Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 11

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,,Sie sind mitten so ins Elend hineingekommen -
nun wird's anders werden, und auch mit den Leuten
wird sich's machen; ich thue, was ich kann!?
,,Das weiß ich, Wernicke,'' versicherte der Baron,
gerührt von des Greises bescheidener Treue; ,wir
wollen Rath schaffen zusammen, und sehen, wie wir
das gute Alte und das Neue ineinanderfügen. Lassen
Sie Feuer machen oben im großen Saale, und lassen
Sie mir den Schreibtisch hineinbringen, ich habe noch
zu thun; es ist mir auf die Dauer zu eng in der
kleinen Stube.?
Der Amtmann hörte das gern, es war ein festes
Fußfassen im Schlosse.
Elftes Kaputel.
Der Brief an den General war geschrieben. Es -
dämmerte schon, als Eberhard das Licht löschte, an
dem er ihn gesiegelt. Wie er ihn gegen das Fenster
hielt, trat der schöne Schnitt des großen Petschafts
scharf aus dem weichen Wachs hervor. Die Fassung
zeigte, daß es einst in einem Schwertknauf gesessen,
den man in ein Petschaft umgewandelt, weil die Sage
ging, Benvenuto Cellini selber habe es dereinst ge-
schnitten.
Sie Alle, deren Bilder von den Wänden zu ihm
niedersahen, hatten es in den Händen gehabt! Alle
Dokumente, welche sich auf das Geschlecht bezogen und
auf das Schloß, waren mit ihm gesiegelt worden:
die Ankäufe des Blonken'schen Waldes, des Widnower
Vorwerks. Den Verdinger seiner Leute, den Makler,
hatte noch keiner der Strombergs gemacht. Nicht

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der Komthur, dessen Züge er selber trug, nicht der
Baron Achilles, der unter dem großen Kurfürsten
gegen die Schweden ruhmreich gekämpft und siegend
gestorben war; nicht der Baron Weidewuth, der mit
so viel Galanterie die schöne Baronin Hedwig am
Arme führte und das Haupt unter der Allonge-
perrücke mit stolzem Lächeln dem Beschauer zuwendete;
auch sein edler Vater nicht, dem das leicht gepuderte
Haar und der rothe Sammetrock über der weißen,
goldgestickten Schoßweste so wohl anstanden, und
dessen rundes Kinn und schöne Häände so fein hervor-
sahen aus der Halsbinde und den weiten Manschetten
von flandrischen Spitzen.
Sie waren Alle noch unumschränkte Herren ge-
wesen in ihrem Schlosse und über ihre Leute, sie
hatten nicht mit ihnen zu paktiren, nicht Verkehr
gehabt.
Er machte sich zum bittern Vorwurf, was er
dachte. Er hatte sich immer mit Genugthuuung als
ein Kind seiner Zeit gefühlt, sich glücklich gepriesen,
dem Jahrhundert anzugehören, in welchem man die
Menschenrechte, wie sich's gebührte, anerkannt. Als
er Darner seine Leute für dessen Zwecke angeboten,
hatte er es mit dem Bewußtsein gethan, daß er
damit die ihnen gewordene Freilassung bestätigen
helfe, während ihm selber eine nothwendigeErleichterung
damit geschafft wurde. So, wie es war, war Alles
auf das Beste! Er hätte darüber lachen mögen, das
der Herrenstolz seines Geschlechtes ihm wie ein alt-
modisch gewordener Zopf so zur Unzeit in den
Nacken schlug; aber er konnte es nicht vergessen, das
Frank ihn einen Makler genannt, daß er als Ge-
schäftsmann mit einem Geschäftsmann auuf gleichem
Fuuß verkehrt und daß mit der Aufhebung der Leib-
eigenschaft an alle bisher hestandenen Vorrechte der

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einzelnen Stände die Axt gelegt war, daß jeder
fortan und mehr und mehr die Freiheit für sich
fordern, erkämpfen und erhalten werde, die er für
sich begehren zu müssen glaubte.
Was war es nun mit dem ihm tief in das
Herz gegrabenen Wahlspruch der Stromberg: ,Ich
stehe und halte fest!'-- Wie konnte der einzelne
feststehen und was konnte er festhalten in einer
Welt, in welcher das: ,Alles fließt!rr mehr denn je
erkennbar hervortrat, in welcher, wie Darner, der
entflohene Leibeigene, es vor seinen frei und vornehm
geborenen Gästen mit Wahrheit bezeichnen konnte,
nichts feststand als die unwiderlegliche Beweiskraft
der Zahlen, das Einmaleins und ein gut geführtes
Hauptbuch?- Ohne daß er es wollte, kam er
immer. darauf zurück, und er durfte es auch nicht
vergessen, konnte es nicht vergessen, denn seine Ge-
danken waren wie gebannt an die Stätte, an welcher
er das Wort vernommen; und sein Bestreben, das
Bild, das ihn umschwebte, nicht aufkommen und nicht
Herr werden zu lassen über sich, hielt es doch eben
in ihm fest.
Er stand wieder, wie in den verwichenen
Tagen, einsam an seinem Fenster, wieder war die
Sonne niedergesunken und ihre letzte Spur, der
matte gelbliche Schimmer erloschen am fernen
Horizont. So war sie untergegangen immer und
immer, so hatten sie alle es mit angesehen, das
ewige und immer neue unbegriffene Wunder, und
aus Tag war Nacht geworden, und aus der Nacht
der junge strahlende Tag emporgestiegen, um zu er-
löschen wie die Tage vor ihm, und die Tage die ihm
zu folgen hatten.
Die Wehmuth über die Endlichkeit des Daseins
bewegte ihn neben dem Bedürfniß auf Freude zu

