Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 12

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Bwölftes Kapitel
Wie es sich gebührte, machte Darner am Neu-
jahrsmorgen den Damen im Kollmann'schen Hause
mit seinem Sohne die förmliche Aufwartung, ihnen
nochmals in aller Form Glück zu wünschen, und sich
zu erkundigen, wie ihnen der Ball bekommen sei.
Sie hielten sich aber nicht lange dabei auf; trotzdem
wußte Frank durch die Leichtigkeit, mit welcher er
den an ihn gerichteten Fragen über seine Reise und
über sein bisheriges Leben Rede stand, die gute
Meinung zu erhöhen und zu befestigen, welche Justine
von ihm gewonnen hatte.
Bald nachdem die Männer sich entfernt, kam
Madame Göttling mit ihren neuen Pflegehefohlenen
vorgefahren.
Frank hatte von der Schönheit der beiden
Schwestern nicht zu viel gesagt, denn sowohl Madame
Kollmann als Justine waren überrascht von dem
eigenartigen Reiz der beiden Mädchen.
Eben erst in ihr siebenzehntes Jahr eingetreten
und auf den ersten Blick einander zum Verwechseln
ähnlich, waren die Zwillingsschwestern entwickelter
und reifer, als Mädchen ihres Alters es im Norden
zu sein pflegen. Neben Justine erschienen sie klein;
doch hatten ihre mittelgroßen Gestalten das reinste
Ebenmaß, ihre Hände und Füße waren auffallend
schön geformt, und die bleiche Marmorfarbe ihrer
glanzlosen Haut, welche ihr rasch wallendes Blut
bei jeder inneren Bewegung durchschimmern ließ,
wurde durch die Fülle ihres schwarzen Haares noch
gehoben. Indeß trotz dieser Gleichheit waren sie sehr
verschieden von einander. Denn Dolores, welche
von Madame Göttling scherzend als die ältere der

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Schwestern bezeichnet wurde, weil sie das Licht zu-
erst erschaut, hatte einen so sanften Blick, eine so
weiche Stimme und etwas so Schüchternes in ihrer
Haltung, daß Virginie mit ihren großen, ernsthaft
umherschauenden Augen und ihrer festen Haltung
in der That umt ekige Jahre älter als Dolores zu
sein schien. -
Justine, die sich vorgenommen hatte, ihre dem
Vater im Theater gegebene Zusage für seine Töchter
nach besten Kräften zu erfüllen, und die in diesem
Augenblicke durch den Besuch von Darner und von
Frank angenehm erregt war, ging ihrer alten
Freundin und den Mädchen rasch entgegen, umarmte
Madame Göttling und sagte, indem sie den beiden
Fremden ihre Hände entgegenreichte:
,,Seien Sie willkommen bei uns im Norden
und im neuen Jahre! Ich denke, wir wollen gute
Freunde werden; denn da Sie jetzt die Pflegetöchter
meiner Pflegemutter, meiner guten Franziska, sind,
dürfen wir uns ja fast als Geschwister betrachten!'
,,Ach, wie gut Sie sinb! sagte Dolores leise
und hielt Justinens Hand fest, während sie durch
-das Zimmer gingen, um Madame Kollmann ihre
RReverenz zu machen.
Madame Göttling hatte ihre neuen Pflegebefoh-
lenen angewiesen, der älteren Dame bei der Vor-
stellung nach Landessitte die Hand zu küssen, und
den schönen, kindlichen Mädchen gegenüber wäre es
auch Madame Kollmann nicht möglich gewesen, den
Ton der Förmlichkeit aufrecht zu erhalten, auf den
sie sich eingerichtet hatte. Sie empfing die Zwillinge
auf das Beste. Ihre Neugier that das Nebrige. Sie
fragte, und die Göttling erzählte, wie man jetzt die
Zimmer in dem Hause vertheilt; dann erkundigte sie
sich, ob die Schwestern von dem Anblick des ge-

