Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 23

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Dreiundzwanzigstes Kapuel
Als Frank die Thüre des Wagens geschlossen,
als Kollmann sich mit Justinen allein fand und sie
mit einem Ausruf des Dankes seine Hand ergriff,
zog er sie zurück.
, Kein Wort davon! sagte er streng.,Du hast
mich durch Deinen vermessenen Leichtsinn dazu ges
zwungen, gegen meine Neberzeugung, gegen meine
Einsicht zu handeln. Ich will Dir nicht wünschen,
daß Du einmal erntest, was Du für Dich gesät,
aber ich vergebe Dir nicht, was Du damit an uns
gethan und daß Du Deiner Tante, Deines Vaters
Namen umtauschtest, gegen den Namen eines Mannes,
der seinen wahren Namen verleugnen muß, der seine
Vergangenheit zu verbergen hat, wenn schon er die
Stirne besaß, sie mir aufzudringen. Daß die Tante
kein Wort davon erfährt, das versteht sich von selbst.
Es würde sie niederwerfen. Was ich ihr heute in
Deinem Beisein sagen werde, das hast Du aufrecht
zu erhalten vor ihr und vor den Leuten. Du sollst
sobald als möglich aus dem Hause, und dann halte
Dich zu Denen, die Du Dir erwählt, und in schick
licher Ferne von uns, denen anzugehören Du yer-
schmäht hast --- zum Glück für uns, wie ich jetzt
leider sagen muß!'
In grollendem Schweigenlegtensie die kleine Strecke
bis zu ihrer Wohnung zurück. Als der Wagen hielt,
als sie die Freitreppe in die Höhe stiegen und die
Hausflur betraten, kamen der Diener und das Haus-
mädchen ihnen hastig entgegen, und von der Treppe
herunter rief Madame Kollmann:
,Konrad, Justine ist fortgegangen, ich habe,
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Kollmann nahm einen heitern Ton an.
,, Unbesorgt, mein Schat, sie ist bei mir!' ent-
gegnete er. ,Aber geh in das Zimmer, erkälte Dich
nicht!'' und rasch zu ihr hinaufgehend, von Juuustine
gefolgt, trat er mit ihr in das Wohnzimmer hinein.
, Sag' mir, was ist Dir eingefallen ? rief diese f
ihrer Nichte entgegen. ,Wie im Fieber bin ich seit
einer Stunde gewesen, seit ich Dich rufen lassen wollte
und Johann Dich nicht gefunden hat. Ich wollte zu
Berkenhagens, zu Schwankaus schicken, aber was
sollten die Leute denken, wenn ich Dich suchen ließ?
Welches anständige Frauenzimmer läuft mutterseelen-
allein im Stockfinstern von Hause fort, ohne einem
Menschen davon ein Wort zu sagen!'
Kollmann nahm die Frau bei der Hand.
, Beruhige Dich, sprach er,,D hast recht,
vernünftige Frauenzimmer, Mädchen, die sich respek-
tiren, thun dergleichen allerdings nicht, aber Made-
moiselle Justinens Wege sind wunderbar! Ich stelle
Dir hier die Verlobte von Frank Darner vor !r
Die Tante schlug die Hände zusammen und ließ
sich in den Lehnstuhl fallen.
, Nein, nein,'' rief sie, ,wie ist das möglich?
Wie ist das denn so mit einem Schlag gekommen?
Wo kommt denn Justine her, mit Dir zusammen?? !
,Das ist bald gesagt,'' meinte Kollmann und j
berichtete, von dem Erstaunen und den Ausrufen s
seiner Frau begleitet, mit wenigen und herben Worten, s
was geschehen war und wie die Sache sich gestaltet
hatte.
Auf Madame Kollmanns Frage wegen der von
Darner erhaltenen Auskunft sagte er, Darner sei f
eines leibeigenen Schneiders Sohn, sei davon ge-
gangen, um Matrose zu werden, habe ein ebenfalls
leibeigenes Dienstmädchen geheirathet, darnach seinen
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Weg gemacht, und Frank, seinem in rechtlicher Ehe
geborenen Sohn, fern von sich eine gute Erziehung
geben lassen. Seine Töchter entstammten einer
Kaufmannsfamilie in der Havanna. Die Mutter habe
sich aber um religiöser Bedenken willen von ihrem
Gatten getrennt und lebe in einem Kloster ihres
Heimatlandes.
