Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 28

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Achtundzwanzigstes Kapites
Es sah arg aus im Lande, Freund und Feind,
Russen und Franzosen, und die deutschen Hülfstruppen
der Rheinbundfürsten durchzogen im schnellen Wechsel
die unglückliche Provinz. Was die Einen im Flach-
lande noch etwa übrig gelassen, das nahmen die
Anderen; und wenn in der Hauptstadt auch gute
Mannszucht von dem russischen Oberbefehlshaber ge-
halten worden, so waren in den kleinen Orten
Plünderung und jede Art von Rohheit an der Tages-
ordnung und nicht einmal die Möglichkeit einer Be-
schwerde vorhanden.
Aber trotz dieses Elends ging die Natur ihren
ruhigen Weg. Der Frühling, dessen Lust man
vielleicht im Norden noch lebhafter empfindet als
anderwärts, wo man der Sonne und der Wärme
nicht so lange zu entbehren gehabt hat, der Frühling
zog immer herrlicher herauf. Freilich hatte man die
Wälder ausgehauen, Obstbäume zerstört, Felder ver-
wüstet, und es gebrach vielfach selbst an dem Saat-
korn, sie neu zu bestellen, aber es grünte und blühte
doch wieder, und die gedrückte Menschenseele richtete
sich an der bleibenden Kraft in der Natur unwill-
kürlich im Selbsterhaltungstrieb zum Genießen des
Augenblicks, zum Hoffen, wenn auch für eine noch
ferne Zukunft, empor.
Wie schwer die Kaufmannschaft auch von Sorgen
gedrückt war, wie sehr auch Darner trotz seiner Um-
sicht von der Gefahr der Zuustände und der Unsicher-
heit aller Berechnungen bedroht war, blieb seine
äußere Ruhe sich gleich. Auch er hatte seinem Haus-
halte und dem seines Sohnes in dem enger ge-
wordenen Hause manche nothwendig gewordenen

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Beschränkungen auferlegt, aber die Heiterkeit in dem-
selben war sich gleich geblieben, und Justine und
Frank genossen in vollen Zügen ihres neuen Glücks.
Man sah Justine täglich, bald mit Frank spa-
zieren gehend, bald mit den Schwägerinnen und dem
Vater fahrend, und wo immer man sie erblickte, sah
man ihre Zufriedenheit in jeder ihrer Mienen. Wer
von ihren Bekannten und Freundinnen ihr begegnete,
konnte es von ihrem, wie von ihres Mannes Mund
vernehmen, wie wohl es ihnen in dem eigenen Haus-
halt sei und wie man erfreut sein werde, die Freunde
bei sich begrüßen zu können, sobald man mit der
Einrichtung des Hauses ganz in Ordnung sein
werde.
Aber ehe man darauf rechnen konnte, Besuche
zu empfangen, mußte man sie erst gemacht haben,
und weder Frank noch Justine hatten es in den
ersten Wochen eilig damit gehabt. Sie hatten sich
im Herzen auf den stillen, mehrwöchentlichen Land-
aufenthalt gefaßt gemacht. Nun ihnen dieser nicht
vergönnt worden, hatten sie gemeint, in der Stadt
ebenso sich selber leben zu dürfen. Das Erstere
hätte man gelten lassen, das Letztere ihnen zu ver-
argen und als Hochmuth auszulegen, nahm man sich
die Zeit, als habe man sonst nichts Anderes zu denken
und zu thun.
Und doch war seit jener Stunde, in welcher
Darner die Botschaft erhalten, wie die Russen in
Strandwiek hausten, kein Tag vergangen, der nicht
Kunde von Truppenbewegungen gebracht, welche an
dem Bevorstehen einer neuen großen Entscheidung
keinen Zweifel übrig ließen. Aber wo würde sie
stattfinden? Was hatte sie zu bringen?
