Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 02

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Gegen Frau Kollmann hatte er einmal von einem
Sohne gesprochen, den er in England habe, von
Töchtern, die er in der Schweiz erziehen lasse. Aber
auch über diese Kinder erfuhr man nichts Bestimmtes;
und da er seiner Frau niemals gedachte, so hatte
sich schließlich, man konnte nicht sagen wie, der
Glaube in der Gesellschaft herausgestellt, daß Darner
von deutschen Eltern, vermuthlich von kleinen Leuten,
wahrscheinlich von Hanseaten, abstamme und daß er
ein selbstgemachter Mann und Wittwer sein müsse.
Damit gab man sich vorläufig zufrieden und ließ
auch ihn in Ruhe.
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Bweites Kapitel
Während dessen ging Darner im Laufe des
Herbstes und Winters vorsichtig und gelassen seinen
Weg. Er war zweimal an der Grenze, war über
diese hinaus, in Riga, Petersburg, Moskau und in
Warschau gewesen, war wieder zurückgekommen und
hatte darnach gegen Kollmann erklärt, daß er in
Königsberg zu bleiben gedenke.
Um das Frühjahr hin ward es bekannt, daß
er seine Niederlassung betreibe und das Bürgerrecht
wie die Aufnahme in die Kaufmannschaft nachsuche.
Kollmann, der großes Wohlgefallen an Darner hatte
und Zutrauen zu ihm hegte, weil er selber ein be-
deutender und im Großen arbeitender Mann war,
freute sich des und war ihm dabei behilflich. Weit
entfernt, wie die kleineren Firmen die Konkurrenz
eines solchen Großhändlers zu scheuen, war er der
Meinung, daß das Etablissement großer Häuser,
daß selbst die Anwesenheit von bedeutenden Kom-

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manditen solcher Häuser dem Platze eine Förderung
seien; und da man für die Zuvorkommenheit eines
Mannes gegen den andern immer nach einem Grunde
verlangt, sagte man bald, Kollmann sei durch Darner
in engeren Verkehr mit jenen Weltfirmen getreten
und biete ihm deshalb die Hand, was Kollmann ab-
zulehnen keinen Anlaß hatte, da es seinem ohnehin
großen Kredite nuur zu statten kommen konnte.
Kurz vor der Eröffnung der Schifffahrt hörte
man, daß Darner den ,großen Christöph'', den größten
am Pregel gelegenen Speicher der Stadt, zu einem
sehr hohen Preise erstanden habe, wäihrend er noch
um drei andere Speicher in Unterhandlung stehe,
die er zu miethen beabsichtige; und damit war es
auch noch nicht genug. Denn wenige Tage nach Ostern
erzählte an der Börse Kollmann einem seiner näheren
Bekannten, daß er am verwichenen Abende das Haus
seines verstorbenen Schwagers, das alte Willberg'sche
Stammhaus, mit der ganzen Einrichtung an Lorenz
Darner verkauft habe.
,, Viel auf einmal,? sagte man an der Börse,
,,aber der Mann muß wissen, was er thut!r? Und
da Darner seine Ankäufe sofort mit Wechseln erster
Qualität bezahlte, war man doppelt geneigt, seiner
richtigen Einsicht zu vertrauen.
Nur der alte Makler, mit welchem Kollmann am
meisten arbeitete, erlaubte sich scherzend die Frage,
ob Darner in der Hast seines Kaufens vielleicht auch
die bisherige Besitzexin und Bewohnerin des Hauses,
des seligen Gotthard Willberg Tochter und deren
Erzieherin, Mademoiselle Willberg und Madame
Göttling, mit dem übrigen Inventarium an sich ge-
bracht habe.
Kollmann, der an dem Morgen gut aufgelegt
war, ließ sich den Scherz gefallen.

