Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 04

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Sevresporzellan, eine englische Equipage waren
etwas gar zu Schönes! Türkische Shawls, englische
Strohhüte und russisches Pelzwerk kleideten so vor-
trefflich! Darner hielt die Frauen sehr in Athem,
und das Geheimniß, das ihn umschwebte oder in
das es ihm gefiel, sich zu hüllen, gab ihm nur einen
größeren Reiz für ihre Phantasie.
Biertes Kapitel!
Ganz andere Fragen und Sorgen aber als
jene, mit denen die Frauen sich beschäftigten, nahmen
den Sinn der Männer in Anspruch, denn die sieg-
reichen Heere des französischen Kaisers rückten mit
nngeahnter Schnelle in Deutschland vorwärts. Die
feindlichen Absichten gegen Preußen wie gegen Eng-
land lagen zu Tage; man mußte auf eine Gewalt-
that gefaßt sein, und wie lange das Meer frei bleiben
werde, war nicht zu berechnen.
Es galt jett, von der Nothwendigkeit gedrängt,
es womöglich Darner nachzuthun. Was man über
See in das Lgnd einzuführen oder ebenso aus dem-
selben noch fortzubringen dachte, das mußte in aller
Eile geschehen, und man hatte daneben doch auf die
in Aussicht stehenden Bedürfnisse großer Truppen-
massen zu rechnen und Vorräthe bereit zu halten,
die einen ungewöhnlichen Gewinn bringen, ebenso
gut aber durch feindliche Beschlagnahme verloren
gehen konnten. Zuversicht und Befürchtung, wagende
Unternehmungslust und zaghaftes Bedenken arbeiteten
in allen nordischen Seestädten mit gleichem Eifer an
der Ausführung ihrer Absichten.

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Der Hafen lag voll Schiffe; alle Arbeiter, die
Lastträger, die Fuhrleute, die Schiffer verdienten
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schweres Geld, die Kapitäne waren an der Börse
wichtige Leute, und selbst die vornehmen alten
Kaufleute, wie der Kommerzienrath Berkenhagen,
der sonst nur durch seinen Disponenten mit den
Kapitänen verkehren ließ, verschmähten es nicht, jetzt
selber mit ihnen darüber zu verhandeln, ob es
möglich oder nicht möglich sei, mit Bugsiren bis ins
Haff hinauszukommen und dann mit halbem Winde
vorwärts zu gehen, um ein paar Stunden zu
gewinnen.
,. Anna Luise'r führte, unter der Mittelthür der
Börse, als Darner von der Brücke in das Gitter
derselben eintrat und die breiten Stufen hinaufstieg.
Der Kapitän wandte sich zufällig um, und
sichtlich überrascht, als er Darners ansichtig wurde,
rief er:
,Ja, freilich, Ihr seid's ja! Habt Euch gut
gehalten!r
Darner jedoch achtete des Anrufs nicht, sondern
ging, ohne sich umzusehen, in das Haus.
Der Kapitän lächelte:
, Hatte schon davon gehört! Arbeitet auch hier
im Großen! Ist vornehm geworden! Kennt mich
nicht mehr! Kenn' ihn um so besser!'' setzte er,
ihm nachblickend, hinzu.
Ein dritter, der nicht weit davon stand, hatte
bemerkt, daß etwas vorgegangen war; aber was der
- eine gefragk, was der andere berichtet, das hatte
der dritte nicht vernommen. Der Kommerzienrath
und Kapitän Schwenten hatten sich auch nicht lange
dabei aufgehalten. Sie hatten Wichtigeres zu be-

