Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 13

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,Gut, daß der Junge für das Erste fort ist!
Die Mädchen sind wie geschaffen dazu, älteren als
ihm den Kopf zu verdrehen; und wenn die Töchter
ihrer Mutter gleichen, hat Darner sich auf Schönheit
gut verstanden!'r
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Dreizehntes Kapites
Justine war es sonderbar zu Muthe, als sie
am Nachmittage des folgenden Tages die Schwelle
ihres Vaterhauses zum ersten Male wieder überschritt
und sich von dem herbeigekommenen Diener in dem-
selben wie eine Fremde anmelden zu lassen hatte;
denn dad Altbekannte war vorhanden und war doch
anders geworden, so daß es sich ihr wie in einem
Traume darstellte.
Die schön geschnitten, alten Schränke freilich
nahmen noch immer die ganze rechte Seite des
Hausflurs ein. Die holländischen alten Marinebilder
hatten noch die alten Plätze über den Thüren des
kleinen Stübchens zur Linken und über der des
Komptoirs; aber man hatte die Küche ausgebrochen,
um noch ein Zimmer für das Komptoir zu schaffen,
zu dem jetzt große Glasthüren führten. Die Wände
des Flurs waren hell in marmorirter Oelfarbe ge-
strichen, der steinerne Fußboden durch Dielen ersetzt,
und statt des kunstvoll gearbeiteten Modells des
Willberg'schen Dreimasters ,Neptun von Königsberg'
hing jetzt eine doppelarmige Messinglaterne von der
Decke hernieder. Ebensolche Laternen standen auf.
großen Kandelabern auch zu beiden Seiten am Fuße
der Treppe. Teppiche, die zum Besteigen einluden,
deckten die Stufen, auf denen Virginie und Dolores

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herniedereilten, den lieben Gast zu empfangen; und
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solches benützt, bis ihr Haus in Darners Hände
üübergegangen war, fand sie sich überrascht von der
Einrichtung, deren geschmackvolle Schönheit ihren
Reichthum vergessen machte.
,Ach, Franziska,' rief sie, als Madame Göttling
ihr entgegenkam, ,wie schön ist das Alles hier ge-
worden!? Aber von ihrer Empfindung überwältigt,
fiel sie, mit ausbrechenden Thränen, der Freundin um
den Hals, die sie zärtlich beschwichtigend an sich drückte.
De Mädchen standen verlegen dabei. In dem
Augenklick trat Frank in das Zimmer.
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Thränen noch an ihren Wimpern zittern, und seine
Augen zu ihr wendend, sagte er:
,Sie weinen! Ich verstehe das. Es schmerzt
Sie, Fremde an dieser Stätte zu sehen, und wir
hatten uns so gefreut, Sie bei uns zu begrüßen!'
Justine war wieder ihrer Meister geworden.
,Achten Sie nicht darauf,? bat sie, ,denn ich
schäme mich vor Ihnen Allen und Hor mir selbst am
meisten. Aber''=- und wieder kam die Rührung
über sie -,hier stand der Nähtisch meiner Mutter,
die ich freilich nicht gekannt, den mein Vater mir
aber als ein Heiligthum an meinem zehnten Ge-
burtstag schenkte. Dort, wo jetzt die Bilder von
Washington und Lafayette hängen, hingen meiner
Eltern Bilder als Brautleute. Hier stand meines
Vaters Lehnstuhl, in dem er verschieden ist!r? Sie
schüttelte wie unwillig über sich selber das Haupt
und fügte scherzend hinzu: ,Und da oben in der
Ecke, am dritten Fenster, da habe ich mein Leben

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und Treiben gehabt, von meinen Puppenspielen bis
zu dem Tage, da ich aus dem Hause ging. Das
kam mir alles auf einmal in den Sinn! Lachen
Sie nicht über diese Gefühlsseligkeit, ich bin sonst
nicht so weichlich, nicht so zum Weinen geneigt.. .?
,,Lachen? Ach, wie könnten wir das? Wenn es
Ihnen nur nicht weh thut, wenn es Sie nur nicht
abhält, wiederzukommen?? fiel ihr Virginie ein, indem
sie sich an den Arm Justinens hing.
,Im Gegentheil,' rief Justine, ,das Herz geht
mir hier ja auf in leben Erinnerungen; und nun
kommen Sie, wir wollen gleich das ganze Haus
durchwandern, damit ich sehe, was geblieben und
was geändert ist; und wenn Sie zu mir kommen,
so zeige ich Ihnen den ganzen lieben alten Kram,
den ich aus meinem Hause mit zu mir, in meines
Onkels Haus hinübergenommen habe.?
Man machte sich auf den Weg.
An Franks Arm und von Madame Göttling
geführt, ging Justine mit ihnen zunächst in das
Speisezimmer, das ganz nach englischer Sitte einge-
richtet war. Man begab sich darauf in den großen
Saal, in welchem man an Justinens Geburtstag,
seit sie alleinige Herrin des Hauses gewesen war,
die Kindergesellschaften gegeben, und wie sie, davon
erzählend, in den Gang gelangten, der das Vorder-
haus mit dem Hinterhause verband und an dessen
Seite die Stuben lagen, in denen man seit der An-
kunft von Darners Töchtern die inzwischen wieder
angelangte neue Einquartierung untergebracht hatte,
machte Frank die sehr natürliche Bemerkung, daß er
und seine Schwestern eigentlich hier noch die Fremden
wären. Denn nachdem Justine ihre Rührung über-
wunden, bewegte sie sich mit voller Sicherheit, und
ohne daß sie es beabsichtigte, mit einem gewissen


