Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 11

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den steifen Grog machen wird, zu dem Du ihm das
Material im Flaschenkorb mitgegeben, so stoßen wir
in der Ressouurce darauf an, daß wir dent nächsten
Sylvester hier mit ihm gemeinsam feiern !
, Gebe Gott, daß dies ein Wort sei!' flehte
Madame Kollmann, sich in ihr Schicksal ergebend,
da sie wußte, daß gegen einen so bestimumt aus-
gesprochenen Willen ihres sonst fü sie sehr nach-
giebigen Mannes keine Einwendung zu machen sei.
Als er sie dann aber bei der Hand nahm und mit
ihr zum Essen ging, konnte sie doch die leise wieder-
holte Bemerkung nicht unterdrücken, daß er es Justine
leicht mache, über das schwere Unrecht hinwegzu-
kommen, welches sie gegen John und gegen sie
Beide begangen habe.
,. Fühlst Du denn das Alles gar nicht? fragte
sie voll Schmerz und Unmuth.
, So gut wie Du, gab er ihr zurück;,aber
eine Taube, die sich zu verfliegen droht, muß man
nicht verscheuchen, sondern locken! Vorwärts, ich
bringe guten Appetit mit! Kommt zu Tisch!''
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Elftes ==-s-= --
CAfif,s'
In dem großen Saal des kneiphöfischen Rath-
heuses, den man für solche Fälle benuutzte, hatte sich
gegen die achte Stunde die Gesellschaft so wie sonst
versammelt. Die Kaufmannschaft, die Beamten, das
Militär und der Ael hatten der Einladung des
Handelsstandes die gewohnte Folge geleistet.
Zwischen den schweren gllegorischen Hautrelief
gestalten, welche die Decke trugen und schmückten,

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hingen die alten, vielarmigen Messingkronen nieder
und beleuchteten mit ihrem Kerzenschein die Reihen
der Frauen. Sie hatten auf der den Saal um-
gebenden niedrigen Estrade ihre Plätze eingenommen,
während die Musik von der Galerie über dem Haupt-
eingang freudigen Klanges zum Tanz aufspielte.
Die Polonaise, in welcher die älteren Männer
und Frauen, den Ball eröffnend, sich der Jugend
zugesellt, war vorüber. Die Frauen hatten dabei
ihre engen Schleppenkleider, ihre Spitzenflatteusen,
die türkischen Bunde mit den in die Mode gekommenen
Paradiesvögeln auf denselben, ihre Brillanten und,
soweit ihre Wohlerhaltenheit es gestattete, auch ihre
persönlichen Reize nach der üblichen Sitte unverhüllt
gonng zur Schan gestellt. Der langsame Schleifer
war zum schicklichen Beginn des eigentlichen Tanzes
mit den sanft sich wiegenden Bewegungen ausgeführt
worden, in welchen die jugendliche Anmuth der
Gestalten sich harmonisch zu entwickeln vermochte,
und man stand sich zur Franeaise in Reih und
Glied gegenüber, als in der einen der beiden Thüren,
die aus den etwas höher liegenden Nebenzimmern
in den Tanzsaal hinunter führten, Darner erschien.
Er hatte einen jungen Mann an seiner Seite,
groß, breitschulterig, stolz getragenen Hauptes, so wie
er. Mit diesem blieb er in der Thüre stehen, ihm
den Saal und die Gesellschaft zu zeigen, oder auch,
um ihn von dieser sehen zu lassen und sie aufmerksam
auf ihn zu machen. War das letztere seine Absicht,
so gelang sie ihm vollkommen.
Gelassen, als glaube er sich unbeachtet, schien er
den Sohn auf verschiedene Männer und Frauen hin-
zuweisen, bis sein Auge auf Madame Kollmann haften
blieb. Er verneigte sich schon von fern vor ihr und
bestimmte seinen Sohn zu gleicher Ehrbezeugung.

