Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 26

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,,Die vier Tage werden ja auch vergehen,? sagte
die Tante, nachdem Frank, von der Braut begleitet,
das Zimmer verlassen hatte, ,und dann ist man sie
los und kommt zur Ruhe. Aber wer hätte gedacht,
daß ich mich mit solcher Empfindung von meines
einzigen Bruders einzigem Kinde trennen würde!
Ich wollte, die Darners wären geblieben, wo sie
waren- wo der Pfeffer wächst!r?
Kollmann ließ den Stoßseufzer seiner Frau ohne
Antwort. Er bemerkte nur:
, Es ist gut, daß Justine unter die Haube kommt.
Eine sichere Versorgung ist es; und nachher mögen
sie sehen, wie sie fertig werden allesammt. Sie für
sich und wir für uns !'?
Er hatte in seinem Herzen den Stab gebrochen
über Darner und die Seinen.
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Sechsundzwanzigstes Kapilel
Und die vier Tage waren vorübergegangen und
der Hochzeitstag ebenso; Alles in herkömmlicher Weise.
Die Junggesellen aus der Bekanntschaft hatten
am Vorabend des Hochzeitstages es an dem Poltern
nicht fehlen lassen. Eine große Menge von Töpfen,
Tellern, Tiegeln war vor dem Kollmann'schen Hause
zerschlagen worden. Frank hatte die jungen Leute
heraufgeholt, wo man sie im Beisein der beiden
Familien vor der dampfenden Punschbowle bewirthet,
aber ein lustiger Polterabend war es nicht gewesen.
Und obschon man in der Kirche die Schönheit des
Brautpaares und Justinens mit rosenfarbener Seide
gefüttertes weißes Musselinkleid und dessen kostbare
Lewald. Die Familie Darner. l.
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Stickerei und ihren wahrhaft fürstlichen Perlenschmuck
und den Kaschmirshawl bewundert, den Frank ihr
in dem Hochzeitskorb verehrt, war auch das Hoch-
zeitsfest nicht eine lustige Hochzeit gewesen.
Kollmann und seine Frau hatten es an nichts
fehlen lassen, weder an den großen Ehrenpforten im
Hause und in der Kirche, noch an der Bewirthung
der Hochzeitsgäste. Das ganze, alte Familiensilber,
die edelsten Weine, die besten Speisen, die aufzu-
treiben waren, hatten wieder die Tafel geschmückt.
Es hätte für den eigenen Sohn nicht anders sein
können. Sie waren auch sehr gerührt gewesen bei
der Trauung. Justine hatte ihnen in der Kirche
unter Thränen die Hände geküßt, aber sowohl die
Leute in der Kirche wie die Hochzeitsgäste hatten,
da sie genau darauf geachtet, es bemerkt: als Koll-
mann und Darner nach der Trauung zu einander
getreten waren, hatten sie sich nicht wie Verwandte
umarmt, sondern sich kaum die Hände gereicht; und
Madame Göttling hatte in dem prachtvollen grauen
Atlaskleid, das ihr Darner zur Hochzeit geschenkt,
so schmerzlich geweint, als ob Justine nicht dem
Glück entgegenginge, das sie sich ersehnt, sondern als
wäre sie zu der Heirath gegen ihren Willen genöthigt
worden und als stände ihr das größte Unglück bevor.
Nach einer Unglücklichen ssah indeß die junge
Frau Frank Darner keineswegs aus, als man, da
sie doch nun in der Stadt geblieben waren, am
andern Morgen zu ihr ging, den Ehestandsbesuch zu
machen und nebenher zu sehen, wie die junge Frau
sich in ihrem alten Vaterhause ausnehmen würde.
Irgend etwas Besonderes, des war man sicher, würde
man finden, denn glatt und gewöhnlich thaten es
die Darners nun einmal nicht; aber was man antraf,
war weit mehr, als man irgend erwartet haben konnte.

