Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 09

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schließen läßt. Nun waren diese Worte endlich auch
in seinem Vaterlande gesprochen worden, und trotz
der Opfer, welche sie ihm auferlegten, hatte er sie
mit hoher Freude begrüßt; aber in der Dichtung sank
der Vorhang nach dem befreienden Wort und ließ
der Phantasie die Möglichkeit, sich das Glück der Be-
freiten in hellen Farben auszumalen; in der Wirklich-
keit gestaltete es sich anders. Zwischen dem alten
Zustande und dem neuen that sich die Kluft auf, die
ausgefüllt, die überbrückt sein wollte. An der Pforte,
durch welche die lange Geknechteten eingehen sollten
in eine bessere Zukunft, stand eben jetzt die bittere
Noth vor Menschen, die nicht gewohnt waren, über
sich frei zu verfügen, für sich selbst vorzusorgen. Es
war begreiflich, wenn sie der Freiheit unter den ob-
waltenden Umständen noch nicht froh zu werden ver-
mochten. Sie hatten Brot nöthiger als Freiheit.
Die Wirklichkeit und das Jdeal entsprachen einander
nicht, und sie mußten doch in Einklang zu bringen
sein, wenn man nicht irre werden sollte in seinem
Glauben und in seinem Streben nach dem Jdeale. -
Aus dem weiten Kreis des Denkens an das
Allgemeine, kehrten Eberhards Vorstellungen immer
wieder zu jenen Leidenden zurück, denen zu helfen in
seiner Macht stehen mußte.
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Meuntes Kapites
Eberhard war mit dem Tage wieder wach und
draußen. Als er in den Hof kam, gingen ein paar
Mägde mit Melkeimern und Stühlen an ihm vorüber.
Er sah den Kutscher und einen jungen Burschen bei
den Pferden. Weder in den Kuhställen noch in dem

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Pferdestall war jetzt viel zu thun-- sie standen leer
genug.
,Ruf Er mir einen der Knechte!'' befahl er dem
Jungen und stutzte, da er das Wort gesprochen hatte,
die Leute waren ja seine Knechte nicht mehr. Indeß
der Junge gehorchte, es kam einer der Leute herbei.
Eberhard hieß der Kuhmagd, diesem einen Topf voll.
Milch zu geben, und schickte ihn zu der Braun für
den kranken Knaben hinaus.
Während dessen war auch der Amtmann in den
Hof gekommen. Erstaunt, seinen jungen Herrn schon
vor sich auf dem Platz zu finden, wollte er sich nach
dessen Schlaf und Befinden gebührend erkundigen.
Eberhard ließ es aber gar nicht dazu kommen.
,,Gut, daß Sie da sind, Sie müssen mir zur
Hand sein. Wir müssen ein Unterkommen schaffen
für die Braunsche und ihre Kinder . . ?
,,Im Schlosse?? wendete der Amtmann ein.
,Wenn nicht im Schlosse, so doch in unseren
Gebäuden, aber nah' genug, daß man sie leicht ver-
sorgen kann'' = und ehe der Amtmann noch irgend
ein Bedenken äußern konnte, hatte Eberhard sich im
Voraus von dem Hofe nach dem Garten gewendet,
dessen Mauern und Gitter zum größten Theile auch
darniederlagen. Er hatte aber gestern im Vorüber-
fahren, wie schon bei seinem früheren Aufenthalt in
Waldritten, die Bemerkung gemacht, daß das kleine
Gartenhaus, welches seine Mutter in ihrem letzten
Lebensjahr errichten ließ, auffallend wenig von der -
allgemeinen Zerstörung gelitten hatte. Dahin lenkte
er seinen Schritt.
Der Amtmann folgte ihm, und an Ort und
Stelle gelangt, überzeugte Eberhard sich, daß er sich
nicht getäuscht. Die hölzernen Wände waren fest,
die Scheiben fehlten allerdings vielfach in den Fenstern,