,, Und dazu meines einzigen Bruders einzig Kind,
dazu Justine Willberg!'' rief die Tante und brach
in einen Strom von Thränen aus, mit dem sie sich,
wider alles Erwarten, ihrer Nichte in die Arme
warf. ,Justine, Justine, warum hast Duu uns das
gethan ?
Justine war auf das Aeußerste erregt. Freude
und Zorn, Glücksgefühl und Empörung, Triumph
über den von ihr errungenen Sieg und dazwischen
doch eine gewisse Scheu vor dem Urtheil der Leute,
eine Besorgniß, daß oon den Mittheilungen, die
Darner gemacht, mehr, als der Onkel beabsichtigt,
bekannt werden möchte, kämpften in ihr, errangen
abwechselnd die Oberhand. Sie hatte sogar Mitleid
mit der Tante, aber unfähig, eine Zärtlichkeit zu
zeigen, die sie nicht fühlte, sagte sie:
,,Es kann doch yicht jeder, wie Sie und ich, im
Willberg'schen Hause geboren sein, Tante, und soll
ich meinen Frank, den schönen prächtigen Mann,
nicht lieben, weil sein Vater die Kraft besessen hat,
sich aus Niedrigkeit zum Besitzer unseres Hauses
aufzuschwingen? Soll ich den Vater nicht lieben,
der einen solchen Sohn, der mir den Geliebten er-
zogen hat? Ich bewundere meinen Schwiegervater,
ich liebe meinen Bräutigam leidenschaftlich! Bin ich
dadurch Ihrer Liebe nicht mehr werth, so drängen
Sie, Tante, mich zu einer Wahl, zwischen meinen
Blutsverwandten und dem Manne meines Herzens,

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und ich muß tragen, was Sie mir auferlegen. Das
Wort, das ich frei gegeben habe, halte ich. Aber
Sie geben mir als Brautgeschenk einen Schmerz
mit, den ich tief empfinden werde!'' setzte sie hinzu,
und auch ihre Stimme bebte, auch ihr wurden die
Augen feucht.
Ihre Festigkeit bewältigte die Tante, ihre Rüh-
rung machte den Onkel milder.
,,Es wird Dich fortan Niemand mehr hindern,
Deiner Neigung zu folgen!'' sagte er. ,Ich pflege
gegebene Zusagen ebenfalls zu halten. Wir sind
über -Darners Erzählung heute Abend nicht zu der
geschäftlichen Regelung der Verhältnisse gekommen.
Ich werde diese morgen in der Frühe schriftlich ordnen
und im Laufe des Tages die Karten mit der An-
zeige Eurer Verlobung drucken lassen. Neber den
Zeitpunkt Eurer Verheirathung werden wir uns dar-
nach verständigen. Ich habe Dir gesagt, daß ich ihn
beschleunigt zu sehen wünsche, das wird, denke ich,
allen Theilen recht sein; für uns hier ist's geboten.
Ein Brautpaar im Hause, bringt immer mehr Leben
und Gastlichkeit in dasselbe, als der Tante bei ihrer
jetigen Nervenschwäche heilsam sein würde, und auch
für heute hat sie und haben wir alle Ruhe nöthig.
Laß Dir den Thee auf Dein Zimmer bringen. Ich
plaudere noch ein Stündchen mit der Tante, die
Aufregung ausklingen zu machen. Gute Nacht!'r
, Gute Nacht!'' wiederholte Justine, küßte nach
alter Gewohnheit dem Onkel und der Tante die
Hand; die Tante umarmte sie unter dem Eindruck
jener Rührung, welche Verlobungen in der Mehrzahl
der Frauen hervorzurufen pflegen. Der Onkel sprach
kein Wort und ließ Justine gehen. Er litt innerlich
mehr, als er zu zeigen für gut befand, und sie trug,
wie er sich sagte, allein die Schuld, daß er nicht

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offen mit Darner, mit einem Manne brechen konnte,
in dessen Vergangenheit ihm so Vieles widerstrebte.