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Das Haus war in einen Blumengarten verwandelt
worden.
Zur Nachtzeit hatte man in den letzten Tagen
aus den Gewächshäusern der sämmtlichen Gärtner die
aärangen- und Lorbeerbäume herbeischaffen lassen.
Wie durch einen Hain war Justine von der Thüre
des Hauses durch die Flur und über die mit persischen
-eppichen belegte Treppe hinaufgeschritten bis in
ihr Brautgemach; und auf einem prachtvollen Divan,
umgeben von Bäumen, fand man sie, bluumenun-
duftet, in dem großen Saal, ihre Gäste erwartend.
Niemand hatte jemals noch in Königsberg eine solche
Vorrichtung gesehen, nie hatte eine junge Frauu einen
so kostbaren Morgenanzug gehabt. Die Rose an der
Haube, die goldgestickten Morgenschuhe, Alles, der
ganze Hochzeitskorb war, wie Madame Göttling be-
richtete, durch einen Eppressen gleich nach der Ver-
lobung in Berlin bestellt worden, wo sich, seit die
Franzosen es inne hatten, große Lager von franzö-
sischen Waaren befanden. Ein anderer Eppresser
hatte die sämmtlichen Brautgeschenke schon vorgestern
in das Haus geliefert in einem Korb, der an und
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versteckt, den Schaulustigen zur Ansicht stand.
Justine strahlte wie eine voll erblühte Rose,
Frank, in kurzem Gehrock und Klappenstiefeln, machte
mit Beflissenheit den Hausherrn und den Wirth, aber
seine Augen kehrten immer wieder zu der schönen
Frau zurück. Jeder mußte es sehen, sie lebten nur
ein Leben. Die Freude, welche dem Polterabend
und der Hochzeit gefehlt, schwebte über diesen:
Morgen.
Dolores und Virginie, denen ein Polterabend,
eine Hochzeit, die Ehestandsvisiten, nach demt Leben
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in ihrer Pension etwas ganz Neues waren, denen
Justine in ihrer Frauentracht wie maskirt erschien,
und die sich in der Blumenfülle an ihre Heimatserde
und ihre erste Kindheit erinnerten, sahen wie die
menschgewordene Freude aus. Neberall traten sie
in den Vordergrund, an Allem fanden sie Stoff, ihre
Heiterkeit zu nähren. Schön geschmückt umschwebten
sie das junge Paar und die sich allmälig einstellenden
Gäste der Hochzeitsfeier wie dienstthuende Genien.
Als dann noch junge Mädchen und einige junge
Männer dazu kamen, rissen die Schönheit und der
Frohsinn auch die Anderen hin. Man hatte nicht
bemerkt, wer das Klavier geöffnet hatte; aber Virginie
sah von der andern Seite des Saales, daß es offen
war. Sie eilte dazu, spielte einen Raschwalzer und
als Justinens Onkel und Tante, und gleichzeitig mit
diesen Darner in das Zimmer traten, mußte die
junge Frau, um die Ihrigen gebührend zu begrüßen,
sich aus dem Arm ihres Mannes losmachen, der sie
eben umschlungen hatte, sie im Nebermuth seines
Glücks zum Tanz zu überreden.
,Ich bitte Dich, Justine,r' rief die Tante tadelnd
aus, während Madame Armfield gegen ihre Nach-
barinnen die Bemerkung machte, daß es noch nicht
dagewesen sei, am lenlemain und vor dem Kirchgang
und im Neglige zu tanzen. Justine entschuldigte sich
lachend, setzte sich dann ehrbar auf den Sophaplat,
der ihr heute gebührte, aber Darner küßte sie und
schüttelte ihr die Hand.
,,So ist's recht,'' sagte er, während die Freude
seiner Kinder sein ernstes Antlitz erhellte, ,so ist's
recht, und es soll Ihnen, liebe Tochter, und Ihrem
Manne eine gute Vorbedeutung sein, daß Ihr so fröh-
lich hineintanzt in die Ehe! Ein Fest aus dem
Stegreif und aus Herzenslust ist erst recht ein Fest!

