Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 06

==- ZF-
HecTleS ==z- -=-
Sfif,s'
Die Börsenzeit war lang vorüber. Man hatte
im Darner'schen Hause bereits zu Mittag gegessen.
In dem großen, dreifensterigen, nach dem Pregel ge-
legenen Zimmer seines Hinterhauses, das Darner
bewohnte, begann es dämmerig zu werden, aber man
sah noch deutlich die Masten und Raaen der Schiffe,
die nun bis zum Frühjahr im Hafen vor Anker
lagen, und die Aeste der kahlen Bäume in dem
kleinen Garten vor dem Hause, -die sich unter dem
Druck des Nordwestwindes knarrend bewegten, so
daß der Schnee von ihnen, durch das Halblicht sicht-
bar, niederfiel. In dem englischen Kamin brannte
ein starkes Feuer.
Darner ging, eine Eigarre rauchend, die damals,
im Gegensat zu den Tabakspfeifen, noch eine neuue
Mode in Preußen war, langsam in dem Raum auf
und nieder, die Göttling erwartend, die er hatte
rufen lassen. Als sie eintrat, blieb er stehen.
,,Sind Sie davon unterrichtet,'' redete er sie an,
,, daß Oberst von Kranzler morgen in der Frühe das
Haus verläßt?'?
Sie verneinte es.
, Er hat es mir eben gesagt,' fuhr Darner fort.
,, Sie haben vor ein paar Stunden Marschordre er-
halten. Er und seine Leute haben sich gut betragen.
, Er ist ein formvoller Mann. Sorgen Sie dafür,
daß seinem Diener morgen ein schicklicher Imbiß für
ihn mitgegeben werde. Es trifft sich übrigens gut,
daß er uns heute verläßt, denn ich erwarte über-
morgen gegen Mittag die Ankunft meiner Kinder
und wollte Ihnen ohnehin sagen, daß die Eintheilung
der Zimmer darnach geändert werden muß. ?

-=- ZFZ -
Die Göttling, plözlicher Entschließungen und
Anordnuungen von seiten Darners sehr gewohnt, war
trotzdem überrascht und konnte dies nicht verbergen.
Darner beachtete es nicht, ließ ihr auch zu einer
Frage keine Zeit.
, Ich habe meine Töchter durch meinen Sohn
aus dem Pensionat abholen lassen, um sie fortan
bei mir zu behalten,'' sagte er. ,Für die Mädchen
richten Sie gefälligst die beiden Stuben neben der
Ihren ein, für Herrn Frank die Stube und das
Kabinet im Vorderhause, welche der Ajutant inne
gehabt hat, und sehen Sie darauf, daß die Zimmer
einen wohnlichen Eindruck machen. Ich verlasse mich
in dem allem auf Sie und rechne natürlich darauf,
daß Sie fortan für meine Töchter wie für Made-
moiselle Justine eine sorgsame Führerin sein werden.?
Die Göttling versicherte, sie werde ihr Bestes
thun, erlaubte sich aber, zu fragen, ob die jungen
Damen oder der Herr Sohn eine Bedienung bei
sich hätten.
Darner verneinte das.
,Der Kurier, der sie begleitet,'' sagte er, ,geht
sofort zurück!? Dann aber setzte er hinzu: ,Sollte
es sich übrigens herausstellen, daß Sie eine Person
mehr im Hause zur Bedienung meiner Töchter
brauchen, so suchen Sie dafür ein Mädchen, das
kein schlechtes Deutsch spricht. In den Pensionen
wird das Deutsch fast immer hintangesetzt, und ich
will, daß sie sich frei darin bewegen lernen. Meinem
Sohn ist es ganz geläufig.?
Die Unterhaltung war damit beendet. Darner
ging in das Komptoir hinunter, die Göttling nach
den Zimmern des zweiten Stocks, um in denselben
gleich die geforderten Vorkehrungen treffen zu lassen,
so weit das während der Anwesenheit der militärischen

