Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 10

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Behntes Kapites.
Während dessen war Eberhard aus der Halle
in die große Eingangspforte hinausgetreten, und auf-
merksam gemacht durch den Anschlag des Hundes,
sah er von ferne einen Reiter herankommen, den sein
scharfes Auge bald nicht mehr Mühe hatte zu erkennen.
Es war Frank, der, als er Eberhards ansichtig wurde,
schnell herankam.
Eberhards erste Empfindung war, ihm rasch ent-
gegen zu eilen, dann blieb er fast unwillkürlich stehen.
Der Gedanke, den Gast, welchen er zuerst in seiner
kleinen Stube in Königsberg empfangen, jett auf
der Schwelle seines Schlosses, unter dem hohen,
wappengekrönten Portal desselben zu bewillkommnen,
schoß ihm durch den Kopf inmitten der Sorgen, von
denen er ihn voll hatte; und als ahne Frank, was
in jenem vorging, rief er, da Eberhard vor dem
Portal an ihn hexantrat, frohgemuth wie immer:
,Allen Respekt, Baron, ist das ein Herrensitz!
Das ist ja wie eine Kopie des Hochmeisterschlosses,
an dem wir vorübergekommen sind, als wir die Nogat
überschritten!'
,,Tausendmal willkommen!'' entgegnete ihm Eber-
hard, dem die Bewunderung seines Stammschlosses
mehr Freude gemacht, als Frank hatte ermessen
können. ,Endlich. ein Gast, den man ersehnt, nach
all den ungebetenen Gästen, die hier gehaust!'? Und
dem Freunde die Hand schüttelnd, der sich leicht aus
dem Sattel geschwungen, gab er mit dem nachge-
machten schrillen Eulenpfiff, dessen die Barone sich
hier seit Generationen bedient, das Zeichen, das einen
der Leute herbeirief.

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Der Amtmann und seine Fräu waren inzwischen
auch neugierig hinausgekommen, denn Besuche waren
eine Seltenheit geworden. Das frühere gastliche
Hinundher zwischen den Schlössern hatte nach dem
Kriege noch nicht wieder aufkommen wollen, weil
jeder -bei sich zu Hause noch sein Theil zu tragen
und zu schaffen hatte.
Eberhard sagte dem Freunde, daß der alte Herr
sein Amtmann, der vieljährige, bewährte Diener
seines Hauses sei, und dieser begrüßte den Sohn
des reichen Besitzers von Strandwiek mit all der
Schätzung, welche er von dem Werth des Geldes jetzt
noch mehr als vordem hatte.
,Tragen Sie auf, Madame Wernicke,'' sagte
Eberhard, ,was Küche und Keller vermögen. Etwas
Besonderes wird's nicht sein, lieber Freund, denn wir
sind arm wie die Kirchenmäuse und Schmalhans ist
Küchenmeister bei mir !'' setzte er muntern Sinnes
hinzu, denn hier in seinem Schlosse kam es ihm nicht
schwer an, seine Mittellosigkeit einzugestehen, und
Franks Heiterkeit hatte ihn selber fröhlich gemacht.
,Wenn's nur viel ist, so ist's gut!'' versicherte
der.,Ich bringe Ihnen einen Wolfshunger mit,
den der dreistündige Ritt in der scharfen Luft ge-
steigert hat; und Madame, setzte er, sich zu dieser
wendend, hinzu, ,wer schnell giebt, giebt doppelt!''
Eberhard befahl, das Essen oben auftragen zu
lassen, da er mit dem Gast allein zu sein wünschte,
und gab die Weisung ein Zimmer für denselben her-
zurichten, da er hoffe, er werde im Schlosse übernachten.
Frank verneinte das. Er sei nur für ein paar
Tage nach Strandwiek gekommen, sagte er, und wolle
am Abend wieder dort sein.
,, Wir haben jetzt ein Ühr! Breche ich um vier
Ühr auf, so bin ich um sieben Uhr bequem zu Hause!'