Frank war in den Geschäften des Hauses, mitten
aus seinen Flitterwochen, nach Memel, dann wieder

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einmal über die Grenze hinaus, zu einer Besprechung
mit russischen Geschäftsfreunden nach Wilna gesendet
worden. Heimgekehrt, hatte er zu vernehmen, wie
der Vater für die Frauen des Hauses vorgesorgt,
wie er selber sie ins Freie geführt, da es in der
Nähe der Hauptstadt noch mit Sicherheit geschehen
konnte.
Er war froh, wieder bei seiner Frau zu sein,
hatte kein Verlangen nach Verkehr mit Dritten, und
da fast täglich etwas geschehen mußte, was man
nicht im Voraus beabsichtigt, und Vieles zu unter-
bleiben hatte, was man zu thun sich vorgenommen,
so ward er in seinem Glück und bei seiner auf-
regenden, anstrengenden Geschäftsthätigkeit nicht ge-
wahr, daß Justine die Erfüllung ihrer geselligen
Verpflichtungen hinausschob, wenn er sich zufällig
einmal daran erinnerte, daß man am Ende die
üblichen Ehestandsbesuche in den befreundeten Familien
doch zu machen haben werde.
Justine handelte dabei nicht absichtslos, wenn-
gleich sie Scheu trug, dies ihrem Manne zu ge-
stehen. Sie war ihm und den Seinen von ganzem
Herzen zu eigen; aber das Familiengefühl, in welchem
sie erwachsen, und die ihr anerzogene Abhängigkeit
von der Meinung jener kleinen Anzahl von Personen,
die man in eng abgeschlossepen Kreisen, die Leute
und alle Welt zu nennen gewohnt ist, sträuben sich
dagegen, es eben vor den Leuten und vor aller Welt
unwiderleglich darzuthun, daß es zwischen ihr und
ihren einzigen Verwandten, zwischen den Darners
und Kollmanns, zu einem vollständigen Bruch ge-
kommen war.
Defter, als sie es sich eingestehen mochte, dachte
sie an den Onkel und die Tante. Sie hätte es
ihnen gerne bewiesen, wie recht sie mit ihrer Liebe

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und ihrer Wahl gehabt, wie glücklich sie mit ihrem
Manne in seines Vaters, in dem alten Willberg'schen
Hause geworden sei und welche Zufriedenheit in dem-
selben herrschte, seit es von der doppelten Familie i
bewohnt werde.
Da sie festen Sinnes war, hatte sie sich vor-
genommen, dies rückblickende Erinnern weder vor
ihrem Manne, noch vor ihrem Schwiegervater laut
werden zu lassen, aber man reißt sich doch nicht leicht
von seiner Vergangenheit los, weil sie ein Theil von
uns selber ist; und wie man, nach der Sage, das
abgenommene Glied an seinem Körper bei gegebenem
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oder unwillkürlich, sie immer auf das Neue auf den
Onkel und die Tante zurückführte, wenn Justine es
erkennen mußte, daß diese Führerin ihrer Kindheit
unter dem Verbote litt, welches Darners Bruch mit
Kollmann auch über sie verhängt hatte.
Es quälte Justine, wenn die Bekannten, mit
denen sie und Frank zusammentrafen, sich bei ihr
so dringlich nach dem Ergehen ihrer Tante er-
kundigten, denn sie konnte nicht daran zweifeln, daß
keine der Fragenden sich über die obwaltenden Ver-
hältnisse im Unklaren befand. Sie vermied es, den
Garten der Kaufmannsressource zu besuchen, zu deren
Vorstand ihr Onkel gehörte und in welchem er mit
der Tante häufig den Abend zuzubringen pflegte.
Sie unterließ, seit es warm geworden, allmälig
auch den regelmäßigen Besuch der Kirche, um dort
der Tante nicht zu begegnen; und dem achtsamen
Auge ihres Mannes konnte das nicht entgehen. Aber
er hatte sie in seiner Zärtlichkeit zu dem Einen und
dem Anderen nicht zwingen, er hatte ihr keinen un-
angenehmen Eindruck machen und ihr Zeit lassen

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wollen, in sich selber mit sich fertig zu werden.