-=- Zß --
Gäste zulässig war; aber sie hatte ihre Gedanken
nicht so wie sonst beisammen. Die Aussicht, vom
nächsten Tag ab einen ganz veränderten Hausstand
zu haben, und neue ernste Pflichten auf sich nehmen
zu sollen, beschäftigte sie lebhaft, denn sie vermochte nicht
zu jbersehen, was ihr damit auferlegt werden würde.
Sie wußte von Darners Familie und überhaupt
von seinen früheren Lebensverhältnissen, obschon sie
nun drei Jahre in seinem Hause waltete, nicht viel
mehr als alle Andern auch. Nur daß seine Töchter
Zwillinge, daß sie und sein Sohn Stiefgeschwister
und im Alter sehr verschieden wären, das hatte sie
auus des Vaters gelegentlichen flüchtigen Mittheilungen
entnommen. Da er aber weder von seinen Frauen
sprach, noch jemals geäußert, was er für seine Kin-
der beabsichtige, hatte sie sich gedacht, daß er un-
glücklich in seinen Ehebündnissen gewesen und das;
die Erinnerung an ihre Mütter sein Herz auch gegen
seine Kinder erkaltet haben müsse. Bei ihrer Stel-
lung und bei Darners Eigenart hatte sie es ebenso
für geboten gehalten, ihn um nichts zu befragen,
was ihr anzuvertrauen er nicht von selbst geneigt
gewesen war, wie sie andererseits es für schicklich
gehalten, von demjenigen, was sie wußte oder ver-
muthete, gegen dritte, selbst gegen die Kollmann'sche
Familie und gegen Justine, nichts laut werden zu lassen.
Darner hingegen hatte seit Jahren alle seine
Schritte mit Rcksicht auf seine Kinder gethan. Er
liebte sie als seine Geschöpfe, als sein Eigenthuum.
Er hatte ihnen das Leben gegeben, er trennte also
sie und sich in seinen Gedanken nicht einen Augen-
blick; und wie er sich und seine Hand und seinen
Arm, seinen Kopf und sein Herz als sein eigen be-
saß und zu seinem Besten nach Kräften ausgebildet
hatte, so wollte er es auch mit seinen Kindern halten.

== gß --
Schon als er das erstemal nach Preußen ge-
kommen war und Strandwiek gekauft, hatte er daran
gedacht, sie um sich zu versammeln. Er war jedoch,
wie er das bald nach seiner Ankunft in Königsberg
auf Befragen ausgesprochen, nach kurzem Versuch, in
der Einsamkeit zu leben, zu der Erkenntniß gelangt,
daß es ein Fehler sein würde, auf halbem Weg
stehen bleibend, die Verwirklichung der Plane, mit
denen er sich lang getragen, um seiner Kinder willen
hinauszuschieben oder gar aufzugeben, denen ihr Er-
folg doch zu statten kommen sollte. Und dem be-
gangenen Irrthum mit raschem Entschluß begegnend,
hatte er sich mit Vorbedacht in einer Handelsstadt
zweiten Ranges niedergelassen, in welcher er mit
seinen Mitteln und Verbindungen, bei seiner aus-
dauernden Festigkeit sich sicher gefühlt, in kurzer, Zeit
eine erste Stelle einnehmen und behaupten zu können.
Jetzt hatte er- den Platz errungen, den er haben
wollte. Er hatte seine Kinder im Lauf der drei
Jahre in England und in der Schweiz besucht. Sie
waren darauf vorbereitet worden, daß er sie binnen
kurzem zu sich rufen werde, und der Augenblick, in
welchem in seiner neuen Heimat jedermann mit sich
und seinen Angelegenheiten genugsam beschäftigt war,
schien ihm der geeignete für die Ausführung seiner
Absicht zu sein. Er durfte hoffen, sein Familien-
leben nach seinem Sinn einrichten, seine Kinder in
die neuen Zustände eintreten und sich festleben zu
lassen, ohne den zudringlichen Fragen einer müßigen
Neugier mehr als nöthig begegnen und Rede stehen
zu müssen. Denn was dem einzelnen Bürger unter
seinen persönlichen Sorgen an Geistesfreiheit übrig
blieb, das mußte, wie Darner meinte, in diesem
Augenblick auf das harte Schicksal der königlichen
Familie gerichtet sein, die flüchtend nach Königsberg