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,Es sind fast vier Meilen,' wendete Eberhard
ihm ein, ,wird Ihr Pferd das leisten nach drei
Stunden Rast!rr
,Vollkommen! Ea ist Vollblut und hat gestanden
gestern den ganzen Tag. Nebermorgen will ich nach
Königsberg zurück. ?
,Ebenfalls zu Pferde??
,MNein, mein Vater geht mit, aber wir nehmen
nicht eigene Pferde, sondern Postvorspann; sie brauchen
die Pferde zu nöthig bei uns.?
So sprechend gingen sie die breite steinerne
Treppe hinan, auf deren Pfosten die Wassernixe
aus dem Wappen der Stromberg als Fackelträger
aufgestellt war, traten dann in den Hauptsaal ein,
in welchem die Ahnenbilder sich befanden, und ob-
schon auch sie vielfach gelitten hatten, blieb, Frank
doch stehen, sie zu betrachten.
,Welch prachtvolle Gestalt ist das!r rief er, auf
den Gründer des Hauses deutend, dem das lang
wallende blonde Haar unter dem schweren Barett
auf die mächtigen Schultern niederfloß. Wir sehen
recht armselig aus in unserer knappen Kleidung neben
solchen Bildern; aber Sie gleichen Ihrem Stamm-
herrn und ich möchte Sie wohl einmal sehen in seiner
Tracht.?
Eberhard gab zu, daß das Gepräge des Ge-
schlechtes sich deutlich erhalten habe; und während
man, weil der Saal dem Gast einen anziehenden
Eindruck machte, den Eßtisch in demselben deckte, ging
er langsam betrachtend: von Bild zu Bild, nach den
Namen der Männer wie der Frauen und nach ihren
Schicksalen fragend. Wie sie sich dann an den Tisch
niedersetzten, auf welchem man die schlichte Mahlzeit
aufgetragen hatte, sagte er, während er eifrig
zugrif.


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,Das sind nun Dinge, die man sich nicht schaffen
und nicht kaufen kann und die doch werthvoll sind
vor anderen !?
,Meinen Sie die Bilder?? fragte der Baron,
dem die Vorstellung, daß Frank auch hier wieder
gleich an das Kaufen denke, ein Lächeln auf die
Lippen brachte.
, Ja, die Bilder als Träger und Zeichen der
Vergangenheit. Ich denke mir es angenehm, große,
weitreichende, mit der Geschichte seines Geschlechtes
und Landes zusammenhängende Erinnerungen zu be-
sitzen. Ich werde einmal allen Grund haben, meinen
Kindern mit Stolz von ihrem Großvater zu sprechen;
doch sollte mich's nicht kränken, könnte ich für sie und
mit ihnen weiter zurückblicken in eine lange Ver-
gangenheit und auf gute und vorangegangene Ange-
hörige. In der Vergangenheit wurzeln, sein eigener
Herr sein in der Gegenwart und eine freie Zukunft
vor sich haben-- das ist'a!'?
Er aß dabei rüstig von dem kalten Fischgericht,
das die Magd hereingebracht, und hielt wohlgemuth
das Glas hin, welches sein Wirth ihm auf das neue
vollgeschenkt, ihn zum Anstoßen einzuladen.
Es wurde Eberhard zum ersten Mal wieder wohl
in seinem Schlosse, seines Gastes Offenheit erschloß
auch ihm das Herz.
,Solch' aristokratischem Wunsche in Ihnen zu
begegnen,' sagte er, ,hätte ich nicht erwartet. Sie
haben keine Vorurtheile; und das freut mich !' scherzte er.
,Wo sollte ich die her haben. Mein Vater--
nun, das werden Sie begreifen, der ist viel zu sehr
Mann der Thatsachen, um Vorurtheile gelten zu
lassen; und die, die vor ihm gewesen sind, haben
sich mit derlei sicherlich nicht abgegeben. Daß Sie,
Baron, der Sie aus diesem Feudalschloß stammen,

