Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 10

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Der letzte Tag des Jahres war herangekommen,
und er hatte herzbedrüückende Sorge gebracht. Man
hatte das Schlimmste zu befürchten und wollte doch
hoffen, ohne sich sagen zu können, worauf man dieses
Hoffen gründete. Man suchte nach der Möglichkeit,
welche Abwehr des Unglücks bringen konnte, und ein
Jeder wollte neben dem unabweislichen Tagewerk noch
irgend etwas Besonderes thuun, um sich nicht seine
gänzliche Ohnmact gegen das allgemeine Schicksal
eingestehen zu müssen. Von einer Stunde zuur andern
wollte man sich den Schein des freien Willens wahren,
um das bittere Erleidenmüssen nicht in seiner ganzen
Entsetzlichkeit zu empfinden. Es war wie in einem
Hause, über dem der Todesengel schwebt. Daß dieser
Zustand über der ganzen Einwohnerschaft lagerte,
machte ihn noch aufregender und quälender.
Wie an jedem andern Tage ging man den Ge-
schäften nach, aber ohne Zutrauen zu der Wirkung
seiner Arbeit. Das Militär hielt seine Parade, die
Stadtsoldaten bezogen die Stadtwachen, in den Ge-
richten und Kollegien that man seine Schuldigkeit, die
Kaufleute kamen wie sonst an der Börse zusammen.
Man verabredete Geschäfte, gab und empfing Auf-
träge, man schrieb Briefe in den Komptoirs. Indeß,
ob man die Aufträge würde ausführen können, ob -
die Briefe jemals in die Hände derjenigen gelangen
würden, für die man sie bestimmte, das war mehr
als fraglich. Feldjäger und Kuriere kamen von
Ost und West nach dem Schloß und wurden von
dort wieder rasch entsendet. Wo zwei Menschen
auf einander trafen, trat der dritte hinzu, um sich
zu erkundigen, was die anderen etwa erfahren haben

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und aussagen mochten. Die abenteuerlichsten Gerüchte
tauchten auf, wurden von Mund zu Mund ge-
tragen und fanden Glauben, denn was war jetzt
noch unmöglich nach den Ereignissen des letzten
Jahrzehnts und dieses unheilvollen Jahres, dieser
leyten Tage? -
Am verwichenen Abend hatte man an Jlluumina-
tionen, an Siegesfeste gedacht, heute hatte Niemand
Lust, zu den Gesellschaften und Bällen, die am Syl-
vesterabend in den Familien und in den Ressourcen
veranstaltet zu werden pflegten. Auuch Kollmann,
der zu den drei Vorstehern der großen Kaufmanns-
ressource gehörte, stand der Kopf nicht darnach und
seiner Frau noch weniger. Sie hatte gleich am
Morgen erklärt, daß von einem Besuchen des Balles
für sie nicht die Rede sein könne, während ihr armer
John durch Schnee und Eis seinen Weg in dieser
unseligen Sylvesternacht zu suchen habe.
Kollmann hatte es schon selber in sich erwogen,
was es mit dem Ballfest werden sollte, nach welchem
auch er, der sein Theil Sorge wie jeder Andere mit
sich herumtrug, kein sonderlich Verlangen spürte, und
noch war er zu keiner Entscheidung darüber gekommen,
als er am Mittag nach der Börse ging.
Kaum in derselben angelangt, traten seine
Kollegen, die beiden anderen Vorsteher der Ressource,
der schwedische Konsul und der Kommerzienrath Berken-
hagen, ihn mit der Frage an, was ihnen heute in
Bezug auf den Ball zu thun obläge.
t Ich meine, sagte der Konsul, der seine Unrast
nicht verbergen konnte, ,man macht gleich hier an
der Börse den Anschlag, der den Ball absagt, denn
den Ball zu geben, während uns vielleicht die
Bomben in die Stadt fliegen; davon kann doch nicht
die Rede sein?
Lewald. Die Familie Darner. T.

