Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 14

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Vierzehntes Kapitel!
Daß man in Königsberg jettt still für sich in
den Familien lebte, das hatte seine Richtigkeit. Aller
gesellige Verkehr war ins Stocken gerathen, seit der
König und sogar die schwer kranke Königin, wie man
es gefürchtet, die Stadt verlassen hatten.
Die zum Hofe gehörenden Beamten, die Minister,
die fremden Gesandten waren dem König auf der
Flucht gefolgt. Wie konnten die Bewohner von
Königsberg noch auf den Schutz des Landesherrn
für sich hoffen, seit er sich nach der äußersten Grenze
seines Landes begeben hatte, um dieselbe nöthigenfalls
sofort überschreiten zu können.
Jeder hatte jetzt mehr noch als sonst. für sich
selbst zu sorgen. Jeder hielt jetzt seine Mittel zu-
sammen, soweit die Rücksicht auf die Einquartierung
eine solche Einschränkung zuließ. Aengstliche Leute
vergruben ihre Silbergeräthe, versteckten den Schmuck
ihrer Frauen. Die Furcht vor nahem Unheil lastete
auf allen Menschen.
Nur im Darner'schen Hause war seit der An-
kunft seiner Kinder ein neues, heiteres Leben ein-
gezogen, obschon auch Darner den Umständen Rech-
nung trug. Als Madame Göttling ihn in der
zweiten Woche des Jahres gefragt, wer für das ge-
wohnte Mittagsbrod am Sonnabend eingeladen werden
solle, hatte er entgegnet, daß für das Erste von diesen
regelmäßigen Gesellschaften Abstand zu nehmen sei,
weil man es als Theilnahmlosigkeit oder Prunksucht
auslegen könne, wenn er sie fortsetzte; und abgesehen
davon wünsche er, daß die Geschwister sich erst mit-
einander und im Hause in aller Ruhe einleben sollten.
Aus dem gleichen Grunde hatte er seit der Ankunft

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der beiden Mädchen die Anordnung getroffen, daß
die fremden Offiziere besonders bewirthet wurden,
während er mit seiner Familie allein seine Mahl-
zeiten einnahm.
An jedem Tage sah man ihn, wenn er von der
Börse kam, mit seinen Töchtern eine Ausfahrt oder
einen Spazierggng machen, wie man seinen Sohn
in der Börse regelmäßig an seiner Seite traf; und
Frank hatte denn auch, als der Januar zu Ende
gegangen war, festen Fuß gefaßt auf dem ihm fremden
Boden.
Im Komptoir hatte er seinen Platz in dem
Separatkabinet erhalten, in welchem Darner selber
arbeitete und die Leute empfing, mit denen er zu
sprechen hatte. Es war ihm ein bestimmter Theil
der Geschäfte zugewiesen worden, und der Vater
hatte ihn in die Angelegenheiten des Hauses so weit
eingeweiht, als er sie kennen mußte, um sich in
ihnen erfolgreich zurecht finden zu können.
Des Vaters weitsichtige Klugheit hatte Frank
mit Bewunderung erfüllt. Des jungen Mannes Ver-
ständniß und die Art, in welcher er rasch die Fäden
zu ergreifen und festzuhalten vermochte, durch welche
das Haus von Lorenz Darner nit den großen aus-
wärtigen Firmen zusammenhing, in deren Filialen
man Frank in den letzten Jahren hatte arbeiten
lassen, befestigte des Vaters Zutrauen zu des Sohnes
Tüchtigkeit. Und da es bei dem Jahresschluß des
Geschäftes eben viel zu thun gab, hatte der Vater
ihn auch nach dieser Seite hin gleich mitten in die
Arbeit hineingestellt. Er sollte denen, die bestimmt
waren, ihm früher oder später untergeben zu werden,
es gleich von Anfang an darthun, daß er die Auf-
gabe jedes Einzelnen nicht nur zu ermessen, sondern
im gegebenen Falle auch zu leisten vermöge.

