Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 21

!
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,Du bist nach Frauenweise ungerecht gegen mich
und noch mehr gegen Justine, Deines Bruders Kind.
Frank ist ein schöner Mensch, sie in ihn verliebt
und er in sie. Kann es mit Ehren geschehen, daß
sie zusammenkommen, soll's mir recht sein. Ver-
änderten Konjunkturen muß man Rechnung tragen;
aber auf unsicheren Boden stelle ich nicht mich,
nicht sie!'
Einundzwanzigstes Kaptlel!
Darner war in seinem Zimmer, als man ihm
den Brief von Kollmann brachte. Er durchflog ihn
rasch; seine Stirne verdüsterte sich. Er stützte den
Kopf auf die geballte Hand. Es war ihm lieb, daß
er allein war. Er blieb eine Weile in tiefen Ge-
danken sitzen.
,Warum gab ich ihm das Recht, die Frage an
mich zu richten? stieß er endlich hervor und ver-
sank dann wieder in sein Brüten. Er war's ge-
wohnt, mit sich allein zu Rath zu gehen und sich
nicht dabei zu schonen, denn er kannte seine Kraft
und seine Schwäche. An dem Tage, an dem sein
Sohn ihn gebeten, ihn aufzuklären über den Lebens-
weg, den er zurückgelegt, hatte er' sie beide wieder in
sich gefühlt: sein stolzes Selbstgefühl unddie unüber-
windliche Scheu, von seiner fernen ersten Jugend zu
Jemandem zu reden, obschon fast ein Menschenalter ihn
von derselben trennte und verjährt war, was damals
geschehen.
Ausgesprochen' mußte es doch einmal werden, vor
Allem seinen Kindern gegenüber. War dies der rechte
Anlaß, der richtige Augenblick dazu? War's klug,

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Kollmann überhaupt Rede zu stehen, oder klüger,
dessen Verlangen abzuweisen? Aber that er das,
so gab er Jenem das Recht zu den übelsten Ver-
muthungen, während er zugleich die Verhandlungen
über Franks und Justinens Verbindung völlig ab-
brach, zu welcher Kollmann jetzt einlenkend die Hand
geboten hatte. Und Frank liebte das Mädchen und
Darner liebte seinen Sohn.
Er konnte nicht wie sonst schnell mit sich
einig werden. Sprach er, und Kollmann stimmte der
Verbindung nicht zu, so hatte er sich unnöthig in
dessen Hand, sich seinen jeyigen Mitbürgern unnöthig
preisgegeben. In seiner Heimat lebte gewiß noch
manch einer, der ihn in seiner frühsten Jugend ge-
kannt. Seit Jahren aber war keiner von diesen ihm
in den Weg getreten, als einst an der Börse Kapitän
Schwenten. Damals hatte er die Wirkung- von dessen
Anwesenheit und Mittheilungen in den tastenden
Fragen zu empfinden gehabt, die man darnach an
ihn gerichtet. Das, was einmal geschehen war, konnte
sich heute, morgen wiederholen. Der Zufall' konnte
es noch ungeschickter fügen.
Er fuhr heftig auf, als stände dieser Zufall jett
vor ihm. Das durfte nicht geschehen! Sich dem Un-
geschick des Zufalls auszusetzen, sagte er sich, ist immer
ein Fehler. Der Willkür eines Dritten wollte und
durfte er nicht länger überlassen, was er nach bedäch-
tigem Ermessen selber zur Ausführung bringen konnte.
Er hatte allezeit, was der Tag und der Augenblick
von ihm gefordert, nach seinem Gewissen gethan. Er
blickte mit freiem, festem Sinn in seine Vergangen-
heit zurück; er war ja noch immer der Verhältnisse
Herr geworden, in welche er mit seiner Person und
mit der Kraft seines Willens eingetreten war. Ea
galt, dies auch jetzt wieder zu beweisen.