Daß gerade er, Konrad Kollmann, es gewesen
war, der Darner immer die Stange mit Anerkennuung
gehalten, als in der Kaufmannschaft und in deren
geselligen Kreisen sich Zweifel und Widerstand gegen
ihn gezeigt, daß er es gewesen, der in der Kaffee-
gesellschaft seiner Frau den bedenklichen Damen die
Bemerkung gemacht, ob Napoleon seine Generale
nach ihren Vätern frage, daß er jenen Frauen zu-
gerufen: der an das Schiff eines Hauses gebuundene
Superkargo habe nicht zu fragen, womit der Schiffe-
eigner sein Schiff befrachten wdlle, ob mit Elfenbein
oder mit Schwarzen- das sagte er sich nicht; und
wenn sich ihm die Erinnerung trotdem aufdrängte,
wenn er sich eingestehen mußte, daß nichts als sein
eigenes Wollen ihn gezwungen habe, sich mit Darner
geschäftlich und gesellig vielfach und bindend einzu-
lassen, so machte er sich all das jetzt zum Vorwurf.
Sich Vorwürfe machen zu müssen war er aber auf
dem breiten, ebenen Weg, den er sein Leben lang
gogaugen, nicht gewohnt gewesen.
Er hatte am Abend seine Frau beschwichtigt,
ihn floh sein sonst geiunder Schlaf.
Beim Frühstück machte Justinens Abwesenheit
ihn übler Laune. Den prachtvollen Blumenstrauß,
ein Wunder für die Jahreszeit, den Frank mit seinem
schriftlichen Morgengruß der Braut übersendete und
den staunend zu betrachten die Tante sich nicht er-
wehren konnte, würdigte er keines Wortes.
Justinens Mädchen hatte von ihr natürlich gleich
am Abend ihre Verlobung erfahren. Von den weib-
lichen Dienstboten war die Neuigkeit dem Diener
mitgetheilt, dieser hatte sie in dem Komptoir verbreitet.
Klingers Mittheilung, daß er Mademoiselle Willberg

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gestern Abend allein in der Straße angetroffen und
sie in das Darner'sche Haus habe eintreten sehen, war
ohnehin schon unter den jungen Männern im
Komptoir besprochen worden; und als Kollmann
darnach auf die Minute pünktlich in dasselbe eintrat,
richteten sich die Blicke des Personals mit Spannung
auf ihn, denn man wartete, ob er etwas sagen, ob
man ihm Glück zu wünschen haben werde.
Er ging jedoch mit stummem Gruß an ihnen
vorüber, schrieb in seinem Privatkabinet einen Brief
an Darner, der einem der Lehrlinge zur Besorgung
gegeben wurde, und arbeitete dann mit dem Pro-
kuristen wie immer bei geschlossener Thüre, bis die
Makler kamen, ihre Aufträge zu holen, ihre Vor-
schläge. anzubringen.
hilfe.
,,Komisches Freudenfest!'r meinte der eine Ge-
,Die Zahlen werden noch nicht stimmnen! scherzte
der andere; und wie dann der Lehrling mit einem
Antwortschreiben von Darner zurückkam und Kollmann
das Komptoir wieder verließ, ohne vorher ein Wort
von der Verlobuung laut werden zuu lassen, fing die
Sache an, den jungen Leuten zweifelhaft zu werden.
Indeß Schlag elf Ühr traten Darner und Sohn
in das Haus, eine kleine Weile später erschien Frau
Göttling mit den Schwestern des Bräutigams. Nun
war's richtig!
