Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 22

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Herr Frank sei mit ihnen, erhielt sie zur Ant-
wort.
, So führen Sie mich hinauf!'' gebot sie, aber
rascher schreitend, als der Diener es erwartet hatte,
war sie oben in dem Flur schon neben ihm, und
noch ehe er, die Thür öffnend, ihren Namen genannt
hatte, stand sie vor den drei Männern.
Bweiundzwanzigstes Kapites!
Darner und Frank hatten Kollmann in Darners
Zimmer erwartet. Das Feuer hatte wie immer in
dem Kamin gebrannt, der Tisch mit den Leuchtern
wie immer auf dem gewohnten Platz vor demselben
gestanden. Die Männer waren einander wie immer
entgegengegangen, hatten sich mit Wort und Hand-
schlag begrüßt, aber von beiden Seiten hatte sich eine
Zurückhaltung fühlbar gemacht. Kollmann hatte, wenn
auch mit vorsichtig gemessenem Wort, andeuten zu
- müssen geglaubt, daß es ihm leid gewesen, die Er-
klärung von seinem Freund begehren zu müssen,
Darner hatte versichert, daß er, wie er es in seinem
Brief ausgedrückt, die Forderung als durchaus be-
rechtigt anerkenne. Kollmann war verlegener, als
er sich es eingestand, Darner hatte etwas Feierliches
in seinem Auftreten, das unwillkürlich auf den Sohn
sich übertrug.
,Nun denn,' sagte Darner mit geschäftsmäsiger
Ruhe, ,nehmen wir Platz und lassen Sie uns zur
Sache kommen.?
Indeß noch ehe sie sich niedergelassen, r aren sie
Justine gewahr geworden und: ,Du hier! -- Justine,

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wie kommst Du her? Willkommen, Mademoiselle
Justine ' riefen Frank und Kollmann und Darner
auf einmal, sich und ihren eigenen Augen nicht ver-
trauend, bis Kollmann strengen Tones die Frage
wiederholte:
, Wie kommst Du her? Wer hieß Dich kommen?
,MNiemand, Niemand !' entgegnete sie, und als
würde sie jetzt erst selber völlig inne, was sie gethan,
hing sie sich an den Geliebten, der ihre Hände er-
griffen und sie an sich herangezogen hatte. ,Ich hielt's
nicht aus zu Hause; es war mächtiger als ich. Ich
mußte dabei sein, wo über mich und Dich entschieden
wird. Verzeihen Sie mir, Herr Darner! Schilt mich
nicht, Onkel!? stieß sie rasch hervor, ,ich--r
Aber sie konnte nicht weiter. Weinend lag sie an
des Geliebten Brust, der sie umfing und hielt,
, Ja,! rief er im Siegesjubel seiner Liebe, ,Du
mußtest dabei sein und Du hast entschieden! Sie
sehen,'' sagte er zu Kollmann, ,sie ist mein; was be-
darf es mehr?? Und auch Justine richtete sich mit
bittender Geberde an den Onkel.
Der wies sie jedoch mit abwehrender Hand zurück.
,,Keine Komödie, wenn ich bitten darf!' sagte er
streng. ,Ich bin nicht gewillt, auf meine nothwen-
dige Forderung zu verzichten und in diesem Rüühr-
spiel den Komödienonkel vorzustellen.?
,,Nicht weiter,? fuhr nun Darner auf.,Zwingen
Sie mich nicht, Ihnen und--r
Aber er hielt inne und sich rasch bemeisternd,
wandte er sich von Kollmann zu Justine.
, Hat mein Sohn gewußt von Ihrem Kommen,
Mademoiselle?? fragte er sie.
,Ich hatte Ihnen mein Wort verpfändet, Vater,'?
unterbrach ihn Frank, ,Justine bis heute Abend ganz
zu meiden.?

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, Nein, so war Gott lebt,'' rief Justine, ,Niemand
hat darum gewußt! Weiß ich doch selber kaum, wie
ich gekommen.?
,, Du bist gekommen, Deinem Onkel zu beweisen,
daß Du mein bist, und der Mensch soll kommen, der
Dich mir entreißt!'' fiel Frank abermals ein, nur des
einen Gedankens voll.
In fliegender Hast hatten Rede und Gegenrede
sich durchkreuzt. Mit einem Mal ward es still. Beide
Männer, Kollmann sowohl wie Darner, an schnelles
eberlegen gewöhnt, ersahen, daß die Liebe in diesem
Kampf siegen würde; aber während Kollmann es als
eine bittere Kränkung für sich empfand, daß er früher
oder später zu einem Zugeständniß auch wider seinen
Willen genöthigt werden würde, hatte Darner ihm
den Vorwurf des Komödienspielens ebensowenig ver-
geben, als sein Mißtrauen überhaupt. Der Troz
seiner jungen Jahre regte sich wieder einmal mächtig
in seiner Brust. Der stolze Patrizier sollte die
Wahrheit erfahren und sie hinnehmen müssen, wie
er sie ihm bot. Es eilte ihm auch nicht, das Schweigen
zu unterbrechen, da Kollmann unter demselben er-
sichtlich litt; und erst nach einer Pause sagte er, jedes
seiner Worte langsam erwägend:
, Es ist nicht an mir, darüber zu entscheiden,
Mademoiselle Willberg, ob Sie verweilen oder sich
entfernen sollen. Gehen Sie Herrn Kollmann um
seine Meinung an, damit ich ihm in Bezug auf die
Mittheilung, die er fordert, genuugthun kann.
,. Du magst bleiben,'? entschied der Onkel, ,wenn
Herr Darner geneigt ist, sich in Deinem Beisein zu
erklären.?
Da zuckte es wie ein Blitz durch Darners Auugen
und über seine Stirn.

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,Mademoiselle soll' nicht allein dabei sein! Rufe
Deine Schwestern, Frank, und Madame Göttling soll
mit ihnen kommen !'' gebot er.
Frank gehorchte dem Befehl.
,,Wozu das? fragte Kollmann.
,, lm nicht nur Ihnen, sondern auch mir genug
zu thun!' gab Darner ihm zur Antwort mit dem
Ton der Feindseligkeit, die zwischen ihm und Koll-
mann mehr und mehr hervortrat.
Während dessen waren seine Töchter mit den
beiden anderen in das Zimmer gekommen, unfähig,
sich die Anwesenheit von Kollmann und Justine, wie
den ganzen Vorgang zu erklären. Darner hatte ihnen
eine flüchtige Begrüßung gegönnt, dann nöthigte er
Alle zum Sitzen und nahm den Mittelplatz an dem
runden Tisch ein. Aller Augen hingen an ihm; er
wandte sich zu seinen Töchtern.
, Ich habe Euch rufen lassen,'' sagte er, ,weil
ich vorhabe, von mir und meinem Lebensgang z
sprechen. Ich hatte Euch dies zugedacht, als ich
Euren Bruder und Euch in Euer Vaterhaus beschied.
Die unruhigen Zeiten, die jenem Tag folgten, haben
es verhindert. Heute geschieht es auf Herrn Koll-
manns Wunsch. Das Verlangen Eures Bruders,
sich mit Mademoiselle Justine zu verbinden, wie ihr
Wille, die Seine, eine der Unseren zu werden, machen
es ihrem Vormund wünschenswerth, die Verhältnisse
der Familie zu kennen, in die sie eintreten will,
und ich benütze den Anlaß zugleich zur Mittheilung
für Euch. Denn es läßt sich im Leben viel erringen,
viel erwerben; was man jedoch in der Regel am
spätesten gewinnt, das ist die freie Zeit zum Rück
blick auf den eigenen Weg und die gethane Arbeit.
Hat doch selbst der Herrgott erst am siebenten und
letzten Tag es dazu gebracht, betrachten zu können,

