Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 07

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Siebentes Kapitel.
Das Eßzimmer im Kollmannschen Hause war am
Abend noch einmal frisch geheizt, der große kupferne
Samowar, der neben dem andern Theegeräth auf
dem Tische stand, strahlte eine angenehme Wärme
aus, die dunklen Gardinen waren zugezogen.
Lautlos ging der Diener auf dem weichen Teppich
hin und her, die noch fehlenden Gedecke für die beiden
mitgekommenen Gäste aufzulegen.
Justine in ihrem hoch an den Hals hinauf-
reichenden Kleide von rothem Merino war allein in
der Eßstube. Sie nachte den Thee. Durch die
offene Thüre sah man in dem Nebenzimmer Frau
Kollmann auf dem Sopha sitzen im Gespräch mit ihren
Gästen. Ihr Mann und ihr Sohn standen in der
Fensterbrüstung.
, Es thut mir leid,' sagte John, , daß die Mutter
heute die Herren noch zu uns eingeladen hat, denn
ich hätte Sie, lieber Vater, gern in Ruhe gesprochen
wegen einer Angelegenheit--'
,,Die Eile hat, weil Du morgen fort willst7
fragte der Vater.
»P Gegentheil, ich habe vor, länger zu
bleiben
, Jett, in dieser Zeit?
, Hätte ich mir nicht gesagt, daß ich gut und
gern einige Tage bleiben könne, so wäre ich nicht
gekommen.?
,Hättest Du mich gefragt, so würde ich Dir in
jedem Falle zu kommen widerrathen haben,'' sagte
der Vater.
,Sie wissen, auf Meerfelds und auch auf
Flenders Umsicht kann ich mich verlassen.?

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,,Ganz gut, nur müssen sie's nicht glauben und
nicht wissen, daß Du's thust. Kein Untergebener
verträgt das, ohne daß der Vorgesetzte davon leidet!'
,Da die Schifffahrt ruht und die Wege bei
uns grundlos sind, lag ja im Augenblicke gar nichts
vor!' rechtfertigte sich John, da er seinen Vater nicht
so heiter gestimmt sah, als er ihn nach der Sieges-
nachricht und der freudigen Aufregung im Theater
zu finden erwartet hatte.
,Was heißt das: es lag nichts vor?? wieder-
holte der Vater.,DDas Gestern und das Heute
gleichen jetzt einander weniger denn je. Heute Morgen
lag nichts vor, und heute Abend stehen wir vor einer
Siegesnachricht, auf die man nicht gehofft hatte.
Wir können ebenso vor der Kunde einer neuen
Niederlage stehen, die Gott verhüten wolle. In einer
Zeit, in welcher Niemand des nächsten Tages, der
nächsten Stunde sicher ist, ist es geboten, an seinem
Plat zu bleiben.?
Der Sohn, seit den beiden letzten Jahren an
ein selbstständiges Handeln gewöhnt, bei dem er sich,
da er verständig war, fast immer in Nebereinstimmung
mit des Vaters Ansichten gefunden hatte, empfand
den Tadel schwer; aber seine Liebe zu demselben und
die ihm anerzogene gute Gewohnheit der sich unter-
ordnenden Ehrerbietung einerseits, wie der Wunsch,
den Vater für seine Pläne geneigt zu machen, ließen
ihn über den Vorwurf hinwegsehen; und gnknüpfend

an des Vaters Wort über die Unsicherheit, in welcher
man lebte, sagte er: ,Drängt denn eben diese Un-
sicherheit, der unser ganzes Dasein immer mehr an-
heimfällt, nicht einen Jeden von uns jetzt bisweilen
zu dem Gedanken, am Tage den Tag zu leben? Ich
sagte mir, als Stratkow mir vorschlug, mit ihm zu
gehen: ,Ergreife die Gelegenheit beim Schopfe! Wer

