Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 20

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,Das hat seine Schwierigkeiten,' meinte Koll-
mann, um die Trauben, welche der Frau verlockend
zu werden schienen, höher zu hangen, ,das hat
dort seine Schwierigkeiten; und auch hier müßte man
natürlich erst noch Näheres mit Darner feststellen
wegen Justinens Vermögen und ihrer Zukunft. Man
müßte .. ?
,Man müßte Näheres wissen, meinst Du,''
fiel die Frau ihm ein, ,von wegen Darners Her-
kommen und wegen der Kinder und der geschiedenen
Frau -. -
,Auch das ! sagte er und ging in das Geschäft.
Bwanzigstes Kapitel.
Justine wußte sich vor Ungeduld nicht mehr zu
lassen.
Wie eine Schildwache hatte sie seit dem Mittag
an ihrem Fenster gesessen und gestanden und hinaus
geschaut in die Straße, durch die er kommen mußte,
und er war nicht gekommen. Wie ging das zu?
Wie war das möglich?
Am Morgen hatte er natürlich Geschäfte gehabt.
Während ihres Mittagessens hatte er- nicht stören
können, und man hatte im DarnerIchen Hause, in
defn man später speiste, den General und noch andere
Gäste zu Tisch gehabt, aber diese Hindernisse hatte
er doch im Voraus berechnen können. Warum hatte
er nicht durch Dolores einen Gruß gesendet? Warum
hatte er der Göttling nicht gesagt, daß er sich ihr
empfehlen lasse, daß er am Abend kommen werde,
den Damen seine Außwartung zu machen? Seine
Schwestern und die Göttling hatten derlei Bestellungen
;

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sonst vielmal ausgerichtet, warum heute nicht? Und
wenn er den Auftrag unterlassen, weil er bei Zeiten zu
kommen gedacht, wenn er dann davon abgehalten
worden war, weshalb hatte er ihr nicht zwei Zeilen
gesendet? Wegen eines Tanzes, den er sich im vor-
aus für den Abend erbat, hatte er ihr sonst ge-
schrieben; und jetzt, wo sie ihn seit Tagen und Tagen
nicht gesehen, wo ihre und seine Zukunft davon ab-
hing, daß sein Vater mit ihrem Onkel sprach, wo ---
dies war ihr zweifellos =- sein Vater mit dem Onkel
gesprochen haben mußte, heute ließ er sie warten,
ließ er nichts von sich hören!
So lang es hell gewesen und sie noch hatte
nach ihm ausspähen können, war es aushaltbar ge-
wesen, dieses bange Warten; nun es dunkel geworden,
und es war schon lange dunkel und man kozmnte bei
dem trüben Flackern der Laternen auf der Straße
kaum Jemand erkennen, nuun wurde ihr der Zustand
erst recht zur Qual. Es mußte längst sieben Uhr
sein. Sie mußte das Schlagen der Domuhr über-
hört haben in ihrer Aufregung.
Sie zog die Ühr aus dem Gürtel.
,Die Ühr steht!' rief sie und hielt sie an das
Ohr, aber Sekunde um Sekunde hörte sie ticken.
,, So geht sie zu langsam !' dachte sie und ging in
ihre Schlafstube, in der die unfehlbare englische Ühr
stand, welche sie aus dem Vaterhause mitgenommen
hatte; aber es war und blieb dasselbe, es fehlten
noch neun Minuten bis zu sechs.
, Sie tafeln also noch, und Frank sitzt fröhlich
bei Tisch mit den Gästen, und sie trinken und lachen,
und er ist guter Dinge,' tröstete sie sich, indeß der
Trost verschlug ihr nicht, denn sie dachte: ,Wie
kann er froh sein, wenn ich einsam hier in meiner
Stube weinel'

