Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 19

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Kollmann schwankte.
,Ich danke Ihnen,' sagte er, ,daß Sie mir
damit Zeit gewähren. Meine Frau ist Justinens
nächste Anverwandte .. .??
,Versteht sich ! ergänzte Darner. ,Sie sind beide
frei, Ihre Nichte und ebenso mein Sohn! Er mag
über Antwerpen gehen und sich's überlegen.?
Sie boten sich höflich den guten Tag, waren
beide beleidigt und Kollmann noch keineswegs sicher
über das, was geschehen sollte und werde, als er aus
seinem Komptoir in seine Wohnung und zu seiner
Frau hinaufging.
Meunzehntes Kapitel!
Es war heute einmal still' und ruhig im Hause
wie in früheren guten Tagen. Madame Kollmann
hatte ihre Nervenleiden ziemlich überwunden. Sie
saß, wenn sie auch noch ein schwarzes Spitzentuch
über die Haube gebunden hatte, doch wieder vor
ihrem Nähtisch auf dem erhöhten Tritt am Fenster,
von dem aus sie durch einen zu dem Zweck außer-
halb angebrachten Spiegel die ganze Straße über-
sehen konnte; und wie an jedem Tage, wenn er von
der Börse kam, trat Kollmann an sie heran, küßte
sie und fragte:
,,Nun, mein alter Schatz, wie befinden wir uns
heute??
,Der Doktor sagt, wenn das Wetter morgen so
mild bleibt, könne ich eine Ausfahrt wagen!'' ent-
gegnete sie, wickelte sich dabei aber doch fester in ihr
Entredeux und zog das Spitzentuch tiefer über die
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Stirn, um nicht gleich für völlig wohl zu gelten.
Sie wollte auch gerade noch weitere Auskunft über
sich ertheilen, als Kollmann sich erkundigte, ob sonst
etwas gekommen wäre.
,,Die Göttling war mit Dolores hier . . ?
,Wohl um zu erzählen, daß Frank zu Hause
seil'' fiel Kollmann ein.
,,So weißt Du es schon von Darner und weißt
also wohl auch, daß General von Stromberg heute
von ihm eine Einladung für sich und seinen Aju-
tanten zum Mittagessen erhalten und angenommen
hat. Wir sind dadurch Gottlob endlich einmal wieder
einen Mittag gemüthlich für uns ganz allein!'
, Justine ist doch zu Hause??
,,Natürlich!' entgegnete die Tante.
,, Und =- Kollmann hielt inne, da man die
Thüre des Nebenzimmers öffnete. Dann blickte er
hinein und fragte: ,War Frank schon hier?
, Nein, ich sagte Dir ja, nur der Doktor und
-die Göttling mit Dolores. Aber weshalb fragst
Du das??
,,Eine Frage wie eine andere!'' entgegnete er,
als Justine, heiter in ihrer Schönheit, mit dem An-
ruf in das Zimmer trat:
,MNun, Onkelchen, was bringen Sie uns Neues
von der Börse mit??
,Für Dich nichts Neues!'' giö er ihr zur Ant-
wort.
- Justine wurde roth und wandte sich ab. Auch
der Tante fielen die Worte auf und der Ton, mit
welchem Kollmann sie. ausgesprochen hatte.
Indem meldete der Diener, daß angerichtet sei,
man ging zu Tisch, indeß die trauliche Gemüthlich-
keit, auf welche die Tante sich gefreut, wollte sich nicht
einstellen.

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Kollmann war zerstreut, seine Frau that anfangs,
als bemerke sie es nicht, weil er es nicht liebte, in
solchen Fällen beobachtet zu werden. Auch Justine
schwieg hartnäckig.
Es blieb der Tante also nichts übrig, als auf
gut Glück zu plaudern, wenn man den Diener nicht
die obwaltende Verstimmung merken lassen wollte.
Wie sie dann nun Alles ausgekramt, was sie am
Morgen von den sie Besuchenden erfahren hatte,
sagte sie:
,Denke Dir, Dolores und Virginie nehmen seit
drei Tagen Unterricht im Russischen!'
,,Das ist ohne Schaden für sie, wenn Darner
sie vielleicht einmal nach Rußland verheirathen will.
Hätte unsere Karoline Dänisch gekonnt, so hätte sie
sich leichter in Kopenhagen eingelebt!'' antwortete er
der Frau, und wieder blieb die Unterhaltung hängen.