s

=- IZ -
gekommen war und, ihres Verweilens in der eigenen
Hauptstadt nicht mehr sicher, mehr Theilnahme zu
beanspruchen hatte als das Schicksal eines der Bürger
der Stadt.
Den ganzen Herbst hindurch hatte man die schöne
junge Königin alltäglich durch die Straßen fahren
sehen, bis Krankheit sie daran verhindert. Man war
glücklich, dem Könige zu begegnen oder ihn hie und
da einmal im Theater zu erblicken, um ihm in hul-
digendem Gruß die Treue und Liebe auszudrücken,
in der man bei dem gemeinsamen Unglück zu dem
angestammten Landesherrn hielt, mit dem man bessere
Zeiten wieder erstehen zu sehen hoffte. Für die Kö-
nigin waren aber die Liebe und Verehrung noch leb-
hafter als für ihren Gemahl, weil man über dessen
Charakterschwäche sich nicht verblenden konnte; und
Darner, obschon kein Preuße von Geburt, theilte die
Sympathie für die Königin, denn man wußte, wie
schwer sie selber unter der zähen Unentschlossenheit des
Königs zu leiden hatte.
Es war schon spät, als Darner nach der Unter-
redung mit Madame Göttling das Komptoir verließ,
um in das Theater zu fahren. Man gab an dem
Abend zum ersten -Mal den ,König Axur'', Salieris
große Oper, und hatte es für wahrscheinlich gehalten,
daß der König trotz des Unwohlseins der Königin im
Theater erscheinen werde. Diese Erwartung hatte sich
nicht erfüllt. Man sah nur einige Herren des Ge-
, folges in der Königsloge, indeß war das kleine,
mangelhaft beleuchtete Haus im übrigen vollständig
besett.
In den Logen des ersten Ranges saßen die
RaaN=Ua
Pelzwerk verbrämt, aber wie die Sitte es heischte

==- g Z -
ohne Hüte, den Kopf mit vielfarbigen Bajaderenshawls
oder mit spanischen Netzen von dunkelrother Seide ge-
schmückt, während die jungen Mädchen ihr Haar zu
krauslockigen Titusköpfen frisirt hatten, wenn sie es
nicht vorzogen, es nach englischer Mode, wie Justine,
in freiem Fall gelockt auf ihre Schultern, oder lang
hängend um ihren Leib hernieder fließen zu lassen.
Natürlich fehlten Madame Kollmann und Justine
in ihrer Loge nicht; und als nach Beendigung des
zweiten Aktes Darner sich zu ihnen begab, ihnen seine
Aufwartung zu machen, ward er den jungen Koll-
mann gewahr, den er, da John hinter Justine ge-
sessen, aus seiner Loge nicht hatte sehen können.
Die Männer waren einander nicht fremd, denn
John pflegte in jedem Jahr zweimal nach Königsberg
zu kommen. Da er aber erst vor ein paar Wochen
dort gewesen war, mußte Darner annehmen, daß irgend
eine besondere Angelegenheit ihn wieder in sein Vater-
haus zurückgeführt habe, und dies voraussetzend,
fragte John den eintretenden Darner, ob er sich nicht
wundere, ihn wieder bei den Seinen zu finden.
,,Durchaus nicht!'' entgegnete Darner. ,Es däucht
mir nur natürlich, daß man in ein Vaterhaus wie
das Ihre, das so viel Anziehendes in sich schließt,r'
-- er schaltete das mit einer kaum merklichen Ver-
beugung vor Justine ein -- ,so oft als möglich zu-
rückkehrt, selbst wenn keine bestimmten Geschäfte dazu
den Anlaß bieten. Aber seit wann sind Sie hier?
,Ich bin um Mittag gekommen, habe in der
That kein bestimmtes Geschäft hier abzumachen, und
benutze nur eine mir dargebotene Gelegenheit, die
Meinen noch einmal zu sehen, ehe uns die Franzosen
den Riegel vor die Grenze schieben.'?
, Und wie und auf welchem Weg kamen Sie
hieher??

