Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 18


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dicht vor die Thore von Königsberg gekommen, waren
von den Russen immer wieder zurückgeschlagen worden.
Napoleon hatte im Ermland auf den gräflich Fincken-
stein'schen Gütern, zwölf, dreizehn Meilen vor Königs-
berg, ein Winterquartier bezogen, seine Truppen
lagerten rund um ihn her. Königsberg war unter
dem Schutz, das heißt im Besitz der Russen, während
die Preußen sich in Lithauen gesammelt hatten, und
der König und die Regierungsbehörden noch immer
in Memel des endlichen Ausgangs der Dinge warteten.
Keine Stunde war man sicher vor dem Aufsprung
Napoleons zu einer neuen entscheidenden Schlacht,
und man fing sie zu ersehnen an, denn die Noth und
die Theurung wuchsen mit jedem Tage. Zufuhr an
Getreide und an allen Rohprodukten war nur aus
Rußland und nur so lange einigermaßen ausreichend
möglich, als der Frost anhielt. Wurden die Wege
schlecht, so hatte damit der Verkehr zu Lande sein
Ende, und auf das Freiwerden der Flüsse und des
Meeres hatte man noch nicht zu rechnen. Die Kauf-
mannschaft, die große Lieferungsgeschäfte für die
russische und preußische Armee abgeschlossen hatte,
war in Gefahr, sie nicht ausführen zu können, während
Napoleon seine Truppen aus Polen und. aus den von
ihm besetzten nestlichen Theilen der preußischen Mon-
archie auf das Reichlichste zu versorgen im Stande war.
Jeder frägte sich und fragte die Anderen, wie
das, werden solle, und da Niemand eine Antwort
darauf geben, Niemand eine Hoffnung auf baldige
Entscheidung oder gar auf Befreiung eröffnen konnte,
kam jene zuwartende Gelassenheit über die Menschen,
in welcher sie aus Nothwendigkeit zu ihrer täglichen
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Lewald. Die Familie Darner. T.
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Frank hatte es dem Vater nicht vorenthalten,
daß er sich mit Justine verlobt, und daß sie es von
ihm verlangt, ihre Liebe und Versprechung zunächst,
da die Tante leidend sei, geheim zu halten; und
Darner, der die Angelegenheit in aller herkömm-
lichen Form behandelt zu sehen wünschte, hatte den
Sohn, um den Liebenden das Schweigen und die
gebotene Zurückhaltung zu erleichtern, mit geschäft-
lichen Aufträgen über die Grenze nach Rußland
gesendet.
Inzwischen hatte die Kaufmannschaft es durch-
gesetzt, daß man die Verwundeten und Kranken aus
der Börse entfernt; und es war ein sonnenheller
Tag, an welchem man sich zum ersten Mal wieder in
derselben versammeln konnte.
Kollmann und Darner hatten einander bei dem
Eintritt von fern flüchtig begrüßt, waren dann von
ihren Geschäften hingenommen worden und trafen
erst zusammen, als sie die Börse verließen.
,Ist Ihr Sohn zurück? fragte Kollmann, wäh-
rend sie vorwärts schritten.
,,Vor ein paar Stunden ist er angelangt.?
,,Er war also nicht lange fort? bemerkte Koll-
mann.
,Elf Tage!
,, Bringt er Neues??
,Für die hiesigen Zustände bringt er insofern
Gutes, als er die ganze Reise noch hat zu Schlitten
machen können. Die Wege sind noch fest. Nebrigens
hat er die Stimmung jenseits der Grenze zuversicht-
licher als in Memel gefunden, wo er sich einen Tag
aufgehalten und verschiedene Personen gesprochen hat.?
,Das ist kein Wunder; sie haben jenseits der
Grenze den Feind noch nicht im Land so wie wir.
Trotzdem soll man in Memel am Hof tanzen, sich