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Ja, sie weinte, und um ihn! Wie konnte er so
lieblos, so ohne Rücksicht sein? Er gegen sie?
Sie warf sich auf das Sopha, das Sopha litt
sie nicht; sie sprang auuf, an Frank zu schreiben, sich
zu beklagen. Sich beklagen hieß ja aber ihm ein-
gestehen, wie abhängig sie von ihm und seinem
Willen sei. Den Triumph gönnte sie ihm nicht. Die
Lehre vom weiblichen Stolz, die sie in des Geliebten
Armen als eine Thorheit erkannt hatte, machte sich
jetzt doch wieder in ihr geltend. Und trozdem blieb
es dabei, er hatte ihr Glück und Leid in Händen,
und endlich mußte er doch kommen!
Draußen in dem Flur, vor ihrer Stube, hörte
sie Schritte.
War das der General, der nach Hause kan?
Nein, es war nur die Kammerjungfer. Sie händigte
ihr einen Brief aus, den General Stromberg füür sie
mitgebracht.
, Von ihn !? Sie athmete auf.
Das Blatt enthielt nur wenige Zeilen.
, Dein Onkel, meine Juustine, hat Dich mir ver-
weigert,'' schrieb ihr Frank. ,Morgen Mittag soll ich
fort nach England, vorher aber muß ich Dich noch
sprechen. Mein Vater weiß, daß ich Dich nicht lasse,
aber ich muß es von Dir hören, daß auch Du be-
harrst, daß Du mein bleibst unter jeder Bedingung,
wie ich Dein bin für immer. Sage mir, wann ich
kommen soll. Scheue es nicht, m ch in Deinem
Zimmer zu empfangen. Ich lasse mni-h nicht melden,
nehme meinen Weg sofort zu Dir, meine schöne
Braut, bald meine schöne Frau, meine Juustine
Darner!'
In helle Glücksfreude umgewandelt, drückte sie
das Blatt an ihre Lippen, und sie hatte sich eben
wieder niedergesetzt, es im Jubel ihres Herzens zu
Lewald. Die Jamilie Darner. 1.

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beantworten, als das Stubenmädchen mit der Be-
stellung hereinkam:
,Mamsell möge doch gleich zu den Herrschaften
herunterkommen !''
.st jemand Fremdes da?? fragte Justine, auf-
flammend in der Hoffnung, es könne der Ge-
liebte sein.
Das Mädchen verneinte das.
Justine warf enttäuscht noch einen Blick in den
Spiegel, zu sehen, ob ihre Aufregung nicht merkbar
sei, nahm dann, ohne daran zu denken, aus Ge-
wohnheit ihren Arbeitskorb mit sich, löschte das Licht
aus und ging in das Wohnzimmer hinab.
Der Onkel und die Tante saßen wie immer auf
dem Sopha neben einander. Der Onkel rauchte, die
Tante strickte so wie immer. Die Lichter standen auf
ihrem alten Fleck.
Aber der Onkel erkundigte sich nicht, weshalb
sie den ganzen Nachmittag in ihrer Stube geblieben
sei, die Tante legte das Strickzeug zur Seite, faltete
FF = == Rn =e = wa
Justine konnte nicht ungewiß sein über das,
was ihr bevorstand; indeß die Worte des Geliebten
hatten sie erhoben und in sich gefestigt, und um ihre
innere Freiheit kund zu thun, fragte sie in dem sorg-
losesten Tone:
,,Soll ich etwas?
, Putze die Lichter!'' gebot der Onkel, ohne eine
Miene zu verziehen.
Und wie sie das gethan hatte, kam ihr ihre
Frage und des Onkels Befehl nach der gehabten
Aufregung so komisch vor, daß sie, aus einer Stim-
mung in die andere geworfen, lachend ausrief:
,, Dazu sollte ich herunterkommen??

