Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 25

= Sez H ==
Nothwendigkeit ansah-- das waren doch Dinge, die
man von sich und den Seinen fern zuu halten hatte,
besonders jezt, wo man ohnehin schon den ganzen
Troß der russischen Offiziere, der russischen Armee-
lieferanten, und-- wer konnte wissen, wie bald----
gar die Feinde, die Franzosen, bei sich aufnehmen
und auf dem Halse haben würde. Vorsicht war in
jedem Falle jetzt noch mehr als sonst geboten,
namentlich für die Familien, die erwachsene Töchter
und heirathsfähige Söhne hatten. Due Töchter einer
Nonne waren kein guuter Umgang für junge Mädchen,
keine erwünschten Schwiegertöchter; und sie waren so
reizend, daß sie leicht geliebt werden, leicht bestricken
konnten. Geld deckt doch eben nicht Alles zu, meinten
die Mütter. Wozu sollte man sich unnöthig solchen
Möglichkeiten, solchen Zusammenstößen aussetzen?
Man brauchte ja deshalb mit Darner nicht offen zu
brechen, man konnte sich ja mit der Rücksict betragen,
welche gefordert war; aber man war früüher ohne
die Darners fertig geworden- man konnte sie auch
jetzt ihre Wege gehen lassen, und aus den seinen
bleiben.
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Die Frage, wo Frank und Justine ihren Haus-
halt einrichten sollten, war natürlich eine der ersten,
die auch in der Familie zur Erörtexung kommen
mußte. Kollmann wünschte sie in einem eigenen
Hauuse zu wissen, schon weil ihn dies dem beständig
sich wiederholenden Zusammentreffen mit Darner
einigermaßen enthob: indeß der Eifer, mit welchem

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selbst wohlhabende Leute ihre Häuser zum Kauf an-
boten, machten ihn von seinem Verlangen abstehen.
Jeder suchte unter den obwaltenden Umständen baares
Geld in die Hände zu bekommen, wäährend man nach
der Möglichkeit trachtete, mit Aufgeben eines eigenen
Hausbesitzes und großen Raumes sich den immer
größer werdenden Steuerlasten und Anforderungen
zu entziehen und einen schicklichen Vorwand zu den
Einschränkungen zu gewinnen, die man ohne einen
solchen nicht wohl machen konnte, ohne seinem Kredit
zu schaden.
Der Hauskauf wurde also aufgegeben, und da
man in den beiden zusammengehörenden Darner'schen
Hääusern Raum für zwei Familien hatte, ward be-
schlossen, daß Frank und Justine in dem vordern
Hause wohnen sollten, in welchem sich das Komptoir
und die großen Gesellschaftszimmer befanden, während
Darner mit den Töchtern und Madame Göttling das
am Quai gelegene Haus einnehmen wollte, das den
Vorzug hatte, den Garten vor der Thüre und die
Aussicht auf den Strom zu besitzen.
Justine war das ganz nach ihrem Sinne. Sie
gelangte dadurch in den Besitz der Räume, die sie
in ihrer Kindheit und frühen Juugend innegehabt, sie
fühlte, daß Darner sie damit an die Spitze des Hauses
stellte, daß sie dabei doch immer die Möglichkeit be-
halten würde, in engem, abgeschlossenem Verkehr mit
ihrem Manne zu leben; und sie und Frank sahen mit
Freuden das rasche Entschwinden der Tage, welche sie
von ihrer Vereinigung trennten.
In beiden Familien hatte man vollauf zu schaffen
und man war noch dabei, die Zimmer im Darner'schen
Pregelhause für ihre nächste Bestimmung umzu-
wandeln, während man mit der Einrichtung für das
junge Paar zurückstand, weil man bis zu der Rück

