Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 16

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Sechzehntes Kapitell
Der Tag war voll Verwirrung gewesen. Zwei
mal waren die russischen Truppen alarmirt worden
und wieder zurückgekehrt. Gegen den Abend hatten
VarrUe
bangen Erwartens.
Es war der Befehl ertheilt worden, die Fenster
durch die ganze Stadt bis zum Tagesanbruch zu er-
leuchten. In rascher Folge zogen die Patrouillen
mit lautem Aufruf durch die Straßen.
Frank war spät am Abend noch einmal in das
Kollmann'sche Haus gegangen, hatte den Hausherrn
- nicht anwesend gefunden und war von den Damen
nicht angenommen worden. Man sagte, Madame
Kollmann habe infolge der Aufregung ihre Nerven-
zufälle bekommen und Mademoiselle könne sie nicht
verlassen.
Darner hatte seine unverheiratheten Handlungs-
gehilfen im Hause behalten; sie wachten im Komptoir.
Es war Mitternacht, als der Diener in das Wohn-
zimmer der Familie trat, um die niedergebrannten
Kerzen durch neue zu ersetzen. Fast gleichzeitig kamen
Darner und Frank aus dem Komptoir herauf in
den nach der Hauptstraße gelegenen großen Speise-
, saal, der jetzt als Wöhnstube der Familie zu dienen
hatte.
,Seid Ihr noch da? rief Darner, als er seine
Töchter mit Madame Göttling noch beisammen fand.
,Das ist ja gegen die Ordnung!'
,!ir können doch nicht schlafen gehen, wenn
Sie und alle Leute wachen!'' meinte Dolores und
hing sich an seinen Arm.

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,Gerade deshalb könnt und sollt Ihr Euch zur
Ruhe legen. Du siehst blaß aus, und auch Virginie
läßt den Kopf hängen. Sich gesund und rüstig zu
erhalten ist das Wichtigste! Geht zur Ruhe!
,Ich habe das den Mädchen auch gesagt!'
meinte die Göttling, indem sie die Leinwandbinden,
an denen sie arbeitete, zusammenlegte, ,sie wollten
mir jedoch nicht folgen.?
,Wie kann man denn schlafen, Vater,'' wandte
Dolores ein, ,wenn man in jeder Minute denken
muß, die Franzosen kommen, die Schlacht geht los,
es schlägt eine Kugel in unser Haus, oder die gräß-
lichen Kosaken, die wie Wilde durch die Straßen
jagen, brechen bei uns ein? Der eine russische Unter-
offizier, der etwas Deutsch kann, hat dem Hausmädchen
gesagt, noch vor morgen käme es gewiß zur Schlacht.?
,In unserer Pension,? fiel Virginie ein, ,war
eine junge Jtalienerin, die Teresita Conza, deren
Vater auf seinem Schloß nahe bei Marengo wohnt.
Die hatte in der Nacht nach der Schlacht von Ma-
rengo neben ihrer Schwester im Bett gelegen und
geschlafen, und dicht vor dem Schloß war es dann
zwischen den Fliehenden und ihren Verfolgern noch
einmal zu einem Kampf gekommen, und durch eine
Kugel, die in das Schloß geschlagen, ist die arme
Julia zerschmettert worden.?
, Und,? wagte Dolores sich schüchtern heraus,
,wenn gar nichts zu befürchten ist, weshalb hast Du,
Frank, denn heute Deine Pistolen probirt, die Du
verschlossen gehalten, seit wir nach der Reise hier an-
gelangt sind? Und weshalb sind die Herren im
Komptoir? Weshalb wachen Sie selber, lieber
Vater?
Darner hatte ihnen Zeit gelassen, sich auszu-
sprechen.
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,Mich dünkt,r' sagte er, ,da Ihr mich wachen
seht, könntet Ihr alles Erwägen mir überlassen und
thun, was ich Euch heiße. Ich wache, so lang ich
es für angemessen halte, wache für und über Euch.
