um das Herbe zu mildern, das er dem
Oheim doch nicht verbergen wollte, sagte er: ,Ich
habe im Leben noch wenig gethan und habe mich
der geringen Handlangerdienste nicht zu rühmen,
zu denen man mich bei den neuen Gesetzesaus-
arbeitungen verwendet hat; aber ich bekenne Ihnen,
ich stehe mit vollster Neberzeugung auf dem Boden
unseres neuen Rechtes. Lassen Sie mich wenigstens,
verehrter Onkel, darin als einen echten Stromberg
gelten, daß ich den Muth meiner Meinung habe und
zu ihr stehe.?
Die ruhige Bestimmtheit, mit welcher Eberhard
sich aussprach, bannte des Greises leidenschaftliche
Heftigkeit. Wo er Achtung forderte und fand, hatte
er zu achten.
, Neberzeugung gegen Neberzeugung!'' sagte er,
,, und der Neberzeugung nach zu leben hat unser
Ahnherr uns gelehrt. Sieh zu, wohin Du, wohin
Ihr mit den Neuerungen kommen werdet!r? Dann
erhob er sein Glas und stieß noch einmal mit dem
Neffen an. ,Auf die Stromberge, in Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft!'?

= 19--
,Allezeit!'' entgegnete ihm der Schloßherr, und
beide erhoben sich vom Tische, gegen einander gut
gesinnt.
Es war noch zeitig am Nachmittage, als sie in
den Saal eintraten. Das lodernde Kaminfeuer hatte
ihn durchwärmt, aber de? Schnee fiel in dicken,
dichten Flocken von dem schwerwolkigen, grauen
Himmel nieder. Der Wind hatte ihn schon in den
beiden verwichenen Tagen gegen die Voöderseite des
Schlosses getrieben, die Fenster waren wieder einmal
ganz gefroren, und die einzige Messingkröne, welche
in dem Saale unzerstört geblieben war, weil die
einquartierten Offiziere dort ihre Mahlzeiten einge-
nommen: hatten, gab spärliches Licht, so daß man die
Bilder nur deutlicher sah, wenn die Flammen des
Kamins ihren streifenden Schein über: sie- warfen.
Der Kaffee war aufgetragen, Tabak und Pfeifen
standen für den Gast zur Wahl bereit.
,Erlaube, daß ich mich selbst versehe!r bat
der General, zog eine kurze Pfeife und einen türkischen
Tabaksbeutel aus der innerey Brusttasche seines Rockes,
stopfte die Pfeife, und den Tabak anbrennend, sagte
er, während er die ersten kleinen Wolken in die Luft
blies: ,Lagergewohnheiten!=- aber Du!?
Eberhard sagte, daß er kein Raucher sei.
,Grade wie mein Johannes, poetische Naturen!
Ihr spekulirt auf Frauendank!? === Er ging während
des Sprechens in dem großen Raum auf und nieder,
Eberhard ging neben ihm her:
,Wie man Kriege geführt hat ohne Pulvse und
Blei, das läßt sich denken,? scherzte der General,
,,das weiß unsereiner, der gelegentlich auch den Piken
und Streitkolben im Osten gegenüber gestanden -
aber eine Campagne ohne die Pfeife?? Er lachte,
blieb plötzlich stehen und sagte: ,lebrigens - wo
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- hast Du's her? Das ist kein Eivilistenschritt; so geht
ein exerzirter Mann!
,Der bin ich auch; und viele unserer Leute
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sind's wie ich!r
,Ah, so!-- Auch eine Neuerung! Scharnhorsts
System! Es war die Rede davon an der Offiziers-
tafel hier bei Euch am Hofe! - Und obschon
beide Stromberg, als sie die Tafel verlassen, die
Absicht gehabt hatten, sich von Gesprächen fern zu
halten, welche den Gegensatz zwischen ihnen aber-
mals herausstellen konnten, befanden sie sich gleich
wieder, wie es in diesen Zeitläufen kaum anders
möglich war, mitten in der Politik, mitten in den
Fragen, welche vorher zwischen ihnen zur Erörterung
T?----

,,Pariren denn die Leute hier noch bei Euch auf
,Von Pariren ist die Rede doch nur noch für
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diejenigen von ihnen, welche in unseren Häusern
dienen. Die anderen kommen auf Taglohn und sind
zufrieden, wenn sie lohnende Arbeit finden, da wir
sie nicht mehr zu ernähren haben. Finden sie sie
nicht bei uns, so gehen sie anderwärts auf Arbeit.
Ich selber habe damit für sie den Anfang gemacht,
und einmal zehn Mann auf das benachbarte Gut
von Lorenz Darner nach Strandwiek verdungen.?
,Würde mir nicht passen. Meinem Aeltesten
ebensowenig; dem Johannes, der auch von Menschen-
rechten und derlei Utopien spricht, schon eher. Aber
wie geht's den Darners? Wie geht's den Koll-
manns? Was macht die schöne Justine, die ich
geholfen habe in aller Kürze unter die Haube zu
bringen??
Eberhard berichtete von den einen und von
den anderen. Der General sagte, er kenne den

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alten Joannu in Petersburg und versprach, die
beiden ihm in Königsberg befreundeten Familien
aufzusuchen. Er rühmte dabei die. Schönheit ihrer
Frauen.
,Der junge Darner hat klug gethan, rasch zuzu-
greifen,' sagte er, ,denn Justine war eine glänzende
Person; und zuzugreifen ist, ich wiederhole Dir's,
auch Deine Pflicht. Ihr steht hier auf zwei Augen,
allein auf Dir!?
, Johannes ist ja da, wenn ich sie schließe!'
entgegnete ihm Eberhard.
,Was soll der schlechte Scherz!'' tabelte der
Genekal. ,Du müßtest kein Edelmann sein, wenn
Du nicht das Verlangen trügest, Dein Geschlecht,
Deinen Namen fortzupflanzen und ihn - Deinem
Besitz, wie Deinen Besitz Deinen eigenen Nachkommen
zu erhalten; und ein Mann wie Du hat ja nur
zu wählen unter den Töchtern des Landes.-
Jeder der Stromberge ruft Dir das zu, der hier
von den Wänden auf uns niedersieht. Mach, daß
Du auf die Freite gehst. Es ist jetzt Friede bei
Euch im Lande, und einem Freier wie Du thut jedes
Haus sich auf.?
Das Wort traf Eberhard wie der Stahl den
Stein, und wie der rasch entzündete Funken flog der
Ausruf über seine Lippen: ,Nur daß ich kein
Freier binlr
, Kein Freier? Was soll das heißen? Du kein
Freier??
,Nein, kein Freier! Jeder der Leute hier ist
ja jettt freier als der Schloßherr! Der Besiz der
mir vererbt ist von meinen Ahnen, ist nicht mein,
ist kein freier Besitz. Er ist mir übertragen, ihn
für andere zu verwalten, die nach mir kommen und
die auf ihm unfrei sein werden so wie ich; und diese

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=-- W =
anderen, die ich dem Geschlechte zu liefern habe, darf
ich nicht einmal erzeugen mit dem Weibe meiner
Wahl. Ich habe das Weib zu suchen innerhalb
einer bestimmten Kaste, auch wenn mein Herz sich
anderweit gewendet. Damit ist man kein freier
Mann!'
,Was muß ich hören?? rief der General. ,Das
sagst Du mir, Du? =- Hier unter dem Bilde unseres
gemeinsamen Ahnherrn, auf dessen Brust noch das
Kreuz der Deutschherren leuchtet??
,, Hätte er das Kreuz seines Ordens und das
Herkommen seines Ordens höher geachtet als seine
Freiheit,? fiel Eberhard ihm ein, ,so wäre er nicht
dem Markgrafen gefolgt, als dieser gebrochen mit
dem Orden und mit dem Papstthum, seiner Neber-
zeugung nachzukommen; so lebten nicht Sie:- nicht
ich!-- Und hier, hier an dieser Stelle; General!
unter dem Bilde Eberhards von Stromberg, habe
ich mit mir überlegt, mit mir gekämpft, ob es nicht
an mir sei, mich frei zu machen von dem Majorate.r
,Eberhard,? rief der General noch einmal, ,was
soll das heißen?? Und doch war etwas in dem
Neffen, dem er nicht entgegenzutreten, dem er nicht
zu widerstehen vermochte.
Der Anruf brachte Eberhard zu seiner früheren
Mäßigung zurück. ,Ich bin kein Phantast,? sagte
er, ,so wenig unser Ahnherr es gewesen ist; aber
ich bin ein Kind meiner Zeit, wie er's der seinen
war. Das Gute wie das Neble der Majorate habe
ich neben den Vortheilen, welche sie dem Erstgeborenen
und der Erhaltung des Stammes gewähren, empfunden,
seit ich zu eigenem Denken gekommen bin. Zum Glück
hatte ich keinen Bruder, keine Schwestern neben mir,
die mir's beneiden konnten, daß ich zuerst geboren
worden. Ich habe es stets verstanden, wie grade


.
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mancher Edelmann dahin gedrängt ward, die Freiheit
zu suchen, wie Lafayette über den Ozean getrieben,
wie Mirabeau in die Reihen des Volkes geführt
worden ist. Meine Reisen in England, in Irland
haben nicht dazu beigetragen, jene Peberzeugung
in mir wanken zu machen. Persönliche Verhältnisse
sind dazu gekommen, mich in ihr zu bestärken; und
unsere neue Gesetzgebung, welche die Gleichheit der
Stände ausspricht, macht Majorate wie das meine,
die dem Besitzer gebieten, bei der Wahl seiner Frau
nicht auf sie, sondern auf ihre sechzehn Ahnen zu
sehen, in meinen Augen zu einer Widersinnigkeit -
der mich zu unterwerfen mich empört =?
,Du liebst eine. Bürgerliche und willst sie
heirathen!'' sagte der General.
,Nein! Ich denke für mich jetzt nicht daran;
aber so lieb dies Schloß, so werth mir unsre Er-
innerungen, so heilig mir unser Name ist- an dem
Majorate habe ich keine Freude.?
,Und doch ist es, wie Du mir selbst gesagt,
Dein einziger Besitz, und Du hast das neu ererbte
Vermögen hineingesteckt, dem Gute aufzuhelfen,?
wendete der General ihm ein.
Er hatte seine Pfeife lange schon ausgehen
lassen und sich auf einen der alten Stühle gesezt,
die am Kamine standen. Die Beine weit vor sich
hingestreckt,i die Arme über der Brust verschränkt,
das feste, wetterdurchfurchte Antlitz von dem Flacker-
schein des Feuers beleuchtet, blickte er dem Neffen,
der ihm gegenüber saß, prüfend und mit tieem Ernst
ins Auge.
,Und Du bringst es nicht in Anschlag,' sagte
er, da Jener schwieg, ,Du bringst es nicht in An-
schlag, daß das Majorat an sich Dir eine Stellung
giebt?

= Zg -
,,Ich hoffe und trachte darnach, mir eine solche
durch mich selber zu verdienen.?
Der General: schüttelte verwundert das Haupt.
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,Du könntest -es ertragen, einen andern an Deinem
Platze, einen andern im Besitz Deines Schlosses zu
sehen??
,Mit voller Seelenruhe! und um so leichter,
da es ja immer nur ein Stromberg sein könnte, da
Sie oder einer meiner Vettern hier residiren würden!n
setzte er hinzu.
,h, da habe ich Dich! rief der General;
,,da tritt der Sinn in Dir hervor, an dem ich irre
zu werden begann. Du schlägst nicht aus der Art!
Wie könntest Du auch wollen, daß Deine Kinder
nicht geboren würden unter diesem Dache, nicht auf-
wüchsen unter den Augen und in der Erinnerung an
ihre Ahnen--'
,Täuschen Sie sich nicht in mir, mein Onkel,
denn ich will Sie nicht täuschen. Wer weiß, wann
das Leben uns wieder einmal zusammenführt! Ich
möchte nicht, daß Sie besser, oder daß Sie schlechter
von mir dächten, als ich es verdiene nach Ihrem
Sinne.? =- Er schwieg eine kleine Weile, dann
sagte er: ,Ich lege großen Werth darauf, einen
Ahnherrn gehabt zu haben, der zu den Freien gehört
in seiner Zeit! Aber weil wir Freie gewesen sind
seit vielen Jahrhunderten, weil der Komthur von
Balga, unser Ahn, wie ein Freier selbstwillig ge-
handelt hat in seiner Zeit, so drängt mich mein
Verlangen, ihm gleich zu sein nach den Anschauungen
meiner Zeit. Es widerstrebt mir, gebunden, gehindert,
unfrei in meinem Handeln zu sein durch den Willen
eines Mannes, der wahrscheinlich ein anderer gewesen
sein würde, hätte er im sechzehnten Jahrhundert die-
Entwicklung voraussehen können, welche die Mensch-

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= B--
heit in dem achtzehnten und neunzehnten genommen
hat. Ich bin manchmal herumgegangen in diesem
Saale mit dem Gedanken, daß ich mich glücklicher
fühlen würde, könnte ich fortgehen, allein mit meinem
Namen und den edlen Erinnerungen unseres Hauses,
frei und auf mich selbst gestellt, statt mit Jahren
voll Arbeit und voll. Opfern einen Besitz ertragfähig
zu machen, der als letztes und höchstes Opfer von
mir die Beschränkung meines freien Willens fordert.
Ich liebe und ehre dieses Haus- aber das Majorat
verleidet mir seinen Besitz.?
Es entstand eine lange Pause. Der General
erhobn sich, Eberhard folgte seinem Beispiel.
,,Es giebt Gedanken,' sagte der General mit
warnendem Tone, ,die man sich nicht eingestehen,

, Worte, die man nicht aussprechen soll, denn das
gesprochene Wort hat eine weitreichende und zeugende
Kraft. Ich will vergessen, was ich von Dir gehört,
vergiß auch Du es!
,,Ich schäme mich des Gedankens nicht, mein
Onkel, und nehme keines der Worte zurück, die ich
gesprochen. Ich habe hier meine Schuldigkeit gethan,
und werde sie weiter thun.. Das ist Mllea !?
,Und wenn Dein Wort gewirkt hätte in mir,
wenn der Versucher an Dich heranträte??
Ein tiefer Ernst lagerte sich auf Eberhards
Stirne, aber er sah ruhig zu dem Onkel hinüber,
dessen dunkles Auge bannend auf ihm ruhte.
,,Was wollen Sie mich verstehen machen?
fragte er.
Und wieder hielt der General inne wie üiner,
der vor einem großen Entschlusse mit sich selbst zu
Rathe geht. -= ,Ich habe Dich gefragt,. hob er
darnach an, ,wie würde es Dir sein, wenn die
Versuchung heranträte an Dich! Aber Du trittst

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===- Zs --
als der Versucher an mich heran. Du hast es von
mir gehört, Johannes ist verlobt mit einer Riefen-
hausen, mit einem Mädchen von altem, vollbürtigem
Geschlecht. Du- hast ebenso von mir vernommen,
daß ich ein Gut für ihn zu kaufen, es zum Majorat
zu machen denke =-r
,Ich bitte, mein Onkel, vollenden Sie!r mahnte
Eberhard, als Jener zögerte.
,Nun denn,? rief der General, ,wenn Du frei
sein- willst von dem Zusammenhang mit unseres
Ahnherrn Willen-- ich fordere keine Antwort von
Dir jettt in dieser Stunde -- aber die Möglichkeit
dafür, ist da! - Ziehe Dein neu ererbtes und das
Dir ebenfalls persönlich vererbte Vermögen Deiner
Mutter aus dem Gute zurück. Ich zahle sie Dir
beide aus;, und tritt Waldritten an Johagnes ab.
Dann bist Du frei und das Majorat kömmt in
gute Hand. Friedrike Riefenhausen ist eine reiche
Erbin, Johannes ein Edelmann im höchsten Sinne
des Wortes, Dir in Gesinnung ähnlicher als ich.
Er kann für das Gut alles Nothwendige thun. Ihm
wird. es auch nicht widerstreben, freie Leute um sich
zu häben und unter Euren Gesetzen zu leben. --
Neberlege es! Ich habe nichts gesagt, wenn Du
es nicht gehört zu haben wünschest, aber überlege
es Dir!?
Der Gedanke war Eberhard nicht neu. Er hatte
in seiner Leidenschaft für Dolores an einen solchen
Ausweg selbst gedacht, ohne die Möglichkeit! zu sehen,
wie er ihn einschlagen könne; nun ein Anderer, der
Nächstberechtigte, ihn auf denselben hinwies, blicte
er auf ihn wie auf etwas ihm Neues, wie auf ein
ihm fremdes und doch verlockendes, ersehntes Ziel.
Seine Gedanken wirrten sich durcheinander. Die festen
Mauern befingen ihn und schienen ihm doch zu

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wanken, der Wind, der gegen die Fenster anschlug,
der Eulenschrei, der sich eben vernehmen ließ und
den er an jedem Abende zu vernehmen gewohnt
war, wenn das Feuer vom Kamin die Fenster er-
hellte- es sprach Alles zu ihm. Schattenhaft
stiegen Erinnerungen um Erinnerungen in ihm auf,
wie die Nebel aus dem Thale um den Wanderer
sich zusammenziehen auf der Höhe. Alte Neber-
lieferungen, neues Erleiden, seiner Eltern geheiligte
und geliebte Gestalten, das Bild der heiß begehrten
Geliebten- Alles, Alles sah er mit einem Male
vor sich; und das Elend, das er hier angetroffen
unter den Leuten, das Wenige, das er mit dem
Aufgebote seiner ganzen Kraft und Mittel zu dessen
Linderung gethan, der Knabe der Braun'schen, der
ihm entgegenlief, wo immer er den Herrn erblickte,
sein alter Amtmann, es stürmte Alles, Jedes, sein
Recht fordernd, auf ihn ein.
Gestellt zwischen die Vergangenheit seines Hauses
und die Zukunft des Landes und des Volkes, zwischen
die Weltanschauung seiner Vorfahren und seine aus
dem eigenen Leben gewonnenen Ansichten, richtete
sich sein Blick fest auf das ideale Ziel, welchem
die Augen der Besten unter seinen Zeitgenossen
zugewendet waren, und was er gedacht, war er zu
thun bereit.
,Mißdeuten Sie mein Schweigen nicht!r höb er
an, aber der General ließ ihn nicht weiter sprechen.
,Im Gegentheil,? sagte er, ,wir wollen. Beide
von der Sache schweigen. Das ist geboten flr Dich
wie mich. Ich würde gering von Dir und schlecht
denken von mir, Tönntest Du eine Entscheidung wie
die geforderte ohne reifliches Erwägen treffen. Und
man soll von mir nicht sagen, ich hätte einen unseres
Hauses fortgedrängt von seinem ihm angeborenen

szee» vee ?!


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Besitz. -- Laß Deinen Amtmann kommen. Wir
taugen im Augenblick zu zweien nicht für einander.?
,Er kennt Waldritten seit mehr als dreißig
Jahren,' sagte Eberhard, ,und er hängt daran, als
wäre es sein eigen.?
,Das ist gut!' entgegnete der General, ,für
jetzt kommt es aber darauf an, ob er zu einer
Partie zu brauchen ist- lHombre oder Whist zu
Dreien, gleichviel, und ob man bei Dir einen
Punsch zu brauen versteht.-- Morgen sehen wir
uns hier um, wenn's Dir gefällt. Du begleitest
mich dann, ebenfalls wenn's Dir gefällt, nach der
Stadt, und ehe ich Königsberg verlasse, giebst Du
mir Antwort. - Für Johannes steh' ich ein.?
MWö
Drittes Kapitel
Sie ritten am Morgen durch das Gut. Eherhard
betraf sich einmal auf dem Gedanken, mit solcher
Empfindung müsse man von der Erde, vom Leben
scheiden im festen Glauben an eine andere, bessere
Welt. -- Der General that die Fragen eines um-
sichtigen, praktischen Wirthes und Geschäftsmannes;
der Amitmann, welcher sie begleitete, rühmte die
Aufopferung, mit welcher der Herr Baron hier ein-
geschritten sei und Rath geschafft habe. Er sagte, die
Leute wären zwar keine Leibeigenen mehr, aber Fie
wären dem Herrn eigen mehr wie je! -
Die Leute! =- Sie lagen Eberhard schwer auf
dem Herzen. Jeder, der an ihm vorüber kam, jede
Frau und jedes Kind grüßte ihn, wartend auf das

Kapitel 03

1
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Wort von seinem Munde, dessen er, sie nie entbehren
ließ, und er sprach es auch heute. Aber es that
ihm wehe - und doch stand er fest in seinem Ent-
schlusse.
Er hatte wenig geschlafen in der Nacht, doch die
Stunden waren ihm nicht verloren gewesen. Er
hatte Alles erwogen, berechnet, durchdacht; sein Kopf

war frei, sein Wille klar, wie der Weg, den er stch
zurecht gelegt; und die Wehmuth, die ihn beschlich
bei dem einen Anlaß oder bei einem andern, die
hatte er zu besiegen. Er war fertig geworden mit
einem größern Schmerz.
Am Abend war man in der Stadt. Der General
war in einem Gasthof abgestiegen, Eberhard in seine
Wohnng gegangen. Er hatte versprochen, den Onkel. -
holen zu kommen, der noch zu Kollmann, zu seinem
ehemaligen Quartiergeber, fahren wollte.
Es war, die Zit des Nachtessens, als sie das

Haus Kollmanns erreichten. Der General ließ sich
- melden.
,,Tausendmal willkommen!' hörten die beiden
Stromberg ihnen von der oberen Flur entgegenschallen,
während sie die Treppe hinaufstiegen.
,,Einquartierung !'' scherzte der General und die
beiden älteren Männer schüttelten sich mit Freuden

die Hände. Aber ein Blick auf den Lehnsessel, von
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dem aus sonst die Hausfrau am Theetisch geschaltet,
machte die Lücke fühlbar, die hier der Tod gerissen.
Es zuckte durch Kollmanns Gesicht; der General legte
ihm die schwere Hand auf die Schulter. --
,Es ist überall wie in der Schlacht, verehrter
Freund! Es hilft nichts, sich das Herz wöch zu
machen. -- Schließt Euch, heißt es, und- vorwärts!
Der Sohn ist ja da! Madame Gdttling,' er küßte
ihr galant die Hand, ,ist zu meiner Peberraschung

=- Z0 --
ebenfalls hier, und wir, mein Freund, sind ja auch
zur Stelle.r
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- ,Aber ohne Dienerschaft und ohne Bagage!''
siel John ihm ein, und der Vater, der inzwischen
seiner Rührung Meister geworden war, wiederholte
die Bemerkung.
Der General sagte, daß er im Gasthofe Quartier
genommen, Kollmann wollte davon nichts hören.
,Sie werden mir doch nicht den Glauben auf-
drängen wollen, daß Sie nur auf Befehl und aus
Noth bei mir fürlieb genommen!'' sagte er, und als
er dann vollends erfuhr, daß der General noch
mehrere Tage in Königsberg zu verweilen denke,
- nahm er dessen Aufenthalt in seinem Hause als ein
Ehrenrecht für dasselbe wie für sich in Anspruch,
und man kam überein, daß er am nächsten, Morgen
die Zimmer wieder beziehen sollte, die er früher inne
gehabt hatte. Zugleich ward Eberhard ersucht, das
Kollmann'sche Haus, so lange es der General beehre,
als dessen Haus zu betrachten und in demselben ein
und aus zu gehen nach seinem Belieben.
Ohne daß er viel zu fragen nöthig hatte, erfuhr
der General während des Tischgespräches, was er
über seine Freundin Justine, über die kluge Ge-
wandtheit des Generalkonsuls, dem er zu so frühem
Ehrenamte die Wege gebahnt, über Darners ganzes
Haus nur zu wissen wünschen konnte; und daneben
ließen einzelne Mittheilungen und Bemerkungen, die
man Eberhard machte, ihn erkennen, daß dieser -
weniger mit den Darners im Verkehre stehen mußte,
als er es vorausgesetzt hatte.
-- Als sie, verloct von dem Sternenlicht des klar
gewdrdenen Himmels, den Rückwweg nach der obern
Stadt gemeinsam zu Fuße zurücklegten und der Arm
? ? o=wowGapaa.

-=- S =-
des Generals in dem seines Neffen ruhte, sagte er:
,Du hast mir reinen Wein eingeschenkt über Dich,
Deine Ansichten, Dein Vorhaben; Dein Vater könnte
Dir nicht mehr guten Willen entgegenhringen als
ich, Deine abweichenden Ansichten nicht mehr respek- -
tiren als ich. Eines steht noch zurück! Es - ist
etwas in Deiner letzten Vergangenheit, das Dich
bestimmt hat, mit ihr zu brechen, und es müßte mich
Alles täuschen oder es hängt mit der Darner'schen
Familie zusammen. Was ist vorgegangen zwischen
ihr und Dir??
Eberhard hatte keinen Grund, der bestimmt ge-
stellten Frage auszuweichen. ,Ich habe, mich von
den mir werthen Menschen zurückgezogen, weil ich
ß
rrr
- und Darners Vorurtheile gegen den bevorzugten Adel
standen mir im Wege; indeß Frank Darner ist mein
nächster Freund, und ich hoffe, ich habe seines Vaters
Achtung für mich.?
,Das ist also der Grund, der Dir das Majorat
verleidet hat!' rief der General, seinem Vorsatz un-
treu, nach welchem von der Angelegenheit zunächst
nicht die Rede sein sollte. Aber Eberhard war das
willkommen.
,Ja und nein!'' sagte er, ,nehmen Sie es, wie
- Sie wollen. Die eigene herbe Erfahrung hat eine
lang gehegte Erkenntniß in mir befestigt. Ich habe
mir oft die Worte wiederholt, die Goethe in seinem
- neuen,, wunderbaren Werke ausgesprochen hat:
- z==ssa nk?
,ernunft wird Unftnn, Wohsthgt Pags-g
EEFkateae
Weh dir, daß du ein Enkel bist!.
n;


= ZF -
,Ich habe Goethe gesehen zu Erfurt im Theater
und bei den Hoffesten in Weimar,' unterbrach ihn
der General - ,Du sprichst vom Faust' !?
,Ja,' erwiderte der Baron, ,vom Faust; und
ich hoffe, wenn es mir möglich würde, mich zu be-
weiben, wenn ich Kinder hätte, sie sollen den Aus-
ruf nie zu thun haben: ,seh dir, daß du ein
Enkel bist! Sie sollen nicht gebunden sein an die
Erkenntniß meiner Zeit, sondern frei sein, zu schalten
und zu walten in der ihren.
Es war ihm lieb, daß die Nacht sie umgab,
daß der General die heiße Röthe nicht sah, die er
aufsteigen fühlte in seine Wangen und seine Stirne
überfliegen.
,Und nun,? sprach er, ,da wir bei der Sache
sind, die Ihnen und mir in verschiedener Weise am
Herzen liegt und die uns nicht zur Ruhe kommen
lassen wird, ehe sie entschieden, lassen Sie uns zu
diesem Punkte kommen. Ich trete von dem Majorat
zurück, trete es an Sie und Ihre Erben ab, das
steht fest bei mir.?
,, Und was denkst Du zu thun?? fragte der
General und blieb mitten auf dem Platze vor dem
Gasthof stehen, den sie während dessen erreicht-
,Ich habe Alles überlegt. Ich stamme vom
Lande,' sagte er, ,ich will wieder eigenen Grund
und Boden haben, die Scholle bauen und wissen,
wohin ich gehöre. Wenn Sie mir das Erbe der
Comtesse Elmenreich und mein Muttererbe auszahlen,
kann ich unter den jezigen Zeitverhältnissen hier
oder in Lithauen einen bescheidenen Landsitz erwerben,
da wir, was ich für mich wünsche, in Lithauen schon
lange eine landständische Verfassung haben. Einen
solchen Besitz kann ich bewirthschaften lassen und im
Staatsdienst, in der Regierung, meine Laufbahn fort-

=- ZZ =
setzen. Ich diene dem Staate gern, man hält mich
auch für brauchbar und macht mir gute Aussichten.
Um mich, mein Onkel, sorgen Sie sich nicht! Ich
finde meinen Weg.?
Einen Moment zögerte der General, dann reichte
er Eberhard die Hand.
,Sei's denn! Du weißt, was Du willst, und
bist ein ganzer Mann. Aber mein Johannes soll. Dir
und uns keine Unehre machen an demn Platze, den
Du um Deiner Neberzeugung- willen aufgiebst nach
des Ahnherrn Beispiel!=- Wir wollen sehen, die
Sache hier zu ordnen, so weit es eben! möglichh ist.
Die Darners und Kollmann werden uns nöthig dabei
sein, Frank als Generalkonsul vdran.? ,
Sie standen an des Gasthofs Schwelle. ,Wenn
Du Wünsche hast, besondere für Dich, wenn Du zu-
lässige Reservate zu machen denkst, so theile sie mir
mit.?
,Sie werden unschwer zu exfüllen' sein. Die
Gräber meiner Eltern zu pflegen, werde ich Johannes
nicht erst ans Herz zu legen brauchen. Daß er
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meinen Amtmann, unsern treuen Diener, nach dessen
Wunsch im Dienste behält, ihn, wenn er dienst-
unfähig wird, ebenso wie seine Frau, nach meiner
Maßgabe mit mir versorgt, versteht sich von selbst;
und ebenso, daß ich die Bilder meiner; Eltern mit
mir nehme, daß ich mir ein paar andere aüs der
Reihe des Geschlechts kopiren lassen darf. Das ist
Allest?
,Und Alles zugestanden, mein Sohn und
Freund !r rief der General.
So schiegen sie. Alle Beiöe mit sich uiäh bem
Andern zufrieben., -
Während dessen saß Kollmann mit seinen beiden
Hausgenossen noch behaglich beisammen.

Lewald. Die Familie Darner. Ul. .
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=- Zg =
Heute sind einmal zwei unserer guten alten
Sprichworte recht erfreulich an uns zur Wahrheit
geworden,' sagte Madame Göttling. ,Unverhofft
kommt oft! und: Je später am Abend, je schöner
die Gäste! =- Wie vortrefflich er aussieht, der General;
Und pelch schöner Mann der Assessor ist! =- Es ist
doch etwas um die alten adeligen Geschlechter.
,Adelige Geschlechter!r rief John. Redensarten!
Ich habe, weiß Gott, nichts gegen den Adel, denn
er hat mich mein Leben lang in Nichts gehindert
und ich habe ihm Nichts geneidet, denn es war uns
hier, an Vaters und Mutters Seite, wohl in unserer
Haut. Aber sehen Sie sich Lorenz Darner, sehen
Sie sich den Frank an; würde denen ein Freiherrn-
oder ein Grafentitel nicht auf den Leib passen wie
der Rock, der für sie gemacht ist?=- Das Leben in
frischer Luft, die Möglichkeit, von früh auf die
Beine über ein Pferd zu werfen, sich in Wind und
Wetter, in Regen und Sonnenschein frei auszuleben,
frei die Welt und die Menschen kennen zu lernen
und sich selbst zu vertrauen - das ist's, womit der
Mensch sich hebt. Und Lorenz Darner hat vorge-
sorgt! Seine Enkel. sind geborene Grundbesitzer,
sind Landleute. Sie finden auf dem Lande, was er
für sich auf dem Wasser gefunden, Freiheit, sich aus-
zuleben. In der Enge der Städte, in der Dunkel--
heit der Komptoirs verphilistert sich der Mensch und
die beste Rasse.?
Es kam nicht oft, daß John sich in des Vaters
Beisein so entschieden aussprach, allein Kollmann ließ
diesmal den Ausfall ohne Widerrede gelten, weil er
ihn als gegen die Neberschäzung der adeligen Ge-
schlechter gerichtet betrachtete. Er bemerkte nur, John
sei wieder einmal in die Darner-Bewunderung gee
rathen, und dies Vergnügen könne man ihm lassen.

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==- ZJ = -
,Ich glaube übrigens, sagte John,,Sie müssen
auch in die Bahn der Vergnüügungen einlenken, Vater,
und die Anwesenheit des Generals giebt dazu den
bequemsten Anlaß.?
,Sie meinen,' kam die Göttling ihm zu Hilfe,
, Herr Kollmann sollte endlich wieder einmal eine
Gesellschaft, ein Mittagbrot geben, dem General zu
Ehren=-
, Und die Darners einladen!r fiel Kollmann ein.
Weder der Sohn noch Madgme Göttling gaben
ihm darauf Antwdrt; sie hielten es für gerathener,
daß er sich entschied.
,Da wir dort gewesen. sind, und da wir vor
ihrer Abreise bei ihnen das Frühslück eingenommen,'
sagte er zögernd, ,gehört sich's wohl! - Und der
General war ja ein Anbeter von Justine, und sie
werden ihn natürlich fetiren in den beiden Häusern.r
,Das versteht sich von selbst!r warf John ein.

,Wie wär's mit übermorgen? fragte Kollmann
Madame Göttling. -
Sie entgegnete, er habe nur zu befehlen.
,Also übermorgen!'' entschied Kollmann nun,
,,aber zu unserer gewohnten Zeit. Schicken Sie
morgen zu den beiden Darners. Sie können schreiben,
daß der General heute gleich zu uns gekommen ist
-=- und laden Sie auch Konsul Armfield und seine
Frau und den Bankdirektor mit der Frau ein.
Ganz im Stile meiner seligen Frau, daß es an
nichts fehlt, an nichts!?
Madame Göttling versicherte, sie werde ihr
Bestes thun, und John sagte:,, Die Muter würde
die Erste sein, sich darübet zu freuen und ds Ihnen
und es mir zg gönnen, Vater, daß wieder Leben in
das Haus kommnt, das zu ihrer Zeit so gastfrei war.
Wir haben ja hier bis jetzt wie in La Trappe gelebt
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und,? er lachte, ,ich habe ja noch keine grauen
, Haare und noch keine Frau!
, Und noch die Bernsteinpacht nicht sichert
wendete der Vater ein; aber er klopfte John auf die
Schulter, und die Beiden, die ihn kannten, sahen,
daß. er guter Laune war.
gggggggggeggpggggggg
Viertes Kapitel
Ehe er sich am nächsten Tage in die Sitzung
begab, ging Eberhard zu seinem Onkel. Seine
Fachkenntnisse gaben ihm an die Hand, welche ge-
richtlichen und anderweiten Schritte zu thun wägen,
um das Geschäft zwischen ihm und dem General so
weit vorzubereiten, daß es abgeschlossen werden konnte,
wenn von Rußland aus die Zahlung geschehen sein
würde, nach welcher das Majorat abgetreten werden
sollte. Aber da man deshalb nicht Estafetten in
Bewegung setzen, sondern den gewöhnlichen Post-
verkehr walten lassen wollte und da auch die Ent-
lassung des Baron Johannes aus dem russischen
Unterthanenverhältniß, wie dessen Naturalisirung in
Preußen zu betreiben waren, ehe er das Majorat
- antreten konnte, so blieb Eberhard zunächst noch im
Vollbesitze seiner Rechte, und es war vorauszusehen,
daß das Neujahr und die ersten Monate des kom-
menden Jahres vorübergehen würden, ehe Johannes,
dessen Hochzeit nach der Heimkehr des Generals
vollzogen werden sollte, in das Schloß von Wald-
ritten einziehen würde.
Während seineOrdonnanz dieSachen desGenerals
zu Kollmanns bringen ließ, begab er selber sich zu

Kapitel 04

=- Z? =-
Darners und ward wie von nahen Angehörigen
empfangen. Man hatte es eben erst durch die Ein-
ladung von Kollmann erfahren, daß er angekommen
sei, daß man ihn dort sehen werde; man legte auf
ihn für einen der nächstfolgenden Tage Beschlag,
und Justine gab ihn erst frei, als er erklärte, einer
Geschäftsberathung mit den beiden Männern zu be-
dürfen.
Die Besprechung währte eine geraume Zeit., Die
Darners boten Rath und Dienste an, wie sie ge-
fordert wurden; beide äußerten, wie es Geschäftsleuten
geziemt, kein Erstaunen,. keine Meinung über Eber-
hards Entschluß. Sie hattef es nur mit einer That-
sache und der Möglichkeit ihrer Ausführung zu thun.
Als der General sie verlassen hatte und sie sich
auf dem Wege nach der Börse befanden, sagte Darner
plötzlich: ,Sonderbar! Man macht doch immer neue
Erfahrungen!f
,Sie denken an Stromberg?? bemerkte Frank.
,, Ich kenne ihn. genau und ich habe es immer be-
hauptet, er ist ein seltener Mensch, von hohem, edlem
Sinne.r
,Gut, daß Du Dich nicht in ihm geirrt hast.
Ss werden es ihm nicht Viele nachthun. Es spricht sich
gut und leicht von dem großen Gedanken der Freiheit
und der Gleichheit, aber ihre Nothwendigkeit so leb-
haft zu empfinden, daß man sie sich erringt mit Auf-
opferung aller seiner Vorurtheile, das ist viel für
einen, der Knechtschaft, der Unfreiheit nie erduldet
und Vortheil gezogen hat von der Ungleichheit. Wer
an sich selber Ernst macht mit der Ausführung seiner
Jdeale, den hat man nicht ekien Jdeolgzen ober
einen Schwärmer zü schelten, dem hat man nachzu-
leben. -- Wenn Du. ihn siehst; sag's ihm in meinem
Namen.?

-- FS ---
,,Sie werden ihn, wie ich von dem General
vernommen, morgen bei Kollmann treffen !?
, Um so besser! Inzwischen können von den
Strombergs und durch Dich die ersten Schritte hier
gethan sein und man kann weiter zusehen !''
Es war dann auf dem Wege nicht mehr von
Eberhard die Rede. Die eigenen und die Strom-
berg'schen Geschäfte wurden betrieben, wie es ge-
fordert war.
Am folgenden Tage verlief das Mittagbrot bei
Kollmann für die Betheiligten erfreulich, denn als
sollte die gute Stimmung noch erhöht werden, war
an dem Morgen der Kontrakt über die Bernstein-
pachtung von der Regierung für John unterzeichnet
worden, und Frank und Justine genossen die achtungs-
volle Zuvorkommenheit, mit welcher Darner den Baron
behandelte, als einen persönlichen Erfolg. Nur Eber-
hard, obschon nicht unempfänglich für Darners An-
theil an ihm und seinem Entschlusse, kam nicht zu der
Heiterkeit und Aufgeschlossenheit, welche die Anderen
beseelte. Seine Stirne war nicht hell und sein Ge-
spräch zurückhaltend.
Er konnte Virginie nicht sehen, ohne daß ihm
Dolores fehlte. Er konnte mit ihr, die ihm zur
Rechten an der Tafel saß, nicht frei verkehren. Seine
Frage nach Madame Joannu's Ergehen, die Antwort,
welche er von Virginie erhielt, war ein Konödienspiel,
das Beide als solches belästigte; und John, der voll
froher Hoffnung war, nahm die schöne Nachbarin
mit Freuden in Beschlag fütr sich.
Da man sich zeitig versammelt hatte, blieb man
natürlich für den Abend nicht beisammen. Eberhard
entfernte sich zuerst. Er sagte, daß er nothwendige
Arbeit vor sich habe, und man hatte ihm das zu
glauben, Darner aber, der ihn den ganzen Mittag

=- Zß =
nicht aus den Augen gelassen, fragte sich, da er ihn
so verschlossen gefunden: ,Sollte er es doch be-
reuen??
Er blieb dadurch nur noch mehr mit Eberhard
beschäftigt und noch spät am Abend, als er allein
in seinem Zimmer, wie das seine Art war, seinen
Gedanken nachhing, ehe er die Ruhe suchte, kehrlen
diese Gedanken zu Eberhard zurück.
Ohne ermessen zu können, welch wesentlichen
Einfluß die Bekanntschaft mit ihm und seinem Schick
sal, der Verkehr mit ihm und Frank auf den jungen
Edelmann gehabt, hatte er lange die Erkenntniß ge-
wonnen, daß der Mensch, sogar eine so in sich gefestigte
Natur wie er selbst, sich wandelt und wandeln muß,
daß er sich nicht unbedingt selöst und nicht unbe-
dingt frei entwickelt, sondern daß er erzogen, bestimmt
und gewandelt wird durch die ihn umgebenden Ver-
hältnisse, durch den jeweiligen Zustand der Gesammt-
heit, den hervorzubringen der Gewaltigste wie der
Schwäächste mitwirkt.
Wenn er zurüchlickte auf die Pläne, mit denen
er sich seit Jahren getragen, die in nicht zu ferner
Zeit verwirklicht zu sehen er für möglich gehalten
noch in den Tagen, in welchen er seinen Sohn zu
sich berufen, so mußte er sich eingestehen, daß die
Umgestaltung der politischen Welt und der europäi-
schen Machtverhältnisse, welche sich inzwischen voll-
zogen, die Verwirklichung jener Pläne in weite Ferne
rückte, wenn sie überhaupt möglich war. Er sagte
sich, daß die Stimmung der Menschen i Allgemeinen
sich gegen eine neue Macht, wie er sie erhofft, gegen
die Herrschaft des großen Geldbesitzes, sich jezt ebenso
auflehnen dürfte wie gegen jede unbedingte Herrschaft,
da sie unter den unseligen Folgen einer solchen zu
kämpfen und, zu leiden hatten; und daß dem Einzelnen

-=-- Il -
also nichts übrig bleibe, als sich den Blick frei zu
halten über die Entwicklung des Allgemeinen, und
mit möglichster Voraussicht in die Zukunft, an dem
gegebenen Platze das im Augenblick Mögliche, vom
Augenblick Geforderte zu thun.
Diese, wie seine ganze bisherige Weltanschauung,
hatte sich in ihm durch seine eigenen Erfahrungen
und oft durch die Nachwirkung irgend eines vor ihm
zufällig gesprochenen Wortes gebildet, das in ihn ge-
worfen worden, wie das vom Wind verstreute Samen-
korn, und in dem fruchtbaren Boden, den es gefunden,
rasch zum Baume erwachsen war.
Heute hatte er ein solches Wort vernommen, als
der General ihm und seinem Sohn den ganzen Vor-
gang zwischen ihn und Eberhard ausführlich mitge-
theilt. Es waren ein paar Goethe'sche Verse gewesen,
deren Eberhard sich bedient und die der General
wiederholt. Sie hatten Darner überrascht und tief
ergriffen.
Jetzt, da er Eberhards abermals gedachte, klangen
sie wieder in ihm an. Er hatte sie nicht vollständig
behalten, mochte auch nicht darnach fragen, obschon
er mit Sicherheit annehmen konnte, daß sie Frank
und Justinen geläufig sein würden; aber ihr Inhalt
kam ihm nicht aus dem Sinn und der Ausruf:
,Weh dir, daß du ein Enkel bist! Vom Rechte,
das mit uns geboren ist, von dem ist leider nie
die Frage !' hatte sich ihm eingeprägt
Denn grade das, das hatte er seinerzeit, wer
weiß wie oft, gedacht. Das war lebendig in ihm
gewesen in den Tagen seiner Knechtschaft. Das hätte
er dichten können und müssen, hätte die Natur ihn
zum Dichter geschaffen. Er hatte ihn empfunden, den
Abscheu und den Haß gegen ein angeerbtes Joch.
Mit Gewalt hatte er sich daraus befreit!

- F,I -
Wenn die Unfreiheit und der Zwang, die auf
Eberhard gelegen, auch anderer Art gewesen waren,
als jene, unter denen er zu leiden gehabt, Zwang
war Zwang, und Eberhard that recht, wenn er sich
frei machte von demselben, wenn er ihn nicht fort-
pflanzen wollte auf seines Blutes Erben, wenn er sie
frei wissen wollte wie sich. - Jetzt war Eberhard
sein Mann! Auch den Dichtern hatte er gerecht zu
sein, die solche Gedanken in solcher Form als Gemein-
gut hineinschleuderten in die großen Massen ihrer
Zeitgenossen.
Er hatte sie bisher zu gering geschätzt, die
Dichter, das hatte ihm schon Eberhard an Arndts
Beispiel dargethan. Er hatte auch noch vom Leben
zu lernen; und schrankenlos wahr gegen sich selbst,
gestand er sich es ein: es war das zweite Mal, daß
ihm eine Lehre gegeben ward von denen, die jünger
waren als er, die er nach anderen Seiten an Einsicht
überragte.
Er hatte in dem Bewußtsein seiner Kraft und
seines redlichen Willens die berechtigte Gewalt des
Einzelnen, des Vaters, des Familiengründers inner-
halb seiner Familie überschätzt.- In der Zeit, in
welcher die Völker in Masse sich zu erheben begannen
aus eigener Machtvollkommenheit, gegen die Willküür,
konnte es nicht fehlen, daß in der Familie im
kleinen sich das Gleiche wiederholte. Nun, da die
Herrschenden zu ahnen begannen, daß sie mit ihren
Völkern zu rechnen hätten, wenn sie dieselben zu ge-
meinsamem Eingreifen bereit finden wollten in der
Stunde der Noth, nun hatte Jeder in seinem Hause
mit dem Einzelnen und seiner Eigenart und seinen
JHJ a- see w=ous s
Darner hatte es nicht vergessen und sich seine

==-- g Z --
Lehre daraus gezogen, wie Frank ihn an seine per-
sönlichen Rechte gemahnt an dem Geburtstag seines
Sohnes.- Jetzt zeigte ihm Eberhard, wie unertrag-
bar das sich forterbende Joch der Familiengewalt
unter Verhältnissen dem Einzelnen werden könne, und
daß in der Familie, wie in den Staaten, unum-
schränkte Gewalt zwar für eine gegebene Zeit Knecht-
schaft erzwingen und Knechte erzeugen könne, daß
aber die Auflehnung gegen dieselbe nicht ausbleibt,
und daß endlich das Joch abgeworfen wird, wenn
zur Plage geworden, was einst Wohlthat gewesen
sein konnte.
Darner durfte sich sagen, daß jede neue Er-
kenntniß ihm ein Kapital gewesen sei, welches er in
seiner Handlungsweise fruchtbar gemacht. Die Herr-
schaft, welche er in der liebenden Fürsorge über die
Menschen, die er in die Welt gesezt, zu üben als
seine Aufgabe und Pflicht angesehen, durfte nicht
mehr eine unbedingte bleiben, wenn sie ihre Selbst-
ständigkeit zu brauchen verstanden und begehrten.
Er hatte sich erzogen und gebildet und sie erzogen;
er hatte sie und sich an ihnen weiter fort zu ent-
wickeln in dem Geist und nach den Bedürfnissen der
Zeit, die heraufgekommen war seit den Tagen seiner
Jugend und seiner Knechtschaft. Er hatte. sich zu
finden in die Bedingungen dieser Zeit, in welcher
jede Kraft herangezogen werden wollte und sollte zu
freier, sich bethätigender Wirkung für die Gesammtheit,
für das Ganze.
Er sah ruhig in seine Vergangenheit zurück, denn
wie er es vor der Verlobung von Dolores gegen
Justine ausgesprochen, man hat nichts zu bereuen,
wenn man in dem gegebenen Falle nach seinem
besten Wissen gehandelt hat; man hat nur seinen
Irrthum zu beklagen.

-- IZ =-
Es kam auch kein Wort über seine Lippen von
dem Kampfe und der Neuerung, welche Eberhards
Entschluß in ihm hervorgerufen hatte; aber wie er
in den von ihm unvergessenen Tagen seiner Jugend,
von denen er mit den wachsenden Jahren immer
mehr zu sprechen liebte, Nachts auf dem Schiffe
stehend, in tiefem Sinnen und Brüten hinausgeschaut
gen Osten, dem dämmernden Schimmer des neuen
Tageslichtes entgegen, so sah er jett, ein Mann auuf
den Höhen des Lebens, sinnend in die Zukunft hin-
ein, bereit zu jedem Werke, das der neue Tag von
ihm erfordern konnte.
z-ss,e
GAfik-
= s=ss -=-=e = u-zeuucU.
In Königsberg sauste der Wind des beginnenden
Novembexs winterlich kalt durch die Straßen und
trieb den Regen vor sich her, welcher dem Schnee-
fall gefolgt war und der ersten Schlittenbahn ein
rasches Ende gemacht hatte.- In Venedig glitten
die Gondeln sanft durch die Kanäle, und mit dem
zweiten November war der Tag aller Seelen, die Er-
innerungsfeier an die Todten, herangekommen.
In allen Kirchen riefen die Glocken die Lebenden
zum Beten für die Todten. Auf den Marmorplatten
des Fußbodens knieten sie in den Kirchen, vor und
zwischen den hunderten von Läämpchen, welche die
einzelnen Grabsteine erhellten, daß es anzusehen war,
als lockten die frommen Wünsche und Erinnerungen
die erloschenen Lebensflammen aus dem kalten Gestein
empor zu neuem Erstehen.-- Auf den Wegen und ,
Plätzen wandelten die Menschen umher, der Herzens-
pflicht zu folgen; durch alle Kanäle zogen die Gondeln

Kapitel 05

-=- IF.--
nach der Todteninsel, zum Kirchhof von S. Michele
hinaus, und in allen Gondeln saßen ernste und stille
Menschen, alt und jung, arm und resch, mit Todten-
kränzen oder mit einem kleinen grünen Zweig in
Händen, sie nieberzulegen auf die Gräber der vor
ihnen Hingeschiedenen, die dort ihre letzte Ruhestätte
gefunden hatten.
Es war seit Wochen der erste stille Tag, den
Dolores in ihrer neuen Heimat verlebte. Wie im
Fluge war die Zeit nach der Entfernung der Ihren
an der jungen Frau vorübergerauscht, in buntestem
zerstreuenden Lebensgenuuß.
Freilich war Venedig nicht mehr die gewaltige
Republik, die es gewesen, auch nicht mehr die Stadt,
in welcher die Fürsten und die Vergnügen Suchenden
aus aller Herren Länder sich zu frohem und aus-
schweifendem Lebensgenuß zusammenfanden, bevor es
unter die französische Herrschaft gekommen war. Aber
die Lebenslust steckte den Venetianern doch noch im
Blute; das fröhliche Geldausgeben, das bel spencers
war ihnen immer noch eigen. Die Nachkommen der
fürstlichen Geschlechter, von welchen viele durch den
Handel emporgekommen waren, hielten noch in großer
Weise Haus in ihren Palästen. Der glänzende Hof-
halt Eugen Beauharnais', die große Zahl junger
französischer Offiziere und Beamten, die dort ansässig
geworden waren und deren Frauen die leichte Sitte
und den leichten Ton, wie die ganze französische
Lebensführung von Paris nach Venedig mit hinüber-
gebracht, machten, da man sich gerade einmal eines
Friedenszustandes in Oberitalien zu erfreuen hatte,
Venedig doch wieder zu einem Orte, an welchem, be-
günstigt durch die Natur und die Eigenart der Stadt,
man sich mit Bewußtsein dem verlockenden Reiz des
Augenblickes überließ.

--- IH --
Jeder Tag brachte ein Fest, jeder Tag brachte
Neues für Dolores. Die leidenschaftliche Zärtlichkeit
ihres Gatten, seine Freude an der Bewunderung,
welche die Männer ihrer Schönheit zollten, sein Ver-
langen, sie immer neu und immer reicher zu schmücken,
Aufsehen mit ihr zu erregen, wo er mit ihr erschien,
im Theater oder in den Gesellschaften der schönen
Welt, hielten sie beständig in Athem und in Erregung.
Wenn Polydor nicht in seinem Geschäfte oder
im Klub war, der sich nach englischem und franzö-
sischem Muster, halb als Vergnüügungs- halb als po-
litisches Institut gebildet hatte, war er meist bei Do-
lores; und die Zeit, in welcher er fern von ihr war,
nahmen die Besuche, die man ihr machte oder die sie
zu erwidern hatte, fast ganz in Anspruch.
Die Stille, die Feier des Allerseelentages stimmten
sie ernsthaft, und es war ihr eine Erquickung, als
sie, den eifrigen Händen und Berichten ihrer fran-
zösischen Kammerjungfer endlich entronnen, sich nieder-
lassen konnte in der überdachten Halle, welche sich
an der Vorderseite des ersten Stockes in dem reinen
Stil des Palastes hinzog-
Der Himmel war leicht bewölkt, der Kanal und
die Lagunen, in welche sie neben der Punta della
Salute hinaussah, wie ein Spiegel glatt und klar;
und zurückgelehnt in den mit persischem Teppiche be-
hängten Polstersitz, sah sie, erfreut durch die Milde der
Luft und die sie umgebende Stille, ruhebedürftig in
die Ferne hinaus. Sie hatte es gar nicht gewußt,
wie sie die Ruhe nöthig hatte, wie müde sie sei.
Immer, so lange sie denken konnte, war der
Blick in die Ferne und auf das Wasser ihr eine Lust
und Erquickung gewesen. Und unter welch verschiedenen -
Umgebungen hatte sie dieselbe genossen! Unter den
Palmen der Havanna als spielendes Kind, an den

==- g,h --
Ufern des Genfersees, am Strand der Ostsee hatte
sie die großen, weiten Wasserflächen vor Augen ges
habt; und selbst an den Fenstern des geliebten Vater-
hauses war der Pregelstrom vorübergezogen, und
immer und überall war Virginie mit ihr gewesen,
überall!
Hier in Venedig--- heute- war sie allein!
Es war schön auch hier! Das Alleinsein ruhte sie
aus, aber es machte sie traurig. Alle die Schwarz-
gekleideten da unten hatten hier Lebende und Todte,
hatten hier Erinnerungen an gute und böse Tage.
Sie?-- Sie hatte keine. Sie war hier in der
Fremde! Sie hatte Niemand!
Sie sprang auf. Wie ein Stich fuhr es ihr
durch die Brust, als sie sich auf dem Gedanken, auf
so schwarzem Undank betraf, in dem Hause ihres
Mannes, der sie liebte, der jeden ihrer Wünsche zu
errathen strebte, um ihm die überschwänglichste Er-
füllung zu gewähren. Undankbar war sie niemals
gewesen!
,, Wenn er es ahnte!' sagte sie sich, und in dem
Bestreben, den Gedanken zu verscheuchen, wiederholte
sie ihn und sie konnte ihn nicht bannen. Er stand
vor ihr, fest und deutlich,' als wäre er emporgestiegen,
ein unheimlich Gespenst, auf den breiten, hohen
Marmortreppen, die hinaufführten aus dem Wasser,
durch das Viereck des weiten Lichthofes, zwischen
dessen Quuadern das feuchte, moosige Grün hervorwuchs,
hinauf durch die säulengetragenen Hallen, bis hin zu
ihr, sie aufzuschrecken aus ihrem Herzensfrieden, mitten
in den Freuden, in denen sie lebte.
Sie hatte sie angestaunt, als sie sie zuerst er-
blickte, diese für Festzüge gemachten königlichen Treppen,
die Hallen, die Flucht der Zimmer, welche durch alle
vier Flügel des Palastes in einander griff; aber wenn

==- g ?
die Dämmerung und die Nacht sich in ihnen lagerten,
wenn der Schein der Lampen, die in den großen
eisernen Laternen am Hauptportale hingen und auf
den Absätzen der Treppen brannten, flackernd die ver-
witterten antiken Heldengestalten im Hofe und die
Fresken in den Hallen traf, daß bald hier, bald dort
ein Kopf plötzlich aus dem Dunkel auftauchte, sie
fremd mit großen Augen anzusehen und ebenso schnell
wieder zu verschwinden, so kam ein Schauer über sie.
Die Leere, die Fremde machten ihr bange, dasß sie
erst wieder frei aufathmete, wenn sie sich in den kleinen
Gemächern befand, welche Polydor in dem einen
Flügel des Hauses sich zur Wohnung mit ihr einge-
richtet hatte.
Manch liebes Mal hatte sie sich zurückgesehnt
in die Stuben, die sie mit der Schwester getheilt;
manch liebes Mal, wenn die Kammerjungfer sie so
lange in ihrem Ankleidezimmer vor dem Spiegel fest
gehalten, daran gedacht, wie bald sie ihr Haar zu-
sammengenestelt, wie schnell sie das Kleid übergeworfen
und das Band und die Schleife um die Taille ge-
knüpft hatte in dem Vaterhause, und wie sie doch
den Menschen damit gefallen hatte, Polydor und
allen, allen!
Und wieder stiegen ein Gedanke und ein Schatten
vor ihr auuf, die sie nicht gerufen, vor denen sie er-
schauerte; und sie hatte sie klopfenden Herzens von
sich zu scheuchen.
Wie war er mit einem Male so lebendig vor
ihr! Sie sah seine ernsten Augen, seinen ruhigen,
in die Seele dringenden Blick. Sie hörte seine
Stimme! Sie vernahm sie wieder, die letzten Worte,
die er zu ihr gesprochen, als sie sich vor ihm ihrer
Rührung über die Geburt ihres Neffen geschämt:
, Sie sind kein Kind mehr, aber das Weib, wie es

g,ß --
aus des Schöpfers Hand gekommen in seiner reinen
Heiligkeit! Weinen Sie Ihre Freudenthränen ohne
Scheu! Die sammeln die Engel und flechten sie
Ihnen einst als Kranz in Ihr Haar!
Und die heißen, großen Thränentropfen stürzten
ihr aus den Augen, und es waren nicht Freuden-
thränen, es waren Thränen eines unsagbaren
Schmerzes. Nicht über den schönen kleinen Lorenz
weinte sie. Sie weinte über sich!
Wie es über sie gekommen, ob es in ihr so lange
geschlafen, ob die Trauer um die Todten, um die,
die nicht mehr waren, es in ihr erweckt- sie wußte
es nicht. Aber es war da! Sie auch hatte zu
trauern um Eine, die nicht mehr da war, zu trauern
um sich selbst!
Sie war nicht mehr das Weib, das er gngebetet,
nicht mehr das Weib, die Jungfrau voll heiliger
Reinheit! Sie war das Weib eines Andern ge-
worden. - Und sie mußte Den vergessen, der sie in
ihrer Unschuld angebetet, wenn sie nicht noch elender
werden wollte, als sie sich in dieser Stunde fühlte,
wenn sie nicht ganz abfallen wollte von sich selbst und
von der Dolores, die er geliebt.
In ihrer Versunkenheit hatte sie es nicht gemerkt,
daß eine Gondel gelandet war an dem Traghetto
des Palastes. Der laute Schall des Klopfers, der
am Portal ertönte, schreckte sie auf. Der Diener
meldete: ,Donna Serafine, die Frau Marquise von
Beauvrignon !' und ihm auf dem Fuße folgend, trat
die hochgewachsene, majestästische Frau in die Halle,
während Dolores erschreckend und eilig ihre Augen
trocknete, ihrem Gaste entgegenzugehen.
Die Marquise war eine berühmte Schönheit, eine
jener stolzen, prächtigen Erscheinungen, die noch hin-
reißender werden, wenn sie über die erste Jugend-

=- g,ß -
blüthe hinaus sind. Ihre Mutter, von welcher sie
die Schönheit geerbt, war eine Venetianerin und als
Frau eines Gesandten der Republik nach Paris ge-
kommen. Dort war Serafina geboren und aus dem
Kloster, in welchem sie erzogen worden, mit sechzehn
Jahren in die Welt getreten, um an den vierzig-
jährigen Marquis von Beauvrignon verheirathet zu
werden. Er war ein Freund und Verwandter des
hingerichteten Generals Beauharnais gewesen, hatte
in Folge davon eine Rolle gespielt, seit Josephine
Beauharnais die Gattin Napoleons und Kaiserin ge-
worden; und mit Eugen nach Venedig gekommen,
hatte Beauvrignon dort eine hervorragende Stellung
im Rathe desselben eingenommen, als ihn ein plötz-
licher Tod ereilt und die schöne Marquise zur Wittwe
gemacht.
Reich von Hause aus, als schön und geistreich
gefeiert von der Pariser Gesellschaft neben den be-
rühmtesten Frauen unter dem Konsulat, neben Frau
von Recamier, neben den schönen Schwestern Bona-
parte's, und nicht strenger gegen sich als die andern
Frauen ihrer Zeit, hatte sie in Venedig bald den
Thron zls Meisterin des guten Tones und Geschmacks
fast ohne ihr Zuthun eingenommen, und sie hatte
ihr Scepter aufrecht erhalten auch nach dem Tode
ihres Gatten. Mit achtunddreißig Jahren war sie
von einer Schaar von Verehrern umringt, für die
es eine Sache des Ehrgeizes war, von der Marquise
Serafina der Beachtung oder gar der Auszeichnung
werth gefunden zu werden.
Polydor hatte schon zu Lebzeiten ihres Mannes
für ihren erklärten Günstling gegolten, bis er diese
Bevorzugung mit einem jungen Polen, dem zweiten
Sohn eines Grafen Vranitzki, zu theilen gehabt,
welcher auf der großen Reise, die jeder junge Mann
Lewald. Die Familie Darner. Tl.
T


= Jß -
von Stande zu machen hatte, einige Monate in
Venedig verweilt, und dann von den in Galizien ge-
legenen Gütern seines Vaters wieder nach Venedig
zurückgekehrt war, um sich in der Nähe der Marquise,
in dem dunklen Glanze ihrer Augen zu sonnen. Das
hatte zu einem Zerwürfniß zwischen ihr und Polydor
geführt, obschon sie fortgefahren, sich zu sehen.
Die Eingeweihten des Kreises wollten behaupten,
daß Polydor sich nur aus Liebesverdruß verheirathet
habe; daß er der Marquise habe beweisen wollen, wie er
sie entbehren und verschmerzen könne. Indeß wenn
dies auch vielleicht der ursprüngliche Grund gewesen
war, welcher ihn geneigt gemacht, auf die Freiheit
seines Junggesellenlebens zu verzichten, so hatte doch
Dolores es ihm angethan, und seine Leidenschaft für
sie war ihm von Herzen gekommen.
Auch war die Marquise, als Polydor sie zu seiner
Hochzeit eingeladen, dieser Einladung gefolgt und
hatte, als er ihr seine Erwählte vorgestellt, mit ge-
wohntem guten Geschmack sofort ihre Stellung gegen-
über ihrem Anbeter und seiner Frau genommen.
Sie hatte Dolores auf das Freundlichste begrüßt,
sich erboten, ihr in der Fremde mit ihrem Rath zur
Hand zu sein, da sie ja eine Einheimische und eine
Frau sei, welche ihre Mutter sein könne, denn ihre
beiden in Spanien im Felde stehenden Söhne seien
älter als Madame Joannu; und die Marquise war
nie bestrickender, als wenn sie lächelnden Mundes
und süßen Blickes sich als eine alte Frau bezeichnete.
Polydor hatte ihr versichert, er habe es von
ihrer Freundschaft für ihn nicht anders von ihr er-
wartet; Darner hatte ihr für die Güte gegen seine
Tochter dankbar die ihm gebotene Hand geküßt, und
Dolores war von ihr eingenommen worden durch
das erste Wort.

--- h!--
Für Darner aber war der Name der Marquise
kein fremder gewesen. Sein venetianischer Geschäfts-
freund, bei dem er sich seiner Zeit um die persön-
lichen Angelegenheiten Polydors erkundigt, hatte eines
mehrjährigen, aber gelösten Liebesverhältnisses zwischen
Polydor und einer, nicht mehr jungen Frau der
großen Welt erwähnt, deren Namen er ihm genannt.
Darin hatte für Darner kein Anlaß gelegen, auf die
geplante Verbindung zu verzichten. Die Begegnung
mit der Marquise hatte ihn aber doch zu denken ge-
geben, und als er am Abschiedstage seine Tochter
zum letzten Male umarmt, hatte er ihr gesagt:,Frage
hier in der Fremde Niemand um seinen Rath als
Deinen Mann und Dein Gewissen; und spricht dies
nicht klar zu Dir, so frage Dich, was Dein Vater
Dir zu thun gebieten würde, und darnach handle.
Wer Dritte um Rath fragt, will in der Regel das-
jenige von ihnen gecathen bekommen, was das Ge-
wissen ihm zu thun verbietet.?
Danach hatte Dolores sich gehalten, aber der
Verkehr mit der Marquise war ihr lieb geworden und
diese fühlte sich einerseits durch die Hingebung der
jungen Frau geschmeichelt, während andrerseits gegen
ihren eigenen Willen der Verkehr mit Polydor wieder
wachsend an Reiz für sie gewann. Sie verstand es
obenein, Jeden neben sich an den Platz zu stellen,
der ihm behagen, an welchem er ihr dienen konnte.
Eine so unschuldige Schönheit wie Dolores war eine
Anziehungskraft für jeden Salon und eine absichtliche
Nebenbuhlerschaft hatte man von ihr nicht zu ge-
wärtigen. Die Gesellschaft, Polydor an ihrer Spitze,
der Serafina's Gegnerschaft für seine Frau befürchtet,
fand es ihrer würdig, daß sie ohne kleinlichen Neid
mit dem neuen Ehepaar verkehrte, und Niemand
bedachte es, wie die lange Gewohnheit engsien

-- I?--
Vertrauens sich der Marquise wieder bemächtigte,
wie das Verstehen mit halbem Blick und halbem
Wort ihr die Nähe Polydors wieder lieb machte, und
wie es ihr angenehm war, sich von Dolores in
Polydors Beisein immer auf das Neue gelobt und
bewundert zu finden. Sie liebte Dolores dafür, denn
ihre Verbindung mit Polydor hatte zu lange gewährt,
als daß sie sie vergessen konnte; und die sichere Ruhe,
mit der er ihr entgegentrat, reizte doch wieder ihre
Eitelkeit auf. Sie mochte es machen, wie sie wollte,
sie war immer in ihrem Sinne mit den beiden Ehe-
leuten beschäftigt und sie sah sie viel, denn ihre Zu-
vorkommenheit forderte von Polydor die Anerkennung
derselben.
,,Da bin ich wieder, mein Kind!r rief sie, als
Dolores ihr in dem Saal entgegenging. ,Ich.komme
frühzeitig wie die Aurora, die hier von der Decke auf
uns niederschaut. Es sind die Todten, die uns heute
vor Tag herausgerufen; ich habe in Santa Maria
Formosa und in den Frari meinem Manne, meinen
Eltern und deren Ahnen ihr Opfer gebracht; aber
ich sterbe vor Hunger! Lassen Sie mir eine Chokolade
bringen!r
Und Dolores betrachtend, welche die Glocke zog,
zu befehlen, daß man die Marquise bediene, setzte sie
hinzu: ,Wie denn, meine Schöne, was soll das be-
deuten? Sie sind nicht in Trauer, wie der Tag es
fordert? Und Sie haben geweint, geweint, daß Ihre
Lider roth sind?=- Was haben Sie?-- Aber vor
Allem kleiden Sie sich um; man darf Sie heute nicht
im farbigen Kleide sehen!-- Gehen Sie!-- Ich
erwarte Sie und bekomme inzwischen meine Choko-
lade!
Dolores gehorchte und war nach wenig Minuten
wieder da, um der Marquise das Frühstück selbst zu

-- ZZ --
reichen, das man inzwischen für sie hereingetragen
hatte.
,. Und nun, da Ihre Augen wieder trocken sind,?
hob die Marquise an, ,was hat's gegeben??
,P, nichts, Signora! Ich bin heute einmal
vom Heimweh überfallen, daß ich mich nicht dagegen
wehren konnte. Es war stärker als ich,' sagte
Dolores, die sich wieder gesammelt hatte. ,Es muß
der Trauertag sein. Ich konnte mich des Weinens
nicht erwehren.?
, Und sonst nichts? sragte Serafina und heftete
ihre dunklen Augen auf die junge Frau, daß diese,
wahrhaft bis in die tiefste Seele, den Blick nicht er-
tragen konnte, und flammende Röthe sich über sie
ergoß.
,Sehen Sie!'- rief Serafina mit jener feinen,
abwehrenden Fingerbewegung, der die Jtalienerinnen
einen so verschiedenen Ausdruck zu geben wissen.
, Sehen Sie wohl! O, mich täuscht man nicht!
Eine kleine Ehestandsscene, nicht wahr! Der abscheu-
liche Polydor! Noch in den Honigwochen! Aber
was wollen Sie, sie sind sich Alle gleich! Man muß
ihnen nicht denGefallen thun, sich darüber zu betrüben.?
Dolores betheuerte, daß die Marquise sich irre,
daß nicht das geringste Mißverständniß vorgekommen
sei zwischen ihr und ihrem Manne.
Serafina lächelte dazu.
,,Das nennt man gut erzogen sein!' sagte sie,
,und ich lobe Sie für Ihre Verschwiegenheit, mein
Kind! Aber ausbleiben wird das ja nicht; und uns
erzieht man ja nicht für die Welt und de irdische
Liebe, man erzieht uns für das Kloster und die
himmlische Liebe. - Gehen Sie! Sie suchen auch
noch auf der Erde und in der Gesellschaft die un-
wandelbare Liebe und das Glücfr

= hI --
Dolores hatte ihr mit Bangen zugehört. Sie
besorgte, irgendwie verrathen zu haben, was ihr selbst
verborgen, in ihr nicht erloschen war. Es klang aus
den Worten der Marquise ein Etwas an ihr Ohr, dem
sie zustimmen mußte, von dem es sie gelüstete, mehr
zu hören, mehr zu erfahren, obschon sie nicht danach
zu fcagen wagte.
,Man hängt ja so sehr an der Heimat, an den
Seinen, an den Erinnerungen,'' sagte sie, um doch
etwas zu sprechen, ,und doppelt in der großen Ferne!'
Und wieder traf sie Serafina's warmer und doch
fester Blick.
,,Ob man daran hängt, ob man sich in der
Welt wie in der Fremde fühlt? Ich will Ihnen
sagen, mein Kind, wie es ist und wie es jeder von
uns ergeht, jeder, die man in die Welt schickt aus
dem Vaterhause oder aus dem Kloster. Fragen Sie,
welche Frau Sie wollen. Es erlebt es jede. Man
erzieht uns als weißgeflügelte Tauben, rein, rein wie
die Engel des Himmels! Und eines schönen Tages
kommt man uns sagen: hsts, bel srgiol mio! Jetzt
gehe und amüsire Dich, mein Täubchen, in dem Lande
der Falken und der Geier, und sieh zu, wie Du Dich
aus der Affaire ziehst!'r
,O, rief Dolores, ,das ist ein furchtbares Bild!
Nein, Signora, so ist es nicht, so kann's nicht sein!
Polydor ist ja so gut, so voll Liebe für mich, daß
ich oft denke =-e-
Die Unterhaltung war abwechselnd italienisch
und französisch geführt worden, da die Marquise des
Deutschen nicht mächtig war. Auch Polydor sprach
nicht mehr deutsch mit seiner Frau, denn das Fran-
zösische war ihm gewohnter; und doch vermißte die
jnge Frau das Deutsche. Es war ihr an das Herz
gewachsen, als wäre es ihre Muttersprache.

-'-
=-- hH -
,Woran denken Sie? fragte Serafina, da Do-
lores inne hielt.
,Wie ich seine Liebe verdienen soll und was ich
thun kann, ihm zu gefallen,' entgegnete Dolores,
und das Schuldbewußtsein in ihrem Innern machte
ihren Ausdruck noch wärmer erklingen.
Serafina sah sie voll Verwunderung an. ,Aber
Sie kommen ja wirklich wie aus einer andern Welt!
Sie sind wirklich ein Engel!'' rief sie und sie meinte
es ehrlich mit den Worten, denn die Unschuld Jder
jungen Frau hatte sie wieder einmal gerührt! Sie
ergriff deren Hand. Eine Erinnerung an lang ver-
gangene Zeiten, an die Tage ihrer eigenen frühesten
Jugend bewegte sie. Ihr Schweigen beunruhigte
Dolores.
,Ich habe etwas gesagt, was Sie vielleicht recht
kindisch finden!'' hob sie an.
, Kindisch?' rief die Marquise in ganz veränder-
tem Tone. ,Kindisch! -- Ach, unser Erlöser hat es
ja ausgesprochen: ,So ihr nicht werdet wie die
Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen!k
Ich war auch ein Kind wie Sie, und Sie werden
eine Frau werden wie ich, denn Sie sind schön wie
ich! Aber der Weg ist lang, ist nicht immer heiter und
selbst seine Rosen haben scharfe Dornen! Sie können
ja nicht die kleine Pensionärin bleiben neben einem
Mann von Welt wie Polydor. Sie dürfen es nicht
bleiben, wenn Sie ihn sich erhalten wollen. Er muß
Sie bewundert sehen, um sich Ihrer immer auf das
Neue zu erfreuen. Er muß Sie täglich neu zu er-
obern haben, denn alle Männer sind auf das Er-
obern, auf den Kampf gestellt. Und je mehr Sie
ihn lieben, je beständiger, um so weniger verrathen
Sie es ihm; denn alle Männer hassen das Einerlei,
alle verlangen nach Wechsel: was Sie mit Sicherheit

==== Js --
besitzen, hat keinen Werth für sie. Auch in der Liebe
verlockt sie das Glücksspiel, und je gewagter, um so
mehr!-=- Die Marquise sprach aus ihrer Neberzeu-
guung und von Herzen.
Dolores hatte die Häände in den Schooß sinken
lassen und schüttelte langsam das Haupt.
,Ich habe Sie erschreckt, armes Kinb !? sagte
die Marquise, ,aber wozu hat man seine Erfahrungen,
als um denen, mit welchen man es gut meint, so
viel man kann, die Schmerzen und die Enttäuschungen
zu ersparen, die man erlitten hat.?
,C, gewiß, ich fühle es, Sie meinen's gut mit
mir, wiederholte Dolores, ,aber ich kann nicht
scheinen, was ich nicht bin, kann nicht verbergen, was
ich fühle--e
,,Sie müssen es lernen! Alles, Alles will ge-
lernt sein !?
Dolores schüttelte noch einmal traurig den schönen
Kopf. Was sollte aus ihr werden, wenn Polydor, die
Welt, die Männer dem Bilde glichen, das die Mar-
auise vor ihr enthüllt?=- Und mitten in ihrer rath-
losen Angst. flammte wieder die feste Neberzeugung
in ihr auf: Eberhard war kein solcher Mann!-
Und die Thränen stürzten ihr aus den Augen und
haltlos warf sie sich der Marquise an die Brust, als
Polydor dazu kam.
,Man muß Glück haben! Gut, daß ich mich
beeilte!r rief er. ,Clles, was ich verehre und liebe,
auf einem Fleck! Welch ein Glücksstern leuchtet
diesem ernsten Tage?? Er sah jedoch sogleich, als
er die Hand der Marquise küßte, daß sie sein Kommen
nicht erwartet hatte, und er sah die Thränen seiner
Frau. Die Marquise kam seinem fragenden Blick ge-
wandt zuvor.
, Stellen Sie sich vor, mein Freund,? sagte sie,

== ZF --
,, ich bin schon seit einer Stunde hier, habe mich hier
bei Ihnen förmlich zum Frühstück festgesett, um Ihrer
Frau das Heimweh zu vertreiben, das der Allerseelen-
tag ihr erweckt hat. Weshalb lassen Sie sie auch
allein an solchem Schwermuth brütenden Tage?-
Aber Sie haben immer Glück gehabt! Welch eine
himmlische Seele ist Ihre Frau!-- Eine Tochter wie
diese, und ich wäre die beste, die glücklichste der
Mütter, mein ganzes Leben würde ein anderes ge-
worden sein !'?
,, Und welche Tochter würden Sie erzogen haben,
meine schöne Freundin!' gab ihr Polydor zurück,
ohne daß sein Mißtrauen beseitigt worden wäre. Die
Marquise ließ die galante Bemerkung auf sich beruhen,
theilte Polydor ein paar politische Nachrichten mit,
die sie zufällig erhalten, man tauschte noch ein paar
Stadtneuigkeiten mit einander aus, dann küßte die
Marquise Dolores, und empfahl sich, von Polydor
begleitet.
Als er wieder zu seiner Frau zurückkam, sprach
er: ,Laß uns mit einander ehrlich sein, mein Engel!
Was hat es gegeben zwischen Dir und Madame
Serafina? Hast Du wirklich Heimweh gehabt und
hast Du's iht geklagt?
, Ja,' sagte Dolores, ,ich bangte mich nach der
Schwester und dem Vater. Ich hatte geweint--
und so hat sie mich gefunden.?
, Und dann ?' fragte er weiter.
,Dann hat sie mir gesagt, das müsse jede Frau
erleben, wenn sie ihr Vaterhaus verlassen, und hat
mir davon gesprochen, daß die Welt uns hart machen
müsse, und daß die Männer gar nicht begehrten, ge-
liebt zu werden, daß sie unserer Liebe sehr bald über-
drüssig würden.?
, Ah, da habe ich sie!'r rief Polydor mit einer

==- hF -
Heiterkeit, welche Dolores wohl that.,Da hab' ich
sie!- Die trübselige Männerverachtung der ver-
lassenen Ariadnen! Tröste Dich, mein Schatz! -
Madame hat nicht immer so von uns gedacht; Ma-
dame wird alt, findet, daß ihr Reich zu Ende geht,
und neidet Dir Deine Jugend-- vielleicht ein bischen
auch Deinen Mann! Denn wozu Dir auch ver-
schweigen, was Andere, und vielleicht sie selbst, Dir
einmnal erzählen könnten? Dein Mann, ehe er Dich
kannte, hat mitgezogen an dem Triumphwagen der
Unvergleichlichen, vor dem jetzt die jüngere Kohorte
der Cavalieri serventi den Dienst versieht! Aber
nicht weinen, Dolores! Das verbitt' ich mir! Die
Thränen nehmen den Schmelz der Jugend von den
Wangen und=-'
, Ich soll schön sein! fiel Dolores ihm ins Wort,
bemüht, auf seine Stimmung einzugehen.,DDie Mar-
auise sagt, das willst Du -
,Das ist ein vernünftig Wort!'' scherzte er.
, Ja! Du sollst schön sein, man soll Dir huldigen,
Du sollst Dich mit mir Deines Lebens freuen, und
wenn sie Dich bewundern, dann lachst Du-- und
fliegst in meine Arme.?
Er breitete sie ihr entgegen, sie reichte ihm die
Hände.
,Wie das gut klingt, ganz anders, als aus dem
Munde der Marquise! Sie muß schon Trauriges er-
fahren haben.'?
,, Und desholb kommst Du nicht in die Arme
Deines Mannes? Deshalb stehst Du neben mir, als
wärest Du nicht mein??
Sie zögerte einen Augenblick, dann gab sie nach.
Als aber ihr Kopf an seiner Schulter ruhte, sagte
sie: ,Polydor, wir wollen nicht mehr zur Marquise
gehen, ich mag sie nicht!'r

=- Zß -
,Was fällt Dir ein? Wir sollen die Marquise
nicht wieder sehen? Närrchen! Willst Du sie glauben
machen, daß ich ihren Einfluß auf Dich fürchte?
Nein, mein Kind! Man bricht auch nicht mit
einer Tonangeberin, mit einer Frau von Einfluß!
Und den hat sie, in der Gesellschaft wie am Hofe;
und am wenigsten, da sie heute ihr Wort für Dich
gefunden hat. Eine Tochter, wie Du, das wäre ihr
höchster Wunsch! Den wird sie jett wiederholen,
überall! Man wird es bewundern, Dich bewundern,
sie bewundern! Wir werden wie die Engel im Himmel
mit einander leben! Was willst Du mehr, Dolores??
,Nichts, nichts, denn Du bist so gut!' sagte
sie unter seinen Küssen.
Aber sie wollte doch nicht von ihr weichen, die
schwere Last des heute in ihr klar und fest gewordenen
Bewußtseins, daß die Erinnerung an Eberhard
zwischen ihr und Polydor stehe, daß sie ihn nicht ver-
gessen habe, daß sie mit seinem Bilde im Herzen
eines Andern Weib geworden, daß zu schweigen und
froh zu scheinen fortan ihre Pflicht war. Eine Pflicht,
deren Erfüllung sie erniedrigte vor sich selber und
vor ihm.
Womit hatte sie dies Geschick verschuldet? Wie
hatte der Vater, ihr Vater, sie dazu verdammenkönnen?
Und man pries sie glücklich, man beneidete ihr Los!
oooooooooooooow oowaoneGGGgao
V,ik
Sechsles o===-»s
Polydor war keiner von den Männern, die sich
einen Eingriff in ihre Verhältnisse gefallen lassen.
Es war ihm gelungen, Dolores zu erheitern, und er

Kapitel 06

==- Zß =
hatte sie absichtlich nicht gefragt, was Serafina ihr
sonst noch erzählt, was sie die Unerfahrene gestehen
machen. Wissen aber wollte er es, und schon am
folgenden Abende ließ er sich, bevor er sich von seinem
Klub nach Hause begab, nach dem Palaste fahren,
welchen die Marquise als Familienerbe besaß.
Sein Gondelier kannte den Weg. Er war ihn
lange genug alltäglich und zu jeder Tageszeit gefahren,
und Polydor kannte die Stunden seiner Freundin.
Den blond gelockten Joseph Vranitzki hatte er
spielend im Klub zurückgelassen. Er durfte also hoffen,
Serafina um diese Stunde allein zu finden, und wie
ihm aus der Ferne der Schein des Lichtes aus dem
kleinen Zimmer entgegenleuchtete, in welchem sie nur
ihre Vertrautesten empfing, glitt ihm mit seinem
Lächeln ein Seufzer über die Lippen, und das Sprich-
wort kam ihm in den Sinn, das Serafina bisweilen
zu gebrauchen liebte: ,bont eusse! tont lusse! tont
gusselr
Sie war auch vorüber die Zeit, in welcher das
Herz ihm geschlagen, wenn er dies Licht ihm winken
sehen, wenn er die Treppen hinaufgestiegen war und
die Thüre des kleinen Heiligthums neben ihrem Schlaf-
gemach sich geöffnet hatte, in welchem Serafina nach
altfranzösischer Sitte sich aufzuhalten gewohnt war.
Er hatte sie sehr geliebt, hatte, wie er es jetzt
nannte, viel Liebe, viel Zeit und auch viel Geld an
sie verschwendet, um jeder ihrer Launen geng zu
thun; und er gestand sich's ein, es hätte nur an ihr
gelegen, ihn länger noch zu fesseln. Indeß er hatte
sich nicht über die Grille zu beklagen, in der sie, mit
ihm kokettirend, sich jett Joseph zugewendet. Er hatte
sie mit gleicher Münze bezahlt. Er hatte ßich ver-
heirathet, die holdseligste Frau gewonnen; sie konnten
jetzt Beide, Polydor sowohl als Serafina, nichts


==r
=- J -
Klügeres, nichts Schicklicheres thun, als durch den
eingegangenen freundlichen Verkehr ihre Vergangen-
heit verleugnen und heiligen; obschon in der Gesell-
schaft, in welcher sie sich bewegten, Niemand ihnen
nachtrug, was gang und gäbe in ihr war.
,Die Frau Marquise ist zu Hause!r sagte der
Thürsteher aus alter Gewohnheit, ohne Polydors
Frage abzuwarten, und zog die Glocke, welche den
Kammerdiener nach dem großen Eingang rief. Wenige
Augenblicke später - und Polydor stand, wo er
vielhundertmal gestanden, vor dem griechischen Ruhe-
bett, auf das der gedämpfte Schein einer Lampe nieder-
fiel, und Serafina reichte ihm wie sonst die schöne
Hand entgegen.
-. Es war Frühling- gewesen, als er sich vor seiner
Reise nach Rußland von ihr in diesem traulichen
Raum verabschiedet; jetzt war der Winter vor der
, Thüx. Es hatte sich mehr gewandelt seitdem, als
nur die.Jahreszeit; aber wie sie jetzt, zum ersten Male
hier sich wieder allein beisammen fanden, fühlten sie
es Beide, ihre Rechnung mit einander war noch nicht
abgeschlossen. Serafina hatte sein Kommen nicht er-
wartet; er sagte sich, er hätte es besser unterlassen.
Ihre beiderseitige Weltgewandtheit kam ihnen zu
Hilfe.
,Soll ich Sie loben oder schelten, Polydor?
fragte sie, während er den altgewohnten Sessel an
ihrer Seite wieder einnahm.
,Thun Sie mir gegenüber immer was Ihnen
gefällt, und Sie werden das gethan haben, was ich
wünsche!fr entgegnete er mit all seiner Feinheit. ,Aber
wofür wollen Sie mich loben, wofür könnten Sie
mich schelten?? -
,Ich lobe es, daß Sie endlich einmal wieber,
zum ersten Mal nach Ihrer Heimkehr, zu stiller Stunde

-- ßZ--
den Weg zu mir' gefunden. Ich tadle Sie, weil Sie
mir eine Stunde zuwenden, die Ihrer Frau gehört,
denn sie wird sich bangen; und Sie haben dem
jungen, weichen Herzen gar so viel zu ersetzen. Sie
müssen nie vergessen, daß sie jung ist, und Geduld
haben mit ihrer Jugend. Ich. war des häufigen
Alleinseins lang gewohnt, als ich hierher verpflanzt
wurde.?
Der Ruckblick auf sich selbst war ihr unwillkür-
lich gekommen. Polydor ging daran vorüber. ,Ge-
duld? rief er, ,die hat ja die Liebe immer!'r und
nach einem Einfall suchend, der sie Beide ablenkte
von dem Wege, auf den sie zu gerathen drohten,
sagte er lachend: ,Ich glaube, ich hätte eigentlich
beide Schwestern heirathen müssen, um Beide voll-
kommen glücklich zu machen! Es muß etwas Ge-
heimnißvolles sein in der Liebe von Zwillingsge-
schwistern!r
,Was ist nicht geheimnißvoll in aller Liebe??
entgegnete sie ihm, und Beide schwiegen. Polydor
konnte sie in diesem Augenblick nicht fragen, was
zu erfahren er gekommen war. Serafina war un-
entschlossen. Sie standen Beide vor einer Erklärung,
Polydor nicht wissend, ob er sie vermeiden oder
herbeiführen solle. Es legte sich wie leise, sanfte
Schlingen um ihn, und er fürchtete dieselben, denn
er hatte nicht den Wunsch, sich in ihnen aufs neue
zu verfangen. Die Marquise war erregter als er.
, Es rührt mich, daß Sie hier sind!r sagte sie.
,,Ich hatte Sie lange -- und dann nicht mehr er-
wartet! Ich verstehe mich selbst nicht Ihnen gegen-
über; wie könnte ich also hoffen, daß Sie mich noch
verstehen werden, daß Sie's auch nur wollen! Und
doch müssen wir darnach trachten, uns zu ver-
ständigen.'

