Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 30

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zosen in die Stadt läßt! Geh Er mit meinem Sohn,
Steinacker! Schäm' Er sich, Kospott! Geh Er mit
meinem Sohn,'' rief er noch drei, vier andere mit
ihren Namen an, und stutzig geworden vor seinem
Befehl und Wort, hielten sie inne. Darner ließ
keinen Blick von Kospott.
,, Vorwärts, vorwärts!' kommandirte der Russe.
,, Vorwärts, vorwäärts!'' riefen Darner und Frank.
,, Na, denn vorwärts !? rief nun auch Kospott,
setzte sich in Bewegung und die Anderen folgten.
Frank, der in der warmen Nacht in bloßem
Kopf vor seinem Hause gewesen, merkte das erst jetzt.
Darner reichte ihm seinen Hut hin.
, Grüße Justine, Vater!r
,,Sei ohne Sorge um siel'? antwortete dieser.
Sie gaben einander die Hand, die Kosaken und die
Bürger mit ihnen, zogen, davon.
Neue Schaaren von Flüchtenden wälzten sich aus
den Vorstädten in die Straßen.
Dreißigstes o=»--s
s,ikA
Es waren schwere Nächte und Tage für die
Stadt gewesen, welche im Winter der Schlacht von
Eylau gefolgt waren. Diese warme Nacht des Juni
und die Zeit, die mit dem nächsten Tage herankam,
waren schwerer.
Damals hatte Darner wohl zu seinem Sohne
sagen können, es werde manch einer am Morgen
wähnen, die Nacht durchwacht zu haben, der ihre
bangen Stunden ruhig verschlafen. Diese Nacht

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waren es sicher nur die Kinder, denen der Schlummer
die Augen schloß.
Die Straßen waren voll. Menschen, voll angst-
voller und rastloser Bewegung. Draußen arbeitete
man an den Schanzen; die brennenden Vorstädte
machten die gräßliche Beleuchtung dabei. Es galt,
den Feinden die Deckung zu zerstören, ihnen ein
maskirtes Anrücken unmöglich zu machen, im Nothfall
die Stadt zu vertheidigen, bis weitere Hilfe kommen
konnte. An die Möglichkeit dieses Unternehmens
glaubten selbst die Vertheidiger nicht, und doch mußte
von den Kommandirten dem Befehl gehorsamt
werden.
Die Stimmung der Einwohner hatte sich mit
Erbitterung gegen die Nuussen gewendet. Man schrieb
ihnen allein die Verwüstung der Vorstädte zu, man
wollte nicht daran glauben, daß man preußischerseits
Kenntniß davon habe, daß der König eingewilligt
haben könne in solche nutzlose Gewaltthat. Die Einen
eilten durch die Straßen, die Anderen schlossen sich
in ihre Häuser ein. Man packte in fliegender Hast
Werthsachen, ohne zu wissen, vor wem oder wohin
man sie retten wolle, und versank dann wieder in
das Abwarten müben Verzweifelns.
Mit kurzen Worten hatte Darner seiner Schwieger-
tochter gesagt, daß er, ein drohendes Gemetzel zu
vermeiden, ihren Mann mit den Arbeitern vor das
Thor geschickt.
,Aber, Vater,' rief sie in ihrem schwerenSchrecken,
,, Vater, wenn draußen-
Er legte ihr die wuuchtige Hand fest auf die
Schulter.
, Kein Aber und kein Wenn vor dem Unerläß-
lichen! Es mußte sein! Und was hier zu thun ist,
muß ebenso geschehen! Jeden, den ich hineinschicke,

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seht unterzubringen, wie Ihr könnt. Madame Gött-
ling und Du, Ihr gebt beide her, was an Nahrungs-
mitteln im Hause ist. Laßt Euch Licht geben, Mäd-
chen,'' sagt er, zu den Töchtern gewendet, , und bringt
die Weiber, die kleine Kinder haben, in die Boden-
kammer hinauf--
,, Aber wenn morgen oder gar schon in der Nacht
die gemeldete neue Einquartierung kommt, wo soll
die bleiben, wo soll man für diese die Lebensmittel
finden?
,, Das wird zu bedenken sein! Zunächst in dieser
Noth das Nöthigste! Nehmt Euch zusammen!' fügte
er hinzuu, während er wieder vor das Haus hinaus
ging, ohne darauf zu achten, daß Justine Thränen
in den Augen hatte, und wie verstört die Anderen
aussahen. Er wußte, was er ihnen damit gethan,
als er sie in ihrer rathlosen Angst und Unruhe wieder
dem Befehl seines klaren, festen Willens unterworfen;
uuund Stunden wie diese waren es, in denen er selbst-
gewiß seiner genoß, obschon er bei der großen Aus-
dehnung seiner Geschäfte schwer genuug zu tragen hatte
an seinen Sorgen.
Die sieben Stufen der Treppe, die zuu seinem
Wolm hinaufführten, waren von Geflüchteten besezt.
Auuf den Wolm selbst hatte Darner Greise und Kinder
hinaufgenommen, denen man auf den geretteten
Bündeln, so gut es hatte gehen wollen, ein Lager
bereitet. Darner hatte sich für einen Augenblick auf
eine der beiden Bänke zwischen ein paar Alten
niedergelassen, die vor Ermüdung zusammengesunken
waren, nachdem man ihnen Nahrung gereicht. Es
war nach Mitternacht.
Mit einem Mal sah er den Freunh des Koll
mann'schen Hauses, den Doktor, den auuch Darner
gegebenen Falls zu Rath gezogen, aus der gegenüber-