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,,Theilweise,'' entgegnete er dem Makler, ,theil-
weise, und, wenn Sie wollen, auf meinen Antrieb,
denn wir machen Beide ein gutes Geschäft dabei.
Darner wollte ds Haus haben und hatte darin
Recht, denn er gewinnt damit gleich einen anständigen
Boden unter den Füßen, das respektabelste Haus
im ganzen Kneiphof, das beste Komptoir mit großen
Nebenräumen. Die Göttling aber, die bei ihm
bleiben wird, habe ich ihm zugeschanzt. Er bekommt
in ihr eine verläßliche Person, die zu dem Hause
hält wie die gelben Katzen, die man anderwärts
auch nicht so schön findet wie in dem Hause; und
ich werde die Hausverwaltung und die Göttling los l
,, Und wo bleibt Mamsell Willberg? fragte der
Makler.
,Meine Nichte ist sechzehn Jahre, sie muß unter
Menschen, in die Gesellschaft, sie kommt also zu uns.
Die Göttling wäre bei uns das fünfte Rad am Wagen
gewesen, und wir hätten sie doch nicht gut entfernen
können, obschon sie von meinem verstorbenen Schwager
wohl versorgt ist. Mit Darner ist das etwas Anderes.
Will der Mann sie einmal nicht mehr haben, so
schickt er die Göttling eben fort wie jede andere be-
zahlte Person, und das hätte ich, da sie die sechzehn
Jahre neben meiner Nichte gewesen ist, nicht so ohne
Weiteres thun können.
,Freilich, freilich,'? meinte der Makler, ,solche
alte Inventarienstücke sind immer unbequeme Möbel!
Ich habe da in meiner Familie .. ?
Er brach ab, denn Kollmann hatte ihn stehen
lassen und sprach mit einem andern. Was sein
Makler in seiner Familie hatte oder nicht hatte,
war ihm einerlei. Er hatte für sein Mündel und
fütr sich ein gutes Geschäft gemacht, hatte Alles ein-
geleitet, wie's ihm paßte. That das nur ein Jeder

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mit Besonnenheit am rechten Platze und zur rechten
Zeit, so brauchte gan die Anderen nicht, brauchte
sich auch nicht um sie zu- kümmern, konnte sie ihres
Weges gehen lassen und den seinen gehen, sein
Makler so wie er.
Aber die Nachricht, daß das alte Willberg'sche
Haus, und noch obenein an Darner, an einen Fremden
verkauft sei, sprach sich als eine unerwartete Nenig-
keit an der Börse rasch herum, denn es war in der
ihat das schönste unter den alten Königsberger
Häiusern. Hätte man an die Möglichkeit gedacht,
daß Kollmann es verkaufen könne, daß er nicht
wenigstens es abwarten würde, ob Justine sich nicht
später den rechten Mann zu dem Hause wählen
würde-- und der und jener dachte dabei an seine
Söhne oder Enkel und Neffen-- so würde mancher
es gern gekauft, mancher seine Frau gern hinter den
großen, vielscheibigen Fenstern haben sitzen sehen;
denn das ;Haus stellte an und für sich etwas vor,
und das war kein Wunder.
Esa bestand aus einem Vorder- und einem Hinter-
hause. Das erstere lag mit seiner drei Fenster breiten
Front in der Langgasse, in der Hauptstraße des
Kneiphofs, an der Ecke der Kaistraße, deren ganze
Läänge der Seitenflügel des Hauses einnahm, welcher
das Vorderhaus mit dem am Pregelkai gelegenen
Hinterhause verband, das niedriger, viel breiter und
in späterer Zeit als das Vorderhaus gebaut, mit s
seinen sieben Fenstern nach dem Fluß hinaussah.
Kein anderes Haus im Kneiphof hatte, wie dieses,
einen kleinen Garten am Kai vor seiner Thüre,
keines solche zwei Linden vor seinen Fenstern in
der Langgasse; und wenn das Hinterhaus modischer
erschien, so stellte das Vorderhaus sich in seiner
alten Bauart würdiger dar. Fünfstöckig stieg es

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mit hohem, vielgebogtem Giebel, von dem steinernen,
breit aufgetreppten, offenen Vorsprung stolz empor,
über den man von der Straße in das Haus gelangte,
und Alles an und in dem Hause war ebenso reich
als tüchtig.
Die steinernen Einfassungen der Fenster, das
Bildwerk zwischen den verschiedenen Stockwerken, die
mit Köpfen gezierten Medaillons zwischen den Fenstern,
die steinernen Vasen auf dem Giebel und zu seinen
beiden Seiten waren unversehrt. Neber der schweren
Thür von Eichenholz, deren Messingklopfer blank wie
Gold erglänzte, lagen der Merkur mit seinem Stabe
und die Abundantia mit ihrem Füllhorn da, die
Steinplatte beschützend, welche den Namen des Er-
bauers: Justus Gotthard Willberg über der Zahl des
Jahres 18 zeigte.
Schon die beiden vorhin erwähnten mächtigen
Linden, die den Vorsprung beschatteten- sie waren
die letzten in der ganzen Straße übrig gebliebenen
-- gaben kund, daß es lange her sein mußte, seit
der Erbauer dieses Hauses sie davor gepflanzt hatte;
und gleich den Bäumen konnte das Gebäude noch
neue Jahrhunderte überdauern, sofern nicht die mensch-
liche Willkur Hand daran legte.
Auch die innere Einrichtung des Hauses entsprach,
wenn nicht mehr ganz der Zeit seiner Erbauung, so
doch seiner Stattlichkeit. Die Jahre hatten das kunst-
volle Schnitzwerk an den Treppengeländern und an
den Wandschränken gebräunt; die Delmalereien, welche
über den Thüren und in die Thüren und Schränke
eingefügt waren, hatten natürlich beträchtlich nach-
gedunkelt. Sie stimmten aber gut zusammen mit
dem Holzwerk wie mit den schwerfälligen Stuck
verzierungen an den Decken; und obgleich die Zimmer
des Vorderhauses, in welchem Willberg hauptsächlich