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aber die Thüre, die Fensterladen hingen doch in ihren
Angeln und zum Dach sah das eiserne Rohr eines
Ofens hervor.
,,Da haben wir ja, was wir brauchen !'' rief
Eberhard in der Genugthuuung, so bald einen Aus--
weg und eine Hilfe gefunden zu haben, wo sein
Amtmann sie nicht schaffen zu können geglaubt.
,Den Ofen,' sagte der Amtmann, ohne den
Ausruf des Barons zu beachten, ,den haben die
Franzosen noch ganz zuletzt aus dem Schlosse fort-
geschleppt, damit die eine Marketenderin, die Geliebte
des Quartiermeisters, hier ihre Wirthschaft treiben
konnte.?
,Nun, so ist er jett grade an dem Fleck, wo
wir ihn brauchen. Lassen Sie die Fenster öffnen,
lassen Sie Feuer machen, hier soll die Braun hinein.
Ich werde selbst hingehen, es ihr zu sagen. Man
kann die Fenster zunächst, wo es noth thut, mit ein
paar Brettern vernageln, es bleibt doch Licht genug.?
Der Amtmann wollte eine Entgegnung machen,
unterdrückte sie jedoch. Er öffnete selbst die Laden
und die Fenster, sah, ob der eiserne Ofen zusammen-
hielt, und befahl dann einem Burschen, der in der
Nähe war, Reisig aufzulesen und ein Feuer zu
machen.
Eberhard ging nach dem Ende des Dorfes zu
den Brauns. Ein brandiger Geruch aualmte ihm
entgegen, als er in' die Nähe des Hauses kam, und
ein dicker Rauch versperrte ihm fast den Eingang.
Der Regen hatte den Boden vor der Thüre so auf-
geweicht, daß das Feuer auf ihm nicht fassen wollte.
Die Frau hatte es also auf dem Lehmfußboden im
Zimmer anmachen müssen, und der gegen das Haus
stehende Wind wehrte dem Rauch des nassen Torfes
den Abzug in das Freie.

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Wie die Frau den Baron erblickte, setzte sie den
Topf mit der Milch auf die Erde, und ihm mit
hochgehobenen Häänden entgegentretend, rief sie:
,Den ganzen großen Topf voll, und das Brot
und das Stroh! Man weiß nicht, was man sagen
soll. Als wär' die Gnädigste wieder da!?
,Was macht der Junge?? fragte Eberhard,
während sie ihm die Hand küßte.
,,Er hat's mit der Hite gehabt die Nacht, aber
wenn das Feuer nur brennen wollte, daß man ähm
die Milch, was Warmes geben könnte, das hält doch
bei Kräften.?
Eberhard trat in die Stube, die Kinder lagen
beide in ihren Kleidern auf dem Stroh und schliefen.
,Seh Sie zu, daß Sie den Kindern zu essen
giebt, wenn sie aufwachen, und dann soll Sie hier
fort, hier kann Sie nicht bleiben!'?
Die Frau fuhr zusammen.
,Fort sollen wir!r rief sie und ging Eberhard
nach, der den verpesteten Raum schnell wieder ver-
lassen hatte.
,Ihi sollt hinüber in das Gartenhaus,' be-
deutete er, ,da ist's trockener . . ,??
,Also ist's doch wahr,' rief die Frau, ,also
doch, gnädiger Herr? Nur bis der Juunge gesund oder
auch unter der Erde ist, nur bis dahin haben Sie
Erbarmen! Das Haus hier ist ja doch nichts nüütze
mehr . . ??
,,Eben darum soll Sie mit den Kindern fort.
Drüben ist's trocken, es ist kein Kranker drin gewesen
und es ist ein guter Ofen dort.?
,,In die Bretterbude und hier fort, wo man
doch gelebt hat all die Jahre!'r stieß sie hervor.
,Gnädigster Herr, sie haben es ja gleich gesagt, wie
wir verstoßen geworden sind, daß wir fortgetrieben

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werden sollen, damit sie uns los würden in den
knappen Zeiten, und daß wir wie die Zigeuner herum-
ziehen sollen in der Welt, sehen, wo wir was finden.
Ich hab's nicht geglaubt, von hier nicht! Und nuun
doch, nun doch, Herr Gott im Himmel!'?
, Sei Sie doch vernünftig,? gebot Eberhard;
,ich will Ihr ja helfen, das sieht Sie! Im Garten-
haus .. ?
-' Sie achtete auf nichts, die lang verhaltene
Herzensangst ließ ihr für keinen Zuspruch Gehör und
immer heftiger werdend, rief sie:
,, Wo der Mensch gelebt hat, da will. er auch
sterben; hier und auf den Kirchhof da gehören wir
hin. Wenn wir einst hier verjagt sind - aus dem
Bretterhause verjagen sie uns erst recht! Der Doktor
hat's ja gesagt, abbrennen müßten sie das Haus --
uns abbrennen über den Kopf- das ist denn auch
das Allerbeste, da werden sie uns los, Alle mit
einem Mal!?
Die Verzweiflung der Unglücklichen streifte an
Wahnsinn, es galt, sie zur Ruhe zu bringen.
,Fort will Sie nicht,' sagte Eberhard so ge-
lassen als er konnte, ,und hier kann Sie doch auch
nicht bleiben. Was soll denn werden mit Ihr und
mit den Kindern? Rede Sie, ich mein's ja gut, was
will' Sie denn??
,Hier bleiben, hochgütiger Herr, bloß hier bleiben,
weiter nichts! Hier hat der Herr Amtmann uns
reingesetzt, wie wir geheirathet haben-- und es ist
ja kein Anderer da, der rein soll. Ich will ja gar
nichts haben, ich will scharwerken gehen . ?
Sie konnte vor Weinen nicht weiter. Das
Mädchen war wach geworden, war herausgekömmen
und drängte sich angstvoll an die Mutter, aus der
Kammer rief der Junge nach ihr.