Die schöne Justine war verlobt, Herr John
hatte das Nachsehen. Die Darners hatten wieder
einmal die Partie gewonnen; und jeder, der von da
ab in das Komptoir kam, ward, ehe er noch von
seinen Geschäften reden konnte, mit der Nachricht
empfangen, daß Justine Willberg mit Frank Darner
verlobt sei. Gelegentlich glitt auch die vertraulich
und leise gemachte Bemerkung dazwischen, daß Ma-

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demoiselle gestern Abend eine kleine Escapade gemacht,
und daß der Chef am Morgen durchaus in keiner
guuten Laune gewesen sei.
Oben im Saal, der feierlich zur Aufnahme der
Darner'schen Familie hergerichtet worden, ging Alles
glatt von statten, wie es sich gebührte.
Das vorbereitete Frühstück war in dem alten
Silbergeräth aufgetragen, das nach der Hausfrau
Meinung doch mehr zu bedeuten hatte und aus an-
deren Augen sah als die englischen und französischen
Herrlichkeiten im Darner'schen Hause. Sie hatte über
ihr schwarzes Atlaskleid eine Zobelcartouche geworfen,
die auch noch von ihrer Mutter stammte, und Koll-
mann hatte angeordnet, daß Portweine und Rhein-
weine aufgetragen wurden, die seit mehr als zwanzig
Jahren in seinen Kellern gelegen hatten.
Justine, im Haushalt thätig wie immer, hatte
diese Anordnung auszuführen. Sie begrif ihre
Meinung, ohne sich dadurch anfechten zu lassen; sie
kümtmerte nichts, als ihr Frank und ihr Glitck. Sie
trug das feuerrothe Kleid, das sie angehabt an dem
Tage, an welchem sie und Frank einander ihre Liebe
gestanden, hatte ein paar Zweige von blühenden
Myrthen und Orangen aus dem empfangenen Strauß
an ihre Brust gesteckt, und wie sie, von ihrer Freude
getragen, schwebenden Schrittes Frank entgegeneilte,
wie Frank sie umarmte und küßte, wie dann die
Beiden zu der Tante gingen, ihren Segen zu erbitten,
sagte diese seufzend:
,,Gebe der Himmel, daß Sie glücklich miteinander
werden, so glücklich, als ich's dem einzigen Kinde
meines Bruders stets erhofftl'?
Das klang mehr nach einem Zweifel, einem
frommen Wunsch, als nach einer zuversichtlichen Er-
wartung; indeß Justinens fröhliches: ,Das werden

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wir schon besorgen!' und Franks höfliche Ent-
gegnung, er hoffe, die Frau Tante werde sich oft-
mals von ihrem beiderseitigen Glücke überzeugen
kommen, brachen den frostigen Worten der Tante
die Spitze ab und nöthigten sie, mit sich und ihren
getäuschten Wünschen für den Sohn wie mit ihrem
Unmuth über den Eintritt der Emporkömmlinge, in
den Bereich ihres geheiligten Patrizierthums, so gut
sie konnte, in sich selber fertig zu werden.
Auch zwischen den beiden Männern war der Ton
kühl gentg. Sie hatten sich die Hände gegeben wie
immer, hatten es erfreulich genannt, daß man sich
über die Abmachungen zu Justinens Gunsten so
leicht verständigt, und den Justizkommissar bezeichnet,
der den Kontrakt abfgssen solle; dann war die Unter-
haltung in ein ungewohntes Stocken gerathen, und
es hatte sich gut gefügt, daß die Mädchen mit Ma-
dame Göttling herbeigekommen waren, daß Dolores
dem Vater einen Schmuckkasten übergab, den sie mit-
gebracht.
Darner öffnete ihn, nahm die schwere goldene
Kette mit dem Diamantenkreuz heraus, die in dem-
selben gelegen, und hing sie Justinen um den stolzen
Nacken.
,Tragen Sie die Kette, liebe Tochter,'' sagte er,
, als ein Zeichen, daß ich mich freue, Sie fest an
meinen Sohn und an mein Haus gefesselt zu wissen,
und bereiten Sie sich immer darauf vor, daß selbst
der glücklichste Ehestand gelegentlich ein Krenz z
tragen giebt!'?