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was er geschaffen, und zu erkennen, daß alles, was
er gethan, wohlgethan war, so daß er nun darnach
in göttlichem Genießen ausruhen konnte über seinem
Werk in alle Zeit und Ewigkeit. ?
Es glitt dabei ein Lächeln über seine Lippen,
das er jedoch schnell unterdrückte.
,,So gut wird es freilich dem Menschen nicht zu
Theil,'? fuhr er zu reden fort,,am wenigsten den-
jenigen, die in Arneuth, in Niedrigkeit und Knecht-
schaft geboren sind, wie ich und Deine Mutter,
Frank!
, Ich und sie, mein Sohn, wir waren Beide
höriger Leute Kinder, Hörige von den Gütern der
Freiherren von Ringking auf Großwiesen in Mecklen-
burg, hart am Auefluß der Warnow in das Meer,
und die Hörigkeit lastete nirgends mehr so hart auf
den Leuten als damals noch im Mecklenburger Land.
Verkauft wie der Sklave und der Leibeigene konnte
der Hörige nicht werden, auch von der Scholle ver-
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treiben, auf der er geboren worden, konnte man ihn
nicht. Dafür aber durfte er sie nicht verlassen ohne
seines Herrn Willen, und er selber hatte gar keinen
Willen und keine Wahl für sich. Welche Arbeit er
zu lernen und zu treiben, wo er sie zu treiben habe,
bestimmte sein Herr. Ob er ein Weib nehmen dürfe,
hing von des Herrn Willen ab, der es ihm ver-
weigern, ihm Obdach für Frau und Kind versagen
konnte. Das geschah in Großwiesen aber selten,
denn die Güter waren groß, das Land war bei
Weitem noch nicht alles unterm Pflug, und eine neue
Kathe war bald geschaffen. Setzte der Hörige Kinder
in die Welt, so kam's der Herrschaft zu Nute. Sie
waren ein Zuwachs an Hörigen; doch wurde der
zwanzigsten Jahre nicht gegeben. Die Sitten förderte

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das nicht. Was der Hörige erwarb, das durfte er
nur mit Erlaubniß der Herrschaft theilweise auuf
seine Kinder vererben. Des Herrn Beamte waren
des Hörigen Richter; er mußte sich durch einen
Freien vertreten lassen vor Gericht- und viel an-
ders ist's ja auch heute selbst hier zu Lande noch
nicht.?
,Furchtbar!'' rief Frank unwillkürlich dazwischen,
als der Vater, wie zur Erklärung für seine Kinder
und für Justine, die Sachlage geschildert.
Darner wiegte langsam das Haupt.
,Aus solchen Zuständen bin ich hergekommen,''
sagte er, ,und noch zu dieser Stunde, in welcher ich
hier spreche, sind sie nicht viel anders dort zu Lande.
Es werden im Sommer fünfzig Jahre, daß ich in
der Kirche von Großwiesen getauft worden bin.
Mein Vater Johann Kaspar Radner-- -
,, Radner?' unterbrach ihn Kollmann, dem der
ganze Vorgang, obschon er selbst ihn heraufbeschworen,
immer unheimlicher wurde. ,Sie führen Ihres Vaters
Namen nicht??
, Gönnen Sie mir Zeit, Ihnen zu erklären, was
mich gezwungen hat, ihn abzulegen. Ich will
trachten, Sie nicht lange zu beanspruchen.-- Mein
Vater hatte die Schneiderei erlernen müssen. Diese
sitzende Lebensart war seinem starken Körper von
Jugend an nicht bekommen. Er war krank davon
geworden, hatte von dem Handwerk fortgewollt; da
er aber geschickt in demselben war, hatte er dabei
bleiben müssen. Alles, was er hatte erlangen können,
war, daß sie mich, als ich in dem Alter war, nicht
bei ihm in das Handwerk zur Lehre gaben, sondern
mich, da ich groß und stark war wie mein Vater,
lieber in die Feldarbeit gehen ließen, die nach meinem
Geschmack war. Mit achtzehn Jahren trug ich wie

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der Großknecht meinen Sack mit fünf, sechs Scheffel
Korn, und das war auf den Ringking'schen Gütern
eine große Sache; denn da sie dicht am Ausfluß der
Warnow in das Meer gelegen waren, wurde das
Getreide nicht erst nach der Stadt zum Markt oder
in die Speicher geschickt, sondern direkt in die Schiffe
verladen. Dabei gewannen die Käufer wie der
Baron. Ein guter Sackträger war ein nutzbares
Subjekt. Ich kam regelmäßig zu den Verladungen
nach den Schiffen mit, und die Kapitäne kannten
mich und ich kannte sie.
,Der Baron von Ringking war alt; seine bei-
den Söhne waren ihm gestorben. Nur einen Enkelsohn
hatte er, einige Jahre älter als ich, einen schwäch-
lichen, schielenden Burschen. Das Geschlecht hatte immer
unter einander geheirathet und war körperlich und
geistig bei allem Wohlstand heruntergekommen. Der
alte Baron war kein harter Herr. Er hielt auf seine
Hörigen, wie auf Alles, was sein war. Man litt -
keine Noth auf den Gütern, und er trat nicht leicht
Jemandem zu nahe. Mit dem Junker war es anders.
Weil er der einzige Erbe war, hatten die Großmuutter
und die Mutter ihn in Grund und Boden durch ihre
Nachgiebigkeit verdorben; und ward das dem Baron
doch bisweilen zu arg, so daß er Ordnung schaffen
wollte, so traten die Frauen mit Thränen und Vor-
stellungen hindernd dazwischen. Der Junker war -
Aber es ist nicht an mir, ihm nachzureden!'' setzte
Darner hinzu, sich selber unterbrechend.
, In der Kathe, in welcher ich geboren wurde
und in der meine Eltern beide gestorben sind, noch
ehe ich achtzehn Jahr alt war, hat die Frau eines
andern Hörigen, der beim Fischen ertrunken war,
auch eine Kammer für sich und ihr Kind gehabt.
Ich war vier Jahre älter als Beate, und wenn ihre

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Mutter auf Arbeit gehen mußte, hatte sie die Kleine
bei uns abgegeben. Ich hatte sie gewartet, mit ihr
gespielt, bis ich selber an die Arbeit gemußt. Nach-
her war ihre Mutter gleichzeitig mit meinen Eltern
an der Ruhr gestorben, die damals eine Menge
Menschen im Lande hingerafft. Ich bekam mein
Unterkommen mit den anderen Knechten beim Hof-
mann, Beate brachten sie bei der alten Botenfrau
der Herrschaft unter. Sie und ich hatten, nachdem
unsere Eltern todt waren, keinen Menschen, der zu
uns gehörte; wir kamen uns wie Geschwister vor
und hielten zusammen. Sie war immer ein hübsches,
aufgewecktes Kind gewesen. Mit sechzehn Jahren war
sie wie ich weit über ihr Alter groß und stark, das
schönste Mädchen auf den Gütern und in der Runde.
Jeden Abend, wenn ich vom Feld kam oder sonst
bei ihnen einsprach, dachte ich, sie sei wieder größer
und schöner geworden, und die Geschwisterliebe wurde
zu einer andern Liebe in mir, ehe ich es merkte.
Sie stach allen jungen Leuten in die Augen, dem
Junker nicht am wenigsten.
,,Eines Abends, als wir wieder einmal im Früh-
jahr, nach eröffneter Schifffahrt, vom Getreideverladen
zurückgekommen und als ich gerade dabei war, die
leeren Kornsäcke auf die Diele zu tragen, während
die Wagen abgeschirrt wurden, sehe ich, daß der
Junker unter die Linden am Brunnen tritt, wo
Beate zu thun hatte, daß er mit ihr spricht, ihr
unter das Kinn greift, daß sie lacht und daß er ihr
zunickend und lachend davongeht. Die anderen hatten
das gesehen, so gut wie ich. Aber ich und Niemand
hatten darnach zu fragen, was der Junker vorhatte
mit einer von den Hörigen, die ihm gefiel, wenn ich
auch kaum wußte, wie ich meine Säcke an Ort und
Stelle schaffte. Als ich damit fertig war, ging ich