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Eberhard sah, daß der Frau nach ihrem Sinne
geholfen werden mußte, wenn sie es als eine Hilfe
empfinden sollte.
,So bleibe Sie, wo Sie ist, wenn Sie nicht
Vernunft annehmen will,'? sagte er. ,Es denkt kein
Mensch daran, Sie oder sonst einen fortzutreiben.
Mache Sie die Milch heiß für den Jungen. Es
wird sich eine Thür für Sie finden lassen, und ich
werde Ihr den Ofen schicken, auch ne Decke für den
Jungen.?
,Gott, Gott, daß es noch so nen Menschen
giebt!' rief sie ihm nach, da er sich rasch entfernte,
schwereren Herzens, denn da er gekommen war.
Der Amtmann hatte ihm die Verhältnisse richtig
geschildert, denn während er dem Erfahrenen zu ges
stehen hatte, wie er mit seiner Hilfsbereitschaft falsch
verstanden worden, hatte er einsehen lernen, daß auf
den Gütern noch manch anderes zerstört und wieder
aufzubauen war als nur der äußere Besitzstand. Es
war gut, daß er gekommen war; und da der Amt-
mann in dem ersten Falle halbwegs Recht behalten
hatte, nahm er die Nachricht mit Freuden auf,. daß
sein junger Herr bis zu seiner Einberufung in den
Staatsdienst in Waldritten zu bleiben gedenke.
Eberhard selbst aber, jung, gesund und idealistisch,
fand eine Genugthuung darin, die Entbehrungen zu
theilen, welche auf dem Gute ein jeder zu ertragen
hatte. Er hatte gleich am ersten Tage erklärt, daß
er nur die eine Stube bewohnen, daß er seine Mahl-
zeiten mit dem Amtmann und mit dessen Frau ein-
nehmen wolle und daß um seinetwillen nichts in der
Lebensweise dieser Beiden geändert werden dürfe.
Man sah ihn mit dem Wirthschafter auf dem Felde,
wo man ackerte, eggte und säte, mit dem Förster
im Walde, gelegentlich auch auf der Jagd. Von

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Haus zu Haus sprach er bei den Leuten vor, und
war es oft nur ein geduldiges Anhören ihrer Klagen
oder ein tröstendes Wort, das er ihnen gewähren
konnte, so wich doch von den Einsichtslosesten die
Furcht, daß die Aufhebung der Leibeigenschaft eine
gegen sie gerichtete feindselige Maßregel sei, und die
Verständigen gewöhnten sich an den Gedanken, daß
auf den Gütern die Zeiten sich für sie wieder bessern
würden, wenn der Baron erst wieder, wie sie es
nannten, zu Kräften gekommen sein würde. Sie
faßten Herz zu dem Sohne des Geschlechtes, das
ihnen nie hart begegnet und, wo Noth gewesen, zu
Hilfe gekommen war.
Es sprach sich bald herum, daß der Baron, wenn
er eine gute Jagd gehabt, den Ertrag derselben in
der Stadt verwerthen ließ und nur das Geringste
fur das Schloß zurückbehielt. Man bemerkte es,
daß er kein Pferd für sich kaufte, sondern die alten
Gäule des Amtmanns oder des Wirthschafters ritt,
welche die Einquartierung des Mitnehmens nicht werth
gefunden; und als er dann der Braun die Thüre
machen ließ, als er den Zimmermann und den
Maurer aus dem Dorfe nach dem Schlosse bestellte,
um mit ihnen, als mit freien Handwerkern, über den
Preis zu verhandeln, für welchen sie in den Leute-
häusern die dringendsten Ausbesserungen machen
sollten, fingen sie an sich selber zu regen. Die Ge-
sichter um ihn her, vornehmlich die der Kinder, be-
gannen sich aufzuhellen, wenn der,Herr'' des Weges
kam, weil er selten an ihnen ohne ein freundliches
Wort, ohne einen Anruf vorüberging.
Es war eine Lebensweise, wie er sie nie geführt,
eine ihm neue Thätigkeit, aber auch die Genugthuung,
die sie ihm gewährte, war ihm neu. Er war aus
der Stadt fortgegangen, um die Neigung zu be-

