Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 31

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Einunddreißigstes =-»==-
Aeif,s'
Als die Männer sich entfernt hatten, eilte Justine
in das Hinterhaus, nach Madame Göttling zu sehen.
Sie fand dieselbe schreibend und in Thränen.
,Was ist geschehen?' rief sie. ,Was hat es
gegeben? Der Vater hat mir gesagt, Ihr hättet
Verdruß mit einander gehabt, aber Du kennst ja
seine Weise, er hat sich nicht darüber ausge-
sprochen.?
, Ob ich sie kenne? Du weißt, wie sehr ich ihn
verehrt, und Du weißt, ich verstehe zu schätzen, was
er trotz der Niedrigkeit, aus der er herkommt, und
trotz alledem, was hinter ihm liegt, aus sich gemacht
hat; obschon-- ich will Dir das jetzt nicht ver-
schweigen, es mir hart zu verwinden gewesen ist,
daß Du trotzdem in die Familie getreten bist.-
, Behalte das auch ferner für Dich!'' unterbrach
Justine sie, mit einem Tone, den ihre Freundin nie
von ihr vernommen.,Halte Dich an Deine Sache,
wenn ich bitten darf!'?
,Ach,' klagte die Göttling, ,ich bin ja nicht un-
dankbar. Ich habe neben Dir, bei ihm bleiben
wollen, so sehr die Tante- ach die arme Tante!'
Und in einen Strom von Thränen ausbrechend, barg
sie ihr Gesicht in ihren Händen.
,Was weinst Du denn? Was ist denn mit der
Tante? drängte Justine.
, Frage mich nicht, ich bin ja noch in seinem
Haus, und wer ihm dient, ist ja sein Gefangener,
sein Sklave; das aber geht zu weit, das darf man
nicht ertragen .. .?
,Du bist außer Dir, Franziska, komm nur erst
zur Ruhe!'' mahnte Justine einlenkend. ,Sage mir

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vernünftig, was hast Du denn gewollt, was hat der
Vater Dir verweigert?'
,,Das eben Dir zu sagen hat er mir verboten!
stieß Madame Göttling hervor und fügte hinzu: ,Aber
was kümmert mich sein Verbot, da ich ihn gerade
jetzt ersucht habe, mich frei zu lassen .. ?
,Du willst fort, fort von uns, Franziska??
fragte Justine mit wachsendem Erstaunen.
,Je eher, je lieber!r rief die Göttling.,Fühl-
los darf der Mensch nicht sein! Zur Fühllosigkeit
laß ich mich nicht verdammen, und es wird auf Dich
zurückfallen, auf Dich zu allermeist! Denn mag sie
auch unzufrieden gewesen sein mit Dir und Deiner
Heirath, mögt Ihr auch wegen Deines Schwieger-
vaters geflissentlichem Prahlen mit dem unglücklichen
Ringe auseinandergekommen sein- sie war und
blieb doch Deines Vaters Schwester, und wenn sie
nach Dir verlangte in ihrer Todesnoth .. .?
,Todesnoth, die Tante? Was sprichst Du da?
fiel Justine ihr erschreckend ein. ,Ich verstehe Dich
nicht, die Tante hätte nach mir verlangt? Wann,;
wann denn??
,, Heute, vorhin, als die angekommenen Russen
im Ausrücken waren! Sie lag im Sterben, sie wollte
Dich sehen, der Doktor kam, um Dich zu holen. r
,, Und, und?? fragte Justine erbleichend und mit
bebenden Lippen.
,,Er hat es nicht erlaubt. Auch mich hat der
Vater nicht zu ihr lassen wollen, zu einer armen
Sterbenden, die . . .?
, Nein, nein, das ist unmöglich!' unterbrach
Justine sie noch einmal.
,Es ist, wie ich Dir sage! ie Tante kann
sterben,: hat der Vater zum Doktor gesagt, wie sie
gestorben sein würde, wäre Justine jetzt mit ihrem

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Sohne in Rußland. Sie sorgen für das Wohl Ihrer
Kranken, ich habe zu sorgen für meines Sohnes
Frau, der sich auf meinen Befehl von ihr getrennt.
Ich hafte für ihre Sicherheit, und wer kann sagen,
daß er den Weg zurückgeht in sein Haus, wenn er
es heute verläßt in dieser Stunde! Niemand verläßt
mein Haus, auch Sie nicht!: hat er mir gesagt, als
ich ihn flehend darum gebeten- und.. ,?
Justine hatte sich niedergesetzt, der Schmerz, der
Schrecken hatte sie überwältigt, die Thränen waren
ihr versiegt.
, Und sie ist todt?' fragte sie tonlos.
, Weiß ich'a? Aber gewiß-- der Doktor sagte,
sie läge im Sterben.?
Juustine hatte sich erhoben und eilte nach der
-ähüre.
, Wo willst Du hin?
, Ze meinem Manne, zum Vater. Ich muß
hin. ?
, Das lohne Dir Gott!'' rief die Göttling ihr
nach.
Justine hatte das Zimmer schon verlassen.
Als sie den langen Gang zwischen den beiden
Häusern durchschritten hatte und in ihre Stube trat,
- kam ihr Frank bereits entgegen.
,, So weißt Du's schon? fragte er, da er in ihr
bleiches, verstörtes Antlitz sah.
, Frank, ist die Tante todt? rief sie ihn an.
Er nahm Justine an der Hand.
,, Leider, ja! Amt Mittag, während man die
Stadt bonbardirte, ist sie verschieden !' antwortete er.
, Schrecklich, schrecklich, die arme Tante, der arme,
arme Onkel-- und John! Der Vater ist zu hart,
das vergebe ich ihm nie!'?
Sie weinte bitterlich, Frank hatte sie an sich
Lewald. Die Familie Darner. l.