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,,Du siehst, sie lacht!'r bemerkte die Tante mit
Bedeutung.
, Gebe Gott,' entgegnete er, ,daß ihr das
Lachen ihr Leben lang so vom Herzen kommen könne
als bisher in unserem Schutz und unserem Hause!''
Und ihr ein Blatt Papier hinreichend über den Tisch,
fügte er hinzu:,Lies den Brief!'-
Sie sah die Neberschrift: ,An Herrn Lorenz
Darner ! Nach kaufmännisch geschäftlicher Sitte war
sie oben auf die linke Seite des großen Quartblattes
geschrieben. Justine nahm sich zusammen.
,, Ich darf doch den Brief wohl oben in meinem
Zimmer für mich selber lesen!'' sagte sie.
, Nein,'' bestimmte der Onkel,,mir und der
--ante lies ihn vor. Ich und Deine Tante haben
gegen Dich stets offen gehandelt. Du sollst das auch
in diesem Falle anzuerkennen haben, obschon Du es
nicht verdient hast. Wie Du uns unser Vertrauuen
- in Deine . . -
, Erlauben Sie mir, Onkel,'' fiel Justine ihm
lebhaft in die Rede, ,daß ich mich rechtfertige r-
, Lies erst den Brief. Das lebrige nachher!'
gebot er.
Justine mußte sich fügen, und den Brief, den
sie aus der Hand gelegt, wieder ergreifend, hob sie
zu lesen an:
, Geehrter Herr, geehrter Freund! Der Heiraths-
antrag, den Sie mir heute im Namen Ihres Herrn
Sohnes, Frank Darner, für Reine Mündel und
Nichte Mademoiselle Justine Willberg, gemacht, hat
mich genöthigt, Ihnen sofort die Gründe darzuthuun,
welche mich nach der von meinem in Gott ruhenden
Schwager gethanen Willensäußerung zwangen, den
von Ihnen gemachten Antrag zunächst zu beanstanden,
und die Angelegenheit mit meiner Frau, desselbigen
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Willbergs einziger Schwester, zu besprechen, der aller-
dings darauf gerechnet hatte, in seiner Tochter den
willigen Gehorsam zu finden, welchen seine vorsorgende
Vaterliebe von ihr verdiente, als er darauf gedacht,
sie mit unserem einzigen Sohn und Erben für das
Leben zu verbinden.
,,Da unsere Nichte aber selbstwillig und ohne
unser Mitwissen sich Herrn Frank Darner zugesagt
hat, können wir aus Elternliebe und in Vorsorge für
unseres Sohnes Glück und Frieden natürlich nicht
mehr an die von ihrem Vater für Justine geplante
Verbindung denken. Ich will es also mit Ihnen
segnen, wenn unsere Nichte und Herr Frank Darner
das Eheglück mit einander finden, welches Sie Ihrem
Sohne, wir unserer Nichte zu wünschen haben.
, Indeß, als Juustinens Vormund, hahe ich na-
türlich die Angelegenheit auch von ihrer geschäftlichen
Seite und nach jeder Richtung hin sicher zu stellen.
Ich bin bereit, Ihnen die Vermögensverhältnisse
meiner Nichte zu decouvriren, und muß daneben ein
Nebereinkommen treffen, in welcher Weise das Will-
berg'sche Vermögen nach der erlangten Volljährigkeit
der Besitzerin festgestellt, und welches Vermögen ihr
und ihren zu erhoffenden Nachkommen von seiten des
Herrn Frank Darner zugesichert werden kann, falls
der Tod ihn vor seiner Gattin abberufen sollte.
,Endlich aber muß ich eines Punktes erwähnen,
dessen Berührung Sie zu entschuuldigen belieben werden,
da ich ihn als gewissenhafter Vormund und auch
in meinem Familieninteresse nicht unbeachtet lassen
darf.
, Sie werden von Anfang unserer Bekanntschaft
die Erfahrung gemacht haben, daß ich Sie, geehrter
Herr, und Ihre persönliche und kommerzielle Be-
deutung zu würdigen verstanden und gerne aner-