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kehr desselben von Strandwiek noch mehrere Wochen
vor sich zu haben glaubte, als an dem Sonntag,
an welchem das dritte Aufgebot in der Kirche er-
folgt war, Frank schon eine Stunde vor dem Mit-
tagessen, zu welchem man ihn erwartet hatte, sich
bei Madame Kollmann einstellte. Er traf seine
Braut bei ihr.
,Du kommst früh,'' rief sie ihm entgegen, ,das
ist hüübsch von Dir. Bringst Du etwas Neues??
,, Neues allerdings,? entgegnete er ihr, nachdem
er die Tante begrüßt, ,aber nichts, was mich freut.
Wir müssen unsere Ehe mit einer getäuschten Hosf-
nung beginnen. Wir können nicht nach Strandwiek
hinaus.?
,, Weshalb denn nicht? Was ist denn dort ge-
schehen?
,,Im Grunde nichts, worauf man nicht als auf
eine Möglichkeit gefaßt zu sein hatte, seit die Armeen
sich wieder von allen Seiten in Marsch gesetzt. Mein
Vater hatte mir das von Anfang an vorgehalten,
mir jedoch nachgegeben, weil ich einmal, wie er sagte,
ganz meinen Willen haben sollte. Aber man hört
und glaubt nicht gern das, was unseren liebsten
Wünschen widerspricht. Ich hatte mich so sehr auf
das Alleinsein mit Dir gefreut; nun ist's dort plötzlich
übervoll von ungebetenen Gästen. Wir hatten schon
seit Wochen die Nachricht, daß Napoleon es hier in
der Provinz zu keiner Entscheidung kommen lassen
wolle, ehe er nicht das belagerte Danzig in seine
Hände gebracht und sich dadurch den Rüchug ge-
sichert habe. Gestern spät am Abend meldete man
uns durch eine Estafette, daß ein russisches und ein
preußisches Korps am frischen Haff auf der Nehrung
nach Pillau marschirten, um zur Unterstützung von
Danzig zu Schiff dorthin gebracht zu werden; und

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vor einer Stunde kam ein reitender Bote von
Strandwiek mit der Anzeige, daß die Russen dort
eingezogen sind, daß sich der Stab ins Schloß
auartiert, daß man das Inspektorhaus zum Lazareth
genommen, da sie Kranke mitgebracht, und daß sie
dort so wirthschaften wie überall im platten Lande.
Es soll geschafft werden, was nicht geschafft werden
kann. Die Truppen leiden Noth, aber die Leute
ebenso. Es soll geschafft werden, was auch mit
Geld nicht zu schaffen ist. Es soll fürchterlich aus-
sehen in dem warmen Nest, das wir dort für uns
erhofft.?
Er hatte in seiner Aufregung schneller und lauter
gesprochen, als es seine Weise war. Die Tante schlug
voll Entsetzen die Hände zusammen.
, Schrecklich, schrecklich! Da muß die Hochzeit
natürlich aufgeschoben werden? stieß sie hervor.
,Im Gegentheil, Frau Tante, wenn es möglich
wäre, müßte man sie zu beschleunigen trachten!'r
,Soll die Trauung vielleicht noch heute Abend
stattfinden?? fragte sie in einem Ton, der es nicht
zweifelhaft ließ, ob sie scherzen oder ihn verhöhnen
wolle.
Frank hatte es von seinem Vater gelernt, zu
überhören, was er nicht zu beantworten wünschte,
und sich zu seiner Braut wendend, fragte er sie, ob
sie Einspruch dagegen erheben würde, wenn die Tante
es also befehlen sollte.
Justine gab ihm die Hand.
,Dein Vater hat mich gekettet, und ich habe
mich Dir verpfändet!' entgegnete sie ihm mit hei-
terem Wort, dem Spott der Tante den Stachel abzu-
brechen. ,Ich bin Dein! Befiehl und ich ge-
horche!r
Die Tante lächelte.