,Weißt Du, daß Frank Darner sich in Memel
aufgehalten und dort unsern König und die Königin
gesehen hat? hob sie noch einmal an.
,,Das Letztere wußte ich nicht, aber daß er in
Memel war, hat der Vater mir gesagt, der ihn in
den nächsten Tagen, ich glaube, nach England
schicken will.?
,Frank nach England?' fuhr Justine auf; ,das
glaub' ich nicht!f und hielt erschrocken inne, nachdem
sie es gesagt.
Der Onkel sah sie scharf an.
,Glaub's immer!' sagte er. ,Man erfährt
Manches, was man nicht exwartet oder geglaubt
hätte; und daß man einen jungen Kaufmann auf
Reisen schickt, ist weder überraschend noch un-
glaublich, wenn man keine besonderen Gründe hat,
es zu bezweifeln!'?

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, Franziska hätte das gesagt!'' wendete Justine
ein, um nicht durch ihr Schweigen zu verrathen, wie
die Nachricht sie getroffen hatte.
,, Vorausgesetzt, sie hätte es gewußt!'' entgegnete
der Onkel und erhob sich, da die Mahlzeit be-
endet war.
Justine entfernte sich schnell, Kollmann und die
Frau blieben zurück.
, Sage mir, ich bitte Dich,'' rief Madame Koll-
mann, als ihr Mann, vor seinem Pfeifentische stehend,
die rechte Pfeife wählte, ,lag' mir, was hast Du
heute? Du hast etwas mit Darner gehabt, oder
mit dem Frank! Habt Ihr einen Verdruß? Auch
gegen Justine hast Du etwas!?
Statt ihr den begehrten Bescheid zu geben, setzte
er sich zu ihr an den Tisch, an welchem sie ihm
den Kaffee bereitete, zog das gestickte Feuerzeug auus
der Tasche, schlug bedächtig das Feuer an, legte den
Zündschwamm auf den Tabak, und brachte paffend
-seine Pfeife langsam in Zug und Gang. Es eilte
ihm nicht, auszusprechen, was er ungern sich selber
und noch unlieber seiner Frau einzugestehen hatte.
,Du behältst diesmal Recht,' sagte er und paffte
noch stärker, als er der Frau die Tasse abnahm, die
- sie ihm reichte. ,Mit Deiner Ansicht über Justine
behältst Du Recht. Sie ist einverstanden mit Frank
Darner. Der Vater hat sie he für den Sohn
von mir gefordert.?
,Hab' ich's Dir nicht gesagt!' rief sie trium-
phirend. Aber die Mißstimmung ihres Mannes
wie ihre Ergebenheit für ihn und der Gedanke an
ihren Sohn dämpften sofort in ihr den Genuß des
Rechthabens, und die Sachlage schnell übersehend,
sagte sie:,Darum also, weil Du ihn abgewiesen,
schickt er den Frank uach England, darum erschrak
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Justine! Ich hatte es so bestimmt erwartet, daß
es mich-- Du siehst es -- gar nicht überrascht!
Ich bin zufrieden, daß wir so weit sind. Du siehst,
ich nehm' es ganz gelassen, aber ich will dabei
sein, wenn Du mit Justine sprichst. Ich will sie
rufen lassen.?
,Nicht so hastig! warnte Kollmann und hielt
sie zurück, da sie die Klingel ziehen wollte.
,Ich-- ich habe, das weißt Du, Justine nie
getraut, seit Darner vor vier Jahren in das Haus
kamlr fing Madame Kollmann aufs Neue zu sprechen
an, da der Mann sie hinderte, Justine gleich zur
Rechenschaft zu ziehen und ihr die Lektion zu geben,
die sie ihr gönnte. ,Nun hast Du es selbst erlebt,
was ich Dir längst gesagt, daß der Göttling auch
nicht zu trauen ist, daß sie von jeher Justine Alles
nachgesehen hat, um sich bei ihr festzusetzen. Sie
hat auch jettzt,' fuhr sie, sich mehr und mehr ereifernd,
fort,,ganz gewiß wieder die Hand im Spiele ge-
habt. Sie hat, Juustine hat es ja selbst ausgesprochen,
ihr Alles hinterbracht, hat gewiß die Vertraute ge-
spielt. Ich kenne diese sogenannten ruhigen, zurück-
haltenden Frauen, eine wie die andere, diese Schein-
heiligen!r
Sie hüstelte ein wenig, schöpfte frischen Athem.