=- IZ
, Ein mir befreundeter Offizier, eer als Kurier
an den König gesendet worden, nahm mich von Riga
mit. Wir sind über die kurische Nehrung gekommen,
weil die Straße amt Meer jetzt noch frei ist,'?
,, Was wußte man jenseits der Grenze von den
Bewegungen der Truppen, sofern Sie etwas darüber
sagen können ? erkundigte sich Darner weiter.
, Nicht viel mehr als hierl'' gab John zurick.
, Die Franzosen stehen im Gouvernement Plock; Ben-
nigsen rückt ihnen mit seiner ganzen Macht entgegen.
Man erwartet in kurzem einen Zusammenstoß, und
ich werde suchen müssen, bald wieder zurückzugehen,
und zwar auf demselben Weg, auf dem ich herge-
kommen bin.?
,,Es wäre gescheidter gewesen, Du wäärest gar nicht
gekommen,'' fiel Justine ein.
John meinte, ihre Bemerkung sei nicht schmeichel-
haft für ihn.
, Weshalb erwartest Du, daß ich Dir schmeicheln
wolle? erwiderte sie. ,Ich dachte bei den Worten
nuur daran, wie Deine Mutter sich ängstigen wird bis
zu der Nachricht, daß Du glücklich wieder in Riga
eingetroffen bist, und darüber kann viel Zeit ver-
gehen.'
, Justine hat kicht Unrecht,' meinte die Mutter,
, aber man soll sich den glücklichen Augenblick nicht
mit dem Gedanken an die Tage trüben, die ihm folgen
werden !?
t
,,Die Reisen nach Norden und nach Osten sind
noch ungefährlich, namentlich für Jemand, der in
Rußland angesessen ist,'' beruhigte sie Darner. ,Von
Westen her ist die Sache bedenklicher, und ich selber
bin nicht ohne Unruhe deshalb.?
Madame Kollmann fragte, ob er Jemand zuu er-
warten habe.

-- Ig. -
,Ja,' sagte er, ,die Zustände, welche einem
Jeden in diesen Zeiten es wünschenswerth machen, die
Seinen unter seinen Augen zu haben, veranlassen
auch mich, meine Kinder hieher kommen zu lassen.
,,Ihre Kinder?? fragten beide Frauen wie aus
einem Mund.
,,Ich hatte zuerst daran gedacht,? fuhr Darner
fort, ohne sich durch das Erstaunen der Frouen unter-
brechen zu lassen, ,meine Töchter selber aus Genf
abzuholen; indeß es ist immer gut, wenn ein Mann
sich beizeiten gewöhnt, für Frauen Sorge zu tragen.
Mein Sohn, durch den ich die Mädchen geleiten lasse,
ist mit seinen vierundzwanzig Jahren aber ein fertiger
Maunn.?
,Ihr Sohn ist vierundzwanzig Jahre? rief
Justine und sah Darner an, als begegne sie ihm zum
ersten Mal.
,Ja, Mademoiselle Justine! Was wollen Sie?
Ihr Bewunderer ist ein alter Mann!r scherzte Dar-
ner, dem es vortrefflich stand, wenn einmal ein
Lächeln über sein meist finsteres Antlitz glitt, ,aber
er hat doch noch ein warmes Herz, und er wird es
Ihnen danken, wenn Sie einen Theil Ihrer Güte
auf seinen Sohn übertragen, wenn Sie seinen Töch-
tern in dem ihnen fremden Land freundlich entgegen-
kommen wollten. Ich bitte Sie beide darum, meine
Damen!'?
,Von Herzen gern! rief Justine.
Madame Kollmann versicherte, das verstehe sich
von selbst, aber Justinens freudige Zusage mußte
Darner besser gefallen haben, denn während er sich
vor Madame Kollmann verneigte, drückte er Justinen
fest die Hand und sagte leise:
,, Von Ihnen hatte ich es anders nicht erwartet!
Damit verließ er die Loge, da der Taktstock des
d