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ohne Vorurtheile sind, ist schon verdienstlicher. Aber
andererseits- wer spannt sich ein, der frei sein kann ??
Er hatte das alles in seiner freimüthigen Weise
leicht hingeworfen, indeß seine Worte hatten für Eber-
hard ein anderes Gewicht, und ernsthaft werdend,
entgegnete er ihm:
, Sie haben Recht, freiwillig setzt sich in unseren
Tagen wohl Niemand eine Schranke, die ihn hindert;
aber die Schranken, in die wir mit jenen erhebenden
Erinnerungen aus der Vergangenheit hineingeboren
sind, sind nur zu oft unübersteiglich für uns, und
halten uns in ihrem Bann.!
,Wie meinen Sie das?' fragte Frank betroffen
vor dem Ernste des Barons.
,Die Sache ist sehr einfach, mich bindet das
Majorat nach allen Seiten. Ich bin nicht frei in
Bezug auf die Ehe!r Heißes Roth überflog seine
schöne Stirne, da er die Worte aussprach, und als
wolle er rasch darüber fortkommen, setzte er hinzu:
,, Und ebenso bin ich zum Beispiel in diesem Augen-
blick behindert, für das Gut zu thun, was gethan
werden müßte. Soll hier zweckmäßig geholfen werden,
so muß dazu ein namhaftes Kapital geschafft werden,
das ich durch Aufnahme einer Hypothek nicht schaffen
kann, weil mein Nachfolger nach der Majorats-
stiftung nicht verpflichtet sein würde, sie einzulösen
oder zu verzinsen . . ?
, Unglaublich ! fiel' Frank ihm in das Wort.
, Was wollen Sie? Es ist eine ehrenhafte,
aber kurzsichtige Bestimmung. Unser Ahnherr, der
Freiherr Eberhard, hat beabsichtigt, sein Geschlecht
dadurch von Leichtsinn, von Verschwendung zurück
zuhalten, und hat nicht bedacht, daß Zeiten kommen
können, in denen Fremde, Feinde ernten würden,
was wir gesät, und aufzehren und zerstören bis aufs

= ZF -
lezte, was wir gesammelt und geschaffen haben.
Grade als Sie kamen, war ich dabei, nach Königs-
berg zu schreiben, um zu versuchen, ob ich auf meinen
Namen, nicht als Majoratsherr von Waldritten,
Kredit finde, um dem Majorate damit zu Hilfe zu
kommen, das mein alleiniger Besiz ist!?
Frank schüttelte erstaunt den Kopf.
,Ein Besitz? Wie mögen Sie als Besitz er-
achten, was nicht frei zu Ihrer Verfügung steht?
Stecken Sie mir ein Goldstück in die Tasche und
befehlen Sie mir, es in derselben zu behalten, oder
verbieten Sie mir, es einzuwechseln, so komme ich
als sein Besitzer in die Lage, zu verhungern oder
ein Stück Brot mit seinem hundertfachen Werthe zu
bezahlen!'-
,, Das Letztere wird mein Fall sein, denn ich
werde Wuchern in die Hände fallen und Wucher-
zinsen zahlen müssen!
, Wucherzinsen,'' wiederholte Frank,,das ist auch
ein Wort unter dem viel unklare Vorstellungen sich
bergen. Wen nennen Sie einen Wucherer und was
nennen Sie wucherische Zinsen??
,, Wie mögen Sie mich das fragen? Altrömisches
und deutsches Recht haben den Begriff festgestellt,
und wenn Jemand von mir, weil er weiß, daß ich
es haben muß, für ein Darlehen, das er mir macht,
den doppelten, den dreifachen Zins verlangt, den er
sonst erhalten würde, so nenne ich ihn eben einen
Wuchertreibenden.??
, Verzeihen Sie mir, wenn ich als ein Unstudirter,
aber im praktischen Verkehr Geschulter Ihnen darin
widerspreche. Geld ist Waare, und in dem betreffenden
Falle das Darlehen eine Waare. Ist die Waare
reichlich vorhanden, und die Sicherheit, sie zurückzu-
erhalten, groß, so giebt man sie billig her; ist sie knapp