Kollmann hatte sie ruhig reden lassen. Er war
zufrieden, daß sie sich erzürnte, daß sie die Angelegen-
heit nicht von der Gefühlsseite erfaßte.
,Streng' Dich nicht an, reg' Dich nicht so auf,?
sagte er, ,sondern laß uns zusammen überlegen, was
zu thun ist.?
,Was ist denn da zu überlegen? Zunächst--
es ist ja heute Dienstag und russische Post - zu-
nächst muß doch John es wissen. Ich will gleich
schreiben.?

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,Nicht so hastig!' wieberholte er.,John er-
fährt es in acht Tagen auch noch früh genug, wenn
wir damit zu Rande sind.?
,Aber ich bitte Dich, was soll denn noch zu
Rande kommen,'' rief sie ungeduldig, ,wenn Du Dein
Nein gesagt hast!
,,Das habe ich nicht gethan, denn Darner hat
es dazu nicht kommen lassen, nachdem ich ihm von
Deines Bruders Wünschen für Juustine in Bezug auf
John gesprochen.?
,, Nun, ich dächte, das wäre doch genng gewesen !
eiferte sie aufs Neue.
,, Genug, um Darner seine Stellung nehmen zu
lassen, und immer nicht so viel, daß ein Einlenken
von beiden Seiten nicht mehr möglich wäre, wenn
uns das gerathen schiene, und Jene es, was nicht
anders sein kann, noch wünschten. Justine ist nicht
unsere Tochter, und Du hast eben jetzt über ihre
Eigenwilligkeit geklagt, von der sie den Beweis ge-
liefert. Sie hat John abgewiesen in einer Zeit,
in der sie ihm noch keinen bestimmten Andern vor-
zeg, und .. ?
,, Und sie soll also wieder ihren Willen haben?
Wie Du's wünschest, lieber Mann, ganz, wie Du es
willst! Wenn Du's für Recht hältst, daß sie gegen
ihres Vaters ausdrückliches Verlangen handelt, wenn
Du mehr auf ihre Verliebtheit als auf Deines
Sohnes lange, treue Liebe Bedacht mnmt, und
wenn Du, als ihr Vormund, sie nicht abhalten
kannst, sich an den ersten besten . - -
, Halt, Marianne!' gebot er mit jener Bestimmt-
heit, welche er, trot seiner Nachsicht für sie, der
Heftigkeit seiner Fräu in entscheidenden Augenblicken
immer erfolgreich entgegen zu setzen wußte. ,Sprich
nicht aus, was ich nicht hören darf, was gesagt zu
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haben Dich reuen könnte. Diese ersten besten, wie
Du sie in Deinem Zorn jett zu nennen beliebst,
sind Gäste unseres Hauses. Lorenz Darner ist mir
seit vier Jahren ein geachteter Geschäftsfreund, ist
unser Hausfreund gewesen.?
,,Ich habe Deine Meinung von ihm nie ge-
theilt!r
,,Das war Deine Sache; aber Du trittst mir
und meinem Hause zu nahe,'' fuhr er ruhig fort,
,wenn Du von Darner mit Geringschätung sprichst.
Er hat keinen tadelnswerthen Schritt gethan. Aller-
dings wird er wie alle unsere Freunde vermuthet
oder gewußt haben, daß wir Justine unserem Sohn
bestimmten. Er wird aber von Frank ohne Zweifel
- und ohne daß die Göttling dabei im Spiele
zu sein gebraucht -- erfahren haben, daß Justine
John ausgeschlagen hat, und er wird nicht glauben,
daß unser Sohn geneigt ist, ein Mädchen zu nehmen,
das ungern in sein Ehebett geht. Oder traust Du
Deinem Sohne zu, daß er solcher Frau begehrt?
Wünschest Du ihm vielleicht Justine zur Frau, wenn
sie ihn nicht liebt=- selbst wenn ich sie dazu zwingen
könnte, oder wollte, seine Frau zu werden, was
beides nicht einmal der Fall ist. Und Darner ist
kein Mann, der fordert, wo er nichts zu bieten hat.?
Madame Kollmann schwieg, sie konnte sich nicht
entschließen, das Nein ehrlich auszusprechen, das er
zu hören begehrte.
,,Du hast sie ja in Deiner Hand !r bemerkte sie.