- IH -
Kapellmeisters den Beginn der Zwischenaktmusik ver-
kündete.
,Denn er ist der Vater, er sagt es ja selbst!''
rief John mit Lachen, als Darner die Thüre der
Loge hinter sich geschlossen hatte. ,Auf der Bühne
Axur, König von Ormus, hier in der Loge: les
noees äs Lguro on ls jonrnse äes snrprises. Und
mit dieser ganzen liebenswürdigen Familie rückt er
erst jetzt heraus, nachdem man ihn so und so viele
Jahre lang als einen Hagestolzen angesehen?
,Daß Du dies gethan, Cousin, ist Deine Schuld,'?
fiel ihm Justine ein; ,wir alle wußten, daß er
Wittwer sei und Kinder habe.?
,,Wir wußten? wiederholte die Tante. ,Was
wissen wir denn von Darner überhaupt, als daß er
ein großer Kaufmann ist, der vor den gewagtesten
Unternehmungen ncht zurückschreckt und ='
Sie vollendete den Satz nicht, denn König Axur
trat in die Scene, und die mächtig einsetzende Stimme
des Sängers brachte sie zum Schweigen.
John spielte ungeduldig mit den großen Ber-
loques, die er an dem breiten schwarzen Ührband
trug. Es verdroß ihn, daß Justine immer und
überall für Darner Partei nahm, daß sie die Art
und Weise, in wekcher er mit einem Mal mit diesen
Familienbekenntnissen hervorrückte, nicht auffallend
und ungehörig fand, daß sie sozusagen die ganze
, Siypschaft ohne weiteres in ihre Glaubensartikel mit
'- aufnahm.
Aber schön war Justine, das blieb dabei bestehen.
Der blaßblaue, dem Körper eng anschließende Atlas-
pelz zeigte ihre schlanke Taille und die schönen For-
men ihrer Schultern. Auf dem dunklen Zobelkragen
schimmerten die Locken selbst in dem Halbdunkel der

== Iß -
Loge wie Gold, und die großen runden Ohrringe
machten es erst recht erkennen, wie fein geformt das
kleine Ohr war, das sie trug.
Er mußte mit ihr ins Klare kommen, ehe er
fortging; denn daß sein Vater die Heirath bis auf
ruhigere Zeiten hinausgeschoben wissen wollte, war
eine Grille. Was hatten die unruhigen Zeiten mit
seinem Wohlgefallen an Justine und mit jeinem na-
türlichen Wunsch zu thun, die schöne, reiche Cousine
zur Frau zu nehmen, die es wußte, daß sie ihm be-
stimmt war, daß er sie gern hatte, und die sicherlich
bei ihm im fernen Norden in seinem Hause als seine
Frau besser aufgehoben war als hier in Preußen, wo
in jeder Stuunde der erste Zuusammenstos; der Heere
erfolgen und die Stadt ebensowohl den Russen als
den Franzosen in die Hände fallen konnte.-
Der Gedanke, daß es das einzig Vernünftige,
daß es das Gebotene sei, sofort mit Justine zu
sprechen, setzte sich in ihm fest; und daß die Be-
hörden in Königsberg unter den obwaltenden Um-
ständen ein Einsehen haben, daß sie bei seines
Vaters Stellung von den sonst vorgeschriebenen
Förmlichkeiten des dreimaligen kirchlichen Aufgebotes -
Abstand nehmen würden, dessen hielt er sich ver-
sichert. Je länger er hinter Justine saß und ihren
schlanken Hals betrachtete, der so weiß aus dem
dunklen Zobelkragen hervorsah, um so reizender
erschien ihm die Aussicht, den Brautstand auf ein
paar Tage zu beschränken, die Trauung gleich nach
der Verlobung vollziehen zu lassen. Selbst das
Ungewöhnliche, das in dieser Handlungsweise lag,
machte ihm dieselbe nur reizender; und für ihn, der
in Rußland angesessen war, hatte die Rückkehr über
die Grenze auch mit seiner Frau nicht die geringsten
Schwierigkeiten.
»g