-=- Z--
, Habe ich Ihnen je den Anlaß gegeben, meinen
guten Willen für Sie zu bezweifeln?? fragte er, und
mehr und mehr kam die Stimmung übex ihn, mit
der er sonst an dieser Stelle ihr gegenüber gesessen
hatte; denn Serafina's Rührung ergriff auch ihn,
wie sehr er sich dagegen sträubte.
,Nein, niemals !'' entgegnete sie ihm fest und mit
raschem Entschlusse setzte sie hinzu:,Ich habe es
Ihnen ja auch nie verborgen, daß mir der Verkehr
mit Ihnen --- Ihre Ergebenheit - nun, um es aus-
zusprechen- Ihre Liebe ein Glück gewesen sind,
daß Sie mir gegeben, was ich vorher nicht besessen,
was mein vom Leben ganz enttäuschter, so viel älterer
Mann mir nie hatte gewähren können.- Nun sind
Sie der Mann einer andern geworden. Was wäre
da natürlicher, als daß ich dieser andern, die obenein
so jung, so schön ist, Ihre Liebe neidete! Und--
das ist's, was ich ein Geheimnißvolles nenne-- ich
bin entzückt pon Ihrer Frau! Ich liebe Ihre Frau!
und begreifen Sie das, Polydor? Ich möchte, daß
Sie Dolores so glücklich machen, wie ich vielleicht
mit Ihnen geworden wäre, hätte das Leben uns jung
und frei einander gegenüber gestellt. Ja, ich bin
wirklich besser, als ich mich geglaubt! Ich fange an,
sehr gut von mir zu denken.?
Daß sie die letzten Worte scherzend sprach, machte
ihn, da er sie kannte, an den Ernst ihrer Aussage
von sich glauben. Er wußte nur zu wohl, wie sehr
sie seine Liebe getheilt und welch ein Glick sie ihm
gewesen war. An wem aber lag die Schuld, daß
es geendet?
, Gewiß, Marquise!' rief er,,Sie haben Grund,
das Beste von sich zu denken, nur lassen Sie mir
wenigstens die Gerechtigkeit widerfahren, daß ich dies
stets gethan; in diesem Falle jedoch --

-=- F--
,Zweifeln Sie an mir?
, Ein Spielzeug, dessen man überdrüssig geworden,
mißgönnt man einer andern nicht!'' sagte er, und
wie er es ausgesprochen, verdroß es ihn, daß er ihr
jett noch seine Kränkung eingestanden. Auch nützte
sie den Vortheil; denn das Spiel der Koketterie war
ihr zur andern Natur geworden und sie verfiel ihm,
selbst wenn sie es nicht suchte.
Sie hob den Kopf auf dem schlanken Nacken in
die Höhe. ,Schmeichler! sprach sie. ,Sie möchten
mich glauben machen, daß Sie mir noch grollen,
an der Seite Ihrer Frau; denn nur ein grollendes
Herz macht solchen Vorwurf! Aber ich bin nicht mehr
so eitel; und auch Ihre Frau-''
Sie brach mitten in der Rede ab und sagte
danach: ,Ich hatte wohl recht, Ihre Frau zu warnen,
ihr zu sagen-
,Was haben Sie ihr gesagt? fuhr Polydor
eifrig auf, denn das eben war es ja, was er hatte
wissen wollen.
Sie erzählte ihm ihre ganze Unterhaltung mit
Dolores. Es stimmte bis auf die Worte mit dem-
jenigen überein, was er von dieser vernommen, nur
daß die Marquise ausführlicher war. Zum Schlusse
sagte sie dann:,Dazu ist es traurig für Ihre Frau,
daß sie eine Protestantin ist!r?
,, Was wollen Sie damit sagen und was thut
das zur Sache für sie und für mich??
,,Mehr als Sie denken!r entgegnete ihm ernst
die Marquise. ,Ich, ich war, als man mich hinaus-
stieß in die große Welt, gläubig von ganzem Herzen,
und ich habe Ihnen oft gesagt, welch ein Segen
Kaplan Meson, der uns auch noch hierher begleitet,
mir gewesen ist durch mein ganzes Leben, bis die
Gleichgültigkeit meines Mannes gegen das religiöse

=- 6J =-
Bedütrfniß des Menschen und Ihre Freigeisterei mich
dem tiefen, rechten Glauben abwendig gemacht. Ich
besaß mein Gewissen, meinen Rath, meinen Beistand
und Tröster an dem treuen, milden Freunde; und
der Marquis hat ihn mir nie mißgönnt. Im Gegen-
theile, er hat ihn hochgehalten wie ich!- Zerstören
Sie den frommen Glauben nicht in Ihrer Frau,
wenn sie so glücklich ist, ihn noch zu besitten. Ich
würde ihn bezahlen mit jedem Preis, wenn ich ihn
wiederfinden könnte.?
Polydor hörte nur eins in ihren Worten: sie
wollte ihn nicht aufgeben. War das Eitelkeit in ihr,
war es Liebe? War es Eitelkeit oder Liebe in ihm,
daß er dies mit Freuden fühlte?- Er fing an das
Letztere zu glauben; denn sg, wie sie' es in diesem
Augenblick gethan, konnte nur ein verirrtes Herz
sich vergreifen in der Wahl der Mittel; und ihre
Schönheit strahlte noch-in dem ganzen Glanze. Sie
war noch dieselbe, - in deren Bann er so lange gelebt.
Aber auch er war noch derselbe, und sie sollte das
wie er empfinden.
,Marqnise,'' sagte er, ,der Heros unserer Zeit
verleitet Sie, seinem Beispiele zu folgen. Wenn
Napoleon die Glocken läuten und das Tedeum
singen läßt in Notre Dame, so gilt die Kirchliehkeit
einem Friedensschlusse, dem ein neuer Feldzug, auf
anderem Gebiete folgen soll. Sie mahnen mich an
die Kirche, an Ihre, an die religiösen Bedütrfnisse
meiner Frau; Sie wollen, scheint mir's, Ihren Frieden
mit mir machen. Ich stehe Ihnen zu Befehl, nur
haben Sie die Gnade, offen gegen mich zu sein.
Haben Sie Vranitzki aufgegeben? Sagen Sie mir
ehrlich, was Sie bewegt und was Sie wollen !'
,Jetzt nichts mehr!' sagte sie und ihre Stirn
flammte auf in Zornesröthe. ,Ich hatte mich ge-
Lewald. Die Familie Darner. 1l.

=- ßß -
täuscht in der Absicht, welche ich Ihrem Besuche zu-
geschrieben, und ich wiederhole Ihnen jetzt die Frage:
Was wollen Sie von mir jetzt und zu dieser Stunde?
Wem wollten Sie zu nahe treten, mir oder sich??-
Der Zorn erstickte ihre Stimme.
,Ich kam,' sggte er, ,in keiner Absicht, die Sie
kränken konnte. Ich wünschte, mir und meiner Frau
das Wohlwollen zu erhalten =
Ihre Heftigkeit ließ ihn nicht vollenden. -- ,Und
deshalb mahnen Sie mich an Joseph? Deshalb
thun Sie, als ob Sie sich mit ihm auf die gleiche
Linie stellten, als ob er mir je ein Ersatz für Sie
gewesen wäre?=- Nein! Seien Sie ehrlich, Polydor,
wie ich es bin! Sie waren gekommen, Ihren
Frieden mit mir zu machen, da Sie zu Ihrem Er-
staunen sehen, daß ich Sie geng geliebt, Ihnen Ihr
neues Glück nicht zu mißgönnen! Und nun, da ich
Ihnen dies eingestehe, wechseln Sie die Rolle. Nun
möchten Sie mich glauben machen, daß ich Sie auf-
gegeben - um mir nicht dafür danken zu müssen,
daß ich Ihnen das Unrecht nicht nachtrage, daß Sie
an mir gethan !'?
Auch Polydor verließ seine Ruhe. ,Unrecht?
Welchen Unrechts könnten Sie mich zeihen??
,O,? rief die Marquise, ,Sie haben nie an
mir, und meiner Liebe für Sie gezweifelt! Aber
Ihre große Eitelkeit oder Ihre Eiferfucht, nennen
Sie es wie Sie wollen, mißgönnte mir'?=- sie zuckte
mit den Schultern ,die kleine Eitelkeit, die Schminke,
welche ein so junger Verehrer wie Joseph für eine
Frau ist, die mehr Jahre zählt als er!-- Und er
ist ein so guter, harmloser Mensch mit seinen fünf-
undzwanzig Jahren und seinen naiven Reiseerlebnissen.
Aber es gefiel Ihnen, den Beleidigten zu spielen, weil
Ihre Liebe für mich erkaltet war. Sie zogen sich

-=- Z? --
zurück. Ich war zu stolz und hatte kein Recht, Sie
zu halten, als das, welches Ihre Liebe mir einge-
räumt. Und welche Frau, die sich achtet, mag einen
Mann erinnern an dies Recht!= Sie wollten frei
sein - und Sie sind's! Sie sind glücklich mit einer
Ihrem Alter angemessenen Frau-- ich freue mich
des! -- Aber,' und sie richtete sich ihm gegenüber
hoch empor,, muß ich deshalb die Kränkung hinnehmen,
die Sie mir eben angethan?-- Muß ich auf den
Freund verzichten, der Sie mir gewesen sind, noch
ehe Sie mich liebten? Wollen Sie den Argwohn auf-
kommen lassen, zu welchem thörichtes Gerede Ihre
Frau nuur zu leicht verleiten könnte, daß Sie mir und
sich mißtrauen??
Es war nur zu viel Wahrheit in ihren Worten.
Er fühlte es, seine und ihre Liebe waren nicht er-
loschen. Die Flamme konnte auflodern in dem nächsten
Augenblick. Hart konnte er nicht mit ihr sein, un-
dankbar noch weniger. Wenn er ihr nicht zu Füßen
sinken wollte, mußte er sie verlassen.
Er erhob sich, sie that das Gleiche. ,Ich muß
fort, Marquise!'? sagte er. ,Aber lassen Sie uns
heute nicht scheiden, ehe wir frei geworden sind und
Herr über unsere Zukunft. Es ist so alltäglich und
so elend, daß-- Liebe und Leidenschaft in Nebel-
wollen enden, die Zuschauer in der Arena zu ergöhen.
Sind auch wir dazu gezwungen, ihnen dieses Schau-
spiel zu bereiten? Ich werde nle vergessen -
,,Vergessen? Nein, nichts, nichts will ich ver-
gessen, und auch Sie sollen und dürfen nichts ver-
gessen! sagte die Marquise, und die Thränen, die
sie zurückhielt, machten ihre Stimme zittern. ,SSollen
wir uns selbst berauben? Hst Gluck nicht Glitck ge-
wesen, weil es endlich war, wie Alles in dieser end-
lichen Welt?-- Nein, Polydor, Sie sollen nichts ver-

-=- ß -
gessen!-- Man hat sie gekannt und besprochen, die
Leidenschaft, die wir für einander gehegt!-- Mögen
sie die Freundschaft ehren lernen, die uns erblühen
soll auf jenem heißen Boden!'?
Polydor war erschüttert bis ins Herz; seine
Sinne waren in Aufruhr, sein Gesicht blieb ruhig.
, Sie haben Recht, Marquise, sagte er, ,wir
wollen nichts vergessen, am wenigsten diese Stunde!
Leben Sie wohl, meine Freundin, leben Sie wohl,
Serafing!r
Sie gaben einander die Hände und er ging
davon.- Die Marquise warf sich auf ihr Ruhebett.
, Ich kann ihn, er kann mich nicht missen!''
schluchzte sie; ,und ich trage die Schuld, denn ich
kannte die Männer und ihn -- und ihn hab' ich ges
liebt! Arme Dolores !?
Aus seiner Gondel sah er zu ihrem Fenster noch
einmal empor. Wie anders war Alles gekommen,
als er es erwartet hatte, als er es gewollt. Es war
ein Empfinden, das ihn schwindeln machte.
Er besaß die lieblichste, unschuldigste Frau;
Serafina, die gefeiertste Schönheit, war ihm noch zu
eigen. Wer konnte sich solchen Glückes rühmen?
Und zum ersten Mal verwünschte er seine Er-
folge und die Frauen und sich selbst; zum ersten
Male fehlte ihm der Leichtsinn, der ihm sonst nie
gefehlt.-- Er scheute sich vor dem reinen Auge
seiner Frau.
Hiehenle. H=-====--
V,if,-s'
we
In Venedig, wie überall, wo es eine Gesellschaft
giebt, welche sich als die schöne oder die große Welt
zu bezeichnen liebt, hat diese große, schöne Welt ihre

Kapitel 07

=- Z --
Liebhabereien und Launen, wie alle große Herren und
alle schönen Frauen; und wie solche hebt sie immer
ihre Günstlinge eine Zeit lang auf den Schild, und
macht sie zum Gegenstande ihrer Bewunderung, bis
sie eines schönen Tages plötzlich einen Makel an
ihnen entdeckt, neben dem alle bisher gepriesenen
Vorzüge in den Staub sinken.
In dem Winter, welcher der Heirath Polydors
folgte, waren es die Marquise, Dolores und Polydor,
die alles Interesse und alles Wohlwollen für sich in
Anspruch nahmen, weil es etwas so Ungewohntes
war, daß Liebende, die einander untreu geworden,
sich wieder zusammenfanden, daß die verlassene Ge-
liebte die Beschützerin der rechtmäßigen, makellosen
Frau des Ungetreuen wurde, daß die junge Frau
dieser gefährlichen Beschützerin in Liebe anhing, daß
ihr Mann sich mit so feiner Rücksicht fir Beide
zwischen ihnen zu bewegen wußte, daß beide Frauen
voll seines Lobes waren.
Man weidete sich an dem ungewohnten Schauspiel
und man beobachtete es, um zu entdecken, wo sich
etwa ein Mangel, ein Riß, der Anfang eines Zer-
würfnisses zeigen möchte. Man sprach von ihnen,
man suchte beide Frauen auf, und als Dolores im
Beginn des neuen Jahres zum Karneval ihre Säle
für die Gesellschaft öffnete, war man erstaunt, zu
sehen, wie ihre mädchenhafte Schüchternheit sich rasch
verloren, wie sie an Sicherheit gewonnen, wie viel
sie, absichtlich oder unbewußt, von der Haltung der
Marquise angenommen hatte. Ihr ruhiger Blick hatte
beobachten gelernt; sie wußte zur rechten Zeit zu
lächeln, sie kleidete sich vortrefflich, verstand zu sprechen
und zu schweigen. Niemand hatte erwartet, daß sie
sich so schnell in eine Frau von Welt verwandeln

=- I -
würde, und Niemand erkannte den Grund dieser Ver-
änderung klarer und bewußter als sie selbst.
Ja, sie wußte zu sprechen, und zu schweigen:
zu sprechen mit unerbittlicher Wahrhaftigkeit gegen sich
selbst; zu schweigen mit ebenso fester Selbstbeherrschung
gegen ihren Mann und in ihren Briefen gegen die Ihren.
Ihr Vater, ihre Geschwister, hatten es gut mit
ihr gemeint, als sie, bestrebt, sie von einer hoffnungs-
losen Liebe zu heilen, sie zu der Heirath mit Polydor
überredet. Es waren Gehorsam und Liebe gegen
ihren Vater, es war ein unfreiwilliger Selbstbetrug
gewesen, und doch eine Unwahrheit gegen Polydor,
als sie, von seiner Liebenswürdigkeit und Leidenschaft
bestrickt und hingerissen, geglaubt, Eberhard vergessen
und Polydor freien Herzens lieben zu können. Das
war ihre, nicht seine Schuld gewesen. Sie hatte ihm
nichts vorzuwerfen, was sie nicht selber traf. Sie
waren Beide schuldig gegen einander, jedes auf die
Weise, welches seiner Vergangenheit entsprach.
Beide waren sie mit einer andern, nicht er-
loschenen Liebe im Herzen ihre Ehe eingegangen; und
wie es sie auch schmerzte, den Einfluß, die Gewalt
zu erkennen, welche die Marquise immer noch auf
Polydor ausübte, so sagte sie sich doch in ihrer Ehr-
lichkeit: ,Würde es mir anders ergehen, wenn Eber-
hard in meiner Nähe lebte? Kann ich doch nicht auf-
hören, an ihn zu denken, sein Bild im Herzen zu
tragen, obschon er mir so fern ist und meiner viel-
leicht vergessen hat, seit er mich die Gatiin eines
Anderen weiß??
Aber diese Erkenntniß half ihr nicht gegen das
niederschmetternde Bewußtsein des Ehebruchs, in dem
sie lebte; wie ihr die Leichtfertigkeit kein Trost war,
mit welcher rund um sie her die Menschen sich nach
Landessitte in ähnlichen Verhältnissen bewegten. =,

- 7h -
wenn sie zurückdachte an ihr Vaterhaus und an
Eberhard, kamen eine Herzensangst, ein Gefühl der
Erniedrigung über sie, daß sie hätte fliehen, fliehen
mögen, fort von ihrem Manne, von Venedig, fliehen
vor sich selbst. Aber wohin? zu wem?
Zu ihm?--- Was sollte ihm und bei ihm das
Weib eines Andern, das er nicht erwählt, als es
frei und seiner werth gewesen war?
Zu ihrem Vater?-- Worüber hatte sie sich bei
ihm zu beschweren? Polydor blieb sich ihr gegenüüber
immer gleich an Zärtlichkeit und Rücksicht; er dankte
ihr für ihr Bestreben, sich ihm angenehm zu machen,
sein Haus seinen Wünschen gemäß zu führen, seinen
Willen zu thun. Die Marquise war immer bemüht,
sie gelten zu lassen, wenn schon es sich von selbst
verstand, daß ihre Erfahrung, ihre Weltklugheit, ihr
langer Verkehr mit Polydor diesen bei ihr finden ließen,
was Dolores ihm nicht zu bieten hatte. -- Konnte
er doch Dolores auch nicht ersetzen, was Eberhard
ihr gewesen, was er ihr noch in dieser Stunde war.
Mit der eigenen Untreue im Herzen hatte sie sich
auch bei ihrem Vater nicht über die Untreue ihres
Mannes zu beklagen.
,Frage allein Dein Gewissen um Rath, hatte
ihr Vater ihr gesagt, als er von ihr gegangen war,
,und wenn Dich das im Stiche läßt, so frage Dich,
was Dein Vater Dir zu thun heißen würde!'?=-
Sie hatte sich das oft gefragt und sich mit schwerem
Herzen die Antwort darauf gegeben.
Sie hatte auszuharren und Polydor zufrieden
zu stellen, was ihr ja gelang; aber er gewann dadurch
in ihren Augen nicht, daß er die Liebe gar nicht
ahnte, deren ihre Seele fähig war, und daß er sie
also auch nicht entbehrte, daß er mit so wenigem
zufrieden war.

-=- 7F -
Sie hatte keine Wahl. Sie mußte sich zu zer-
streuen, zu übertäuben suchen; sie mußte lächeln, um
nicht zu weinen in bitterem Schmerz; sie mußte ver-
zweifeln oder hoffen -- worauf?-- das wußte sie
freilich selber nicht; nur hoffen!
Die Welt um sie her war lauter Lust und
Freude, trotz der Kriegsnachrichten, die wieder in ihr
ertönten. Man feierte die Siege des Kaisers in
Spanien, Feste folgten den Festen. Die vornehme
Gesellschaft, das leichtherzige Volk der Lagunenstadt,
sie alle lebten am Tage den Tag, jeder Tag bot
reichen Wechsel, anregenden Genuß. Sie mußte vor-
wärts mit den Anderen!
Achtes Kapites
Dolores schrieb allwöchentlich nach Hause. Die
Briefe, welche sie den Ihren in die Heimat sendete,
schilderten ihr Leben in seiner ganzen Farbigkeit.
Wie Lichtstrahlen drangen sie durch die Trübe des
Herbstes, durch die mit Eisblumen dicht befrorenen
Fensterscheiben in die Zimmer und in die verlangenden
Herzen der Leser und da auch Polydor, wenn er
schrieb, voll des Lobes seiner Frau und seines Ehe-
glückes war, konnte Niemand an der Zufriedenheit
der Beiden zweifeln oder daran denken, daß diese
lichten Bilder an der jungen Frau auf dem dunkelsten
Hintergrunde vorüberzogen. Da sie stets der Liebling
der Familie gewesen war, vernahm man von ihrem
Glück und ihrer Lust mit doppelter Befriedigung;
wie sehr sie auch abstachen von den Sorgen, von
der Stimmung, mit denen man sich in Preußen trug,

Kapitel 08

=- 7F =
von der ernsten Arbeit, zu welcher Alle sich immner
mehr zusammenfanden.
Die Siege Napoleons, die man in Venedig
feierte, verwünschte man in Preußen. Dafür ward
jede Kunde über die in Spanien fortdauernde Em-
pörung gegen die Fremdherrschaft als eine Freuden-
botschaft begrüßt. Während Napoleon in Jtalien
die Herrscher der verschiedenen Länder wie Figuuren
auf einem Schachbrett von ihren Plätzen entfernte
und auf andere versetzte, hatte man in Preußen den
von Napoleon erzwungenen Rücktritt des großen
Patrioten, des Freiherrn von Stein, niit Empörung
empfunden; und die Achtssrklärung, welche Napoleon
aus dem von ihm unterjochten Frankreich gegen den
deutschen Edelmann und Bürger zu erlassen wagen
durfte, hatte auch in dem langmüthigsten deutschen
und preußischen Bürger die Neberzeugung wach ge-
rufen, daß diesen Zuständen ein Ende gemacht werden
müsse, und das bald!
Jedes Auge, das sich zu dem Könige erhob, wo
immer man seiner ansichtig wurde, fragte ihn: ,Wie
lange noch??-- Jeder Blick der Königin sagte dem
Volke: ,Ich fühle und dulde mit Euch! - Und
Aller Augen waren auf Desterreich gerichtet, wohin
der Freiherr sich geflüchtet hatte, wo die starken,
offenen Rüstungen es verkündeten, daß man ent-
schlossen sei, den Kampf gegen, Napoleon noch einmal
aufzunehmen.
Da es diesem nicht gelungen war, die Engländer
auch aus Portugal zu vertreiben, rächte er sich an
ihnen, indem er das Absperrungssystem noch mit
erhöhter Strenge handhaben ließ; und der Handel
von allen guf dem Kontinent mit Napoleon unfrei-
willig verbundenen Ländern und Völkern ward da-
durch reichlich so schwer geschädigt als der englische.

-- FF --
Aber wie sie dem Handelsstande und der Industrie
wieder zu nahe trat, so rief die Gewaltmaßregel auch
die Thatkraft der von ihr Betroffenen wach. Da die
Preise aller überseeischen Produkte noch viel theurer -
als bisher, selbst für den Begüterten fast unerschwing-
bar geworden waren, kam der Landhandel von Indien
und China durch Rußland wieder sehr in Schwung,
weil er nicht so kontrolirbar als der Seehandel war,
und die russische Regierung ihm Vorschub leistete.-
Die Chemie, die Technik, der Landbau fingen an,
lebhafter als bisher auf Ersaz für das Fehlende
innerhalb des Landes zu denken. Weil das Geld
knapp war, that man sich zur Anlegung von Fabriken
zusammen, zu deren Leitung man Werkführer kommen
ließ, die im Auslande gearbeitet hatten; und wo das
Haus Darner mit seinem Kapital an diesen von ihm
angeregten Unternehmungen betheiligt war, fiel die
Oberaufsicht Frank anheim, weil der Vater von der
inzwischen in Kraft getretenen Stadtverwaltung durch
die Bürger in Anspruch genommen wurde.
Es war mit diesem neuen Zugeständniß der
Regierung, mit der Einführung der Städteordnung
der Geist der neuen Zeit, die man in Preußen herauf-
zuführen trachtete, in der ganzen Bürgerschaft noch
mehr gekräftigt wroden. Bis in die untersten Klassen
hatten die Leute sich als Bürger fühlen lernen; und
die Ausgleichung, welche die Aufhebung der Adels-
vorrechte begonnen, vollendete zwischen den höheren
Ständen, zwischen dem Adel, den Beamten, dem
Militär, der Städeordnung, welche die Einheit der
Bürger in der Stadtverwaltung feststellte.
Als man im Herbste zu den Wahlen geschritten,
hatte man sofort gewünscht, einen eingesessenen Kauf-
mann zum ersten Vertreter, zum Oberbürgermeister
der alten Handelsstadt zu machen, und in den Kreien

-- 7H
der Regierung, der Bankverwaltung, hatte man dabei
wohl an Lorenz Darner gedacht. Indeß die alte
Kaufmannschaft mochte sich nichts vergeben, mochte
nicht glauben machen, daß sie in sich nicht den rechten
Verwalter für die Stadtangelegenheiten zu finden
wisse, sondern genöthigt sei, einen Fremden, einen
Emporkömmling zu ihrem Oberhaupte zu machen.
Darner andrerseits fühlte sich nicht geneigt, seine un-
beschränkte Freiheit durch die Nebernahme eines von
der Gemeinde besoldeten Amtes beeinträchtigen z
lassen. Er durfte Finet daran denken, sich in so
wechselnden und bedFranichen Handelsverhältnissen so
sehr von seinem, eigenen, weitverzweigten Geschäfte
abzuwenden, wie die Oberleitung der städtischen An-
gelegenheiten es erfordert haben würde.
Es ward also einem andern der Königsberger
Kaufleute die Ehre zuerkannt, der erste Oberbürger-
meister der Hauptstadt Preußens zu werden; aber
eine fast einstimmige Wahl berief Darner zum ersten
der unbesoldeten Stadträthe; und der freien Aner-
kennung seiner Mitbürger ein Ehrenamt zu danken,
das war nach seinem Sinne, nach dem Sinne, den
er aus jenen Ländern in sich aufgenommen, in
welchen den Völkern schon früher eine Mitwirkung
in der Landesregierung und damit ein mehr oder
weniger ausgedehnter Einfluß auf ihre eigenen An-
gelegenheiten eingeräumt worden war.
Daß ein Mann von Kollmanns altem Ansehen
unter den Stadträthen nicht fehlen konnte, verstand
sich von selbst; und die kollegialische Stellung, in
welche die beiden Männer dadurch traten, glich den
Rest der Verstimmung aus, die Kollmann noch gegen
Darner im Herzen getragen hahen mochte. Dazu
verlieh der russische Landhandel dem ursprünglich auf
rüssische Produkte gestellten Kollmann'schen Geschäfte

==- Z -=
ein neues, schwungvolles Leben. John kam mit seiner
Bernsteinpachtung auuch zu wachsendem Erfolg. Er
sah sich, wie jeder wohlgestellte junge Mann, von den
Familien, welche Töchter oder Angehörige zu versorgen
hatten, mit Beflissenheit gesucht, und Beide, Kollmann
wie sein Sohn, konnten dem Reize nicht wiberstehen,
den der Umgang mit zufriedenen, mit glücklichen
Menschen gewäährte, wie man sie in Frank und
Justine, in Darner und seiner Tochter in nächster
Nähe hatte.
Kollmann hatte seine würdige Ruhe wiederge-
wonnen, seit die schwere Sorge um die Aufrecht-
erhaltung seiner Firma und die Mißempfindung von
ihm genommen waren, von einem Manne nicht nur
überflügelt, sondern beleidigt worden zu sein, dem er
zuerst die Hand geboten und die Wege geebnet hatte.
Darner und Frank aber beruhten zu sehr in sich, und
hatten zu viel Arbeit vor sich, um rückwärts blicken
und abrechnen zu mögen, wo das Mehr oder Weniger
des Verschuldens gelegen. Ruhe und freier Weg für
Alle war's, was sie begehrten. Dessen genoß man
jetzt in den beiden Familien, und Madame Göttling
hatte ihren Antheil daran, denn das Behagen, das
Justine und Virginie in ihren Häusern zu bereiten
verstanden, wie das, welches in dem ihr jetzt an-
vertrauten Haushalt wieder zu herrschen begann,
schrieb sie sich und ihrem Einfluß zu; und es war
Niemand da, welcher der wackern, bewährten Frau
diese Genuugthuuung nicht gönnte.
So war nach den letzten sturmbewegten Jahren
eine Art von Windstille über die Provinz und in
die Stadt gekommen; und es war ein großer Tag,
als der Magistrat der Stadt Königsberg zum ersten
Male als solcher von dem Könige empfangen wurde.
Aber trotz der huldreichen Ansprache, welche der

=- 7? =-
König dieser neuen Behörde hatte angedeihen lassen,
war eine Anzahl ihrer Mitglieder nicht befriedigt vom
Schlosse zurückgekommen; denn kein Wort in der
Rede des Königs hatte auf die Möglichkeit hingedeutet,
daß in, den politischen Verhältnissen des Landes auf
einen Wechsel zum Guten zu hoffen sei. Man hatte
nicht bedacht, daß keiner der fürstlichen Bundesgenossen
Napoleons sich als freier Herr in seinem ihm be-
lassenen Lande fühlen konnte, daß also auch dem
ohnehin schwer entmuthigten Könige die vorsichtigste
Zurückhaltung geboten war; daß ein unzeitig ge-
sprochenes Wort den Krieg und die Vernichtung der
Monarchie, soweit sie noch bestand, zur Folge haben
konnte. Obschon im Augenblicke keine Feinde in der
Provinz vorhanden, war die Fremdherrschaft nicht
damit vorüber.
Im Allgemeinen jedoch sah man gefaßten Sinnes
in die Zukunft. Das Volk als solches war selbst-
ständiger, selbstbewußter, ernsthafter geworden. Man
hatte erfahren, welchen Leiden man stehen könne, und
daran seine Kraft zum Leisten ermessen lernen.
Man war der Trübsal müde, wollte einmal gemein-
sam in Freude aufathmen; und Pg man seit jener
Sylvesternacht, für welche Kollmann den gewohnten
Kaufmannsball ermuthigend durchgesetzt, kein öffent-
liches Fest mehr gefeiert, so beschlossen die Stadt-
verordneten und der neue Magistrat, bald nach dem
Mittagbrote, das die Männer vereint, einmal wieder
einen Ball in den Sälen des Kneiphöfischen Rath-
hauses zu veranstalten, bei welchem die verschiedenen,
jetzt durch die neue Städteordnung als Bürger gleich-
gestellten Stände sich zum ersten Male zusammen-
sinden sollten.
Familien des Adels, des Militärs, der könig-
lichen und städtischen Beamten, der Professoren und
Dz

-- IF-
der Kaufmannschaft waren zur Theilnahme aufge-
fordert, hatten die Einladung angenommen. Ver-
schiedene Personen des königlichen Hofhaltes hatten
ihr Erscheinen ebenfalls zugesagt, und die dem Königs-
paare nahe befreundete Fürstin Hedwig, welche, seit
der Hof nach Preußen gekommen war, in dem Hause
der reich begüterten und gebildeten Familie des
jüdischen Bankiers Lindheim gewohnt, hatte es durch
Vorstellungen bei den Festgebern erreicht, daß man
den Lindheims und noch einer anderen geachteten
jüdischen Familie und ein paar angesehenen jüdischen
Aerzten eine Einladung hatte zugehen lassen.
Da Noth und Elend von Allen, ohne Unterschied
des Ranges und des Glaubens, gemeinsam getragen
worden waren, sollten auch Dank und Freude ge-
meinsam zum Ausdruck kommen; denn ausgesprochen
oder unausgesprochen lebte in allen Verständigen und
Denkenden die Neberzeugung, daß Gemeinsamkeit das
Heil der Zukunft bedinge und ,Einer fitr Alle, Alle
für Einen die Losung sein müsse.
Es war ein erschütternder Augenblick, in welchem
man an dem Abende die Festsäle im Rathhause
öffnete. Sie sahen schöner, feierlicher aus als zur
Zeit jenes Sylvesterabends, an welchem Frank und
Justine einander zum ersten Male begegnet waren.
Alles war neu hergerichtet: die frisch gemalten
Wände, die großen Spiegel, die Vergoldungen. Von
den Decken strahlten die Wachskerzen der Kronleuchter
ihr helles Licht hernieder, die kolossalen Stuckgestalten,
welche das Gewölbe trugen, sahen wie vordem in
den Saal hinunter mit den großen, weit geöffneten
Augen, mit denen sie hinabgeblickt auf die langen
Reihen der Betten, auf all die Hunderte und Hunderte,
die hier sich in verzweifelndem Schmerz gewunden,
die hier ihr Leben ausgehaucht und die man zu

==- Iß - =-
den Fenstern hinausgeworfen in die harrenden
Leichenkarren, um Plat zu schaffen für andere
Kranke. Die schönen rothen Vorhänge, die roth-
beschlagene Estrade, all die erneute Herrlichkeit konnte
diese Erinnerung nicht zurückdrängen und selbst die
fröhlich erklingende Musik, welche von dem Balkon
des Orchesters die Eintretenden begrüßte, hatte etwas
Befremdliches in dem Raume, in welchem so viel
Leiden sich in bangem Seufzen und Klagen Erleich-
terung gesucht.
Eine um die andere kamen die Frauen der
Bürgermeister, der Stadträthe, auf das Beste ge-
schmückt, in dem sie hebenden Gefühl ihrer neuen
Würde in den Saal, um gleichsam als Hausfrauen
die Gäste zu empfgngen; aber die meisten von ihnen
hatten hier mit linder Hand und weichem Herzen
die Leidenden gepflegt. Auch sie hatten also mit
Bangen den ersten Eindruck zu überkommen. Erst
als der Saal sich ganz gefüllt, als man die altbe-
kannten Gesichter, die alten Freunde, die neu hinzu-
gekommenen Theilnehmer des Festes zu begrüßen
hatte, als die Fürstin Hedwig, von dem Oberbüürger-
meister geleitet, in reichster Hoftracht in den Saal
eintrat und aller Augen sich nach ihr wendeten, da
ihre Schüützlinge, die Lindheims, ihr auf dem Fuße
folgten, trat die Gegenwart in ihre Rechte.
Die Fürstin hatte, seit sie dem Hofe nach Königs-
berg gefolgt war, eine Rolle in der Stadt gespielt.
Einem alten, töchterreichen und durch Schönheit seiner
Frauen berühmten preußischen Adelsgeschlechte ent-
stammt, hatte sie einen beträchtlich älteren schlesischen
Magnaten geheirathet, war nach glücklicher Ehe zur
Wittwe geworden und hatte in den Jahren vor dem
Kriege in den Kreisen der Berliner schöngeistigen
Männer und Frauen verkehrend, in großer Gunst

=
D ,
bei Hofe, eine vermittelnde und sehr besondere
Stellung in der dortigen Gesellschaft eingenommen,
die sie in den beschränkteren Verhältnissen von
Königsberg ebenso aufrecht zu erhalten gewußt.
Jedermann kannte sie von Ansehen, überall griff
sie, wo es zu helfen galt, mit großem Sinn ent-
schlossen ein, und sie kannte auf die Weise auch eine
ganze Anzahl der auf dem Balle anwesenden Frauen,
denn sie war ihnen in den Hilfsvereinen begegnet.
Madame Armfield, Madame Göttling waren ihr
ebensowenig frend als Justine und viele Andere.
Sie erhoben sich, als die Fürstin sich ihnen nahte,
und sie ließ es sich angelegen sein, jede von ihnen
mit freundlichem Worte zu begrüßen, während ihr
schöner Sohn an Frank und an Baron Stromberg
herantrat, der natürlich auch zu den Geladenen
zählte. Der junge Fürst war mit ihnen in' dem
wissenschaftlichen Vereine seit dessen Gründung be-
kannt geworden.
,Meine Herren, sagte er, ,ich erscheine vor
Ihnen als Botschafter und Bittsteller im Namen der
Fürstin. Auf Sie Beide ist ja Verlaß, wo es sich
auf Bekämpfung von Vorurtheilen und um unsere
Zwecke handelt. Wir haben also auf Sie gerechnet,
Die Fürstin hat die Lindheims durchgesetzt; damit ist
sie für deren Behagen und Aufnahme verpflichtet.?
,Sie wissen, Durchlaucht,'' fiel Frank ihm ein,
, daß ich zu Ihren Diensten bin; indeß ich glaube
nicht, daß Sie in dieser Gesellschaft für irgend einen
der geladenen Gäste einen Mangel an Rücksicht zu
befürchten haben.'?
,Wer denkt daran! entgegnete der Fürst, ,aber
es ist ein Unterschied zwischen Mangel an Rücksicht
und Entgegenkommen. Führte ich eine der Lind-
heim'schen Damen zum Tanz, so könnte man sagen,'! --
-
= '-
-=- Z( =-
NI

==- ßh
er lachte herzlich -- ,wir zahlten damit einen Theil.
der uns von ihnen erwiesenen Höslichkeiten ab. --
Also veranlassen Sie einen der angesehenen Kauf-
herren, einen der Stadträthe, Madame Lindheim in
die Polonaise zu führen. Dann erlauben -Sie es
mir, Baron! daß ich Sie der Mademoiselle Lindheim
vorstelle, und stellen Sie, Herr Darner, der Sie ja
die Herren von der Vörse her kennen müssen, den
jngen Lindheim Ihrer Frau Gemahlin oder Ihrer
Demoiselle Schwestec vor. Der zweite Sohn, der
-.-ktor, findet schon eine Partnerin, die ihm gern
c,.
folgt; und die ganze Familie macht dann unter
unserem Schutze ihre jozese entree in die Gesell-
schaft. Nebrigens,'' fügte er, auf das Neue lachend,
hinzu, ,färben sie nicht ab! Die- Flora ist ein ganz
reizendes Mädchen; und wir führen in ihnen auch
ein Stück der neuen Zeit herauf !'?
Die letzten Worte trafen den Baron. Es war
nicht allzu lange her, daß er seine Großtante, die
Gräfin, zu vertheidigen gehabt, als sie sich in ihrer
Portechaise zum Empfang nach dem Schlosse begeben
und die rohe Menge sie mit dem Rufe: ,a
kommt die alte Zeit, die alte Zeit!'' spottend verfolgt.
Jetzt galt es, einem jungen, fremden Mädchen ge-
knechteten Stammes einen ähnlichen Dienst zum
Zeichen der neuen Zeit zu leisten, und er stand
keinen Augenblick an, dem Fürsten zu willfahren,
während Frank sie verließ, seinen Auftrag bei den
Stadträthen auszurichten.
Er fand Kollmann mit seinem Vater und ein -
Paar der anderen Herren beisammen. Man hatte
eben verabredet, welche Damen die Herren zu dem
Ehrentanz zu geleiten hätten, und während sie ihre
Blicke über die Estrade schweifen ließen, sagte Koll-
mann mit einemt Seufzer:
Lewald. Die Familie Darner. Ul.

= ZZ
,Als wir den letzten Ball hier gaben, saß meine
gute Frau noch auf dem Platze, den jetzt die Lind-
heim inne hat, und Sie, Herr Kollege Darner,
stellten ihr und Justinen Ihren Sohn vor, der eben
angekommen war. Wir haben viel erlebt seitdem
und =?
Franks Dazwischentreten und sein rasch vorge-
brachtes Ansuchen der Fürstin, unterbrachen ihn in
seinen Erinnerungen.
,Das ist stark!' rief er, ,wirklich stark! Es
hat doch am Ende Alles seine Grenze und man muß
des Guten überall nicht zu viel thun, wie die Lind-
heim mit ihrem Diamantenkram! Man muß vor-
sichtig sein diesen Leuten gegenüber, denen ohnehin
der Kamm nur zu leicht schwillt und die die Hand
nehmen, wenn man ihnen den kleinen Finger bietet.
Die Lindheim ist ja eine schöne Frau; nit dem
feuerfarbenen Turban und den Diamanten sieht sie
aber heute wie die Fee Carobosse aus! Ich danke
für die Ehre! Ich führe die Frau Kanzlerin.?
Währenddessen hob der Musikdirektor seinen
Taktstock. Die ersten vollen Accorde der Polonaise
durchflutheten den Saal. Es war keine Zeit zu ver-
lieren, wenn man den Wunsch der Fürstin erfüllen
wollte, die sich der Stadt in den Zeiten der Noth
wie eine eingeborene Bürgerin bewährt hatte.
,Vertritt Du mich bei Frau von Wildenauer,''
-- sie war die Gattin des Gouverneurs von Königs-
berg -- sagte Darner kurz entschlossen zu dem Sohne;
, da sie jung ist, wird sie sich den Tausch gefallen
lassen!'r
Und während der Oberbürgermeister, der welt-
männischen Weise weniger Herr als Darner, sich mit
Nebertreibung vor der Fürstin verneigte, sich von ihr
die Ehre der Polonaise erbittend, trat Darner aufrecht

83 =-
in aller Höflichkeit an Madame Lindheim heran, sie
nach dem Vortritt der vornehmsten Frauen in die
Reihe des Tanzes zu führen.
Sie trug sich und die lange Schleppe ihres
Sammetkleides und ihren Turban und die Last ihrer
Brillanten, deren es allerdings etwas zu vuele waren,
mit dem Anstand einer gebildeten, des Reichthums
gewohnten Frau. Aber trotz der Klugheit und dem
-.akte, welche die Personen ihrer Bekanntschaft ihr
nachrühmten, verrieth das Blitzen ihrer dunklen Augen
deutlicher, als es ihr lieb sein konnte, die Genug-
thuuung, welche sie fühlte, als sie an Darners Arm
sich zum ersten Mal in diesem Saale und in einer
solchen Gesellschaft befand. Als sie dann gar, bei
einer der Durchgangstouren, ihrer Flora an des
Barons Seite ansichtig wurde und ihren Louis sah,
der die schöne Justine zur Partnerin hatte, ward es
ihr schwer, ihren Kindern nicht freudig zuzunicken
und es ihrem Kavalier zu verschweigen, welche Freude
ihr Mutterherz erfüllte, welche Plane ihre lebhafte
Einbildungskraft an diese Stunde knüpfte. Sie segnete
den König und die Königin, welche durch die neue
Gesetzgebung und durch ihre Huld den Bann brechen
helfen, unter welchem sie, wie alle ihre Glaubens-
genossen, hisher auch in der Königsberger büürgerlichen
Gesellschaft gelebt. Hätte sie Hymnen dichten und
singen können, sie hätten die Fürstin Hedwig gefeiert,
der sie das Glück dieser Stunde verdankte.
Als die Polonaise beendet war, trat die Fürstin
an der Stelle aus, an welcher. Virginie saß, und
ließ sich, den Darners ihre Dankbarkeit zu beweisen,
neben dieser nieder, deren sie sich wie Justinens vom
Schlosse her entsann, wo die Schönheit der Darner'schen
Damen ihr Auge zuerst auf sie gelenkt.

- hg --
, Und Sie haben die Polonaise nicht mitgemacht?
fragte sie.
,, Ich war für dieselbe engagirt und mein Tänzer
ist nicht gekommen !r entgegnete sie.
, Welche Pflichtvergessenheit!r scherzte die Fütrstin,
,, dafür müssen Sie Rache nehmen.?
,Durchaus nicht, Durchlaucht! Mein Tänzer
wird von seinem Posten nicht fortgekonnt haben, und
so hatte ich ihn auf dem meinigen zu erwarten.?
, Von seinem Posten? Welchen Posten bekleidet
denn der Herr??
,,Da ist er!' rief Virginie, als der Hauptmann,
ohne auf die Füürstin zu achten, mit dem Ausruf:
,,Was werden Sie von mir gedacht haben, Made-
moiselle Darner?! ihr den guten Abend bot.
,Daß Sie Dienst hatten!' sagte Virginie und
reichte ihm die Hand, die er schüttelte.
,Ja,? sagte er, ,ich hatte für einen Kameraden,
der krank geworden ist, einen Rapport zu machen
und konnte Sie nicht mehr benachrichtigen. Sie sind
für den Schleifer wohl nicht mehr frei??
,,Doch, Here Hauptmann!' antwortete sie und
wurde über und über roth, als sie es sagte.
Die Musik lud zu dem neuen Tanze ein, das
junge Paar entfernte sich.
Die Fürstin lächelte. Es war ihr zweifellos,
daß sie in den Beiden zwei Liebende vor sich gehabt;
aber die Art und Weise, in welcher sie sich begegneten,
war ihr aufgefallen. Es war nicht Sitte, daß junge
Leute verschiedenen Geschlechtes sich wie Kameraden
die Hände gaben und schüttelten; und der Ton, in
welchem sie zu einander gesprochen, verrieth auch nichts
von der sonst üblichen Galanterie.
Inzwischen hatte der Baron Juustine zum Tanze
abgeholt, die Paare wiegten sich anmuthig in den

-=- ZJ --
Bewegungen des Schleifers, die Fürstin hatte ihren
Ehrenplatz in der Mitte der Estrade wieder einge-
nommen, und in gebührendem Wechsel waren die
Veranstalter des Festes, wie die Mäinner und Frauuen,
welche der Fütrstin in den Kreisen des Hofes und der
Gesellschaft vorher bekannt geworden, beflissen, sich ihr
verehrend in das Gedächtniß zu rufen.
Die Füürstin nahm dies gerne an. Von Natur
lebhaft und zu gefallen bestrebt, erfreute sie die
Huldigung, die man ihr gewährte, und ein Jeglicher
hatte sich ihrer Liebenswürdigkeit zu rühmen. Vor
Allen aber waren es die Darners, die sie auuszeichnete,
indem sie sie neben sich festhielt.
Weil sie selber eben so warmherzig als eigen-
artig, und gewohnt war, sich überall in ihrer Eigen-
art gehen zu lassen und. geltend zu machen, hatte
Alles, was sie über Lorenz Darner vernommen, von
Anfang an ihr Achtsamkeit erregt. Da sie nahe bei-
einander in derselben Straße wohnten, hatte sie die
Familie nicht mehr aus dem Auge verloren, nachdem,
wie erwähnt, die Frauen ihr im Schlosse durch ihre
Schönheit aufgefallen; und es geschah auf ihren aus-
drücklichen Wunsch, daß Baron Stromberg, ein gernn
gesehener Gast in ihrem Kreise, ihr nach der beendeten
Polonaise Lorenz Darner und seinen Sohn vor-
stellte.
, Meine Bekanntschaft mit Ihnen beginnt nicht
erst heute, Herr Darner,' sagte sie, ,denn daß man
miteinander spricht, macht ja die Bekanntschaft nicht
allein. Mancher Charakter aus längst vergangenen
Tagen und mancher unserer fern von uns lebenden
Zeitgenossen ist uns ja viel bekannter und geistig
werther als ganze Reihen von Menschen, mit denen
wir alltäglich in Berührung kommen. Sie kenne und
schätze ich-

-- Zß--
Sie hielt inne, schien sich auf Etwas besinnen
zuu wollen, und Darner fragte:
, Seit wann, durchlauchtige Füirstin?
Sie lachte mit dem Freimuth, der einen ihrer
Reize ausmachte, und ihrer Unnahbarkeit sicher, rief sie:
,, Ich wollte vor Ihnen glänzen mit einem ge-
schichtlichen Datum aus unserer jüngsten Zeit, aber
derlei ist einmal meine Stärke nicht! Ich kenne Sie
seit dem Feste, daß Sie, wie Baron Stromberg mir
erzählte, gegeben haben, die Aufhebung der Leib-
eigenschaft zu feiern, und seitdem schätze ich Sie auch!''
Der Schmeichelei wenig zugänglich, machte Darner
die offen ausgesprochene Anerkennung der schönen
fürstlichen Frau dennoch Vergnüügen.
, Es freut mich,'' entgegnete er, ,daß Sie über-
haupt Antheil an mir nehmen, und ich habe dafür
dem Herrn Baron zu danken. Ich war mit meinen
Erinnerungen bei jenem Ereigniß lebhaft betheiligt.?
,Ach,' rief die Fürstin,,ich weiß, ich weiß das
Alles! Baron Stromberg hat mich damals davon
unterrichtet. Und an solche Dinge und an Männer
wie Sie muß man sich halten, sich aufrichten, sich
mit ihnen, mit den Gleichbenkenden, zusammenthuun,
wenn man nicht verzagen will in unserer Zeit. Ich
werde oft eine Schwärmerin gescholten und ich nehme
den Vorwurf als Ehrentitel an wie ihrer Zeit die
Geusen, denn?-- unwillkürlich streifte ihr Blick
Madame Lindheim - ,meine schwärmerischen Ge-
danken sind mein Schmuck! Schwärmer wie der
Baron und wie Sie, ja Sie! Herr Darner, haben
auch schwärmen müssen, um Ihren Weg zu machen,
sind meine Bundesgenossen !'?
,Von Ihnen, durchlauchtige Fürstin,'' entgegnete
ihr Darner,,als ein Bundesgenosse angesehen zu
werden, könnte mich stolz machen; indeß vertrauen

=- FF --
Sie nicht zu sehr auf meine Schwärmerei. Sie wird
in sehr festen Schranken gehalten durch Neberlegungen,
durch Berechnungen, deren wir uns nicht entschlagen
dürfen; und jedenfalls war der Boden, auf welchemt
in mir der Drang nach freier Bethätigung erwachsen
ist, weit mehr mit Selbstsucht getränkt als bei Ihnen.?
Die Fürstin blickte ihn betroffen an, jedoch
Darner hatte gewußt, was er mit dieser kühl ge-
gebenen Antwort wollte. Es war das erste Mal, daß
er in gesellschastlichem Verkehr einer Füirstin und
einer so ungewöhnlichen Frau gegenüberstand; aber
er hatte sofort erkannt, wie sie in spielender Laune
ihn zu fesseln, aus Gewohnheit Herrschaft über ihn
zu gewinnen strebte, wie sie sich der Herablassung
bewußt war, mit welcher sie ihn behandelte; und er
wollte ihr es darthun, daß Herablassung nur dem-
- jenigen gegenüber angebracht ist, der sich als einen
Tieferstehenden empfindet.
Der Fürstin Klugheit verstand das augenblicklich
und sie richtete sich darnach.
,D, sagte sie,,wenn Sie trotz der Schwär-
merei, die kein Strebender entbehren kann, an demt
Boden der Wirklichkeit festhalten, so verlieren Sie
dadurch in meinen Augen nicht. Schwärmterei, die
der Wirklichkeit nicht Rechnung trägt, ist eine Mont-
golfiere, dem Zufall überantwortet; und da ich
Grundbesitzerin und Familienmutter bin, halten auch
mich sehr feste Bande an der Wirklichkeit fest und ich
zweifle, daß ich mit all meinem Jdealismus so weit
gehen würde, als hier unser Freund, der Baron, so
hoch ich seine Ansicht achte! Aber, setzte sie hinznu,
den Gegenstand der Unterhaltung mitWillkür wechselnd,
, als ich Ihre Damen zum ersten Male sah, waren es
ihrer Dreilr'
, Ich habe die eine meiner Töchter nach Venedig

==- ZZ =-
verheirathet!' bemerkte Darner, dem die Klugheit der
Fürstin und die Biegsamkeit ihrer Gedanken Ver-
gnügen machten.
,Glauben' Sie, daß ich das nicht ebenfalls weiß?
fiel die Fürstin ihm ein. ,Erstens gehören Sie zu
den Königsberger Familien, denen die allgemeine
Achtsamkeit zugewendet ist, und zweitens ist einer
meiner jüngeren Verwandten, der Sohn einer meiner
Schwestern, ein Neffe von mir, ein liebenswürdiger
junger Graf Vranitzki, ein großer Bewunderer Ihrer
Frau Tochter. ?
,, Ich entsinne mich,? entgegnete Darner, ,dem
Herrn Grafen in dem Hause der Frau Marquise von
Beauvrignon begegnet zu sein.?
,Erinnern Sie sich,' wandte die Fürstin sich an
Eberhard, ,des reizenden Wortspiels, das er aeulich
in dem Briefe machte? Ich las es Ihnen vor.?
,Sie hatten die Gnade!'' sagte Eberhard, dem
die Wendung der Unterhaltung nicht erwünscht war.
,Da das Wortspiel, wie ich glauben muß, sich
auf Madame Joannu bezieht, so darf ich Sie viel-
leicht bitten, es auch mir nicht vorzuenthalten !
meinte Darner.
,,Es ist reizend wie ein Madrigal und schade,
daß er es nicht als solches ausgedrückt hat!'' sprach
die Fürstin. ,Er sagt ungefähr: ,ie schöne Dolores
trägt ihren Namen in Bezug auf die sie umschwär-
mende Männerwelt mit Recht, nur daß die Schwerter
nicht ihr Herz, sondern die Pfeile ihrer Augen die
Herzen der Männer verwunden, an denen sie, als
schwebte sie hoch in den Wolken, lächelnd vorüberzieht.
Sie fühlt nichts von der Liebe, die sie einflößt, und
sie hat sie wohl nie gefühlt.?=- Aber es war italienisch
geschrieben und viel hübscher und viel kürzer, nicht
wahr, Baron??

b=- Zß ===
Eberhard bejahte es, Frank sah, wie ihn die
Unterhaltung quälte, und suchte sie mit der auf gut
Glück gethanen Frage zu unterbrechen, woher der
Graf sich der italienischen Sprache bediene. Die
Fürstin sagte, er spreche und schreibe alle Sprachen
durcheinander, je nach Stimmung; und da man in
dem Augenblick wieder zu einem neuen Tanze an-
trat, so daß man vor den Sitzen der Damen nicht
mehr stehen bleiben konnte, ohne den Raum zu
beengen, benutzte Eberhard die Gelegenheit, sich zurück-
zuuziehen, und die Fürstin entließ auch die beiden
Anderen mit der Aufforderung, sich ihr in ihrem
Hause mit ihren Damen vorzustellen.
,, Kommen Sie'-- sie überlegte einen Augen-
blick- ,kommen Sie nicht an einem Vormittage!
Kommen Sie am nächsten Sonnabend um sechs Uhr.
. Ich bin dann sicher für eine Stunde frei, und ich
erwarte dann auch Sie, Baron!''
, Gnädigste Fürstin, ich werde dann schwerlich
mehr in Königsberg sein. Ich bin seit gestern zur
Regierung nach Gumbinnen versetzt, muß sobald als
möglich dem Befehle folgen, bitte aber um die Gunst,
mich vorher bei Ihnen noch verabschieden zu dürfen!
Das ward zugestanden. Die Musik erklang
bereits zu den Worten, mit denen man sich trennte.
Die Jugend und die Tanzlust gewannen die Ober-
hand. Die Fürstin verließ, von den Festgebern ge-
leitet, den Ball. Ihre Schützlinge schwammen in
dem Strom des Vergnügens fröhlich mut, unbekümmert
um die Stichelreden, an denen es nicht fehlte, und
die immer auf das Neue anzufachen Madame Arm-
field nicht unterließ.
,Wull,. Du auch schon fort?'' fragte Frank den
Baron, als er bemerkte, daß auch dieser sich zum
Aufbruch anschickte.

==- I( -
,Du kannst Dir denken,? entgegnete Eberhard,
, daß ich alle Hände voll zu thun habe. Ich wäre
nicht gekommen, hätte es nicht eben diesem heutigen
Feste gegolten; denn abgesehen davon, daß das
Patent mich zu gehen verpflichtet, fordern meine
eigenen Angelegenheiten es, daß ich je eher, je lieber
mich in den dortigen Verhältnissen umsehe.?
,In wie fern??
,Die Nebergabe von Waldritten erledigt sich
früher, als es vorauszusehen gewesen ist. Man
macht diesseits und jenseits weniger Schwierigkeiten
als wir gefürchtet. Der General zahlt mir also mein
auf Waldritten stehendes kleines Vermögen schon
im Februar, mein Vetter und Nachfolger wird das
Gut im März übernehmen und nach seinem Bedürfen
einrichten, noch ehe er seine Frau hinführt. Ich habe
dann freie Hand, und im Gumbinner Kreise sind
ein paar zusammengrenzende kleine Güter zu ver-
kaufen, die man mir als in gutem Kulturstand
rühmt und als nicht zu sehr vom Kriege mitgenommen
bezeichnet. Könnte ich die erwerben, so hätte ich alle
Aussicht, in dem Kreise, in welchem sie liegen, durch
Vermittlung des Regierungspräsidenten, dem ein Paar
meiner Arbeiten gefallen haben, die eben frei ge-
wordene Laundrathsstelle zu bekommen und
,Da wärst Du an Deinem Platze!'' sagte Frank.
,Das glaube ich auch! Ich sehne mich nach
einer selbstständigen, fest begrenzten Thätigkeit, und
in Lithauen ist auch für den Bund noch viel zu
thun.?
,Trotzdem thut mir's leid und ist es schade, daß
wir Dich verlieren, daß Du gehst.?
,Nein, es ist gut, daß ich fortkomme von hier,
heraus aus Allem, was mich hier gefesselt.?- Er
schwieg einen Augenblick, dann sagte er: ,Ich komme

==- ßI -
noch zuu Euch ind Komptoir und nehme natürlich
noch Abschied von Euuch Allen; aber da wir hier
allein sind, beantworte mir ehrlich eine Frage: Ist
Dolores wirklich glücklich?
, Nach ihren Briefen muß ich's glauben! Sie
sprechen freilich nicht von Empfindungen, sie schildern
ihren Tageslauf. Wo sie jedoch ihres Mannes er-
wähnt, thuut sie es mit Dank. Vergiß nicht, sie
sind nicht gleichen Volkes, nicht gleichen Bildungs-
ganges; das erschwert jenes verständnißvolle Glück,
das Unsereiner in der Ehe sucht. Aber auch in
ihren Briefen an Virginie zeigt sie sich immer heiter.
Du kannst ruhig über sie sein.
Eberhard schwieg.
,Wem mißtraust Du,'' fragte Frank,,Dolores'
oder meiner Wahrhaftigkeit'?
,Mißtrauen?-- Nein!-- Ich kann mir's nur
nicht denken. Man ist eitler und selbstischer, als
man es weiß, und stets geneigt, von sich auf Andere
zu schließen. Aber lebe wohl!-- Ich komme morgen
um Eure Stunde ins Komptoir und statte Dir dann
noch einmal den Dank ab für Alles, was Du mir
geleistet. Der Unterricht, den Du mir ertheilt, wird
mir in meinen neuen Verhältnissen, in denen ich
auch Kassen zu verwalten habe, zehnfach zu Statten
kommen. Und somit auf Morgen!''
Ao
--iif-f-e SAfif,l'
h vs1lb=-=e =l6sg7lGVu-
Eberhard war nach seinem neuen Bestimmuungs-
orte abgegangen. An den Fenstern der kleinen
Wohnung, die ihm werth geworden durch das, was

Kapitel 09

===- IZ -
er in ihr erlebt und mit sich durchgekämpft, hing
eine Tafel mit der Anzeige, daß sie zu vermiethen
sei. Er hatte wieder und wieder hinaufgeblickt, als
er die Brücke überschritten, um sich nach der Post zu
begeben, mit der er Königsberg verlassen wollte.
Das lag nun hinter ihm.
In der Stadt war trotz des Winters so viel
Thätigkeit, als der Norden sie eben versiattet; dennoch
konnte der Landverkehr von der Grenze die Schiff-
fahrt nicht ersetzen. Man suchte die Speicher zu
füllen, sich für alle Möglichkeiten zu sichern; allein
ein weites Planen, wie es der Kaufmann zu großen
Unternehmungen nöthig hat, wie es in Darners
Sinn und Gewohnheit lag, war nicht verstattet.
Man lebte und schaffte wie in der drückenden Stille
vor einem Sturme, vor einem Gewitter, deren- Aus-
bruch man in den drohenden Wolken zu befürchten
hatte, welche von allen Seiten sich zusammenzogen,
ohne daß man noch voraussehen konnte, von welcher
Himmelsgegend sie zunächst emporkommen, wo sie sich
entladen würden.
Wem es gegeben war, am Tage den Tag zu
leben, der mochte sich damit trösten, daß die Wolken
sich vertheilen, das Wetter vorüberziehen könne. In-
deß die Zurückhaltung des Hofes, die kommenden
und gehenden Feldjäger und Kuriere, die sich im
Schlosse kreuzten, die französischen Ahgesandten, die
unter immer neuen Vorwänden und mit immer
neuen Anträgen und Aufträgen von dem Könige
empfangen werden mußten, während man sie als
Aufpasser betrachtete, ließen für den Denkenden keine
Zuversicht auf friedliche Tage aufkommen; und die
Unsicherheit, in welcher man über die nächsten Ab-
sichten des Hofes war, verstärkte das Gefühl des
bangen Wartens, unter dem man lebte.

=== Z ==
Bald hieß es, der Hof werde die Provinz ver-
lassen, um nach Berlin zurückzukehren; dann wieder
wurde dies als eine Unmöglichkeit bezeichnet, so lange
noch Franzosen in Danzig und in den anderen
Festungen wären, da es ja undenkbar sei, daß
der König seine Residenz in einem Orte aufschlagen
könne, an welchem er Feinde im Rücken, Feinde vor
sich habe; und wer nicht im Stande war, die Hände
völlig müßig in den Schooß zu legen, wer sich nicht
in Stumpfsinn bescheiden konnte, der mußte suchen,
sich im Kleinen geng zu thun, mußte trachten, sich
mit seinem Streben und Hoffen wieder einmal auf
die Zukunft zu verlassen oder, wie die Fürstin es
nannte, auf dem festen Boden der Wirklichkeit zu
schwärmen.
Darner war nicht ohne Vorurtheil an die Be-
kanntschaft mit der Fürstin herangegangen. Das
Mißtrauen gegen den Adel und die Vornehmen war
ihm eingeboren, und selbst durch die gute Meinung,
welche Eberhard ihm abgewonnen, noch keineswegs
ganz in ihm besiegt. Als man sich dann an dem
bezeichneten Sonnabend um die festgesetzte Stunde zu
ihr begeben, hatte er die Seinen angewiesen, vor-
sichtig in ihren Aeußerungen und noch vorsichtiger in
ihren Zusagen zu sein, wenn irgend eine solche von
ihnen gefordert werden sollte.
,, Kleidet Euch,'' hatte er zu der Tochter und zu
der Schwiegertochter gesagt, ,wie zu jedem anderen
Besuch. Macht der Fürstin aus der Ferne Eure
Verbeugung, damit Ihr es womöglich vermeidet, ihr
die Hand küssen zu müssen.?
, Aber sie ist doch eine Fürstin und eine so
herablassende Frau!'' gäb Justine zu bedenken.
,,Sie ist nicht die Königin, die Landesmutter;
und einer Fürstin, welche wie diese ihren Ruhm

=- Ig-
darin sucht, die Gleichheit der gebildeten Menschen
innerhalb der Gesellschaft behaupten zu wollen, huldigt
man am Besten, wenn man sich zu ihrer Ansicht bekennt,
das heißt, sich so verhält, daß sie sich nicht herabzu-
lassen hat, um sich mit den Anderen auf gleichem
Boden zu befinden. Ist sie wirklich so freien Sinnes,
als sie sich zu zeigen liebt, so müüssen ihr Menschen,
die sich frei fühlen wie sie, die Willkommenen sein.
Ich habe sie nicht gesucht, sie hat den Schritt gethan;
so hat sie mich und die Meinen als das, was wir
sind, in Freiheit und Unabhängigkeit auufzunehmen.
Richtet Euch darnach!'
Eine Stunde später öffnete der Diener der
Fürstin ihnen das Zimmer derselben. Obschon sie
es zu nutzen gehabt, wie es sich ihr geboten, hatte
sie es doch im Verlauf der Zeit nach ihren Bedürfnissen
umgemodelt. Keines der Möbel stand, wie es die
Gewohnheit mit sich brachte, und doch schien Alles
an seinem rechten Platz zu sein.
Die eine Fensterecke stellte für sich ein kleines
Schreibzimmer dar; in der andern hatte man zwei
Sopha so gegen einander gerückt, daß in ihrem Drei-
eck ein kleiner Theetisch Platz gefunden. Vorhänge
von einem schweren, einfachen Stoff verhüllten die
Fenster und hingen vor der Thüre herab, die sich
nach der Hausflur öffnete. Das Zimmer war nur
mäßig erhellt.
Im Eintreten sahen sie, wie die Fürstin sich
vom Schreibtisch erhob und den Armleuchter, der ihr
gedient, selbst nach dem Theetisch hinübertrug, und
hörten, daß sie dem Diener den Befehl gab, den
Prinzen herbeizuholen. Das alles brauchte nur einen
Augenblick; dann wendete sie sich zu Darner und
den Seinen.
, Seien Sie mir willkommen allzumal!'' sagte

- AH --
sie ,und lassen Sie uns hoffen, daß wir uns neulich
zu guter Stunde begegnet sind !? -- Sie nöthigte
danach Darner, auf einem Sessel ihr zur Seite
Platz zu nehmen, wies die Nebrigen mit schöner
Handbewegung an, sich niederzulassen, wie es sich
eben machte; und in der Ruhe, in der ernsten
Haltung, in der dunklen und fast strengen Tracht
erschien sie nicht nur den Frauen und seinem Sohne,
sondern auch Darner schöner und fürstlicher als in
der glänzenden Kleidung bei dem Lichtgefunkel des
Ballsaals, und in der sprüühenden Lebendigkeit, in
welcher sie sich dort gezeigt.
Das schwere schwarze Gewand schmiegte sich fest
an ihre Gestalt, aus dem Stuartkragen sah der schlanke
weiße Hals nur wenig hervor, und das braune, auf
der Stirne leicht gelockte und oben auf dem Haupte
zu einem kronenartigen Kranze eng zusammengeflochtene
Haar, war ihr ein schönerer Schmuck als die Edel-
steine, die sie an jenem Abende in demselben getragen
hatte.
,Wundern Sie sich nicht,'' sagte sie zu Darner,
,, wenn ich Sie gleich mit der Frage angehe, ob Sie
nichts Neues erfahren haben. Die Unthätigkeit, zu
der man verdammt ist, macht die Stunden so lang-
sam hinschleichen. So oft die Glocke an der Thüre
erklingt, meint man, es müsse etwas geschehen sein,
man müüsse eine Kunde, eine erwünschte Botschaft
erhalten; und ist der Tag vorüber, so legt man sich
mit derselben Sorge, die man bisher getragen, mit
demselben Schmerz zu Bett, um am nächsten Morgen
mit der gleichen sorgenden und hoffenden Frage zu
IFFF;;,? H- = =- == ===-e=
,Nichts, durchlauchte Fürstin, als was die

=- Zs -
Zeitungen berichten und was von den Nachrichten
sich verbreitet, welche der Hof und die Behörden er-
halten. Dem Handel sind die Lebensadern derart
unterbunden, daß von einem Verkehr nach außen
kaum die Rede sein kann, und daß man einander
also wenig zu berichten hat.?
Währenddessen war der Prinz bei seiner Mutter
erschienen und hatte sich zu Frank und den beiden
Frauen gesellt. Man war auf den neulichen Ball,
auf die kleinen Ereignisse des Tages zu sprechen
gekommen. Es ward dabei unwillkürlich verschiedener
Personen aus der bürgerlichen Gesellschaft gedacht,
und es erwies sich, daß die Fürstin in den Verhält-
nissen derselben, namentlich aber in denen der
Darner'schen Familie, wirklich vollständig unterrichtet
war, wie sie es auf dem Feste behauptet hatte.
Der Diener reichte den Thee herum, die jungen
Leute setzten sich zusammen, Darner und die Fürstin
blieben einander allein überlassen.
,Sie können sich nicht vorstellen,' sagte die
Fürstin, ,wie oft ich mir in den letzten Jahren ge-
wünscht habe, ein Mann zu sein, wie oft ich gedacht
habe, die Natur vergreife sich bisweilen und setze
eine Männerseele in einen Frauenkörper. Ich bin
nicht auf das Warten angelegt, und doch ist Warten
die Bestimmung der Frau! Warten, ob sich Jemand
findet, der sie heirathet; abwarten, in welche Lebens-
lage er sie führt; warten und immer warten! und
nirgends ein Wollendürfen, ein Thun nach freier
Wahl! Als mir vor dem Jahre Baron von Strom-
berg Ihre Lebensgeschichte erzählte, wie er sie von
Ihrem Sohne und von Ihnen erfahren, kamen Sie
mir beneidenswerth vor, und ich wünschte schon damals,
Sie kennen zu lernen, um Sie wie heute zu fragen:
,WJie ertragen Sie dies Warten in Schmach und

=- 9?=-
Knechtschaft, zu dem wir alle gezwusgen sind, zu dem
die Welt verdammt ist?
,Wie Sie, Durchlaucht! mit Neberwindung meiner
eigenen Natur, mit dem Bestreben, mich in den
Gedanken zu finden, daß die Gesammtheit in der Zu-
kunft ausführen wird, was die vorahnende, planende
Phantasie des Einzelnen in der kurzen Spanne Zeit
vielleicht nicht zu erreichen vermag, die wir ein
Menschenleben zu nennen gewohnt sind.?
, Also Ergebung in den Willen Gottes?
Darner schwieg.
, Sprechen Sie Ihr letztes Wort aus. Ich bin
zu denken gewohnt und nicht schreckhaft.?
Darner sah sie prüfend an, dann sagte er:
, Ohnmacht vor einem Unbegreiflichen, neben dem
Bedürfniß der Lebenskraft, sich zu bethätigen, so
lange sie währt.
Die Fürstin verstummte. Das ausgesprochene
Wort übte seine zwingende Gewalt über sie aus.
Sie faltete unwillkürlich ihre Hände.
, Ich glaube an Gott und an seine Vorsehung !''
sagte sie mit bewegter Stimme.
, So zerstören Sie den Glauben nicht in sich,
wenn Sie eine Stütze in ihm finden, und zerstören
Sie ihn in Niemand, den er trägt. ?
, Und wie halten Sie es mit den Ihren?? fragte
die Fürstin.
Und abermals zögerte Darner, ihr zu antworten.
Endlich sagte er:
, Es ist eine Beichte, die Sie von mir verlangen,
Durchlaucht, und ich weiß nicht, wie ich dazu komme,
sie vor Ihnen abzulegen. Aber auch das ist ein
Zeichen der Zeit, daß Sie, die auf den sogenannten
Höhen des Lebens geborene Frau, von mir, dem als
Lewald. Die Familie Darner. Ul.,

y
==- IF -
Höriger geborenen Knechte, eine solche Beichte als
maßgebend verlangen.?
,,Die Erzväter und der Erlöser waren Kinder
des Volkes !? fiel die Fürstin ihm in das Wort.
Er beachtete es nicht, und mit dem ganzen
wuchtigen Ernste seiner Person sagte er:
, Ich habe in diesen drei letzten Jahren, durch
äußere Umstände und innere Erfahrungen bestimmt,
eine völlige Wandlung in mir zu erleben, und danach
eine Wandlung in meiner Handlungsweise durchzu-
führen gehabt.- Ich hegte den Gedanken, daß eine
großartige Vereinigung des Kapitals, des Kaufmanns-
standes, dahin führen könnte, der Welt den Frieden
zu erhalten. Der Gedanke war insofern ein Irr-
thum, als auch er auf die Herrschaft eines einzelnen
Standes, auf eine einseitige Macht gebaut war. Das
maßlose Verderben, daß die Macht in eines Menschen
Hand über die Welt heraufbeschworen, hat mir die
Gefahr aller einseitigen Herrschaft klar gemacht.
Was ich darnach an Baron Eberhard Stromberg er-
lebt, hat mich bedenklich gemacht über die unbedingte
einheitliche Gewalt selbst innerhalb der Familie.?
, Und Ihre jetige Weltanschauung, worauf läuft
sie hinaus ? unterbrach ihn die Fürstin, mehr und
mehr von ihm angezogen.
,Auf das Schaffen jedes Einzelnen an seinem
Platze zu einem Zusammenwirken Aller; auf möglichst
freie Entwicklung der Anlagen jedes Einzelnen für
eine gemeinsame Bethätigung. Auf --'-
,, Auf die Lehren des Christenthums,? rief die
Fürstin, ,oder auf die Grundsätte der Revolution,
auf Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit?
, Ja und nein, nach beiden Lehren hin. Sind wir
doch auf beiden Wegen ein Ende vorwärts gegangen.?
,, Und werden wir weiter gehen?

-- Iß-
, Ich glaube, ja!'-
, Auf welche Weise?
,, Wer vermag das vorauszusehen?
,Als der,' fiel die Fürstin ein, ,der Alleo
weiß, der Allwissende, der Sonne, Mond und Sterne
füührt die gewiesene Bahn!'
Darner neigte ruhig das Haupt.
, Sie wollen mich nicht stören in meiner Zuuver-
sicht!'' sagte die Fürstin.
,Ich habe die Ehre gehabt, Ihnen zu sagen,
durchlauchtigste Fürstin, daß das ferne von mir liegt. ?
, Und Sie denken deshalb nicht geringer von
meinem Verstande !'?
, Im Gegentheil, ich denke groß von Ihnen!?
,. Und ich von Ihnen!' sagte sie und reichte ihm
die Hand. Er neigte sich, sie ihr in freier Huldigung
zu küssen; und Beide waren sie ergriffen und Einer
für den Anderen gewonnen.
Darner erhob sich.,Die Stunde ist verflossen,?
sagte er, ,welche Sie uns zugestanden hatten. Es
ist Zeit, daß wir Sie verlassen.'
Auch die Fürstin hatte sich erhoben. ,Ein Wort
noch!'' sagte sie.,Das Nächste an seinem Platze
thun, heißt, wenn ich Sie recht verstehe, füür uns:
Niederwerfung der Fremdherrschaft, Erhaltung und
Erhebung Preußens, dessen Bürger ja auch Sie sind.
Mein Sohn, der Ihre, Baron von Stromberg haben
einander im wissenschaftlichen Verein kennen lernen.?
Sie hielt inne, er verstand den Grund dafür.
, Ich kenne die Grundsätze und Absichten des
Vereins, die öffentlich eingestandenen wie die in
engen Kreisen ausgeübten, nnd ich fördere sie, so
weit es an mir istl'
, Sie sind Mitglied des Tugendbundes!' sagte
die Fürstin freudig.

- P00--
, Nein, Durchlaucht! Den Zweck des Bundes,
sich und Andere fähig zu machen für den Dienst des
Vaterlandes, sich Dpfer aufzuerlegen, sich zu be-
schränken in jedem Sinne, um Mittel zur Hand zu
haben in der Stunde, in der man ihrer bedüürfen
wird, den billige ich, dem diene ich; der Name des
Bundes ist mir zu aristokratisch, zu anspruchsvoll,
oder zu romantisch, wenn Sie wollen,'' setzte er ein-
lenkend hinzu. ,Wir leben nicht mehr in den Zeiten
der Ritter ohne Fuurchi und Tadel, die sich in Bünd-
nisse zu sondern und als eine erhabene Brüderschaft
hinzustellen hatten. Wir haben ohne Redensart das
Unsere für unseren Zweck zu thun. Das ist unsere
Pflicht; und weil unser Vortheil es erheischt, ist es
keine besondere Tugend. Mag die Phantasie der
Jugend ihre Freude an dem flimmernden Paniere
haben, unter dem sie sich ihrer Pflicht unterzieht--
für einen Tugendhelden bin ich nicht gemacht. Ich
wünsche für Alle, was ich fir mich begehre: Freiheit,
für den Handel, Frieden für die des Friedens be-
dürftige Menschheit - und darin finde ich eine be-
sondere Tuugend nicht!'?
,,Es ist etwas Großes um die Wahrheit!'' rief
die Fürstin.
, Neberschäten Sie auch diese nicht, durchlauchtige
Frstin,' wendete Darner ihr ein; ,in diesem Falle
war sie auch nuur ein Mittel zum Zweck. Ich durfte
Ihre Zeit länger nicht beanspruchen!
Er gab den Seinen ein Zeichen, die Fürstin hielt
ihn länger nicht zurück.
,Ich sehe Sie bald einmal in Ihrem Hause,''
sagte sie, ,ich komme, Ihnen zu danken für Ihren
heutigen Besuch. '
Sie reichte Justinen die Hand, die sie ihr küßte
und ebenso that auch Virginie.

P
=- ,ß! --
Als sie sich draußen in der Hausflur befanden
und der Prinz, der sie geleitet, sich entfernt hatte,
sagte Juustine:
, Verzeihen Sie, Vater, ich konnte nicht anders!?
,,Die Frau verdient es,? entgegnete er ihr kurz,
,sie ist eine große Natur!'
,=Vf11s-V-I = liVPp?lV-V -
N,szpkbe
SHifzs'
Für Eberhard gab es in seinem neuen Wirkungs-
kreise der Arbeit vollauf, und seine eigenen Angelegen-
heiten wollten auch sofort in Angriff genommen sein.
Die bevorstehende Abtretung seines Majorats
hatte innerhalb seines Lebensbereiches von sich sprechen
machen, und meist Tadel gefunden. Diejenigen, welche
sich ihm am günstigsten erwiesen, schalten ihn über-
spannt, während eifrige Protestanten ihm die Absicht
unterlegten, zur katholischen Kirche überzutreten, wie
es in jenen Tagen von verschiedenen Edelleuten und
Schriftstellern geschehen war.
Von seinem höchsten Vorgesetten daxum befragt,
hatte er, ohne auf die bestimmten Thatsachen ein-
gehen zu dütrfen, sich dahin geäußert, daß eigene Er-
fahrung ihn gegen eine solche forterbende Beschränkung
der persönlichen Freiheit eingenommen habe; und der
Präsident, der ihn gern übernommen, hatte sich weiter
nicht darüber ausgesprochen, sondern ihm nur ge-
rathen, den beabsichtigten neuen Ankauf nicht zu
unterlassen, weil es dem Manne einen würdigen
Halt verleihe, wenn er eigenen Grund und Boden
unter den Füßen, und auf diesem die Verpflichtung
habe, für das Gedeihen der dort Eingesessenen mit
einzutreten.

