Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 27

= A5N -
heit gönnen, unsern Honigmonat hier still für uns
in unserem Hause, statt in Strandwiek zu verleben.
Ist doch jedes Mannes Haus sein Schloß!
,Bis,? fiel ihm der Vater ein, ,die Kolben der
Franzosen uns die Schlösser sprengen, und das kann
bald geng geschehen. Im Nebrigen ist jeder Herr,
zu thun, was ihm gut dünkt, sofern er keines andern
Rechte damit kränkt. Handle nach Deinem Ermessen.
Brauchst Du Rath, so weißt Du, wo Du ihn zu
finden hast. Sehe ich Dich irren, so werde ich Dir
es sagen. Denn wie ich Dich mitten in mein Ge-
schäft hineingestellt, auf Deine Mitarbeit zur Er-
reichung meiner Absichten vertrauend, die das Ge-
deihen unseres Hauses und Geschlechtes mit einbe-
greifen, so bist Du und seid Ihr Alle mit mir
eingeschifft und wie Ihr meines Auges, meiner
Führung, so muß ich Eurer sicher sein können in
allem und jedem - unbedingt! Einheit des Willens
--- das ist Kraft! Daran haltet fest!r
Er wollte sich mit diesen Worten entfernen,
Dolores hielt ihn zurück und küßte ihm die Hand;
die Schwester und selbst Justine folgten ihrem
Beispiel.
Er erwiderte ihre Zärtlichkeit nicht, sondern
sagte: ,So soll's bleiben!r nickte ihnen zu und ging
hinaus.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
- Das gute Wetter hatte angehalten, es war das
zu dieser Zeit des Jahres eine Seltenheit im Lande.
Der April schien seine Launen abgelegt zu haben

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- AHZ -
und nur Sonnenschein bringen zu wollen. Die
Knospen an den Bäumen brachen auf, die grauen
Schäfchen, die Palmen, wie man sie im Volke nennt,
wurden, mit Tannengrüün zusammengebunden, schon
auf den Markt gebracht. Es schimmerte gelblich an
den Zweigen der Birken. Auch der Rasen auf den
Stadtwällen und auf den Angern vor den Thoren
fing zu grünen an.
Der und Jener wollte schon Schneeglöckchen ge-
sehen haben, und da die Feiertage spät gefallen
waren, hatte man wieder einmal grüne Ostern
gehabt. In den Gärten wurde gegraben, in den
Feldern gepflügt. Der Geruch der frisch aufgerissenen
Scholle, dieser rechte Frühlingsgeruch, stieg in die
erwärmte Luft hinauf, und man dachte an das
Säen des Sommergetreides, als ständen nicht die
großen Heeresmassen im Lande, als wäre man sicher,
daß nicht Rosseshuf die Saaten zertreten oder wer
die Frucht ernten würde, wenn sie doch zum Reifen
gelangen sollte.
, Der Pregel war aufgegangen, das Haff war
noch zu. Das gab Hochwasser im Flusse, und das
mußte man benützen, denn wenn das Haff offen
war, konnten die Schiffe wieder in See, konnten
der Produkten- und Waarenhandel wieder beginnen;
und das Freiwerden des Wassers, das große Früh-
lingsereigniß für die Seehandelsstädte, stand nahe
bevor.
Die Fischer fuhren schon, wieder weit hinaus
zum Fischfang, die Schiffe, die im Winter festge-
legen, wurden gekentert, kalfatert, getheert und frisch
aufgetakelt. Auch am Bohlwerk roch's schon nach
Frühling durch das Theeren der Schiffe, durch das
Umwenden der Hanfballen vor den Speichern; und
daß man, wo man ging und stand, russisch und