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, Ich gratuliere Ihnen, Herr Darner! sagte sie,
,, denn Sie vollbringen Wunder! Die bezähmte
Widerspenstige! So heißt ja wohl die englische
Komödie??
Indeß die lächelnde Miene verbarg die wahre
Gesinnung der Sprechenden nicht, und es war gut,
daß Kollmann dazu kam, daß man von dem zu ver-
ändernden Plane in Bezug auf das Unterkommen der
jngen Eheleute zu sprechen hatte.
Kollmann fragte, ob denn in seinem Vaterhause
die Wohnung für Frank fertig sei. Frank mußte das
verneinen. Man habe, sagte er, zuerst für den
Vater und die Schwestern das Hinterhaus entsprechend
hergerichtet, und die Aenderungen für ihn und
Justine absichtlich für die Zeit hinausgeschoben, die
sie auf dem Gut zuzubringen gehofft.
Der Onkel schwieg einen Augenblick.
,Wir haben heute Sonntag,'' sagte er darauuf,
, am Freitag soll die Hochzeit sein. Denken Sie,
daß man in den vier dazwischenliegenden Tagen das
Nöthige wird beschaffen können?
,,Das Nothwendige gewiß, denn man hat sich
heute sofort an die Arbeit gemacht; das Gewollte nicht!'
, Also,'' fiel ihm der Onkel ein, die Worte lang-
sam wägend, ,Sie denken meine Nichte in Ihrer
Juunggesellenwohnung zu installiren??
,Ich würde wünschen, sie in das Schloß der
Königin von Golkonda führen zu können,? entgegnete
Frank, der das Nebelwollen, welchem er gegenüber-
stand, immer deutlicher erkannte, ,indeß ich traue
es Justine zu, daß sie mich nicht entgelten lassen
wird, was. ich nicht verschuldet, und was ich für sie
lebhafter bedaure als vielleicht sie selbst.
Justine versicherte, sie sähe darin durchaus kein
Hinderniß, sie würde sich freuen, zunächst eben in

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den beiden kleinen Stuben zu weilen, in denen Frank
ihrer bisher in Liebe gedacht, und Frank, von ihrem
Worte erfreut, setzte rasch hinzu:
,,Wären wir in London und ich hätte noch
meine Pacht, so nähme ich Dich in meine Kajüte
und wir gingen nach Ramsgate oder nach der Insel
Wight. ?
,Wohl möglich!' meinte Kollmann. ,Es hat
nur nicht jedes Land denselben Brauch und nicht
jede Familie diese Kajütengewohnheiten; bei uns-
Diesmal aber überhörte Frank die Worte nicht,
und fest in das Auge des Onkels blickend, entgegs
nete er:
, Sie haben recht! Mir freilich stammt die Kajüten-
gewohnheit vom Vater und von meiner Mutter.
Ich bin ein Matrosenkind und danke dem Geschick,
daß es mir den freien Sinn und den weiten Blick
des Seemannes als Blutserbe verliehen hat. Die
Trauung ist bestellt, die Hochzeitsgäste sind geladen.
Kann sich Justine nicht entschließen, zunächst mit
mir zu leben, wo und wie ich bisher gelebt in
meines Vaters Haus, wollen Sie die Trauung und
rz,
die Gäste abbestellen und dem müßigen Gerede über
uns, das ich seit unserer Verlobung und wohl in-
folge von meines Vaters gefordertem Vertrauen,
sattsam habe kennen lernen, weiteren Spielraum
gönnen, so muß ich eben warten. Aber ich werde
darum nicht größer von Justine denken und nicht
besser von dem sogenannten Anstand und von dem,
was man die Sitte und den Brauch nennt. Sie,
Herr Onkel, haben zu entscheiden-- ich mich vor-
läufig zu fügen.?
, Unerhört!'r rief die Tante voll. Entrüstung, und
selbst Justine sah ihn mit Neberraschung an. Er war
wie verwandelt. Seine Haltung, sein trotzend fester