Kapitel 10

--- 10A-
Eberhard benutzte also den ersten freien Tag, die
Fahrt nach den, zwei Meilen von seinem neuen
Aufenthaltsorte belegenen, Gütern zu unternehmen.
Der Winter war auch in Lithauen hart gewesen,
aber die Sonne wärmte schon wieder, als er in der
dritten Woche des Februar sich auf das Pferd warf,
die beiden Güter Großrasten und Kleinrasten in
Augenschein zu nehmen, die seit einigen Jahren ver-
einigt worden waren, und jetzt unter dem gemein-
samen Namen Rasten zum Verkaufe standen.
Däs Land war leicht gewellt, sein ganzer Weg
zog sich an einem der Flüßchen hin, aus denen der
Pregel sich bildet; und wohin immer er kam, sah er
einen schönen Volksschlag, hörte er deutsches Wort.
Wenn ein Reiter oder ein Gefährt an ihm vorüber-
kam, waren es Thiere von guter Zucht, deren, man
sich bediente; denn das Hauptgestüt des Landes war
in der Nähe, und das Sprichwort des alten Reiter-
volkes, daß jeder rechte Lithauer mit einem Pferde-
zaum in der Hand zur Welt komme, schien auch
unter den ihrerzeit eingewanderten Salzburgern, die
Preußen gastlich aufgenommen, als sie aus Dester-
reich vor der religiösen Verfolgung geflohen waren,
noch seine Geltung zu behaupten.
Zwei Brüder Wildauer, der eine mehr, der
andere weniger begütert, hatten sich einst hier am
Wasser, am Fuß eines Hügels, der, ganz mit Eichen-
wald bedeckt, das Thal zu seinen Füßen gegen den
Nordost schützte, mit ihren Familien festgesetzt, und
dem Lande, das sie erworben und getheilt, in dem
sie nach langem Wandern die neue Heimat gefunden,
den Namen von Großrasten und Kleinrasten beigelegt.
Sie waren von Anfang an gut vorwärts gekommen.
Ihre Nachkommen hatten im langen Laufe der Zeit

=- 10Z =-
beträchtliches Vermögen erworben, hatten andere
größere Güter gekauft; und während es jetzt in
Preußen in seinen verschiedenen Provinzen, im Handel
und im Beamtenstande Wildauers gab, die alle von
jenen eingewanderten Salzburgern abstammten, zählten
ein Paar von ihnen zu den reichsten Grundbesitzern,
zu den tüchtigsten Landwirthen im Gumbinner Kreise,
und hatten Ruf erlangt auch durch die Zucht von
veredelten Pferden, die sie betrieben. In dem letzten
Jahrzehnt aber hatte Niemand von der Familie mehr
in Rasten gelebt. Es war durch einen Verwalter
bewirthschaftet worden, und als guter Rechner hatte
der Besitzer Sorge dafür getragen, die Schäden,
welche der Krieg hier so wie aller Orten dem Lande
und den Gebäuden zugefügt, soweit es angezeigt war,
ausgleichen zu lassen; gewiß, daß diese Auslage sich
im Fall des Verkaufes einbringen werde.
Die Sonne war schon früh am Tage aus dem
Gewölke hervorgekommen, der Wald über Rasten
funkelte mit seinen beschneiten und gefrorenen Bäumen
in ihrem Lichte, als Eberhard sich ihm nahte; und
wie er dann um die Westseite des Hügels herumkam,
lag das Wohnhaus plötzlich vor ihm. Es war sechs
Fenster breit, hatte die Hausthüre in der Mitte, die
Fenster zeigten sich breit und hoch genug, das Erd-
geschoß wohl unterkellert, das obere Stockwerk niedriger
als das untere. Nirgends ein Zierat, nirgends ein
Schmuck, außer zwei neu aufgestellten steinernen Vasen
auf den- Pfosten des Gartenthores zur linken Seite
des Hauses. Ein freundliches Haus, wie es in jeder
Vorstadt jedes beliebigen Ortes an seinem Platze ge-
wesen wäre; aber freilich, an Waldritten durfte man
dabei nicht denken:
Eberhard hatte den Tag seiner Ankunft gemeldet,
um sicher zu sein, daß er den Inspektor zu Hauuse

=
,. -
-=- JßZ--
treffen, das Gut in Augenschein nehmen, die Bücher
und die es betreffenden Papiere einsehen könne.
Der Inspektor, ein noch junger Mann, kam ihm
entgegen. Er war unverheirathet, eine ältere Frauens-
person hielt ihm das Haus. Mit ländlicher Gastlich-
keit lud er den Bacon ein, sich zuerst zu erfrischen
nach dem Ritt in der kalten Luft.
Er nahm ihm selbst das Pferd ab und rief
einen Burschen herbei, es fortzuführen.
, Sie können es ihm ruhig überlassen, Herr
Baron, er ist bei den Pferden hergekommen und
Alles ist in Ordnung in den Ställen!'r sagte er.
,, Wir haben, wie wir das französische Gesindel nur
wieder los waren, erst für die Pferde und das Vieh
gesorgt und dann fürs Haus. Sie werden die Ställe
und Wirthschaftsgebäude ganz im Stande findeu, mit
dem Hause freilich ist kein großer Staat zu machen.?
Eberhard erwiderte, darauf komme es auch zu-
nächst nicht an. Er sah, wie der Bursche seinem
Pferde eine Decke überwarf, die er aus dem warmen
Stall geholt, und es langsam auf der Sonnenseite
des Hofes hin und wieder führte. Dann begab er
sich mit dem Inspektor in das Wohnzimmer. Das
schlichte Frühstück stand bereit, ward schnell verzehrt,
zund die Besichtigung des Gutes begann in allen
seinen Theilen.
Eberhard fand die Verhältnisse günstiger noch,
als er sie hatte erwarten dürfen. Ein paar Stunden
gingen darüber hin. Nach der Wanderung mit dem
Inspektor aßen sie zu Mittag, dann ging es an die
Einsicht der Bücher, der Dokumente. Die letzteren
waren in Ordnung, die ersteren erwiesen sich als gut
geführt. Eberhard wußte, was er wissen mußte, und
wollte den Rückweg bei Zeiten antreten, um vor der
Dunkelheit nach der Stadt zu kommen.

=- 10H =-
Der Inspektor hatte ihn für kurze Zeit verlassen.
Eberhard ging langsam durch die Stuben, die, vorn
durch den Hausflur getrennt, nach hinten durch das
größte Gemach des Hauses, das Gartenzimmer, zu-
sammenhingen; aber auch dieses war nicht groß, nicht
hoch. Er maß es mit den Auugen. Das Bild seines
Ahnherrn, das er kopiren lassen wollte, war außer
allem Verhältniß zu dem Raume; selbst die Bilder
seiner Eltern, die mitzunehmen er sich vorbehalten,
waren schwer in ihm unterzubringen, wenn sie nicht
unvortheilhaft erscheinen sollten.
Wie er sich darauf betraf, daß ihn dies beschäf-
tigte, wie er überlegte, ob er die Bilder seiner Eltern
nicht in den beiden Ecken des Saales aufstellen könne,
mußte er über sich selber lächeln, und er vermochte
doch nicht, sich zu tadeln. Alte Gewohnheit und
Ehrfurcht und Liebe vor der Vergangenheit seines
Geschlechtes, fielen in seinem Empfinden in eins
zusammen; und wie er Mühe hatte, Waldrittens hier
nicht vergleichend zu gedenken, so hatte er Mühe, es
sich vorzustellen, daß er sich mit diesem Gute fest-
binden solle an den Landestheil, mit welchem keine
Erinnerungen ihn verknüpften, der ihm und in welchem
er fremd war, er und sein Name.-- Die enge,
ärmliche Wohnuung in Königsberg hatte ihm nie die
Seele eingeengt. Dies Haus umfing ihm den Sinn,
und er öffnete trotz der Kälte, die hereindrang, die
Flügel der Thüre, um hinauszusehen in den Garten,
der sanft hinanstieg nach dem Walde, in den er
auslief.
,Also hier!'' sagte er zu sich selber,' während er
nach raschem Umblick die Thüren wieder schloß, als
der Inspektor ihm melden kam, daß sein Pferd vor-
geführt sei und ihn erwarte.
Er half danach dem Baron dienstwillig in den

--
==- Jßs --
mit Schnüren und Brandenbourgs verzierten grünen
Jagdrock; und wie dann auch die Wirthin in den
Flur hinaustrat und Eberhard ihnen beiden für die
Aufnahme und die gut gegebene Auskunft gedankt
hatte, setzte er hinzu:
,Ich denke, ich bin wohl nicht zum lettten Male
hier gewesen und wir sehen uns wieder. Zch schreibe
heute noch an Herrn Wildauer, ziehe in der Stadt
noch die nöthigen Erkundigungen ein, und es sollte
mir recht sein, erwiesen die Verhältnisse sich so, wie
sie mir erschienen sind, und könnten wir uns ver-
ständigen, Herr Wildauer und ich.?
Der Inspektor ging im Gespräch neben dem
Pferde des Barons noch bis zum Thor des Hofes
mit, das er ihm selber öffnete; dann gab Eberhard
dem Pferd die Sporen und ritt davon. Aher schon
nach wenigen Minuten hielt er noch einmal an und
blickte nach dem Hause zurück.
,Das ist eine Welt, das ist Deine Welt!r sagte
er zu sich selbst, und getheilt zwischen Berechnungen
und sehr wechselnden Empfindungen, ritt er in raschem
Trabe nach der Stadt, die er noch zeitig genug er-
reichte, um den Justizkommissarius aufzusuchen, welchen
der Besitzer von Rasten mit dem Betrieb des Ver-
n kaufes beauftragt hatte. Er war Eberhard auch von
Seiten seiner jetzigen Vorgesetzten und Kollegen als
ein zuverlässiger Mann bezeichnet worden.
Alles in der Angelegenheit fand sich, wie die
Angaben gelautet hatten, es war im Grunde nur
zuzugreifen; und als Eberhard dann Abends die
Sache mit all ihren Folgen für seine Zukunft noch
einmal in sich erwogen hatte, kam er zu dem Ent-
schlusse, dasjenige, was er thun wollte, auch sofort
zu thun und die Anzeige zu machen, daß er Rasten
kaufen, daß er das Gut übernehmen werde, sobald

-- 1(? -
er sein Stammgut dem künftigen Majoratsherrn
überantwortet habe, daß auch der Zahlungstermin,
den man ihm vorgeschlagen, ihm genehm sei.
Wie er das niedergeschrieben hatte und seinen
Namen unterzeichnen wollte, hielt er plötzlich inne.
Sie lag ihm so fest und sicher in der Hand, die
Unterschrift: ,Eberhard von StrombergWaldritten.'?
Damit sollte es nuun vorbei sein ein für allemal;
und wie man ein Gewand anversucht, das man nie
vorher getragen, mtuußte er es mit dem Namen ver-
suchen, der künftig ihn von den anderen Strombergs
als Merkzeichen zu unterscheiden hatte.
,, Von Stromberg-Rasten! sagte er halblaut vor
sich hin; aber fremd, wie der Klang sein Ohr be-
rührte, mißfiel er ihm doch nicht. ,Von Stromberg-
Rasten! Eberhard von Stromberg-Rasten!' wieder-
holte er. Dann unterschrieb er einfach seinen Namen
ohne die bisherige Zufügung des Erbsitzes. Der
über seine Zukunft entscheidende Schritt war nun
gethan.
Vier Wochen später erfolgte die Zahlung der
Kaufsumme für Rasten durch das Haus Lorenz
Darner, dem der General die Ablösungssumme für
Waldritten zugewiesen; und Eberhard erbat und er-
hielt von seinem Präsidenten einen yerlängerten Ur-
laub für die Osterzeit, um wäährend desselben Wald-
ritten seinem Vetter zu übergeben und die lebersiedelung
der Gegenstände zu besorgen, die er von Waldritten
nach Rasten mitzunehmen dachte.
Die Ostern fielen in dem Jahre nach dem Früh-
lingsanfang in die letzten Tage des März, und es
konnte also auch im nordischen Preußen wieder ein-
mal die Rede von grünen Ostern sein. Die Zweige
des Buschwerkes und der Birken schimmerten schon
grünlich, hie und da drängten die haarigen grauen

=- Jß-
Knospen aus ihnen hervor, und der Rasen begann sich
unter dem Sonnenlichte neu und frisch zu färben.
Obschon es Eberhard nicht leicht fiel, hatte er
seinem Nachfolger den Vorschlag gemacht, ihm Wald-
ritten persönlich zu übergeben. Er wünschte damit
den Leuten, die seinem Geschlechte durch die letzten
Jahrhunderte eigen gewesen waren, sein Verhältniß
zu dem Wechsel so weit als möglich begreiflich zu
machen; er wünschte ihnen den neuen Besitzer nicht
als einen Fremden, oder als einen ihm und ihnen
feindlich gesinnten darzustellen, und zugleich sie dessen
Wohlwollen zu empfehlen.
Er war also mit Baron Johannes übereinge-
kommen, daß dieser seinen Weg von der Grenze über
Gumbinnen nehmen, Eberhard abholen, und daß man
dann die Reise nach Waldritten gemeinsam fortsetzen
solle. Johannes stellte sich denn auch rechtzeitig in
Gumbinnen ein, und ohne Aufenthalt machten die
beiden Vettern sich auf den Weg.
Sie hatten einander nie zuvor gesehen, waren
aber in den letzten Monaten durch einen lebhast
geführten brieflichen Verkehr einander näher getreten,
und der General hatte nicht zu viel gesagt mit der
Behauptung, daß sie sich in ihren Anschauungen
begegnen, daß sie sich mit einander verständigen
würden.
Baron Johannes war jünger als Eberhard, war
wie dieser eine schöne, stattliche Erscheinung, und
gleich bei dem ersten Begegnen machten Beide die
sie anmuthende Bemerkung, daß die Stammeseinheit
in ihren Figuren wie in ihren Zügen und in ihren
Farben ganz unverkennbar war.
Wie es sich für den reichen Edelmann geziemte,
hatte Baron Johannes in seinem eigenen Wagen mit
Postpferden die Reise gemacht; aber obschon man von

-- JßI-
Gumbinnen zeitig abgefghren war, hatte man Königs-
berg doch nicht früh genug erreichen können, um an
die Fortsezung der Fahrt nach Waldritten zu denken,
das Eberhard, als wäre es noch sein eigen, den
Vetter in gutem Lichte erblicken lassen wollte. Man
hatte sich also entschlossen, in Königsberg zu nächtigen,
und da die Stunde es zuließ, machte Eberhard seinem
Vetter den Vorschlag, ihn noch am Abend in das
Darner'sche Haus zu seinem Freunde Frank zu führen,
und somit zugleich die Bekanntschaft zwischen ihnen
als Geschäftsleuten und Gutsnachbarn zu vermitteln.
In Franks Behausung angelangt, erkundigte
Eberhard scch, ob die Herrschaft anwesend und zu
sprechen sei, und verlangte auf die bejahende Antwort,
mit seinem Begleiter gemeldet zu werden.
, Ach,'' rief der Diener, ,haben Sie nur die
Gewogenheit, sich heraufzubemühen, Herr Baron, die
Herrschaften wexden ja so glücklich sein!'' und des
Sprüchworts gedenkend:,So der Herr, so der Knecht,'
ließ Eberhard den jungen Menschen vorangehen und
folgte ihm sofort.
- Er hörte, oben angelangt, die Frage, ob Herr
Baron Stromberg empfangen werden könne, vernahm
von Franks Munde den Bescheid: ,Mit offenen
Armen!'' und dem Worte folgte die That im nächsten
Augenblick. Auch Justine, die sich angenehm über-
rascht von ihrem Platze erhoben hatte, trat, ihren
Lorenz auf den Armen, den beiden Edelleuten froh
entgegen.
Baron Johannes war bald vorgestellt; Lorenz,
in seiner Kraft und Größe und um seiner klugen
Augen willen, gebührend bewundert, hatte ohne Scheu
den beiden Fremden die Hand gegeben, bevor die
Mutter ihn hinausgetragen hatte; und Fragen und
Antworten über Waldritten und über Rasten, Er-

-=-- T10 -
kundigungen nach den beiderseitigen Angehörigen und
nach den gemeinsamen Bekannten gingen in schnellem
Wechsel von Mund zu Mund, wäährend Justine den
Thee bereitete.
Die Fremden erfuhren, daß Darner in einer
Sitzung der Kaufmannschaft sei, weil man ein Gesuch
-an die Regierung berathe, das einen erleichterten
Grenzverkehr betreffe. Baron Johannes entgegnete
darauf, daß man in Rußland schwerlich werde auf
derartige Wünsche eingehen können, weil französische
Emissäre die Ostgrenze Rußlands beobachteten, um den
Handel und die Einfuhr englisch-indischer Produkte
zu verhindern, daß man in Rußland sich bereits in
dieser Beziehung gegen unstatthafte französische Ver-
langnisse zu wehren habe; und ehe man sich des
versah, befand man sich auch hier wieder auf dem
Pfade der öffentlichen Angelegenheiten, inmitten der
Unsicherheit und der Sorgen, deren sich zu entschlagen
nicht mehr möglich war.
Johannes gab den Gedanken, welche sich bei
der Wendung der Unterhaltung auch in den Anderen
regten, zuerst den Ausdruck.
,,Es ist etwas Fürchterliches darin, sagte er,
,,daß nirgends in der Welt mehr dem Menschen ein
erfreulichs Beruhen in dem eigenen Glück gegönnt
ist, daß man überall von Großthaten reden hören
muß, die man verabscheut, und von immer neuen
Kriegen, welche uns eine wahre Sehnsucht nach der
spießbürgerlichen Ruhe einflößen, in der man Herr
über sich selber ist. Und es ist kein Ende abzusehen,
denn die Unternehmungen folgen immer rascher auf
einander und gehen immer mehr ins Weite.r
,Jeder Stand, oder sagen wir jeder Lebens-
beruf,? sagte Frank darauf, ,macht nach seinen Er-
fahrungen sich sein eigenes Urtheil über die Menschen

-- PP ! ---
und ihr Thun und Treiben zurecht. Wenn wir
Kaufleute Kaufleute vor Augen haben, die sich mit
gesteigerter Hast in immer neue gewagte Unter-
nehmungen einlassen, so befestigt das keineswegs das
Vertrauen zu ihnen und zu ihrem Fortbestehen.?
, Wie meinen Sie das?' fragte Johannes, ,und
beziehen Sie das auf Napoleon?r
, Ja,' sagte er.,Die Finanzen Frankreichs sind
ganz und gar zerrüttet, die Steuereinnahmen im
Voraus durch angestellte Agenten verwerthet, die
bedeutendsten Finanzleute des Handelsstandes, wie
Duvrard und seine Genossen, deren Rath und Ver-
bindungen öft ausgeholfen, sind von der Regierung
für Handlungen zur Rechenschaft gezogen, die sie
selbst veranlaßt hat; und die Hilfe, welche die er-
zwungenen spanischen Subsidien bringen sollten, bleibt
aus. Sie können nur aus den Kolonien herbeige-
schafft werden, und England hindert das Auslaufen
der Schiffe aus den transatlantischen Häfen. Frank-
reich kann nichts dagegen thun, denn seine Seemacht
ist zerstört. Im Westen ist also für Napoleon kein
Ausweg offen. Das wird und muß ihn also--
, Nach Osten treiben? fragte Eberhard.
, Ja! Wenigstens ist mein Vater dieser Neber-
zeugung.?
Es entstand eine kleine Pause, das Wort war
ins Gewicht gefallen.
,,Du hast mir einmal hier in diesem Zimmer,
sagte Eberhard darnach, ,als Du mich in die Kunst
der Buchführung einweihtest, von Deines Vaters An-
sichten über den Einfluß gesprochen, welchen der
Handelsstand mit seinem Geldbesitz auf die Gestaltung
der politischen Verhältnisse auszuüben vermöchte, wenn
er sich als Stand zusammenthäte. Hält er noch fest
an dieser Ansicht??

=- 11Z--
,Die Idee hat durch die Wandlungen und Er-
fahrung der letzten Jahre eine veränderte Gestalt in
ihm gewonnen, und sie findet doch wieder ihre Be-
stätigung eben in des Kaisers Fall. Es will nicht
mehr gehen mit den neuen Anleihen; und der Krieg
zuß ihm das Kriegen, Siegen und Erobern möglich
Hnachen, bis er sein Ziel, die Weltherrschaft erreicht,
oder-== ?
,Wenn es erreichbar ist,'? schaltete Eberhard ein.
;Seine Heere stehen ja schon wieder auf deut-
schem Boden,' fuhr Frank fort, ,und die letzten
Nachrichten, welche wir in diesen Tagen bei Anlaß
einer der selten gewordenen Estafetten von unseren
Geschäftsfreunden aus Paris erhalten haben, sprechen
von seinem bevorstehenden Abgang zur Armee. In
Desterreich ist man zum Kampf bereit; in -Jtalien
sieht man, wie mein Schwager schreibt, ebenfalls den
größten Umgestaltungen entgegen.?
, Und welche Nachrichten haben Sie von Ihrer
Frau Schwägerin? erkundigte sich Eberhard, dem
diese Frage auf den Lippen geschwebt, seit er den
Raum betreten. Er hatte sie an Justine gerichtet,
da die beiden Anderen mitten in ihrer Unterhaltung
über die neuesten Ereignisse waren.
Justine hakte die Frage erwartet.
,,Dolores schreibt einmal in jeder Woche,' sagte
sie, ,und hat immer viel zu melden, denn ihr Leben
vergeht in einem beständigen Wechsel. Sie sind -
dort schon in einem so vollen, sommerlichen Früh-
ling, daß es sie an ihr Geburtsland mahnt; und
seit der Rausch der Neuheit und die Rastlosigkeit
des Karnevals vorüber sind, kommt doch auch wieder
die hiesige nordische Heimat, und kommen auch wir
allmälig ihr wieder in den Sinn und zu unserem
Recht.

=- P1Z--
,Sie sind eifersüchtig? fragte Eberhard, sehr
zufrieden mit sich, daß er zu der Freiheit gelangt war,
in solcher Weise von Dolores zu sprechen.
, Eifersüchtig? Wie können Sie das denken? Wir
haben es ja zu segnen, wenn ihr Mann, wenn ihr
jetziges Leben sie ganz gefangen nehmen; aber-- es
urtheilt zuletzt ein Jeder nach sich selber.-- Es lag
bisher für mich etwas Unbegreifliches in ihrer völligen,
ausschließlichen Hingabe an ihre neuen Verhältnisse.
Ich stand jedoch mit dieser Verwunderung allein.
Mein Mann fand Dolores' Weise durchaus in der
Ordnung, denn jeder Mann erwartet ja,? setzte sie
scherzend hinzu, ,daß wir nichts mehr denken und
lieben sollen als nur ihn. Virginie hat ihre Er-
fahrungen noch nicht gemacht; und unser Vater hält
sich wie überall an die Thatsachen.'?
Eberhard war ein guter Beobachter, und wie
hätte er's nicht sein sollen bei einem Gegenstande,
der ihm so sehr am Herzen lag. Er kannte Justine.
Sie war keine von den Frauen, welche die Lust am
Sprechen gegen ihren Willen fortreißt. Sie war ernst-
haft gewesen in der Antwort, die sie ihm gegeben,
hatte ihn dann mit der allgemeinen scherzenden Be-
merkung über die Männer abzulenken getrachtet; aber
er mußte wissen, was sie ihm nachträglich vorent-
halten zu wollen schien; und mit der Bestimmtheit,
welche eine ebenso bestimmte Antwort erheischt, fragte
er, was sie von der Zurückhaltung ihrer Schwägerin
denke.
Justine war inzwischen mit sich einig geworden,
ohne gleich die rechte Form zu finden für das, was
sie ihn wissen lassen wollte.
,Mein Gott, hob sie an, ,was ich nicht ver-
stehe oder vielmehr was mir so auffällt, das ist--?
Lewoald. Die Familie Darner. I

=- PIF --
sie stockte und sagte dann schnell: ,Sie wissen es
ja, ich habe Frank aus leidenschaftlicher Liebe ge-
heirathet und er mich auch, und ich habe kein so
glückliches Vaterhaus zu verlassen gehabt als meine
Schwägerin; trotzdem hielt der gewohnte Bann mich
an sich fest; und obgleich es an unserem ersten
Ehetage zu einem Zwiespalt zwischen unsern beider-
seitigen Familien kam, bei dem ich von ganzer Seele
zu meinem Manne und den Seinen stand, kamen
doch in allem meinem Glück bisweilen Augenblicke,
in denen es mich verlangte, die Tante, den Onkel
zu sprechen--
, Und Dolores?' fiel ihr Eberhard mit wachsen-
der Spannung ein.
,Nie ein Wort des Sehnens, kein Rückerinnern
an einzelnes, glückliches Beisammensein in allen ihren
Briefen! Sie sind freundlich für uns Alle; liebevoll,
mit einer Art von Religiosität für unsern Vater,
aber-' und wieder hielt sie inne und sagte dann:
, Vielleicht ist's doch nicht recht, daß ich mit Ihnen
davon spreche, grade mit Ihnen!'?
, Und mit wem denn sonst?? entgegnete ihr
Eberhard. ,Wer ist außer Ihnen tiefer betheiligt
an dem Schicksal von Dolores als eben ich? Leider
stehen wir ja vor Thatsachen, die nicht zu ändern
sind. Weshalb aber wollen wir Komödie miteinan-
der spielen? Wir sind Beide zu gut, und die Sache
ist zu ernst dazu. Meines Schweigens dürfen Sie
so sicher sein wie meiner Liebe!' setzte er mit einem
Ernst hinzu, der in seiner Einfachheit etwas Feier-
liches hatte.
,, Aus dem Jenseits würde ich mich sehnen nach
der Erde und den Menschen, die ich auf ihr ge-
liebt!' stieß Justine hervor, als Virginie in das
Zimmer trat, einen Brief in ihrer Hand.

--- 11J-
Die beiden Stromberg erhoben sich, Frank mit
ihnen, um Baron Johannes seiner Schwester vorzu-
stellen, während Virginie, Eberhard die Hand reichend,
ihn fröhlich willkommen hieß.
,,Der Diener kam gleich, mir Ihre Ankunft zu
melden,'' sagte sie, ,da er wußte, daß sie ein freu-
diges Ereigniß für uns Alle ist; ich hatte Posttag.
Eberhard meinte, das klinge ganz kaufmännisch.
, Nein, nur schwesterlich,' entgegnete sie ihm;
,aber diesmal, sie hielt ihm den Brief hin, ,lehen
Sie, Herr Baron, diesmal ist der Brief ein Buch
geworden, ein ganzes Buch! Ich hatte der Schwester
von unserer Bekanntschaft mit der theuren Fürstin
Hedwig zu erzählen--?
Und die Fürstin Hedwig und ihre Güte und
ihre Liebenswürdigkeit, und des Vaters Verehrung
füür sie, und ihr Wohlgefallen an Virginie, und,
wie diese es Eberhard im Geheimen vertraute, ihre
Aufnahme in den Tugendbund, blieben der Mittel-
punkt der Unterhaltung, bis die beiden Gäste sich
entfernten, noch bevor Darner von seiner Sitzung
heimgekommen war. ,
Als dann auch Virginie sie verlassen hatte und
Frank mit seiner Frau allein war, fragte er:
, Was hast Du mit Eberhard gehabt in Euurem
Zwiegespräch?
, Eine Erklärung, die ich geflissentlich herbeige-
führt, obschon Du sie vielleicht nicht gutheißen wirst. ?
, Du wirst immer räthselhafter,' meinte Frank,
, denn Du pflegtest doch sonst nicht absichtlich gegen
meine Meinung zu handeln.?
,, Wahrhaftig nicht,'' betheuerte sie, ,aber es giebt
ja Fälle, in denen Männer und Frauen so verschieden
empfinden, daß jeder von ihnen genöthigt ist, sich in
ihnen nach seinem Ermessen genug zu thun; und da

-- Ts --
Ihr Alle an den Briefen von Dolores es nicht merkt
oder nicht merken wollt, wie sie sich gar nicht traut,
zurückzudenken, und weil ich es auch von Anfang an
grausam gefunden habe, daß man es Eberhard ver-
Pgen, wie blutenden Herzens sich Dolores von ihm
lösgerissen r
,,Grausam, gegen wen? fragteFrank mitStrenge.
,,Gegen Dolores mehr noch als gegen ihn.
Soll ihm denn der Trost genommen werden, daß
Dolores seiner Liebe werth gewesen?=- Soll er sie
gering schäten bei der Vorstellung, daß sie in jedes
Mannes Armen glücklich zu sein vermocht, daß der
Luxus und die Weltlust, welche sie umgeben, ihr
Ersatz geworden sind für ihre und seine Liebe? Ich
bewundere Dolores, denn ich bin fest überzeugt, daß
sie nicht glücklich ist; und er soll sie bewundern und
lieben können wie bisher. Das Glück muß ihm und
ihr verbleiben !'
Sie hatte das mit großer Lebhaftigkeit gesprochen,
Frank breitete ihr die Arme entgegen.
,Also Du findest, daß ich recht gethan!r rief
sie, indem sie sich seiner Umarmung hingab.
,Nein, aber es giebt Unrecht, um dessen willen
man den Menschen liebt, der es begangen; und ein
solches ist das Deine.?
,, So hätte ich dem Bundesgenossen nicht die
Wahrheit sagen sollen, die ihm Wohlthat sein mußte?
Was ist's mit unserem Bunde, unserer Tugend,
wenn wir nicht zu einander stehen ?? sprach sie, sich
vertheidigend.
,Was Du gesagt hast, hast Du gesagt!'' er-
widerte ihr Frank, ,und soweit es Eberhard betrifft,
tadle ich Dich nicht. Aber hüte Dich, Dolores an-
zurufen auf dem Wege, den sie sich vorgezeichnet hat,
oder ihre Augen nach Richtungen hinzulenken, nach

g , ! -=
denen sie nicht sehen will. Wenn Du sie bewunderst
und liebst, und ich bin gewiß, sie verdient das Beides,
so liebe sie, wie sie sich giebt. Sie weiß am besten,
was ihr frommt.?
Justine gab sich, da sie sich aufgeregt, nicht
gleich für überwunden.
, Das heißt,' sagte sie, ,überlaß sie ihrem
Schicsal!?
, Nein! es heißt, überlasse sie sich selbst, bis sie
es anders fordert.?
Und wieder einmal war es Justinen, als blickten
sie des Vaters Augen an, als spräche seine Stimme
zu ihr; und sie liebte den Blick und den Ton, wenn
sie ihnen in Frank begegnete, und liebte ihren Mann
nie mehr und tiefer, als wenn er ihr gegenüber im
Rechte war und sie ihren Herrn in ihm erkannte.
Ig D
Elftes F=p=s
Hrnf,
Sie waren durch die nothwendigen Geschäfte
länger in Königsberg aufgehalten worden, als sie es
erwartet, und es war am Nachmittage, gegen den
Sonnenuntergang hin, als Eberhard und Johannes
das Schloß von Waldritten aus der Ferne erblickten.
,, Was für ein Bau ist das ? rief Johannes,
von der Größe und der Schönheit desselben über-
rascht.
, Ja, sie verstanden ihr Handwerk in jener Zeit.
Es sitzt sich fest und warm darin , entgegnete ihm
Eberhard, aber der Ausruf seines Vetters und der
Anblick des Schlosses waren ihm durchs Herz ge-
gangen. Er hatte es immer gern gesehen, wenn das

Kapitel 11

-- Ps -
Abendroth hinter dem Thurme erglänzte, wenn die
letzten Sonnenstrahlen in den Fenstern widerschienen
und die Dohlen und Krähen auf den obersten Firsten
ihre Nester suchten, die sie inne gehabt und in denen
sie gesessen wie die Strombergs in dem Bau.
Es sah besser aus auf den Feldern und im
Dorfe als an dem Tage, an welchemt Eberhard nach
seinen Reisen heimgekehrt war in seiner Väter, in
sein Schloß.
In sein Schloß! Noch fünf Tage war es sein.
Am zweiten Tage nach Ostern ging sein Reich zu
Ende.
Die Zäune und Hecken waren aufgerichtet, kein
Stall, kein Haus waren jetzt ohne Dach. Die Pflüger
kamen mit kräftigen Thieren von der Arbeit zurück.
Er hatte sich knapp beholfen, sich viel versagt, um es
wieder so weit zu bringen in Waldritten. Das war
seine Schuldigkeit gewesen, und er war zufrieden, daß
er sie gethan. Es blieb ja immer der Stammsitz des
Geschlechtes, es kam dem Vaterland zu Gute.
Von dem nahen Kirchthurm läuteten die Glocken
zum Charfreitag ein. Die Frauen putzten die Schei-
ben der kleinen Fenster noch vor Dunkelheit, und
scheuerten vor den Thüren die Eimer und die Kessel.
Neberal wendete man sich nach dem Wagen hin,
überall zogen die Männer die Mützen von den
Köpfen, nickten ihm die Frauen zu, ward ihm ein
guter Abend gewünscht.
Wie er an dem Haus der Braun vorüberkam,.
ließ sie die Wanne, die sie in der Hand hatte, zu
Boden fallen, und mit einem Satz an den Wagen
heranspringend und sich festhaltend an dem Schlage,
rief sie:
,Herr Baron, Herr Baron, es ist ja wohl nicht
wahr??

==- , 19-
,.tst der Junge gesund?? fragte er statt der
Antwort.
,Ia, hochgüt' Herr!-
, Schick Sie mir ihn morgen,'' sagte er, während
der Wagen rasch fortfuhr und sie zurückließ.
Vor der Thüre des Schlosses erwarteten ihn der
Amtmann und seine Frau. Sie verneigten sich tief;
man sah ihnen an, was sie bedrückte.
Eberhard ging durch das Erdgeschoß die breite
Treppe nach dem großen Saale hinauf. Er wollte
fortkommen über die ersten Eindrücke, und der Stolz
des Besitzers regte sich auch noch in ihm. Johannes
sollte den schönen Anblick, den der Saal gewährte,
und die weite Aussicht, welche er aus dem Mittel-
fenster bot, noch im besten Lichte genießen.
, Hierher!'' rief er, und wie sie durch die Reihe
der Bilder schritten, wie sie in dem vorspringenden
Erker standen, bemächtigte sich ihrer Beider die Ge-
walt des Augenblicks.
,Mögt Ihr hier dauern und glücklich sein!?
sagte Eberhard.
,Gott ist mein Zeuge, daß ich weiß, was Du
in diesem Augenblicke thust und was ich übernehme. ?
Sie schüttelten einander' die Häände, Johannes
umarmte Eberhard.
,Werde kein Fremder in diesem Hause,' bat er;
,, komm oft zu uns, zu sehen, daß wir's hier halten
in Allem, wie sich's geziemt füür uns Strombergs
überall; in Waldritten wie in Garwinden und wie
bei Dir in Rasten.'?
Und noch einmal schüttelten sie sich die Hände,
dann wendete Eberhard sich der Thüre zu, durch die
der Amtmann eintrat.
,Nun, Wernicke,' sagte er, ,da sehen Sie den
neuen Mojoratsherrn, einen Stromberg vom Scheitel

-=- P20 --
bis zur Sohle. Sie werden es leichter haben mit
Baron Johannes als mit mir. Er ist hergekommen
bei der Landwirthschaft, hat die Mittel, sie im Großen
zu betreiben, bringt eine neue junge Herrin in das
Haus und wird hier dauernd leben.'?
Der Amimann wollte sprechen, die Stimme ver-
, sagte ihm. Nur die Worte brachte er hervor:
, Ich bin ein alter Mann, Herr Baron.?
, Und ein alter, treuer Diener unseres Hauses,''
schaltete Johannes ein. ,Baron Eberhard hat mir
gesagt, daß ich, ein Fremder hier zu Lande, mich auf
Sie und Ihren Rath verlassen kann, und ich weiß
das zu schätzen. Ich denke, wir sollen zufrieden mit
einander sein.?
Der Amtmann versicherte, er wolle sein Bestes
thun. Die Frau wurde auch herbeigerufen; die
Zimmerreihen in Eile noch durchwandert, dann blieben
die Vettern für sich allein.
Sie hatten verabredet, am nächsten Tage die Kirche
nicht zu besuchen, um durch ihre Anwesenheit die
Andacht nicht zu stören, aber sie erreichten ihre Absicht
damit nicht. Unruhig richteten die Augen der Ge-
meinde sich nach dem mit Glasfenstern wieder neu
versehenen Chor, auf welchem die in der Kirche ein-
gepfarrten gdeligen Gutsbesiter ihre Plätze hatten;
denn in der ganzen Umgegend wußte man es, daß
Waldritten einen andern Herrn bekomme, und auf
dem Wege zur Kirche und bei dem Herumstehen vor
der Thüre auf dem Kirchhofe, hatte sich die Nachricht
verbreitet, daß gestern der neue Herr gekommen sei.
Sie hatten in Waldritten und überall in den
letzten Jahren Herren von aller Art gehabt: Russen
und Franzosen, Bayern und Württemberger. Heil
hatte ihnen keiner von ihnen gebracht; und nun ver-
ließ sie der rechte Herr, unter dem sie wieder vorwärts

-== 1E=
gekommen und unter dem sie frei geworden waren,
und den neuen- wer kannte den?
Es war ihnen nicht wohl dabei zu Muthe.
,Man muß ihn nur erst sehen,' sagte Steppuhn.
,,Der Kutscher vom Schloß hat's von des Amtmanns
Kathrine gehört; er ist jung und ist reich und bringt
Frau und Kinder mit und wird Winter und Sommer
da bleiben, im Schloß bleiben.?
,Im Winter auch? Das wär' schon gut,''
meinte eine von den Frauen, ,da giebt's denn doch
auch Arbeit und fällt was ab.?
Der layge Karl warf den Kopf nach hinten und
auch den Hut.
,Das Beste an der Sache ist, daß Unsereiner es
auch so machen kann.?
, Was denn?' fragte Steppuhn.
,,Gehen, wenn er will!-- Und ich für mein
Theil, ich bin ledig. Ich komm' ohn' das im nächsten
Monat unter die Soldaten, und nachher wird man
ja sehen.?
; Sie machten sich ihre Gedanken darüber, Jeder
auf seine Weise, und der Krug war noch voller als
sonst nach der Kirche, und sie blieben auch länger
dort sitzen.
Währenddessen hatte die Braunsche ihrem Jungen
noch einmal das Gesicht gewaschen und die Hände,
hatte ihm einen kleinen Rosmarintopf zu tragen ge-
geben, und war mit ihm ins Schloß gegangen.
Da sie sagte, daß der Herr sie befohlen, ward
sie gleich zu ihm gebracht. Er war oben in seinem
Arbeitszimmer mit Zusammenlegen von alten Brief-
schaften beschäftigt und allein. Die Mutter blieb mit
dem Jungen an der Thüre stehen.
,, Komm her,' rief er ihm entgegen,,Du bist
ein gut Ende gewachsen; und es ist zu sehen, Dir

-=- PF? -=-
thut jetzt kein Finger mehr weh. Thust Du auch
sonst guut, zu Haus und in der Schule?
Der Junge regte sich nicht.
,,Da ! stieß er endlich hervor, streckte die beiden
Arme aus, und reichte dem Baron den Blumen-
topf hin.
ss,Soll das für mich sein?? fragte Eberhard.
, Hochgüt' Herr,' hob die Mutter an und traute
sich näher heran. ,Es ist so damit gegangen.
Alles hatten sie ja zerschlagen in unserem Haus.
Hochgüt' Herr haben's ja gesehen. Der Topf war
stehen geblieben im Winkel, und wie ich drüber kam
und wollt' ihn wegwerfen, weil's auch nur ein
Scherben war, da war er ausgeschlagen- und da
hab' ich ihn gezogen die ganze Zeit- und - - und=
Sie fing zu weinen an, trocknete die Augen; mit der
Schürze und sagte schluchzend: ,Es ist denn doch
was von hier,'
Eberhard wurden die Augen feucht.
, Und hier soll's bleiben!r sagte er. ,Pfleg'
Sie den Topf weiter, und wenn's Sommer und so
weit sein wird, trag' Sie ihn in den Garten auf
meiner Mutter Grab, und im Herbst nehme Sie ihn
wieder nach Hause und in Obacht. Hier ist ein
Thaler, und wenn Sie den Topf gut pflegt, soll
der Herr Amtmcm Ihr alle halbe Jahre wieder
einen geben.?
hatte.
Sie küßte die Hand, die ihr das Geld gereicht
,, Und hochgüt' Herr kommen nicht mehr wieder?
, Ganz gewiß, und Ihr werdet es so gut haben
bei dem Herrn Baron wie bei mir. Er ist von
unserer Freundschast und ein guter Herr, sonst wär'
ich nicht gegangen. Sag' Sie das auch den Anderen
Allen.'?

--- PZZ--
, Gottes Segen!'' sagte sie, nahm den Juuungen bei
der Hand und ging davon.
,, Komme, was kommen mag,? sprach er zu sich
selber, als sie fort war,,Zeit und Stunde rennt
auch durch den rauhsten Tag.?-- Und durchlebt sein
wollten diese Tage, und das mit festem Herzen.
Der Pfarrer, der Küster, der Kantor, der den
Schulmeister machte, die Gutsbesitzer, die man Ostern
in der Kirche traf, Alle gingen sie ihn mit der gleichen
Frage an, Alle sprachen sie ihm das Bedauern aus,
daß er sein Erbe, die Gegend, sie verlasse; und da
es nicht darnach angethan war, Jedem von ihnen
seine wahren Beweggründe preiszugeben, erklärte er,
daß der Krieg sein Vermögen schwer geschädigt, daß
er nicht die Mittel habe, die Güter in den geforderten
Kulturzustand zn bringen und daß er sie also dem
reicheren Verwandten abtrete, dem sie ohnehin anhein-
fallen würden, wenn er ohne Erben stürbe.
amit beruhigte man sich, denn das war ver-
ständlich. Der Amtmann zeigte sich in gleichem Sinne
förderlich, und die ernste Freundlichkeit des neuen
Herrn nahm für ihn ein und machte die Hoffnuung
rege, daß man Gutes von ihm zu erwarten habe.
Der Arbeit gab es genug für Eberhard, und
die Besuche auf den Eelsitzen in der Nachbarschaft
wollten um Johannes willen ebenfalls gemacht sein.
Eberhard drängte es, fort zu kommen, und doch war
es ihm, wo er ging und stand, als hefteten seine
Füße sich auf den Boden und seine Augen an jeden
Gegenstand, den sie berührten. Als jedoch am Tage
nach dem Feste die Dokumente von den betreffenden
Behörden vorgelesen worden waren, zuckte die Hand
nicht, mit der er seinen Namen unterschrieb; aber
wie aus tiefstem Innern stieg der Gedanke in ihm
auf, so müsse der Mensch empfinden, der sich los-

e
== hZg -=
reißt von dem Leben im festen Glauben an ein Auf-
erstehen. Jetzt gehörte er sich ganz allein an.
Als Gast seines Vetters ließ er die Maße nehmen
von den Bildern seiner Eltern und von des Stamm-
herrn Bild, das in voller Größe für Rasten kopiren
lassen zu können, er nicht gehofft. Es erwies sich,
daß er die Höhe desselben überschätzt, und Johannes
sagte:
, So gönne es mir, daß ich's hier für Dich
kopiren lasse nnd es Dir bringe, sobald Du das
Bild und mich dort brauchen kannst. Der Geist des
Hauses folgt Dir ja ohnehin von selbst, ?
Das Zartgefühl des neuen Herrn hatte Eberhard
zu erleichtern getrachtet, was ihn nothwendig erschüttern
müssen. Es war ihm eine Genugthuung, daß er
Waldritten dem neuen Herrn freien Sinnes gönnen
konnte, daß er einen Freund zurückließ in dem
alten Sitz.
Er schlief wenig in der letzten Nacht. Er war
in jenes wache Träumen gerathen, das sich in Fragen
an die Vergangenheit verliert und an die Zukunft.
Wie hätte es anders sein können, wenn Darners
Sinn sich früher schon gewandelt, wenn er die Hoff-
nuung hätte hegen können, mit Aufopferung des
Majorats sich die Geliebte zu gewinnen. Aber die
Wie und Wenn hatten ihn nur zu peinigen die
Macht, sie änderten nichts an seinem Geschick und an
dem ihren. Und doch! Er erschrak vor sich selbst,
als er sich des Gedankens bewußt ward- es tröste
ihn, daß sie nicht glücklich sei, daß er sich nicht in
ihr getäuscht, daß er sie lieben konnte als das Jdeal
des Weibes.
Er erwachte nach kurzer Rast beim ersten Hahnen-
schrei. Im innern Hofe wurde es lebendig. Er
kleidete sich an und ging hinunter, als es völlig Tag

-- 12h--
geworden war. Aus dem Pferdestalle kan ihm der
lange Karl entgegen, den der Amtmann seit dem
Neujahr auf den Hof genommen und zum Reiseknecht
gemacht hatte.
Er trat festen Schrittes an den Baron heran.
,,Gnädger Herr,'' sagte er, ,das soll mir unser
Herrgott nicht umsonst gethan haben, daß ich just
hier vor ihnen stehe. Ich hab' was auf dem Herzen,
gnäd'ger Herr.
,De willst heirathen? fragte Eberhard.
, Gott bewahre, ich komme ja den nächsten
Monat fort. Nein, das nicht. ?
,, Nun, was ßnst?
Trotz seiner entschlossenen Manier stockte Karl.
, Ich weiß nicht, ob ich's mir herausnehmen darf,
gnäd'ger Herr,- aber - gnäd'ger Herr, die Frau
Baronin hat mich holen: lassen, wie ich klein war,
weil die Mutter mich reinlich gehalten, und-
,Wir haben gespielt zusammen im Garten und
auf dem Hof,' half ihm Eberhard ein, der an der
Verlegenheit des Menschen zu merken anfing, wo
hinaus er wollte.
, I, grade!' nahm Karl nun schnell das Wort.
,, Arbeiter werden der gnäd'ge Herr ja dort auch
brauchen, und gehen können wir ja nun,- und--
gnäd'ger Herr, ich-- ich möcht' nicht fort von Ihnen
---- nehmen Sie mich mit, ich steh' meinen Mann ?
Eberhard hatte Mühe sich zu halten, die treuen
Augen in dem ehrlichen Gesichte erquickten ihm das
Herz.
,Ja, sagte er,,Du stehst Deinen Mann und
Du sollst Deinen Willen haben, jedoch heuie noch
nicht.-- Es darf nicht das Beispiel gegeben werden,
daß Einer von Euch, die Ihr meine Leute gewesen
seid, den jetigen Herrn verläßt. Bleib hier und

-- 1Fs--
thue Deine Arbeit, bis Du unter die Soldaten mußt.
Bist Du ausgedienl, so melde mir's und dann sollst
Du zu mir kommen. Bis dahin rede nicht davon.
Das ist das Erste, was ich Dir befehle. Richte Dich
darnach, und es freut mich, daß Du mit mir gehen
willst. Adieu!r
,Schön Dank,-- ich rede nichts, - schön Dank,
gnäd'ger Herr, es ist gut!'?
Er ging in den Stall zurück, Eberhard hinaus
zu seiner Eltern Grab.
Ein paar Stunden später fuhr er von Waldritten
fort, Johannes blieb im Schlosse. Alt und Jung
hatten sich aufgestellt vor den Häusern, der Amtmann
und seine Frau waren nicht die einzigen, die weinten.
Von allen Ecken und Enden riefen sie ihm ihr Adieu
zu, und der Braunsche und die anderen Jungen liefen
neben seinem Wagen her, so weit ihr Athem langte.
Bevor sie die Ecke erreichten, hinter welcher das
Schloß vor dem Blick des sich Entfernenden ver-
schwand, richtete er sich im Wagen noch einmal auf.
Es war ein Segen in seinem Herzen für das
alte Haus; denn die Güte, mit welcher seine Ahnen
hier gewaltet unter ihren Leuten, war aufgegangen
in diesen Tagen in der Treue und der Liebe, die
ihm das Herz erhoben und schwer gemacht beim
Scheiden.
Er hatte jetzt die gleiche Güüte und Treue zu
üben als ein freier Mann auf seinem kleinen Eigen-
thum, und zu sehen, was dort für ihn und Andere
zu schaffen, was zu erreichen sein werde in einer Zu-
kunft, die noch in tiefem Dunkel lag für das ge-
sammte Land.

Kapitel 12

-- ? -
D --zzsf-s'
Iwölftes d-=--
Seit vielen Wochen hatte Dolores jede Kunde
von den Ihren entbehrt. Der Krieg zwischen Frank-
reich und Desterreich hatte den Postverkehr durch das
südliche Deutschland fast gänzlich unterbrochen. Die
Posten waren geplündert worden. Selbst Handels-
estafetten nach Jtalien hatten vom Norden ihren
Weg über und durch Frankreich nehmen müssen,
und die gewaltigen Ereignisse, welche die Napoleo-
nischen Bulletins der Welt in, rascher Folge zu ver-
künden hatten, nahmen jeden Menschen und vor
allen jeden in irgend einer Weise an dem Gange
der öffentlichen Dinge Betheiligten, dermaßen in Be-
schlag, daß man darüber das kleine, eigene, alltägliche
Erleben weniger als sonst beachtete.
Napoleon war siegreich bis in Desterreichs Haupt-
stadt vorgedrungen, der Kirchenstaat dem französischen
Kaiserthum einverleibt, der Papst als Gefangener nach
Frankreich abgeführt. Diese Gewaltthat erregte in
allen katholischen Landen einen Schrei der Empörung;
nnd selbst in Venedig, wo man es doch bereits er-
fahren, was es mit der Entsetzung des Staatsober-
hauptes und der Umgestaltung eines Staatswesens
auf sich habe, war die Aufregung, von den Gläubigen
getragen und von der Geistlichkeit genährt, für die
Regierung drohend, trotz der Bajonette, über die sie
zu gebieten hatte.
Es war am Ende des Mai, als endlich die von
Norden kommende Post, unter den Sachen, welche sich
in einer der süddeutschen Haupstationen angesammelt
hatten, unter den Eingängen für das Haus Joann,
den Brief mitbrachte, den Virginie vor zwei Monaten
an die Schwester gerichtet.

-=- hts -
Am Abende vorher hatte man Unruhen in
Venedig gefürchtet. Man hatte das Innere der Kirchen
wie an einem Charfreitag in Trauer hüllen wollen
und die Behörden hatten sich dem widersetzt. Die
Massen, die sich vor den Kirchen angesammelt, waren
zerstreut worden, aber man übersah es, daß die
Gläubigen in Trauerkleidern zu der Messe gingen;
und das dumpfe Schweigenz die scheuen, gedrückten
Mienen, denen Dolores selbst bei ihrer Dienerschaft
zu begegnen hatte, wirkten ebenso niederschlagend auf
sie, als die Sehnsucht nach Briefen und als der
bleierne Scirocco, der über Venedig lag.
Kein Wimpel an den Schiffen regte sich, kein
Luftzug erhob sich, die Schwüle zu durchbrechen;
selbst die Tauben, die vom Markusplatze hinaus-
flogen nach dem Wasser, bewegten ßch langsamer in
der schweren Luft als sonst, und die Dünste, welche
in der Nacht von den Kanälen aufgestiegen waren,
lagerten noch über denselben, daß man die Gebäude
an dem andern Ufer nur wie in weiter Ferne vor
sich sah.
Dolores hatte schon seit geraumer Zeit die Frische
ihrer Farbe, die anmuthige Rundung ihrer Wangen
und Formen eingebüßt. Man hatte es bemerkt, und
die Frauen hatten ihr freundlich dabei zugelächelt,
hatten ihr Muth eingesprochen, wenn sie ermattet ge-
schienen, und hatten es ihr als Schüchternheit ge-
deutet, wenn sie den Zuspruch einfach mit der Er-
klärung abgewiesen, daß sie nichts zu hoffen, nichts
zu fürchten, daß sie sich nur an das fremde Klima
zu gewöhnen, und die Folge des ihr eben so fremden,
raschen Lebens während des Karnevals zu tragen habe.
Polydor war nicht der letzte, der das veränderte
Aussehen seiner Frau gewahrte. Er hatte einen der
erfahrensten Aerzte von Padua kommen lassen; der

-- P2--
Arzt hatte zu einer Luftveränderung gerathen, aber
Polydor konnte ebensowenig daran denken, sich jetzt
von seinen Geschäften, als seine junge Frau von
sich zu entfernen; und er sah es mit zärtlicher Sorge.
wie die alltägliche Fahrt nach dem Lido, die er meist
selber mit ihr unternahm, und der mehrstündige
Aufenthalt auf demselben, die Farbe in das holde
Antlitz, die Fröhlichkeit nicht wiederkehren machte in
ihr Lcheln.
,, Nun, Dolores, rief er ihr entgegen, als er
an dem genannten Tage, mit dem Brief ihrer
Schwester in der Hand, zu ihr auf die Galerie
hinauuustrat. ,da bringe ich Dir frische Luft! Ein
Brief--r
, Von Hause? fiel sie ihm ein und langte, sich
rasch erhebend, hastig nach demselben.
Polydor hielt ihn zurück.
, Von Hause? wiederholte er; ,- Dein zu
Hause denn nicht hier, bei mir, in Deines Manneo
Haus?
, Gewiß, aber-- ich bitte Dich, Poldor, gieb
mir den Brief,' rief sie mit nervöser Ungeduld,
, gieb ihn her! Tag und Nacht hab' ich nicht Ruh'
gehabt vor Sehnsucht. Ach, Du weißt nicht, was-
es heißt, so fern zu sein von Allem, was man liebt. ?I
Er hatte es mit dem Zurückhalten des Briefes ;
auf eine Neckerei abgesehen; aber die Nachricht von ,
dem Zusammenbruch eines französischen Hauses, der
ihn mit einem beträchtlichen Verlust bedrohte, hatle
ihn aufgeregt, und der Ausruf von Dolores reizte ihn.
, Von Allem, was man liebt? sprach er ihr nach
,,das ist etwas stark und viel gesagt mit wenig
Worten.-- Da hast Du Deinen Brief!r?
Er legte ihn auf den T.;ch und wendete sich
g
zum Gehen.
Lewald. Die Jamilie Darner. Ul.

-- 1Z--
,, Polydor,'' sagte sie erschrocken, ,wie kannst
Du böse darüber sein? Ich bedachte nicht, was ich
sagte.?
,, Und so verriethst Du Dich und gabst der Wahr-
heit die Ehre,'' entgegnete er ihr kalt.
,, Vergieb mir, Polydor, es war nicht so ge-
meint,'' bat sie noch einmal.
,Vergeben? Ich habe Dir nichks, verzeihen.
Ich beklage nur Dich und mich, und ill Dich nicht
weiter stören. Lies Deinen Brief von Hause, damit
Du Nachricht hast von Allem, was Du liebst. ?
Er verließ sie, sie blieb wie angewurzelt stehen.
Sie begriff nicht, wie er das harmlos gesprochene
Wort ihr so zum Votwurf machen könne, und der
Gedanke, daß er Streit mit ihr gesucht, verwirrte sie
und erzürnte sie zugleich. Sie hatte sich ihm zu
fügen, sie hatte Alles zu thun, was in ihren Kräften
stand, um ihm zu gefallen; er jedoch hatte auch sie
gelten zu lassen in ihrem Empfinden. Sie war nicht
sein Kind, sie war seine Frau; und wenn er sich die
Treue, mit welcher er an seiner Freundschaft für die
Marquise hing, zur Ehre rechnete, wenn die Gesellschaft,-
in welcher sie lebten, es rühmte, daß die Marquise
sie mit solcher Wärme aufgenommen, wie durfte ihr
Mann es ihr verargen, daß sie mit fester Treue an
den Ihren hing, wie konnte er es ihr versagen, ihre
Vergangenheit, ihr Familienleben in das seine aufzu-
nehmen, da sie ihm das Gleiche gewährte? Er hatte
ihr kein Opfer gebracht; er hatte ihr aber auch nicht
zu danken für den Gehorsam, mit dem sie sich dem
Willen ihres Vaters gefügt. Es war auch nicht seine
Schuld gewesen, daß sie geglaubt, vergessen und ihm
ganz zu eigen werden zu können; gelten jedoch mußte
er sie lassen, wie sie ihn. Sie hatte sehen lernen in
Venedig; und ihr Vater war nicht da, sie zu be-

--- 1Z-
schützen, wenn ihr Mann ihr Unrecht that wie heute.
Sie war allein auf sich gestellt und auf die Liebe,
die ihr Polydor noch stets bewiesen. Von seiner
Liebe mußte sie das Recht begehren, das er sich zu-
erkannte, ein Wesen fütr sich selbst zu sein, trohdem,
daß sie die Seine war.
Sonst hätte ein solcher Vorgang, solches Denken
und Erwägen ihr die Thränen in die Augen gebracht;
heute richtete sie das Hauunt dabei empor, das Herz
klopfte ihr heftiger, aber sie fühlte sich frischer, wohler,
als sie den Brief erbrach.
, Es ist die Luft von Hause!'' sagte sie zu sich
selbst und flog mit frohen Augen von Zeile zu Zeile.
von Seite zu Seite. Was der Vater gesprochen,
wie der Lorenz sich aufgerichtet, wie Justine ihn
gelehrt, auf das Bild von Dolores zu zeigen, wenn
man ihn frage, wo die Tante sei, und wie er neulich
, Lora da!' gerufen.-- Wen konnte das hier freuen?
Aber sie beglückte es. Von jedem Besuche, den man
gemacht, von jedem Gaste, den man empfangen, von
dem Kleinkram des täglichen Lebens zu hören, wie
er zwischen den Häusern Kollmann und Darner,
zwischen der guten Göttling und zwischen ihnen, sich
immer reger neugestaltet, das machte sie heiterer als
die Feste um sie her. Die Stuben im Vaterhause
waren soviel traulicher als ihre großen Säle. Die
Wege vor den Thoren, die Spazierfahrten, der Ritt
zu Vieren vor die Stadt hinaus-- wie köstlich, wie
lebenspendend waren sie im Vergleich zu den still
hingleitenden Fahrten in den Kanälen, zu dem Blick
hinaus in das weite, weite, öde Wasser.-- Ach, sie
hatten sie beneidet, sie beneideten sie noch, um die
Herrlichkeit und Schönheit der Stadt und der Natur,
in welcher sie lebte; und in wie mancher Abendstunde
hatte es sie darnach verlangt, nur einmal wieder das

-- 1Z--
Rollen der schweren Wagen durch die Straßen, das
Pferdegetrappel und den Schall zu vernehmen, mit
welchem der Wind die Aeste der großen Wallnuß-
bäume schüttelte, wenn er von Westen kam, daß sie
anschlugen bis an die Fenster von des Vaters
Zimmer.
Es war ja schön in Venedig, aber unnatürlich
blieb ihr das Leben in dem Wasser doch.
Und sie las und las. Von den Besuchen Hee
Hauptmanns schrieb Virginie, der ihr ein fester,
treuer Freund sei, zu dem sie offener rede als zu
Frank, weil dieser doch alles Justinen wieder sage:
und wie der Hauptmann gar nicht schön mit ihr
thue, worauf John gelegentlich vexfalle, weil er
vielleicht glaube, sich durch sie für Justine entschädigen
zu müssen; und wie sie ihm das unschuldige Ver-
gnüügen gönne, da er ja ein so guter Mensch sei.
Von Allen und Jedem berichtete sie; aber Dolores
suchte in all dem Erzählen nach dem Namen, den
sie nennen zu hören begehrte; und er kam nicht und
kam nicht, und es war nichts zu finden in dem ganzeu
langen Briefe, das sie auf ihn hätte deuten oder be-
ziehen können.
Da mit einem Male hieß es: ,Ich will aber
schließen, denn Du weißt nun Alles; und sie kommen
anir eben sagen, daß Baron Stromberg mit einem
Vetter auf der Durchreise bei Justinen vorgesprochen
und zum Thee ist. Lebe mir denn wohl, mein
anderes Selbst, und denke an uns wie wir an Dich,
mit frohem Herzen; denn es geht uns Allen gut
und wir thun jeder, was er kann, wie's sich gehört
und wie unser Vater es fordert! Und damit, meine
Lora, auf Wiedersehen, wenn's auch wohl so bald
nicht sein wird, denn die Welt hängt ja wieder voll
Kriegsnachrichten wie der Himmel bei uns voll Wolken,

-- PZZ-
die Du wohl kaum mehr kennst in Deinem Sonnen-
lichte!?
Sonnenlichte!-- Dolores hatte den Brief in
der Hand und sah die letzten Zeilen mit starrem
Auge an, als müßte der Name, den man nicht gegen
sie genannt, seit sie die Heimat verlassen, jet, da er
schwarz auf weiß vor ihren Augen zu lesen stand,
auch Gestalt gewinnen und zu ihr sprechen, und ihr
sagen, ob er ihrer noch gedenke, ob sie ihm nicht im
Traum erscheine wie er ihr, ob er wisse, wie unver-
- ändert sie sein Bild im Herzen trage. Aber die todten
Lettern schwiegen, und das Sonnenlicht erhellte ihr
das Dunkel nicht.
Sie las den Brief noch einmal und las die
Briefe des Vaters und Justinens. Sie waren alle
voll Güte und voll Liebe, und doch halfen sie
ihr nicht.
Unter den Wolken, unter denen sie in der
Hejmat lebten, waren sie in froher Eintracht bei-
sammen; unter den Wolken lebte Eberhard, den
Virginie ihr, Dolores fühlte das, nur in Nebereilung
genannt; und sie, Dolores, hatte in dem Sonnenlichte,
von dem die Schwester redete, Niemand, den sie allein
besaß. Bitten sollte sie, wo sie in ihrem Rechte
war, werben mit Selbstverleugnung um den eigenen
Mann?
Es waren Vorstellungen, die ihr das Herz
empörten. Wie eine Buhlerin erschien sie sich,
indem sie sich wehren sollte gegen eine Nebenbuhlerin;
und selbst auf die Bilder ihrer Liebsten, auf des
Vaters, auf der Schwester und auf des Geliebten
Bilder, fiel der Schatten ihres zornigen Schmerzes.
Sie trugen Alle, wie ihr Mann und wie sie selbst,
Schuld an ihrem Unglück, ihrem Leiden. Warum
hatte sie sich gefügt, warum ihr Herz gutwillig betrogen?

--- PZZ-
Sie hatte in stummem Brüten lange dagesessen
in dem kleinen Zimmer, in dem sie sich mit den Er-
innerungen an die Heimat, an die Ihren umgeben.
Die Sonne, die Herr geworden über die Nebel des
Scirocco, brannte durch die hohen Bogenfenster.
Ihre Wangen glühten, die Stirne schmerzte sie, das
Athmen ward ihr schwer.
Sie stand auf, um das Frische zu suchen. Ihr
Blick streifte im Vorübergehen einen der großon
Spiegel; aus seinem von Meisterhand gemalten,
von Genien durchzogenen Geranke, blickte ihr Bild
sie an.
,So jung, so schön-- und unglücklich,? fuhr
es ihr durch den Sinn, ,und ein langes Leben vor
mir voll immer gleicher Pein!- Unmöglich!'' rief
sie, und als schleudere der laute Ruß sie wie ein
Zauberwort von der ihr gewohnten Bahn, setzte sie
hinzu: ,Das kann, das trag' ich nicht!
Sie war auf den Balkon hinausgetreten. Unten
am Traghetto landete die kleine Gondel, deren ihr
Mann sich bediente, wenn er allein ausfuhr. Sie
blickte hinab, es stieg Niemand heraus.
Die Kammerfrau, nach der sie schellte, war gleich
zur Hand.
, Fragen Sie Sandor, wohin der Herr gefahren,
gebot sie.
Der Herr sei der Frau Marquise begegnet,
meldete der Gondelier, habe ihn zurückgesendet und
die Herrschaften hätten, wie er vernommen, die Weisung
nach dem Lido gegeben.
Dolores überlegte nicht lange.
,Die große Gondel soll. herabgelassen werden.
Bringen Sie mir den Schleier, den Fächer und die
Mantille und machen Sie sich fertig. Lazar soll' uns
begleiten.?

-- JIH -
Ihre Lippen preßten sich zusammen, es war ein
gewaltsamer Entschluß, der in ihr rang. Untergehen
oder sich untreu werden?- Untergehen oder sich
beugen, um sich zu behaupten?-- Warum wollte
sie es besser haben, als die Anderen, besser sein?--
Und war Polydors Verlangen, sie ausschließlich ihm
zugewendet zu wissen, nur Selbstsucht und nicht auch
Liebe, die einzige Liebe, die für sie in ihrer Nähe
lebte, die Liebe, auf welche sie angewiesen war?
Wenige Ruderschläge hatten das Boot an die
Treppe gebracht. Der Diener öffnete die Thüre, die
i die Halle hinausführte, die Kammerfrau war bereit.
Der Schleier, die Mantille waren bald umgeworfen.
Dolores stand auf des Traghettos Rand.
,Nach dem Lido !- befahl sie, während sie sich
beugte, in die Gondel einzutreten, und mit sanftem
Ruderschlag folgten die Gondeliere dem Befehl.
-
Dreizehntes d,uuel'
Asz
Polydor hatte, nachdem er seine Frau verlassen,
die Thüre kaum hinter sich geschlossen, als er sich die
vorhergegangene Scene, die er herbeigeführt, zum
Vorwurf machte. Er wollte zurückkehren, wollte ein-
lenken, ausgleichen. Sie hatte so bleich vor ihm da-
gestanden mit den dunklen Augen, so angegrifen;
und was hatte sie im Grunde Nebles gethan? Er
schonte sie sonst gern. Aber wie er sich dazu an-
schickte, vermochte er sich nicht dazu zu bcingen. Zum
bloßen Krankenwärter, zum barmherzigen Bruder
war er nicht gemacht; und es war eben geschehen.
Ein zufälliges Wort, der Augenblick, hatten ans Licht
gebracht, was er in sich getragen, ohne es sich einge-

Kapitel 13

-- J ZZ-
stehen zu wollen. Er wußte, woran Dolores krankte.
Dolores liebte ihn nicht.
Und wie er dem Gedanken Raum gegeben,
hätte er ihn in sich zurückdrängen mögen um jeden
Preis; denn nicht geliebt zu werden von einem Weibe,
dem er sich hingegeben in voller Gluth der Leiden-
schaft, das war eine Kränkung, eine Schmach, die er
zu vergessen trachten mußte, wenn er nicht irre werden
wollte an sich selbst, wenn er . Er mochte nicht
aussprechen, was er dachte, was ihm auf den Lippen
schivebte.
Was war ihm Dolores, wenn sie ihn nicht
liebte, ihn, um den andere, glänzendere Frauen sie
beneideten, den eine Serafina nicht entbehren, dessen
Verlust sie nicht verschmerzen konnte?
Es war hoher Mittag; er mußte sich zur Börse
bringen lassen. Gondel um Gondel fuhren an ihm
vorüber. Es saßen höhere Offiziere darin, es war
ein unruhiges Treiben überall. Zwei Kriegsschiffe,
von Neapel kommend, waren am Morgen eingelaufen,
sie hatten Truppen an Bord, die nach Illyrien
gehen sollten.
Die Börse war stark besucht, das Geschäft
war still. Niemand konnte an irgend eine Unter-
nehmung denken, denn die Nachrichten, welche die
verschiedenen Häuser erhalten hatten, kreuzten und
widersprachen einander. Man erwartete neue Bulletins
von Wien, Estafetten von Augsburg. Es war nicht
zu sagen, woher es gekommen, aber das Gerücht hatte
sich verbreitet, Napoleon habe eine Niederlage erlitten.
Polydor verließ die Börse, ohne seiner Auf-
regung Herr geworden zu sein. Er fühlte sich berechtigt
in seinem Zorn und konnte die Empfindung doch
nicht unterdrücken, daß er Dolores Unrecht gethan.
Er war empört über sie und hatte Mitleid mit ihr.

Er hatte sich nie gegenüber einer andern Frau in
einem solchen Zwiespalt mit sich befunden als eben jetzt.
, Als ob ich zwanzig Jahre alt wäire und ein
schwärmerischer Thor!' sagte er spottend zu sich selbst,
da er sich auf den: Gedanken betraf, heimzukehren,
um eine Erkläruung mit ihr zu suchen. Was war
denn zu erklären zwischen ihnen? Was hatte er ihr
vorzuwerfen?-- Ihre Willigkeit ihm zu gefallen,
ihre Zuvorkommenheit gegen seine Wünsche, ihr Ge-
horsam blieben sich immer gleich. Sie hatte kein
Auge, kein Ohr für die Huldigungen, mit denen die
Männer ihr nahten, aber sie hatte auch kein Herz
für ihn.
Der Anruf eines Gondeliers unterbrach ihn in
den unerfreulichen Gedanken. Die Gondel, welche
er führte, nahte sich der seinen, sein Gondelier folgte
jenem Anruf. Sie kannten Beide ihren Dienst.
Unter dem luftigen Zelte, das in dieser Stunde das
Dach der Gondel ersetzte, winkte ihm die Marquise
grüßend mit der schönen Hand. Die Gondeliere legten
die Gondeln aneinander.
Das frohe, helle Auge seiner Freundin fiel wie
ein Sonnenstrahl in den Mißmuth Polydors.
,, Wie geht's, meine Theure und wohin?? fragte
er, sich hinüber zu ihr neigend.
, Ich wollte zu Ihrer Frauu und dann hinauus
nach dem Lido. Vranitzki, der vorhin im Hafen
war, sagt, es wehe draußen frisch. Ich verlangte
Luft zu schöpfen, und wollte Dolores mit mir nehmen. ?
, Sie ist beschäftigt, versunken in Familien-
briefen,'' gab er ihr zur Antwort.
,, So stören wir sie nicht und kommen Sie
mit mir.?
Polydor hatte diese Antwort erwartet, denn
schon seit Monaten war er wieder an den alten engen

-- 178--
Verkehr mit der Marquise gewöhnt; und wie sie ihn
so konnte auch er sie wieder nicht entbehren.
Er schickte seine Gondel heim und nahm in der
ihren an ihrer Seite Platz.
, Hat die liebe Kleine gute Nachrichten erhalten??
fragte Serafina.
Polydor antwortete, er habe seine Frau ver-
lassen, bevor sie ihren Brief erbrochen.
,,So kann ich Ihnen Neuestes erzählen von
Ihrem Schwiegervater.?
, Sie, von meinem Schwiegervater? Und wie
kommt das??
,, nicht durch Zauberei. Der Graf hat einen
Brief empfangen von der Fürstin, der er neuerdings
wieder einmal geschrieben und hat ihr von seinem
hiesigen Leben, von dem Verkehr mit uns, von der
Schönheit Ihrer Fran gesprochen. Darauf hat sie
ihm geantwortet, und - machen Sie sich immer auf
ein Wunder, auf merkwürdige Möglichkeiten gefaßt. ?
,Ich bin heut' ungeduldig, Serafina.?
, Ungeduldig?- weshalb das?
Polydor stockte, dann sagte er:
,Eine Scene, die ich mit meiner Frau gehabt,
ist mir auf die Nerven gefallen. Ich bin zum Räthsel-
rathen heut nicht aufgelegt. Was wollen Sie mich
wissen machen??
, Nun denn, ich könnte wie Madame de Sevigny
sagen: ,.s rons le äonne en an, en äen ete.
Aber ich will Sie und Ihre Nerven schonen. -
Josephs Tante ist vollkommen beherrscht, vollkommen
entzückt von Ihrem Schwiegervater und hat in Ihrer
Schwägerin--
,Jn Madame Frank? unterbrach er die Rede.
,Nein, in Mademoiselle Virginie einen Charakter
entdeckt, wie sie ihn in einem so jungen Mädchen

-- 1Zs ---
auch noch nicht gesehen. Graf Joseph sagte heute
lachend, es wäre ein Geniestreich, dessen er seine
Tante fähig glaube, aus Gefallen an der Originalität
ein ekagement äe posilion zu machen, und ein
Leben als Madame Darner zu probiren.'?
Polydors Brauen zogen sich zusammen.
,Der Graf wird witzig,'' sagte er, ,und er kann
das brauchen; nur ersuchen Sie ihn, wenn ich bitten
darf, seinen Witz nach Seiten spielen zu lassen, in
denen er mich nicht berührt. ?
Serafina schüttelte den Kopf.
,,Sie sind unverbesserlich!'' meinte sie. ,Wie
würde unser Leben sich gestalten, wäre ich so selbstisch
und so unduldsam als Sie. Aber in diesem Falle
setzen Sie den Theil der Nachricht, der Sie die Stirne
runzeln macht, auf meine Rechnung. Es war ein
Scherz, ein schlechter Scherz vielleicht; allein die
Gegenstücke finden sich dazu in unserer Zeit. In
dex That aber ist die Fürstin voll Bewunderung für
Herrn Darner. Sie hat ihm von ihren Angelegen-
heiten, von ihren Gütern gesprochen, von den Stein-
kdhlenlagern, die man auf denselben wie auf denen
des Grafen Vranitzki gefunden haben will; und-
das eben schreibt sie dem Grafen- Herr Darner
hat ihr zugesagt, sobald wir friedlicheren Zuständen
entgegengehen, ihre Güter zu besuchen, ihre Ange-
legenheiten in die Hand zu nehmen.?
,Das würde viel werth sein für die Fürstin
wie für den Grafen, denn mein Schwiegervater thut
nichts halb,'' sagte Polydor und schwieg darnach.
Die Marquise hielt das nicht lange aus.
,,Aber um des Himmels willen, mein Lieber,
was haben Sie heute?? rief sie. ,Ich erschöpfe meine
ganze Liebenswürdigkeit Sie zu zerstreuen, und Sie
schmollen mit mir, weil vielleicht die Kleine übler

-=- J gß--
Laune gewesen ist und Sie ein wenig ennuyirt
hat.?
, Ja,'' fuhr Polydor auf, als sei er froh, es
aussprechen zu können, ,la, diese Sehnsucht nach den
Ihren, diese sich ewig gleiche sanfte Schwermuth
lähmen mich.?
, Sie ist krank, mein Freund !? begütigte die
Marquise.
,Nein, sie macht sich krank und mich mit dazu
durch ihre Schwäche. ?
, Und sie hat doch in dieser Schwäche, mehr
als sie weiß und als Sie glauben, Macht über Sie
gewonnen,' schaltete Serafina ein. ,Wer trägt die
Schuld daran? Sie haben die arme kleine Frau
verwöhnt und verargen ihr das nun. Das ist sehr
männlich, und doch ungerecht. ?
Polydor konnte es selbst in seiner heutigen Ver-
fassung nicht vertragen, seine Frau von einem Andern
tadeln, und noch weniger sein Verhalten nicht gebilligt
zu hören.
,Wie hätte ich es anders können?? sagte er.
,Sie war ein Kind! Ihre Unschuld, ihre Hin-
gebung-
,O,' unterbrach ihn Serafina, ,als ob ich ihn
nicht kennte, den Reiz, in einem offenen, jungen
Herzen zu lesen, sich zu verjüngen in der Jugend.
Sie wollten das nicht perstehen damals! Was Sie
entzückte, sollte mich nicht freuen; und Gott weiß es,
ich habe den Grafen nicht verwöhnt, er ist selbstlos
mir ergeben wie ein Sohn.
Sie wußte, was sie mit der Behauptung gewollt
und gewagt. Heute, in der Stimmung, in welcher
sie Polydor gefunden, kam es auf eins heraus. Er
mußte es wieder einmal hören, und er schwieg dazu.
Der Stachel brannte ihm in der Wunde.

-=- 14Z -
, Zuuum Erziehen bin ich nicht gemacht!'' sprach
er bitter.
, So müssen Sie es lernen, lieber Freund.
Neberlassen Sie Ihre Frau nur ein wenig mehr sich
selbst, und sie wird Sie entbehren. Wäre es möglich
an Reisen zu denken, so würde ich sagen, schicken Sie
sie einmal in sicherer Begleitung zu kurzem Besuch
in ihre Familie zurück, und sie wird nach dieser kurzen
Zeit als eine Gewandelte wieder in Ihren Armen
sein. Sie haben sie angebetet wie eine kleine Heilige,
die sie ist. Sie muß es lernen, daß die Männer
nicht lange anbeten, sondern geliebt sein und froh
sein wollen mit dem Weibe ihrer Wahl. Es ist
deutsche Sentimentalität darin, und,' setzte sie lachend
hinzu, ,dafür find Sie nicht der Mann, mein Freund!
Doch sprechen wir nicht mehr davon! Und beiläufig,
da wir von deutschem Wesen reden und Sie ja des
Deutschen mächtig sind: Was ist es mit den Leiden
des jungen Werther?-- Seit der Kaiser zu Erfurt
mit Herrn von Goethe davon gesprochen, redet alle
Welt vom Werther; auch der Graf nennt den Roman
ein Werk ganz ohne Gleichen! Ich müsse ihn lesen,
-behauptet er. ?
Es machte ihn heute Alles ungeduldig. Dies
geflissentliche Abspringen von dem, was ihn beschäftigte,
diese Wendung des Gespräches zu einer Sache, die
Serafina vom Zaune brach, mißfielen ihm mehr
als Alles.
,, Was es ist mit Werther, was er ist? Es ist ein
Jüngling, der sich erschießt aus Liebe zu eines
Andern Braut.?
, Sich? Welche Thorheit, dem Bräutigam so
gefällig zu sein!' lachte die Marquise. , Und das
kann ein Napoleon bewundern? Wie komisch! -
Man war nicht so gefällig gegen ihn.-- Ah, da ist

-- 1L--
ja wieder unser Graf, er ist also doch gekommen;
und irre ich nicht, so ist das hinten Ihre Gondel;
vielleicht Ihre Frau!' rief sie, als die Gondel des
Grafen an dem Lido landete, während die große
Gondel Polydors aus der Ferne von der andern
Seite dem gleichen Plate zusteuerte.
Der Graf half ihr aussteigen, die Männer
begrüßten einander wie gute Freunde.
Als Polydor stehen blieb, seine Gondel zu er-
warten, flüsterte die Marquise dem Grafen zu:
,Helfen Sie mir Frieden stiften. Es hat ein
Mißverständniß gegeben zwischen den Beiden. Joannuu
ist in einer abscheulichen Laune, und die Kleine
thut mir leid. Beschäftigen Sie sie, seien Sie
liebenswürdig, mir zu Liebe.?
Er verneigte sich zustimmend, sie wendete sich
mit der Frage an Polydor, ob sie seine Frau er-
warten sollten.
,,Das würde Sie ermüden; gehen Sie immer
voran, wir folgen Ihnen !' sagte er. Er wollte keinen
Zeugen haben bei dem Begegnen mit Dolores.
,Also bei Lafour??
,, Wie es Ihnen gefällt, meine Freundin,'' ant-
wortete er, und die Beiden gingen nach dem Kaffee-
hause, das ein Franzose in einem leichten Pavillon
auf dem Lido errichtet. Es ward viel besucht von
der schönen Welt um diese Stunde.
Polydor schritt unmuthig auf und nieder, bis
die Gondel herangekommen war und er seiner Frau
die Hand bot. Sie reichte ihm beide Hände hin, er
beachtete es nicht.
,Daß ich Dich gleich hier finde, soll mir ein
guutes Zeichen sein! sagte sie, ohne daß er ihr Ant-
wort darauf gab. Er bot ihr den Arm, sie fortzu-
führen. Die Dienerschaft blieb in der Gondel zurück.

-- P4Z--
, Die Luft war Dir wohl zu drückend im Palast?
fragte er, als sie ein paar Schritte auf dem weichen
Boden hingegangen waren.
, Nein, was mich drückte, war Deine Unzu-
T.iedenheit mit mir. Ich kann es nicht ertragen,
in Unfrieden zu leben mit dem einzigen Menschen,
der mir hier lebt, mit meinem Manne. Sage nicht
wieder ,alast:, denn ich weiß, Polydor, was Du
mir damit sagen willst,'?
=o ,Es ist an Dir, ihn anders zu bezeichnen, wenn
Du es anders fühlst, und nicht meine Schuld, wenn
Du mein Haus nicht als Deine Heimat ansiehst,'
gab er ihr zurück. ,Aber was brachte Dich hierher?
, Das Verlangen, Dich zu sprechen. ?
Er fragte, woher sie gewußt, daß er nach dem
Lido gefahren; sie erzählte es ihm.
,,Du hast dabei nur wieder einmal nicht bedacht,
wwas Du damit gethan hast. Es ziemt sich nicht, die
Dienerschaft, meinen Gondelier, um etwas zu befragen,
das zu berichten ich ihm nicht befohlen !' tadelte er;
denn er wollte sie bestrafen. Er hatte sie zu erziehen,
darin hatte die Marquise recht, und er hatte dies
aus Zärtlichkeit versäumt.
,,Was habe, ich denn damit verbrochen??
, Du zwingst die Leute zu dem Verdachte, Dich
für eifersüchtig zu halten, mir aus Eifersucht hierher
gefolgt zu sein.?
Dolores zuckte zusammen. Die bittere, zornige
Stimmung, das Verlangen, sich gegen Polydor zu
behaupten, die sie zu Hause aus Scheu vor Kampf
und Leid in sich niedergekämpft, wallten wieder in
ihr auf. Sie zog ihren Arm aus dem seinen, und
ihm mit einem Blick ins Auge sehend, den er niemals
an ihr wahrgenommen hatte, fragte sie:
,, Und wenn ich eifersüchtig wäre?

