Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 12

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plumpen! Wenn kein Wasser ist im Brunnen, kommt
keins raus !
,Abwarten muß man's doch, und er bleibt ja
hier und hält's mit durch, und zufrieden ist er ja
mit allem l?
,Hab' ich denn, was gegen ihn? fuhr der Amt-
mann auf; ,da sei Gott vor! Ich wollte nur, die
aus Strandwiek schafften Rath und zwar bald! Es
geht ja alles fix bei ihnen. Wollen einmal sehen,
was es mit der großen Freundschaft ist!r?
Bwölftes Kapitel.
Es war schon Nacht, als Frank in Strandwiek
in seines Vaters Zimmer eintrat. Nichts in demselben
verrieth, daß und wie sehr die Ordnung darin ge-
stört worden war. Die Wände hatten einen neuen
Anstrich von Delfarbe erhalten, wie es an der Meeres-
kgste der Witterung am besten widersteht. Vorhänge
von vielfarbigem Kattun, mit dem auch die schweren,
aber einfachen Möbel überzogen waren, verhüllten
die Fenster, ein fester Teppich bedeckte den Boden.
Darner saß lesend an einem großen, viereckigen
Tisch, der mitten in dem Zimmer stand. Ein Pack
geöffneter Briefe und ein paar Zeitungen lagen zur
Seite. Der reitende Postbote, der zweimal in der
Woche aus dem Geschäfte an Darner abgesendet
wurde, wenn er auf dem Gute war, hatte sie vor
einer Stunde gebracht.
Frank begrüßte den Vater, und auf die einge-
gangenen Briefe deutend, erkundigte er sich, ob für
ihn nichts dabei sei.

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, NeberflüssigeFrage !'' entgegneteDarner lächelnd,
indem er ihm einen Brief von Justinen hinreichte.
Frank steckte ihn, ohne ihn zu öffnen, in die Brust-
tasche, da nach der Ordnung das Geschäftliche voran-
ging, und der Vater sagte:
,Es ist nicht viel Wesentliches gekommen. Zu-
nächst der Bericht über die laufenden Geschäfte, dann
eine Anfrage wegen der Inkurssetzung des zweiten
Theils der städtischen Anleihe, und Mittheilungen
über ein von der russischen Regierung aufgenommenes
Projekt in Bezug auf die Spiritusfabrikation und den
Handel mit Spiritus. Das zu beurtheilen, müßte
man Jemand hinschicken, wenn man sich entschlösse,
sich auf derlei einzulassen. Sachen, die warten
können! Aber wie hast Du Stromberg gefunden in
seinem Ritterschloß?
,,Wie einen, der bei offenen Thüren auf Ehren-
wort sich selber einsperren muß, scherzte Frank,
fügte aber gleich hinzu, daß die Zerstörung in Wald-
ritten noch größer sei als in Strandwiek. Dann
berichtete er, was zwischen ihm und dem Baron
Geschäftliches zur Sprache gekommen war, schilderte
die Wirkung, welche der Ahnensaal auf ihn gemacht,
und gab seiner Freundschaft für den Baron lebhaften
Ausdruck.
Darner hörte ihm achtsam zu und billigte die
Annahme der Arbeiter. Es paßte ihm, die Frei-
gewordenen des Majoratsherrn in seinen Dienst zu
nehmen, ihnen den Erwerb zu, schaffen, den ihr bis-
heriger Herr ihnen nicht zu geben vermocht; und die
Bemerkung seines Sohnes aufnehmend, meinte er:
,,Das Bild, das Du von dem Zustand des Barons
gemacht hast, bezeichüet ihn vollkommen. Er und
seinesgleichen sehen, festgenagelt an ihren Sitz, dem
Auszug ihrer Leute zu. Es ist gut, daß Du diesen