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, Da sind Sie also!'' sagte Madame Kollmann,
und man hätte nicht sagen können, was sie mit diesem
Ausruf bezweckte.
Es hatte jedoch desselben nicht bedurft, denn fast
Alle hatten Darner bereits gesehen, und kaum hatte
Madame KoPmann Zeit gehabt, den ihr zunächst
sitzenden Fragen die Frage vorzulegen, ob sie es
schon wüßten, Naß Darner in diesem kritischen Zeit-
punkt, eben heute, seine Kinder in sein Haus geholt
habe, als die Franqaise beendet war, als die Tänzer
ihre Tänzerinnen an die Seite ihrer Mütter zurück
führten, und Darner, den frei gewordenen Durchgang
benutzend, mit seinem Sohn vor Madame Kollmann
und Justine stand.
,,Erlauben Sie mir, Madame,' sagte er, ,das
ich meinem Sohne, Herrn Frank Darner, die Möglich-
keit bereite, in Ihnen wie in Ihrem Herrn Gemahl
die gütigen Freunde zu verehren, deren gastliches
Wohlwollen mir, dem Fremden, diese Stadt sehr
schnell zur Heimat gemacht hat. Wenn ich Sie
bittenn darf, übertragen Sie einen Theil Ihrer Ge-
neigtheit von dem Vater auf den Sohn und auf
dessen Schwestern.?
,,Wir werden trachten, diese Gunst zu verdienen,'
setzte der Sohn hinzu, den okspeu bs gegen seine
Brust haltend, während er sich verneigte und Ma
dame Kollmanns Hand ergriff, sie mit ehrfurchts-
vollem Kuß zu berühren.
Madame Kollmann durfte solcher Höflichkeit gegen-
über ihre gerühmte Güte nicht verleugnen. Sie ver-
sicherte also, es solle ihr lieb sein, wenn Herr Frank
Darner und seine Schwestern es sich in ihrem Hause
wie ihr Vater gefallen lassen wollten. Franks Vor-
stellung an Justine enthob sie der Mühe, ein Weiteres
hinzuzufiigen.

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, Mademoiselle Willberg, die schöne frühere Be-
sitzerin unseres Hauses !' sagte Darner; und in einem
Ton, dessen Vertraulichkeit sehr abstach gegen die ge-
messene Weise, in welcher er zu ihrer Tante ge-
sprochen, setzte er hinzu: ,Ich und meine Töchter
und Madame Göttling geben uns der Hoffnung hin,
Mademoiselle Justine, daß Sie es nun nicht mehr
verschmähen werden, ein Gast des Hauses zu werden,
das, obschon in meinem Besitz, doch noch von allen
Leuten und von mir selber mit großer Befriedigung
als das Willberg'sche, als Ihr altes Stammhaus
angesehen wird.?
,,Glauben Sie denn,' entgegnete Justine, die
beiden Darner mit frohem, offenem Blick begrüßend,
, daß ich selbst es nicht heute noch als mein Haus
bezeichne? Aber es ist gut, daß es Ihnen darin
wohl ist. Ich hab's erst nicht hoch angeschlagen,
als mein Onkel es mir nahm und Ihnen gab, und
nun- man muß verschmerzen lernen l'?
,O,' rief Frank, entzückt von ihrer Schönheit,
,, diese strahlenden Augen und dieses Lächeln sehen
nicht darnach aus, als hätten Sie es mit irgend
einem Schmerze schon zu thun gehabt. ?
, Ist man so galant in England? lachte Justine.
,,Darauf will ich antworten, Mademoiselle,'' ent-
gegnete er, als man eben die Instrumente zur Ecossaise
erklingen ließ, ,darauf antworte ich, wenn Made-
moiselle mir die Ehre erzeigen will, meine Partnerin
für diesen Tanz zu sein, da ich leider im Schleifer
und im Walzer, die zu tanzen ich nicht verstehe,
auf Ihre Hand keinen Anspruch machen könnte. ?
Sie hatte seinen Arm genommen, er führte sie
in die lange Reihe der Ecossaise, und während sein
Vater sich von Madame Kollmann entfernte, um den
Täänzern wieder das Feld zu lassen, waren Darner