Indeß die Tage waren hingegangen, der Zustand
war sich gleich geblieben, und Frank begann, sich sein
schweigendes Zusehen und Nachgeben als eine Schwäche
vorzuwerfen, mit der er bei dem nächsten Anlaß ein
Ende machen mußte.,
So war man bis gegen die Hälfte des Juni
gekommen, als an einem Spätnachmittag, da die
Sonne sich gegen Westen zu neigen anfing, Dolores
leichten Fußes den langen Gang durchmaß, welcher
die beiden Häuser trennte und verband, um im
Auftrag des Vaters die Schwägerin zu einem Ausflug
einzuladen. Sie fand Justine allein im Zimmer.
,Ich soll Dich fragen, ob Du eine Wasserfahrt
mit uns machen willst? Frank wird spät fertig
werden, denn es ist heut russische Post, und der
Vater sagt, ob man morgen werde heraus können,
sei nicht zu wissen. Man hat vor den Thoren und
im Hafen seit Mittag etwas vor. Es heißt, die
Franzosen rücken an. Deshalb soll' unser ,Nordstern:
noch den Wind benützen und hinaus. Wir fahren
auf ihr bis Holstein mit, dorthin schickt der Vater
den Wagen, uns zu erwarten und nach Hause zu
bringen. Frank soll zu Pferde nachkommen, wenn
er kann. Wir bleiben draußen und kommen im
Mondschein zurück. ?
Solche Lustfahrten waren nichts Seltenes in
Darners Hause, und Justine liebte sie. Diesmal
jedoch lehnte sie es ab, Theil daran zu nehmen.
,Ich habe gleich gesagt,'' meinte Dolores,, Justine
wird nicht kommen !'?
,Woher hast Du, holde Weisheit, das gewußt??
scherzte diese.
,Weil Posttag ist!r sagte Dolores eifrig. ,Das
versteht sich wohl von selbst, denn wie kann dann

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ein Mensch unnöthig, und nun gar zum Vergnügen,
von einem Andern fortgehen, den man so liebt wie
Ihr einander? Siehst Du, rief sie plötzlich aus,
,,wenn ich oben bei uns am Fenster sitze, und die
Abendsonne scheint über dem Wasser in unsere Stube
hinein, daß man die Wärme bis ins Herz empfindet,
und abends, wenn die Sterne zu uns hernieder-
funkeln, so freundlich und still, dann denke ich immer-
fort an Dich!r
,An mich? Weshalb denn an mich?? fragte
Justine. ,Ich bin doch nicht der rechte Gegenstand
für eines Mädchens Herzensschwärmerei! Es wird
wohl ein anderer, lieberer Schatten in Deinem Geiste
neben oder hinter mir erscheinen.?
,MNein, nein, wahrhaftig nicht! versicherte
Dolores. ,Ich mache mir aus all den jungen Leuten
nichts! Und die Liebespaare in den Romanen haben
mich eigentlich nie gerührt. Nicht Paul und Virginie,
nicht Us Bells Lersilis, und der Grandisson und s
uE Aeaar A
thaten Alle so fein und sprachen so viel. Aber seit
ich gesehen habe, daß Frank wie im Sonnenschein
aufleuchtet, wenn Deine Augen auf ihm ruhen, und
wie Du den Blick nicht von ihm lassen kannst, wenn
er zu Dir hinübersieht, so klar und treu wie die ,
Sterne, seitdem . . .?
Sie brach ab, wurde roth und schwieg.
,Was dann seitdem? fragte Justine, betroffen
von des schönen Mädchens Worten.
Dolores fiel ihr um den Hals, küßte sie und
sprach, sich wieder losreißend von ihr:
,Ich weiß ja, es schickt sich nicht, und ich be-
schwöre Dich, sag' es Niemand, aber Niemand; ich
habe sie ja so lieb, den Vater und Virginie und


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Deinen Frank, aber ich glaube, wenn einmal die
Liebe über mich kommt wie über Dich und ihn -=
nicht mit Gewalt brächte man mich fort, nicht für
eine Stunde wiche ich von Frankl'?
