Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 09

== TF -
sich gewiß fühlte, die sollten, wenn er sich wie bis-
her vor jedem Fehler in der Berechnung seiner
Pläne hütete, die Probe sein auf das Exempel seines
Lebens.

z
esfzff ,r
Zlu.s== -=g- =-=s-
SAfzl
Justine hatte sich mit der Raschheit des Zornes
entkleidet und auf ihr Lager geworfen, ohne daß ihre
Aufregung sich damit besänftigt hätte.
So wie in dieser Stunde war ihr noch nie zu
Muthe gewesen. Was sich bisher gelegentlich und
nicht allzu tief beachtet in ihr geregt, das empfand
sie: jetzt mit großer Schärfe, das sah sie plötzlich so
deutlich, als hätte eine fremde Hand den Schleier
fortgezogen, der ihr bis dahin ihr eigenes Innere
verhüllt. So unzufrieden mit den Anderen, mit
ihrem Onkel, mit der Tante, und mit der Weise,
in welcher man sie geleitet und behandelt, war sie
nie gewesen; und niemals mit sich so zufrieden als
eben jetzt.
Man hatte sie um ihre Freiheit bringen wollen,
ehe sie derselben froh geworden. Man hatte in ihr
eigentlich das Bewußtsein gar nicht aufkommen lassen
wollg, daß sie ihr eigener Herr sei, und sie hatte
das, wie sie sich jetzt anklagte, in träger Lässigkeit sich
gefallen lassen, da sie nichts zu einer Entscheidung
hingedrängt. Johns zuversichtliche Behauptung, sie
wisse ja, daß sie ihm bestimmt sei, hatte sie aufge-
schreckt und zugleich beleidigt.
Es war endlich so gekommen, wie es schon seit
Jahren hätte sein müssen. Sie hatte sich nicht wieder
gängeln, nicht über sich bestimmen lassen, sie hatte
- Hr

== IFZ -=
ihre Freiheit fest und nun ein für allemal gewahrt.
Sie war sich das schuldig gewesen, und doch that
John ihr leid. Es war nicht seine Schuld, daß
die Eltern ihm von jeher eingebildet hatten, er
und kein Anderer werde einst Justinen's Herr und
Gatte sein.
Er-- John ihr Herr? Und bloß weil seine
Mutter ihres Vaters Schwester war?-- Welch ein
Einfall! Welch ein Verlangen! Ihr Herr! Hassen
hätte sie sie alle können für die Einbildung!-
Auch den guten, treuen John!- Denn einen Mann,
dem sie sich nicht mit vollem Herzen unterwarf, der-
es ihr nicht zum Bedürfniß, nicht zur Wonne machte,
ihm zu gehören, ihm zu dienen, den- ja den
würde sie schließlich hassen müssen - aus Verach-
tung gegen sich selbst, weil sie sich so weit vergessen,
sich einem Manne hinzugeben, ohne die innere zwin-
gende Nothwendigkeit dazu zu fühlen.
John gegenüber, daran zweifelte sie bei seiner
Liebe nicht, würde sie die Herrin bleiben. Aber es
gelüstete sie nicht darnach, die Herrschaft im Hause
zu besitzen in dem Sinne, in welchem der Doktor da-
von gesprochen hatte, in welchem die Tante sie bis
zu einem bestimmten Grade ausübte.
,,Es sind elende Weiber, die darnach verlangen!'r
rief sie. ,Ich will' nicht herabsehen auf den Mann,
gegen dessen Namen ich meines Vaters guten Namen
vertauschen soll. Knieen will ich vor ihm und empor-
blicken zu ihm-
Sie musterte die Männer ihrer Bekanntschaft.
Wie Schatten zogen sie an ihr vorüber. Sie hul-
digten ihr alle, aber es war keiner unter ihnen, an
dem ihre Gedanken länger haften blieben, dei dessen
Bild ihr Herz sich schneller regte. Da fielen ihr des
Vetters Worte ein: ,Du liebst Darner!