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zu ihr hin und fragte, was der Junker von ihr
gewollt.
,,Nichts! Er hat gesagt, ich sei ein dralles
Ding, ich hätte wohl schon Lust, einen Mann zu
nehmen.?-- ,Was weiter? fragte ich voll Schrecken.
Sie wurde verlegen, und wie ich verlangte, daß sie
reden sollte, sagte sie: ch hab' gesagt, wenn Du's
wärst, je eher, je lieber.! -- ,Ja je eher, je lieber!
sagte auch ich; denn obschon davon noch nie die Rede
gewesen war, weil wir Knechte vor dem vierund-
zwanzigsten Jahr auf den Gütern keine Erlaubniß
zum Heirathen bekamen, hatte ich's doch selbst nie
anders gedacht, und darum hatte des Junkers Schön-
thun mit dem Mädchen mich erschreckt. Ind der
Junker,: fragte ich, wvas hat er darauf erwidert?
-- ,azu kann Rath werden! hat er gesagt. Zuerst
sollte ich aber in die Lehre ins Schloß, in die Küche
genommen werden und gleich morgen!!-- Und dazu
hast Du gelacht und nichts gesagt? rief ich voll
Ingrimm, denn ich kannte den Junker und wußte,
wie's gemeint war. ,Sagen? Wenn sie mich holen
lassen, muß ich gehen. Da ist nichts zu machen,
aber auch für den Junker nichts mit mir. Lieber
ins Wasser, wo's am tiefsten ist!'
, Von da ab war's mit dem Frieden für uns
beide dahin. Beate mußte am nächsten Morgen in
das Schloß. Ich wurde vom Hof auf das Vorwerk
geschickt, und der Hof wurde mir verboten. Ich be-
kam sie nicht zu sehen, wenn ich mich nicht abends
auf den Hof und sie sich aus dem Schloß zur Boten-
frau schleichen konnte. Sie hatte einen schweren
Stand im Schloß; niir ließ die Eifersucht keine Ruhe.
Ich hatte nur den einen Gedanken: Fort und übers
Meer! Es war von den Gütern im Laufe der
Jahre der und jener davongegangen, indem er sich

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in Warnemünde in einem Schiffsraum versteckt und
die dänischen oder englischen Kapitäne hatten dann
Mitleid mit ihm gehabt und ihn an sicherem Ort
gelandet. Die zurückgebliebenen Eltern oder sonstige
Angehörige hatten's freilich büßen müssen. Das traf
nun bei uns nicht zu - wir hatten Niemand. Was
aber für einen allein gegangen war, das ging nicht
für zwei, und am wenigstens für einen Mann und
ein Weib.
,,Darüber war der ganze Sommer in harter
Arbeit verstrichen, denn der Neger in den Plantagen
arbeitet nicht schwerer als wir im Sommer auf den
Gütern. Es wurde schon wieder gedroschen, die Forst-
arbeiten hatten begonnen, die Jagd war offen und es
gab vielHinundher zwischendenverschiedenenSchlössern.
Da ging ich an einem Dienstag Nachmittag, am neun-
undzwanzigsten September, mit den anderen zum Holz-
fällen in den Wald, als der Baron und die beiden
Damen vierspännig an uns vorüberfuhren auf dem
Weg nach Possow, das dem Schwager des Barons
gehörte. Es stand dort eine Hochzeit bevor. Da der
Packwagen den Herrschaften folgte, hielt der eine
Jäger aus der Försterei, der mit uns war, den
zweiten Kutscher an und fragte, ob denn der Junker
nicht dabei wäre und wie lang die Herrschaften fort-
bleiben würden. Der Kutscher antwortete, es sei auf
acht Tage abgesehen und der Zunker hätte erst noch
zur Jagd nach Kreut gewollt. ?
Darner hatte das alles in seiner bestimmten
Sprechweise ruhig erzählt. Aber seit der Nennung
des neunundzwanzigsten Septembers war sein Ton
tiefer und wuchtiger geworden. Er hielt inne, schöpfte
Athem und sagte darnach:
,Die Abwesenheit der Herrschaft und des Junkers
dachte ich zu benützen, denn ich glaubte ihn schon

?
i
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fort nach Kreutz. Wir kehrten erst bei Sonnenunter-
gang vom Holzen heim. Sobald wir unser Essen
bekommen hatten, machte ich mich auf. Unterwegs
traf ich den Reiseknecht an. Er ging auch zu seinem
Mädchen, aber des entgegengesetzten Weges wie ich,
nach dem andern Vorwerk. Sie hatten, wie er im
Gehen erzählte, auf dem großen, schnellsegelnden
Briggschiff, auf der ,Gustav Adolf: von Bremen,
Kapitän Witten, der sein eigenes Schiff fuhr, Roggen
für Amsterdam geladen, die Brigg sollte am andern
Tag in See gehen. Ich kannte den Kapitän und
er hielt auf mich, weil ich ein starker Mensch war und
weil er einmal vor zwei Jahren zufällig bemerkt hatte,
daß ich leicht mit Zahlen umzugehen wuußte, obschon
ich nichts als das Einmaleins gelernt. Es hatte
bei einer Abrechnung mit dem Inspektor nicht stimmen
wollen; ich hatte dabei gestanden, und weil der
Inspektor mir sonst dergleichen selbst auufgetragen,
zugehört und eingesprochen, und zwar zu Wittens
Gunsten, was mir zu Hause natürlich nicht geschenkt
worden war. Als ich darauf im folgenden Jahr
wieder auf das Schiff gekommen war, hatte der
Kapitän wieder mit mir gesprochen, und kurz, ehe
ich auf das Vorwerk geschickt worden, hatte ich ihn
zulett gesehen. Damals hatte er mich um eins und
das andere gefragt; ich hatte Auskunft gegeben, so
gut ich gekonnt. ,Schad' um Dich!? hatte er darnach
gelagt, wvenn Du kein Höriger, sondern ein Freier
wärst, würde ich Dich mitnehmen übers Meer. Ein
starker, anstelliger junger Kerl wie Du, mit gutem
Kopf, kann's drüben zu was bringen!?
,,DDas Wort war mir nicht mehr aus dem Sinn
gekommen. Wenn ich ein Freier wäre! dachte ich
immerfort; und wie der Reiseknecht den Abend von
Kapitän Witten und der Gustav Adolf gesprochen