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An. einem Abend, an welchem man wieder einmal
weit über die gewohnte Zeit im Komptoir gearbeitet
hatte, kam Frank erst in das Wohnzimmer hinauf,
nachdem die Göttling und seine Schwestern sich bereits
zur Ruhe begeben hatten. Darner saß noch am Kamin,
die Zeitungen lesend, welche die Post gebracht.
,Sind die Herren fort? fragte Darner, indem
er die Blätter zur Seite legte.
,Ja, mein Vater! Da Hilgens bliebr -- Hilgens
war der Prokurist des Hauses -,konnten die anderen
füglich nicht vom Plate, und ich glaube, er wollte
versuchen, ob ich Stich halten würde.?
,Sehr möglich; in jedem Falle thatest Du wohl,
zu bleiben. Wer zur rechten Zeit den rechten Gehor-
sam finden will, muß ihn gezeigt und überhaupt im
Kleinen wie im Großen bewiesen haben, was er leisten
kann. Die Kanone, welche Bonaparte vor Toulon
dirigirt und abgefeuert, ist ebenso unerläßlich für die
Herrschaft gewesen, die er erreicht hat, weil er sie er-
reichen wollte, als sein ägyptischer Feldzug und die
Schlachten von Marengo und von Austerlitz.?
, Und doch hat sein Emporkommen etwas Wunder-
bares !r meinte Frank.
,,Wunderbar sind nur die Kraft und der Wille,
welche wir in Bonaparte vor uns haben,? bedeutete
ihn der, Vater, ,denn jede lebendige Kraft, einmal
vorhanden, verlangt sich zu entfalten in angemessener
Bethätigung. Da die seine in den Verhältnissen,
in -enen sie entstanden war, sich weder entfalten
noch genugthun konnte, mußte sie sich aus ihnen be-
freien. Je mehr sie sich eingeengt. und gedrückt fand,
um sg gewaltsamer und höher mußte, sie naturgemäß
steigen, um so, fortreißender und vernichtender, mußte
sie füx, alles werden, was sich ihr nicht durch, Unter-
ordnung nutzbar machte, was sich. ihr widersetzte.

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Das ist das Geheimniß all der einzelnen Menschen,
die sich aus der Niedrigkeit erhoben und Erfolgreiches
geschaffen haben.?
Seine Stirne leuchtete, als er die Worte sprach,
der Sohn hörte ihm in Verehrung zu. Er wollte
sprechen, hielt sich zurück und sagte dann endlich:
,,Sie denken nicht allein an Bonaparte, auch
an Ihr eigenes Leben denken Sie. Auch Sie haben
sich, wie Sie mir einmal anwertraut, aus geringem
Stand und aus drückenden Verhältnissen emporge-
rungen, indeß Sie haben mir nie gesagt- .
,Wer darf sich nennen neben diesem Titanen,
oder dgs eigene Wollen und Vollbringen mit dem
seinigen vergleichen?? fiel Darner ein, der Frage be-
gegnend, die der Sohn stellen zu wollen schien und
die zu beantnzorten er nicht gewillt war. ,Aber daran
halte fest: rkser Wille ist unser Schicsal! Alle Kraft
einsetzen, um ihn durchzuführen, ist das eigentliche
Leben, ist der Genuß desselben!?
Darner hatte sich erhoben und war an das
Fenster getreten.
Die Zimmer, die er für sich eingerichtet, lagen
auch im Hinterhause, nach dem Gärtchen und dem
Flusse hinaus. Die Nacht war dunkel, kein Stern
am Himmel. Nur da, wo am andern Ufer des
Flusses, auf der Speicherseite, der Schein der dort
spärlich aufgestellten Laternen einen Lichtschimmer
verbreitete, sah man den Fluß und die Erde dicht
mit Schnee bedeckt. Kein Laut war vernehmbar
ringsumher.
Frank war in tiefe Gedanken versunken.
Er war immer nur in Zwischenräumen, in kurzen
Begegnungen mit seinem Vater zusammengetroffen, es
war dann stets nur von den eben vorliegenden That-
Lewald. Die Familie Darner. l.