Sie lachte laut auf, als sie im Neberwallen
ihrer Liebessehnsucht des Bruders Namen aus-
gesprochen, küßte die glückliche Schwägerin noch einmal
und eilte davon, den Vater auf den Bescheid nicht
warten zu lassen.
Justine sah ihr wie einem vorüberziehenden
Meteor nach. War das Dolores, die sanfte, träume-
rische, demüthige Dolores, die Turteltaube, wie
man sie in der Familie nannte, das Mädchen,
das keinen Wunsch zu hegen schien, der über die
Stunde, den Augenblick hinausging, das so voll
befriedigt schien in der Schwester und des Vaters
Liebe, dem der Blick des Vaters Befehl und Leit-
stern war? Sie konnte kaum glauben, was sie eben
jetzt entdeckt.
,,Und wir bilden uns ein, die Menschen zu kennen,
mit denen wir leben! sagte sie endlich, während in
ihr selber eine ihr ganz neue Empfindung für Dolores
erwachte.
Es war eine überlegene Zärtlichkeit, eine liebe-
volle Sorge, die ihr wohl thaten, weit lebhafter als
der Antheil, den sie bisher an ihren Schwägerinnen
genommen, viel tiefer als die Freundschaft, die sie je
für die Genossen ihrer Jugend gehegt.
,,So muß die Schwesterliebe - nein, so muß
die Mutterliebe sein!'n rief sie aus, erzitternd und
erröthend vor dem eigenen, laut gesprochenen Worte;
und die Zuversicht, daß ihr diese Mutterliebe zu Theil
werden, daß sie mit solch beglückender zärtlicher
Sorge ihre und Franks Kinder zu umschließen haben
werde, zog ihr Herz mit solcher Gewalt zu ihrem

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Manne, daß sie sich schwer enthalten, zu ihm
hinunter zu gehen in sein Arbeitszimmer, um ihn
zu umarmen, um ihm wieder einmal zu sagen, wie sehr
sie ihn liebe und wie glücklich sie mit ihm sei.
Aber wie Dolores vorher über sich gelacht, so
lachte Justine jett bei der Vorstellung, daß sie durch
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das Komptoir, durch die Reihe der Pulte, an den
arbeitenden Männern vorübergehen würde, um dem ,
Eifrigsten von Allen, wie Darner selbst ihn nannte,
um ihrem Frank ihre eheliche Liebeserklärung zu
machen, und heiteren Herzens setzte sie sich an das
Fenster, in dessen Brüstung der kleine Nähtisch ihrer
Mutter stand, sich die Zeit des Wartens arbeitend
zu verkürzen, und die Sehnsucht nach ihrem Manne
zu beschwichtigen, die ihr doch so süß war.
Der schlichte Nähtisch hatte sie begleitet in des
Onkels Haus, und sie hatte ihn von dort wieder
mit sich genommen und an seinen alten, rechten Platz
gestellt, als sie wieder in ihr Stammhaus zurück
gekehrt.
So wie in dieser Stunde hatte sie an dem Fenster
und vor dem Tisch in ihrer Kindheit und in ihrer
frühesten Jugend oftmals dagesessen, wenn sie an
den warmen Sommertagen mit ihrer guten Franziska
von dem täglichen Spaziergang nach Hause gekommen
war. Und wie Dolores von einer großen Liebe, so
hatte sie geträumt von einer Welt und von einem
Leben und von Menschen, die anders waren, als
ihre Umgebung sie ihr dargeboten. Und es war ihr
mehr geworden, als sie damals zu wünschen verstanden,
da das erste Verlangen ihres Herzens und ihrer
Phantasie sich in ihr geregt.