==- P0ß =
frorenen Flusses und von der Kälte des Winters sich
nicht erschreckt gefunden hätten.
==, sagte Virginie, ,wir haben ja schon sechs
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Winter in Europa zugebracht und in Genf Schnee
und Eis gesehen; und in unseres Vaters Hause ist's ja
warm und schön. Wir sind so froh, bei ihm zu sein !'
,,Sie haben also wohl seit Ihrer Mutter Tode
nicht mehr bei Ihrem Herrn Vater und immer in
dex. Pension gelebt? fragte Madame Kollmann.
,Seit unserer Mutter Tode?' wiederholte Vir-
ginie. und sah mit ihren ernsten, klugen Augen
Madame Kollmann offenbar verwundert an. ,Unsere
Mutter ist ja nicht todt; aber wir waren nie bei ihr
und. auch bei unserem Vater nicht. Wir sind immer
mit unserer Erzieherin, mit Mistreß Sherman, in der
Havanna gewesen, bis sie uns vor sechs Jahren in
die, Pension gebracht hat.?
,Ihre Mutter lebt? Ihr Vater ist nicht Wittwer??
rief, Madame Kollmann höchlich überrascht, während
sie ihre Nichte mit heimlichem Triumph ansah.
,,Nein,? fiel Madame Göttling ein, um der
Unterhahtung üher diesen Gegenstand womöglich ein
Ende zu machen, ,und es ist meine Schuld, daß
ich Sie nicht schon davon unterrichtet habe. Madame
Darner lebt, aber sie hat sich von der Welt zurück-
gezogen. Die Ehe ist früh nach kurzem Bestehen,
bald nach der Töchter Geburt, wegen religiöser Be-
denken getrennt worden. Sie begreifen, daß es Herrn
Darner schmerzlich ist, daran zu denken und davon
zu. sprechen. Ich habe diese Thatsache auch erst
vor Ankunft der beiden Mädchen erfahren mit der
Weisung, Sie und Herrn Darners andere Freunde
dapon zu unterrichten; aber ich habe die letzten Tage
so, viel zu thun gehabt, daß ich gar nicht aus dem
Hause gekonzmen bin.?


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= 10! --
Es entstand eine Pause, die nicht gleich zu über-
koininen war.
leid thaten, und sie der Tante auch nicht gleich ge-
wonnenes Spiel geben wollte, suchte sie sich zurecht
zu finden.
,Sie sinh dlso katholisch?' fragte sie.
,O nein,? änkwörtete Virginie mit voller Unbe-
fangeüheit, ,wir sind bie unser Bruder von der
Kirche unsres Vatsrs, Wir haben heüte aber dem
Goktesdieiist nicht beigeiwohnt, eil der Vater wöllte,
daß wir ausruhen sollten. Er hät beföhlen, daß
Madame Göttling gleich in dieser Woche in der
Dgnikirche eine eigene Bank für uns zu schaffen
suchen soll.?
Man wär damit bereits wieder äuf den ebenen
Weg des Plauderns eingelenkt, als Kollmann ein-
trat. Nach Art der älteren Männer von jugend-
licher Schönheit rasch gewonnen und all' seine Sorge
für den Moment vergessend, begrüßte auch er die
Mädchen freundlich.
,Schade, daß mein Sohn durch seine Geschäfte
gezwungen war, uns gestern in der Frühe zu ver-
lassen,'' sagte er, zer würde sicher sehr erfreut ge-
wesen sein, Ihnen vorgestellt zu werden, Sie und
Ihr Brüder, wwürden mit ihm eine prächtige gsrtis
gnsrrss gemacht hahen, und wir haben es Ihrem
Herin Väter zu dänken, daß er Sie uns wie einen
Fiühling in unsere trübe Winterzeit gebracht hat.
Nun muß ich alter Mann versuchen, Ihnen die neue
Heimat und unser Haus, so gut es gehen will, lieb
zu machen, öbschon die Zeiten leider nicht darnach
angethan sind.?