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sachen und Nothwendigkeiten die Rede gewesen zwischen
ihnen. Er wußte wenig von seines Vaters Geschick,
weniger noch von seiner Mutter, die gestorben war,
als sie ihm das Leben gegeben. Er war auf See
geboren. So wie heute hatte sein Vater niemals zu
ihm gesprochen; und von den Lippen des Mannes,
der ein großes Vermögen aus dem Nichts erschaffen,
der sich aus Niedrigkeit zu einem Kaufmann ersten
Ranges emporgeschwungen, hatten die Worte etwas
Neberwältigendes, obschon Frank nicht klar sehen
konnte, wo hinaus der Vater wollte.
,Sie haben ein festes Ziel im Auge, Vater!
Können und wollen Sie es mir bezeichnen, mir sagen,
was Sie zu erlangen wünschen? fragte er.
Der Vater wendete sich zu ihm zurück und sah
ihn forschend an, als wolle er sich überzeugen, wie
weit er mit dem Sohne gehen dürfe; dann sagte er
mit eiserner Bestimmtheit:
,,Was ich erstrebe? Das Einzige, was des Stre-
bens lohnt: Macht, die Herrschaft giebt. Macht und
Herrschaft sind die eigentlichen großen Eigenschaften
des Wesens, das über uns unsichtbar und unbegriffen
waltet. So viel Macht und Herrschaft zu erringen,
als ihm möglich ist, ist die Aufgabe des in sich zum
Bewußtsein gekommenen Menschen - und auch ohne
sich dessen klar bewußt zu sein, strebt ein Jeder dar-
nach. Das Verlangen darnach ist die bewegende Kraft
in dem Einzelnen. In unseren Verhältnissen, für den
Kaufmann, ist großer, die Freiheit des Handelns ge-
bender Besitz das Mittel zum Zwec denn das Wort
der Engländer hat seine Richtigkeit: ,Geld ist Macht!:
Den alten herrschenden Mächten wird sich mit der
Zeit eine neue Macht entgegenstellen, welche bis zu
einem gewissen Grade die alten Mächte bändigen und
in Schranken halten wird.?

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,Ich glaube zu verstehen,? fiel Frank ihm ein, s
,wohin Sie zielen. Aber wie wollen Sie, der Einzelne, s
auf Ihrem, auf dem Wege des Kaufmanns, eine !
, einflußgebende Macht erringen??
,Waren, die Medici, die Fugger keine Mächte? f
Sind die holländische, die ostindische Kompagnie keine s
Mächte? Und. wer hat sie gegründet?? warf der f
Vater ein.
,Jene Mächte bildeten sich in Zeiten,' bemerkte
- Frank, ,in denen die Kraft nicht thätig war, die Sie
selbst als eine phänomenale bezeichnen, und die sich
zum Beherrscher der Herrscher zu machen gewillt ist.?
Darner bewegte langsam das ernste Haupt.
,E, giebt noch andere Waffen als die Kanonen
und die' Schwerter! Die Macht, vor welcher die
Tyrannei und Willkür der Eroberungslust sich beugen
- muß- die Macht, durch welche England den Kaiser
im Schach hält, die früher oder später die Welt zu
ihrem Willen, zum Frieden zwingen wird, und vor
der selbst ein Napoleon inne halten muß, obschon er
sie zu seinem Nachtheil unterschätzt-- das Schwer-
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,Mein Vater!' stieß Frank hervor, aber Darner
achtete nicht darauf.
,Welcher Souverän hat es gewagt,' fuhr er
fort, ,dem Kaiser entgegenzutreten wie das Haus
Hope, als Napoleon seinen Finanzminister nach
Holland schickte, sich nach dem Guthaben des franzö-
sischen Bankhauses Ouvrard zu erkundigen, um das
. Guthaben mit Beschlag zu belegen und dadurch
Duvrard unter seinen Willen zu beugen? Welcher
- der Herrscher von Europa hätte ihm, wie Hope, die
Antwort zu geben gewagt: ,Vir sind Ihnen keine
Rechenschaft darüber schuldig, ob wir Duvrard'sche
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Gelder in Händen haben!!=- Und was hat Napoleon
gegen Hope zu thun vermocht?? -
Er machte eine Pause, als erwarte er eine Ant-
wort. Da der Sohn sie schuldig blieb, hob Darner
noch einmal an:
,Das ist der dumpfe Fleck in dem Kopfe des
Gewaltigen. Er verachtet die Arbeit des Bürgers,
er verachtet den Kaufmannsstand und die Macht des
Handels. Das Wort, das er der Antwerpener
Handelskammer in das Gesicht geschleudert: ,Ein
Kafgnn jeh hgr fr kunf Frgghäüh
Tökläiserkguft!: darf lhii k' IekFessen werden
unb''Glksich äii'ihm rächen!?