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auf den Weg geholfen hast; den Herren Von und
Zu ist nicht leicht zu helfen. Sie würden es dem
Könige nicht danken, wenn er auch sie in Freiheit
sezen wollte. Ihre Unfreiheit ist ihr Stolz und oft
ihr einziger, wenn auch eingebildeter Besitz. Gönnen
wir es ihnen l'
,,Sie sehen den Baron nicht mit guteu Auge
an!'' meinte Frank, empfindlich für den Freund.
,Im Gegentheil, ich denke gut von ihm, besser
als von den meisten Adeligen. Er ist ein anständiger
Mensch, und ich mißbillige es nicht, daß Du ihm
dazu verhilfst, seinen Besitz wieder emporzubringen,
denn sein Besitz ist, wie jeder andere Besi, ein Theil
unseres Nationalreichthums; nur vergiß es nicht:
das bloße Ehrenwort eines Mannes ohne jeden
materiellen Rückhalt ist im Geschäft nichts werth.
Wenn morgen sein Ehrbegriff den Majoratsherrn
von Waldritten nöthigt, sich in einem Ehrenhandel
einem Gegner zu stellen, so liegt sein Ehrenwort
mit ihm am Boden, wenn ihm eine Kugel durch
den Kopf gejagt wird, und Du hast den Mann
geschädigt, der auf Deine Vermittelung sich auf ein
Geschäft mit leerem Ehrenworte einließ! Aber das
ist jettzt Deine Sache, Herr Frank Darner, denn Du
engagirst Dich und nicht die Firma, und Du mußt
wissen, was Du thust!r?
,Es sind nicht Hunderttausende, um die sich's
handeltlr sagte der Sohn.
,,Es handelt sich nicht um die Summe, sondern
um das Prinzip!'' entgegnete ihm der Vater, indem
er sich erhob, um in das Nebenzimmer zu gehen, wo
das Abendessen ihrer wartete.
Der nächste Tag brachts ein Neues, das in
Augenschein zu nehmen war. Es kam noch von
Pillau ein Schiff herüber, das einen von den schweren,


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einspännigen, zweiräderigen Karren von Schottland
mitgebracht hatte. Er sollte als Modell dienen, denn
Darner wollte diese Karren auf seinem Gute ein-
führen. Die schweren flamländischen Pferde, die
er bald nach dem Ankauf des Gutes hatte kommen
lassen und von denen er schon drei, vier von eigener
Zucht gehabt, hatte ihm der württembergische Train
- entführt. Da sie vor dem Frühjahr nicht ersetzt
werden konnten, ließ er noch unter seinen Augen
Lithauer vor dem Karren gehen und ebenso vor dem
englischen Pflug, der mit dem Karren zugleich ange-
kommen war. Auch die Arbeiter von Waldritten
wurden besichtigt und, nach seiner Anweisung vertheilt,
untergebracht.
In seinem Komptoir ganz Kaufmann, war
Darner in Strandwiek ganz Landwirth. Hier wie
dort gehorchten seine Untergebenen ihm gern; denn
seiner Sache sicher, befahl er bestimmt, trug er im
voraus den Zwischenfällen Rechnung, welche der
Ausführung seiner Anordnungen in den Weg treten
konnten; und wie er dadurch seinen Leuten ihren
Dienst erleichterte, hatte er den Vortheil, immer zu-
friedene Menschen um sich und durch den guten
Leumund, den sie ihm machten, die Auswahl unter
den brauchbarsten zu haben.
Die Seinen wußten es, daß Strandwiek seine
Liebhaberei sei. Er nannte es, wenn er in guter
Laune war, seinen Kolonialbesitz. Er trug sich im
Augenblicke mit dem Plane, es, mit der Rübenkultur
auf seinem Gute zu versuchen, und wenn sie gelinge,
eine Zuckerfabrik anzulegen, da man gerade in der
Kontinentalsperre die Bedeutung inländischer Zucker-
produktion kennen lernen.
In bester Stimmung hatte Frank das Gut ver-
lassen. In der Stadt fand man die Frauen wohl