Frank bleibt bei mir und Ihr geht!r?
Die Töchter küßten ihm die Hand, sahen ihn
und den Bruder ängstlich bittend an, umarmten dann
auch diesen, und verließen das Wohnzimmer. Darner
und Frank traten beide an das Fenster.
, Ich glaube, die Menschen würden ruhiger sein,'?
bemerkte Frank, ,wären die Straßen dunkel. Dieses -
Sehenwollen, wo nichts zu sehen ist, dieses müßige -
Warten auf. ein Unheil, das. kommen. lann, ißß schon -
-eiü Unheil. Könnte man es xaschex fommen machen, -
es wäre ein Gewinn!'?
,Gewiß,'' bekräftigte der Vater,, denn man hätte
-ihm dann zu stehen, hätte etwas zu thun, seine Kraft
a
einzusetzen. Das fürchtende Zuwarten spannt all-
mälig ab. Aber eben deshalb werden jetzt viele
schlafen, und wenn die Nacht ruhig vergehen sollte,
am Morgen glauben, sie ganz durchwacht zu haben.
Dies beiden Mädchen sicherlich! setzte er mit einem
Lächeln hinzu, während er sich auf den mit einem
türkischen Teppich behängten Diwan streckte, der am
ohern Ende des Zimmexs stand. ,Wachen will auch
gelernt sein; und wie vjele wissen überhaupt, wo ihr
Denken und ihr Träumen in einander fließen? Wie
wenige wissen, was sie wollen!?
Frank, den bei aller Unruhe und unter all den
wechselnden Ereignissen des Tages der Gedanke an
Justine riüt verlassen hatte, faßte des Vaters letzte
Worte auf, und ohne seinen Platz am Fenster zu
verlassen, sagte er:
, ,Nun, ich wenigstens habe das Glück zu wissen,
was ich will, und denke, mein Ziel zu kennen.?
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,Da ich es Dir gewiesen,'? fiel der Vater ein,
,ist das nicht schwer für Dich. Die Frage ist nur,
ob man am erreichten Ziel so glücklich ist als auf
dem Wege zu demselben, ob man es sich nicht immer
weiter hinaus stecken muß, um in immer neuer
Kraftanstrengung seines Lebens froh zu werden.?
Die Unterbrechung, wie die Art, in welcher der
Vater seine Aeußerung aufgefaßt, machten Frank un-
gewiß darüber, ob er jezt sprechen oder noch schweigen
solle; aber seit er die Geliebte in seinen Armen ge-
halten, war das Verlangen nach ihrem Besitz mit
Leidenschaft in ihm erwacht, und an den Vater her-
antretend, sagte er:
,Ich bin gewiß, mich glücklich zu fühlen am er-
reichten Ziel, und mir, wie Sie es nennen, darnach
doch auch neue, weitere Ziele zu stecken.r
,Was soll das heißen?? fragte Darnek.
Frank hielt einen kurzen Augenblick inne und
sagte darnach:
,,Seit dem Abend, an welchem Sie mich ihr vor-
gestellt, habe ich Justine Willberg geliebt. Seit heute
sind wir einig. Ich glaube, diese Heirath wird nach
Ihrem Sinn sein.?
Darner hatte sich aufgerichtet; den Arm auf das
Lehnpolster des Divans gestützt, den Kopf erhoben,
blickte er zu dem Sohn empor.
,,Der Tag ist sonderbar gewählt für eine Liebes-
werbung und diese Stunde ebenso für die Mittheilung,
die Du mir machst!r
,Ich hatte fest auf Ihre Zustimmung gerechnetl
entgegnete Frank, betroffen durch des Vaters Antwort.
,,Weitreichende und bindende Unternehmungen
entscheidet man nicht ohne Neberlegung, Angelegen-
heiten wie diese nicht mit einem Ja oder Nein!