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,Die Bomben in die Stadt fliegen? unterbrach
ihn Kollmann.
Der Konsul beachtete es nicht.
,, Von hier aus, fuhr er zu sprechen fort,,kommt
die Weisung am raschesten in die Familien, und jede
Familie hat noch volle Zeit, die von ihr geladenen
Gäste zu benachrichtigen. Die Russen sollen gestern
schon in Heilsberg gewesen sein. Sie sollen--
, Ach, die Russen! Mit den Russen, unseren
Freunden, hat es ja keine Noth!? rief der Kom-
merzienrath in gerechtester Sorge um die englischen
Manufakturwaaren, welche er in Hoffnung auf ein
fortdauerndes Steigen ihrer Preise noch in seinem
Packhause lagern hatte. ,Mit den Russen hat es
ja keine Noth, aber die Franzosen rücken in Eil-
märschen heran. Kommen die Franzosen, verbrennen
sie die englischen Waaren hier wie in Hamburg,
plündern sie hier wie in Lübeck==? Er vollendete
den Satz nicht, als könne das Aussprechen der Be-
fürchtung sie zur Thatsache machen, sondern fügte
mit stillem Ingrimm nur hinzu: ,Und wer hat uns
in dieses Elend gebracht als die charakterlose, zu-
wartende Politik des--
, Stll, still!' warnte der Konsul. ,Sie wissen
oben selber nicht, wo aus noch ein, und die verläß-
lichen Nachrichten, die sie haben, halten sie zurück. ?
,, Das ist's ja eben!'' rief der Kommerzienrath.
,,Sie salviren sich; sie lassen packen, sie schicken die ,
Kinder fort. Der Leibarzt der Königin, den mein
Bruder bei seiner Frau zu Rath gezogen-- sie hat
auch das Nervenfieber wie dieKöniginsagt, im Schloß
hätten sie völlig den Kopf verloren. Sie sollen--r
Die Fassungslosigkeit der beiden sonst besonnenen
und verständigen Männer ward Kollmanns ruhigem
Sinn zu viel.

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, Nun,' sagte er, ,wenn sie auf dem Schloß den
Kopf verlieren, wird's wohl um so nothwendiger sein,
daß wir hier unten in der Stadt und an der Börse
ihn für das Erste nach oben, und das Herz auf dem
rechten Fleck zu behalten trachten. Wenn die Welt
untergeht, fallen die Sperlinge vom Dach; das ist
nicht zu ändern, Aber noch find ja die Russen nicht
vor unseren Thoren. Wenn sie nicht Flügel haben,
können sie auch noch nicht in Heilsberg sein, und
auch die Franzosen sind noch nicht in unserer Nähe.
Unser König aber ist noch in unserer Mitte, seine
Truppen sind noch in der Stadt, er ist Herr in der-
selben, wie wir Herren sind in unserem Hause!'
Er hielt einen Augenblick inne, denn er kannte
und würdigte so' gut wie die Anderen die Gefahhr,
in der man schwebte, aber er wollte sich nicht unter-
jochen lassen von dem Schatten, den sie vor sich her-
warf; und mit fester Stimme setzte er hinzu: ,Ge-
rade da wir nicht wissen können, was das kommende
Jahr, was der nächste Morgen uns bringen, was
uns an demselben möglich sein wird, was nicht,
wollen wir handeln, als wären wir aller Zukunft
sicher. Welcher honette Mann stellt seine Zahlungen
ein, so lange er solvent ist? Noch sind wir solvent!
Wir haben wie in jedem andern Jahr den Ball an-
gesagt und zu ihm eingeladen, sind ihn also schuldig
uKd werden unsern Sylvesterball geben wie in allen
anderen Jahren, denn so gehört es sich!
,, Wenn aber die Russen uns doch dazwischen
kommen? fragte der alte Kommerzienrath, und sein
kleiner Zopf mit der großen Bandschleife begleitete
das bange Schütteln seines Hauptes in leiser Mit
bewegung.
,, Wenn die Russen, unsere Freunde, kommen ---
so finden sie uns bei der Tafel, tafeln mit uns und

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trinken mit uns auf das Wohl des Königs, auf das
Wohl des Vaterlandes und auf bessere Tage; denn
was jetzt auch über uns ergehen mag, Preußen geht
nimmermehr zu Grunde, so wenig wie seinerzeit der
alte Fritz nach Kunersdorf. Ein Volk wie wir, das
richtet sich auch nach der tiefsten Niederlage wieder
auf wie er, und wartet auf seinen Tag!r
Da er sah, daß man auf seine eifrige Unter-
haltung mit seinen Kollegen aufmerksam geworden
war, hatte er die letzten Worte absichtlich so laut
gesprochen, daß sie rund um ihn her vernehmbad
geworden waren, und er hatte, wie jeder Muthige
unter Entmuthigten, ihnen eine Wohlthat mit seiner
Entschlossenheit erwiesen. Niemand wollte sich jetzt
als einen Kleinmüthigen neben ihm zeigen. Die
juungen Leute hatte er ohnehin sofort auf seiner Seite
gehabt. Alles grüßte ihn mit doppelter Verehrung,
und diese Anerkennung that ihm wohl an solchem
Tage.
Als er die Börse verließ, begleitete ihn ein
Jugendgenosse seines Sohnes, der unlängst von Eng-
land heimgekommen war.
,Sie sind der Mann für diese Zeit, Herr Koll-
mann !'' sagte er mit der leicht entzündeten Hoffnungs-
lust der Jugend. ,Sie denken mit Shakespeare:
Komme, was kommen mag! Zeit und Stunde rennt
auch durch den rauhesten Tag !
Kollmann wiegte langsam das ernste Haupt.
,,Gewiß,'' entgegnete er, ,gewiß, das ist richtig
und es klingt sehr gut! Nur vergessen Sie es nicht,
mein lieber junger Mann: es giebt doch leider Tage,
deren vierundzwanzig Stunden dem Einzelnen sehr
lang währen können. Es kann viel gelitten werden
an solchen Tagen, die schwere Opfer fordern, und
es erlebt so mancher ihre letzte Stunde nicht! Da