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- = ZH --
polnisch sprechen hörte, daran war man nun seit
Monaten gewöhnt.
Man machte dazwischen wohl die Bemerkung,
daß russische Artillerie ihre Schießübungen immer
öfter wiederholte, daß in den Artillerieschuppen, in
den Pontonhäusern von früh bis in die sinkende Nacht
gearbeitet wurde, daß von der Grenze Pulvertrans-
porte hereinkamen, daß die Handwerker aller Art
von den Armeelieferanten zur Ablieferung der be-
stellten Arbeiten dringend angehalten wurden; aber
man schob das auch auf den Frühling; und in den
schweren Kriegszeiten, in denen man nun schon seit
dem Herbst gelebt, was hatte es da dem ruhigen
Bürger geholfen, wenn er sich noch so sehr um das
Morgen gesorgt? Es hatte ja seit den Schlachten
von Saalfeld und Jena nichts mehr im Lande
seine rechte Ordnung und seinen regelmäßigen Lauf
gehabt. Was auch kommen mochte, man mußte es
ertragen; dazu aber mußte man eben leben bleiben,
mußte man essen und trinken, mußte an jedem Tag
jeder das Seine thun, und wenn ihm irgend der Kopf
, darnach stand, mußte man auch zusehen, wie man
,sich am Abende die Befürchtungen für ein paar
sStunden aus dem Sinne schlug.
Wenn die großen Kaufleute jett große Sorgen
hatten, so hatten sie dafür in Kriegs- und Friedens-
zeiten auch großen Gewinn gehabt, und da man in
den Gewerben durch die Anwesenheit der russischen
Truppen manch bedeutenden Verdienst hatte, so ging
das häusliche Leben der Bürger in seinem Geleise
fort, trotz der Einquartierung, die man bei sich hatte.
Die Kinder wurden in die Schulen geschickt,
spielten, seit dem warmen Sonnenschein wieder in
den Straßen und waren in gutem Verkehr mit den
Russen, namentlich mit den Kosaken, die sich als

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große Kinderfreunde zeigten. Die Hausfrauen hatten
mehr als je zu schaffen, hatten auch Acht zu geben
auf ihre Töchter und auf ihre Mägde, denn die
Herzen schlagen und fühlen im Kriege wie im Frieden,
und zwischen den russischen Bundesgenossen und den
Mädchen aus allen Ständen hatte sich manch Liebes-
verhältniß angeknüpft, und da man der Zukunft
nicht sicher war, klammerte man sich doppelt fest an
den Augenblick, ihn zu genießen. Liebe und Eifer-
sucht, Neigung und Abneigung, Wohlwollen und
Mißgunst, Neugier und Zwischenträgereien trieben
auch jetzt ihr Wesen wie zu allen Zeiten und unter
allen Umständen, und die Familie Darner ward dabei
nicht vergessen.
In Darners Geschäften rastete die Arbeit nicht,
doch meinte man, in dem Geschäftsbetrieb eine Wand-
lung zu bemerken. Daß Darners Verkehr mit dem
Auslande, nach Osten wie nach Westen lebhaft fort-
ging, das war an den Estafetten zu ermessen, die
er entsendete und empfing und von denen man ge-
legentlich erfuhr. Man wußte ebenso, daß der
russische Kommandirende Darner mehrmals zu sich
entboten und ihn in langen, besonderen Audienzen
empfangen hatte; daß große Geldtransporte unter
seiner Firma angelangt waren, daß die russische
Regierung sich seiner für alle ihre Geldgeschäfte und
-Angelegenheiten diesseits der Grenze bediente, und
daß es auch zwischen ihm und dem preußischen Bank-
direktor in der Stadt beständige Verhandlungen gab.
Dagegen stand es fest, daß er zurückhaltender in
den Geschäften am Platze und in der Provinz ge-
worden war, und daß er den Inländischen weniger
Kredite bewilligte als bisher, sofern diese Kredite
nicht mit den Interessen der beiden Regierungen im
Zusammenhange waren. Er erschien nicht mehr so