===- g F -
Er verliebte sich in seinen Plan wie in Juustine
immter mehr, und er war mitten in Denken an den
Reisewagen, den er kaufen müsse, wenn er Juustine
mit sich nähme, als die Mutter, sich das laute Singen
des Chors zu Nutze machend, die Gemerkung hin-
warf:
, DDieser Darner kann einmal gar nichts machen
wie andere anständige Leute. Es muß irgend etwas
Besonderes sein, etwaö, was die Menschen in Er-
staunen setzt und sie aufs Neue von ihm reden
macht. ?
, Aber daß man ihn nicht auswendig weiß
wie die Anderen, meinte Justine, ,das ist's ja
gzerade- . ?
,, Was Dir an ihm gefällt? fiel ihr der Vetter
fragend ein.
, Ja, versetzte sie;,'Darner hält einen immer
in Athem. Er giebt einem zu denken wie ein Roman,
auf dessen Ausgang man neugierig ist. Das all-
tägliche Einhertrotten auf der breitgetretenen Land-
straße ist ja so langweilig wie unser täglicher Spazier-
gang auf dem Philosophendamm oder nach den
Königsgarten und die Fahrt vors Th...
p,z- L?
, So habe ich alle Hoffnung, daß mein Wunsch
und mein Vorschlag Dir auch gefallen werden, meine
schöne Cousine, denn alltäglich ist er nicht. ?
, Wenn Dein Wunsch und Dein Vorschlag neu
und originell sind, kann's schon sein!'
,, Mein Wünschen, das ist alt, aber mein Vor-
schlag ist neu, und seine Ausführuung würde höchst
originell sein, denn--
Der Chor war zu Ende; die erste Sängerin
stimmte ihre große Arie an, und während derselben
kam Kollmann in die Loge, den Schluß der Oper
anzuhören und die Seinen mit sich nach Hause zuu

== g,Z-
nehmen. Er sah Darner in dessen Loge und sie
begrüßten einander. Diesen ersten Augenblick be-
nützte Madame Kollmann, sich flüsternd bei ihrem
Mann zu erkundigen, ob er davon unterrichtet sei,
daß Darner für morgen die Ankunft seiner Kinder
erwarte.
,,Denke Dir, zwei Töchter und einen fünfund-
zwanzigjährigen Sohn!'?
Kollmann gab ihr ein Zeichen zu schweigen, um
die Nachbarn nicht zu stören, die mit Entzücken der
Sängerin folgten, aber Justine meinte zu bemerken,
daß die Nachricht ihrem Onkel nicht gefiel. Ihr -..
machte sie Vergnügen; denn obgleich sie ihren Onkel
ergeben und ihrer Familie anhänglich war, hatte sich
doch in den letzten Jahren in ihr das Gefühl ihrer
Unabhängigkeit gleichzeitig mit dem Bewußtsein ent-
wickelt und gesteigert, daß sie eine sehr vortheilhafte
Heirath sei, und daß sie bei ihrer Schönheit abwarten
könne, bis der Rechte für sie käme, den sie frei zu
wählen habe nach ihres Herzens Zug. Selbst der
Verkauf ihres Hauses, der ihr mit sechzehn Jahren
keinen wesentlichen Eindruck gemacht hatte, that ihr
jetzt leid, weil sie es als einen Eingriff in ihre per-
sönliche Freiheit ansah, daß ihr Onkel ihn ausgeführt
hatte, bevor sie volljährig und im Stande gewesen
war, über diesen alten ererbten Familienbesitz nach
eigenem Ermessen zu verfügen.
Jm Grund hatte sie gegen ihren Vetter garnichts
einzuwenden. Er war ihr in ihrer Kindheit und
Jugend sogar lieber gewesen als mancher Andere.
Es verdroß sie nur, daß man sie, seit sie in des
Onkels Haus lebte, in demselben wie ein Besitzstück
ansah, das man für John behutsam aufzuheben habe.
Nur um es kund zu geben, daß sie sich ihrer Freiheit
bewußt und gewillt sei, sie zu benutzen, hatte sie

