Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 03

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Ein Mann, der in seinem ganzen Wesen etwas so
Gewaltsames und Selbstgewisses hat, wie dieser Lorenz
Darner, macht sich seinen Götzen zurecht wie jeder
Andere. Dafür wird er ihm vielleicht am härtesten
fluchen, wenn dieser Götze ihm das Gewerbe durch-
kreuzt und nicht leistet, was er von ihm erhofft. Ich
wollte, Bonaparte störte uns so wenig als Lorenz
Darners Bewunderung für ihn.?
Wer aber Herrn Kollmann kannte, machte sich
doch seinen Vers daraus, daß er sich das Kaufgeld
für Justinens Haus dis auf den lezten Thaler hatte
zahlen lassen und daß er es, wie das ganze Ver-
mögen seiner Nichte und das Vermögen seiner Frau,
im Auslande, in England, angelegt hatte.
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Darner war klug genug, aus den an ihn ge-
richteten Fragen der Leute wie an ihren Bedenken die
Meinung' zu erkennen, welche sie von ihm hegten.
Beeinflussen oder gar behindern und zurückhalten ließ
er sich durch dieselbe nicht.
Man arbeitete in seinem Komptoir die halben
Nächte durch. Neben dem Königsberger Hauuse hatte
er in Pillau eine Filiale errichtet und einen von
auswärts herübergekommenen Disponenten an deren
Spitze gestellt. Er ging buchstäblich mit vollen Segeln
vorwärts.
Die Verschiffungen, welche sein Haus in Ge-
treide und anderen russischen Produkten nach Eng-
land machte, waren außerördentlich groß; noch größer
die Einfuhr von Manufaktur- und Kolonialwaaren,

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die er unternahm. Speicher um Speicher, selbst leer-
stehende Häuser und Stallungen wurden gemiethet
und belegt. Waarenmassen, welche über den bisherigen
höchsten Bedarf des Landes hinaus, zugleich den je-
mals erhörten Absatz nach Polen und Rußland be-
deutend überstiegen, wurden aufgestapelt; und wenn
man Darners staunenswerthe Thätigkeit auch lobte,
bei der er übrigens seine äußere Gemessenheit nie
verlsr, wenn man seine glänzende Gastfreiheit auch
bereitwillig annahm, fing es doch an, den und jenen
seiner Standesgenossen zu verdrießen, sich in der
kaufmännischen Welt wie in der Gesellschaft durch
einen fremden Eindringling, durch einen in Königs-
berg eben erst etablirten Mann in die zweite Linie,
in den Schatten gestellt zu finden.
Man kam sich neben diesem Großhändler krämer-
haft vor, wenn man es gegeneinander auch nicht
aussprach; aber als der Krieg immer sicherer heran-
nahte, als vorsichtige Kaufleute ihre Unternehmungen
einzuschränken, ihre Kapitalien so weit als möglich
sicher zu stellen suchten, während Darner völlig sorg-
los zu sein und seine Geschäfte nur immer rascher
auszudehnen schien, konnte man es von dem Einen
oder Ander wohl vernehmen, Darner sei entweder
ein Genie oder ein Narr, wenn nicht etwas Schlimmeres.
Er spielte sein großes Spiel zwischen einem Millionär
und dem Bankerott, denn nicht allein die Speicher,
auch die Schiffe, die leichten Bordinger, nehme er,
so weit er ihrer habhaft werden könne, in Beschlag,
um das Lichten aus den großen Seeschiffen in Pillau
und die Rückfracht nach den Schiffen ganz in seiner
Hand zu haben; und ebenso sei es mit den Fracht-
fuhrleuten, mit denen er einen regelmäßigen Verkehr
von und nach der Grenze eingerichtet habe. Wenn
in dem einen Monat all seine Räume voll Kalikos

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und Tuchen, voll Zucker und Kaffee gelegen hatten,
so schüttete man im nächsten Monat die Böden hoch
mit Roggen und Weizen auf, lagerte man Flachs,
Hanf und Del in den Räumen und entleerte sie
wieder in die Bordinger, welche englische Fayence
und Eisenwaaren von Pillau herübergebracht hatten.
Englische, holländische und russische Geschäfts-
freunde, der Franzosen nicht zu vergessen, kamen und
gingen unablässig. Es wurde im Darner'schen Hause
unter Madame Göttlings bewährter Leitung fast offene
und glänzende Tafel gehalten, und trotz Darners
Bewunderung für Napoleons Alles zusammenfassenden
Herrschergeist wurden, ohne daß man das würdige
Ansehen des Willberg'schen Hauses damit aufhob,
englische Bequemlichkeit, englische Lebensweise und
englischer Luxus in demselben so unmerklich einge-
führt, russische Ausfuhrartikel so vielfach benütt, daß
sogar Madame Göttling sich selbst und ihre bisherige
Kleidung und Gewohnheiten allmälig umgemodelt
fand, ohne recht sagen zu können, wie sich das an
ihr vollzogen habe.
Das aber war es, was die Achtsamkeit und den
Antheil der Frauen erregte und Darner immer wieder
und unablässig zum Gegenstand der Unterhaltung und
der Neuugier für sie machte.
Die Göttling, welche bis dahin in bescheidener
Stellung neben Justinen gelebt, wurde plötzlich ge-s
sucht, seit Darner es gewagt, zu seinen Mittagsbroden
nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen
einzuladen; und auch hier war es Kollmann gewesen,
der seine Frau zuerst zu einem kleinen Essen zu
Vieren mitgebracht.
Wenn dann die Göttling bei ihrer Justine
vorsprach oder den weiblichen Gästen Darners den
nöthigen Besuch erwiderte, so hatte man Mühe, in