Seze Dich nieder!'r

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Der Sohn gehorchte. Darner griff in die offen-
stehende Eigarrenkiste, zündete eine neue Eigarre an,
ging an das Fenster, da eben wieder eine Patrouille
die Straßen durchzog, kam dann zu dem Sohn zurück
und nahm seinen Sitz auf dem Divan wieder ein.
Frank bezähmte nur mühsam seine Ungeduld.
, Justine ist schön, ist gesund und hat ein festes
Herz, das sind große Eigenschaften sür die Ehe,''
hob Darner an, nachdem er seine Eigarre in Zuuug
gebracht. ,Ihr Vermögen ist in England sicher an-
gelegt, und als ich mich hier niederließ, als ich den
Plan faßte, Dich und die Schwestern hierher kommen
zu lassen, habe ich selbst an eine Heirath zwischen
Dir und ihr gedacht. Es paßte mir, Euch in der
ersten hiesigen Kaufmannsfamilie festzusetzen, obschon
Justinens Vermögen, daß sie hier zur reichsten Erbin
macht, nicht groß ist im Vergleich zu ausländischen
Verhältnissen. Umstände aber verändern die Sache,
und vielleicht--
,So hätten Sie mich Justine nicht sehen lassen
sollen! rief Frank mit aufwallender Empfindung.
Der Vater beachtete es nicht.
,Als ich Dich im Herbst von London nach Ant-
werpen kommen ließ, um mit Dir die Reise der
ScZwestern zu besprechen, hast Du im Hause von
Matthias Steenhoven, dem die Frau vor zwei Jahren
gestorben ist, seine-Tochter gesehen. Er dachte schon
damals daran, sich mit einem noch jungen Frauen-
zimmer wieder zu verheirathen, und hatte mir An-
deutungen darüber gemacht, daß er in dem Fall die
- Tochter aus dem Hause goben wollte. Du hast ihm
und der Tochter gefallen. Egegestern hat er mir seine
Verlobung angezeigt und mir in Bezug auf Dich
seinen Vorschlag gemacht. Anna Steenhoven--
,Anna Steenhoven und Justine!'? stieß Frank

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hervor. ,Wie mögen Sie sie nennen neben einander?
Das wortkarge, kalte Wesen--?
,Wird Worte finden für Dich, und Feuer, dächte
ich, hast Du für Euch Beide. Sie ist sechzehn Jahre
wie Deine Schwester, hat feine Züge, und solche
bleiche holländische Mädchen werden oft die schönsten
Weiber. Dabei würde sie Dir schon als Mitgift
ein Vermögen zubringen, bedeutend größer als
Justinens ganzer Besitz, und der Name Steenhoven
ist viel werth, mehr als hier die Verbindung mit der
Nichte Kollmanns !?
Sein Auge ruhte fest auf Frank. Es beirrte
denselben nicht, aber er schwieg.
,Nun?? fragte Darner nach einer Weile.
,,Sie können wohl denken, daß ich nichts darauf
zu erwidern habe, da ich Justine liebe.?
,Du hast mir das gesagt, und ich wundere mich
darüber nicht. Indeß überlege Dir die Angelegenheit,
da ja ohnehin, wie die Verhältnisse jetzt hier sind,
vernünftiger- und schicklicherweise von einer Werbung
und öffentlichen Verlobung zwischen heute und morgen
nicht die Rede sein kann.?
,MNur das Eine geben Sie mir zu,' fiel Frank
ihm ein, ,daß von einer Wahl zwischen Anna Steen-
hoven und Justine auch für Sie keine Rede sein
könnte ohne das Geld der Steenhovens.?
,Schlage das Geld nicht gering an, weil es Dir
niemals gefehlt hat, weil Dir alle die weitreichenden
Vortheile, die es gewährt, frühzeitig zu Theil ge-
worden sind, weil ich mir seiner Zeit Entbehrungen
auferlegt, um Euch zuzuwenden, was mir gemangelt
hat. Der geringste Engländer hat das Wort im
Mund: ,Geld ist Macht!k und er weiß, was er damit
sagt. Ich habe Dich jettt neben mich auf einen wohl
vorbereiteten Boden gestellt; aber ein Vermögen zu

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machen wie das, welches sich Dir bietet, ist nicht
leicht, erfordert Zeit, und Zeit ist das einzige, was,
einmal verloren, nicht zu ersetzen ist. Das Alles be-
denke wohl!?