=- I9 =-
sich, wenn John in den letzten Jahren zum Besuch
gekommen war, kälter und kälter gegen ihn gezeigt.
In seinem Beisein und auch sonst unter den Agen
seiner Eltern hatte sie die Huldigungen der anderen
Männer mit absichtlicher Freundlichkeit aufgenommen,
und da es ihr nicht verborgen war, daß man Darner
für einen ihrer Bewerber ansah, hatte sie es kein
Hehl gehabt, daß er ihr gefalle, daß sie seine Gesell-
schaft, seine Unterhaltung dem Gespräch und dem
schmeichelnden Getändel manches jüngeren Mannes
vorzuziehen wisse.
Weil sie von Natur klug und doch leichtlebig
war, hatte ihres Onkels Vorausbestinmung über ihre
Zukunft sie in und auf sich selbst gewiesen und zu
einem Widerstand gereizt, der ihr allmälig zu einem
angenehmen Spiel, endlich aber zum Selbstzweck und
zur Hauuptsache geworden war. Sie hatte Lust am
Troten. Auch in diesem Augenblick reizte der Tante
nie überwundene Abneigung gegen Darner sie dazuu,
gerade in ihres Vetters Beisein ihr Interesse für
Darner lebhaft kundzugeben.
Inzwischen hatte die Oper ihr Ende erreicht, die
Zuhörer konnten sich in lauten Beifallsbezengungen
nicht genuug thun. Die Hauptpersdnen mußten, nach-
dem der Vorhang bereits gefallen war, unter den
immer wiederholten Hervorrufen mehrmals erscheinen;
denn das Publikum, froh, wenigstens für ein paar
, Stunden durch die Vorstellung den Sorgen und
Aufregungen entzogen worden zu sein, denen man
k so quälend unterworfen war, zeigte sich dankbar
gegen die Sänger, die ihm zu solcher flütchtigen
Befreiung verholfen hatten. Madame Kollmann aber
blickte nicht einmal nach ihnen hin, denn von ihrem
Verdruß hatten sie sie nicht abzuziehen vermocht.
Lewald. Die Familie Darner. l.

= hß=
, Ich versichere Dich, Konrab, ich bin empört
über Darners Verhalten, und ich werde es ihn auch
fühlen lassen!'' sagte sie, wäährend ihr Mann ihr
über den Pelz noch die große Palatine umhing und
John der Cousine die pelzverbrämte Sammetkappe
reichte. ,Es ist mir unerklärlich, daß Du seine
Rücksichtslosigkeit erträgst. Deine großartige Zuvor-
kommenheit gegen einen so wildfremden Menschen
hätte es, wie mir scheint, doch wahrhaftig verdient,
daß er wenigstens Dir von Anfang an über sich
reinen Wein eingeschenkt, daß er Dir doch wenigstens
in solchen Dingen das schickliche Vertrauen bewiesen ----
hätte=-r
, Ja,' meinte Kollmann selber, ,seine Zurück
haltung geht wirklich bis zur Grille. Man bleibt
den Anderen gegenüüber beständig in der Lage, für
ihn eintreten zu müssen =?
, Und,? fiel die Frau ihm ein, froh, ihren Gatten
einmal auch in diesem Fall ihrer Ansicht zu finden,
,, und wozu unsere Nachsicht, da sie ihn nur immer
weiter führt? Jetzt nimmt er schon im Voraus meine
Gastfreundschaft für die plötzlich von ihm herbei-
geholte werthe Familie in Anspruch! Justine aber,
ganz entzückt von der Aussicht auf die neue Bekannt-
schaft und ebenso wie Darner ohne alle Rücksicht auf
Dich und mich, sagt ihm frischweg ihre Freundschaft
für die Seinen zu. Er thut denn natürlich auch,
als wäre unser Haus nur so für jeden ersten besten
offen. Wenn das die leichten Manieren der großen
Welt sind, so denke ich, wir lassen diese Manieren
nicht aufkommen in unserem Hause und lassen es
beim alten.?
Unter diesen Worten waren sie, aufgehalten von
den Personen, die von den oberen Rängen herunter-
kamen, bis an die Treppe gelangt, wo sie auf Darner