Ohne es zu wissen, hatte sie die Arbeit fort-
gelegt und die Hände gefaltet. Sie war dankbar
gegen ihr Geschick und zufrieden mit sich selbst. Wie

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in den Fensterscheiben der gegenüberstehenden Häuser
Funken aufzuckten unter dem Widerschein des Abend-
rothes, so leuchteten aus den fünf Monaten dieses
Jahres die Einzelheiten alles dessen, was sie seit
ihrem ersten Begegnen mit Frank erlebt, in wechseln
dem Vorüberziehen in ihrer Seele auf, und wie sie
dann endlich nach langem Warten seinen Schritt
vernahm, wie er, die Thüre öffnend, in das Zimmer
trat, eilte sie ihm mit dem Ausruf entgegen:
,Da bist Du ja endlich, mein Frank!r
,Ich habe Dich wieder lange warten lassen,
gab er ihr zurück, während er sie umarmte, ,aber
ich konnte nicht fort, und auch jezt noch muß ich auf
den Bescheid warten, ob man die Post abgehen läßt,
ob die Briefe fortkommen. Es wäre schlimm, wenn
sie liegen bleiben müßten. Die Zeit wird Dir wohl
lang geworden sein, mein Herz!
,Wie Du's nehmen willst! Ich habe mich sehr
nach Dir gesehnt und immerfort an Dich gedacht,
und dabei immer auch gedacht, wie gut es war, daß
ich auf meinem Kopf bestanden,? setzte sie scherzend
hinzu, ,daß ich nicht nachgegeben habe, daß ich hier
bei Dir und nicht in Riga bin, daß ich auf Dich
und nicht auf den guten John zu warten habe!r
,Gewiß ist das gut, und wer hat das mehr zu
segnen als ich!r sagte Frank. Dann hielt er plötz-
lich inne und meinte, den Kopf leise wiegend, ihr
fest ins Auge blickend: ,Ja, Justine Willberg hatte
ein festes, muthiges Herz!r
,Justine Willberg? sprach sie ihm nach, weil
der Ton seiner Worte ihr auffiel. ,Warum nennst
Du mich Justine Willberg??
,Weil Du mich an Justine Willberg mahnst
und an ihr festes Herz. Dies feste Herz, mein Schat,
muß ich leider jetzt an Dir vermissen; denn daß Du
Lewald. Die Familie Darner. I.

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die Seine zu nennen, Dich seinen Namen tragen zu s
an der Seite des Mannes, der stolz darauf ist, Dich
sehen, nicht mehr den klaren Willen und Muth hast,
den Du, allein auf Dich gestellt, Deiner Familie
gegenüber bewiesen, darüber, Justine, bringt meine z
und Deine Liebe mich nicht fort!?
Justine traute ihren Ohren nicht.
,Frank,? rief sie, ,Du hattest etwas auf dem
Herzen gegen mich und konntest es mir verschweigen,
während ich in Deinen Armen, an Deinem Herzen
ruhte!rr
Er beachtete ihre Klage nicht.
,,Es giebt ein etwas in des Mannes Seele,?
fiel er ihr ein, ,das so stark und so tief ist als die
stärkste Liebe. Es ist der Stolz des Mannes auf
das Vertrauen seines Weibes, durch das es ganz
und rückhaltlos nur ihm allein zu eigen wird l?
,Hab' ich das denn getäuscht? stieß Justine
hervor. ,Hab' ich .. .?
,Ja,? siel er ihr ein, ,denn Du strebst, es mir
zu verbergen, wie Du befangen bist von dem Urtheil.
gleichgiltiger Menschen. Glaubst Du, ich sehe und
empfinde das nicht? Ich habe Dich gewähren lassen.
Du solltest es selber einsehen! Aber glaubst Du,
es kränke mich nicht, daß Deine Vergangenheit nicht
untergegangen ist in unserem Gllck? Daß Du mein
bist, daß Du mein Glück machst, daß all mein
Streben nur auf Dich und das Glück unserer Zu-
nnrSarae rE
gewinnen, das genügt Dir nicht .. .?
