Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 01

Ersies Kapitel!
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ö==H der ein Posttag war, unter den anderen
Fremden ein Herr Lorenz Darner an der Königs-
berger Börse, den kein Geringerer einführte als,
Konrad Samuel Kollmann selber, der erste und
reichste Handelsherr der Stadt und der Provinz.
Die Zeiten für den Kaufmann waren damals
schwierig und, drohend. Die Welt war seit den ameri-
kanischen Freiheitskämpfen durch die französische Re-
volution und die ihr folgenden Kriege in ihren
Tiefen aufgeregt, und Ruhe war nirgend mehr zu
finden, selbst da nicht, wo man, wie in Preußen,
augenblicklich noch in Frieden lebte.
Die Schifffahrt war unsicher geworden. Der
Landverkehr war heute hier, morgen dort durch die
Kriege gehindert, während doch eben der Krieg bald
sehr große, unvorherzusehende Bedürfnisse erzeugte,
also große, unerwartete, gewinnbringende Geschäfte
nöthig machte und bäld wieder wohl berechtigte Unter-
nehmungen plötzlich über den Haufen warf. Die
eigentliche Regelmäßigkeit des Geschäftsbetriebes hatte
aufgehört, und die Verhältnisse wurden noch schwie-
riger durch die damalige Mangelhaftigkeit der Ver-
kehrsmittel.
Lewald. Die Famili DDarner. U
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- Von täglich abgehenden Posten war noch keine
Rede. Die Zeitungen, welche zweimal wöchentlich
mit der Post von Berlin nach Königsberg gelangten,
waren immer viele Tage alt, und häufig waren ihre
Nachrichten durch die rasch einander folgenden Er-
eignisse überholt, abgesehen davon, daß sie unter
strenger Zensur keineswegs verläßlich waren.
Dem Glauben, dem Vermuthen war damit ein
weites Feld gelassen. Wer einigermaßen sicher gehen
wollte, mußte sich von dem Stande der Dinge an
Ort und Stelle überzeugen, mußte sich durch Esta-
fetten Nachrichten verschaffen, und es waren also
damals mehr Kaufleute und mehr Vertrauenspersonen
derselben unterwegs und an den Börsen der Handels-
städte anzutreffen, als jemals in früheren Jahren.
Wie verschieden die Einzelnen aber die Zustände
auch ansehen mochten, je nachdem ihre politische
Meinung oder ihr persönlicher Vortheil ihnen dieses
oder jenes Ereigniß wünschenswerth erscheinen ließ,
und je nachdem sie die auswärtigen Verhältnisse
durch den Augenschein kannten oder nicht kannten,
darin stimmten Alle überein, daß selbst die ausge-
sprochene Friedensliebe des jungen Königs von
Preußen den großen Weltenbrand, den -Napoleon
angefacht hatte, nicht werde verhindern können, auch
Preußen zu ergreifen, und daß man schon jetzt wie
auf einem Vulkan lebe.
Mit Spannung trat man an der Börse den
Großhändlern entgegen, von denen man wußte, daß
sie durch Estafetten mit ihren Geschäftsfreunden ver-
kehrten; und jeder von auswärts, sei es von Westen
oder Osten kommende Reisende war ein Gegenstand
der Beachtung, um der Nachrichten willen, die er
haben, der Auskunft wegen, die man von ihm zu
erlangen hoffen konnte.

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Unbestimunte Gerüchte von neuen Zerwürfnisfen
zwischen England und Frankreich, von bevorstehenden
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zum Kaiser ausrufen werde, gingen eben an jenem
Donnerstag an der Börse von Mund zu Mund, als
Lorenz Darner an Konrad Kollmanns Seite in die
Börse eintrat, und von diesem verschiedenen seiner
Freunde vorgestellt wurde.
Kollmann nannte leichthin die großen Amster-
damer und Londoner Firmen, durch welche Darner
bei ihm eingeführt worden, und dieser fand eine
um so bereitwilligere Aufnahme, als Kollmann be-
merkte, daß jene Häiuuser Herrn Darner als einen
sehr weitsichtigen, sehr gewiegten Mann bezeichnet,
mit welchem sie durch eine Reihe von Jahren in be-
deutender und erfolgreicher Geschäftsverhindung ge-
standen hätten.
Die Art jeyer Geschäfte war jedoch nicht be-
zeichnet. Ebensowenig war es ausgesprochen, zu
welchem Zwecke sich Darner nach Preußen begeben
und an Kollmann hatte empfehlen lassen. Auch ob
er selbstständig etablirt oder zu einem jener aus-
wäärtigen Hääuser gehörend sei, und wo er bisher ge-
lebt hatte, war aus den Empfehlungsbriefen nicht er-
sichtlich.
Ein Haus Lorenz Darner war in der Handels-
welt nicht bekannt. Bei solchen Empfehlungen, wie
sie ihm zur Seite standen, wäre aber ein dringendes
Fragen unter Kaufleuten, die sich respektiren, nicht
am Platze gewesen. Kollmann nahm also an, daß
Darner dem Hause Hope in Amnsterdäm, auf das er
sich besonders bezog, bisher als schweigender Partner
angehört habe, und wartete mit schicklicher Zurück-
haltung auf das, was Darner selber von sich aus-