,,Ich habe ihr Vermögen in meiner Hand und
kann sie noch drei Jahre lang verhindern, ihrer
Neigung zu folgen.?
,Drei Jahre, Lieber, sind eine lange Zeit!r
,Gewiß, drei Jahre sind eine sehr lange Zeit;
und drei Jahre lang ein Mädchen im Hause zu haben,


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das Dich und mich als ihre Feinde ansieht, würde
uns diese Zeit sicherlich nicht verkürzen!''
,Also soll Frank sie bekommen, wie es scheint?
Sie willst Du ihr Glück haben lassen nach ihrem
Sinne, und John, der treue John, der Genosse ihrer
Kindheit, der seine ganze Jugend an sie gedacht, der
mag sich trösten wie er kann. Nimmermehr, Konrad!
Werde nicht ungerecht aus Gerechtigkeit, nicht hart
aus Nachsicht. Sage ein bestimmtes Nein, und Frank
Darner, der sich im Handumdrehen in Justine ver-
liebt, wird sich aus Verdruß ebenso rasch in eine
Andere verlieben. Sieht das die eitle Justine, sieht
sie sich verschmerzt, so lernt sie Johns Treue schätzen.
Gerade die Hochmüthigsten werden am sanftesten,
wenn sie sich aufgegeben und vergessen finden, und
Justine thut die Lehre noth. Frank findet ja zehn
Frauen für eine, wenn auch nicht gerade hier, wo
man doch nicht weiß, von wannen sie eigentlich
stammen. Zehn für eine!'
,,Kein Zweifel daran,' entgegnete ihr Kollmann,
,, ben Beweis biete ich Dir eben jetzt dafür. Du
erinnerst Dich doch der Steenhovens aus Ant-
werpen??
- ,Freilich, die Frau ist ja todt .. r?
, Und Steenhoven hat sich eine ganz junge Frau
genommen.?
, ,Unglaublich!'' sagte Madame Kollmann, und es
flog ein finsterer Schatten über ihr Gesicht.,Da
sieht man, wie sich die Männer trösten! Man
hätte denken sollen, er könne nicht leben ohne seine
Frau. Nun, vielleicht tröstet sich auch John.?
,Zu den Steenhovens schickt Darner seinen
Sohn,'' nahm Kollmann das Wort.,DDie Reise
nach England ist nur ein Vorgeben, wie ich sicher
weiß. Es war eine Heirath im Werk zwischen Frank

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und der hübschen kleinen Anna. Ihr Vermögen ist
weit größer als das von Justine, und was Steen-
hovens bedeuten, weißt Du. Da Frank aber Justine
will, ist der Vater bereit, ihm nachzugeben und auf
die Steenhoven'sche Partie zu verzichten. Er hat
mich gefragt, ob wir sie für John nicht wünschens-
werth fänden, und seine Vermittelung steht für den
Fall in Aussicht.?
,John und Anna Steenhoven, das ist ja etwas
ganz Neues ! rief Madame Kollmann, brach dann
aber ab.
Kollmann stand auf und sah nach der Ühr.
, Neberlege Dir die Sache, ich werde natürlich noch
heute mit Justine sprechen, jetzt muß ich ins Komptoir.?
,Ob die Geschichte mit dem Antrage von Steen-
hoven sich wirklich so verhält?? fragte die Frau.
,Auf einer Unwahrheit oder Halbheit habe ich i
Darner nie betroffen. Es ist so zu sagen, ein Tausch-
geschäft sl gsri, das er uns anbietet. Er soll auf
seinen, wir auf unseren Plan verzichten, der jungen
Leute wegen. Er würde es nicht vorschlagen, hielte
er es nicht für ausführbar von der Steenhoven'schen
Seite, weil das junge Mädchen doch lieber mit einem
jungen Manne wie John aus dem Hause gehen, als
mit einer jungen Stiefmutter unter demselben Dache
bleiben wird.?
,Das ist natürlich keine Frage! bekräftigte
Madame Kollmann im Stolz der Mutterliebe.
,. Und Aufsehen würde hier die Heirath machen,
denn das Mädchen wäre auch für unsern John
eine glänzende Partie. Nur weiß ich nicht recht, wie
John jetzt abkommen könnte .. ?
,Du müßtest denn Tiessen für die Zeit ent-
behren und nach Riga senden können!' schlug ihm
die Frau vor.