Unud doch zauuderte er noch einmal. Was küümt -
merte die Leute, woher er gekommen, was er ursprüng-
lich gewesen? Er war da; er war Lorenz Darner,
der Chef des großen Handelshauses. Sie hatten ihn
für denjenigen zu nehmen, der er war, so lang er
nichts von ihnen begehrte!
Aber jetzt hatte er etwas von einem Andern be-
gehrt, hatte von Kollmann eine Frau für Frank be-
gehrt. Kollmann hatte damit das Recht gewonnen,
sich nach seinen Familienverhältnissen zu erkundigen, z
fragen, wer die Mutter Franks gewesen sei.
Es gab kein Ausweichen, und einmal gethan,
war's abgethan, so oder so! Er erhob sich, und rasch
wie in allem seinen Thun, wenn der Entschluß ge-
faßt war, brachte er die folgenden Worte zu Papier:
, Ich ersehe auus Ihrem werthen Schreiben, das
Sie, geehrter Freund, eine Unterhandlung noch ein-
mal aufzunehmen wünschen, die ich nach Ihren münd-
lichen Auslassungen als abgethan betrachtete. Ich bin
bereit, dieser Ihrer Absicht zu begegnen und Ihnen
die Auskunft zu geben, deren Sie zu bedürfen glauben.
Indeß solche Dinge machen sich besser persönlich als
schriftlich ab, da ich Ihnen dabei sozusagen meine
eigene Lebensgeschichte zu erzählen habe. Ich schlage
Ihnen also vor, wenn es Ihnen paßt, sich morgen
Abend um sechs Uhr gefälligst zu mir zu bemühen,
und zeichne, Ihres werthen Besuches gewärtig, in be-
kannter Gesinnung
Lorenz Darner.?
Dies gethan, ließ er seinen Sohn z sich be-
rufen.
,Deine Abreise muß verschoben werden, zunächst
um einen Tag !'', sagte er ihm. ,Kollmann hat sich
vermuthlich endgiltig überzeugt, daß er für seinen Sohn

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auf Justine in keinem Fall zu rechnen habe. Er hat
mir einlenkend geschrieben, Auskunft über Deine
Mutter verlangt. Ich habe ihm für morgen Abend
eine Unterredung zugesagt, der Du beiwohnen sollst,
da Du neulich die gleiche Frage mit Berechtigung an
mich gerichtet. Dort liegt Kollmanns Brief.?
Frank griff nach demselben, hielt jedoch inne und
sprach:
, Ich möchte ihn nicht lesen, ehe ich Ihnen nicht
gesagt, was ich ohne Ihr Mitwissen in dieser Ange-
legenheit gethan habe.?
Und mit kurzen Worten das Geschehene berich-
tend, händigte er dem Vater die Zeilen von Koll-
mann ein.
Als Darner sie angesehen, Frank den Brief ge-
lesen und zurückgegeben hatte, bemerkte der Vater:
,Wäre mit einem Verliebten zu rechten, so wüürde
ich Dir sagen, die Zurechtweisung von Kollmann
hättest Du Dir ersparen können! Du weißt jettt, wie
die Sache steht, und wirst Dich darnach richten.?
,, Justinens bin ich sicher, wie meiner selbst!? rief
Frank voll Zuversicht.
,,.Das wird sich zeigen und ist abzuwarten! Wenn
sie Dich liebt, so ist Verlaß auf Justine, und mich
soll's freuen, wenn Du Deinen Willen hast. Jeyt
aber keinen Schritt vorwärts, ehe ich Kollmann ge-
sprochen! Dein Wort darauf!'' entgegnete der Vater
und hielt ihm die Hand hin.
Frank schlug ein. Er war gewiß, Justine werde
sich bewähren, und war stolz darauf, dies dem Vater
darzuthun.
Darner ging an das andere Ende des Zimmers,
legte seinen Brief an Kollmann auf den Tisch, von
welchem der Faktor des Hauses in der Frühe regel-
mäßig die nicht im Komptoir geschriebenen Briefe zur