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=- JßH--
kannt habe. Indeß Sie sind mit unverkennbarer
Geflissenheit jeder Mittheilung über Ihre Familien-
verhältnisse aus dem Wege gegangen, und es hat
sich mir dadurch, wie durch Bemerkungen dritter Per-
sonen, und durch gewisse zufällige Aeußerungen von
Ihren werthen Töchtern die Vermuthung nahe gestellt,
daß eben diese Verhältnisse nicht der gewöhnlichen
Art und vielleicht keine zufriedenstellenden gewesen
sein dürften.
,,Ehe ich aber, um nach meinem Gewissen und
meiner Pflicht zu handeln, meine Nichte und Mündel,
wie sie es wünscht, in Ihre Familie übergehen lassen
darf, muß ich über das Herkommen und die Ver-
hältnisse derselben völlig aufgeklärt und sicher dar-
über sein, daß meiner Nichte und Mündel keine
störsamen Ereignisse in dem Kreise entgegentreten
können, dem sie sich einzuverleiben begehrt und in
den Sie sie aufzunehmen wünschen.
,Sie werden, das bin ich sicher, diese Anfragen
von meiner Seite als vollkommen berechtigt an-
erkennen, und ich darf Sie versichern, daß, falls sie
von Ihnen günstig beantwortet werden, wie ich es
erwarte, ich Herrn Frank Darner gerne als unsern
Neffen begrüßen und ebenso bereit sein werde, meinen
Sohn von den Vorschlägen in Kenntniß zu seten,
die Sie- ich will. hoffen zu gemeinsamem Besten---
mir für ihn unterbreitet haben.
, Genehmigen Sie die Versicherung meiner ganz
esonderen Hochachtung - .
Justine hatte den ganzen Brief angsam, wie
der Onkel das liebte, und mit fester Sämme gelesen.
Nur das Blut war ihr in den Kopf gestiegen und
ihre Hand hatte' leise gebebt unter der Wucht der
wechselnden Empfindungen, welche das Schriftstck
in ihr wachrief, wie unter der Gewalt, die sie sich

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angethan, um ihre äußere Ruhe zu behaupten. Als
sie ihn beendet hatte, legte sie den Brief vor ihren
Onkel nieder.
,Nun,' fragte dieser, ,Du schweigst, was soll
dies Schweigen sagen?
, Ich schweige, Onkel, weil ich mich sammelu
muß; aber ich danke Ihnen, Onkel! Ich weiß, mein
Vater würde ebenso gehandelt haben, und ich danke
Ihnen, und auuch Ihnen, Zante, daß Sie endlich den
Plan aufgeben, mich mit John zu verheirathen, daß
Sie John mitJh einer von Franks Schwestern ver-
binden wollen . . ??
,, John mit einer Darner!' rief die Tante, die
ihren Unmuth nur schwer bewältigt hatte. ,John?
Der Gedanke ist doch zu naiv !?
,,So habe ich des Onkels Schreiben falsch ver-
standen!'?
,Das hast Du,' begütigte der Onkel. ,Es kommt
jedoch darauf zunächst nicht an, denn von John ist
jetzt die Rede nicht. ?
Er erhob sich, ging an seinen Sekretär, faltete
und siegelte den Brief und hieß Justine dem Diener
klingeln.
, Einen Augenblick noch!r bat Justine. ,Sie
sind offen mit mir verfahren, Onkel,? sagte sie, ,ich
schulde Ihnen also jett das Gleiche.? Sie stockte,
suchte nach dem Worte und sagte dann:,Frank hat
mir durch General von Stromberg ein paar Zeilen
geschickt. Sie sind in dem Glauben geschrieben, daß
Sie mich ihm verweigern. Er gelobt mir, nicht zu
wanken, und verlangt mich zu sprechen, ehe er morgen
fortgeht. Erlangen Sie es, daß Frank hier bleibt,
bisSie sich mit seinem Vater verständigt haben werden.?
,,Das ist eine Avance, die ich nicht machen will,
weil sie mich verpflichten und die Voraussezung