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und keine feste Bürgschaft für die Sicherheit, so läßt
sich der Verleiher der Waare ihre Knappheit und die
Gefahr, die er läuft, hoch bezahlen und mit Recht.
Und in anderem Sinne, wenn ich mit einem Dar-
lehen, fünfzehn, zwanzig von Hundert zu gewinnen
denke, warum soll ich den Mann tadeln, der einen
ansehnlichen Vortheil sucht für den größern, den ich
zu erlangen denke? Steigern doch überall selbst die
Reichsbanken ihre Darlehen nach dem jedesmaligen
Marktpreis des Geldes, und sie arbeiten nicht auf
eigene Rechnung, sondern als gemeinnützige Institute,
Aber sprechen Sie doch mit meinem Vater davon.
Vielleicht weiß er Rath zu schaffen. Wie viel müssen
Sie haben? Klein wird die Summe nicht sein, denn
Ihr Gut ist ja viel größer als Strandwiek, und wir
haben schon einen tüchtigen Posten hineingesteckt, ohne
damit zu Rande zu sein.'?
Eberhard zögerte mit der Antwort. Er hatte
eine sehr große und eine gute Meinung von Lorenz
Darner, eine wirkliche Zuneigung zu Frank, aber der
Gedanke, ihnen für ein rein persönliches Darlehen
verpflichtet, durch Geld von ihnen abhängig zu sein,
widerstrebte ihm entschieden; und ohne die Summe
zu nennen, die er zu haben wünschte, sagte er:
,,Sie kommen meinem Wunsche zuvor. Ich hatte
schon daran gedacht, mich in Ihrem Hause nach einem
sicheren Geschäftsmann für meine Zwecke zu erkundigen.
Können Sie mir einen 'solchen nachweisen, so ver-
binden Sie mich. Ich mnß natürlich darauf gefaßt
sein-- bin es auch -- nicht billigen Kaufs davon
zu kommen, denn ich habe Eile. Neben der Noth-
wendigkeit, die Gebäude herzustellen, für die Frucht
des kommenden Jahres zu sorgen, muß den Leuten
auch Arbeit und Erwerb geschafft werden . . ?
K

== Zß =
,, Haben Sie mehr Leute hier, als Sie brauchen?
fiel ihm Frank in die Rede.
,, Wenigstens mehr, als ich im Augenblicke zu be-
schäftigen vermag; denn wenn es mir gelingt, an die
Arbeit zu kommen, so werde ich doch immer nur mit
Beschränkung, nur gemessen vorwärts gehen können.?
Glauben Sie, daß die Leute gewillt sein würden,
bei uns in Arbeit zu kommen?' fragte Frank.
Und wieder überfiel den Schloßherrn die Scheu,
die ihn überkommen war, als Frank die Möglichkeit
der Geldvermittlung durch seinen Vater angedeutet
hatte; aber diesmal hatte er sie zu besiegen, denn
es galt nicht sein Empfinden allein, sondern
in erster Reihe den, Vortheil seiner Gutsinsassen, der
allerdings auch ihm eine wesentliche Erleichterung
gewährte. Er sagte, er zweifle nicht daran, daß die
Leute gern in Arbeit gehen würden. Er ließ dann
den Amtmann heraufkommen, ihm seine Absicht kund
z geben.
Der Amtmann hörte ihm respektvoll zu, dann
sagte er:
,Herr Baron, das ist, verzeihen Sie, daß ich
es sage, leicht gethan und dann aber auch nicht un-
geschehen zu machen. Tagelohn wie Herr Darner
auf Strandwiek, der nicht alles aus dem Gute selbst
herauszuschlagen hat, können wir hier nun und nimmer
zahlen. Zeigt man den Leuten den Weg, wo sie
ihn bekommen können, so werden sie ihn sammt und
sonders gehen wollen, wenn wir ihnen nicht das
Gleiche zahlen. Weigern wir die Erlaubniß, was wir
kaum noch können, so haben wir aufsässiges Volk
um uns. Und das Gesindel der Franzosen und
Russen nnd das Pack, das wir hier gehabt haben,
hat's ihnen vorgemacht, wie rasch man den rothen
Hahn auf eine volle Scheune fliegen lassen und an