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Zünde die Kerzen an-- lassen Sie Champagner
bringen!' befahl er dem Diener und Madame Gött-
ling. Ein äeeuner äunsant i la lraneaise als
Weihe für das nene Haus, da Ihr Euure Hochzeits-
reise ü langlsise nicht habt machen können. Allons,
Madame Darner, allons, Monsieur Frank!'
Er war heiter wie man ihn nie gesehen, und
die jungen Leute, von dem Ungewöhnlichen gereizt,
ließen sich nicht lange bitten. Die älteren Männer
und Frauen zogen sich weiter zurück. Darner führte
die Tante und die anderen Frauen formvoll nach
dem Sopha und zu den Lehnsesseln an den Wänden.
Die paar jungenMänner hatten rasch ihrePartnerinnen
gewählt, die übrig gebliebenen Mädchen tanzten mit
einander, und die beiden Kanarienvögel, die Justine
aus ihrer bisherigen Wohnung in das neue Heim
mit hinübergebracht hatte, schmetterten lustig da-
zwischen, des hellen Sonnenlichts, der Musik, des
lauten Lachens wie die Jugend froh. Es war ein
lieblich phantastisches Bild; indeß der Spiegel, in
den es fiel, war nicht in allen ein ungetrübter.
Man war von dem Ungewohnten überrascht. Man
hätte sich darüber fortgesetzt, es sich vielleicht gefallen
lassen, daß die junge Frau im Morgenanzug tanzte,
wenn es nur nicht eben in diesem Hause, wenn es
nur nicht gerade und immer wieder Darner gewesen
wäre, der die Gesellschaft zwang, wie der Doktor zu
Kollmann meinte, fünf gerade sein zu lassen und
nach seiner Pfeife zu tanzen. Und doch hatte Nie-
mand weniger als Darner den Anlaß zu dem fröh-
lichen Nebermuth gegeben.
Der Doktor hatte seine Bemerkung leicht hin-
geworfen; Kollmann antwortete nicht darauf. Er
fragte nun den Doktor, ob er es hier im Zimmer
nicht zu warm finde für seine Frau; zog dann die

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Ühr aus der Tasche, sagte, daß er doch noch einen
Augenblick nach der Börse gehen wolle, und machte
Anstalt, sich mit seiner Frau zu entfernen.
Die anderen äilteren Personen folgten dem Bei-
spiel; der Tanz wurde dadurch unterbrochen. Man
ging zu dem Tisch, auf welchem die Hochzeitsgeschenke
aufgestellt waren, und bemerkte unter den reichen
und mannigfachen Gaben obenauf in dem Hochzeits-
korb, den Frank seiner Frau geschenkt, ein ganz
kleines, aber reich mit Gold verziertes Kästchen von
dunkelrothem Sammet. Die Tante nahm es in die
Hand, öffnete es, weil sie ein besonderes Schmuck-
stück darin erwartete, und sah zu ihrer Bewunderung
einen plumpen Ring von Silber, dessen Schrammen
und Beulen verriethen, daß er bei schwerer Arbeit
getragen worden war.
,Was ist das? fragte sie und hielt das Käst-
chen offen ihrem Mann hin.
,,Der Trauring, den mein Vater meiner Mutter
auf Helgoland gegeben hat!' jagte Frank. ,Mein
Vater hat ihn heute Morgen meiner Frau geschenkt.
Ich werde ihn als Berloque an ihrer Ühr befestigen
lassen.r?
Ein paar der alten Damen fanden das rührend
mitten in dem Luxus, von dem man hier umgeben
war; die Männer sahen darin das Zeichen, daß
Darner gewillt sei, fortan aus seiner niedrigen Her-
kunft kein Geheimniß mehr zu machen, und meinten,
er werde wissen, weshalb er das thue.
,Nun, sagte der alte Berkenhagen, der Ju-
stinens Pathe gewesen und der als einer der ersten
gekommen war, ihr Glück zu wünschen, ,nur das
Eine geht mir dabei im Kopf herum, wie nuun, wenn
es den Herren, denen Darner angehörte, gefiele, ihr
Anrecht auf seinen Sohn und auf dessen Kinder

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geltend zu machen? Loskaufen würde er sich können,
aber ein schönes Stück Geld würde es kosten und
Aufsehen machen auch.?
Er hatte es nicht gegen Kollmann geäuußert,
indeß dieser hatte es mit der Feinhörigkeit gekränkter
Gesinnung deutlich vernommen, und der Groll gegen
Darner, der zugleich eine Unzufriedenheit mit sich
selber in sich schloß, kam durch das Wort zum Aus-
bruch. Unfern von Darner stehend, trat er dicht an
diesen heran und mit all' der Bitterkeit, die er in
sich trug, sagte er:
,Den Ring hätten Sie, Verehrtester, uns wohl
ersparen können; was soll er heute hier an diesem
Platze?
Darner fuhr auf, aber er bemeisterte sich gewalt-
sam, und so kalt, daß Kollmann es als eine neue
Beleidigung empfand, entgegnete er:
,Der Ring soll meine Schwiegertochter an die
Mutter ihres Mannes mahnen und sie daran er-
innern, daß Abhängigkeit von Vorurtheilen und von
der Meinung anderer die schlimmste aller Sklavereien
ist! Ich habe meine Partie genommen und denke sie
mit den Meinen zu behaupten-?
,Zweifeln Sie nicht daran, daß wir das Gleiche
thun werden !'' unterbrach ihn Kollmann und ging
zu seiner Frau, mit der er sich entfernte, ohne ihr
Frist zu dem üblichen Verabschieden zu gönnen. Sie
hatten den Saal verlassen, ehe noch das junge Paar
oder Madame Göttling die Zeit gefunden, ihnen das
Geleite zu geben. Nur Darner hatte sie beim Scheiden
begrüßt; und so rasch das Alles sich abgespielt, hatten
die sämmtlichen Anwesenden doch bemerkt, es müüsse
irgend etwas Besonderes vorgegangen sein.
Die anderen Glückwünschenden gingen allmälig
auch davon, es kamen dann immer noch verschiedene