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gewohnt, nicht so ineinander gingen, wie es die
neuen Ansprüche gern hatten, so mußte doch ein Jeder,
der das Haus besuchte, eingestehen, daß es ein schönes
Haus und recht dazu geeignet sei, einer zahlreichen
Familie ein angenehmes Unterkommen darzubieten.
Der einzelne konnte sich in den einzelnen Stuben der
verschiedenen Stockwerke absondern nach Bedürfen,
und die Empfangszimmer waren groß genug, den
Hausbewohnern und ihren Gästen ein fröhliches Bei-
sammensein zu ermöglichen.
Es war eben das Willberg'sche Haus gewesen,
seit nahezu zweihundert Jahren und sollte nuun mit
einem Male das Darner'sche Haus werden. Das
wollte den Leuten nicht in den Kopf!
Indeß gerade die Erbin und bisherige Besitzerin
des Hauses, Justine Willberg, kam mit der Sache
leichter zurecht als ihre Mitbürger. Nur die Trennung
von der Frau, ,welche bei ihr Mutterstelle vertreten,
da ihre rechte Mutter wenige Monate nach ihrer Ge-
burt gestorben war, ging dem Mädchen nahe zu Herzen.
Es hatte seit seines Vaters auch schon vor sechs Jahren
- erfolgtem Tode ganz allein mit Madame Göttling
gelebt, und die Beiden hingen aneinander wie Mutter
und Kind. Madame Göttling, eine verständige und
gebildete Kaufmannswittwe, hatte sich aber stets ge-
rühmt, daß sie Justine zu einem verständigen Mädchen
erziehe, daß ihre Pflegebefohlene von der modischen
Ueberspanntheit und Schwärmerei gar nichts ab-
bekommen habe, und daß man sich zu ihr, wie sie
zuversichtlich behaupten dürfe, alles Vernünftigen ver-
sehen dürfe. Nun hatte Justine zu beweisen, daß
die Göttling sie nicht zu sehr gerühmt habe, und sie
bewies es.
Sie fand Alles ganz in der Ordnuung, wie ihr
Onkel es eingerichtet, denn ohne daß man bestimmt

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mit ihr davon gesprochen, war sie in dem Gedanken
erzogen worden, daß sie einmal ihres Vetters John
Kollmanns Frau zu werden habe, der in Riga in
dem dortigen Kollmann'schen Geschäft arbeitete, an
dessen Spite er nach erfolgter Mündigkeit gestellt
werden sollte.
John hatte ihr auch ganz gut gefallen, als er
das letzte Mal in Königsberg zum Besuch gewesen
war; und obschon es im Kollmann'schen Hause nicht
mehr so gesellig und heiter herging als in den
Zeiten, da die beiden nach Lübeck und Kopenhagen
verheiratheten Töchter noch dort gelebt hatten, gab es
in demselben doch immer noch viel Fremde und einen
ganz andern Verkehr als in Justinens eigenem
stillen Hause.
Justine hätte es also von sich nicht vexständig
gefunden, sich mit unnöthigen Gefühlen über das
Scheiden aus dem alten Hause in Kosten zu setzen.
Sie konnte in die beiden schönen, früher von ihren
Eousinen bewohnten Zimmer, welche der Onkel ihr
darbot, von ihren Sachen mit hinübernehmen, was
ihr wohl gefiel. Sie wußte, daß eine reiche Waise,
wie sie, sich zeitig zu verheirathen, daß ein schönes
Mädchen, wie sie, wenn John ihr schließlich vielleicht
nicht gefallen sollte, unter den Besten nur zu wählen
habe; und wenn es ihr auch leid that, daß sie ihre
gute Göttling künftig nicht mehr würde besuchen
können, weil dieselbe in dem Hause eines unver-
heiratheten Mannes zu leben hatte, so stand dafür
des Onkels Haus der mütterlichen Freundin zu allen
Stunden offen. Und mehr sich selber überlassen zu
sein, etwas mehr Freiheit zu haben als bisher, das
kam Justinen auch nicht ungelegen.
Acht Tage nach dem Verkauf ihres Hauses
siedelte sie also wohlgemuth zu ihrem Onkel über.