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und seine Töchter, und Frank und Justine, und
Justinens Verhalten gegen die beiden Darner der
Gegenstand von Fragen und Bemerkungen, von denen
eine jede den Unmuth ihrer Tante steigerte. Madamte
Kollmann vermochte es kaum zuu verbergen, wie sehr
es ihr mißfiel, daß man nicht aufhörte, Frank
und Justine als ein ungewöhnlich schönes Paar zu
bezeichnen, wad man auch gegen die auffallende
Weise zu bemerken haben mochte, mit welcher der
Vater und ebenso der Sohn Justinen ihre Huuldigung
dargebracht hatten.
Ein schönes Paar, das waren sie aber in der
=ehat. - Sie empfanden das selber, als die schlanke,
hochgewachsene Justine an des sie noch um Kopfes-
höhe überragenden jungen Mannes Seite durch den
Saal ging.
Frank war in Gestalt und Gesichtsbau seines
Vaters Ebenbild. Nur das Goldbraun seines reich
gelockten Haares, die dunkelblauen Augen und das
leicht bewegte, freundliche Mienenspiel unterschieden
ihn zu seinem Vortheil von demselben. Auch entging
Justine nicht der edle Bau des ganzen Körpers,
dessen Formen das weiße Kaschmirescarpin, der
weißseidene Strumpf und der von der mächtigen
Brust weit zurückgeschlagene breitschößige blauue Frack
mit feinen goldenen Knöpfen höchst vortheilhaft er-
scheinen ließen, so daß sie meinte, nie einen schöneren
jungen Mann gekannt zu haben. Es gefiel ihr, daß
sie zu ihm emporsehen mußte, daß er so viel größer
war, als der gute, arme John. Und Johns Urtheil
war in ihrem Herzen mit dieser Bezeichnung einn
für allemal gesprochen.
Frank aber war nicht weniger von seiner
Täänzerin entzückt als sie von ihm, und auch er
hatte Grund für dieses Entzücken, denn Juuustine sah

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wie die Göttin der Jugend aus in dem weißen,
antik gegürteten Kleide, mit dem vollen Rosenkranz
in dem leicht gewellten Haar, mit den Rosen vor
der Brust und mit den matt schillernden Perlen ihrer
Mutter, deren bleiches Weiß den Glanz von Justinens
Hautfarbe noch herrlicher erscheinen machte.
Es verdroß ihn, daß er in der Ecossaise nicht
neben ihr bleiben, daß er sich ihr gegenüberstellen
mußte; aber so oft die Tour sie zu einander brachte
und wenn er mit ihr die lange Reihe hernieder zu
chassiren hatte, um sich an das Ende der Paare zu
stellen, flogen heitere Blicke und freundliche Worte
von Aug' zu Auuge, von Mund zu Mund, und wie
alte Bekannte langten sie nach beendetem Tanze wieder
an dem Platz an, von welchem er sie abgeholt hatte.
Sie fragte, ob er sich in der Stadt schon um-
gesehen, ob sie ihm klein, ob ihm das Klina nicht
rauh, ob nicht Alles ihm fremd erscheine.
, Ich bin des Nordens und des Südens leidlich
gewohnt,'' entgegnete er, ,obschon ich nicht so viel
in der Welt herumgekommen bin als mein Vater.
Allerdings habe ich viel größere, doch auch sehr viel
kleinere Orte als diese Stadt gesehen. Ein Klima
aber, in welchem Sie, Mademoiselle Willberg, er-
wachsen sind, kann nicht rauh sein, und eine Stadt,
in deren Straßen man Ihnen zu begegnen hoffen
darf, muß jedem Manne schön erscheinen.?
, Ist es Sitte und erlaubt in England und in
der Welt, in der Sie gelebt haben, die Bekanntschaft
mit Frauen durch solche Schmeicheleien einzuleiten,
und glauben die Frauen solchen Worten? fragte
sie, ihn mit dem stolzen Blick messend, der ihr so
wohl anstand.
, Nein,'' entgegnete er ihr, ohne durch ihre Selbst-
gewißheit in der seinen erschüttert zu werden, ,nein,

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denn Schmeichelei ist immer eine Beleidigung gegen
den, welchem man sie darbringt, weil sie leichtgläubige
Eitelkeit in ihm voraussetzt; aber ich meine, nirgends
in der Welt kann es einem Manne unerlaubt sein,
die Wahrheit zu sagen und eine Bewunderung aus-
zusprechen, die er fühlt, selbst vor der Dame nicht,
welcher er diese beglüückende Eipfindung verdankt. ?
Seine Nühe und sein fester Blick verwirrten sie.
Sie wollte es ihm aber nicht verrathen, wie ihr die
eberraschung das Blut in die Wangen trieb, wandte
sich von ihm ab zur Seite und verbarg ihr Erröthen
hinter ihrem Fächer.
Er fragte, was sie suche oder wünsche, und sie
hatte ihre Fassung auch schon wiedergewonnen.
, Ich suche,' scherzte sie, ,da ich keinen Sonnen-
schirm zur Hand habe, mich gegen die ungewohnten
Strahlen Ihrer Wahrhaftigkeit wie gegen tropisches
C,
=---gt und tropische Hitze zu wahren, so guut ic kann.
Hier zu Lande sind wir sie nicht gewohnt. Aber sind
Herrn Darners Töchter auch so blendend wahrhaft
wie sein Sohn??
Ihre Keckheit reizte ihn noch mehr. Er fand
seinesgleichen in ihr, und sicher, daß er ihr gefiel,
lenkte er, um sich nicht unvgrsichtig vorwärts zu
wagen, sondern den gewonnenen Boden zu behaupten,
in die von ihr gewollte Unterhaltung über. ,Meine
Schwester Virginie hat, wie ich glaube, auch den
Muth Ihrer Meinuung, Dolores dagegen ist sanft und
scheu wie eine Ringeltaube.
,Welch schöne Namen sind das! Sind Ihre
Schwestern so schön als diese Namen?
, Ja,- versicherte Frank, ,sie haben mich über
rascht, als ich sie sah, und ich glaube, sie sind so
gut als schön.?
,, Sie glauben das nur?'