.
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abgelegenem Platze einem, dem män's zugedacht hat,
den Garaus machen kann. Fangen Sie nichts Neues
an, wir haben genug damit zu schaffen.'?
Sich von einem Untergebenen in Gegenwart
eines Dritten widersprochen zu finden, sich gehindert
zu sehen, wo er sich wohlwollend überwunden hatte,
machte Eberhard unmuthig. Das aristokratische Herren-
bewußtsein regte sich sofort wieder in ihm.
, So werden wir sehen müssen, wie wir's schaffen!'
entgegnete er dem Amtmann fest.,öu zahlen, was
man anderwärts zahlt, die Leute hingehen zu lassen,
wo man sie aufnehmen will und brauchen kann,
während das im Augenblick hier nicht der Fall ist
--- mit einem Worte, uns in die jetzigen Verhältnisse
zu fügen, werden wir uns gern oder ungern ent-
schließen müssen. Die Leute, die nach Strandwiek
gehen, haben wir hier nicht zu ernähren und können
sie wiederkommen lassen zur rechten Zeit!'? Dann,
sich an Frank wendend, fragte er, ob man zehn, zwölf
Arbeiter beschäftigen könne.
,,Mehr als diese!'' entgegnete Frank und er-
kundigte sich bei dem Amtmann, ob sich vielleicht
Handwerker unter den Leuten befänden, denn diesen
würde man natürlich höheren Lohn bezahlen können.
Wernicke verneinte das. Die Handwerker habe
man selber dringend nöthig, sagte er, fügte aber hinzu,
die Leute hätten alle bei den gelegentlichen Bauten
als Handlanger gedient; und er erhielt darnach die
Weisung, brauchbare Menschen auszusuchen und sie
ins Schloß kommen zu lassen. Er entfernte sich
gehorchend.
Dann verließen auch die beiden jungen Männer
das Schloß, um noch rasch einen Gang durch den
Garten und das Dorf zu machen, und wie sie dar-
nach zurückgekehrt und wieder in den Ahnensaal ge-

.
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kommen waren, in welchem sie noch den Kaffee trinken
wollten, bevor Frank sich wieder auf den Weg machte,
ließß Eberhard die bestellten Leute vor sich kommen.
Es waren ihrer zehn; Keiner von ihnen war
jemals im Schlosse gewesen, denn was man ihnen
mitzutheilen hatte, wurde bei dem Hofmann ab-
gemacht; Keiner von ihnen wußte deutlich, worauf es
jetzt mit ihnen abgesehen war, und die Furcht, wider
ihren Willen fortgeschickt zu werden, welche seit der
Auufhebung der Leibeigenschaft unter allem Landvolk
spukend umging, regte sich auch in ihnen, da der
Amtmann in seiner Unzufriedenheit sich nicht darüber
ausgelassen hatte, was der Baron mit ihnen vorhabe.
Mochte er ihnen das selber sagen, mochte der, welcher
den Plan gefaßt, auch die Veranlwortung für den
Ausfall und seine Folgen den Leuten gegenüber selber
übernehmen.
Der Saal und die Berufung waren den Leuten
neu, waren ihnen also unheimlich. Dicht beisammen
blieben sie an der Thür stehen, scheuen Blicks den
Raum, und mißtrauisch den Baron, den Fremden
und den Amtmann betrachtend, dessen Befehl sie her-
gerufen, dessen finstereMiene ihnen nichtsGutes verhieß.
Eberhard kannte alle seine Leute, und weil er
die Sache abgethan haben wollte, trat er, ihre Zu-
stimmung ebenso voraussetzend, als daß sie wüßten,
um was es sich handle, mit den Worten: ,Ihr also
wollt fort!' rasch an sie heran.
,,Fort?? wiederholte der und Jener.
Der lange Karl aber, der nicht viel älter, als
Eberhard, diesem in dessen früher Kindheit bei seinen
Spielen bisweilen zur Hand gegeben worden war
und mit dem Baron erst vor ein paar Tagen im
Vorübergehen gesprochen hatte, faßte sich ein Herz.
, Fort,' sagte er, ,na, fort wollen wird just

