Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 29

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,Wohin Du willst, nur mit Dir, und ich habe
Dir auch noch etwas zu erzählen von Dolores.?
,, Das kann geschehen im Fahren, rasch hinaus '
zueunundzn-uuzigstes Kapuel.
In dem Augenblick, als sie vor die Thüre und
auf den Wolm traten, hörte man plötzlich wieder
Trommelwirbel und russische Trompetensignale, ob-
schon die Stunde des Appells vorüber war. Ordon-
nanzoffiziere, die Schärpe über der Schulter, jagten
von der Seite der Vorstadt und des Friedländer
Thores nach dem Schloß hinauf; aus dem oberen
Stadttheil zog in Eilmarsch Infanterie, die Pioniere
voran, mit Hacken und Spaten nach den Vorstädten
hinaus.
,, Was ist geschehen? was bedeutet das ? fragte
man wieder einmal, wie so oft von allen Seiten.
Denn wenn man in den letzten fünf Monaten ähn-
liche Vorgänge auch nuur zu gewohnt worden war,
erkannte man doch, daß jetzt etwas Besonderes ge-
schehen sein müsse.
,,Der Bürgermeister soll den Magistrat zusammen-
gerufen haben!' sagte der Eine.
, Die russischen Quartiermeister gehen herum, sie
melden noch mehr neue Einquartierung an !' klagte
ein Anderer. Ein Dritter behauptete, nicht nur Russen
sondern auch Preußen kämen. Zwei Offiziere wären
mit der Nachricht schon herein. -- ,Man hat Arbeiter
von allen Seiten herangeholt, man nimmt alle Karren
und Schaufeln in Beschlag! Die Wälle sollen ab-
getragen werden! hört man sagen. ,Nein, erhöht

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sollen sie werden, denn die Franzosen sind vor den
Thoren!' schallte es aus der Menge.
Jeder rief jeden an, jeder wollte etwas wissen,
um etwas thun zu können, Niemand wußte, was.
Spaziergänger mit ihren Familien eilten nach
ihren Wohnungen zurück. Vom Schloßthurm wurde
das Feuersignal geblasen. Spritten und Wasserkufen
wurden nach den Thoren gefahren. Die Leute der
Handwerkergilden, die zum Wassertragen beim Löschen
verpflichtet waren, liefen mit ihren ledernen Eimern
hinter ihnen her, auch die Hausbesitzer entsendeten
die Hilfe, die sie bei der Feuersgefahr zu stellen hatten.
,,Die Delmühlen vor dem Friedländer Thore
brennen !'' scholl es endlich von allen Ecken und Enden.
,Sie sind in Brand gesteckt worden!' vernahm
man gleich darauf.,Die Russen haben sie in Brand
gesteckt! Es soll' nicht gelöscht werden!r
Die Unruhe, die Aufregung steigerte sich von
Minute zu Minute.
Frank hieß seine Frau sich in das Haus zurück
ziehen und befahl dem Wagen, stehen zu bleiben.
Er wollte nach dem Rathhaus, um dort vielleicht eine
sichere Auskunft zu erlangen.
Da kam der eine von General Strombergs Ad-
jutanten vorüber, seinem keuchenden Pferd für ein
paar Augenblicke einen mäßigeren Schritt vergönnend.
Das benutzte Frank. Er eilte die Treppe hinunter
und trat an ihn heran. Der Ajutant machte Halt,
seiner Frage zu begegnen.
,Die Heere sind seit zwei Tagen bei Friedland
an einander. Napoleon ist auf dem Schlachtfelh!?
sagte er glühenden Antlitzes und selber athemlos.
,,Noch heute in der Nacht rückt ein Korps der Unse-
ren und ein Korps von Preußen hier ein, die =-
, Und die Schlacht, der Ausgang der Schlacht!'