= ßß ==
Sie lachte bei der Vorstellung. Das war frei-
lich richtig: Darner war der einzige, dessen Gesellschaft
ihr stets Vergnüügen machte, dessen Urtheil großen
Werth für sie hatte. Was er erzählte, war eigen-
artig; daß er viel verschwieg, machte ihn nur an-
ziehender, Es; lag für sie etwas Bestrickendes in seiner
Selbstgewißhsit; aber der Gedanke, seine Frau, die
Frau eines Mannes zu werden, der so viel älter war
als sie, war ihr nie gekommen, wenn schon die an-
deren Männer, alt und jung, ihr unbedeutend und
gewöhnlich neben ihm erschienen. Sie däuchten ihr
so langweilig, die Alltagsmenschen, das Alltagsleben,
die Alltagsehen und das alltägliche Glück, wie der
Onkel es auch ihr zugedacht an seines Sohnes Seite,
der ja zehn Frauen für eine finden konnte, der eine
gute, eine ihn lüebende Frau verdiente-- nur sie
brauchte doch nicht grade diese Frau zu sein.
Es blieb dabei! Für John that es ihr leid, daß
sie ihn nicht liebte, nicht heirathen konnte, denn im
Grunde hatte sie ihn heute noch lieber als sonst; aber
für den Onkel freute es sie, daß sie ihm den Willen
nicht zu thun vermochte. Sie zürnte ihm, sie war er-
bittert darüber, daß er seit ihres Vaters Tode alles
so vorbereitet, wie es für feine und der Tante Ab-
sichten gepaßt, und da'sie den Onkel hochgeschätt, that
es ihr wehe, ihn der Selbstsucht anklagen zu müssen,
ihm nicht mehr vertrauen zu sollen wie bisher.
AAlrglistig hatte er ihr schönes Haus verkauft, als
sie noch zu zung gewesen war, den Werth recht zu
schätzen, den es für sie haben mußte, Herrin in ihrem
Hause und damit auch Herrin über ihr Thun und
Lassen zu sein. Von der guten Göttling, von ihrer
zweiten Mutter, hatte er sie getrennt, um sie ganz
in seine Gewalt zu bekommen; und damit ihr jedes
recht vertrauliche Verkehren mit der berathenden Freun-

==== Z( -
din verhindert werde, hatte er ihr Haus an einen
Mann ohne Frau und Familie verkauft und die
Göttling in dem Hause belassen. Er hatte alles, alles
auf seine Absichten berechnet, und er war doch ihres
Vaters Freund gewesen, er war der Mann, dem ihr
theurer Vater die Zukunft und Zufriedenheit seines
einzigen Kindes anvertraut hatte.
Wenn ihr Vater es wüßte, daß sie nicht mehr
in seinem, in ihrem Hause lebte, daß sie vorüber-
gehen mußte wie eine Fremde an dem alten, eigenen
Hause!
Die Thränen liefen ihr über die Wangen vor
Schmerz, daß man sie dieses alten Erbes beraubt, vor
Empörung gegen den, der es gethan. Und mit der
Nebertreibung, der in solchen Augenblicken die Jugend
stets anheimfällt, rief sie:
,Ich, die reiche Erbin, Justine Willberg, muß
weinen über mein Geschick in einem fremden Hause
wie eine Ausgestoßene, Heimatlose! Wenn mein Vater
seine Justine also sähe, wenn er wüßte, daß die Gött-
ling morgen fremden Mädchen zur Seite stehen wird,
während ich genöthigt bin, morgen, als ob ich das
Gnadenbrod äße oder eine Dienende wäre, dem Un-
willen von Onkel und Tante gegenüber zu treten,
ihnen Rede zu stehen, vielleicht ihre Vorwürfe anzu-
hören, weil ich in ihrem Sohne, in dem Ebenbilde
der Tante, die Vollkommenheit nicht entdecken kann,
die sie und sein Vater in ihm erblicken!'?
Sie mochte nicht daran denken, daß sie auch
ferner in des Onkels Haus zu bleiben habe. Aben-
teuerliche Pläne, sich der Bevormundung desselben zu
entziehen, sich frei zu machen, zogen durch ihren Sinn,
um vor ihrer gesunden Vernunft in nichts zu zer-
fließen; und erst tief in der Nacht schlief sie müde,
niedergeschlagen und verdrießlich ein.