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eines Erfolges in sich schließen würde, der mir
zweifelhaft erscheint.?
Die Tante hatte sich inzwischen erhoben und die
Schelle gezogen, welche den Diener herbeirief.
Kollmann üübergab ihm das Schreiben.
,,An die Adresse zu besorgen durch den Haus-
knecht!' befahl er. ,Bescheid ist nicht zu erwarten
nöthig!
; --.
-- P? --
Als der Diener hinausgegangen war, sagte
Kollmann:
,,Darner wird dem Sohne den Inhalt dieses
Briefes nicht vorenthalten. Schickt er Frank trotz
desselben fort, so bedarf es kaum einer andern
Antwort. Ich habe, da Du Dich, ohne uns zu be-
fragen, so weit gewagt, auf die Ausführung von
- Deines Vaters Anordnungen und auf die Erfüllung
unserer wohlwollenden Wünsche für Dich verzichten
müssen. Beides ist mir gegen den Strich gegangen.
Ich habe von Dir also zu fordern, daß Du Dich
von jetzt ab meinem Willen fügst. Ich will durch -
Dich nicht in die Lage gebracht werden, als ein ge-
wissenloser Vormund zu erscheinen. Ich darf in f
meinem Hause keinen romanhaften Liebeshandel
treiben lassen. Du weißt, das ist nicht unser Brauch.
Du bist hier nicht landfremd wie die Darners, Du
bist hier eingeboren und hast den Namen zu respek-
tiren, den Dein Vater und seine Vorfahren hier zu
Ehren gebracht und Dir mit Ehren vererbt haben. Sind
die Verhältnisse der Darners nicht der Art, daß ich
Dich ihren Namen mit Ehren tragen lassen kann,
so wirst Duu nicht Fraik Darners Frau. Geschäfte

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machen kann man mit Jedem, der sich dazu geeignet
erweist; umgehen mit Menschen, die dazu geschickt,
wenn sie auch nicht frei von Makel sind, denn jeder
Umgang ist lösbar. Man kann nicht von Jedem,
mit dem man Geschäfte macht und umgeht, seinen
Taufschein und sein Testimonium heischen; aber mit
wem ich mich oder einen der Meinen dauernd und
durch heilige Bande verbinden soll, gegen den
muß nichts einzuwenden sein; und darauf werde
ich halten, auch in diesem Falle. Wenn Du mir
nicht freiwillig versprichst, jeden Verkehr mit Frank
Darner zu meiden, ihn nicht zu sehen, ihm nicht zu
schreiben, ehe ich im Klaren über die Familie bin,
so verbiete ich es Dir hiermit. Handelst Du gegen
mein Verbot, so begehst Du eine unehrenhafte That,
die vor aller Welt auf Dich und damit auf Deines
Vaters Gotthard Willbergs Namen zurückfällt. Du
darfst Dich mit Niemandem verheirathen, dem ein Makel
anhaftet.?
Justine war seinen Worten regungslos gefolgt.
,,Sie haben Darner bisher stets vertraut,'' sagte
sie, da ihr Onkel inne hielt, ,weshalb zweifeln Sie
jetzt an seiner Ehrenhaftigkeit?'?
,,Weil er es nöthig gefunden, uns über seine
Familienverhältnisse im Unklaren zu erhalten. Mein
Zutrauen zu ihm ist erschüttert seit der Ankunft
seiner Kinder. Wer sich verbirgt, hat etwas zu ver-
bergen. Fühlst Du Dich vielleicht dazu berufen, ihm
darin beizustehen? Und was würden die Leute von
Dir denken, wenn Du, Du Justine, den Namen einer
Familie freiwillig zu dem Deinen machtest, deren
Oberhaupt bisher seine Kinder, wie es scheint, nicht
anzuerkennen gewagt hat? Warum hat Darner alle
diese Jahre nie freimüthig von seinem Sohne ge-
sprochen? Von seinen Töchtern nicht??

