Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 17

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,,Wo brennt's? rief man von allen Ecken und
Enden den Nachtwächter an, der langsam wie immer
durch die Straße zog. ,Wo brennt's??
,Man kriegt's nicht zu erfahren! Es muß
draußen sein!' brummte der aus seinem Pelz hervor.
,,DDie Spritzenleute bleiben drin!?
Und wieder und wieder hörte man schießen!
Dann ward es allmälig still. Einer um den Andern
kehrten die Leute in die Häuser zurück. Es war
bitter kalt; eins um das andere erloschen die Lichter
an den Fenstern, und der bleiche, graue Morgen stieg
endlich aus der Nacht empor.
Er beleuchtete die müden, übernächtigten und
bangen Gesichter der Bürger, die nicht wissen konnten,
wer ihr Herr sein würde in der nächsten Stunde,
und die kaum noch Herren waren in ihrem eigenen
Hause.
Siebenzehntes Kapitel
Sobald es zulässig war, begab sich Frank in
das Kollmannsche Komptoir. Der Vater hatte von
ihm berlangt, daß im Augenblick von seinen Wünschen
in Bezug auf Justing.uoeh nichts verlauten solle, und
Frank hatte sich danach zu richten. Sehen und
sprechen aber mußte er Justine doch, und nachdem er
mit Herrn Kollmann die Nachrichten ausgetauscht, die
man einander geschäftlich zu geben hatte, erbat er die
Erlaubniß, die Damen zu besuchen.
Kollmann sagte, seine Frau sei krank, seine Nichte
jedoch werde zu sehen sein. Frank ließ sich melden.
Der Diener, der alle Hände voll zu thun hatte,

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brachte den Bescheid, Mademoiselle werde augenblicklich
kommen, und öffnete ihm das Wohnzimmer.
Frank kannte das Zimmer ganz genau, kannte
jeden Platz, jedes Bild an den Wänden, und hatte
auch sonst schon in Erwartung der Damen wohl vor s
der Servante gestanden und die Tassen und alten
Porzellanfiguren auf derselben betrachtet. Heute aber
war ihm Alles neu und fremd und feierlich wie in
einer Kirche.
Es war nicht mehr dieselbe Justine, die er er-
wartete, es war seine Justine, seine Geliebte, sein
künftiges Weib; und heiß erglühend, als sie zu ihm
eintrat, schreckte er zusammen, da sie wie angewurzelt
und niedergeschlagenen Blickes an der Thür stehen
blieb.
,Was ist geschehen?? rief er. ,Warum siehst
Du mich an, Justine, als wäre ich nicht ich??
Sie hob wie in Angst die Hände empor, schlug
sie vor das Gesicht, flog ihm dann in die Arme und
in Thränen ausbrechend, während sie ihr Antlitz an
seiner Brust barg, rief sie:
,Ich schäme mich vor Ihnen!r
,Du schämst Dich, daß Du mich liebst? Wie
fängst Du das an, da ich glücklich bin in meiner
Liebe, und stolz, die Deine zu besitzen? Die thörichten
Thränen küsse ich Dir fort!?
Und sie lachten Beide, da er's that. Trotzdem
machte sie sich wieder von ihm los.
,Nein,'' sagte sie, ,wissen müssen Sie es doch!rr
,Aber was soll' ich denn noch wissen, da ich
Alles weiß, was ich zu meinem Glück bedarf??
, Ich muß es Ihnen dennoch sagen!' hob sie
an und zog ihn in die andere Ecke des Zimmers, in
den Erker, in welchem man sie nicht gleich sehen
konnte, wenn man in dasselbe einrrat. ,Gestern-



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den ganzen Tag hat es mir keine Ruhe gelassen-
ach, sieh mich nicht so an!' bat sie und lächelte, da
sie ihn Du genannt.
Frank wurde ungeduldig.
,, Höre mich erst,'' drängte er, ,denn wer weiß,
wie bald uns Jemand stöxt! Mein Vater weiß Alles
und heißt Dich von Herzen willkommen. Er ver-
langt aber, daß ich noch schweige gegen Deinen
Onkel---
, Und gegen die Tante erst recht,' fiel sie ihm
ein, ,denn sie ist unwohl und aufgeregt, und sie
liebt Dich nicht, und Deinen Vater nicht. Sie liebt
nichts Fremdes-- sie liebt eigentlich nichts als sich
und ihren Sohn und ='
Ein rasches Roth flog abermals über ihre Stirn
und Wangen.
,Sie hat Dich ihrem Sohn bestimmt!r fiel Frank
ihr ein, da sie stockte.
,Ja,'' bekräftigte Justine, ,und der Onkel auch.
Und seit sie wissen, daß ich John nicht mag, seit
ich ihm das selbst gesagt, noch ehe ich Dich gesehen,''
setzte sie zärtlich hinzu, indem sie dem Geliebten die
Hände reichte, ,seitdem ist auch der Onkel nicht mehr
väterlich für mich wie sonst, und ich bin gewiß, er
wird nich für uns sein.?
,, Wer es das, was Du mir sagen wolltest??
Sie schüttele-has Haupt.
-,Das komfnt ja erst nachher!? sagte sie, ,aber
gestern-
,Nun? fragte er.
,Was hast Du nur von mir gedacht, rief sie,
, daß ich mich Dir gestern so an den Hals geworfen?
Ach, Frank!r-
Und sie lag wieder an seiner Brust, und er küßte
ihr die Selbstanklage von den Lippen.

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,,Daß Du mir nie entziehen wirst, was Du
mir so frei gewährt, daß Du mein sein wirst, immer,
immer, auch wenn sie Dich mir entreißen wollen!'?
sagte er voll freudiger Liebe.
,Ia, ja, bei Gott!r sprach sie und gab ihm fest
die Hand. ,Und nun geh und schweig, und sage
Deinem Vater, ich hätte immer einen Zug zu ihm
gehabt, weil er -- und Du auch- weil Ihr an-
ders seid als alle Anderen. Ach, unterbrach sie sich
plötzlich, ,es ist ja überhaupt Alles ganz anders, als
man's denkt. Mein Leben lang habe ich gehört und
gelesen von weiblichem Stolz und habe daran ge-
glaubt und mir was auf meinen weiblichen Stolz
zu gute gethan! Und gestern - gestern! Frank,
das wollte ich Dir sagen; wie ich dachte, es könne
uns Noth und Elend kommen in der nächsten Stunde,
und wie Du dann fortgegangen bist und mich an-
gesehen hast, und ich habe mir gedacht, Du würdest
nicht da sein, Frank, wenn das Elend käme-- da
hast Du mir die Arme ausgebreitet und=-
Er ließ sie nicht vollenden, sondern sagte glück-
selig, sie fest an seine Brust ziehend:
,Da hast Du empfunden, daß Du ein Weib bist
und daß Deine Zuflucht in meinen Armen ist, die
Dich tragen und bergen und halten sollen, Geliebteste,
so lang ein Athem in mir lebt. Und nun komme,
was mag! Nun lebe wohl, mein Eigen!r
Achtzehntes Kapitel.
Vierzehn Tage waren seitdem vergangen. Die
Franzosen, welche noch ein paarmal, wie in jener
Morgenfrühe, in kleinen und größeren Trupps bis