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riefen die, welche nahe genuug gekommen waren, seine
Worte zu vernehmen.
, Man kennt ihn nicht, aber Königsberg soll ge-
halten werden !' antwortete er, gab dem erschöpften,
triefenden Thiere die Sporen und jagte davon, während
man plötzlich von allen Seiten rufen hörte, daß
man die Vorstädte in Brand stecke, daß es auf dem
Altengarten, auf dem Nassengarten bereits brenne,
daß man den Spritzen verbiete, die Delmühlen zu
löschen.
Die Ohnmacht, in welcher man sich diesen That-
sachen gegenüber befand, war furchtbar. Justine
und Frank warteten mit Spannuung auf die Heim-
kehr der Ihren. Es war dunkel geworden, der
Himmel hatte sich bezogen, und in dem grauen Ge-
wölk tauchte die rothe Gluth der brennenden Vor-
städte immer flammender am Horizont empor, während
erst vereinzelt, dann in immer rascherer Folge flüüchtend,
wehklagend, jammernd, Weiber, Kinder, Männer
durch das enge grüne Thor in die Straße drangen,
beladen mit Betten, Bündeln, Kleidungsstücken und
einzelne Stücke von Hausrat mit sich schleppend, wie
die Hast und Angst des Augenblicks sie in halber
Sinnlosigkeit zusammengerafft.
Es waren Ackerbauer, Gärtner, Viehhändler und
Handwerker aller Art, welche in den Vorstädten
wohnten. Den und jenen von den Flüchtenden
kannte man, weil man sich seiner als Arbeiter be-
diente oder sich von ihm für den Haushalt mit den
Lebensmitteln versorgen ließ, die er erzeugte; und
gerade als wieder eine Schwadron russischer Dra-
goner von der oberen Stadt herunterstürmte, erblickte
Justine in der sich zusammendrängenden Menge eine
Frau, die den Milchbedarf des Hauses besorgte.
Sie war schwer beladen von den Betten, die sie auf

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dem Rücken trug. Bündel in den Häänden, so viel
sie hatten fassen können, hingen ihre drei Kinder an
ihrem Rock und klammerten sich an ihre Arme,
wäihrend sie sie die Treppe hinauf zu bringen suchte,
die schon von anderen, ebenso wie der Wolm, dicht
in Beschlag genommen war.
Sie sehen und sich Plat machen durch die Leute,
war für Justine eins. Aber Frank war ihr noch
zuvorgekommen. Schon hatte er die Kinder bei den
Händen, die er starken Armes emporhob und Justinen
-,
reichte; dann nahm er der Mutter die Bündel ab,
damit sie erleichtert vorwärts kommen konnte, und
eilte wieder in die Straße hinab, zu sehen, was zu
thun sei. Justine hatte währenddessen die Frau und
ihre Kinder in das Haus genommen.
, Wo hat Sie Ihren Mann? fragte sie.
,,Sie haben ihn zum Schanzen fortgenommen!
Draußen brennt's! Alles brennt! Mlles ist fort!
Madame, Madame, Gott im Himmel hat kein Er-
barmen mehr! Die Kühe haben sie aus dem Stall
geschleppt! Den Hund haben sie todtgeschlagen, weil
er sie nicht fort lassen wollte! Das Himmelbett
haben sie in Brand gesteckt! Da sind die Kinder,
Madame! Was soll ich mit ihnen? Ich halt's nicht
aus, ich muß zurück, ich muß sehen---
,Was? Was will Sie sehen, was kann Sie
thun?? rief ihr Justine zu und ließ vom Diener
die Thüre schließen, um die Verzweifelte zurückzu-
halten, als aus dem Innern des Hauses Darner auf
den Flur trat.
Er hatte schon auf dem Wege die Unglücksbot-
schaften vernommen, hatte bei seiner Fahrt den
Pregel aufwärts an der linken Seite des Flusses
die Vorstädte in Flammen gesehen und war, den
Wagen verlassend, sobald man die Stadt erreicht,