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,Ich kenne meine Schwestern ja erst seit den
vierzehn Tagen, die wir auf der Reise froh und
glücklich miteinander zugebracht haben. Da wir aber
fortan zusammen in unseres Vaters Hause, in Ihrem
Hause, und in der Gesellschaft einer Frau leben
werden, der Ihr Name, Mademoiselle, so theuer als
geläufig ist, hoffe ich, daß Sie sich selber ein Urtheil
über meine Schwestern bilden werden.?
Er verließ sie mit den Worten, da ein anderer,
dem sie sich zugesagt, sie zum nächsten Tanze holen
kam, und sie trafen darnach nicht wieder zusammen,
bis mitten in einem Raschwalzer einer der Fest-
ordner plötzlich, mit einem weißen Tuch winkend, ein
Zeichen gab.
Die Musik verstummte, die Paare hielten im
Tanze inne. Von der Ühr des Rathhausthurmes
ertönten hell und wuchtig die zwölf Schkäge der
Mitternachtsstunde; und, eingehüllt in seinen dicken
Pelz, trat der Nachtwächter des Stadtviertels, seine
Signalknarre schwingend, mitten in den Saal, die
zwölfte Stunde abzurufen, in althergebrachter Weise
das Ende des alten, den Beginn des neuen Jahres
zu verkünden, das von der Musik mit Trompeten-
schmettern laut begrüßt ward.
Aber das Wort, daß die Tage einander folgen
und einander nicht gleichen, machte sich in dem Augen-
blick der ganzen Festgesellschaft fühlbar. Mit Froh-
sinn und mit Scherzen war man sonst dem alten
Brauch begegnet. Leichten, hoffnungsreichen Sinnes,
mit zuversichtlichen Glückwünschen hatte man einander
die Hände geschüttelt, lachend hatte die junge Welt
aus dem alten in das neue Jahr hinübergetanzt,
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Lebenslust
und Lebenssicherheit als ein Glück empfindend.
Heute, als die Musik verstummte, verstummten

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auch die Menschen, und das, Schmettern der Trom-
peten begleitete nicht wie sonst die fröhlichen Glück
wünsche, sondern tönte schrill und zusammenhanglos
in die bang gethanen Fragen hinein, die von aller
Lippen kamen und in allen Herzen ihren schweren
Widerhall fanden, in die Fragen: Was hat das neue
Jahr für uns, in seinem Schooß? Wie wird es sein
an dieser Stäite, wenn es seinen Kreislauf beendet
haben wird?
Der Wächter hatte den Saal verlassen, die Flüügel-
thüren, welche in die Speisesäle führten, waren auf-
gethan, man hatte an den verschiedenen Tafeln seine ;
Plätze- eingenommen; indeß weder die Tischmusik noch -
der Rheinwein und das Knallen der Champagner-
pfropfen brachten die rechte Stimmung in die Gesell- -
schaft zurück. Wie eine lähmende Luft lag die Furcht
vor nahem Unheil über den Tafelnden, und wenn
in der leichtherzigen Jugend das Blut wieder in
Freude aufwallen wollte, so hörte sie, wie drüben
der eine die Bemerkung machte, daß man besser ge-
than hätte, den Ball zu unterlassen, und daß er
darauf die Antwort erhielt, es sei gut und klug ge-
wesen, ihn abzuhalten, da man nicht wissen könne,
wann man wieder einmal dazu Fommen werde, ein ;
Fest zu begehen.
Man that Alles so wie sonst, und es war Alles
anders. Man trank auf das Wohl des Königs und
der Königin, auf das Wohl der Stadt, des Vater-
landes, der Damen und der Abwesenden. Und bei
jedem, dieser Toaste hatte man seine eigenen Gedanken
und Sorgen, von denen man nicht sprach. Sogar f
die Jugend fand ihren Frohsinn und ihr Lachen nicht
recht wieder.
Auch Justine, ernsthaft von Natur, fühlte sich
von dem Augenblick dieses Jahreswechsels mehr als