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Herrschaftsgefühl in dem Hause, als sei sie es noch,
die hier nach dem Rechten zu' sehen und ihr Urtheil
abzugeben habe, über das, was man geändert und
was man damit geschaffen hatte.
Die Dämmerung war inzwischen hereingebrochen,
aber Justinens Augen hatten wieder ihren hellen
Glanz gewonnen, und wie man sich dann zum Im-
biß niederließ und Darner selber für ein halbes
Stündchen sich' den jungen Leuten zugesellte, sah man
ihm die Freude an, seine Kinder um sich zu haben.
Er hatte Justine nie besser gefallen als an diesem
Abende.
Die ernste Freundlichkeit, mit der er den Sohn
behaksdelte, die scherzende Weise, in welcher er Virginie
begegnete, wenn er sich glücklich pries, nun ihr Thun
und Treiben nicht mehr nach der Pensionsuhr regeln
zu müssen; das Läächeln, mit welchem er es ihr zu-
gestand, daß sie jetzt einmal acht Tage schlafen und
aufstehen dürfe, ganz wie es ihr gefalle, gaben seinem
düstern Antlitz eine Milde, die es nie gehabt, und der-
Blick, mit welchem er wäährend des Tändelns der s
beiden Mädchen Justine wie im geheimen Einver- s
ständniß ansah, machte sie empfinden, daß ihr Darner s
viel- näher stand, als sie es gewußt. Ja, als Dolores
neben seinem Stuhle lehnend, sich an den Vater
schmiegte und dieser sie an sich zog, ihr die Stirn
zu küssen, reichte Justine ihm unwillkürlich ihre Hand.
Stunden wie diese hatte sie nie erlebt. Es war
alles so neu, so frisch, so eigenartig zwischen diesen
durch die engsten Bande des Blutes zusammen ge-
hörenden und doch zum erstenmal vereinten Menschen,
die im harmlosesten Gespräche die Bilder ferner Länder,
anderer Welttheile heraufbeschworen, wenn sie zu ein-
ander von ihrex Vergangenheit sprachen; und wie es
Justine verwirrt und erschüttert hatte, in dies Haus

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einzutreten, so überraschte es sie, daß es ihr so wohl
mit Darner und den Seinen wurde, daß ihr Frank
und seine Schwestern um eines solchen Vaters Liebe
beneidenswerth erschienen.
Sie sprach das gegen ihre alte Freundin aus,
als die beiden Männer sich entfernt hatten.
,,Lerne ihn nur kennen,? sagte die Göttling.
, Ich habe Dir nicht zu viel von ihm gesagt! Der
Kern seines Herzens ist gewiß einmal sehr weich
gewesen, aber sein eiserner Wille ist Herr darüber
geworden, und ich habe oft gedacht, weil er sich kein
Herzensglück erzwingen könne, sei es sein einziges
Glück geworden, die Menschen und die Verhältnisse
zu seinem Willen zu zwingen. Ob das jetzt anders
werden wird, nun er die Kinder bei sich hat, das
weiß ich nicht. Aber es lebt sich gut mit ihm. Er
vergißt niemals, was er sich und Anderen schuldig
ist, weder in der That noch in der Form. Für das
Beisammenleben ist das ja die Hauptsache, und was
er thut, thut er nicht halb. So macht er sich jetzt -
das sehe ich schon in wenigen Tagen aus allen seinen
Anordnungen- im vollen Sinne des Wortes zum
Familienvater.?
Das muntere Geplauder der Schwestern unter-
brach dies Zwiegespräch, und bald darauf kam der
Diener, Justine heim zu holen.
Sie nahm von dem Abende, von diesem ersten
Besuche in Darners Hause einen Eindruck mit, der
sie nachhaltig beschäftigte.
Frank hatte ihr schon am Sylvesterabend ge-
fallen, und in seinem Verhalten gegen den Vater
und gegen die Schwestern noch weit mehr. Die
spanischen Lieder, welche die lieblichen Mädchen ge-
sungen, klangen ihr in der Seele nach. Das Ge-
heimnißvolle, das die Familie umgab, machte sie ihr

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noch anziehender, während sie nicht aufhören konnte,
an ihr altes Haus und seine schöne Umgestaltung
zu denken.
Daß die Tante sich ablehnend gegen Justinens
lobende Schilderung des Abends zeigte, bestärkte
diese in ihrem Vorsatt, zu den Darners zu halten;
und sie gab ihre Neigung für dieselben überall kund,
wo Darner, seine Kinder vorgestellt hatte und wo
Justine mit ühnen zusammentraf.
In Bezug auf Frank fand sie den Frauen und
Mädchen gegenüber leichtes Spiel. Der schöne junge
Mann empfahl sich ihnen selber; seine Schwestern an-
langend, bewahrte man eine kühle Vorsicht. Die einen
fagden sie zu fremdartig, die anderen zu naiv.
,,Es mußte,'' so sagte man, ,doch auch eine
besondere Bewandtniß damit hahen, wenn eine Frau
von dem Manne und von ihren Kindern fortgehe,
sich in ein Kloster zu flüchten.? Man vermuthete,
sie sei wahrscheinlich gar nicht Darners Frau ge-
wesen, oder sie müsse von ihm Dinge erfahren oder
erlitten haben, die sie zu einem so unnatürlichen
Schritte gedrängt hatten.
Man wollte sich nicht. voreilig vorwärts wagen, j
- sich näher zu unterrichten suchen, eben nur thun, was s
die Schicklichkeit verlangte, um die armen Mädchen s
nicht zu kränken und es mit demn Vater und dem j
liebenswürdigen Bruder nicht zu verderben. Sie j
gleich einzuladen, hatte man nicht nöthig, es lebte j
ja jett ohnehin jeglicher nux still für sich; man
konnte sich Zeit lassen bis auf bessere Tage.