=- Zh -
Es war gegen acht Ühr, als sie erwachte. In
den Straßen war's noch nicht völlig hell. Der Schnee,
der aus den schweren grauen Wolken in dichten
Massen niederfiel, machte es noch dunkler. Drüben
in des Dompredigers Wohnung waren die Läden
schon geöffnet, das Licht von seinem Arbeitstisch schim-
merte durchr die verstiemten Fenster, auch in den an-
deren Häusern thaten sich allmälig die Läden und
Vorhänge auf. Sie kannte die Dienstboten, welche
dabei zum Vorschein kamen, alle von Ansehen. Es
war alle Tage dasselbe, es langweilte sie, hatte sie
immer schon gelangweilt.
Unlustig zündete sie das Licht vor ihrem Spiegel
an, unlustig besorgte sie ihren Anzug. Was half's
ihr, daß sie schön war?
Und nun hinunter zu gehen in das kleine Zimmer
des Onkels, in welchem man frühstückte! Es war ihr
eine Pein!
Auf dem Korridor, auf den Fluren und Treppen,
die sie zu beschreiten hatte, brannte überall noch das
Licht in den von den Decken herniederhängenden La-
ternen. Es wollte heute noch weniger, noch später
hell und Tag werden als sonst zur Winterszeit.
Vor der Thüre der kleinen Stube blieb sie stehen.
Wen würde sie zunächst im Zimmer finden? John?
Seine Eltern? Wie würde man ihr begegnen?
H schämte sich der Scheu, sie rief ihr Selbstge-
fühl zum Trotz- dagegen auf. Denn wen und was
hatte sie zu fürchten? Aber was konnte sie thun gegen
ihres Onkels, ihres Vormunds Willen? Sie konnte
nicht heimlich fortgehen, sich nicht zu Freunden flüchten,
wie sie sich's in der Nacht vorgestellt, ohne sich zum
Stadtgespräch, zum Gelächter der Leute zu machen;
und noch eine lange Reihe vön Jahren hier in diesem
Hause zu leben, nachdem sie die Pläne zunichte

=- ?F ==
gemacht hatte, um derentwegen man sie in dies Haus
genommen, war ihr ein unerträglicher Gedanke. In
der Nacht hatte sie gerufen: ,Hätte er mir mein Haus
gelassen!'' Jet dachte sie: ,Wäre ich frei, wäre ich
mündig, oder wäre ich ein Mann !'? Was aber hin-
derte sie, wie ein Mann zu handeln und frei nach
ihrem Belieben zu entscheiden über sich?
Sie öffnete mit rascher Hand die Thüre, John
und der Onkel kamen aus dem Zimmer ihr entgegen,
boten ihr, fast ohne sie anzusehen, guten Morgen
und gingen an ihr vorüber. Das war ihr auch
nicht recht.
,,Du mußt augenblicklich selbst nach der Post-
halterei hinaus ! sagte der Onkel zu John. ,Nöthigen-
falls mußt Du suchen, Dir einen Befehl von dem
Oberpostdirektor zu verschaffen, denn es wird mit jeder
Stunde unwahrscheinlicher, daß Du noch Pferde be-
kommst. Wer kann wissen, ob für den Hof nicht jetzt
schon alles in Beschlag genommen ist? Und fort mußt
Du! Es war ein großer Leichtsinn, daß Du über-
haupt gekommen bist!r'
Justine wußte nicht, was das zu bedeuten hatte.
Mit ihr, das sah sie ein, stand des Onkels Unruhe
nicht im Zusammenhang und ebensowenig das gewalt-
same Drängen auf die Abreise des Sohnes. Es mußte
etwas anderes, etwas Unerwartetes geschehen sein,
denn sie sah mit Verwunderung, daß auch die Tante,
die sich sonst um diese Zeit noch nicht erhob, in ihr
dunkles wollenes Entredeux gewickelt, bereits am Kaffee-
tische saß, das Frühstück selbst gemacht hatte, was
eigentlich Justinens Amt war, und daß die Männer
es bereits eingenommen hatten.
Der Tante Ausruf: ,Was sagst Du zuu dem
neuen Unglück?? der sie des Fragens enthob, machte
sie erschrecken.