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je in gleichem Fall ergriffen. Sie hatte des Onkels
ernstes Antlitz gesehen, sie wußte, wem der Tante
Thränen galten, als man den Abwesenden Leben und-
Glück gewünscht. Sie dachte selber theilnahmsvoll
des Vetters, seit sie beschlossen, daß er eben nur ihr
Vetter bleiben solle. Ihr Gewissen warf es ihr
dabei vor, daß sie, durch den Zwang gereizt, mit
welchem man über sie verfügen wollte, in ihrem Un-
muth gegen ihre Verwandten zu weit gegangen war.
Sie wünschte das zu sühnen, und rasch wie immer
ihren Eingebungen folgend, erhob sie: sich gegen die
Sitte von ihrem Plat, ging zu dem Tisch herum zu
Madame Kollmann, neigte sich zu ihr und sagte:
,,Du bist traurig, Tante; sollen wir nach Hause
fahren? Um meinetwegen bleibt nicht hier. Es ist
ja Niemand jett mehr wohl zu Muthe hier, und wo
John auch sein mag in diesem Augenblick, braucht
er doch wenigstens nicht mit sich und anderen Komödie
zu spielen, wie wir hier seit Mitternacht. Brich auf,
wir wollen fortl?
Der Tante that dieses Entgegenkommen wohl.
Sie gab Justinen, für den Augenblick versöhnt, die
Hand. Die Mahlzeit war ohnehin dem Ende nahe,
man stand von den Tischen auf. Darner, der Ma-
dame Kollmann zum Essen geführt, bot ihr den Arm,
sie in den Tanzsaal zurüchugeleiten, indeß sie er-
klärte, sich entfernen zu wollen, und die Ihren
folgten ihr.
Verschiedene Bekannte, sie zum Verweilen nöthi-
gend, traten ihnen in den Weg. Die Gelegenheit
benutzte Frank, sich Justine noch einmal zu nahen.
Er bedauerte ihr frühes Fortgehen und wunderte sich,
daß sie den Ball vor dem Kehraus verlasse, den er
freilich nicht kenne, den man ihm jedoch als den
fröhlichsten Tanz bezeichnet habe.

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,Ach,' entgegnete sie ihm, ,sonst ließ ich mir
meinen Kehraus auch nicht gern rauben, indeß heute=-
Sie zuckte die Schultern und brach mitten im
Sprechen ab. Er wollte wissen, was sie gegen den
heutigen Kehraus einzuwenden habe.
Statt der, Antwort that sie die Frage, ob er
abergläubisch. Pr verneinte es lachend.
,Nun denn, so sind Sie weiser als ich! Ich
glaube es Ihnen aber nicht, denn es hat Jeder doch
seinen persönlichen, geheimen Aberglauben, er mag
sich stellen, wie er will. Ich glaube zum Beispiel,
daß mir der, Sylvesterabend immer eine Vorbedeutung
für das. ganze beginnende Jahr ist;. und die ängst-
liche Stille, die heute dem Augenblick des Jahres-
wechsels folgte, kommt mir nicht aus dem Sinn.'?
,Und all die Fröhlichkeit um Sie her verscheucht
das nicht?? fragte Frank perwundert.
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,Fröhlich?? wiederholte sie; ,wer ist denn heut
hier, fröhlich? Sie haben freilich unseren sonstigen
Sylvesterjubel nicht erlebt. Allen liegt ja die Sorge,
der Gedanke an Krieg und Noth und Elend auf den
Stirnen, und mir ist zu Muthe, als hätte ich auch
Gott weiß was Alles durchzumachen. Das ist Aber-
glaube! sage ich mir selbst, und, Sie können mich
dreist auslachen, wenn Sie wollen. Ich habe aber
vor dem neuen Jahr Furcht! Es wird gewiß füür
mich kein gutes !'
,, Und ich nenne es schon jett ein glückliches,'
entgegnete Frank, ,da es mir die Hoffnung giebt,
Sie wiederzusehen !?
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Lewald.. Die Jamilie Darner. l