= HF -
Keiner wollen, gestrenger Herr! Wenn der gestrenge
Herr aber so meinen, wird's ja nicht anders sein.
Man bloß wohin, und justement jetzt zum Winter?'
Eberhard sah die dumpfe Unzufriedenheit in den
Gesichtern und hörte sie aus den Worten.
, Er fragt wohin? Das will ich Ihm sagen, da
der Herr Amtmann es, wie ich merke, nicht gethan
hat. Hier, der Herr Darner von Strandwiek, bei
dem auch Alles drunter und drüber gegangen ist,
braucht mehr Leute, als er hat, zu dem sollt Ihr hin.?
Daß der Baron dem Einen geantwortet, ermuthigte
die Anderen.
, Ich bin nicht ledig, gestrenger Herr!' warf
Steppuhn ein. ,Ich hab' Frau und Kind und das
andere soll jetzt kommen, und wenn wir hier haben
umsonst arbeiten müssen, wie's Arbeit gegebeu hat,
und durchhalten durch die Franzosenzeit, so ,. .?
,Was soll das So? fuhr Eberhard auf.
,Man stößt ja seinen Hund nicht auf die Straße!'r
brummte ein Dritter durch die Zähne.
Eberhard erkannte, daß der erfahrene Amtmann
die Leute richtiger als er beurtheilt. Er sah das
unterdrückte Lächeln in dessen faltenreichem, ehrlichem
Gesicht und hörte, was sein Mund nicht aussprach?
Er hatte sich in eine falsche Lage gebracht, aber das
Beispiel von Lorenz Darner sollte nicht an ihm ver-
loren sein; es galt, mit einem entschiedenen Schritte,
mit offenem Zugeständniß der Wahrheit sich in die
geforderte Stellung zu versetzen.
,Wer denkt daran, Euch zu verstoßen! sprach
er ,Wer vom Schlosse ist je unbarmherzig gewesen
gegen Euch, so lang Ihr unsere Hörigen waret? Jetzt
seid Ihr frei, ich habe Eure Arbeit nicht mehr zu
fordern, sondern muß sie Euch bezahlen. So viel
Geld, Euch Alle zu beschäftigen, habe ich nicht; Euch

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Alle mit Euren Frauen und Kindern ernähren, bis
ich Geld genug haben werde, herstellen zu lassen, was
hier zerstört ist, kann ich nicht. Seht Euch um, Ihr
wißt's so gut wie ich; Scheunen und Ställe sind
leer. In Strandwiek kann der Herr Euch brauchen,
er giebt Euch Wohnng, giebt Euch Kost, giebt Jedem
zwei Sechserks den Tag .?
,Auch Branntwein? fragte der lange Karl.
,Den müßt Ihr kaufen; und wer sich betrinkt,
wird fortgeschickt! bedeutete Frank, der bis dahin
schweigend dem Vorgang beigewohnt hatte.
,Mit Frau und Kind? erkundigte sich Steppuhn,
und wieder ein Anderer fragte:
,Für wie lange soll's denn sein??
,Die Weiber und Kinder behalte ich. Seid Ihr
rechtschaffen, so laßt ihnen zukommen, was Ihr er-
übrigen könnt, denn der Lohn ist hoch. Wenn ich
Euch Arbeit geben und der Herr in Strandwiek Euch
nicht mehr beschäftigen kann . . ?
,,Wenn wir aber dort nicht kriegen, was Sie
versprechen, gestrenger Herr?' wagte Karl zu sagen,
der sich zum Sprecher machte.
, Ihr werdet es bekommen,'' entgegnete Frank,
,,aber wer nichts taugt, den jagen wir zum Teufel,
und wir reißen uns nicht um Euch, bleibt, wo Ihr
seid!? Er zog dabei die Ühr aus der Tasche, sah
nach der Zeit und sagte: ,Ich muß fort, Baron,
haben Sie die Güte, mein Pferd bringen zu lassen.r'
, Bestell' Er's!'' gebot Eberhard dem ihm zunächst
stehenden Karl.
Der blieb stehen, sah den Baron, sah Frank und
die Anderen an und sagte dann:
,Wenn soll's denn fortgehen, gestrenger Herr?
P 40 Pfenig Reichsgeld.