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Obschon sie ihr Vaterhaus sehr lieb gehabt, machte
es ihr doch Spaß, sich nun einmal in einer neuen,
fremden und ihr doch eigenen Umgebung eingerichtet
zu finden. Es belustigte sie, wenn' die Göttling sie
besuchen, wenn sie sehen kam, was Justine treibe,
welche Kleidung sie angelegt. Es war ihr wunderlich,
daß sie und ihre Göttling jet' ganz Verschiedenes
erlebten, daß sie sich so viel zu erzählen hatten. Und
wie großer Kunstwerth einzelnen, alten Stücken und
Geräthschaften in ihrem Vaterb d von den Besuchern
desselben auch zugesprochen wouven war, so hatte sie
füür ihr Theil dieselben altmodisch gesunden und oft
mals gedacht, daß ihre Großmutter mit ihrer großen
Dormeuse weit mehr dahinein gehört habe, als sie
mit ihren weißen Kleidern und mit ihrem schönen,
blonden, freiflatternden Gelock.
, Es hat eben Alles seine Zeit!'r sagte sie sich
mit Behagen, wenn sie sich mit einen Lafontaine'schen
Roman auf ihr Sopha legte, sich an den schönen
Empfindungen der Liebenden zu erbauen. Die Zeit,
welche sie unter Madame Göttlings ängstlicher Obhut
verlebt hatte, war nun vorüber. Justine war flügge
geworden und trotz all ihrer gerühmten Verständigkeit,
hatte sie doch nicht übel Lust, nun endlich auch die
farbigen Schwjngen zu gebrauchen, mit welchen die
jungen Herzen in den Romanen sich hinweghoben über
die Alltäglichkeit des Lebens.
Daß es darnach Herrn Darner, dem sie bei
ihres Onkels Gastgeboten und auch an dritten Orten
oft begegnete, in ihrem ehemaligen Hause wohl gefiel,
daß er ihre Göttling lobte, daß diese ihn als einen
Mann bezeichnete, dex niemals kleinlich sei, sondern
wisse, was sich schicke, das Alles freute sie.
In der That aber hätten auch beide, Herr
Darner und Frau Göttling, nicht besser für einander

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passen können. Er war der rechte Herr für die auf
Dienstbarkeit gestellte wackere Frau; und sie wiederum
war ganz dazu geschaffen, bei den Leuten die gute
Meinung zu erhöhen, welche Darners selbstgewisses
Verhalten ihm einzutragen begann. Wer ihr zu be-
fehlen verstand, den verehrte sie. Wer ihm unbedingt
gehorchte, den wußte er zu schätzen, zu belohnen. Es
machte sich Alles ganz vortrefflich.
Kaum ein Jahr nach seiner Ankunft war das
Geschäft von Lorenz Darner bereits in vollem Gange,
sein Name respektirt in der Leute Munde, und er
betrieb das Geschäft mit einer Raschheit und Groß-
artigkeit, von welcher man bisher in Königsberg noch
kein Beispiel gehabt hatte. Er schien sich für seine
Leistungen verdoppeln zu können.
Heute erfuhr man, er sei auf dem Wege nach
Paris, und es währte nur einige Wochen, so kam
er wieder zurück und hatte noch London und Amster-
dam während seiner Abwesenheit besucht. Er erhielt
und beförderte mehr Estafetten als die anderen alten
Häuser sammt und sonders. Trotz der wachsenden
Kriegsunruhen empfing er fortdauernd Nachrichten
von allen Ecken und Enden, die sich immer als
verläßlich erwiesen. Er zuerst hatte die Kunde von
Napoleons Erhebung zum Kaiser erhalten. Er hatte
von dem Einrücken der Franzosen in Hannover zu-
erst gewußt, und man konnte ihn sagen hören, daß
die kaiserliche Eroberungspolitik nicht nur gegen
England gerichtet sei, sondern daß sie viel weiter
gehe, und daß ihre letzten Ziele immer deutlicher
erkennbar würden.
Neberall war man in der größten Aufregung
und Spannung. Wie eine Geißel Gottes, wie ein
zweiter Attila jagte Napoleon über die Erde hin,
warf ihre Fürsten von den Thronen, würfelte neue