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und heiter, die Geschäfte, wie gemeldet, im Gang;
und weil er sich solchergestalt seines Zustandes zu
freuen hatte, drängte es Frank um so mehr, auch dem
Freunde seine Lage zu erleichtern. Ohne daß der
Baron sich darüber bestimmt ausgesprochen, hatte
Frank es seinen Aeußerungen entnommen, daß es
ihm lieber sein würde, sas Geschäft mit einem
Fremden zu machen, der seinen eigenen Vortheil darin
suchte, als von Frank oder dessen Vater in Geld-
angelegenheiten einen Gefälligkeitsdienst zuu empfangen;
und er hatte den Freund nach dessen Ansichten zu
behandeln.
Da der Sohn von Lorenz Darner den Vermittler
machte, fand sich, wie es vorauszusehen gewesen war,
ein Darleiher bald; auch die Bedingungen der Ver-
zinsung gestalteten aus demselben Grunde für Eber-
hard sich so vortheilhaft als möglich. Noch ehe die
Woche zu Ende war, hatte der Baron das erste
Viertel der begehrten Summe in Händen. Man
konnte nun doch endlich auch in Waldritten an die
Arbeit gehen.
Der Amtmann war wie verjüngt, Eberhard be-
wegte sich in seinem alten Besitze wie in einem
neuen Element. Man konnte den Winterroggen
säen, und er war es, der ihn jetzt wieder säen lüß,
der diese Arbeit seiner Altvordern wieder aufnahm.
Man konnte die Hääuser wieder für den Winter
wohnbar machen, seinen ersten Schützlingen, der Braun
und ihren Kindern, die Feuerstelle wieder aufrichten.
Er hatte jett auch Arbeit für die Leute, die auf dem
Hofe unter der Herrschaft seines Geschlechtes gelebt,
wie dieses selber, und sie empfingen jetzt dankend
den Lohn für ihre sonst unfreiwillig geleistete Arbeit.
Ihre Zufriedenheit erweckte die seine. Er fing an,



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auch für sich selber im Schlosse Einrichtungen zu
treffen, es wohnlich für sich zu machen.
Alles erfreute ihn. Jedes Thier, das man neu
in die Stallungen führte, jeder Schornstein, der
wieder fest emporstieg und aus dem der Rauch sich
schlank aufkräuselte, jedes Heck, das man wieder zu-
sammenschlug und an der alten Stelle aufrichtete;
und zu dem allen hatte ihm Franks Mitwirkung
rascher und leichter verholfen, als er es ohne ihn
hätte erwarten können. Er fühlte sich ihm in dop-
peltem Betracht verpflichtet; denn das, was Darner
nach seinem Sinne gegen seinen Sohn über das von
Eberhard und vor allen seinesgleichen in gleicher
Lage gegebene Ehrenwort des Barons geäußert hatte,
das empfand Eberhard selber, und es machte ihn noch
gewissenhafter und ernster, als er es vorher gewesen
war. Zurückzahlen zu können, früher als man es
erwartet, ohne seinem Gute damit zu nahe zu treten,
war sein Wunsch und sein Ehrgeiz.
Sein persönlicher Bedarf in Waldritten war ohne
allen Belang und er beschloß alch schon aus diesem
Grunde, dort so lang als möglich zu verweilen.
Was er ersparte, brachte ihn dem ersehnten Ziele
näher. Sein Ehrgefühl, sein Verlangen nach jener
völligen Unabhängigkeit, deren die Darners sich mit
solchem Stolz erfreuten, sein Jdealismus machten ihn
zu einem genauen Rechner; und fest auf sein Ziel
gerichtet, achtete er nicht auf das, was der Weg von
ihm an Opfern forderte.
Es focht ihn nicht an, daß mit' den ersten Tagen
des November der Winter rauher noch als gewöhnlich
eintrat. Den Mauern seiner Burg hatte der Nord-
weststurm nichts an, der den Thurm umheulte. Das
feste Eis, das die Fensterscheiben bedeckte und dem
Auge den Ausblick wehrte, nöthigte ihn, sich in sein