Er hatte das scherzend sagen wollen, aber der
Ernst seiner Natur und seiner Meinung klang doch
daraus hervor. Um ihn zu mildern, steckte Frank
der Braut den Verlobungsring an die Hand.
, Hab' keine Furcht,'' rief er mit der ihm eigenen

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freien Anmuth; ,die Fessel, die ich Dir anlege und
das Kreuz, das uns geboten werden mag, sollen Dich
nicht unterjochen und nicht drücken, wirf's auf meine
Schultern, ich trag's-- und Dich dazu auf Händen !'?
Er hob sie dabei, als sie ihn umarmte, mit
starken Armen in die Höhe.
Darner und selbst Kollmann konnten sich des
Wohlgefallens an seiner Kraft nicht erwehren, Justine
und die schönen Schwestern lachten und jubelten,
und Justine zog, als Frank sie niedersetzte, den Ring
vom Finger, der ihre Gegengabe sein sollte.
Es war ein altmodischer, leichter Goldreif.
,Nimm, sprach sie, ,es ist der Ring, den meine
Mutter einst meinem Vater gegeben hat. Ihr Name,
den ich ererbt, Justine, steht darin!?
Die Rührung war üüber sie gekommen, Frank
legte seinen Arm um sie und führte sie fort.
Dolores lief ihr nach und küßte ihr die Hand.
Madame Kollmann und die Göttling standen
seitwärts gegen das Fenster hin.
,, Wer hätte das gedacht,r' flüsterte die Tante
klagend, als Frank den Ring ansteckte, ,wer hätte
das gedacht,- meines Bruders Ring an der Hand
von Darners Sohn!'-
, Ja, was haben Sie dazu gesagt?? fiel die
Göttling ein, deren Niedergeschlagenheit der Tante
gleich aufgefallen und sympathisch gewesen war.
,Mich hat's die ganze Nacht nicht schlafen lassen
und früher-- mein Gott! Frank ist ja solch ein
prächtiger Mensch-- früher fand ich's so natürlich,
so vollkommen in der Ordnuung !''
,Glauben Sie, daß ich ein Auge zugethan habe?
Ich habe immer ein Abmahnen gegen solche Fremde,
gegen Emporkömmlinge gehegt, unzählige Male ge-
warnt!'' versicherte die Tante.

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, Ach, unterbrach sie die Göttling noch einmal,
,, Darner ist ja ein bedeutender, ein großmüthiger
Mann ! Man muß ihn bewundern, und ich war so
glücklich unter seinem Dach, besonders seit die lieben
Mädchen da sind, aber .- ?
Die Tante nickte verständnißvoll.
,, Eines elenden, leibeigenen Schneiders Sohn,
und ein fortgelaufenes Dienstutädchen! Welche Ver-
wandtschaft!r
,, Wenn das noch Alles wäre!'' meinte die Gött-
ling mit vielsagender Wehmuth.
, Alles-- nicht Alles?? fuhr die Tante fort.
,, Was ist's denn weiter noch?
,Also Sie wissen nicht, daß -
, Was soll ich denn noch wissen?
, Herr Kollmann hat Ihnen also weiter nichts
gesagt? Aber wozu auch!''
, Auf ein Wort, Madame Göttling !' rief Koll-
mann, der die geheime Unterhaltung und die leidens-
voll vertraulichen Mienen der beiden Frauen aud der
andern Ecke des Zimmers nicht ohne Besorgniß
wahrgenommen hatte; und mit kurzer Weisung Ma-
dame Göttling bedeutend, in wie weit man seine
Frau zu schonen habe, und daß sie um Justinens
und um ihrer selber willen die Darner'schen Ver-
hältnisse nicht in ihrer Nacktheit preisgeben dürfe,
wandte er sich schnell dem General von Stromberg
z, der, um die übliche Zeit zum Frühstück herbei-
gerufen, der erste Nichtbetheiligte war, welchem man
die Verlobung kund zu thun und das Brautpaar vor-
zustellen hatte.