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Personen, indeß Darner war nicht mehr anwesend,
und Justine war unruhig geworden.
,,Es muß etwas gegeben haben zwischen dem
Vater und dem Onkel! sagte sie im Vorübergehen
zu Frank. ,Weißt Du, was geschehen istr?
,Nein, denk' nicht daran, mein Schatz! Wenn's
nichts Gutes ist, erfahren wir's immer noch zu früh!
Aber die Deinen haben wirklich das Talent, sich und
Anderen keine reine Lust zu gönnen !' setzte er, wie
zu sich selbst redend, hinzu. ,Noch eine kleine Weile,
dann sind sie Alle, Alle fort, und wir Beide essen
zum ersten Mal heut ganz allein, in unserem Haus,
an unserem Tisch, denn heute hat man hier für uns
allein gedeckt, mein Schatz!'
Sie drückten sich die Hände, ihre Augen begegs
neten sich in Liebesglück. Die Kerzen brannten, die
Blumen dufteten, die Vögel schmetterten; die Sonne
schien noch ebenso warm wie den ganzen Vormittag,
und die bösen Worte von den Lippen der beiden
Männer waren in der Luft verklungen und verweht.
Vergessen waren sie nicht.
Da der neue Haushalt noch nicht eingerichtet
war, hatten die jungen Eheleute am Abend und für
die nächsten Tage wieder an des Vaters Tisch zu essen,
und die erste gemeinsame Abendmahlzeit war ihnen
in freundlicher Stimmung vergangen. Als sie noch
beieinander saßen und der Diener das Zimmer ver-
lassen hatte, sagte Darner, sich an Justine wendend:
,,Da Sie am Orte geblieben sind, werden Sie,
wie ich vermuthe, nach hiesigem Brauch morgen mit
Frank Ihren Kirchgang machen. Irre ich nicht, so
pflegte diesem ein Besuch in der Familie der jungen
Frau zu folgen.?
Justine bejahte das.

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,,Diesen Besuch unterlassen Sie!'' sprach darauf
Darner in einem Ton des Gebietens, den Justine
noch nicht von ihm vernommen hatte.
Frank sah, daß seine Frau betroffen war, und
um ihr keinen Raum für eine Frage oder Antwort
zu lassen, die störend wirken konnte, sagte er, rasch
einfallend:
, Also hatte Justine sich gestern nicht geirrt! Ec
hat eine Mißhelligkeit gegeben zwischen Ihnen und
dem Dnukelfr
, Ja, und eine, die ich nicht auszugleichen denke,
sondern bei der es sein Bewenden behält!'' antwortete -
Darner in demselben Ton wie vorher. ,Sie sind
an einen Scheideweg gestellt, Justine; aber Sie haben
den Vortheil, daß kein Zweifel für Sie vorhanden
sein kann, welche Straße Sie einzuhalten haben.
Die Ihren haben Ihre Verbindung mit meinem
Sohn an und für sich nicht gewünscht. Daß sie
Ihrem Onkel auf das Aeußerste widerstrebte, nachdem
er mich veranlaßt, ihm meine Lebensgeschichte mitzu-
theilen, das haben Sie miterlebt, und Ihre Liebe,
Ihr gesunder und freier Sinn haben Sie trotzdem
bestimmt, Franks Frau, meine Tochter zu werden,
den Namen zu tragen, den ich geschaffen, und den
Sie und Frank hoffentlich fortbestehen machen werden
für ein tüchtiges Geschlecht. Ihr Onkel hingegen
fühlte sich beleidigt und vor seinen Freunden offenbar
erniedrigt durch den Trauring von Franks Mutter,
den ich Ihnen nicht absichtslos geschenkt. Er scheint
erwartet zu haben, daß ich, seinen Ansichten von Ehre
zu genügen, vor Anderen verberge, was vor ihm aus
sein Begehren auszusprechen ich angemessen gefunden,
wie die Verhältnisse lagen. Ich aber bin nicht ge-
wohnt, zu widerrufen, was ich gesagt. -Was ich ihm
mitzutheilen an der Zeit hielt, das ist füür Jedermann