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liegenden Straße hervorkommen, sich seinem Hause
nahen und die Treppe hinaufschreiten. Darner ging,
um ihm den Durchgang zu erleichtern, ihm entgegen.
,Was führt Sie hierher? fragte er, ,denn zum
Vergnüügen ist jetzt wohl Niemand auf der Straße.?
,, Nichts Gutes! Ich komme zu Madame Darner.
Die Kollmann liegt in Krämpfen .. ?
, So, nimmt sie sich auch jezt die Zeit dazu?
fragte Darner, dem die gehätschelte Nervenschwäche
der Frau immer ein Gegenstand des Widerwillens
gewesen war.
,Die Sache ist ernsthaft,'' fuhr der Doktor fort,
ohne den Spott zu beachten, ,sonst wäre ich nicht
selbst gekommen, Madame Darner zu holen!'
, Meine Schwiegertochter, Doktor, was fällt
Ihnen ein!r-
,Die Tante verlangt nach ihr. Kollmann bittet
Sie durch mich, ihr Justine zu senden. Ich geleite
sie und .. ?
,Nicht weiter, Doktor,'' unterbrach ihn Darner.
,,Mein Sohn ist vor dem Thore mit den Schanz-
arbeitern, seine Frau in meinem Schutz. Dies ist
keine Nacht, in welcher man Frauen aus dem Hause
schicken darf-- und meine Schwiegertochter hat auch
in Kollmanns Hause nichts zu schaffen.?
,Lassen Sie sie mit mir gehen,'' mahnte der
Doktor noch einmal,,Angst und Schrecken haben
die Frau umgeworfen. Der Zustand ist mehr als
bedenklich, wenn sie stirbt . - -
, So wird sie das gerade so mit sich selber ab-
zumachen haben, wie in dem Falle, daß meine
Schwiegertochter die ihre geworden und jetzt in Ruß-
land wäre. Sie sorgen für die Kranke, Sterbende,
das ist Ihr Beruf, für die Lebende einzustehen ist
meine Pflicht. ?