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Staatenbildungen zusammen, hetzte die Völker, die in
gutem Frieden arbeitsam gelebt, zu wildem Kampfe
gegen einander, wie sein Ehrgeiz es erheischte; und
verwirrt oder überwältigt und gelähmt staunten die
einzelnen, wenn sie nicht sehr festen Sinnes waren,
zu dem dämonischen Kaiser wie zu einem Meteor
hinauf, von dem man nicht voraussehen kann, wohin
es sich in seinem rasenden Fluge wenden, ob es
vorüberziehen oder niederfallend zerschmettern werde,
was der Fleiß der Menschen, was lange Jahre an
Besitz geschaffen und äls geheiligt anerkannt hatten.
Bewunderung und Haß gegen Napoleon wie
gegen das Land, das er sich unterjocht und das in
ihm das Sinnbild seiner neuen Größe feierte, er-
füllten je nach ihrer Natur die Herzen der Menschen.
Nirgends war man des nächsten Tages sicher. Jeder
Augenblick konnte den Ausbruch eines Krieges auch
für Preußen mit sich bringen.
Immer schneller einander folgend, passirten
Kuriere, Feldjäger, diplomatische Agenten Königsberg
und die Grenze. Vom Ausland in ihr Vaterland
heimkehrende Russen, und viele vornehme Polen, die,
mit Pässen auf falsche Namen gestellt, nach Frank-
reich gingen, verweilten flüchtig in Königsberg, ihre
Geldgeschäfte zu ordnen. Sie trugen durch ihre Be-
richte nicht dazu bei, die Stimmung zu beruhigen.
Bis in die engsten Kreise des Familienlebens hatte
sich das Gefühl eingedrängt, daß große Umwälzungen
vor der Thür stünden, daß man am Tage den Tag
zu leben und ihn noch in Frieden möglichst zu ges
nießen habe, da man des nächsten Tages so gar
wenig sicher sein könne.
Selbst die Frauen, die sich sonst um die Zeit-
ereignisse nicht viel zu: kümmern, sondern still in
ihrem Hause zu schalten oder ihren Vergnügungen
Lewald. D ie Jamille Darner. T.
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b=- F -
nachzugehen gewohnt waren, lernten es jezt empfin-
den, was das Vaterland und seine Ehre für den
Menschen zu bebeuten habe. Es war trotz der außer-
ordentlichen Geschäftsthätigkeit und dem reichen Ge-
winn doch Niemand in den Kaufmannshäusern mehr
geheuer. Man litt unter den Demüthigungen, welche
Preußen schon seit Jahren erduldet hatte, man dachte
mit Sorgen an die Verluste, die man erleiden konnte,
man schauderte vor der Gefahr eines Krieges mit
Frankreich und wüünschte ihn schließlich doch herbei
zur Ehre Preußens, da man in Erinnerung des alten
Waffenruhmes auf einen glücklichen Ausgang desselben
vertraute.
Kollmann, ein friedliebender Mann und wie ein
gewiegter Mann gemessen in seinen Aeußerungen,
weil er wußte, daß seine Worte beachtet wurden,
hatte seines Zornes gegen den Korsen niemals hehl,
wenn Darner bisweilen sich in Bewunderung Bona-
partes zu ergehen liebte; denn Darner hob es gern
hervor, wie im Leben Einheit des Willens und der
Herrschaft die Hauptsache und die bewegenden Kräfte
wäären, und wie ganz anders die Welt sich gestalten
würde, wenn eine einzige klare Einsicht ihr die Ge-
setze vorschriebe, so daß sie, in sich beruhend, nicht
durch hunderte von unverständigen Sondergelüsten in
ihrer Thätigkeit hehindert würde.
Man schalt Darner wegen dieser gelegentlichen
Bewunderung Bonapartes und legte sie ihm zur Last,
da er sich doch selber als einen Deutschen gab und
preußischer Unterthan und Bürger geworden war.
Man machte Kollmann absichtlich auf diese bedenkliche
Gesinnung Darners aufmerksam. Der wies solche
Anschuldigungen jedoch zurück.
, Laßt ihn gehen, es hat Jeder die Fehler seiner
Eigenschaften,' sagte er, ,Jeder seinen Sparren!