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, hatte, und ich mich wieder einmal wie ein Dieb im
Finstern nach dem: Hof schleichen mußte, dachte ich
auch wieder: wenn ich kein Höriger wääre, wenn ich
mit dem Kapitän Witten fort könnte und mit der Beate!
, Als ich auf den Hof kam, war's schon dunkel.
Die Hunde, die mich kannten, blieben ruhig in ihren
Häusern. Die Pferdeställe waren noch offen, die
Knechte waren dort beim Füttern. Sonst war alles
still. Unter dem Fenster der Mägdestube, wo sie
uni die Zeit immer beim Spinnen war, gab ich mein
Zeichen. Ich war nicht der Einzige, der seinen Schatz
darin hatte, und die Spinnmutter sah durch die
Finger, wenn man nicht zu oft kam. Das war
nicht mein Fall, da der Junker mir ja den Hof ver-
boten hatte. Ich ging deshalb auch gleich wieder
ein Ende vom Schloß fort, nach dem Tanger z,
an dessen Rand Beate mich zu finden wußte. Ich
mußte diesmal lange warten. Der Mond war auf-
gegangen, aber der Hinmel war bewölkt, das Mond-
licht gedämpft. Als ich sie endlich kommen sah,
eilten wir auuf einander zu. In dem Augenblick, in
dem wir uns erreichten, stand der Junker vor uns.
Wie er dahin gekommen, ob der Zuufall ihn uns in
den Weg geführt, ob eine der Mägde falsch gewesen
und es ihm verrathen, das hab' ich nie erfahren.
, ,Er hier? Was hat Er hier zu suchen? fuhr
er mich mit schwerem SchinSöfwort an und schlug
mir mit der knotigen Hezpeitsche, die er in der Hand
hatte, ins Gesicht, daß mir das Blut herunterlief.
,eine Braut!: schrie ich, von Zorn und Schreck und
Schmerz bewältigt. Seine? Was ist sein, Hallunte?
Mein ist das Frauenzimmer wie Er selber! Marsch,
ins Haus mit Ihr! Und treff' ich Sie und Ihn
noch ein einziges Mal beisammen, so ist's Sein letzter
Tag! Merk! Er sich dae !

f
g
=- 19Z=-
,,Er riß Beate an sich, die wie angenagelt da-
gestanden hatte. Ich sprang dazwischen. Er schlug
mit dem schweren Stock der Peitsche abermals nach
mir. Der Schlag traf mich auf den Mund, das
Blut strömte hervor, so daß ich nicht sprechen konnte.
Ich entriß ihm die Peitsche und schleuderte sie fort.
Er sprang mir an die Kehle, ich that ihm das Gleiche.
Er versuchte sich loszureißen. Ich hatte ihn fest
gefaßt und schmetterte ihn zu Boden. -=- Er stand
nicht wieder auf. ?
,.Armer Vater!' rief Frank und legte seinen
Arm um Darners Nacken.
Darner athmete tief auf. Seine Augen brannten
in düsterem Zorn, die Adern waren angeschwollen
auf seiner hohen Stirn. Er beachtete des Sohnes
Worte nicht. Seine Töchter weinten, die Göttling
fah alle der Reihe nach ängstlich an. Justinens
Augen hingen an Darner und an Frank. Keiner von
allen sprach ein Wort. Kollmann hatte sich erhoben.
Er war nicht weniger erschüttert als die Anderen.
Aber zwischen ihm, dem freien Bürger aus altem
patrizischen Geschlecht und dem gehörig Geborenen,
der ein Menschenleben auf dem Gewissen hatte, that
sich für Kollmann eine unausfüllbare Kluft auf. Auf
solche Dinge war er nicht gefcßt gewesen.
,Nicht weiter,' rief er,,es ist mehr als geng
an diesem furchtbaren Bekenntniß!?
Darner blickte ihm fest ins Auge, indem er seine
Hand auf die von Kollmann legte; und ihn also
haltend, sagte er:
,, Nein, es ist nicht genug! Es ist kein uner-,
betenes Vertrauen, das ich Ihnen aufdränge. Sie
haben es gefordert; ich habe es Ihnen gewährt, und
FF- - == - =

! -
-=- 1ß--
heit. Sie haben mich veranlaßt, zurückzublicken auf
den unheilvollen Tag, an welchem Nothwehr und mein
sich empörendes Mannesherz mich zum Todschlag
brachten. Wie ich Ihnen die Wahrheit, so schulden
Sie jetzt mir, mich anzuhören, und ich verlange, daß
Sie es thun. Sie müssen wissen, wie ich aus dem
Elend mich herausgerissen; wie ich aus einem flüchten-
den Hörigen dazu gekommen, hier vor Ihnen und
vor meinen Kindern von mir Kunde zu geben als
den Mann, den Sie bis zu dieser Stunde Ihren
Freund genannt. Meiner Ehre, meinen Kindern und
Justinen schulden Sie's, zu bleiben.?
Das Gebieterische, das sich in Darners Weise
immer kund gab, übte auch jetzt auf Kollmann seine
Wirkung gegen dessen Willen. Er setzte sich nieder.
Darners Kinder sahen zu dem Vater wie zu einer
zürnenden Gottheit empor. Justine genoß seinen
Sieg über ihren Onkel, ohne daß sie es sich einge-
stand, wie einen eigenen Erfolg.
Darner nahm den Faden seiner Erzählung so-
fort wieder auf.
,, Voll Entsetzen sah ich ihn am Boden liegen.
Er war mein Herr gewesen. Wir versuchten ihn auf-
zurichten, das Blut zu stillen, Deine Mutter und ich,?
sagte er, sich zu seinem Sohne wendend. ,ls wir
erkannten, daß er todt sei, hätten wir ihn lebendig
machen mögen, ohne zu bedenken, daß sein Leben
unser Tod war. Der Mensch ist nicht er selbst bei
solcher That und nicht mehr derselbe nach ihr. Nur
der Trieb der Selbsterhaltung zuckt gleich wieder
in ihm auf. Ich hatte den Tod des Junkers nicht
gewollt, als ich mich gegen ihn zur Wehre setzte. Ich
hatte überhaupt nicht gewußt, was der grimme Zorn
mich thun machte. Jetzt gab es nur noch eins!
, ,Fort!: rief ich und nahm Deine Mutter bei

s
s

- 19J -
der Hand-- ,Wohin? fragte sie.-- ,lufs Wasser
oder ins Wasser alle beide! Komm!'
,Die Nacht war hereingebrochen, kein Stern zu
sehen. Der Wind, der die Wolken zusammengefegt,
hatte sich in einen Sturm verwandelt. Als wir in
fliehendem Schritt aus dem Tannenwald in die Wiesen
kamen, peitschte uns kalter Regen ins Gesicht. Noch
eine Strecke vorwärts und wir waren am Wasser vor
der Gustav Adolf. Auf Kapitän Witten waren all
meine Gedanken gestellt.
,Die Brigg lag noch dicht am Lande. In dem
Wetter und um die Stunde war kein Mensch auf
Deck. Die Bretter waren abgezogen, die Boote in
der Höhe. Nur der Spitz hielt Wache in seinem
Haus beim Großmast. Er schlug an; da wir stehen
blieben, bellte er immer lauter; und nun wir am
ersehnten Ziel waren, wußte ich nicht, was ich thun
sollte. Der Hund war mein Beistand. Einer der
Matrosen kam hinaufgeschickt zum Vorschein.
,,Wer da? rief er-- Kapitän Witten!: ant-
wortete ich, denn meinen Namen traute ich mir nicht
zu nennen, da doch Jemand auf dem Weg sein und
ihn hören konnte; und auf den wiederholten Anruf
gab ich das Nämliche zurück. Das Rufen, das fort-
dauernde Bellen des Hundes brachten den Steuermann
und nach ihm den Kapitän auf Deck. WVer da?
riefen auch sie.- Menschen in Todesnoth? schrie
ich hinüber.-- WVohinaus!? fragte der Kapitän, der
glauben mußte, daß es sich um Ertrinkende oder
Strandende handle. - ,Hier am Ufer! Erbarmen,
Kapitän Witten! -- ,as Boot los!' befahl er,
und da das Schiff schwer geladen hatte und tief lag,
sprang er, nachdem der Steuermann die Laterne mit
sich genommen, nach diesem in das Boot.. Als er
vor uns stand und sah, das ringsum im Wasser
1