Der General reichte beiden die Häinde entgegen,
blickte sie mit unverkennbarer Freude an und rief:
, Solch ein goldheller Sonnenschein gebührt dem
Tag, an dem ein Menschenpaar wie Sie beide sich

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zu einander findet! Wann ist die Trauung? Da ich
die Verlobung mit Ihnen feiere, darf mir doch die
Hochzeit nicht entgehen. Auf wann die Trauung?
Denn unsereins hat's immer eilig!'
,, Lieber heut als morgen !'' jubelte der Bräutigam,
und Justine setzte lächelnd hinzu:
,Meine Auesteuer liegt fertig, aber so rasch geht
das doch nicht!'
,Warum nicht? fragte der General.,Die
Herren vom Eivil machen nur Alles viel zu langsam.
Wir sind im Kriege! Wäre Herr Darner von meinem
Regimente, so schenkte ich Ihnen das dreimalige Auf-
gebot und ließe Sie, wie den Soldaten bei raschem
Ausmarsch, vor der Trommel trauen. Es thut ganz
dasselbe wie vor dem Altar.?
Die Männer lachten.
,Das fehlte noch!r flltsterte die Tante ihrer be-
kümmerten Leidensgefährtin zu; nahm dann aber
Darners Arm, der sie zu Tische geleitete, und die
Anderen folgten.
Darner und der General führten die Unterhal-
tung, die sich durch die Freude des Brautpaares und
durch die Fröhlichkeit der Mädchen immer mehr be-
lebte. Die üblichen Glückwünsche wurden beim Gläser-
klingen ausgebracht. Kollmann konnte sich nicht über-
winden, etwas auf die erfreuliche Verbindung der
beiden Familien Bezügliches auszusprechen, und weder
den beiden Darner noch Justinen entgingen diese
Zurückhaltung und die gedrückte Stimmung der Tante
und Madame Göttlings.
Darner fand sich dadurch gereizt, hatte aber doch
ein heimliches Vergnügen daran, wieder einmal einen
Mann, der sich über ihn erheben zu können geglaubt,
zu seinem Willen gezwuungen zu haben; und wie er
am verwichenen Abende das Erscheinen von Justine

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rasch nach seinem Sinne und zu seinen Zwecken be-
nüützt, nahm er jetzt den vorhin gemachten Scherz
des Generals auf.
, Nicht nur von seinen Feinden, auch von seinen
Freunden muß man lernen!'' sagte er. ,Herr von
Stromberg hat recht. In Zeiten wie die unseren
muß man rasch thun, was man thun will, rasch
genießen, was man Erfreuendes vor sich hat!
Also-- auf wann die Hochzeit unseres jungen
Paares?
Er wußte nicht, wie sehr er mit dieser Frage
Kollmanns Wünschen entgegenkam. Ehe noch die
Tante, an welche Darner die Frage gerichtet, ihm
darauf Bescheid geben konnte, sprach Kollmann:
, Ich stimme Ihnen bei, denn wer kann sagen,
wie es nach Monaten hier mit uns beschaffen sein
wird l? Er schwieg einen Augenblick, in sich über-
legend, dann sagte er: ,Wir haben heute Freitag,
am Sonntag kann das erste Aufgebot erfolgen - r ?
, Wohl!r fiel ihm Darner ein. ,Also, da hier
unter Ihnen der Freitag für den eigentlichen Hoch-
zeitstag erachtet wird, so lassen Sie uns sagen, von
heute in vier Wochen- der Hochzeitstag!'
, Sei's so!'' bestätigte der Onkel.
Die Gläser wurden noch einmal gefüllt, man
trank, wie immer, auf allseitiges Glitck, auf das
Wohl des Königs, auf die Freundschaft der Russen
und der Preußen; aber während Justine und Frank
in vorahnender Wonne strahlten, hatte sich mit der
Erwähnung der politischen Verhältnisse in den drei
älteren Männern die gewohnte Sorge in den Vorder-
grund gedrängt, und man erhob sich, bevor die Tante
sich noch von deni Schrecken über diese Hast erholt
hatte und Madame Göttling noch zu irgend einer