--- LZß --
Ton waren ganz die seines Vaters, aber sie hatte
Frank nie schöner gefunden, ihn nie mehr geliebt
als eben jetzt.
, Gemach, junger Mann, rief der Onkel mit
strenger Abwehr, ,gemach, junger Mann! Ziehen
Sie gefälligst die stolzen Segel etwas ein. Wie
gering Sie auch von der Gesinnuung und der Hand-
lungsweise denken, die wir altväterischen, aus gutem,
altem Herkommen hervorgegangenen Leute als Brauch
und Sitte ehren, erlauben Sie mir, Sie daran zu
mahnen, was Sie mir schuldig sind. Vergessen Sie
nicht--?
,Verzeihung,' fiel Frank ihm lebhaft ein, ,Ver-
zeihung, denn Sie haben recht! Ja, ich habe mich
vergessen, schwer vergessen! Meine Leidenschaft,
mein Verlangen nach Justinens Besitz haben mich
hingerissen.? Er reichte Kollmann die Hand, der
sie nicht ergriff. ,Vergessen Sie,' bat Frank noch
einmal, ,daß ich mich im Ausdruck gegen Sie ver-
gangen habe, Onkel, in der Sache aber erlauben
Sie mir, auf meiner Bitte zu bestehen. Geben Sie
mir Justine Freitag zum Weibe in unser Haus!
Schieben Sie die Hochzeit- nicht in die Ferne! Es
könnten nach Wochen, nach Tagen wieder Verwundete
liegen in der Kirche, in welcher unsere Ehe eingesegnet
werden soll; und der Boden, den meine Frau betreten
soll in unserem Hause, wie es eben ist, soll nicht
rauh, Du sollst wohl gebettet und behütet sein unter
unserem Dach, in meinen Armen!''
,Frank, lieber Frank!'' rief Justine an seiner
Brust und unter seinem Kusse.
,,Das angeerbte Matrosenblut!'? flüsterte die
Tante, und Kollmann hatte das Nämliche gedacht.
Auch er fand es anstößig in hohem Grade, daß Frank
in seiner Aufregung vor ihnen und zu Justinen von

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seinem Verlangen nach ihrem Besitz und ihrem Glück
in seinen Armen gesprochen. Die heftige Anmaßung,
mit welcher Frank ihm entgegengetreten war, hatte
die Bitterkeit verstärkt, welche Kollmann gegen Darner
hegte, dem er es nicht verzeihen konnte, ihn, wie er
es nannte, jahrelang getäuscht zu haben; aber das
Alles konnte jetzt die Sachlage nicht ändern. Die
Verhältnisse waren wieder zu der Darner Gunsten.
Auch jetzt hatte er dem Sohne Darners gegenüüber
keine Wahl; und so erzürnt er gegen ihn war, be-
griff er, was eben Justine grade diesem Mann so
schnell und so bedingungölos zugeeignet hatte.
Ec war in keinem Betracht gerathen, die Ver-
binduung der Beiden hinauszuschieben. Sie enthob
ihn auch-- freilich mit Aufgeben von Justine--
des ihm lästig gewordenen Verkehrs mit Darner.
Nachgeben mußte er; es auszusprechen unter den
Augen seiner Frau ward ihm schwer, und auch das
schrieb er Frank und seinem Vater in ihr Schuld-
register.
, Sei's denn!' entschied er endlich. ,Freitag
die Hochzeit! Denn es würde allerdings Beschwerde
machen, sie hinauözuschieben, und über die vier
Tage--? Er vollendete den Satz nicht, sondern
sagte:,bDie vier Tage wird's ja wohl noch ruhig
bleiben.?
Frank dankte, Justine that desgleichen. Die
a ante sprach davon, daß man jetzt Justinens noth-
wendigste Sachen doch wenigstens hinüberschaffen
müsse, da man auch dies erst während ihrer Ab-
wesenheit hatte besorgen wollen; aber Frank empfahl
sich bald, und weder der Onkel noch die Tante
nöthigten ihn zum Verweilen. Sie schienen es Alle
vergessen zu haben, daß er zu Mittag eingeladen
WaV. --