-=-- PZs -
und auf dem Land alles still und Niemand weiter
da war als wir beide auf festem Boden, fuhr er
zornig auf.
.In des Teufels Namen, Kerl, was hat Er
hier zu schreien? Was will Er? Wer ist Er? Ist
Er -- ,er Lorenz von Großwiesen!! rief ich
dazwischen. ,Sie kennen mich, Herr Kapitän!? Zu
unserem Glück hatte er nicht vergessen, das und was
er mit mir gesprochen. Er hob die Laterne empor,
sah mein blutendes, zerschlagenes Gesicht, das konnte
natürlich seinen Zorn nicht mindern. IIst Er be-
trunken? rief er. ,WJie kann Er sich unterstehen,
hier in der Nacht mit dem Frauenzimmer herumzu-
laufen und ordentliche Leute auufzuschreien! Scher'
Er sich! Doch da er allmälig sah, das ich nüchtern
war, sagte er ruhiger: Red' Er! Was sucht Er?
Was will Er hier?-- ,Erbarmen, Herr Kapitän!
Es geht ums Leben, Herr Kapitän!
,Witten leuchtete nun auch Deiner Mutter ins
Gesicht. Ihre Juugend, unser Zustand rührte ihn.
Man hätte kein Thier hinausgejagt in dem Wetter,
und wir waren stundenlang im Wind entgegen-
gerannt. ,An Bord!? befahl er. Der Steuermann
stieg ins Boot, der Kapitän nach ihm. Ohne weiter
ein Wort zu verlieren, gab er uns mit dem Kopf
ein Zeichen, ihm zu folgen. Als wir an Bord
waren, stand die Frau vor uns, die der Lärm auch
herausgebracht hatte.
,,,Gieb dem Frauenzimmer ein trockenes Stück
Zeug und schick sie hinten in den Verschlag!k befahl
er. Als sie gegangen waren, blieb er stehen. Wsas
hast Du verbrochen? fragte er. -- gch hab' mich
gegen unsern Junker gewehrt und hab ihn erschlagen!i
sagte ich, und das sagt sich schwer. - ,Um das
Frauenzimmer? fragte er weiter. Ich bejahte das.

= ,ß? -
,est's Dein Weib?-- Moch nicht!' --- ,Bist Du in
Ehren mit ihr?-- ,So wahr Gott lebt, Herr!?--
Der Kapitän trat zurück. ,Schlimm, sagte er, ,aber
Ihr müßt fort, wenn's Tag wird.?-- ,ann lieber
gleich!? rief ich.- ,Wo denn hin?- Ins Wasser!:
-- Jist Du toll, Mensch, mit dem Mädchen?--
,esser ins Wasser als an den Galgen; das sagt sie
auch!?
,Witten gab darauf nicht Antwort. Daß uns
der Galgen erwartete, wenn er uns nicht fort half,
wuußte er so gut als wir. Trotz des Unwetters ging
er ein paar Minuten hin und her. Ich starrte in
das finstere Wasser. Plötzlich befahl er, die Luke
des Schüttraumes aufzuheben. Während die Leute
das thaten, ging er nach der Kajüte, kam mit einem
Brod und Branntwein zurück und sagte: Mimm das
und dahinein!? Ich gehorchte. Die Luke wurde wieder
geschlossen. Was es mit uns werden würde, wußte
ich nicht. Die Nacht war lang.?
Darner hielt inne. Frank war, seit der Vater
den Namen seiner Mutter genannt, auf das Tiefste
bewegt. Justine war aufgestanden und hatte sich zuu
ihm gesetzt. Kollmann verwünschte das Abenteuer,
in das er sich begeben, und konnte sich doch des An-
theils an Darner nicht erwehren.
,Ein Menschenalter ist verflossen seit jener Nacht,
seit jener Zeit,' hob Darner wieder an, ,und heute
noch fühle ich die dumpfe Angst, in der ich hinge-
brütet, und fühle es, wie der erste Sonnenstrahl mir
entgegenleuchtet, als ich auf hoher See aus der
dumpfen Finsterniß des Schifsraumes wieder an das
Licht kam.
,,hue, was Dir befohlen wird; iß Dich satt
mit den Anderen und halte den Mund!? hatte der
Kapitän gesagt, als er mich herausgelassen. Außer

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ihm und seiner Frau mit ihrem jüngsten Kind waren
noch der Steuermann und fünf Mann an Bord.
Sie kannten mich Alle, das will sagen, sie wußten,
daß ich in der Gegend von Warnemünde zu Hause
sei. Meinen Vatersnamen kannten sie nicht, und
Witten rieth mir, ihn nicht zu sagen, mich Darner
anstatt Radner zu nennen. Sie fragten mich aus.
Ich hielt zurück; allmälig gaben sie es auf. Die
Zeiten waren schon damals unruhig. Obschon wir
im Lande nichts davon wußten, wußten die Seeleute
um so mehr davon. In Nordamerika war die Revo-
lution gegen England ausgebrochen, in Holland ging's
mit der Statthalterschaft in Parteikämpfen und Krieg
zu Ende. Neberall zogen Werber umher, Matrosen
wurden gepreßt, zerschlagene Köpfe waren dabei nichts
Seltenes, und seine Zunge zu wahren hatte mancher.
Mir war zum Reden auch nicht zu Muthe, so ließen
sie mich schweigen, und ich hörte von ihnen um so
mehr. Sie waren sammt und sonders schon viel
herumgewesen in der Welt; mir war Alles neu und
kam mir zu Nuten.
,.Als wir im Hafen von Amsterdam vor Anker
gingen, als mit den Lotsen und dem Zollamt Alles
in Ordnung gebracht war und wir zu Mittag ge-
gessen hatten, nahm der Kapitän mich bei Seite wie
in der ersten Nacht. ,Hier bist Du sicher!? sagte er.
,rüben!- er wies nach einem Haus am anderen
Ende des Hafens hin- ,n dem Wirthshaus zum
goldenen Anker, vor dem die Fässer aufgestapelt sind,
versteht der Wirth deutsch. Er heißt Keisl. Er
fragt nicht viel und hat schon manchen vorwärts
gebracht im Land oder nach den Kolonien, der
Schultern hat wie Du. Weiß er von keiner Arbeit,
mußt Du sie Dir suchen. Ich hab' Dir fortgeholfen