==- 14T--
,Als ein Beweis Deiner Liebe würde es mich
freuen!'' antwortete er ihr. Allein die fest gestellte,
nackte Frage hatte ihn überrascht. Er hätte sie ihr
nicht zugetraut.
Sie ließ sich nicht damit abweisen.
,,Du spielst mit mir,' sagte sie, ,und ich meine
es ernsthaft. Ich weiß, daß Du die Marquise nicht
lassen willst, weil ich Dir nicht ersetzen kann, was
sie Dir bietet und was ich nicht besitze. Ich bin
nicht geistreich, keine Frau von Welt. Ich werde
das auch niemals werden. Das muß Dir aber klar
geworden sein beim ersten Blick; und daß ich einen
Andern vor Dir geliebt, das wußtest Du, denn Du
hast es mir ausgesprochen in dem Briefe, in dem Du
um mich geworben hast. Kannst Du mir's nicht
gönnen und verzeihen, daß ich an meinen schuldlosen
Erinnerungen und an den Meinen hänge?
,,Dolores,' rief er voll Erstaunen über sie, ,was
soll das, wohin willst Du kommen?
,Zur Klarheit, und wenn's sein kann, Jeder
zu seinem Recht; denn auch ich habe ein Recht, ich
fühl'a! rief sie mit leuchtenden Augen. ,Wir stehen
hier unter Gottes freiem Himmel, Polydor, wie vor
seinem Altar. Ich bin Dein und bleibe es, wie ich's
Dir geschworen, wenn ich Dir genüge, wie ich einzig
sein kann; kann ich das nicht--
,Du verlangst, daß ich mit der Marquise breche,
fiel er ihr ein, wider seinen Willen beherrscht von
der Gewalt der Wahrheit in der Frau, von welcher
Serafina wie von einem Kinde gesprochen, das er
eben noch durch Tadel erziehen zu müssen geglaubt.
,Nein, denn das wirst Du nicht thun!' Sie hielt
inne vor dem Gedanken, der plötzlich in ihr aufstieg;
jedoch ihre Empfindung riß sie fort. ,Kannst Du mich
nicht lassen wie ich bin, genügt es Dir nicht, daß

-- 14J-
ich mich begnüge mit der Liebe, die Du mir zu-
wendest==
,,Dolores, nicht weiter!' gebot und warnte
Polydor. Es war vergebens.
, Ich bin nicht glücklich, Du bist es nicht!r fuhr
sie in gleicher Erregung fort, ,sende mich zurück zu
meinem Vater !'?
Ihre Leidenschaft brachte ihn zur Besinnung.
So, ebenso allein hatte er mit ihr gestanden am
Strand vor ihres Vaters Haus im Norden, als sie
sich ihm zugesagt füür alle Zeit. In Treue hatte sie
ihr Wort gehalten. Er? - Sie sprach von ihrem
Recht. Sein Recht, des Mannes Recht und ihres,
waren nicht das Gleiche in seinem Sinne; aber in
dem Einen hatte sie recht: er hatte sie zu nehmen,
wie sie war, sie zu behandeln, zu versöhnen nach
ihrem Sinne. Und sie war schöner noch in ihrem
stolzen Schmerz, als er sie je gesehen in ihrer
sanften Ruhe.
Sie war von ihm zurückgetreten und hatte sich
auf eine der Bänke gesetzt. Er setzte sich neben sie.
Sie beachtete es nicht, sah nicht, daß auch er er-
schüttert war. Darauf kam es ja auch nicht an. Er
hatte einzustehen für sie Beide, für ihre Zukunft, für
die seine, und zu verhüten, daß die Marquise nicht
noch mehr erfuhr, als er ihr heute in seinem Unmuth
unklug verrathen hatte. Es galt, einen Fehler
soweit möglich auszugleichen, fortzukommen über den
Augenblick und Dolores zu beruhigen, wie es ihrer
Natur entsprach. Er mußte sich zusammennehmen;
das war ihm eben recht.
, Wundere Dich nicht, wenn ich geschwiegen,''
sagte er endlich. ,Es hat mich gelähmt, Dein Wort,
das nie hätte gesprochen werden -sollen von Dir zuu
mir, das zu verschmerzen ich Mühe haben werde.
Lewald. Die Familie Darner. I.

--- P4ß--
Ich darf Dich nicht zu Grunde gehen, mich nicht be-
irren lassen durch solche unheilvolle Neberspannung.?
Sie hörte seine Worte, ohne sich zu ihm zu
wenden. Die Arme müde auf den Schooß gesenkt,
die Hände gefaltet, sah sie hinaus in die Ferne über
das Meer.
,Dolores, höre mich und sieh mich an!' gebot
er. ,Es ist hart gewesen, was zwischen uns zur
Sprache gekommen ist und es ist doch gut, daß es
geschehen. Es hat über uns und in uns gelegen
lange schon, schwer lastend wie die Luft vor einem
Erdbeben; und wie die Quellen versiegen vor einem
solchen, drohte die Liebe in uns zu versiegen. Die
Gefahr ist vorbei.?
Sie sah ihn an, als verstehe sie ihn nicht. Er
fühlte, daß er noch nicht den Ton getroffen, der ihr
eingänglich machen sollte, was er ihr zu sagen hatte.
Ein paar Minuten gingen darüber hin; sie fielen
Beiden schwer.
,,Wir müssen verständig werden; nicht Du allein,
ich auch, das ist's, was uns fehlt!'' hob er aufs
Neue an. ,Wenn ich bisweilen über Deine Schwär-
merei gescherzt, Dich der Neberspanntheit angeklagt,
so war es ernster damit gemeint, als ich es Dir
zeigte, weil ich Dich nicht tadeln, Dich nicht irre
machen wollte an den Menschen, an dem Leben.
Du solltest wie ein Kind hinwandeln unter Rosen=r
,, Ich habe sehen lernen, daß sie Dornen haben,
und habe sie gefühlt!' klagte Dolores seufzend.
,Du willst Klarheit und Wahrheit und erschrickst
vor ihr, und willst sie nicht nehmen, wie sie ist.
Indeß, ich wiederhole Dir's, ich habe mich anzuklagen,
nicht nur Dich. Der Zauber Deiner Kindlichkeit hat
mich schwach gegen Dich gemacht, Dein überspannter
Jdealismus hat auf mich zurückgewirkt. Wir müssen

------ 14? --
ablassen von dieser falschen Romantik. Wir sind nicht
Engel, nicht Gebilde dichterischer Phantasie, wir sind
Menschen wie die anderen, wir leben das Leben aller
Menschen in einer menschlichen Verbindung, in der
Ehe, und kein Mensch, keine menschliche Verbinduung
ist vollkommen, ist unwandelbar.?
Die Ruhe, mit welcher er zu ihr redete, gewann
Herrschaft über sie. So ernsthaft hatte er nie zu ihr
gesprochen; seine Bestimmtheit mahnte sie an ihren
Vater und dgß sie ihn gezwuungen, sie nicht mehr
als ein Kind, sie zu behandeln, wie es einer Fraun
gebüührte, hob sie in ihren eigenen Augen.
Er nahm ihre Hand, sie entzog sie ihm nicht mehr.
, Hast Du es je empfunden,'? fragte er, ,daß
meine Liebe, meine Leidenschaft für Dich erkaltet find?
Was hast Du gewünscht, das zu gewähren mich nicht
gefreut? Wenn es überspannt war, mein Verlangen,
Dir Ersaz sein zu wollen für Alles, wenn es selbstisch
war- ein Mangel an Liebe war es nicht. Und
Du vermochtest mir zu sagen: ,Sende mich zurück?
-- So leicht könntest Du von dem Manne scheiden,
dessen Weib Du bist, so gering achtest Du die Ehe,
die Treue, die Du mir gelobt für gute und für böse
Stunden??
, Um Gottes Willen, Polydor, nicht weiter! flehte
sie, ihr Gesicht vor ihm verhüllend in den Häinden.
, Sei unbesorgt, ich nehme Dich nicht beim
Worte. Allein, wie willst Du's machen, daß ich Dir
wieder glaube, daß ich nicht in jedem Augenblick
denke: ,Sie ginge lieber von mir forti.-- Und ich
kan Dich nicht lassen.?
, Vergieb, vergieb!? rief sie, sich zu ihm neigend.
,,Laß das, es hilft mir nicht. Es wäre lächer-
lich, auf offener Straße eine Scene! Also dahin ist
es gekommen zwischen uns !?
1h

--- P48--
Er erhob sich, sie that desgleichen.
, Sollen wir nach Hause?' fragte sie.
Polydor besann sich.
,Nein, nicht nach Hause.? Er rief nach der
Gondel. ,Um die Punta herum und wieder hierher
zurück, aber schnell!'r befahl er.
Eine geraume Zeit ging damit hin. Sie sprachen
wenig mit einander und nur gleichgültige Worte.
,Bist Du ruhig geworden?? fragte er sie dar-
nach, deutsch redend, um nicht verstanden zu werden
von, seinen Leuten. Sie gab ihm die Hand, er küßte
sie ihr.
,,DDie Marquise und der Graf erwarten uns bei
Lafour; wir wollen dort unsern Kaffee trinken.
Fordere sie auf, mit uns gemeinsam nach Hause z
fahren, mit uns zu speisen, uns in das Thegter zu
begleiten. Wir sind im Augenblicke besser mit An-
deren als allein. Nimm Dich zusammen, sei liebens-
würdig. Mit gutem Willen wird es wieder gut.?
Dolores hatte zu gehorchen. An seinem Arm
trat sie in das Cafe ein. Der Graf, der neben der
Marquise unter dem weit ausgespannten Zeltdache saß,
kam ihnen entgegen. Das Cafe war voll. Offiziere,
voll' schöner Frauen, voller Leben und voll fröhlicher
Musik. Man rückte zusammen, der Graf bot neben
Dolores seine ganze Beredsamkeit auf, Dolores hielt
ihm nach besten Kräften Stand. DieMarquise plauderte
in gewohnter Weise, es kamen Dritte hinzu, die Zeit
rückte vorwärts. Als man sich zum Fortgehen an-
schickte, machte Dolores die gebotene Einladung, die
angenommen ward, und der Abend verging, wie
Polydor es vorgeschrieben. Er war mit sich zufrieden
und mit seiner Frau. Die Marquise ließ Beide
, nicht unbeachtet und war vorsichtig in ihren Worten.
Im Theater fielen den Fremden die beiden

-=- Pg9-
schönen Frauuen in derselben Loge auf. Einer der
neapolitanischen Marineoffiziere, der neben ihnen saß,
erkundigte sich nach ihnen. Der Befragte nannte
ihre Namen mit dem Zusatze, es sei eine feste, wohl-
geordnete gsrtis guurree. Die Marquise hatte es
vernommen; sie war zufrieden, daß Polydor es nicht
gehört, der sehr mit seiner Frau beschäftigt war.
Man machte noch einen Gang durch die Straßen
und über den Markusplatz, nachdem man das Theater
verlassen. Polydor führte die Marquise, Dolores
ging an des Grafen Arm.
, Sie haben Ihren Frieden gemacht mit Ihrer
Frau,'' sagte die Marquise.
Er hatte die Bemerkung vorauusgesehen.
,Ich habe die Erfahrung gemacht,'' gab er ihr
zur Antwort, ,daß ich sie als Charakter unterschätzt
und daß ich sie dadurch gehindert, sich zu entwickeln.
Ich habe den Altersunterschied zwischen mir und ihr,
zwischen Ihnen und ihr nicht genug in Betracht ge-
zogen. Wen man als Kind behandelt, der geräth in
Gefahr, ein Kind zu bleiben; und Dolores ist doch
zu einer reifen Frau geworden. Sie hat mich er-
freut und überrascht. ?
Es war das erste Mal, daß Polydor die Mar-
auise an ihr eigenes Alter mahnte; sie wußte, was
das zu bedeuten hatte, errieth was vorgegangen war,
und verstand sich darnach zu achten.
Man trennte sich bald darauf. Es war lange
nach Mitternacht, als das Ehepaar sein Haus erreichte.
Auf dem Wege durch die Galerie, die zu ihren
Zimmern führte, blieben sie stehen.
In voller Pracht schwebte der Mond in dem
lichten Gewölk über den Wassern. Selbst das Auge,
das an diese Schönheit gewöhnt war, ward davon
gefesselt. Die tiefste Stille herrschte ringsumher.

--- 1ß-
Man meinte den Hauch der Luuft vernehmen zu
können, die frisch und kühlend herangezogen kam.
, Ist's nicht, als wäre all die Herrlichkeit nur
für uns Beide da?' fragte Polydor und legte seinen
Arm um seine Frau.
, Ja, schöner habe ich Venedig nie gesehen,'' gab
sie, tief aufathmend, ihm zur Antwort.
,, Und Du wolltest von mir gehen!- sprach er
und hob ihr Antlitz empor, daß das helle Mondlicht
voll ihre Stirne umglänzte. Sie neigte es und barg
es an seiner Brust.
Vierzehntes Kuapitel
Die Nachrichten von der Niederlage Napoleons,
welche an dem Abend in Venedig als unbestimztes
Gerücht verbreitet waren, hatten sich bestätigt. Die
Schlacht bei Aspern war geschlagen, aber die Schlacht
von Wagram hatte die Scharte ausgewetzt. Ein
Waffenstillstand gab die zweite Niederwerfung Dester-
reichs kund. Die Aufstände, welche sich in verschiede-
nen Theilen Norddeutschlands gegen die Fremdherr-
schaft erhoben, waren ebenfalls verunglückt, ihre Führer
geflohen oder todt.
Wer in Preußen nicht in der Arbeit selbst seine
Befriedigung zu finden und sich mit Planen für
ferneres Schaffen an seinem Platze, über die Pein
der Ohnmacht fortzuhelfen vermochte, in welche die
Welt Napoleon gegenüber im Augenblick versunken
zu sein schien, richtete seine Augen wieder wie nach
dem Unglück der Jahre sechs und sieben auf das
Walten der göttlichen Weisheit, oder stürzte sich mit
seiner Lebenslust und Verzweiflung in den erschöpfenden

Kapitel 14

- 1--
Genuß des Tages. Kirchliche Frömmigkeit, fröumelnde
Prophezeiungen, Bekehrungen und ausschweifender
Leichtsinn gingen neben einander her, ohne jene Zahl
von festen Herzen zu beirren, welche an den endlichen
Sieg des Rechtes über die Gewalt, an die Wieder-
auferstehung der niedergeworfenen, geknechteten Völker
glaubten, wenn diese sich in sich selbst erhoben, jeder
Einzelne mit sich selbst beginnend.
=. Der königliche Hof war noch fortdauernd in
Königsberg, aber man sah ihn immer weniger. Der
Königin stand ein neues Wochenbett bevor. Man
sprach davon, daß ihre Gesundheit durch Leid und
Sorgen angegriffen sei.
Darner hatte seine Familie wieder nach Strand-
wiek hinausgeschickt, und als die Hihe des Juli
herangekommen war, hatte er der Fürstin Hedwig
den Vorschlag gemacht, es mit einem Aufenthalt am
Meere in seinem Hause zu versuchen. Sie war
allein. Der Fürst war nach Schlesien gegangen, z
sehen, ob an eine Rückkehr auf die Güter zuu denken
sei; und da die königliche Familie in den letzten
Jahren mehrfach die Gastfreundschaft ihrer büürger-
lichen Unterthanen angenommen, fand die Fürstin
um so weniger ein Bedenken, dem Beispiel derselben
zu folgen, als Darner und die Seinen eine Ehre
darin setzten, die ihnen zugeneigte Fürstin bei sich
zu empfangen, während es diese bei ihrer Sinnes-
weise reizte, es einmal mit dem Landleben mt einer
Kaufmannsfamilie zu versuchen.
Es bedurfte bei der Art, in welcher Darner zu
leben gewohnt war, nur geringer Vorkehrungen, um
der Fürstin ein angenehmes Unterkommen in Strand-
wiek zu bereiten; um so weniger, als sie an ihre Zu-
sage die ausdrückliche Bedingung geknüpft, daß man
um ihretwillen keine Aenderung in dem Haushalt

-- 1IL--
treffen solle; und Darner war der Mann, ihr darin
zu willfahren.
Er hatte sie und ihre Kammerfrau, denn andere
Bedienung hatte sie nicht mitnehmen wollen, in
seinem Wagen, mit seinen Pferden selbst hinaus-
gebracht. Virginie hatte das Regiment wie schon im
verwichenen Jahre in der Hand und die Fürstin,
welche es entbehrt hatte, in freier Luft zu leben,
seit sie aus Schlesien vertrieben, dem Hof nach
Preußen gefolgt war, versicherte, nie ein solches
Wohlgefühl empfunden zu haben als an dem ersten
Abende in Strandwiek, da die Seeluft sie voll und
frisch umwehte.
Darner war in die Stadt zurückgekehrt, nachdem
die Fürstin sich eingerichtet. Er und sein Sohn kamen,
wie sonst immer, nur für den Sonntag hinaus, wenn
der Vater sich nicht um der Fürstin wilken und um
selber das Meer zu genießen, einen längeren Aufent-
halt gestattete; und gerabe das Gleichmaß der Tage,
dessen sie hier genoß, erguickte die Fürstin.
Gewohnt, auf dem Lande zu leben, sich selber
zu beschäftigen und einen Theil ihrer Zeit ihrem
großen, weitverzweigten Briefwechsel zu widmen, blieb
ihr doch noch reichliche Muße zum Verkehr mit den
beiden Frauen, die sich in demselben wie in eine
neue Welt versetzt empfanden.
Sie hatten natürlich gemeint, ihrem Gaste das
Räderwerk des Haushaltsbetriebes so fern als möglich
halten zu müssen; sie sahen jedoch zu ihrem Erstaunen,
daß die Fürstin in demselben so gut und mit mehr
Erfahrung als Virginie und Justine Bescheid wußte.
Sie empfanden es aber mit gleicher Verwunderung,
wie leicht und beiläufig sie, nach ihren zufälligen
Aeußerungen, diese Dinge abzuthun gewohnt sein
mußte; wie wenig sie bei Gesprächen verweilte, welche

-- 15Z-
die beiden und die sämmtlichen Frauen ihrer Bekannt-
schaft, in aller Ausführlichkeit zum Gegenstande langer
Unterhaltungen machten; wie leicht sie kleine Ver-
drießlichkeiten nahm, wie geringen Werth sie auf ihr
Behagen und ihre Bequemlichkeit legte.
An einem Sonnabend, bald nachdem Darner,
und diesmal ohne den Sohn, den die erwartete An-
kunft eines russischen Fürsten in der Stadt zurück
gehalten hatte, nach Strandwiek hinausgekommen war,
hatte Virginie mit der Wirthschafterin, die sich eben
in der Milchkammer befand, eine Abrede zu treffen.
In der Thüre derselben sah sie die Fürstin stehen,
welche mit der Frau von der Milchwirthschaft sprach
und ihr dabei Rath gab, wie sie es mit der Milch
für Lorenz zu halten habe, über welche Juusine am
Morgen Klage geführt hatte.
, Aber, Durchlaucht!r rief Virginie, ,wissen Sie
denn Alles? Und um solche Kleinigkeiten kümmern
Sie sich auch?
, Kleinigkeiten?? wiederholte die Fürstin, ,die
Erhaltung und die Gesundheit eines Menschenwesens
sind keine Kleinigkeiten, weder für seine Mutter noch
für die Welt. ? -- Und da, wäihrend sie das aussprach,
Justine herankam, Lorenz im Gehbande behutsam
haltend, legte die Fürstin die Hand auf den stark
entwickelten Kopf des Knaben und sagte: ,Wer will
sagen, ob in solchem kleinen Schädel die Keime zu
Heil, zu Unheil liegen, ob Gott der Welt einen
Apostel, einen Befreier oder eine Geißel in solchem
Wesen sendet, für seine und für ferne Zeit. Ich bin
eine gute Protestantin, aber die Anbetung der katho-
lischen Kirche für die Mutter und das Kind, die füthle
ich ihr nach; und in das Menschliche übertragen ist
sie erst recht erhaben und geheimnißvoll, erst recht
ein Mysterium.'

-- PIP-
Die Fürstin hatte das gesprochen, während sie
in ruhigem Fortschreiten nebeneinander hergingen,
ihre Begleiterinnen hatten die Worte mit Verständniß
aufgefaßt. Virginie sagte:
,,Es ist so schön, Durchlaucht, wie Sie das
Kleinste immer auf das Größte bringen. Wenn man
nur wüßte, wie man dazu kommt.?
Die Fürstin lächelte.
,Ein Rezept kann man Ihnen allerdings dazu
nicht geben. Es ist vielleicht Sache der Gewohnheit,
nicht zu lange an sich und an dem Einzelnen haften
zu bleiben und dadurch den Blick für das Allgemeine
frei zu behalten.?
Es war verabredet, daß Darner, wenn er den
gewohnten Ritt durch das Gut gemacht, mit den
Frauen in dem Pavillon auf der Düne zusammen-
treffen sollte, unter dessen Dach man in den Stunden
des Sonnenuunterganges gern verweilte. Dorthin
lenkten die Frauen also ihren Schritt.
Die Wärterin mit dem Knaben wurde fortge-
schickt, die Fütrstin nahm wie die Anderen die Arbeit
zur Hand und Alle hielten sich an dieselbe, da man
im Herbste unter dem Vorgang der Königin, eine
große Lotterie zum Besten der städtischen Armen zu
veranstalten beabsichligte und so viel Gaben als
möglich dafür zusammenbringen wollte.
,,Sie werden es vielleicht sehr kleinlich von mir
finden, Durchlaucht,' begann Justine nach einer
Weile, ,aber mir geht es mit meinem Denken grade
entgegengesetzt wie Ihnen. Ich komme immer von
dem Allgemeinen gleich auf das Persönliche, auf mich
und das mir Nächste zurück. Ist das Selbstsucht?
, In gewissem Sinne allerdings, aber mehr noch
die Folge davon, daß die Frauen sich es als ein
Verdienst anrechnen, wenn sie sich in dem engen

- IJ--
Gedankenkreis ihres Hanses ganz und gar vermauern.
In Ihres Mannes und vollends in Ihres Schwieger-
vaters Nähe dürften Sie nur in den Fehler nicht
verfallen; denn namentlich der Letztere sieht die Dinge
stets im Großen an.?
Justine wurde roth. Die Fürstin, die es gut
mit ihr meinte und gut von ihr dachte, hatte ihr die
Wahrheit nicht vorenthalten mögen, fragte also, sie
zu begit.gen, sofort, was ihr denn bei jener allge-
meinen Bemerkung Persönliches in den Sinn ge-
kommen sei.
,, Ach! ich dachte, mit einem Kinde würde auch
Dolores glücklicher sein; und in allen ihren Briefen
suche ich immer nur nach der Nachricht, daß sie
Hoffnung darauf hätte. ?
Es lag nichts Auffallendes in der Bemerkung
fütr die Fürstin. Weil weder Justine noch Virginie
je zuuvor einer Frau von ihrer Bedeutung begegnet
waren, hatte sie, ohne es zu suchen, bald eine große
Herrschaft und einen bestimmten Einfluß auf Beide
gewonnen; und eben weil sie nicht gewohnt waren,
viel von sich und ihren Angelegenheiten abzusehen,
hatte sie von ihnen über ihre und der ganzen Familie
Verhältnisse bald in aller Aueführlichkeit erfahren,
was ihr nach den früheren Mittheilungen von Eber-
hard nicht bekannt gewesen war.
, Man hat es immer zu beklagen,? hob die
Fürstin an, nachdem sie sorgfältig die Maschen ihrer
Arbeit abgezählt und die beiden zusammengehörenden
-geile bemessen, ,man hat es immer zu beklagen,
cFg
wenn ein paar in Liebe zu einander passende Menschen
nicht verbunden werden können; aber seit ich in das
Leben der bürgerlichen Frauen tiefer hineingesehen,
habe ich es doch bestätigt gefunden, daß sie Alle
mit viel mehr Ansprüchen an Glück, an Liebesglück

-- 15--
erzogen werden als wir anderen, und namentlich
als die Frauen auf und an den Thronen. Das
Gluck deckt nicht für jedes Mädchen so gefällig den
Tisch wie für Sie, Madame Justine.?
Justine meinte, ohne Hindernisse und ohne
Kampf wären sie und ihr Mann doch auch nicht an
ihr Ziel gelangt.
,,Grade so viel davon,' meinte die Fürstin, ,um
das Liebesmahl damit noch köstlicher zu würzen. ----
Was wissen Sie in der behaglichen Ebene, in welcher
es Gott gefallen, Ihnen Ihren Plaz zu bestimmen,
Großes von dem Los der Frauen? Wer hat die
Königstochter von Württemberg gefcagt, ob sie den
geschiedenen Schiffslieutenant Hieronymus Bonaparte
liebte? Wie man die Fürstentöchter früher dem
Kloster überwies, wenn man sich ihrer entledigen
wollte, so überweist man sie jeht, gern oder ungern,
den jeweiligen politischen Zwecken, zu Nutzen des
Hauses und des Landes. Sie haben nicht zu. wählen,
sondern sich zu ergeben, und Mütter zu werden von
Kindern, deren Väter sie nicht lieben. Das ist kein
kleiner Zwiespalt für ein reines Herz; wünschen Sie
ihn für Dolores nicht!'?
,Schrecklich,'? stieß Justine hervor, ,daran habes
ich nie gedacht!'? - Die Arbeit ruhte in ihrer Hand,
die Fürstin wiegte bedeutungsvoll das Haupt, häkelte
aber ruhig fort.
,, Und Sie, Durchlaucht, haben Sie aus Liebe
geheirathet?? fragte Virginie plötzlich, die tadelnde
Miene der Schwägerin nicht achtend.
, Nein, aber ich that den Schritt nicht ungern!''
antwortete die Fürstin, ohne die Frage als eine un-
berechtigte zurückzuweisen.
Es war nicht das erste Mal, daß ihre jungen
Gefährtinnen die Fürstin um irgend etwas aus ihrem

-- 1H? --
Leben befragten, und da sie sich für eine Weile zur
Gemeinsamkeit mit ihnen entschlossen, hatte sie ihnen
gelegentlich auch aus freiem Antrieb Dies und Jenes
aus ihrer Vergangenheit erzählt, um ihnen nicht als
eine Fremde gegenüber zu stehen und Zutrauen zu
beweisen, wo es ihr entgegen gekommen war.
Doch als sie die Worte eben erst gesprochen
hatte, kam Darner, der unten vom Pferde gestiegen
war, die Düne herauf, und gesellte sich zu ihnen.
Man begrüßte einander, und bemerkend, daß die
Fürstin mitksn in ihrem Sprechen inne gehalten,
fragte er,. wovon die Rede gewesen sei.
= ,Von einer Vernunftheirath,? sagte die Fürstin.
,Die gut ausgefallen ist, wie ich vermuthe,''
meinte Darner.
, Würde man sonst der Jugend davon sprechen??
scherzte die Fürstin.
, Ach,' rief Virginie, ,wenn Sie doch diesmal
ein wenig langsamer geritten, oder länger auf dem
Felde geblieben wären, Vater! Die Frau Fürstin
war eben dabei, uns von ihrer Heirath zu erzählen.?
,Soll ich dieser Mittheilung nicht gewürdigt
werden, so will ich mich, wenn auch ungern, Euuch
zum Opfer bringen,? bedeutete er.
, Bleiben Sie, bleiben Sie in Gottes Namen!
Ihre junge Welt hat heute von mir so viel Wahr-
heit und Vernunft zu hören bekommen, daß Sie Ihre
Freude daran haben würden; und was ich noch zu
erzählen habe, ist eigentlieh nur der Beleg für das,
was ich vorher gesagt habe, die Probe auf das
Exempel; denn etwas Einfacheres als meine ganze
Lebensgeschichte kann es gar nicht geben.
,, Wir waren acht Kinder in meinem Vaterhause,
sieben Schwestern und ein Bruder. Das Stammgut
war nicht groß, der Name um so größer. Wir hatten,

---- 158 --
um dem äußeren Anstand zu genügen, uns im häus-
lichen Leben immer sehr beschränken müssen, und als
unser Vater seine Augen schloß, ging natürlich das
Gut, das auch ein Majorat war, auf meinen Bruder
über. Der wollte und sollte heirathen, des Namens
wegen. Die Mutter durfte ihm nicht zur Last fallen
mit der Schaar von Schwestern, von denen ein Paar
zum Glück wenigstens das Familienerbe der Schön-
heit besaßen.
, Unsere Aelteste, die wirklich wie eine Jeno
aussah, fand an einem Grafen Vranitzki, dem Vater
von Joseph Vranizki, der jetzt in Venedig lebt, einen
würdigen Mann. Die Zweite versorgte die Gnade
des Königs in einem der Fräuleinstifte; sie ist jetzt
Aebtissin desselben. Wir fünf Anderen hatten mit
unserer guten Mutter in Königsberg zu leben wie
wir konnten, und zu warten, was werden würde=-
warten!
,, Ich habe es Ihnen an dem ersten Abende, an
dem Sie bei mir waren,'' fuhr sie, sich an Darner
richtend, fort, ,freimüthig eingestanden, daß das
Warten nie meine starke Seite gewesen ist, daß ich
jeden Mann beneidet, der aus sich selber etwas machen
und werden konnte. Achtzehn Jahre lang hatte man
mich wie ein Kind behandelt, sieben Jahre des
Wartens hatten mich für mein Gefühl zum alten
Fräulein gemacht; und nun sollte ich warten und
warten bis an mein Lebensende- aber worauf? Ich
hatte und besaß nichts als mich selbst; wir Alle hatten
nichts zu thun im Hause, und was konnte ein armes
gräfliches Fräulein denn auch thun, als Hofdame
oder Stiftsdame werden, oder verkümmern, wenn
kein Mann es haben wollte?
,Da kam vor fünfundzwanzig Jahren am Jo-
hannistage unser Onkel, Fürst Peter, von einer Reise

--- 1I--
aus Rußland heimkehrend, durch Königsberg und
auch in unser Haus. Er hatte die älteste Schwester
meines Vaters zur Frau gehabt, war Wittwer seit
zehn Jahren und kinderlos. Am nächsten Tage kam
er wieder, am folgenden ebenso. Er sah, wie es bei
uns stand; und als er mich am vierten Tage nac
seiner Ankunft einmal durch einen seltenen Zufall
allein in Wohnzimmer traf, denn wir waren mit
meiner Mutter sechs Gräfinnen in der kleinen
Wohnng, fragte er mich plötzlich: ,Was thun und
treiben Sie denn eigzztlich, mein Kind ?-- Nichts!
wir haben ja Alle tichts zu thun.--- ,as muß
traurig sein,' bemerkte er.-- Im höchsten Grade,:
versicherte ich. -- Er schwieg einen Augenblick, sah
mich an, wollte wissen, wie alt ich sei, ich gab ehr-
liche Antwort. Könnten Sie sich entschließen, mit
mir zu gehen? fragte er darnach. Ich sagte: WVon
Herzen gern!? Denn der Onkel war ein Fürst, ein
reicher Standesherr, wir hatten von ihm immer nur
das Beste gehört. Es war der Stolz der Familie,
ihn zu den Ihren zählen zu dürfen. Ich meinte, er
begehre mich in seinem Hause zu repräsentiren, und
war höchlich erfreut über diese Aussicht. Er mochte
an meiner schnellen Entschlossenheit erkennen, wie ich
seinen Vorschlag angesehen hatte, und setzte deshalb
hinzu: ,Mißverstehen Sie mich nicht; ich möchte,
Sie würden meine Frau. Ich glaubte, er scherze,
und darum verletzte es mich. Ich fand mich zu guut
und zu alt zu solchem Scherze.
r,
,Der Fürst war sechzig Jahre, das wußte ich;
er war eine hohe Gestalt, man sah ihm den Fürsten
und den Addel der Gesinnung an. Gereizten und be-
küümmerten Gemüthes, wie ich war, entgegnete ich
ihm: ,Wenn Sie mich kennten, Durchlaucht, würden
Sie mich nicht mit solchem Scherze kränken; unsere

-- 1G--
Armuth ist nicht meine Schuld. Finden Sie einen
Platz für mich in Ihrem Hause oder wo es sei, in
Nord oder Süd, an dem ich nützen und mir helfen
kann; und Sie sollen sehen, ob ich gehe.
,,Das Gefühl der Demüthigung hatte mir, ohne
daß ich's hindern konnte, die Thränen in die Augen
gebracht.- ,Weinen Sie nicht, Hedwig,' sagte der
Fürst, ,aber seien Sie ehrlich, denn ich meine es
ehrlich, und mit Ehrlichkeit ist fütr uns Beide, wie
ich hoffe, Heil zu finden. Sie sehen, ich bin kein
junger Freier; Sie wissen, ich wohne tief im Lande
und ich liebe es, fern vom Geräusch der Welt zu
leben. Wie bald und in welcher Weise das Alter
mit seinen Beschwerden mir nahen wird, wer will.
das sagen? Wir haben gut mit einander gelebt,
Ihre Tante und ich, und ich weiß Neigung und. Ver-
trauen zu schätzen, zu erwidern. Sie habenf=- jetzt
kann ich's schon sagen,'' unterbrach die Fürstin sich
selbst, --- ,.Sie haben ein schönes, offenes Gesicht,
Sie sind gewiß eine wahrhafte Natur. Wollen Sie
es mit mir wagen, wollen Sie meine Frau werden
und mit mir gehen, Hedwig?
,, Und Sie sind gegangen! sagte Darner, und
seine Augen begegneten mit froher Zustimmung den
ihren.
,Ea, mein Freund! und ich hätte es zu segnen
gehabt, auch wenn der Himmel mir den Sohn nicht
geschenkt, der jetzt mein Stolz und meine Freude ist.
Siehgzehn Jahre sind mir an meines Mannes Seite
in me getrübtem Frieden und in schönem Verständniß
vergangen. Wir haben viel Gutes gemeinsam ge-
fördert auf den Gütern. Ich war zweiundvierzig
Jahre, als er schied, und habe fortgearbeitet in seiner
Weise, und unsern Sohn in seinem Sinne geführt
bis jett, da er volljährig geworden.-- Was man

-- 16--
Liebe nennt im Sinne der Romantik, das habe ich
allerdings nicht gekannt, aber auch nicht entbehrt;
denn es ist ja nicht Jeder, wie die Franzosen es
nennen, von dem Holze, aus dem man die großen
Leidenschaften macht; aber ich war vollständig be-
friedigt durch die Zufriedenheit und das Glück meines
Mannes. Ich habe ihn verehrt und geliebt. Ich
hatte einen bestimmten Zweck, eine Aufgabe im Leben,
die ich in freiem Willen übernommen- und das
ist Glück, das war Gg,k für mich.
, Ja,' rief Virgime, ,das ist's, das meine ich
auch, einen bestimmten, frei übernommenen Beruf,
und an dem halten.?
Die Füürstin, der Vater und Justine sahen sich
an und der Vater sagte:
,Die Frau Fürstin wird sich, wie ich vermuthe,
durch Deine lebhafte Zuslimmung sehr geschmeichelt
fühlen.?
Virginie erschrak, stand auf und kütßte die Hand
der Fürstin, die ihr freundlich die heißerglühte Wange
streichelte.
, Tadeln Sie sie nicht, Herr Darner! was so
ehrlich vom Herzen kommt, thut immer wohl. Aber
welchen Beruf, meine Liebe, haben Sie sich erwäählt,
wenn man Sie fragen darf??
,Füür meinen Vater zu leben!' erklrrte sie.
,Bis ich anders über Dich verfüge!'' Pedeutete
sie dieser, und überdeckte damit die gleichzeitig ge-
sprochenen Worte der Fürstin:
,Das lobe ich, denn die Eltern haben nicht nur
Pflichten gegen ihre Kinder, sie haben auch For-
derungen an dieselben; und für einen Vater wie
den Ihren zu leben, das ist eine schöne Aufgabe und
eine Pflicht. ?
Leoald. Die Famnilie Darner. Ül.
1

=- 16N =
,Wenn und so lange er es begehrt,'? schaltete
Darner ein, ,denn die erste Kindespflicht ist der Ge-
horsam, wie er der sicherste Beweis der Liebe ist, ?
Die Fürstin mochte es, da Darner die Sache
ernsthaft nahm, zu keiner Erörterung kommen lassen,
aber ihre Anwesenheit gab Virginien Muth.
,Ich bin ja auch gehorsam, lieber Vater,'' sagte
sie. ,Sie haben mich hier, als wir zum ersten Male
draußen waren, zu Ihrer Hausfrau ernannt, und
als wir dann von Venedig zurückgekommen sind,
und Sie Franks und unsern Haushalt gesondert
haben, haben Sie mich in meinem Amt bestätigt
und =-
Des Vaters fest auf sie gerichtetes Auge fing
an, sie unsicher zu machen; die Fürstin kam ihr zu
Hilfe.
,, Und da haben Sie sich gelobt, es treu zu ver-
walten, und das thun Sie. Man kann sich keine
bessere Hausfrau wünschen.?
Das Lob der Fürstin, Justinens Erstaunen über
ihren Muth dem Vater gegenüber, und jener Drang
sich durchzusetzen, der ihr im Blute lag, kamen zu-
sammen, sie vorwärts zu treiben, während die Er-
innerung sie hob, daß sie sich in Gedanken an ihre
Mutter opferfreudig gegen den Vater, und im Ge-
horsam gegen dessen Ansichten ehrenhaft gegen den
Hauptmann betragen hatte.
Da man in den Kreisen ihres nächsten Umgangs
über sie als über eine Ausnahme von der Allgemein-
heit der Mädchen zu scherzen und zu spötteln liebte,
wollte sie beweisen, wie sie das nicht anfocht, wie es
ihr vielmehr gefiel, nicht zu sein wie alle Anderen,
nicht ihr ganzes Heil und Hoffen auf das Heirathen
zu seten; und die stark ausgeprägte Selbstständigkeit
der Fürstin, der ersten Frau von Bedeutung, die ihr

-- 1ßZ--
vorgekommen war, stellte ihr ein Jdeal vor die Seele.
Eine innere Stimme, der sie nicht zu widerstehen ver-
mochte, sagte ihr: ,ketzt oder niemals- also jetzt.
, Ich bin sehr glücklich, Durchlaucht!' sprach sie
fest und mit leuchtenden Augen, ,wenn es mir ge-
lingt, Sie in unseres Vaters Haus nicht allzu viel
vermissen zu lassen, und es ist sehr gnädig von Ihnen,
wenn Sie meinen guten Willen anerkennen; aber das
ist es nicht. ?
Sie wurde Allen däHselhaft mit dem Aufwand
ihrer Kraft; und der Väer, welchem der Vorgang
in Gegenwart des fürstlichen Gastes in jedem Sinne
nißfse;1a
, Genug, Virginie, kurz und gut, was soll das
Alles und was willst Du?
,, Sie dafür entschädigen, daß unsere Mutter Sie
verlassen, daß Sie um unsretwillen mit uns allein
geblieben sind.?
,, Virginie, was fällt Dir ein? rief Darner,
höchlich betroffen und seinem Ohr nicht trauend.
, Nichts, Vater, nichts, was ich nicht längst ge-
dacht.-- Als Dolores gar nicht lassen wollte von
ihrer Liebe und nichts hören wollte von der Heirath,
da habe ich's ihr gesagt und mir geschworen, daß
wir Beide Ihnen Ersatz sein müüßten für unsere
Mutter. Da hat Dolores sich gefügt; und als Sie
Vater, mich dann geheißen, ich sollte Ihre Haus-
frau sein, da habe ich in meinem Herzen mir und
Ihnen Treue geschworen bis ans Ende-- und Sie
werden mich nicht. von sich geben!?
Sie warf sich, denn sie hatte ihr Aeußerstes ge-
wagt, dem Vater an die Brust, er zog sie fest an sich.
, Keine Nebertreibung ! stieß er hervor, aber er
küßte sie auf die Stirne, drückte ihr die Hand und
1

-- P6F--
sagte danach, sich wehrend gegen seine Rührung:
,Lassen Sie uns aufbrechen, durchlauchtige Frau!
und verzeihen Sie das Rührspiel, das meine Tochter
Ihnen hier unerwartgt aufgeführt. Kommen Sie, Frau
Fürstin, wenn's gefällt.?
Er bot ihr den Arm, sie verließen den Pavillon.
,,Man hat Sie zu beneiden um das Kind l?
sagte die Füürstin, als sie fern genug waren, von
den Zurückgebliebenen nicht gehört zu werden. ,Welche
Liebe, welche Selbstständigkeit von einem Mädchen
ihres Alters!?
Darner, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt,
ging auf das Lob nicht ein.
,Wäre sie ein Mann, so wollte ich mich ihres
Eigenwillens freuen, jetzt aber =-?
,Brechen Sie ihn nicht!'' mahnte warnend die
Fürstin. ,Wissen Sie-- und wer kann's wissen
als der, der sie geschaffen-- was er mit ihr vor-
hat? Wissen Sie, ob nicht einmal die Stunde kommt,
in welcher Sie es segnen, daß dieses Mädchens Herz
sich Ihnen ganz geweiht hat??
,,Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen in dieses
Gebiet nicht zu folgen vermag. Meine Kinder sind -
zunächst meine Geschöpfe = ?
,,So gönnen Sie ihnen auch das, was unser
Aller Schöpfer uns Allen zugesteht, den Gebrauch der
Vernunft und des freien Willene.?
,,Innerhalb des von ihrem Schöpfer ihnen vor-
bestimmten Weges,' setzte Darner hinzu.
Rede und Gegenrede waren einander schnell ge-
folgt. Obschon die Fürstin seine Weltanschauung
kannte, betrachlete sie die Aeußerung derselben in
diesem Falle wie einen Spott, und zugleich wie eine
Abwehr gegen ihre Theilnahme für Virginie. Darner
hatte das gefürchtet und es doch nicht lassen können,


-=- 6J-
sich auch gegen diese von ihm so hochgehaltene Frau
in seiner Weise zu behaupten.
,Zum Vorschein kommt es doch einmal!'' klang
es in der Füürstin; jedoch der geringschätzende Gedanke
war in ihr kaum aufgestiegen, als sie ihn sich selber
vergessen zu machen wünschte, denn sie war damit
von sich und ihrer Menschenschätzung, wie von der
Schätzung dieses Mannes abgefallen. Darner aber
fühlte sich ihr gegenüber nsch schuldiger. Er war ihr
und dem Gastrechte und dhmit sich selbst zu nahe
getreten. Es war der erste Mißklang zwischen ihnen.
Allein der Fürstin edler Sinn und ihre weltgewandte
weiblicheLechtigkeit hatten sich zurechtgefunden, während
Darner noch nach dem Worte der Ausgleichung suchte;
und den Faden der Unterhaltung schnell wieder auf-
nehmend, um keine Pause eintreten und die Störung
nicht fühlbar werden zu lassen, knüpfte sie an seinen
Ausspruch mit der Bemerkung an:
, Der Schöpfer, der uns den Weg vorzeichnet,
ist allwissend und allweise; sind Sie das?-- Und
daß ich es ehrlich sage, ich glaube, in dieser Sache
sehe ich tiefer und klarer als Sie, denn ich sehe mit
einem Frauenauge in ein Frauenherz.?
Die Feinheit, mit welcher sie es ihm ersparte,
sich zu entschuldigen, entzückte ihn. Das Jerz ging
ihm davor auf.
, Sie wissen es, Duurchlaucht,'' sagte er, ,ich bin
ein einsamer Mann, durch lange Jahre einen ein-
samen Weg gegangen. Der sänftigende und erleuch-
tende Blick einer Frau wie Sie ist nie bisher in
mein Leben gefallen. Mit Allem, was ich für sie
gethan, habe ich meinen Töchtern die wachsame,
weiche Liebe des Mutterherzens nicht ersetzen können.
Lassen Sie Virginien meine Herbheit, meine Härte
nicht entgelten.?

-- 18---
, Ich bitte Sie, kein weiteres Wort davon! Macht
man's der Eiche, die jedem Sturm gestanden, zun
Vorwurf, daß ihre Rinde nicht wie die der Platane
glatt und farbig ist, daß ihre Aeste sich nicht wie die
der Birke beugen?
,So sagen Sie mir, Durchlaucht! was denken
Sie von Virginie, was glauben Sie von ihr?
, Ich glaube, daß sie bei dem Anschein der Ruhe
einen fanatischen Zug in sich trägt und daß es ihr
ernst ist mit ihrem Gelöbniß. Wie ich jedoch das
Frauenherz kenne, ist sie über sich hinausgehoben
durch ein Opfer, das sie bereits gebracht hat. Hat
sie vielleicht eine Liebe gehegt und überwunden?
,Daran hab' ich nicht gedacht,'' entgegnete ihr
Darner, ,möglich wäre es.?-- Sie schwiegen Beide
eine kleine Weile, bis Darner sagte: ,Ich will sie
darum befragen.?
, Ohne Strenge,'' bat die Fürstin.
,, Ich werde denken, Sie wären neben mir,
durchlauchte Frau, und gestatten Sie mir, Ihnen zu
berichten, was ich erfahre. Ich habe nie einen Ver-
trauten gehabt, nie Rath gefordert-- ich war mir
immer selbst genug-'
, Und viel für Andere!'r lobte ihn die Fürstin.
,Nur nicht unfehlbar,'' sagte er, und das Wort
entrang sich seinem stolzen Herzen schwer.
,Wer könnte es sich auch wünschen, allwissend,
unfehlbar zu sein, wenn er nicht wie Gott einsam
in sich selbst beruhend, zugleich allmächtig ist. Lassen
Sie es sich gefallen wie wir Alle, ein irrender Mensch
unter irrenden Menschen zu sein. Es ist oft schwer
genug und doch das Leichtere.?
Sie hatte das Letzte scherzend sagen wollen, es
mißlang ihr. In ernstem Schweigen erreichten sie
das Haus.

-- 1?
Bevor sie in dasselbe eintraten, blickten sie noch
einmal zurück nach dem Weg, den sie gekommen,
und auf welchem Justine und Virginie, nachdem sie
im Pavillon die Arbeiten zusammengeräumt, ihnen
in geringer Entfernung gefolgt waren.
Der Anblick, der sich ihnen darbot, hielt sie fest.
Es war später geworden, als sie geglaubt. Die
Sonne war schon zur Hälfte in das Meer versunken,
dessen dunkelblaue Wogen in ihrem flammenden
Scheine leuchteten; der gssze Himmel funkelte in
goldenem Licht, das hoch im Zenith in rosigem
Schimmer verfloß, so daß selbst die weißen, in
raschem Fage dahinschießenden Möven in Farben-
schöne erglänzten, während die Luft frisch und frischer
zuu wehen begann.
, Welch eine Herrlichkeit ist das, und wie danke
ich sie Ihnen; diese Schönheit, diesen Abend vergesse
ich nicht!'
, Auch ich nicht, Duurchlaucht. ?
, Ich hoffe, er hat uns zu rechten Freunden ge-
macht!'' sagte sie.
,, Füür immer!'' bekrääftigte er.
Jünfzehntes Fap---
eif,-l'
, Bleibe!' sagte Darner zu seiner Tochter, als
am Abende die Fürstin sich nach ihren Zimmern
zurüückhog und auch Justine sie verlassen hatte.
Sie konnte nicht zweifeln, worauf es abgesehen
war. Es hatte schon auf dem Wege vom Pavillon
nach Hause zwischen ihr und Justinen Erörterungen
darüber gegeben, wie der Vater Virginiens unnöthig
herbeigeführte Erklärung aufnehmen und ob sie ihm

Kapitel 15

--- - 1ßF- -
nicht grade den Anlaß geben würde, an die Ver-
heirathung auch dieser Tochter schneller zu denken,
als es sonst vielleicht unter den gegenwärtigen Um-
ständen der Fall gewesen sein würde. Virginie hatte
sich auf die Zustimmung der Fürstin gestütt, Justine
eingewendet, daß die schlichte Erzählung der Fürstin
über die Art, in welcher sie sich verheirathet, dem
Vater Virginien gegenüber einen Beweis dafür liefern
würde, wie auch eine Vernuunftheirath zu großer Be-
friedigung werden könne. Virginie hatte sich durch
das Alles nicht einschüchtern lassen.
,Ich bin nicht Dolores! hatte sie gesagt.,Der
Vater hat nicht nöthig, mich vor krankhaftem Hin-
siechen zu bewahren wie unsere arme Turteltaube,
und bin keine arme Gräfin, die nicht weiß, was sie
mit sich machen soll. Ich bin gesund und zufrieden
und habe meinen Beruf-r
, Und Du hast keinen Wunsch, keine unbefriedigte
Sehnsucht? hatte Justine eindringlich gefragt.
, Hältst Du mich darum für geringer als Euch??
hatte Virginie entgegnet. ,Vielleicht bin ich, wie die
Fürstin heut' es nannte, nicht von dem Holz der
großen Leidenschaften. Dolores hat das doppelte
Theil davon bekommen.?
Justine hatte weiter nicht in sie gedrungen.
Jetzt, da der Vater ihr zu bleiben befahl, flüsterte
Justine ihr im Fortgehen schwesterlich zu, daß sie sie
noch erwarten wolle. Virginie lehnte es ab und
fragte, als jene die Thüre hinter sich zugezogen, den
Vater, das Klopfen ihres Herzens nicht beachtend,
was er zu befehlen habe.
,Ich habe Dir nichts zu befehlen, denn Du bist
aufmerksam auf das Nothwendige und thust Deine
Schuldigkeit; darum will ich mit Dir wie mit einem
verständigen Menschen sprechen. Setze Dich zu mir.

--- Jßß--
, Du hast Dir das Wohlwollen der Fürstin er-
worben, und das freut mich, denn sie ist ebenso
großdenkend als einfach, ebenso fein empfindend als
umsichtig und tüchtig; sie hat meine Meinung von
den Frauen erhöht, und das soll. Dir zu Gute kommen.
Ohne ihr Fürwort würde ich Dein heutiges Heraus-
treten als eine Unschicklichkeit getadelt haben, denn
man hat kein Recht, sich und seine persönlichen An-
gelegenheiten Fremden nach Belieben aufzudrängen;
und ich würde es Dir verwehrt t,,ben, an meine
Erlebnisse mit Eurer Mutter zu rüühren, oder mir
gegenüber von Lebensplanen, von Eiden zu sprechen,
die ich Dio nicht vorgezeichnet habe. ?
,, Verzeihen Sie mir, Vater! Sie haben mich
zu Ihrer Hausfrau ernannt, und ich war glüücklich,
als Sie das thaten, denn das war Alles, was ich
wünschte.?
,. Und damals hast Du Dir das thörichte Gelöb-
niß der Ehelosigkeit gethan, ohne daran zu denken,
ob ich's billige??
,, Nein, schon vorher, Vater. ?
Er fragte, wie sie darauf verfallen sei.
, Ich habe es heute ja vor Ihnen und der
Fürstin ausgesprochen,? antwortete sie, und fügte dann
noch hinzu, wie sie durch Madame Göttling zu dem
Gedanken gekommen, und wie er seitdem ihr imn er
mehr ins Herz gewachsen sei.
,,Du sprichst davon, Dein Glück neben mir zu
finden, mich nicht verlassen zu wollen. Weißt Du
Niemand, um dessen willen Du es thätest, mit dem
Du glücklicher werden könntest als in dem Hause
Deines Vaters??
Sie schlug den Blick zu Boden.
, Sei wahrhaft, Virginie, denn die Frage ist ernst-
haft. Wenn heute der Hauptmann hinträte vor Dich!'-

-- 1 7-
,Er hat's gethan einmal, aber ich wußte, daß
Sie mich ihm nicht geben würden. Das habe ich ihm
gesagt, und daß ich's ihm gesagt, das hat ihm Zu-
trauen zu mir gegeben, und ich habe es zu ihm.?
,Fahre fort,'' gebot der Vater, da sie schwieg.
,,Das ist Alles zwischen ihm und mir.?
,, Und Dein Gelöbniß?-- Sprich es ganz aus,
wie bist Du dazu gekommen?'
,Ich hatte, seit die Göttling das gesagt, es
immer schon im Herzen getragen, Vater, immer!
Dann hat Frank einmal mit dem Hauptmann und
mit Eberhard zu Ihnen davon gesprochen, daß ein
Sohn die Ehrenschuld seines Vaters mit großen
Opfern getilgt, und Sie haben das eine Pflicht ge-
nannt, die zu erfüllen sich von selbst verstehe. Das
habe ich empfunden, denn so ist's mit uns, mit
Dolores und mit mir. Wir haben unserer Mutter
Ehrenschuld zu tilgen. Sie hat sich hingegeben an
ihren Gott, der ihrer nicht bedarf, denn er ist un-
sterblich und wird nie altern; und sie hat Sie ver-
lassen, der ja nicht ewig jung bleiben wird-- und
darum muß ich bei Ihnen bleiben. Fragen Sie die
Fürstin, die wird sagen, daß ich muß!-- Unsere
Mutter hatte ihren Glauben, ich den meinen; und
der Glaube-- und Sie, lieber Vater-- sind mein
Halt, mein Stolz! - Ach,?-- sie war immer leb-
hafter geworden, hatte immer schneller gesprochen,
bis sie mit dem Ausruf endete: ,Sagen kann ich
es ja doch nicht, aber es ist so, und-- ich gehör' zu
Ihnen -- fragen Sie die Fürstin!-
Er ließ sie zur Ruhe kommen und er hatte auch
Neberlegung nöthig. Ihre Liebe, die Kraft ihrer
Natur erfreuten sein Vaterherz, und der Rath der
Fürstin, diese Natur nicht zu brechen, ihr Zeit zu der
ihr angemessenen Entwicklung zu gewähren, be-

- t 1---
gegnete nach dieser Unterredung auch seiner eigenen
Ansicht.
Plötzlich, noch ehe er ihr geantwortet, stand sie
mitten in ihrer Erregung auf, ein Licht von dem
Tisch am Fenster fortzutragen, weil der soeben auf-
gestiegene Nachtwind die leichten Vorhänge gegen das-
selbe herantrieb.
Der kleine Zug entging ihm nicht und bestätigte
ihn in seiner Meinuung. Als sie zu ihm zurückkam,
reichte er ihr die Hand.
,.Deine Liebe für mich ist mir eine Freude und
ein Lohn,' sagte er, ,und ich will-Dir vertrauen.
Du sollst,einen Willei haben unn M zur bleiben;
aber Dein Gelöbniß lasse ich nicht gelten, denn der
Sinn des Menschen, auch des festesten, wandelt sich
im Leben durch das Leben. Wer weiß, ob Eure
Mutter es nicht bereut, gegen das Recht und gegen
die Natur gehandelt zu haben. Du sollst, ich wieder-
hole es Dir, für mich leben und ich will mich Deiner
freuen; und Du sollst mir's sagen, wenn es Dir
nicht mehr genügt, allein für Deinen Vater zu leben,
wenn Deine Liebe Dich zu einem andern Manne
zieht und es Dich verlangt, seine Gattin, Mutter
seiner Kinder zu werden. Ich vertraue auf Deine
Vernunft; Du sollst Deines Glückes Schmied sein!'
,Und Ihre Hausfrau, geliebter Vater, Ihre --
Madame Virginie!'' rief sie lachend, um in ihrem
Lachen ihre Rührung zu verbergen. , Und ich komme
überall mit, auch auf Reisen nehmen Sie mich mit.
, Keine Versprechungen!'' warnte der Vater, ihr
das Gelock von der Stirne streichend, das sich aus
dem Stirnbande gelöst.
,Darf ich es der Fürstin sagen?'
,Du hast ihr zu danken, denn sie hat Dir das
Wort bei mir geredet. Mache ihrem Vertrauen Ehre

--- 17F--
und dem meinen. Es ist ein Großes, was ich Dir
zugestanden.?
, Ich weiß es, Vater,'' sagte sie, und obschon sie
es vorhin abgelehnt, eilte sie, nachdem der Vater sich
entfernt, noch zu Justine, ihr Herz vor der Treuen-
auszuschütten, ihr, wie sie es jubelnd nannte, zu ver-
künden, daß sie Besity genommen von sich selbst, und
was vorgegangen war zwischen ihr und zwischen
ihrem Vater.
Trotz dieses langen Aussprechens konnte sie den
Schlaf nicht finden. Die Rede, welche der Vater an
seinem Tisch gehalten an dem Tage, an dem er die
Aufhebung der Leibeigenschaft gefeiert, fiel ihr immer
wieder ein. Sie war jetzt eine Freigelassene. Wie
der freie Mann unter seinem König und unter dem
Gesetz einzustehen hat für sich und für sein Thun,
so hatte sie jetzt für sich in neuer Weise einzustehen
vor ihrem Vater, und sie fühlte sich ihrer sehr ge-
wiß. Hätte sie das Alles nuur gleich auch dem Bruder
sagen können und Dolores und dem Hauptmtann -
und auch der Göttling, die es immer noch nicht ver-
gessen konnte, wie weltfremd sie aus der Pension in
ihren Schutz gekommen war. Sie hatte der Treuen
viel zu danken; aber der Fürstin, der Füürstin
Alles.
Es war eingeführt, daß sie sich am Morgen,
während die Fürstin ihr Frühstück einnahm, zu ihr
verfügte, sich nach ihrem Befinden und nach ihren
Wünschen für die Einrichtung des Tages zu erkun-
digen; und Virginie segnete es, daß ein Sonntags-
morgen vor ihr lag, an welchem die Fürstin zeitiger
sichtbar wurde, weil sie den Gottesdienst in dem be-
nachbarten Pfarrdorfe nicht zu versäumen liebte.
Sie fand die Fürstin schon fertig, für die Fahrt
zur Kirche angekleidet, am Kaffeetische sitzend; und

-- 1 ?ß--
ohnehin gewohnt, am Morgen ihr die Hand zu küüssen,
warf sich Virginie ihr heuut zu Füßen, da sie's that.
, Kind, was soll das? fragte die Fürstin.
,Ihnen danken von Herzensgrund! Der Vater
war so gut. Ohne Sie hätte ich's zu sagen nie ge-
wagt, ohne Sie hätte er es nie gebilligt. ?
,, Und jetzt, was ist denn jetzt geschehen?
Virginie erzählte der Füürstin, was sie am Abende
vorher der Schwägrin vertraut, die Fürstin hörte
ihr ernsthaft zu. Als sie geendet, sprach sie:
, Es ist bei Ihres Vaters Sinnesart ein großes
Zugeständniß, das er Ihnen gemacht hgt, und wie
immer hat er mit großem Sinn und n,ftem Blick
nichts Halbes gethan. Nun machen Sie etwas aus
sich, damit Sie und er etwas an Ihnen haben und
damit Sie, wenn Sie einmal in die Ehe treten,
Ihrem Manne in sich mehr darbringen als eine ge-
wöhnliche Frau.'
,Duurchlaucht, wie macht man daa ?
,Wie ich es Ihnen neulich schon gesagt. Brauchen
Sie Ihren Verstand zum Unterscheiden dessen, was
wichtig, was unwichtig ist, und nehmen Sie sich
selbst nie wichtig, wenn Ihr Dasein nicht für Andere
wichtig ist.-- Es ist thöricht, sich das Leben mit
Geringfügigem zu erschweren, und ein erhebendes
Gefühl, sich sagen zu können: Ich setze alle meine
Kraft ein für etwas Nothwendiges, Großes, Gutes.
Fordern Sie die Meinung der Anderen nicht leicht-
sinnig gegen sich heraus, halten Sie sich an dem,
was die Allgemeinheit sich als Sitte festgestellt hat;
aber achten Sie die fremde Meinung gering, wo Sie
ihr entgegenzustreben haben, um dem Gewissen, um
der Stimme nachzuleben, die Gott dem Menschen als
sein göttlich Theil neben der Vernunft und dem
freien Willen in das Leben mitgegeben hat; und


rotten Sie jedes Vorurtheil mit Stumpf und Stiel
in sich aus, denn es zerstört das Beste in uns wie
der Teufelszwirn das beste Wiesenland.- Haben wir
doch in jedem Menschen unser aller Schöpfer zu
lieben, und in jedem das zu schätzen, was er aus sich,
für sich und andere gemacht hat. Denken Sie
überall daran!rr
Sie brach ab, und auf ihr ernstes Antlitz kehrte
die Freundlichkeit zurück, die es fast immer umspielte.
,,Das soll heute unsere Morgenandacht gewesen
sein!'' sprach sie und horchte auf, da eben die Ühr
an dem Wirthschaftsgebäude die achte Stunde schlug.
, Es wird Zeit, daß Sie den Wagen kommen lassen,?
bemerkte sie.
,Durchlaucht, für mich bedarf es heut der Kirche
nicht!r
--- 1? --
,Wir bedürfen ihrer Alle, entgegnete die Fürstin,
,. uns an unsere Zusammengehörigkeit zu mahnen,
und in unseren Tagen mehr denn je. Lassen Sie
den Wagen kommen, Liebe!
Virginie wollte gehorchen, blieb aber stehen.
,Ich kann's nicht sagen, Durchlaucht, hob sie
an. ,Nur das Eine! Ich habe Sie verstanden,
Durchlaucht, und will's beherzigen und bethätigen,
wie ich kann, nur -- tief unter Ihnen wie ich stehe
-- ziehen Sie Ihre Hand nicht von mir.?
,Tief unter mir? Und das nennen Sie mich
verstehen? Alle neben einander, Alle mit einander,
Jeder für Alle, Alle für Eines! Dies ist unsere
Losung.-- Und nun kommen Sie!r
ggpappenöwwwggpgpoggpogoggggongpowäggppggpopopgpgggpg

Kapitel 16

-- 175 --
Sechzehntes Kapitel.
Einen vollen Monat hatte der Aufennhalt der
Fürstin in Strandwiek gewährt, als ihr Sohn ihr
schrieb, daß ihrer Heimkehr nach Schlesien nichts
mehr im Wege stehe, daß er in acht Tagen, Ende
August, nach Preußen kommen werde, sie heimzu-
holen, wo sie sich auf dem gräflich Rothenstein'schen
Schlosse treffen und der Hochzeit des Erbsohneg bei-
wohnen könnten, bei der zu erscheinen die Fürstin
sowie der Prinz versprochen.
=
Man hatte sich der Nachricht insofern gefre.tt,
als sie bestätigt, daß jener Theil von Schlesien von
den Franzosen geräumt worden war; aber Justine
und vor Mllen Virginie dachten mit Bedauern daran,
von der Füürstin getrennt zu werden, die ihnen erst
den Sinn dafür erschlossen, was eine Frau als
Gutsherrin für die Kultur der Eingesessenen und des
Hausgesindes im Allgemeinen leisten, und welch einen
Antheil an der Förderung des Gemeinwesens und
des ganzen Landes sie dadurch bewirken könne.
Es war nach jener Unterredung mit Virginie
nie wieder zu einem ähnlichen Gespräch zwischen der
Fürstin und ihren jungen Dausgenossinnen gekommen,
ihr ganzes Wesen jedoch war ein beständiges Beispiel,
dem nachzutrachten die Anderen sich hemühten, weil
es schön war; und der Ausspruch, oen sie einmal
beiläufig gethan, daß jedes Haus, welches von einer
gebildeten, wohlwollenden Frau geleitet' werde, eine
Erziehungsanstalt für alle Mitglieder desselben sei,
wurde von den beiden Schwägerinnen an jedem Tage
als eine Wahrheit empfunden. Der Fürstin Weise
war die schlichteste. Sie war nicht herablassend, sie
erhob die Menschen zu sich, die dafür empfänglich

- 17Z--
waren, und nie zuvor hatte Jemand einen solchen
Einfluß auf Darner ausgeübt als sie.
So mochte man denn natürlich nicht daran
denken, sich von der verehrten Frau eher zu trennen,
als es unerläßlich war. Darner willigte also, als in
etwas Selbstverständliches, darein, daß die Seinen,
die nahezu drei Monate in Strandwiek gewesen waren,
gleichzeitig mit der Fürstin in die Stadt übersiedelten.
Sie wünschten noch in ihrer Nähe zu sein, während
sie sich von dem Königspaare, von ihren zahlreichen
Verwandten und Umgangsgenossen verabschiedete und
dabei noch einige Tage in dem Lindheim'schen Hause
lebte, um es damit der Familie darzuthun, wie es
ihr lieb sei, noch einmal neben den Personen zu
weilen, die sie durch die ganzen Jahre mit so großer
Bereitwilligkeit beherbergt hatten.
Virginie hatte es sich, da man in nächster Nach-
barschaft wohnte, von der Fürstin erwirkt, für diese
letzten Tage sie an jedem Morgen wie in Strand-
wiek aufsuchen zu dürfen, um sich zu erkundigen, ob
sie von dem Wagen ihres Vaters Gebrauch zu machen
wünsche, oder was man ihr sonst noch leisten könne.
Am dritten Tage nach der Ankunft in der Stadt
war sie mit der Nachricht nach Hause gekommen, daß
die Fürstin am Nachmittage mit ihr auszureiten
denke. Auf dem Lande war das fast regelmäßig ges
schehen, und wenn die Männer dort gewesen, hatte
immer einer: derselben sie begleitet. Virginie hatte
als Ziel des Rittes das eine Meile von der Stadt
am Pregel gelegene Schloß Holstein vorgeschlagen,
die Fürstin hatte das gebilligt und Darner hatte er-
klärt, daß er mit ihnen reiten würde.
,Und wo werdet Ihr bleiben?? erkundigte sich
John Kollmann, der mit Justine und deren Knaben
unter dem Schatten der Linde auf dem Wolme saß,

als Virginie mit ihrer Botschaft heimgekehrt war.
,, Kommt Ihr vielleicht in den Logengarten?
, Frage meinen Mann,'' entgegnete sie. ,Es
wäre freilich das Gescheidteste, wir führen auch hinaus
und Du und der Onkel kämet mit uns. Ihr sähet
dann die Fürstin doch auch noch einmal.?
John sagte, sein Vater könne nicht dabei sein,
da er für den Abend die gewohnte Kartenpartie mit
dem Doktor und Konsul Arufield im Logengarten
verabredet habe, ging jedoch gleich in das Comptoir,
Franks Meinuung einzuholen, der sich mit Justine =
einverstanden erklärte; und da man keinen Posttag
hatte, konnten sowohl Frank als John die von der
Fürstin bestimmte Stunde einhalten.
Als Darner mit der Tochter vor das Lindheim'sche
Haus kam, wohin er die Pferde bestellt, sah er einen
Soldaten des Kürassierregiments mit einem Schimmel
vor demselben halten. Als man danach ihn und
Virginie in das Zimmer der Fürstin führte, fanden
sie einen von deren Anverwandten, einen Major von
Wetterau, bei ihr, dem sie früher schon bei ihr be-
ggegnet waren.
,,Sie sollen es nicht so schwer mit uns haben,
Herr Darner,' sagte sie, ,ich habe heute für einen
zweitenKavalier gesorgt;meinVetter wird uns hegleiten.
Da ich übermorgen abreisen will, muß ich diese letzten
Tage mit meinen Freunden auszunützen suchen, denn
das Scheiden ist sicher und das Wiedersehen nicht.?
Sie war während des Sprechens an das Fenster
getreten, weil sie die Pferde kommen hörte, und
hinaussehend bemerkte sie, daß vor Darners Hause
Justinens Wagen hielt.
, Kommt Ihre Schwiegertochter auch hinaus?
Das ist hübsch und paßt, wie Sie eben gehört haben,
recht in meine Absicht. ?
Lewald. Die Familie Darner. Ul.


A1
e -K.
1 NKzr
a. Ka sa ..K. K.


A1
e -K.
1 NKzr
a. Ka sa ..K. K.


A1
e -K.
1 NKzr
a. Ka sa ..K. K.


A1
e -K.
1 NKzr
a. Ka sa ..K. K.

n
-=- JZF -
er zu Frank: ,Steigt gleich ein, wir wollen zu-
sammen aufbrechen, und Justine soll vernünftig sein.?
,Sie ist's ja, Vater; sie erstaunte nur John zu
Ehren, wie ich sie kenne.?
,,So soll sie sich schämen, und mag er davon
bleiben, wenn er's für nöthig findet. ?
,,Dazu ist er doch zu gescheidt und das Gegen-
über zu hübsch!' lachte Frank, der mit diesen Vor-
urtheilen wie mit manch Anderem fertig geworden war,
während er in Holland gearbeitet, denn grade er
hatte immer mit den Männern der Lindhein'schen
Familie, noch vor der Vermittlung durch die Füirstin,
sich auch außerhalb der Börse und des Geschäftes
freundlich berührt.
Während dann der Major und Darner der
Fürstin und Virginie in die Sättel halfen und sich
zu Pferde setzten, waren die Anderen eingestiegen.
Die Reiter, von den Reitknechten gefolgt, ritten voran,
Frank stieg vor dem Lindheim'schen Hause aus, den
Gast aufzunehmen. Der Wagen folgte den Reitern,
die in der Straße Schritt zu halten hatten. Die
Nachbarn, von dem Pferdegetrappel aufmerksam ge-
macht, kamen an die Fenster und auf die Wolme
hinaus. Madame Lindheim sah es mit stiller Freude.
Sie nickte und nickte noch einmal nach dem Wagen
hinunter, Justine und ihre Flora zu grüßen.
,Gott erhalte die Fürstin!r sagte sie; als sie, das
Fenster verließ und der stattliche Zug ihrem Auge
entschwand.

Kapitel 17

-- 1ZZ -
Siebzehntes ==-=-
GAif,-s'
Im Logengarten hatten die drei Herren ihr
Whist beendet und saßen mit Madame Göttling und
der Konsul Armfield unter einer der gedeckten Hallen
beim Abendessen, als John in der besten Laune
herankam.
,Da ist er,'' rief Madame Armfield, ,da ist
er!-- Und nun erzählen Sie weiter, denn daß Sie
eine große Partie, eine Kavalkade mitgemacht, das
habe ich hier schon berichtet. Ich kam grade um die
Ecke, als Sie in die Lizentstraße hinauskamen, und
ich erzählte ihnen hier, wie prächtig sie Alle sich ans-
genommen, Darner mit der Fürstin, Mademoiselle
Virginie mit dem Major, der Generalkonsul mit der
Frau, Sie der Flora Lindheim gegenüber, deren
Augen leuchteten wie die Feuersäulen, oder was sonst
vor ihnen daherzog auf ihrem Wege in das gelobte
Land. Was hat's denn heut Besonderes gegeben?
, Ein kleines Abschiedsfest für die Fürstin
Hedwig!'' sagte John, den Spott der Nebelwollenden
nicht beachtend. Er erzählte darauf, wie Darner
am Mittag einen seiner Leute mit Blumen, Früchten,
Wein und Backwerk hinausgesendet, wie der Wirth
im Gasthause sich geschickt erwiesen, und wie man die
paar Stunden draußen auf die angenehmste Weise
zugebracht. ,Selbst sein Segelboot hatte Darner
hinaus kommen lassen,' schloß er, ,so daß wir noch
eine halbstündige Wasserfahrt gemacht und einen
Abend gehabt haben, der schöner gar nicht sein konnte.?
, Und wie benahm sich Flora auf dem Wasser,
wo Moses bekanntlich keine Balken gezogen hat?
scherzte der Doktor mit dem landläufigen Ausdruck.
,Spotten Sie über Flora nicht, sie ist ein

= P8g-
- reizendes Geschöpf,? versicherte John, ,klug und
naiv zugleich, und ihre Manieren lassen nichts zu
wünschen übrig. Sie hat an mir einen Verehrer ge-
wonnen.?
,. Und weiter nichts?' fragte der Doktor.
, Nun,? fiel Madame Armfield ein, ,für das
erste Mal ist das genug. Fortsetzung folgt.?
Madame Göttling bemerkte, ihre Pflegetöchter -
sie liebte es, Justine und Virginie, wenn es sich thun
ließ, mit diesem Namen zu bezeichnen -- ihre Pflege-
töchter, die Beide vorsichtig in ihrem Urtheil wären,
hätten eine gute Meinung von den Lindheims, und
- das Urtheil der Fürstin falle doch besonders in das
Gewicht.
Kollmann, der dem leichten Gerede bis dahin
schweigend, aber nicht mit Gefallen zugehört, trank
sein Glas aus und sagte, während er es langsam
wieder füllte:
,Die Fürstin in Ehren, sie ist eine vortreffliche
Frau; indeß es ist nicht vom Nebel, daß sie uns
verläßt. In Berlin, in der großen Gesellschaft der
Residenz, in der schon von Friedrichs des Großen
Zeiten her viel Fremdländisches und viel Philanthro-
pisches seinen Spielraum gefunden, und bei sich in
der Einsamkeit ihres Schlosses, ist die Fürstin aber
doch mit ihrer Art von Ausgleichung der Standes-
unterschiede, mit ihrer allgemeinen Menschenliebe,
besser an ihrem Platze als hier bei uns. Unsere
Verhältnisse sind dazu zu fest in sich gefügt. Wir
lassen's, denke ich, beim guten Alten, bleiben für
uns und lassen die Anderen, Darner und wem es
sonst gefällt, ihre Wege haben.?
,Mein Gott,'' rief Madame Armfield, ,das
hört ja Alles wieder von selber auf, wenn die Fürstin
fort ist und nicht mehr, wie Schillers Göttin der

- 18H--
Freude, als Tochter aus Elysium, beständig das große
Lied singt, daß alle Menschen Brüüder werden. ---
Menschenliebe wo sie hingehört, überall wo Noth ist!
aber nicht in der Gesellschaft. Herr Kollmann zum
Beispiel würde sich mit all seiner Humanität doch
auuch zwei Mal besinnen, ehe er den Bekehrer spielte
und eine Lindheim heirathete.?
, Wer weiß? entgegnete John, dem es des
Scherzes zu viel wurde, da ihm schon die Bemerkung
seines Vaters empfindlich gewesen war.,Jedenfallo,
Frau Konsul, lassen Sie mich außer dem Bereich
Ihrer Betrachtungen und Beispiele. ?
Der Konsul, der oft in der Lage war, die Miß-
griffe seiner Frau in solchen Dingen auszugleichen,
legte sich ins Mittel, indem er Jakob Lindheim als
einen durchaus rechtschaffenen und wohlunterrichteten
Mann bezeichnete, und der Doktor fällte ein ebenso
günstiges Urtheil über den Charakter und die ärzt-
liche Tüchtigkeit seines jungen Kollegen, des Doktor
Julius Lindheim. Damit war die Sache erledigt,
und nur die Bezeichnung der Fürstin, als Tochter
aus Elysium, ward als ein vortrefflicher Witz wieder-
holt, belacht, und in dem Kreise von Madame Arm-
field festgehalten, auch nachdem die Fürstin Königs-
berg verlassen hatte.
Sie fehlte Allen, welche mit ihr in Berührung
gekommen waren.
Für Virginie und Justine blieben das Wesen
der Fürstin wie ihre Ansichten die Richtschnur; auch
die beiden Darner, Vater und Sohn, kamen in ihren
Gesprächen gern auf sie zurück, und im Lindheim'schen
Hause wurden sie und ihr treffliches Bild, das sie
als ein Zeichen des Dankes ihren Schützlingen zurück-
gelassen hatte, mit einem Kultus verehrt, daß Doktor
Lindheim einmal scherzend den Vorschlag gemacht,

-- 1ZZ -
das l. A. S. ?. der Jesuiten, das: ,In diesem
Zeichen werden wir siegen'', über demselben anzu-
bringen.
Die Ernte war im ganzen Lande in vollem
Gange gewesen, als die Füürstin zu der Begegnng
mit ihrem Sohn nach Westpreußen gekommen; und
auch in Lithauen hatte sie begonnen, während Eber-
hard zum ersten Mal die Sommerferien auf seinem
Gute verlebte.
Der Gutskauf hatte sich in jedem Betrachte be-
währt. Eberhard war zum Landrath seines Kreises
gewählt und damit in die ihm zusagendste und zu-
gleich in diesen Zeiten zu einer bedeutungsvollen
Thätigkeit gekommen; und klein, wie der Besitz ihm
Anfangs erschienen, war er ihm lieb geworden, weil
er ihn unter seiner Hand und seinen Augen sich
heben sah.
Festhaltend an der verständigen Handlungsweise
seines Vorgängers, hatte er damit begonnen, einige
junge Pferde aus guten Gestüten des Landes zu
kaufen, die Wiesen zu trocknen und einzuzäunen, den
Stall zu vergrößern und nach den besten Vorbildern,
wenn auch mit bescheidenem Material, für die Pferde-
zucht einzurichten; und erst nachdem das Nothwendige
und Ertragversprechende, so weit es möglich, beschafft
worden, war er daran gegangen, sich das Haus nach
seinem Sinne einzurichten.
Es war ein heller Sonntagsmorgen, als er gegen
die Mittagsstunde hin in der großen Gartenstube,
die er sich zum Wohn- und Arbeitszimmer eingerichtet,
vom Schreibtisch aufstand und, die Angelegenheit
durchdenkend, über die er zu entscheiden hatte, in die
offene Thüre des Gemaches trat.
Die großen alten Linden beschatteten das Zimmer
und die beiden Bänke, die draußen rechts und links

-=- 1 8? -
an der Thüre standen. Es freute ihn, daß die Fran-
zosen ihm die Linden nicht umgehauen hatten, denn
es sah hübsch aus, wenn er so zwischen den beiden
schmalen Blumenbeeten, die sich zu beiden Seiten des
Weges hinzogen, nach der Höhe hinauf sah in den
Wald, durch dessen Laub die Sonnenstrahlen hin-
durchhuschten, ihr gaukelndes Licht verstreuend hier
und dort. Vor dem Eingang in das Zimmer hatte
er ein paar schöne Rosenstöcke in den Beeten, die
Lieblingsblumen seiner Mutter, pflanzen lassen; und
wie der Geruch der Reseda und der Levkojen ihn so
warm und voll umströmte, wendete er sich unwill-
kütrlich nach dem Bilde seiner Mutter hin, als wolle
er sie fragen, ob es ihr gefalle und ob er es ihr
recht gemacht in seinem Hause.
Die Stube war lange nicht so klein, als sie ihm
erschienen war an dem Tage, da er sie zuerst be-
treten. Die Bilder seines Vaters, seiner Mutter,
standen in den beiden Ecken der Fensterseite und
stumpften sie fütr das Auge gefällig ab. Seine
Büücherschränke, sein Schreibtisch, die einfachen Stüthle,
das schlichte Sopha, die rothen Vorhänge dienten eben
ihrem Zwecke. Es ließ sich gut leben, guut arbeiten
in der Stube; und mochten Andere darin erlebt
haben, was sie wollten, es hatte keinen Zuusammen-
hang mit ihm. Wie ein Ansiedler auf Neubruchland
kam er sich vor. Was ihn in Waldritten umgeben,
hatten Andere für ihn geschaffen zum Nutznießbrauuch,
zum Vererben auf Andere. Was ihn hier umgab,
was er hier erleben, hier noch leisten würde, das
war einzig sein, das schuf er für sich und Andere.
, Welche Andere? fragte er sich, und er konnte sich
des Gedankens nicht erwehren:,Hier hätte es sich
gut leben lassen in trauter Stille mit dem holdseligen
Geschöpfe; hier in der einfachen ländlichen Stille

==- ZF -
würde Dolores glücklicher gewesen sein als in ihrem
venetianischen Palaste.? Und er klagte Darner an
und sich nicht minder, daß er sich zu spät befreit,
daß er nicht Alles an Alles gesett.
,, Sonntagsträumereien!'' sagte er halblaut zu
sich selber und hatte sich eben wieder vor seinem
Schreibtisch niedergelassen, als es an seine Thüre
klopfte und der Kutscher hereintrat.
,Nichts für ungut, Herr Landrath,'' hob er an,
,aber der Herr Inspektor ist, wie der gnädige Herr
wissen, nach der Stadt geritten, und draußen ist ein
Mann, der von den Krümpern kommt . .?
,,Von den Krümpern?? fragte der Landrath,.-
rasch den Zusammenhang errathend, ,schick' Er ihn
herein.
, Ein großer, langer Mensch,? fügte der Kutscher
hinzu, ,ich sagte, er möchte warten, aber et hörte
nicht darauf. Der Herr kenne ihn, sagt er.?
,Ich weiß, ich weiß, schick! Er ihn nur her!
rief Eberhard, und gleich darauf machte der Kutscherf.
den die Neugier verlockte, für den langen Karl die
Thüre auf.
Die Hosen in die thrangeschmierten Stiefel ge-
steckt, den Tuchrock fest bis zum Halse zugeknöpft,
den Zwerchsack, der sein Hab und Gut enthielt, über
Brust und Rücken von der Schulter zur Hüfte ge-
hängt, und die Mütze in der Linken, blieb er, mili-
tärisch grüßend, dicht an der Thüre stehen.
,Willkommen, Karl, da bist Du ja!'r rief Eberhard
ihm entgegen, aufstehend und an ihn herantretend.
,Zu Befehl, Herr Baron!r
,Du hast Dich herausgemacht,'' sagte dieser, mit
Wohlgefallen bemerkend, wie die kurze militärische
Dienstzeit den langen Karl gemodelt hatte. ,Bist
Du jettt freir?

f
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e
t'
l
s
1
!
=- 189 =- -
,Zu Befehl, Herr Baron, da sind meine Pa-
piere!
Er zog sie aus der Brust hervor und reichte sie
ihm hin. Eberhard sah sie durch; sie enthielten
seinen Entlassungsschein, einen Paß für die Reise
und einen Brief des Amtmanns aus Waldritten für
Eberhard.
,Du bist zu Hause gewesen, sehe ich, und es
steht dort gut.?
,GGanz gut, Herr Baron, und sie lassen alle
grüßen. Es geht Keinem was ab, und die junge
Frau vom neuen Herrn sieht nach Allem und hilft
aus. Aber grüßen lassen sie doch -- und .. .?
Er kam mit dem, was er sagen wollte, nicht zu
Stande, sondern wiederholte: ,Und sie lassen grüßen.?
,,Das freut, mich, und Du bleibst also hier und
kommst mir gelegen; wir sind mitten in der Ernte
und brauchen Hände. Der Herr Inspektor kommt
am Abend wieder, melde Dich bei ihm. Du sollst
beim Hofmann untergebracht werden. Halte Dich
auch hier ordentlich wie in Waldritten und im Mi-
litär, damit Du Waldritten Ehre machst.?
-' ,Zu Befehl, Herr Baron!
Eberhard gab ihm einen Thaler auf die Hand,
ließ den Hofmann kommen, ihm die nöthige, Weisung
zu ertheilen, und schickte Karl dann mit ihm fort. -
Er hatte das treuherzige Gesicht mit Vergnüügen
wiedergesehen, das ihm von seiner Kindheit redete;
und selbst die Aussprache und den Tonfall des
heimischen Samlandes hatte er gern wieder einmal -
gehört.=- Seinem Grundsat getreu, hatte Eberhard
sich auch in seiner neuen Stellung und in seinem
neuen Hause auf das Nothwendige beschräßkt. Nun
wollte er, wenn die Ernte beendet sein würde und
Karl, der immer gut zu Pferden gewesen, sich, wie es

-=- 19 -
vorauszusehen war, gut anließ, ihn zu seinem Reit-
knecht und Bedienten machen; und wieder einmal an
dem Beispiel Karls erkennend, wie auch eine geringe
Schulung dem ungeschulten Manne körperlich und
geistig Haltung zu geben vermögen, knüpfte er, mit
allen seinen Gedanken immer nur auf das eine Ziel
gerichtet, sofort einen neuen Plan an die Ankunft
seines einstigen Spielkameraden.
Sie hatten als Kinder Soldaten gespielt.--
Wenn die Erntearbeit gethan war, sollten Soldaten-
spiele bei ihm in Rasten für die Sonntagnachmit-
tage eingerichtet werden für die Männer. Drei
Stunden weniger im Kruge, drei Stunden Exerziren
unter Karls Leitung und seiner eigenen gelegent-
lichen Aufsicht, waren ein doppelter Vortheil, konnten
zur Nachahmung reizen. Daß die Behörden solch ein
Unternehmen in der Form, in welcher er es einzu-
leiten dachte, gut heißen würden, dessen war er
sicher; und ihm war das unausgesetzte stille Arbeiten
für die Zukunft die Lebensaufgabe geworden, die er
sich gestellt.
Stilles Thun, schweigendes Gedenken, das war
die Losung geworden für das ganze Land und
namentlich für die Ostprovinzen, seit noch vor dem
Ende des Jahres die königliche Familie sie, nach
mehr als dreijährigem Aufenthalt in denselben, ver-
lassen und ihre Residenz wieder nach Berlin verlegt
hatte.
Das Scheiden des Königspaares war ohne Ge-
pränge vor sich gegangen. Der König hatte seine
Behörden und auch den Magistrat und die Stadt-
verordneten, die Königin den Frauenverein noch
einmal empfangen. Gemeinsame Leiden, gemeinsames
Hoffen verbanden den Herrscher und sein Volk. Aber
das Hoffen war in dem Volke, und namentlich unter

== 19 -
den Gebildeten des Volkes auch jetzt wieder leiden-
schaftlicher, thatfordernder und zuversichtlicher als in
der Seele des Königs.
Die Gewalt, mit welcher Napoleon nach dem
Wiener Frieden über das ganze euröpäische Festland
bis tief nach Asien hinein gebot, konnte freilich die
sich bescheidende Zurückhaltung des Königs erklärlich,
das feste Hoffen des Volkes unberechtigt erscheinen
lassen, wenn nicht die feste Zuversicht, daß dem
rechten Wollen, dem rechten, beharrlichen Thun das
Vollbringen und der Erfolg doch zuletzt nicht fehlen
können, von den hervorragenden Geistern, von den
großen Herzen, von den Staatsmännern, Dichtern,
Denkern, und von den Tüchtigen in allen Ständen
lebendig erhalten worden wäre; wenn nicht der in
der Gesammtheit sich immer klarer und deutlicher
aussprechende Volksgeist sich als eine Macht empfinden
lernen, die sich endlich Geltung, ihr Recht und die
Freiheit erzwingen würde.
Achlzehntes Kapttel
Neber zwei Jahre waren seitdem vergangen und
die Wels hatte des Unerwarteten die Fülle erlebt.
Napoleon hatte seine erste Gemahlin verstoßen, eine
österreichische Kaiserstochter geheirathet, den Sohn, den
sie ihm geboren, zum König von Rom ernannt.
Sein Bruder hatte die Königskrone von Holland
niedergelegt, dem Herzog von Oldenburg war sein
Land genommen worden, um Frankreich abzurunden,
und den Interessen Rußlands war durch die Ent-
thronumg des ihm verwandten Oldenburgers und

Kapitel 18

-- 1I--
durch die Begünstigung der Polen in einer Weise
entgegengetreten worden, daß man der russisch -fran-
zösischen Freundschaft keine lange Dauer mehr verhieß.
Preußen hatte seine schöne, hochherzige Königin
durch ihren frühen Tod verloren, und dies Schicksal
hatte den König vollständig entmuthigt, wie warm
ihm auch das Mitgefühl des ganzen Volkes bei dem
Unglück entgegengebracht worden war.
Während man im Innern des Reiches an seiner
Erhebung arbeitete, blieb die äußere Politik die halt-
loseste von der Welt. Man suchte ein neues Heer
zu schaffen, das Volk kriegerisch zu erziehen; die
Finanzverwaltung wurde verbessert, die Gesetzgebung
vielfach freisinnig erneut, die Wissenschaften fanden
Förderung; aber im Lande fragte man sich überall,
wohin man steuere. Denn gleichzeitig mit den Be-
strebungen, eine Alliance mit Frankreich zu schließen,
dauerten die Freundschaftsverhandlungen mit Rußland
immer fort, und Preußen war dahin gekommen, nach
beiden Seiten hin für unzuverlässig zu gelten, von
beiden Theilen, von Frankreich und von Rußland,
mißachtet, und als eine gelegentliche gute Beute an-
gesehen zu werden.
Es war am letzten Abend des Jahres 181,
und noch im Sommer dieses Jahres war wieder ein
schweres Geschick über die Stadt Königsberg herein-
gebrochen. Eine furchtbare Feuersbrunst hatte die
! ganzen am linken Pregelufer gelegenen Stadttheile
! und die Speicherseite zerstört. Mehrere tausend
Menschen waren wieder obdachlos geworden wie zur
t Franzosenzeit bei dem Niederbrennen der Vorstädte.
! Der Schaden, den die Stadt und den namentlich
,auch die Kaufmannschaft erlitten, bezifferte sich nach
re Ea

==- 19Z--
schränkung des Luuxus und der Ausgaben für den-
selben, zu welchen man sich damals entschlossen,
hatten wieder noch größeren Anlaß, sich zu be-
thätigen, gefunden.
Die bürgerliche Stadtverwaltung hatte sich als
ein Segen erwiesen durch die Schnelligkeit, mit
welcher sie einzugreifen im Stande gewesen war.
Kollmanns und der anderen alteingesessenen Königs-
berger Stadträthe und Stadtverordneten Kenntniß
der Orts- und Personenverhältnisse war zur Bewälti-
gung der großen Aufgabe, vor der man gestanden,
ebenso nützlich gewesen wie Darners Scharfblick und
Leitung, als es sich darum gehandelt, die Stadt als
solche, und manch einzelnen Bürger vor dem Bankerott
zu bewahren.
Darner war eben erst von einer Reise nach
Rußland zurückgekehrt, als das Unglück die Stadt
betroffen, und hatte dann in der Mitte des November
sich abermals zu einer Reise entschlossen, welche über
Paris nach England gehen sollte. Jene erste Reise
hatte er, wie schon vorher den der Fürstin in Schlesien
zugesagten Besuch, allein gemacht; bei der Reise nac
Westen hatte er Virginie mit sich genommen.
An Feste, an den Sylvesterball der Kaufmann-
schaft, war in dem Jahre wieder nicht zu denken,
wo man so viele Nothleidende zu versorgen hatte;
aber den Tag und die Stunde ungefeiert vorüüber-
gehen zu lassen, in denen sie sich zuerst gesehen und
die ersten Worte miteinander gewechselt hatten, das
vermochten Frank und Justine nicht; und da man
den Vater und die Schwester zu entbehren hatte,
hatten der Onkel, John und Madame Göttling es
zuugesagt, das alte Jahr mit ihnen gemeinsam zu
beschließen, das neue gemeinsam zu beginnen. Auch
den Hauptmann erwartete man, der seine Ernennung
Lcwald. Die Fauilie Darner. 1l.