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sprechen gehabt, und Nachmittags war die Anna
Luise schon aus dem Hafen hinaus und auf ihrem
Weg zur See.
Ein paar Tage später erzählte man sich jedoch
an der Börse und ebenso am Abend in der Kauf-
mannsressource, Kapitän Schwenten solle sonderbare
Dinge über Darner ausgesagt, schließlich aber hinzu-
gefügt haben, ein Geschäftsmann sei Darner dabei
freilich, wie es keinen zweiten gebe. Er sei der Na-
poleon unter den Kaufleuten, und die holländischen
und englischen Häuser, welche ihn benützt und ihm
seiner Zeit die Hand geboten, hätten wohl gewußt,
weshalb und wem sie das gethan. Er habe von je
eine Umsicht und Voraussicht gehabt wie die Pro-
pheten oder wie der Gottseibeiuns. Auch an That-
kraft und Entschlossenheit komme ihm keiner gleich.
Als er noch Superkargo für ein holländisches Haus
gewesen, das viel zwischen der Goldküste und Bra-
silien gearbeitet und im Sklavenhandel Millionen ge-
wonnen, habe er einmal die ganze Fracht Menschen-
waare allein durch seine Energie, unter dem Kugelregen
eines Kapers, in den Hafen gebracht. Das sei der
Anfang zu seinem Glücke gewesen, das man ihm ja
gönne, denn er habe was durchgemacht im Leben.
Nur den Hochmüthigen müsse er nicht spielen gegen
Leute, die viel reden könnten, wenn sie wollten.
Wie das Gerede von der Börse in die Komptoirs,
so drang es aus der Ressource in die Wohnstuben
der Familien und natürlich auch zu Madame Koll-
mann. Sie hatte gerade eine Kaffeegesellschaft bei
sich, und man war im vollsten Erzählen und Ver-
muthen, im Deuten und Ergänzen, als Herr Koll-
mann eintrat, um mit gewohnter Höflichkeit den
versammelten Damen sein Kompliment zu machen.
Bei seinem Erscheinen ward es plötzlich still.

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Dieses Schweigen verrieth ihm, wovon man
sich unterhalten hatte; die Frau des schwedischen
Konsuls ließ ihn darüber auch in keinem Zweifel.
Sie war eine norwegische Predigerstochter, die sich
zu den Stillen im Land hielt, die großen Gesell-
schaften und jeden Luxus vermied, was bei dem be-
schränkten Einkommen der Familie sehr zweckmnäßig
war. Aber eben deshalb maßte sie sich das Recht
an, den Sittenrichter in dem Kreise ihrer Bekannten
vorzustellen.
,Gut, daß Sie kommen, Herr Kollmann,' rief
sie ihm entgegen, ,denn von Ihnen wird man am
zuverlässigsten erfahren können, was jman von den
Gerüchten über den Herrn Darner zu glauben und
wie man sich darnach gegen ihn zu verhalten haben
wird.?
Und nun schwirrten die Fragen -und die Er-
zählungen in einer solchen Hast durcheinander, daß
ein Antworten darauf geradezu unmöglich war.
Man sprach von Darners geringer Herkunft,
von dem schlechten Namen seiner Eltern, und was
die eine der Damen nur vermuthete, das wußte die
andere ganz bestimmt und das überbot die dritte
durch selbstgezogene, ihr für unfehlbar geltende
Schlüsse.
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Endlich, da das Herumgeben einer neuen süßen
Speise den Redefluß für eine kleine Weile hemmte,
fragte Kollmann:
,, Und das alles soll der Kapitän dem alten
Berkenhagen kundgegeben haben??
,Freilich!'r versicherte die Konsulsfrau. ,Alle
Welt spricht davon, und mein Mann sagt, Kapitän
Schwenten sei ein vetläßlicher Mann.'?
,Das ist erlr bekräftigte Kollmann. ,Er ist,
ehe er sein eigenes Schiff hatte, früher für mich mit