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, Benachrichtigen Sie Justine wenigstens, daß-. ?
, Wozu, da ich sie doch nicht gehen lasse?'-
,, Sie würde sich Vorwürfe machen, wenn sie er-
fährt-. -
,,Darum eben soll sie's nicht erfahren, dann
treffen mich die Vorwürfe, und ich werde sie tragen!'
Ohne daß die Beiden es bemerkt, war Madame
Göttling einer Anfrage wegen herangekommen.
,Doktor,'? rief sie, da dieser sich abgewendet,
,, Doktor, warten Sie, ich komme mit!'-
Er blieb stehen.
Darner hatte die Hand der Frau ergriffen.
,Lassen Sie sich nicht aufhalten, Verehrtester,.
sprach er, ,Madame Göttling geht nicht mit, so
wenig wie meine Schwiegertochter. Ich brauche sie
hier im Hause!'r
Der Doktor ging empört davon.
, Herr Darner,' rief die Göttling, ,Alles was
recht ist, ich bin nicht Ihr Sklave!'-
,,Gewiß nicht, aber Sie haben nicht fortzugehen,
wenn ich Sie brauche, denn Sie- hängen von
mir ah !'?
, Nicht für immer!'r fuhr die Göttling heftig auf.
,,Darüber werden Sie entscheiden in ruhigerer
Stunde, und ich werde Sie nicht hindern, zu thun,
was Sie gut dünkt!'' gab er ihr kalt zurück.
,, Aber, was wollen Sie von mir?
Sie brachte ihre Anfrage vor, er gab ihr kurzen
Bescheid und fügte dann hinzu:
,,Daß meine Schwiegertochter kein Wort erfährt
von dem, was hier verhandelt worden, brauche ich
Ihnen wohl nicht erst einzuschärfen. Das Herz ist
ihr schwer um ihren Mann, sie ist die Sorge noch
nicht gewohnt. Sehen Sie, daß sie und die Mädchen
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etwas genießen. Lassen Sie überall die Fenster
öffnen, auch auf dem Boden, daß die Luft rein
bleibt im Hause. -
Madame Göttling folgte dem Befehle.
Darner hatte keine Miene verzogen bei den
Vorgängen, seine Stimme war sich gleich geblieben.
Er ließ sich ruhig auf dem engen Steintisch in der
Nische neben der Hausthüre nieder, denn auf der
Bank, auf welcher er vorher gesessen, hatte der Alte
sich ausgestreckt. Wie er so dasaß, fiel sein Blick auf
die Jahreszahl 1620, die in dem steinernen Wappen
über der Thüre eingehauen war, und auf die beiden
Figuren, den Merkur und die Abundantia, auf diese
Sinnbilder des Handels und des Neberflusses, die
das Wappen trugen. Er wiegte gedanken- und
sorgenvoll das Haupt. Es sah schlimm aus mit
dem Handel; und Neberfluß, wo war der vor-
handen?
Da schallten Trompetenstöße und lautes, wirres
Rufen an sein Ohr. Es war das russische Hilfskorps;
es brachte die Kunde, daß die Franzosen ihm auf
den Fersen folgten. Erschöpft vom Marsch und aus-
gehungert, wie sie waren, hielt das Kommando sie
nicht mehr zusammen. Die Reihen lösten sich, die
Einzelnen traten heraus und vor die Häuser, Nahrung
und Trank begehrend. Man gab, was man konnte,
dem Eindringen in die Hääuser, der Plünderung zu
wehren. Man stand dem Augenblick, den nächsten
fürchtend.
Es war lang schon Tag, aber der Wind hatte
sich gewendet. Er trieb den dicken, schweren Rauch,
den heißen Quualm von den Brandstätten durch die
Straßen, das verdunkelte den Himmel und machte
bei der Hitze des Tages den Zustand noch schlimmer;
und doch mußte er ertragen werden.

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Draußen hatte das preußische Korps die schwachen
Wälle, die leicht aufgeworfenen Schanzen besetzt. Die
heimgesendeten Arbeiter, Frank unter ihnen, meldeten,
daß man sich in der Ferne schlage.
Die eben angelangten Russen, die zuchtlos in
den Straßen umhergestreift, wurden wieder gesammelt
und hinausgeführt. Man hörte von draußen das
Sausen der Kugeln in der Luft.
Am Mittag warfen die Franzosen Granaten in
die Stadt. Sie zündeten an verschiedenen Stellen,
man konnte dem Umsichgreifen des Feuers nur mit
höchster Anstrengung wehren.
Darners Komptoiristen waren im Hause. Man
packte die Hauptbücher, die sonstigen Dokumente
und Schriftstücke in Kasten, die auf Rollen standen,
um sie im Fall eines Brandes in Sicherheit bringen
zu können.
Mitten in dieser Noth und diesem Treiben war
durch einen verwundeten preußischen Offizier, den
ein Paar der Schanzarbeiter mitleidig hineingebracht,
die Nachricht von der furchtbaren, fütr die Preuußen
und Russen verlorenen Schlacht bei Friedland, von
dem neuen, großen Sieg der Franzosen, bekannt
geworden.
Trotzdem kämpfte man noch bis zum Abend vor
den Thoren. Erst als sie sahen, daß vor der immer
größer werdenden Zahl der Feinde weiterer Wider-
stand vergeblich sei, kapitulirten die Verbündeten.
Die Kanonen schwiegen; es wurde plötzlich still.
Unsicher dessen, was kommen würde, wartete
man in den Straßen und auf den Plätzen, bis die
ersten vom Kampfplatz kommenden, pulvergeschwärzten,
arg mitgenommenen russischenKolonnen in geschlossenem
Marsche sichtbar wurden. Der Abzug währte eine
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geraume Zeit, er ging nach den Thoren hinauf, die
gen Nordosten führten. In der Ermattung, welche
der langen, furchtbaren Erregung folgte, sah die
Masse des niederen Volkes die Truppen in stumpfem
Schweigen an sich vorüberziehen. Die Abgebrannten,
die Geflüchteten, die Erschöpften, sie alle verlangten
nichts als Ruhe, gleichviel wer und um welchen
Preis man sie ihnen schaffte.
Finster schritten die Mannschaften einher. Hier
und da hob sich ein Blick mit düsterem Gruß zu
einem Hause, zu einem Einzelnen, zu einem zum
Freund Gewordenen empor. Aus der Straße gegen-
über dem Darner'schen Hause, kam an der Spitze des
Regimentes General von Stromberg auf das Haus
zu. Er neigte den Degen und das ernste Haupt
zum Gruß.
Alle riefen sie ihm ihr Lebewohl und ein ,Auf
Wiedersehen!' zu.
Justine weinte und barg ihr Haupt an ihres
Mannes Brust.
Auch die Männer hatten es kein Hehl, wie sehr
sie erschüttert waren. Der General war den beiden
Familien ein Freund geworden, und Justine und
Frank hatten es ihm zu danken, daß ihnen ihre
Flitterwochen noch in stiller Zeit zu Theil geworden.
Als die Preußen den Russen folgten, flossen
Thränen, wo sie vorüberkamen. ,Es ist zu Ende!'
hörte man hier und dort.
,, Was wird nun werden, Vater?' fragte Virginie.
Plötzlich ließ Frank Juustine los, und an das
Fenster tretend, rief er mit aller Macht seiner Stimme:
, Es lebe der König!''
Man sah empor, und wie von einem Zauber-
schlag berührt, hallte es zuerst von Denen, die auf
dem Wolme standen, und dann ringsum in immer