==- 19Z -
zum Major erhalten, seit General Pork zum General-
gouverneur der Provinzen ernannt, und die Ausbil-
dung der Truppen für den Felddienst die Hauptauf-
gabe geworden war.
Die Fenstervorhänge waren in Justinens Wohn-
zimmer herabgelassen, die Lichter brannten auf dem
Tische, an dem sie saß, während Lorenz ihr gegen-
über mit seinen Zuckererbsen spielte. In der Eßstube
deckte der Diener den Tisch für das Abendessen.
Seit dem Tage, an welchem vor der Abreise Darners
die Tochter getauft worden, die Justine im Herbste
geboren, war es das erste Mal, daß sie wieder einige
Personen zum Abende geladen.
Lorenz wirthschaftete tapfer mit seinen Zucker-
erbsen auf dem Tisch herum. ,Eins, zwei, drei!'
zählte er, ,die sind mein! Eins, zwei, drei-- die
sind für die Schwester! Eins, zwei, drei!r zählte er
fort und fort und schob, ohne der Schwester weiter
zu gedenken, die Erbsen für sich in Häufchen aus-
einander.
Plötzlich rief er gebieterisch:
,Leg' Dein Buch weg, ich hab' genug allein ge-
spielt.? Der Ton, der Blick, die Bewegung waren
so ganz die seines Großvaters, daß es die Mutter
erstaunte, so oft ihr auch diese Aehnlichkeit entgegen
getreten war.
,Mußt Du denn immer Jemand haben, der mit
Dir spielt? Du bist ein großer Juunge, spiele
allein !? bedeutete sie ihm, um seinem Willen nicht
nachzugeben.
,Ia, ich muß! Die Louise ist klein und dumm,
die schläft! Dann soll die Tante kommen!
,Die Tante kann nicht kommen, die ist ja fort.?
,Ia, in Paris! Dann will ich hin.?
,Das ist sehr weit, dahin kannst Du nicht!r

-- 19H--
, Ich bin ja neulich mitgegangen bis vors Thor!?
,, Es ist viel weiter, viel weiter; aber wenn Dui
groß sein wirst-
, Ich bin ja groß - fiel er ihr in das Wort,
knüpfte aber gleich die Frage daran: ,Wozu ist die
Tante in Paris?
,, Um die liebe Tante Dolores wiederzusehen, die
mit dem Onkel Polydor auch in Paris ist!' ant-
wortete die Mutter ihm; und der Eintritt des Dieners,
der den Besuch von Mademoiselle Lindheim: meldete,
verhinderte des Knaben weiteres Fragen. Die Mutter
schickte ihn mit einem Kuß zu Bette, nachdem er es
noch durchgesetzt, seine Zuckererbsen zusammen zu
raffen; und im Hinausgehen auf Flora stoßend, rief
er dieser statt des guten Abends, den er ihr bieten
sollte, noch eilig zu:
, Du kannst mit mir spielen kommen, morgen,
morgen! hörst Du?
, Wie deutlich er spricht!' rief Flora und sagte
dann: ,Nicht wahr, Madame Darner, Sie nehmen
es nicht übel, daß ich Sie noch am Sylvesterabend
überfalle? Ich wollte Ihnen noch so gern danken
für all die Freundlichkeit, die Sie sür mich haben;
wollte Ihnen auch gern Glück wünschen zum neuen
Jahre und morgen Vormittag komme ich nicht gut
vom Hause ab l?
Justine bot ihr die Hand, nannte sie zu jeder
Zeit willkommen. Die Art des Verkehrs und des
Gespräches gab es kund, daß sie sich öfter sahen, daß
es des Neuen zwischen ihnen nicht viel zu berichten
gab. Flora fragte nach dem Gedeihen der kleinen
Louise; die Mutter hatte das Beste davon zu sagen
und meinte:
, Sie können gar nicht denken, welch ein Zun-
wachs von Glück mein kleines Mädchen mir ist und
uF

-- ,ZZ -
wie es mir noch viel mehr mein eigen erscheint, als
der Junge!'
Flora verstand nicht, was sie damit sagen wollte.
,,Ach, es ist im Grunde vielleicht eine Thorheit,
aber wer kann für sein thörichtes Empfinden! Und
da dieses mich freut, bekämpfe ich es nicht. Als
mein Knabe geboren wurde, legten der Vater und
der Großoater gleich auf ihn Beschlag. Er war
gleich von der ersten Stunde an der Lorenz Darner,
der Fortsetzer der Firma. Er gehört- ebenso wie
mir und meinem Manne, auch dem Geschäft. Für
das hatte ich ihn zu nähren, haben wir ihn zu er-
ziehen; und der Zahlensinn und das Zählen sind
ihm wie angeboren. Er kommt ja auch von beiden
Seiten von guten Rechnern her. Mit meiner kleinen
Louise ist es jeut ganz anders; der habe ich den
Namen gegeben-
,Nach unserer hochseligen Königin!' schaltete
Flora ein.
,,Natürlich! Und wenn das geliebte kleine Wesen
mich mit den blauen Augen anblickt, so denke ich:
die hat mit dem Geschäft so wenig zu thun, wie ich
mit dem meines Vaters, und die soll' bei mir bleiben,
wenn sie den Lorenz in die Welt schicken werden,
damit er seinem Namen Ehre machen lernt.?
,, Bei Ihnen bleiben? Läßt man denn die
Töchter immer bleiben, wo sie möchten? fragte Flora.
,,Sie denken an meine Schwägerin??
,,Nein nicht an Madame Joannu!''
,,An wen denn sonst??
,, An mich! Aber ich hätte es nicht sagen sollen.
Verzeihen Sie, es war unbesonnen! Zu Hause, un-
verheirathet, werden die Eltern mich nicht behalten;
und da mein Bruder, der des Vaters Kompagnon
ist, also hier bleiben muß und natürlich heirathen

==- ,ß? --
wird, so muß ich fort; und mein anderer Bruder,
der Doktor, kann auch nicht heirathen, wenn er nicht
eine Frau findet, die ein Privileg hat. Es ist ja
nur immer eine Heirathserlaubniß für jede jüdische
Familie. ?
, Ja so!- rief Justine und sie schwiegen beide.
Es war zwischen ihnen lange nicht die Rede gewesen
von dem Judenthume, von der Stellung der Juden
im Staate; und sie waren beide verlegen, so daß es
Justine lieb war, als John sich melden ließ und die
Fortführung des Gespräches hinderte.
Er begrüßte die Cousine, und sich darnach zu
Flora wendend, sagte er:
,,Das heißt Gliick haben, Mademoiselle! Unud
es soll ein gutes Zeichen für das neue Jahr sein,
daß wir uns am Weihnachtsabend gesprochen haben
und uns nun bei meiner Cousine noch vor Jahres-
schluß zusammenfinden.?
,, Am Weihnachtsabende? Wie das und wo?
erkundigte sich Justine.
,Auf die geheimnißvollste Weise! Ich traf Made-
moiselle, wo Du es nicht vermuthest!-- Aber ich
verrathe sie nicht! Ee bleibt eben ein Geheimnis
zwischen uns !?
, Was ist denn da zu verrathen? sprach Flora.
, Es war die einfachste Sache von der Welt. Unsere
Wäscherin ist auch obdachlos geworden bei dem
Brande. Ihr Mann ist dabei umgekommen, ihre alte
Mutter in den ersten Tagen der Noth gestorben, und
meine Eltern hatten sie also oben in der Stadt auf
dem Tragheim in einem Hause nothdürftig mit ihren
sechs Kindern untergebracht, wo sie einen Trockenplatz
hat und waschen kann. Die arme Frau arbeitet über
ihre Kräfte! Da haben sie mich am Weihnachtsabend
hingeschickt=-

=- , ßZ -
, Und,? fiel ihr John ein, ,da bin ich Mabe-
moiselle begegnet mit ihrem Diener, der das Weih-
nachtsbäumchen und einen Korb voll Sachen getragen
hat, habe Mademoiselle unter dem Vorwande, ihr die
große Düte abzunehmen, begleitet, habe zugesehen,
als sie wirklich, wirklich wie ein Weihnachtsengel Licht
und Freude in das Dunkel und in die Trauer ge-
tragen, und dann sind wir unter den Klängen des
Weihnachtsliedes, das vom Thurm geblasen worden, -
zurück gegangen-
, Und ich habe zu Hause einen gründlichen Ver-
weis dafür bekommen, weil ich Ihre Begleitung nicht
abgewiesen, Sie mitgenommen hatte, und mit Ihnen
heimgekehrt bin. Daß Sie sich den Armen so groß-
müthig erwiesen, hat mich nicht entschuldigt; und
schicklich war's auch nicht. Die Eltern hatten Recht. ?
Justine blickte von dem einen zu der audern,
achtsam ihren Worten folgend.,Und das erzählst
Du mir erst heute?' sagte sie zu John.
, Ich hatte Mademoiselles Geheimniß zu be-
wahren!r
Justine schüttelte das Haupt. ,Sie haben nie
F einen Weihnachtsbaum gehabt in ihrem Hause,'' sprach
sie, ,und sie schicken ihre Tochter, ihn hinzutragen
s zu denen, denen ihr Glaube ihn heiligt und die ihn
, entbehren! Welch eine Lehre ist das! Wie schön,
; wie rührend !? Sie neigte sich zu Flora und küßte
sie auf die Stirne.
,Du hättest sie sehen sollen. In der Enge, in
, der Armuth, in der Finsterniß! Man braucht nicht
blonde Locken zu haben und einen Heiligenschein, um
-' wie ein Engel auszusehen!'' versicherte sie John.
,Nicht doch! Ach, nun laufe ich fort! Was zu
viel ist, ist zu viel! rief Flora, und das Wort zur
That machend, warf sie das kleine Entredeux über

-- 19ß -
die Schulter, gab Juustine die Hand, sagte ihr und
John ein rasches Lebewohl und eilte nach der Thüre.
John wollte ihr folgen, sie nach Hause führen.
Sie wehrte es ihm. ,Soll ich wieder einen Verweis
bekommen. um Ihretwillen?' lachte sie und war ent-
schwunden.
, Sie ist wirklich reizend !. rief John ihr nach.
, Und Du bist gründlich in sie verliebt!'' sagte
Jstine.
, Gründlich! wiederholte er. ,Sie ist Deine
Nachfolgerin in meinem Herzen! Es war auch Zeit,
daß ich mich wieder einmal auf mein Herz besann!'
,, Aber was denkst Du Dir dabei??
,, Nichts! Ich bin vergnügt und freue mich, daß
ich nicht immer und ewig an das Hauptbuch und
den Bernstein und an die Befreiung von den Fran-
zosen denke.?
, Sei vernünftig, John! Was-soll daraus werden,
aus Dir und aus dem Mädchen, -wenn es Neigung
zu Dir faßt? Es geht ja nicht!'?
,Sei Du vernünftig, Madame Frank, und laß
mir mein bischen zeitweilige Unvernunft! Mein
ganzes liebes Leben lang bin ich von Vater und
Mutter gefüttert worden mit Vernunft und Her-
kommen; und wie ich mich dann nach Vernunft und
Herkommen in Dich verliebt, bist Du es gewesen, die
mir das Beispiel gegeben hat, wie man mit Vernunft
und Herkommen umspringt, hast mir den Laufpaß
gegeben und nach Deinem Belieben geheirathet. Und
nuun ich mich endlich einmal, ich gebe Dir das z,
gegen alle Vernunft und gegen alles Herkommen ver-
liebe, nun kommst Du in all Deinem Glück und
predigst mir Vernunft!'?
,Du bist nicht leichtsinnig geng, so leichtsinnig
zu sprechen und zu handeln! Und Flora ist zu schade

==- Z0ß -
zu einem bloßen Spiel! Sie ist gut und ehrlich wie
Virginie, klug und gebildet=
,Durch und durch,'' rief John dazwischen, ,und
reizend obenein!-- Aber laß Dir kein graues Haar
wachsen, weder um sie noch um mich, und rufe mich
nicht, unnöthig an. Ich bin kein Lovelace, sondern
John Kollmann. Verlaß Dich auf den, und laß
ihn gehen!'r
Draußen schlug's acht Uhr vom grünen Tßore
und vom Rathhause, unten klingelte die Glocke an
der Hausthüre. Man kam und ging, verschiedene
Stimmen kreuzten einander, Schritte, die einander
folgten, kamen die Treppe herauf. Kollmann und
Madame Göttling traten ein.
, Unten bei Euch,'' sagte der Onkel, ,ist's zum
Jahresschlusse lebhaft wie auf dem Jahrmarkt, Es
ist eben eine Estafete angelangt, und der Major ist
gekommen, mit einem seiner Leute hinter sich, der
Wild abliefert. Da ist er selbst!r
,, Und sehr erfreut, Madame, Ihre Einladung
gefunden zu haben und ihr Folge leisten zu können,''
bestätigte der Major, Justinen die Hand küssend, die
sie ihm zum Willkomm gereicht. ,Ich bin übrigens
erst an diesem Nachmittage zurückgekehrt, weil ich
meinen Urlaub bis auf die letzte Stunde ausnützen
. wollte; und ich komme heim, beladen mit Empfehlen
und Grüßen von dem Freunde und mit einer Probe
unserer Jagdbeute, die ich Ihnen in seinem Namen
zu Füßen legen soll.?
,Es geht also gut in Rasten? fragte Juustine,
nachdem man an dem Theetisch Platz genommen, an
welchem Madame Göttling aus alter Gewohnheit ihres
Amtes waltete, damit Justine sich ihren Gästen aus-
schließlich widmen konnte; und auch der ältere Koll-
mann verlangte Näheres von dem Baron zu hören.

=- F0!--
Der Major sagte, Eberhard sei wie geboren für
sein Amt. Er sei im eigentlichen Sinne des Wortes
des Landes Rath, so weit seine Verwaltung reiche.
Seine Menschenfreundlichkeit habe ihm die Herzen der
Leute zugewendet. Wie sonst in den besten Fällen die
Leute sich mit ihren Angelegenheiten an die Geistlichen
wenden, wende man sich an ihn; und die Kenntnisse,
die er in der Bewirthschaftung des Landes in England
und Holland, in der Schweiz gewonnen, kämen ihm
und seinem Kreise ebenso zu statten, wie sein guter
Sinn und seine Vaterlandsliebe ihm einen wohl-
thätigen Einfluß unter den Gutsbesitzern und die An-
erkennung seines Oberpräsidenten eingetragen hätten,
der eben noch an der Jagd Theil genommen, die man
vor drei Tagen in Rasten abgehalten. Von dieser
Jagd stammte der Rehbock und die beiden Feldhühner,
welche er in Madame Darners Küche gesendet.
, Z denen Sie Alle geladen sind ' Fchaltete
Justine ein, als Frank mit den Wokten in das
Zimmer trat:
,, Viele Grüße und ein prosit Neujahr! vom
Vater in Paris.?
,, Also die Estafette war von ihn? fragten sie alle
auf einmal, und Kollmann setzte hinzu:
, Darf man wissen, was sie gebracht hat?
, Gewiß!'' entgegnete Frank, Madame Göttling
noch besonders begrüßend, als sie ihm den Thee hin-
reichte., Zunächst natürlich Aufträge und Weisungen
für uns, und dann allgemeine politische Nachrichten,
die Sie morgen erfahren sollen, wenn wir wieder im:
Geschäft sind. Kriegsgerüchte und derlei, die die Vögel
ja jett seit Jahren von den Dächern singen. Heuute
das Vergnügen, morgen das Geschäft! Und nuun,
ehe wir uns zu Tisch setzen, noch ein Wort von
Stromberg, lieber Major! Geht's ihm gut?

b- WN--
Der Major wiederholte in Kürze, was er den
Anderen bereits mitgetheilt, fügte aber noch eins
hinzu.
,Stellen Sie sich vor,' sagte er, ,daß Strom-
berg mit großer Einsicht und großem Geschick das
Krümpersystem bei sich in Rasten fortsetzt und damit
zur Nachghmung auf den anderen Gütern angereizt
hat. Einer seiner Leute, den er von Waldritten mit
nach Lithauen genommen und der gedient hat, hat
ihm an den Sonntagen seine Leute einexerzirt, daß
es, eine Freude ist, zu sehen, wie die Kerle sich tragen,
wie sie marschiren, wie sie auf das Tirailliren, so
gut sich's eben in dem Falle machen läßt, einexerzirt
sind. Und die Leute sind Feuer und Flamne dabei
und vergessen Essen und Trinken in dem Gedanken,
daß es damit auf die Franzosen abgesehen sei und
daß sie denen einmal eintränken werden, was sie hier
zu Lande verbrochen. Sie singen ihr ,Heil Dir im
Siegerkranz! und ,Ein' feste Burg ist unser Gott!:
daß es aus den rauhen Kehlen schmettert; und sie
sind ein schöner Menschenschlag, diese langen Lithauer
mit ihrem langen, blonden Haar und den langen
Reiterbeinen!r'
,Er ist doch ein ganzer Mensch!r sagte Frank
voll freudigen Anerkennens.
,Ein Jdealist, der ernst macht mit dem Jdealis-
mus in der Wirklichkeit!r bekräftigte der Major,
während man in die Nebenstube gegangen war und
an dem gewohnten Tische Plat genommen hatte.
Die Eiskübel mit dem Champagner, den man
sich in Lorenz Darners Hause bei solchen Anlässen
nicht versagte, fehlten diesmal auf Franks Tafel, da
man den Nothleidenden zuzuwenden hatte, was man
sonst für sich selber an Neberfluß, fröhlichen Sinns
genossen. Die dampfende Bowle hatte den Champagner

- W0J =-
zu ersetzen. Sie förderte die gute Stimmung und
das Behagen ebenso wie der französische Wein.
Sie waren heiter alle mitsammen. Selbst Franks
Stirne leuchtete wieder hell, und der Schatten der
Sorge, den Justinens liebevoller Blick an ihm wahr-
genommen, als er aus dem Komptoir heraufgekommen,
war verschwunden, als die Mitternachtsstunde schlug,
als Glas auf Glas dem Glück des neuen Jahres,
dem König, dem Vaterlande, den Entfernten darge-
bracht wurde.
, Stromberg und seine Garden !'' sagte Frank
und neigte sein Glas zu dem Major hinüber.
,, Und die Fürstin! Unsere gute Fürstin muß doch
auch ihr besonderes Lebehoch bekommen!' rief Justine.
,, Wäre Virginie hier, sie würde sagen: Die Frauen
werden immer vergessen.?
, Nicht in Deutschland, nicht unter uns ' sagte
der Major, und als befreite es ihm das Herz, setzte
er hinzu: ,Mademoiselle Virginie lebe hoch!'-
, Hoch und nochmals hoch!'' schallte es nach.
, Und die Fürstin! ergänzte Justine noch einmal.
,, Die Tochter aus Elysium!? scherzte Madame
Göttling, die doch auch ihren Beitrag mit Madame
Armfields Witz zu der allgemeinen Freude zahlen wollte.
, Die Tochter aus Elysium ! wiederholte John,
an Justine herantretend, und:,Die soll. Pathe sein
bei Flora!' flüsterte er ihr zu.
Justine behielt das Glas in der Hand und sah
ihn an, ihrem Ohr, ihrem Auge nicht trauend. ,Bist
Du von Sinnen? Das spricht der Punsch aus Dir!'r
,Der Punsch erfindet nicht, er schwatt nur aus!'
lachte John.
,Weiß Flora davon?
,, Kein Wort! Aber---
,,Was denn aber??

=- Zßg -
,, Wenn Vernünftige aus Liebe Jdealisten werden,
machen sie, wie Euer Baron, auch mit dem Jdealis-
mus in der Wirklichkeit ernst!=- Stoße an, Justine!
Ich will's auch gut haben in der Welt wie Ihr!
,,Geb's Gott!' entgegnete sie; ,aber Dein Vater
und die Ihren?? Und ihre Gläser klangen trotz
Justinens Bedenken aneinander.
Meu.z-=-- Kapuel.
fn, ßzk
Ein Ühr war vorüber. Die Gäste hatten sich
entfernt, im Hause wurde es stille. Frank und Justine
hatten sich die Kinder noch einmal angesehen, dann
hatte Justine, als sie ihr Schlafzimmer betraten, in
fliegenden Worten ihrem Manne berichtet, was ße mit
John erlebt und dabei schließlich ihrer Mahnung an
den Onkel erwähnt.
, Sieh mir einer unsern John an!' lachte Frank;
, er will auch seinen wilden Hafer säen! Das ge-
fällt mir von ihm; und dem Onkel gönn' ich die
Erfahrung!'
,,Er wird's nicht glauben! Es wird ihn em-
pören!' sagte Justine.
,,Nicht mehr als mich und den Vater sein Be-
- tragen an unserem Hochzeitsmorgen!''
,,Das hast Du ihm heut noch nicht vergeben
und vergessen??
,Vergeben?-- Ja! Vergessen nicht; und man
soll derlei auch nicht vergessen, weil es anzeigt, wessen
man sich von einem Menschen zu versehen hat! Doch
das beiseite. Ich habe noch einen Nachtisch für uns
aufgespart zu unserem heutigen Feste für uns beide.?
,Einen Nachtisch?

Kapitel 19

=- Z0H--
, Ja, einen Brief von Virginie, der mit der
Estafette mitgekommen und den ich Dir vorenthalten,
denn die Neugier würde Dir nicht Ruhe gelassen,
und Du würdest eine schlechte Wirthin gemacht haben
zum Jahresschluß. Laß ihn uns jett zusammen lesen!?
Er zog den Brief aus der Brusttasche, öffnete ihn
und reichte ihn Justinen.
Virginie hatte ihn etwa acht Tage vor der Ab-
sendung der Estafette begonnen und in Absätzen ge-
schrieben. Sie berichtete zum Anfang, wie sie die
Reise sehr glücklich zurückgelegt, wie sie in Amsterdam
in den Häusern von Darners Geschäftsfreunden, und
ebenso in Paris, mit großer Gastlichkeit empfangen
worden sei, wie die Frauen sich ihr freundlich er-
wiesen und ihr die Sehenswürdigkeiten gezeigt, da
der Vater von seinen Geschäften hingenommen worden
sei; ,aber,'' schrieb sie, ,in den beiden letzten Tagen
vor der Ankunft von Dolores habe ich eigentlich nichts
mehr recht gesehen oder gehört, sondern immer nur
die Ühr in der Hand gehabt und gedacht: Kommen
sie denn noch immer nicht?
,, Und nun sind sie da seit fünf Tagen und ich
weiß' nicht, was ich Euch alles und was ich Euch zu-
erst sagen soll, denn nun wir beisammen sind, sind
wir jede erst wieder ganz sie selbst; und wir haben
geweint vor Freuden und auch darüber gelacht, und
haben wie zu Hause gern wieder einmal zusammen
in derselben Stube wohnen wollen. Polydor, der,
das muß man sagen, jedem Wunsche von Dolores
nachkommt, war gleich bereit, uns mit einander zu
lassen während unseres Beisammenseins; aber der
Vater litt es nicht. Er sagte, es gehöre sich nicht;
und gegen ihn, das wißt Ihr, lehnt man sich nicht auf.
,Wie sie aussieht? -- Schön und edel wie eine
Königin, wenn sie in ihrer prächtigen Kleidung unter

-- 2s =-
Menschen ist. Die Haltung unserer Fürstin ist nicht
edler.- Schön, noch viel schöner als vordem; aber
ich möchte sagen zum Weinen schön, oder zum Hin-
knieen schön, wenn sie mit mir allein ist! Wie eine
Heilige sieht sie aus, mit den stillen, ernsthaften Augen,
mit den geschlossenen Lippen und dem Lächeln über
die Anderen, die sich abmühen um Dinge, welche ihr
gleichgültig sind wie ihr Schmuck, wie der Reichthum
und die Feste, oder das Theater und die große Oper
und was mich sonst verlockt. Sie sagt, das Alles
habe sie durch die Jahre hindurch im Nebermaß ge-
nossen; sie verlange nach nichts, als die Tage des
Beisammenseins mit uns in Ruhe zu verleben.
,Polydor giebt ihr in Allem nach. Er hat die
feinste Aufmerksamkeit für sie, aber er ist besorgt um
ihre Gesundheit; und in der That ist sie bleich und
auch schweigsam. Die Marquise von Beauvrignon hat
ihm zugeredet, den Leibarzt des Kaisers für Dolores
zu berathen, deren Nerven vielleicht die Bäder von
Bareges, oder das Gebirge nöthig haben. Der Vater
billigt das, Dolores will nicht davon reden hören.
Daß sie krank ist, glaube ich selbst nicht; und daß
sie nicht von Herzen glücklich ist, wußten wir ja leider
schon so lange.?
Zwei Tage später hieß es: ,Als wir heute allein
waren, der Vater und ich und Dolores, hat er sie
mit all seinem Ernst und mit all seiner Liebe gefragt,
wie sie in Venedig und in ihrer Ehe leben. Sie
hat ausweichend geantwortet. Da hat er gesagt, daß
er die Wahrheit von ihr fordere.
,,.Nun denn,: hat sie geantwortet, wvenn Sie
es befehlen, so gehorche ich. Hätte ich mich selbst
und die Menschen und die Welt und die Ehe' in der
Welt, in der ich leben sollte, so gekannt wie jetzt, so
wäre ich nicht Polydors Frau geworden. Aber daran

-- W? =-
trägt er nicht die Schuld. Er liebte mich und liebt
mich noch, und keine der Frauen, in deren Mitte ich
lebe, hat sich weniger über ihren Mann zu beklagen
als ich.:
,,Sie sprach das so ruhig, als redete sie von
einer Dritten. Der Vater ließ keinen Blick von ihr;
mich überlief es kalt, weil sie es so kalt aussprechen
konnte.
,Wie sie das vollendet, kam mir's vor, als über-
lege sie, ob sie weiter gehen solle, aber der Vater sagte:
,,as genüügt mir, da ich Deiner Wahrhaftig-
keit vertraue! Hast Du in Deinem Manne, in Deiner
Ehe nicht voll gefunden, was Du Dir vielleicht von
Glück geträumt, so hast Du Dich, wie ich sehe, mit
der Unvollkommenheit aller menschlichen Dinge ab-
finden lernen. Das ist verständig, und ich lobe Dich,
wie Polydor Dich lobt und sein Glück. Aber--
besinne Dich, Tochter! Hast Du einen Wunsch, ver-
langst Du etwas, das anders sein könnte, das ge-
ändert werden könnte durch mich zu Deinem Wohl,
so sprich es aus!
, Sie schwieg, dann küßte sie ihm die Hand
und sagte:
, ,Ich danke Ihnen, sorgen Sie sich nicht um
mich! Sie sehen ja, wie es ist, und so muß es auch
bleiben.?
,Darüber kamPolydor, beladen mit neuen Kriegs-
nachrichten, zurück. Es war schon spät am Abend;
sie gingen beide, der Vater und Polydor, zu dem
englischen Gesandten zu einem Nachtessen; und wie
wir dann allein waren, wie Dolores sich in den
Sessel warf, da wußte ich, daß mein Herz mich nicht
betrogen; aber sie hat auch den' Vater nicht getäuscht,
obschon er ihr den Willen gelassen hat, und nicht
weiter in sie gedrungen ist.

-=- Ißs -
,Ich aber habe ihr gesagt: So unglücklich bist
Du, daß Du Dich schämst, es zu bekennen!: Da hat
sie aufgeweint wie im lauten Schrei, und hat gerufen:
,,Laß die Todten ruhen, rufe keine Geister, denn
Du kannst sie nicht bannen und nicht ich!-- Du
kennst die Welt, in der ich lebe, nicht! Ich habe es
gelernt, zu leben in der Lüge- aber die Wahrheit
lebt noch in mir! Ich habe es gelernt, meinen Mann
zu theilen mit einer Andern, die mich verräth und
ihn verräth, und mich abzufinden mit dem Gedanken,
daß ich ihn nicht theile mit Theaterprinzessinnen,
oder mit Frauen, an die zu denken Schande ist und
Schmach-
,,Dolores, um Gottes willen, reiße Dich los,
komm mit uns! Ein Wort und der Vater macht
Dich frei, und Du gehst mit uns!: beshwor ich sie
in meiner Angst.
,,Sie hatte sich aufgerichtet, trocknete ihre Augen,
und ihre Stimme wurde wieder ruhig.
,,Mach Dich frei!: sprach sie mir nach. Das
sagst Du so hin und bist so alt wie ich und warst
immer klüger als ich! Aber was weißt Du davon?
Frei!- Wird man denn frei von dem Banne, den
der Mann mit der Ehe über uns wirft?- Und geh
mit uns!-- Wohin, wozu, als was?=- So ich-
bei Euch sitzen und mit Fingern auf mich weisen
lassen als auf eine Frau, die von ihrem Manne
grundlos fortgelaufen ist?= Oder soll' ich denen in
der Langgasse und am Domplatz erzählen, was sie
nicht verstehen? was sie nicht ansehen können, wie es
die Leute ansehen auf dem Markusplatze? Wir sind
bei uns zu Hause am Theetisch in Rührung zerflossen
über Fieskos trauernde Gemahlin, haben die Gräfin
Julia tief verachtet! Bei uns in Venedig würde
man lächeln über uns, und lächeln über die klagende

-- I9--
blasse Leonore, die es ja in ihrer Hand hat, statt
eines untreuen Gemahls zehn Eichsbei zu gewinnen!
Was wißt Ihr davon?
, Ich wollte sie unterbrechen, sie ließ es nicht dazu
kommen. Iragt mich nicht, dringt nicht in mich,
ich passe nicht mehr ins Vaterhaus! Ich brächte
Euch keine Freude, keine Ehre; und so muß ich
wenigstens meine Ehre wahren und bleiben, wie ich
zu bleiben geschworen habe, denn Serafina beleidigt
mich nicht; und thäte sie es, so würde Polydor mich
gegen sie schützen. Er liebt mich auf seine Weise
und handelt nach seiner Ehre! Kann er dafür,
daß wir von einer andern Liebe wissen, und von
wahrer Ehre und von Sitte?-- Ich kann nicht
mehr zurück, ich kannn nicht!' Sie schöpfte Athem,
ich stand vor ihr wie ein Kind. Ich hatte ihr nichts
zu sagen!
,Sie saß eine Weile still, dann gab sie mir die
Hand.-- ,dache kein Aufhebens davon zu Hause
und mache Dir keine Sorge, daß auch Du mir zu-
geredet, Polydor zu heirathen. Du hast's gut ge-
meint wie Alle; aber nimm Dir ein Beispiel an
mir! Heirathe nie, wenn Du's nicht von Herzen
thust!!-- ,avor bist Du sicher!k antwortete ich ihr.
,,Das hoffe ich!k entgegnete sie und ging hinaus,
sich zur Ruhe zu legen. Ich wollte sie begleiten,
noch bei ihr bleiben, sie gab es nicht zu.- Und
nun habe ich Euch geschrieben und Euch mein Herz
ausgeschüttet, und kann mich der Thränen nicht
enthalten; denn sie ist ja so jung und das Leben
lang, und man soll sie leben lassen bis ans Ende
in dem Wahn, in dem sie, sich aufgebend, sich zu
Grunde richtet? =- Ob ich es nicht doch dem Vater
c?.- -
1

-- A0-
Damit brach der ausführliche Bericht ab, und
nur mit flüchtiger Hand waren noch die folgenden
Zeilen am Morgen hinzugefügt:,Der Vater kommt
eben und sagt mir, daß er eine Estafette an Frank
sendet, daß ich einen Brief mitschicken könne, wenn
ich geschrieben hätte, und daß wir, gegen die bis-
herige Anordnung, morgen schon nach London reisen,
da er früher, als er gedacht, zu Hause sein müsse.
So sende ich den Brief ab, wie er ist!=- Der
Vater meint, er könne zum Neujahr bei Euch sein.
-- Auch Polydor und Dolores werden Paris bald
wieder verlassen. Wir haben noch den einen Tag
mitsammen- und wann und wo werde ich die
Aermste wiedersehen?!-- Heute mit dem Vater zu
reden, ist ja unmöglich; und kann ich, darf ich es
überhaupt, da der Vater sie gewähren läßt, da sie's
nicht will? Wir haben einmal in ihr Leben einge-
griffen, und zu ihrem Unglück! Darf man's zum
zweiten Male thun?
,Aber ich muß schließen! Habt ein frohes Weih-
nachtsfest, einen guten Jahresanfang mit den Kindern!
-- Was hatte ich mir für Freude erhofft von dieser
Reise, von dem Wiedersehen mit Lora!-- Und wie
anders werde ich heimkehren, als ich gegangen! Die
traurige Gewißheit ist ja so viel schwerer als das
bange Ahnen!-- Lebt wohl, grüßt Alle, auch den
Major, wenn er mit Euch ist beim Feste!
Virginie.?
Die Eure
Justine faltete den Brief zusammen, er war
Beiden tief zu Herzen gegangen. Ihr Glück machte
sie das Leid der Schwester doppelt lebhaft empfinden;
doch Beide waren überzeugt, daß man Dolores nicht
auf die Möglihkeit einer Trennung ihrer Ehe hin- -
weisen dürfe, so lange sie eine solche nicht begehre;
daß man sie, wie der Vater es gethan, ihrem Ge-

-- 1-
fühle folgen und den Weg gehen lassen müsse, den
sie zunächst als den ihr gemäßen erachte.-,Aber,
sagte Frank, ,wer hätte das in Dolores gesucht?
Wer hätte erwarten können, daß aus dem sanften,
kindlich schüchternen Geschöpf ein Charakter werden
könne wie sie, daß sie so viel Darnerisch Blut in
ihren Adern habe?-- Wenn das Kind ihrer Mutter
sich so entwickeln konnte, dürfen wir uns für unsere,
für Deine Kinder, das Tüchtigste versprechen; und
Lorenz läßt sich auch schon darnach an.?
, Eigenen Willen hat er wenigstens bereits genug !'
meinte Justine; ,aber was bestimmt den Vater zu
so schneller Abreise von Paris?
,, Leider nichts Gutes!'' und den Brief hervor-
nehmend, las er: ,An dem Ausbruch eines Krieges
mit Rußland.zweifelte man schon in Amsterdam nicht
mehr; hier sieht man ihn als im Laufe des nächsten
Halbjahres bevorstehend an. Darnach werden wir
also unsere sämmtlichen Maßnahmen zu treffen haben.
Ich gehe nun spätestens übermorgen nach London
und werde in der ersten Hälfte des Februar im
Komptoir sein, wenn ich nicht durch die Langsamkeit,
mit welcher jetzt die Aufenthaltskarten für die Fremden
in England ertheilt werden, gezwungen sein sollte,
länger im Hafen von Dover zu bleiben, als ich er-
warte. Der Disponent von Matthias Steenhoven
ist neun Tage aufgehalten worden, ehe er das Schiff
verlassen durfte. Theile den Kollmanns mit, was
Du hiermit erfährst; und mag die Benachrichtigung,
die ich von Personen erhalten, welche ich für so
sicher erachte, daß ich mich nach ihnen richte, auch
Anderen nützen; jedoch kann ich nicht einstehen,
wenn sie sich als irrig erweisen sollte, was bei den
rasch wechselnden Planen des Kaisers nicht ausge-
schlossen ist. ?
v

-- AN--
,Also Krieg, klagte Justine, ,und immer
wieder Krieg! Und wieder das Elend und die
Noth, und obenein hier bei uns, wo sie ohnehin
kaum noch zu bewältigen sind! Wo ist denn noch
Glück und Freude zu finden, in der Welt, in der
wir leben??
,Das fragst Du? entgegnete ihr Frank, ,und
wir sitzen beisammen und drinnen schlafen unsere
Kinder??
Sie warf sich ihm in die Arme, die er ihr ent-
gegenbreitete.
,Muth, Justine! Es sieht wirr und arg aus in
der Welt, aber sie gehört dem Muthigen, und: ,Komme,
was kommen mag!?-- Wir sind ja beisammen !'?
Bwanzigstes Kapulel.
Der Major kam in Galauniform von der Neu-
jahrsaufwartung bei dem Generalgouverneur der Ost-
provinzen. Auf dem Domplatze traf er mit John
Kollmann zusammen. Es war um die Besuchsstunbe,
man sah viel junge Männer aus allen Ständen auf
der Straße.
, Wohin des Weges, Herr Major? fragte John.
Der Major sah nach der Thurmuhr hinauf. ,Ich
habe noch meinem Oberst aufzuwarten, aber es ist
erst halb ein Ühr. Ich kann noch bei den Lind-
heims vorgehen.?
,So begleite ich Sie, wenn's Ihnen recht ist!r?
,,Sie waren, wenn ich nicht irre, noch nicht
dort!'?
,Nein! entgegnete John.,Ich hatte es lange

Kapitel 20

t
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-= AZ =
vor, bin aber nicht dazu gekommen. Nun schickt sich's
gut zum Neujahrstage und unter Ihrer Fahne!r
,Den Scherz bei Seite! Aber es freut mich, daß
Sie hingehen. Es sind sehr gebildete, vortreffliche
Leute. Die Fürstin Hedwig hat sie eigentlich ent-
deckt, und ich bin durch Stromberg mit ihnen be-
kannt geworden. Ich halte viel von dem Vater und
von den Söhnen; von dem Vater besonders, weil er
bei seinem starken Verstande der Einfachste und
Ruhigste von ihnen ist. Kennen Sie ihn näher?
John verneinte das. Er habe die Frau und
die Tochter, ebenso die Söhne, öfter im Theater, in
Konzerten, an den öffentlichen Spazierorten gesprochen,
sei der Tochter in der letzten Zeit ein paar Mal be-
gegnet. Der Vater aber sei seltener mit dabei ge-
wesen; doch kenne er ihn und den ältesten Sohn aus
angenehmem, verläßlichem Geschäftsverkehr, und die
Darners hätten ja Umgang mit ihnen, da habe er
viel Gutes von ihnen gehört. Die Tochter habe er
gestern noch einen Augenblick bei seiner Cousine ge-
sprochen.
,Seit einiger Zeit kommt ein junger, christlicher
Arzt, ein Doktor Werner, Freund des Sohnes,
viel in das Haus, der ihr sehr huldigt; aber sie
läßt es bis jetzt an sich herankommen!' bemerkte
der Major.
,Und die Eltern? Glauben Sie, daß sie die
Tochter taufenlassen, in solcheHeirath willigenwürden?
,Willigen? Mit beiden Händen würde die Mutter
zugreifen, schon um die Tochter bei sich behalten zu ;
können; abgesehen davon, daß eine Heirath mit einem !
Christen ihr schmeicheln würde; denn Herzenssache ist
ihnen Allen ihre Religion weniger als Ehrensache.
Der Vater ist Philosoph, die Söhne auch auf ihre
Weise. Und Flora? - Ich müßte sehr irren, oder

-
-=- 2=-
die ist ein Durchgänger, wenn sie warm wird! Ich
möchte die schönen schwarzen Augen mit den großen
Sternen wohl einmal in Feuer sehen.?
Sie hatten das Haus erreicht, stiegen zusammen
die Treppe hinan, die zum Wolme führte, und wie
John dann, da der Major ihm den Vortritt auf-
nöthigte, den blank geputzten Drücker der Thüre in
der Hand hielt, hatte er ein Mißbehagen, ein Wider-
streben in sich niederzukämpfen.
Er hätte nicht gehört haben mögen, was der
Major gesagt. Er mochte nicht denken, daß das
Mädchen, auf welches er sein Auge geworfen, das er
in sein Herz geschlossen, so leichten Kaufes für den
ersten Besten zu erlangen sein könne; denn welchen
Preis er von seiner Seite zu zahlen haben würde,
um sie heimführen zu können, das war nicht voraus-
zusehen. Er unterschätzte das Opfer nicht, das er
dabei von seinem Vater zu fordern genöthigt sein
würde. Aber er mußte Flora wiedersehen, sie in
ihrem Vaterhause sehen, in Ruhe mit ihr sprechen,
mit ihr verkehren können. Er mußte wissen, ob er
sich täusche in dem Glauben, daß sie seine Liebe theile.
Und wenn er sich nicht täuschte, wenn sie ihn liebte?
-- Er war immer ein guter Sohn gewesen, hatte
sich dem Vater gern gefügt. Jett war er ein Mann
von vierunddreißig Jahrenl Mochte der Vater sich
denn nun auch dem Sohne fügen, wenn es dessen
Liebe und Ehre galt.
Madame Lindheim saß auf dem Sopha, Flora
auf dem erhöhten Tritt im Fenster an dem Nähtisch,
der Vater kam aus dem Nebenzimmer herein, als
der Major und John bei ihnen eintraten. Der
Major wurde freundlich wie ein alter Bekannter
empfangen; Lindheim ging dem neuen Gaste ein
paar Schritte entgegen.

-- Lh--
,Willkommen in meinem Hause!' sagte er mit -
einer Gemessenheit, die er sonst im geschäftlichen
Verkehr und an der Börse gegen John nie an den
Tag gelegt.
, Haben Sie Dank dafür !' entgegnete ihm John.
, Ich wollte mir lange schon die Freiheit nehmen,
Sie in Ihrem Hause aufzusuchen; ich meinte aber,
es am Neujahrstage am besten zu thun, um zugleich
Ihnen und den Damen meine Glückwünsche dar-
bringen zu können.?
,Die wir, fürchte ich, wieder sehr nöthig brauchen
werden !' meinte Lindheim, während sie nach dem
Sopha gingen und der Major zu Flora herangetreten
war, die am Fenster sitzen blieb, so daß John sich
nur von fern vor ihr verneigen konnte. Die Unter-
haltung kam schnell in Gang. Madame Lindheim
fragte mit warmer Dringlichkeit nach Johns Vater,
den sie so gut wie gar nicht kannte, nach Madame
Göttling, nach sämmtlichen Darners, sprach von der
Fürstin und von Allem, worin sich eine Gemeinsam-
keit mit den zu Johns Lebenskreis gehörigen Per-
sonen feststellen ließ, und rief mitten darin Flora mit
der Frage an:
,,Warum bleibst Du denn da sizen? Komm
doch her!'r
Flora gehorchte. John hörte nicht mehr, was
Madame Lindheim sagte, nicht mehr was der Major
von dem Empfang bei dem Generalgouverneur von
Hork berichtete. Er sah nur die dunkle Gluth, die
sich über Flora's Stirn und Wangen ergoß, und
sie dünkte ihn wie das Aufzucken des Morgenrothes
vor dem Tagesanbruch; aber die Unterhaltung mit
der Mutter gerieth ins Stocken seit dem Augenblick,
in welchem Flora dazu gekommen war, und John
mußte wie zu einem Feuer, das nicht recht brennen

-.
-=- 2s-
will, immer frisches Material herbeischaffen. Wäh-
rend der Major und Lindheim mit den Tagesvor-
gängen beschäftigt blieben, sprach er mit den Frauen
von der Schlittenpartie, welche die Studenten zum
Jahresschluß gehaht, von einer andern, bei welcher
die Offiziere mit Damen fahren würden. Flora war
natürlich nicht dabei. Er fragte, ob sie es liebe,
übers Eis zu fahren; sie bejahte es. Er schlug vor,
sie und die Mutter am nächsten Tage nach Holstein
hinaus zu fahren, da er seinen russischen Schlitten
mit nach Preußen gebracht und bei dem Stalleeistex
ein Paar Pferde gefunden habe, die im Kummet und
auf gut russisch mit dem Galopin eingefahren wären.
Aber noch ehe die Mutter oder Flora ihre Meinung
hatten äußern können, lehnte der Vater mitten aus dem
Gespräch mit dem Major das Anerbieten dankend
ab, weil seiner Frau das Fahren in einem offenen
Schlitten bei der Kälte nicht bekommen würde.
Freilich meinte John sie im offenen Schlitten
gesehen zu haben, indeß gegen des Vaters Bedenken
war nichts zu machen. Die Unterhaltung stockte
wieder. Es mußte wieder eine neue angefangen
werden, und von der Kälte zur Wärme überspringend,
lobte John das sonnige Zimmer und die Behaglichkeit
desselben.
,Da wir sehr häuslich leben, fast gar keine Ge-
sellschaft frequentiren,? bemerkte die Mutter, ,so
müssen wir es bei uns heimisch haben. Unsere
Bücher,? sie wies auf die Schränke hin, hinter
deren Scheiben eine ansehnliche Büchersammlung in
kostbaren Bänden aufgestellt war, ,unsere Bücher,
Flora's Gesang und einige gute, gleichgesinnte, auf,
die höheren geistigen Interessen gestellte Freunde
verschönern uns die Abende; und ich bin der
Meinung, daß sich der Mensch nur in engem Kreise

- ? --
vertieft, namentlich in unserer Zeit, in welcher mnn,
und so rasch hinter einander, so viel Unerfreuliches
zu erleben gehabt hat. Finden Sie das nicht auch?
Er war ganz ihrer Ansicht.- Er fand auch, daß
sie sehr gut sprach, aber er konnte nicht begreifen,
weshalb Flora, die sonst so munter plauderte, kaum
auf seine einfachsten Fragen Antwort gab; und doch
kleidete sie die ihr sonst ganz fremde Schütchternhet
ganz allerliebst, mit der sie ihn ansah, als köne ein
offener, freier Blick ihm schaden. Böse war sie ihm
nicht, denn das Läächeln um ihre Lippen hatte er
freundlicher nie gesehen, und wenn sie ihm nicht böse
war, war sie ihm gut; er ihr auch!
Der Major mußte fort; John hatte keinen
Anlaß, seinen Besuch zu verlängern. Als sie sich
verabschiedeten, sagte Lindheim dem Major, er
möge sich bald wieder sehen lassen; und die Mutter
meinte, es sei das Sicherste, gleich einen Tag zu
verabreden.
,Es ist heute Montag!'' sagte sie. ,Wie wäre
es mit dem Freitag Abend? Und da Herr Kollmann
uns heute das Vergnügen seines Besuches gemacht
hat, dürfen wir ihn vielleicht bitten, den Freitag
Abend auch bei uns zuzubringen?'
John nahm die Einladung dankbar an. Die
Männer entfernten sich, Lindheim begleitete sie, und
sie blieben draußen noch einmal im Gespräche stehen.
Kaum aber hatten sie das Wohnzimmer verlassen,
als Madame Lindheim in den Vorwurf ausbrach:
,Sag' mir um Gottes willen, Flora, was war
das für ein Betragen? John Kollmann macht uns
unaufgefordert einen Besuch, und Du bleibst da oben
sitzen, bis man Dich rufen muß! Er unterhält uns,
und Du sitzest da, als wüßtest Du nicht zu sprechen,
wie sich's schickt. Was soll der junge Mann von

-- Ls--
Deiner Erziehung und von unserem Hause denken?
Du hast überall, wo wir ihm begegnet sind, mit ihm
geredet und gescherzt und seine Galanterien auf-
genommen, wie sich's gebührt; und heute in unserem
Hause empfängst Du ihn, als fändest Du es nicht
der Mühe werth, den Mund aufzuthun, als wäre
es nicht eine Artigkeit, die er uns erwiesen hat.?
Flora wurde wieder roth, warf den Lockenkopf
wie ein verzogenes Kind trotzig in den Nacken und
entgegnete:
,,Daran ist Niemand schuld als Sie, Mama!
Sie und der Papa haben mir neulich am Weih-
nachtsabend solche Vorwürfe gemacht über meinen
Leichtsinn und meinen Mangel an Schicklichkeits-
gefühl, daß ich gestern noch viel unhöflicher gegen
Kollmann gewesen bin als heute.
,Gestern? Was heißt gestern??
,,Er kam gestern zu Madame Darner, als ich
dort war. Ich machte also, daß ich weg kam, und
wie er mich hierher bringen wollte, sagte ich, das
dürfe er nicht, und ging fort, ohne den Friedrich
abzuwarten, der mich abholen sollte.?
, Und davon hast Du kein Wort gesagt?' tadelte
die Mutter.
,,Ich konnte ja nicht ahnen, daß er kommen
würde; und wenn es das eine Mal heißt, ich sei zu -
freundlich, und das andere Mal, ich sei zu still, so
weiß ich nicht mehr, was ich soll und=-r
,Und? fragte streng die Mutter.
, Ja, dann kann ich mir nicht helfen, dann thue
ich, was ich will und wie mir's grade ist!'r rief
die Tochter lachend und ging hinaus in dem Augen-
blick, in welchem der Vater wieder in das Zimmer
zurück kam.

-- A1ß--
,Du hättest Kollmann nicht gleich einladen sollen!?
bemerkte er der Frau.
,Da er einen Besuch gemacht hat, gehörte es sich
doch, daß man auch ihn aufforderte, wenn man den
Major einlud, mit dem er gekommen war.?
,Es gehörte sich, daß er Dich oder mich oder
einen der Söhne vorher um die Erlaubniß gebeten
hätte, seine Aufwartung machen zu dürfen, ehe er
gekommen ist; und er würde das anderwärts nicht
unterlassen haben. Bei uns, denen er eine Ehre
mit seinem Besuche zu erweisen glaubt, hat er ge-
meint, das sparen zu können. Du weißt, wie ich
darüber denke. Der Nichtachtung gegenüber hat man
sich dreifach hoch zu halten.?
,Man spricht oft genug von Deinem Hochmuth; s
und, wie Lessing sagt: Fo ganz nur Jude seint,
darin, Herzens-Jakob, liegt doch auch keine Seelen-
größe.?
,,So lange ich ihnen nur der Jude bin, bleib!
ich ihnen gegenüber nur der Jude, wenn mein Herz
an dem Land und dem König auch grade so gut
hängt als das ihre! Aber-- das apart!-- Koll-
mann halte mir fern !? -
,,Warum aber? Er ist ein so grader, braver
Mann!'?
,Warum? Weil Flora dagesessen und ausge-
sehen hat, degnadigt und beseligt wie die gemalte
Jungfrau Maria unter den Augen des Verkündigungs-
engels; und weil John Kollmann uns hier gar nichts
zu verkündigen hat als eine Liebschaft mit Flora,
Schwierigkeiten von ihrer Seite, wenn sich eine schick-
liche Heirath für sie findet, Gerede in der Stadt, und
Verdrießlichkeiten mit den Kollmanns, mit denen wir
zu thun haben. Er wird am Freitag kommen, lade
dazu noch ein paar andere Leute, namentlich den

-- A0-
Doktor Werner ein, der Flora in Anspruch nimmt;
und die Hauptsache ist, Du weißt, wie ich die Sache
ansehe. Richte Dich darnach!
,,Jakob, glaube mir, ich habe doch auch meine
Augen und meinen gesunden Verstand! Aus bloßer
Laune ist Kollmann nicht gekommen, und ich habe nie
ein Wort verlauten lassen, das ihn dazu bestimmen
konnte. Seit dem Sommer, seit dem Frühjahr schon,
hat er uns überall aufgesucht, wo er irgend hoffen
konnte, uns zu finden =
,,So hättet ihr Euch nicht finden lassen sollen!
Seit dem Abenteuer am Weihnachtsabend weiß ich,
daß die Sache weiter gediehen ist, als es sich gehört,
und daß ihr ein Ende gemacht werden muß.?
,,Da er ein Mann von Ehre ist und, wie ich
glaube, Absichten auf Flora hat, muß man ihm das
sagen!'' wendete die Frau ihm ein.
,,Es zu sagen, hat man nicht nöthig, denn das
hieße ihn zu einer Erklärung verleiten. Du hast
Freitag Gelegenheit, es ihm zu verstehen zu geben,
und ich wünsche, daß Du es thust; denn ich habe
eine gute Aussicht sür Flora nach dem Haag, und
da soll sie hin, je eher um so besser!? -- Er küßte
die Frau, ehe er hinausging, sie gaben sich die Hände,
aber sie blieb verstimmt trotzdem.
Sie besaß nicht die in sich gefestete Ruhe ihres
Mannes, nicht die stolze Kraft, welche er dem Vor-
-urtheil entgegen zu setzen hatte, nicht die Geduld, mit
welcher er auf eine Aenderung der Zustände hoffte,
- die am Ende jetzt nicht mehr lange ausbleiben konnte.
Sie hatte immer die Nichtachtung schwer empfunden,
welche auf den Juden lastete; und der Schutz und
die Vermittlung, welche die Fürstin ihr und den
Ihren angedeihen lassen, hatte ihr die Ungeduld ge-
steigert,. mit der sie sie ertrug. Der Major hatte sich

-- M--
nicht getäuscht in der Voraussetzung, daß sie nichts
sehnlicher verlange, als wenigstens ihre Tochter durch
eine Heirath mit einem Christen, dem Druck entrückt
zuu sehen, unter dem sie und die Ihren bisher gelebt;
und nun, da sich eine Möglichkeit dazu zu er-
öffnen schien, trat ihr Mann ihr entgegen.
Ihm zuwider zu handeln, daran dachte sie nicht.
Sie durfte weder Flora noch Kollmann ermuthigen.
Sie mußte ihre Hoffnung auf Flora's Neigung für
John setzen, auf seine Liebe zu ihr, die ihrem Muutter-
auge lange kein Geheimniß mehr gewesen war.
Als John nach Hause kam, fand er Frank bei
seinem Vater, der dem Onkel seiner Frau den schul-
digen Neujahrsbesuch nicht fehlen lassen, und ihm
zugleich die von dem Vater erhaltene Nachricht mit-
theilen wollte. Sie war ernsthaft genug, die drei
Männer zu beschäftigen. Nachdem man jedoch eine
Weile hindurch eine Reihe von Möglichkeiten in An-
schlag gebracht und erwogen, mußte man sich sagen,
daß alles Planen in das völlig Unberechenbare hinein
ein unfruchtbares Spiel sei; und von dem Fern-
liegenden zu dem nächsten übergehend, sagte Frank:
,,Sie waren mit dem Major bei Lindheims und
haben mit ihm eine Einladung zu einem der nächsten
Abende erhalten, wie er mir vorhin sagte; aber Sie
werden noch nicht wissen, was er später bei seinem
Regimentschef erfahren hat: die ganzen leichten
Truppen in Ost- und Westpreußen werden auf den
Felddienst einexerzirt, die Krümper mit eingerechnet.
Das ist eine Bestätigung für unsere Pariser Estafette.
Inzwischen leben Sie wohl und lassen Sie uns eben
am Tage den Tag genießen!''
,,Du bist bei Lindheims gewesen, hast eine Ein-
ladung zu ihnen angenommen?? fragte der Vater,
nachdem Frank sich entfernt hatte. ,Wie bist Du

-- W--
darauf gekommen, und was hast Du da zu
suchen!-
John war nicht sicher, ob Frank seines Besuchs
bei Lindheims nur zufällig erwähnt; ihm aber hatte
er, absichtlich oder nicht, einen Dienst damit geleistet,
denn er hatte das Eis gebrochen; und der im Tone
der Unzufriedenheit bestimmt gestellten Frage seines
Vaters mit gleicher Bestimmtheit entgegnend, sagte er:
,, Wenn Sie es wissen wollen, Vater, und ich's
ehrlich sagen soll, was ich dort suche, so antworte ich:
Die Tochter. ?
, Narrenpossen!'' lachte der Vater, dem Sohne
anzudeuten, wie unmöglich ihm die Sache scheine.
,, Wir haben den ersten Januar und nicht den ersten
April! Laß das Mädchen und die Leute in Ruhe!'
John zögerte einen kurzen Augenblick. Des
Vaters Verhalten hatte ihn nicht überrascht, aber doch
gekränkt; und genöthigt, sich zu behaupten, sagte er:
, Sie haben durch Frank zufällig erfahren, Vater,
was Ihnen zu sagen ich gekommen war. Sie haben
lange gewünscht, mich verheirathet zu sehen, jetzt denke
ich selbst lebhaft daran mir eine Frau zu nehmen.?
,Aber doch nicht eine Jüdin!? fiel ihm der
Vater heftig ein.
, Eben Flora Lindheim!' erwiderte der Sohn
um so gelassener. ,Ich habe die Familie, wie Sie
wissen, bei Darner kennen lernen, bin nachdem, wo
sich mir Gelegenheit geboten, mit ihr zusammen
gekommen, und seit Justine mich ausgeschlagen, ist
Flora das erste Mädchen, das mir einen tiefen Ein-
druck gemacht hat. Kurz und gut, Vater! ergeben
Sie sich immer in den Gedanken: Flora Lindheim
wird meine Frau, denn die Eltern sind vorurtheils-
los, sind nicht bigott, und werden mir keine Hindernisse
in den Weg legen, wenn ich mit Flora im Klaren bin.?

-- AZ--
,Nicht vorurtheilsvoll, keine Hindernisse in den
Weg legen? Bei Gott im Himmel, das fehlte noch!
Soll ich vielleicht selbst den Freiwerber für Dich machen
gehen, und mich bei Jakob Lindheim bedanken, wenn
er so gnädig ist, Dir seine Tochter zu geben? höhnte
der Vater, sich mehr und mehr in Zorn sprechend.
Aber je mehr er sich ereiferte, um so ruhiger wurde
der Sohn und um so unheimlicher wurde diese Ruhe
dem Vater. Das war die kühle Beharrlichkeit, mit
welcher Johns Mutter ihren Willen immer durchzu-
setzen gewußt; die Beharrlichkeit, welche er durch seine
Ie für sie groß gezogen. Denn er hatte sie geliebt,
yatte trotz dieses, ihre Fehlers, glücklich mit ;ihr ge-
lebt. Er hatte sie sehr geliebt und er liebte auch den
Sohn, ihren und seinen einzigen Sohn. Aber Juden
in sein Haus, in seine Familie, jetzt, da man den
Franzosen gegenüber erst wieder voll und ganz z
dem Bewußtsein dessen gekommen war, was es mit
deutschem Sinne, mit preußischer Vaterlandsliebe auf
sich hatte? ,Juden?-- Nimmermehr!'
Und mit dem Nachsatz beginnend, der diesem
raschen Gedankengange folgte, rief er:
,Wärst Du gekommen, und hättest mir gesagt;
Ich bin verliebt, ich will ein bettelarmes Mädchen,
eine Handwerkerstochter heirathen! Das Mädchen ist
gesund und gut erzogen, die Eltern sind Kleinbürger,
aber rechtschaffen ---- gefreut hätte es mich nicht,
indeß ich würde Dir gesagt haben: Thue, was Du
nicht lassen kannst!- Jetzt aber?-- Das Mädchen
ist hübsch, die Leute sind anständig, sind reich, sind
auf ihre Weise geachtet; und wenn Frank Darner die
Lindheim'sche Tochter geheirathet haben würde, es
wäre nichts dagegen zu sagen gewesen damals!
Aber Konrad Samuel Kollmanns Sohn? - Da
muß ich Dir sagen: Schlag Dir die Thorheit aus

-- A-
, dem Sinn mein Sohn!-- Jakob Lindheims
-' Tochter paßt nicht in dies Haus !
John hatte ihn ruhig angehört. ,Ich habe Sie
nicht gebeten, Vater,' sagte er, ,den Freiwerber für
mich zu machen, ich denke das selbst zu besorgen, und
nicht daran gedacht, Sie in ihrer gewohnten Hääus-
lichkeit zu stören. Aber da Sie die Erfahrung ges
macht haben, daß ihr Mündel Justine ihrem Herzen
und ihrem Sinne nachgelebt hat, ohne sich an Ihr
Vorurtheil gegen den Sohn höriger Leute zu stoßen,
trauen Sie es Ihrem Sohne, der ein mündiger Mann
ist, immer zu, daß er weiß, was er will, daß er
thun wird, was er vor sich und seiner Ehre verant-
worten kann; und verargen Sie's ihm nicht, wenn
er glaubte, daß grade Sie um seinetwillen mit einem
Vorurtheil brechen könnten, eben weil Sie einer der
, ältesten und unantastbarsten Familien angehören.
Sie haben's wahrhaftig nicht nöthig, sich von dem
Gerede der Leute ins Schlepptau nehmen zu lassen,
da ich's nicht einmal thue.?
Kollmann hatte ihm den Rücken zugewendet.
Er stand am Fenster und trommelte leise auf den
Scheiben. John, der in der Mutter Lehnstuhl ge-
sessen hatte, stand auf und schritt nach der Thüre.
,Wo willst Du hin? fragte der Vater.
,Ich glaube, es ist besser, ich überlasse Sie
heute Ihrer Neberlegung. Ich werde in der Ressource
essen.r
,,Am Neujahrstage? John blieb stehen. ,Es
wäre das erste Mal, daß ich einsam säße am ersten
Tag des Jahres!r
,,Verzeihen Sie mir, Vater!r entgegnete der
Sohn und reichte ihm die Hand.
Der Vater ergriff sie nicht, aber er legte ihm
die Rechte auf die Schulter. ,eberlege Dir, was

- J-
Du thun willst. Ich bin ein Mann in den Sech-
zigern. Ich kann lange leben wie mein Vater, ich
kann jeden Tag abgerufen werden! Erspare mir die
Juden! Denk' auch an Deine Mutter!'?
, Vater!' rief John, ,SSie bitten zu hören und
nicht nachgeben zu können, fällt mir schwer; und doch
dars ich's nicht, denn im nächsten Augenblicke würde
ich's bereuen, wenn ich es gethan, und Ihnen zürnen,
daß Sie mich mir selber abwendig gemacht. Ich
habe mein Herz an Flora gehängt; ist ihr Herz ebenso
mein, so wird sie trotz Ihrer Bedenken meine Frau!'
,, Und das Urtheil der Leuute wird Dir beweisen,
wah Du damit gethan hast!
? ,Wer und was sind die Leute? Menschen, von
denen Sie jeden Einzelnen gründlich abweisen, wenn
er Ihnen mit seiner Meinung entgegentritt, wenn er
mit Ihnen von Dingen redet, von denen Sie nicht
geredet haben, über die Sie seine Meinung nicht hören
wollen. Als das Urtheil und Vorurtheil der Leute
sich bei seiner Ankunft gegen Lorenz Darner wendete,
der Bedenklicheres hinter sich hatte als die Lindheims,
gegen dle kein rechtlicher Einwand vorhanden ist, da
sind Sie, Vater, im Gefühl Ihrer Würde und Be-
deutung für ihn eingetreten. Sie werden nicht
weniger thun für Ihren Sohn. Sie haben es aus-
gesprochen, Sie haben nichts gegen die Achtharkeit
der Lindheims!?
,Nichts !? bekräftigte der Vater.
, So lernen Sie sie kennen, lernen Sie Flora
kennen; Justine wird Ihnen gerne die Gelegenheit
dazu bieten. Begünstigen Sie, was Sie nicht hindern
können. Es wäre das Bitterste, was mir geschehen
könnte, drängten Sie mich zu einer Wahl zwischen
meinem Vater und dem Mädchen, das ich liebe, das
rF,?F? - - =- «=-

-- As-
wie mich selbst, danken würde wie ich selbst; denn
ohne Ihre freie Zustimmung wird mir Lindheims
Ehrgefühl seiner Tochter Hand nicht geben.'?
Einundzwanzigstes Kapitel.
Darner hatte seine Reise möglichst abgekiürzt und
beschleunigt; noch ehe er jedoch in sein Haus zurück-
gekehrt war, wußte man es durch die Regierung und
durch die Zeitungen, daß die sogenannte Ausgleichung
der zwischen Frankreich und Rußland obwaltenden
Zwistigkeiten gescheitert, der Krieg gegen Rußland
von Napolon beschlossen sei, und daß diesmal nicht
nur wie bisher die Rheinbundsfürsten, sonderu auch
Preußen ihm mit seinen Truppen als Vasallen in
den russischen Krieg zu folgen haben würde.
Das Entsetzen über das Geschick, dem die Ost-
provinzen dabei nothwendig anheim fallen mußten,
die Empörung des Volkes, die von dem Heere auf
das tiefste empfundene Kränkung seiner Ehre, kannten
keine Grenze. Aber während jeder einzelne vollauf mit
sich und der Wahrung seiner Angelegenheiten be-
schäftigt war, steigerte sich in der Allen gemeinsamen
Frage: ,Was wird aus uns, was wird aus Preußen,
aus dem Vaterlande werden? das Gefühl der Zu-
sammengehörigkeit, und die von Allen auf das leb-
hafteste getheilte Besorgniß, daß bei einem für Frank-
reich unglücklichen Ausgang des russischen Krieges,
den man doch zu ersehnen hatte, die Ostprovinzen
Preußens die Zeche zahlen und an Rußland würden
abgetreten werden, das schon in den vorhergegangenen
Friedensschlüssen nur durch hindernde Umstände ab-

Kapitel 21

b I? --
gehalten worden, sich als Herrscher in dem Lande
festzusetzen, in das es eingerückt war, um ihm gegen
Frankreich seinen Beistand zu leihen.
In der Kau man t gingen zwei ganz ver-
schiedene Strömungen gleichmäßig neben einander
her. Während die Einen wieder große Vorräthe von
Produkten aller Art herbeizuschaffen trachteten, um
den zuu erwartenden großen Bedürfnissen der Truppen
zu begegnen, deren Durchmarsch man zu gewärtigen
hatte, strebten die Anderen, alles Verkäuflichen, und
somit der Gefahr ledig zu werden, - daß es ihnen
zwangsweise abgenommen werden könnte. Für das
Haus Darner kamen diese Maßnahmen nicht mehr
in Betracht, da es keine Produkten- und Waaren-
geschäfte mehr maeFe; aber Frank hatte als russischer
Generalkonsul einer kaum zu bewältigenden Arbeit
zu stehen; denn grade um die Einfuhr von russischen
und durch Rußland -kommenden englisch-indischen
Kolonialwaaren handelte es sich, und Konrad Koll-
mann war wesentlich dabei betheiligt. Wie aber
Darner sechs, sieben Jahre vorher das Beispiel ge-
geben, was durch rasches Kaufen und Verkaufen zu
machen sei, mahnte er diesmal Kollmann zur ge-
messenen Vorsicht, mahnte er namentlich auch John,
alles loszuschlagen, was er von Brnstein auf Lager
habe, zunächst sogar das Fischen und Graben einzu-
stellen, dem Wasser und der Erde das Bergen des
Gutes zu üüberlassen, und sich auf Auflesen und
Sammeln desjenigen zu beschränken, was daa Meer
freigebig ans Ufer warf.
John hatte sich ben Rath, in Anerkennung von
Darners Einsicht, gesagt sein lassen und sich ohnedies,
seit er Justine zu seiner Vertrauten gemacht, fester
noch als bisher, auch an sie und ihren Mann ange-
schlossen. So war denn die erste Neuigkeit, mit welcher
p

- As --
der Vater und Virginie nach ihrer Heimkehr empfangen
worden, die Kunde gewesen, daß John sich um Flora
Lindheim bewerbe, sich mit ihr versprochen habe.
Darner hatte die Nachricht mit einem Lächeln
empfangen. ,Seht mir John Kollmann an! hatte
er gesagt, als Justine ihnen umständlich erzählt, wie
sich das am Sylvesterabende gemacht, wie sie zu
seiner Vertrauten geworden sei. ,Man soll niemals
sagen, was aus einem Menschen werden kann! Aber
es gefällt mir von ihm, daß er seinen Weg geht,
seit ich ihm auf die eigenen Füße geholfen. Ohne
die Bernsteinpacht hätte er's nicht gewagt; und vor
Allem hat er sich bei Dir, Justine, zu bedanken, daß
Du nicht darein gewilligt hast, das Philisterium der
Verwandischaftsheirathen nach altem Herkommen weiter
mit ihm fortzusetyen, und die Rasse auf die Weise
herunterzubringen. Wenn in Konrad KoCmanns
Haus Jakob Lindheims Enkel geboren wird, sollen
sich beide Familien bei mir, bei Dir und Frank be-
danken!'
, Und ich,'' rief Virginie, da sie den Vater trotz
der schweren Zeiten in so guter Stimmung sah, ,ich
werfe mich zur Beschützerin dieser beiden Liebenden
auf. Ich will es sein, die es der Fürstin schreibt,
wenn sie sich verloben; denn das würde einmal recht.
nach ihrem Herzen sein. Ich gehe noch heute zu
Lindheims !?
,,Die Häände vom Spiel! gebot der Vater.
,,Man hat kein Recht, und am wenigsten hat ein
junges Frauenzimmer den Beruf, sich in eine Ange-
legenheit zu mischen, in welcher die Entscheidung ihm
nicht zusteht. Lindheim soll nicht sagen können, daß
ich Dir zu fördern gestattet, was er nicht von Dir -
gefördert zu sehen verlangt hat. Es ist kein Grund
vorhanden, den bisherigen Umgang mit Flora abzu-

-- A29-
brechen. Es bleibt, wie es bisher gewesen ist; in
lebrigen halte Dich an das, was Dir obliegt. Die
Zeit wird kommen, in welcher Du zu zeigen haben
wirst, ob Du dem Vertrauen, das ich und Du zu
Dir haben, zu entsprechen vermagst, ob nicht!''
Diese Zeit ließ aber nicht lange auf sich warten.
Denn schon im Mai des Jahres hatte Napoleon die
deutschen Fürsten wieder einmal in Dresden um ch
versammelt und mit dem Anfang des Junimonats
zogen seine Heere-- mehr als dreimalhunderttaufend
Mann: Franzosen, Jtaliener, Spanier, Portugiesen,
Deutsche aller Stämme- in ununterbrochener Folge,
eine nene, grause Völkerwanderung, durch Ostpreußen
nach der russischen Grenze; und die in Königsberg
und in den beiden Prgzinzen unter dem Befehl des
General von ork stcenden preußischen Truppen
hatten sich dem Korps des General Macdonald anznu-
schließen.
Was man in den früheren Kriegsjahren erlitten,
verschwand in der Erinnerung, vor den Erlebnissen
und Forderungen, denen man jett gegenüüberstand.
Französische Generale geboten in der Stadt. Man
hatte jedoch die preußischen Eivilbehörden und die
Stadtverwaltung in ihren Aemtern behalten, um von
ihnen herbeischaffen zu lassen, was die durchmarschiren-
den Truppen im Auugenblick und für eine dreiwöchent-
liche Ernährung bedurften. Von früh bis spät war
der Magistrat versammelt, und da mit Gewalt ge-
nommen wurde, was zu bewilligen er nicht sofort
bereit war, wurde ihm damit eine Verantwortung
aufgebürdet, wurde ihm zur Last gelegt, was Willkir
und Gewaltthat sündigten; und wie die fremden
Gouverneure über die Stadt, so geboten die Quartier-
meister über die öffentlichen Gebäude, über die Kirchen,
über die Wohnungen jedes Privatmanns.

- LZ0 --
Die Beschränkung, die Noth, machten sich auch
den Reichen fühlbar. Nur zwei Stuben hatte man
in jedem der beiden Darner'schen Häuser dem Ge-
brauche ihrer Besitzer freigelassen. Justine und Vir-
ginie hatten schwere Arbeit, große Umsicht und Ge-
duld vonnöthen, dem schrankenlosen Begehren der
Einauartierung Stand zu halten; und das um so
mehr, als beide Darner, von früh bis spät beschäftigt,
den Frauen nicht zur Seite stehen konnten, sondern
sie sich und ihrer Einsicht und Vorsicht überlassen
mußten.
Virginie hatte eben das Abendessen für den
General und seine Stabsoffiziere, wie er es gewünscht,
in dem Garten am Hause, und für die zehn Mann
seines Regiments, die man auch im Quartiere hatte,
in der Hausflur auftragen lassen. Die Thüren und
Fenster standen überall offen, die Luft im Hause so
weit möglich zu verbessern, da sie durch das enge Zu-
sammenwohnen von so viel Menschen verdorben und
durch den Tabaksgeruch und Qualm fast unertragbar
gemacht wurde.
Müde und mit schwerem Herzen saß sie am
Fenster der kleinen Stube neben dem Zimmer, das
dem Vater jetzt zum Schlafen und ihnen beiden als
Wohnzimmer dienen mußte. Die Abendsonne schien
hell hinein, es war drückend heiß. Am nächsten
Morgen sollten die preußischen Truppen sammt und
sonders mit der zehnten Division des französischen
Heeres Königsberg verlassen.
Noch war der Major in der Stadt; aber er
hatte sich in den letzten Tagen weder bei Frank noch
in ihrem Hause sehen lassen. Er hatte Justinen ge-
schrieben, daß er es vermeide, mit französischen Offi-
zieren anders als dienstlich zusammenzutreffen, und
daß er fortbleibe, um der Möglichkeit eines solchen

-=- LZ-
Begegnens in ihrem Hause auszuweichen. Aber Ab-
schied mußte er doch nehmen kommen!
Der General ließ Liqueur zum Nachtisch fordern.
Virginie gab die letzte Flasche her, welche sie noch
im Hause hatte, denn die Versuche, die sie gemacht,
neuen Vorrath anzuschaffen, waren mißglückt. Sie
hatte keine mehr auftreiben können in der Stadt.
Als sie wieder in ihre Stube hinaufkam, drangen
statt der frischen Luuft, die sie ersehnte, der Tabaks-
anualm von dem Offizierstisch und lautes Lachen und
Singen zu ihr hinauf.
,ölalgrs l bstaille,
üu'on lirre äemsit,
Vs, ksisons rspsäll,
Oharmurte stin!
Bttenäsrt ls gloirg
Erenons le glsisir,
Sauts Ure su grimoirv,
Du somhre arenir
schallte es von einer vollen Baßstimme zu ihr hin-
auf, und in jubelndem Chor wiederholten die Tisch-
genossen:
,Kttenäsat ls gloire,
Erenons le glsäsir.?
Sie schloß das Fenster. Von unzüchtigen Freuden
sangen sie, und ihr war das Herz so schwer. Wie
glücklich waren sie gewesen, als sie vor fünf Jahren,
fröhliche Kinder, in ihres Vaters schönes Haus ge-
kommen, sie und Dölores; und wie anders war es
jetzt, wie ganz anders, für die arme Dolores und
auch für sie! -- Wie sah es jetzt in den Stuben auus,
welche des Vaters Liebe und der guten Göttling Ge-
schick ihnen vorbereitet! Wie würde man jemals
wieder wohnen können innerhalb der Mauern, die
entweiht worden waren durch die Wüstheit dieser

=- AN --
Menschen, dieser Zeit!-- Und weshalb das Alles?
Wie konnte Gott es zulassen, daß den Schuldlosen
so Schweres zu tragen gegeben ward?-- Eine Furcht
vor dem Leben, vor der Zukunft, ein Zweifel an der
Gerechtigkeit und Güte Gottes, wie sie beide nie
empfunden, bemächtigten sich ihrer, erschreckten sie,
beängstigten sie noch mehr; da klopfte es an ihre
Thüre, die sie nach deo Vaters Weisung verschlossen
zu halten hatte, wenn sie allein war.
Sie sprang empor. ,Wer ist da? fragte sie.
,Gut Freund !' antwortete es von außen mit
tiefer, weicher Stimme, und diese Stimme kannte sie.
,Ach ja, gut Freund! rief sie, die Thüre
öffnend und dem Major die Hände reichend, ,und
diesmal kommen Sie doppelt als ein Freund, denn=
, Weil ich Abschied zu nehmen, weil ich für
lange Zeit, vielleicht für immer Abschied zu nehnßen
komme?? fragte er, sie bei der Hand festhaltend,
während sie die paar Schritte durch die Stube gingen.
, Herr Major, sagen Sie das nicht!'r bat Virginie,
,es ist ja ohnehin geng, daß Sie gehen!
Sie hatte sich an das Fenster gesettt, er saß ihr
gegenüber. Es war kein Sopha in dem Zimmer.
Man hatte alle entbehrlichen Möbel für die Einrichtung
der Offiziersstuben hergeben müssen.
,, Und es ist ein harter Gang,'' antwortete er
ihr, ,ein Gang, den gehen zu müssen kein preußischer
Soldat jemals erwarten konnte, der jeden, welcher
ihn gehen muß, die Kameraden beneiden macht, die
mit Ehren gefallen sind bei Friedland und bei Eylau!
Aber davon darf jetzt nicht die Rede sein!'?
, Sie werden wiederkommen!'' sprach Virginie,
und ihre ernsten Augen hefteten sich an sein männ-
liches Gesicht, als wollte sie sich sein Bild einprägen,
damit es nicht in ihr erlöschen könne.'