s
i
z
-- , ß --
und mir damit auf weit hinaus die Häfen bei Euch
versperrt. Jetzt geh' Deiner Wege und thu' gut! Da
, Er drückte mir drei Gulden in die Hand. So
viel hatte ich nie besessen. Ich erkannte Alles, was
er für uns gethan und geopfert. Ich hatte mir selbst
gesagt, daß er fürs erste nach Rostock und Warne-
münde nicht wieder fahren könne. Aber ich konnte
nicht danken. Ich stand und sah ihn an. Es kam
zu viel auf einmal über mich. ,Was stehst Du noch?
fragte er.- Die Beate, was soll aus der werden?
fragte ich.-- Fas ist das Elend !? rief er. Mit-
schleppen kannst Du sie nicht; hier herumlaufen kann
sie auch nicht; die behalte ich auf dem Halse. Ich
gehe mit Kolonialladung, wenn wir gelöscht haben,
nach Helgoland!-- Witten war dort zu Hause--
,dahin nehme ich sie mit. Meine Frau Mutter ist
alt und hat unsere beiden eltesten bei sich; die kann
Hilfe brauchen. Wenn sie sich gut hält, kann sie
dort bleiben. Bist Du einmal so weit, so hol' sie
Dir! Und nun mach', daß Du fortkommst und komm
nicht mehr an Bord!
,Zuu packen hatte ich nicht!' sprach Darner, und
ein Lächeln glitt über sein ernstes Gesicht, das den
Seinen die Thränen in die Augen brachte. ,Ich
besaß nichts als ein Hemd, das der Steuermann
mir geschenkt, und das Zeug, das ich auf dem Leib
hatte. Ich konnte kein Handwerk, konnte nur so viel
schreiben, als der Küster mich, weil ich ihn darum
gebeten, nothdürftig gelehrt. Ich hatte nichts und
Niemand als mich selbst und die drei Gulden vom
Kapitän. Im Beisein der Anderen sagte er Deiner
Mutter, daß ich gehen müsse, daß er sie mitnehmen
würde und daß ich sie einmal würde holen kommen,
wenn wir uns ordentlich hielten und einander treu
blieben. Dann hieß es adieu. Ich stand am Qunai

==- Zßß -
und sah mich noch einmal um. Deine Mutter stand
auf Deck. Die Wäsche, die sie in der Frühe ge-
waschen und aufgehängt hatte, wehte der Wind hin
und her; ich bekam sie dazwischen nicht mehr zu Ge-
sicht -- und fünf Jahre lagen zwischen jener Stunde
und dem Tag, an welchem ich sie als Steuermann
der Gustav Adols, Kapitän Witten, auuf Helgoland
zum erstenmal wieder erblickte, um mich am nämlichen
Abend mit ihr oben in der kleinen Kirche zusammen-
geben zu lassen. -- Es war mein erster Sieg nach
fünf Jahren voll' bitterer Noth, voll rastloser Arbeit
und dann voll raschen Vorwärtskommens. Es war
mein erstes Glück; es ist nicht das einzige geblieben,
aber leider war's von kurzer Dauer.
, Ich habe Deine arme Mutter nur ein Jahr
gehabt. Wir gingen von Helgoland bald wieder
nach England zurück. Mituehmen konnte ich sie nicht.
Im anderen Sommer, als wir von Bergen herunter-
kamen, warst Du geboren, wenige Monate alt. Ich
habe Dich an ihrer Brust gesehen, dann mußte ich
wieder fort. Bald darnach ist sie an den Pocken ge-
storben. Du bliebst bei Wittens Schwiegermutter,
bis ich besser für Dich sorgen und Dich als fünf-
jährigen Burschen nach Bremen bringen konnte, von
welcher Zeit Dein eigenes Wissen von Dir selbst be-
ginnt. Mit dem, was Du geworden, stehst Du selber
für Dich ein; und um Dich handelt es sich ja nicht
zunächst mit diesen Erklärungen !' setzte er hinzu, sich
an Kollmann und Justine wendend.
,,Wie ich emporgekommen, nachdem ich dem Be-
reich entronnen, in welchem der Blutbann über mir
geschwebt? Wie manch Anderer diesseits und jenseits
des Ozeans. Ich bin an jedem Tag der Arbeiter
der Arbeit gewesen, die sich mir zunächst geboten:
Sackträger und Matrose, bis ich Steuermann geworden

=- Z9!-
unter Kapitän Witten. Nachdem dieser seinen heran-
gebildeten Bruderssohn zum Steuermann bei sich ge-
macht, bin ich Steuermann auf englischen Schiffen
geworden, die zwischen der Goldkitste und der Ha-
vanna gingen, bin dann Superkargo gewesen für das
Haus Jasserman, das zu der Zeit den Elfenbeinmarkt
beherrschte, und habe bei einer dieser Reisen, bei der
wir ein paar hundert Schwarze an Bord gehabt,
meine Jigendschuld gebüßt. Ein Menschenleben hatte
ich zu meiner Vertheidigung zerstört. Zm Kugelregen
eines Piratenschiffes in wilder Sturmnacht habe ich
mit Bewußtsein mein Leben eingesetzt, das Schiff in
den Hafen zu bringen, das Leben der mir anver-
trauten Menschen zu retten, nachdem der Kapitän ge-
fallen war. ?
,Davon haben Sie uns einmal erzählt!' fiel
Justine ihm ein, indem sie ihren Onkel anblickte,
auch diesen an jene frühere Mittheilung zu mahnen.
Darner beachtete das in der Lebhaftigkeit seines Rck-
erinnerns nicht.
, Von da ab fand ich das Gleichgewicht in uir,
das mir in einzelnen Augenblicen gefehlt, wenn ich
jener Zornesthat meiner frühen Jugend gedachte;
und jene Rettung des ,Magellanf war es auch, die
meine Aufnahme in die inneren Geschäfte des Hauses
Jasserman veranlaßte. Sie machte mich aus einem
Seemann zum Kaufmann. Ich kam allmälig in Ver-
bindung mit den anderen großen Weltfirmen. Es
hat es Niemand zu bereen gehabt, weder Kapitän
Witten, daß er mich und Deine arme Mutter ge-
rettet, noch sonst Jemand, der mir die Hand geboten,
der mich hat arbeiten lassen in seinem Dienst und
mit mir gearbeitet hat in meiner selbstgeschaffenen
Freiheit. Ich denke, es soll auch ferner also
bleiben.?

-=- Z0Z--
Er stand auf bei diesen Worten, dehnte die
Brust wie Jemand, der eine schwere Arheit gethan,
zog die Uhr heraus und leise den Kopf schüttelnd,
nachdem er die vorgerückte Stunde bemerkt, sagte er
zu Kollmann, gleichsam verwundert über sich und
seine Mittheilsamkeit:
, Ich habeIhreZeit länger in Anspruch genommen,
als ich geglaubt; aber die Vergangenheit ist mächtig
über uns. Sie überwältigt auch den Gefesteten und
reißt ihn mit sich fort, wenn wir ihr aus der Tiefe,
in die sie in uns selbst versunken ist, den Weg ans
Licht eröffnen und ihr damit ein fortdauerndes Leben
in dem Gedächtniß von Anderen erwecken. Der Tod-
schlag, den ich begangen, ist verjährt. Es lebt Nie-
mand von dem Geschlecht der Ringking, dem wir
einst hörig waren. Sie wissen Alles, was Sie hören
zu wollen berechtigt gewesen sind. Verfahren Sie
mit meinem Vertrauen nach Ihrem Ermessen und
schreiben Sie sich's selber zu, wenn Sie die Zeit be-
dauern sollten, die Sie mir gewährt.?
,,Wie könnte ich das, während ich Ihnen zu
danken habe? entgegnete Kollmann, der sich nach
Darners Beispiel mit den Anderen erhoben hatte.
,,Der Hinblick auf einen so eigenartigen, von so
traurigen Anfängen ausgehenden, von eigener Kraft
gebahnten Weg hat nur für mich, den an eine
schlichte, gerade Straße gewöhnten Mann, etwas
Neberraschendes. Ihre Energie, Ihre Erfolge sind
bewundernswerth. Ihr Sohn hat ein großes Vor-
bild als Geschäftsmann vor sich. ?
, Und wir, mein Vater,'? fiel Virginie ein, ,uns
sagen Sie nichts von unserer Mutter, die ja noch am
Leben istE?
Sie wußte nicht, welcher Verlegenheit sie Koll-
mann mit dieser Frage enthob, wie sie es dem Vater