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weiteren Kreisen wider: ,Es lebe der König!---
Ee lebe unser König und die Königin!'
Darners Augen leuchteten.
, Bravo, Frank,' rief er, ,das war ein Mannes-
wort! Hoffnung richtet auf wie Speis' und Trank.
Daran erkenne ich mein Blut!'
Er hatte seine Hand auf des Sohnes Schulter
gelegt und blieb mit ihm am Fenster stehen. Die
Hochrufe wiederholten sich fern und ferner. Die Leute,
die ein Obdach hatten, kehrten in ihre Häuser zurück.
Es wurde still in der Straße, die Nacht kam wieder
einmal heran.
In der kleinen Stube hatte man für sechs Per-
sonen den Tisch gedeckt, ihn mit Wein und kalten
Speisen versehen, wie man sie hatte schaffen können.
Als man sich niedersetzen wollte, fehlte Madame
Göttling. Der Diener meldete, sie sei nicht wohl
und habe sich zurüückgezogen.
, Sie hat immerfort geweint,' sagte Dolores,
, aber nicht gesagt, weshalb
, So will' ich nach ihr sehen gehen!' meinte
Justine und wollte sich wieder erheben.
, Bleibe sitzen, meine Tochter,'' sagte der Vater;
, ich habe einen kleinen Zusammenstoß mit ihr ge-
habt. Laß sie zur Ruhe kommen, das ist das Beste. ?
Man sprach viel durcheinander.
Frank, der zu befehlen liebte und verstand, weil
er zu gehorchen gelernt, war als Führer der bürger-
lichen Schanzgräber und als Dolmetsch an seinem
Platz gewesen. Die Neuheit der Zustände hatte ihn
erregt, die Anstrengung seinem starken Körper nichts
angehabt.
Jeder hatte in den lezten Stunden sein Be-
sonderes erlebt und beobachtet. Die Mädchen hatten
zum ersten Male selbstthätig eingegriffen, und ein

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Gefühl von persönlicher Wichtigkeit bekommen, dessen
Kundgebung die Anderen trotz all des Wirrsals
lächeln machte. Wie ein flüchtiges Glück genoß man
der wenigen Minuten ruhigen Beisammenseins. Der
Friede der Familienliebe schwebte über ihnen.
Aber wieder wurde Bewegung in der Straße
hörbar. Die Bürgerschaft, die Schützengilden waren
zusammenberufen. Sie sollten nach der Kapitulation
die Thore und die Wachen in der Stadt besetzen
während dieser Nacht; man konnte darauf rechnen,
sie in Ruhe hinzubringen.
Darner ging ins Komptoir, die Leute zu ent-
lassen; Frank sollte sich auf dem Rathhause erkundigen,
ob für morgen auf ein Unterbringen der Abgebrannten
zu rechnen wäre.
Man bot einander die gute Nacht.
,Aber, lieber Vater,' fragte Dolores,,was
werden wir denn machen, wenn morgen die Franzosen
kommen??
Darner streichelte ihr dunkles Gelock. Er war
weich gestimmt in seiner Zufriedenheit mit seinem
Sohne.
,,Mußt Du mich das erst fragen, Turteltaube?
Gieb Du ihr Antwort, Virginie; was habt Ihr zu
thun?
,Dir zu gehorchen!' sagte sie und hing sich
an ihn.
,,Ein für allemal und unbedingt!'' settte er mit
dem gewohnten Ernst hinzu, küßte sie und Dolores,
gab Justine die Hand und ging mit dem Sohne
davon.
,Ich schicke ihn Dir bald zurück!rr rief er der
Schwiegertochter noch aus der Thüre zu.