,Frank,' rief sie noch einmal, ,höre mich, ich
schwöre Dir . -
,Es bedarf dessen nicht, ich weiß, was Du mir
sagen willst und kannst, und ich glaube an Deine

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Liebe. Du hast sie mir bewährt in der Stunde, in
welcher Du freiwillig und allein in unser Haus
gekommen, gegen alle sogenannte Sitte. Du hast
sie mir bewährt, als Du von meines Vaters Munde
seine und unsere Lebensgeschichte vernommen, als
Dein Onkel sich erhoben, um sich zu entfernen, sich
und Dich vor der Verbindung mit uns zu bewahren.
Damals konntest Du freien Willens, wie Du ge-
kommen warst, selbst zu vernehmen, was uns ver-
binden oder trennen mußte, damals konntest Du
ebenso freien Willens gehen. Ich hätte mich nicht
beklagen dürfen, hättest Du gesagt: ,u bist nicht
meinesgleichen, ich will nicht eintreten in die Familie
eines Mannes, der sich mit einem Todschlag aus der
Hörigkeit und von seinem und Deiner Mutter Peiniger
befreit.? Aber .. .
Justine war auf das Aeußerste erschreckt. Sie
wollte ihn unterbrechen, er litt es nicht.
,Laß mich zu Ende kommen!' bat er. ,Nicht
ein Mal, zehn Mal hast Du mir gesagt, wie Dir ein
neues Leben aufgegangen, seit Du meinen Vater
kennen lerntest; wie Du Dich schon lange heraus- ,
gesehnt aus der Enge, in welcher Eure hiesige Kauf- !
rree.
unter unserem Dache, unter meinem Schutze, jetzt - - -
machst Du Dich zur Hörigen der Leute, auf die
Du herabgesehen, als Du noch abhängig von ihnen
HF, = n =- os-u e o e
,Frank,r klagte sie in Thränen, ,Frank, Du
bist hart mit mir und thust mir bitter wehe!'r
,Nein, ich bin nicht hart, nur wahr muß ich
sein! Denn die Wahrheit ist der einzige, sichere
Wegweiser auf dem Weg der Liebe und der Ehe,
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das empfinde ich. Glaubst Du, es habe mir nicht
weh gethan, daß Du es vermeidest, Deinem Onkel'
und Deiner Tante zu begegnen, als hättest Du, als
hätte meine Frau, ein Unrecht begangen gegen sie?
Als hätte meine Frau, die den Ring meiner armen
Mutter, die Liebesgabe meines Vaters als Andenken
zu tragen hat, die tödtliche Beleidigung nicht mit uns
empfunden, die Herr Konrad Kollmann sich berechtigt ;
geglaubt, Lorenz Darner und mir in das Gesicht zu
schleudern? Glaubst Du, das Blut steige mir nicht
zu Kdpf, wenn Du vor den heuchlerischen Weibern
und Mädchen, die Dich aushorchen, die probiren
wollen, was Du Dir bieten läßt, was ich Dir von
ihnen an meiner Seite bieten lasse, heuchlerisch wie
sie, die Augen niederschlägst?
,Frank, Frank, was soll ich thun? slehte sie
und warf sich an seine Brust, denn schöner war er
ihr nie erschienen als jetzt in seinem Zorn; mehr
hatte sie ihn nie geliebt als nun, da er sie fühlen
machte, daß er ihr Herr, daß sie sein eigen sei, daß
er sie und sich als ein untrennbares Eins empfinde.
Er schloß sie fest an sich, küßte sie und ließ sie
sich beruhigen an seiner Brust.
,Weine nicht,? sagte er, ,es ist nichts gethan
mit Thränen. Komm, weine nicht, komm, setze Dich
zu mir guf meine Kniee, mein Kind! Denn wie
ein Kind hast Du Dich betragen, das sich vor Strafe
und vor Schatten fürchtet, kommlr
,Wie bist Du Deinem Vater gleich!r rief sie
und schlang ihre Arme um seinen Nacken.
,,Wohl mir, wenn dem so ist und Du es findest,
denn dann wirst Du mir gehorchen!r
,,Sage, was soll ich thun?? widerholte sie.