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gesagt' und mag von Jedem erfahren werden, von
Jedem, den darnach gelüstet. Ihr Onkel mag nicht
daran erinnert werden, daß er einen Mann von
niederer und ärmster Herkunft seinen Freund genannt,
daß er von einem solchen sich mannigfache gute Dienste
hat gefallen lassen, daß Sie den selbstgeschaffenen
Namen eines solchen Mannes tragen. Es versteht
sich also ganz von selbst, daß mein Sohn und seine
Frau nicht zu Herrn Kollmann gehen, um ihn daran
zu mahnen.r
Justine hatte, während ihr Schwiegervater ge-
sprochen, mehrmals die Farbe gewechselt. Seit sie
John abgewiesen, seit Frank sich um sie beworben
und vollends seit sie dessen Braut geworden, hatte
sie in Unfrieden mit den Ihren gelebt und das
Haus des Onkels mit dem ihres Mannes in doppeltem
Betracht von Herzen gern vertauscht; aber daß sie es
nicht wieder betreten sollte, daran hatte sie nicht ge-
dacht, als sie am Abend ihres Hochzeitstages schließ-
lich doch mit großer Rührung von Onkel und Tante
geschieden und über ihres Hauses Schwelle hinaus-
geschritten war. Es war doch immer das Heim, in
welchem sie, wohl beschützt, fünf Jahre froh verlebt;
es waren ihre einzigen Blutsverwandten in der Stadt.
Das Gute, das sie ihr gewährt, die Kränkungen,
welche sie von ihnen in den letzten Monaten erlitten,
das Bewußtsein der Herbigkeit und des Trotzes, mit
welchem sie sich dagegen verwahrt, das Alles drängte
mit einem Mal sich ihr in das Gedächtniß, um es
sie schließlich doch segnen zu lassen, daß sie mit Selbst-
willigkeit sich an jenem Abend in den Kreis der
Männer gedrängt und es damit dem Onkel unräthlich
gemacht, ihr die Ehe mit Frank so entschieden zu
verbieten, wie Darner ihr jetzt den Verkehr mit denen
verbot, die sie bisher die Ihren genannt.

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Frank war jeder ihrer Mienen achtsam gefolgt,
während sein Vater zu ihr gesprochen. Er hatte ihre
feinen Brauen sich zusammenziehen, ihre Lippen zucken
sehen, als der Gedanke in ihr aufgeblitzt: ,Der
hörige Mann macht Dich zu seiner Hörigen!' Aber
gleich darauf hatte sie voll' in des Geliebten offenes
Gesicht geblickt, hatte zu seinem Vater emporgeschaut
und empfunden, daß er wahr gesprochen. Sie ge-
hörte ihm, denn sie war eins mit Frank; sie war
sein, wie sie von ganzer Seele seines Sohnes war,
und ihrem Manne die eine Hand gebend, reichte sie
seinem Vater mit festem Druck die andere.
,Gebieten Sie über mich, Vater,'' sagte sie, ,und
Sie werden mich gehorsam finden wie Ihre anderen
Kinder. Nur nehmen Sie mich auch ganz zu diesen
auf. Nennen Sie mich Du wie meinen Frank, und
ich will es halten, wie es in der Bibel heißt: ,ein
Land soll mein Land, sein Volk, sein Haus, sein
Vater sollen auch die meinen sein.?
Alle waren ergriffen wie sie selbst, Darner nicht
zum Mindesten. Aber die Abgeschlossenheit, in welcher
er gelebt, und die Gewohnheit zu gebieten, hatten ihn,
selbst wo er liebte, karg im Ausdruck seiner Neigung
und seines Lobes gemacht.
,Das soll ein Wort sein! sagte er. ,Ich nehme
das Gelöbniß an, und nicht Dein Mann allein wird
Dir diese Hingabe zu danken haben, meine Tochter!
Mahne mich daran, wenn ich sie Dir vergessen könnte!''
Er küßte sie auf die Stirn, sie küßte ihm die
Hand.
,, Haltet zusammen, Alle!' gebot er und wollte
das Zimmer verlassen.
Frank hielt ihn zurück.
,Ich bin der Meinung,' sagte er, ,daß wir,
wenn wir morgen die Kirche besucht, uns die Frei-