=- AHs -
regelmäßig an der Börse, ließ sich bisweilen durch
den Sohn und den Disponenten vertreten, während
er im Komptoir die gewohnten Stunden pünktlich
innehielt; und er stellte es nicht einmal in Abrede,
daß er es vermeide, auf kleinere Geschäfte einzugehen,
um seine Mittel und Kredite für seine großen Unter-
nehmungen zur Hand zu haben.
Verstehen konnte das Jeder, da die Millionen
sich aus Tausenden zusammensetzen, billigen that es
Keiner von allen Denen, welchen diese seine neuen
Maßnahmen ungelegen kamen, und die Anzahl der-
selben war nicht gering, sowohl unter den kleinen
wie unter den großen Firmen. Daß er mit
Kollmann persönlich nicht mehr auf dem alten Fuße
stehe, das zeigte sich selbst im täglichen Verkehr an
der Börse.
Seit Darner zuerst, von Kollmann eingeführt,
an der Börse erschienen war, hatte man sie an der-
selben immer viel zusammen gesehen, und meistens
hatten sie sich gleichzeitig entfernt, den Rückwweg, so
weit er ihnen gemeinsam war, selbander zurückgelegt,
so daß man sich an die Zusammengehörigkeit von
,Kollmann und Darner' gewöhnt hatte.
Jett, wo doch ein verwandtschaftliches Verhältniß
zwischen ihnen entstanden, war das nicht mehr der
Fall. Sie begrüßten sich kühl, tauschten, wenn sie
durch Dritte in ein Gespräch gebracht wurden, nur
die gleichgiltigsten Bemerkungen gegen einander aus,
und selbst mit Frank verkehrte Kollmann kaum,
obschon dieser doch sein Neffe geworden war.
Die Sache fiel auf, und die Börse ist feinfühlig
und leicht zum Mißtrauen erregt, weil ihre Mit-
glieder, durch unsichtbare Fäden mit einander ver-
bunden, von der Schwankung des Einzelnen in Mit-
leidenschaft gezogen werden. Kollmann hatte sich

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durch Darners große Unternehmungen und ebenso
große Erfolge auch weiter in seinen Geschäften aus-
gedehnt, als es sonst seine Art gewesen war, und der
Kredit von Darner war ihm dabei direkt und indirekt
zu Statten gekommen.
,Weshalb zieht Darner sich jetzt vom Platze so
zurück?? fragte der Eine und machte daneben die
Bemerkung, es sähe fast aus, als sei die Spitze dieses
Verfahrens gegen Kollmann gerichtet, als verweigere
Darner den kleineren, soliden Häusern die Kredite,
die für ihn eine Bagatelle wären, um es nicht zu
markiren, daß er sie Kollmann nicht in der Art wie
bisher gewähre; und wenn Darner das thäte, der
P?A -==- =-
Man wies das Gerede als eine Thorheit achsel-
zuckend von sich, aber es war doch ausgesprochen
und wurde nicht vergessen. Man fing an, sich um
die Kollmann'sche Kommandite zu erkundigen, der
John in Riga vorstand, brachte den Gedanken an
-die Möglichkeit auf, daß Kollmann durch seine
Schwiegersöhne in Lübeck und Kopenhagen vielleicht
stark in Anspruch genommen oder in Verlust gerathen
sein könne; und der Ruf eines Handelshauses ist
von der fremden Meinung abhängig wie der eines
Mädchens. An beiden darf kein Zweifel laut werden.
Wenn sie auch sicher ihres Weges gehen, er berührt
sie doch und schadet ihnen.
Das Haus Kollmann hatte seit drei Menschen-
altern so fest gestanden, daß Niemand den Chef des-
selben mit einer Frage anzugehen wagte, die den
Schatten eines geschäftlichen Mißtrauens verrathen
konnte. Ebensowenig war es zulässig, ihn neugierig
mit der Frage zu belästigen, ob er mit Darner per-
Lewald. Die amilie Darner. l.

-- B58-
sönlich etwas vorgehabt; aber er hatte eine Frau,
und es war nur in der Ordnung, wenn die Frauen
ihrer Bekanntschaft sich erkundigten, wie Madame
Kollmann die Hochzeitsfeierlichkeit überstanden habe,
wie es ihr ergehe, seit sie wieder allein in ihrem
Hause lebe, und ob denn nicht bald ihr Sohn oder
eine ihrer Töchter kommen würden, sie in der Ein-
samkeit ein wenig zu zerstreuen.
Natürlich war die sanfte, fromme Frau des
schwedischen Konsuls eine der ersten, welche ihre
Theilnahme bewog, sich bei Madame Kollmann ein-
zustellen. Hs war am Sonntag nach dem ersten
Kirchgange des jungen Ehepaares, in der Stunde,
in welcher Madame Kollmann fast immer die Be-
suche ihrer von der Predigt aus dem Dome heim-
kehrenden Freundinnen zu gewärtigen hatte, nament-
lich in der Zeit des Jahres, in welcher die Rücksicht
auf ihre Gesundheit sie von der Kirche fern hielt.
Behutsam, leise und freundlich, wie Alles an ihr
war, trat Madame Armfield bei der Freundin ein.
Ihr enger, grauer Hut, ihr grauer Schanzläufer, ihr
dunkler Sonnenschirm, die Abwesenheit jeden Zierats
an ihrer Kleidung zeigten sie wie immer als eine
Frau, die auf sich, auf Beachtung ihrer Person,
auf die weltlichen Dinge überhaupt kein Gewicht
mehr legte; und da sie Madame Kollmann bei
offenem Fenster in ihrem Zimmer fand, galten ihre
ersten Worte auch der Freude darüber, daß jene nun
gottlob doch bald wieder im Stande sein werde, die
Kirche zu besuchen und sich der Erhebung in der
Gemeinde anschließen zu können, die man ja so
schwer entbehre.
, Ich hatte immer gehofft,'' sagte sie, ,Sie heute
schon dort zu sehen, und kam, mich eben nach Ihnen
zu erkundigen, weil ich Sie noch vermißte; aber auch