= JGZ --
Dieser Willkomm war ihm, eben weil er die
beiden Schwestern schön fand, von Herzen gekommen,
und er hatte mit der Erwähnung seines Sohnes
keine bestimmte Absicht irgend einer Art gehabt, sondern
den Mädchen nur etwas Verbindliches sagen wollen.
Seiner Frau aber, die ihren Mißmuth gegen
Justine doch noch in sich trug und die in allen
solchen Dingen nie ohne eine gewisse Berechnung
zu handeln, also auch nicht leicht an die Harmlosig-
keit eines Andern zu glauben vermochte, leuchteten
Kollmanns Worte wie ein Signal entgegen für den
Weg, den man einzuschlagen habe, um Justine zu
bestrafen; und Virginie machte ihr die ersten Schritte
auf demselben leicht.
Des Umgangs mit Fremden und aller Galanterie
noch ungewohnt, freute sie sich der kleinen Schmeichelei,
die Kollmann ihr und der Schwester gesagt,' und ihm
unaufgefordert die Hand gebend, sagte sie:
,Ach, Sie Alle sprechen vom Winter, aber wenn
wir hier nur den Leuten gefallen und sie zu uns
so gut sind wie Mademoiselle Justine und Sie
Beide, so mag nur der Schnee liegen bleiben auf
den Nußbäumen und dem Gärtchen an dem gefrorenen
Flusse hinter unseres Vaters Haus; und wir werden
hier glücklicher sein als in der Pension und als
unter den Kokusbäumen in der Havanna. Aber
wird er nicht wiederkommen, Ihr Herr Sohn, der
fortgegangen ist??
,,Gewiß,'? versicherte die Mutter, indem sie ihr
die Wange streichelte, ,er soll wiederkommen, sobald
es irgend geht .. .?
, Und er wird sich beeilen,'? fiel ihr Justine ein,
,,wenn ich ihm schreibe, welch reizender Zuwachs
unserem Kreise durch Sie und Ihren Bruder jetzt
geworden ist.?


-- P0Z --
,,Fürs erste,'? meinte der Vater, der die beiden
Frauen klar durchschaute, ,stehen uns nur leider aller
Wahrscheinlichkeit nach weniger erwünschte Gäste bevor,
und ich fürchte, Sie werden von den sonstigen An-
nehmlichkeiten unseres hiesigen Lebens und von unseren
Lustbarkeiten njcht viel zu sehen bekommen!''
,Nun,'' persetzte die Göttling, ,da wird uns
nichts übrig beiben, als eng zusammenzurücken
und zu versuchen, wie wir uns unter einander die
Zeit vertreiben. Nicht wahr, Justine, Du kommst
bald einmal, zu sehen, wie es in dem guten, alten
Hause aussiehte'?
,eute noch,? rief Justine, ,wenn die Tante
für de Abend nicht etwa Jemand geladen hat, so
daß ich zu Hause bleiben muß. Zum Mittag haben
wir freilich, wie an jedem Neujahrstage, das Personal
des Komptoirs zu Tisch . . ?
, Und zum Abend,' bemerkte Madame Kollmann,
,vergiß es nicht, hat der Onkel seine Spielpartie!
,Nun, dann morgen!'r schlug die Göttling vor.
,,Komm noch zu heller Stunde und trinke darnach
mit uns den Thee!''
Die Einladung wurde angenommen, und die
Einführung von Darners Töchtexn war damit ge-
macht. Denn da Madame Kollinann den Verkehr
ihrer Nichte mit den beiden Mädchen zugestanden,
lag es in ihrem Interesse, daß auch die Familien
ihres Umgangskreises sie gastlich empfingen, ohne -
sich um ihre näheren Verhältnisse weiter zu erkun-
digen. Ihre Abneigung gegen Darner, der sie alle
unter sein Belieben beugte, ihr Unwille gegen Juustine
hatten sich jedoch dadurch nicht vermindert: und es
verdroß sie, als Kollmann, nachdem er den Damen
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