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sagen, oder was man zu fragen berechtigt sein werde,
sobald es sich um den wirklichen Abschluß von Ge-
schäften handeln würde.
Sein. Name bezeichnete ihn als einen Deutschen,
obschon er die Haltung und die Manieren eines
Engländers hatte und das Deutsche mit fremd-
ländischem Anklang sprach. Als man dies, nachdem
er einige Tage die Börse besucht, gegen ihn bemerkte,
erwiderte er, das sei leicht möglich. Er habe Deutsch-
land jung verlassen, sei erst vor wenigen Jahren
wieder einmal auf deutschen Boden gekommen, um
in Karlsbad eine Kur zu gebrauchen. Darnach habe
er sich eine Weile in Deutschland umgesehen, sei auch
in Preußen und sogar ein paar Tage in Königsberg
gewesen, jedoch ohne die Börse zu besuchen.
Wie dann sich Jemgnd die Frage erlaubte, was
ihn so weit gen Nordosten geführt, hatte er mit
Achselzucken entgegnet:
,,Eine Grille, oder nennen Sie es eine Selbst-
täuschung. Ich hatte mich in Karlsbad von den
Folgen eines Fiebers zu erholen, das mich in der
Havanna befallen und stark mitgenommen hatte.
In meiner Hypochondrie war ich auf den Gedanken
gekommen, mich nach langer, ruheloser Arbeit ganz
von den Geschäften zurückzuziehen und es mit dem
Landleben zu versuchen. Preußische Gutsbesitzer,
mit denen ich in Karlsbad bekannt geworden, hatten
mir den Rath gegeben, mich füür diesen Fall in Ost-
preußen umzuthun, und mich dabei auf die Güter
der erloschenen Familie von Wiekau aufmerksam ge-
macht. Diese nur sechs Meilen von Königsberg in
der Nhe von Pillau am Meere gelegenen Güter,
die Ihnen wohl bekannt sein werden, habe ich damals
an mich gebracht und eine Weile in Strandwiek
gelebt. ?

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,, Und Sie haben sie wieder verkauft?'' fragte
Kollmann, der hinzugetreten war.
, Nein,' entgegnete Darner gleichmüthig, ,ich
besitze sie noch. Sie haben den Vorzug, in an-
genehmer Umgebung nahe am Meere zu liegen,
dessen Anblick ich auf die Läinge nicht entbehren
kann, und sie rentiren doch einigermaßen. Es würde
unter gewissen Bedingungen eine hübsche Kolonie
dort zu gründen sein. Aber ich habe dem Landleben
auf die Dauer keinen Geschmack abgewinnen können.
Ich bin eben Kaufmann, bin an eine anspannende
uhätigkeit gewöhnt, und ich möchte mich darüber
unterrichten, ob Königsberg für mich ein geeigneter
Plaz sei. Falls sich das herausstellt, könnte ich hier
arbeiten und meine Absichten mit Strandwiek doch
als eine Liebhaberei zur Ausführung bringen; denn
die Strecke von sechs, sieben Meilen, von hier bis
dorthin, ist mit untergelegten Pferden leicht zu be-
wältigen.?
Nun hätte man plötzlich einen festen Anhalt,
und Darner gewann dadurch noch an Bedeutung.
Die Güter, deren er als einer unbedeutenden Sache,
als einer Liebhaberei, erwähnte, waren ein großes
herrschaftliches Besitzthum. Man entsann sich, vor
ein paar Jahren gehört zu haben, daß ein Fremder,
ein Engländer, sie gekauft, der einige Monate dort
in dieser Einsamkeit verlebt hatte, dann fortgegangen,
nicht wiedergekehrt war, und die Güter durch einen
Inspektor verwalten lasse, der seinen Herrn als einen
Sonderling bezeichne.
Nach einem Sonderling sah jedoch Lorenz Darner
ganz und gar nicht alts.
Er war ein Mann gegen das Ende der vier-
ziger Jahre. Groß, breitbrüstig, von starkem Knochen-
bau, war er unverkennbar auf ein langes Leben