,Morgen um acht Uhr, daß Ihr vor Abend
dort seid !r
= ßg -
,Giebt's Handgeld? erkundigte sich Steppuhn.
,Nein, denn Ihr kommt auf Arbeit, nicht in
Dienst!'' antwortete ihnen Frank.
Sie zögerten einen kurzen Augenblick in leisem
Reden unter einander, dann sagte Steppuhn:
,Na, denn also morgen um acht Uhr und vier-
zehn Sechser die Woche!r
,Nein, zwei Sechser den Arbeitstag!'' wiederholte
Frank bestimmt.
,Ra, denn zwei Sechser und morgen um acht
Ühr!r? Damit begab er sich, und sie gingen davon.
Als sie unter der Thüre waren, rief Frank
ihnen nach:
,Der Marschtag, das soll gesagt sein, zählt für
nen Arbeitstag mit!'
,Schön Dank, hochgüter Herr! schallte es ihm
zurück, und man vernahm an ihren Stimmen, daß
sie nun besseren Muthes waren.
,Sie kennen die Leute und wissen sie zu nehmen,
Herr Darner!'r sagte der Amtmann, jetzt selber
plötzlich wie Jene der Sache weniger abgeneigt.
,Ich habe mit Ihnen, seit ich in Preußen bin,
in unseren Geschäften oft zu thun gehabt; es will
auch gelernt sein. Ein kleines Zugeständniß zum
Schluß ist wie ein Schnaps, der ihnen Eourage
macht; und nun habe ich noch eine Bitte an Sie,
Herr Amtmann, setzen Sie die Bedingungen auf und
lassen Sie sie von den Leuten unterschreiben. Ich
will warten, bis es geschehen ist, und den Kontrakt
mitnehmen.?
,Aufseten will ich's gleich,'' entgegnete der Amt-
mann, ,die Leute haben's nur mit Geschriebenem
nicht gern zu thun, sie denken immer, das geht gegen

=- H =
sie, aber wie Sie wünschen. Der Karl und der
Steppuhn können zur Noth ihren Namen schreiben,
bei den Anderen müssen's die drei Kreuze thun. Man
kriegt sie schwer dazu. Schlimm geng, daß man
jetzt mit ihnen paktiren muß!'
,Es sind freie Leute, mit denen man Geschäfte
zu machen hat, und in Geschäften geht's ohne Ge-
schriebenes nicht! lachte Frank.,Das ist Handel
und Wandel; und Ihnen, lieber Baron, danke ich
für Ihr Makleramt. -
Er hatte das mit fröhlichstem Sinne gesprochen,
während sie sich an dem Tisch niedergelassen, auf
welchem man ihnen den Kaffee aufgetragen hatte; er
bemerkte es auch nicht, wie Frank von der Bemer-
kung getroffen worden war.
Von der Eile des Augenblicks hingenommen,
denn es war vier Ühr vorüber, und er hörte den
Hufschlag des Pferdes, das man aus dem Stalle über
den Hof führte, sagte er:
,, Und nun, lieber Baron, da ich hier durch Sie
unsere Rechnung in unseren Angelegenheiten gefunden
habe, auch zu der Ihren! Welche Summe müüssen
Sie haben, welche Sicherheit können Sie bieten?
Von dem beiden hängt es ab, an wen man sich zu
wenden und auf wie hohe Zinsen man zu rechnen
haben wird. Bemessen Sie die Summe nicht zu
knapp; denn es kommt bei einer ersten Anleihe nicht
wesentlich darauf an, und es ist besser und Ihnen
gewiß lieber, wenn Sie keine zweite zu machen brauchen.
Sie haben hier für mich vermittelt, lassen Sie mich
für Sie in dieser kleinen Angelegenheit das Gleiche
thun. Ich glaube, Sie kommen besser dabei fort,
wenn sie durch uns und unser Haus besorgt
wird.?
Das war Alles richtig, und Eberhard hatte es