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mit den drei Frauen, um rascher vorwärts zu kommen,
zu Fuß nach seinem Hause zurückgekehrt.
,Die Thüren auf!'' gebot er, und wo er gebot,
war man in solchen Augenblicken froh, ihm gehorchen
zu dürfen. In Vorbeigehen gab er Justinen mit
festem Druck die Hand. Er war zufrieden, da er
sie hilfeleistend fand.
,Wo ist Frankr?
,Draußen! Er sieht, ob nicht noch andere Flüch-
tende da sind, die wir kennen.'
,Recht! Und damit ging er selbst hinaus, schob
-
die Leute zurück und rief den Sohn heran.
,, keder muß eingelassen werden, für den wir
Platz haben, und wär's nur für die Nachtl' sagte
er. ,Geschlossene Thüren und Abwehr fordern zur
Gewalt heraus, und wenigstens von den Unseren
wollen wir sie vermeiden- wenn es möglich ist!
Die Sache steht schlimm. Nach Holstein schallte
Kanonendonner hinüber. Sie müssen im Gefecht sein
nahe bei der Stadt. Was hast Du erfahren?
Frank berichtete, was er wußte. Man hatte von
der Speicherinsel und aus dem Hafen die stärksten
Leute zusammengetrieben, die Weinschröter, Speicher-
arbeiter, Sackträger, um sie zum Schanzen nach den
Wällen zu führen. Wo sie nicht Folge leisten wollten,
halfen die Knutenhiebe der Kosaken nach. Die
Verwirrung wurde immer größer, das Gedränge
ärger.
, Es wird nichts helfen, dieses Geschanze auf den
Maulwurfshügeln!'? stieß Darner gegen Frank her-
vor, während einige der Arbeiter, ihn erblickend, sich
zu ihm wandten. Sie kannten ihn und er sie von
seinen ersten Königsberger Jahren, in welchen er
noch selbst sie für seine Geschäfte gedungen und be-
aufsichtigt hatte.

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,. Herr Darner, reden Sie mit den nichtswürdigen
Hunden!r rief ein Weinschröter, ein Riese an Größe
und Stärke. ,Sie stecken uns die Häuser über dem
Kopf an, sie sengen und brennen! Wir sollen
schanzen! Löschen wollen wir gehen, löschen! Was
gehen uns ihre Schanzen an! Sie sollen sich ihre
Kerls, die Polacken von den Wittinen holen, nicht
uns die Stadt über dem Kopf abbrennen !' --
,, Sehen Sie die Weiber, die Kinder !'?--- ,Lasset
die Franzosen in Gottes oder des Teufels Namen
kommen! Aerger wie das verfluchte Gesindel können
sie's nicht machen!'
,Pascholl, Pascholl!r erklang der Russen Ruf,
sie vorwärts treibend.
,M Nicht vom Fleck !?--- ,Ich auch nicht!?--
, Ich erst recht nicht!--,Reißt die Kerls von den
Pferden herunter!'' scholl' es hier und dort. Die
Pferde sprangen an, Angstschreie der Weiber, die ihre
Kinder zur Seite zu reißen strebten, heulten dazwischen.
Die Arbeiter wollten fort, die Kosaken drängten sie
zu Hauf. Ein paar der stärksten Lastträger und
der große Weinschröter fielen dem Pferd eines Offiziers
in die Zügel; der Offizier riß die Pistole hervor,
Darner warf sich dazwischen.
, Kein Blutvergießen!' rief er. ,bDie Leute
werden gehen! Ich schaffe sie Ihnen und mehr!
Ich bin Bürge!
Der Offizier, der einsah, daß ein Kampf mit
den Einwohnernin den Straßen in diesem Augen-
blick sinnlos wääre, hielt sich zurück, und sich ent-
schlossen umwendend, gebot Darner:
,Nimm die Hacke, Frank! Kospott,' so hieß der
Weinschröter, ,hat sie weggeworfen und hinaus auf
den Wall! Ein Schurke, wer nicht mitgeht; ein
Schurke, wer nicht Alles daran setzt, ehe er die Fran-
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