b
-- JI-
trafen. Kollmann führte seine Frau, Darner und
John boten gleichzeitig Justine den Arm, sie hinunter
zu begleiten. Da der letztere bemerkte, daß sie sich
zu Darner wandte, trat er mit den Worten: ,Dem
Alter die Ehre!'' höflich zurück. Der Ton, mit dem
er sie sprach, verrieth jedoch seinen Unmuth.
,, Um den Preis, entgegnete Darner, ,läßt man
sich gern zu den Alten zählen. Aber was geht da
vor?' fragte er, da der Strom der Hinabsteigenden
sich staute und ein lautes, frohlockendes Sprechen von
unter her vernehmbar wurde.
,, Sieg, Sieg!'' hörte man hie und da rufen;
und vorwärts drängend, weil sie selber von den
Nachkommenden dazu getrieben wurden, waren sie
bis an die Konditorei gelangt, als der Geruch heißen
Punsches ihnen entgegendampfte, das Anklingen von
Gläsern ihr Ohr berührte und Mal auf Mal und
immer lauter der Ruf sich wiederholte:
, Es leben die Russen! Es lebe Bennigsen!''
,, Was bedeutet das? fragten Alle, die sich der
Menschenmasse in der Halle nahten. ,Was bedeutet
das?' fragten Kollmann und Darner und die Anderen
wie aus einem Munde.
, Die Franzosen sind geschlagen! General Ben-
nigsen hat einen großen Sieg über sie erfochten bei
Pultusk!' antworteten viele Stimmen auf einmal,
denn Jeder war froh, der Verkünder einer solchen
Nachricht zu sein.
,, Wann ist die Nachricht gekommen? Wie ist sie
hierher gekomunen? erkundigte sich Darner bei einem
Polizeikommissar, der neben ihm stand.
,, Seine Majestät soll vor einer Stunde die Esta-
fette erhalten haben, und durch einen Ajutanten soll
die Kunde in das Theater gedrungen sein.?

-- IF--
Verschiedene Bekannte der Familie traten an sie
heran, die Freude kannte keine Grenzen. In den
dem Theater gegenüberliegenden Häusern wurden
Lichter an die Fenster gestellt. In den Beifallsruf,
mit welchem man sie begrüßte, mischte sich das Vivat-
rufen für den König. Das Gefühl der Schmach,
die bange Sorge um die nächste Zukunft hatten so
schwer auf den Menschen gelastet, daß sie aufathmeten
bei der Kunde von einer Niederlage des fast für un-
besiegbar gehaltenen Feindes; und mit der Phantasie
des Unglücks knüüpfie man die ungemessensten Hoff-
nuungen an diesen ersten Erfolg der Russen.
Darner gal Juustinens Arm frei.
, Haben Sie die Güte, mich neben Mademoiselle
Justine zu vertreten, sagte er zu John. , Ich will
hinübergehen nach der Post. Vielleicht weiß man
dort Näheres; ißt das der Fall, so lasse ich es sofort
bei Ihnen melden.?
, Oder Sie bringen uns die Kunde selber!' schliug
Kollmann vor, da seine Frau, wie das nach dem
Theater oft geschah, zwei Freunde des Hauses, ihren
Arzt und den schwedischen Konsul, einlud, ihnen auch
heute wieder einmal zu folgen, um gemeinsam des
Sieges froh zu werden.
,, Mit Vergnügen, sofern ich mehr erfahre, als
wir hier vernommen,'' entgegnete Darner; ,wo nicht,
bitte ich, mir Ihre Erlaubniß für ein ander Mal
behalten zu dürfen.'?
Damit waren die Damen in denWagen gestiegen,
die beiden Kollmann ihnen gefolgt, und Darner hieß
seinen Diener, ihn mit dem Wagen vor dem ganz
nahe bei dem Theater gelegenen Postgebäude zu er-
warten, wohin er sich begab.