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der Dame, welche den feuerfarbenen englischen Shawl,
wie es sich gehörte, in schönen Falten über den linken
Arm geschlagen hatte, welche den feinen englischen
Strohhut mit weißen Federn auf dem Kopf und
zur Winterszeit den russischen Blaufuchspelz trug,
die frühere Göttling wiederzuerkennen. Dafür aber
wußte Madame Göttling es sehr wohl, welchen Be-
weggründen sie die plötzliche Beachtung der reichen
Frauen zu verdanken habe.
Die Darner'sche Einrichtung, seine Service von
Sevres, sein Vermeille, seine russischen Silbergeräthe,
sein englischer Wagen, für den der Kutscher und die
Pferde und der Stallknecht mit einem der Schiffe
gekommen waren, machten die Unterhaltung in den
Kaffee- und Theegesellschaften der Mütter, wurden
von diesen wie von ihren Töchtern nach Gebühr
geschätt, besonders, da ein reicher Mann sie zu
bieten hatte, der, obschon nicht mehr jung, doch
noch in den besten Jahren war und ganz vortreff-
lich aussah. Freilich war er Wittwer, hatte Kinder,
und Stiefkinder sind keine angenehme Zugabe für
junge Frauen. Indeß, es hatten ja so viele Frauen
Stiefkinder in ihre Ehen mitbekommen und waren
damit fertig geworden, selbst wenn die Verhältnisse
nicht so glänzend gewesen waren, wie die Darner'schen
sich boten.
Manch einer, welcher nicht selber mit einer
heirathbaren Tochter oder Nichte gesegnet war, also
freie Hand besaß, hatte es Darner wohl gelegentlich
angedeutet, wenn man in guter Laune beim Wein
gesessen, daß eine junge Frau aus gutem Hause bei
seinen Mittagsbroden sich ihm gegenüber in der Mitte
der Tafel sehr wohl ausnehmen würde. Andere
hatten ihm zu bedenken gegeben, daß eine Arbeit,
wie er sie sich zumuthe, des Ausruhens neben einer

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hübschen Frau bedürfe. Er hatte dazu nicht ja,
nicht nein gesagt, und man hatte angefangen es zu
bemerken, daß er öfter und öfter das Theater be-
suchte, daß er es niemals unterließ, in die Loge von
Madame Kollmann einzutreten, und das machte denn
auch wieder von ihm sprechen.
Dachte Darner wirklich an eine Heirath mit
der schönen Justine? Hatte Kollmann sich so weit
mit ihm eingelassen, hatte er solche Vortheile durch
ihn, daß er darüber seinen Plan aufgegeben, Justine
mit seinem John zu verbinden? Fragen, geradezu
fragen, konnte man darum weder Kollmann noch
Darner, und von der Göttling war nichts heraus-
zubringen.
Sie sei nichti des Herrn Vertraute, sagte sie,
und Herr Darner spreche überhaupt von sich, von
seinen Plänen und von den Seinen nicht. Was er
wolle, das wolle und thue er. Sie sehe das an
jedem Tag, und das schätze sie an ihm. Nur das ,
eine glgube sie: ganz so jung, als man sich seine ,
Kinder denke, könnten sie nicht sein.
Es ließ den Müttern und den Töchtern keine s
Ruhe mehr! Was wußte die Göttling und was !
wußte sie nicht? Betrieb vielleicht gerade sie die s
Heirath mit Justine, um sich damit für immer im s
Darner'schen Hause festzusetzen wie früher in dem s
Willberg'schen? Und was dachte Justine?
Abgeneigt war sie dem jetigen Besitzer ihres s
Hauses keineswegs; mit ihrem Vetter John hatte ße s
immer gut gestanden, doch nie eine besondere V?r- s
liebe für ihn gehabt, und sie zeigte allen ihren s
Freundinnen, ohne daß sie darum gebeten wurde, das s
goldene Nähkästchen, das ihr Darner zum Geburtstag s
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