Er stand auf, da der Diener herbeikam, den
Kohlenkasten frisch zu füllen. Darner befahl ihm,
den Samowar, Cognac und Zucker zu bringen. Als
das geschehen war und der Diener das Zimmer
wieder verlassen hatte, sagte Frank, während der
Vater sich ein Glas Grog zurecht machte:
,Sie geben mir die Angelegenheit zu bedenken,
damit weisen Sie mich auf mich selbst, und dafür
danke ich Ihnen, Vater, denn es würde mir sehr
hart sein, gegen Ihren Willen zu handeln. Aber
mein Entschluß steht fest, ich habe nicht erst zu
wählen. Sie haben Ihr Vermögen aus dem Nichts
geschaffen, ich will arbeiten, es mit Ihnen in Ihrem
Sinn zu mehren. Wohin es Ihnen gefallen wird,
mnich zu stellen, Sie werden mich bereit finden, Ihren
Willen zu thun, und Justine wird mir folgen, darauf
kenne ich sie. Sie selber aber kennen die Verehrung,
welche sie Ihnen entgegenbringt. Justinens bin
ich sicher.?
, , Und ihres Onkels, Kollmanns?' fragte der
Vater, und Frank hörte den Ton des Zweifels in
seiner Stimme.
,Kollmann hält -Ihre Freundschaft hoch und hat
sich mir von Anfang an geneigt erwiesen. Er kann
Justine nicht zwingen, John Kollmanns Frau zu
werden, denn darauf deuten Sie wohl hin.?
,Aber er kann sie auf Jahre hinaus verhindern,
Deine Frau zu werden; und wenn aus Rücksicht für
seinen Sohn er sie Dir weigert=
,So wird sie doch die Meine werden!r ries
Frank, und des Vaters beide Hände ergreifend,

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setzte er hinzu: ,Glauben Sie denn, Vater, daß
nichts, aber nichts von Ihrer Beharrlichkeit und
Willensstärke in mir lebt? Sie haben so viel er-
reicht, ertrotzt, und ich sollte mir nicht das Mädchen
gewinnen können, das ich liebe, das mein sein will,
das Ihnen werth ist, das werth ist Ihre Tochter zu
werden??
Eine Erinnerung an seine eigene Jugend zog
durch Darners Sinn, und seine Liebe für Frank
sprach zu dessen Gunsten. Er wollte es auch zu
einem möglichen Ungehorsam desselben nicht kommen
lassen.
,Wohl,'' sagte er, ,ich will Dir nicht entgegen,
und Justine soll mir willkommen sein; indeß=-r
Er horchte auf. Frank war an das Fenster ge-
eilt, unten im Hause wurde es lebendig.,
Aus der Ferne hörte man schießen. Der
Wind trug den Schall vernehmbar durch die Stille
herüber.
,,Das ist Gewehrfeuer-- aber von einer größeren
Masse!' sagte Darner.,Die Franzosen müssen vor
den Thoren sein!'
,, Kanonenschläge!'' rief Frank.
An allen Fenstern wurden die Bewohner der
Häuser hinter den Lichtern sichtbar; überall traten
die Leute aus den Thüren auf die Wolme vor den-
selben heraus, und wieder leß das Gewehrfeuer
sich vernehmen. Auch Darner war mit Frank
hinausgegangen, seine Leute waren seinem Beispiel
gefolgt.
Ein rother Schein ward sichtbar am Himmel.
Vom Schloßthurm blies der Wächter das Feuersignal,
aber die Nachtwächter riefen das Feuer nicht aus,
die Stadtwachen trommelten nicht und stießen nicht
ins Horn.