!
-- L0Z --
erleichterte, über Kollmanns kühl gesprochene zwei-
deutige Anerkennung ohne Einwand fortzukommen.
,Das Schicksal,' sagte Darner, während er die
beiden Mädchen, die ihm zur Seite gewesen waren,
stehend in seine Arme nahm, ,das Schicksal, das mich
und Eure Mutter getroffen und getrennt, ist mit
wenigen Worten erzählt. Euer Großvater war ein
protestantischer Engländer, der Rhederei betrieb in der
Havanna, Eure Großmutter eine Spanierin und ka-
tholisch. Sie war einer Wittwe unbemitteltes Kind
und hatte sich von ihrer Liebe um so leichter bewegen
lassen, Euren begüterten Großvater zu heirathen, da
er das Zugeständniß gemacht, seine Kinder in dem
Glauben der katholischen Kirche erziehen zu lassen.
Eure Mutter war und blieb das einzige Kind dieser
Ehe. Als ich sie vier Jahre nach dem Tod von
Franks Mutter kennen lernte, war Ines wenig älter
als Ihr in diesem Augenblick. Das Haus Jasser-
man hatte mich zum ersten Mal in seinen Geschäften
nach der Havanna gesendet. Die Schönheit Eurer
Mutter, ihre Liebenswürdigkeit gewannen mein Herz
wie ich das ihre. Ihr Vater war mir geneigt, ihre
Mutter war nicht mehr am Leben. Die Nonnen, in
deren Kloster sie ihre Kindheit verlebt, hofften wie
ihr Beichtvater, daß ich einwilligen würde, auch meine
Kinder im Katholizismus zu erziehen. Ich weigerte
mich der Zusage, der Beichtvater versuchte unsere
Verbindung zu verhindern. Ihre Liebe trug den
Sieg davon. Sie ließ sich von einem englischen
Geistlichen mit mir trauen. Kaum jedoch war der
Schritt gethan, kaum hatten wir wenige Tage un-
getrübten Glückes genossen, als die alte religiöse Ge-
wohnheit mächtig über sie wurde. Sie verlangte zur
Beichte zu gehen, man verweigerte sie ihr, das ließ

-== ZßF -
ihr keine Ruhe. Ich nahm sie, um sie von dem
Einfluß ihres Beichtvaters zu entfernen, mit mir nach
New-Hork, wo Ihr geboren wurdet; aber statt Glück
und Ruhe zu finden in ihren Kindern, peinigte sie
der Gedanke, daß auch Euer Seelenheil verloren sei,
und die Erfahrung, welche ich eben damit an der von
mir geliebten Frau zu machen hatte, war nicht dar-
nach angethan, mich ihrem Wunsch willfahren zu
lassen und Euch der katholischen Kirche einzuverleiben.
Ich mußte wieder zurück nach der Havanna, mußte
achtzehn Monate dort bleiben. Ich konnte, ohne sie
unglücklich zu machen, ihr den Zusammenhang mit
ihrer Kirche nicht rauben. Alles, was ich unternahm,
gelang mir; was mir am meisten am Herzen lag,
Eurer Mutter den Frieden wiederzugeben, war ich
außer Stande. Ich hatte mich für kurze Zeit in Ge-
schäften zu entfernen; Eure Mutter und Ihr bliebt
unter Eures Großvaters Dach, unter seiner Obhut
zurück. Als ich wiederkehrte, hatte sie, ihn und mich
täuschend, uns und Euch unter dem Beistand ihres
Beichtvaters verlassen und war in das Kloster ein-
getreten, um, wie sie mir schrieb, für ihre Mutter
und für sich Buße zu thun, und für Euch und Euer
Heil zu beten. Ich und ihr Vater haben getrachtet,
sie wiederzugewinnen- es war umsonst! Als ich
dann bald darauf für immer von der Havanna schied,
richtete ich Euch dort mit einer Verwandten Eures
Großvaters ein und ließ Euch dort =-?
, Bis die gute Sherman uns nach Genf gebracht
hat und Sie zu uns gekommen sind ! rief Dolores
und hob ihr Köpfchen zu ihm empor. ,Und nun
bleiben wir Alle bei Ihnen, mein Vater, immer,
Frank und wir!' setzte sie schmeichelnd hinzu, indem
sie sich an ihn schmiegte.
,Immer? wiederholte der Vater, ,wollt Ihr

==- Z0J--
alte Mädchen werden? Eure Zeit wird bald ge-
kommen sein! Aber Ihr bleibt mein!'?
Die Mädchen lachten; er küßte sie beide und
reichte dem Sohn die Hand. Kollmann konnte sich
der Rührung nicht erwehren, indeß seine Verstimmung
war während des ganzen Abends mit der Erkenntniß
gewachsen, daß er nicht mehr Herr seines Handelns
sei wie noch vor einer Stunde.
Er hatte kein Wort von Darners Erzählungen
verloren und war doch während derselben unablässig
mit sich darüber zu Rath gegangen, wie er sich über
den heutigen Abend forthelfen, wie er sich aus dem
ganzen Handel herausziehen könne. Er machte es
sich zum schweren Vorwurf, den Heirathsantrag für
Justine nicht einfach gbgewiesen zu haben, wie es in
seiner Hand gelegen. Er warf es sich vor, erst eine
Erklärung gefordert zu haben, durch die er zum Mit-
wisser eines unheilvollen Geheimnisses gemacht worden
war, das er nicht preisgeben durfte, ohne das von
ihm begehrte Vertrauen zu mißbrauchen. Die Kluft,
welche Darners erste Worte: ,ich bin als Höriger
geboren,' zwischen diesem und ihm aufgerissen, war
durch den Verlauf der Erzählung nicht ausgefüllt
worden. Seine Gedanken hatten nicht mehr ihren
gewohnten ruhigen Gang. Er konnte es nicht von
sich abweisen, Darners selbstsichere Wahrhaftigkeit und
seine seltene Thatkraft anzuerkennen, und es war ihm
zuwider, daß er es nicht konnte. Er war erbittert
gegen Darner, er war noch zorniger gegen Justine,
deren unerlaubtes Dazwischenkommen jenem erst den
Anlaß gegeben hatte, auch seine Töchter herbeizurufen
und aus der geforderten fast geschäftlichen Erklärung
ein rührendes Ereigniß, eine Familienscene zu machen,
als deren Opfer er sich fühlte. Er hätte jett erst
recht ein bestimmtes Nein gegen Franks und Darners