-= ZZ --
, Unglück? Ich weiß von keinem Ungliick! Wo-
von sprechen Sie??
, So haben sie's Dir nicht gesagt?' klagte die
Tante. ,Ach, ich habe es gleich nicht recht geglaubt,
es ist alles nicht wahr! Füür uns und für den König
giebt es kein zküick mehr!'
, Was Ht denn geschehen? fragte Juustine drin-
gend, von der Angst der Tante angesteckt.
,, Die Nachrichten waren gestern falsch. Die
Russen haben nicht gesiegt, sie sind geschlagen. Sie
ziehen sich fliehend auf Königsberg zurück, jede Stunde
haben wir sie zu erwarten und die Franzosen ebenso.
Im Schlosse wußten sie's schon gestern Abend. Gleich
nach der falschen Siegesbotschaft kam die zweite rich-
tige Estafette mit der Unglücksnachricht. Die ganze
Nacht haben sie gepackt im Schlosse; die Postpferde
werden natürlich in Beschlag genommen für den Hof.
Die königlichen Kinder werden fortgebracht. Heute
schon oder morgen gehen sie nach Memel. Der König
und die kranke Königin werden folgen, werden wahr-
scheinlich sich gleich bis jenseits der Grenze flüüchten.
Unser armer König, unsere schöne Königin-- krank
und mit den Kindern !?
Juustine stand in sprachlosem Erschrecken vor ihr.
,, Das zu erleben in dem Lande des alten Friz!'
seufzte die Tante, während sie mit den schmalen Hän-
denKie Thränen von den bleichen Wangen trocknete.
,. Es ist gar zu hart!'?
, Ia, es ist hart!'' wiederholte Justine.,.ie
arme, arme Königin, die armen Kinder! Welch ein
Geschick! Aber wer brachte die Nachricht zu so früher
Stunde?
,,Darner hat es dem Onkel geschrieben, Darner,
der ja alles weiß. Schon gestern Abend hat er es
vermuthet, als er im Schloßhof die Wagen aus den

= ZF -
Remisen ziehen sah. Und jetzt, jetzt wo die Königin
vielleicht über die Grenze gehen muß, wo wir hier
nicht wissen können, ob uns nicht in den nächsten
Tagen dasselbe Schicksal, dieselbe Plünderung wie in
Lübeck bevorsteht, wo John uns alle lieber gleich mit-
nähme aus dem Lande fort nach Rußland, wo man
doch seines Lebens wenigstens noch sicher ist, jetzt läßt
dieser Mann seine Kinder hierher kommen! Doch er
hat Glück, er wird wohl wissen, daß er sicher ist vor
Freund und Feind. Er hat ja seine Fühler überall.
Respektable Leute wie wir hingegen -. ? Sie hielt
inne und sagte dann tief aufseufzend: ,Kann denn
der Onkel fort? Kann ich fort vom Onkel? Darner
als ein vorsichtiger Mann holt sich in dieser Zeit seine
Kinder von aller Welt Enden zusammen, und ich soll
mein einziges Kind, soll John von mir lassen, wo
wir ihn vielleicht so nöthig haben werden hier zu
unserem Schutz. Mitten durch die beiden feindlichen
Heere soll er gehen! Und wenn noch Pferde zu haben
wären! Aber wer wird seine Pferde riskiren? Wer
wird sie den Russen und Franzosen absichtlich entgegen
jagen? Ach, die Todten haben's gut!''
Justine hörte sie schweigend an. Sie wußte,
daß man die Tante, wenn sie aufgeregt war, sich er-
schöpfen lassen müsse, daß es für jeden, außer für
ihren Mann, vergeblich war, sie auch nur auf den
Widerspruch in ihren Reden aufmerksam zu machen.
Aber was kam es auch auf den einzelnen an in
solcher, allen drohenden Gefahr? Die Tante that ihr
leid; das Schicksal der kranken Königin ging ihr mehr
zu Herzen.
Daß John abreisen sollte, bekümmerte sie nicht;
er war ja ein Mann, und sein Fortgehen enthob sie
persönlich großer Verlegenheit.
Indeß es blieb weder ihr noch irgend Jemand

=-- IH -
zu langem Denken und Neberlegen Zeit. Eine dumpfe
Unruhe machte sich geltend im Großen wie im Kleinen.
Die Magd, die man ausgeschickt hatte, auf dem
Markte die gewohnten Einkäufe zu machen, kam mit
der Meldung heim, daß Verkäufer und Käufer gleich
über die ganzen Vorräthe verhandelt, weil man nicht
wissen könne, ob' es möglich sein werde, zum nächsten
Markttage noch in die Stadt zu kommen; und man
hatte sich doch darauf gefaßt zu halten, den Forde-
rungen der einen oder der andern Armee zu genügen,
sowohl die Behörden der Stadt wie die einzelnen
Familien.,
Die nahe Sorge für den Haushalt drängte im
Augenblick den Gedanken an des Sohnes Abreise
zurück.
Während Madame Kollmann mit Justinen rath-
schlagte, wie man sich zu helfen habe, trat der Onkel
wieder ein.
, Habt Ihr Pferde bekommen?' fragten die beiden
Frauen auf einmal.
,, Weder von der Post noch von irgend einem
Fuhrmann!'' entgegnete der Vater. ,Ich hatte gleich-
zeitig mit John ein paar der Leute, aus dem Komptoir
deshalb ausgeschickt; doch haben wir andern Rath ge-
schafft. Wir haben dem Doktor seine Pferde ab-
gekauft, da die unseren für den Weg am Strande
in dieser Jahreszeit unbrauchbar sind.?
,imr gute Doktor, welch ein Freundschaftsdienst!''
rief die Tante.
,, Wie man's nehmen will!' meinte der Vater.
,Pferde sind Mitesser, und baar Geld ist jetzt das
Nöthigste und Beste. Der Doktor kann jetzt noch
Pferde in der Stadt zur Miethe hgben und ist nachher
sicher, daß ihm von' den Russen oder von den Fran-
zosen seine Pferde nicht aus dem Stall genommen