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weiß, ob sich dir wieder eine solche bietet, ob und
wann du wieder einmal so schnell nach Hause gehen
und die Deinen wiedersehen kannst? Und nuun ich
hier bin, sage ich mir ebenso: ,Ergreife die Gelegen-
heit beim Schopfe- ?
,, Der Thee ist fertig!'' meldete Justine, die, aus
dem Eßzimmer in die Wohnstube tretend, dicht vor
den Beiden stand.
, Welche Gelegenheit?? fragte der Vater, ohne
auf Justinens Meldung zu achten.
,Diese!'r rief John und zog die Eousine in
seine Arme.
,,Laß die Thorheit! wir sind keine Kinder mehr,''
entgegnete sie, sich von ihm wendend, während die
Tante und die Gäste sich erhoben, und der Konsul
Justinen den Arm bot, sie zu Tische zu führen.
Der Vater aber lächelte. ,So, das ist's,' sprach
er, ,daher die Sehnsucht und die große Eile? Nun,
das läßt sich hören! Wir sprechen später mehr da-
von. Jetzt laßt uns gehen!'?
John hielt ihn zurück. ,Nur noch eine Frage!'
bat er. ,Ich sah es schon, als ich das letzte Mal
hier zu Hause war, Justine ist wie verwandelt. Ich
mißtraue diesem Monsieur Darner und ebenso der
Göttling. Und als Justine heute sogar die Nachricht
vonp- der Ankunft von Darners Kindern so gefällig
hinnahm, sagte ich mir, es sei Zeit dem Spiel um
ihret- und um meinetwillen ein Ende zu machen.
Justine--r
,, Kommt Ihr denn nicht? rief die Mutter, ob-
schon es nicht eben auffallend war, daß der Vater
und John mit einander zu sprechen hatten.
, Gleich!'' entgegnete Kollmann und setzte, gegen
den Sohn gewendet, hinzu: ,Auch mir ist Manches
in Darners Verhalten nicht mehr klar, und Justine

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war Dir bestimmt. Für Euch Beide soll mich's
freuen, wenn Du mit ihr ins Reine komuust. ?
,, Und wenn es mir gelänge ihre Zusage zu er-
halten, würde eine sofortige Trauung möglich, würden
Sie einer solchen nicht entgegen, sondern mir fütr
dieselbe hilfreich sein?
Der Vater, dem des Sohnes lebhafte Entschlossen-
heit gefiel, besann sich einen Augenblick, dann sprach
er: ,Ich habe nichts gegen Deine Absicht. Ist
Justine dandit einverstanden, so wird sich für Dich,
da Du fort mußt, erreichen lassen, was man dem
ins Feld rückenden Offiziere zugesteht. Vorerst be-
treibe Du Deine Sache und laß uns dann sehen,
welche Folgen der Sieg der Russen haben wird;
denn davon hängt es ab, ob Du Dir erlauben
kannst, noch einige Tage hier zu verweilen, oder ob
Du suchen mußt, so schnell als möglich in das Ge-
schäft zurückzukehren.-- Und nun laß uns gehen,
wir dürfen nicht länger auf uns warten lassen !'?
Von der stillen Straße tönte, als sie sich zu
den Anderen gesellten, das Pfeifen des Nachtwächters
herauf, und: ,die Glock' hat zehn geschlagen! zehn
ist die Glock' ? rief er singenden Tonfalls dreimal
hintereinander, während vorüberziehende Studenten
in der Siegesfreude jubelnd ihr ,ubi bens ibi
psiris,!r erschallen ließen.
, Das lärmt und singt so in den Tag hinein,'
sagte der Doktor, und das hat man seinerzeit ebenso
gesungen, und hat dann später gelernt, dies uhi
bene ibi gstris. als eine thörichte und schädhche
Sinnes - und Redensart zu verurtheilen. Wenn
jeder Ort, an dem es uns wohl geht, uns zum
Vaterland werden könnte- was wären da das
Vaterland und die Vaterlandsliebe? Aber man ver-
wechselt die Begrife, das ist's. Eine Heimat kann