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dem ,Nordsternf gefahren. Ich kenne ihn genau.
So viel auf einmal hat der Mann aber sein Leb-
tag nicht gesprochen, am wenigsten, wenn er wie
vorgestern gleich in See zu gehen hatte. ?
,Daß Darner von schlechter Herkunft ist, daß
er einen schlechten Namen auf die Welt gebracht
hat und daß er aus seinem Vaterland hat flüchten
müssen, das hat Schwenten ganz bestimmt gesagt!'
wiederholte die Armfield, die nicht leicht aus dem
Feld zu schlagen und über des Hausherrn Ab-
weisung empfindlich war.
Kollmann aber war, da er wie jeder hervor-
ragende und vornehme Mann von Neid und Nebel-
wollen sein Theil im Leben zu tragen gehabt, ein
Feind alles Geredes und Geklatsches.
,, Hat Herr Darner sich denn einer vornehmen
Herkunft jemals schon gerühmt?' fragte er.
, Ich möchte wissen, wie er das machen sollte,
wenn er keinen ehrlichen Namen hat!'' meinte eine
der Frauen, deren Mann es vergebens versucht
hatte, mit Darner in Geschäftsverbindung zu treten.
,,Nun,'' entgegnete Kollmann, wenn seine Eltern
ihm einen schlechten Namen hinterlassen haben, was
doch in keinem Falle seine Schuld gewesen sein kann,
so ist ihm freilich nichts übrig geblieben als sich
einen guten Namen zu machen, und das hat er
gethan!''
,Also die Sache mit dem Sklhvenschiff und von
dem Superkargo glauben Sie auch nicht?? fragte
eine dritte.
,Daß er drei Jahre lang als Superkargo für -
ein holländisches Haus engagirt gewesen ist, das weiß
ich von ihm selbst,'' entgegnete Kollmann.
,Ja,' fiel Justine ein, ,und er hat es uns
hier erzählt, daß er zwischen Guinea und Brasilien

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gefahren ist und daß er einmal sein Schiff nur mit
genauer Noth vor Seeräubern geborgen hat. Er-
innere Dich, Tante, er beschrieb es, daß man's mit
erlebte, und der Onkel sagte nachher: ,arner kann
wirklich, was er will. Auch als Reisebeschreiber
würde er Glück machen !?
Die Gäste von Madame Kollmann sahen ein-
ander an und dachten sich dabei ihr Theil. Zu ver-
denken war es Justinen nicht, wenn sie Lust hatte,
in ihr Vaterhaus zurückzukehren, nun es so prachtvoll
eingerichtet war. Aber wo blieb denn des Onkels
Absicht mit Justine und mit John?
Weil man das nicht fragen konnte, bemerkte
eine der Frauen:
, Mein Mann hat Recht, wenn er immer sagt,
Sie wären im höchsten Sinn der Freund Ihrer
Freunde, Herr Kollmann! Das zeigen Sie auch jetzt,
Herr Kollmann; aber wenn denn Darner. doch wirk-
lich auch Sklaven überführt hat--r
Kollmann wurde ungeduldig.
,, Lassen Sie uns zu Rande kommen, meine
Damen,? sagte er, ,gleichviel, was Schwenten gesagt
hat oder nicht gesagt hat! Lassen Sie uns nicht die
Kleinstädter spielen und Nachgrabungen in einem
fremden Lande halten und Splitterrichterei treiben in
einem Fall, der uns nichts gngeht, wenn wir uns
nicht ganz absichtlich mit ihm beschäftigen wollen.
Was verlangt der Mann denn von uns? Er hat
sich hier niedergelassen und macht Geschäfte. Wollen
wir sie nicht mit ihm machen, nicht mit ihm ver-
kehren, so haben wir's nicht nöthig. Das ist unsere
Sache, das andere die seine. Wer keinen Namen
mit auf die Welt bringt, muß sich einen machen!
Wer kein Geld hat, muß sehen, wie er durch seine
Arbeit dazu kommt, als Kaufmann, als Gelehrter,