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kämpfen, die ihn immer lebhafter zu Dolores zog;
hier in Waldritten hatte er sich selber zu vergessen,
und da er die Hilfe an baarem Gelde nicht gleich,
wie der Amtmann es begehrte, schaffen konnte, mit
seiner Person einzustehen, um zu lindern, zu gee
währen, was eben möglich war. Selbst Wernicke
mußte es zugeben, daß damit ein Wesentliches ge-
leistet werde, daß etwas damit gewonnen sei, wenn
die Leute nicht aufsässig würden, wenn sie an der
Geduld, mit welcher Eberhard sich des Geringsten
zannahm, beständig an des Herrn guten Willen er-
innert wurden, der ihr Herr jetzt nicht mehr war.
Indeß diese Anerkenntniß von seiner Seite schloß
immer mit der Bemerkung, daß all der gute Wille
den Kohl nicht fett mache und daß nicht abzusehen
sei, wie es sein Ende nehmen solle.
,,Fortschicken kann man die Leute nicht; freiwillig
gehen, ohne zu wissen wohin und ohne Papiere und
Scheine, werden und können sie auch nicht; und da
man ihnen üicht sagen kann, dort ist Arbeit und
gute Bezahlung für Euch, so behalten wir sie auf
dem Halse. Die Häuser sind voll, die Ställe und
Scheunen leer. Wir brauchen Vieh und haben
Menschen mehr als zu viel; und was wir nöthig
haben, was wir in die Erde stecken müßten zur Aus-
saat, das müssen wir ihnen in den Mund stecken, wo's
eben nicht weit langt, und -- was nachher, Herr
Baron? Es bleibt nichts übrig als Geld aufzu-
nehmen auf Ihre Person und zu zahlen, was man
verlangt; denn wer wird jetzt leihen wollen auf ein
Majorat, da er sein Geld überall auf freie Güter
eintragen lassen und es im Fall ihrer gänzlichen
Verschuldung durch billigen Ankauf zurückbekommen
kann. Die Advokaten in Königsberg schaffen Rath,

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freilich nicht umsonst, aber wir können nicht warten,
Sie haben es jetzt selbst gesehen!r
,Ja, leider, es geht nicht anders!' gab Eber-
hard ihm zu, indem er sich von der Mittagsmahlzeit
erhob, deren täglichen Beisatz diese Erwäguungen
machten. ,Es fragt sich nur, ob ich selber nach det
Stadt muß, oder ob die Sache sich von hier aus
einleiten läßt. Ich würde gern noch hier draußen
bleiben, aber wir'kommen hoffentlich rascher an das
Ziel, wenn ich die Angelegenheit persönlich betreibe,
und . . ,-
,, Herr Baron können ja wiederkommen mit dem
Gelde,'' ergänzte der Amtmann, zufrieden, seinen
Herrn endlich so weit zu haben; ,und ist das Geld
erst da, so werden der Herr Baron sehen, daß wir
gut vorgearbeitet haben und daß wir mit dem Säen
noch eher, fertig sein und dann an alle andere Arbeit
gerade so gut gehen können wie die in Strandwiek,
von deren, Wirthschaft nach neuer Art so viel Wesen
gemacht wwird, als könnten sie die Sonne auffangen
und den Frost absperren, wie sie's gerade gebrauchen.
Wie wir moch ruhige Zeiten und regelmäßige Ein-
nahmen und unsere Leute in der Hand hatten,
konnten wir die Wunder thun so gut wie sie!'
Eberhard hatte die Stube bereits verlassen, ehe
der Amtmann vollendete, die Frau nickte ihm bei-
stimmend zu.
,,Es ist ja eine Seele von einem Menschen,''
sagte sie, ,aber sie müssen's selbst probiren, darin
hast Du recht; und die Leute kennt er erst recht nicht.
Er giebt ihnen die Butter vom Brot-- und denkt,
damit könnt' er's zwingen; die denken aber, kanu -er
die Butter entbehren, so geht's auch ohne Brot ---
und brauchen können sie es schon.?
Lewald. Die Familie Darner. T.