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geschlossen und ließ sie ruhig gewähren. Erst nach
einer Weile sagte er, während er ihre Stirn küßte:
,,Es werden heute viele Thränen fließen, aber
der Vater hat wohl gethan, Euch nicht aus dem
Hause zu lassen. Hätte ich es ihm je vergeben können,
hätte er es sich verzeihen dürfen, wenn Dir ein Un-
glück zugestoßen wäre? Auf dem Rathhause, wo ich
die Kunde von der Tante Tod erhielt, waren ver-
schiedene Unglücksfälle bekannt geworden, die heute
geschehen. Hattest Du das Recht, Geliebte, all mein
Glück, all unser Glück- und Hoffen,' setzte er leise
hinzu, ,aufs Spiel zu setzen um der Tante willen,
die mich nie geliebt, Dich mir nie gegönnt hat?
Der Vater hat gehandelt, wie er mußte. Erkenne
ihm dies an, wie ich.?
Justine hatte sich an ihn geschmiegt und schwieg.
,Laß mich jett zu dem Onkel gehen!'' bat sie
nach einer Weile, ,es ist jetzt ruhig in der Straße.
Frank ging mit ihr an das Fenster.
,Ruhig ist's, sagte er, ,aber Dich und mich
darf ich nicht der Möglichkeit aussetzen, daß Dein
Onkel Dich nicht annimmt. ?
,, Und wenn er es nicht thut,'' wendete sie ein,
,so habe ich ihm doch gezeigt, daß ich der Tante
Tod und ihn von Herzen beklagt, daß ich nicht ver-
gessen habe, was ich ihnen danke .. .?
,, Und,' setzte er hinzu, ,daß Du nicht vergessen
darfst, was es für mich heißen würde, könnte er
sagen: Frank Darners Frau ist bei mir gewesen,
und ich habe ihm und seinem Vater bewiesen, wie
ich es gehalten haben will zwischen mir und ihnen.
Ich habe sie fortgeschickt, wie sie gekommen ist!r
Sie verstummte davor.
So blieben sie ein paar Minuten in dem Erker
des Fensters bei einander sitzen.

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Es war neun Ühr. In den Straßen gingen
die Leute, so weit es möglich war, den versäumten
Geschäften nach. Vom Schloßthurm tönte im Hörner-
klang der altgewohnte Abendsegen auf die Stadt
hernieder. Seine Friedensworte: ,Nun ruhen alle
Felder !'' drängten sich Justine unwillkürlich auf die
Lippen, und nach den Ereignissen dieses Tages be-
wegten sie beiden tief das Herz.
,Wenigstens hier ist Frieden und soll Frieden
bleiben!'' sagte Frank mit feierlichem Ernst.
,, Laß mich dem Onkel schreiben, er ist ja so
allein! Er war mein Vormund, er hat Vaterstelle
zp
an mir vertreten und er war immer gut zu mir,
bis.. . sie wagte den Satz nicht zu vollenden.
, Thu's, wenn esDich zufrieden stellt!'' sagteFrank.
Juustine ging an ihren Schreibtisch.
Der Brief wurde sofort abgeschickt, dann begaben
die Eheleute sich hinüber in des Vaters Wohnuung,
ihm eine gute Nacht zu wünschen nach so schwerem
Tag. Sie verweilten aber nicht lange bei ihm.
Als sie in ihr Zimmer zurückkamen, lag Justinens
Brief auf ihrem Tische, Kollmann hatte ihn nicht an-
genommen.
Frank küßte ihr die Thränen von den Auugen,
wies aber ihr Verlangen, morgen noch einen andern
Schritt zu versuchen, das heißt sich selbst zu Kollmann
zu begeben, ab.
, Keinen Schritt und keinen Rückblick weiter!'
sagte er; ,das ist abgethan!' und sie umarmend,
fragte er: ,.st's denn nicht genug, wenn Du mich
hast und uns Alle, muß ich Dich wieder an die wüste
Jnsel mahnen?
, Nein, bei Gott nicht,' betheuerte Justine,,ich
kann nur nicht vergessen-- ach, es thut mir so leid,
so leid! Ich bin ja nicht so fest in mir wie Ihr!-

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,,GGenug, wenn wir es sind, Geliebte!' gab er
ihr zur Antwort, und für die Beiden hatte der
Abendsegen mit seinem sanften Friedenswunsche
mitten in all den Schrecknissen sich wieder einmal
bewährt.
Die Nacht blieb ruhig. Die Bürger wachten
über ihrer Stadt. Am andern Morgen zog Marschall
Soult an der Spitze des siegreichen Heeres ein. Die
alte Hauptstadt des Königreichs Preußen war in der
Feinde, in der Franzosen Hand.
Ende des ersten Bandes.
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Berliner Buchdruckerei-Aktien-Gesellschaft. (Setzerinnen»Schule des LetteVereins.
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