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mit Schlittenpartien und auf jede Weise divertiren !'
wendete Kollmann mißbilligend ein.
, Was können sie viel Anderes thun! Ihr Schicksal
liegt bei des Königs Charakter kaum noch in ihrer
Hand !? meinte Darner. ,Und am Ende geht die
Welt nicht unter, wenn sie gelegentlich einmal auch
aus den Fugen zu gehen scheint. Es: sah in den
achtziger Jahren in Boston und New-Pork und
1798 in Frankreich auch nicht besser aus als jetzt
hier zu Lande. Leben bleiben und den Kopf oben
behalten, das ist die Hauptsache. Es stellt sich alles
wieder her für den, der das Ruder in der Hand
behält. Verliert man Geld, so gewinnt man's auch
wieder. Wird hier begraben, sg nimmt sich ein an-
derer ein Weib, wie eben jetzt mein Falter reund
Steenhoven in Antwerpen.?
,Matthias Steenhoven? Was Sie sagen! Der
Mann ist mindestens so alt als ich! Wir waren
vor vier Jahren zusammen in Pyrmont, er mit seiner,
ich mit meiner Frau. Die Frau war beträchtlich
jünger als er; sie kann nicht lange todt und die Tochter,
die sie mit sich hatten, muß jett erwachsen sein.
Die Mutter war eine schöne Frau und die Kleine
war nicht übel,?
,,Gerade wegen der Tochter hat er mir geschrieben,
als er mir seine Wiederverheirathung meldete, von
der schon im Herbst, als Ih ihn mit meinem Sohn
besuchte, zwischen uns die Reve gewesen ist. Er möchte,
nun er geheirathet hat, auch die Tochter verheirathen,
und weil er eine junge, zweiundzwanzigjährige Frau
genommen, die Tochter am liebsten nach außerhalb
vergeben, nicht in Antwerpen.?
, Eine gute Partie!'' sagte Kollmann.
,In jedem Betracht! Er giebt ihr schon jeyt,
wenn der Mann sicher ist, ihr ganzes mütterliches
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Erbe, und zweimalhunderttausend Gulden von seiner
Seite mit.?
,Eine vortceffliche Partie!r wiederholte Kollmann.
,Das Mädchen war hübsch und groß für sein Alter.
Reflektiren Sie nicht darauf für Ihren Sohn??
,,Steenhoven - das aber unter uns- hat
mir die Tochter angeboten für meinen Frank.?
,,Und natürlich, Sie acceptiren den Vorschlag!
sagte Kollmann, dem mit Franks Verheirathung ges
dient war. ,Sie haben Gluck!?
,,Nein! So brillant die Partie auch ist, ich kann
nicht darauf eingehen! Ich erwähnte aber absichtlich
des Projektes gegen Sie, weil ich mir denke, es
könne Ihnen konveniren, falls Ihr Sohn noch frei
ist. Frank hat nicht gewartet, bis ich ihn zum Hei-
rathen aufgefordert. Er hat bereits füx sich selbst
gewählt, ist mit seiner Erwählten einig, und ich
billige seine Wahl mit Freuden, in der Erwartung,
daß auch Sie das Gleiche thun werden, lieber Freund!
Ich bitte Sie hiermit um Ihrer Nichte Hand für
meinen Sohn!'
Sie waren währenddessen an die Ecke der Straße
gekommen, an welcher beide nach ihren Wohnungen
einzulenken hatten. Kollmann blieb stehen, drehte sich
dann aber wieder um, Darner zu begleiten.
Es war zwischen ihm und seiner Frau in der
letzten Zeit von der Wahrscheinlichkeit dieses Antrags
die Rede gewesen, und doch überraschte er ihn; denn
abgesehen davon, daß seine Frau in keinem Sinne
davon hören wollte, regte sich auch in ihm, nun der
Augenblick der Entscheidung gekommen war, der Hoch-
muth der alten eingeborenen Kaufmannsgeschlechter
gegen den emporgekommenen Fremden, obschon gerade
er es gewesen war, der Darner stets am entschie-
densten vertreten hatte. Er fand es sehr natürlich,

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daß Darner, da er sich hierorts niedergelassen, die
Heirath mit Justine einer reicheren auswärtigen Heirath
vorzog. Johns Wünsche fielen daneben jetzt auch bei
ihm schwer in das Gewicht, und keinesfalls sollte
Darner glauben, daß man den Antrag von Frank
erwartet habe, oder die Heirath mit demselben für
Justine und für die Familie als eine Ehre ansehe,
die man ohne weiteres anzunehmen habe.
,Ihr Antrag,' sagte er also, ,kommt mir, wie
Sie, werther Freund, sich denken können, nicht ganz
unerwartet. Es freut mich auch, daß Sie Zutrauen
zu meiner Nichte haben. Was ich von Ihrem Sohne
halte, wissen Sie. Ich werde aber durch die Will-
kür, mit welcher meine Nichte sich zu handeln erlaubt,
vor einen Zwiespalt gestellt. Justinens verstorbener
Vater hat sie von jeher unserem Sohne bestimmt.
Noch auf seinem Sterbebette hat es Willberg getröstet,
sein einziges Kind einst in unser Haus, in seiner
Schwester Haus, übergehen zu sehen. Mein Sohn
ist in dem Gedanken an diese Heirath auferzogen,
liebt die Cousine . . .?
,,So sprechen wir nicht mehr davon!' unter-
brach ihn Darner, den Hut zum Abschied ziehend.
,Nehmen Sie an, ich hätte nichts gesagt. Auf
Wiedersehen!
Er sprach das mit dey -leichmuth, mit welchem
Geschäftsleute ein Geschäfi abthun, und da er an
Kollmann ein Zögern bemerkte, setzte er hinzu:
,,Machen wir uns weiter keine Gedanken darüber.
Sie haben Ihres Schwagers Willen nachzukommen,
und wir haben es ja mit ein paar gesunden Menschen
zu thun. An gebrochenem Herzen stirbt keiner von
den beiden! Frank sollte ohnehin in nächster Zeit
nach England gehen, ich werde zu allseitiger Be
ruhigung seine Abreise beschleunigen!'