- ZZ =-
, Wer will das sagen, Virginie? sprach er, und
es rührte sie, daß er sie so bei ihrem Namen nannte.
, Man zieht mit Muth, mit Freude, mit Zuversicht
ins Feld für seines Landes, seines Volkes Vertheidi-
guung und Ehre, seinem Landesherrn folgend. Aber zur
Schande seines Landes einem Unterjocher desselben
folgen, um für ihn gegen Bundesgenossen zu kämpfen,
mit denen man in Reih und Glied eben gegen ihn
gefochten hat-- das ist ein Feldzug, an den kein
Soldat, kein Preuße, anders als mit ,Pmpörung
denken kann; in dem zu siegen schlimmer ist, als in
ihm zu fallen!'
, Sagen Sie das nicht!' bat sie ihn wieder.
,Doch! entgegnete er ihr, ,denn dgz Stunde
ist ernsthaft, und so lassen Sie sie uns neßnen, wie
sie ist. Sie haben vor Jahren, als Sie erfuhren,
daß ich Sie liebte, Virginie, ehrenhaft und großherzig
gegen mich gehandelt, mir die Kränkung und den
Schmerz zu ersparen, den eine Zurückweisung Ihres
Vaters mir bereitet haben würde. Sie wissen, wie
ich Ihnen das gedankt, haben erfahren, wie ich mich
Ihnen gefügt, wissen auch, daß meine Liebe für Sie
in dem Schweigen gewachsen ist; wie ich weiß, daß
ich Ihnen nicht gleichgiltig bin--'?
, Gleichgiltig? Sie mir, Sie? rief sie.
Er war bewegt, behielt jedoch seine ruhige Fassung.
,,Lassen wir uns nicht durch die Rührung einer Ab-
schiedsstunde überwältigen!' sagte er. ,Es hat sich
viel gewandelt in den drei letzten Jahren-- auch
Ihres Vaters Sinn. Ich habe das aus seinen ge-
legentlichen Aeußerungen entnehmen können. Wenn
Sie mtich liebten, wenn ich heute um Sie werben
dürfte, ich glaube, er würde Sie mir nicht mehr ver-
sagen. Aber das ist keine Stunde, in welcher ich
Ihnen sagen darf: Versprich mir, daß Du meinen

==- F -
Namen tragen willst, wenn ich-- Gott weiß, unter
welchen Verhältnissen- wiederkehre. Nur vergessen
sollen Sie mich nicht, Virginie!'?
Er griff in die Brusttasche seiner Uniform und
zog ein goldenes Medaillon aus derselben hervor.
,,Das Bild,' sagte er, es öffnend,, ward für meine
Mutter gemalt, ehe wir achzehnhundertundsieben ins
Feld gezogen sind. Sie starb, bevor ich's ihr noch
senden konnte. Nehmen Sie's, bewahren Sie's, Vir-
ginie, und vergessen Sie mich nicht!''
, Ich Sie vergessen?? stieß sie hervor und wollte
sich an seine Brust werfen. Er hinderte sie daran
mit einem Häindedruck.
,Bleiben Sie frei! sagte er.,Daß Sie mich
lieben, daß Sie mein nicht vergessen wollen, muß
mir genüügen für den Augenblick, soll mir den Blick
in die Zukunft erhellen.-- Virginie, was thun Sie,
was thun Sie, Virginie? rief er, da er sah, daß
sie nach einer Scheere griff und mit fester Hand eine
der langen Locken abschnitt, die ihr von den Schläfen
auf die Schulter niederfielen.
,Nehmen Sie, nehmen Sie sie, Roderich!' sprach
sie. ,Bei uns, in der Havanna, sagen sie, der
Mensch kann den Menschen nach sich ziehen an seinem
Haar, wenn er ihn ruft in Liebe und in Noth und
Tod. Tragen Sie mein Haar wie ich Ihr Bild,
und rufen Sie mich! Und wenn es wahr ist, wenn
ich Sie höre -- Sie brach in Thränen auus. ,Ich
komme ganz gewiß, ich komme!''
Er ergriff ihre Hände, berührte mit seinen Lippen
ihre Stirne und ging, ohne weiter ein Wort zu
sprechen, von ihr fort. In der Thür wendete er sich
noch einmal um.
,. Sag', daß wir uns wiedersehen !' rief sie und
flog ihm nach.

-- ZZJ -
, So Gott will, auf Wiedersehen!'' sprach er
und hatte sie verlassen; und unten im Garten sangen
sie laut im Chor:
,Kttenäsamt l gloire,
enons le glaisir!
Sas liro au grimoire,
Du sombre aenir.?
Trotz des langen Tages, dessen man sich in
Preußen in dieser Zeit des Jahres zu erfreuen hat,
war es schon dunkel, als Darner von einer noch am
späten Nachmittage zusammenberufnen Sitzung des
Magistrates in sein Haus zurückkam, nachdem er
noch bei Frank vorgesprochen war, um von diesem
zu erfahren, ob es gelungen sei, in der guuckersiederei,
an der sie stark betheiligt waren, die Vorräthe vor
der Beschlagnahme zu bergen, ehe man das ganze
große Gebäude als Kaserne mit Truppen belegte.
Auch in diesem Falle aber war Gewalt vor Recht
ggeguungen, und man hatte wieder einen neuen, nicht
unbeträchtlichen Verlust zu verzeichnen.
Oben in Darners Stube stand der kleine Tisch
für ihn und die Tochter gedeckt; das Lachen, Sprechen,
Singen im Garten währte fort. Virginie hatte die
Fenster wieder geöffnet. Ohne ein Wort der Be-
schwerde schüttelte Darner unmuthig den Kopf.
, Soll ich die Fenster schließen?' fragte Virginie,
nachdem sie dem Vater den guten Abend gewünscht
und berichtet, daß der Major dagewesen sei, um
Abschied zu nehmen. ,Sie sehen müde aus, Vater?
, Ich bin auch müde, aber laß das Fenster offen,
es hilft nichts, wenn wir es schließen. Sie sind die
Herren im Hause, man hört sie doch! Hast Du sie
abgespeist, und haben sie etwas übrig gelassen auch
für uns?'' fragte er, sich um der Tochter willen zu

== ZZN --
einem Scherze zwingend, der ihr die Bitterkeit seines
Empfindens nicht verbarg.
,Es ist fast, wie Sie es sagen!'' entgegnete sie
ihm, und während sie die kleine Mahlzeit einnahmen,
was bald geschehen war, gab sie ihm Rechenschaft
von dem, was man begehrt, von dem, was zur
weiteren Befriedigung der zu erwartenden Forderungen
für die nächsten Tage herbeigeschafft werden müßte,
und erhielt Rath und Weisung, auf welchem Wege
man es zu ermöglichen haben würde.
Darner hatte immer streng darauf gehalten, sich
in seiner Kleidung von früh bis spät keiner Be-
auemlichkeit zu überlassen. Heute, als er vom Tische
aufstand und den Stuhl, auf dem er gesessen, ans
Fenster gerückt, warf er den braunen Tuchrock von
den Schultern und trat, die Brust dehnend, tief auf-
athmend und sich die heiße, feuchte Stirn trocknend,
an das Fenster.
Virginie blickte voll Bewunderung zu ihm empor.
Nie war seine Erscheinung ihr mächtiger und ge-
bieterischer vorgekommen als jett, wo er vor ihr
stand hoch aufgerichtet, mit den breiten Schultern,
mit dem stolzen Nacken, mit der mächtigen Brust,
mit dem scharf und kräftig gezeichneten Bau des
Kopfes und der hochgewölbten Stirn.
,, Wenn man Sie so sieht, Vater, meint man,
Sie müßten Alles können, was Sie wollen!'? rief
sie aus.
,,Können, was man willl'' wiederholte er. ,DDas
sagt sich leicht, hört sich gut an; und man soll auch
wollen, was der Mühe des Wollens werth ist, soll
viel von sich erwarten, denn der Mensch vermag viel,
wenn er sich selbst vertraut. Aber auch dem stärksten
Wollen des Einzelnen setzen das Leben und der Wille
der Gesammtheit seine Schranke, vor der er still zu

- ZZ? -
stehen, sich zu bescheiden hat. Das ist eine harte
Erkenntniß, aber wem wird sie erspart? Und doch,?
setzte er hinzu, ,beruht auf dieser Erfahrung jett
unsere Hoffnung, die Hoffnung der Welt!-- Aber
lassen wir das, es ist nicht Deine Sache. Sprich
mir von Dir, erzähle mir--
Er fuhr ihr mit der Hand leise über das Haar
und fühlte, daß ein Theil desselben dutchschnitten
war. ,Was ist das? fragte er, ,was hast Du ge-
macht, Virginie??
,Das wollte ich Ihnen eben sagen! rief sie,
,Alles wollte ich Ihnen sagen, Vater! Nur ruhig
essen wollte ich Sie lassen. Sie haben recht gehabt
wie immer, es ist Fes gekommen, wie Sie es gesagt!
Ich habe mich verMessen =-r?
,, Komm zur Sache ! unterbrach sie der Vater,
nicht gewillt, ihr das Geständniß zu ersparen, dessen
Inhalt er voraussah.
Virginie zögerte, dann lehnte sie den Kopf an
seine breite Brust und sagte:
, Ich habe den Mann gefunden, mit dem ich
gehen würde, wenn Sie mich entbehren könnten;
aber dann blieben Sie allein-- und allein sollen
Sie doch nicht bleiben, Sie haben's anders von uns
verdient! - Er kam, mir Lebewohl zu sagen, das
hat mich überwältigt!' fuhr sie fort und berichtete
dann in geflügelter Hast mit dem Gedächtniß der
Liebe, Wort für Wort, was sich begeben zwischen ihr
und dem geliebten Manne, ihre Erzählung mit dem
Nachsate beschließend: ,Er war wie Sie, ich sollte
ihm nichts versprechen, nichts geloben! Ich sollte frei
bleiben!'?
,So bleib es auch!'' entschied der Vater, ,und
laß die Zeit walten, die unser Aller Herr ist. Ich

-==- PZ --
sehe den Major wohl noch. Er hat gehandelt, wie
es ihm gebührte, wie ich's von ihm erwartet. Er ist
ein Ehrenmann.?
Iweiundzwanzigstes Kapitel.
Am andern Mittage war schon kein preußischer
Soldat mehr in der Stadt zu sehen. Alle Wachen
waren von Franzosen besetzt, und immer neue
Truppenmassen wälzten sich heran, Rast haltend in
Königsberg, deren Unterbringung um so schwerer
war, als die Feuersbrunst des vorigen Jahres, die
ganzen Stadttheile zur linken Seite des Pregels zer-
stört, und die Vorstädte, die man fünf Jahre vorher
bei dem ersten Anrücken der Franzosen niederge-
brannt, auch nuur zum Theil erst wieder aufgerichtet
worden waren.
Ein paar Tage später kam Napoleon abermals
nach Königsberg. Wieder sah man ihn aus den
Fenstern des Schlosses, den Leibmameluken Rustan
hinter sich, mit kaltem Auge die unabsehbaren Züge
seiner Krieger und Feuerschlünde begleiten, die er
gen Rußland sendete. Wieder sah man ihn im
Schloßplatz Truppen mustern, vor den Thoren am
Lauth'schen Walde Heerschau halten, und die nieder-
gebrannten Stadttheile besichtigen, als hätte sein Auge
Lust und Wohlgefallen an der grausen Zerstörung.
Und waren die Forderungen, groß gewesen, welche
seine Generale bisher an die Stadt gestellt, so
wurden sie maßlos, seit der Kaiser selber in ihr
gebot.
Zwölftausend Mann, zur Hälfte Kavallerie,
blieben in der Stadt vorläufig zurüück. Für zwölf-
tausend Mann mußten nach seinem Befehl Lazarethe

Kapitel 22

-- LZ9-
eingerichiet werden, denn schon damals lagen an
viertauusend Kranke in den Hospitälern und Kirchen,
und die Zahl derer, die man in den Hääusern der
Bürger zu verpflegen hatte, war kaum geringer.
Alle rüstigen Arbeiter wurden den Gewerbe-
treibenden genommen, um bei dem Bau der Feld-
bäckereien für die Franzosen zu arbeiten; und da
keiner von ihnen die versprochene Bezahlung erhielt,
welche von den Kriegszahlmeistern unterschlagen wuurde,
stiegen das Elend und die Noth und die Krankheiten
in der Stadt zu einem Grade, das jeder Einzelne
sich glücklich zu preisen hatte, wenn er den Tag ohne
ein besonderes Schrecknisß durchlebt und des Abends
ein Lager in seinem Ogzse fütr sich bereitet fand,
auf dem er für die Stlüben der Nacht durch den
Schlaf, der Angst und dem Jammer entrückt ward,
vor dem kein Entfliehen mehr zu sein schien.
Doch in den kleineren Städten, auf dem Lande,
überall, wo die Heeresmassen vorwärts drangen, sah
es wenn möglich noch schlimmer aus. Soweit die
Franzosen seiner nicht bedurften, hatie der Post-
verkehr im Lande, namentlich nach Norden und nach
Osten hin, fast gänzlich aufgehört. Die Estafetten
wurden aufgehalten. Man wußte oft durch viele
Tage nicht, was in nahe gelegenen Ortschaften geschah;
und es war Eberhards treuer Karl, der mitten in
der Verwirrung, als Bote von ihm, in einer amtlichen
Angelegenheit nach Königsberg gesendet, auch für
Frank Darner eine Kunde von dem Freunde mitzu-
bringen hatte.
,Das Einzige,' schrieb Eberhard, ,was man jett
als Frage in die Ferne zu senden hat, lautet: Seid
Ihr am Leben? Denn wie es im Nebrigen ergehen
kann, das vermag Jeder an sich selber zu ermessen.
Wie es bei mir in Rasten aussieht, das zu schildern

=- IP0 -
erlasse mir. Das Bild meines Ahnherrn, das Jo-
hannes mir vor Jahresfrist hat kopiren lassen, haben
sie als Schießscheibe benutzt; die Bilder meiner
Eltern hatte ich noch können zusammenrollen und
bergen lassen. Aber das kommt nicht in Betracht
neben den allgemeinen Zuständen. Jede regelmäßige
Verpflegung der Truppen hat längst aufgehört.
Militärkomandos durchstreifen das Land und nehmen
fort, was sie finden. Die Heerden werden fort-
getrieben, die Pferde von dem Wagen abgeschnitten,
Wiesen und Saatfelder abgeweidet. Selbst von den
Leuten, welche die Regierung mit Fuhren stellen
müssen, sind bis jetzt nur ein Paar zurückgekommen,
die ihre Gefährte im Stich gelassen haben und ent-
flohen sindh, sich-- so Gott will!-- dem Vater-
lande zu erhalten, wie mein Karl, der Dir dies
Schreiben bringt. -- Man lernt es, zu sagem Was
Gott thut, das ist wohlgethan! Denn ich segne
es, daß ich allein die Schrecknisse, die Empörung zu
erleben habe, daß kein liebendes Herz sie mit mir
erleidet, das ich nicht zu bangen habe um Weib und
Kind, die der Himmel Dir erhalten möge. Aber laß
uns trachten, uns durchzuwettern bis zum Tage der
Auferstehung, der doch zuletzt nicht ausbleiben kann,
wenn man nicht irre werden soll an dem Zusammen-
hang von Ursache und Wirkung!'
Es war denn auch nicht allein Eberhard, der es
segnen lernte, daß die von ihm geliebte Frau nicht
mit betroffen wurde von dem Graus, dem sich in
Preußen Niemand zu entziehen vermochte. Selbst
Virginie, die tiefer noch als die Anderen in der
Schwester Herz gelesen, fand in ihrem Sorgen und
in ihrem sehnenden Bangen einen Trost darin, daß
Dolores, mochte sie auch glücklos sein, nicht von
dem Unglück all der Tausend Anderen in nächster

- --
Nähe mit betroffen ward; denn in Venedig war es
ruhiger, war es stiller, als Dolores es, seit sie dort
lebte, je gesehen.
Der größte Theil der Truppen, welche Napoleon
dort gehabt, war, da man im Augenblicke in Jtalien
von keinem Feinde oder Aufstande bedroht war,
zurückberufen und dem großen Heere eingereiht
worden. Die Familien der höheren Offiziere waren
diesen nach Frankreich gefolgt. Der Sommer hatte
den venetianischen Adel, so weit er am Festlande
angesessen war, in die Villen hinaus gelockt. An
vielen der großen Paläste waren die Fensterläden
geschlossen, die Gondeln der Herrschaften trocken gelegt
und an den Pfählen aufgehängt; und langsam
glitten vereinzelt die Gondeln des zurückgebliebenen
Adels, der Beamteg der Kaufleute, welche ihre Ge-
schäfte an die Stadt fesselten, durch die Kanäle.
Dolores war gekräftigt und ruhiger von Paris
nach Venedig zurückgekommen, als sie es verlassen
hatte. Nicht der Rath des Arztes, nicht der Luft-
wechsel hatten ihr wohlgethan, sondern die Begegnng
mit den Ihren, das volle Aussprechen ihres Herzens
gegen die Schwester, und die Gewißheit, daß sie das
Vertrauen wie die Achtung ihres Vaters gewonnen
habe; und auch auf Polydor waren die wenigen
Tage, die er mit den Angehörigen seiner Frau ver-
lebt, nicht ohne Einwirkung geblieben. Er hatte sie
wieder gesehen, die ernste, innige Liebe, mit welcher
die Familie an einander hing. Die Zeit seiner
schnell entbrannten Leidenschaft für Dolores, die
schönen poetischen Stunden in Strandwiek waren
wieder in ihm lebendig geworden; und Serafina
war nicht neben ihm gewesen, ihn abzuziehen von
seiner Frau.
Lewald. Die Familie Darner. Ul.
18

-- LN--
Er hing noch immer an der Marquise, denn ihre
Schönheit war dauerhaft und ihr Geist lebendig:
aber, obschon Dolores die Frische der ersten Jugend
in ihrem Herzenskummer eingebüßt, war sie doch
jung und war es doppelt im Vergleich zu jener;
und das Spiel zwischen den beiden Frauen, das ihn
anfangs, wie jedes Spiel, durch die Spannung ge-
reizt, in welcher es ihn erhielt, hatte angefangen,
ihm unbequem zu werden. Die Marquise hatte ihn
übersättigt mit ihrer Gunst, ihn schon zum öftern
ermüdet durch die Scenen, die sie herbeigeführt,
wenn sie befürchtet, er könne sich ihr entziehen.
Ohne daß er es sich eingestand, war er nicht
mehr aufgelegt, den Romanhelden, den leidenschaft-
lichen Liebhaber zu machen; und der Ausbruch des
russischen Krieges, dem man bereits mit Sicherheit
entgegen gesehen, als er mit seiner Frau von Faris
nach Venedig zurückgekommen, war nicht darnach an-
gethan gewesen, ihm den Sinn zu erheitern. Der
russische Handel und die großen russischen Bankiers,
die bisher im Einvernehmen mit Paris gearbeitet,
hatten sich auf plötzliche Stockungen im Geschäfte ge-
faßt zu machen, deren Folgen für ihn im Voraus
nicht zu übersehen waren.
Polydor hatte für die Marquise in Paris die
zahlreichen Besorgungen ausgeführt, mit denen sie
ihn beauftragt; hatte mit gewohnter verschwenderischer
Anfmerksamkeit denselben hinzugefügt, was ihr, wie
er sie kannte, Vergnügen machen konnte. Er hatte
ihr das Alles am Abende der Ankunft mit
einem der gewandten Billete zugehen lassen, in
denen er Meister war; indeß er war den ganzen
folgenden Tag von seinen Geschäften gefesselt worden
und hatte dann spät noch einer Aufforderung des
Kommandirenden nachkommen müssen, der von seiner

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E -'
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Heimkehr erfahren und ihn zu sprechen gewünscht
hatte.
So war der Morgen des zweiten Tages heran-
gekommen, bevor er die Marquise hatte auffuchen
können. Sie hatte ihn wie immer um die Zeit, in
ihrem Schlafzimmer empfangen. Es war kalt auch
in Venedig. Das Feuer brannte in dem großen
Kamin, die Marquise hatte sich in die Palatine von
weißem Fuchs gehüllt, die er ihr mitgebracht, und
reichte ihm, da er zu ihr herantrat, aus dem Morgen-
anzuge von violettem Kaschmir, dessen orange Auf-
schläge ihrer Hautfarbe zu Gute kamen, die schlanke
Hand entgegen.
,Willkommen, mein Freundl' sprach sie, ,und
nochmals den Dank, den Ihnen gestern schon mein
Billet gesagt, für I Erinnern und füt das Zuvor-
kommen meiner Wünsche; aber Sie haben mir Zeit,
reichlich Zeit gelassen, Ihre reizenden Gaben, zu be-
wundern und mein Verlangen nach dem Wiedersehen
zu steigern. Sie sind ein guter Rechner, Polydor!
-- und ich bin es so wenig, so gar nicht!r
Mit einem Vorwurf empfangen zu werden, ist
immer verdrießlich; auch Polydor empfand das. Statt
die Hand zu küssen, die sie ihm bot, und ihre Lippen
zu suchen wie gewohnt, berührte er ihre Rechte mit
flüchtigem Druck und entgegnete:
,Ein guter Rechner zu sein, ist mein Beruf,
meine Freundin, und was Sie von sich selber sagen,
ist nur zu richtig. Gs ist nicht klug, nicht gut be-
rechnet, einen Heimkehrenden daran zu mahnen, daß
die Abwesenden immer Unrecht haben !
,Was wollen Sie damit sagen?? fragte die
Marquise, gereizt durch seine nicht erwartete Ent-
gegnung.
zgn

-=- I4 --
,Nichts, meine Theure! nichts, als daß ich froh
bin, nach so vielen Wochen und an dem rauhen Tage
wieder bei Ihnen, und zunächst an einem guten Feuer
bei Ihnen zu sein, denn die Bora ist heute eisig
kalt. Aber was haben Sie, Serafina? Sie sehen
bleicher, sehen angegriffen aus! Sie haben sich nicht
gut befunden und es mir verschwiegen!'
, Ich habe Sie entbehrt und Ihnen das nicht
gesagt, weil ich nicht von dem Recht der Ehefrauen
Gebrauch machen durfte, einem Entfernten, Ihnen,
mit Klagen beschwerlich zu fallen. Eine kränkelnde
Frau rührt den Mann, eine kränkelnde Freundin
langweilt ihn. Doch sprechen wir nicht mehr von mir;
sprechen wir von Dolores. Was halten die Aerzte
von ihr, wie befindet sie sich?
Polydor versicherte ihr, daß es seiner Frau vor-
trefflich gehe, daß man gar keinen Arzt berathen,- weil
sie es nicht gewollt, daß das Zusammensein mit den
Ihren sie erfrischt und daß in emmem so kritischen
Zeitpunkt wie der gegenwärtige, an eine Badereise
oder derlei auch gar nicht zu denken sein könne.
,,Denn,' sagte er, ,Sie begreifen, daß ich sie be-
gleiten müßte und daß davon nicht die Rede sein
kann. Und nun sagen Sie mir, wie haben Sie ge-
lebt? Hat der blonde Page seinen Dienst gut neben
Ihnen versehen, habe ich ihn zu loben, ihm zu danken,
oder ist er so liebenswürdig gewesen, daß ich ihn zu
fürchten habe?- Denn, was wollen Sie, er ist
jünger als ich, und Ihr guter Rechner hat nicht mehr
den leichten Sinn und den freien Kopf der Jugend!
Ich habe den Kopf sehr voll, Serafina! Und ich habe
es heute, da ich mich ankleidete, im Spiegel gesehen,
das Leben hat die ersten Furchen auf meiner Stirne
gezogen! Ich werde altl'?
,Ich soll Ihnen sagen, wie ich gelebt habe, und

--- LJ --
Sie Eitler, sprechen von sich, als wollten Sie hören,
daß Sie für mich immer derselbe sind, oder als
wollten Sie mir andeuten, daß die Zeit der Juugend
und der Liebe für Sie-- für uns vorüber ist! Du
spielst mit meinem Herzen, mit unserer Liebe, Polydor !'r
Er neigte sich zu ihr, sie fuhr ihm mit der Hand
über die schmale, hohe Stirn. ,Ich werde sie bald
verwischt haben, die Furchen der Sorge!'' sagte sie,
und ihre Lippen begegneten sich, und sie rief mit
dem hellen Lachen, das so silbern klang:,Da siehst
Du's, die Jugend und die Liebe find schon wieder da!?
Eine Viertelstunde verging ihnen in zärtlich
plauderndem Scherz, dann brach Polydor auf. Der
wichtigsten Tagesereignisse wurde stehenden Fußes in
Eile gedacht. das nächste Wiedersehen verabredet; -
aber als er in die Gondel stieg, als sie ans Fenster
trat, ihn noch zu grüßen, empfanden und wußten sie
es Beide, daß diesmal die Trennung ihr Verhältniß
zu einander gewandelt. Sie hatte die Macht der Ge-
wohnheit gebrochen, welche den Blick abstumpft und
das Herz betrügt.
Die kleinen Fältchen an den Augen hatte Sera-
fina immer schon gehabt, die breiten Lider hatten
sich immer schon ein wenig tiefer über die schön ge-
wölbten Augen gesenkt, der leichte Schatten unter
ihnen, die feinen Aederchen auf den weißen Häänden,
waren immer schon mehr hervorgetreten als unter
der frischen Haut der Jugend, als an Dolores
Händchen. Aber er war es gewohnt gewesen an der
Marquise, es hatte zu ihr gehört, und eine schöne
Erscheinung war sie noch immer. Heute jedoch hatte
er das Alles mit anderem Auge gesehen. Er hatte
ernsthaft daran gedacht, daß sie älter sei als er, und
weil sie ihn verletzt bei seinem Eintritt, hatte er es
ihr nicht vorenthalten wollen, daß sein Auge sehend

-=- ZF--
geworden, daß sie daran denken müsse, ihn nicht nuur
durch ihre Schönheit an sich zu fesseln. Denn daß
er sie entbehren könne, davon hatte die Trennung
ihn überzeugt; und wenn sie ihm die Stimmung
verdarb wie in der Stunde dieses Wiedersehens, wenn
sie es nicht als ein immer neu zu verdienendes Glüc
empfand, daß er an ihr festgehalten, daß er ihr die
jnge, reine Frau und das Glück seiner Ehe geopfert,
nun so mußte das Verhältniß zu ihr, wie alle solche
Verhältnisse, enden, wenn sie aufhören, dem Manne
eine Herzenssache und eine Befriedigung zu sein; und
eine solche hatte ihm dies Wiedersehen nicht gewährt,
weder ihm noch der Marquise, die sich nicht darüber
täuschte.
Unzufrieden mit Polydor und mit sich ebenso,
hatte sie sich, als sie allein war, wieder auf das
türkische Polsterlager vor dem Feuer niedergelassen.
Die Flamme war im Erlöschen. Sie bemerkte es,
warf eine Hand voll trockener Weinreben hinein, die
hell aufloderten und schnell wieder in Asche zerfielen.
Sie wiederholte das einmal und noch einmal, die
großen Kohlenstücke wollten nicht mehr erglühen.
,, Unfruchtbare Arbeit, ein erlöschendes Feuer
neu zu beleben !'' sagte sie, hüllte sich fester in den
Pelzumwurf und grif in halber Zerstreuung nach
dem toledanischen Dolchmesser, das ihr Polydor unter
seinen Geschenken mitgebracht. Die Dolchmesser waren
nach den spanischen Kriegen eine Modespielerei ge-
worden unter den Pariser Frauen, und die Scheide
dieses Dolches war ein Kunstwerk von großem Werth.
Sie zog das Messer heraus, prüfte es vorsichtig und
legte es, über die Schärfe erschreckend, wieder fort,
da selbst die leise Berührung ihr die Haut geritt.
,Wer schenkt einer Frau, die er liebt, ein
schneidendes Instrument! Und er ist ein Russe und

-- Lg? -
abergläubisch wie ein solcher!' rief es in ihr, und
das erlöschende Feuer und das schneidende Stilet ver-
stimmten sie noch mehr.
Er hatte sie schon oft gequält, auch vor der Reise,
mit seiner Eifersucht und mehr noch mit seiner
spöttischen Nachsicht für den Grafen und dessen
Galanterien. Es war eine Bitterkeit in ihren Ver-
kehr mit Polydor gekommen, welche nicht genährt
werden durfte, sollte die erkaltende Liebe sich nicht in
Haß verwandeln; und brechen mit Polydor, jetzt, da
die Welt nicht ihr, sondern ihm den Bruch zuschreiben
würde, das konnte und durfte sie jetzt noch weit
weniger als zu der Zeit, in welcher er sich verheirathet
hatte.-- Denn wenn Polydor sie jetzt verließ, war
sie keine Eroberung mehr für Joseph Vranitzki,
hatte sie es als Gnade zu erachten, wenn er nicht
dem Beispiel dessen folgte, der ihm das Feld freiwillig
räumte. Halten mußte sie Einen um des Andern
willen. Aber - war das böse Wort Polydors denn
wirksam?-- Sie war wirklich müde, sie war ange-
griffen, sie war Venedigs satt, das jo still geworden.
war. Sie dachte an Paris! Sie war im Grunde
des ganzen Spieles satt, das man das Leben nennt.
Sie hätte es in dem Augenblicke von sich werfen
mögen wie ein abgetragenes Kleid! Weinen hätte
sie mögen - und es war gut, daß man ihr den
Grafen meldete, daß sie lächeln, sich der Thränen er-
wehren, daß sie Joseph sehen mußte, der nie liebens-
würdiger, nie heiterer und vertraulicher empfangen
worden war als an, dem Tage, da sie ihm erzählte,
wie sorgenbeladen, wie mißgestimmt ihr alter Freund
von seiner Reise heimgekehrt sei, unnd wie sie Noth
gehabt habe, es ihm auszureden, daß er altere.
,Denn in der That, Joannu hat in den sechs
Wochen sich in einer Weise verändert, die mich er-

=- Igs--
schreckt hat,'? berichtete sie. ,Er ist merkwürdig alt
geworden, er ist gar nicht mehr derselbe! Wir werden
Mühe haben, ihn zu zerstreuen; und heute, mein
Freund, werden Sie doppelt heiter sein müssen, um
mir den Druck von der Seele zu nehmen, mit dem
Polydor sie mir beladen.?
Der Graf betheuerte, daß er es besser nicht ver-
lange, versicherte, daß er ganz und gar der Ihre,
ganz und gar zu ihren Diensten sei.
Sie legte die Hand auf seinen Arm. ,Weiß
ich das nicht?' fragte sie und sah ihm mit so zärt-
lichem Blick in die Augen, daß es ihn mit Glückes-
ahnung heiß durchrieselte. ,Weiß ich das nicht und
erkenne ich das nicht?? Sie seufzte tief. ,Glauben
Sie mir, Peppino, ohne Sie, ohne Ihre Jugend,
Ihren Lebensmuth wäre ich recht arm !r
Er kniete vor ihr nieder. Zum ersten Mal drückte
sie sein Haupt an ihre Brust und einen Kuß in seine
blonden Locken.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Mit aller Kraft ihres Willens, mit einer Uner-
ermüdlichkeit, welche einer besseren Sache werth gewesen
wäre, hatte die Marquise nach Polydors Rückkehr von
Paris ihn und den Grafen gegen einander ausge-
spielt, und wenn schon der Verkehr zwischen Dolores
und der Marquise allmälig ein immer seltenerer ge-
worden war, so hatte Dolores doch immer noch,
wenn auch in anderer Weise als vordem, unter der
unheilvollen Einwirkung der Marquise zu leiden.
Sie ließ Polydor zu keiner Ruhe kommen, und die
Reizbarkeit seiner Stimmung fiel auf seine Frau
zurück.

Kapitel 23

-- Z-jI-
Es war für Dolores unverkennbar, daß er ihr
gerecht zu werden trachtete. Er besprach mit ihr
Dinge und Angelegenheiten, die er ihr sonst vorent-
halten, es sah bisweilen aus, als vermisse er die
Marquise nicht mehr neben ihr, und Dolores hätte
kaum zu sagen vermocht, ob das sie erfreue, sie
glücklicher mache oder nicht. Dann aber kamen
wieder Zeiten, in denen ein Billet Serafina's, der
Scherz eines unbedachten Dritten über deren wachsende
Theilnahme für den jungen Cavaliere servente ihn
plötzlich aus dieser ruhigen Verfassung aufjagten zu
einer Leidenschaft und Eifersucht, die ihn aufs Neue
zurückwarf in die Fesseln, in denen die Marquise
ihn die langen Jahre gehalten; und sein jetzt immer
wiederholtes Bestreben, sich aus ihnen zu befreien,
diente dann nur dazu, ihn fester zu verstrickenn. Er
wußte kaum noch, ob er sie liebte oder haßte; aber
er war und blieb mit ihr beschäftigt, und der bloße
Gedanke, daß sie sich von ihm losreißen, daß sie
ihn entbehren, daß ein Anderer als er sie besitzen
könne, war ihm unertragbar schon um Dolores'
willen. Was konnte er ihr gelten, wenn er der
Frau nichts mehr galt, der er sie geopfert? Ver-
schmäht, als ein Schiffbrüchiger in dem stillen Hafen
der Ehe zu Rast und Ruhe zuu kommen, war er nicht
gemacht und nicht gewillt. Und wenn Serafina ihn
nicht mehr liebte, so sollte sie ihn fürchten lernen,
ihn und seinen Zorn und seine Rache.
Darüber war der Frühling herangekommen und
der Sommer hingegangen, und weder die Briefe,
welche Dolores von den Ihren erhielt, noch jene
anderen, die ihrem Mann aus Rußla.nd und aus
Frankreich zugingen, waren dazu angethan, das Herz
der Eheleute zu erheben. Napoleon hatte in der
Mitte des Jahres den Niemen überschritten, war mit

z
-=- Lß0 -
einem Heer von einer halben Million von Menschen
in Rußland vorgerückt, hatte die Russen in zwei ge-
waltigen Schlachten geschlagen, war mit dem Nahen
des Herbstes siegreich eingezogen in Moskau, in die
alte Stadt der Zaren; und die Kunde dieses letzten,
über jede Berechnung wichtigen Erfolges hatte in Ruß-
land und in Preußen das Herz der Muthigsten er-
schreckt, das Hoffen der Unverzagtesten gelähmt.
Niederschmetternd war in den ersten Tagen des
Oktober der Siegesjubel der französischen Truppen
von der Bevölkerung in Königsberg empfunden
worden. Flüche hatten das Tedeum begleitet, das
der Kommandant von Königsberg in der katholischen
Kirche hatte singen lassen; und das Stöhnen der
Tausende von Kranken, die in den Hospitälern und
in den Häusern lagen, hatte scharf abgestochen gegen
die trotzigen Klänge der Marseillaise, mit welcher die
Franzosen zu ihrer großen Parade gezogen waren.
Kaum ein Haus in der Stadt, in welchem man
nicht Fremde oder die eigenen Angehörigen als Sieche
zu pflegen hatte; denn das Nervenfieber wüthete fort
und fort und die Todtengräber konnten die Arbeit
nicht bewältigen ohne die Hilfe, welche der Magistrat
ihnen geschafft.
Von Mitleid ergriffen, in dem allgemeinen Elend
die eigene Gefahr nicht achtend, da man der An-
steckung überall ausgesetzt war, hatten die Frauen
sich, soweit die Kraft jeder Einzelnen es zuließ, zu
Krankenwärterinnen gemacht; und Darner, der sich
die Beaufsichtigung der von der Stadt zu versorgen-
den Hospitäler hatte überantworten lassen, ging fest
und ruhig in ihnen seines Weges.
Er hatte die Pest in Smyrna und Konstantinopel,
das gelbe Fieber in der Havanna mit erlebt, und sie
hatten ihn nicht angefochten. Er vertraute auf seine

- 25--
Gesundheit, er brachte Muth hin, spenbete freigebig
von seinen Mitteln, wo immer er erschien. Man
hatte ihm von Anfang an in Königsberg anerkannt,
was er für sich selber leistete; man hatte es immer
mehr anzuerkennen, was sein Mannessinn für Andere
werth war; und die Seinen, Frank, Justine und die
Tochter standen ihm nicht nach. Alles Kleinliche fiel
vor dem schweren Schicksal, das über dem Lande lag,
in ein Nichts zusammen; und wer nur einen Zug
von Gutem oder Großem in sich hatie, wuchs über
sich selbst hinaus.
Sogar Madame Armfield hatte nicht mehr
Muße, fand nicht mehr Lust daran, sich um das
Thun und Treiben ihrer Bekannten deutend und
splitterrichtend zu bekümmern; aber aufgefallen war
es ihr doch und nicht ihr allein, daß John Kollmann
das Lindheimsche Haus besuchte, immer häufiger
besuchte, und daß sich zwischen den Darner'schen und
den Lindheim'schen Frauen ein förmliches Freund-
schaftsverhältniß herausgebildet hatte, wäährend man
auch die Männer häufig miteinander von der Börse
kommen, und wo immer es ein werkthätiges Leisten
galt, zusammen eingreifend fand.
In den beiden letzten Wochen hatten jedoch
Johns Besuche bei den Lindheims aufgehört, denn
das Nervenfieber, das durch einen Fourier von den
französischen nachrückenden Truppen in das Koll-
mann'sche Haus eingeschleppt worden war, hatte einen
der Handlungsgehilfen und dann auch John ergriffen,
der schwer daran darniederlag. Von Tag zu Tag
hatte das Fieber sich gesteigert. Der siebente, der
vierzehnte Tag waren ungünstig verlaufen, der ein-
undzwanzigste war herangekommen, die Krisis stand
bevor, und die Nachrichten, welche Justinens am

b- LHZ -
Mittag abgesendeter Bote zurückgebracht, hatten be-
denklich geklungen.
Gegen den Abend hin, als es schon dunkel ge-
worden war, kam Frank aus dem Komptoir hinauf
nach Justinens Stube, sich ein halb Stündchen von
der wenig unterbrochenen Arbeit des Tages zu er-
holen. Draußen fiel ein dichter Schnee vom Himmel
und ein heftiger, eisiger Wind wirbelte ihn durch
die Luft.
,Wie früh dies Jahr der Winter gekommen
ist!r sagte Justine. ,Seit Wochen ist kein Blatt
mehr an den Bäumen, und vorhin, als ich die Vor-
hänge herunterließ, waren die Scheiben stellenweise
befroren.r
,Man muß hoffen, daß die Kälte den Krank-
heiten entgegenarbeitet. Die Todtenlisten dieser Woche
sind wieder erschreckend groß,' bemerkte Frank.
,,Bewahre der Himmel nur den Onkel vor
Johns Verlust. Ich habe gar keine Ruhe heute
und wollte noch zu ihm gehen, als Du kamst,' sagte
Justine.
Frank sah nach der Uhr.
, Ich habe auch daran gedacht. Es ist halb
sieben. Ich werde unten noch die Briefe unterschreiben
und einige Ordres geben; inzwischen mache Dich
fertig und hole mich ab. Es wäre ein Jammer
um den braven Menschen und um den Onkel,''
antwortete ihr Frank und begab sich wieder ins
Komptoir.
Als es sieben Ühr vom Domthurme schlug,
traten sie in des Onkels Stube. Er saß in der
Sophaecke auf dem Platze, den sonst die Tante inte
gehabt. Die Lichter, die auf dem Tische standen,
brannten ungeputzt mit langen Schnuppen, die Pfeife
lag daneben.

--- LZ -
Der Onkel, sonst peinlich in seinen Gewohn-
heiten, hatte sie ausgehen lassen und nicht fortgestellt.
Den müden Kopf auf den linken Arm gestützt, saß
er einsam und in sich versunken da; und wie in
einem Zauberspiegel sah Justine ihn und die Tante
sitzen an derselben Stelle, und sich vor ihnen stehen
wie vor sechs Jahren in der Stunde, in welcher der
Onkel sie hatte rufen lassen, sie von Darners Werbung
für Frank, und von seiner Entgegnng auf dieselbe
zu unterrichten. Wie anders war es damals gewesen!
wie gebrochen saß der Onkel vor ihr.
,, Wie geht es? fragten die beiden Theilnehmen-
den bei ihrem Eintritt.
Kollmann schüttelte das Haupt und zuckte mit
den Schultern.
,,Er ist im Fieber,' sagte er,,er erkennt
Niemand, hört nicht, und phantasirt in einem fort
von dem unglücklichen Weihnachtsabend mit Flora
Lindheim. Nach Flora rufend, die Hände nach ihr
ausstreckend .. ?
Er brach mitten in dem Berichte ab.
,, Und war der Doktor am Abend wieder hier?
,,Vor zwei Stunden. Er wollte um Mitternacht
noch einmal kommen.?
, Giebt er Hoffnung, daß John die Krisis gut
übersteht?? fragte Frank, und Justine fiel mit der
Frage ein, wie die Göttling denn John an diesem
Abend finde.
,,Was kann die sagen?? erwiderte der Onkel.
,Sie hält sich musterhaft. Sie hofft, um mich zu
trösten; und Gott weiß es, es ist hart genug, erst -
die Frau, nun der einzige Sohn-- und welch ein
Sohn, welch ein guter, edler Sohn!'
,Noch lebt er ja, Onkel!rr ermuthigte Justine,
sich zu ihm setzend und seine Hand ergreifend, ,und

VV
-- ZHg -
wo Leben ist, ist Hoffnung. Hat doch Virginie unsern
Kassirer, Sie kennen ihn ja, dem beide Aerzte das
Leben abgesprochen, glücklich durchgebracht. Geben
Sie die Hoffnung noch nicht auf; er lebt ja noch.?
,Noch!'r wiederholte Kollmann. ,Und dazu die
Göttling, die sich einbildet, es wäre ihm zu helfen,
wenn er seinen Willen haben könnte, wenn die Sehn-
sucht, die Angst, von ihr scheiden zu müssen, von
ihm genommen, seine Nerven beruhigt würden. Der
Doktor hält das für eine Thorheit, beweist ihr, daß
er völlig ohne Bewußtsein ist =e-
, Um was handelt es sich denn dabei? erkundigte
sich Frank.
Kollmann machte eine verdrießlich abwehrende
Bewegung, aber Frank sowohl als Justine waren
der Meinung, daß er eine Unentschlossenheit dahinter
verberge, daß er mit Widerstreben zurückhalte, was
er aussprechen und doch nicht ausgesprochen haben
wollte. Als sie deshalb noch einmal in ihn drangen,
sagte er:
,DDie Göttling meint, wenn Flora an sein Lager
käme, wenn er sie nur sehen, ihre Hand berühren
könnte, würde er zum Bewußtsein und aus der
furchtbaren Aufregung herauskommen.?
,,So muß man das versuchen,? rief Frank.
,, Flora liebt ihn, und ein Menschenleben zu retten,
den Wunsch eines solchen Kranken--r
Kollmann fiel ihm in das Wort.
,,Als am sechzehnten Juni achtzehnhundertund-
sieben der Doktor in Ihres Vaters Haus kam, Justine
zu ihrer Tante zu holen, versagte er ihr diesen Trost;
und die Tante hatte keine ansteckende Krankheit wie
mein Sohn. Fordern und erwarten Sie von Fremden
nicht, was Sie nicht geleistet haben.'
Die schmerzliche Bitterkeit, mit welcher er diese

-- A5J -- -
Worte sprach, machte Justine erbleichen; aber Frank,
so sehr sie auch ihn betroffen hatten, überwand sich
schnell, und mit der Sicherheit seines Vaters sagte er:
,Mein Vater trat ein für das Leben des Kindes,
das wir erwarteten, für meines Sohnes Leben. Ich
will versuchen, für das Leben Ihres Sohnes einzu-
treten. Komm, Juustine, laß uns Beide gehen! Sie
haben auch dort Kranke im Hause, laß uns ver-
suchen, ob sie es zugestehen. Mehr als es weigern,
können sie ja nicht. ?
, Wenn sie es thäten, wenn John mir erhalten
würde!' rief der Okel mit thränenerstickter Stimme.
Justine umarmte und küßte ihn, dann eilten die
Beiden davon.
Seine Frau am Arm, mit starker Hand den
Schirm über ihr haltend, den der Wind ihm zu
entreißen drohte, gingen sie raschen Schrittes vorwärts.
,. Laß mich mit Madame Lindheim sprechen,''
schlug Justine vor. ,Sie ist gut und die Heirath
Flora's mit John liegt ihr sehr am Herzen.?
,,Daran dachte ich eben,'' entgegnete Frank,
,, und darum werde ich Dich nach Hause bringen und
allein zu Lindheim gehen, mit ihm allein zu reden.
Es ist keine Kleinigkeit, um die es sich hier handelt;
und über einen so ernsten Schritt, der schwere Folgen
haben kann, darf nicht unter der Einwirkung einer
augenblicklichen Rührung und auf trügerische Hoff-
nungen hin entschieden werden.?
Justine meinte, Lindheim werde das Ansuchen
gewiß nicht gestatten.
, Es ist das wahrscheinlich, und eben deshalb
bleibe Du davon!'' sagte Frank, sie hinaufgeleitend
bis unter ihres Hauses Schutz. Dann begab er sich
zu Lindheim und ließ ihn um eine kurze Unterredung
in einer persönlichen Angelegenheit ersuchen. Daß

, -
-=- B5-
diese dringlich, sein müsse, verrieth die ungewohnte
Stunde des Besuches; und wenig Minuten darnach
saßen die beiden Männer allein einander in dem
Zimmer gegenüber, in welchem Darner und die
Seinen zum ersten Male von der Fürstin empfangen
worden waren.
Lindheim hieß den Gastwillkommen und sagte dann:
, Ich wage kaum die Frage, was Sie mir Gutes
bringen, denn die Zeit bringt dessen so wenig, daß
man sich dessen nicht zu gewärtigen hat. ?
,E ist auch nichts Erfreuliches, das mich heute
zu Ihnen führt, Herr Lindheim! Der Vetter meiner
Frau, John Kollmann-e-
,. Ist gestorben?? fiel ihm Lindheim mit unver-
kennbarer Theilnahme in das Wort.
,MNein, er lebt, aber er liegt am Nervenfieber,
wie Sie wissen, schwer darnieder. Es ist der einund-
zwanzigste Tag. Der Doktor ist besorgt, denn er ist
noch im vollsten Fieber, und alle seine Phantasien
rufen angstvoll nach Ihrer Tochter. Der Doktor
selber verspricht sich von dem Versuche nichts; aber
der Vater und Madame Göttling leben des Glaubens,
daß man den Kranken beruhigen, daß man ihn vielleicht
retten könnte, wenn er Mademoiselle Flora auch nur
für einen Augenblick zu sehen bekäme.?
, Unmöglich, in jedem Sinne unmöglich! sagte
Lindheim.
, Ich hatte mich freiwillig erboten, Ihnen die
Bitte vorzutragen, die Johns Vater nicht an Sie zu
richten wagte, und hatte Ihre in jedem Sinne be-
rechtigte Weigerung vorausgesehen. Sie haben die.
Ansteckung für Ihre Tochter zu befürchten, haben
Rücksicht auf deren Gemüthserschütterung zu nehmen
und auch auf das Urtheil, das unbefugte Dritte über
Mademoiselle Lindheims Besuch bei dem Kranken

- B? --
fällen würden. Das alles habe ich mir gesagt, als
ich den Vorschlag machte, mich an Sie wenden zu
gehen. Indeß, ich stand einem großen Kummer gegen-
über und ich wußte, wie sehr John Kollmann Ihre
Tochter liebt und daß sie diese Liebe erwidert. Ver-
zeihen Sie das gewagte Verlangen, ich habe es mit
Ueberlegung gegen Sie allein ausgesprochen. Sie
sind durchaus in Ihrem Rechte. Mein Vater hat in
einem ähnlichen, weit weniger bedenklichen Falle wie
Sie gehandelt. Meine Anfrage bleibt, denke ich, ge-
heim zwischen uns; und im Nebrigen bleibt es beim
guten Alten wie bisher. ?
Er stand auf, Lindheim ebenso.
, Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, Herr
Darner,'' sprach er,,ich müßte Ihnen eigentlich
danken, daß Sie mir zutrauen, mein Mitgefüthl für
einen andern Vater könnte mich meiner eigenen Vater-
pflicht vergessen machen. Sie haben die Bedenken,
die ich hegen muß, richtig bezeichnet; nur die besondere
Lage, in welcher ich mich den Kollmanns und Ihnen
Allen gegenüber befinde, haben Sie dabei außer Acht
gelassen.?
, Und das wäre??
, Sie haben nicht bedacht,'' sagte Lindheim mit
großem Gewicht, ,daß ich den Leuten, und vor allem
Ihrem Onkel, nicht Raum zu der Meinung geben
darf, ich hätte den Ruf und das Leben meiner Tochter
daran gesetzt, seine Einwilligung in die ihm wider-
strebende Heirath seines Sohnes mit einer Jüdin zu
erlangen und meiner Tochter zu der Ehe mit einem
Christen zu verhelfen. Das soll nicht sein.'
, Herr Lindheim,'' fuhr Frank auf, ,das sinnlose
Urtheil der Leute darf Sie nicht bestimmen.?
, Wer, wie ich, einem Volke angehört, das seit
Jahrtausenden unter weit sinnloseren Vorurtheilen zu
Lewald. Die Familie Darner. 1l.

- B8--
leiden gehabt hat, lernt allerdings das Urtheil der
Leute gering schätzen nach Gebühr und sich selber
schätzen nach seinem Gewissen; aber er fordert das
Urtheil der Leute nicht unnöthig heraus. Wäre der
Kranke eines armen Mannes Sohn aus unserem
Volke, handelte es sich einfach darum, einem Vater
seinen einzigen Sohn, einem braven Menschen vielleicht
das Leben zu erretten, und Flora liebte ihn und wollte
gehen-- ich würde sagen: Gehe, und Gott behüte
Dich! Denn wo ist man vor Ansteckung sicher jetzt
bei uns; aber-'
,Nun denn,r' rief Frank, ,so schäten Sie sich
und das Urtheil der Leute, wie beides sich gebührt;
lassen Sie John, dessen Herz Ihrer Tochter gehört,
den Flora liebt, nicht entgelten, was nicht er gegen
Ihr Volk gesündigt hat. Er ist ohne Vorurtheil.
Achten Sie das fremde Urtheil so wenig als er. Er
hat Sie gesucht, wünscht sich Ihnen auf das engste,
als Sohn, zu verbinden. Sie haben ihn schätzen
lernen, seine Bewerbung zugelassen, er und Flora
lieben einander; das werden Sie wissen, besser noch
als wir. Fragen Sie sich, ob Flora es je vergessen
könnte, daß man ihr verschwiegen, wie ihr Geliebter
nach ihr verlangt, daß man sie gehindert, ihm die
Hand zu reichen, seis zur Rettung, seis zum Ab-
schied. Meine Frau hat sich dereinst auch mit mir
verbunden, gegen die Absicht ihrer Familie und gegen
die Meinung der Leute. Es ist ein großes Opfer,
ein großes Wagniß, das von Ihnen gefordert wird;
aber Ihre Tochter ist eine entschlossene Natur, und
wie es für sie eine große Gefahr gilt, gilt es für sie,
auch ein großes Gllck?
Die Mahnung an Flora's Empfinden verfehlte
ihren Eindruck auf den Vater nicht.
,,Kommen Sie!' sagte er, und durch das dunkle

-- ZH9 --
Nebenzimmer Frank voranschreitend nach der Wohn-
stube, aus der er fortgerufen worden war, öffnete er
die Thür derselben mit den Worten: ,Ich bringe
Herrn Frank Darner zu Euch, denn sein Besuch gilt
Dir, Flora.
,Mir? fragte diese, während Frank Madame
Lindheim und sie begrüßte; und mit der nicht irren-
den Ahnung des Herzens rief sie:,So kommen Sie
von John?
Der Vater sagte ihr kurzweg, um was es sich
handle, ohne ihr seine Bedenken zu verhehlen, aber
Flora hörte nichts als die Gefahr und das Verlangen
des Geliebten; und ohne abzuwarten, daß ihr Vater
seine Einwilligung zu dem Gange aussprach, rief sie:
, Einen Augenblick nur, ich hole nur den Mantel!'?
Und damit war sie zur Thür hinaus.
Die Mutter, höchlich überrascht und aufgeregt,
wollte sie begleiten; aber während sie überlegte, ob
es besser sei, daß der Vater oder daß sie mit der
Tochter ginge, stand Flora schon, in den Pelzmantel
gehüllt, die Sammetkappe auf dem Kopfe, an Franks
Seite, und die dunklen, blitzenden Augen in Angst
zu ihm erhoben, drängte sie:
,, Kommen Sie, kommen Sie; keinen Augenblick
dürfen wir zögern! Wir gehen ja viel schneller als
Papa und Mama, und wenn ich zu spät käme--
Gott, so kommen Sie doch!'?
Und von ihrer Angst, von der Berechtigung ihres
Verlangens bestimmt, küßten beide Eltern sie und
überließen sie der Begleitung Franks.
, Sie lassen sie nicht lange in dem Zimmer,''
sagte die Muttter, ,und--?
, Fort, nur fort!' rief Flora und eilte hinaus.
, Gott behüte Dich!'' hörte sie die Mutter ihr
nachrufen und an Franks Arm eilte sie jetzt, wie
z

==- ZZß -
vordem Justine, durch den Sturm, der ihr den nassen
Schnee gegen die glühenden Wangen peitschte und
den Schirm zerbrach unter seinem Toben.
Athemlos, das feine, kluge Gesicht vom Winde
F geröthet, naß vom Schnee, so sah Kollmann sie vor
l sich stehen, als er die Stimme Franks, den Schritt
der Kommenden auf der Treppe vernehmend, aus
der Stube in die Hausflur hinaustrat.
,Sie kommen?? rief Kollmann ihr entgegen und
streckte beide Hände nach ihr aus.
Aber sie ergriff sie nicht, sie sah ihn kaum. Mit
rascher Hand warf sie die Kappe vom Kopfe, den
Mantel von den Schultern und sich das Gesicht
trocknend, die Hände warm reibend, fragte sie nur:
,Wo liegt er? Wohin muß ich gehen?
, Gutes, gutes Mädchen!' sagte Kollmann, ,ich
will Sie führen,' und sie mit sich nehmend, stieg er
die zweite Treppe hinauf und klopfte mit leisem
Finger an die Thür der Krankenstube.
Madame Göttling öffnete ebenso leise:
,Da ist sie,' sagte Kollmann.
,Das lohn' ihr Gott! Das lohne Ihnen Gott
mit seiner Erhaltung!' rief ihr die Göttling zu, und
zog sie in die Stube. Der Vater folgte ihnen.
Ein strenger Geruch von Essig und Nelken, mit
denen man die Krankenzimmer räucherte, strömte
Flora entgegen. Das Licht brannte hinter einem
grünen Schirme, ein großer Bettschirm verbarg das
Bett des Kranken. Flora wollte sich ihm nahen, die
Göttling hielt sie zurück.
,,Einen Augenblick,? bat sie, nahm das Licht in
die Hand und blieb hinter dem Bettschirm neben
Flora stehen. Wirre Worte drangen von Johns
Lippen mit mattem, schleppendem Tone an ihr Ohr.
,Wie sie todt sind-dieKrankenfort, pfui,fort!'r

=- LßZ-
, Lassen Sie mich um Gottes willen ! flehte Flora.
, Einen Augenblick,' wiederholte die Göttling.
,, So spricht er immer fort, immer fort seit gestern
um die Zeit, und dann ruft er Sie dazwischen.
Warten Sie, er ruft gewiß bald wieder-- und-
,, Ich mag nicht,'' tönte es wieder hinter dem
Schirm hervor, ,der Schnee knistert-- nicht essen!
-- Aber wo bleibt sie? - Der Baum brennt!
Komm! Die Kinder!-- Komm!-- Kinder!--
Komm, jubeln alle!-- Komm, Flora, komm, so
kommn doch!'
Flora wollte zu ihm stürzen, die klug besorgte
Pslegerin hielt sie fest.
, Sie dürfen ihn nicht erschrecken,' sprach sie,
aber sie trat mit ihr hinter dem Schirm hervor und
das Licht über Flora haltend, daß sie voll beleuchtet
war, blieb sie mit ihr an dem Fußende des Kranken-
bettes stehen.
Von dem ungewohnten hellen Licht betroffen,
richtete John sich jäh empor.
, Halten Sie das Licht! regen Sie sich nicht!r'
gebot die Göttling und umfaßte John, ihn an dem
Aufspringen zu hindern, das er schon mehrmals ver-
sucht. Er wehrte sich nicht, aber er hob die brennen-
den Augenlider empor und starrte Flora an.
, Engel, Weihnachtsengel!-- Du!-- Du!
stieß er hervor und sank, die Augen wieder schließend,
in die Kissen zurück.
Flora regte sich nicht, aber die heißen Thränen
rollten ihr über das Gesicht.
,, Du-- ach Du-- ach!'? klang es matt und
matter von Johns Lippen.,äand, Deine, Deine!''
hauchte er noch einmal.
Die Göttling gab der Bebenden ein Zeichen.
Sie setzte das Licht auf den Boden, trat still heran,

==- L!--
und niederknieend neben ihm, legte sie ihre Hand in
die des Erschöpften. Er hielt sie fest einen kurzen
Augenblick, dann ließ er sie los.-- Ehe die Göttling
es verhindern konnte, hatte Flora einen Kuß auf
seine Stirn gedrückt. Die Göttling zog sie fort und
führte sie, trotz Flora's Bitte, sie noch weilen zu lassen,
hinweg und aus dem Zimmer.
,,Sie sind ein tapferes Herz!'' sprach sie; ,nun
lassen Sie uns beten, daß Gott ihn uns und Ihnen
erhalte, Ihren Liebesmuth zu lohnen.'
,,Er wäre kein gerechter und kein gütiger Gott,
wenn er's nicht thäte,' antwortete ihr Flora.
Als sie die Thüre der Krankenstube öffnen hörten,
kamen Kollmann und Frank herbei aus dem Neben-
zimmer, in welchem sie gewartet hatten. Flora gab
in den einfachsten Worten Bescheid, Kollmann horchte
an des Sohnes Thüre.
,Alles still, gottlob! Wenn er Schlaf fände,
wäre Hoffnuung, wäre er halb schon gerettet, hat der
Doktor gesagt. Und Ihnen, Ihnen, mein Kind,
hätte ich ihn zu danken!'' sagte er und nöthigte Flora
zum Eintreten in das offenstehende Zimmer.
,Das ist gegen meine Ordre,' sagte Frank, dem
Lindheims Verhalten neue Achtung vor ihm eingeflößt.
,,Ich habe Mademoiselle Flora an das Krankenbett
und von diesem nach Hause zu geleiten, und je weniger
sie hier verweilt, um so besser. Kommen Sie, meine
Freundin!?
Aber Kollmann ließ es sich nicht nehmen, er
umarmte und küßte Flora.
, Wie es auch werden mag, wie Gott es über
uns verhängt,'' sprach er, ,ich werde es Ihnen und
den Ihren nicht vergessen, was Sie heute für uns
gethan. Morgen bringe ich selbst Ihnen den Bericht,
wie die Nacht vergangen ist und was der Doktor ge-

b=- LZZ -
sagt hat. Gott sei mit Ihnen, mein Kind, Gott er-
halte Sie, Flora; ich hoffe, es soll Ihnen nicht geschadet
haben. Morgen bring' ich Ihnen Nachricht. ?
,, Kommen Sie,? heischte Frank, ,und einen
Schirm, Herr Onkel; denn es regnet, regnet noch in
Strömen und der meine ist zerbrochen.'?
Schneller als seit langen Jahren eilte Kollmann
ihnen voran die Treppen hinunter, einen der Schirme
zuu nehmen, die in dem Ständer unweit der Hausthür
standen. Er selber öffnete ihnen die Thüre, er selber
spannte den Schirm für sie auf und sah ihnen nach,
wie sie unter dem wild flackernden Lichte der Laternen,
die an der hohen Treppe brannten, hinunterstiegen
und durch den kleinen Vorgarten auf den Domplatz
hinaustraten. Er achtete es nicht, daß der Wind sein
dünnes graues Haar durchwehte, und mit den Worten:
, Schönes, braves Kind ! schloß er die Hausthüre zu
und gebot dem Hausknecht, gut aufzupassen, damit
der Doktor nicht zu warten brauche, wenn er zu dem
versprochenen Besuche wiederkehre.
ggggggggggggg
Vierundzwanzigstes Kapitell
John war eingeschlafen, nachdem er die Geliebte
gesehen, die Nacht war gut vergangen, das Fieber
hatte nachgelassen. Gegen den Morgen hin hatte ein
starker Schweiß sich eingestellt. Der Doktor fand den
Zustand auf das günstigste verändert und hoffte auf
eine fortschreitende Genesung.
, Indeß,' sagte er, ,sprechen wir vor Dritten
von dem Heilverfahren nicht, liebe Madame Göttling,
das Sie auf Ihre eigene Hand eingeschlagen haben.

Kapitel 24

-- Zßg-
Es könnte Nachahmungen hervorrufen, die nicht so
gut verlaufen. Je weniger davon geredet wird, um
so besser; und man wird doch auch abzuwarten haben,
ob dieser Akt christlicher Nächstenliebe für die schöne
Samariterin keine üblen Folgen hat. Besser jedoch
als seinerzeit Lorenz Darner hat Jakob Lindheim sich
in jedem Fall betragen, und dafür sollen seine Erz-
väter ihn segnen, von Abraham bis Jakob, bis ins
hundertste Glied.'?
Zum ersten Mal mißfiel Kollmann, der bei dieser
Besprechung mit dem Doktor zugegen war, der Anflug
von Spott, mit dem derselbe seine Rede schloß. Er
lobte Lindheim, sprach mit unverhohlenem Gefallen
von Flora und pries vor Allem Frank, der, soweit
möglich, gut zu machen getrachtet an dem kranken
Sohne, was der Vater gegen Johns Mutter vardem
gesündigt. Das freudig hoffende Vaterherz war zur
Milde und zur Gerechtigkeit gestimmt für Jeden, und
der Doktor verließ ihn mit den Worten: ,Was das
Ende vom Liede sein wird? Nun, das ist keine Frage
mehr. Aber den Winter müssen wir John ruhen
lassen. Zu Ostern kann es losgehen mit der Hochzeit;
und ich denke, ich bin auch noch zur Taufe bei Johne
Kindern wie bei seiner eigenen. Halten Sie ihn jetzt
nr ruhig, liebe Göttling! - und frische Luft und
Wein!
Wie er darnach unten in seinen Wagen einstieg,
murmelte er die Worte: ,Sonderbar, sehr sonderbarl'?
vor sich hin. ,Justine eines Hörigen Sohn, John
eines Juden Tochter! Sonderbare Heirathen in diesem
z Hause!''-- Und er dachte, wie die Leute sich darüber
- wundern würden, wenn John nach überstandener
Krankheit eine Jüdin heirathete, ein Kollmann, Will-
bergs Enkel, eine Lindheim! Sie hatten ja Alle -
Lindheims Vater noch gekannt in seiner Trödelbude

- LßH--
an der Fischbrücke in der Ecke.- Und jetzt nannte
die Fürstin Hedwig die Lindheims ihre lieben Lind-
heims, und ein Kollmann wollte eine von ihnen hei-
rathen. Sonderbar!
Während dessen nahm Kollmann sein Frühstück
zeitiger als gewöhnlich ein. Er wollte, ehe er an die
Börse ging, Flora den Bericht abstatten, den er ihr
zugesagt; er wollte - nun, er wollte sehen, wollte den
Eltern danken für das Vertrauen, das sie in John
und auch in ihn gesetzt.
Wie er die Weste von hellgelbem Kaschmir und
den braunen Gehrock angezogen, trat er noch einmal
an den Spiegel, bürstete das Haar an den Schläfen
noch sorgfältiger als sonst glatt und nach vorn, zupfte
den Halskragen hochh empor und steckte eine Nadel in
das Jabot. Er hatte es die Tage her vergessen.
Dann ging er noch einmal in das Komptoir, ließ sich
die Notizen für die heutige Börse geben, der Lehrling
hatte ihm den langen, schwarzen Tuchrock mit dem
kurzen Kragen anzuziehen, gab ihm den Hut, die
Handschuhe und sah sich nach einem Stock um.
,,Den mit dem goldenen Knopf, sagte Kollmann
und ging, als der Bursche ihn ihm gereicht, hinauus.
, So früh zur Börse, Herr Stadtrath?' fragte
ihn sein Makler, der an ihm vorüberging.
, Ich habe noch einen Besuch zu machen, ent-
gegnete ihm Kollmann.
Sie waren dicht an der Ecke der Langgasse und
trennten sich an derselben, aber der Makler sah sich
noch einmal nach dem Stadtrath um.
, Kollmann zu Lindheim, was bedeutet das?
sagte er zu sich selbst.
Wie Kollmann sich im Lindheim'schen Hause bei
der Hausfrau melden ließ, fiel ihm das Sprichwort
ein: ,Man soll nie sagen, von dem Wasser werde

-- Lß--
ich nicht trinken.?--,Soll ich vielleicht den Frei-
werber für Dich machen gehen?' hatte er dem Sohne
höhnisch zugerufen, als dieser ihm seinen Entschluß
mitgetheilt, Flora Lindheim zu heirathen.,Jakob
Lindheims Tochter paßt nicht in mein Haus !' hatte
er ihm streng erklärt, und gestern hatte er Jakob
Lindheims Tochter dafür gedankt und gesegnet, daß
sie in sein Haus gekommen war; und er war auf
dem Wege, um sie für John zu werben; und er dachte
deshalb nicht geringer von sich.
Flora kam auf seine Anmeldung bis in das
Vorzimmer heraus.
,Wie geht es Ihrem Sohn? rief sie ihm ent-
gegen, und es gefiel ihm, daß sie den Kranken als
seinen Sohn bezeichnete, ihn nicht bei seinem Namen
nannte, den Anstrich der Vertraulichkeit vermeidend.
Er gab ihr den ersehnten günstigen Bescheid.
Darüber waren sie bei Madame Lindheim eingetreten,
der Vater herbeigerufen worden; und gegen seine
sonstige Mäßigkeit im Ausdruck sprach Kollmann den
Eltern und dem Mädchen mit voller Herzenswärme
den Dank aus, der er ihnen für das gebrachte Opfer
schuldete. Madame Lindheim wollte in ihrer Güte
und Zuvorkommenheit ihm den Dank erleichtern, denn
die Sorge und Erschütterung des Vaters, des ernsten,
angesehenen Mannes, rührten sie. Lindheim ließ sie
aber nicht zu Worte kommen.
,Ja,' sagte er,,es war ein Entschluß, Herr
Stadtrath! und er ist uns schwer geworden. Gott
gebe, daß er Ihrem Sohn genützt und unserer Tochter
nicht geschadet hat, was abzuwarten sein wird. Die
nöthigen Vorsichtsmaßregeln haben wir gleich nach
ihrer Heimkehr gebraucht; und schließlich stehen wir
alle in Gottes Hand. Sie würden ja das Gleiche
auch für uns in gleichem Fall gethan haben, denke ich.?

=- I? -
, Nein,'' entgegnete ihm Kollmann,,nein, ich hätt'
es nicht gethan!''
,Herr Stadtrath!'r rief die Mutter, von der Auf-
richtigkeit erschreckt.
, Nein,' wiederholte er, ,der Wahrheit die Ehre,
ich hätt' es nicht gethan. Ich bin nicht gewohnt,
mich besser zu stellen, als ich bin; aber um so höher
schätze ich, was Sie gethan, und es soll. Ihnen in
meinem Herzen nicht vergessen werden, meine liebe
-- Mademoiselle Flora.
Er hatte sie seine liebe Tochter nennen wollen
und das Wort mit rascher Neberlegung unterdrückt,
als es sich aus seinem Herzen ihm auf die Lippen
gedrängt. Erhielt Gott ihm den Sohn, nuun, so mochte
John die Freude haben, von ihm die Einwilliguung
zu seiner Ehe selber zu vernehmen, die Glückskunde
selber in dies Haus zu seiner Braut zu tragen; hatte
aber der Himmel es anders beschlossen über John
-- so hatte er den Lindheims und dem Mädchen ge-
dankt, wie sie's um ihn verdient, und hatte nichts
gesagt und gethan, das ihn für die Zukunft an sie band.
Ob die anderen seine Zurückhaltung bemerkt, wie
sie darüber dachten, das focht ihn weiter nicht an.
Es wurde von dem Kranken, von der Krankheit im
Allgemeinen gesprochen, und die Börsenstunde mahnte
zum Aufbruch.
,Darf ich wieder einmal nach Ihrem Kranken
sehen kommen?? fragte Flora, als Kollmann nach
seinem Hut und Stock griff.
,Was fällt Dir ein? rief der Vater im Tone
des Vorwurfs.,Davon ist keine Rede.?
,Nein,' sagte auch Kollmann; ,Ihr Herr Vater
hat ganz recht; Sie haben mehr für uns gethan, als
ich zu fordern gewagt hätte. Sie schulden sich Ihren
Eltern und der Zukunft. Zudem hat der Arzt völlige

-- IZ-
Ruhe für den Kranken verlangt. Aber ich werde
Ihnen Kunde geben von seinem Befinden, und er
soll von mir so bald als möglich hören, was Sie für
ihn und mich gethan; denn bis jetzt wissen wir ja
nicht, ob er Sie selbst gesehen, ob er geträuumt zu
haben glauben wird. Er schläft oder liegt in Mattig-
keit; und darauf beruht das Hoffen.'?
Sie schieden zufrieden miteinander. Es war
Lindheim recht, daß Kollmann der Werbung seines
Sohnes bei diesem Besuche nicht erwähnt, daß er
nicht geglaubt hatte, das Opfer, das man ihm ge-
bracht, gleich baar bezahlen zu müssen; und Kollmann,
hatte sich des Tones gefreut, welcher in der Familie
herrschte, der John sich zu verbinden dachte.
Als aber die Männer hinausgegangen waren,
warf Flora sich der Mutter um den Hals und rief:
,, Mama, gewiß, John wird am Leben bleiben,
und ich werde gewiß nicht krank, ich bin zu glücklich!
Wenn Du gefühlt hättest, wie sein Vater mir die
Hand gedrückt! Ach, so viel Liebe und so viel Gluck
kann ja Gott gar nicht zu Grunde gehen lassen.'?
,,Liebes, liebes Kind,? sprach die Mutter mit
Freudenthränen. ,Meiner Eltern Segen erfüllt sich
mir an Dir. Gott hab' sie selig!'-
Jünfundzwanzigstes Kapitel.
Kollmann und Lindheim gingen zusammen zur
Börse. Sie waren mit flüchtiger Andeutung überein-
gekommen, daß von Flora's Besuch an Johns Kranken-
bett möglichst wenig geredet werden sollte; allein die
Darners kamen ihnen sofort entgegen. Der Vater

Kapitel 25

-- Zß9--
fragte nach John, der Sohn wollte wissen, was der
Versuch gewirkt, wie Flora die Aufregung überstanden
habe. Sie waren alle keine Schwätzer, weder Koll-
mann noch die Darners und auch Lindheim nicht;
das wußte man an der Börse.
Was hatten Sie denn grade heute so lange mitein-
ander zu verkehren? Hatten sie besondere Nachrichten
bekommen, Estafetten? So lange sprach man aber doch
von einer Estafette oder derlei nicht; und was hatte
Lindheim zu thun zwischen den drei anderen?- Von
Johns Werbung um Lindheims Tochter war lange
schon das Gerede gegangen. ,Wenn er nicht so schwer
darniederläge, könnte man denken, die Verlobung sei
zu Stande gekommen,'? meinte der Eine. -,Erfahren
würde man's ja bald, wenn etwas Wahres daran
wäre,'' sagte der Andere.
Was man aber an der Börse vermuthete, das
wußte man in den Häusern bereits mit Gewißheit.
Kollmanns Hausknecht hatte, als er am Morgen
das neue Rezept des Doktors nach der Apotheke ge-
tragen, dort im Beisein Anderer erzählt, was gestern
bei ihnen Abends geschehen war, und wie der Besuch
von der Mamsell Lindheim dem jungen Herrn mehr
geholfen als all die theuren Medizinen. Und die
Köchin von Lindheims hatte beim Gewürzkrämer zur
Haushälterin von Armfields gesagt, wenn der liebe
Gott nur geben wollte, daß sich ihre Mamsell. Florchen
gestern bei Stadtrath Kollmann nichts geholt. Sie
hätte freilich gleich, als sie nach Hause gekommen sei,
sich waschen und gurgeln müssen, und die Kleider
wären geräuchert und die Wäsche eingebrüht worden;
aber wissen könnte man's ja immer nicht, und sie
hätte sich des Todes gewundert, daß die Eltern die
Mamsell, und so ein gutes Mädchen, hätten zu dem
Kranken gehen lassen. Sie hätt's nicht gethan.