==-
werden. Es sind übrigens ein paar starke Thiere,
für die unsere Kalesche ein Spiel ist. John wird
heute damit ein tüchtig Ende auf der Nehrung,
hoffentlich bis Rossitten, kommen können.?
,, Und nachher, nachher? fragte die Mutter in
ihrer Sorge.
, Nachher? Ja, Schat, auf dem Arm über die
Grenze tragen kann ich ihn Dir nicht. Es hatte
ihn Niemand hergebeten, er ist für seinen Kopf ge-
kommen. Nachher muß er zusehen, wie er sich weiter
hilft, um in das Geschäft zu kommen, wo er hin-
gehört. Er ist nicht schlimmer daran als unser Hof,
als unser König und hat nicht Frau, nicht Kinder
mit sich. Er ist, Gott sei Dank, allein!?
Er ging rasch hinaus, die Mutter folgte ihm;
sie wollte sehen, ob der Sohn noch im Komptoir oder
schon in seinem Zimmer sei, die letzten ihr noch ge-
gönnten Minuten des Beisammenseins mit ihm nicht
zu verlieren.
Auf Justine achteten weder der Onkel noch die
Tante; sie blieb abermals allein zurück. Des Onkels
letzte Worte hatten entschieden ihr gegolten, und sie
freute sich derselben. Nur den Vetter noch wieder
zu sehen, von ihm Abschied zuu nehmen in der Eltern
Beisein, das war ihr zuwider.
Sie trat ärgerlich mit dem Fuße auf, da sie sich
abermals auf dem Gefühl der bangen Abhängigkeit
betraf, das sie sich zum Vorwuurf machte.
Mochte John es damit halten, wie es ihm beliebte,
sie hatte ihn ebenso wenig zu kommen eingelaben als
sein Vater; sie hatte seine Werbung nicht verschuldet,
es nicht verschuldet, daß er sich eingebildet, sie habe
alle die Jahre dagesessen, auf sein Belieben wartend.
Es war gut, daß sie endlich Alle zu einer klaren
Einsicht in ihre Lage gekommen waren, und für John

e ?
war es, wie sein Vater gesagt,' ein Glick, daß er
noch, Gott sei Dank, allein und frei war; für sie
nicht minder. Er hatte nur für sich zu sorgen und
zu handeln. Sie war in dem gleichen Falle, das
war ihr eben recht.
Es war eine ,este, plötzliche Wandlung in ihr
vorgegangen, depeit sie sich bewußt, die nicht mehr
ungeschehen zu machen war.
Sie ging in ihr Zimmer zurück und zog die
u hüre hinter sich zu mit dem Gefühl eines Menschen,
der sich auf seinem Grund und Boden zu behaupten
und von den Anderen abzutrennen denkt.
Sie ließ sich am Fenster vor ihrem Nhtisch
nieder. Neben deni Arbeitskorb lagen in zierlichem
Einband ,Die Leiden des jungen Werther''.
Achtlos, in halber Zerstreutheit, nahm sie das
Buch in die Hand, schlug es ebenso achtlos auf und
ihre Augen fielen auf die Worte: ,Was hilft es,
daß ich mir's sage, er ist brav und gut-- ich kann
nicht gerecht sein !'?
So wenig die Worte an jener Stelle mit ihrem
Zustande irgend etwas gemein hatten, nahm sie sie
doch fitr sich in Anspruch.
,Ich kann nicht gerecht seinI sagte sie, ,und
ich will's auch gar nicht! Aber lieblos will ich nicht
scheinen, denn ich bin ihm ja sehr gut, und unhöflich
will ich auch nicht sein, setzte sie hinzn, als der fitr
John soslimmte Wagen vorfuhr, ,sie möchten sonsi
denken, ich schmollte oder ich bereute!'? Und sich
rasch erhebend, ging sie in die Wohnstube hinunter.
. Sie fand die Eltern und John beisammen, der
Handlungsdiener, der in größter Eile den Paß und das
Visa des russischen Konsuls besorgt, trat mit ihr zu-
gleich in das Zimmer. Der Hausknecht trug den
Pelz, die Pelzstiefel und das leichte Gepäck herbei.