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ie üerdinga in der Fremde finden, in der es uus
wohlgeht, sein Vaterland niemals; und es ist dem
Menschen viel verloren an, seiner Würdigkeit und
Ehre, wenn er nicht fest in seinem Vaterlande wurzelt,
nicht mit seinem ganzen Herzen an ihm hängt.--
Das Vaterland soll leben!'' rief er, da eben der
Diener den Punsch herumgab, welcher für die Männer
neben dem Thee bereitet worden war.
, Das Vaterland und der König!'' fiel Koll-
mtann ein.
,, Und die Russen, unsere braven Russen!' er-
gänzte John, wäährend die Gläser der Männer auch
in diesen stillen Räumen aneinander klangen wie
vorhin im Theater.
,Ach !' sagte Madame Kollmann, indem sie ihre
Augen trocknete, ,man hat das Freuen ganz verlernt!
Gebe der Himmel, daß mit dem Ende dieses Jahres
auch unsere Noth zu Ende geht. Sie wissen es,
lieber Doktor, was ich ausgestanden habe, als die
ersten Nachrichten von Blüchers Flucht aus Lüübeck,
von dem Einrücken der Franzosen, von der Plünderung
der Stadt hier angelangt waren, und es kam und
kam von meiner Tochter keine Nachricht! Ich habe
auch keine ruhige Stunde mehr, seit die Franzosen
in Lübeck sind! Und daß meine Töchter, sowohl
MariEne in Lübeck wie unsere Lina in Kopenhagen,
sich nicht mehr so. wie sonst als Preußen fühlen, daß
John über die Herrlichkeiten von Petersburg und
Moskau ebenso anfängt, seine Vaterstadt gering z
schätzen, das ist mir auch ein Kummer. Ich hänge
nun einmal mit meiner ganzen Seele an meiner
Vaterstadt! Ich hätte nirgends anders leben mögen,
mich nirgends so glüücklich fühlen können, als hier,
wo ich mein ganzes Leben gelebt, wo ich die Gräber
meiner Eltern und Großeltern habe. Ich bin

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eine Königsbergerin und hätte nichts anderes sein
mögen. ?
,Da haben Sie die Frauen !' scherzte Kollmann.
, Sich zu schmücken und aufzupuutzen, und wär's auch
nur mit der ausschließlichen Liebe für die Vaterstadt,
das können gegebenen Falls auch die besten und
vernünftigsten nicht lassen. Ehrlich, Frau! Würdest
Du vielleicht aus Anhänglichkeit an Königsberg hier
sitzen geblieben sein, wenn ich in Moskau oder in
Madrid ansässig gewesen wäire, als ich um: Dich ge-
freit?-- Nein! Du hättest Dich - und Du sollst
dafür gelobt sein--- so gut wie unsere Töchter in
gleichem Fall, mit beiden Häinden in die Hand
Deines Geliebten gegeben und wärst mit mir ge-
gangen, wohin ich Dich geführt, und hättest Königs-
berg Königsberg sein und ruhig am Pregel liegen
lassen.?
,, Die Gewalt der Liebe!' sagte der Konsul,
Madame Kollmann zu begütigen, da die Anderen
lachten; ,Gott Amor ist Kosmopolit!''
,, Und das ist keine seiner schlechtesten Eigen-
schaften!' ergänzte Kollmann. ,Der Doktor hat ja
recht! Es ist etwas Heiliges und Großes um das
Vaterland; aber die Frauen und der Kaufmann,
so hoch sie von der Vaterlandsliebe denken mögen,
müssen trozdem mit Nothwendigkeit Kosmopoliten
sein; und das abi hene ibi gatris, das der Doktor
verwirft, hat für sie seine unabweisliche Berechtigung.
Der Kaufmann hat nun einmal da zu leben, wo er
seinen Vortheil findet, indem er den Vortheil und
das Wohlergehen der Gesammtheit durch den Handel
fördert. Die Frau aber hat zu leben, wohin der
Mann sie führt.
,Doch nur,'' fiel Justine ein, während ihre
feingezeichneten Brauen sich zusammenzogen, ,doch

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nur wenn es ihr gefällt, oder wenn sie nicht ihr
eigener Herr ist!r'
,Wie das kriegerisch klingt! rief John da-
zwischen, fröhlich erregt durch den Ausspruch des
Vaters. ,Gegen wen verschanzest Du Dich? Sind
wir denn Piraten oder Sklavenhändler? Wer ver-
langt denn eine Frau, die ungern folgt?'?
Er hatte das völlig arglos gesprochen, indes er
bereute es sofort, denn Justinens Augen wendeten
sich mit großem, stolzem Blick zu ihm, und um ihr
nicht Zeit zu einer unfreundlichen Eutgegnng z
lassen, setzte er rasch hinzu: ,,Freilich sind wir bis-
weilen vermessen oder thöricht genug uns einzubilden,
daß die Liebe, die uns zu Sklaven der Frauen
macht, auch Gewalt hat über unsere Gebieterinnen,
daß sie dieselben bisweilen auch ihrer stolzen Herrlich-
keit und Herrscherlust beraubt. ?
,. O ja, mitunter!' meinte der Doktor und
wiegte mit leichtem Spotte das graue Haupt. ,Mit
unter und auf kurze Zeit; etwa von der Verlobung
bis zum Hochzeitstage. In der Ehe führen die
schwachen Frauen über die stärksten Männer stets
das Regiment, und die Schwächsten am aller-
sichersten!'
,Wie Madame Josephine,' sprach der Konsul,
,. wis« Madame Josephine über den Unbesiegbaren,
über Bonaparte, ihren Kaiser. ?
,,Den Titel' des Unbesiegbaren verdient er heut
nicht mehr, und hoffentlich wird diese Niederlage
nicht seine letzte, wird sie der Anfang unserer Auf-
erstehung sein!' schaltete der Sohn des Hauses ein,
zufrieden, mit dieser Bemerkung von dem bedenklichen
Gespräch hinwegzukommen. Und: ,Halb elfe! halb
elfe! halb elfe!'- tönte der melancholische Ruf des
Wächters wieder von der Straße herauf.