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Besorgung abzuholen hatte, und verließ darauf den
Sohn. Es war spät geworden; er wollte auch weiter
nicht befragt sein, es im voraus zu keiner Art von
Erklärung kommen lassen.
Der nächste Tag war ein Sonntag. Das Wetter
hatte sich aufgehellt. Am Himmel schimmerte unter
lichten weißen Wölkchen ein blasses Blau hervor. In
der Luft fühlte man zum ersten Mal wieder jene
Weichheit, welche an die Wiederkehr des Frühlings
glauben macht.
Kollmann hatte es Justinen beim Frühstück nicht
vorenthalten, daß er diesen Abend eine Besprechung
mit Darner haben werde, und auf ihre Frage, ob
Frank abreise, entgegnet, davon wisse er nichts. Er
verkehrte jedoch freundlich mit ihr, und sie fühlte sich
mehr als seit lange zu ihm hingezogen, da ihr Ver-
stand ihr sagte, daß er handle, wie er es müsse. Mit
der Tante war es für sie anders.
Es war gegen neun Ühr. Die Glocke des Doms
läutete zur Kirche, die man regelmääßig zu besuchen
gewohnt war. Darner war nicht kirchlich, hatte aber,
wie seine Tochter es am Neujahrstag vorausgesagt,
für seine Familie eine Bank in der Kirche gemiethet,
und Frank pflegte seine Schwestern und Madame
Göttling fast immer zum Gottesdienst zu begleiten,
wenn schon es nicht eigentlich die Andacht war, die
ihn nach dem Dome zog. Der Darner'sche Kirchen-
stand war dem von Kollmann gegenüber.
Als dieser letztere sich vom Frühstückstisch erhob,
um sich nach dem Dom zu begeben, folgte Justine
seinem Beispiel. Sie hatte den Pelz, die Sammet-
kappe für sich bereit gelegt und war dabei, sich an-
zukleiden. Kollmann bemerkte das.
, Ic glaube, da die Tante noch nicht aufgusan-
den ist, bleibst Du heute lieber zurück. Sie hat, wie

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ich Dir sagte, keine gute Nacht gehabt und könnte
Deiner doch bedürfen!'r bedeutete er der Nichte.
Justine verstand die Meinung. Sie fügte sich,
reichte dem Onkel den Pelz, den Hut, den Stock und
das Gesangbuch, dann eilte sie wie am verwichenen
Abend an das Fenster. Sie mußte sehen, ob Frank
da war, ob er zur Kirche ging.
Es war wieder viel Leben auf dem Domplat.
Die russischen Soldaten zogen vorüber zu dem Gottes-
dienst, der für sie von ihren Feldpredigern und Popen
auf verschiedenen Plätzen der Stadt abgehalten wurde.
Von allen Seiten kam die Domgemeinde herbei. Man
hatte Trost nöthig, sehnte sich nach Erhebung und
fühlte sich geneigt, an die Macht eines höchsten Wesens
zu glauben und auf dessen Hilfe zu bauen, da man
sich gegenüber den drohenden Ereignissen selber nicht
zu helfen und zu schützen vermochte. Die Noth lehrte
plötzlich auch jetzt wieder Manchen glauben und beten,
der sonst nicht viel daran gedacht, es nicht genau da-
mit genommen hatte.
Die Klänge der Orgel ließen sich vernehmen, die
Schritte der Kirchgänger wurden schneller. Viele von
Justinens nächsten Bekannten gingen vorüber. End-
lich kam auch die Göttling mit den beiden Mädchen;
aber eilig, wie sie waren, sah Niemand von ihnen
zu Justine hinauf, und Frank war nicht mit
ihnen.
Woher kam das? War er abgereist oder grollte
er ihr wegen ihrer Zurückhaltung? Nur dies eine
hätte sie wissen mögen. Wie sollte sie denn durch den
ganzen langen Tag kommen, bis zu der Stunde, in
welcher der Onkel von der Besprechung mit Darner
heimkehren würde? Und was sollte werden, wenn
diese Unterredung nicht zufriedenstellend ausgefallen
war?