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hoffen und auf das Glück und wie er hinaus sah,
tauchten die ersten Sterne an dem klaren Himmel
auf, und heller als die anderen alle trat der Nord-
stern leuchtend hervor.
Eberhard richtete sich mit tiefem Athemzuge auf.
, Ich stehe und halte fest!'r rief er, daß seine eigene
Stimme ihm ermuthigend an das Ohr klang; und in
der frommen Bewegung, die ihn erfüllte, sprach er
wie im Gebet die Worte Schillers vor sich hin.
,. Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt,
Wie auch der menschliche wanke:
Hoch über der Zeit und dem Raume webt
Lebendig der höchste Gedanke.
Und ob alles im ewigen Wechsel kreist,
Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist!'
Das war's-- In Gottvertrauen und mit festem,
ehrlichem Wollen an jedem Tage nach bestem Ge-
wissen das als nothwendig Erkannte thun; dann
mochte geschehen, was der Allmächtige verhängt, der
Allweise verordnet hatte!
Nie zuvor hatte er diese tiefe, gläubige Zuver-
sicht empfunden! Er konnte nicht sagen, wie sie ihm
gekommen war, aber er empfand sie als eine Gnade,
als ein Glück. Sie gab ihm Muth und Hoffnuung
für seine Zukunft, und festes Vertrauen auf die mit
der Aufhebung der Leibeigenschaft angebahnte Auf-
erstehung des Vaterlandes.
Er dachte mit Eihebung an die letzten Abend-
stunden, die er mit dem Hauptmann in der Stadt
durchlebt. Er wollte nicht wie in den letzten Tagen
in abgeschlossenem Zuwarten in den Mauern seines
Schlosses sitzen. Es galt, sich heimisch zu machen in
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den Bund, der sich gebildet hatte und in seinen ver-
schiedenen Gliederungen sich verschiedener Erkennungs-
zeichen bediente, Männer und Frauen in sich ver-
einend zu sittlicher Erhebung, zu hingebender Treue
für den König, zur Befreiung des Vaterlandes aus
der Gewalt der Fremdherrschaft.
In der Stadt mußten Frank und Justine, diese
beiden tapferen Herzen, dem Bunde zunächst ge-
wonnen, durch ihn dem Tugendbund gewonnen werden,
denn diesen Namen begann man der Verbindung
beizulegen. Mit dem Jdealismus, den er damit in
ihr Leben brachte, wollte er den materiellen Dienst
vergelten, den ihm zu leisten Frank sich so einfach
erboten hatte; und aus dem Zwiespalt, in den er
noch vor wenig Stunden versunken gewesen war, zur
Klarheit und Einheit in sich selbst gelangt, ging er,
als die Nacht gekommen, zufriedener, als er sich lang
gefühlt, zur Ruh'- um von der zu träumen, deren
Namen er vor sich selbst nicht aussprach und die er
vor sich sah als das holdseligste von allen Frauen-
bildern, ihn anblickend von dem dunklen Wandgetäfel
in der langen Ahnenreihe des Stromberg'schen Ge-
schlechts.
Erst der Tag verscheuchte ihm ihr Bilb. Er
war zeitig aufgestanden und hinuntergegangen in den
Hof, um bei dem Fortgehen der Arbeiter zugegen zu
sein. Als sie kamen, ließ er ihnen von dem Amt-
mann die Zehrung für den Tag mitgeben und sagte
der Frau des Steppuhn, daß er für sie und die
Kinder sorgen werde.
Darauf schieden sie guten Muthes, die Mühen
schwenkend; denn heute erst war das Gefühl, daß sie
nun freie Leute waren, die für sich selber arbeiteten,
durch die Thatsache ihres Fortgehens in ihnen völlig
lebendig geworden. Der lange Karl, der immer


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etwas Besonderes anstellen mußte, rief: Hurrah! der
Baron soll leben!
,, Huurrah !' riefen die Anderen, die Gehenden und
die Bleibenden, ihm nach, denn es waren ihrer in
den Schloßhof gekommen, wer eben von der Arbeit
fort gekonnt.
Die Quersäcke über den Rücken, schritten die
Zwölfe vom Hof hinaus, einstimmend in das einzige
Lied, das ihnen geläufig war und das ebenfalls der
Karl angestimmt hatte; und noch aus der Ferne
tönten die Schlußworte in den Hof hinüüber: ,Heil
König Dir!r?
Eberhard entfernte sich. Der Amtnann stand
mit der Frau vor dem Portale und sah zu, wie die
Leute auseinander gingen.
,Das ist also nun die neue Zeit, Alte!'' sagte s
er ernsthaft. ,Geb' Gott, daß es halbwegs ne gute
wird. Nöthig wär's! =- Wir pfeifen auf dem lezten
Loch; und dabei soll's immer glatt und sanft gehen
und geholfen und gegeben werden, als säßen wir
noch im Vollen. Auch heute wieder für die Kerle,
denen noch der Marschtag bezahlt wird von denen
drüben.-- Mögen sie ihr Heil versuchen! Wer
gehen kann, wenn er will, der kann sich nur gleich
zum Teufel scheeren, und der mag ihn holen, wo er
ihn findet!'-
Die Frau wußte, daß des Mannes Worte immer
viel härter waren alssein Thun.
,,Der Baron hat ja gesagt, daß er nun geschrieben
hat!'' wendete sie begütigend ein, denn sie wußte, s
was ihrem Manne am Herzen lag.
,Wollen sehen, was es hilft!r-
, Und zuletzt hat der König es doch befohlen!? s
,Befohlen! Befiehl mal drüben der Hanne, daß s
sie plumpt! Plumpen wird sie, aber sie kann lang s