-=- PZ --
Justine blieb die Antwort schuldig. Es waren
das Fragen, die sie sich selber im Stillen vorgelegt,
ehe ihre Liebe sie völlig hingenommen. Jetzt, da
der Onkel sie kalten Blutes vor ihr aussprach, fielen
sie ihr mit ganz anderer Schwere auf die Seele.
Denn wie sehr sie sich seither auch darin gefallen,
sich unabhängig von dem Willen ihrer Nächsten
zu erweisen, war sie doch in der Scheu vor dem
Urtheil der Leute erzogen, und es kam ein banges
Zagen in ihr Herz, wenn sie sich auch desselben schämte.
,Es freut mich, daß Du schweigst. Es ist mir
ein Zeichen, daß Du nachdenkst, daß Du die Richtig-
keit meiner Vorsorge für Dich einsiehst! hob der
Onkel wieder an.,Kann ich mich verlassen auf
Deinen unbedingten Gehorsam gegen meinen Dir aus-
gesprochenen Willen??
Und wieder schwieg sie im Kampfe mit ihrer
Liebe und der in ihr erregten Scheu.
,Antworte mir, Justine!'' gebot der Onkel.
,Was soll Frank von mir denken, wenn ich ihm
nicht Antwort gebe!?
,Daß Du ein ehrbares Mädchen bist und Dich
nicht zu einem Liebeshandel hinter dem Rücken der-
jenigen hergiebst, die für Dich einzustehen haben.?
, So muß ich ihm doch wenigstens schreiben, daß
ich Ihnen von seinem Briefe gesagt, daß Sie mir
verbieten, ihn zu sehen.?
,Die Mittheilung werde ich Hm machen, und
zwar, da ich persönlich nichts wider ihn habe, in
schonendster Weise. Hoffentlich ist Gottlieb noch nicht
fort, so kann er auch die zwei Zeilen gleich mit sich
nehmen und besorgen.?
,Welche Umstände!' rief die Tante dazwischen,
da Kollmann Justine fortgeschickt, den Boten zurück-
zuhalten.

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Als sie wiederkehrte, gab er ihr zu lesen, was
er geschrieben.
,Ich danke Ihnen, Onkelr sagte sie wieder.
Er sah, daß sie die Thränen in den Augen
hatte, und gab ihr die Hand.
,ällso wir sind einig für das Erste,' tröstete er,
,,das Nebrige wird sich finden. Jetzt kommt zum Thee!''
,Ich möchte für mich in meiner Stube bleiben,?
bat sie.
Kollmann sagte, sie möge nach ihrem Bedürfnisse
handeln, und sie ging davon.
Die Tante biß die Lippen zusammen und schüttelte
mißbilligend den Kopf.
,,Du bist nicht mit ihr am Ende,'' meinte sie,
nachdem Justine sich entfernt hatte,,aber wie ich
Justine jetzt habe kennen lernen, muß ich sagen,
unser Herrgott weiß am besten, was er - thut und
was uns frommt. Es wird oft zu unserem Heil,
was wir als ein Unheil angesehen. Ich danke dem
Himmel, daß dieses Mädchen nicht Johns Frau,
daß sie nicht unsere Schwiegertochter wird. Wir
haben an ihr gethan, was wir konnten, es nach des
armen Gotthards Wunsch mit ihr und unserem John
zu halten. Jett wünsche ich sehnlich, daß Darner
im Stande ist, sich auszuweisen, denn ich bin
Justinens und ihrer Nähe von ganzem Herzen satt.
Hättest Du nur ihr Haus nicht verkauft, und sie mit
der Göttling gelassen, wo sie war!'?
,,Wer hat es denn so sehr gewünscht, Justine in
unserem Hause zu haben, um sie ganz nach unserer,
nach Deiner Art und Weise zu erziehen?
,Für Frank Darner etwa? fiel die Frau ihm
ein, seiner Frage ausweichend.
Kollmann ließ sich dadurch von seinem Sinne
nicht abbringen.