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Frank lassen? Nimmermehr! Von dem Gedanken
kam sie nicht los, und weil sie an denselben gebannt
war, kam sie sich wie gefangen und in Ketten ge-
schmiedet vor, während sie wie immer beschäftigt imt
Hause umherging und der Tante behilflich war nach
deren Bedarf.
Die Kirche war vorüber, die Leute gingen heim,
der Onkel kam nach Hause. Ee blieb immter dasselbe.
, Schade um das schöne Wetter!'' dachte Jstine,
denn die Tante brachte ihre Zeit zwischen Bett und
Sopha hin; der Onkel wußte auch, wie es schien, nichts
Rechtes mit sich zu machen. Er hätte nicht gerade
den Sonntag, er hätte das Komptoir offen, womöglich
einen Posttag haben mögen, um nicht oben in den
Stuben immer wieder das gleiche Thema mit seiner
Frau besprechen und Justinens Unruhe sehen zu müssen,
wenn sie dazu kam. Wohl war Keinem von den Dreien
an dem Tage. Es war eine Befreiung, daß der Ge-
neral und sein Adjutant das Mittagessen mit ihnen
theilten, daß Stromberg gern sprach, daß Kollmann
und Justine ihn anhören, ihm Rede stehen und eine
Weile von sich selber absehen mußten.
Der General war sehr mittheilsam, denn er hatte
ganz unerwartet gerade heute gute Kunde von seinemt
Neffen Eberhard erhalten, dessen er, als seines Pathen,
schon früher gegen seine Wirthe erwähnt. Ein preußi-
scher Offizier, der in der Schlacht von Jena schwer
verwundet worden, war jetzt nach seiner endlichen
Herstellung unter wechselnden Verkleidungen auf weiten
Wegen bis nach Königsberg gekommen, um sich nach
Lithauen zu seineni Regiment und unter seines Kö-
nigs Fahne zu begeben. Er hatte in Jena viel mit
Eberhard von Stromberg verkehrt, der vor dem Krieg
in Jena kameralistischen Studien obgelegen hatte, und
dorthin in seinen Freundeskreis zurückgekehrt war,
Lewald. Die Familie Darner. l.

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nachdem die Zustände sich in Jena wieder friedlicher
gestaltet hatten und eine verhältnißmäßige Ruhe ein-
getreten war.
Der General, der seinen deutschen Wirthen gern
den Antheil zu erkennen gab, den er für deutsches
Geistesleben und deutsche Literatur empfand, sprach
bei dem Anlaß von den Brüdern Schlegel, von No-
valis, mit denen sein Neffe in nahe Berührung gee
kommen war. Schillers und Goethes Namen wurden
genannt, es war die Rede von ihren neuen Werken.
Kollmann nahm diese Herzenshöflichkeit seines Gastes
dankbar auf. Die deutsche Literatur war eben der
unverlierbare Besitz, den die Gewalt des Eroberers
den Deutschen nicht rauben, das Panier, um das die
von einander gerissenen Stämme sich doch noch schaaren
konnten. Er fragte nach Eberhard. Der General
nannte ihn einen edlen Menschen, in dem das Blut
seines Ahnen, des deutschen Ritters, noch lebendig
sei, mit einem Hang zu romantischer Schwärmerei,
den man freilich in der Regel nur zu früh verliere,
so daß man ihn der Jugend wohl vergönnen dürfe.
, Ich möchte, daß Sie ihn kennen lernten, Made-
moiselle,? sagte er, sich an Justine wendend, ,wenn
er einmal in Ihren Weg kommt. Ich bin sicher, daß
Sie ihn schäten, daß er Ihnen gefallen würde.?
Justine antwortete darauf, wie es gefordert war,
aber sie hörte die Namen der Dichter, die sonst in
ihrem Herzen mächtig widerklangen, sie hörte heute
Alles nur mit dem äußeren Ohr. Was kümmerten sie
Eberhard und seine ritterlich schwärmerische Nätur?
Frank und die Unterredung dieses Abends!
Weiter ging sie nichts an in der Welt, und als man
sich nach dem Essen trennte, lagen noch der ganze
Nachmittag, der lange Abend voll quälenden Erwartens
vor ihr. Ihr Herz klopfte, die Wangen brannten ihr