==- IHß -
Justine - unsere neue Frau Darner - war nicht
dort. Sie ist doch nicht unwohl, die liebe Frau?
,Ich glaube nicht! entgegnete die Tante.
,Ich habe mich so gefreut,'' hob die Andere
wieder an, ,als ich das junge Paar am vorigen
Sonntage, nach dem etwas auffallenden ersten Em-
pfang in seinem Hause doch in der Kirche gesehen
habe. Es kommt ja alles, alles darauf an, daß eine
junge Frau es vom ersten Tage an in ihrer Seele
festhält, daß sie in ihrer Familie ein Missionar ist,
daß sie verantwortlich ist für das Seelenheil der
Ihren. Justine war ja gut gewöhnt, aber Darners
Unkirchlichkeit machte mich besorgt um sie, und ich
wußte es ihm Dank, daß er die jungen Leute nicht
etwa gehindert, den Segen des Höchsten für ihre
Verbindung zu erflehen.r
Die Tante hatte sie ruhig zu Ende sprechen lassen.
,Darner ist gegen die Kirche und gegen alle
religiösen Dinge so gleichgültig,' sagte sie darnach,
,,daß er in derlei Dingen Niemand hindert. Er
schickt ja seine Töchter mit der Göttling, vermuthlich
anstandshalber, stets nach dem Dom. Dafür aber,
daß Justine und Frank ihren Kirchgang gehalten,
haben Sie mehr den Russen, die sich in Strandwiek
- einquartiert, zu danken als Justinen und ihrem
Manne. Wäre es nach den Beiden gegangen, so
wären sie ja gleich nach der Trauung aufgebrochen
nach dem Gute, das keine Kirche hat. Indeß das
ist jetzt alles ihre Sache. Aber es ist auch mir lieb,
daß sie keinen Anstoß gegeben haben. Sie wissen,
wenn man ein Mädchen erst aus dem Hause und
- einem Manne übergeben, hat man nichts mehr zu
bestimmen.r
Sie wollte damit abbrechen, das paßte jedoc
der Andern nicht.
;-

=-- Iß0 -
,Freilich nicht,' meinte sie, ,aber nicht wahr,
es geht Justinen wohl, sie kommt vorwärts mit der
Einrichtung in ihrem Hause?
,Sicherlich, sie ist ja tüchtig, wenn sie will, und
an Mitteln wird es ihr der Mann nicht fehlen
lassen!rr
, Und wird es hübsch? fragte die Theilnehmende
weiter, den Kopf weit vorgebogen, den neugierigen
Blick nicht abwendend von der Befragten.
Vor dieser Beharrlichkeit hielt, wie die Wissens-
lustige es erhofft, die Nervenreizbarkeit ihres Opfers
nicht mehr Stich, und wider ihren Willen von ihrem
Verdrusse fortgerissen, sagte sie:
,,Das müssen Sie Justine selber fragen, ich habe
sie mit Augen nicht gesehen!'
,Sie haben sie nicht gesehen? Sie nicht??
,Nein, sie hat es für angemessen gefunden, un-
sere Schwelle nicht wieder zu betreten, seit sie unser
Haus verlassen, das ihr, weiß Gott, ein treues Vater-
haus gewesen ist!=
,,Nun,' rief Madame Armfield, ,dann brauchen
wir Anderen uns auch nicht zu wundern, daß sie
auch gegen uns die Unsichtbaren spielen, Justine und
ihr Mann. Aber daß sie nicht zu Ihnen kommt...?
Die Tante ließ sie nicht zu Ende sprechen.
,Es sind ja alles berechnete Komödien!r fuhr
sie fort, nachdem sie ihrem Zorn einmal das Wort
gegönnt. ,Sie wollen ihre Flitterwochen nach eng-
lischem Brauch, in Zurückgezogenheit genießen, so
lautete die große Phrase. So haben sie zu General
von Stromberg gesagt, der hingegangen ist, sie zu
besuchen, da er zu Justinens und Darners Gefolg-
schaft gehört, das heißt, so lange es Darner passen
wird, sich seiner zu bedienen, wie bei der Be-
schleunigung der Hochzeit. Denn die war, wie ich