Darner ging wieder im Zimmer auf und nieder,
die Arme fest über die breite Brust gekreuzt.
,,Sie müssen fortfahren, mein Vater!' sagte
Frank nach einer Weile des Zuwartens, ,da Sie
einmal begonnen haben, wenn ich mich nicht in dem
Lahyrinth verlieren soll, an dessen Eingang Sie mich
führten!r
Darner blieb vor ihm stehen.
,Die Menschheit, sich selber überlassen, ist im
Einzelnen wie im Ganzen zerstörungslustig, auf den
Kampf in sich gestellt. Sie will beherrscht sein, muß
beherrscht werden. Die Kraft eines Einzelnen hat
aber noch niemals dazu ausgereicht, sie zu einigen
und unter eine Macht, ein Gesetz zu binden. Kein
Herrscher hat bisher die äußere Herrschaft über die
Welt erreicht, nach welcher er getrachtet. Aber der
Gedanke des Einzelnen, in vielen Seelen fortzeugend,
sich thatkräftig entfaltend-- der vermag, was dem
Einzelnen unmöglich ist. Der christlich-religiöse Glaube
ist ein solcher Gedanke gewesen!' fuhr er zu reden
fort, während er sich wieder dem Sohne gegenüber
niederließ. ,Entsprungen in. dem Geist und Herzen

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eines Mannes aus dem niedern Volke, hat er die
Reiche der alten Welt, die Despotien wie die Repu-
bliken, überwältigt; die ganze alte Kultur hat, sich
ihm unterordnen und dienstbar machen müssen, und
alle späteren Neugestaltungen sind bis heute unfähig
gewesen, die Macht zu vernichten, welche Jener vor
fast zweitausegd Jahren erzeugte Gedanke in der
Organisation der römischkatholischen Kirche gewon-
nen hat. Selbst Napoleon hat sich seiner Herrschaft
nicht sicher geglaubt, bis das Oberhaupt der Kirche,
der Papst, ihm die Krone auf das Haupt gesettt.
Aber auch die Kirche und ihr äußeres Bestehen sind
abhängig von der Macht des Geldes! Wer hält das
Papstthwm als das Geld der Gläubigen? Wer erhält
den prunkenden Dom von Sankt Peter, als das
spanische Geld? Wenn die Aristokratien, die welt
lichen wie die geistlichen, welche die Fürsten und die
Kirche sich zu ihrer beiderseitigen Stüte aufrecht-
erhalten, ohnmächtig geworden sein werden vor der
Glaubenslosigkeit der großen Massen an sie und ihre
Bedeutung, dann wird die Geldmacht in ihren großen
und untereinander durch ihre Interessen verbundenen
Gruppen, dann werden die maresmnes rennis, welche
Napoleon jezt noch verhöhnen zw können wähnt, die
Macht sein, mit welcher die Herrscher sich in das
Gleiche zu setzen haben werden! Und Napoleon hat
es doch jetzt schon vor Augen, wie Spanien, wie er
selber sich auf Duvrard stützen, wie sie sich dessen
Maßnahmen fügen müssen, weil nur dieser und die
ihm vertrauenden und mit ihm arbeitenden Handels-
großmächte im Stande sind, das Geld, das man
braucht, von jenseits des Weltmeeres zu heben und
flüssig zu machen, wo es gebunden und brach liegt.
Die Zeit wird kommen, in ,welcher die vereinten
Geldmächte durch Gewährung und Versagung der

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Kredite und der Anleihen der Kampfgier der Völker
wie der Eroberungssucht der Herrscher die Grenze
vorzeichnen werden, innerhalb deren sich ihre Will-
kür zu bewegen hat.