-- L7J-
Am Abend, als die Frauen vom Hilfsverein in
einem der Zimmer des altstädtischen Rathhauses zu-
sammenkamen, die Geschenke an neuer Wäsche und
altem Leinen wieder zu vertheilen, welche die Mild-
thätigkeit abermals für die Hospitäler und die Armen
eingeliefert, kam zwischen dem Schaffen und Rechnen
das Gespräch doch auch auf das romantische Abenteuer;
aber Madame Armfield war die Erste, die kurzweg
ein Ende machte, als man über die christliche Menschen-
liebe und über die Klugheit der Lindheims zu reden
anfing.
,Was kümmert's uns, was die Stadträthe und
die Bankiers mit ihren Kindern thun,? sagte sie,
,,wir haben hier Wichtigeres und Dringenderes unter
Händen!r
Und in Wahrheit, sie that es allen zuvor im
Arbeiten und im Einrichten, wo es galt.-- Mochte
sie im Müßiggang des ausreichend versorgten Alltags-
lebens viel gesündigt haben durch unnützes Gerede
und überflüssiges Thun; jett in den Tagen der Noth,
trat die gute Schulung der schwedischen Landpfarrers-
tochter werkthätig und entschlossen wieder in ihr hervor.
Man hatte aufgehört sie zu meiden und zu fürchten;
man lernte sie schätzen und sie suchen. Ihre Neugier
ward zur Umsicht, ihre Rastlosigkeit zum Segen; und
die Anerkennung, welche ihr die mit der Armenpflege
betrauten Beamten zollten, machte sie zum Anerkennen
des fremden Leistens willig. Wie ein guter Genius
huschte jett die graue Fama durch die Krankensäle in-
den städtischen Lazarethen umher und von den Seufzern
der Kranken trug sie keine Kunde in der Stadt herum;
aber mancher Gruß von erkaltender Lippe, manch
letzter Wunsch der Sterbenden ward von ihr über-
mittelt. an die Herzen, denen sie gegolten hatten. Die
furchtbaren Geschicke, welche das Land niedergeworfen,

- F71 ---
hatten in den Ostprovinzen, die seit sechs Jahren am
schwersten gelitten, den Einzelnen mehr und mehr über
sich hinausgehoben, und die Kraft entwickelt, wo eine
solche zu finden gewesen war.
Man verlangte förmlich darnach, etwas zu haben,
was man loben, bewundern konnte; man hatte es
nöthig, sich an das Gute zu halten, das von den
Einzelnen und von den Gemeinschaften geleistet wurde.
Man nahm jede Nachricht von dem musterhaften
Verhalten, von der Disziplin, mit welcher die preußi-
schen, dem französischen Heere einverleibten Truppen-
theile sich in den russischen Ostseeprovinzen führten,
von dem Muthe, mit dem sie kämpften, mit Freuden
auf; wenn schon man mit höchstem Widerstreben daran
dachte, mit wem und gegen wen sie kämpften. War
doch in diesen Truppen und in dem Generale, der
sie führte, noch der alte preußische Geist vorhanden,
und mit diesem die Hoffnung für das Vaterland,
welche man in der unmittelbaren Nähe des Königs,
gegenüber dessen noch immerfort schwankender Hal-
tung, aufgegeben zu haben schien.
Nur der Muth der Entschlossensten unter den
Gebildeten und in den höchsten Ständen, und der
tiefe Haß des Volkes gegen die Franzosen harrten
aus neben der Gleichgiltigkeit, mit welcher jene anderen,
die immer mit ihrer feinen französischen Bildung sich
etwas gewußt, sich in den Gedanken zu schicken be-
gannen, auch Preußen, wie die Rheinbundsfürsten,
zum Vasallen Napoleons herabsinken zu sehen; das
Preußen des großen Kurfürsten, das Preußen Friedrich
des Großen, der Frankreich, Rußland und Oesterreich,
er allein mit seinem Volke, stolz die Stirn geboten.
Und sein Volk war noch da! Sein Volk wartete
auf seines Königs Ruf in Noth, in Zorn, in Sehnsucht
und der König zauderte und schwieg! Das Volk be-

-=- A7A --
-
gann irre zu werden an ihm, es begann, das Los
der Königin zu segnen, der sie erspart worden war,
diese Zeit des Unheils und der Schmach.
Mitten in dies qualvolle Wogen der Gefühle,
in all die Noth waren sie hineingedrungen, die Nach-
richten von den Siegen Napoleons bei Smolensk, bei
Borodino, an der Moskwa; und bald darnach, kaum
anderthalb Wochen nach jener für John Kollmann
entscheidenden Nacht, als man sich in den drei Fa-
milien eben an der Aussicht auf seine Herstellung
zu erfreuen begann, war die Schreckenskunde nach
Königsberg gelangt, daß Napoleon auch in Rußland
nicht den erwarteten Widerstand gefunden, daß er
siegreich in Moskau eingezogen sei und bis zum
nächsten Frühjahr mit seinem ganzen Heere in dem
alten Sitz der Zaren seine Residenz aufschlage.
Ein dumpfes Schweigen war in der Bürger-
schaft die Antwort auf die Kunde. Zwischen Berlin
und Königsberg hatten die Franzosen die wichtigsten
Festungen in Händen. Zwischen dem König und
dem Volk in Preußen standen sie in Waffen, franzö-
sische Gouverneure herrschten in Königsberg, die
ost- und westpreußischen Truppen waren fern im
Norden. -
,Wer wird Herr unserer Provinzen werden,
werden wir russisch, werden wir französisch sein??
fragten sich die treuen, preußischen Herzen, und fühlten
sich doppelt als Deutsche, da die Süddeutschen und
Westdeutschen schon seit Jahren die Vasallen Napoleons .
geworden waren.
Sorgenwoll ging Darner umher, und oft geng
kehrten seine Gedanken zu den Planen zurück, mit
denen die Menschheit, je nach ihrem Standpunkt,
und so auch er auf dem seinen, sich getragen, dem
Fluch des Krieges vorzubeugen, den Eroberern ihr

-- A7Z--
Handwerk zu legen, der Welt die Segnung des
Friedens zu bereiten. Er hatte es gelernt, an ihnen
zu verzweifeln; aber er konnte jene Träume nicht
vergessen, und in seinen Sorgen wendete sein Sinn
sich zu ihnen zurück.
Man lebte am Tage den Tag, man that in
jeder Stunde die Arbeit, die sie forderte, jedes Herz
hatte neben der allgemeinen Sorge noch die beson-
deren seinen. Die Nachrichten von den Kämpfen, in
denen die Preußen unter Pork in Kurland gesiegt,
hatten dargethan, daß das Artillerieregiment, in
welchem der Major diente, in ihnen thätig gewesen
war; nur von ihm selber hatte man keine Nachricht,
und Virginie hatte sie so zuversichtlich erhofft.
Sie hatte sich endlich ein Herz gefaßt, hatte an
Eberhard geschrieben, ihn nach dem Major gefragt;
aber auch er hatte nichts von ihm erfahren, hatte
nur zu melden vermocht, daß zwischen Berlin und
den preußischen Kommandirenden ein lebhafter Esta-
fetten- und Kurierwechsel über die Grenze gehe, und
daß man hart an derselben nicht mehr wisse als in
Königsberg, daß Ausharren die Losung sei.
Und sie harrte und hoffte, harrte und hoffte wie
alle die Tausende mit ihr.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Da, an einem Morgen, ehe es noch völlig Tag
geworden war, tauchte plötzlich in Königsberg das
Gerücht von einer großen Schlacht, von einem neuen
großen Ereigniß, von einer Niederlage der Franzosen
in Rußland, auf. Niemand wußte, woher es ge-
R --

Kapitel 16


-=- g--
Die Nachtwächter in der oberen Stadt hatten in
der Nacht eine ungewohnte Unruhe vor der Wohnung
des Kommandirenden im Schlosse gesehen. Man hatte
Estafetten erhalten, Estafetten waren abgesendet
worden, die Ordonnanzoffiziere waren in beständiger
Bewegung gewesen. Mitten in der Nacht hatte man,
wie damals, als die königliche Familie von Königs-
berg nach Memel geflüchtet, Lichter anzünden sehen
in den Zimmern, welche die französische Intendantur
inne hatte; und zu all der Unruhe hatte der Mond
aus dem weiten doppelten Ring, der ihn umgeben,
hernieder geschienen, friedlich und still auf den Schnee,
der schwer und weiß die Dächer und die Straßen
deckte, denn der Winter war viel härter, als man -
es je erlebt. Es war sehr kalt.
Beim Deffnen der Hausthüre hatte Darners
Hausknecht von einem Arbeiter, der vorüberging,
den Ruf vernommen: ,Nun ist der Bonapart
kaput!'? Er hatte gefragt, was das heißen solle.
,,Geh und frag' selber!r hatte der Arbeiter in raschem
Vorwärtsgehen geantwortet; und der frühen Stunde
nicht achtend, hatte der Hausknecht den Diener, der
Diener seinen Herrn mit der Botschaft geweckt, und
Darner ließ sich das: ,GGeh und frag' selber!'r
gesagt sein.
In wenigen Augenblicken war er in den Kleidern.
, Ein Glas Cognac war rasch hinuntergegossen, denn
, eine Vorsicht vergaß er nie, auch nicht dem herrschen-
den Fieber gegenüber: und wie er sich an dem vor-
Tetzten Abend des Jahres 1806 graden Weges aus
dem Theater nach der Post begeben, so ging er jetzt
in dem dichten Schneegestöber, das mit dem Tages-
anbruch sich eingestellt, durch die dämmerigen Straßen
F,F ? ==-= ==«

-- L7H--
Reges Leben auf den Straßen, trotz der Früühe,
Zusammentreten der Menschen zum Fragen, zum
Berichten, Aufleuchten der Blicke unter dem Schimmer
des ungewissesten Hoffens; Wegwenden, Ausspucken,
wo man eines Franzosen ansichtig wurde, und all-
seitige eiligste Tagesarbeit in der Post.
Man war es gewohnt, Darner zu Stunden auf
dem Postamt zu sehen, in denen Andere nicht leicht
kamen und nicht zugelassen wurden. Dem Mitglied
des Magistrats öffnete sich die Thüre bereitwilliger
noch als sonst. Auf seine Frage, ob der Herr
Generalpostdirektor schon zu sprechen sei, der kurze
und eilige Bescheid, der Herr Generalpostdirektor sei-
nicht aus den Kleidern gekommen in der Nacht. Alle
Pferde seien mit Estafetten unterwegs.
Und nun die Meldung bei dem Postdirektor,
nun dieses Freundes freudestrahlendes Antliz, da -
Darner bei ihm eintrat, und von des treuen deutschen -
Mannes Lippen der Ausruf:
, Moskau steht in Flammen seit drei Tagen!
Die Russen haben es in Brand gesteckt!r-
,. Heil ihnen und der ersten Fackel, die den Brand
hineingeschleudert!'' rief Darner und die Männer
drückten einander freudevoll die Häände. ,Aber wo ist
Er? fragte Darner gleich darauf.
, In der brennenden Stadt, so viel man weiß.
Die Franzosen kommandirten heute hier bei uns noch
frecher als sonst; jedoch die Frechheit war eilig und
der Schrecken, der sie beherrschte, machte ihre Rede
kurz. Auch vom Oberpräsidenten sind aus Gum-
binnen Nachrichten an den Landhofmeister gekommen
per Estafette und noch andere, frühere, durch einen
Boten, der die letzte Nacht die Post benutt hat.?
Sein Dienst rief den Direktor ab, Darner selber
wollte auch nach Hause. Kurz vor seiner Wohnung
1z

=- I7s--
traf er auf den dicken Weinschröter, den Kospott,
der an dem Tag, da man die Schanzen gegen die
Franzosen aufgeworfen, sich unter den Leuten be-
funden, welche unter Franks Führung vor das Thor
hinausgezogen waren. Lebhaft redend und seine
Rede mit geballter Faust begleitend, hielt Kospott
ein paar Andere, die wie er zur Arbeit gingen,
neben sich fest. Er mußte ihnen offenbar die Tages-
neuigkeit mitgetheilt haben, denn Darner hörte von
ihm die Worte:
,Haben wir den Satan nur erst hier, dann soll.
der Halunk' schon merken, was Schröten heißt!r
,,Da sind gleich ein Paar!'' meinte einer der bei
ihm Stehenden, und Alle sahen sich nach zwei fran-
zösischen Jägern um, welche, nur mit dem Seiten-
gewehr bewaffnet, aus der Quergasse hervorkanen.
,Nichts da!' rief Darner dazwischen, und da
die Leute ihn kannten, gaben sie Gehör.
,Aber der Herr Stadtrath wissen es doch schon!r
fragte der Kospott.
,Freilich, und darum gilt's, ruhig bleiben und
seine Kräfte zusammenhalten, bis es so weit sein wird.
Noch sind sie die Herren! Treibt Ihr Unfug, so
lassen sie Euch erschießen oder hängen, und der König hat
fünf treue Unterthanen und Soldaten weniger. Sag'
Er heute das den Anderen auch! Sie sollen heut
nicht trinken und ihr Maul im Zaume halten.r
,Aber, Herr Stadtrath!- Herr Stadtrath,
wenn's losgeht und wenn der Herr Konsul mitgeht,
dann gehen wir Alle mit! Je eher, je lieber!
,Das soll ein Wort sein, Kospott!rr bekräftigte
Darner; ,und ich sage wie Er: ,Je eher, je lieber!?
Aber heute Ruhe!r
Sie grüßten ihn Alle und gingen von einander.
Unten in seinem Hause, wie er die Thüre öffnete,

-- F7? --
sah er in dem Hausflur an einem Tisch, den man
für ihn aufgestellt, einen Mann in lithauischer Tracht
sitzen; die Visirmütze von blauem, rothgefüttertem
Tuch lag neben ihm auf der Erde. Brot, Fleisch
und dampfendes Warmbier waren für ihn aufgetischt.
Die Dienstboten, so weit sie von der Arbeit für ein
paar Augenblicke abkommen konnten, machten sich mit
ihm zu thun. Der Hausknecht von Kollmann, der
den täglichen Bericht von seinem jungen Herrn ge-
bracht, war mit dabei; und die Makler, die sich auch
früher als sonst an das Geschäft begeben, blieben
unter den Leuten stehen, denn Jeder wollte etwas
hören, gleichviel was: nur hören, erfahren, wissen!
Als Darner herankam, erhob sich der Lithauer
in militärischer Straffheit. Darner erkannte ihn
sofort.
,Ist Er's? fragte er.
,Zu Befehl, Herr Stadtrath; ich bin vor einer
Stunde angekommen.?
, Ich weiß das -- davon nachher!'' sagte Darner,
schickte die Dienstleute fort, entfernte die beiden Makler
und hieß den langen Karl sein Frühstück essen.
Frank, der Darners Stimme vernommen, kam
heraus, den Vater ersuchend, ihm in das Privat-
kabinet hinter dem Komptoir zu folgen.
,, Lesen Sie, was eben für mich angekommen,
Vater!' bat er und hielt einen Streifen Papier in
der Hand, auf welchem mit einer unverkennbar ent-
stellten Handschrift französisch die Worte geschrieben
waren: ,Man denkt an Ihre Verhaftung, wahren
Sie sich t?
, Woher ist das gekommen?? fragte der Vater,
die Adresse: ,An Frank Darner'' sorgsam prüfend.
, Als es noch dämmerig war, gleich nachdem Sie
ausgegangen, hgt die Köchin die Klingel an der

- 7F--
Hausthüre gehen, die Thüre öffnen hören, und da
Niemand eingetreten, hat sie nachgesehen und das
Blatt im Windfang liegen gefunden.?
Darner besah das Blatt noch einmal.
, Unwahrscheinlich ist die Sache nicht; sie hätten's
schon früher thun können, und sie sind der Nieder-
lagen nicht gewohnt. Es wird sich zeigen!''
,,Es hat sich schon gezeigt, daß das Konsulat
ihnen heute in die Augen sticht!'' bemerkte Frank.
,Gleich nachdem ich das Blatt erhalten, haben vor-
überkommende Trainsoldaten mit Steinen nach dem
Wappen, und auch ein paar Steine oben in die
Fenster geworfen.r
, Ich habe nichts davon gesehen!'' sagte der Vater.
Frank entgegnete, er habe die Scherben gleich
fortkehren lassen vom Wolm, und habe Justine und
die Kinder zu ihm geschickt für den Fall, daß - die
Sache sich wiederholen sollte.
Darner überlegte einen Augenblick.
,Hast Du Papiere, die nicht in ihre Hände
fallen dürften??
,Ich habe diese bereits fortgebracht zu Lindheim,
bei dem man sie nicht suchen wird, und er hat sie
bereitwillig empfangen.?
,So ist das Nöthige gethan, das Mögliche ab-
zuwarten,' sagte der Vater; ,aber ich glaube nicht,
daß sie etwas unternehmen werden. Sie kennen eben
die Erbitterung zu gut, die gegen sie herrscht, und
haben Spanien noch nicht vergessen. Wenn vom
Pöbel nichts geschieht, werden sie Ruhe halten.?
, Dazu,'' bemerkte Frank, ,bin ich zwar russischer
Generalkonsul, aber zunächst preußischer Unterthan.?
,Darauf rechne ich auch! Indeß: gewarnter
Mann ist halb gerettet! Ich werde heut allein zur
Börse gehen, bleib' Du auf alle Fälle hier !?

-- A79 --
, Ich komme einen Augenblick mit hinauf zu
Ihnen!'' sagte Frank, da der Vater Anstalt machte,
sich ii seine Wohnung und zu seinem Frühstück zu
begeben.
,, Was hat' denn der Bote von Stromberg ge-
bracht?? fragte er, als sie den langen Gang nach
dem Hinterhause durchmaßen.
,. Briefe für den Landhofmeister, einen Brief
seines Herrn an uns, und einen von dem Major für
Virginie.
Als sie bei den Worten in des Vaters Wohn-
zimmer gelangt waren, kam Virginie ihnen aus der
Nebenstube, ihren Brief in der Hand, rasch entgegen;
aber in demselben Augenblick erscholl von dorther
Justinens Stimme:
, Lorenz, Lorenz! Fort, fort! Was machst
Du da?
Sie blickten hinein; Lorenz stand am Kamin,
bog sich weit hin über das Eisengitter, warf mit
beiden Händen etwas in das Feuer, und auf den
Anruf sich umwendend und den Großvater erblickend,
sprach er triumphirend, und stolz auf sein Thun in
die Hände klatschend:
,,Großvater, nun sind sie drin, die Kerls, und
brennen auch !
Er hatte eine Schachtel französischer Bleisoldaten,
die er ein paar Tage vorher von einem einauar-
tierten Offizier geschenkt erhalten, in die Flammen
geworfen. Es war ein Vergnügen ihn zu sehen,
Justine wollte ihn umarmen, Darner hielt sie zurück.
,,Du follst nichts zerbrechen und nichts ver-
derben!'' tadelte er mit Strenge, dann sich abwen-
dend, sagte er:,Der Junge sieht und hört doch
alles! Er ist von gutem Schrot und Korn. Man
muß vorsichtig mit ihm sein. Er hat offenbar von

-=- A0-
Moskau sprechen hören und sich seinen Vers daraus
gemacht. Aber Dein Brief, Virginie?
Virginie las ihn laut und ihre Wangen glühten.
,Theuerste!r schrieb der Maior. ,Lassen Sie
mich Sie mit diesem Namen nennen, denn, Gott
weiß es, Sie und das Vaterland sind mir das
Theuerste auf der Welt. Niedergebeugt unter unserer
Demüthigung, schied ich von Ihnen mit dem Vorsat,
Ihnen nicht eher zu schreiben, bis ich Ihnen sagen
könnte: Ind wir sind doch noch Preußen!! Ja,
Virginie, wir sind uoch Preußen; wir haben es be-
währt bei Dahlenkirchen und bei Bauske, unserem
König und dem Fahneneid getreu, auf seinen Be-
fehl für eine Sache fechtend, gegen die jeder Bluts-
tropfen sich in uns empörte. Der König hat das
gelohnt mit Ehrenzeichen, die er dem Korps geschickt,
Marschall Macdonald mit warmer Anerkeniung.
Auch ich habe den Orden erhalten und habe ihn an-
gelegt wie alle; aber er brennt mir und allen auf
der Brust, und Macdonalds Lob treibt uns die
Zornesröthe auf die Wangen. Wir wünschen, wir
hoffen, es ihm noch anders zu beweisen, daß wir
Preußen sind! Denken Sie meiner, Virginie, Sie
brauchen sich meiner nicht zu schämen! Und kommt
der Tag, an dem wir unsere Ehre rein gewaschen
haben in Franzosenblut, dann, Virginie, im befreiten
Vaterlande, darf ich Ihnen sagen, was ich still in
mir gehegt, weil Sie es so gewollt, dann sagen auch
Sie mir, daß Sie mein gedacht! Ist es jedoch
anders von Gott beschlossen über mich, so denken
Sie, daß mein letzter Gedanke Ihnen gehört hat,
daß Ihre Locke mein Talisman gewesen ist, und ver-
gessen Sie mich nicht.-- Vergessen Sie alle mich
nicht, in deren Nähe ich mit Glück und Dank ge-
weilt! Treu bis in den Tod
der Ihre.?

-=- I-
, Ist er nicht gut, ist er nicht brav?? rief Vir-
ginie. ,Muß ich nicht stolz sein auf seine Liebe?
Ich werde ihm schreiben.?
,Das wirst Du nicht,' entschied der Vater,
,, denn eben weil er brav und auch besonnen ist, hat
er es nicht gefordert. Er bittet Dich, sein nicht zu
vergessen, und es sieht mir nicht aus, als hätte es
damit Gefahr. Einem Mann wie ihm gehorcht man
auf das Wort. Das ist die wahre Liebe!'?
Er setzte sich damit an den Frühstückstisch, der
für ihn bereitet stand, Virginie bediente ihn, Frank
berichtete, was Eberhard geschrieben: von den Zu-
ständen in Lithauen, von der Noth und der Arbeit,
der sie zu begegnen hätten, von dem gradezu un-
ertragbar gewordenen Nebermuth der Franzosen, von
der Mühe, mit welcher die Regierung überall, und
er in seinem Kreise nicht zum mindesten, dem Aus-
bruch einer Volksempörung zu wehren hätten.
Mitten in der Erzählung trat ein Offizier des
kommandirenden Generals ordonnanzmäßig in das
Zimmer.
Alle standen auf; Justine schlug die Häände angst-
voll zusammen. Sie sah es, der Vater selbst erbleichte.
,Habe ich die Ehre, den russischen Generalkonsul,
Herrn Frank Darner, vor mir zu sehen??
,Der bin ich!r sagte dieser.
,So bitte ich Sie, mir zu folgen.?
, Sie haben einen HaftbefehlE-
,Nein, nur den Befehl, Sie zu dem Herrn
Gouverneur, dem Herrn Divisionsgeneral Grafen von
Loison, zu führen.?
,, Ich stehe zu Diensten, bitte aber zuvor meine
Uniform anlegen zu dürfen.?
,,Das wird nicht nöthig sein, da Sie in meiner
Begleitung erscheinen.?

--- W8A--
, So gehen wir, mein Herr! sagte Frank.
Justine wollte sich ihm nahen, sein Wink wehrte
es ihr; und dem Ordonnanzoffizier zur Seite bleibend,
ließ er die Seinen unter seines Vaters Schutz zurück.
Der Offizier begab sich mit ihm in Franks Ge-
schäftszimmer, damit er sich ankleiden: könne für den
Gang über die Straße. Der Vater und die Frauen
folgten ihnen in das Vorderhaus, aber noch ehe sie
an Justinens Zimmer gekommen waren, schallte ihnen
wüstes Schreien von der Straße her entgegen, drangen
französische und deutsche Schimpfworte und Flüche zu
ihnen hinauf. Darner eilte an das Fenster. Es
war schwer zu unterscheiden, was auf der Straße
vorging. Von allen Seiten strömten Leute aus dem
Volke herbei.
,Von den Fenstern fort!r befahl Darner, dann
eilte er in das Konsulatszimmer hinunter. Der
Offizier und Frank waren im Fortgehen.
, Es ist ein Auflauf, eine Schlägerei in der
Straße, mein Herr!'' sagte er zu dem Offizier, ,Ihr
Erscheinen könnte die Aufregung steigern, da einer
von Ihren Soldaten sie veranlaßt zu haben scheint.
Wenn Sie Befehl zur Eile haben, nehmen Sie den
Weg durchs Haus am Pregel hin. In der Straße
würden Sie Aufenthalt finden.?
Der Offizier stutzte, bedachte sich einen Augen-
blick und gab dann dem Rathe nach. Darner ging
sofort wieder nach der Straße hinaus.
Inmitten eines dicht gedrängten Haufens sah er
einen hochgewachsenen französischen Sergeanten, dem
man den Degen aus der Hand rang und der eben
niedergerissen wurde, als Darner auf den Wolm
hinauskam. Schreiend, schimpfend, mit Fäusten und
mit dem Handwerkszeug, das einige der Leute mit
sich hatten, stürmte man auf den Sergeanten ein,

-- A8Z-
die ganze Menge auf den einen, der bald zwischen
ihnen nicht mehr zu sehen war, wäährend ein paar
andere, Leute einen Verwundeten, dem das Blut
über die Schultern den Rücken hinunter lief, nühsam
stützten und in die Seitenstraße aus dem Tumult
fortzubringen trachteten. Kospott gab ihnen, sie
deckend, das Geleit.
,,Was geht da vor?' rief Darner ihn an.
,Der Schuft von Sergeant hat's angefangen.
Es ist der Sohn vom alten Kutscher Polkehn, den
sie da wegschleppen. Er ist Rekrut unter den Krüm-
pern, kam justement des Weges, wie wir zum zweiten
Frühstück gingen, und ging mit. Da kriegt der
Sergeant uns zu sehen, den Krümper unter uns,
schimpft-- schimpfen auf deutsch haben sie ja alle weg
-- schimpft: ,Hunde, verfluchte Russenkanaillen! Und
wie er den Polkehn in der Krümperjacke sieht, zieht
er blank und schlägt dem ins Gesicht, daß die Nase
nur eben noch hängt! Na, da sprang denn alles
zu, und die vorbei kamen auch, denn er schlug blind
um sich, er war halb besoffen. Jetzt hat er denn
sein Theil!?
Wähenddessen kam von der Rathhauswache
Militär heran. Die Menge stob aus einander, der
zu Boden geschlagene Sergeant wurde fortgeschafft.
Er war zum Tod getroffen.
Man verfolgte die Enteilenden, man verhaftete
ein paar Leute, die man noch in der Nähe fand und
die verdächtig scheinen konnten, bei dem Auflauf mit-
gewirkt zu haben. Darner blieb ruhig auf dem
Platz, der Kospott neben ihm.
, Er auch hier? Was will Er hier?
,Ja, ich denk' wie Sie, Herr Stadtrath, zum
Zeugen! Ich kann mit dem Reden allerdings nicht
fort. Sagen der Herr Stadtrath aber doch, daß sie

-- IZ-
mich mitnehmen sollen! Ich war von Anfang an
dabei; ich kann's beschwören, wie es war.?
, So komm Er !' sagte Darner, der wieder ein-
mal sah, daß er sich in dem Kospott nicht geirrt.
, Heute geht's in eins! Komm Er mit mir! Und
in sein Haus zurückkehrend, den Pelz rasch umzu-
werfen, begab er sich graden Weges, von dem Wein-
schröter gefolgt, zu dem Gouverneur, dem er persönlich
wohl bekannt war.
Im Vorzimmer des Gouverneurs fand er seinen
Sohn und den ihn bewachenden Offizier. Das kam
ihm gelegen, denn der Letztere konnte verbürgen, daß-
der Auflauf ausgebrochen, wäährend die Darners beide
noch im Hause gewesen waren. Darauf bauend,
hatte Darner dem Gouverneur unaufgefordert Mel-
dung von dem Vorgang machen wollen, um den
wahrscheinlichen Verhaftungen vorzubeugen, die bei
der Aufregung, welche sich der Einwohnerschaft be-
mächtigt, üblere Folgen nach sich ziehen konnten.
Allein, obschon er Audienz erbat und die Zusage
für dieselbe erhielt, und obschon der Ordonnanzoffizier
Frank mit so viel Dringlichkeit fortgeführt, verstrich
eine halbe Stunde um die andere, ohne daß sie vor-
gelassen wurden.
Es war ein Leben im Vorzimmer wie in einem
Feldlager. Offiziere jeden Ranges von den ver-
schiedenen Regimentern kamen und gingen; allen lag
die Eile, die Unruhe auf den Gesichtern. Keiner
sprach laut zu dem andern, aber was sie sich mitzu-
theilen, was sie auszurichten hatten, mußte wichtig,
mußte keine Siegesnachricht sein, und einmal ver-
nahm Darner von einem Vorübergehenden die Worte:
, Auf dem Rüückzug nach dem Niemen!'
Der Mittag war vorüber, der Wartesaal füllte
sich immer mehr. Neben den militärischen Beamten

-- 8J-
erschien der Oberpräsident, der befohlen war und so-
fort eingeführt wurde; bald nach ihm der Oberbüürger-
meister, der mit Erstaunen Darner und seinen Sohn
unter den Wartenden erblickte und von Darner er-
fuhr, daß er um des Auflaufs willen gekommen sei,
wegen dessen man den Oberbürgermeister hatte be-
scheiden lassen. Beide Eivilbeamte wurden rasch ab-
gefertigt, dann wurde Frank vorgeführt, aber auch
sein Verhör währte nicht lange. Er wurde ohnehin
um Auskunft über die Verhältnisse an der Grenze
befragt, die jeder andere ebenso gut zu geben ver-
mocht hätte, und dann entlassen.
Wie er nun, seiner Bewegung wieder Herr, an
den Vater herankam, sagte er:
,,Das war ein Spiegelgefecht! Sie haben ohne
Frage anderes vorgehabt, haben aber jetzt Wichtigeres
zu thun. Die Nachrichten auus Rußland sind sehr
schlecht für sie.?
Frank entfernte sich; die Reihe kam an Darner.
Der Graf war in höchster Aufregung. Er sprach sich
mit größter Heftigkeit über den Auflauf aus, nannte es
Verrath an den Freunden, an den Bundesgenossen,
die gekommen wären, das niedergeworfene Preußen
vor der tyrannischen Habgier des Zaren zu schützen;
ging dann aber mitten darin zu lebhaftem Dank für
Darner über, der durch sein hoch anzuschlagendes
Zeugniß es ihm möglich machen werde, in der be-
klagenswerthenAngelegenheit den Schuldigen zu strafen,
dem Schuldlosen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen;
und auch Darner verließ die Audienz mit der festen
Neberzeugung, daß mehr auf dem Spiele stehe als
die Untersuchung und Bestrafung jenes Auflaufs,
daß man nicht gewillt sei, die Entrüstung in der Stadt
zu steigern.
Gegen den Abend hin wurde wieder einmal eine

-=- A8-
außerordentliche Versammluung des Magistrates zu-
sammenberufen. Der Oberbürgermeister hatte von dem
Gouverneur die Weisung erhalten, sich auf die An-
kunft neuer Truppen vorzubereiten, die angeblich zur
Verstärknng durch Preußen nach Rußland geschickt
werden sollten. Preußischerseits war nichts derart be-
fohlen. Man deutete den Befehl also anders, brachte
ihn mit dem Brande von Moskau in Verbindung,
Hoffen und Fürchten hatten hier freies Spiel. Der
Tag war vergangen, der Abend gekommen, die Sterne
funkelten glänzend an dem schwarzen Himmel. Der
Schnee knisterte unter den Füßen der Patrouillen,
die warnend durch die Straßen zogen.
Weil man wissen, hören wollte, was draußen
vorging, waren Darner und Virginie bei Justine im
Vorderhause zumThee geblieben. Die beidenAudienzen,
der Schreck, den man am Morgen gehabt, wurden
durchgesprochen. Darner, der sich sonst nicht leicht auf
das Geschäft des Vermuthens einließ, war doch mit
Erwägung der Vorgänge in Rußland beschäftigt, sich
verwundernd, daß keine Nachricht von Joannu ge-
kommen sei.
,,Ach,'? rief Justine, die eben die Kohlen in dem
Samowar mit dem kleinen silbernen Blasebalg ange-
facht, ,man wird ja immer mehr dahin gedrängt, dem
lieben Gott für jeden ruhigen Augenblick zu danken.
Daß wir hier im Warmen sitzen, daß ich meinen Frank
wieder hier habe und nicht irgendwo in Haft, daß Sie
hier sind, Vater, und Virginie, daß meine Kinder in
ihren Betten ruhig liegen, das ist Alles, Alles, was
ich verlange. Mag daneben draußen in der Welt
vorgehen, was will und kann; ändern kann ich es
ja doch nicht!r
,Großherzig ist das nicht!r scherzte Virginie.
,, Hab' Du erst einen geliebten Mann und zwei

s
!
n
=- W8? =-
so liebe Kinder, so wird Dir die Großherzigkeit in
der Philisterei der rechten Liebe schon vergehen!'
Ea klingelte an der Hausthüre, alle schreckten auf.
Es wgr gegen elf Ühr und das Haus bereits geschlossen.
Frank eilte hinunter und kam nach wenigen Augen-
blicken wieder, einen Brief in der Hand.
,Eine Estafette!
,,Von wannen?' fragten sie einstimnig.
,,Von Venedig!'' antwortete er, während Darner
sie ihm abnahm und sie öffnete. Seine Augen starrten,
während er sie las.
,Entsettlich, entsetzlich!' rief er aus, und die
starke Hand, die das Blatt hielt, sank nieder auf
den Tisch.
,,Dolores ist todt?? riefen die Geschwister.
,Nein, der Brief ist von ihr.? Und tief auf-
athmend, las er tonlos diewenigenZeilen, die er enthielt.
s
,Mein Vater! Der blu;hefleckte Boden, auf dem

ich stehe, brennt mir unter den Füßen. Ich muß
fort, zu Ihnen, zu Ihnen! Vranitzki hat Polydor
erschossen. Als Leiche hat man ihn mir in das Haus
gebracht. Ich muß fort, mein Vater! Mein Schweizer
Kammerdiener begleitet mich. Ich finde nicht Ruhe,
bis ich wieder athme in der reinen Luft des Vater-
hauses. Nehmen Sie Ihr unglückliches Kind wieder
an. Ihr Herz! Nehmt mich Alle in Liebe wieder auf!
Mein. Elend war zu groß! und doch beweine ich
Polydor, denn das Herz, das die Kugel durchbohrt,
schlug ja auch für mich! Ach, daß ich fliegen könnte
zu Ihnen, Vater, zu. Euch! Ich zähle die Tage, die
Stunden. Mit Tagesanbruch bin ich auf dem Wege
zu Euch! Eure unglückliche Dolores.?
s
SswwaowFanawsaaewoaeas

Kapitel 17

-- W -
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Und sie alle zählten in Angst, in Schmerz die
Stunden, so wie die unglückliche Dolores.
In der furchtbaren Aufregung, in der sie sich
befunden, hatte sie in dem Briefe weder das Datum
noch den Weg angegeben, den sie einzuschlagen dachte.
Der Poststempel von Venedig ergab, daß der Brief
zwanzig Tage unterwegs gewesen, und man nahm
an, daß sie die Straße eingeschlagen haben werde, auf
welcher sie als Braut nach Venedig gegangen war.
Aber irgend eine Gewißheit konnte man sich nicht ver-
schaffen. Ihr entgegen zu reisen, ihr einen Brief zu-
kommen zu lassen, war nicht möglich. Selbst eine
Estafette nach Venedig konnte über das dort Vorge-
gangene im günstigsten Fall erst in vier, fünf Wochen
die Antwort bringen; dann aber mußte Dolores bei
den Ihren sein, wenn ihre Kräfte die Reise ausge-
halten hatten und sonst kein Unglücksfall dazwischen
getreten war.
Trotzdem schrieb Darner an das Haus Joannu,
an den russischen, den preußischen Konsul in Venedig,
an Polydors Vater nach Petersburg; allein er selbst
nannte das ,Schläge ins Wasser', sofern es eine
nähere, frühere Auskunft über Dolores betraf. Es
war ein trostloses, rathloses Vermuthen, dem Darner
mit den Anderen anheimfiel, wie sehr er sich auch zu
behaupten trachtete; und Alles, was man festgestellt
hatte, als man tief in der Nacht sich trennte, war
der Vorsat, zunächst nichts von dem Tode Polydors,
von der Abreise, und der bevorstehenden Ankunft
seiner Wittwe verlauten zu lassen.
Die Zeitumstände erleichterten ihnen diese Zurück-
haltung. Der Auflauf des verwichenen Tages, der

s
-

=- A89 =-
Todschlag des Sergeanten hatten doch mehr Ver-
haftungen nach sich gezogen. Die Untersuchungen waren
in vollemGang, auchKospott war festgenommen worden.
Es hieß, man werde ein Exempel geben, die Aufsässigen
niederschießen lassen. Der Landhofmeister, der Kanzler,
der Oberbürgermeister warnten davor. Die Nachricht,
daß Napoleon Moskau verlassen habe, daß die Armee
sich zurückhiehe nach dem Niemen hin, machte der Unter-
suchung ein Ende; und das Gerücht, daß die im Norden
stehenden Truppen, also auch das preußische Korps,
zur großen Armee stoßen, daß damit die preußische
Grenze den Russen offen stehen würde, gab jedem, Feind
und Freund, zu denken und zu fürchten. Es war
keine Kleinigkeit, die Russen als Feinde im Lande,
und neue Schlachten in der Provinz erwarten zu müssen.
Wer hatte diesen Ereignissen, diesen Befürchtungen
gegenüber Zeit, an Anderes zu denken? Wer merkte
es, daß trot der grausen Kälte,' die man in dieser
Jahreszeit auch in Preußen nicht gewohnt war, an
- einem sonnigen Mittag Justinens Wagen vor dem
Kollmann'schen Hause vorfuhr, um John in seines
Vaters Begleitung seine erste Ausfahrt nach seiner
Krankheit machen zu lassen? Wer achtete darauf, daß
diese Ausfahrt eben zu Lindheims ging?
Es war manch Blättchen des Dankes, der Sehn-
sucht, der Liebe geschrieben worden von John an Flora,
war erwidert von der Geliebten Hand, und Niemand
hatte sie daran gehindert, obschon Kollmann seinen
Besuch in ihrer Eltern Haus nicht wiederholt. Heut
aber hatte er am Morgen an Lindheim geschrieben
und bei ihm angefragt, ob er die Aussicht habe, ihn,
Madame Lindheim und Flora zu Hause zu treffen,
wenn er um zwölf Ühr kommen würde, ihnen mit
seinem Sohne seine Aufwartung zu machen und ihnen
den Genesenen zuzuführen.
Lewald. Die Familie Darner. Ul.
19

-- A90-
Er, Konrad Samuel Kollmann hatte Jakob Lind-
heim, und Madame Lindheim, geborene Israel, ge-
schrieben und sie um Erlaubniß gebeten, sie besuchen
zu dürfen! Wem hätte er das geglaubt, der es ihm
vorausgesagt noch vor Jahr und Tag!
Es war Alles für ihren Empfang bereitet. Der
Saal auf das Beste durchheizt, ein Frühstück, wie
man es einem Genesenden bietet, stand auf dem Tisch;
der Vater ging den Gästen entgegen. Mutter und
Tochter waren festlich gekleidet, denn Kollmann hatte
den Sonntag zum Besuch gewählt, um nicht durch
Geschäfte des einen oder des andern die Ruhe der
Zusammenkunft zu stören.
Am Fenster stehend, klopfenden Herzens, hatte
Flora die Ankunft des Wagens erwartet, und nur
der Mutter feste Hand hatte sie abgehalten, dem Ge-
liebten entgegen zu eilen, da der Vater das Zimmer
verlassen, die Gäste zu begrüüßen. Aber als die Thüre
sich dann öffnete, als Kollmann hereintrat, als John,
statt der Mutter zuerst zu nahen, der Tochter die Arme
öffnete, da war kein Halten mehr.
,,Engel, mein Weihnachtsengel, mein Lebens-
retter!'' jubelte John, und freudetrunken, in Glücks-
thränen, lag sie an seiner Brust. Auch Madame
Lindheim weinte, die Väter reichten bewegten Herzens
sich die Hände.
,Da ist nun freilich die Werbung nicht mehr
nöthig, die für meinen Sohn zu machen ich gekommen
war !'' sagte Kollmann. ,Nur unseren Segen haben
wir zu geben, und =-
,, Und zu bewilligen, daß am Weihnachtsabend
mein Weihnachtsengel für immer mir beschert wird !?
,,Das ist unmöglich!' erklärte Madame Lindheim,
,,es ist ja gar nichts vorbereitet.?
,Du mußt Dich erst vollständig erholen, und

-- W1--
der Brautstand ist auch etwas Schönes! bedeutete
Johns Vater.
John aber versicherte, er sei ja jetzt frisch und
gesund, bis Weihnachten habe man noch acht volle
Wochen, das sei des Brautstandes genug, denn nach-
her komme ja das Schönste von allem Schönen mit
der Ehe. Justine habe ja einen noch kürzeren Braut-
stand gehabt. Zwei Stuben im Hause würden schon
frei zu machen sein, daran hätten sie beide ganz gentg.
Hausrat sei im Neberfluß vorhanden, und Kleider
habe seine Braut gewiß die Hüülle und Füülle, und es
könnten bis Weihnachten noch Dutzende gemacht werden,
wenn das nöthig sein sollte.
Kollmann wollte ihn unterbrechen, John ließ es
nicht dazu kommen.
, Und,'' fuhr er fort, ,Flora sagt zu allem Ja
und Amen, nicht wahr, Flora?
Sie antwortete nur, indem sie sich an seinen Arm
hing und mit glückseligem Lächeln zu ihm emporsah.
,,Du vergißt, nur, mein lieber Sohn, daß noch
ein Anderer als ich und Deine Braut und deren Eltern
,Ja und Amenf zu sagen hat, bevor Flora die Deine
werden kann. Noch ist sie Jüdin! Sie muß unter-
richtet werden in den Lehren des Christenthums, und
durch die Taufe aufgenommen werden in unsere Kirche
und Gemeinschaft. Darüber haben wir uns zu ver-
ständigen, Verehrtester! sagte er, sich an Lindheim
wendend, und trat mit diesem in die Fensternische.
Die Worte hatten kühl, wenn auch durchaus be-
rechtigt, in die Freude der Liebenden hineingeklungen,
aber sie störten sie weiter nicht in dem wonnevollen
Geplauder, nicht in dem Rückerinnern an die kurze,
ihnen gemeinsame Vergangenheit, nicht in der festen
Neberzengung, daß ihre Hochzeit am Tag vor Weih-
nachten gefeiert, daß in Kollmanns Hause der Christ-
pz


-- W9--
baum seit der Mutter Tod zum erstenmale wieber, und
von Flora's Händen angezündet werden müüsse, wie
in der engen Kammer der armen Wäscherin, in welcher
die Liebenden sich vor dem Jahr, in Einsamkeit mit
demBewußtsein ihrerLiebe zu einander gefunden hatten.
,,Wie könnte ich oder irgend einer der Meinen,'?
hörten sie dazwischen vom Fenster her Flora's Vater
zu Kollmann sagen, ,wie könnten wir eine Abneigung
gegen die christliche Lehre, gegen irgend eine Lehre
hegen, die den Menschen aus seiner Roheit und Selbst-
sucht zu seiner Bändigung, zu seiner Veredlung durch
! die Nächstenliebe zu erziehen trachtet? Spinoza und
Moses Mendelssohn haben nicht vergebens für uns
gelebt, Herr Kollmann! Ich denke, auch Lessing hat
für uns alle nicht vergebens gedichtet! Und da Ihr
Erlöser und seine Mutter hervorgegangen sind aus
unserem Volk, so--
, So haben Sie Recht,'' fiel ihm Kollmann ein,
,wenn Sie auf das Gleichniß von den drei Ringen
deuten; und den Beweis von der Nächstenliebe hat
unsere Flora, habenSie, mein Freund, uns ja gegeben.
,Darf ich Flora mit mir nehmen, sie zu Justine
hinzuführen? fragte John, nachdem man verabredet,
daß Lindheim am nächsten Tag den ersten Geistlichen
der Domkirche veranlassen solle, den Unterricht seiner
Tochter zu übernehmen.
,,Gott bewahre!'' rief Flora. ,Deine Brart
wird mit Dir nach Hause fahren, Dich Madame
Göttling als Patienten richtig abliefern, und dann
ihres Weges gehen, und es hier bei den Eltern still zu
begreifen'suchen, wie glücklich sie ist; denn für heute
und für die erste Ausfahrt hast Du ganz genug!''
,Sehen Sie, wie herrschsüchtig sie ist!r scherzte
der Schwiegervater, umarmte sie aber, küßte sie herz-
lich, nannte sie seine liebe, kluge Tochter; und sich

-- W9Z--
ihrem vernünftigen Vorschlag fügend, fuhren sie mit-
sammen fort.
,Das ist ein großes Glück, ein großer Fortschritt,
nicht allein für unser Kind, das wir Gott lob nun hier
bei uns behalten !'' sagte der Vater, als er zuurüück-
kehrte und die Frau umarmte, die, am Fenster stehend,
dem Wagen nachsah, wie vorhin die Tochter ihn er-
wartet hatte. ,Ein großes Glück, denn John ist ein
rechtschaffener und guter Mensch, und sie sind die
älteste Familie der Stadt! Sie werden Augen machen
unter unsern Leuten und an der Börse!'?
,, Morgen muß man die Karten drucken lassen!
,,Und ich muß mit dem Generalsuperintendenten
sprechen gehen! Von dem Nebrigen wird nachher zu
reden sein !'' erwiderte der Vater.
,.Sei nicht kleinlich dabei! bat die Mutter.
, Hast Du mich jemals so gekannt, wo es Großes
und ein Gutes gegolten hat? Und hier?
,Bei Gott nicht! Und es kommt dem Doktor,
es kommt uns Allen zu statten -- der ganzen Ge-
meinde sogar! Und der Fürstin, der Fürstin wird
es ein Triumph sein! Der schreibe ich's noch heute!
Flora muß auch gleich schreiben!?
,,Thue das, morgen ist Posttag! Die hat's ge-
machtl''
sAefik
chtundzwanzigstes ==»=»s
Der lange Karl war schon wieder eine ganze
Zeit bei seinem Herrn in Rasten und hatte Briefe
mit zurückgenommen, auch von Frank, für seinen
Herrn; und ein Tag verging um den andern, und

Kapitel 18

- -- IIg--
der eine Tag brachte neue ermuthigende, der andere
verwirrende Nachrichten von der großen Armee, von
den russischen und den preußischen Truppen.
Jeder Tag aber brachte in Königsberg neue,
F immer steigende Anforderungen des französischen
F Gouverneurs; und die Spannung, die Erbitterung
? gegen die Franzosen wuchsen. Neberall hatte man
den Hang zur gewaltsamen Epörung, zumt Aufstand,
zu unterdrücken; aber in der Enge der Wohnungen,
in welcher die beiden Familien Darner jetzt lebten,
fragte man sich an jedem Morgen immer nur:
,, Wird sie heute kommen?? Und wenn der Tag zu
Ende war, tröstete man sich an dem Abend mit der
Hoffnung: ,Vielleicht morgen!''
Niemand litt schwerer unter dem unthätigen
Warten als der Vater. Das sahen die Seinen, ob-
schon kein Wort von seinem Munde es verrieth.
Mit Neberredung und Geldaufwand hatte er es
erreicht, in seinem Hause die Zimmer frei zu machen,
welche die Schwestern früher mit Madame Göttling
inne gehabt. Das eine mußte für den Vater her-
halten, das andere, das Schlafzimmer, sollte Dolores
wiederfinden, wie sie es verlassen. Virginie hatte
Arbeit genug, es für sie Beide bewohnbar zu machen,
nach der Benutzung durch die Einquartierung, die
jetzt so lange darin gehaust.
Man hatte sich der Verlobung Johns gefreut,
und Justine hatte Flora scherzend versichert, sie habe
ihr jetzt das Gewissen ganz beschwichtigt; denn wenn
John unwerheirathet geblieben wäre, hätte sie es zu
verantworten gehabt, daß das Kollmann'sche Geschlecht
ausgestorben wäre. Jeyt ginge sie das nichts mehr
an, jest sei es Flora's Sache. Allein solche Heiter-
keit hielt nicht lange vor gegen die Sorge, mit der
sie sich um Dolores trug; und mit jedem Tag, der

-- L9J--
die Ersehnte näher bringen muste, wurde das bange
Erwarten schwerer.
Darner hatte angeordnet, daß abwechselnd immer
einer der männlichen Dienstboten, ebenso wie eines
der Mädchen, und er oder Frank, die Nacht in den
Kleidern blieben, denn nicht eine Minute sollte sein
vom Schicksal schwer getroffenes Kind harren müssen
vor des Vaters Thüre, wenn die Trauernde etwa in
nächtlicher Stunde sein Haus, ihre Heimat, erreichte.
Aber wieder war ein Morgen gekommen
und hatte eine brennende Käilte gebracht trotz des
funkelnden Sonnenscheins, und Dolores, die Erwartete,
war noch nicht da; wohl aber hatte ein lieber Gast
sich eingestellt, den man nicht erwartet hatte.
Eberhard von Stromberg war mit dringendem
mündlichen Auftrage von seinem Regierungspräsidenten
an den Landhofmeister abgesendet worden; und ob-
schon er noch am selbigen Abend die Rückreise anzu-
treten hatte, war er im Vorübergehen doch bei Frank
zu flüchtigem Besuche vorgesprochen. Man hatte so-
gleich den Vater und Virginie hinzugerufen, denn
jeder sollte und wollte hören, was der Landrath aus
seinem lithauischen Kreise zu berichten hatte, hören,
was er wußte von den dicht an der Grenze stehenden
Russen, von der Stimmung in Lithauen, wo man in
gleicher Unruhe wie in Preußen, den endlichen Auf-
rut zur Erhebung gegen die Franzosen erwartete.
Justine hatte, nach der preußischen Gewohnheit,
dem Besuch eine Erfrischung zu bieten, in Eile auf-
leagen lassen, was eben zur Hand war; da hielt ein
Wagen, schmetterte ein Posthorn vor dem Hause.
Der Vater, der Bruder, die Frauen eilten, ohne an
Eberhard zu denken, ohne der grimmen Kälte zu
achten, die Treppe hinunter und an die Thüre. Eber-
hard, nichts ahnend von dem, was dieser Vorgang

-- LI-
bedeutete, folgte ihnen nach. Er sah, wie die mächtge
Gestalt des Vaters die Anderen zurückschob, wie er
den Wagenschlag öffnete, wie er eine in schwarze
Schleier verhüllte Frau hinauftrug in seinen
Armen in das Haus, und: ,Gott im Himmel, Do-
lores !'' stieß er, seinen Augen nicht trauend, laut hervor.
Sie wendete den Kopf nach seiner Seite.
,Das ist zu viel, zu viel!'r rief sie, und die
Häinde vor die Augen schlagend, brach sie matt zu-
sammen in des Vaters Armen. Man trug sie in das
kleine Vorzimmer, der Vater, die beiden Frauen, die
Kammerjungfer, welche sie im Vaterhause bedient, seit
sie aus der Pension gekommen, waren zu ihrem Dienste
bereit. Der Vater hielt sie in seinen Armen, seine
Thränen mischten sich mit den ihren. Niemand der
Seinen hatte ihn je weinen sehen.
Virginie, Justine knieeten neben ihr. Frank,
der zu Stromberg geeilt und schnell wiedergekommen
war, küßte ihre Hände. Jeder wollte sie berühren,
fühlen, daß sie da sei, sie empfinden machen, wie
Liebe sie ersehnt, Liebe sie umgebe.
,Mein Kind, mein armes, mein geliebtes Kind !?
scholl es von des Vaters Lippen. An seiner Brust
kam sie wieder zu sich.
,Bei Dir! Bei Euch, ach bei Euch!k sagte sie
leise.,Das ist Mllea!r?
Man nöthigte sie Wein zu genießen, man trug
sie die Treppe hinauf, mehr als sie ging. Sie war
zuletzt zwei Nächte und einen Tag gefahren, wie ihr
Diener ausgesagt. Sie sollte ruhen.
- Still und willig wie ein Kind ließ sie sich in
ihr altes Zimner führen; aber wie sie sich in dem-
selben einen Augenblick allein befand, blickte sie mit
angstvoller Hast umher, schlug die Hände in einander
und rief:

.- A? --
, Alles, Alles wie sonst-- und Alles, ach, Alles
so schrecklich, so entsettzlich anders! Bin ich denn bei
Sinnen??
Sie schluchzte laut, warf sich vor ihrem Bett
auf die Kniee und barg ihr Gesicht in seine Kissen.
Der Vater, Frank und Justine hatten sich, als
man sie in ihr Zimmer gebracht, sofort entfernt,
Virginie und die Kammerjungfer entkleideten sie.
Man ließ die Vorhänge nieder, die Schwester setzte
sich an ihr Lager, und Virginiens Hand in der ihren
haltend, von dem Dunkel der Stille, der Wärme
mild umfangen, ward die Erschöpfung Meister über
sie. Sie sank in Schlaf.
Nach einer Weile wachte sie auf, richtete sich
empor, blickte um sich und fragte:
, Virginie, habe ich es geträumt oder war Eber-
hard da?
, Ja, er war da für eine halbe Stunde, aber er
ist wieder fort und wahrscheinlich auch schon wieder
abgereist. ?
,,Gottlob !'' sagte Dolores, wandte sich zur Seite
und schlief aufs neue ein.
Eberhard, von dem Geschehenen so weit unter-
richtet, als man es wußte und als er es wissen mußte,
um verstehen zu können, was er mit Augen gesehen,
hatte sich, seinem Dienste folgend, tief erschütterten
Hegzens entfernt. Daß er ahnungslos gekommen
wai in der Stunde ihrer Heimkehr, war nicht allein
ihm wie ein wunderbares Zusammentreffen er-
schienen.
Jedoch die Hauptsache blieb: sie war da! Das
nahm die schwerste Last von Darners Herzen, das
befreite Alle von der Pein des angstvollen Erwartens.
Die Hausordnung kam wieder zu ihrem Recht, so
weit von einer solchen in dieser Zeit überhaupt die

=- L9--
Rede sein konnte; und es war spät am Nachmittag,
als Dolores aus ihrem Schlaf erwachte.
Man hatte in der Straße den Reisewagen vor-
fahren, die Trauernde aussteigen, den Wagen die
Seitenstraße hinunter in die Remise fahren sehen,
man hatte erfahren, daß Darners Schwiegersohn er-
schossen, im Duell erschossen sei, und mehr wußten
auch Darner und die Seinen nicht den Tag hindurch.
Der Schweizer Kammerdiener hatte das beiläufig
ausgesagt, als er sich bei Darner gemeldet, ihm den
Rest des Geldes auszuhändigen, das ihm für die
Reise zur Verwendung übergeben worden war, und
Darner hatte ihn angewiesen, reinen Mund zu halten,
und das Haus für heute nicht zu verlassen. Ihn
weiter zu befragen, war nicht nach seinem Sinn.
Dolores hatte sich erhoben, sich angekleidet; sie
that es wie im Traum, und immer wieder kam sie
auf den Ausruf zurück:
,Ich habe zu Euch gewollt, habe Tag und Nacht
nichts anderes gedacht, und nun ich hier bin, fasse
ich es nicht!r?
Virginie brachte sie in das Zimmer, das der
Vater jetzt neben ihnen bewohnte. Die Veränderung
erschreckte sie. Der hastige Schritt der Einquartierung
in den Fluren, auf den Treppen, in den Boden-
räumen machte sie zusammenfahren; aber als der
Vater eintrat, kam es wie neues Leben in sie.
Man hatte den Theetisch zurecht gestellt; sie saßen
zu Dreien bei einander. Der Vater fragte um ihren
Reiseweg, Virginie nöthigte sie zu Speise und Trank.
Sie genoß ein wenig davon, und wie dann der Vater
ihr, um ihr Zeit zu innerer Fassung zu gewähren,
von den Ereignissen sprach, die man in Königsberg,
in der Provinz erlebt, seit Napoleon Moskau ver-
lassen, rief sie plötzlich:

==- ßß-
, Ach, erst ich, erst ich! Ich ms es Euch ge-
sagt, ich muß es über die Lippen gebracht haben - --
damit-- nennt es nicht selbstsüchtig! damit
nicht ich allein es trage, damit Ihr's wißt, Sie,
mein Vater, Sie und Du !? Und ohne die Antwort
abzuwarten, fuhr sie fort: ,Es war gut gegangen
seit unserer Rückkehr von Paris. Sehr gut; und
g? gegen mich war er ja immer gewesen, Polydor.
Er hatte wieder gesehen, wie Ihr mich liebtet, er
wollte mich nichts entbehren lassen; er ging seltener
zur Marquise. Ich hatte lange schon den Glauben,
daß seine Leidenschaft für sie im Erkalten war, aber
er konnte es nicht ertragen, daß sie ihm einen
Andern vorzog. Manchmal-- Gott verzeih mir die
Sünde! dachte ich, er könne sie erstechen und
Ruhe darnach finden; und auch sie liebte ihn nicht
mehr! Sie liebte auch den Grafen nicht! Sie hat
Niemand je geliebt! Für einen Prinzen hätte sie
Polydor hingegeben wie ein Nichts; und er war,
wie an sie gekettet, in ihrer Gewalt. In der Ge-
sellschaft redeten sie davon, daß sie gebrochen habe
mit meinem Mann; man wünschte mir Glück dazu!
Es war der Graf, der das Gerede verbreitete, und
die Marquise nährte es, denn sie kannte Polydor.
Auf der Piazzetta, im Theater, in den Veillonen sah
man sie bei einander, die Marquise und den Grafen!
Das Gerücht ging, er werde sie heirathen. Das
bracht? Polydor außer sich vor Eifersucht. Er suchte
die Marquise wieder geflissentlich, er bewachte sie
förmlich. Und da . . . Es war Donnerstag spät
am Abend. Wir waren in der Oper gewesen. Polydor
brachte mich nach Hause und fuhr darnach noch einmal
fort. Das war ich gewohnt, sehr gewohnt und nicht
gewohnt zu fragen, wohin er sich begab. An dem
Abend kam er schneller zurück als sonst. Er sagte,

--- Z00-
es sei leer gewesen im Kasino und die Unterhaltung
frostig. Der Freitag ging wie immer hin. Am -
Abend nur hieß er den Diener ihn früh zu wecken;
und mir sagte er, er habe eine Estafette nach Peters-
burg zu besorgen, deren Inhalt er Niemand zu
übermitteln anvertrauen und die nicht rasch genugg z
seinem Vater kommen könne. Er ging früh um
sieben Ühr fort. Ich schlief nicht wieder ein. Um
zehn Ühr, als ich mich eben angekleidet hatte, ließ
Kapitän Landoni, ein Freund Polydors, sich bei mir
melden. Die ungewohnte Stunde, die Zerstörung
in seinen Zügen erschreckten mich. Vom Traghetto
scholl lautes, wirres Sprechen, schollen Ausrufe des
Entsetzens in die Höhe. ,Was ist geschehen? fragte
ich. -- FFassen Sie Ihr Herz zusammen, Signora,
sagte er, äch habe das Unglück, der Neberbringer
einer traurigen Botschaft zu sein.-- ,Polydor!: rief
ich-- denn eine Nachricht von Euch konnte mir ja
der Kapitän nicht bringen. ---- Ja! sagte er, Jo-
annu hat ein Duell gehabt auf der Giudecca mit
dem Grafen Vranitzki. Ich war sein Sekundant.. . -
Er wollte mir Zeit lassen, mich vorzubereiten; ich
konnte die Marter nicht ertragen.- ,Weiter, weiter!k
flehte ich. - ,Sie schossen gleichzeitig, wie es verab-
redet worden. Ich sah mit Besorgniß, daß Joannuu
so lange zielte .. .-
, Die alte, unselige Gewohnheit!'? rief Darner
dazwischen. ,Wir sahen es in Strandwiek und
warnten ihn im Scherz!''
, .Joannu zielte lange, zu lange! Der Graf,
ein sicherer Schüte, gab seinen Schuß rasch ab . - -
Joannu sank nieder .. Der Arzt, ich, sprangen zu - - -
-- ,Todt!: rief ich. Landoni wies schweigend nach
der Thüre; unsere Leute brachten den Todten, brachten
seine Leiche . . meines Mannes Leiche . . ??

--- Z01-
Die Thränen, das entsetzliche Erinnern brachen
ihre Stimme; aber mit jener Gewalt über sich, welche
Virginie in Paris schon an ihr zu bewundern gehabt,
raffte sie sich zusammen und sprach:
,,Was ich noch weiter weiß, habe ich von Lan-
doni. Polydor war an jenem Abend zur Marquise
gefahren; er hatte sie in Vranitzki's Armen gefunden.
Ein hartes Schmähwort gegen sie ausstoßend, hatte
er Vranitzki bei der Brust gefaßt..- Vranitzki hatte,
sinnlos vor Zorn wie er, nach dem Dolch gegriffen,
den Polydor von Paris ihr mitgebracht und der
immer seitdem auf dem kleinen Tisch gelegen. Die
Marquise warf sich zwischen sie, der Dolchstoß traf sie
mitten in die Wange.?
Sie brach plözlich ab, schauderte zusammen,
schöpfte Athem aus tiefer Brust und sagte dann:
,, Das war's.., das Blatt, das Blatt''-- sie zog's
aus ihrem Kleid -,das hatte er Landoni gegeben, mir
zu bringen, wenn er nicht lebend wiederkehren sollte.?
Sie reichte es dem Vater hin. Es enthielt nichts
als die Worte:
, Lebe wohl, Dolores! Habe Dank für das Glüück,
das Du mir gewäährt; verzeih' mir, wenn ich Dich
betrübt. Ich habe Dich geliebt. Es war mein Ver-
hängniß, daß ich Dich kennen lernte, als es für mich
zu spät war. Denke mein ohne Groll und, wenn
Du kannst, mit Liebe.
Polydor. ?
Darnet las es schweigend; nur das Wort:
, Verhängniß !'' glitt kaum hörbar über seine Lippen,
dann reichte er es Virginie.
Sie that wie er, aber sie gab der Schwester das
Blatt nicht zurück. Sie stand auf, verschloß es in
dem kleinen Sekretär, den Dolores als Mädchen in
dem Zimmer benutt, und händigte ihr den Schlissel
ein. Auf ihrem Herzen sollte sie das Blatt nicht tragen.

Kapitel 19

-- ZZ--
Geif»l'
Meunundzwanzigst«= ===s==--
Man hatte Dolores in den ersten Tagen wie
eine Kranke zu behandeln, und diese Aufgabe fiel
allein Virginien zu. Den Vater und Frank sah man
nur noch bei den Mahlzeiten, die unter dem Drange
der Umstände wieder gemeinsam und meist in Eile
eingenommen wurden.
Der Rückzug der Franzosen aus Rußland hatte
begonnen. Die Stadt war voll von den Jammer-
gestalten der Flüchtenden, die in zerlumpten Kleidern,
in Frauenröcke eingewickelt, mit erfrorenen Gliedern
bettelnd, Krankheit verbreitend, wohin sie kamen,
durch die Straßen zogen, und liegen blieben, wo sie
niederfielen. Und immer rascher drängten in, immer
größerer Menge die Truppenmassen den ersten ver-
einzelten Flüchtlingen nach. Neber viertausend Offi-
ziere und über fünfundzwanzigtausend Gemeine hatte
man als flüchtende, verhaßte Bundesgenossen, in
Königsberg zu verpflegen, während die Kosaken schon
in Lithauen die preußische Grenze überschritten hatten;
während sich in Memel die Russen schon völlig als
Besitzer der Stadt eingerichtet, die preußischen Be-
amten abgesetzt, und der eigentliche Befreier Deutsch-
lands, der hochherzige General von Pork, bereits sich
mit dem preußischen Truppentheil des französischen
Heeres, auf Gefahr seines Kopfes von den Franzosen
losgesagt hatte.
Die Noth war so groß als die Verwirrung. Ver-
gebens harrte man in Lithauen und in Preußen
auf die Entscheidung des Königs, um zu wissen, wer
als Freund, wer als Feind anzusehen und zu be-
handeln wäire; und Freund und Feind machten die
unerhörtesten Anforderungen, und die Franzosen
As

-- Z0Z--
konnten sie grade mit dem Hinweis auf den König
erpressen, denn die Festungen in seinem Rücken waren
noch in ihren Händen. Die rohe Gewalt hob jeden
Rechtszustand im Lande auf.
Man zog den Landwirthen das Vieh aus den
Ställen, man spannte den Aerzten, die zu den Kranken
fuhren, die Pferde vom Wagen, um sie in die Re-
gimenter einzustellen, man nahm den spärlich zu
Markte kommenden Leuten-- denn wem war etwas
zu verkaufen geblieben?-- die Waaren ab, wie den
Bäckern das Brot aus den Schaltern, den Schlächtern
das Fleisch aus den Scharren. Es kamen Tage, an
denen man selbst in den Hääusern der Reichen, an
denen auch Juustine und Virginie sich zu freuen hatten,
wenn es ihnen gelungen war, für den eigenen Bedarf
und für die Einquartierung und die Kranken, die
auch in ihrem Hause nicht fehlten, das Nothwendigste
herbeizuschaffen.
Erst als Dolores wieder zu sich selber und zu
Kräften gekommen war, gewann sie die volle Einsicht
in die Verhältnisse, in welche sie sich versetzt fand,
in die ungeheuren Wandlungen, welche sich in den
Jahren ihrer Abwesenheit vollzogen hatten. Was
der Vater und Virginie davon auch in Paris be-
richtet, sie selber hatten nicht voraussehen können, was
jetzt geschehen war. Von dem Elend, von welchem
man sie uygeben fand, hatte die Phantasie bis dahin
keine Vorstellung gehabt.
Sie war jetzt in dem heißersehnten Kreise der
Ihren, im Vaterhause; aber jetzt war es nicht mehr
das alte, stille Vaterhaus; und Alles, außer den
Ihren, war ihr fremd geworden.
Des Winters seit Jahren ganz entwöhnt. machte
die große Härte desselben sie doppelt leiden. Sie
vermißte das Licht, die Wärme, den weiten Blick in

-- Zg--
die Lagunen, hinaus aufs Meer. Die Enge der
Zimmer, auf welche man beschränkt war, bedrückte
sie. Ohne daß sie es sich eingestand, fehlten ihr die
großen Säle, die weiten Hallen und Gallerien des
Palasies, die ihr anfangs in Venedig in den vielen,
einsam verträumten Stunden so öde erschienen waren.
Sie hatte sich gewöhnt, ihr Auge hoch empor zu heben,
es haften zu lassen an den Gestalten, die, von Meister-
hand gemalt, die Decken der Zimmer, die Wände
schmückten. Wie Ersatz suchend für die Genien und -
Amoretten, die sie so lang geschaut, flüchtete sie sich
zu Franks schönen Kindern, die zuerst Scheu trugen,
vor der blassen Frau in den schwarzen Kleidern und
Schleiern; aber, von ihrem sanften Blick und süßen.
Worten schnell gewonnen, sich um so fester an sie
hingen! Und was war ihr der krausgelockte, leben-
strotzende Lorenz, welch' ein Erinnern weckte er in
ihr auf!
Sie hatte Eberhards Namen nicht genannt seit
dem Tage jhrer Ankunft. Niemand der Ihren hatte
ihr von ihm gesprochek, selbst Virginie nicht in der
Stunde, da sie der Schwester ihr Herz ausgeschüttet,
da sie ihr den Brief des Majors zu lesen gegeben,
ihr von ihrem Lieben und Hoffen geredet hatte, dessen
Erfüllung ja aufs engste mit der Entwicklung der
staatlichen Angelegenheiten, mit der Befreiung des
Vaterlandes zusammenhing.
,. Wenn Du es wüßtest,'' sagte Dolores eines
Tages, ,was Dein Lieben und Hoffen, was Johns
und Flora's, was Franks Glück mir ist, wie es mich
tröstet und erhebt, Glückliche zu sehen! Ich hatte es
verlernt, an Glück zu glauben, und darum habe ich
auch John und Flora so dringend gebeten, nicht darin
zu willigen, daß man ihre Hochzeit weiter hinaus-
schiebt als bis zum Weihnachtsabende, den sie sich

--- Z0J--
dafür ersehnt. Ich bin abergläubisch geworden, denn
ich denke: ,Was Du von der Minute ausgeschlagen,
bringt keine Ewigkeit zurück! Muß doch manchem
Menschen ein Tag, eine Stuunde des Gliicks genügen
für sein Leben!r?
, Was meinst Du damit? fragte Virginie, welche
sie sprechen zu machen wüünschte; jedoch Dolores ließ
die Frage fallen, nahm Lorenz, der spielend neben
ihr beschäftigt war, in ihre Arme, und ihr Gesicht
in seine dunklen Locken drückend, streichelte sie mit
sanfter Hand sein Haar und küüßte den Kopf, den
er mit knabenhaftem Trotz gegen die Liebkosung nach
hinten warf.
Denn, so hatte sie in der Stunde, da er die
Augen zuerst dem Licht geöffnet, den Kopf des Neu-
geborenen gestreichelt, so leise hatte sie ihn geküßt
an dem Tage, an welchem sie überwallenden Herzens
vor Eberhard gestanden und ihm ihre Rührung aus-
gesprochen, an dem Tage, an welchem sie Beide sich
der Liebe bewußt geworden waren, die sie einander
band, an dem glückseligen Tage, der ihr Glück, ihr
Leid erzeugt, und den sie nie vergessen können, dessen
sie auch jetzt in ihrem Wittwenschleier gedenken mußte,
wie sehr sie dagegen sich auch sträubte.
Es kamen Tage, an denen sie den Knaben mied,
um ihn dann nur um so zärtlicher zu suchen.
Man hatte bei ihrer wechselnden Stimmung anfangs
viel Mühe gehabt, sie an den Verkehr mit Dritten,
selbst an das Beisammensein mit ihrer Erzieherin,
mit den Verwandten und Freunden des Hauses zu
gewöhnen, zu welchen nun auch die Lindheims hin-
zuugetreten waren. Die Menschenscheu des Unglücks,
des Schmerzes hatten sie vor jeder Berührung des-
selben zurückschrecken machen; und je lebhafter die
Theilnahme war, welche ihr Schicksal, welche ihre
Lewald. Die Familie Darner. Ul.

-- Z06-
lange Entfernung, ihr fremdartiges Erleben und sie
selber mit ihrer edlen Anmuth bei den Menschen
erregten, um so zurückhaltender machte es sie. Sie
wollte nicht gefragt, nicht beklagt, nicht angestaunt
und bewundert werden. Sie hatte es gelernt,
schweigend mit sich fertig zu werden, und der Vater
wie die Ihren wußten das zu ehren. Man ließ sie
in jedem Sinne ihren Willen haben. Man gab ihr
dann auch sofort nach, als sie an den ihr freilich
auch fremd gewordenen Beschäftigungen der Schwester
und der Schwägerin ihren Theil zu haben wünschte,
um sich nicht ausschließlich in ihre Gedanken zu ver-
lieren.
Weil man der Einquartierung seit dem Beginn
des russischen Feldzugs gar zu viel in den Häusern
gehabt hatte, war gleich von Anfang an keine Rede
mehr davon gewesen, die Mahlzeiten mit den unwill-
kommenen Gästen zu theilen. Seit aber der Rückzug
begonnen, seit man auch die Kaufmannsressource als
Offizierslazareth in Beschlag genommen, hatte Darner,
um sich und den Seinen doch eine Stunde erheiternden
Beisammenseins zu bereiten, eines Tages den Vor-
schlag gemacht, daß man nach der Hauptmahlzeit,
welche der Franzosen wegen überall um sechs Ühr
eingenommen wurde, sich am Abend noch bei ihm
für ein paar Stunden zusammenfinden solle, um wo
möglich im Verkehr mit Gleichgesinnten sich, wenn
auch nur für kurze Zeit, der Sorgen zu entschlagen,
die schwer genug auf jedem lasteten.
,s ln guerrs eomme s lu guerrö!r hatte er
gesagt. ,Je härter die Wirklichkeit uns anfaßt, um
so mehr müssen wir suchen, uns mit der Phantasie
über sie zu erheben. Der Raum, über den wir ver-
fügen, ist klein genug, aber doch immer so groß wie
die Kapitänskajüte auf einem rechtschaffenen Drei-

-- Z0? --
master; und wie auf einem solchen, so können wir
auch hier uns bei einer Tasse Thee und einem Glase
Grog der guten gewesenen Tage erinnern, und uns
der guten, denen wir doch endlich wieder entgegen-
steuern werden, in dem Bewußtsein getrösten, daß
wir die Schiffe durchgehalten, daß wir die Hand noch
fest am Steuer haben! Diese Zeit durchgehalten zu
haben wird aber eine Ehrensache sein, und ihres
Lohnes, auch des finanziellen, nicht entbehren.'?-- Es
war immer ein Zeichen seiner innern Ruhe, wenn
er sich in solcher Weise in seine früheren Tage
zuurückversetzte und Bilder brauchte, die mit ihnen
zusammenhingen.
Allen, den beiden Kollmann sowohl als Lind-
heim, that es wohl, Darner und seinen Sohn immer
aufrecht zuu finden; und immer enger schlossen auch
die jungen Männer, immer herzlicher die Frauen der
drei Familien sich aneinander an. Vor Allen hatte
Flora eine wahre Begeisterung für Dolores gefaßt,
ganz abgesehen davon, daß das Romanhafte in dem
Leben der schönen Frau ihre Phantasie beschäftigte.
Jeder war so gern bereit, einem Gedanken, einem
Wunsche, den Dolores ausgesprochen, Folge zu geben.
Ein Lächeln auf ihre Lippen gelockt zu haben, rechnete
sich ein Jeder an; Darner rechnete es Jedem zum
Verdienste an, dem es gelungen war.
So war der erste Adventsonntag und mit ihm
die Taufe von Flora herangekommen. Am Sonn-
abende hatte man dieselbe in der Wohnung des
Geistlichen, im Beisein der drei Familien in aller
Stille vollzogen. Am nächsten Morgen sollte Flora
mit ihrem Bräutigam und dessen Vater zum ersten
Mal dieKirche besuchen und das Abendmahl empfangen;
und es hatte ursprünglich in Johns Plan gelegen,
daß dann zugleich das Aufgebot, und am Tage vor
Nh

-- Z0sß--
Weihnachten die Hochzeit erfolgen solle. Allein die
Eltern der Verlobten waren, wie schon gesagt, durch
den Ansturm der Retirade, von dem Gedanken ab-
gekommen, obschon die beiden Stuben, die man in
Kollmanns Hause hatte frei machen können, zur
Aufnahme des künftigen Ehepaares bereit waren und
dieses in den jüngeren Mitgliedern der Familie
warme Fürsprecher für die Beschleunigung der Heirath
fand.
Dolores hatte es abgelehnt, der Taufe beizu-
wohnen, weil man, wie sie sagte, nicht in Trauer-
kleidern erscheinen dürfe bei dem Eintritt in einen
neuen, Glück verheißenden Lebensabschnitt. Sie hatte
es jedoch zugesagt, am Abende mit den Ihren
zu den Lindheims zu gehen, und es war nur natür-
lich, daß dort die Unterhaltung sich gleich wieder auf
den Ehekonsens für Weihnachten wendete, wie John
die Zustimmung der Eltern scherzend bezeichnete.
Was für die baldige Trauung, was gegen die-
selbe sprach, wurde von allen Theilen und nach allen
Seiten hin in Betracht gezogen. Justine bemerkte,
es sei gar kein Grund vorhanden, die Hochzeit hinaus-
zuschieben; es fehle hier nur ein an rasches Entscheiden
und Befehlen gewohnter Mann wie General von
Stromberg, der mit seiner entschlossenen Fürbitte ihr
und ihrem Manne viele Wochen früheren Glücks be-
reitet habe.
,,Sie sind ja nicht zu erseten, Tage des Glütcks,
die man versäumt hat!' fiel Dolores plötzlich ein,
die bis dahin schweigend zugehört hatte. ,Wer weiß
denn, wann die ruhigeren Zeiten kommen, auf welche
Flora und John vertröstet werden; und was dann
sein kann, wenn sie kommen. Vom Morgen bis zum
Abend kann so viel geschehen!? Sie hielt inne,
wendete sich dann an ihren Vater und sagte:

- Z09 --
, Sie entscheiden ja auch rasch, und Ihnen ge-
horcht sich's gut, lieber Vater! Sagen Sie, befehlen
Sie, daß am dreiundzwanzigsten die Hochzeit gefeiert
werden solf?
Darner lächelte. ,Ich befehle nur, wo ich zu
befehlen habe und wo man mir zu gehorchen hat!
Hier sind Andere, denen die Bestimmung zusteht, ob-
schon ich auch zu der baldigen Hochzeitsfeier rathe.'
, Nuun denn,' rief Dolores mit einem Anflug
von Scherz, der allen völlig unerwartet in ihr kam,
,. nun denn, dann sage ich, die das Befehlen am
allerschlechtesten versteht, daß die Trauung heute in
drei Wochen sein soll; und ich bitte Sie, Herr Lind-
heim, und ich bitte Madame Lindheim, gönnen Sie
den Beiden bald ihr Glück, gönnen Sie es Flora,
ihrem Manne wieder und in seinem Hause der
Weihnachtsengel zu sein! Es ist ja ein so kindlich
schöner, so lieblicher Gedanke, und-
,, Dann kommen Sie zur Hochzeit!' rief Flora
und fiel ihr um den Hals.
Dolores schüttelte das Haupt mit leiser Abwehr.
, Zuur Hochzeit nicht, so wenig als zur Taufe! Aber
wenn Sie in Ihres Mannes Haus den Baum auf-
bauen, dann komme ich l'
Den sanften, bittend zu Herrn Lindheim er-
hobenen Augen, ihrem nur zu richtigen Einwande,
daß kein Mensch wissen könne, wann die ruhigeren
Zeiten kommen wüürden, war nicht zu widerstehen.
,, Gut denn,'' rief Lindheim, , dann kommen Sie,
Madame Joannu! Ich bestelle das kirchliche Aufge-
bot ein für allemal, und wenn mein ältester Sohn
bis dahin auch noch nicht von Wien zurückgekehrt sein
sollte, wird Hochzeit gehalten in meinem Hause--
, Und der Weihnachtsabend gefeiert in dem
meinen !'' setzte Kollmann hinzu. Dolores aber sagte,

-- ZO--
dem Brautpaar die Hände reichend, mit ihrer weichen
Stimme:
,,Sehen Sie, so war ich doch auf der Welt auch
noch zu etwas gut! Nun wollen wir die Tage zählen
und dem rechten, wenn er da sein wird, den Segen
des Himmels erflehen!''
Dz- ßeAsss-e:
= = »ssszs === muupe .ucl.
ik--
sfn
Die drei Wochen, die bis zum Weihnachtsfeste
fehlten, vergingen in einer sich steigernden Unruhe.
Noch immer ritt der König von Neapel, der türkisch
aufgeputzte Murat, durch die Straßen; aber der Rück -
zug der Franzosen, den alle Vorstellungen des Ma-
gistrates nicht zu beschleunigen vermocht, nahm nun
bei der sehr gefürchteten Annäherung der Kosaken einen
rascheren Verlauf. Trotzdem hatte man noch immer
zu besorgen, daß es auch jetzt noch zu harten Zuun-
sammenstößen zwischen den Russen und Franzosen in
der Nähe von Königsberg kommen könne; und daneben
bereitete man sich in Lithauen und in Preußen in
stiller Hast auf eine Volkserhebung in Masse vor,
ohne noch der Zuustimmung des Königs zu derselben
versichert zu sein. Die Krümper waren benachrichtigt,
sich bereit zu halten; für eine Ausrüstung wurde, so
weit sie möglich war, gesorgt und während man noch
den ungemessensten Anforderungen an jedem Tage zu
stehen hatte, brachte män schon jetzt die größten Opfer
für die Zukunft, auf die Gefahr hin, daß sie vergeb-
lich gewesen sein könnten. Was damals in den Ost-
provinzen von Preußen für die Befreiung Deutschlands
gethan worden ist, das darf von Deutschland diesen
mannhaften Stämmen nicht vergessen werden.

Kapitel 20

-- Z11--
Daß unter solchen Umständen an eine große
Hochzeitsfeier nicht gedacht werden konnte, wie sie dem
Ansehen des Kollmann'schen Hauses zustand, und wie
sie zu feiern Madame Lindheim es sich bei ihrem
Reichthum doppelt zur Ehre gerechnet haben würde,
verstand sich von selbst. Die Taufe von Flora hatte
ohnehin in der jüdischen Gemeinde Anstoß gegeben;
und wie die Zeiten lagen, in denen Alle und jeder
Einzelne in jedem Augenblicke mehr noch als sonst durch
die gebieterische Macht des Zufalls auf einander an-
gewiesen werden konnten, war es Lindheim nicht un-
willkommen, daß die Trauung der Tochter in seinem
Hause vor sich ging, daß er und seine Söhne der
Ceremonie nicht in der Domkirche beizuwohnen hatten,
in welche Kollmann eingepfarrt war, und in der
Madame Lindheim die Tochter gern vor dem Altar
gesehen hätte. Nur ein kleines Familienfrühstück hatte
man im Lindheim'schen Hause veranstaltet; und sie
hatte schön ausgesehen, die schwarzlockige Flora in
ihrem Kleide von rosenfarbener Seide, das ein reich
gestickter, weißer indischer Musselin üüberzog, mit den
rosenfarbenen Schuhen und dem blühenden Myrthen-
kranze, unter dem ihr in Freude strahlendes Antlitz
jugendfrisch hervorblickte.
Nach der Trauung war das junge Paar, bald
nach Kollmann und Madame Göttling, in das ihm
bereitete Heim gefahren; und wie Kollmann sich auch
an Flora's ihm anfangs fremde Lebhaftigkeit gewöhnt,
wie angenehm sie ihm allmälig geworden, weil sie
ihn immer heiter zu fesseln und zu beschäftigen ver-
mochte und weil die demüthige Verehrung ihm wohl-
that, mit welcher sie ihm begegnete, fragte er sich
dennoch, als er die Treppe hinabstieg, die junge Frau
an der mit Blumen bekränzten Thür seines Hauses
als Tochter zu empfangen:

-- 1N --
,Was würde Johns Mutter gedacht und em-
pfunden haben, wenn sie jetzt hier an meiner Seite
stände, und hätte die Enkelin der Rebekka als ihre
Tochter in ihre Familie aufzunehmen??
, Wer hat das erhofft in der trostlosen Nacht?
Gott erhalte sie Beide!r rief Madame Göttling, und
gab damit dem Hausherrn, dem Vater, die Antwort
auf seine nicht ausgesprochene Frage. Und mit
feuchten Augen, den Sohn und die Schwiegertochter
umarmend, sprach er:
, Willkommen, meine Kinder! Gott segne Euuren
Eingang in dies alte Haus! Bewohnt es in Glück
und mit Ehren, wie es bewohnt worden ist bis auf
diesen Tag !r
Und nun er es gesagt, war die Sache abgethan
in seinem Herzen; denn sein Wort war ein Wort,
vor Anderen, wie vor ihm selber.
Am nächsten Abende aber, als es fünf Ühr
schlug, und die Musikanten troz der Noth und Plage
in der Stadt, wie seit alten Tagen durch die Straßen
zogen und das Weihnachtslied bliesen, und wie die
frohe Verkündigung durch das Dunkel klang, rührte
es die Menschen dies Jahr noch weit mehr als sonst;
denn was auch hingegangen war über die Stadt und
ihre Bewohner, die Erinnerung an die Vergangen-
heit und der schöne, geheiligte alte Brauch waren
ihnen noch geblieben; und aus der Erinnerung und
dem Festhalten an dem Alten keimte ihnen das
Hoffen auf.
Justine hatte in dem Zimmer, das ihr und
ihrem Manne zum Wohnen und zum Schlafen dienen
mußte, den kleinen Weihnachtsbaum aufgestellt, wie
der enge Raum ihn zuließ. Auf dem Sopha, auf
der Kommode und auf den Betten hatte man die
Geschenke ansgebreitet, welche die Erwachsenen einander

-- Z1Z --
zugedacht. In Körben stand am Boden, was man der
Dienerschaft von Hand zu Hand zu geben genöthigt
war, weil man die großen Tische nicht zur Verfügung
und in der einen Stube auch nicht Platz für dieselben
hatte. Als aber die Familie beisammen war, als
Justine ihren Lorenz und ihre Louise in das erhellte
Zimmer hineinließ und Lorenz jubelnd die aufgestellten
Soldaten mit dem Zuruf: ,bDie Preußen, meine
Preußen!'' begrüßte, und die Frage aufwarf: ,Ob
die Flinte, ob die Kanonen auch schießen könnten?'
--- und als Louise die Mutter und die Puppe zugleich
umarmte, und dann die Puppe fallen ließ in dem
Bestreben, ihre Händchen auch dem Vater entgegen zu
strecken, da leuchteten der Eltern Augen, und sie
und die Kinder allein genossen voll das Glück des
Augenblickes. Denn auf Darners Stirne lastete ein
tiefer Ernst; Virginiens Herz bangte in Sorge nach
dem Geliebten, ohne daß sie wußte, wo ihre Gedanken
ihn zu suchen hatten; und vor Dolores' Augen standen
die dunklen Säle des verlassenen Palastes und die
Nacht, die über dem Grabe auf der Insel San
Michele lagerte.
,,Könnte man wieder zum Kinde werden und
fröhlich sein wie sie!' seufzte sie im Aufwallen der
Empfindung.
Virginie schüttelte das Haupt. ,Kinderspiele
statt der geliebten Sorge um einen Mann, den man
liebt und der uns liebt!'' sprach sie, im Augenblicke
nur an sich selber denkend, ,welch ein Tausch!''
Dolores setzte sich schweigend in eine Fensterecke.
Um wen hatte sie sich zu sorgen, um wen durfte sie
sich sorgen?
Während dessen hatte Frank, der den Vater nie
aus dem Auge verlor, seinen Knaben zu dem Grosß-
vater geführt, daß er diesem danke, daß dieser sich

81--
an ihm erfreue. Darner streichelte des Enkels
frische Wange, der seine Flinte im Arme hielt, und
sagte:
,Recht so, Lorenz, die Flinte immer zur Hand,
und wenn Du sie in der Hand hast, halte sie fest
in der Hand! Und wenn Du schießest, so halte das
Ziel fest im Auge, Junge, sonst geht es nicht! Ver-
stehst Du'e??
, Ja, Großvater!' versicherte Lorenz, legte die
neue, schwerere Flinte an, wie man's ihn an der
alten gelehrt, und sagte: ,So, und dann-
,Feste Hand und festes Ziel!r bedeutete der
Großvater noch einmal. ,Sprich mir's nach!'-
,Ja, Großvater! Feste Hand und festes Ziell
wiederholte der Bube und wollte fort. Darner hielt
ihn zurück.
, Vergiß es nicht, Lorenz!r befahl er. ,Morgen,
wenn Du mir den guten Morgen wünschen kommst,
sollst Du mir das sagen, und alle Morgen! Hörst
Du? Vergiß es nicht!r
,Alle Morgen, Großvater!' versicherte Lorenz
und sprang davon. Der Großvater blickte ihm
flüchtig nach.
,Du bist glucklicher als ich!r sprach er, sich zu
seinem Sohne wendend. ,Ich konnte Dich nicht bei
mir haben in Deiner Kindheit, sah Dich nicht er-
wachsen unter meinen Augen. Ich hatte mich zu
bilden, zu erziehen, zu arbeiten, schwer genug beim
Himmel!- um Dich von Fremden erziehen zu lassen.
Du bist fern von mir zum Mann geworden. Aber
die sechs Jahre, die wir hier mit einander verlebt,
sind nicht verloren gewesen. Sie haben Dich mir
bewährt, Du bist dem Leben gewachsen
, Sie machen mir diesen Abend unvergeßlich,
Vater!r rief Frank.

