Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 05

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machen, ihres Vetters Dank dadurch zu steigern, daß
sie um seinetwillen Darner ausschlug?
Dazu war der Mann in reifen Jahren doch zu
schade! Ihn zum Spielzeug zu benützek, war ein
schweres Unrecht, war eine schlimme Koketterie von
Justine, die sich Alles erlauben zu dürfen glaubte,
weil sie so schön, weil sie die reiche Erbin war!
Mit einem Vorurtheil gegen Darner war man
bei Madame Kollmann angelangt; mißtrauisch gegen
sie, gegen ihren Mann und eingenommen gegen ihre
Nichte, verließ man sie; denn der Wind springt in
Sturmeszeiten oft rasch und unerwartet um, die
Meinung der Menschen noch weit schneller! Und
stürmisch war die Zeit.
Jüünftes Kapitel'
Krieg und Friedensschlüsse und neue Kriegs-
erklärungen folgten einander in einer Eile, wie man
dergleichen nie erlebt hatte. Desterreich war besiegt,
Hannover, an Preußen gefallen, war ihm wieder
genommen worden. Preußen und Sachsen hatten
sich gegen Napoleon vereinigt, die Schlachten bei
Saalfeld und Auerstädt waren verloren, der preußische
Hof nach Königsberg geflüchtet, Napoleon im No-
vember des Jahres 1806 in Berlin eingezogen und
von dort aus der furchtbare Schlag gegen England
von ihm geführt worden: die Kontinentalsperre war
erklärt.
Das Preußen Friedrichs des Großen schien
niedergeworfen für alle Zeit. Von Westen und
Süden zogen die Heere Napoleons heran, die in

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Polen Fuuß gefaßt hatten. Die preußischen Festungen
waren in der Hand der Franzosen. Was von dent
preußischen Heere noch übrig war, hatte sich in
Ostpreußen zusammengefunden, und wie unter dem
Druck schwerer Gewitterwolken sah man dem Ausbruch
des Unheils entgegen, das nicht lange auf sich warten
lassen konnte.
Der Winter war früh hereingebrochen, die
Schifffahrt, die im Norden stets zeitig eingestellt
werden muß, hatte ohnehin durch die Kontinental-
sperre ihre freie Bewegung verloren. Der Handel
war plötzlich gelähmt.
Das Bestehen der ältesten Firmen stand überall
in Frage. Die größten wie die kleinsten Häuser,
sofern sie direkte überseeische Geschäfte betrieben oder
mit ihren Kapitalien in denselben betheiligt waren,
hatten schwere Verluste zu beklagen.- Selbst der
vorsichtige Kollmann, der das Vermögen seiner Frau
und Nichte in England angelegt, war doch in seiner
Rigaer Kommandite von beträchtlichen Einbußen nicht
verschont geblieben. Darner allein stand sicher und
unangetastet da.
Er allein in Königsberg mußte ofsenbar auf
irgend eine Weise von der Möglichkeit oder Wahr-
scheinlichkeit der bevorstehenden Kontinentalsperre
Kunde gehabt haben und das machte ihn mit einem
Schlage zum Millionär.
Er hatte keine Ladung mehr auf See. Sein
Getreide, all seine russischen Produkte waren noch
suur rechten Zeit verschifft. Der große Christoph,
ebenso wie seine anderen Speicher, lagen bis auf
den letzten Boden voll von Kolonialwaaren. Mit
holländischen Schiffen und Frachtbriefen rechtzeitig
eingegangen, waren sie vor einer Beschlagnahme, wie
sie in Hamburg erfolgt war, gesichert, und konnten
Lewald. Die Familie Darner. l.