, rieden du dje Macht des Geldes?! rief
Frank, unfähig, sein Ersiaunen zu verbskgen.'-
,, Frieden aus dem dringenden Bedürfniß der
Menschheit, die ihn nöthig hat, wenn sie nicht in
Barbarei versinken soll! Frieden aus dem Bedürfniß
derer, die etwas zu verlieren haben, und von denen
jene Anderen abhängen, die am Tage zu erwerben
haben, was der nächste Tag erheischt!r?
Er hielt inne und sah lange nachdenkend in das
Steigen und Sinken der Flammen, in das Aufsprühen
der knisternden und erlöschenden Funken. Dann
sprach er:
,,Das Leben und die Welt sehen sich won ver-
schiedenen Standpunkten sehr verschieden an. Mir
ist es nicht so gut wie Dir geworden. Du hast Deine
Hand und Dein Gemüth weich erhalten können in
der wohl vorbereiteten Lage, in der ich Dich heran-
wachsen ließ.?
,, Ich empfinde das dankbar, mein Vater,' sagte
Frank, ,Ihr Weg ist schwer gewesen, wie Sie mir
einmal gesagt.?
,Ja, er war schwer! Ein hartes Geschick hat
mich früh hinausgeschleudert in die Welt, heimatlos,
besitzlos, ununterrichtet, ohne jegliche Erziehung! Was
ich davon errungen und es ist weitaus nicht, was
ich bedurft-- danke ich mir selbst. Als zerrissenes
Stückwerk habe ich mir's anzueignen gehabt, wo ich
es eben finden konnte, in einzelnen Stunden, in
langer Jahre Lauf. Aber wenn ich in nächtlicher
Weile Wache gehalten in tiefem Dunkel, auf schwan-
kendem Maste im weiten Ozean, wenn ich Tage und

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Tage in Windstille vor Anker gelegen, ist mir Vieles -
durch den Sinn gegangen, habe ich viel erwogen, !
viel geträumt. Ich habe lange Jahre gehraucht, ehe
ich festen Boden unter die Füße bekommen habe, um f
mich darauf in verhältnißmäßiger Freiheit bewegen
zu können. Auf mich allein gestellt, habe ich von
da an getrachtet, mein Träumen und mein Thun
in Zusammenhang zu bringen mit den Vorgängen
um mich her, und das Treiben der Anderen ver-
stehen zu lernen, wie es sich mir auf meinem wech-
selnden Lebensweg enthüllte. Vieles ist seitdem ge-
schehen, was man noch vor einem Jahrzehnt, hätte
man es, zu prophezeien gewagt, als die Ausgeburten
eines phantastischen Gehirns verspottet haben würde.
Aber ,an soll solch Träumen, man soll sein eigenes
Träuken nicht unbeachtet lassen und nicht schelten,
denn oftmals entspringt es aus dem geheimen Gefühl f
unserer inneren Kraft; ist doch Alles Traum, und
all. unser Denken wesenloses Spiel des Gehirns, bis
der Wille es in Wirklichkeit verwandelt. ?
Frank hing staunend an des Vaters Lippen. Er
hatte in ihm diese grübelnde Natur, diese Art von
- praktischer Phantastik nicht geahnt, und er war doch
dem Vater verwandt genug, sie zu begreifen. Mit
der Lebhaftigkeit der Jugend erfaßte er seine Hand.
,Warum haben Sie mich so lange fern von sich
gelassen?? fragte er warmen Herzens.
,Weil ich von Dir, von meinen Kindern Ersatz
begehrte für das, was das Schicksal mir selbst ver-
sagt!f' entgegnete Darner, und das feste, kalte Wort
erschreckte den Sohn in diesem Augenblick. Dem Vater
entging das nicht, er gab Frank die Hand und sprach
in milderem Tone: ,Mir hat eine regelrechte Bil-
dung gemangelt, ich will mich der Deinen erfreuen.