b=- I(R =
Erwartungen aussprechen mögen; aber den Mann,
unter dessen Dach er sich befand, den Vater in Gegen-
wart seiner Kinder zu kränken, indem er dessen Ver-
gangenheit verurtheilte, das war eine That, gegen
welche sich sein sittliches Empfinden wie sein Ehrge-
füühl sträubten, und auch auf Justine selber hatte er
Rücksicht zu nehmen.
Er hatte es mit Verdruß gesehen, wie sie
während der Erzählung mehrmals mit Frank Hand
in Hand gesessen, wie ihre Liebe, wie Darner sie
ganz beherrschten. Er konnte nicht daran zweifeln,
daß er sie jetzt noch weniger als vorher fügsam
finden, daß sie mit Frank und Darner im Verein
ihre Heirath mit Frank durchzusetzen im Stande sein
werde. Um Justinens willen durfte er die Darners
nicht mehr von sich weisen, sie, wie er es in seinem
Innern nannte, nicht fallen lassen. Er konnte es
mit Darner auch schon deshalb nicht zu einem Bruch
treiben, weil er geschäftlich mit ihm noch enger als
sonst verbunden war, seit dieser bei der Zahlung der
freiwilligen Kontribution durch den Accept seiner
Wechsel auf Riga so zuvorkommend für ihn einge-
treten. Von allen Seiten fühlte er sich eingeengt,
gebunden, und während er nach einem Ausweg suchte,
geschah ein Nichterwartetes.
Frank reichte der Geliebten seine Hand, zog sie
an sich und zu den Seinen heran und sagte:
, UndJustine, meinVater, siegehörtjaauchzuuns!r
,Ja, rief Justine, ,i, ich gehöre zu Euch!
Nehmen Sie mich auf und an, mein Vater!'r
Darner verneigte sich freundlich mit der Galan-
terie, mit welcher er Justine stets behandelt hatte.
, Sie, meine Liebe,'' sagte er, ,haben wir noch
von Ihres Onkels Hand oder - von der Zukunft
zu erwarten.?

-- A(s? -
Kollmann hatte keine Wahl mehr. Darner hatte
die Sachlage mit den letzten Worten nach seiner ge-
wohnten Weise richtig gekennzeichnet. Justinens Ver-
lobung mit Frank war nur eine Frage der Zeit.
Wenn es Kollmann auch kränkend war, diese That
sache anerkennen zu müssen, war es in jedem Fall
gerathener, jetzt mit dem Anschein freier Entschließung
zuzugeben, was ihm früher oder später nach voraus-
zusehenden Ungehörigkeiten zu hindern nicht möglich
sein, ihm abgezwungen werden würde.
, Nun denn,'' sagte er, ,nehmen Sie sie hin!
Und möge meiner Nichte und Ihrem Sohne mehr
Gluck beschieden sein, als Ihnen in Ihren Ehen zu
Theil geworden ist!r?
,Das lassen Sie meine Sorge sein!' rief Frank,
indem er die Geliebte an seine Brust schloß und sie
dann seinem Vater zuführte. Justine neigte sich, ihm
die Hand zu küssen, er ließ es nicht zu, sondern um-
armte sie herzlich.
, Sie sollen gut geborgen sein bei uns in Ihrem
Hause!'' sprach er, aber wie sie sich dann an ihren
Onkel wandte, auch ihn dankend zu umarmen, wehrte
dieser sie unmerklich von sich ab. Sie empfand es,
und dem scharfen Auge ihres künftigen Schwieger-
vaters war Kollmanns Bewegung so wenig wie Ju-
stinens Erschrecken entgangen. Er umarmte Justine
noch einmal und noch herzlicher als vorher.
Frank und die beden Mädchen kannten ihrer
Freude kein Ende; Madame Göttling küßte ihre
Pflegetochter gerührt.
,Wenn Dein Vater das wüßte!'' sagte sie leise
und trocknete ihre Augen.
, Wenn mein Vater mich sähe an der Seite
meines Frank, so würde er mich dafür segnen, das
ich mir den schönen, guten Mann nach meinem Herzen

=- L0F =
gewählt, statt mich als Familieninventar gehorsam
verbrauchen zu lassen und die Nervenschwäche der
Tante einmal fortzusetzen. Trockne Deine Augen und
mach' Dir meinetwegen keine Sorge!'' entgegnete sie,
richtete sich in ihrer ganzen Höhe neben der kleineren
Göttling empor und hing sich wieder an des Geliebten
Arm, während Darner Madame Göttling fragte, ob
der Thee bereitet sei und man zum Essen gehen
könne.
Sie bejahte das; Darner bot Justine seinen
Arm, Kollmann trat dazwischen.
,,Erlauben Sie, sagte er, ,daß wir uns ent-
fernen. Wir müssen nach den unvorherzusehenden
Ereignissen dieser letzten Stunden in das Gleichge-
wicht zu kommen versuchen. Es hat meiner Nichte
gefallen, ohne Vorwissen ihrer Tante auszugehen.
Meine Frau wird nicht wissen, was sie davon zu
denken, noch wo sie sie zu suchen hat, und noch
weniger wird sie auf die Kunde vorbereitet sein, die
ich ihr zu bringen habe. Selbst mein langes Aus-
bleiben wird sie beunruhigen.'
Darner schellte und befahl dem eintretenden
Diener, anspannen zu lassen. Kollmann wollte auch
das ablehnen, indeß Darner meinte, Kollmann habe
es wohl nicht beachtet, daß das Wetter umgeschlagen
sei, daß es regne; und da er fortan einen Anspruch
an Justine habe, könne er nicht zugeben, daß sie
sich einer Erkältung aussetze, er sei ein vorsichtiger
Mann, der seinen und der Seinen Besitz zu wahren
trachte.
Kollmann war also zum Verweilen genöthigt,.
und Frank rief:
,Sollen wir denn nicht wenigstens auf das
Wohl Justinens, auf das Wohl meines neuen ver-
ehrten Oheims trinken??

-- W9 --
,Die Verlobungsfeier, wandte Kollmann ein,
, geschieht nach unserem Brauch in dem Vaterhaus
der Braut. ?
, Nun,' rief Frank noch einmal, die wiederholte
Ablehnung unbeachtet lassend, ,in dem hefinden wir
uns ja !'?
Und auf einen Wink des Hausherrn an Madame
Göttling wurde schnell Champagner und Backwerk
herbeigebracht, die Flasche entkorkt, die Gläser ge-
füllt, und sein Glas erhebend, trank Darner auf der
Verlobten Wohl und künftiges Glück.
Die Meldung, daß der Wagen vorgefahren sei,
enthob Kollmann der Nothwendigkeit, dies zu er-
widern. Er zeigte sich eilig, Justinens Pelz wurde
geholt, Frank und die Mädchen begleiteten sie mit
Madame Göttling bis an den Wagen, da Frank
heute Abend der Tante nicht mehr zugeführt werden
sollte, um sie nicht noch mehr aufzuregen. Darner
trennte sich oben an der Treppe von den Anderen
uund ging in sein Zimmer. Frank war der erste, der -
zu ihm zurückkam.
Darner schenkte für ihn und sich die Gläser noch
einmal voll und brachte ihm das Glas zu.
, Glück auf, Frank,r' sagte er,,iett hast Dn,
was Du begehrt, und seinen Willen durchsetzen kön-
nen, das ist Glück! Justine ist Blut von unserem
Blut; ich hatte sie für Dich im Sinn! Mache sie
glücklich und halte sie in Ehren, sie ist's werth!'?
wwwoAaewaa oeeoaapg
Lewald. Die Familie Darner. l.
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