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angelegt. Dem tüchtigen, wohlgetragenen Körper
entsprach das kluge, wettergebräunte Gesicht mit der
hohen, von schwarzem Haar umrahmten Stirne, mit
dem starken Backenbart, mit den dunklen, mächtigen
Augen. Die kräftige Nase, das starke Kinn und der
wohlgeformte Mund, hätten Darner das Recht ge-
geben, für einen schönen Mann zu gelten, wääre der
Ausdruck seiner Mienen nicht ein so stolzer und
kalter gewesen. Zu übersehen war der Mann jedoch
nie und nirgends; und weil er sich nach diesen Mit-
theilungen in seiner Zurückhaltung beständig gleich
blieb, während man sah, daß er in Königsberg festen
Fuß zu fassen beabsichtigte, beschäftigte sich die Neu-
gier um so mehr mit ihm.
Er war durch Kollmann in die Kaufmanns-
ressource eingefüührt, war,' als im Herbste die Gesellig-
keit wieder in den Familien ihren Anfang nahm,
in den besten Häusern bekannt und aufgenommen
worden. Er selber hatte in dem ersten Gasthause der
Stadt eine ansehnliche Wohnung inne, hielt einen
eigenen Diener und hatte sich ein paar englische
Reitpferde von Strandwiek kommen lassen, die er in
den Stallungen des Hotels sorgfältig untergebracht.
Man sah ihn täglich ausreiten, täglich an der Börse.
Man wußte, daß er über den Sonntag regelmäßig
auf sein nahe bei Pillau gelegenes Gut oder ge-
legentlich auch nach Pillau selbst, dem Seehafen von
Königsberg, hinausfuhr, wo er ebenfalls wohl
empfohlen und akkreditirt war und wo er mit Rhedern,
Schiffsmaklern und Kapitänen in Verkehr trat.
Da man sich aber von den Leuten, mit denen
man zu thun hat und gesellschaftlich umgeht, ein
festes Bild zu machen liebt, hätte man Genaueres
won Darner wissen mögen als das, was man seinen
Aeußerungen im Gespräch zu entnehmen vermochte.

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Es war klar, er kannte fast das ganze Europa.
Er war in Afrika gewesen, hatte in Nordamerika,
in Mexiko, in Brasilien und in Westindien ver-
schiedentlich gelebt, und das wollte im Anfang dieses
Jahrhunderts mehr als jetzt bedeuten. Ob er von
Hause aus ein reicher Mann gewesen, ob er sein
Vermögen in Handelsgeschäften wäährend seiner Reisen
erworben, welche Arten von Geschäften er gemacht
habe, darütber ließ er sich nur selten, nur flüüchtig
aus, wenn es darauf ankam, den Erfolg eines ge-
planten Geschäftes nach seiner Einsicht zu beuriheilen.
Da die große kaufmäännische Allianz, in welcher in
jener Zeit die Häiuser von Francis Baring in London,
von Hope und Labouchere in Amsterdam, von Parish
in Hamburg arbeiteten, ihn zu ihren Geschäftsfreunden
zählten, mußte er ebenso sicher mit den Kolonial-
wie mit den Getreide- und Bankgeschäften in ihrem
größten, den ganzen Welthandel umfassenden Stile
vertraut sein! Indeß auf die sehr natüürliche, an ihn
persönlich gerichtete Frage, in welchem Zweige er
denn in Königsberg zu arbeiten beabsichtige, hatte
er erklärt, daß er darüber selber noch gar keine
Meinuung, geschweige denn eine Entschließung haben
könne. Er sei ja vorläufig nuur gekommen, sich um-
zusehen, in wie weit Königsberg als Zwischenstation
zwischen dem Osten und dem Westen zu benüten
sei; und nach der Einsicht, welche er darüber sich
bilden werde, werde er entscheiden können, ob er
bleiben oder ob er sich in Memel oder Riga das
Feld für eine ersprießliche Thätigkeit zu suchen haben
werde.
Die Frauen ihrerseits machten sich mit seinemt
Privatleben zu schaffen. Aus manchen kleinen Pro-
vinzialismen meinten sie folgern zu dürfen, daß er
aus dem Norden von Deutschland stammen müsse.