-- Z1--
,,Es ist eine gute Stunde fütr einen Vater,'
sprach dieser, ,wenn er seinem Sohne sagen kann,
daß er ihn anerkennt, daß er die Zuversicht hegt,
der Sohn werde den Namen, den der Vater aus
Niedrigkeit emporgebracht, mit Ehren fortpflanzen in
dem Geschlecht, das sie beide überleben wird. Es
sind nahezu zehn Jahre, daß ich hierher gekommen
bin, und wir stehen vor einer großen Entscheidung.
Da blickt man wohl einmal rückwärts und vorwärts
in einer Stunde wie diese. Was an Sorge, an Arbeit,
an Opfern vor uns liegt, wird nicht zurückbleiben
hinter dem, was wir bestanden.?
, Vater!'' unterbrach ihn der Sohn. ,Wenn die
Stunde schlagen wird, Sie werden mich nicht hindern,
ihr gerecht zu werden??
, Nein! Wie könnte ich's? Ich dachte daran, als
ich Dich mit Deinen Kindern sah =-?
,, Und ich dachte es auch und sagte mir: ,WJenn
der Vater da ist, sind sie wohl versorgt!
,Aber Frank, kümmerst Du Dich denn garnicht
mehr um uns?? rief Justine dazwischsn. ,Lorenz hat
seine Kanone schon geladen und auf die Festung ge-
richtet! Komm und schieße sie ihm ab !
Die beiden Männer gaben sich die Hände. Der
Kinderfreude und dem Kinderspiele ward ihr Recht
für eine Weile; dann brachte Justine die Kinder fort,
denn es galt, sich pünktlich einzustellen zu dem Weih-
nachtsbaum in Kollmanns Hause.
Die Lichter wurden verlöscht. Man rüstete sich
zum Aufbruch. Justine und Virginie hatten, wie zu
der Hochzeitsfeier die Trauerkleider, die sie mit der
Schwester trugen, durch weiße Spittzen und Schmuck
erhellt und im Augenblick des Fortgehens rief Dolores:
,Ach, ganz in Trauer darf ich ja nicht kommen!?
trat rasch an einen blühenden Rosenstock heran, den

-=- Z1s--
Madame Lindheim ihr als eine große Seltenheit ge-
schickt, brach eine von den Rosen ab und steckte sie
vor ihre Brust.
,Recht so, Dolores!'' sagte der Vater und legte
ihr selbst den Pelzmantel über die Schulter, den man
hereingebracht hatte. ,Der Winter währt nicht ewig,
und es blühen wieder Rosen auch hier bei uns!
Komm, mein Kind l?
Er bot ihr den Arm, gig mit ihr voran, die
Andern folgten.
Auf ihrem Wege trafen sie mit Flora's Eltern
und Brüdern zusammen, traten mit ihnen durch die
im Innern des Kollmann'schen Hauses angebrachte
Ehrenpforte von Tannengrün, unter welcher gestern
das junge Paar seinen Einzug in das alte Patrizier-
haus gehalten hatte, und wie sich dann in Flora's
Wohnzimmer die breiten Flügelthüren aufthaten, wie
sie dastand in dem Kleide, das sie am Tage vorher
getragen, nur einen Rosenkranz statt der Myrthen auf
dem Haupte, umfluthet von dem Lichte des großen
Tannenbaumes, den man herbeigeschafft, da klatschten
unwillkürlich Frank und Flora's Brüder voll frohen
Beifalls in die Hände, und alle Herzen wurden weit.
Alle ernsten und trüben Gedanken verschwanden selbst
in Kollmanns und in Darners Sinn. Sie Alle ge-
nossen es als eine Wohlthat, mit zwei glücklichen
Menschen in Freude aufathmen zu dürfen, dem
Augenblick einmal ganz unumschränkt seine Herrschaft
zu vergönnen.
, Ist sie nicht schön? fragte John mal auf mal
seine Cousine, und erzählte wieder und wieder, wie
seine Frau, er sprach das Wort mit Stolz aus, bei-
nahe noch schöner ausgesehen vor einem Jahre in der
dunklen, engen Kammer der armen Wäscherin, die
natürlich heute mit ihren Kindern einen Hauptantheil

-- Z1 ? --
an der Bescherung hatte, und die junge Frau an-
staunten wie ein himmlisches Wunder, als das
sie auch der eigenen Mutter und ihrem Manne
erschien.
Und in Justine und in Frank wurde der Syl-
vesterball lebendig, an dem sie sjch zuerst gesehen; und
Kollmann dachte seiner Frau nur, um es zu bedauern,
daß sie nicht dabei sei theilzunehmen an dem Glücke.
Auch Madame Göttling genoß die Freude wieder
einmal ihre drei Pflegetöchter und eine so große in
sich geeinte Familie um sich zu haben, als wäre das
Alles ihr Werk allein. In den Lindheins aber, in
Flora's Vater und ihren Brüdern wallte es wie
Rührung auf in dem Gedanken, daß, soweit die
deutsche Zunge klingt und wo irgend germanisches
Blut in den Addern der Menschen rinnt, in dieser
Stunde das Geburtsfest jenes Kindes von jüdischem
Stamme gefeiert wird, das als Mann den Kreuzes-
tod erlitten, um mit seinem Tode seinen Glauben
und seine Lehre von einem allliebenden Gotte zu be-
kräftigen, vor dem die Menschen alle gleich und dessen
Gebot die Nächstenliebe ist.
Es war etwas Großes, etwas Nebevwältigendes
in dem Gedanken an die Millionen, die in dieser
Stunde sich als eine Einheit empfanden durch die
ganze weite Welt; und wenn der Weihnachtsbaum
und die Weihnachtsfreude sie auch nicht bekehrten, sie
wurden ihnen lieb. Selbst Flora's Vater war es
angenehm, sich zu sagen, daß seine Enkel Theil haben
würden an der Poesie, welche von diesem Lichtglanz
sich ausbreitet über das Leben aller derer, denen er
geleuchtet seit den Tagen ihres frühesten Erinnerns,
denen er durch ihr ganzes Leben das Sinnbild bleibt
des Vaterhauses; eine Erinnerung an die Elternliebe,
an die Geschwister und an Familienglück.

-- I1s--
Draußen aber ging einer durch die Straßen ernst
und einsam seines Weges. Der hatte nicht Eltern mehr
und hatte Geschwister nie gehabt. Nacht und Tag war
er wieder einmal im Schlitten vorwärts geeilt durch
das weite schneebedeckte Land. Erst gegen den Abend
hin war er nach Königsberg gekommen, hatte den
mündlichen Auftrag ausgerichtet, mit dem er für den
Landhofmeister betraut war, hatte eine lange Be-
sprechung mit ihm gehabt, und in der Morgenfrühe
sollte er wieder fort; denn die Ereignisse drängten
einander und es galt, vorbereitet zu sein auf jede
Möglichkeit.
Er hatte das Nachtlager, das man ihm im Schlosse
anbot, dankbar angenommen, da es schwer war, ein
Unterkommen zu finden; dann war er hinausgegangen,
sich umzusehen in der Stadt.
Die Kälte war grausam. Der Schnee knirschte
wieder einmal unter seinen Füßen. An dem dunklen
Himmel leuchteten die Sterne in hellem, strahlendem
Lichte; aber von dem sonstigen fröhlichen Treiben des
Weihnachtsabends war jetzt nichts vorhanden. Es war
still in den Straßen.
Er ging vorbei an dem Hause, das seine Groß-
tante, die Gräfin einst bewohnt.' Das Gitter war
geschlossen und Alles dunkel. Er kam über die Schloß-
brücke und sah hinauf nach den Fenstern des Zimmers,
das er inne gehabt, in dem er Glück und Leid er-
lebt. Ein mattes Licht drang daraus hervor. Wer
mochte darin weilen? Wie lange war es her, daß er
diese Räume verlassen! Wie deutlich erinnerte er sich
der Empfindung, mit welcher er damals sich nach
diesen Fenstern zurückgewendet! Es war ihm Alles so
vertraut und doch so fremd.
Auf dem Markte in der Altstadt keine Weihnachts-
buden mit dem bunten Kleinkram für die Kinderfreude.

-- Z19 --
In den Häusern fast überall die Fenster verhängt.
Feierte man den Christabend nicht? Scheute die Freude,
sich zu zeigen neben dem Elend der bettelnden Fran-
zosen, von denen hie und da einer, die Hand aus-
streckend an ihn herantrat?
In Franks Wohnung auch nur Dunkel. Er ver-
muthete, Frank würde sich mit den Seinen bei dem
Vater befinden; und ihn dort aufzusuchen, durch sein
eindringendes Erscheinen die Feier und Ruhe des Festes
zu stören, stand ihm nicht zu. Ein drückendes Gefüühl
des Alleinseins bemächtigte sich seiner; und doch scheute
er sich davor, der Einladung des Landhofmeisters zuu
folgen und die letzten Abendstunden in dessen Hause
zuzubringen. Er wußte, daß er auch in dem Kreise
jener edlen Menschen die Sehnsucht fühlen würde, die
ihm das Herz verzehrte. Er mochte nicht daran denken,
aus der Nähe der Geliebten zu scheiden, ohne wenigstens
einen der Ihren, ohne Jemand gesprochen zu haben,
der ihm sagen konnte, wo sie in diesen Stunden weilte,
der ihm von ihr, mit dem er von ihr sprechen konnte.
Ohne festen Plan, den oft gegangenen Weg ein-
schlagend, um sich wieder nach dem Schlosse zu be-
geben, war er nach dem Domplatze gelangt, und vor
die dem Dome gegenüberliegende Seite des Koll-
mann'schen Hauses gekommen.
Endlich! Da war es hell! Da flimmerte und
leuchtete es aus den Fenstern festlich durch das Dunkel,
und hell auch in des Einsamen Herz. Dort war Kunde,
dort war Trost für ihn zu holen! Da oben bauten I
sie für Johns Braut den ersten Christbaum auf! ,
John, der Onkel, die Göttling, sie Alle mußten da
sein, mußten von ihr wissen; mit ihnen Allen konnte
er von ihr sprechen! Das war Weihnachtslust!
Raschen Schrittes war er die Freitreppe hinan.
Die Ehrenpforte an der Thüre lockte freundlich hin-

-- ZF0--
ein, des alten Dieners Augen begrüßten ebenso den
wohlbekannten Gast. Er fragte, was er bedeute, der
Schmuck des Hauses.
, Gestern war Hochzeit und heute baut unsere
junge Madame zum ersten Mal hier auf!'? antwor-
tete der Alte frohen Tones.
,,Sind Fremde oben?
,Nein, bloß die Herrschaften!r
,,So melden Sie mich!- Nein, melden Sie
mich nicht, ich werde ohne das hinaufgehen!''
,Da wird die Freude erst noch größer sein!'?
sagte der Alte, der Gastlichkeit des Hauses sicher, in
dem er grau geworden war; und wenige Augenblicke
später stand der Frohgewordene in dem hellen Zimmer,
stand er vor ihr, der Schönen! Schön in ihrer
Trauer, wie die Rose auf dem dunklen Gewande,
das sie umhüllte.
,Dolores !'? --,Eberhard !? klang es von seinen,
von ihren Lippen, und wie von einer überirdischen
Erscheinung, von einer Offenbarung überrascht, blickten
die andern staunend und verstummend auf die Lieben-
den hin.
Ihre Hände hatten sich gefunden; aber jäh zu-
sammenfahrend, trat Dolores rasch von Eberhard
zurück und warf sich, Schutz vor sich selber suchend,
dem Vater in die Arme.
, Ich entweihe die Trauer, die ich trage!'
schluchzte sie.
,Auf mein Wort,'' betheuerte Eberhard, ,ich
ahnte nicht, daß ich Sie hier finden würde. Ver-
gebung, Vergebung, Dolores!'r rief er ihr nach, da
der Vater sie mit sich hinweggeführt in das an-
stoßende Zimmer.
Sie waren Beide fassungslos, Dolores wie Eber-
hard. Der Augenblick und ihre Liebe hatten sie über-

-- I2-
wältigt. Alle hatten sie es nöthig, zu begreifen, was
sie eben selbst erlebt. Da trat Frank an den Freund
heran. Die Rose, welche Dolores vor der Brust ge-
tragen, war zu Boden gefallen bei der raschen Be-
wegung, mit welcher sie sich zu dem Vater geflüchtet.
Frank hob sie auf und reichte sie dem Freunde.
, Nimm sie mit Dir als Pfand des Glückes,'?
sagte er halblaut zu ihn, ,und laß uns gehen. Wo
Zeichen gesprochen haben, müssen Menschen schweigen.
Komm, wir gehen zu mir und bleiben beieinander!
Johns Weihnachtsengel ist auch Dir zum Boten des
Lichts geworden, und sie werden hier auch ohne uns
des Lichtes nicht ermangeln und der Freude nicht!'
Virginie hatte sich mit dem Vater und mit Dolores
entfernt. Die Schwestern wachten lange in der Nacht.
Aber auch Darner und Frank und der Baron saßen
noch beisammen unten in dem Konsulatszimmer vor
dem Feuer, das man im Kamine angezündet hatte;
und es war nicht nur von Dolores die Rede und von
Eberhard und von ihrer Liebe.
Als dann Justine heimkam, als Eberhard sich
entfernte, schied er von Darner wie von Frank in
vollem Einverständnisse, Beiden fest verbunden, das
eigene Wollen und Hoffen knüpfend an das große
Allgemeine, an des Vaterlandes Befreiung. Denn
alle Herzen in Preußen schlugen immer leidenschaft-
licher der Stunde entgegen, die ihn bringen sollte--
des Königs Aufruf zu den Waffen!
Lewald. Die Jamullie Darner. Ul.

Kapitel 21

-
z
--- Z2--
Einunddreißigstes Kapitel!
Es war ein Lichtstrahl gefallen in Dolores' Herz.
Man vermied es nicht mehr, in ihrem Beisein von
Stromberg zu sprechen, und sie selber fragte Virginie
in stiller Stunde, ob sie nicht finde, daß er noch
stattlicher, noch männlicher geworden und was zwischen
ihm und dem Vater und Frank verhandelt worden
sei. Virginie hielt nicht zurück mit dem, was sie
davon erfahren, wußte aber der Schwester Empfinden
zu ehren. Und doch kehrten allmälig die Röthe auf
der schönen Wittwe Wangen, das Lächeln auf ihre
Lippen und in ihre Augen zurück. In dem Herzen
der trauernden, vom Leben schwergeprüften Frau,
tauchte ein neues Hoffen in stiller Feier auf und
wuchs empor, wenn auch durch ihr Erinnern noch
verhüllt.
In der Stadt aber hatte man sich keiner Feier,
auch nicht der derWeihnachtstage zu erfreuen; Franzosen
und Russen und die eigene Ungeduld ließen Keinem
Ruhe.
Da die Franzosen an ein Verweilen nicht mehr
denken konnten, suchten sie in wilder Hast zusammen-
zuraffen, was ihnen für ihren Rückzug dienen, zu
zerstören, was sie nicht mit sich nehmen konnten, um
es den Russen nicht in die Hände fallen zu lassen.
Die Pulvervorräthe in der kleinen Festung und in
der Umgegend der Stadt wurden vernichtet; was
man irgend für brauchbar erachtete, ohne Weiteres
aus den städtischen Magazinen, aus den Niederlagen
fortgenommen. Wo die Bürger sich dem widersetzten,
kam es zu Zusammenstößen zwischen ihnen und den
raubenden Franzosen, bei welchen diese den derben
preußischen Fäusten unterlagen, die ihr oder des

- Z2Z-
Landes Eigenthum, wie ihr eigenes vertheidigten.
Bald kam eine beunruhigende Kunde aus dem einen,
bald aus dem anderen Stadttheil.
Es galt nach allen Seiten hin, auch gegen die
Einquartierung in den Häusern, mehr denn jemals
sich zu behaupten. Die Hausfrauen, Justine wie
Virginie, mußten sehen, wie sie sich halfen; denn die
Männer bekam man in den Familien kaum mehr zu
sehen, so lasteten und drängten für Jeden die Geschäfte;
und dabei war man von dem Verkehr mit der übrigen
Welt fast abgeschnitten.
Es kamen keine Zeitungen; was man erfuhr,
erfuhr man als Gerücht. Einem Jeden lag schwer
die Frage auf dem Herzen, was werden würde aus
dem preußischen Armeekorps, das sich von den Fran-
zosen losgesagt, das schon diesseits der Grenze, das
in Lithauen stehen und nur darauf warten sollte,
an der Verfolgung der Franzosen. Theil zu nehmen,
während es nicht wußte, ob sein Füührer ihm bleiben,
oder ihm zur Strafe für seine selbstständige Ent-
scheidung genommen werden würde.
So ging das Jahr zu Ende; aber der erste Tag
des neuen Jahres brachte endlich unerwartet den Be-
ginn der Erlösung für die Stadt.
Am Neujahrstage zogen der König von Neapel
und die französischen Garden von Königsberg ab.
Ein paar Tage später erfuhr man von großen Ge-
fechten zwischen den flüchtenden Franzosen und den
Russen, bei welchen die Letzteren den Sieg davon-
getragen. Am vierten Januar erschienen die Russen
vor den Thoren, obschon die Franzosen unter
Macdonald und Ney, die Stadt noch innehatten.
Abends, als es dunkel geworden war, sah man
den ganzen Himmel gegen Norden und Osten von
den Wachtfeuern der Russen erhellt, und die Ein-
Ay -

=- I24--
wohner erhielten, wie schon vordem, von den Fran-
zosen den Befehl, Lichter an die Fenster zu seten,
um die Straßen damit zu erleuchten. In allen
öffentlichen Gebäuden, in den Amtszimmern der
Regierung, der Stadtverwaltung, der Post waren
die Beamten an ihren Plätzen. In den Familien
saß man in banger Spannung bei einander. Auf
den Treppen, in den Stuben, in denen die Ein-
auartierung untergebracht war, vernahm man ein
unstetes Kommen und Gehen.
Darners Geschäftsbeamte hatten wieder einmal
im Komptoir zu wachen, während er im Rathhause
an seinem Platze war. Das Konsulat war erleuchtet.
Nach des Vaters Anordnung sollten seine Töchter
bei Justine bleiben. Frank kam ab und zu hinauf,
nach den Seinen zu sehen. Die Einquartierung ver-
langte zu später Stunde noch einmal Speise und
Trank. Eine bestimmte Antwort auf die Frage,
was man vorhabe, war nicht zu erlangen. War
es auf einen Kampf, war es auf den Abmarsch ab-
gesehen?
Die Unruhe machte die Minuten schleichen und
lasten. ,Es ist heute, sagte Virginie, als Frank wieder
einmal hinaufkam, ,es ist heute wieder gerade so wie
in der Nacht, in welcher man vor sechs Jahren das
Einrücken der Franzosen erwartete, und der Vater
mich und Dolores zur Ruhe schickte und mit Dir
wachte. Grade so!r
,Nein,' entgegnete ihr der Bruder, ,es ist
anders, und wie schwer es auch sein mag, es ist
besser. Damals waren wir hier Fremde, obschon
der Vater seit drei Jahren hier ansässig geworden.
Wir waren durch kein Gefühl der Heimat mit der
Stadt oder mit dem Lande verbunden, wir wurzelten
nur in unseres Vaters Liebe. Jetzt aber haben wir

-- B--
hier unsere Heimat, haben wir ein Vaterland, und
ich denke an Schillers Wort und an den Tag, da
Eberhard es zum ersten Male vor uns aussprach:
,Alns Vaterland, ans theure, schließ Dich an, das
halte fest mit Deinem ganzen Herzen, hier sind die
starken Wurzeln Deiner Kraft!?- Und wir werden
es zu beweisen haben, Alle- auch Ihr drei Frauen!
daß wir die Kraft der Vaterlandsliebe gewonnen
haben hier im Lande, welche ihre Opfer mit Frendig-
keit zu bringen vermag.- Aber- was ist das,
was geht da vor??-- fragte er, als es plötzlich
laut wurde nebenan in den Stuben und über
ihnen. Auch auf den Treppen wurden rasche Määnner-
tritte, rasch einander folgend, vernehmbar, und die
Thür des Zimmers öffnend, sah er, daß die Ein-
auartierung mit Sack und Pack in Bewegung
war, daß sie ohne ein Wort der Benachrichtigung
das Haus verließ. Einer und der Andere von den
Offizieren rief, als er des jungen Hausherrn ansichtig
wurde, ihm wohl ein ,säieur und ein ,mereik zu;
aber das Gefühl ihrer Schmach machte die Stimmen
klanglos, und als die Nachtwächter die elfte Stunde
ausriefen, zogen in langen, langen Reihen gespenstisch
die Reste der großen Armee schweigend und eilig
durch die Straßen.
,,Gottlob ! ertönte es von Mund zu Munde
und unwillkürlich falteten sich manche Hände; und
mit dem zwölften Glockenschlage der Mitternachts-
stunde huschten schon die ersten Trupps der Kosaken
wieder einmal auf ihren unbeschlagenen Pferden
durch die erhellten Straßen, zu sehen, ob die Stadt
von den Franzosen verlassen sei. Sie wurden mit
Freuden begrüßt.
Im Schloßhof wurden sie mit Speise und Trank
gelabt, ehe sie davon jagten, dem kommandirenden

-
-- ZNs-
russischen General die Nachricht hinauszubringen, daß
seinem Einrücken nichts im Wege stehe.
Am Morgen zogen die Russen ein. Indeß diese
ersten Korps verweilten nicht lange. Es galt, die
Franzosen zu verfolgen. Aber mit um so größerem
Eifer begrüßte man die nachrückenden Regimenter,
die sich vorläufig festsetzten in der Stadt; und seit
dem Tage, an welchem vor sieben Jahren die könig-
liche Familie aus Königsberg geflüchtet war, herrschte
zum ersten Male wieder Freude in den Mauern und
in den Herzen.
Jetzt erst durften sich die Vaterlandsliebe und
die Entschlossenheit frei bethätigen, mit welcher man
in Ostpreußen sich dem Könige schon nach den großen
Niederlagen im Jahre 1806 zu der allgemeinen
Volksbewaffnung erboten, die er zurückgewiesen, hatte;
jetzt bereitete man sie vor, ohne die Aufforderung
zu derselben abzuwarten. Männer wie Frauen
waren geschäftig, ihrer eigenen Einsicht, dem Drang
des Volkswillens folgend, sich auf den Krieg zu
rüsten, während der Mann, der in Rußland den
ersten Anstoß zu dieser selbstständigen Handlungsweise
gegeben, noch immer nicht wußte, ob der König sie
ihm als Großthat, ob als Verbrechen anrechnen
würde.
Darner war wie verjüngt. Ein Volk, das es
sich trotz seiner Königstreue herausnahm, den König
vorwärts drängend zu einer Entscheidung zu treiben,
das entschlossen war, Alles an Alles zu setzen, das
war das Volk, zu dem er gehörte, das waren seine
Sinnes- und Landesgenossen! Ein Volk voll. Muth
und Thatkraft, ein Volk von Männern!-- Die
Dohna, die Schön, die Auerswald, die Aristokraten
und Beamten waren seine Männer, der General von
Hork vor Allen! Darner hatte den Adel gehaßt in

.-- Z? --
seiner Jugend, gering gedacht von den Beamten,
Kaufmannsverbindungen geplant, die den Krieg uun-
möglich machen sollten; und nun reichten alle Stände,
reichten Adel und Beamte, Kaufleute, Bauern, Hand-
werker einander die Häände, nun ersehnte er selber den
Krieg, bei dem auch er seinen großen Einsatz darzu-
bringen hatte- den Krieg als Mittel zur Freiheit
und zum Frieden!
Er hatte seinem Sohne am Weihnachtsabende
das Zugeständniß gemacht, daß diese letzten sechs
Jahre für dessen Entwicklung nicht verloren gewesen
wäären; und er hatte in der nämlichen Stunde es
ebenso in sich empfunden, wie vollständig die Er-
fahrungen dieser Jahre auch ihn gewandelt, der in
sich und mit seinen Neberzeugungen fertig zu sein
geglaubt, als er nach Königsberg gekommen war,
als er sich zugetraut, das Schicksal seiner Kinder
nach seinen Planen und Absichten gestalten zu können.
Er war ein Anderer geworden, aber er durfte sich
sagen: kein Schlechterer!
In der Begeisterung, in welcher man lebte, be-
dachte man es nicht, daß man sich im Augenblick s
.
Truppen in Königsberg erschien, als die Studenten
ihm in feierlichem Aufzuge ihre Huldigung dar-
brachten, als die Stadt Feste zu seiner Ehre feierte,
kehrte auch eine neue Freude ein in Darners eignes
Haus.
Vom Schlosse aus hatten die verschiedenen
Truppentheile ihre Wege nach den Kasernen genommen.
Man hatte die einzelnen Bataillone durch die Lang-
gasse marschiren sehen, aber-
, Kommt denn die Artillerie nicht, kommt sie
nicht? hatte Virginie gefragt und immer vergebens

-- ZZs--
gefragt, denn die Artillerie hatte ihren Weg von
der oberen Stadt östlich eingeschlagen,- um ihre alten
Quartiere auf dem Haberberg wieder einzunehmen;
und dazu hatte Frank von der Straße herauf noch
die Nachricht gebracht, daß ein Theil derselben für
das erste noch außerhalb der Stadt verbleiben werde.
Aber er war doch da, es mußte Nachricht von
ihm kommen! Der Major mußte kommen!
Nachricht drängte auf Nachricht an dem Tage.
Es war damals ein Gefecht wenig Meilen von Königs-
berg zwischen Russen und Franzosen vorgefallen, in
welchem die Franzosen ebenfalls unterlegen. Man
freute sich des von Herzen, bekam jedoch wieder Ver-
wundete zu verpflegen.
Pillau war befreit, die Franzosen aus der Festung
vertrieben. Das war ein Glück, man konnte doch
wieder an Strandwiek denken!-- Allein es war schon
sechs Ühr Abends und noch war der Major nicht da.
Virginie hatte den ganzen Tag im Hause zu
schaffen gehabt. Das Haus mußte wieder für die
Familie bewohnbar gemacht werden, nachdem es durch
Monate wie eine Kaserne benutzt worden war.
Handwerker trieben von früh bis spät ihr Wesen
darin, und nun diese sich am Abend entfernt hatten,
nun saß Virginie mit der Schwester und der
Schwägerin beisammen in dem wieder frei gewordenen
Zimmer des Vaters, und die feinen Hände, die vor
ein paar Jahren mit mühsamsten Kunststickereien
beschäftigt gewesen waren, die Altäre in den ver-
wüsteten Kirchen neu zu schmücken, arbeiteten heute
eifrig mit Scheere und Maß und Nadel und hoben
die schweren Rollen grober Leinwand von dem Boden
auf die Tische und ordneten die fertig gewordenen
groben Männerhemden in Päcke; denn es gab jetzt
für die Frauen aller Stände nur die eine Arbeit:

-- ZZß--
Hemden, Brodbeutel und was sonst zu schaffen war,
für die Landwehr-- für die Landwehr, die aufge-
rusen, einberufen werden mußte---- es konnte nicht
anders sein!-- und für das Pork'sche Korps zunächst,
das Mangel litt an Allem!
Das Pork'sche Korps!-- Und es war sieben
Ühr des Abends!-- Und sie nähten und nähten!
-- Und in dem Zimmer sah es wie in einem Lein-
wandmagazin aus wie jetzt überall, wo Frauen
walteten, die zumt Tugendbunde gchörten, und Vir-
ginie sagte:
, Es ist eigentlich nicht richtig, daß wir Alle nur
immer die groben Hemden nähen! Man müßte doch
auch an die Offiziere denken !?- Und wie sie das
gesagt hatte, lächelten die beiden Anderen und sie
lachte mit- und es war doch schon ein Viertel
nach sieben!-- Das Weinen war ihr näher als
das Lachen, und sie war doch kein Kind mehr. Sie
war ein Mädchen von dreiundzwanzig Jahren, und
älter als ihre Jahre durch die Erfahrungen, die sie
zu machen gehabt. Unbegreiflich, daß er noch nicht
da war, daß er nichts von sich hören ließ, wenn ihn
der Dienst zu kommen hinderte!
Im Vorderhause aber hatte bald nach sieben
Ühr die Glocke an der Hausthüre angeschlagen, die
Thüre sich aufgethan, und fest eingeknöpft in seinen
Oberrock, die Feldmütze tief in die Stirne gedrückt,
war ein Offizier durch die kalte Nacht ins Haus
getreten.
, Herr Stadtrath Darner im Komptoir?' hatte
er gefragt. Der Hausknecht hatte bejahend geant-
wortet, der Offizier war in das Komptoir gegangen,
er hatte den Weg gekannt, und Jener hatte sich wieder
in den runden hölzernen Lehnstuhl zur Seite der
Komptoirthüre niedergelassen, des Dienstes wartend,

-- ZI--
bis er gerufen würde. Er hatte weiter nicht geachtet
auf den Offizier. Es kamen so Viele in das Kon-
sulat und ins Komptoir, Russen sowohl als Preußen,
seit man die Franzosen los war.
Der Offizier wendete sich an den Handlungs-
diener, der zunächst hinter dem Gitter arbeitete.
Die Hand an die Mütze legend, nannte er seinen
Namen mit der Bitte, ihn dem Chef des Hauses
anzumelden.
Der Gehilfe stieg die paar Stufen zu Darners
Arbeitskabinet hinauf. Darner erhob sich auf die
Meldung von seinem Schreibtisch, ging dem Kommenden
entgegen bis zur Treppe. Hand schlug in Hand, es
waren feste Männerhände!
,Willkommen, Herr Major!' rief Darner ihm
entgegen, ,hat der General Nachricht von Berlin,
vom Könige??
,Es sind Kuriere gekommen! Im Korps weiß
man noch nichts Bestimmtes. Es geht das Gerücht,
das Kömmando sode ihm genommen werden !''
,,Und wird er's niederlegen? fragte Darner in
großer Spannung.
,,Auch wenn ich's wüßte, stände die Antwort
mir nicht zu!'' entgegnete der Major.
,Wer gewagt hat für sein Vaterland, was Pork
gewagt, darf auf halbem Wege nicht stehen bleiben!'r
sagte Darner fest.
, Der General ist des Königs Soldat! Wir Mlle
sind des Königs! Auf wen hat man zu bauen,
wenn der Führer revoltirt? Aber sie kann schwer
sein, die Pflicht der Unterwerfung!''
Darner hatte keine Entgegnung darauf, sie waren
ohnehin Beide nicht von vielen Worten, die Stunde
war auch nicht gemacht für solche.
,Aber Sie bleiben hier?? erkundigte sich Darner.

-- Z--
,Wir wissen's nicht, und eben deshalb kam ich
Sie zu fragen, ob Sie mir es gestatten wollen,
Mademoiselle Virginie zu sehen, bevor wir abermals
ins Feld ziehen? Ich habe sie lang und still ge-
liebt=- -
,, Ich weiß es,' unterbrach ihn Darner. ,Meine
Tochter hat mir nicht verborgen, was vorgegangen
zwischen ihr und Ihnen. Mein Empfang wird Ihnen
gezeigt haben, daß Sie mir willkommen sind, im
Vaterlande wie in meinem Hause =?
,So darf ich sie wiedersehen?? rief der Major,
und die Freude klang hell aus seinem Worte. ,Wenn
Sie wüßten, Herr Darner, was Sie mir damit ge-
währen!'
,Zweifeln Sie nicht daran, ich weiß es, was
Virginie werth ist. Sie ist ein fester Charakter, ein
großes, treues Herz! Halten Sie's in Ehren!r
,Müssen Sie mich daran mahnen? fragte der
Major und erhob sich von seinem Plat.
,,Einen Augenblick!' gebot Darner. ,Ich führe
Sie selber zu den Meinen.? Und die Klingel ziehend,
fragte er den eintretenden Handlungsdiener, ob der
Generalkonsul zurückgekehrt sei, der vor einer Stunde
zu dem kommandirenden russischen General berufen
worden war. Der Gehilfe verneinte es.
,So bringen Sie mir die Briefe zum Unter-
zeichnen in meine Wohnung !'' gebot er; dann wendete
er sich zum Major.
,, Kommen Sie, Herr Major!' sprach er, und
ihm voranschreitend, füührte er ihn die Treppe hinauf,
durch den langen Korridor, der die beiden Häuser
verband, nach dem Zimmer, in welchem die drei
Frauen bei einander saßen. Er öffnete die Thüüre,
und die Liebenden lagen einander in den Armen.
Aber Virginie richtete sich auf von des Geliebten

- ZZ-
treuer Brust, warf sich dem Vater an das Herz und
rief unter Thränen der Freude:
,Vater, Vater, Sie sind wie Gott! Alle gute
Gabe und alles Glück kommt uns von Ihnen, kommt
uns aus Ihrer Haund !
,, Verdient es! indem Ihr meinen Namen ehrt.
Lohnt es mir mit Eurem Glück!'r gab er ihr zur
Antwort und legte ihre und des Majors Hände in-
einander.
,,Ulnd nun Du auch!'' flüsterte die neue Braut
heimlich der Schwester zu.
ggggGGggGGGGaggpgaggggggeg ggg
Bweiunddreißigstes Kapitel.
,Also auch Mademoiselle Virginie verlobt!'r rief
Madame Armfield ihrer Freundin Göttling entgegen,
als an einem der nächsten Abende der Frauenverein
sich versammelte, um von seinen Vorsteherinnen neue
Weisungen für seine Thätigkeit zu erhalten, um das
Fertiggestellte an die Hospitaldirektionen und an die
Behörden abzuliefern, von denen für die Ausrüstung
der Landwehr und des Landsturmes gesorgt ward.
,,Das ist eine Heirath, wie man sie besser und
schöner gar nicht denken kann,'' setzte Madame Arm-
field hinzu. ,Ein Mädchen, das sich bewährt hat
wie die beste Frau und ein Mann wie der Major,
da kann man sagenz das ist eine Ehe, die unser
Herrgott im Himmel beschlossen hat. Aber sie
werden warten müssen, die Beiden- und wer ins
Feld zieht- lieber Gott, man darf es gar nicht
denken, nicht heraufbeschwören, und hoffende Liebe
hat ja auch ihr Glück. Fünf Jahre bin ich verlobt
gewesen =?

Kapitel 22

-- LZ--
,Nun, fünf Jahre wird doch hoffentlich der Krieg
nicht dauern,? bemerkte eine der Frauen, um die oft
vernommene lange Brautstandsgeschichte von Madame
Arnfield abzukürzen; ,aber freilich, da man gar nicht
weiß, was werden wird mit dem General und mit
seinem Korps, so--?
,, So werden die Verlobten morgen aufgeboten
werden und im Laufe der nächsten Woche vor den
Altar treten,'' bedeutete sie Madame Göttling.
, In der nächsten Woche? Das ist Darnerisch,
echt Darnerisch!'' rief es hier und dort. Man hatte
jedoch den hinzugekommenen Beamten Rede und
Antwort zu geben, und es war nicht das einzige
Paar in der Stadt, das bei dem nahenden Kriege
zu rascherer Erklärung gekommen und rascher zu-
sammengegeben wurde, als es sonst der Brauch war.
Auch bei Justine und Flora hatte man kurzen Prozeß
mit dem Brautstande gemacht; und die Zeiten waren
vorüber, in denen Madame Armfield sich viel um
die Angelegenheiten Anderer bekümmerte.
Was kam es darauf an, was die Beiden thaten?
Auf die Nachrichten vom Könige kam es an, auf
die Maßnahmen der Stände, die einberufen waren,
auf den Minister Stein, der nach Königsberg ge-
kommen war und vorwäirs, vorwärts drängte, ehe
man noch wußte, ob der König Berlin verlassen, ob
er sich nach Breslau gewendet, ob General von Pork
in seinem Amte bleiben würde und wie weit das
Land vom Feinde frei sei.
Virginie war die Gattin des Majors geworden;
allein wen kümmerte das in der Kaufmannschaft neben
der Kunde, daß fortan die von Napoleon angeordnete
Kontinentalsperre nicht mehr beachtet werden sollte,
daß die Schiffe wieder frei einlaufen würden in die
Häfen, daß man darauf rechnen könne, den Handel

--- ZZ-
wieder aufblühen zuu sehen, Gewinn zuu ernten von
den Produkten, über die man gen Osten, mit den
Fabrikaten und Waaren, über die man gen Westen
Kontrakte abschloß, die geliefert und je nachdem auch
weiterbefördert werden sollten, wenn die Wege benutz-
bar, wenn die Schifffahrt offen sein würde; denn die
Provinzen litten an Allem Mangel, und die Thatkraft,
die zunächst auf den Kampf gestellt war, fing an,
der Friedenszeiten voraussehend zu gedenken, die dem
Kampfe folgen sollten.
Der Januar war noch nicht zu Ende, als man
in Königsberg endlich die Kunde erhielt, daß der
König sich nach Breslau gewendet habe. Preußische
Soldaten besetzten wieder die Stadt, die Bürger
wurden wieder Herren in ihrem Hause, und wie die
Sonne mehr und mehr emporstieg, stieg die Zuver-
sicht in allen Herzen, und ehe noch der Frühling da
war, brach der Volksfrühling an.
Aus eigener Machtvollkommenheit bildete sich die
Landwehr in Ostpreußen und in Lithauen, während
man in Breslau noch mit Napoleon verhandelte und
der Anschluß an Rußland immer noch ausstand. Die
Männer der ältesten Adelsgeschlechter waren die ersten
Freiwilligen, die sich meldeten. Die Studenten verließen
die Hörsäle, die Beamten, soweit sie zu entbehren waren,
die Gewerbetreibenden, die ihre Geschäfte verlassen
konnten, die Aerzte stellten sich zum Soldatendienste;
und als endlich, endlich die Aufrufe des Königs an
sein Volk und an sein Heer erlassen wurden, da fanden
sie die preußische Landwehr schon bereit, und jene
später gedichteten und gesungenen Worte: ,Der König
rief, und Alle, Alle kamen!'' drückten nur aus, was
I?,.======- =« « = =
Virginie hatte mit des Vaters Zustimmung in

-- IZB-
seinem Hause die Zimmer, welche bisher ein franzö-
sischer Oberst mit seinem Adjutanten inne gehabt,
für sich und ihr junges Eheglück eingerichtet, und
weil jeder Tag den Befehl zum Aufbruch der Truppen
bringen konnte, weil man zu fürchten hatte, was man
doch heiß ersehnte, kam in das Bewußtsein der Beiden
sonst so ruhig in sich gefaßten Menschen eine leiden-
schaftliche Inbrunst, die sie ihr Glck doppelt empfinden
machte.
Spähend stand Virginie am Fenster, wenn der
Major am Mittag vom Dienste heimkehrte. --- ,Ist
Ordre da?' war ihre erste Frage.
, Noch nicht, noch immer nicht!'' antwortete er
ihr dann bekümmert, und schlang doch voll Lust seine
Arme um sie; und sie freuten sich des Tages, der
ihnen noch gegönnt war, und die junge Frau schaffte
unter ihres Mannes Augen mit neuer Lust an ihrem
Tagewerk, und Jeder im Hause hatte für sich zu
thun, um sich vorzubereiten für den bevorstehenden
Kampf.
Die Uniform für Frank lag bereit, ein Stell-
vertreter für ihn im Konsulate war in einem älteren,
nicht mehr kriegstüchtigen Beamten gefunden; er hatte
sein Testament gemacht. Darner hatte die Ausrüstung
für seinen Disponenten und für drei seiner Gehilfen
geschafft, ebenso wie für die Diener der beiden Häuser,
die freigegeben worden waren, um eingereiht und ein-
exerzirt werden zu können.
Da, eines Mittags, grade als der Major nach
Hause gekommen war und man sich zum Essen
niedersetzen wollte, brachte das Hausmädchen die
Meldung, der Weinschröter, der Kospott, sei da und
wüünsche den Herrn Stadtrath zu sprechen.
Vorgelassen und eingetreten, blieb er an der
Thüre stehen.

-=- ZZs--
,Was bringt Er? fragte Darner.
,Nichts, Herr Stadtrath! Ich komme von wegen
dem Mitgehen. Der Herr Stadtrath werden's ja wohl
nicht vergessen haben. Mit will ich, und mit muß
ich, aber--
,.Er will als Freiwilliger gehen und ich soll Ihn
ausstatten; das versteht sich, das ist abgemacht. ?
Kospott verneigte sich.
,Schön Dank, Herr Stadtrath! aber das ist nur
das eine; ich hab' noch ein Anderes. Ich hab' zwei
Jungen von sechzehn und von siebenzehn Jahren. Der
eine ist bei nem Schlosser in der Lehre, den andern
hab' ich bei mir an der Hand--
, Und die soll ich versorgen?
,, Nein, Herr! die wollen auch mit. Groß sind sie
für ihrAlter und sie schlagen mir nach; ich hab' sie unten.
,,Laß Er sie kommen!' sagte Darner. -
Kospott rief seine Söhne ohne Umstände durch
die Stubenthür herbei, die beiden Burschen stürmten
die Treppe herauf in das Zimmer und blieben dann
verlegen stehen. Es waren hübsche, frische Jungen.
,Was meinen Sie, Major,' fragte Darner,,sind
sie zu brauchen??
,Sie wollen ja gar nicht in Reih und Glied,
wenn das nicht geht,? fiel Kospott ein, noch ehe
der Major die Antwort gegeben, ,aber Trommler
müssen doch auch dabei sein und Pfeifer auch; und
sie haben's von der Mutter, die ne Hautboisten-
tochter ist, und der Alte hat es ihnen beigebracht.
Der Karl trommelt Alles, Appell und Reveille und
was Sie wollen; und der Fritz bläst alle Märsche.
Und das sehen die Herrschaften ja, auf den Füßen
sind sie fest.?
Der Eifer, mit welchem der Mann nicht nur
sich, sondern auch seine Söhne dem Vaterlande dar-

bot, hatte in der Einfachheit, mit welcher er es that,
etwas Ergreifendes, und nachdem der Major die
Burschen gesehen, sagte er:
,Die halten's durch.
, So werde ich sie einkleiden lassen!' sagte
Darner und sie erhielten die Anweisung, wo sie sich
zu melden hätten, die übrigens kaum nöthig war,
denn wer kannte den Weg nicht, den jetzt so viele
gingen?
,Groß Dank, Herr Stadtrath! -- Geht und
küßt die Hand
Die Burschen gehorchten, die steifen Nacken
beugend. Darner steckte jedem von ihnen ein Geld -
stück zu.
,, Bringt's der Mutter, daß sie Euch was mit-
giebt für den ersten Marsch, sagte er und fragte,
ob Kospott noch mehr Kinder habe.
, Noch zwei Mädchen und nen Kleinen, aber
die Frau hat den Vater bei sich, die helfen sich
schon. ?
, Wir hören nach!' rief Virginie.
, Unsere Männer gehen ja auch!'' sagte Justine,
und obschon ihr, als sie es aussprach, klar bewußt
ward, wie viel größer das Opfer war, was Kospott
gegenüüber den Seinen dem Vaterland brachte, kam
der Gedanke an das auch ihr bevorstehende Scheiden
von Frank, von ihrem Manne, von dem Vater ihrer
Kinder, plötzlich mit solcher Gewalt über sie, daß die
Thränen ihr aus den Augen stürzten.
,Laß das ' gebot der Vater, aber Kospott ging
an sie heran, legte die schwere Hand auf ihre Schulter
und sagte:
, Ja, Madame, das ist nun nicht anders; vorm
Feind sind wir Alle gleich wie vor Gott, und fort
müssen wir, denn wiederkommen zum dritten Male soll
Lewald. Die Familie Darner. 1l.

=- ZZs-
das Pack doch nicht. Aber- wenn's so kommen
sollte, Madame, daß ich nicht wiederkäme, na, dann
halten Sie Wort, Madame! und hören Sie nach!
Adieu, Madame- und schön Dank, Herr Stadt-
rath!r
, Glück auf den Weg!r entgegnete ihm Darner
ergriffener, als er's zeigte. ,Komm Er gesund
zurück mit den Juungen, im Nebrigen verlaß Er sich
auf mich.?
wKaG=seas=saGsöaawöoooo
Dreiunddreißigsies Kapilel
Die Kriegserklärung war erfolgt, die Landwehr-
kavallerie, zu deren Bildung das Land und die Städte,
so verarmt sie waren, die Mittel aufgebracht, war zu-
sammengetreten. Eberhard hatte sich, seinen langen
Karl und zwei seiner Leute gestellt und ausgerüstet.
Am Nachmittag war die Schwadron nach Königsberg
gekommen, am nächsten Morgen sollte der Abmarsch
aller Truppen erfolgen.
Sobald der Dienst ihn freigab, ging Eberhard
in das Darnersche Haus und ließ sich bei Dolores
melden. Alles hatte dort wieder den alten, wohn-
lichen Anstrich gewonnen. In dem kleinen Garten
vor dem Hause waren die Hecken geschnitten, die Beete
bestellt. Die Treppen waren wieder mit Teppichen
belegt, das Zimmer, in welches das Mädchen ihn ein-
führte, empfing ihn mit seiner freundlichen Stille wie
vordem. Fast gleichzeitig mit ihm trat durch die
andere Thüre Dolores in die Stube.
,Also doch! rief sie und hielt, über das Wort
erschreckend, inne; aber sie ging ihm entgegen, sie
gaben einander die Hand.

Kapitel 23

-=- ZZ9--
, Ich komme, Ihnen Lebewohl zu sagen, ich konnte
nicht gehen, ohne Sie noch einmal gesehen zu haben,?
sprach er.
,Ich danke Ihnen, ich hatte es gehofft,'' ent-
gegnete sie ihm.
,Damit ist Alles, Alles gesagt,'' rief er, ihre
Hand an seine Lippen drückend, ,nuun kann ich gehen!'?
, Gehen? sprach sie ihm nach und ließ sich in
dem Sessel nieder, der am Kamine stand. Er nahm
seinen Sitz ihr gegenüber. Die Sonne fiel im Sinken
tief in das Zimmer hinein und glänzte aus dem
Spiegel über dem Kamine wider. Sie hatten manch
liebes Mal einander hier gegenüber gesessen in Freude
an einander, wenn man sich am Sonntagabend hier
versammelt. Das stille, schuldlose Glück ihrer auf-
dämmernden Liebe umschwebte sie in süßem Erinnern.
Es war Alles so ruhig, so selbstverständlich zwwischen
ihnen, als wäre das lange Entsagen, das schwere Er-
leiden nicht gewesen, das jenen Tagen ihrer Liebe
gefolgt war; aber Eberhard konnte dies Schweigen
nicht ertragen.
,,Dolores,' sagte er, ,waren wir nicht lange
geng getrennt? Warum schweigen, warum zögern
wir? Wollen wir uns auch um das Glück dieses
Augenblickes bringen, der rasch genug vorüber sein
wird?-- Als am Weihnachtsabende der Zufall mich
in Ihre Nähe brachte, geboten Sie mir, mein Herz zu
bezwingen, Ihre Wittwentrauer zu ehren. Ich habe
Ihnen gehorsamt und ich würde mich Ihnen nicht ge-
naht haben, bis das Jahr vollendet, ginge es nicht
ins Feld. Auch heute noch wollte ich mich bescheiden,
mich entfernen, nachdem ich Sie gesehen, Ihrem Em-
pfinden und der sogenannten Sitte nachzugeben. Sie,
Dolores hießen mich bleiben, und wie gerne blieb ich!
A

-- Z0 -
Aber soll ich auch jettt, auch in dieser Trennungsstunde
wieder das Geständniß zurückdrängen, das ausge-
sprochen sein will, obschon es dessen nicht bedarf? Sie
wissen, daß ich Sie liebe, wissen, was Sie mir sind,
was Sie mir waren von Anfang an, mir sein werden
bis zum letzten Athemzuge. Wollen Sie mich scheiden
lassen, ohne daß Ihre Lippen mir bekennen, was Ihre
geliebten Augen mir ja nicht verbergen? Sie lieben
mich, Dolores! und, bei Gott! ich bin das werth. Ist
es Pflicht, ist es Tuugend, mit solcher Liebe im Herzen
eine Anstandskomödie zu spielen??
,,Eberhard,'' rief sie, ,sagen Sie das nicht!r
,Es muß gesagt sein,' entgegnete er fest. ,Es
ist nicht Pflicht, nicht Tugend, es ist eine schwere
Sünde, das Glitck dieser nicht wiederkehrenden Stunde
dem Andenken eines ungeliebten Mannes aufzuopfern.?
,Mache mich nicht mir selber abwendig!' flehte
Dolores, sich nur schwer bezwingend.
,Abwendig? wiederholte er; ,wiedergeben will.
ich Dich Dir selbst und mir, nachdem Dein Wort
mir das Recht gegeben, zu Dir zu sprechen, wie ich
zu Dir gesprochen in meinem Herzen all die langen
Jahre hindurch vieltausendmal.?
,Wüßtest Du,' unterbrach sie ihn, ,wie ich viel-
tausendmal mich der Sünde angeklagt, wenn meine
Gedanken Dich gerufen, wie ich gerungen, Dich zu
vergessen !
,,Das, das war Sünde, wie mein Festhalten an
dem Majorate, wie Deine Ehe Sünde war.?
,Ich war ein Kind, mein Vater gebot, Du
hieltest mich nicht!''
,Laß uns nicht rückwärts blicken, nicht anklagen,
nicht richten! In die Vergangenheit reicht des Menschen
Wille nicht; der Augenblick ist unser, die Zukunft liegt
verhüllt vor uns.?

=- ZI -
,Dringe nicht in mich! Ich-. ' und sie stockte.
, Sei nicht kleiner als unser Geschick, als diese
Zeit. Unsere Liebe ist heilig. Wir ziehen in einen
schweren Kampf. Wer aus ihm wiederkehren wird, das
liegt in Gottes Hand. Sprich es nur aus, daß Du
mich liebst, daß Du mein sein willst. Ich weiß, Du
willst's; und ich werde in das Feld ziehen mit der
festen Zuversicht, daß der Herr solch beseligendes Hoffen
nicht zu Schanden werden läßt, daß uns Glitck be-
schieden ist im freien Vaterlande. Gieb mir den Segen
Deiner Liebe mit ins Feld ?
, Eberhard, Eberhard !' rief sie, und ihre Arme
schlangen sich in einander, und ihre Freudenthränen
nehzten seine Wangen, wäährend seine heißen Lippen
inbrüünstig an den ihren hingen; und noch einmal
rief sie: ,Eberhard- nein, so viel Glück zerstört
der Himmel nicht!'
, Nün kann ich gehen,'' sagte er und zog sie doch
aufs Neue an sein Herz, ihre Augen zu küssen, ihr
dunkles Haar zu streicheln, ihr Haupt in seine Hände
zu nehmen und sich zu versenken in ihr Anschauen.
Und sie ließ ihn gewähren und wollte ihn halten und
durfte es doch nicht. Eberhard mußte fort zu seinem
Regimente, daß außerhalb der Stadt in die nächsten
Ortschaften gelegt war.
Es blieb eben noch die Zeit, den Vater, die Ge-
schwister herbeirufen zu lassen. Alle hatten es anders
nicht erwartet. Nicht die Thatsache überraschte, nur
daß es jetzt schon zur Erklärung zwischen den Liebenden
kommen würde, hatte man nicht vorausgesehen. Aber
man war deß froh, und der Major und Virginie sahen
es als den schönsten Schluß ihrer Flitterwochen an,
daß der Freund und die Schwester sich endlich auch
gefunden hatten. Morgen, wenn die Truppen von
ihhren Sammelplätzen den Weg durch die Stadt zu

- ZgZ--
nehmen hatten, morgen gab es für sie Alle noch ein
Wiedersehen.
Am Abend waren die drei verschwägerten Familien
noch bei Frank beisammen, er und Doktor Lindheim,
der mit ihm als Arzt in demselben Regimente diente,
in ihren Uniformen. Die Stimmung war ernst und
gehoben; der Scherz, wenn er auftauchte, verschwand
bald wieder. Die Frauen faßten ihre Herzen zusammen,
aber ihre Blicke suchten die Augen ihrer Männer, und
Hand legte sich in Hand, sobald sie bei einander saßen.
John und der ältere Lindheim fühlten sich ge-
drückt. Man hatte Beide nicht stark genug erachtet für
die Anstrengungen eines Krieges, und wie viel für sie
wie für alle Diejenigen zu thun und zu leisten war,
die zurück zu bleiben hatten, die Waffenthat galt ihnen
höher, galt grade den jungen Männern, dis von ihr
ausgeschlossen waren, allein als That.
Man tafelte nicht lange, es mußte früh aufge-
brochen werden an dem nächsten Tage. Als man sich
vom Tisch erheben wollte, ließ Darner noch einmal
die Gläser füllen.
,Mit Gott für König und Vaterland! rief er.
,, Und somit laßt uns das Beste hoffen, und auf das
Schlimmste gefaßt sein, und zusammenhalten in festem
Verlaß, der Eine auf den Andern!'
Die feinen Gläser klangen hell und lustig. Man
umarmte einander. Dolores blieb dabei allein. Aber
der Vater nahm sie an sein Herz und nur ihr ver-
nehmbar sprach er:
,Da raste, bis er Dich zu holen kommt.?
Alle empfanden sie Darner als ihr Haupt und
ihren Führer; und auch am Morgen, als man von
fern den Trommelwirbel hörte, als die Menschenmenge
sich in den Straßen zusammendrängte, die Scheidenden
noch zu sehen, war Darner der ersten Einer, der auf

-=- ZZ--
den Wolm des Vorderhauses hinaustrat, und die
Anderen folgten.
Durch die ganze Straße waren die Treppen und
die Wolme von Frauen und Kindern dicht besetzt,
Schulter drängte sich an Schulter, Kopf an Kopf. Des
Kospott Frau ihren Jüngsten an der Hand, stand
neben Justine, die ihre Louise auf dem Arme hielt und
den Lorenz zwischen sich und dem Großvater auf einen
Stuhl gehoben hatte, damit Frank ihn, damit er den
fortziehenden Vater noch einmal sehen, seine Müze
schwenken, ihm ,Auf Wiedersehen'' zurufen konnte,
wenn schon der Ruf nicht reichte an des Vaters Ohr.
Bis hoch hinauf zu den Giebeln, zu den Dachfenstern
war Alles voll Menschen und Alle eins in gemeinsamem
Empfinden, in stolzer Freude und in Rührung.
Niemand betete laut, aber das Gebet war in aller
Herzen. Und sie zogen vorüber: Kospotts Trommler
und Pfeifer, und der Kospott und Frank und die Mit-
arbeiter des Geschäfts und Doktor Lindheim in dem-
selben Regiment; dann Eberhard mit den Seinen hoch
zu Roß, und der Major mit den Anderen an der
Spitze des ihm folgenden Artillerieregiments. Und
Freudenrufe und Thränen und klingendes Spiel flossen
ineinander unter dem hellenSonnenlichte, und Bataillon
folgte auf Bataillon, und Regiment dem Regiment; der
Train machte den Schluß. Dann, als der letzte Ton
der Regimentsmusik verflogen war, als kein Auge die
Fortgezogenen mehr erreichen konnte, fingen die Leute
an, auseinander zu gehen. Die Straßen, die Wolme,
die Treppen, die Fenster wurden leer. Es ward still
in den Straßen, still in den Häusern; und still flossen
die Thränen nieder, und in Stille zog das Sehnen,
das Sorgen und das Hoffen in die Herzen ein.
Für Darner jedoch, dem der Sohn und der
Disponent und drei Gehilfen fehlten, begann die

=- ZIz
Zeit einer dreifachen Arbeit, und er zeigte sich ihr
gewachsen, ja, sie verjüngte ihn. Im Geschäfte thätig
wie in den Tagen, da er es gegründet, die Ver-
hältnisse benutzend wie damals, zog er auch den Pro-
duktenhandel wieder in seinen Bereich. Er miethete
Schnellsegler von Rußland und von England. Saat-
korn und überseeische Waaren fehlten im Lande; es
galt, sie herbeizuschaffen im Großen, den Gewinn
daran zu erzielen und ihn fortzuleiten in die kleineren
Geschäfte. Auch im Magistrate galt es, seine Kräfte
einzusetzen, denn alle städtischen Gebäude waren der
Herstellung bedürftig, die Geldverhältnisse der Stadt
in einer Krisis, die durchgehalten werden mußte,
wenn nicht durch eine Zahlungseinstellung grade die
weniger Bemittelten um das Ihre gebracht werden
sollten; und Darner war der Mann, dessen, Einsicht
in die Behandlung der großen Geldgeschäfte, der
Stadtverwaltung jetzt wieder einmal zu Nutze kam,
während auch Strandwiek heraufgebracht und durch
Opfer wieder ertragsfähig gemacht werden, und der
Muth und die Zuversicht der Seinen aufrecht erhalten
sein wollte.
Niemand verließ in diesem Jahre die Stadt.
Es war gar nicht die Rede davon, Justine mit den
Kindern, oder Virginie und Dolores nach Strandwiek
zu schicken. Es verstand sich fur Alle von selbst, daß
man da blieb, wo man die Nachrichten von dem
Heere, von dem Ausbruch, von dem Fortgang des
Krieges zunächst erhalten konnte.
Jeder ging in der Stadt seinem Gewerbe nach.
Seit dem Jahre achtzehnhundertundsechs hatte man
so ruhige Tage nicht erlebt. Der Hafen füllte sich
wieder mit Schiffen, die Wittinen kamen von Ruß-
land und Polen wieder heran, aber wo zwei Menschen

=- ZIJ -
auf einander trafen, ward die Frage gesprochen: ,Hat
man Nachrichten? Weiß man etwas Neues??
Und die Nachrichten kamen und erregten Freude
und erregten Sorge, und selbst die guten Nachrichten
wollten mit schweren Opfern erkauft sein, und die
Siegesbotschaften, die zuerst von Lützen kamen, machten
Thränen fließen- und trauernde Eltern, Wittwen
und Waisen standen da und wollten getröstet sein,
waren zu beschützen, zu versorgen.
Die Posten kamen wieder regelmäßig, doch die
Verbindung mit den Feldposten war nicht so gut ge-
ordnet. Es gab nur selten und unregelmäßige Kunde
von den Kämpfenden. Den drei Frauen in Darners
Hause war, wie allen Anderen, ein weiter Spielraum
gelassen für ihre Sorge.
Tagtäglich ersehnte Justine einen Brief von
Frank, tagtäglich erwartete Virginie die Antwort
ihres Mannes auf ihre Freudenbotschaft, daß sie sich
Mutter fühle, daß sie, wenn er wiederkehre, ihm sein
Kind entgegen zu bringen hoffe, tagtäglich schluug
Dolores die Bibel auf, um eine Stelle zu finden,
die ihr ihr Liebesglück bezeichnete; und wenn man
am Nachmittage mit den Kindern die Fahrt ins Freie
unternommen hatte und bei der Heimkehr wieder keine
Briefe gekommen waren, nahm man sich zusammen,
dem Vater, der für Alle sorgte, die getäuschte Er-
wartung zu verbergen und in seinen Ruhestunden,
die oft spät genug begannen, ihm heiter zur Seite
zu sein.
So war der ganze Frühling hingegangen, der
Sommer nahte seinem Ende, aber es war noch ein
heißer, schöner August. Im Garten hinter dem
Hause blühten die Levkoyen, die Asterns die Stock-
rosen schmückten in ihrer Farbenpracht die Beete,
und wenn in die Schwalben auch schon die Unruhe

-- Z4ß--
des Fortziehens gekommen war, so schossen sie doch
noch fröhlich durch die Luft und aus ihrer Höhe wieder
pfeilschnell hinunter bis auf die Spiegelfläche des
Wassers, wo die letzten Sonnenstrahlen es erwärmten.
Die beiden Schwestern saßen mit ihrer Näherei
unter dem Schatten der großen Nußbäume. Dolores
hatte die Arbeit ruhen lassen. Sie sah träumend
dem Spiel der Schwalben, dem Ziehen der Wolken
zu, und wie sie eine Weile so emporgeblickt, glitten
die Worte: ,Eilende Wolken, Segler der Lüfte, wer
mit Euch wanderte, wer mit Euch schiffte!'' über
ihre Lippen.
Aber sie hatte sie noch nicht zu Ende gesprochen,
als Virginie aufsprang und die Schwester bei den
Schultern erfaßte.
,Was hast Du, was ist geschehen?? rief Dolores,
in das todtenbleiche Antlitz der Schwester starrend.
, Ein Unglück! stieß diese hervor und hüllte ihr
Gesicht in ihre Häinde.
, Rede, rede,? rief Dolores, von Angst ergriffen
bei dem Anblick, ,rede! Was soll denn das heißen??
,Roderich! schluchzte Virginie und sank nieder
auf die Bank.
,Was ist's mit ihm, was ist'?
,,Er hat mich gerufen-- er ist verwundet, er
ist todt!' jammerte Virginie.
Dolores rief das Mädchen herbei, das am
Fenster des Erdgeschosses arbeitete. Sie mochte die
Schwester nicht verlassen, man wollte sie ins Haus
geleiten, aber Virginie wich nicht vom Fleck.
,,Er liegt auf freiem Felde unter Gottes freiem
Himmel, laßt mich mit meinem Kinde unter dem
Himmelsdome bleiben, unter dem er liegt!'- und
die Ühr aus ihrem Gürtel ziehend, sagte sie: ,Sechs
Ühr, sechs Ühr !'-- dann brach sie zusammen.

-=- ZF?-
Man hatte den Vater und Justine herbeigeholt,
Virginie in ihr Zimmer getragen, und sie war all-
mälig wieder zu sich gekommen. Aber kaum hatte
sie ihr Bewußtsein wieder gewonnen, als sie nach
Feder und Papier verlangte, und mit noch bebender
Hand schrieb sie den Datum des Tages und die
Stunde auf das Blatt: ,Den sechsundzwanzigsten
August, Abends um die sechste Stunde.?
Der Vater saß an ihrem Lager und hielt ihre
Hand in der seinen. Der Arzt, den man hatte
kommen lassen, versuchte sie und die Ihren mit der
Erklärung zu beruhigen, daß in Virginiens Zustand
bei der beständigen Aufregung, in welcher sie lebe,
eine Neberspannung der Phantasie nicht auffallend
sei. Obschon der Anfall ohne weitere nachtheilige
Folge für sie verlief, blieb sie bei ihrem Glauben,
daß ihrem Manne ein Unglück zugestoßen sei; und
aller Antheil, alle Nachsicht, die man ihr bewies, ver-
mochten sie so wenig davon abzubringen, als des
Vaters ernste Mahnuung, sich durch ihre Einbildung
nicht zu Grunde zu richten und damit das Leben des
Kindes - zu gefährden, das ihr Mann von ihr zu
fordern habe.
,, Ihr werdet es erfahren von außen her und
schwarz auf weiß, wie ich's erfahren in meinem Herzen
durch seinen Ruf.-- Ich hatte ihm meine Locke ge-
geben, damit er mich rufen könne, und sein treues
Herz hat Wort gehalten! Er hat mich gerufen, aber
wohin, wohin??
Es brachte sie nichts von dieser täglich wieder-
holten Klage zurück, und da sie nebenbei mit ge-
wohnter Treue ihre Pflicht als Hausfrau that,
achtsam wie immer für die Bedürfnisse der Anderen,
so mußte man sie gewäähren lassen, wie schwer es
namentlich den Vater ankam, dem, was er einen

-=- ZIZ--
unheilvollen Aberglauben, eine unglückliche Phantastik
nannte, nicht entgegentreten zu können. Wie sehr
man auch in sie drang, man konnte sie nicht dahin
bringen, auch nur die Spazierfahrten der Familie
zu theilen.
,, Ich muß bleiben, wo seine Gedanken mich
suchen und finden, wenn er noch lebt,? sagie sie
mit Festigkeit, ,und muß da sein in dem Augen-
blicke, wenn die Nachricht eintrifft, die meine Seele
ersehnt. Wie gern, wie gern möcht' ich mich betrogen
haben!'?
Ihre Sorge, ihre Ahnuung gewann allmälig
auch auf die Schwester und auuf Juustine Einfluß.
Der Zug zum Wunderglauben, zu dem Mystischen,
lag gleichsam in der Luft.
Man versuchte, Virginie als unmöglich auszu-
reden, was man nicht für unmöglich hielt. Madame
Lindheim wußte von einem ganz ähnlichen Vorfall
zu berichten, dessen ein russischer Offizier gegen sie
erwähnt. Der Kaiser Alexander selber war dem
Glauben an geheimnißvolle Kräfte nicht abgeneigt.
Madame Armfield gestand ihrer Freundin Göttling
und den Anderen, daß man in ihrer Heimat, daß
man auch auf den Inseln, in Helgoland, und auch
in den großen westfälischen Ebenen merkwüürdige Er-
fahrungen über das zweite Gesicht, über Erscheinungen
aus weiter Ferne gemacht habe; und daß man eben
in Westfalen lange vor dem Herankommen der großen
Armee, sie hatte über die Haiden ziehen sehen, das
hatte nicht ein Einzelner, das hatten Viele aus den
verschiedensten Ortschaften berichtet.
Darüber schwanden die letzten fünf Tage des
August und die ersten im September. Da eines Tages
wachte Virginie nach kurzem Schlafe, wie an jedem
Morgen, mit der Frage auf, was die Ühr und ob

-- ZP--
die Zeitung noch nicht da sei. Ihre ganze Seele war
auf die Zeitung gestellt,
Dolores, die nicht von ihrer Seite wich, erinnerte
sie daran, daß die Zeitung erst in zwei Stunden
ausgegeben werde, und vermochte sie, sich anzukleiden,
ihr Frühstück einzunehmen, der Last der zögernden
Stunden wieder entgegen zu treten wie gestern und
die Tage vorher. Das Leiden, das Bangen der
jungen Frau war so groß, daß Dolores die eigene
Sorge daneben zum Schweigen brachte.
Als es zehn Ühr schlug, trat der Vater in das
Zimmer. Seine Stimme war ernst, sein Antlitz
bleich; er hielt die Zeitungen in der Hand und
ein paar Briefe. Justine kam gleichzeitig mit ihm
herein.
, Ist eine Nachricht da? fuhr Virginie auf.
, Ja, meine Tochter; es ist die Nachricht ge-
kommen von einer großen, siegreichen Schlacht. An
der Katzbach hat die schlesische Armee die Franzosen
gänzlich geschlagen, Schlesien ist befreit--
, Wann, wann?? rief Virginie, nach der Zeitung,
nach den Briefen greifend, ihrer selbst kaum mächtig.
Der Vater behielt sie in der Hand-- und langsam
und dumpf tönten die Worte: ,Am sechsundzwanzigsten
August,' von seinen Lippen.
, Er ist todt,' schrie Virginie, ,todt und sein
Kind, sein armes Kind lebt unter meinem Herzen !''
,,Darum mußt Du leben, mein armes Kind,
leben, um seinem Kinde Vater und Mutter zu sein
in einem.?
,,Leben, leben, wenn er todt ist, wenn er mich
gerufen hat?!?
Man konnte nichts für sie thun, der Schmerz
verlangte sein Recht. Sie theilten ihn Alle mit ihr.
Es war endlich Justme, welche sich so weit zusammen-

b=- KH -
nahm, daß sie an den Vater die Frage richten konnte,
ob denn die Zeitung von dem Tode des Majors
berichtet, oder woher der Vater die Nachricht erhalten,
die seine Worte bestätigt, ohne daß er selbst die Todes-
botschaft ausgesprochen hatte.
,Der Kurier, der die Nachricht aus dem Haupt-
auartier hierher gebracht, hat durch Vermittlung des
Kommandirenden auch einige Briefe mitgenommen.
Es ist ein Brief von Frank für Dich.? Er reichte
ihn Justine hin, sie preßte ihn an ihre Lippen und
verließ das Zimmer. Sie durfte ihre Wonne, ihr
Glück nicht zeigen neben Virginiens Jammer.
,, Und auch für Dich, meine Virginie, ist ein
Brief dabei,'' sagte der Vater.,Das Hauptquartier
ist an dem Abende der Schlacht nach dem Schloß
der Fürstin verlegt worden; sie hat Dir geschrieben.
Der Brief ist offen unter meiner Adresse eingegangen.
Lies ihn selbst.?
,Arme Virginie, arme Frau!'' schrieb die Fürstin.
,Das Vaterland hat sein Opfer von Ihnen verlangt,
und es ist kein Trost, daß Sie dies Schicksal' mit so
vielen Anderen theilen. In der Mitte des Tages,
als der Kampf rund um uns her auf das heftigste
wüthete, brachte man eine Anzahl schwer Verwundeter
in das Schloß. Ihr Mann war unter ihnen. Eine
platzende Granate hatte ihm den linken Arm zer-
schmettert, ein Splitter ihm die Brust durchbohrt, die
Lunge gestreift. Der Blutverlust war zu groß, er
war nicht zu retten; er wußte es. Die Worte, die
ich Ihnen sende, sagen's Ihnen; Sie waren sein
lettzter Gedanke, Ihr Name sein letztes Wort. -
Der Kurier geht fort. Ich muß schließen. Helfe
der Himmel Ihnen, wie den Tausenden, die heut
wie Sie getroffen worden. Kann es Ihnen wohl
thun, so denken Sie, daß eine liebende Hand, Ihres

=- Z5!--
Jammers gedenkend, ihm die Augen geschlossen,
daß die Glorie der Siegesnachricht seinen letzten
Augenblick erleuchtet hat. Ich lasse ihn zur Ruh'
bestatten hier in meinem Park. Um sechs Ühr ist er
gestorben.'?
, Um sechs Ühr!'r schluchzte Virginie, und ihre
brennenden Thränen fielen nieder auf das Blatt,
das der Vater ihr jetzt, reichte. Es enthielt nichts als
die Worte:
, Ich habe Dich gerufen und Du bist mir er-
schienen. Ich sehe Dich, mein geliebtes Weib! Wir
haben gesiegt. Ich liebe Dich! Sei Dir ein Sohn
beschieden, daß er Dich tröste über meinen Tod!--
Ich liebe Dich, mein Weib! Dein Roderich.
Vierunddreißigstes ==--=-
VAfifzl
Zwei junge, schöne Wittwen, lebten Virginie und
Dolores nun wieder in des Vaters Haus; aber als
der Herbst gekommen, als die Schlacht bei Leipzig
geschlagen war, als der Winter nahte, als Dolores
ihr Trauerjahr oollendet hatte und die Deutschen,
Desterreicher und Russen den Rhein überschritten
hatten und die Briefe von Eberhard und Frank von
dem Glück des Wiedersehens immer zuversichtlicher
sprachen, da schwand die Erinnerung mehr und mehr
aus Dolores' Sinn, und die Zukunft trat ihr in
lichtem Glanze nahe.
Und auch in Virginiens thränenschweren Augen
hatte ein Lichtstrahl geleuchtet, als ihr kurz vor dem
Weihnachtsfeste der Sohn geboren wurde, den Ro-
derich ihr gewünscht in seinen letzten Athemzügen.
Es war kein heller Freudentag wie jener, an welchem

Kapitel 24

-=- Z5A -
Lorenz in die Welt gekommen war, aber Dolores
wachte an der Schwester Wochenbett, und Darner
nahm den Neugeborenen in seine Arme, und ihn
küssend, ehe er ihn der Mutter wieder gab, sprach er:
,,Laß ihn mein sein, wie er Dein ist, laß uns
ihm lohnen, daß sein Vater für uns gestorben ist.
Du giebst mir in dem Knaben eine neue Pflicht,
das ist neue Lust am Leben; und nun ruhe aus,
mein Kind !'?
Amn Weihnachtsabend, der in Kollmanns Haus
der eigentliche Feiertag des Jahres war, herrschte
dort wieder das froheste Leben, nachdem der jetzt
wohl versorgten Wäscherin ihr Theil geworden war.
Flora hatte ihr kleines Mädchen unter den Weih-
-nachtsbaum zu tragen, und die kleine Justine, ob-
schon sie sich noch in dem dummen Vierteljahre be-
fand, machte doch die Aeuglein schon weit auf, als
der Kerzenglanz sie berührte; und wenn der Groß-
vater und Madame Göttling sich daran freuten, daß
sie wie ihre Pathin die schönen blauen Willberg'schen
Augen habe, so nahmen die Lindheims das reiche
schwarze Haar, mit dem der kleine Kopf bedeckt war,
für sich in Anspruch, und John betheuerte, daß seine
Tochter mit diesen beiden Eigenschaften eine große
Schönheit werden müsse.
Bei Darners war es still. Die Kinder hatten
ihre Freude gehabt, Kospotts Frau war, reich bedacht
mit ihren Töchtern und ihrem Kleinen in ihre
Wohnung zurückgekehrt, Justine brachte ihre Kinder
zur Ruhe. Darner war mit Dolores allein.
Sie und Virginie waren im November volljährig
geworden, das reiche Erbe, das ihr von ihrem Manne
zugefallen, war ihr ausgehändigt worden, und schon
früher hatte man ihr den kostbaren Schmuck und die
anderen Werthsachen, die sie in Venedig zurückgelassen,

- ZHZ --
nachgesendet, aber sie hatte sie nicht an sich genommen;
sie waren in ihres Vaters Gewahrsam geblieben.
Jett, am Abend, als sie mit dem Vater bei-
sammen saß, fing sie davon zu sprechen an.
, Sie haben neulich, ' sagte sie,,als Virginien
der Knabe geboren wurde, es ausgesprochen, daß wir,
ganz abgesehen von unserer Liebe zu dem armen Kinde,
ihm verschuldet sind für seines Vaters Tod. Ich
kann und werde den Schmuck nicht trggen, die Kost-
barkeiten und Geschenke Polydors nicht mitnehmen
in Eberhards stilles Haus. Ich brauche Ihnen nicht
zu sagen, weshalb ich das nicht kann.?
, Ich begreife Dein Empfinden und ich ehre es,?
sagte der Vater.
,Wäre es nach mir gegangen,? fiel Dolores ein,
durch seine Zustimmung ermuthigt, ,wäre es nach
mir gegangen, ich hätte, wie ich es damals Ihnen
vorgestellt, die Erbschaft Polydors nicht angetreten;
Sie haben es anders gewollt, ich hatte zu gehorchen.
, Gewiß,' entgegnete der Vater, ,denn Geld ist
Freiheit und ist Macht-- Macht zum Guten und
zum Bösen. Du unterschätzest sie, weil Du, im
Reichthum aufgewachsen, den Werth des Geldes und
sein Entbehren nicht ermessen lernen. Dein persön-
liches Vermögen wird Dir und dem Baron viel
Macht, viel Freiheit geben, Gutes zu wirken in Eurer
künftigen Heimat, die schwer genug vom Kriege
heimgesucht und nach allen Seiten hin der Hilfe be-
dürftig ist. Freue Dich ohne trüben Rückblick dieser
Möglichkeit. ?
,Nun denn,' bat Dolores, ,so lassen Sie mich
den ersten freien Gebrauch von meinem Besitze
machen. Verwerthen Sie den Schmuck, die Kostbar-
keiten, nehmen Sie dazu noch eine Summe, die Sie
Lewald. Die Familie Darner. 1.
W

==- ZHH --
bestimmen, und lassen Sie es mein Pathengeschenk -
werden für Virginiens Sohn. Franks Kinder ünd
reich durch beide Eltern, die kleine Flora ist es auch;
da darf der Sohn des treuen Mannes, der sein
Leben für uns Alle hingegeben hat, nicht leer aus-
gehen, und ich werde freier an die Vergangenheit
denken, wenn . . .? Sie konnte nicht aussprechen,
was sie dachte, konnte vor dem Vater nicht sagen,
daß sie ihre Ehe als eine Erniedrigung und Schmach
empfunden, von der sie sich wie von einer Sünde
durch eine Liebesthat zu reinigen wünsche. Sie hob
die Augen zu dem Vater empor und sagte: ,Statten
Sie den Kleinen mit einem eigenen Vermögen aus
meinen Mitteln aus. Ich denke, es wird Virginie
freuen, und es bleibt ja doch genug für Eberhard
und mich.?
,Du bist Herrin, zu thun, was Dir gefällt,r'
sagte der Vater, der wohl begriff, was er ihr damit
gewährte, und es geschah nach ihrem Willen, denn
ansehnlich, wie sie die Summe bestimmte, konnte
Polydors Wittwe sie entbehren, ohne es zu empfinden;
und der Knabe wuchs ihr noch mehr ans Herz, seit
sie vorsorgend für ihn eingetreten war. Er gedieh
vortrefflich und Virginie mit ihm.
Sie hatte es erlangt, daß man ihres Mannes
Leiche nach Königsberg gebracht, als Schlesien und
der Weg gen Preußen frei geworden war. Seit sie
das Grab zu hüten, seit sie den Sohn in ihren
Armen hatte, war sie ruhiger geworden, und die Zeit
übte ihr Recht auch an ihr.
Ein Jahr war vergangen, seit das Pork'sche
Korps und die Landwehr Königsberg verlassen, da
ritten am 1. April am Morgen sechzehn blasende
Postillone vom Brandenburger Thor durch die Vorstadt
und die Langgasse zum Schlosse hinauf, den jubelnden

-- ZIJ -
Einwohnern von Königsberg die am I0. März nach
der Schlacht von Montmartre erfolgte Einnahme von
Paris zu verkünden, und ,Friede, Friede!' klang es
von den Glocken der Thürme hernieder, ,Friede,
Friede !'r war der Gruß, in dem die Menschen sich
zusammenfanden, arm und reich, vornehm und gering,
als bräche das goldene Zeitalter nun heran.
Am H. August aber, an des Königs Geburtstag
kehrten die freiwilligen Jäger, kehrte das National-
kavallerieregiment, und in demselben der Major Eber-
hard von Stromberg, der seine Grade gewonnen in
offener Feldschlacht, in die Heimat zurück. Drei Wochen
später folgten die anderen Truppen, unter ihnen das
Königsberger Landwehrbataillon; und Frank sah schön
aus in der Hauptmannsuniform, und die tiefe Hieb-
wunde, die noch roth an seiner Schläfe brannte, that
seiner männlichen Schönheit keinen Abbruch.
Der Magistrat, dieStadtverordnetenversammlung,
Abgeordnete der Kaufmannschaft, die Generalität,
die ersten Geistlichen, die Chefs der obersten Regie- ,
rungs- und Richterkollegien zogen den heimkehrenden s
EUcke
der Stadt, daß sie das freie, unentgeltliche Bürger-
recht allen denen aus ihrer Mitte darbiete, welche,
ohne es besessen zu haben, in dem großen Kampfe
für König und Vaterland gefochten -- und unter
Anführung der Generalität erfolgte dann der feierliche
Einzug in die Stadt.
Es fehlte aus Darners Haus Niemand als der
Major. Auch Doktor Lindheim war heimgekehrt und
der Kospott mit seinem Pfeifer. Aber der Trommler
und der lange Karl hatten ihr Ende gefunden vor
Paris-- und in Darners Haus zog Virginie sich
AA

-=- ZJ -
mit ihrem Knaben in ihre Zimmer zurück, das Gluck
der wieder vereinten Gatten, die Wonne des Braut-
paares, die Zufriedenheit des Vaters nicht zu stören,
der die Seinen und seine Geschäftsgehilfen am Abend
um sich versammelt hatte, ein hochgeachteter Bürger
des Volkes, das seine Stellung wieder eingenommen
hatte in der Welt und seinen Namen eingezeichnet
in die Weltgeschichte.
Virginie aber saß am Fenster mit ihrem Knaben
an der Brust, und wie Dolores und ihr Bräutigam
und der Vater aus dem fröhlichen Kreise hinüberkamen
nach ihr zu sehen, sagte sie:
,Beklagt mich nicht, ich habe mein Loos gezogen,
wie ich es mir bestimmt. Ihnen, geliebter Vater,
hatte ich mich angelobt, und das Leben und der Tod
haben mich beim Wort genommen. Ich habe Tage
des Glückes gekannt - ach, so großen Glückes!--
Nun, Vater, bleiben wir beisammen, Sie und mein
Sohn und ich, und-- ich werde es auch wieder
lernen froh zu sein mit den Fröhlichen. Nur Geduld
haben müßt Ihr mit mir.?
Als ich im Jahre 184K zum letten Male in
Königsberg, meiner Heimat, und in meinem Vater-
hause verweilte, hatten dreißig Friedensjahre die
Spuren jener Leidensjahre lang verwischt, aber die
Erinnerung an ,die Kriegszeit'' war noch in aller
Leute Munde, und man hörte die alten Leute immer
noch von ihr sprechen, denn ihre Schrecken waren zu
groß gewesen.

-- ZI? -
Konrad Kollmann und Lorenz Darner waren
nicht mehr am Leben, aber die Geschäftshäuser blühen
heute noch.
Darner ist hoch in Jahren gekommen und hat
zuletzt mit Vorliebe in Strandwiek gelebt, den Acker
bauend, hinausschauend auuf das Meer, und mit
historischen und kulturhistorischen Studien beschäftigt;
in Eins zusammenfassend, was er in den verschiedenen
Zeiten seines thätigen und erfolgreichen Lebens ge-
übt. Virginie ist bei ihm geblieben, und wie man
sie in ihrer Jugend scherzend und spottend ,Madame
Virginie'' genannt, so hieß sie auch zu meiner Zeit
überall, nicht die Majorin Kleeman, sondern Madame
Virginie, und jeder wußte sie zu finden, der Rath
begehrte oder Hilfe brauchte. Ihr Sohn und der
jüngere Lorenz Darner waren Theilnehmer in dem
Hause Lorenz Darner und Kompagnie.
Auch heute noch zählen Darners Enkel, die
Darners wie die Strombergs, zu den tüchtigsten
Männern und Frauen in Preußen. Stromberg hatte,
nachdem er, dem Brauche seines Hauses folgend, dem
Staat in der Regierung und als Soldat gedient, sich
frei gemacht, und allein der Landwirthschaft gelebt.
Das Vermögen seiner Frau, das Erbe, das ihnen
später von dem Vater zugefallen, hatten es ihm mög-
lich gemacht, großen Landbesitz zu erwerben. Er hat
sich einen Namen gemacht als Wirth, und in dem
ganzen Geschlechte, in dem ,DDarner'sches Blut' lebendig
ist, ist die Tüchtigkeit vererbt von einem auf den
andern.
Darners Nachfolger haben in unseren Parla-
menten immer auf der Seite des Liberalismus ge-
standen. Sie haben gefochten in den Schlachten in
Böhmen und in dem letzten Kriege; sie sind in der
Kaufmannschaft, in der Beamtenwelt, im Militär zu

= ZHZ -
sinden. Ein Urenkel von Lorenz Darner ist jetzt als
Vertreter des Reichs auf dem Meere in jenen Breiten,
in welchen der entlaufene Hörige Lorenz Darner einst
als Matrose schweren Dienst gewissenhaft gethan; ein
anderer ist in Europa für unsere Kolonien thätig.
Das ist die Geschichte der Familie Darner.
E n d e.
Berliner BuchdruckerelAktlin»Gesellschast. (Setzerinnen-Schule des LetteVereins.s
äe

Im Verlage von Ptto Janke in Perlin ist
erschienen und durch alle Buchhandlungen zu be-
ziehen:
Der Feehof.
Erzählung
Fannn Fewald,
Dritte wohlfeile Auflage. Preis 1 50 Mark.
GzaaGpzFs.pFF
zenediüt.
Roman
Fannn Pewald.
Zweite wohlfeile Auflage. Preis 1 50 Mark.