b-- B --
überzeugt bin, nicht Folge von einem Einfall des
Generals, sondern Darners und Justinens Wille. ?
, Glauben Sie? fragte die Konsulin.
,Lehren Sie mich die Menschen kennen, liebe
Freundin! rief die Tante. ,Ich habe es meinem
Manne gleich gesagt, aber die Männer verlieren in
der Hast des Geschäftslebens den Blick für diese
Dinge; und wir haben es überhaupt noch immer zu
bereuen gehabt, wenn mein Mann auf meine ersten
Eindrücke nichts gegeben hat. Jetzt sieht er es ein,
und die Andern auch. Man hätte Darner gar nicht
sollen so weit emporkommen lassen.?
,,Emporkommen? wiederholte die Andere, die
sehr wohl berechnete, daß ein leiser Widerspruch ihr
vorwärts helfen würde. ,Reich und so zu sagen
eine finanzielle Macht war Darner doch schon, als er
hierher kam, namentlich für die hiesigen Verhältnisse.?
,Wer widerstreitet denn das, oder wer beneidet
ihn darum? Wir sind hier finanziell nicht seines-
gleichen, und er ist nach seinem Herkommen und
seiner Vergangenheit nicht unseresgleichen. Daran
aber will er natürlich nicht erinnert sein, während
er-uns seine Geldmacht nie verbirgt und uns, wenn's
ihm eben einfällt, obenein noch zwingen möchte, auch
seine Vergangenheit wie seinen Reichthum zu be-
wundern !'r
Sie band die breiten weißen Atlasbänder ihrer
Haube auf, denn sie hatte sich warm gesprochen;
und Madame Armfield wußte nun, was sie wissen
wollte. Sie konnte ihre ganze versöhnliche Milde be-
weisen.
, Gott,'' sagte sie, ,wer ist denn frei von solchen
menschlichen Schwächen, und wo kommen kleine Rei-
bungen unter Verwandten nicht gelegentlich zum Vor-
schein? Indeß das gleicht sich ja aus, das gleicht

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sich ja bald wieder aus! Und da obenein die gute
Göttling zwischen Ihnen steht, so ist ja daran gar -
nicht zu zweifeln, denn die Göttling wird ja doch im
Hause bleiben.r
Madame Kollmann meinte, darüber habe sie
nichts gehört, doch sei es wahrscheinlich, da Vater
und Sohn getrennte Haushaltungen machen, nur die
Feste gemeinsam veranstalten wollten, und die Göttling
sei eine ganz auf Unterordnung angelegte Natur.
Indeß die völlig bedingungslose, blinde Bewunderung
für Darner scheine sie jetzt doch nicht mehr zu hegen.
Sollte sie übrigens im Darner'schen Hause entbehrlich
werden, so würde sie sich vielleicht entschließen, wenn
ihre Gesundheit sich nicht bessere, die treue, verläß-
liche Frau, zu ihrer Hilfe in ihr Haus zu nehmen.
,Also denkt Madame Göttling doch daran, von
Darner fortzugehen?? fragte Madame Armfield, noch
einmal festen Fuß fassend, nachdem sie sich bereits
erhoben hatte.
,,Ich weiß nichts davon, ich spreche nur für den
Fall, daß sie es einmal wollte.?
,,So, so!rr rief Madame Armfield, ,ich wunderte
mich auch darüber!r Und die Schnüre ihres schwarzen
Sammetpompadours fest zusammenziehend, als sollte
keines der vernommenen vielsagenden Worte ihr dar-
aus verloren gehen, sprach sie: ,Nun, dann grüßen
Sie Ihre Nichte, die ja doch bald kommen muß, und
sagen Sie ihr, ihre Freunde warteten darauf, sie in
ihrer neuen Frauenwürde bei sich zu empfangen. Ich
und die Meinen obenan.r
Es gab darnach noch ein Begrüßen, Abschied-
nehmen, Geleiten, dann eilte Madame Armfield
frohen und erleichterten Herzens die Treppe hinunter;
denn nun wußte sie es!
Nun konnte sie den Leuten doch sagen, woran