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als Handwerker oder als Superkargo, gleichviel!
Und welcher Superkargo hat darnach zu fragen,
womit das Haus, in dessen Dienst er für so und so
viel Zeit gebunden ist und für das er geht, sein
Schiff befrachtet? Er hat die ihm konsignirte Fracht,
ob Pulver oder Roggen, ob Elfenbein oder Schwarze,
vor Schaden zu bewahren, intakt abzuliefern und
damit gut! Hat er auf dem Schiff, das er geborgen,
Menschenleben gerettet, so waren das gerettete
Menschenleben, gleichviel, ob weiße oder schwarze.
Blicken Sie doch um sich, meine Damen! Fragt
Napoleon seine Marschälle nach ihren Vätern?
Dürfen sie ihm sagen, wohin sie gehen, und was
sie thun wollen oder nicht thun wollen? Er nimmt
sie, wo er sie findet, giebt ihnen Namen, wenn sie
keine haben, braucht sie, wozu ihm's paßt. Er hat
zu befehlen, sie haben zu gehorchen. Er und sie
haben zu wagen und zu sehen, was sie erlangen
können. Das ist jetzt der Lauf der Welt! Wer, wie
wir alten Firmen hier, besser sein will als unsere
Zeit, der thut's-- freilich auch auf seine Gefahr
und Kosten. Aber wer erst emporzukommen hat,
der muß mit dem Strom schwimmen, und das thut
Darner mit all seiner Kraft. Lassen Sie ihn schwimmen,
bis er auf Ihrem Grund und Boden an das Land
gehen willt'?
Es waren das Aussprüche, wie man sie von
Männern von Kollmanns Schlag wohl gelegentlich
aussprechen hören konnte, obsche er und mancher
andere mit ihm im betreffenden Fall gewissenhafter
zu handeln pflegte, als jene Aussprüche es erwarten
ließen, und obschon dieselben Männer sehr peinlich
auf das Herkommen hielten, sobald es sie und ihre
Familien betraf. Kollmann hatte indeß heute seinen
Gefallen an dem Erstaunen, das er erregte, während

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er doch gleichzeitig darauf bedacht war, sich den Rück-
zug für alle Fälle offen zu halten.
,, Die Emporkömmlinge sind jetzt Herren der
Welt mit ihrem Franzosenkaiser an der Spitze,
sagte er. ,Wer darf ihn jetzt noch daran erinnern,
das; er der Advokatensohn aus Korsika ist, der sich
das Tuch zum Lieutenantsrock borgen mußte? Die
Potentaten beugen sich vor ihm, der dem Murat
seine schöne Schwester zur Frau gab, ohne sich darum
zu kümmern, ob Muuat vorher Koch oder Kellner
gewesen ist. Und ihn zu heirathen hat ja Darner
hierorts, soviel ich weiß, noch von Niemand begehrt;
es hat's auch Niemand nöthig. Die Hauptsache ist,
wenn Baring Brothers und Hope mir sagen, der
Mann ist gut, so ist er gut! Im Nebrigen lassen
wir ihn gehen, bis er- ich wiederhole es-- in
unsern Weg kommt!'
Damit gab er den ihm zunächst sitzenden Damen
noch mit freundlichen Worten die Hand und verließ
den Saal.
Das Heirathen aber, das war es gerade! Das
war die Ursache, aus welcher das Gerede über Darner
nicht recht aufkam und trotzdem doch nicht einschlief
unter den Frauen und der Kaufmannswelt. Darner
war eine gar zu gute Partie!
Was bedeutete es, daß Justine ihn so warm
vertheidigte? Weshalb zögexte man, sie mit John
Kollmann zu verbinden, nun er die Rigaer Komman-
dite des Hauses selbstsländig führte? Er war vier-
undzwanzig Jahre, Justine hatte zwei Winter hin-
durch alle Bälle mitgemacht und war bald neunzehn
Jahre alt. Weshalb hatte man die Verlobung nicht
vollzogen, als John nach beendeter Schifffahrt in
Königsberg gewesen war? Wollte Justine beide an
der Hand behalten, wollte sie sich das Vergnüügen