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Inneres zu versenken. Das war Romantik, Welt-
abgeschiedenheit, wie er sie oft geträumt. Er lernte
die Einsamkeit kennen und in ihr erfahren, was er
an sich selbst besitze, was er aus sich selber heraus
zu schaffen vermöge.
Es war viel zu thun überall. An dem Tage,
an welchem Frank das Abkommen mit den Leuten
geschlossen, war es Eberhard aufgefallen, daß nur
zwei von ihnen nothdüftig ihren Namen schreiben
konnten. Er hatte nachgefragt und fand, daß die
Leibeigenen fast ohne allen Unterricht erwachsen, daß
nichts in ihnen ausgebildet war als der Gebrauch
ihrer körperlichen Kraft; und die Wiedergeburt des
Vaterlandes, die man erstrebte und erhoffte, verlangte
durch alle Stände Menschen, die mit Bewußtsein
leisteten, was man von ihnen fordern mußte. Nicht
nur das zertretene Erdreich mußte aufgerissen und
neu besät werden, auch in die Seelen der Menschen,
die man hatte brach liegen lassen, mußte der Boden
gelockert und fruchtverheißende Saat gestreut werden.
Er hatte dafür einen vortrefflichen Helfer ge-
funden in dem jungen Pfarrer von Briegau, in
dessen Kirchspiel Waldritten eingepfarrt war. Der
Pfarrer war als Student ebenso wie der Baron in
Jena gewesen, war dann, in Jena dazu angeregt,
nach Pverdun zu Pestalozzi gegangen und hatte sich
auf Vorschlag Eberhards gleich bereitwillig gseigt,
zweimal in der Woche den Küster nach dem Schlosse
zu schicken, um dort in einer Stube des Erdgeschosses
diejenigen der Männer und Burschen, die lesen und
schreiben lernen wollten, in die Lehre zu nehmen;
während Eberhard verhieß, darauf zu sehen, daß
man die Kinder nach Briegauu zu dem alten Unter-
offizier, der dort den Lehrer machte, in die Schule

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schicke, in die sie gehörten, um damit dem Pfarrer den
späteren Konfirmandenunterricht zu erleichtern.
Dies Bestreben weckte Nachahmung auf den
anderen Gütern. Die Besprechung darüber füührte
Eberhard mit verschiedenen seiner Gutsnachbarn zu-
sammen. Sie hatten alle unter der gleichen Noth
gelitten, hatten alle das Elend noch frisch in der Er-
innerung, und sein Hinweis auf das Arbeiten für
eine bessere Zukunft fand also warme Theilnahme
und er selber Geltung. Sein Wirkungskreis wurde
ihm mit jedem Tage, mit jedem kleinsten Erfolge
und mit seinen Sorgen für denselben lieber. Es
war nicht genug, daß er die Züge seines Ahnherrn
trug, er hatte auch die Lasten über sich zu nehmen,
welche sein altes Stammeserbe ihm auferlegte. Er
hatte es zu erhalten für die, die nach ihm kommen
würden. Und dennoch!
Wie der November ihm hingegangen war, ver-
ging ihm der Rest des Jahres. Seine Mutter hatte
immer am Weihnachtsabende ,die Kindlein zu sich
kommen lassen !? Er machte es ihr nach. Wo allen
das Nothwendige fehlte, half jede Gabe einem Mangel
ab und schaffte Freude.
Er hatte selber mit dem Amtmann in Fischhausen
die Einkäufe gemacht, er händigte sie selber den
Kindern in dem großen Saale aus, wie seine Mutter
es gethan, wie seine Frau es einstmals zu thun
haben würde. Seine Frau!-- Er durfte nicht
- daran denken!
Aber als die Mütter mit den beschenkten Kindern
von dannen gingen, äls die spärlichen Kerzen an dem
kleinen Tannenbaum erloschen- man hatte jetzt
jeden Stamm zu schonen- und er einsam in dem
Saal zurückblieb, während das im Kamine flackernde
Feuer seine Streiflichter über die Bilder hinweg-