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-=- A8Z -
man war. Es war zu einem Zerwürfniß gekommen
zwischen Darner und Kollmann, sie waren ausein-
ander. Man hatte recht mit der Behauptung, daß
Darner Kollmann in Verlegenheit zu bringen wünsche
und daß er sich deshalb rücksichtslos auch gegen
Andere zeigte. Das war unverzeihlich, und zu wem
man sich in diesem Falle zu halten hatte, darüber
konnte Niemand Zweifel hegen.
Es brannte ihr auf der Seele, die Meinung für
den hochverehrten alten Freund unter den Ihren
festgestellt zu wissen. Der Weg bis zu ihrem Hause
kam ihr heute mit einem Male lang vor, und sie
athmete auf, als sie auf der Straße eine Freundin
traf, der sie mit gewissenhafter Werkthätigkeit berichten
konnte, was sie erfahren.
Freilich verschwieg sie mit feiner Schonung, was
den eigentlichen Anlaß zu dem Zerwürfniß gegeben
habe, da sie es nicht wußte; aber sie stellte es mit
Bestimmtheit und als eine Ehrensache fest, daß man
zu Kollmanns, zu den alten, verehrten Freunden
halten müsse, daß man Frank und Justine nicht
empfangen dürfe, ehe, sie nicht dem Onkel und der
Tante ihren Respekt bewiesen hätten, denn Justinens
Betragen sei unverantwortlich.
Die Freundin, welche diese unerwartete Mit-
theilung erhalten, fand sie geradezu unglaublich, stimmte
aber darin ein, das Verhalten der jungen Eheleute
unverantwortlich zu finden, wenn es sich als wahr
bestätigen sollte, woran freilich leider nicht zu zweifeln
sei, da Madame Armfield es von Madame Kollmann
selbst vernommen hatte. Daß man zu Kollmanns
halten müsse, da Lorenz Darner sich sogar geschäft-
lich in seinen großmächtigen Launen absichtlich gehen
ließ, das war selbstverständlich. Sie war nur be-
gierig zu hören, was ihr Mann zu der Geschichte

= Zßg -
sagen würde, und sie wollte doch im Vorübergehen
bei Justinens Brautjungfer vorsprechen, sich zu er-
kundigen, ob sie auch bei dieser noch nicht gewesen sei.
,,Thun Sie das, thun Sie das!r rieth Madame
Armfield. ,Man muß mit der Sache doch ins Klare
kommen und einmüthig handeln. Gewisse Dinge muß
die Gesellschaft als solche annehmen oder ablehnen.
Aber es sind schlimme Zeiten! Der Krieg im Lande,
und nun durch diese Darners noch Unfriede in un-
serem Kreise, der doch immer ein Muster von Ein-
tracht und Wohlanständigkeit gewesen ist. Ich bin
die Letzte, Jemand Nebles nachzusagen oder gar zu
wünschen; aber Darners Freigeisterei war mir immer
bedenklich, und ob er über seine Familienverhältnisse
die Wahrheit zu sagen vermag? Lieber Gott, einem
Menschen von niederer Herkunft, also auch ohne die
rechte Führung, hat man ja viel nachzusehen - aber
er muß dann nicht denen gegenüber den Herrn und
Meister spielen wollen, denen Gott in seiner Gnade
geebnetere Wege auf graden Bahnen vorgezeichnet hat.
Sie seufzte, setzte dann aber weichherzig hinzu,
Justine und Frank und die beiden Mädchen thäten
ihr übrigens leid, und um gerecht zu sein, müsse
man sagen, da Kollmann in die Verbindung mit den
Darners gewilligt, so sei auch er nicht schuldlos an
der Sache.
,Freilich nicht!r erhielt sie zur Antwort.
Es hatte nun Jeder sein Urtheil und seinen Tadel
weg, und die beiden Damen wanderten fort, nach
rechts und nach links, als willige Boten für die
Verbreitung einer Nachricht, die in ihrem Kreise ihre
Wichtigkeit behauptete, trotz der Gewalt der kriegerischen
Ereignisse, welche mit jedem Tage drohender sich nahten.