=- ZF =
John gab ihr die Hand.
, Ich war eben auf dem Wege zu Dir!'r sagte er.
,Du konntest ja denken, daß ich kommen würde,
da ich Dich so eilig wußte!'' entgegnete sie ihm.
,Also wir scheiden als gute Freunde? fuhr
er fort.
,Als die guten Kameraden, die wir stets ge-
wesen sind und bleiben wollen, so wahr Gott lebtlr
gab sie ihm zurück, indem sie ihm die Pelzmütze und
die dicken Handschuhe reichte.
Obschon die Mutter in Thränen schwamm und
der Vater zur Eile mahnte, sah Justine, daß beide
Eltern sie beobachteten, als John sich ihr nahte, um
sie wie sonst zum Abschied zu umarmen. Eine Scene
zu vermeiden, ließ sie es geschehen.
,Das nächste Mal gehst Du mit mir !? fllsterte
er ihr zu.
,,So war's nicht gemeint, Cousin !'' antwortete
sie ihm. ,Aber glückliche Reise und komme gut nach
Hause!?
,,Mein guter, guter Sohn! rief die Tante,
nahm seinen Arm und sammt und sonders geleiteten
sie ihn hinab zum Wagen.
Ein kalter Wind trieb den Schnee gegen die
Thüre, das Wetter war sehr schlecht.
Der alte Hausknecht und Kollmann selber reichten
dem Scheidenden die Sachen in das leichte, halbver-
deckte Gefährt. In ihren Pelzmantel gehüllt, winkte
die Mutter ihm ihre Grüße zu. Worte aus warmem
Herzen rief sie ihm noch nach.
John grüßte sie, grüßte Justine, und die Ka-
lesche war um die Ecke gebogen, war ihrem Blick
entschwunden.
Justine, sich die kalten Häände reibend, eilte den
Eltern voran in das Haus zurück und die Treppe hinauf.

=- Iß -
, Hatte ich Unrecht, wenn ich Dir immer sagte,
daß sie gemüthlos ist?' fragte die Mutter, als sie am
Arme ihres Mannes dem Mädchen langsam folgte.
,.Thorheit! Was nennst Du gemüthlos? Sie
weiß, daß sie eine vortreffliche Partie, daß sie schön
ist, und hat ßch bitten lassen wollen, das verdenke
ich ihr nicht. Hätte er bleiben, wie ein vernünftiger
Mensch um sie werben können, so hätte sie sich be-
sonnen. Die Verlobung in aller Geschwindigkeit,
das Heirathen zwwischen Thür und Angel hat ihr nicht
behagt. Warum mußte es denn auch gerade jetzt
sein, wo er ohne allen vernünftigen Grund leicht-
sinnig von seinem Platz gegangen war? Aber Du
hast ihn von Kindheit an gewöhnt, Alles, was ihm
eben durch den Kopf ging, in der Minute durch-
zusetzen. So hat er's auch mit Justinen zu halten
gedacht, und daß sie da nicht gleich mitspielen wollte,
das machst Du ihr sehr unnöthig zum Verbrechen.
Ich bin im Gegentheil zufrieden, daß sie besonnener
als er gehandelt hat, vor Allem aber, daß er fort
ist. Sie ist gut bei uns aufgehoben und läuft ihm
ja nicht weg.?
,, Vergebe ihr's, wer's kann- ich nicht!' wieder-
holte die Mutter. ,Ist sie es denn nicht allein, um
derentwillen er gekommen ist? Hst sie nicht also der
Anlaß all meiner Angst und Sorge? Ach, was ein
Mutterherz erduldet in dieser Zeit, das weiß kein
Rag. das weiß nur Gott! Justine lachte, wie er
sie so zärtlich küßte, das vergesse ich ihr nie!'
,, Auch nicht, wenn John es will?
Darauf blieb sie ihrem Manne die Antwort
- schuldig.