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bei dem vorauszusehenden großen Bedarf eben dieser
Produkte zu nie dagewesenen Preisen verwerthet
werden, so daß Darner dadurch rasch die Waare in
die Hand bekam, welche ihm für seine eigentlichen
Pläne und Spekulationen neben seinen großen Krediten
jetzt die nöthigste war: das baare Geld für seine
Bankgeschäfte.
Er beherrschte die ganze Thätigkeit des Platzes.
Ueberall sprach man nur von ihm, bewunderte man
seine Erfolge. Weil. das Bewundern aber eine
schweigende Erklärung der Unterordnung in sich schloß,
welche auf die Länge Manchem immer unbequemer
erschien, fing man an, erst leise, dann lauter darüber
zu reden, daß diesem Herrn Darner doch auch von
französischer Seite besondere Wege offen gestanden,
daß er besondere Verbindungen gehabt, besondere
Mittel angewendet haben müsse, um so gut unter-
richtet und vorbereitet gewesen zu sein, als es sich
erwiesen.
Man betonte dies Besondere in besonderer Weise.
Man nahm sich aber doch in acht, irgend etwas Be-
stimmtes gegen Darner auszusprechen, denn man hatte
einen Mann von so außerordentlicher Wirksamkeit
zu schonen, hatte auch nicht nöthig, gewissenhafter und
bedenklicher zu sein als Kollmann, der wohl von
Darners Nachrichten und von seiner Freundschaft
manchen Vortheil gezogen haben mochte. Man fragte
Kollmann nur öfter und öfter, was er denn von
Darner und von all seinen ausländischen Nachrichten
halte; und die Art und der Blick, mit denen man es
that, sprachen aus, was die Fragenden nicht über
ihre Lippen gehen ließen.
Es sei doch eine eigene Sache, meinte man, mit
einem landfremden Manne, wenn er von dem Vor-
haben der Landesfeinde so lange im voraus und so
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auffallend gut unterrichtet sei, wie Darner es gewesen
sein müsse. Ee bleibe fraglich, ob und welche
Gegendienste er vielleicht bei seiner Kenntniß der
inländischen Zustände dafür zu leisten gehabt habe.
Den einzelnen Bürger gehe das zunächst allerdings
nichts an, so setzte man vorsichtig hinzu, es sei jedoch
befremdlich, daß die Behörden in so kritischen Zeiten
auf einen Mann wie Darner nicht ein wachsames
Auge hätten. Vielleicht hätten sie es aber auch, und
ließen ihn nur bis zu einem entscheidenden Augenblick
gewähren.
Andere wieder nannten es die natürlichste Sache
von der Welt, daß Darner durch seine Verbindungen
mit den großen Londoner und Amsterdamer Firmen
und durch deren Beziehungen zu den großen fran-
zösischen Häusern, zu Ouvrard und den Laboucheres,
von den gegen England geplanten Unternehmungen
Kenntniß besessen, und seinen Vortheil davon gezogen
habe. Aber es wäre in dem Falle freilich die Pfhicht
eines Ehrenmannes gewesen, bemerkte man daneben,
sein Wissen nicht für sich allein zu behalten, sondern
es seinen Mitbürgern und der Regierung des Landes
kund und nutzbar zu machen, in welchem er als
Grundbesitzer und als Kaufmann ansässig, als Bürger
vereidigt war!
Man sagte dies und, das! Nur daß viel Muth
dazu gehöre, auf politisch mögliche Ereignisse hin,
die doch immer eine Aenderung erfahren konnten, ein
großes Wagniß zu unternehmen, das allein sagte
f man sich nicht. Man dachte auch nicht darüber nach,
was man von Darners Mittheilungen gehalten und
wie man über ihn geurtheilt haben würde, wenn die
politischen Verhältnisse einen andern Lauf genommen,
wenn der Sieg den französischen Waffen nicht treu
geblieben und die Kontinentalsperre nicht zur Aus-

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führung gekommen wäre, wenn Darner in dem Maße
verloren hätte, in welchem er jett gewonnen, und
wenn man durch seine Mittheilungen Schaden erlitten
hätte. Man wollte bem Manne, der Alle überflügelt,
gerne etwas anhaben, um ihn herabzuziehen. Indeß
er hatte nirgends sich eine Blöße gegeben, denn noch
während der Neid ihn als einen Emissär der Fran-
zosen zu verdächtigen trachtete, erfuhr man, daß er
dem Hofstaat des Königs durch die betreffenden Be-
hörden aus seinen Vorräthen Alles, was für die ge-
flüchtete Königsfamilie aus denselben nütlich oder
erwünscht sein konnte, mit großer Freigebigkeit zur
Verfügung gestellt hatte.
Noch ehe man es gefordert, hatte er sich erboten,
außer der Einquartierung, welche jedem Bürger auf-
erlegt werden mußte, in seinem Hause ein paar Zim-
mer zur Unterbringung von solchen Beamten herzu-
geben, welche aus den höchsten Behörden dem Könige
gefolgt waren; und seine Zuvorkommenheit für diese
Gäste hielt, was man in Folge des freiwilligen An-
erbietens irgend nuur erwarten konnte.
So war der Herbst zu Ende gegangen, die
Weihnachtszeit herangekommen. Nur die harmlosen
Kinder hatten sich ihrer zu erfreuen vermocht. Das
Jahr hatte nur wenige Tage noch zu dauern und
diese kurzen, lichtlosen Tage mit ihren langen Näichten
drückten und lasteten schwer auf den Menschen, vor
denen noch keine Aussicht auf eine bessere Zukunft
sich aufthun wollte.