,Nichts, als schön sein wie immer, mich lieben
und der Wahrheit die Ehre geben!r sprach er, und -

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die finstere Falte zwischen seinen Brauen hatte sich
geglättet, und seine Stirne und Augen hatten wieder
ihre schöne Heiterkeit gewonnen. ,Ist es denn nicht
ein schwer Stück Arbeit, sich lügend vor sich selhst
zu schämen? fragte er zärtlich. ,Hast Du nie
daran gedacht, wie Deine werthen Freunde und Be-
kannten ihres Triumphes genießen, wie sie es Deiner
Tante melden gehen, wenn Du an meinem Arme
mich verleugnest? Meinst Du, sie glauben an Dein
Glück, wenn Du Dich scheust, den Preis zu nennen,
mit dem Du es bezahlst, wenn Du ihnen die Mög-
lichkeit läßt, zu glauben, Du sehntest Dich nach dem
Onkel und der Tante, und vielleicht sogar nach John?
Soll ich selbst das etwa glauben?
Justine gab ihm einen leichten Schlag.
,,So gescholten würde John mich niemals haben!r
sagte sie mit scherzendem Schmollen. ,Aber ich sehe,
die Russen haben recht, wenn sie behaupten, die Frau
glaube nicht an ihres Mannes Liebe, bis er sie ge-
schlagen habe!r
,Geliebtes Weib, hab' ich Dich denn geschlagen??
,Ja, mit der Wahrheit Deiner Worte, aber da-
für sollst Du auch über Justine Darner nicht mehr
zu klagen haben, Frank! Darauf kannst Du Dich
verlassen, und nun sei wieder gut!'
Von seinem Arm umschlungen, waren sie an
das geöffnete Fenster getreten. Die vier alten Linden
vor dem Wolme strömten den süßen Duft ihrer
Blüthen in das große, schöne Zimmer, die leise fühl-
bar werdende Frische lockte in das Freie. Von dem
Thurme des grünen Thores, das den Kneiphof an
der Langgasse gegen den Pregel und die Vorstadt
abschließt, schlug es neun; aber es war noch heller
Tag, denn die Sonne steht zu der Zeit des Jahres
- ? lang am Himmel in jenen Breiten.
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Der Wagen fuhr vor.
,, Man müßte fort, wenn man des Abends noch
genießen wollte,'' sagte Frank.
, Laß uns nach der Ressource fahren! schlug
Justine vor.
, Bravo, Madame Darner, Du beginnst den
Feldzug!' lachte Frank; denn Kollmann hatte die
Gewohnheit, im Sommer an den Posttagen, nach
dem Schlusse des Komptoirs, das Abendessen mit
seiner Frau dort einzunehmen, wo man gewiß war,
im Freien wie im Speisesaal vielen Bekannten zu
begegnen. ,Aber wir müssen noch warten !'
Justine fragte worauf.
,Auf den Boten, der die Briefe zur Post ge-
tragen hat. Ich muß wissen, ob die Post noch ab-
geht und durchzukommen glaubt. Man zweifelte
daran,'' wiederholte er.
Er hatte die Worte noch nicht vollendet, als
man ihm die Meldung brachte, die Briefe wären
angenommen, die Post werde befördert.
, So können wir fort!'' sprach Frank.,DDarauf
mache Dich übrigens gefaßt, mein Schatz, Deine
guten Freunde, die Leute, werden sich zu Kollmanns
halten, wenn Du erklärst, daß es aus ist zwischen
uns und ihnen. Aber ich denke, Du wirst sie ent-
behren können, denn ich bilde mir ein, wenn ich sie
nicht anders hätte gewinnen können, würde Justine
Willberg mit mir entflohen sein aus ihrer Vater-
stadt, fort von Onkel und Tante und von allen
Leuten!'
,, Wie Deine Mutter mit dem Vater, und auf
eine wüste Insel!'' rief sie und hing sich an ihn.
,Nun denn, Huut und Shawl und zunächst nach
der Ressource; denn hinaus vors Thor, den Anderen
entgegen, wird es schon zu spät sein l?