= I( -
dankbar anzunehmen, doch war ihm dabei nicht leicht
ums Herz.
,Ich habe zehntausend Thaler nöthig,' sagte er,
,, und im günstigsten Falle würden, gute Ernten und
gute Konjunkturen vorausgesetzt, mindestens sechs, acht
Jahre hingehen, ehe ich sie, bei hohem Zinsfuß,
ratenweise abzahlen könnte. Eine Sicherheit biete ich
mit meinem Ehrenwort . I?
,Aber Sie sind sterblich!r wendete Frank ihm ein.
,, Und das Ehrenwort eines Todten bindet die
ihm Nachfolgenden rechtlich nicht!'r setyte Eberhard
hinzu. ,Sterbe ich unverheirathet und kinderlos, so
fällt das Majorat an meinen Onkel, den General,
und an dessen Familie. Ich habe deshalb angestanden,
das Geld aufzunehmen, so lange ich an die Möglich-
keit geglaubt, ohne dasselbe fertig werden zu können.
Nun ich mich von dem Gegentheil überzeugt, habe ich
an den General zu schreiben, um ihn, obschon er ein
Kavalier ist und ich seiner sicher bin, für den Fall
meines Todes zur förmlichen Anerkennung der für
die Erhaltung des Majorats gemachten Schuld zu
bewegen.?
,So wird's leicht zu machen sein, so ist's ge-
schäftsmäßig!'k sagte Frank.
,Ich bin Jurist, lieber Freund!r erinnerte der
Baron.
,Also Sie nehmen meine Vermittlung an!'?
,Mit großem Dank! Sie haben Vollmacht...?
,Für Sie nachzufragen und Ihnen zu berichten!''
ergänzte Frank. ,Ich' gehe morgen nach Hause. Ich
werde zwölftausend Thaler suchen statt der genannten
zehn und sagen, daß Sie dieselben nach Bedarf ent-
nehmen werden, die Zinsen zu ersparen. Wann
denken Sie wieder in Königsberg zu sein? Wir
müssen doch unsere Lektionen wieder aufnehmen!

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,Ich bleibe hier, bis ich die Einberufung von
meinem Präsidenten habe.?
, Und ich schreibe Ihnen, sobald ich das Ge-
wünschte finde; ich hoffe, es soll' bald sein.?
Er sah sich noch einmal in dem Saale um,
nannte ihn einen prächtigen Raum, den sein Vater
durchaus sehen müsse, um zu erfahren, was dies Land
früher an den Ordensrittern gehabt; dann gingen sie
hinunter.
Der Amtmann kam auch aus seiner Wohnuung
vor das Thor, dem Gaste des Schloßherrn die
schuldige Ehrfurcht zu erweisen.
Franks Falbe wieherte ihm, die Heimkehr voraus-
sehend, lustig entgegen. Er war schnell im Sattel.
Eberhard bat, ihn seinem Vater und den Damen
zu empfehlen. Sie schieden mit einem herzlichen
, Auf Wiedersehen!'-
Eberhard blieb unter dem Portale stehen und
sah ihm nach, bis er den Schloßhof verlassen hatte.
, Vor ihm liegt das Leben offen und die Welt!r'
sprach er halblaut vor sich hin und ging in die Burg
seiner Väter zurück, dem Nachsatz und dem Ruckblick
auf sich selber das Wort nicht gebend. Dann, sich
zum Amtmann wendend, der ihm gefolgt war, sagte
er: , Ich habe Herrn Darner ersucht, das Geld für
mich zu negoziiren. Er hat es übernommen, und ich
glaube, es auf dem Wege unter den angemessensten
Zinsen zu erhalten. Er wird Bescheid senden, hoffent-
lich in den nächsten Tagen.?
,, Und Sie werden sehen, Herr Baron, wenn wir
uns hier nur rühren können- Sie werden sehen,
was Waldritten ist, es ist ein herrlicher Besiz! Sie
werden wieder gern hier sein !?
, Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich's nicht bin?
Der Amtmann schwieg; erst im Schlosse sprach er:
Lewald. Die Familie Darner. T.