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aber der heutige Tag hoffentlich noch unser ist, so
mag unsere junge Welt seinen Abend wie gewohnt
genießen. Es wird ohnehin heute nicht Jedem so
gut werden. Mein Sohn wird dieses Jahres letzte
Stunde, wenn er Glütck hat, in irgend einem Krug
auf der Nehrung verrinnen sehen.?
,, War John denn hier?' fragte der junge Mann.
, Ja, in Geschäften für einen Tgg. Er ist ein
rühriger Passagier, gestern früh gekommen mit einem
der Kuriere, heute Morgen wieder fort mit unserm
Gefährt.?
Damit entließ Kollmann seinen jungen Begleiter.
Es hatte Jeder geng für sich zu denken. Als er in
seinem Hause durch den stillen Hausflur die breite
Treppe hinan und' durch das geräumige Speisezimmer
ging, um sich zu seiner Frau zu begeben, umfing
ihn das Behagen dieser Räume. Unwillkürlich streifte
sein Blick den wohlgeordneten Eßtisch, das alte hol-
ländische Porzellan, das schwere Silberzeug, das, so
lang er sich zu erinnern vermochte, schon bei seinen
Großeltern auf diesem Tisch gestanden, und er konnte
sich des peinlichen Gedankens nicht erwehren, wie
bald vielleicht ungebetene Gäste an diesem Tische
speisen, wie dieses alte Familienerbe leicht nicht lange
mehr auf diesem Tische stehen, sondern fortgehen
werde-- wer konnte sagen, wohin?
Er sprach's jedoch nicht aus, sondern, mit seinemt
klaren Auge Frau und Nichte grüßend, rief er ihnen
die Frage zu, ob Mlles bereit sei für den Abend.
,Wassolldenn bereitsein? erkundigtesich dieFrauu.
, Nun, Justinens Bezauberungsapparate und
- Deine neue, von Dir selbst bewunderte Flatteuse mit
den Brüsseler Kanten.?
, Mit der Angst um John im Herzen soll ich
zn einem Ball gehen? Ich sagte Dir schon am

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Morgen, daß ich daran nicht dächte! Und das kannst
Du auch im Ernst nicht von mir verlangen, lieber
Mann! sprach die Mutter.
, Und wenn ich's doch verlangte? wandte er
ihr ein.
,,So würde ich doch zu Hause bleiben, lieber
Mann, denn ich bin nicht wohl. Mir ist nicht gut
ums Herz!''
,Das glaube ich Dir gern! Aber wem ist denn
heutzutage wohl, mein alter Schatz? Und gerade
darum laß ich heute nichts gelten als das, was ich
für das Richtige halte, und Du wirst Dich dem auch
fügen, mir zu lieb! Denn Konrad Kollmanns Frau
darf gerade heut nicht fehlen!?
,,Der Ball wird also gegeben?? fragte Justine,
die dies nicht erwartet hatte, und ihre Augen leuch-
teten, denn ihre Jugend war des drückenden Miß-
muths in der Gesellschaft ihrer Tante müde.
, Ja,' entgegnete der Vater. ,Sie hatten's an
der Börse anders vor. Sie waren verzagt und
traurig wie die Tante. Ich habe ihnen aber den
Kopf zurechtgesetzt und setze nun meinen Kopf darauf,
daß meine Frau nicht anderer Meinung ist als ich.
Zum Fürchten bleibt uns Zeit. Wir werden vielleicht
auch Zeit und Anlaß zum Klagen haben. Zunächst
aber gehen wir zu Tisch. Am Abend macht Ihr
Euch so schön als möglich; legt Euren Schmuck an,
ich werde Justine die Perlen ihrer Mutter geben,
damit sie sie doch einmal getragen hat-
,,Ehe die Kosaken oder die Franzosen sie uns
nehmen! schaltete mit Seufzen die Mutter ein, ihre
Hände faltend.
, Ea, denn möglich ist das allerdings, wenn
schon der Himmel es verhüten wolle; und da John
sich diese Nacht in der Jahresscheide ohne Zweifel