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,,Darner muß nichts Näheres erfahren haben!'
sagte Kollmann, ,morgen wird man ja bestimmte
Nachricht haben.?
Die Unterhaltung wendete sich damit wieder aus-
schließlich den politischen Verhältnissen zu. Man saß
noch eine Weile beisammen, die möglichen Folgen des
Sieges erwägend, dann erhob sich der Doktor. Er
und der Konsul verabschiedeten sich, auch die Eltern
verließen das Zimmer. John blieb mit Justine zurück.
Er sah, wie sie nach des Hauses Brauch, selber
die Theebüchse, den Zucker und den Arak von dem
Tisch nahm und in den dafür bestimmten Schrank
verschloß. Es stand ihr so wohl an, dies häusliche
Thun. Er hatte seine Freude an ihr, sie war das
Urbild eines deutschen Mädchens. Sie alltäglich in
seinem Hause also schalten und walten zu sehen, war
ihm eine reizende Vorstellung. Er hatte sie dabei
so von Herzen lieb, daß er gewiß war, sie müsse
diese Liebe in ihm voraussetzen, die mit ihnen Beiden
in ihm groß geworden war, und sie müsse sie theilen,
wenn schon sie die Spröde spielte und in verzeihlicher
Koketterie, um ihn zu reizen, ein Wohlgefallen an
Darner zeige, der ihr Vater sein konnte.
Er überlegte, wie er die Frage stellen sollte, die
heute noch zwischen ihnen zur Entscheidung kommen
mußte, und konnte das rechte Wort für den Anfang
nicht gleich finden. Er beneidete den Muth des
Spielers, der sein Alles auf eine Karte zu setzen
vermag.
Wie dann Justine das Eßzimmer verließ, in
welchem nun der Diener seines Amtes waltete,
folgte er ihr in das Nebenzimmer. Er bemerkte mit
Vergnügen, daß die Eltern sich bereits zurückgezogen
hatten, und er sagte sich, daß der Vater dies um
seinetwillen veranlaßt, da es sonst niemals vorkam,

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daß man sich trennte, ohne einander gute Nacht ge-
wünscht zu haben. Er mußte sie also nutzen, die
ihm gebotene Gelegenheit, die flüchtige Zeit.
, Justine,' hob er mit raschem Entschluß an,
als sie noch mitten in der Stube standen, ,wir sind
ja gute Kamexeden gewesen von Kindheit an, und
Du bist mit,'näher und vertrauter gewesen als die
Schwestern, die so viel älter waren als ich und Du.
Daß ich Dich lieb habe, nicht wie eine Schwester,
sondern wie der Mann die Frau, das weißt Du
auch. Und nun wirst Du ebenso gut wissen, weshalb
ich so schnell wieder nach Königsberg gekommen bin
und was ich von Dir will. Sage, daß Du meine
Frau werden willst. Der Vater bringt Alles rasch in
Ordnuung, und während sie sich hier noch über unsere
Verlobung unterhalten, fährst Du als Madame Koll-
mann junior mit mir in mein Haus.?
Er hatte ihre Hand ergriffen, sie blieb neben
ihm stehen, denn sie war bewegter, als sie es für
den lang erwarteten Fall jemals für möglich gehalten
hatte.
Alles, was er zu ihr gesprochen, war richtig und
er war ein guter Mensch, einfach und vernünftig wie
seine Worte. Obschon sechs Jahre älter als sie, war
er von ihrer Kindheit an immer kachgiebig gegen sie
gewesen, wenn er sich herbeigelassen hatte, hier oder
in ihrem Hause mit ihr zu spielen, und immer ge-
fälligJegen sie, als sie erwachsen gewesen waren.
Sie hatte ihn auch gern gesehen, wenn er gekommen
war, sie in ihrem Hause zu besuchen. Gute friedliche
Tage, die waren ihr gewiß mit ihm. Sie konnte
sich mit ihm verloben, ihn heirathen ohne Scheu und
eberwindung. Indeß sie hatte sich ihre Verlobung
immer anders vorgestellt, nicht so einfach, so vernünf-
tig, so ganz und gar prosaisch.

