Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 08

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Achtes Kapitell
Während dessen war Darner weit entfernt, zu
ahnen, in welcher Weise er eben jetzt zwischen den
beiden jungen Leuten, von denen er sich im Theater
getrennt, eine Rolle gespielt hatte.
Er war, wie er es vorgehabt, von dem Schau-
spielhause geraden Weges zu dem Direktor der Post
gegangen, den er ebenso wie den Polizeipräsidenten
aus mannigfachem geschäftlichen und geselligen Ver-
kehr persönlich kannte. Indeß er hatte keinen von
beiden in ihrer Behausung getroffen. An beiden
Orten hatte er die Antwort erhalten, daß die Herren
ins Schloß befohlen worden wären; und von den
dienstthuenden Unterbeamten eine Auskunft zu be-
gehren, die sie nicht von selber gaben, wäre in diesem
Falle unzulässig gewesen.
Als er sich dann durch den Schloßhof fahren
ließ, siel es ihm auf, daß dort ein um diese Stunde
ungewöhnliches Kommen und Gehen von Offizieren
hohen Ranges stattfand, daß die Bureauzimmer der
Regierung noch zu dieser Stunde erleuchtet waren;
und mehr noch überraschte es ihn, daß man trotz des
dichten Schneegeriesels so spät am Abend aus den-
Remisen verschiedene große Reisewagen hervorgezogen
hatte, deren Räder man bei Laternenlicht untersuchte
und schmierte. -
Als er darnach vor seiner Wohnung anlangte,
kam gerade auch der Obrist nach Hause.
Das erste Wort von beiden Seiten galt der
Siegesnachricht.
,So, ist sie wahr? fragte Darner, während sie
die Flur durchschritten.

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,Es ist eine große Schlacht bei Pultusk ge-
schlagen, und die Russen rücken gegen unsere Grenze
vorwärts. Das steht fest!?
,Als Sieger?' fragte Darner weiter.
,Hoffentlich!'' entgegnete der Obrist mit Zurück-
haltung. ,Inzwvischen-- ich komme eben von dem
Kommandirenden-- haben wir die Ordre erhalten,
um zwei Stunden früher aufzubrechen, als es zuerst
bestimmt war.?
Darner erkundigte sich, sofern die Antwort ge-
geben werden könne, durch wen man die Nachricht
von dem Siege empfangen.
Der Obrist sagte, die erste Estafette sei durch
einen an der Grenze angesessenen deutschen Edel-
mann, den Grafen- er nannte den Namen- ab-
gesendet worden. Aber eben jett wäären noch zwei
andere Kuriere eingetroffen, die wohl Bestimmteres
gemeldet haben würden.
Die Mittheilungen des Obristen klangen nicht so
siegesgewiß als die im Theater verbreitete Kunde,
Darner nahm deshalb Anstand, das, was er gehört,
noch in dem Kollmann'schen Hause berichten zu lassen,
denn der frohe Abend, dessen sie dort, wie er an-
nehmen durfte, genossen, war ein reiner Gewinn.
Der Obrist, der mit seinem Adjutanten noch zu
arbeiten hatte, zog sich mit diesem zurück. Seine
Leute trugen die Sachen für den bevorstehenden Ab-
marsch ammen.
Darner ließ sich von der Götiling, nachdem er
die Abendmahlzeit gehalten, noch die für seine Töchter
eingerichteten Zimmer zeigen, gab Verschiedenes an,
was er anders hergestellt zu haben wünschte, und es
geschah dabei zum ersten Male, daß er mit seiner
Hausgenossin über seine Familienverhältnisse inso-
weit mit Bestimmtheit sprach, als sie über dieselben
Lewwald. Die, Familie Darner.

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nothwendig Bescheid wissen mußte. Er ertheilte dar-
auf den Befehl, am nächsten Morgen um neun Ühr
den viersitzigen Wagen, und das Mittagsbrod um drei
Ühr bereit zu halten, da er seinen Kindern bis zur
ersten Poststation entgegenfahren und zum Essen mit
ihnen im Hause sein wolle.
Es war ziemlich spät, als er sich in seinem
Zimmer niedersetzte, noch ein paar Anordnungen in
Bezug auf die Geschäfte an der morgenden Börse
für seinen Prokuristen niederzuschreiben; und auch
dies gethan, ging er, wie es seine Art war, langsam
schreitend, eine Weile in dem großen Raume hin und
wieder, in Gedanken seinen langen, schweren Lebens-
weg durchwandernd und ermessend.
Der morgende Tag sollte ihm den Anfang neuer
Zustände, einer großen Wandlung in seinen Ver-
hältnissen bringen; und wie er, rückwärts blickend in
seine fernste Zeit, sein Wollen, sein Kämpfen, sein
Vollbringen, so im Einzelnen wie im großen Ganzen,
auch betrachtete, er verlor dabei nicht an Zuversicht
zu sich, nicht an Achtung vor sich selbst.
Was der nächste Morgen dem Lande bedeuten,
welchen Einfluß er auf das Geschick des preußischen
Volkes und seines königlichen Beherrschers haben
werde, das hatte er wie alle Anderen abzuwarten,
und das mußte getragen werden. An das, was er
ihm zu bringen hatte, an seine Kinder, dachte er
festen Vorsatzes und doch bewegten Herzens.
Das Schicksal seiner Kinder, das war er, ihr
Vater. Ihre Zukunft hatte er zu gestalten nach
seinem Sinne. Wie sie ihm ihr Leben dankten,
wollte er auch der Schöpfer ihres Glückes werden,
und dies ihr Glück sollte der Lohn sein, mit dem er
sich belohnte. Das Glück seiner Kinder, die Bedeutung
des Namens, den er seiner Familie zu hinterlassen