Meine Jugend ist düster und schwer gewesen, die

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Eure soll glücklich sein. Ich habe unerfahren mich
selber führen müssen, Euch werde ich führen an das
rechte Ziel, und Guer Glück soll mir das lohnen, soll
das meine werden !?
Es war spät geworden, Darner stand auf.
,Niemand,? sagte er,,hat von meinem Munde
vernommen, was Du heute von mir gehört. Ich
habe Dich eingeführt in meine Geschäfte, Du solltest
auch einen Einblick haben in meine Gedanken, in
meine Ansichten und Absichten. Verstehe und ehre
dieses Zutrauen!''
Er wollte sich damit entfernen. Der Sohn, der
sich gleich ihm erhoben hatte, hielt ihn noch zurück.
,,Entlassen Sie mich noch nicht,'' bat er den
Vater, ,ohne mir vorher das Losungswort für die
Zukunft gegeben zu haben, in der ich neben Ihnen
arbeiten soll. Was denken Sie thun zu können, um
an Ihr Ziel zu gelangen?
,, Immer nur das Nächste! Um wirken zu können,
muß man auf festem Boden stehen. Ich habe ihn
hier gewonnen. Um Zutrauen zu finden in weiten
Kreisen, muß man Herrschaft in kleinem Kreise geübt
haben. Ich übe sie hier an bescheidenem Platze. Was
ich erstrebe, haben Andere vollbracht. Ob ich mein
Ziel erreiche, das kann ich, das kann kein Streben-
der voraussehen; aber das thätige Wgllen ist das
wahre Lehen. Für sichselber Freiheit des Handöliüs?
erringen, indem man der Gesammtheit nütt, ist
Glück-- das ist's, was ich erstrebe. Blicke nach Westen
hin, auf die Geldmacht, welche dort in Europa, hin-
übergreifend über das Weltmeer, sich durch Heirathen,
durch Familienverbindungen und gemeinsame Unter-
nehmungen schon lange gebildet hat. Eine solche
Verbindung des Kapitals fehlt nach Osten hin. In
Deutschland, Desterreich, Rußland, in der Türkei

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sind große Dinge zu thun und zu erreichen durch s
die Kraft des dort brach legenden Kapitals. Was f
im Westen Baring, der Abkomme eines armen Tuch-
scheerers aus einer kleinen englischen Provinzialstadt, s
geleistet hat, das ist im Osten von Europa und über f
seine Grenze hinaus noch zu schaffen. Sie sind durch s
ihre Heirathenhund ihre ineinandergreifenden, einander f
stützenden Geschäfte eng und solidarisch verbunden, s
sind eine Macht: die Baring, die Hope, die Labou-
cheres, Parish, Siler, die Lestapis, wie die zu ihnen f
gehörenden Firmen am andern Ufer des Ozeans-
und ihre Anfänge waren klein und zersplittert geng.
Anfangen!. In Petersburg, in Wien, in der Türkei f
regensich die Kräfte! Man muß anfangen versuchen,
sie z vereinen, denn der Anfang ist des Weges
Hälfte, und anfangen in dieser Zeit, in welcher unter
gemeinsamer Erschütterung im Zusammenbrechen vieles
Alten Raum für Neues wird, in welcher Einer ohnehin
auf den Andern angewiesen wird. Aber wie diese
Zustände fördern, können sie auch hindern, indeß
etwas wird immer geschaffen sein. Ich werde mein
Leben und meine Kraft voll auszuleben trachten, Ihr
werdet den Plat, auf dem Ihr stehen könnt, nicht
erst zu suchen brauchen; werdet durch die Heirathen,
die ich für Euch im Auge habe, meine Absichten
fördern helfen. Das, was vielleicht Lorenz Darner
nicht erreicht, das mag das Geschlecht, das er in diesem
Hause der Kaufmannswelt zuu erziehen hofft, fortsetzen
in seinem Sinne und in seiner Kraft; dann lohnt
es immer, gelebt zu haben! Aber genug für heute,
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Sie horchten beide auf. Man klopfte heftig an
die Hausthüre; sie ward geöffnet, gleich darauf brachte
der Diener einen Brief hinein.