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Weshalb aber sollte sie, Justine Willberg, die
schöne, reiche Erbin, so ruhigen Sinnes in die Ehe
gehen?-- Weshalb sich verheirathen, wie man ein
Geschäft abschließt? Was nöthigte sie sich zu binden,
ehe sie den vollen, großen Schlag des Herzens, die
Gewalt der Liebe einmal selbst empfunden hatte,
von der auch nur zu lesen ihr das Herz erhob, sie
froher stimmte, als sie sich in diesem Augenblicke
fühlte.
Sie hielt bei den Gedanken inne, die mit Blitzes-
schnelle durch ihre Seele geflogen waren, und ohne
zu wissen, daß sie es that, zog sie ihre Hand aus
der des Vetters.
John schreckte auf. ,Du machst Dich von mir
frei, Justine?? fragte er besorgt.
Sie wendete sich zu ihm, und zum ersten Male
fiel es ihr störend auf, daß er nur wenig größer
war als sie, daß er nicht zu seinem Vortheil erschien
neben ihrer hohen, stattlichen Gestalt; daß sein nicht
unedles, treuherziges Gesicht der Mutter glich und nicht
den männlichen Ausdruck zeigte, der ihr an Darner
gefallen hatte von der ersten Stunde an. Sie war
so gewohnt gewesen an ihn, an den Vetter, daß sie
sich nie Gedanken darüber gemacht, ob er hübsch sei
oder nicht. Er war eben John, war, wie er war.
Nun er vor ihr stand und sie mit den offenen,
grauen Augen seiner Mutter ansah, nun sie ihn sich
als ihren Gatten vorstellen, sich sagen sollte, mit
diesem Manne solle sie von diesem Augenblicke an
durch ihr ganzes Leben gehen, dünkt ihr das nicht
möglich; und die Neberzeugung, daß man dies von
ihr verlangen werde, daß John es als gewiß vor-
aussetze, verwandelte die Freundschaft und die Nei-
gung, die sie eben noch für ihn gefühlt, in ihr
Gegentheil. John gefiel ihr als ihr Vetter; ihren

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Geliebten, ihren Mann hatte sie sich immer anders
vorgestellt. Ihr Mann mußte schöner, glänzender
sein. Einem Manne, den sie lieben sollte, dem mußte
sie gar nicht widerstehen können. Zum Manne konnte
sie sich einen andern wählen, mochte sie John nicht
haben.
, Antworte mir, Justine!' bat er dringend, in-
dem er sich ihr wieder näherte. ,Dein Schweigen
anält mich. Mein Glück, meine Zukunft hängen ab
von Deinem Worte.?
, Und nicht die meine auch?' entgegnete sie ihm;
,, laß mir Zeit zum Neberlegen.?
,,Wie kann ich das und was bedarf es dessen?
Ich muß in wenigen Tagen fort. Die Eltern hatten
immer mein Glück von Dir erwartet, ich fühlte mich
Deiner immer sicher !'
, War das meine Schuld?? rief Justine mit
einer Bitterkeit, vor der sie selbst erschrak.
John fuhr auf.,Du liebst mich also nicht?
Sie gab ihm keine Antwort.
, So liebst Du Darner!'? sagte er, und auch
sein Selbstgefühl empörte sich.
,Welch ein Einfall!' entgegnete sie, die Achseln
zuckend, und wendete sich zum Gehen.
Er vertrat ihr den Weg und hielt sie fest. ,Nein,
so laß Dich nicht! erklärte er. ,Gerade heraus!
Was has! Du por? Was willst Du thun?
,,Frei bleiben und auf die rechte Liebe warten!'
sprach sie fest und hart, und ließ ihn stehen.
, Weh Dir, wenn Du von Darner sie erwartest!'r
rief er ihr nach. Sie hörte es jedoch nicht mehr.
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