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wie im Fieber. Sie war froh, allein zu sein, und
wußte in der Einsamkeit nichts mit sich anzufangen.
In der Dämmerstunde kam die Tante zum Vor-
schein. Ihre Neugier auf die Kunde, welche Kollmann
- heute von Darner mit nach Hause bringen würde,
hielt fast gleichen Schritt mit Justinens Herzenspeln
und litt sie nicht in ihrer einsamen Schlafstube. Zwei
und drei Mal hatte sie den Mann gefragt, was die
Ühr und ob es für ihn nicht Zeit zum Auufbruch sei,
und jedesmal war es noch zu früh gewesen. Endlich
schlug es dreiviertel nach fünf Ühr, und der Onkel
machte sich auf den Weg.
, Nun wird man's ja erfahren, wird man ja
sehen!'' sagte die Tante. Justine hatte die letzten
Worte gar nicht mehr gehört. Schnell sich erhebend,
war sie dem Onkel auf dem Fuß gefolgt und hinauuf-
geeilt in ihre Stube.
Mitten in derselben blieb sie, wie vor sich selbst
erschreckend, stehen. Aber in ihren Pelzmantel ge-
hüllt, die Sammetkappe auf dem Kopf, den Schleier
niedergelassen, war sie wenig Auugenblicke darnach
schon auf der Rampe vor dem Hause, die hohe Treppe
hinunter auf der Straße. Niemand hatte ihr Fort-
gehen bemerkt. Das Hinundher der Einquartierung
hatte die Leute davon entwöhnt, auf jede einzelne
Bewegung, auf jedes Anschlagen der Hausklingel be-
sonders Acht zu haben, und Thürhüter gab es dazu-
mal noch nicht.
Ohne sich umzuwenden, eilte sie vorwäärts. Nie
zuvor hatte sie am Abend ohne Begleitung, da es
gegen alle Sitte war, nie im Dunkeln, ohne das;
man ihr vorgeleuchtet, die Straße betreten und die
Straßen waren nicht ruhig wie in Friedenzzeit. An
den beiden Wachen, die um des Generals villen vor
dem Hause standen, an den Posten der bivouakirenden

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Truppen hatte sie dicht vorüberzugehen, ehe sie in die
Straße einbog. Ein paar Soldaten riefen ihr lachend
einige russische Worte nach, aber das focht sie nicht
an. Sie fürchtete nicht das Dunkel, nur das Licht.
Wenn Jemand, der sie kannte, ihr begegnete, sie
erkannte! Angstvoll huschte sie an den Laternen
vorüber, die in angemessenen Entfernungen an den
Hääusern zur Erleuchtung der Straße befestigt waren.
Sonst hatte sie wohl bisweilen gedacht, wie schön es
sein müsse, in hellen, erleuchteten Städten zu wohnen;
heute segnete sie das Dunkel der alten Vaterstadt.
Sie hatte nicht die gerade Straße gewählt, die am
Rathhause vorüberführt. Durch eine Seitengasse war
sie gegangen. Als sie nahe dem Darner'schen Hause
in die Langgasse einbog, kam ein Mann hinter ihr
her und dicht an sie heran.
,,Darf ich Sie begleiten?' fragte er und Beide
fuhren sie zusammen. Es war ein junger Rigenser
aus angesehener Familie, der als Volontär in ihres
Onkels Hause arbeitete und gastlichen Zutritt in dem-
selben hatte, obschon man wußte, daß seine Sitten
nicht streng, daß er ein leichtsinniger Gesell war. Sie
hatten einander erkannt. Er verließ sie augenblicklich,
ohne sie deshalb aus den Auugen zu verlieren. Er
sah, wie sie in Darners Haus hineinging, sie allein,
in einen Mantel gehüllt und ohne Begleitung. Er
wußte nicht, was er denken sollte, machte sich jedoch
einen Vers daraus auf seine Weise.
Als würde sie verfolgt, so eilig trat sie in ihr
altes Haus hinein. Der Diener sah sie nicht weniger
verwundert an als der junge Klinger auf der Straße.
, Ist mein Onkel hier? fragte sie. Der Diener
sagte, er sei in Herrn Darners Zimmer.
,Sind die Herren allein? erkundigte sie sich
weiter.